Читать книгу: «TRIXIE - ENGEL AUF ERDEN. Ein Golden Retriever verändert mein Leben»

Dean Koontz
Trixie
Ein Golden Retriever
verändert mein Leben
Aus dem Amerikanischen
von Miriam Mabée

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Amerikanische Originalausgabe:
A Big Little Life. A Memoir of a Joyful Dog Named Trixie
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| Herausgeber & Lektor | Michael Nagula |
| Einbandgestaltung | Guter Punkt |
| Layout & Satz | Birgit Letsch |
| Druck | CPI books GmbH |
ISBN Printausgabe 978-3-95447-325-0
ISBN eBook 978-3-95447-326-7
Copyright © 2009 by Dean Koontz
Original English language edition published by
Hyperion Books, 114 Fifth Avenue, New York, NY 10011.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Mohrbooks AG, Klosbachstraße 110, 8032 Zürich, Schweiz.
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Für Gerda,
die das Wunder und den Verlust mit mir teilte,
die weiß, dass der Schmerz deshalb so groß war,
weil die Freude zuvor noch viel größer war,
und die den Mut hatte,
das alles noch einmal zu erleben.
Du bist ein Segen für mich.
Hunde verbringen die meiste Zeit ihres Lebens
mit einem gelassenen Herzen.
Die Menschen wohnen meistens mit
einem verzweifelten Herzen gleich nebenan.
Hin und wieder wird es euch gut tun,
unter unserer Adresse zu wohnen.
Dean Koontz: 8 Schritte zum Glück Trixies Ratgeber für ein glückliches Leben


Inhalt
1Der unheimliche Augenblick, um den sich die ganze Geschichte dreht
2Das Leben vor Trixie
3Ahnungen, Abenteuer und Analdrüsen
4»Falls diese Hündin irgendetwas falsch macht, wird es nicht an ihr, sondern an euch liegen«
5Könnte sie reden, wäre sie eine Bühnenkomikerin
6Ihr großes Geschäft verrichtet sie auf Kommando, aber nicht an irgendeinem beliebigen Ort
7CNN, CCI, TV und TK
8Ich vermassele etwas, und Trixie nimmt die Schuld auf sich
9Hier gehöre ich hin
10Bitte steckt meinen geliebten Hund nicht in den Knast
11Dinge, die Krach machen
12Dinge, auf die man nachts stößt
13Ein Näschen für Unannehmlichkeiten
14Redefreiheit
15Wasser, Wunder und Trixie am Werk
16Zeit und Gedächtnis
17Hunde und der Tod
18Eine Ellbogenoperation und schwedische Fleischbällchen
19»Darf ich Ihnen eine wunderbare Wahrheit über Ihre Hündin offenbaren?«
20Doktor Tod und Doktor Berry
21Trixie als Kritikerin, Autorin und Unternehmerin
22Das Ende kommt immer zu schnell
23In meinem Ende ist mein Anfang
Bis ans Ende aller Tage
Über den Autor

Der unheimliche Augenblick, um den sich die ganze Geschichte dreht
Der für diese Geschichte wesentliche unheimliche Moment tritt an einem Abend vor mehr als zehn Jahren ein.
Trixie, einen drei Jahre alten Golden Retriever, außergewöhnlich schön und wunderbar gebaut, haben wir im vergangenen September zu uns genommen. Sie ist jetzt seit mehr als drei Monaten bei meiner Frau Gerda und mir. Sie ist fröhlich, liebevoll, intelligent und hat bemerkenswert gute Manieren. Außerdem verfügt sie über mehr Selbstbeherrschung, als ich bei einem Hund jemals für möglich gehalten hätte. Schon jetzt – und unerwartet – hat sie mich in menschlicher Hinsicht und in meiner Eigenschaft als Schriftsteller verändert. Erst nach und nach werde ich begreifen, worin diese Veränderungen bestehen und wohin sie mich führen werden.

Januar 1999.
Unser erstes Haus in Newport Beach, in der Nachbarschaft Harbor Ridge genannt, hat im ersten Stock einen ungewöhnlich langen Gang, eigentlich eine offene Empore, von der man auf die Diele im Erdgeschoss hinunterblicken kann. Da dieser Gang mit Teppichboden ausgekleidet ist und den Hundepfoten daher gute Bodenhaftung bietet, außerdem nichts Zerbrechliches an den Wänden steht, spiele ich dort oft mit Trixie, wenn das Wetter sich verschlechtert hat, und an kühlen Winterabenden, wenn die Sonne früh untergeht.
Anfangs warf ich einen Ball und manchmal ein Kong-Spielzeug den Gang entlang. Das Spielzeug war etwa fünfzehn Zentimeter lang, bestand aus Hartgummi und hatte in der Mitte eine knapp zweieinhalb Zentimeter breite Öffnung. Dort konnte man eine Mischung aus Erdnussbutter und Trockenfutter hineinstopfen und den Hund damit angeblich mindestens eine Stunde lang beschäftigen. Ich probierte es zweimal aus, doch Trixie schaffte es, die leckere Mischung innerhalb von fünf Minuten aus dem Kong herauszuklauben – weniger Zeit, als ich zur Zubereitung und zum Einfüllen der Mischung gebraucht hatte.
Eines Abends hüpfte das Gummispielzeug wild durch den Gang und krachte mit solcher Wucht in ein kleines Ölgemälde hinein, dass die Leinwand einen Riss bekam. Es war ein sehr altes Gemälde, das Gerda besonders gut gefiel.
Als sie den Schaden wenige Tage später bemerkte, legte ich sofort eine Beichte ab: »Das war der Hund!«
»Selbst wenn sich Trixie auf die Hinterbeine stellt und aufrichtet, ist sie nicht groß genug, um so etwas zu schaffen«, erwiderte Gerda.
Im Vertrauen auf meine unwiderlegbare Logik entgegnete ich: »Der Hund war auf dem Gang, als es passierte. Auch das Kong-Spielzeug war dort. Das Spielzeug gehört dem Hund. Der Hund wollte spielen. Wenn der Hund nicht so goldig wäre, hätte ich gar nicht mit ihm spielen wollen. Gang, Kong-Spielzeug, goldiger Hund, Spiel: Da musste das Gemälde zwangsläufig Schaden nehmen.«
»Du behauptest also, der Hund sei schuld, weil er so goldig ist.«
Ich konnte nicht zulassen, dass Gerda meine wohlüberlegte Stellungnahme so kleinlich auseinandernahm, und griff deshalb auf meine zusätzlich vorbereitete Erklärung zurück. »Außerdem mag es zwar sein, dass Trixie für so was nicht groß genug ist, aber sie weiß, wo wir den Tritthocker aufbewahren.«
Und da der Hund nun mal das Gemälde beschädigt hatte, konnten wir den Gummi-Kong bei späteren Spielen im Gang nicht mehr benutzen. Und ich durfte nun auch den Tennisball nicht mehr werfen, sondern nur noch den Gang entlang rollen.
Ich erklärte Trixie die neuen Regeln, wobei sie eine traurige Miene zog. »Ich erteile dir gerade eine wertvolle Lektion«, schloss ich meinen kleinen Vortrag. »Weißt du, sicher hättest du deinen guten Ruf nicht befleckt, wärst du sofort nach der Beschädigung des Bildes zu deinem Frauchen gelaufen und hättest die Verantwortung dafür übernommen.«
Den neuen Regeln entsprechend ließ ich den Tennisball jetzt stets mit einer schnellen Drehung meines Handgelenks losflitzen, damit er den Schwung bekam, durch den ganzen Gang zu rollen. Trixie hechtete hinterher und fing ihn entweder gegen Ende seiner Reise ein oder schnappte sich den Ball aus der Luft, wenn er vom Bein eines Wandtischchens abprallte und zu entkommen drohte. Prompt apportierte sie ihn, und ich schleuderte ihn unverzüglich wieder weg.
Nach zwanzig Minuten bebten ihren Flanken und sie ließ die Zunge heraushängen. Obwohl sie den Tennisball nach wie vor als unvergleichlich kostbaren Schatz betrachtete, war sie nun bereit, ihn mir für kurze Zeit anzuvertrauen.
Während wir, die Köpfe einander zugewandt, auf dem Fußboden lagen, hechelte Trixie und ich streichelte ihr üppiges goldenes Fell, damit sie verschnaufen konnte.
Von der ersten Woche an, in der Trixie in unser Leben trat, verbrachten wir fast jeden Tag eine Weile damit, uns zusammen auf den Boden zu legen. Ich fand das entspannend, und der Grund dafür liegt auf der Hand: Wenn man mit einem liebevollen Hund kuschelt, wirkt das stets beruhigend. Darüber hinaus empfand ich es aber auch als etwas sonderbar, denn sie sah mir so lange in die Augen, wie ich ihrem Blick begegnen wollte – zehn, zwanzig oder sogar dreißig Minuten lang. Und nur selten war sie es, die den Blick als Erste abwandte.
Dieses gemeinsame Kuscheln war sowohl Meditation als auch Kommunikation, auch wenn ich nicht erklären kann, was Trixie mir außer ihrer Liebe übermittelte. Aber ich kann sagen, dass ich in ihren Augen häufig die Sehnsucht erkannte, sich mir auf so komplexe Weise verständlich zu machen, wie es nur durch Sprache möglich ist.
Wenn ich Trixie in die Augen sah, schwieg ich manchmal, doch gelegentlich erzählte ich ihr auch von meinem Tag, von meinen Problemen, meinen Hoffnungen – was immer mir gerade einfiel. Hundeliebhaber kennen diese Art von Geplapper gut. Der Hund reagiert nicht darauf – und man erwartet es auch gar nicht von ihm –, hört jedoch neugierig zu. Hunde schwimmen durch das Meer der menschlichen Sprache, lauschen aufmerksam auf Wörter, die sie erkennen können, und bemühen sich geduldig, das zu deuten, was wir sagen, obwohl sie das meiste davon nicht begreifen und niemals begreifen werden. Kein Mensch würde eine solche Geduld aufbringen. Wenn man die vielen Kommandos berücksichtigt, denen zu gehorchen sie bei der Ausbildung zum Führungshund für Behinderte gelernt hatte, und darüber hinaus alles, was sie sich allein angeeignet hatte – beispielsweise erkannte sie Wörter wie Leckerli, Hühnchen, Gassi gehen, Ente, Hocker, Öl, Bild, kaputt und sogar Elektromagnetik – umfasste ihr Wortschatz mindestens hundert Wörter. Und im Laufe der Jahre verdoppelte er sich. Das machte mich nachdenklich …
Die Wahrnehmung, dass Wörter eine bestimmte Bedeutung haben, das Bestreben, sich diese Wörter zu merken, die Absicht, auf die Wörter, die man verstanden hat, mit entsprechendem Verhalten zu reagieren: Muss man aus all dem vielleicht schließen, dass der Hund sich auch gern durch Sprache mitteilen würde?
Da uns Trixie in den vorangegangenen vier Monaten große, durch nichts getrübte Freude bereitet und bei mir bereits positive Veränderungen bewirkt hatte, teilte ich ihr an jenem Januarabend mit: »Du bist nicht nur irgendein Hund. Mir kannst du nichts vormachen. Ich weiß, was du in Wirklichkeit bist.«
Als wollte sie etwas erwidern, hob sie den Kopf, zog sich ein wenig zurück und musterte mich, als wäre sie leicht besorgt. Golden Retriever haben bewegliche Stirnmuskeln, so dass ihr Gesicht über vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Nie zuvor hatte Trixie mir gegenüber auf diese Weise reagiert. Belustigt deutete ich ihre Miene als Oh, oh, jetzt ist meine Tarnung aufgeflogen. »In Wirklichkeit bist du ein Engel«, fuhr ich fort.
Zu meiner Verblüffung rappelte sie sich hoch, als hätte irgendetwas sie alarmiert, lief den Gang entlang, drehte sich um und starrte mich an. Sie spannte die Muskeln an, spreizte die Beine, um sich völlig im Gleichgewicht zu halten, hob den Kopf und stellte die Ohren so weit auf, wie es ein Golden Retriever überhaupt vermag. Sie schien abzuwarten, was ich als Nächstes sagen würde.
Nur selten verschlägt mir irgendetwas die Sprache. Doch bei Trixies Verhalten, das offenbar eine Reaktion auf meine Worte war, so als hätte sie jedes einzelne davon verstanden, stellten sich mir die Nackenhärchen auf. Ich war sprachlos.
Fasziniert kniete ich mich hin und fragte mich, was sie als Nächstes tun würde. Doch sie beobachtete mich nur weiterhin äußerst aufmerksam, während ich aufstand. Ein, zwei Minuten lang musterten wir einander aus einer Entfernung von etwa sechs Metern, so als gingen wir beide davon aus, dass nun irgendetwas Folgenreiches geschehen würde. Trixie wedelte nicht. Aber sie hatte den Schwanz auch nicht eingekniffen, was sie getan hätte, hätte sie in irgendeiner Weise Angst empfunden. Der Schwanz war buschig und rührte sich überhaupt nicht, als wäre die Hündin aus der Zeit herausgetreten, so dass sie nichts berühren oder ihr auch nur ein Härchen krümmen könnte – nichts, es sei denn, sie ließ es zu.
»Trixie?«, fragte ich schließlich. Daraufhin zog sie sich noch drei, vier Meter weiter zurück, drehte sich erneut zu mir um und sah mich mit derselben erwartungsvollen Haltung an wie zuvor. Dabei war Trixie keine Hündin, die Abgeschiedenheit oder sogar Distanz suchte. Je näher sie bei uns war, desto glücklicher kam sie uns vor. Wenn ich schrieb, schlich sie sich manchmal unter meinen Schreibtisch und rollte sich dort wie ein Fußpolster zusammen. Und wenn ich meine bestrumpften Füße auf ihr ruhen ließ, seufzte sie vor Vergnügen. Gerda gegenüber verhielt sich dieses fast dreißig Kilo schwere Geschöpf noch mehr als bei mir wie ein Schoßhündchen. Höchste Zufriedenheit empfand sie, wenn man sie in die Arme nahm.
Das war das erste und zugleich das letzte Mal, dass sie Distanz zu mir herstellen wollte. Während wir einander anstarrten, wurde mir klar, dass ich – unabhängig davon, was Trixies Verhalten besagen sollte, falls überhaupt irgendetwas – besser daran tat, diese Geschichte nicht weiterzuverfolgen, schon deshalb nicht, weil sie Trixie beunruhigte. Außerdem hatte ich es hier mit etwas nicht Fassbarem zu tun, und wenn man Unfassbares weiterverfolgt, führt es nur zu endlosem Frust und bringt nichts, außer den Kitzel einer Verfolgungsjagd.
Ich setzte mich im Gang auf den Fußboden, lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand, streckte die Beine aus und schloss die Augen. Mein Nacken prickelte noch ein Weilchen, doch als meine Nackenhärchen sich wieder gelegt hatten, kehrte Trixie zu mir zurück und schmiegte sich an meine Seite. Sie legte den Kopf in meinen Schoß und ließ es zu, dass ich sie sanft hinter den Ohren kraulte und ihr Gesicht streichelte.
Später erzählte ich Gerda von dem Vorfall, aber natürlich wurde sie genauso wenig wie ich daraus schlau. Beide haben wir keine paranoiden Züge, und wir suchen auch nicht Hellseher oder medial veranlagte Leute auf. Wir lesen nicht einmal unsere Tageshoroskope.
Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Erzählungen und Romanen und hätte wohl zahlreiche spannende Szenarien aus dieser einen unheimlichen Episode mit Trixie entwickeln können. Doch keines davon wäre so sonderbar wie das wirkliche Geschehen ausgefallen, hätte ich es ergründen können. Die Wahrheit ist stets sonderbarer als jede erfundene Geschichte. Wir gestalten diese Geschichten so, dass sie unserem Gefühl davon, wie die Dinge sein sollten, entsprechen, aber die Wahrheit können wir uns nicht zusammenzimmern. Die Wahrheit existiert einfach und hat die Fähigkeit, uns bis zum Niederknien zu verblüffen. Sie ruft uns nämlich ins Gedächtnis, dass das Universum nicht dazu da ist, unsere Erwartungen zu erfüllen. Da wir unvollkommene Geschöpfe sind, blind für die in Wahrheit überwältigende Komplexität der Welt, stutzen wir uns die Wirklichkeit auf fadenscheinige Theorien und Ideologien zurecht, die wir leicht begreifen können, und bezeichnen sie dann als wahr. Doch die Wahrheit eines unermesslich weiten Meeres verkörpert sich nicht in einem von der Flut angespülten Kieselstein.
Wenn wir einen Roman schreiben, ein neues politisches System ersinnen oder eine Theorie entwerfen, die beispielsweise die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns oder die Entwicklung des Universums erklären soll, sind wir lediglich Erfinder von Fantasiegebilden. Wir nehmen der Fülle der wirklichen Erzählung des Lebens ihre Farben und verpacken sie in eine blasse Geschichte, die wir besser begreifen können. Wir irren uns, wenn wir uns die nicht zu ergründende Komplexität nicht eingestehen. Und gefährlich wird dieser Irrtum dann, wenn wir behaupten, diese eine farblose Geschichte oder Geschichtensammlung entspreche der Wahrheit. Wir landen bei der Farblosigkeit, weil wir der beängstigenden Wahrheit in all ihren starken Farben und unendlichen Einzelheiten nicht ins Gesicht blicken möchten.
