Читать книгу: «Seewölfe Paket 7»
Impressum
© 1976/2015 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-496-8
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 121
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 122
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Fußnote
Nr. 123
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 124
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 125
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 126
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 127
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 128
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Nr. 129
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 130
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 131
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 132
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 133
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 134
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 135
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Nr. 136
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 137
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 138
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 139
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 140
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8

1.
Carberry blieb so unvermittelt stehen, daß Ferris Tucker, der sich hinter ihm durch die Dunkelheit tastete, gegen seinen Rücken prallte und ihm beinahe auf die Hacken trat.
Der rothaarige Schiffszimmermann stieß einen Fluch aus und zischte: „Kannst du nicht vorher Bescheid sagen, wenn du bremst?“ Er verspürte den Drang, dem Profos kräftig in die Rippen zu boxen, bezwang sich aber. Schließlich brachte es ihm nichts ein, im Gegenteil, es schadete der Sache. Zweifellos würde Carberry brüllen, und wenn er brüllte, scheuchte er nicht nur die Tierwelt von Formosa auf, sondern versetzte möglicherweise auch die, die draußen auf See lauerten, in Alarmzustand.
Carberry hatte Tuckers Protest kaum wahrgenommen.
Er stand da und kratzte sich an seinem Rammkinn – was sich etwa so anhörte, als marschierten einige hundert große, tropische Exemplare der Waldameise durch das Dickicht, das die Männer umgab.
Carberry murmelte: „Augenblick mal…“
Ferris schnitt eine Grimasse. Allem Anschein nach dachte der Profos nach, aber es war nicht immer gewährleistet, daß auch etwas Gutes dabei heraussprang.
Smoky war nun ebenfalls aufgerückt und wisperte: „He, was ist denn los da vorn? Geht’s nicht weiter?“
„Verfranzt haben wir uns.“ Carberrys dumpfes Organ rief Vergleir che mit dem Knurren eines stämmigen Hofhundes wach.
„Verlaufen?“ flüsterte Ferris Tukker. „Verdammt, wir hätten doch einen Kompaß mitnehmen sollen – bei der Finsternis. Aber wir hätten ihn erst im Ruderhaus abmontieren müssen, und das hätte zuviel Zeit gekostet. Licht können wir auch nicht anzünden. Jeder Feuerschein ist verräterisch. Sag mal, bist du ganz sicher, Ed?“
„Ja. Meine Nase sagt’s mir, daß wir hier falsch sind. Mein Spürsinn.“
Hasard und Sun Lo, die vor ihnen schritten, waren inzwischen stehengeblieben und kehrten jetzt vorsichtig zu ihnen zurück. Sun Lo hatte vernommen, daß gesprochen wurde. Der Seewolf-übersetzte ihm verhalten ins Spanische, was Edwin Carberry da soeben von sich gegeben hatte.
Sun Lo lächelte in der Dunkelheit.
„Diesmal irrst du dich, Narbenmann“, sagte er auf spanisch. „Dank deines Papageis hast du die Felsentreppe zum Kloster gefunden. Aber heute nacht fehlt dir der gefiederte Kamerad, und du hast nicht die ausgeprägten Instinkte eines Tieres.“
Er sprach wirklich pures Kastilisch – und die portugiesische Sprache beherrschte er auch. Carberry mit seinem grausamen auswärtigen Kauderwelsch hätte da vor Neid erblassen können.
Im Moment war der Profos eher wütend. Er hätte dem Mönch gern seine Meinung gesagt, aber es sprach zuviel dagegen. Erstens war so etwas in einer Situation wie dieser nicht angebracht, zweitens hatte Carberry keine Lust, mühselig auf spanisch zu radebrechen. Sein geliebter Cornwall-Dialekt wäre ihm da lieber gewesen, aber den verstand Sun Lo ja bekanntlich nicht. Also schwieg der Profos.
Ferris, Tucker, Smoky, Dan O’Flynn und Blacky drängten sich auf einer winzigen Schneise hinter Carberrys breitem Kreuz.
„Was ist nun?“ raunte Dan ungeduldig.
Carberry ließ sich nun doch zu einer Äußerung hinreißen. „Weiter, ihr Rüsselbären. Bis wir im Busch oder Sumpf steckenbleiben.“
Mißmutig stapfte er weiter. Hasard gab zu den Einwänden seines Zuchtmeisters keinen Kommentar ab, er wußte ja, daß dies Carberrys typische Art war. An Land fühlte er sich bei weitem noch nicht so sicher wie auf See, dies war nicht sein Element. Hier roch es feucht und faulig, und die Umgebung verströmte Feindseligkeit und Tücke.
Sun Lo, der weise alte Abt des Konfuzianer-Klosters von Formosa, führte die sechs Männer der „Isabella“ unbeirrt weiter durch das Dikkicht. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nichts schien ihn erschüttern zu können. Die dreihundert Haupt- und dreitausend Nebenregeln der Lehre, die er seinen Schülern verkündete, waren nicht nur Theorie, sondern auch angewandte Verhaltensphilosophie. Ruhe und Geduld waren Meilensteine auf dem Weg zu einem glücklichen, vollkommenen Leben. Diese und andere goldene Regeln hatte Sun Lo auch Hasard und seiner Crew auseinandergesetzt.
Vor gut drei Stunden hatte Sun Lo sich hoch oben, auf dem Dach der großen Insel, in eine Sänfte gesetzt. Dann hatten seine Schüler ihn die zweitausend in den Gneisfelsen gehauenen Stufen hinuntergetragen, der Dämmerung entgegen. Mit seiner zahlenmäßig starken Abordnung hatte der Abt sich an Bord der „Isabella VIII.“ begeben, um auch Ben Brighton und die anderen Besatzungsmitglieder zu begrüßen, die er noch nicht kannte.
Jetzt bahnte sich der alte Mann mit erstaunlicher Behendigkeit einen Weg durch die Finsternis und die schlüpfrige Feuchtigkeit des wuchernden Gesträuchs. Er selbst wollte diese Führung zu einem erfolgreichen Ende bringen und hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Seewolf Unterstützung zu leisten. Für einen Abt war das schon recht ungewöhnlich. Aber übertriebene Förmlichkeiten, falsches Prestigeempfinden und Überheblichkeit waren dem alten Mann fremd. Hasard erinnerte sich noch, was er am Vormittag zu ihm gesagt hatte: Es gebe nur ganz wenige Dinge, die unter der Würde eines Menschen seien – Verrat und brutale Gewalt zählten dazu.
Seinem Gemüt nach war Sun Lo rein und edel. Und niemand schien die Insel besser als er zu kennen. Nicht einmal seine Mönche, die Männer, die in der vergangenen Nacht Hasard und einige andere von der „Isabella“ überfallen hatten, wußten in diesem so undurchdringlich wirkenden Dickicht besser Bescheid als er, Sun Lo.
Die knochigen, langgliedrigen Finger teilten Blätter und Zweige, ohne einen Laut zu verursachen. Sun Los Schritte waren auf dem morastigen Untergrund nicht zu vernehmen.
Er verharrte und bückte sich.
„Dort“, raunte er Hasard zu. „Dort liegt das Schiff. Ich habe es gewußt.“
Hasard kauerte sich neben ihn hin. Er spähte durch eine Lücke im Blättervorhang, die Sun Los Hände geschaffen hatten. Ferris, Ed, Smoky, Dan und Blacky hatten sich ebenfalls gebückt und versuchten, über die Schulter des Seewolfs hinweg etwas zu erkennen.
Sie zählten zu seinen besten Männern. Und vor allen Dingen waren sie den ganzen Tag über mit im Tempel der Großen Vollendung dabeigewesen und hatten an dem Unterricht teilgenommen, den Sun Lo seinen Besuchern und neuen Verbündeten im Praktizieren waffenloser Kampfmethoden gegeben hatte. Das war wesentlich. Zumindest in dieser Nacht.