Ich werde niemals die Wahrheit über diesen unheimlichen Moment mit Trixie wissen. Ich weiß jedoch, dass wir sie durch alle Jahre hindurch geliebt und geschätzt haben und sie uns ständig so verblüffte, wie es auch die Wahrheit tut. Sie brachte uns jeden Tag zum Lachen – und manchmal weinten wir auch aus Sorge um sie. Sie wog nur rund dreißig Kilo und gelegentlich nannte ich sie Short Stuff. Sie lebte nicht einmal zwölf Jahre. In dieser großen Welt war sie ein kleines Lebewesen, aber in jeder Hinsicht, die zählt, einschließlich der Wirkung, die sie auf jene ausübte, die sie liebten, lebte sie ein bedeutsames Leben.
In jedem kleinen Leben können wir große Wahrheit und Schönheit erkennen, und in jedem kleinen Leben erhaschen wir einen Blick auf das Wesen aller Dinge im Universum. Wenn wir zulassen, uns von der Schönheit des Alltäglichen verzaubern zu lassen, beginnen wir zu begreifen, dass alle Gegebenheiten in Wirklichkeit außergewöhnlich sind. Wenn wir Demut gegenüber dem empfinden, was wir nicht wissen und auch nicht wissen können, erhöht uns diese Demut. Wenn wir uns das Rätsel und Wunder der Existenz eingestehen, gewinnt unser vernebelter Verstand Klarheit. Wenn wir klar denken, wird aus dem Staunen Ehrfurcht, und durch diese Ehrfurcht werden wir wahrer Weisheit so nahe kommen, wie es überhaupt möglich ist.
Trixie war arglos und fröhlich, manchmal aber auch rätselhaft und ernst. Von dieser guten Hündin habe ich genauso viel gelernt wie durch all meine Schuljahre.


Das Leben vor Trixie
wir hatten nicht das Glück, stets in Newport Beach, Kalifornien, zu leben. Und ich war auch nicht schon immer so ein Mensch gewesen, der die Schuld für die Beschädigung eines Gemäldes seinem Hund gibt – vor allem deswegen nicht, weil ich vor Trixie keinen Hund hatte, dem ich die Schuld hätte zuschieben können.
Ich war in Bedford, Pennsylvania, aufgewachsen, wo ich mit meinen Eltern in einem engen Haus mit vier Zimmern gewohnt hatte. Das Haus hatte mein Großvater mütterlicherseits gebaut. Ich liebte Großpapa John, doch trotz seiner vielen Talente war er für eine berufliche Laufbahn im Wohnungsbau genauso wenig geeignet wie ich ungeeignet bin, eine Operation am offenen Herzen durchzuführen.
Im ständig feuchten Keller des Hauses waren in die kleinen Nischen zwischen den Deckenfugen zwei nackte Glühbirnchen eingebettet. Da es die einzigen Lichtquellen waren, herrschte hier unten stets nur trübes, schwaches Dämmerlicht, das die hinterhältigen Schwammkolonien in den Ecken keineswegs störte. Als Kind war ich fast davon überzeugt, dass der Schwamm geduldig auf eine Gelegenheit wartete, mir Übles anzutun, wenn ich einmal nicht auf der Hut war.
Nach meinem neunten Geburtstag wurde auch ich zur Versorgung der Befeuerungsanlage eingeteilt. Das eiserne Biest stand gegenüber der Tür zu dem Verschlag, in dem die Kohle lagerte. Morgens schüttelte ich den Feuerrost, damit die Kohlenschlacke und die Asche in den Sammelbehälter fielen, schaufelte durch die Hauptluke Kohle in den Ofen und zündete leicht brennbares Material an, damit die Kohle schneller Feuer fing. Wenn ich am kommenden Tag keine Schule hatte, häufte ich am Abend viel Kohle auf, damit sie bis zum Morgen durchbrannte und das Haus die ganze Nacht warm blieb.
Doch das stellte sich als Unsinn heraus, denn dieser Heizkessel war kein Umluftofen. Die Wärme stieg durch einen großen eisernen Rost ins Wohnzimmer hinauf und von dort aus so langsam nach oben, dass Wasser, wenn man es an bitterkalten Wintertagen über Nacht in einem Glas stehen ließ, morgens zu Eis gefroren war.
Bis zu meinem zwölften Lebensjahr hatten wir kein Badezimmer. Stattdessen war an einer Kellerwand ein Duschkopf oberhalb einer Rinne im Betonfußboden angebracht. Und um die Dusche und die Waschmaschine mit warmem Wasser zu versorgen, wurde das Wasser mit einem Petroleumbrenner erhitzt, den ein Pyromane entworfen haben musste. Ein großes Glasgefäß mit Brennflüssigkeit wurde zu diesem Zweck auf den Kopf gestellt, um Tropfen für Tropfen mithilfe der Schwerkraft einen Ring rings um einen Docht zu tränken. Es war eine verrückte Gerätschaft mit äußerst wackeligem Aufbau, und ich rechnete jederzeit damit, dass ein Feuerball durch das Haus schießen und uns in menschliche Fackeln verwandeln könnte.
Lebhafte Fantasie ist für einen Schriftsteller ein wahrer Segen, doch sie kann auch ein Fluch sein. Im Kohlenverschlag fragte ich mich manchmal, ob es diesmal passieren würde, dass meine Schaufel die bleiche Hand eines Leichnams zutage fördern würde, die bislang unter der Kohle verborgen gewesen war. Da mein Vater stets zur Gewalttätigkeit neigte, hatte ich ihn für die Rolle des Mörders vorgesehen.
Allerdings kann ich über den Keller zwei positive Dinge sagen: Erstens konnte man dort aus einem Hahn warmes Wasser beziehen, während man an der Küchenspüle nur kaltes Wasser bekam, das man von Hand aus einem Brunnen pumpen musste. Zweitens krochen im Keller zwar Spinnen herum, aber es gab dort nicht so viele achtbeinige Anschleicher wie auf dem Plumpsklosett im Anbau.
Als ich elf war, erhielt meine Mutter eine bescheidene Summe aus dem Nachlass meines verstorbenen Großvaters. Sie nutzte das Geld vor allem dazu, das Haus mit sanitären Installationen ausstatten zu lassen. Anstelle der Handpumpe an der Küchenspüle hatten wir nun ein kleines Badezimmer mit fließendem warmem und kaltem Wasser. Außerdem ließ sie die Teerpappe des Daches durch Asphaltschindeln ersetzen. Uns kam es so vor, als wären wir in einen Palast umgezogen. Schließlich hatten wir nun eine blitzblanke Keramiktoilette anstelle einer Holzbank mit einem Loch darin, unter der Spinnen lauerten.
Wir besaßen zwar nur wenig, doch ständig bestand für uns die Gefahr, auch dieses Wenige zu verlieren. Der Grund für unser ständiges Herumjonglieren mit dem Geld und die Drohung wirklicher Armut war die Überzeugung meines Vaters, es sei reine Verschwendung, seinen Arbeitslohn für die Begleichung von Rechnungen oder die Abzahlung der Haushypotheken zu verwenden. Schließlich könne er sein Geld beim Pokern oder Würfelspiel doch an einem einzigen Abend vervierfachen, meinte er. Falls ihn die Karten oder der Würfel im Stich ließen, suchte er Trost in irgendeiner Kneipe. Sobald er nämlich an der Theke eine Runde für die Kumpel ausgab, konnte er sich vormachen, der wohlhabende Mann zu sein, der er so gern gewesen wäre.
Wenn er nicht gerade in Bars oder bei Glücksspielen herumhing, arbeitete er. Im Laufe von fünfunddreißig Jahren brachte er es auf vierundvierzig verschiedene Jobs, viele davon im Verkauf, vor allem als Versicherungsagent. Mehr als einmal wurde er gefeuert, weil er seinen Chef zusammengeschlagen hatte (was der beruflichen Laufbahn bekanntlich niemals förderlich ist) oder auch einen Arbeitskollegen, der ihn beleidigt hatte. Manchmal kündigte er auch von sich aus, weil er sich nicht genügend gewürdigt fühlte, und vermutlich auch dann, wenn auf seiner gegenwärtigen Arbeitsstelle niemand war, den er gern verprügelt hätte – denn das machte den Arbeitstag langweilig.
Obwohl meine Mutter gertenschlank, hübsch und herzensgut war, stieg mein Vater anderen Frauen nach. Mindestens zwei von ihnen waren weibliche Ringer. In den 1950er Jahren waren Ringkämpferinnen ebenso rar gesät wie Banjospieler ohne Arme, und diese Frauen waren keineswegs die Bikini-Schönheiten, die sich während der 1970er Jahre wechselseitig in den Schlamm schleuderten. Mein Vater hatte Liebschaften mit Ringerinnen, die einen größeren Bizeps und tiefere Stimmen als er selbst besaßen.
Wenn bei uns nach Mitternacht das Telefon läutete, entpuppte sich der Anrufer stets als irgendein Barkeeper, der berichtete, mein Vater habe sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken und müsse aus der Bar geschafft werden, ehe sie schließe. Wenn die Bar nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt lag, zogen meine Mutter und ich zu Fuß los und verfrachteten meinen Vater in sein Auto. Einmal fragte eine an der Theke hockende Frau bei einer solchen Gelegenheit, ob meine Mutter sie auf der Rückfahrt zu Hause absetzen könne. Ihr Date habe sie im Stich gelassen. Die dralle Blondine hatte eine so straffe Dauerwellenfrisur, dass diese ein brauchbarer Stoßdämpfer gewesen wäre, hätte ihr jemand mit einem Vorschlaghammer eins über den Kopf gezogen. Und ich spürte, dass meine sanfte Mutter tatsächlich bedauerte, keinen Vorschlaghammer dabei zu haben.
Aber damals war ich noch zu jung, um mir zusammenzureimen, dass der Dating-Partner der Blondine sie nicht sitzengelassen hatte, sondern aus den Latschen gekippt und mein Vater war. Diese Erkenntnis erfolgte bei mir erst am folgenden Abend, während ich im Bett lag und hörte, wie sich meine Eltern im Erdgeschoss wegen der Blondine mit der Betondauerwelle stritten.
Aufgrund solcher nachmitternächtlichen Exkursionen zur Bergung meines Vaters und anderer demütigender Erlebnisse, die mit dessen Verhalten zu tun hatten, waren meine Kindheit und Jugend von Scham geprägt. Da die Schwächen meines Vaters weithin bekannt waren, zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn man mich fragte, ob ich der Sohn von Ray Koontz sei. Statt direkt zu antworten, erwiderte ich dann, meine Mutter sei Florence Koontz, denn mit ihr verband niemand irgendetwas Peinliches.
Von dem Moment an, als mich zwei meiner Tanten in der Wiege erblickten, waren sie davon überzeugt, dass ich sicher genauso ein Nichtsnutz wie mein Vater werden würde. Wenn sie mich mit meinen sieben Jahren zufällig dabei erwischten, dass ich verträumt in der Sommersonne lag und faulenzte, bewölkten sich ihre Gesichter und sie erklärten feierlich: »Ganz der Vater!« – so als würden andere Siebenjährige bereits ihre ersten einhundert Dollar als Bedienung an einem Limonade-Stand verdienen oder in einem Pflegeheim als Freiwillige Bettpfannen leeren.
Das mangelnde Interesse meines Vaters an mir, seine Anfälle von Tobsucht und Gewalttätigkeit, wenn er getrunken hatte, seine Drohungen, sich – und uns – umzubringen, der Kummer und die Angst, die er meiner Mutter machte: Nichts davon setzte mir so zu wie die Scham, die meine Mutter und ich empfanden, weil er sich in aller Öffentlichkeit betrank, den Frauen nachstellte, oft ungeheuer angab und noch andere Dinge tat, die ihn zum Gegenstand von Klatsch und Gespött machten.
In meiner Highschool-Zeit war ich ein schüchterner, unsicherer Junge und kompensierte meine Minderwertigkeitskomplexe dadurch, dass ich schlagfertig war, Witze riss und den Klassenclown spielte. Meine Sprachfähigkeiten waren mir Schutz und Schild.
Nirgendwo in meinem damaligen Leben trat meine Schüchternheit so offen zutage wie im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Wenn ich ein Mädchen um ein Treffen bat und sie ablehnte, fragte ich grundsätzlich kein zweites Mal. Vielleicht tat ihr die Absage sogar aufrichtig leid. Es mochte sich sogar als wahr herausstellen, dass ihre Mutter im Krankenhaus lag, ihr Vater wegen einem doppelten Beinbruch bewegungsunfähig war und ihre geliebte Schwester im 23. Jahrhundert festsaß, nachdem sie an einem geheimen Zeitreise-Experiment der Regierung teilgenommen hatte. Aber ich ging in jedem einzelnen Fall davon aus, dass sie, wenn sie mich ansah, meinen Vater vor Augen haben musste und lieber ihre Haare angesengt hätte, als meine Einladung zum Schultanz auf Socken in der Turnhalle, gefolgt von Milkshakes im Dairy Queen, anzunehmen.
Doch dann tauchte in meinem Abschlussjahr in der Highschool Gerda Cerra auf. Schon vorher hatten mich bestimmte Mädchen angezogen, bezaubert und fasziniert, aber nie zuvor hatte mich jemand so verzückt und geradezu hingerissen. Eigentlich hielt ich es ja bei jedem, der nach 1890 geboren war, für unmöglich, von einem Menschen hingerissen zu sein. Gerda jedoch war zierlich, anmutig, schön und hatte eine so weiche Stimme, dass jedes Wort von ihr vertraulich und sogar romantisch wirkte. Sogar wenn sie sagte: »Dir hängt irgendetwas aus der Nase«, schlug mein Herz schneller. Und nicht zuletzt kam mir ihre unerschütterliche Gelassenheit nicht von dieser Welt vor.
Dass ich ihr so schüchtern, wie ich war, in meiner Verliebtheit ständig nachlief, und zwar von der ersten Verabredung in der zwölften Klasse bis zum Heiratsantrag, zeigt, welche Wirkung sie auf mich hatte – insbesondere wenn man bedenkt, dass sie mich vier Mal abwies. Zum ersten Mal geschah das, als sie hörte, an welchem Abend ich sie ins Kino ausführen wollte. Sie behauptete, an diesem Abend müsse sie in einer Reinigung arbeiten. Hätte bei meinen früheren Annäherungsversuchen ein Mädchen ein Treffen mit der Begründung abgelehnt, sie sei wegen ihres Gipskorsetts bewegungsunfähig, wäre ich selbst in einem solchen Fall davon ausgegangen, dass sie mich abstoßend finden müsse. Und danach wäre ich ihr aus dem Weg gegangen. Doch Gerda lud ich eine Woche später ein zweites Mal ein.
Diesmal teilte Gerda mir mit, an dem fraglichen Abend arbeite sie im Kino am Stand mit den Erfrischungsgetränken. Diese junge Frau maß entweder dem Wort »fleißig« eine völlig neue Bedeutung zu oder konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass sie in der vorangegangenen Woche einen Job in einer Reinigung als Ausrede benutzt hatte.
Nachdem ich zwei Wochen gebraucht hatte, um erneut Mut zu fassen, bat ich sie erneut um ein Treffen. Diesmal erfuhr ich, sie habe für den fraglichen Abend einen Job als Babysitterin angenommen. Sie wirkte dabei durchaus ehrlich, aber schließlich hatte sogar Hitler glaubwürdig gewirkt, als er behauptete, er werde nicht in Polen einfallen – und wir wissen ja, wie das ausging. Da ich jedoch nicht glaubte, dass Gerda eine Invasion in Polen beabsichtigte, machte ich mir vor, immer noch eine Chance bei ihr zu haben, und nahm ihre Absage mit Anstand hin. Ich fürchtete allerdings, Gerda könne sich von mir belästigt, wenn nicht sogar in die Ecke gedrängt fühlen, so dass sie meine vierte Einladung wütend ablehnen würde. Deshalb grübelte ich wochenlang vor mich hin, ehe ich sie bat, mich zu einer Veranstaltung zu begleiten, an der sie sowieso teilnehmen musste. Jahr für Jahr hatte man sie zur Jahrgangssprecherin gewählt, deshalb lud ich sie zum Ball der elften Klassen ein.
Nun lehnte sie mit der Begründung ab, sie habe an diesem Abend zu tun. Soweit ich mich erinnere, erwiderte ich daraufhin in ernstem Ton (allerdings muss ich ehrlicherweise zugeben, dass es wohl eher wie ein wehleidiges Gejammer herauskam): »Aber du musst doch zu diesem Ball gehen. Es ist der Ball der elften Klassen, und du bist deren Jahrgangssprecherin!«
»Oh, natürlich gehe ich hin«, erklärte sie. »Aber anfangs habe ich damit zu tun, Eintrittskarten zu verkaufen. Danach habe ich eine Schicht beim Auflegen der Schallplatten übernommen, später verkaufe ich Getränke und am Schluss helfe ich beim Aufräumen der Turnhalle.«
Ich erklärte, diese vier Dinge zählten zu meinen Lieblingsbeschäftigungen bei einem Date. Nun blieb ihr kein Ausweg mehr, mich abzuwimmeln. Höchstens hätte sie mich mit ihrer Handtasche schlagen oder nach der Polizei rufen können. Doch sie lächelte und sagte nur: »In Ordnung.« Und wegen ihrer weichen Stimme klangen ihre Worte so, als hätte sie mir ewige Liebe geschworen. Da mir in diesem Augenblick auch nichts aus der Nase hing, kam ich mir so weltmännisch vor wie Cary Grant.
Irgendwann erfuhr ich, dass Gerdas Vater Bedfords Schuster war. Er war aus Italien in die Vereinigten Staaten eingewandert und hatte viele Anschauungen der Alten Welt bewahrt, einschließlich der Auffassung, dass Kinder, sobald sie das Teenageralter erreichen, arbeiten sollten. Gerda hatte tatsächlich Teilzeit-Jobs in einer Reinigung und im örtlichen Kino und ergänzte diese Einnahmen durch Babysitten. Schon mit dreizehn Jahren kaufte sie ihre Kleidung von eigenem Geld oder sie besorgte sich Stoffe, um sie selbst zu nähen, da sie gut schneidern konnte.
Bei unserer ersten Verabredung fanden wir zwischen dem Verkauf von Eintrittskarten, dem Auflegen von Schallplatten, dem Getränkeverkauf und dem Aufräumen der Turnhalle nur Zeit für einen einzigen Tanz, lachten aber viel miteinander. Doch nachdem ich sie bis zu ihrer Haustür begleitet und ihr Gute Nacht gewünscht hatte, fragte ich mich trotzdem voller Sorge, welchen Eindruck ich auf sie gemacht hatte. Ich dachte kurz daran, nach Hause zu eilen, um sie anzurufen und sie um eine regelrechte Bewertung unseres Treffens zu bitten, kam jedoch zu dem Schluss, dass ich sie damit, allzu sehr auf Selbstbestätigung aus, nur bedrängen würde.
Der folgende Tag, ein Sonntag, zog sich so unendlich lange hin, als hätte sich die Erdrotation dramatisch verlangsamt. Am Montagmorgen lag ich bereits vor Gerdas Schulspind auf der Lauer, als sie auf dem Gang vor ihrem Klassenzimmer auftauchte. Fast erwartete ich von ihr nur ein höfliches Hallo und ein völliges Übergehen des Schulballs, als könnte sie sich an nichts erinnern. Doch stattdessen verkündete sie, sie habe während unserer fünf gemeinsamen Stunden so viel lachen müssen, dass am Sonntagmorgen ihre Bauchmuskeln geschmerzt hätten. Ich war ja stets davon ausgegangen, dass Mädchen die Treffen mit mir als qualvoll empfinden müssten, aber Gerdas Muskelkater war für sie eine offensichtlich nicht unangenehme Qual. Und so setzten wir unsere Treffen fort und lachten viel miteinander. Schließlich bat ich sie, mich zu heiraten, und sie nahm meinen Antrag an.
Kurz nach Studienabschluss und nach unserer Heirat nahm ich die Arbeit in einem staatlichen Projekt zur Bekämpfung von Armut auf und war dort sieben Monate tätig – lange genug, um festzustellen, dass solche Programme nur diejenigen bereichern, die sie verwalten, doch ansonsten eher noch größere Armut bewirken. Außerdem führte die geringe Bezahlung dazu, dass sich meine Armut mehr als ein halbes Jahr fortsetzte.
Gerda hatte zwar Buchhaltung gelernt, kannte sich im Rechnungswesen aus und hatte ein paar Jahre in einer Bank gejobbt, konnte aber keine ihrer Ausbildung entsprechende Stelle in unserem winzigen Wohnort Saxton finden, der in den Appalachen lag. Ich unterrichtete dort sozial benachteiligte Kinder. Notgedrungen nahm Gerda einen Job als Akkordarbeiterin in einer Schuhfabrik an. An jedem Werktag bestieg sie um 4 Uhr früh einen Firmenbus, der sie mit einer Fahrtzeit von fünfundvierzig Minuten über die Berge zur Produktionsstätte brachte.
Als wir heirateten, besaßen wir nur ein paar hundert Dollar, einen Gebrauchtwagen und unsere Kleidung. Von den wenigen Häusern, die man in Saxton mieten konnte, war nur ein einziges vollständig mit Sanitäranlagen ausgestattet. Da ich die Lebensweise, in der Plumpsklo und Kellerdusche das Badezimmer ersetzt hatten, vor zehn Jahren zum Glück hinter mir gelassen hatte, wollte ich auf keinen Fall zu einem solchen Leben zurückkehren. Die Monatsmiete für unser Haus betrug fünfundsechzig Dollar – eigentlich mehr, als Gerda und ich uns leisten konnten. Aber wir knauserten bei anderen Ausgaben, um das Geld aufzubringen.
Das Haus war weder mit einem Kühlschrank noch mit einem Herd ausgestattet. Deshalb kauften wir einen gebrauchten Kühlschrank und eine einzige elektrische Kochplatte. Wir hatten kein Kochfeld und auch keinen Backofen, doch Gerda bereitete trotzdem wunderbare Mahlzeiten zu. Sie konnte auf der Platte sogar rösten, braten und backen, nur nicht Pasteten, da deren Füllung dann unten anbrannte, während die Oberseite lauwarm blieb. In finanzieller Hinsicht war das für uns ein prekäres Jahr, in dem wir beide viele Überstunden machten. Dennoch waren wir glücklich, weil wir zusammen waren.
Wir zogen schließlich von Saxton weg und in den Umkreis von Harrisburg. Dort unterrichtete ich achtzehn Monate lang Englisch in einer Highschool, bis Gerda mir ein Angebot machte, das unser beider Leben veränderte. In meiner Freizeit hatte ich mich als Schriftsteller versucht und ein paar Kurzgeschichten und zwei Romane in Taschenbuchformat an Verlage verkauft. »Du wärst doch gern ein Vollzeit-Autor«, sagte Gerda. »Also kündige deine Stelle als Lehrer. Ich werde uns fünf Jahre lang über Wasser halten. Wenn du es in fünf Jahren nicht schaffst, wirst du es niemals schaffen.« Manchmal behaupte ich, ich hätte versucht, meine Bewährungsfrist auf sieben Jahre auszudehnen, Gerda sei jedoch eine knallharte Verhandlungsführerin gewesen.
Nach all diesen Jahren empfinde ich Demut angesichts ihres Glaubens an mich und der Liebe, die ihr Angebot beflügelte. Wenn man unsere damalige Situation berücksichtigt – eine wackelige finanzielle Situation, begrenzte Zukunftsaussichten, mehr Ablehnungen als Annahmen von Manuskripten bei Verlagen –, wirkt Gerdas Vertrauen wirklich außergewöhnlich. Zwar hoffe ich, dass ich im Laufe der Jahre zu einem Mann geworden bin, der ihr dasselbe Angebot machen würde, wäre ich mathematisch begabt und Gerda sprachbegabt, doch Demut empfinde ich, weil ich in jener Zeit kein so guter Mann war. Da ich in Armut, gepaart mit psychischer und physischer Gewalttätigkeit, aufgewachsen war, stets beschämt durch die Eskapaden meines Vaters, wurde ich in meinen Zwanzigerjahren zu einem Mann, der fast so viel Selbstbestätigung brauchte wie ein Kind. Verzweifelt musste ich mich ständig selbst beweisen, und eine Folge davon war, dass ich in geschäftlicher Hinsicht viele falsche Entscheidungen traf. Ich war allzu sehr darauf aus, Menschen zu vertrauen, die mein Vertrauen nicht verdienten, glaubte offenkundig falschen Versprechungen und nahm schlechte Ratschläge an, wenn sie von Leuten kamen, die sich in der jeweiligen Angelegenheit auszukennen schienen – und zwar besonders dann, wenn diese Menschen mich durch Lob manipulierten. Gerda, die von jeher ausgezeichnete Menschenkenntnis besaß, merkte bei jedem Vorfall, an welchem Punkt ich auf Glatteis geriet, und versuchte vorsichtig, mich auf sicheres Gelände zu führen. Doch ich brauchte viel zu viele Jahre dafür zu erkennen, dass die einzige Akzeptanz, die (abgesehen von der Gottes) zählte, die meiner Frau war. Mein ganzes Erwachsenenleben hindurch ist Gerda für mich ein Leitstern geblieben.
Als einige von Gerdas und meinen Familienangehörigen sowie Bekannte von uns erfuhren, dass ich jetzt die ganze Zeit Geschichten und Romane schrieb, während Gerda den Schinken, die Eier und die Kartoffeln nach Hause brachte, betrachteten sie diese Entwicklung als Beweis dafür, dass ich genau wie mein Vater ein Nichtsnutz war. Sie bemitleideten Gerda – und mich provozierten sie gelegentlich.
Aus vielerlei Gründen konnten und wollten Gerda und ich nicht die Möglichkeit einräumen, dass ich scheitern könnte. Am Ende meiner fünf Bewährungsjahre kündigte Gerda ihre Arbeitsstelle, damit wir zusammenarbeiten konnten. Sie verwaltete unsere Finanzen, übernahm die Recherchen für meine Bücher und entlastete mich von all den Anforderungen des Alltags und Berufslebens, die mir die kreative Energie raubten und meine Finger von der Schreibmaschine fernhielten.
Inzwischen hatten wir ein beachtliches monatliches Einkommen, wenn wir auch kein Vermögen besaßen. Während der folgenden fünf Jahre wurde ich besser in dem, was ich schrieb, doch die handwerklichen und künstlerischen Verbesserungen fanden nur selten Niederschlag in höheren Honoraren.
Nach einem Frühling in Pennsylvania, in dem wir vierzig Tage lang keinen blauen Himmel gesehen hatten (sehr biblisch!), zogen wir nicht nur des besseren Wetters wegen nach Kalifornien um, sondern auch deswegen, weil ich dort vielleicht Drehbücher würde verfassen können. Bei meinen ersten Vorstößen in Hollywood empfand ich das Filmgeschäft jedoch als unbefriedigend und deprimierend. Uns war damals durchaus klar, dass Schriftsteller kommen und gehen und ich eher früher als später einer der Autoren sein würde, die weg vom Fenster und vergessen sind, falls meine Bücher sich nicht gut verkauften und nicht wesentlich zum Geschäftserfolg eines Verlages beitrugen.
Doch ab 1980 ging es aufwärts. Während ich das hier schreibe, 29 Jahre später, nähern sich die weltweiten Verkäufe meiner Bücher der Zahl von 400 Millionen Exemplaren. Die Kritiker sind größtenteils freundlich mit mir umgegangen, und die Leserinnen und Leser sogar noch freundlicher. Neben einer Leidenschaft für die englische Sprache und einer unverbrüchlichen Liebe zum Geschichtenerzählen setzte dieser Erfolg Durchhaltevermögen und unzählige Stunden harter Arbeit voraus. Mein Leben ist genau wie Gerdas Leben stets von harter Arbeit geprägt gewesen. Unser Arbeitspensum umfasst mindestens sechzig Stunden pro Woche, oft auch siebzig, und manchmal mehr.
Wenn das letzte Stündlein schlägt, verabschiedet man sich von dieser Welt, wie uns unser Glaube sagt, am besten ins Gebet versenkt oder in die von uns gewählte Arbeit vertieft. Gerda und ich haben ohne jeden Groll akzeptiert, dass der Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies Arbeit auferlegt ist. Wenn man sie redlich und gewissenhaft verrichtet, bedeutet Arbeit Gehorsam gegenüber der göttlichen Ordnung und ist eine Form von Buße.
Während wir uns der Arbeit widmeten, sprachen wir viele Jahre lang darüber, uns einen Hund anzuschaffen. Selbst in den Zeiten, als wir sehr wenig Geld hatten, umgaben wir uns mit schönen Dingen – mit billigen Drucken anstelle von echten Ölgemälden, Pressglas anstelle von Glaskunst aus der Kristallerie Daum –, weil Schönheit die sorgenvolle Seele beruhigt und inspiriert. Ein Hund kann ein lebendes Kunstwerk sein, eine ständige Erinnerung an die wunderbare Gestaltung und die atemberaubenden Details der Natur: Schönheit auf vier Pfoten. Außerdem wurde uns von Jahr zu Jahr deutlicher bewusst, dass diese Welt ein höchst geheimnisvoller Ort ist.
Und nichts bestätigte uns das Wunder der Existenz deutlicher als das, was wir zwischen Hunden und behinderten Menschen in der Einrichtung Canine Companions for Independence (Begleitung durch Hunde für Unabhängigkeit) geschehen sahen. Dieses Zentrum bildet Hunde zu Begleitern und Helfern von Blinden und anderen behinderten Menschen aus.
Wenn man als Beschützer und Gefährte mit einem Hund zusammenlebt, ist das eine Möglichkeit, das Mysterium dieser Welt genauer zu erforschen – jedenfalls sehen Gerda und ich das so. Uns war klar, dass man Hunde nicht besonders liebt, wenn man sie vor allem draußen im Garten oder Hof hält. Hunde sind Rudeltiere, dazu geboren, innerhalb einer Familie zu leben. Deshalb verlangt ein Hund fast so viel Zeit von einem wie ein Kind. Wir zögerten, unsere Familie auf diese Weise zu erweitern – nicht nur wegen unseres straffen Arbeitspensums, sondern auch, weil wir nach mehr als dreißig Ehejahren einen bestimmten Lebensrhythmus hatten, der gut funktionierte, und befürchteten, dass ein Hund ihn vielleicht durcheinanderbringen würde.
Doch im September 1998 trat schließlich eine Hündin in unser Leben. Während der folgenden neun Jahre verblüffte und verwunderte sie uns häufig, stets machte sie uns Freude, und im Laufe der Zeit weckte sie in uns ein Gefühl für das Wunderbare, das uns unser ganzes restliches Leben lang begleiten wird. So wie jeder Mann und jede Frau nicht nur Geschlecht und Körper haben, sondern auch Lebewesen mit einem Geist sind (der in dieser oder jener Hinsicht kleinere oder größere negative Seiten aufweisen kann), besaß auch diese Hündin Geist. Und dieser Geist war so unverdorben und rein, wie es kein menschlicher Geist jemals sein kann. Von allen Einflüssen dieser Welt, die mich zu einem besseren Menschen gemacht haben, übte diese Hündin – gleich nach meiner Frau Gerda – den größten Einfluss auf mich aus. Und sie gab Gerda genauso viel wie mir.
Diese Hündin war so fröhlich, wie es Hunde ihrer Rasse nur sein können. Sie besaß alle Vorzüge ihrer Art und war so ohne Falsch wie fast alle Hunde. Aber sie war auch unheimlich intelligent und manchmal auf eine Weise, die einem Hund überhaupt nicht ähnlich sah, zu ernsthaftem Verhalten fähig. Dieses Verhalten entsprang nicht irgendeiner Laune, sondern war eine feierliche Ernsthaftigkeit, so als hätte sie in diesem oder jenem Augenblick eine wichtige Wahrheit entdeckt und wollte, dass man diese Wahrheit ebenfalls erkannte.
Gerda und ich waren nicht die Einzigen, die Zeugen dieses Verhaltens wurden. Und je mehr ich mir dessen bewusst wurde und auch Bemerkungen anderer Menschen dazu hörte, desto offener wurde ich für die Veränderungen, die diese besondere Hündin in mir auslösen sollte.
Nun war Trixie Teil unseres Lebens.


Ahnungen, Abenteuer und Analdrüsen
Sie behielt ihren Namen, als sie zu uns kam: Trixie. Manchmal sagte ich scherzhaft, der Name klinge eher nach einer Stripperin als nach einem Hund. Man sagte uns, wir könnten den Namen ändern. Trixie könne man schnell beibringen, auf einen neuen Namen zu hören. Doch der Name mochte zwar eher nach einer Stripperin als nach einem Hund klingen, aber noch mehr klang er wie der Name einer Elfe oder Fee. Elfen und Feen sind zauberhafte Wesen, und das war auch Trixie.
Sie kam nicht als Welpe zu uns, sondern als eine hervorragend erzogene junge Dame von drei Jahren. Wegen einer Ellbogenoperation hatte sie sich vorzeitig von ihrer Laufbahn als Assistenzhund verabschieden müssen. Vorher hatte sie sich um eine schöne junge Frau namens Jenna gekümmert, die bei einem Verkehrsunfall beide Beine verloren hatte. Trixie hatte ihren Dienst bei Jenna zu der Zeit aufgenommen, als Jenna im Abschlussjahr ihres Studiums ein Lehrpraktikum an einer Grundschule absolvieren musste. Im Klassenzimmer hatte sie großen Eindruck auf die Schülerinnen und Schüler gemacht.