Drüben, jenseits eines schmalen Uferstreifens, leuchtete über dem matt schimmernden Wasserspiegel die große Hecklaterne der Galeone.
Ein schönes Schiff war das, wahrscheinlich ein 300-Tonner, der vor nicht allzu langer Zeit vom Stapel gelaufen war. Gut in Schuß war er, und die Armierung schien imposant zu sein. Nur einen winzigen Nachteil hatte dieser Dreimaster: Er gehörte der Gegenseite.
Hasard hatte die Galeone wiedererkannt. Sie gehörte zu dem Verband, mit dem die Seewölfe sich nördlich von Formosa hatten schlagen müssen. Zuerst hatten Hasard und seine Männer die „Sao Fernao“ versenken müssen, deren Kapitän ihnen eine höllische Falle gestellt hatte. Dann, auf offener See, hatte es das Gefecht mit weiteren vier Schiffen gegeben. Das Flaggschiff, an dessen Namen sich der Seewolf jetzt erinnerte, war gesunken – die „Bartolomeu Diaz“. Danach hatte das Feuer der „Isabella“ eine dritte Kriegsgaleone vernichtet. Wie sie geheißen hatte, war den Seewölfen nicht bekannt.
Zwei Galeonen waren völlig intakt geblieben, weil sie wegen zu großen Abstandes nicht in den Kampf hatten eingreifen können. Hasard hatte sie beide abgehängt, aber jetzt war das eine Schiff wieder da.
Ihr Kapitän und ihre Mannschaft waren erschienen, um dem verhaßten Feind endlich den Garaus zu bereiten. Und sie konnten es schaffen. Noch war die „Isabella“ arg angekratzt. In diesem ramponierten Zustand hielt sie. kein Gefecht durch. Die Crew war teils verletzt, teils ziemlich ausgelaugt. Erwischte der Portugiese die Seewölfe in ihrem Versteck in der Flußmündung, war es aus.
Hasard konnte mit dem reparaturbedürftigen Schiff aber auch nicht auslaufen. Selbt wenn er sich vor dem Portugiesen davongepirscht hätte, wäre er aller Wahrscheinlichkeit nicht sehr weit gelangt.
Da gab es nur eins. Er mußte handeln, bevor der Gegner ihn entdeckt hatte, bevor auch die zweite Galeone zur Stelle war. Er mußte diesen vergeltungssüchtigen Dons zuvorkommen.
Jetzt.
Nach ihrer Rückkehr an Bord der „Isabella“ hatte Ben Brighton den Kutscher als Späher vorschicken wollen. Der Kutscher war schon vorher Wache an der Nordküste gegangen und hatte den Portugiesen entdeckt. Bob Grey hatte die Hiobsnachricht dann in die Berge hinaufgebracht, Bill, der Schiffsjunge, hatte den Seewolf unterrichtet.
Sun Lo hatte zu Hasard gesagt: „Laß deinen Feldscher hier an Bord bleiben. Er ist auf einsamem Posten zu sehr gefährdet. Wir finden die Galeone auch so wieder.“
Das bewahrheitete sich jetzt, und Ed Carberry biß sich auf die Unterlippe, als er die feindliche Galeone wie eine schwimmende Burg daliegen sah.
„Ich bewundere Eure Fähigkeiten“, murmelte Hasard. „Ihr habt ein ausgezeichnetes Orientierungsvermögen, Sun Lo.“
„Das ist Übungssache“, entgegnete der alte Mann. „Außerdem bin ich seit fast einem Menschenalter auf dieser Insel. Das dürft Ihr nicht vergessen.“
„Trotzdem.“ Hasard richtete seinen Blick wieder auf die Galeone. Der Kapitän hatte die Segel aufgeien lassen, das Schiff dümpelte nur noch dahin. Offenbar hatte der Mann vor, hier, an einer nicht sehr tiefen und einigermaßen geschützten Stelle, vor Anker zu gehen.
Das traf sich gut.
„Was plant Ihr?“ fragte Sun Lo gedämpft.
„Ich will den Portugiesen einen Höflichkeitsbesuch abstatten.“
„Tötet sie nicht, Seewolf.“
„Das habe ich nicht vor. Solange sie nicht zu den Feuerwaffen greifen.“
„Ich habe die Messer gesehen, die Ihr und Eure Freunde in den Gurten stekken habt.“
„Die sind nur für den äußersten Notfall gedacht“, sagte Hasard ernst.
„Ihr wißt, daß ich mehr als eine gerechtfertigte Verteidigung nicht verantworten kann“, raunte der alte Abt.
Hasard nickte. „Ich werde Euch nicht enttäuschen.“
„Es ist wohl besser, ich begleite Euch. Ich bin ein guter Schwimmer.“
Verblüfft wandte sich Hasard dem klugen Mann zu. „Das bezweifle ich nicht. Aber das kann ich nun wieder nicht verantworten. Nein, wirklich nicht, Sun Lo. Ihr braucht nicht zu versuchen, Euch trotzdem durchzusetzen.“
Sun Lo konnte Hasards eisblaue Augen funkeln sehen. Er begriff, daß sein Ansinnen wirklich nicht die glorreichste Idee war.
„Gut“, erwiderte er deshalb. „Was soll ich also tun? Hier warten?“
„Kehrt zum Schiff zurück“, raunte Hasard. „Wenn alles schiefgeht, gebe ich von der Galeone der Portugiesen aus ein Alarmzeichen. Ben Brighton wird dann auf Gedeih und Verderb doch mit der ‚Isabella‘ auslaufen und uns zu Hilfe kommen. Ich will aber nicht, daß Ihr dann noch hier im Dikkicht steckt.“
„Sondern?“
„Ich will, daß Ihr in dem Fall mit Euren Männern in die Berge zurückkehrt und Euch aus allem heraushaltet. Das hier ist einzig und allein unsere Sache“, sagte der Seewolf. Er schickte sich an, das Gebüsch zu verlassen.
Die Anker rauschten an ihren Trossen aus, die Spills auf Vor- und Achterdeck der Galeone wirbelten. Bug- und Heckanker klatschten ins ruhige Wasser und senkten sich dem Grund entgegen.
Capitán Nuno Goncalves stand am Steuerbordschanzkleid des Achterdecks und blickte zum Ufer hinüber. Er verschränkte die Arme vor der Brust, beobachtete und dachte nach.
Das Dickicht und der Inselwald hatten hundert Stimmen, Zikaden zirpten, Frösche quakten beleidigt, die Nachtvögel lösten sich in einem faszinierenden Konzert ab. Bewegungen, vielleicht sogar von Menschen, vermochte Goncalves jedoch nicht festzustellen.
Und irgendwo die Umrisse einer großen Galeone mit überhohen Masten zu erkennen – das wäre denn doch zu schön gewesen. Ein Traum, der so nicht in Erfüllung ging.
Am Abend hatte Nuno Goncalves die Küste von Formosa erreicht, am Abend noch hatte er nach dem gehaßten Feind geforscht. Ohne Erfolg.
„Die Frage ist“, murmelte er jetzt, „sind die Hundesöhne wirklich auf dieser Insel zu finden?“
Der erste Offizier und der Batelero, der Bootsmann, waren zu ihm ans Schanzkleid getreten.
„Ich bin davon überzeugt“, meinte der Erste, ein schneidiger junger Mann, der nach dem Anschluß Portugals an Spanien die Kadettenschule in Cadiz besucht und rasch Karriere gemacht hatte. „Die kleineren Inseln im Norden haben wir fast alle abgesucht. Ohne Ergebnis. Aber ‚E1 Lobo del Mar‘ muß sich irgendwohin verholen, um sein Schiff instandzusetzen. Bestimmt hat er auch Verletzte an Bord, die Ruhe und Erholung brauchen.“
Der Bootsmann war nicht ganz überzeugt. „Diese Teufel sind zu allem fähig. Auch dazu, einfach an der Insel vorbeizusegeln.“
Goncalves schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nun doch nicht. Morgen früh landen wir auf Formosa. Wir kämmen jeden Fuß Land ab – und wenn der Bastard hier ist, dann finden wir ihn auch, das schwöre ich euch.“
Der Bootsmann blieb skeptisch. „Vergeßt nicht, daß auf der Insel der verrückte Abt mit seinen schlagenden Mönchen haust, Kapitän. Mit dem kriegen wir auch Schwierigkeiten.“
Der Erste lachte auf. „Soll das heißen, daß du Angst hast?“
„Viele vor uns haben versucht, eine Kolonie auf der Insel einzurichten. Sie sind gescheitert. Alle.“
Nuno Goncalves nickte. „Stimmt, aber die ‚Bahia Blanca‘ wird uns bald erreicht haben, und vielleicht treffen auch die ‚Sao Fernao‘ und die ‚Santa Luzia‘ ein. Dann haben wir die nötige Stärke, um ein erfolgreiches Landunternehmen durchzuführen.“
„Die ‚Sao Fernao‘ und die ‚Santa Luzia‘ hätten sich nie so weit vom Verband absetzen dürfen“, versetzte der erste Offizier. „Ich habe das immer für einen Fehler gehalten.“
Goncalves wandte den Kopf und fixierte ihn. „Die ‚Bahia Blanca‘ ist zurückgeblieben, um die Schiffbrüchigen des Gefechts an Bord zu nehmen. Der Comandante gehört zu den Überlebenden. Wenn du willst, kannst du ihm. deine Kritik vortragen. Er wird davon sehr erbaut sein.“
„So habe ich das nicht gemeint“, sagte der Erste abschwächend. „Bitte verzeiht mir, Kapitän.“
„Genehmigt.“ Goncalves’ Stimme klang weniger schroff, als er das erwiderte. „Folgt mir, wir gehen in meine Kammer und beschäftigen uns noch einmal eingehend mit den Karten. Morgen früh will ich sicher sein, daß jeder unserer Schritte sorgsam vorbereitet und festgelegt ist. Wir dürfen keinen Fehler begehen. Keinen einzigen.“
Sie wandten sich vom Schanzkleid ab, schritten über das Achterdeck und stiegen auf die Kuhl hinunter. Goncalves gab dem Profos ein paar Anweisungen, die das Einteilen der Deckswachen für die Nacht betrafen, dann ging er vor dem Ersten und dem Bootsmann her auf das Achterdecksschott zu.
Genau in diesem Augenblick regte sich am Ufer doch etwas, aber es war Nuno Goncalves’ ausgesprochenes Pech und ein unverzeihliches Vergehen seines Ausgucks, davon nichts zu bemerken.
2.
Dans scharfe Augen hatten sich auch diesmal nicht trügen lassen. Er hatte die Gestalten auf dem Achterdeck der Galeone auch ohne ein Spektiv beobachten können, und weder er noch Hasard und die anderen vier hatten sich vom Fleck gerührt, bevor die Männer nicht vom Schanzkleid verschwunden waren.
Jetzt glitt der Seewolf über den schmalen Sandstreifen und erreichte das Flachwasser. Er schlich hinein und duckte sich so tief wie möglich.
Carberry, Ferris Tucker, Smoky, Blacky und Dan folgten seinem Beispiel. Sie alle waren nur mit kurzen Hosen bekleidet, die Messer steckten in den Gurten. Es war die einzige Möglichkeit, zur Galeone hinüberzutauchen, nur auf diesem Weg erreichten sie ungesehen das Schiff. Ein Boot wäre unweigerlich von dem feindlichen Ausguck entdeckt worden, und sei es noch so klein.
Im Dickicht verweilte ein regloser, ernst dreinblickender Sun Lo.
„Ich wünsche euch viel Erfolg“, flüsterte er. „Der Allgeist verleihe euch die Macht, es ohne Blutvergießen zu vollbringen.“
Der Seewolf und seine fünf Männer waren ganz ins Seewasser eingetaucht und begannen zu schwimmen. Ihre Köpfe waren undeutliche, zerlaufende Male in den schwärzlichen Fluten. Wenig später waren sie nicht einmal mehr als Schemen zu erkennen – die Männer waren getaucht und bewegten sich unter Wasser auf die Galeone zu.
Sun Lo drehte sich um und verließ seinen Posten.
Nein, niemals würde er gegen Philip Hasard Killigrews Anweisung handeln. Dazu war er nicht fähig. Der Seewolf hatte ihm auferlegt, zur „Isabella VIII.“ zurückzukehren. Und das tat Sun Lo nun auch.
Nur in einem Punkt verhielt er sich anders, als der Seewolf es von ihm annahm. Er mußte lächeln, als er daran dachte.
„Meine Schüler warten auf mich“, sagte er in seiner weichen, melodiösen Sprache. „Es gibt in dieser Nacht noch eine Menge zu tun für uns.“
Hasard und seine Männer nahmen in diesem Moment ihre Köpfe wieder aus dem Wasser und achteten darauf, sowenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Sie schöpften Luft, es gurgelte nur ein bißchen im Wasser, dann waren sie wieder unter der Oberfläche verschwunden.
Als sie zum zweitenmal aufstiegen und ihre Lungen vollpumpten, befanden sie sich unter dem Heck der Galeone. Wuchtig ragte der breite Spiegel über ihnen auf. Die Galerie und der darüber befindliche Teil des Schiffes waren reichlich mit Schnitzwerk verziert. Die Spanier und Portugiesen hatten einen unerschütterlichen Hang dazu, ihre Schiffe so auszustatten.
Im Mondlicht konnte der Seewolf die Schriftzüge am Heck erkennen. „Sao Paolo“ hieß die Galeone. Sie hatte ein mächtiges Steuerruder aus schönstem Pinienholz, das zum Hochklettern einlud.
Hasard grinste. Er wies auf das riesig wirkende Ruderblatt, glitt darauf zu und traf Anstalten, sich daran emporzuziehen.
Carberry hatte unausgesetzt nach oben geschaut und warnte seinen Kapitän in diesem Moment durch einen Wink. Er selbst ließ sich unter Wasser sinken. Dan, Blacky, Smoky und Ferris taten das gleiche. Hasard fand gerade noch die Zeit, sich in dem Winkel in Sicherheit zu bringen, den das Ruderblatt mit dem Heck des Schiffes bildete. Hier verharrte er mit angehaltenem Atem.
Oben – unsichtbar für den Seewolf – war eine Gestalt erschienen, und zwar ganz achtern auf dem erhöhten Teil des Hecks. Es handelte sich um eine der Deckswachen, die der portugiesische Profos auf Goncalves’ Geheiß hin eingeteilt hatte.
Dieser Mann warf einen knappen, prüfenden Blick aufs Wasser hinunter, bemerkte die kleinen Wellenringe jedoch nicht, die die fünf Männer der „Isabella“ hinterlassen hatten. Auch Hasard entdeckte er nicht, denn der befand sich unterhalb der Heckgalerie für ihn im toten Blickfeld.
Folglich zog sich der Wachtposten wieder zurück. Er setzte seinen Rundgang fort, ohne im geringsten beunruhigt zu sein.
Hasard sah die Freunde neben sich auftauchen. Durch eine Gebärde gab er ihnen zu verstehen, sie sollten sich still verhalten. Er legte sich behutsam auf den Rücken und schob sich auf dem Wasser mit dem Kopf zuvorderst am Ruder der Galeone entlang.
Auf diese Weise erlangte er den Ausblick auf die gesamte Heckpartie. Er überzeugte sich, daß die Deckswache ihnen tatsächlich nicht mehr zum Verhängnis werden konnte, und verharrte fast eine Minute lang in seiner Lage.
Dann klomm er endlich am Ruder empor. Ohne jegliche Hilfsmittel wie Enterhaken oder Taue erreichte er die Hennegatsöffnung, stellte die Füße hinein und stemmte sich hoch. Er streckte die Hände nach oben und konnte die Verzierungen der Heckgalerie berühren.