Seit 1990 unterstützen Gerda und ich das Southwest Chapter of Canine Companions for Independence (Südwest-Niederlassung der Hundebegleitung für Unabhängigkeit). Diese bemerkenswerte Einrichtung zieht Assistenzhunde auf und trainiert sie für vier unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten.
Einen Hund in einem »Service Team« bringt man mit einem körperlich behinderten Jugendlichen oder Erwachsenen zusammen. Das kann zum Beispiel ein querschnittgelähmter Mensch sein oder jemand, dessen Lähmung sich auf alle vier Gliedmaßen erstreckt. Der Hund übernimmt dann solche Aufgaben wie den Fahrstuhl zu holen, Türen zu öffnen, heruntergefallene Gegenstände zu apportieren, die jemand, der im Rollstuhl sitzt, nicht erreichen kann. Manche Erwachsene, die nicht allein leben konnten, bevor sie einen Assistenzhund erhielten, erlangten dadurch Unabhängigkeit. Kinder im Rollstuhl gewinnen Selbstvertrauen – und einen neuen besten Freund.
In einem »Skilled Companion Team« (Team aus hochbegabten Gefährten) unterstützen diese Hunde ein Kind oder einen Erwachsenen, wenn dieser Mensch in seiner Entwicklung oder körperlich behindert ist. Oft wird dabei auch die Person einbezogen, die am meisten für den Behinderten oder die Behinderte sorgt. Meistens ist das ein Elternteil. Der Hund hilft bei vielen Aufgaben, aber in erster Linie ist er der Gefährte der Behinderten und baut eine liebevolle Beziehung zu ihnen auf. Solche Hunde können bei einem autistischen Kind oder einem Kind mit einem Katzenschreisyndrom (CDC-Syndrom) geradezu Wunder bewirken.
In einem »Hearing Team« (Hör-Team) macht der Hund seinen tauben oder schwerhörigen Gefährten auf das Klingeln des Weckers, Rauchalarm, die Türglocke und andere Geräusche aufmerksam.
In »Facility Teams« (Unterstützungsteams) setzt man Hunde beispielsweise als Helfer für Lehrer, Reha-Experten, Betreuer in Kliniken, in Klassen mit Schülerinnen und Schülern, die unter Entwicklungsstörungen leiden, oder in Pflegeheimen ein. Auch diese Hunde wirken Tag für Tag Wunder.
Die Assistenzhunde, die Canine Companions for Independence (CCI) an behinderte Menschen vergibt, leisten wegen ihrer besonderen Ausbildung großartige Arbeit, aber die außergewöhnlichsten Leistungen erbringen sie vielleicht einfach aufgrund der Eigenschaften, die sie als Hunde nun einmal haben.
Tom Hollenstein, ein Freund und Vorstandsmitglied des CCI Südwest, erlitt im Alter von vierundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall eine sehr schwere Rückenverletzung. Dieser hochgewachsene, gutaussehende, umgängliche und mitteilsame Mann musste plötzlich im Rollstuhl sitzen und wieder bei seinen Eltern wohnen. Tom ist einer der willensstärksten Menschen, denen ich je begegnet bin, und die Einschränkung seiner Unabhängigkeit konnte er nicht lange ertragen.
Als er seinen ersten Assistenzhund namens Weaver bekam, übernahm er wieder die Kontrolle über sein Leben, zog vom Haus seiner Eltern in eine eigene Wohnung um, fand Arbeit und schaute niemals zurück.
Weaver war etwas ganz Besonderes, und die Beziehung, die sich zwischen Mensch und Hund, Tom und Weaver, entwickelte, war noch tiefer als üblich. Tom hat einmal gesagt, hätte er die Wahl gehabt, niemals eine Behinderung zu bekommen oder aber niemals Weaver gekannt zu haben, hätte er sich für den Hund entschieden und die Rückenverletzung auf sich genommen.
Tom spricht nicht leichtfertig über solche Dinge. Er meint, was er sagt. Er erzählte mir, dass er, als er seinen vierbeinigen Gefährten verlor, in seiner Trauer überaus tiefe Gefühle in sich entdeckte, die er in seinem Inneren gar nicht vermutet hatte.
Vom CCI las ich erstmals, als ich Recherchen für meinen Roman Mitternacht anstellte, da in diesem Roman ein Protagonist vorkommt, der an einen Rollstuhl gebunden ist. Von der Arbeit dieser Organisation war ich so angetan, dass ich dem Gefährten des Behinderten, dem fiktiven Hund namens Moose, als Hintergrund die Ausbildung als Assistenzhund beim CCI mitgab.
Mitternacht war mein erstes Buch, das den Spitzenplatz auf der Bestsellerliste erreichte. Das erregte die Aufmerksamkeit des CCI und man fragte bei mir an, ob ich nicht in der Taschenbuchausgabe auf den Schlussseiten des Buches einen Hinweis auf die Arbeit des CCI einfügen könne, um für die Organisation zu werben. Außerdem bat man mich, die Adresse der CCI-Bundeszentrale im kalifornischen Santa Rosa anzugeben. Diesen Wünschen kam ich gern nach, und das führte, lange ehe Trixie zur Welt kam, zu Gerdas und meiner persönlichen Verbindung zur CCI-Niederlassung für den Südwesten der Vereinigten Staaten.
Zwar musste sich Trixie mit zweieinhalb Jahren aus ihrer Helfertätigkeit für Jenna zurückziehen, doch mit drei Jahren wurde sie bei Gerda und mir zu einem Assistenzhund anderer Art. Auf vielfache Weise führte sie nämlich »Reparaturarbeiten« an uns durch.
Eine Frau namens Judi Pierson leitete damals den Südwestverband des CCI. Schon oft hatte sie Gerda und mich dazu ermutigt, einen von dessen Trainingsprogramm freigestellten Hund zu uns zu nehmen. Nicht jeder Welpe besitzt das Talent und Temperament oder die körperlichen Voraussetzungen dafür, die vollen zwei Trainingsjahre bis zur Abschlussprüfung durchzustehen. Stets ziehen Freiwillige die vom CCI überprüften Welpen von der achten Woche an groß, nachdem der Züchter sie bei ihnen abgegeben hat. Diese Freiwilligen haben den Hund etwa sechzehn Monate lang bei sich und lehren ihn zu sitzen, am Platz zu bleiben, sich niederzulegen, bei Fuß zu gehen, an lockerer Leine oder ganz ohne Leine mitzukommen, auf Befehl hin sein Geschäft zu verrichten und andere grundlegende Dinge.
Wenn sich der Hund dabei bewährt hat, verbringt er sechs Monate auf dem CCI-Campus und durchläuft dort ein intensives Training. Dadurch erwirbt er Fähigkeiten und Fertigkeiten, die über die meinigen weit hinausreichen. Jeder, der mich kennt, wird diese Aussage ohne zu zögern bestätigen.
Falls der Hund diese Ausbildung aus irgendeinem Grund nicht bewältigen kann, kann ihr Erstbetreuer, der ihn zunächst großgezogen hat, auf Wunsch wieder zu sich nehmen. Diese Freiwilligen kann man nur bewundern. Zwangsläufig verliebt man sich ja in die Welpen, wenn man sie von der achten Woche an betreut und ausbildet. Und doch geben diese Freiwilligen ihre Schützlinge bereitwillig zur Fortgeschrittenenausbildung ans CCI ab. Oft nehmen sie dann einen anderen Welpen bei sich auf und durchleben denselben Trennungsschmerz aufs Neue, da ihnen das CCI so überaus wichtig ist. Manche von ihnen haben schon zwanzig Welpen oder mehr großgezogen, und es kann einem nur Ehrfurcht einflößen, wie viele Menschenleben sie dadurch verändert haben.
Gelegentlich sind diese Freiwilligen jedoch nicht in der Lage, einem weiteren Hündchen ein Heim zu geben, da sich ihre Lebenssituation inzwischen verändert hat. In einem solchen Fall muss für den vom Ausbildungsprogramm freigestellten Hund ein neues Zuhause gefunden werden.
Jahr für Jahr drängte uns Judi, einen solchen Hund bei uns aufzunehmen. Wir hätten gern zugesagt, fürchteten jedoch, dem Hund nicht die Aufmerksamkeit und die Zeit geben zu können, die er brauchen würde. Wieder und wieder teilten wir Judi – und einander – mit, wir hätten dazu leider zu viel zu tun, deshalb müssten wir damit warten, bis meine Arbeit als Schriftsteller in ruhigere Fahrwasser geriet.
Im August 1998 vollendete ich den Roman Im Bann der Dunkelheit, den Folgeroman zu Geschöpfe der Nacht – eines meiner vielen Bücher, in denen ein Hund zu den wichtigen Protagonisten zählt. Jedes Mal, wenn ich eine Geschichte schrieb, in der ein Hund vorkam, wuchs meine Sehnsucht nach einem eigenen Hund. Genau wie die Rezensenten behaupteten meine Leserinnen und Leser, ich hätte eine unheimliche Geschicklichkeit, überzeugend über Hunde oder sogar aus deren Sicht zu schreiben. Wenn ein Hund zu meinen Handlungsträgern gehörte, fühlte ich mich stets besonders inspiriert. Es kam mir so vor, als wollte mir ein Schutzengel mitteilen, Hunde seien als wesentlicher Bestandteil meines Lebens vorgesehen, ich müsse nur auf diese Eingebung hören.
Während eines Abendessens mit Gerda, kurz vor Monatsende, brachte ich das Thema zur Sprache und sagte: »Ständig meinen wir, wir hätten zu viel um die Ohren, um einen Hund in unser Leben zu lassen. Aber ich fürchte, wir werden immer zu viel zu tun haben, selbst wenn wir neunzig Jahre alt sind. Vielleicht sollten wir es einfach machen, ob sehr beschäftigt oder nicht, und dann dafür sorgen, dass es irgendwie passt.«
Wir hatten niemals Kinder gehabt. Gerda und ich begannen unsere berufliche Zusammenarbeit 1974. Seitdem waren wir Tag für Tag zusammen gewesen, buchstäblich den ganzen Tag lang und auch nachts. In den zweiunddreißig Jahren unserer Ehe waren wir nur zwei Mal kurz voneinander getrennt gewesen. Wir waren ein festes, aufeinander eingespieltes Team und hatten große Bedenken davor, eine weitere Person im Haus zu haben. Uns war nämlich klar, dass ein Hund, genauso wie ein Kind, eine weitere Person sein würde, um die man sich kümmern musste.
Am Ende des Abendessens waren wir uns einig. Wir waren zwar nicht auf einen Hund vorbereitet, aber nun würden wir uns darauf vorbereiten.
Im September 1998 rief ich Judi an und teilte ihr mit, dass wir, wenn sie das nächste Mal ein Zuhause für einen Hund suchte, diesen Hund bei uns aufnehmen würden.
»Welche Art von Hund wollt ihr denn?«, fragte sie. »Einen besonders anschmiegsamen oder lieber einen anderen?«
Da »besonders anschmiegsam« in meinen Ohren leicht abstoßend klang, tendierte ich spontan zu einem anderen Hund. Aber offensichtlich war ich nicht sehr gut über die Begrifflichkeiten von Hundehaltern informiert, also bat ich sie um eine genauere Definition von »anschmiegsam«.
»Einen Labrador Retriever würde man eher nicht als einen besonders anschmiegsamen Hund bezeichnen«, erklärte Judi. »Diese Hunderasse hat sehr viel Energie und möchte stets gern etwas zu tun haben. Im Unterschied dazu spielt ein Golden Retriever gern und ist voller Energie, wenn ihm danach ist. Aber er ist auch glücklich, wenn er nur herumliegt, beobachtet, schmust oder ein Nickerchen macht. Ein Golden Retriever ist ein pflegeleichter, anschmiegsamer Hund.«
Ich hatte Golden Retriever immer schon wegen ihres wunderschönen Fells, ihrer humorvollen, sanften und edlen Gesichter und ihres freundlichen Wesens bewundert. Ich war dreiundfünfzig Jahre alt, und obwohl ich regelmäßig Sport trieb und nach wie vor einen Taillenumfang von etwa sechsundsiebzig Zentimetern hatte, verfolgte mich die unermüdlich aktive American Association of Retired Persons (Amerikanische Vereinigung von Rentnern und Pensionären) bereits mit monatlichen Postwurfsendungen, durch die sie mir nachdrücklich ins Gedächtnis rief, dass ich meine Augen nicht vor meinem zunehmenden Alter verschließen dürfe. Ich müsse mich also mit der Tatsache meiner Sterblichkeit auseinandersetzen und ihrem Verein beitreten. Außerdem würde ich dann in den Genuss aller Preisnachlässe für Senioren kommen, und das schließe den Zahnersatz und die Bestattungsvorbereitung ein.
Ich kam zu dem Schluss, dass ein anschmiegsamer Hund genau das Tier – und vielleicht das einzig mögliche Tier – war, mit dem ich zurechtkommen würde.
Judi sagte, das CCI habe derzeit mehrere freigestellte Golden Retriever, man könne mühelos einen für uns finden. Da sie gerade für zwei Wochen in Urlaub fahren wollte, machten wir aus, dass sie uns den Hund in vierzehn Tagen in unser Haus am Hafen von Newport und nicht zu unserem Hauptwohnsitz bringen würde.
Das Strandhaus hatten wir als Anreiz für möglichst arbeitsfreie Wochenenden gekauft. Mittlerweile waren wir nämlich wahre Workaholics, die alle sieben Tage der Woche an ihren Schreibtischen in den Arbeitszimmern festklebten. Der Aufwand zu packen und dann wegzufahren – selbst wenn es nur zu einem so nahegelegenen Ziel wie Santa Barbara war –, überwog inzwischen die Vorteile, mal von dieser Arbeit wegzukommen. Aber wenn wir zu Hause blieben, konnten wir dem Arbeitsdrang schlicht nicht widerstehen.
Der Strand bot eine völlig andere Umgebung als die Hügellandschaft, in der wir lebten, und wir konnten in weniger als einer halben Stunde dort sein. Wenn wir Kleidung und persönliche Gegenstände einfach in unserem Zweithaus ließen, nicht packen mussten und keine Arbeit mitnahmen, würden wir es wohl schaffen, aus der Tretmühle auszubrechen. Von Freitagnachmittag bis zum Sonntagabend wollten wir uns am Wasser entspannen und dann ausgeruht zum Haus auf dem Hügel zurückkehren.
So dachten wir uns das.
Unser Strandhaus lag am Balboa Peninsula Point des kalifornischen Newport Beach und bot Aussicht auf einen Pier und Kai des Hafens. Ein hervorragender Architekt, Paul Williams, hatte das Haus 1936 entworfen. Wir ließen es in seinen ursprünglichen Zustand im Artdéco-Stil zurückversetzen, möblierten es und freuten uns auf die künftig auf fünfzig Stunden begrenzten Arbeitswochen.
Uns und anderen gegenüber bezeichneten unsere Freunde und Verwandte, die sich dort aufhielten, das Haus als zauberhaft und sagten, es sei der erholsamste Ort, den sie jemals kennengelernt hätten. Aber in den sechs Jahren, in denen wir dieses Haus besaßen, schafften Gerda und ich es nur dreißig Mal, im Strandhaus zu übernachten. Vito und Lynn, Gerdas Bruder und dessen Frau, die den ganzen Weg von Michigan nach Kalifornien auf sich nahmen, übernachteten dort viel häufiger als wir und genossen ihren Urlaub unmittelbar am Strand.
Wir sind schon so lange an die Tretmühle gewöhnt, dass wir eine unverbrüchliche Zuneigung zu ihr entwickelt haben – metaphorisch gesprochen: zu ihrem Geruch nach feuchtem Granit, zu dem leisen Rumpeln, wenn sich das Rad dreht und dreht, zu dem sanften Kitzel in der Nase, wenn die Arbeit voranschreitet. Ich habe das Glück, dass mich Sprache verzückt und ich meine Arbeit als sinnvoll empfinde.
Am Tag von Trixies Ankunft war das Strandhaus noch so neu für uns, dass wir immer noch meinten, wir würden künftig an den Wochenenden in unserem Häuschen am Pier faulenzen, Wein trinken, uns in der Freizeit die Broschüren der Seniorenvereinigung American Association of Retired Persons vornehmen und uns die Artikel zu den Vorzügen von Ballaststoffen in der Nahrung und den Gefahren zu schnellen Autofahrens einverleiben.
Schon damals hatte ich mehrere Bücher geschrieben, in denen Hunde Haupt- oder Nebendarsteller gewesen waren – von Brandzeichen bis zu Drachentränen. Unsere Freunde wussten, wie sehr wir uns einen Hund wünschten. Sie wussten aber auch, dass Gerda und ich seit langem an ein Leben zu zweit gewöhnt waren. Manche dieser Freunde nahmen an, es werde uns schwerfallen, den Partner so vollständig mit einem Hund zu teilen, wie dieser Hund es verlangen würde.