Ferris enterte hinter ihm das Steuerruder der „Sao Paolo“. Hasard wartete sein Erscheinen noch ab, dann bückte er sich ein wenig, stieß sich schwungvoll ab und klammerte sich an der Galerie fest.
Es gelang ihm, sich hochzuhieven und über die Balustrade zu klettern. Leise wie eine Raubkatze setzte er auf und blickte wie gebannt auf die Bleiglasfenster des Achterschiffes. Dahinter glomm der rötliche, dämmrige Schein von Öllampen. Der Seewolf registrierte die Bewegung von Gestalten.
Hasard kauerte wie festgenagelt da.
Bei dem Raum konnte es sich nur um die Kapitänskammer handeln. Demzufolge waren die Männer, die sich gerade darin aufhielten, entweder der portugiesische Capitán mit ein oder zwei Besatzungsmitgliedern oder ein paar Offiziere.
Wenn sie jetzt auf die Galerie hinaustraten, sah es für den Seewolf und seine Begleiter übel aus.
Waren die Portugiesen schnell, dann konnten sie Hasard mit Leichtigkeit überwältigen und die fünf anderen vom Ruder wegschießen. Ferris, Blacky, Smoky, Ed und Dan befanden sich im Moment auf dem Präsentierteller.
Hasard wagte kaum zu atmen.
Ferris’ Rotschopf erschien hinter der Handleiste der Balustrade, es folgten Kopf, Oberkörper, Bauchpartie – und die Beine. Ferris sank neben Hasard auf alle viere und verhielt sich genauso mucksmäuschenstill.
Wenig später waren auch der Profos und die drei anderen eingetroffen. Hasard pirschte sich an das eine Bleiglasfenster des Hecks heran, schob sich langsam hoch und schaute in die Kapitänskammer. Ihm war jetzt, da er die Männer hinter sich wußte, bedeutend wohler zumute.
Etwas verschwommen erkannte er die Gestalten der Portugiesen im Schein der Öllampe. Der Vorteil war, daß er im Dunkeln stand, sie ihn also nicht sehen konnten. Er hingegen verfolgte ziemlich genau, was sie taten, und konnte sie jetzt auch sprechen hören.
Sie hatten sich über Land- oder Seekarten gebeugt, die sie auf dem Pult des Capitáns ausgebreitet hatten.
„… wäre es das beste, bis zur Flußmündung zu segeln und dort zu beginnen“, sagte der eine gerade.
„Si, Senhor“, antwortete sein Gegenüber, ein augenscheinlich junger und schlanker, beinah schlaksiger Mann. „Hoch am Wind liegend können wir uns vielleicht sogar ein Stück den Fluß aufwärts arbeiten.“
„Falls die Wassertiefe es zuläßt“, wandte der dritte ein.
„Immer Bedenken, was, Bootsmann?“ sagte der Schlanke zu dem Mann.
„Die kriegt man im Laufe der Jahre.“
„Es bleibt dabei“, sagte nun der erste Sprecher – der Kapitän der „Sao Paolo“. „Gleich im Morgengrauen laufen wir die Flußmündung an. Sie wird unser Ausgangspunkt und unsere Orientierungshilfe sein. Ich denke, von dort aus können wir ausgezeichnet operieren.“
Übergangslos wandte er sich vom Pult ab und schritt auf die Tür zu, die auf die Heckgalerie führte.
Hasard zog sich sofort von dem Fenster zurück. Er hatte genug gehört. Seine Befürchtungen waren keineswegs übertrieben gewesen. Die Portugiesen waren drauf und dran, eine Falle zuschnappen zu lassen, aus der es kein Entweichen mehr gab. Nur die Dunkelheit hatte ihre Aktion unterbrochen. Die Nacht war der traute Verbündete der Seewölfe.
Hasard hockte sich so hinter die Tür, daß sie zu ihm hin aufschwingen und ihn verdecken mußte. Er sah zu seinen Männern. Eine Absprache war nicht nötig, nicht einmal ein Winken oder Zeichengeben. Ihr gemeinsames Handeln war in vielen Einsätzen erprobt, jede Bewegung, jede Positionsnahme gleichsam zur Routine eingeschliffen, wenngleich jedes Unternehmen seine ureigenen Abläufe hatte und von ihnen verlangte, daß sie sich blitzschnell darauf einzustellen wußten.
Eben das war es. Sie waren schnell. Ungemein schnell.
Dan und Blacky nahmen die jweils äußerste Ecke der Galerie an Back- und Steuerbord ein. Carberry, Smoky und Ferris Tucker kauerten sprungbereit vor der Balustrade und schienen in diesen Sekunden in sich zusammenzukriechen, um so gut wie möglich mit der Finsternis zu verwachsen.
„Genießen wir einen Moment die frische Luft“, sagte der Capitán. „Bootsmann, bring die Karaffe mit, wir wollen auf eine erfolgreiche Sache anstoßen. Ein Glas Rotwein, das ist jetzt genau das richtige.“
Ja, dachte der Seewolf, ich finde auch, das ist ein großartiger Einfall.
Die Tür öffnete sich. Sie prallte fast gegen ihn. Kaltblütig und voll Berechnung hockte er da. Als die Gestalt des portugiesischen Kapitäns die Deckung der Tür verließ und neben ihm erschien, schoß Hasard hoch.
Ungefähr zur selben Zeit schritt Lucio do Velho auf einem kleinen, unbedeutenden Eiland rund hundert Meilen nördlich von Formosa auf einem Plateau vor seinen Untergebenen auf und ab. Er hatte die Hände hinter dem Rücken ineinandergelegt und gab sich den Anschein eines Mannes, der in tiefschürfende Erwägungen verstrickt war. Dies war eine seiner beliebtesten Posen, wie die Mimik überhaupt sein ein und alles war.
Drei Männer waren sein Publikum.
Drei – dabei hatte seine Mannschaft aus fast vier Dutzend erfahrenen Seeleuten und Soldaten bestanden.
Die Insel war felsig und unwirtlich. Ihre Entdecker hatten ihr seinerzeit nicht einmal einen Namen gegeben, und auch do Velho hielt es für absolut unwichtig, sie jetzt nachträglich zu taufen.
Auf dem Eiland gab es keine Eingeborenen, keine Tiere und kaum Pflanzen. Ein Fleckchen Erde, vielleicht zwölf, dreizehn Quadratmeilen groß, schroff, karstig, ohne natürliche Attraktionen. Das Plateau stellte den höchsten Punkt dar, es lag vielleicht vierzig Fuß über dem Meeresspiegel, möglicherweise auch ein bißchen mehr.
In der Nähe gab es ein kleines Wasserloch, die einzige Quelle der Insel. Das Trinkwasser war genießbar. Während der letzten, unendlich erscheinenden Stunden hatten die vier Männer sich wiederholt vor das Loch gelegt und das Naß in sich hineingeschlürft.
Dieses Wasser – es war zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel.
Do Velho bemühte sich trotzdem, seiner Miene einen Anstrich der Zuversicht zu geben. Er blieb stehen, wandte sich abrupt den drei Männern zu und sagte: „Und ich erkläre euch, wir schaffen es trotzdem. Wir halten durch. Wir sind zäh und lassen uns nicht unterkriegen.“
Carlos, ein untersetzter Mann mit großflächigem Gesicht, schaute auf. „Wir haben keinen Proviant, Capitán, vergeßt das nicht. Es gibt nichts zu essen auf der Insel, nicht einmal Wurzeln, die man ausgraben kann.“
„Und wenn es jagdbares Wild gäbe, könnten wir es nicht erlegen“, warf Ignazio ein. Seine Stirn war gefurcht, seine Augenbrauen fast drohend zusammengezogen. Er stammte aus Porto, ein muskulöser Mann, groß, breitschultrig, mit einem einfältigen Gemüt. „Wir haben eine Pistole“, fuhr er fort. „Und die ist nicht mehr brauchbar, obwohl wir das Pulver getrocknet haben, nachdem wir an Land geschwommen sind. Das Seewasser hat das Schloß ruiniert.“
„Egal“, erwiderte do Velho wegwerfend. „Wir sind darauf nicht angewiesen. Wißt ihr, wie lange ein Mensch durchhalten kann, wenn er genügend Trinkwasser hat? Bis zu zwei Wochen.“
Der vierte Mann meldete sich nun zu Wort. Sein hageres Gesicht drückte offene Wut aus. Bislang hatte er sich mühsam bezähmt, aber jetzt konnte er nicht mehr an sich halten. Sein Name war Vicente, er war einer der Stückmeister an Bord des nun zerstörten, versenkten Schiffes gewesen.
„Capitán“, stieß er hervor. „Eine Woche, habt Ihr doch wohl sagen wollen. Aber welche Bedeutung hat das für uns? Schon morgen können wir uns vor Schwäche nicht mehr auf den Beinen halten. Übermorgen kriechen wir wie todwunde Tiere auf allen vieren. Am fünften Tag schleppen wir uns mit letzter Kraft ans Wasserloch, am sechsten und siebten dämmern wir dem Tod entgegen, am achten werden wir vielleicht endlich von diesem – diesem grausamen Schicksal erlöst.“
Er sprang auf. „Wir können nicht einmal das Pulver zünden und Feuer entfachen! Nur dasitzen können wir, abwarten, bis der Tod sich zu uns auf die Insel schleicht, sich neben uns hockt und auf den ersten lauert, den er entführen kann. Oder? Oder was gedenkt Ihr zu tun, Capitán?“
Do Velho lächelte ihn an. „Du hast eine blumige Art, dich auszudrücken, Vicente. Eine Schule hättest du besuchen sollen. Vielleicht wärest du fürs Theater besser geeignet gewesen als für die Seefahrt. Vielleicht hättest du auch einen guten Priester abgegeben. Ja, das wäre möglich.“
Diese Worte warfen den hageren Mann endgültig aus der Fassung. Zornbebend stand er da. „Hier gibt es noch jemanden, der seine Aufgabe verfehlt hat. So verrückt daherzureden, das kann doch nicht dein Ernst sein, do Velho. Oder doch – es ist dein Ernst. Du hast uns von Anfang an verschaukelt, es ist deine Schuld, daß unsere Kameraden über die Klinge gesprungen sind. Du bist …“
„Hör auf“, versuchte Carlos ihm das Wort abzuschneiden. „Das hat doch auch keinen Zweck.“
„… ein Versager!“ schrie Vicente. „Jawohl, ein Versager!“
Lucio do Velho stand mit leicht abgewinkelten Beinen und stemmte jetzt beide Fäuste in die Hüften. „Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, mich zu duzen?“ sagte er nicht besonders laut. „Da muß ein Mißverständnis vorliegen. Vicente, ich fordere dich auf …“
„Ja!“ brüllte der hagere Mann. „Ein Mißverständnis! Und was für eins! Studiert hat er, unser Senhor Capitán, und ein gebildeter Mann ist er. Kluge, raffinierte Leute müssen her, um die Kolonien unseres Weltreichs zu schützen und Kerle wie den Seewolf zu hetzen. Die alte Garde von dummen Hunden reicht da nicht mehr aus. Aber er ist auf den Arsch gefallen, unser schlauer, studierter Capitán, und jetzt steht er da und weiß nicht weiter.“
Do Velhos Gesicht war eine bleiche Maske unter dem Mondlicht geworden. „Schluß jetzt. Das geht zu weit. Nimm zurück, was du eben gesagt hast, Bastard. Es ist deine einzige Chance.“ Seine Stimme klang völlig verändert.
„Vicente!“ rief Ignazio. „Tu, was der Capitán sagt.“ Er war ebenfalls aufgestanden und trat auf den Kameraden zu.
Vicente zückte seinen Säbel und sprang ein Stück auf dem Plateau zurück. „Bleib mir vom Leib! Ich steche dich nieder, wenn du mir zu nahe kommst!“
„Du bist ja wahnsinnig!“ schrie Carlos. Etwas wankend erhob er sich.
Vicente richtete den Säbel auf Lucio do Velho. „Capitán, auch ich gewähre dir eine letzte Chance. Ich wiederhole meine Frage. Was gedenkst du zu unserer Rettung zu tun?“
Do Velho verengte die Augen zu Schlitzen. Kalt taxierte er den Abstand zwischen sich und dem Aufgebrachten und seine Möglichkeiten. So gesehen, konnte Vicente jeden Augenblick vorstürmen, an Carlos und Ignazio vorbei, und ihm, do Velho, den Säbel in die Brust stechen, ehe er überhaupt die Hand am Degengriff hatte.
„Ich werde es dir sagen“, erklärte do Velho deshalb.
„Na los!“ rief Vicente. „Aber ich will keine Durchhalteparolen oder nichtssagende Phrasen hören.“
Do Velho wies mit der Linken zur Bucht im Südwesten. „Unsere Galeone liegt auf dem Grund der Bucht, aber die Maststangen ragen aus dem Wasser, das heißt, die Wassertiefe ist nicht allzu groß. Einer von uns oder zwei könnten hinabtauchen und in den Schiffsräumen nach Proviant forschen.“
Vicente lachte höhnisch. „Sehr gut. Hast du vergessen, daß wir das schon getan haben? Ein guter Taucher kommt mit seinem Luftvorrat an die Kombüse oder an die Speisekammer heran, aber wenn er drin ist – spätestens dann – säuft er jämmerlich ab. Außerdem sind die Schotten dicht. Bei dem Wasserdruck sind sie nicht zu öffnen. Ich bin dreimal hinuntergetaucht, du elender Hurensohn, aber ich habe aufgeben müssen.“
„Ich, äh, war nicht dabei“, erwiderte do Velho. „Ich habe zu der Zeit die Insel erkundet.“
„Ja. Gedrückt hast du dich.“
Do Velho ließ die Arme baumeln. „Du wirst bereuen, was du gesagt hast. Ungestraft beschimpft und bedroht man keinen Kapitän oder Offizier.“
„Weitere Vorschläge!“ fuhr Vicente ihn an.
Der Mann aus Porto wollte sich an Vicente heranschleichen, aber Carlos hielt ihn zurück. Ignazio war ein diensteifriger Typ und der sturen Borddisziplin bedingungslos unterworfen. Für ihn zählte nur, was der Capitán sagte und tat. Er dachte nicht daran, daß Vicente der eindeutig Überlegene war und er Lucio do Velho innerhalb der nächsten Sekunden wahrscheinlich abservieren würde. Es lohnte sich also nicht, sich mit Vicente anzulegen.
Do Velho entging es nicht, wie Carlos den Mann aus Porto bremste. Do Velho schaute zu Carlos, aber der wich seinem Blick aus.