Am Morgen des Tages, an dem Trixie eintreffen sollte, suchte ich die Baustelle auf, wo gerade ein neues Haus für uns entstand. Der Generalauftragnehmer für das Projekt, Mike Martin, war ein Freund, der während der langen Baujahre für Gerda und mich fast zu einem Bruder wurde. Mike war ein Hüne von circa 1 Meter 95 Größe und wirkte kraft seiner Persönlichkeit sogar noch größer. Er war stämmig und stark, aber sanftmütig – ein Mann der leisen Töne, der gern lachte. Mit seinen fünfzig Jahren hatte er bereits weiße Haare, trug jedoch stets helle Sportschuhe, Jeans und die diskret gemusterten Hawaii-Hemden von Reyn Spooner. Mike war ein charismatischer Mensch, doch zugleich bescheiden, eine Kombination, der ich nur selten in meinem Leben begegnet bin. Und seine Freunde lagen ihm sehr am Herzen.
Während wir aus dem Bauwagen traten, um uns um irgendein Problem zu kümmern, das meine Anwesenheit auf der Baustelle erforderte, sagte Mike mit besorgter Miene: »Weißt du, mit einem Hund, egal welchem, selbst wenn es einer dieser Hunde vom CCI ist, wird es bei euch nicht mehr so ordentlich zugehen, wie ihr es gern habt. Es wird euch ein bisschen verrückt machen.«
Bei unseren Freunden haben Gerda und ich den Ruf, ungewöhnlich penibel zu sein. Ich habe das nie ganz verstanden, denn keiner unserer Freunde ist, verglichen mit uns, schlampig oder nachlässig. Mike und seine Frau Edie hatten zwei Hunde und hielten ihr Haus trotzdem makellos sauber und ordentlich. Als Schöpfer exquisiter Hot Rods, modernisierter Oldtimer, war Mike besessen von Details, und das zeigte sich auch auf jedem Quadratmeter der Wohnfläche des Hauses, das er für uns baute.
Und doch gab er mir in seiner für ihn typischen Anteilnahme zu bedenken, dass jeder Hund als Hausgenosse zwangsläufig viel Unordnung mit sich bringt, und meinte, irgendwann werde mir wohl ein Nervenzusammenbruch drohen.
Es stimmt ja, dass wir unsere Strümpfe und Socken lieber falten, als sie zusammenzurollen, und unsere Unterwäsche bügeln, dass ich seit Jahren Jeans nur mit Bügelfalte trage, dass ich vor einem festlichen Abendessen ein Maßband dazu nutze, sicherzustellen, dass der Abstand von Gedeck zu Gedeck und bei jedem Bestandteil des Gedecks stets derselbe ist, dass Gerda sich lieber mit Honig überziehen und an einen Pfahl auf einem Ameisenhügel binden lassen würde, als zu Bett zu gehen, wenn noch irgendein benutzter Löffel in der Küchenspüle liegt, dass wir, sollte ein Gast bei uns Wasserflecken an seinem Weinglas entdecken, genauso beschämt wären, als hätte dieser Gast irgendeinen zusammengedrückten Leichnam in unserer großen Abfallpresse entdeckt. Aber nichts davon bedeutet, dass wir unter Ordnungswahn leiden. Es bedeutet lediglich, dass wir uns um solche Dinge kümmern.
Auf Mikes Befürchtung, wir könnten zu ordnungsliebend sein, um mit einem Golden Retriever zurechtzukommen, reagierte ich mit den Worten: »Dieser Hund ist gut ausgebildet und völlig stubenrein.«
»Das meine ich ja gar nicht damit«, sagte Mike.
»Uns ist klar, dass der Hund haart. Wir werden sein Fell jeden Morgen gründlich durchbürsten.«
»Ich denke dabei auch nicht an Hundehaare.«
»Er wird jeden Donnerstag zu einem Hundepfleger gehen, wo man ihn baden und auch jede andere Körperpflege mit ihm anstellen wird. Also werde ich niemals selbst auf seine Analdrüsen drücken müssen.«
»Auch daran denke ich dabei nicht«, meinte Mike. »Obwohl mir ja meistens Analdrüsen in den Sinn kommen, wenn ich an dich denke.«
»Du bist gefeuert«, gab ich zurück.
»Das müsste mich ja eigentlich beunruhigen. Aber wer außer mir würde für dich arbeiten wollen?«
»Vielleicht jemand, der tatsächlich schon mal ein Haus errichtet hat«, antwortete ich.
Ehe Mike sich zehn Jahre lang den Aufgaben widmete, die Planungen und Bauarbeiten für unser Haus zu übernehmen – einschließlich der vierjährigen Arbeit mit drei Architekten, bevor der dritte schließlich das lieferte, was wir uns wünschten –, war er erst Maurer und dann ein Vertragsunternehmer für den Bau von Swimmingpools gewesen. Unser Haus war das Erste, das er baute, und die beiden Architekten, deren Pläne wir dann nicht verwendeten, versuchten ständig, uns dazu zu bringen, ihm zu kündigen. Das war einer der Gründe dafür, dass Gerda und ich sie ziehen ließen.
Im Laufe der Jahre haben wir gelernt, dass die wichtigste Eigenschaft eines Menschen seine Persönlichkeit ist. Wenn ein Mensch vom Charakter her aufrichtig ist – was stets Ehr- und Pflichtgefühl und strenge Ansprüche an sich selbst beinhaltet –, wird er oder sie einen niemals enttäuschen. Natürlich spielt auch die berufliche Erfahrung eine Rolle, aber ein erfahrener Hausbauer ohne aufrichtigen Charakter ist wie eine ewige Falltür unter den eigenen Füßen, die nur darauf wartet, dass man sie betritt. Als wir Mike fragten, ob er ein derart komplexes Bauprojekt wie das unsere übernehmen könne, sagte er ohne zu zögern zu, und wir beauftragten ihn voller Vertrauen in ihn damit. Wir haben es niemals bereut.
Am Morgen vor Trixies Ankunft sagte Mike im Laufe der liebevollen wechselseitigen Neckerei, die typisch für Gerdas und meinen Umgang mit den meisten Freunden ist: »Mit ordentlich meine ich, dass deine Tage nicht mehr so strukturiert verlaufen werden, wie du’s gewöhnt bist. Und du wirst deine Zeit nicht mehr so effizient wie früher nutzen können. Du wirst entdecken, wie es ist, ein ganz normaler Mensch zu sein, nachdem du all diese Jahre über so verdammt anomal warst.«
»Ich betrachte mich als erfreulich anormal«, erwiderte ich.
»Tja, da hast du recht«, meinte Mike.
»Der Hund wird nicht ein Zehntel so viel Chaos in mein Leben bringen, wie du es getan hast«, prognostizierte ich. »Und da man ihn einmal in der Woche baden wird, wird er auch besser riechen als du.«
»Nun passiert es schon wieder«, gab Mike zurück. »Schon wieder muss ich an Analdrüsen denken.«

»Falls diese Hündin irgendetwas falsch macht, wird es nicht an ihr, sondern an euch liegen«
Linda, eine Computerexpertin und Alleskönnerin, ist schon so lange Gerdas und meine wichtigste Assistentin, dass sie ihr ganzes restliches Leben lang mit Sicherheit Therapie brauchen wird.

Andererseits hatte sie, ehe sie zu uns kam, einen Werkvertrag mit dem Bundesstaat Kalifornien und instruierte Bürokraten im Gebrauch der Software, die sie verwendeten. Und im Öffentlichen Dienst des Bundesstaats Kalifornien geht es im Vergleich zum Reich des Ehepaars Koontz so ineffizient und chaotisch zu, dass Linda dieses Reich wie eine Zuflucht vorgekommen sein muss und unser kleiner Winkel der Welt wie ein ruhiger Kurort. 1998 hatte Linda ihr Büro in unserem Haus auf dem Hügel. Elaine, die zu uns gekommen war, nachdem sie aus Altersgründen aus einem Unternehmen ausgeschieden war, arbeitete in einer von uns angemieteten Bürosuite, die in einem Gewerbekomplex namens Newport Center lag.
Linda und Elaine hatten gefragt, ob sie Trixie kennenlernen dürften, wenn sie bei uns eintraf. Die beiden Frauen waren sowohl unsere Freundinnen als auch unsere Angestellten und sie freuten sich für uns über den Familienzuwachs. (Außerdem suchten sie ständig nach diesem oder jenem Vorwand, ihre Arbeit ruhen zu lassen, und dieser Vorwand war sehr viel einleuchtender, als zum sechzehnten Mal zu behaupten, die geliebte Großmutter oder Tante sei gestorben.)
Auch Vito und seine Frau Lynn warteten auf Trixies Ankunft. Sie waren aus Michigan angereist und machten zwei Wochen Urlaub in unserem Strandhaus. Sie hatten ihren geliebten Hund dabei, einen lebhaften Labrador Retriever, deshalb nahmen wir an, sie könnten uns dabei helfen, uns an unsere neue Tochter zu gewöhnen.
Judi kam zusammen mit Julia Shular an, die Trixie in ihrer Welpenzeit großgezogen hatte. Julia hatte ihren schwarzen Labrador mitgebracht, der jetzt vom CCI ausgebildet wurde. Beide Frauen schleppten einiges mit: Trixies Lieblingsspielzeuge, eine große Tüte von ihrem Trockenfutter und jede Menge Anweisungen für Trixies Pflege (die mir wie ein Handbuch von 9.324 Seiten vorkamen).
Eine Gelenkoperation zieht bei jedem Assistenzhund die Frührente nach sich, denn in einer Notsituation kann es passieren, dass der Hund den Rollstuhl seines Partners oder seiner Partnerin ziehen muss. Selbst nach der Genesung stellt das problematische Gelenk eine Gefahr für das Tier dar. Doch nachdem sich unsere neue Tochter ein halbes Jahr lang von der Operation erholt hatte, war sie nun wieder völlig fit.
Trixie, die nicht angeleint war, betrat das Haus mit schwungvollem Schritt und wissbegieriger, forschender Miene. Sie wedelte eifrig und kam sofort zu Gerda und mir, so als hätte man ihr Fotos von uns gezeigt und als wäre ihr klar, dass wir von jetzt an ihr Herrchen und Frauchen sein würden. Dann begrüßte sie Linda, Elaine, Vito und Lynn höflich und ließ sich von ihnen streicheln.
Zyniker behaupten, dass Liebe auf den ersten Blick ein Mythos ist, aber man sollte ihre Meinung nicht ernst nehmen – sie offenbart nur den traurigen Zustand ihres Herzens. Wir verliebten uns auf den ersten Blick in Trixie, schon wegen ihrer Schönheit. Ihre Mutter, Kinsey, war eine prächtige Hündin, und ihr Vater – ein »Kinsale Bugoboo Boy« – hatte bei Hundeshows schon viele Preise gewonnen. Auch Trixies Großvater namens Expo war Sieger bei zahlreichen Hundeshows gewesen. Trixie hatte ein gutes breites Gesicht, die dunklen Augen hatten die richtige Größe und saßen an der richtigen Stelle, und die schwarze Nase wies keine Sprenkelung auf. Kopf und Hals bildeten eine stark ausgeprägte harmonische Linie, und ihre Haltung war königlich.
Doch noch wichtiger als Trixies Schönheit war ihre Persönlichkeit. Obwohl sie gute Manieren und ein sanftmütiges, liebevolles Gemüt hatte, besaß sie auch einen gewissen Übermut. Während unserer ersten Begegnung schien sie entweder ständig zu lachen oder bereit zum Lachen zu sein. Judi erzählte, Trixie sei bei der Abschlussprüfung des CCI der Klassenclown ihrer Gruppe gewesen.
Da Julias schwarzer Labrador, ein Rüde, noch in der Ausbildung war, hatte sie ihm den Befehl zum Stillsitzen gegeben. Trixie nutzte ihren neuen Status als »normaler« Hund dazu, ihn zur Missachtung dieses Befehls zu verlocken. Während wir Judi und Julia zuhörten, die uns die grundlegenden Kommandos für Trixie beibrachten, konnten wir beobachten, wie sie dem Labrador drei verschiedene Spielzeuge brachte, ihm fast vor die Nase hielt und damit fröhlich quietschte, um ihm vorzuführen, welcher Spaß ihm entging.
Trixies Lieblingsspielzeug war etwas, das wir einen »Baumelball« nannten. Es war ein großer flauschiger Ball, der an einer Schlinge aus geflochtenem Seil hing. Dieses Spielzeug schwenkte Trixie vor dem Kopf des Labradors hin und her, so wie ein Hypnotiseur einen Anhänger an einer Kette hin und her schwingen lässt. Und als er das Maul durchhängen ließ, um nach dem Spielzeug zu schnappen, zog sich Trixie ein paar Schritte zurück, um ihn zum Aufstehen zu zwingen.
Trotz der clownesken Neigungen unseres Mädchens würden wir ihr Verhalten wohl nur selten korrigieren müssen. Judi sagte, Trixie sei so gut erzogen und so schlau, dass es, so Judi wörtlich, »nicht an ihr, sondern euch liegen wird, wenn diese Hündin irgendetwas falsch macht. Dann habt ihr Trixie entweder ein falsches Kommando gegeben oder etwas in ihrer täglichen Routine versehentlich ausgelassen. Diesen regelmäßigen Tagesablauf braucht sie aber, da sie an einen bestimmten Zeitplan gewöhnt ist.«
Linda und Elaine verabschiedeten sich, allerdings nicht, um zurück an die Arbeit zu gehen (wie wir wohl gehofft hatten), sondern um Vorkehrungen für die Bestattung geliebter Tanten zu treffen, die an diesem Morgen plötzlich verstorben waren. Wie traurig die Welt bei derart gehäuften unerwarteten Todesfällen sein muss …
Als auch Judi und Julia wenige Minuten später gingen, brach Trixie auf, um von unten bis oben jeden Winkel des Hauses zu erkunden. Das wiederholte sie im Laufe der Jahre auch in den Häusern all unserer Freundinnen und Freunde, sofern sie mit eingeladen war. Mit einer einzigen Ausnahme nahm sie sich dort niemals Freiheiten heraus. Das Einzige, das bei ihr ebenso stark ausgeprägt war wie die Neugier, war die Überzeugung, sie dürfe gern überall herumschnüffeln.
Vito, Lynn, Gerda und ich gingen mit Trixie an diesem Abend zum Essen in ein Restaurant, in dessen Innenhof Hunde willkommen waren. Als wir ihr den Befehl »Platz« gaben, legte sie sich unter den Tisch und beobachtete von dort aus die anderen Gäste. Sie zeigte kein Interesse an unserem Essen, wurde die ganze Zeit über nicht unruhig und gab keinen Laut von sich.
Später am Abend brachten wir sie zum ersten Mal in unser Haus auf dem Hügel, das sie sofort genauso erforschte wie vorher unser Strandhaus. Gerda und ich stellten Trixies Hundebett in eine Ecke unseres großen gemeinsamen Schlafzimmers, und sie machte es sich darin bequem. Obwohl wir sie dazu einluden, am Fußende unseres Bettes zu schlafen, was sie offenbar auch in ihren früheren Heimstätten gedurft hatte, zog sie es vor, in dem ihr vertrauten Hundebett zu nächtigen.
Während wir in der Dunkelheit lagen und auf den Schlaf warteten, sagte Gerda: »Leicht beängstigend, wie?«
Mir war klar, was sie damit meinte: Jetzt lag die Verantwortung für dieses wunderschöne Geschöpf allein bei uns. Trixies Gesundheit, ihr Wohlbefinden, das Bewahren dessen, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte (und sie nicht nur zu einem perfekten Hund gemacht, sondern auch zu ihrem Selbstvertrauen beigetragen hatte, so dass sie wusste, wo ihr Platz in dieser Welt war): All diesen Dingen mussten wir uns genauso pflichtbewusst widmen, wie wir uns den Bedürfnissen eines Kindes gewidmet hätten.
Irgendwann in der Nacht wachte ich mit dem Gefühl auf, dass jemand mich beobachtete. Gerda und ich schliefen in einem stockdunklen Zimmer, in dem wir abends die Holzläden vor den Fenstern zuklappten. Ich wollte nicht die Taschenlampe anknipsen, die sich stets auf meinem Nachttisch befand. Während ich auf der Seite liegen blieb, spähte ich ins Dunkle und hielt nach glänzenden Tieraugen Ausschau, konnte jedoch keine erkennen. Vorsichtig streckte ich die rechts Hand zur Seite aus und spürte sofort Trixies Kopf. Ein paar Minuten lang rieb ich ihr mit Daumen und Zeigefinger über den empfindlichen Teil an einem ihrer Ohren. Sie genoss diese Liebkosung und neigte sich mir zu. Dann seufzte sie, kehrte in ihr Bett in der Ecke zurück und schlief bald darauf ein.
Ich malte mir aus, wie sie dort gestanden, meinen komplexen Geruch erschnüffelt und mit ihrer hochempfindlichen Nase analysiert hatte. Sicher hatte sie sich dabei gefragt, ob ich sie freundlich behandeln, sie liebhaben und ich es wert sein würde, diese Liebe zu erwidern. Jedenfalls nahm ich mir vor, ihr niemals Grund zu geben, irgendeine dieser Fragen zu verneinen.

Könnte sie reden, wäre sie eine Bühnenkomikerin
Nicht lange, nachdem Trixie in unser Leben einzog, schickte Judi uns ein Foto von ihr, das sie mit den anderen Hunden ihrer CCI-Klasse zeigte. »Ich muss euch nicht darauf hinweisen, wo Trixie auf diesem Bild ist«, sagte Judi. »Ihr werdet sie mühelos erkennen.«
Auf dem Foto wenden ein Dutzend Hunde, die im Halbkreis sitzen, ihre Gesichter der Kamera zu. Die meisten sind Golden Retriever und schwer voneinander zu unterscheiden, nur wenige sind Labradors. Elf der Hunde sitzen aufrecht und in majestätischer Haltung da, die Brust vorgereckt, den Kopf erhoben. Jeder dieser Hunde hat das Ende seiner Leine im Maul – ein Beweis für ihren hohen Ausbildungsgrad.
Der zwölfte Hund sitzt mit abgespreizten Beinen da und grinst mit schräg gelegtem Kopf – das witzige Porträt eines clownesken Hundes, der für jeden Spaß zu haben ist. Dieser offenkundige Freigeist in Trixie!
Ein Trainer erzählte uns, dass Trixie, als man ihr und ihren Klassenkameraden »Sitz!« beibrachte, das Kommando schneller als alle anderen begriff. Und so boten ihr weitere Lektionen zum selben Befehl die Gelegenheit, Späßchen zu machen.
Nachdem offenbar alle Hunde den Befehl begriffen hatten, gingen sämtliche Ausbilder ins angrenzende Zimmer und machten die Tür hinter sich zu, so dass kein Mensch mehr in Sichtweite war. Zwischen den Räumen war auf der Seite der Ausbilder ein Sichtfenster in die Wand eingelassen, das aus Perspektive der Hunde im anderen Zimmer wie ein Spiegel wirkte. Auf diese Weise konnten die Trainer ihre Schüler beobachten und feststellen, wie lange jeder Hund den Befehl »Sitz!« befolgte.
Eine Minute lang verhielten sich alle Hunde vorbildlich. Dann musterte Trixie den Raum, um sich zu vergewissern, dass wirklich kein Mensch zurückgekehrt war, und stand auf. Danach wanderte sie von einem Hund zum anderen und versuchte ihn (oder sie) dazu zu reizen, sich ihrer Rebellion anzuschließen. Als einer der Trainer daraufhin am Türknopf rüttelte, eilte Trixie zurück an ihren Platz und nahm wieder Sitzhaltung ein – so, als hätte sie den Befehl die ganze Zeit über befolgt.
Bis schließlich alle Hunde den Befehl »Sitz!« gelernt hatten und auch über längere Zeit befolgten, spielte Trixie die Versucherin. Häufig gelang es ihr, ein paar Klassenkameraden zum Aufstehen zu bewegen. Doch wenn jemand am Türknopf rüttelte, raste sie jedes Mal zurück an ihren Platz, setzte sich dort mit hochgereckter Brust und erhobenem Kopf hin und überließ es ihren Kumpels, den Kopf für sie hinzuhalten und Rügen zu kassieren.
Viele Vorfälle bestätigten, dass Trixie einen Sinn für Humor besaß, der auf außerordentliche Intelligenz schließen ließ. Meine Lieblingsgeschichte spielte sich eines Abends ab, als wir bei unserer Freundin – und Assistentin – Elaine zu Hause zum Abendessen eingeladen waren. Zu jener Zeit waren wir bereits in unser neues Haus eingezogen und hatten unsere Büros im Gewerbezentrum von Newport gekündigt. Elaine und Linda hatten ihre Arbeitsplätze jetzt in unserem Haus und Trixie verbrachte jeden Tag Stunden im Büro der beiden.
Ich zögere etwas, Elaine deswegen Komplimente zu machen, denn das würde sie als Zeichen von Schwäche auslegen. Wenn man in unserem Umfeld jemandem allzu viele Komplimente macht, weckt das in dieser Person dieselben Raubtierinstinkte, die einen hungrigen Löwen antreiben, wenn er eine humpelnde Gazelle erblickt. Meine freundlichen Worte würden mir nicht nur Spott von all unseren Freunden, die Elaine kennen, einbringen, sondern auch von Elaine selbst. Allerdings muss ich zugeben, dass es genauso viel Spaß machen kann, Zielscheibe solchen Spotts zu sein wie Spott auszuteilen.
Und nun zu der Geschichte. Elaine ist eine attraktive Dame mit wunderschönen blauen Augen, viel älter, als irgendjemand vermuten würde, sehr viel älter, sogar so alt, dass ich ihr Alter gar nicht einschätzen kann. Und dank ihrer Persönlichkeit gewinnt sie stets sehr viele Freunde, die ihr gegenüber überaus loyal sind. Elaine liebt die Menschen wirklich und interessiert sich ehrlich für das Leben jedes Menschen, dem sie begegnet.
Als Elaine für uns arbeitete, ging sie jeden Tag zur Post, zur Niederlassung von Federal Express, zum Laden für Bürobedarf und zu zahlreichen anderen Geschäften oder Einrichtungen – teilweise deswegen, weil wir sie so wenig wie möglich im Haus haben wollten, teilweise deswegen, weil wir nie befürchten mussten, sie könnte sich irgendeinem Menschen gegenüber unfreundlich oder ungeduldig verhalten.
Selbst wenn man nur in geringem Ausmaß als öffentliche Person gilt, ist es äußerst wichtig, dass die Menschen, die im eigenen Auftrag mit der Außenwelt verkehren, von allen, mit denen sie zu tun haben, gemocht und geachtet werden. Noch lange nachdem Elaine ihre Stellung bei uns aus Altersgründen aufgegeben hatte, sogar noch, nachdem wir es schließlich geschafft hatten, die sonderbaren Flecken rings um ihren Schreibtisch auf dem Steinfußboden zu beseitigen, erkundigten sich die Leute überall dort, wo sie Dinge für uns erledigt hatte, nach ihr – immer noch verzaubert von ihrer unerklärlichen, charmanten Ausstrahlung.
Was Elaines Freundinnen und Freunde besonders fasziniert, ist Folgendes: Jeder Mann, mit dem sie jemals eine kurze Beziehung hatte, eine Beziehung in Betracht zog oder eine Beziehung sogar ohne jedes Rendezvous ablehnte, hielt Verbindung mit ihr und verehrte sie auch weiterhin. Selbst jene Galane, die schon im spanischamerikanischen Krieg gedient hatten und sich nicht einmal mehr den eigenen Namen ins Gedächtnis rufen konnten, erinnerten sich noch lebhaft an Elaine. Elaine hat auch Heiratsanträge abgelehnt, und jene Männer, deren Herzen sie mit einem Lächeln brach, blieben ihre hoffnungsfrohen Bewunderer. Selbst Elaines Zurückweisungen minderten ihre Vernarrtheit nicht.
Fast hätte es ein Gentleman namens Al geschafft, mit Elaine vor den Traualtar zu treten. Doch letztlich ereilte ihn dasselbe Schicksal wie alle anderen Verehrer. Elaine ließ ihn auf die sanfte Tour fallen. Nun ja, das ist immer noch besser, als wenn ein weibliches Wesen einem männlichen Wesen den Kopf abbeißt (genau das tun die Gottesanbeterinnen nämlich ihren männlichen Gefährten an). Aber weh tut es trotzdem. Doch selbst nachdem Elaine ihren Torpedo Al direkt ins Herz geschossen hatte, schickte er ihr weiterhin Blumen, Süßigkeiten und andere Geschenke, um seine unsterbliche Liebe zu ihr zu bekunden. Er schenkte ihr auch eine Cowboy-Figur, die wenn man sie drückte, Billy Ray Cyrus’ Song Achy Breaky Heart von sich gab. Elaine fand das Geschenk wirklich nett. Allerdings meinten ihre Freunde – nun ja, ihre wenigen Freunde mit Geschmack –, vielleicht habe sie gut daran getan, sich von Al zu trennen und weiterzuziehen, um die letzten verzweifelten romantischen Träume von unzähligen Männern fortgeschrittenen Alters zu zerstören.
An jenem Abend, als sich die lustige Geschichte ereignete, gab Elaine eine Dinner-Party für Freunde und Nachbarn. Wie immer hatte sie auch Trixie eingeladen, die sie jeden Tag bei der Arbeit sah und manchmal Gassi führte. Jeder, der Trixie kennenlernte, liebte sie, genau wie jeder Elaine liebte – eine Tatsache, die mich oft ins Grübeln brachte, ohne dass ich zu irgendeinem Schluss gelangte, was das zu bedeuten hatte.
Das Essen wurde jedoch erst um halb elf Uhr abends serviert, da Elaine vergaß, den Backofen einzuschalten, nachdem sie den Braten hineingeschoben hatte. Mehrmals hatte sie besorgt durch das Sichtfenster geblickt, weil das Fleisch nicht anbraten wollte, ehe sie bemerkte, dass der Herd gar nicht eingeschaltet war. Keiner von uns hungrigen Anwesenden fand das sonderlich überraschend. Elaine verbringt manchmal zehn Minuten damit, nach den Autoschlüsseln zu suchen, die sie bereits in der Hand hält. Keine Sorge. Ihre gelegentliche Schusseligkeit ist kein Anzeichen von beginnendem Alzheimer. Leute, die Elaine bereits als Teenager kannten, haben uns erzählt, dass sie schon damals zehn Minuten nach Pferden suchte, die den Planwagen ziehen sollten, obwohl die armen Tiere längst im Geschirr standen und startbereit waren.
Wenn man um 18 Uhr anfängt, Rotwein zu trinken und davon ausgeht, dass das Abendessen um 19 Uhr 30 serviert wird, es aber erst drei Stunden später als angekündigt aufgetischt wird, ist man in sehr nachsichtiger Stimmung und findet die Köchin genauso reizend, wie es die unzähligen Männer tun, die Elaine wie alte Schuhe ausgemustert hat. Die am Esstisch Versammelten unterhielten sich sehr lebhaft, wenn nicht sogar äußerst lautstark, und die Gespräche waren in Anbetracht der Umstände erstaunlicherweise nicht einmal völlig zusammenhanglos.
Etwa zur Halbzeit des Essens fragte jemand Elaine, ob sie in jüngster Zeit mal wieder von Al gehört habe. Ehe sie etwas erwidern konnte, war unter dem Tisch die Stimme von Billy Ray Cyrus mit dem Song Achy Breaky Heart zu hören, so als hätte sich Al dort unter dem Tischtuch versteckt.
Zu Besuch bei Freunden hat Trixie niemals zuvor und niemals danach das Eigentum der Gastgeber zur eigenen Nutzung beschlagnahmt. Doch mit ihrem zeitlich genau passenden musikalischen Beitrag zur Unterhaltung löste sie das größte Gelächter des Abends aus, also kroch sie unter dem Tisch hervor, um den Beifall entgegenzunehmen.
Klar, jeder Fiffi oder Waldi kann zu dem Schluss kommen, dass eine bunt gekleidete Cowboy-Figur ein Hundespielzeug sein muss. Und ein vorhersehbares Verhalten ist es auch, wenn sich ein Hund damit unter den Esstisch zurückzieht. Aber Trixie hatte sich auf die Hinterbeine gestellt, um die Figur von einem Regalbrett zu zerren, an das sie kaum heranreichte. Und statt sofort darauf herumzukauen und damit das Audio auszulösen, hatte sie die Figur erst stillschweigend unter den Tisch mitgenommen, ohne dass jemand sie dabei beobachtet hatte. Doch dass sie genau in dem Moment zubiss, als jemand Elaine nach Al fragte …
Nun ja, ich will ja nicht so weit gehen zu behaupten, diese verblüffende Hündin habe gewusst, dass der Cowboy ein Geschenk von Al an Elaine war, und dann den Augenblick abgewartet, bis Als Name fiel. Und sie kann auch nicht geahnt haben, dass alle Anwesenden ihren musikalischen Beitrag zum Abend umwerfend komisch finden würden. Mit einer solchen Unterstellung hätte ich zweifelsohne die Aufmerksamkeit der Sozialfürsorge für unbelehrbare Mystiker oder die eines anderen Amtes auf mich gezogen, und dann hätte man mich zu meinem eigenen Besten sicher wegsperren wollen. Aber wie so viele Erlebnisse mit Trixie war dieser Vorfall während der Dinner-Party eine zauberhafte und zugleich etwas unheimliche Episode.
Trixie war wirklich ein Clown, und wenn sie nicht gerade unter einem Tisch lag und auf Gelächter wartete, beflügelte auch anderes Mobiliar ihren Humor. Wandtischchen, Kommoden, Schränkchen: Jedes Möbelstück auf kurzen Beinen faszinierte sie. Dann baute sie sich stets mit gesenktem Kopf davor auf und schnüffelte in dem schmalen Spalt zwischen Möbel und Fußboden herum. Sie war dabei so eifrig bei der Sache, als wollte sie uns mitteilen, sie habe ein Kriechtier in die Enge getrieben, das wir uns unbedingt anschauen müssten. Wenn wir ihrem Hinweis nicht unverzüglich nachgingen, legte sie sich hin und angelte mit der Pfote nach dem, was sich unter dem Möbel versteckt haben mochte (oder auch nicht). Doch wenn wir uns dann wirklich argwöhnisch auf Hände und Füße niederließen, um unter das jeweilige Möbelstück zu spähen und Ausschau nach der Maus oder anderem Getier zu halten, konnten wir niemals irgendetwas entdecken. Und dabei grinste uns Trixie so an, dass ich hätte schwören können, es sei ihr Triumph angesichts eines gelungenen Streichs. Immer wieder fielen wir darauf herein. Und als wir uns weigerten, uns weiterhin von ihr hereinlegen zu lassen, sahen wir, dass sie diesen Streich auch anderen Leuten spielte.
Im Harbor Ridge House lief tatsächlich einmal eine Maus in dem ersten von drei Stockwerken herum. In der Küche reihte ich mehrere Mausefallen auf einem Kartondeckel auf, den ich ins Erdgeschoss tragen wollte und stattete eine nach der anderen mit dem Köder von Käsebrocken aus. Trixie stand neben mir am Küchentresen – nicht nur, weil sie sich für mein Tun interessierte, sondern auch, weil das Käsearoma sie anzog. Fünf Mal hintereinander sprangen Fallen, die ich vorsichtig niedersetzen wollte, mit einem lauten Knallen wieder auf und schossen durch die Luft. Trixie zuckte zwar zusammen, hatte jedoch nicht solche Angst, dass sie die Flucht ergriffen hätte. Freudig schnappte sie sich die Käsebrocken, die aus den aufgesprungenen Fallen zu Boden fielen.
Ehrlich gesagt darf man mich eigentlich nicht näher an Mausefallen als an Atombomben heranlassen. Zum Mechaniker tauge ich genauso wenig wie zum Vogelimitator.
Nachdem ich die Mausefallen ins Erdgeschoss getragen und dort aufgebaut hatte, merkte ich, dass ich vier oder fünf weitere Fallen brauchte. Wenn ich auf das Töten einer Maus aus bin, vertraue ich nämlich nicht auf das Lockmittel Käse. Es könnte ja sein, dass sich die Maus vor Käse geradezu ekelt. Deshalb verteile ich in jedem Winkel so viele Fallen, dass das kleine Biest zwangsläufig in einen tödlichen Mechanismus hineinstolpert, sobald sie sich erst einmal aus ihrem Versteck wagt.
Nachdem ich in die Küche zurückgekehrt war, wo Trixie auf mich wartete, stellte ich also fünf weitere Fallen auf den Kartondeckel. Trixie sah meinem Treiben mit ernster Miene zu. Doch statt auf weiteren Käse aus aufspringenden Fallen zu warten, gab sie ein leises, kehliges Knurren von sich, so als wäre sie beunruhigt, und zog sich, rückwärts gehend und mit eingeklemmten Schwanz, von mir zurück, und zwar weiter und weiter – zunächst ins offene Wohnzimmer, doch stets so, dass sie in meinem Blickfeld blieb. Schließlich erreichte sie, immer noch rückwärts gehend, das Ende des angrenzenden Zimmers, fast vierzehn Meter von ihrem Ausgangspunkt in der Küche entfernt. Dort angelangt, schnaufte sie mehrmals leise in einer Weise auf, die einem Lachen so ähnelte, wie ein Hund meiner Vorstellung nach überhaupt ein Lachen hervorbringen kann. Außerdem begann sie nun mit dem Schwanz zu wedeln und grinste mich an.
So sicher, wie ich überhaupt irgendetwas weiß, weiß ich, dass Trixie sich über mich lustig machte, vor allem über meine mangelnden mechanischen Fähigkeiten, die zum Aufspringen der Mausefallen geführt hatten. Es war so, als wollte sie mir mitteilen: Ich weiß den heruntergefallenen Käse ja wirklich zu schätzen, Dad, aber ich möchte auch am Leben bleiben, deshalb verschwinde ich lieber aus der Todeszone.