„Hör zu“, erklärte der Capitán jetzt. „Ich bin bereit, ein neues Experiment zu beginnen. Allein. Ich tauche. Wenn ich uns nichts Eßbares besorgen kann, werde ich zumindest eins der Beiboote aus den Zurrings lösen und an die Oberfläche befördern. Ich tue es noch heute nacht, wenn du willst, Vicente.“
Vicente grinste höhnisch. „Was für hervorragende Vorschläge! Aber völlig unbrauchbar. Ich habe auch das probiert, die Boote haben sich jedoch verkeilt und sind teils beschädigt, teils unter Kanonentrümmern begraben.“
„Wenigstens eins muß zu verwenden sein“, beharrte do Velho auf seiner Meinung. „Wir müßten nur alle vier tauchen.“
„Das könnte dir so passen.“
„Es ist ein ehrliches Angebot, Vicente.“
„Nein!“ brüllte der erregte Mann. „Du willst uns nur erledigen, unter Wasser! Sonst hättest du doch längst versucht, an ein Boot heranzukommen! Aber du weißt, das es sinnlos ist!“
Do Velho sprach eindringlich, fast bittend. „Überlege doch. Wir haben auf eins unserer Schiffe gewartet. Ich habe es gar nicht für nötig befunden, viel zu unternehmen. Früher oder später muß jemand erscheinen, der uns hier wegholt.“
„Ach? Unser Verband etwa?“
„Ja …“
„Der Verband ist vom Seewolf zum Teufel gejagt worden“, sagte Vicente wild. „Vorletzte Nacht. Oder hast du auch das Donnern der Kanonen schon wieder vergessen?“
„Keineswegs. Nur ist auch ein Killigrew nicht in der Lage, sich vier Schiffe vom Hals zu schaffen. Und vier sind es gewesen, die von Formosa herübergesegelt sind, wie wir es schon vorher vereinbart hatten: die ‚Bartolomeu Diaz‘, die ‚Vasco da Gama‘, die ‚Sao Paolo‘ und die ‚Bahia Blanca‘. Im Morgengrauen haben sie die ‚Isabella‘ gestellt und vernichtet.“
„So? Warum sind sie dann anschließend nicht herübergesegelt, um uns aufzulesen?“
Do Velho antwortete: „Der Comandante da Odemira weiß nicht, wo wir stecken. Er hat die abfackelnden Masten der ‚Sao Fernao‘ nicht mehr sehen können. Das ist unser Pech. Jetzt müssen wir das Ende der langwierigen Suche abwarten. Aber wir können nicht nur mit dem Hauptverband rechnen, sondern auch mit der ‚Santa Luzia‘, unserem sechsten Schiff, das vor vier Tagen nach Nordosten abgelaufen ist, um die Nansei-Shoto-Inseln auf Feindbewegungen hin zu untersuchen.“
„Wir können also ganz sorglos sein?“ fragte Vicente lauernd.
„Ja, unbedingt.“
„Du bist ein Lügner“, zischte der Stückmeister. „Ich hab’s immer gewußt. Wir müssen hier verrecken, aber ich will dich zuerst sterben sehen, bevor es uns erwischt. Ich töte dich, du Hurensohn.“
Er wollte einen Ausfall zu do Velho hin unternehmen, doch dieser griff sich plötzlich an die Brust und sank zusammen.
„Dios“, stöhnte er immer wieder. „Mein Gott, was ist nur – Himmel, warum helft ihr mir nicht?“
„Das Herz“, murmelte Ignazio.
„Nein!“ stieß Carlos hervor. „Er ist ein großartiger Simulant, aber uns legt er nicht mehr herein. Ich übernehme die Sache.“ Bevor Vicente eingreifen konnte, hatte er sein Messer gezückt und stürzte sich auf den Kapitän.
Do Velho war auf die linke Körperseite gesackt und krümmte sich. Carlos hatte ihn erreicht – da zuckte er wie eine große, kräftige Schlange, schwang wieder hoch und knallte dem Mann beide Fäuste gegen den Kopf.
Carlos verlor sein Messer. Vicente stieß einen wilden Schrei aus und rückte mit erhobenem Säbel vor, aber Lucio do Velho, der Gerissene, versetzte Carlos einen Stoß und beförderte ihn auf den Stückmeister der „Sao Fernao“ zu.
Carlos prallte gegen Vicente. Vicente wimmelte den untersetzten Mann ab und trat an ihm vorbei. Diese kurze Verzögerung hatte do Velho gereicht. Er hatte seinen Degen gezückt und stellte sich dem Untergebenen, der sein Todfeind geworden war.
Carlos hatte Mühe, sich vom Plateau aufzurappeln.
Ignazio, der Mann aus Porto, stand wie vom Donner gerührt und schien nicht zu begreifen.
Vicente drosch mit dem Säbel auf den Kapitän ein. Er wollte ihm den Schädel spalten, eine blutige Kerbe in die Schulter hauen, die Klinge im Herzen des Widersachers versenken, aber nichts davon klappte. Geschickt wehrte do Velho jede Attacke ab. Er baute eine Verteidigung auf, studierte Vicentes Kampftaktik, fand seine Fehler heraus – und duckte sich in einem Augenblick, den er für den geeigneten hielt.
Vicente dachte, der Kapitän wolle einem Streich ausweichen.
Er hatte sich getäuscht.
Do Velho stand flach über den Boden gekauert, sein Kopf, Arm, Oberkörper waren eine Einheit, die plötzlich nach vorn schoß. Die Degenklinge traf Vicente. Vicente zog den Säbel erfolglos über do Velhos Kopf hinweg. Er hatte sich zu spät auf die neue Situation und auf das Verhalten des Gegners eingestellt.
Vicente spürte ein Stechen im Unterleib, als Lucio do Velho seine Waffe bereits wieder an sich gerissen hatte. Wallende Nebel senkten sich über den Stückmeister Vicente. Er verlor die Kontrolle über sich, die Schmerzen packten ihn, rüttelten an seinem Leib und zwangen ihn zu Boden.
Carlos stand und wollte sich erneut auf den Kapitän stürzen, aber in diesem Moment handelte Ignazio. Plötzlich hatte Carlos ein Messer zwischen den Schulterblättern stekken. Er röchelte, taumelte und schaute ungläubig drein. Zwei, drei stolpernde Schritte tat er noch auf Lucio do Velho zu, dann fiel auch er.
Auf dem Bauch blieb er liegen. Sein Gesicht war nach unten gewandt.
Vicente lag gekrümmt und hatte seinen Säbel aus der Hand verloren. Das Leben war ein Atemhauch, der aus seinem Körper entfloh und vom Wind davongetragen wurde.
Ignazio stand mit baumelnden Armen und starrte seinen Kapitän an.
„Ausgezeichnet“, sagte do Velho kühl. „Ich werde dafür sorgen, daß du eine Belobigung erhältst, mein Freund. Du hast dich vorbildlich verhalten.“
Er sah an dem Mann aus Porto vorbei und schien etwas entdeckt zu haben. Plötzlich steckte er den Degen weg und lief über das Plateau.
„Da!“ rief er. „Ich hab’s ja gesagt! Da kommt ein Schiff!“
Ignazio wandte den Kopf. Im ersten Augenblick hielt er das, was do Velho von sich gegeben hatte, für ein Hirngespinst. Dann entdeckte auch er das Licht in der Ferne.
„Aus Nordosten nähert sich das Schiff“, murmelte Ignazio. „Wenn das die ‚Santa Luzia‘ ist und die Mannschaft unser Rufen hört, sind wir wirklich gerettet.“
Lucio do Velho lief bis zum Nordufer der Insel, verharrte auf dem Kap und blickte dem Segler entgegen. Er hielt auf das Eiland zu. Do Velho gestand vor sich selbst, daß er mit einem solchen Ereignis auch nicht mehr gerechnet hatte.
3.
Nuno Goncalves sah die Gestalt neben sich hochschnellen, und fast gleichzeitig stellte er fest, daß sich in der Dunkelheit vor ihm noch mehr ungebetene Gäste eingefunden hatten. Schemen, die vor der Balustrade kauerten. Selten war die Heckgalerie der „Sao Paolo“ derart belebt gewesen.
Ein Schlag traf Goncalves, ehe er schreien, handeln oder kämpfen konnte. Dieser Hieb, auf seine rechte Flanke gezielt, war so hart, daß er nach Steuerbord katapultiert wurde. Er flog Dan O’Flynn entgegen, und der ließ seinen rechten Fuß hochzukken, wie Sun Lo es ihn gelehrt hatte.
Ein Ruck, der Goncalves’ Körper durchlief, ein erstickter Laut, ein Fallgeräusch, und der portugiesische Kriegsschiff-Kapitän lag ausgestreckt vor Dan auf den Planken.
Ergötzen konnte Dan sich an diesem Anblick allerdings nicht, er mußte den anderen nach. Carberry, Smoky und Ferris Tucker waren wie die Teufel in die Kapitänskammer gestürmt. Hasard wirbelte herum und lief ihnen nach, Blakky schloß sich ihm an.
Der erste Offizier der „Sao Paolo“ hatte seinen Kapitän wie durch Spuk aus dem Rechteck der Türöffnung verschwinden sehen. Sofort hatte er die Hand auf den Griff seiner wertvollen Radschloßpistole fallen lassen. Im Grunde war das die richtige Reaktion, und man mußte es dem schlanken, schneidigen Mann lassen: Er hatte das Rüstzeug eines vollwertigen Kapitäns.
Der Bootsmann klappte den Mund auf und stand für eine Weile ratlos da.
Ein Klotz aus Muskeln, Narben, Häßlichkeit und englischen Flüchen raste auf den ersten Offizier zu. Der zückte die Pistole, um ein Loch in diesen Berg zu brennen, aber Carberry war schneller. Im Eifer des Gefechts vergaß er Sun Lo, die Klosterschüler und den ganzen Kram, den er da oben im Bergkloster vernommen hatte. Er knallte dem Gegner eine brettharte Linke auf den Waffenarm, so daß die Pistole durch den Raum segelte und zu Boden polterte. Die rechte Faust rammte er ihm unters Kinn – nach guter alter Cornwall-Art und wie’s ihm spontan einfiel.
Smoky und Ferris schlüpften an dem zusammenbrechenden Ersten vorbei und erreichten den Bootsmann. Sie nahmen neben ihm Aufstellung, keilten ihn ein, und Ferris raunte dem Entsetzten auf spanisch zu: „Ruhig bleiben. Ich an deiner Stelle würde nichts von dem versuchen, was du vielleicht vorhast.“
Der Bootsmann hatte bereits die Karaffe mit dem Vinho tinto in der linken Hand, wie Nuno Goncalves es ihm befohlen hatte. Seine rechte Hand umspannte einen gläsernen Kelch, den er soeben einem dunkel lackierten Schrank aus kostbarstem Nußbaumholz entnommen hatte.
Ferris nahm ihm die Karaffe ab. Smoky fing das Glas auf, als der Bootsmann es einfach fallen ließ.
„Na, na“, sagte Hasards Schiffszimmermann. „Wir wollen doch nicht, daß hier was kaputtgeht.“
Der Bootsmann stürzte mit einem Aufschrei auf Hasard zu. Blacky und Dan befanden sich hinter dem Seewolf, brauchten aber nicht mehr einzugreifen, weil Hasard den Anrükkenden mit einem einzigen Schlag fällte.
Der Bootsmann hätte gern wie am Spieß geschrien und um sich geprügelt. Statt dessen legte er sich sanft auf den Boden der Kammer.
„Donnerkiel“, sagte Carberry. „Das war ein Hieb, Sir.“
„Waffenloser Kampf“, erwiderte der Seewolf leise. „Langsam kriege ich Geschmack daran.“
„Sun Lo sollte uns sehen“, flüsterte Dan.
Hasard huschte zur Tür, die auf den Gang des Achterkastells führte. Er lauschte, wandte sich dann wieder um und raunte: „Kommt. Noch rührt sich nichts, aber vielleicht ist der Ruf des Burschen an Oberdeck doch vernommen worden.“
Hasard öffnete die Tür und zog den Schlüssel ab, der von innen steckte. Er zwängte sich als erster durch den Spalt in den stockfinsteren Gang. Nichts, das irgendwie Gefahr verkünden konnte, ließ sich im Achterdeck vernehmen. Hasard schlich weiter.
Dan O’Flynn löschte das Licht in der Kammer, damit sie den Schein nicht im Rücken hatten. Blacky, Smoky, Carberry und Tucker waren an ihm vorbei. Er verließ als letzter die Kammer.
Auf dem Gang dachte der Profos: Hölle, es ist nicht leicht, sich so ganz ohne Anhaltspunkte im Dunkeln voranzubewegen, aber, hol’s der Henker, wir haben langsam ja schon Übung darin.
Kurze Zeit darauf hatten sie den Gang hinter sich gebracht. Dan als letzter des kleinen Trupps hatte die Kapitänskammertür von außen zugeschlossen – damit die drei ohnmächtigen Gegner ihnen nicht in den Rücken fallen konnten, wenn sie vorzeitig erwachten.
Hasard drückte das Schott, das auf die Kuhl mündete, vorsichtig auf, aber er konnte es doch nicht verhindern, daß die Eisenangeln ein leises Knarren von sich gaben.
Er verharrte.
Über ihm, an der Schmuckbalustrade, die den vorderen Querabschluß des Achterdecks bildete, standen zwei der vier Deckswachen dicht nebeneinander.
„Hast du das gehört?“ sagte der eine. „Dann habe ich mich eben also doch nicht getäuscht. Erst ein Schrei – jetzt ein deutliches Knarren.“
„Das wird der Capitán sein“, meinte der andere.
„Nein, unmöglich. Warum sollte der schreien?“
„Vielleicht hat er den Ersten angebrüllt.“
„Ich glaub’s einfach nicht. Woher kam das Knarren?“
„Vom Schott“, antwortete der zweite Posten trocken. „Es steht halb offen und wird vom Wind bewegt.“
„Du meinst, alles sei in Ordnung?“
„Ja. Was soll denn schon passieren?“
Eben, was soll schon passieren, dachte auch der erste Posten. Er sann für eine Weile nach, dann gab er sich einen Ruck und sagte: „Trotzdem. Ich gehe kurz ’runter und sehe nach.“
Der andere zuckte mit den Schultern.
Der erste Posten stieg den Backbordniedergang zur Kuhl hinunter, wandte sich nach rechts und sah gerade noch, daß das Schott zum Achterkastell tatsächlich halb offen war. Er wollte sich darüber wundern, denn noch vor ein paar Minuten hatte er es fest verschlossen gesehen. Aber zu solchen oder ähnlichen Überlegungen blieb ihm keine Zeit.
Jemand sprang ihn an.
Hasard hatte das Achterkastell auf leisen Sohlen verlassen und neben dem Backbordniedergang gekauert. Ein Hieb mit der Handkante gegen die Nakkenpartie des Postens genügte, und der Mann sank vor der Hütte zusammen, ohne auch nur den leisesten Laut von sich zu geben.
Ein wenig Licht von der Hecklaterne drang bis auf die Kuhl, aber dicht vor der Querwand der Hütte herrschte schwärzeste Finsternis. Hasard ließ sich neben dem Bewußtlosen nieder, hockte völlig reglos da und wartete ab.
Wenig später verließ auch die zweite Wache das Achterdeck. „He, wo steckst du?“ rief der Mann.
Von der Back meldete sich ein dritter Mann. Er trat an die Querbalustrade über der Kuhl, und fast gleichzeitig erschien neben ihm eine weitere Gestalt. „Was ist los? Warum rufst du?“
„Sirio meint, was gehört zu haben“, brummte der zweite Posten. Er hatte die Stufen des Backbordniedergangs hinter sich gebracht und blieb ganz nah vor Hasard stehen. „Möchte wissen, was der hat. Ich sage euch, er sieht Gespenster.“
Hasard spähte zum Vordeck hinüber. Weitere Wachtposten konnte er nicht entdecken. Vier waren es also. Es galt, die beiden auf der Back außer Gefecht zu setzen, ohne daß sie den Rest der Mannschaft wachtrommeln konnten.
Sirios Kumpan beugte sich ein wenig vor. Offenbar versuchte er zu erkennen, was sich im Dunkel vor der Poop tat.
Hasard hatte Sirios Stimme vorher deutlich genug vernommen, er konnte sie ohne Schwierigkeiten nachahmen.
„Aqui, eis“, raunte er auf portugiesisch. „Hier, hier ist …“
Der andere rückte näher. „Que, onde – was, wo?“ fragte er.