G. K. Chesterton – er hatte zwei Hunde, Winkle und Doodle – schrieb eine ganze Menge über die Bedeutung des Lachens für ein erfülltes Leben. Und über die Rolle des Lachens in einer Ehe sagte er: »Ein Mann und eine Frau können nicht zusammenleben, ohne einander gegenüber eine Art ständiger Witzelei an den Tag zu legen. Jeder der beiden hat nämlich entdeckt, dass der andere nicht nur ein Narr ist, sondern ein wirklich großer Narr.«
Hunde lieben es, den Narren zu spielen, und als Teil der Familie sind sie durchaus fähig, auch den Narren in uns zu erkennen und das hin und wieder mit einem eigenen Scherz zu feiern.

Ihr großes Geschäft verrichtet sie auf Kommando, aber nicht an irgendeinem beliebigen Ort
Während unserer ersten Tage mit Trixie merkten wir, dass ihr persönliches Tao – ihr Kodex tugendhaften Verhaltens, nach dem sie lebte – das Verbot beinhaltete, ihr großes Geschäft auf unserem Grundstück zu verrichten. Zwar pinkelte sie auf unseren Rasen, weigerte sich jedoch, das nicht so angenehme Geschäft innerhalb der Grenzen unserer Domäne hinter sich zu bringen. Trixie hat acht Jahre, neun Monate und fünf Tage mit uns zusammengelebt, und nicht ein einziges Mal hat sie in dieser Zeit diese selbst auferlegte Regel verletzt, die nicht zu ihrer Ausbildung gehört hatte.
Als Teil ihres ausgezeichneten Trainings lernen die Assistenzhunde auch, auf den sogenannten Toiletten-Befehl zu hören. Wenn man dieses Wort ausspricht, machen sie erst ihr kleines Geschäft und danach, falls nötig, das größere, und zwar mit fast ebensolcher Zuverlässigkeit, wie sie sich auf Kommando hinsetzen oder hinlegen.
In Anbetracht der vielen Aufgaben, die diese Hunde übernehmen können, wunderte es mich eine Weile, dass mit dem CCI nicht vertraute Menschen am meisten über das Kommando zur Blasen- und Darmentleerung staunen. »Das ist wirklich verblüffend!«, sagen sie dann und fragen als Nächstes: »Aber wie kommt man überhaupt auf die Idee, einem Hund so etwas beizubringen?«
Die Antwort lautet: Ein Mensch, der in einem Rollstuhl sitzt, kann seinen Hund nicht einfach nach Lust und Laune des Tiers nach draußen begleiten. Für einen solchen Menschen ist es hilfreich, wenn der Hund nach einem stets eingehaltenen Stundenplan gefüttert wird, der einen täglich gleich bleibenden Rhythmus für den Stuhlgang und die Blasenentleerung nach sich zieht. Noch besser ist es, wenn der oder die Behinderte einen Befehl aussprechen kann, der den Hund dazu ermutigt, seine Geschäfte prompt zu erledigen, denn das erspart das Warten darauf, dass der Hund nach langem Herumwandern endlich den besten Fleck dafür gefunden hat.
Trixie brauchte ihre »Toiletten«-Ausflüge nach dem Frühstück zwischen elf und zwölf Uhr vormittags, nach ihrer Mittagsmahlzeit um halb vier Uhr nachmittags und noch einmal abends, kurz bevor sie sich in ihr Hundebett legte. Nachts konnte sie, wenn nötig, bis zu zwölf Stunden ohne eine Exkursion in die Natur durchhalten.
Da wir jeden Vormittag eine Stunde mit ihr spazieren gingen und nachmittags eine halbe Stunde, mussten wir nicht immer den Befehl zur Blasen- und Darmentleerung anwenden, und sie verlangte auch nicht unbedingt, dass wir ihn gaben. Ihr war klar, dass wir ihr bei den längeren Spaziergängen etwas Spielraum dafür ließen. Doch wenn wir uns auf unserem Grundstück befanden, weigerte sie sich selbst auf einen Befehl hin, mehr zu tun als zu pinkeln. Falls wir den Befehl wiederholten, damit sie auch das große Geschäft erledigte, starrte sie uns nur ungläubig an, als wollte sie sagen: Wie bitte? Das kann ja wohl nicht euer Ernst sein. Das hier ist doch unser Zuhause! Hier wohnen wir!
Wir verwendeten stets die blauen Beutel und die kleine Schippe zum Aufsammeln und doppelten Verpacken des Hundekots, egal wo – ob auf dem Grundstück eines Nachbarn oder in einem öffentlichen Park. Deshalb wusste Trixie, dass wir ihn nicht dort liegen lassen würden, wo sie sich entleert hatte. Und wenn wir von einem Spaziergang zurückkehrten, steuerten wir sofort unsere Abfallcontainer an, um die vollen Beutel in den dafür vorgesehenen Behälter zu werfen. Oft teilte Gerda Trixie dabei mit: »Wir müssen noch kurz bei der Bank of America vorbeigehen, um deine Einzahlung abzugeben.« Mir kam es dann so vor, als wüsste unsere in Fell gekleidete Tochter, dass das scherzhaft gemeint war, denn jedes Mal wedelte sie bei diesen Worten mit dem Schwanz und grinste.

Unser Haus auf dem Hügel hatte Meeresblick. Und wie in vielen solcher Gemeinden in Südkalifornien lagen die Landparzellen an der schmalen Seite des Hauses, da Grund und Boden hier äußerst kostspielig waren. Auf der Hausseite mit Meeresblick hatten wir keinen Rasen, nur Terrassen, doch zur Straßenseite hin einen bescheidenen Grasstreifen, der jedem Hund ein ansprechendes WC bot – nicht jedoch Trixie. Sie beharrte darauf, unsere Grundstückgrenzen zu verlassen, ehe sie sich ihrem größeren Geschäft widmete.
Um ihr Toiletten-Tao einzuhalten, musste sie unser Strandhaus sehr viel genauer untersuchen. Auf der Rückseite des Hauses, die auf das Wasser hinausging, gab es keinen Rasen, nur Veranden und einen Sandstrand. Die Vorderseite lag zu einer Straße hin, die so schmal war, dass man sie eher eine Gasse hätte nennen müssen. Allerdings hörte ich, dass jene Menschen, die anderen Leuten gegenüber den Verdacht ausschließen wollten, ihr Eingang sei von Mülltonnen flankiert, zwischen denen Penner schliefen, diese Gasse lieber als »Sträßchen«, »Durchgang« oder »Laufgang« bezeichneten. Auf der anderen Seite der Gasse, hinter unserem Haus, lagen Landparzellen, die ebenfalls zu unserem Grundstück gehörten. Hier gab es Gras, Gärten und Zitronenbäume. Oft forderte ich Trixie auf, sich in dieser grünen Oase zu entleeren, doch intuitiv war ihr klar, dass auch diese Oase unser Besitz war. Und deshalb wollte sie sich dort nicht hinhocken.
Eine hohe Mauer trennte unsere Gärten von der öffentlich zugänglichen Gasse ab, zu der ich Trixie notgedrungen führen musste. Zwischen der Gasse und dem öffentlichen Fußweg verlief ein knapp anderthalb Meter breiter Grünstreifen mit Gras und Bäumen. Die Stadt verlangte von uns wie auch von unseren Nachbarn, das Gras zu mähen und den Grünstreifen entlang unserer Grundstücke zu pflegen. Manche Nachbarn ersetzten das Gras allerdings durch pflegeleichtere Steinplatten.
Obwohl dieser schmale grüne Gürtel nicht direkt zu unserem Grundstück gehörte, schien Trixie zu wissen, dass wir für dessen Pflege mitverantwortlich waren. Und das war für sie offensichtlich Grund genug, den Grasstreifen als Tabuzone zu betrachten, in der sie keine Exkremente hinterlassen durfte. Wir mussten sie bis zum Streifen am Nachbargrundstück oder auf der anderen Straßenseite bis zu einem winzigen Park führen, bevor sie sich an die zweite Hälfte ihrer geschäftlichen Erledigungen machte.
Woher diese Hündin wusste, wo unser Land endete und das unserer Nachbarn begann, weiß ich nicht. Aber Trixie hatte ein so präzises Gefühl für Grundstücksgrenzen, dass sie nur einen einzigen Schritt über die Grenze zu tun brauchte, um dem Ruf der Natur zu folgen.
Im Zusammenhang mit Trixies Toiletten-Kodex war der lustigste aller Vorfälle zugleich derjenige, der mich am meisten anrührte. Er ereignete sich während einer vierwöchigen Phase, in der sich Trixie mindestens einmal oder zweimal am Tag übergeben musste. Zuvor war sie niemals richtig krank gewesen, und ihr Zustand machte uns große Sorgen.
Damals hatten wir das Haus auf dem Hügel bereits verkauft und waren in unser jetziges Haus gezogen – das erste Haus, das ein von uns konzipierter Neubau war. Unser Grundbesitz umfasst zweieinhalb Morgen – jede Menge Platz für Trixie zum Rennen und Spielen.
Als sie unter Magenproblemen zu leiden begann, weckte uns mitten in der Nacht ihr schreckliches Würgen. Ein paar Mal erbrach sie sich auf den beigefarbenen Teppichboden in unserem Schlafzimmer, was sie eindeutig bekümmerte. Abgesehen von unserem Schlafzimmer bestehen die meisten Fußböden in diesem Haus aus feingeschliffenem, matt versiegeltem Kalksandstein. Sofern Trixie uns rechtzeitig wecken konnte, wartete sie, dass wir die Schlafzimmertür öffneten, sauste dann die Treppe hinunter und übergab sich über dem Steinboden, wo das Erbrochene leichter aufzuwischen war und keine Flecken hinterließ.
Mittlerweile ist den Leserinnen und Lesern dieses Buches sicher klar, dass es darin nicht um einen Wildfang von Hund geht, der Kissen zerfetzt, Katzen jagt und an Möbeln kaut. Ich habe nicht übertrieben, als ich auf früheren Seiten behauptete, Trixie sei mehr als nur ein Hund – genauso wie jeder von uns mehr ist als der Körper, den wir bewohnen. Diese Hündin, dieses Individuum, diese geistvolle, in Pelz gekleidete Persönlichkeit war für uns ein wahres Wunder und eine wahrhaftige Offenbarung.
Trixies Tierärzte hatten Schwierigkeiten, die Ursache ihres Magenleidens zu diagnostizieren. Selbst nachdem sie zu dem Schluss gekommen waren, vermutlich handele es sich um eine Nahrungsmittelallergie, mussten wir durch die Versuch-und-Irrtum-Methode herausfinden, welches Futter ihren Magen so reizte. Bis wir endlich wussten, dass sie entweder unter einer Weizen- oder einer Rindfleischallergie litt, und beschlossen, Weizen und Rindfleisch von ihrem Speiseplan zu streichen, hatten wir so viel Erbrochenes beseitigt, dass man es im Guinness-Buch der Weltrekorde hätte aufführen können, gäbe es darin eine derartige Rubrik von Meisterleistungen.
Während dieser Phase war Trixies schlimmste Zeit die zwischen zwei und drei Uhr früh. Sobald ihr die Übelkeit mehr und mehr zusetzte, weckte sie uns, indem sie in der Dunkelheit zu unserem Bett tapste und laut keuchte, denn Trixie bellte kaum und winselte nie. Mit dem Pioniergeist, der unsere Vorfahren dazu trieb, mit einem Remington-Gewehr neben dem Bett und einem langen Jagdmesser zwischen den zusammengebissenen Zähnen zu nächtigen, bewahrte ich nahe beim Bett mittlerweile ein Paar Jeans, Schuhe, eine Rolle mit Papierhandtüchern, eine Sprühflasche des Flecken- und Geruchentferners Nature’s Miracle und einen Plastikbeutel auf. Von dem Moment an, in dem mich Trixies heftiges Keuchen weckte, bis zu dem Augenblick, in dem ich in Jeans und Schuhen steckte, Nature’s Miracle in der Hand, bereit, Trixie bis zum nächsten Steinfußboden zu folgen, brauchte ich irgendwann nur noch 2,23 Sekunden.
Mit genügend Weitblick hätten wir wie die Feuerwehrleute eine Rutschstange von unserem Schlafzimmer bis zu den unteren Stockwerken installieren lassen. Dann hätte ich Trixie im Gang mit dem Steinbelag erwarten können, während sie die Treppe hinuntereilte.
In der Nacht, die Trixies Toiletten-Tao auf die härteste Probe stellte, zeigte die Uhr 3:30, als sie uns weckte. Um 3:30:02:21 steckte ich in Jeans und Schuhen, hatte meine Ausrüstung dabei und war einsatzbereit – es war mein persönlicher Rekord.
Diesmal raste sie den ganzen Weg vom dritten Stock ins Erdgeschoss hinunter, und zwar zu dem Gang, der zur Garage führte, wo sie eine bearbeitete Version ihres abendlichen Trockenfutters ablieferte. Ich wischte alles auf, verstaute es in einem mit Reißverschluss verschließbaren, Geruch absorbierenden Beutel und brachte diesen zum Abfalleimer in der Garage. Trixie ließ ich auf der Seite liegend zurück. Offenbar war sie sehr erschöpft.
Da dem ersten Erbrechen manchmal ein zweites, nicht so heftiges folgte, holte ich eine vom Umzug übrig gebliebene Steppdecke aus einem Schrank in der Garage und breitete sie als Bett auf dem Gangfußboden aus, damit wir es beim Abwarten bequemer hatten. Während Trixie und ich dort mit einander zugewandten Gesichtern lagen, streichelte ich ihre Flanke und sprach leise mit ihr, um sie zu beruhigen.
Während dieser Wartezeit war der sehnsüchtige Ausdruck in ihren Augen, der offensichtliche Wunsch, sich mir mitzuteilen, stärker ausgeprägt, als ich es je zuvor bei ihr erlebt hatte. Plötzlich sprang sie auf, wandte sich von mir ab und rannte zurück in die Garage, deren Tür ich offen gelassen hatte.
Wegen ihrer Erkrankung hatte sie sich seit einiger Zeit lethargisch verhalten, deshalb verblüffte mich ihr energiegeladener Abgang zunächst – und dann alarmierte er mich. Ich folgte ihr in die Garage, wo ich sah, dass sie zu dem Gestell geeilt war, wo ihre Halsbänder und Leinen hingen. Sie blickte von den Leinen zu mir und wieder zurück. Da merkte ich, dass die Nahrungsmittelallergie, die sich vorher nur durch Erbrechen geäußert hatte, sich jetzt auf das andere Ende der Verdauung auswirkte: Trixie musste ihren Darm entleeren, und zwar sofort.
Hastig legte ich ihr ein Halsband um, schob meine Hand durch die Schlaufe der Leine, und Trixie schoss los. Während ich keuchend versuchte, mit ihr Schritt zu halten, rannte sie von der langgestreckten Garage bis zum Haupteingang neben der großen Rolltür.
Unmittelbar hinter dieser Rolltür lag die Auffahrt und links davon ein großer Garten, den eine Doppelreihe Peruanischer Pfefferbäume zierte. Dort spielten wir mit Trixie oft Fangen, mit einem Tennisball. Obwohl es fast vier Uhr früh war, obwohl niemand merken würde, dass Trixie ihr Toiletten-Tao missachtete, wollte sie nicht die sieben Meter bis zu dem Rasen mit den Pfefferbäumen trotten und sich dort entleeren. Schließlich war das ja unser Garten, also heiliges Gebiet. Stattdessen raste sie die Auffahrt hinauf und in die Nacht, wobei sie mich mitzog. Auf halber Strecke zwischen der Garage und dem Tor der Auffahrt wandte sie sich nach rechts und brachte noch einmal dieselbe Strecke hinter sich, die zum Hof mit unserem Fuhrpark führte. Ihre Zehennägel klickten auf dem quarzhaltigen Gestein und meine Füße machten laute, klatschende Geräusche, als ich wie ein Wilder hinter ihr her stolperte und dabei hoffte, von Trixie nicht aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden. Sie rannte quer über den Hof, mehrere Stufen zum Vordereingang hinunter, durch das Eingangstor und dann eine fünfzig Meter lange Rampe für Rollstuhlfahrer hinauf, welche parallel zur Treppe verlief, die zu unserer vorderen Haustür führte. Diese umständliche Route war mindestens so lang wie anderthalb Footballfelder. Am Ende dieses atemberaubenden Laufs verließ Trixie unser Grundstück, hockte sich auf den vorderen Rasen unseres Nachbarn und entlud sich sofort mit einem schlimmen Durchfall.
Während ich in der kühlen Nacht unter einem rundlichen Mund stehen blieb, sagte ich zu ihr: »Du bist der beste Hund der Welt, aber ich mag unsere Nachbarn. Und deshalb muss ich diese Kacke trotz allem beseitigen.«
Für Trixies restliche Lebensjahre strichen wir, wie gesagt, Weizen und Rindfleisch von ihrem Speiseplan. Nie wieder hatte sie eine Magen-Darm-Störung. Mich jedoch motivierte dieses Erlebnis, fit zu bleiben – für den Fall, dass ich noch einmal einen Fünfhundert-Meter-Lauf wegen eines Durchfalls von Trixie würde mitmachen müssen.
An dem Tag, als wir Trixie zu uns genommen hatten, war Mike Martin besorgt gewesen, dass wir wegen unseres zwanghaften Drangs nach Sauberkeit und Ordnung einen Hund als störend empfinden würden. Doch Trixie war so penibel und hatte einen so natürlichen Sinn für Anstand, dass wir uns ihren hohen Maßstäben anpassen mussten.
In dem neuen Haus teilten sich Linda und Elaine ein großes Büro, das Trixie viel Platz zum Herumschlendern bot. Sie verbrachte dort jeden Werktag ein paar Stunden, da Linda mit ihr um 11 Uhr 30 und 15 Uhr 30 Gassi ging.
Zusätzlich zu dem Toiletten-Kodex, der Trixie verbot, ihr großes Geschäft auf unserem Grundstück zu verrichten, war sie auch diskret in anderen biologischen Dingen. Sie wollte nicht, dass wir ihr zusahen, wenn sie ihr kleines oder großes Geschäft hinter sich brachte. Also blickten wir dann jedes Mal in die Ferne oder in den Himmel, so als sinnierten wir über gewichtige philosophische Fragen.
Sie gestattete es uns, ihre Hinterlassenschaften einzutüten, doch während wir das taten, wandte sie uns oft den Rücken zu oder schaute in die Ferne, so als sinnierte sie nun ihrerseits über gewichtige philosophische Fragen. Wenn ich sie manchmal dabei ertappte, dass sie mir bei der Beseitigung ihrer Exkremente zusah, wirkte sie stets fassungslos, als wären ihr meine Motive für dieses Tun unbegreiflich.
Eines Tages döste Trixie auf ihrem Hundebett, während Linda und Elaine an ihren Schreibtischen saßen und beschäftigt waren. Plötzlich hing ein überreifes Aroma im Zimmer. Weder Linda noch Elaine erwähnten den Geruch, während er sich im Raum ausbreitete. Aber als eine neue Duftwolke aufstieg, erklärte Elaine: »Liebe Linda, bitte denk daran, dass ich ein zartes Pflänzchen mit verfeinerten Sinneswahrnehmungen bin. Ich verwelke hier gerade. Was immer du gestern Abend auch gegessen haben magst, verspeise es nie wieder, wenn der kommende Tag ein Arbeitstag ist.«
»Netter Ablenkungsversuch«, konterte Linda. »Aber wir wissen, wer von uns beiden von Abführungsmitteln geradezu lebt!« Als Elaine ihre Unschuld beteuerte, meinte Linda: »Na gut, aber ich bin’s wirklich nicht gewesen und bestimmt auch nicht Trixie.«
Zu jener Zeit war Trixie schon seit sieben Jahren bei uns, und wenn sie je in unserem Beisein gefurzt hatte, war dieser Furz geruchlos gewesen.
Als Linda und Elaine erkannten, dass jede von ihnen die Wahrheit gesagt hatte, wechselten sie einen ungläubigen Blick miteinander und waren einen Moment lang sprachlos. Und dann wandten beide ihre Aufmerksamkeit der Hündin zu und sagten wie aus einem Mund: »Trixie?!«
Der Schock hätte nicht größer sein können, hätten sie die Königin von England dabei beobachtet, wie sie Tabaksaft auf einen antiken Teppich spuckte.

CNN, CCI, TV und TK
Soweit ich weiß, bin ich der einzige Schriftsteller, der zwar häufig auf Bestsellerlisten aufgetaucht ist, jedoch niemals eine Lesereise durch mehrere oder alle Bundesstaaten der USA durchgeführt hat. Auch habe ich meine Frau niemals mit dem Messer angegriffen (wie es Norman Mailer bei einer seiner Ehefrauen tat), niemals Oprah Winfrey beleidigt (wie es Jonathan Franzen einmal tat) und niemals einen biografischen Hintergrund als »böser Junge« und eine schillernde Vergangenheit erfunden (wie sie James Frey für sich ersann). Ich bin der schlimmste Albtraum aller Presseagenten.

Ich mag öffentliche Aufmerksamkeit nicht besonders, mal abgesehen von Rundfunk-Interviews. Diese Interviews machen mir Spaß – wegen der Energie und Intelligenz der Leute, die in diesem Medium arbeiten. Außerdem kann ich sechs Stunden lang mit ungekämmtem Haar, unrasiert und mit Kuchenflecken auf meinem T-Shirt Interviews für morgendliche Radioprogramme geben, während die Zuhörer annehmen, ich sei so frisch gewaschen und perfekt frisiert wie der Sänger und Musikproduzent Donny Osmond auf dem Weg zu seiner Kirche.
Der Schriftsteller Cubby Greenwich, Protagonist in meinem Roman Blindwütig, teilt meine Abneigung gegenüber öffentlicher Bekanntheit und kann sie besser erklären als ich: »Langwierige Selbstvermarktung zehrt etwas Wesentliches in der Seele auf. Nach solchen Terminen braucht man Wochen, um sich davon zu erholen und zu dem Schluss zu kommen, dass es irgendwann wohl wieder in Ordnung sein wird, sich selbst zu mögen.«
Ich mache so viel Öffentlichkeitsarbeit, wie es mir meinen Verlegern gegenüber fair erscheint – und so wenig wie möglich, sofern ich sie davon überzeugen kann, dass das noch fair ist. 1998 war ich noch neu bei meinem amerikanischen Verlag Bantam Books. Ich hatte einen Roman bei ihnen veröffentlicht und einen zweiten abgeliefert, der noch auf die Publikation wartete. Als man mich dort bat, eine Sendung für das Biografie-Programm Pinnacle von CNN mitzumachen, um die Veröffentlichung und Vermarktung von Im Bann der Dunkelheit zu unterstützen, meckerte ich wohl ein bisschen, um jeden wissen zu lassen, welch gewaltige, an meinen Kräften zehrende Zumutung das für mich bedeutete, nicht weniger traumatisch als eine Operation am offenen Herzen, aber ich willigte ein.
Trixie war noch nicht einmal eine ganze Woche Teil unseres Lebens, als der Produzent, das Filmteam und der Programmchef von Pinnacle nach Newport Beach kamen, um zwei Tage mit uns zu verbringen. Jetzt schon konnten wir uns ein Leben ohne Trixie gar nicht mehr vorstellen.
Am Tag bevor die CNN-Leute auftauchten, brachten Gerda und ich Trixie erstmals zu ihren Tierärzten. Wir hatten einen Termin für eine umfassende körperliche Untersuchung, ein Bad und Fellpflege ausgemacht, um sicherzustellen, dass Trixie für ihren Auftritt im bundesweiten Fernsehen angemessen herausgeputzt war. Damals ahnten wir noch nicht, dass unsere Tierärzte ein so wichtiger Teil unseres Lebens werden würden. Gute Tierärzte geben einem das Gefühl, dass man ihnen seinen »Fellball« bedenkenlos anvertrauen kann, und sie begleiten einen verständnisvoll durch beängstigende Krisen. Und irgendwann helfen sie einem auch dabei, einen niederschmetternden Verlust zu ertragen. Wir fanden zwei wunderbare Tierärzte, die ihre Praxis nahe bei uns hatten: Bruce Whitaker und Bill Lyle.
Fast neun Jahre lang besuchte Trixie zur ärztlichen Behandlung die Praxis der beiden. Außerdem wurde sie dort einmal in der Woche von Heidi gebadet, die auch Trixies Fell pflegte. Zur Begrüßung von Heidi beeilte sich Trixie immer, sich auf den Rücken zu werfen und ihren Bauch zu präsentieren. Wenn wir Trixie wieder abholten, befand sie sich oft nicht in dem Aufenthaltsraum im hinteren Teil der Praxis, sondern stromerte frei bei den Frauen herum, die vorne am Empfang arbeiteten. Ein paar Jahre später erzählte uns Heidi, sie sperre unser Mädchen nach dem Baden nicht ein, da Trixies Anwesenheit die anderen Hunde beruhige, die die Aussicht auf ein Bad nervös mache.
Bei unserem ersten Besuch in der Praxis amüsierten wir uns darüber, dass die Empfangsdame sagte: »Dr. Whitaker, Trixie Koontz ist hier. Sie hat einen Termin bei Ihnen.« Trixie war nun Trixie Koontz und offizielles Familienmitglied.
Für einen fröhlichen Hund erfindet man gern viele Spitznamen. Eine Zeit lang nannte ich Trixie manchmal TK, doch das ersetzte ich bald durch Furface, Short Stuff, Love Puppy, Trix, Trickster und andere liebevolle Bezeichnungen.
Beim CNN-Interview war TK schön herausgeputzt und während der ganzen Drehzeit zu Recht überhaupt nicht davon beeindruckt, nun Teil einer prominenten Familie zu sein.
Wochen vor dem Pinnacle-Interview rief mich der Produzent der Sendung an und ging mit mir die Themen durch, die sie gern mit mir diskutieren wollten. Alles verlief reibungslos, bis er sagte: »Und da sie vor allem einer sitzenden Tätigkeit nachgehen, hätten wir gerne auch Bildmaterial von Ihnen und Gerda bei interessanten, vielleicht auch ausgefallenen Freizeitbeschäftigungen.«
Ich erklärte, wir hätten uns, abgesehen von sechs Jahren Unterricht im Gesellschaftstanz, mit nichts Ausgefallenem beschäftigt. Uns sagten bequeme und gefahrlose Freizeitaktivitäten tatsächlich sehr viel besser zu. Wir waren keine Fallschirmspringer oder Schlangenbeschwörer, rangen nicht mit Bären und fuhren auch kein Tandem-Motorrad, geschützt durch behörnte Wikinger-Helme.
Da Fernsehsendungen erst durch farbige bewegte Bilder interessant werden, waren wir hier an einem kritischen Punkt angelangt. Nach einigem Grübeln schlug ich vor, das Pinnacle-Team könne mich zum Oceanside Campus der Canine Companions for Independence begleiten, da diese Organisation eine so wichtige Rolle in unserem Leben spiele und dem Produzenten all die Farbe liefern würde, die er brauche. Außerdem gehe es mir darum, CCI öffentlich bekannter zu machen, da die Organisation dann mehr Spenden bekommen werde.
Der Produzent war verblüfft. Er konnte sich nicht vorstellen, was in visueller Hinsicht an Assistenzhunden und zahlreichen Menschen in Rollstühlen interessant sein solle. Er sagte jedoch zu, mit Gerda und mir am Morgen des zweiten Drehtags zum Oceanside Campus zu fahren, allerdings »nur für eine Stunde«.
Danach wollte er nach Newport zurückkehren. Dort sollten Gerda und ich vor der Kamera am Strand entlanggehen und auch noch für andere bunte Bilder sorgen. Mir fiel dabei ein, vielleicht eine Dattelpalme hinaufzusteigen, die Ratten aus ihrem Nest in der Baumspitze zu vertreiben und eine von ihnen sogar mit den Zähnen zu fangen. In Wirklichkeit schlug ich diese Szenarien natürlich nicht vor. Hätte ich es jedoch getan, hätte der Produzent sicher erleichtert aufgeseufzt und zugestimmt.
Bis dahin waren meine Erfahrungen mit den Medien vor allem bestürzend gewesen. In einem Interview für eine bedeutende Zeitung hatte ein Reporter jedes einzelne Zitat, das er mir in den Mund legte, frei erfunden und darüber hinaus geschrieben, ich würde in einem fensterlosen Büro arbeiten, während es in Wirklichkeit ein Fenster von 2,8 Metern Breite und 1,75 Metern Höhe hatte. Außerdem hatte er es zu sechsundvierzig Falschdarstellungen gebracht, denn er versuchte, mich als einen noch größeren Narren erscheinen zu lassen, als ich es sowieso schon bin – was wiederum ein närrisches Unterfangen ist. Niemand kann mich verrückter erscheinen lassen, als ich es von mir aus bin. Genauso gut könnte ein bildender Künstler versuchen, ein Nilpferd zu malen, das noch typischer ist als das wirklich existierende Tier. Wenn mir ein Reporter unvoreingenommen entgegentritt, verhalte ich mich so albern, wie man seit Menschengedenken nur sein kann. Dadurch erspare ich es ihm, Idiotien zu erfinden, die er mir dann unterstellt.
Das Pinnacle-Team erschien pünktlich, und die Leute waren eine angenehme Überraschung. Der Produzent und seine Gruppe verhielten sich freundlich, taktvoll und professionell, und sie hatten alle Sinn für Humor, was uns die Befangenheit nahm. Beverly Schuch, die Gastgeberin vor laufender Kamera und meine Gesprächspartnerin, war eine liebenswürdige Frau, die jeden Scherz des Teams mitmachte. Ich bin nur öffentlichkeitsscheu, doch Gerda ist ein äußerst zurückhaltender Mensch, der am liebsten auf die Schweinwerfer schießen würde, die man auf sie richtet. Es verblüffte mich, dass die Leute von Pinnacle sie dazu bringen konnten, bei den Filmaufnahmen so vollständig mitzuwirken. Jahre danach sah ich mir gerne die Teile der Aufzeichnung an, in denen sie auftauchte – so reizend an jenem warmen Septembertag.
Trixie hingegen kannte keine solche Scheu vor der Öffentlichkeit wie Gerda. Bei den Aufnahmen für Pinnacle merkten wir, dass sie es geradezu genoss, im Rampenlicht zu stehen. Sie tat alles, wozu man sie aufforderte – sie lief hierhin und dorthin, wandte sich um, nahm Platz, lächelte – so als hätte sie kein Training als Assistenzhund hinter sich, sondern eine Ausbildung zum Model. Sie war wirklich eine absolut fotogene Hündin.
Am zweiten Tag der Dreharbeiten fuhren wir am frühen Morgen zum Oceanside Campus des CCI. Gerdas Bruder Vito und dessen Frau Lynn, die jetzt die zweite Woche in unserem Strandhaus verbrachten, erklärten sich einverstanden, uns zu begleiten, um sich um Trixie zu kümmern, wenn wir genau zu den Zeiten, zu denen Trixies Stundenplan Futter oder einen Toilettengang vorsah, Filmaufnahmen machten.
Judi, die Leiterin des Oceanside Campus, führte das Pinnacle-Team durch die Einrichtung und schlug den Leuten vor, eine Lehrstunde mit den Ausbildern und der derzeitigen Gruppe von Hunden, die bald ihre Abschlussprüfung machen würden, zu filmen. Alle von CNN waren vom CCI so begeistert, dass sie nicht nur »für eine Stunde« blieben, wie es sich der Produzent ursprünglich vorgestellt hatte, sondern den Morgen, Vormittag und frühen Nachmittag über. Im Spätjahr machten sie eine einstündige Sondersendung über das CCI, die während der Weihnachtszeit ausgestrahlt wurde.
Während unseres Rundgangs gelangten wir auch zu den Hundezwingern, in denen die Welpen vorübergehend wohnten. Alle waren zwischen acht und zehn Wochen alt und würden bald den freiwilligen Betreuern übergeben werden, die sie großziehen wollten. Judi schlug vor, dass Gerda und ich auf den Spielplatz zwischen den Zwingern gehen und uns dort hinknien sollten, um die Welpen kennenzulernen. Sie würde sie durch Umlegen eines Schalters aus den Zwingern freilassen.
Gerda war in diesen zwei Tagen mehr vor der Kamera gewesen, als sie sich für ihr ganzes Leben gewünscht hätte. Deshalb zog sie sich zurück und überließ es mir, mich allein dem wilden Rudel zu stellen. Die freigelassenen Welpen entpuppten sich vor allem als Golden Retriever, die anderen als Labradors. Ausgelassen schossen sie auf mich zu, und sofort trug ich einen Fellmantel aus höchst lebendigen Welpen.
Trixie, betreut von Vito und Lynn, sah zu, wie ich in das eingezäunte Gehege ging, und drückte sich interessiert an den Maschendraht, so als wollte sie mir mitteilen: Früher hab ich hier gelebt, Dad, aber wieso möchtest du das? Das Haus auf dem Hügel ist doch viel besser als das hier!
Inzwischen stürmten die Welpen über den Spielplatz und turnten auf mir herum. Ich lachte voller Entzücken – doch Trixie drehte dieser Szene plötzlich den Rücken zu und wollte nicht mehr zuschauen. Vito und Lynn versuchten sie dazu zu bringen, sich wieder dem Zaun zuzuwenden. Mein Herumtollen mit den niedlichen Welpen missfiel ihr jedoch offensichtlich.
Wir deuteten das so, dass sie schon nach diesen wenigen Tagen eine feste Beziehung zu uns aufgebaut hatte und unsere Zuneigung nicht mit anderen Hunden teilen wollte. Mit jeder Stunde wurden wir mehr zu einer Familie mit drei Mitgliedern.
Lange vor dieser Zeit hatte die Stadt Oceanside ein großes Gebiet von baulicher Nutzung ausgenommen, denn der Stadtrat hatte beschlossen, Landschenkungen an förderwürdige gemeinnützige Organisationen vorzunehmen. Die südwestliche Niederlassung des CCI hatte ihren Sitz zuvor im Umkreis von San Diego gehabt, war dann jedoch weiter nach Norden gezogen, um die großzügige Schenkung der Stadt Oceanside anzunehmen.
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