„Dies hier“, zischte der Seewolf. Er knallte dem Posten die Faust gegen die Schläfe, fing ihn auf und zog ihn zu sich herunter. Sanft ließ er ihn auf die Planken gleiten, dann erhob er sich und ging über die Kuhl.
Carberry, Smoky, Blacky, Ferris und Dan hatten das Achterkastell der Galeone verlassen und kauerten sprungbereit. Sie hielten den Atem an, denn was der Seewolf in diesem Augenblick vorführte, war wirklich das Ausmaß der Verwegenheit.
Für zwei oder drei Sekunden glaubten die beiden Posten auf der Back vielleicht noch daran, den zweiten Wachmann vor sich zu haben. Sie hatten nicht erkennen können, was sich vor der Hütte abgespielt hatte. Sie hatten Sirios Partner nur verschwinden und dann sofort wieder eine Gestalt auftauchen sehen.
Jetzt sperrten sie die Münder auf.
Hasard nutzte das Überraschungsmoment eiskalt aus. Er duckte sich, sprintete los, hetzte über die Planken und steuerte genau auf das Vorkastell zu. Kurz davor stieß er sich ab.
Er federte genau in dem Moment auf die zwei Deckswachen zu, in dem diese die Pistolen zückten. Einer der beiden stieß einen keuchenden Laut des Entsetzens aus.
Hasard packte zu und kriegte sie an den Hemdaufschlägen zu fassen. Ehe sie sich wehren konnten, rammte er ihre Köpfe zusammen. Ihr ausgesprochenes Pech war, daß sie keine Helme trugen. Sie stöhnten auf und sackten zusammen. Der Seewolf klammerte sich an der Handleiste der Querbalustrade fest, zog sich endgültig hoch und rutschte über die hölzerne Barriere weg auf das Vordeck.
Der eine Posten war ohnmächtig zusammengesunken. Der andere fing sich wieder, richtete seine Pistole auf Hasard und spannte den Hahn. In seinen Augen loderte es, Haß verzerrte sein Gesicht.
„El Lobo del Mar“, stieß er hervor.
Hasard schwang auf ihn zu. Sein rechter Fuß zuckte hoch, es funktionierte auch diesmal, Sun Lo war ein hervorragender Lehrmeister. Die Pistole löste sich aus der Hand des Portugiesen, wirbelte durch die Luft und flog außenbords.
Hasard setzte nach und packte den Arm des Gegners. Der Posten hatte plötzlich das Gefühl, sein Schultergelenk würde ausgekugelt werden. Er verlor den Boden unter den Füßen, hob sich unter Hasards Griff ein Stück durch die Luft und krachte schwer gegen die Schmuckbalustrade. Besinnungslos blieb auch er liegen.
Hasard blickte sich um und entdeckte die Musketen der beiden Männer. Er griff sie, eilte zur Kuhl und warf sie von oben aus seinen wartenden Männern zu.
Carberry fing die eine Muskete auf, Dan schnappte sich die andere. Sie grinsten, nickten sich zu und stiegen als erste ins Vorschiff hinunter. Dort befand sich das Mannschaftslogis, dort mußte die entscheidende Auseinandersetzung stattfinden.
Unten, auf dem dunklen Gang, taumelte dem Profos der „Isabella“ ein schlaftrunkener Mensch entgegen. Offenbar hatte er etwas von dem vernommen, was sich auf Oberdeck getan hatte – jetzt wollte er nach dem Rechten schauen. Vielleicht war er der Decksälteste. Oder gar der Profos. Wer auch immer – Ed Carberry fällte ihn mit einem wilden Hieb. Der Sturz des Portugiesen verursachte einigen Lärm: Poltern, Rumpeln, das Schlagen von Stulpenstiefeln auf den Planken.
So wurde der eine oder andere Schläfer wach.
Überall regte sich Leben, mürrische Stimmen fragten, was los sei und ob man nicht Ruhe geben könne.
Carberry tastete sich in einen Raum vor. Er vernahm Schnarchen, Atmen, Husten. Er stupste Dan O’Flynn an, der dicht neben ihm war. Sie flankierten die Tür, lehnten sich mit dem Rücken gegen die Wand und hoben die Musketen.
Jemand schlug Feuerstein und Feuerstahl gegeneinander. Ein Funke entstand, dann glomm ein Talglicht auf. Verwirrte Mienen, liegende und halb aufgerichtete Gestalten, mindestens zwanzig an der Zahl – jawohl, sie standen im Mannschaftslogis.
„Hoch die Flossen“, sagte Carberry in holprigem Portugiesisch. „Unternehmt keinen Quatsch, ihr Bastardos, oder wir marschieren hier durchs Schiff, daß es nur so raucht. Also, schön brav sein.“
Smoky, Blacky und Ferris Tucker hatten sich inzwischen auf die übrigen Schlafräume des Vordecks verteilt. Es gab ein paar Kammern, in denen der Feldscher und ein paar andere Leute ihrer zweifellos verdienten Nachtruhe nachgingen. Für sie gab es ein höchst unerfreuliches Erwachen.
Hasard nahm sich im Alleingang ein paar Offiziere vor, die sich gerade anschickten, das Achterkastell zu verlassen. Er hätte sich eher um sie kümmern können, aber es war ihm das Wichtigste gewesen, zuerst die Deckswachen auszuschalten.
„Zwei Kerle“, sagte im Mannschaftslogis soeben einer der Portugiesen. „Und sie haben nur zwei Schuß. Überwältigen wir diese Hunde.“
Dan blickte zum Profos. „Ed – ohne Waffengewalt, hat der Seewolf gesagt.“
„Glaubst du, ich bin taub?“
„Nein, ich wollte dich bloß noch mal daran erinnern“, sagte Dan grinsend.
Die ersten Portugiesen sprangen aus ihren Kojen. Zweifellos hatten sie bereits eine Ahnung, wer ihre Gegner waren, und sie wollten sich auf Teufel komm raus Lorbeeren verdienen. Denn auf die Ergreifung des Seewolfes und seiner Crew war eine Belohnung ausgesetzt, eine Kopfprämie, deren Höhe Philipp II. von Spanien höchstpersönlich festgelegt hatte.
Carberry drehte seine Muskete um und benutzte sie als eine Art Dreschflegel. Den Hahn der Waffe hatte er gar nicht erst gespannt, sie konnte also nicht losgehen. Er mähte vier, fünf Angreifer nieder, dann ließ er die Muskete los und fing an, „durch das Schiff zu marschieren“, wie er angekündigt hatte.
Wenig später tobte der Kampf sowohl im Vor- als auch im Achterschiff.
Hasard und seine Männer teilten großzügig Schläge und Tritte aus, sie bedienten sich wieder der Methoden, die Sun Lo ihnen beigebracht hatte. Der Seewolf hatte allein vier Mann gegen sich, aber dank der einzigartigen Verteidigungsweise hielt er sie sich vom Leib.
Hasard trat einem wutschnaubenden Offizier unters Kinn, setzte mit der Faust nach und schickte ihn mit einem Schlag zu Boden. Den Hieb eines anderen Gegners blockte er mit der Handkante ab, dann packte er zu und verdrehte dem Mann den Arm, daß er quer durch den Gang des Achterkastells flog und ein paar Yards weiter hart auf den Planken landete.
Er tauchte unter einem sirrenden Degen weg, ließ wieder seinen Fuß hochschnellen und entwaffnete den Gegner. Konzentriert schlug und trat er abwechselnd, paßte aber auf, keinen der Angreifer durch zu harte Abwehr lebensgefährlich zu verletzen.
Einen derart ausdauernden Faustkampf hatte der Seewolf bisher noch nicht ausgetragen. Und nie hatten sich die Männer der „Sao Paolo“ einer so wehrhaften kleinen Streitmacht gegenübergesehen, nie hatte man sie im Kampf auf Deck dermaßen in Verlegenheit gebracht.
Ein einziger Tag im Bergkloster von Formosa hatte nicht ausgereicht, um Hasard und seine Männer in alle Geheimnisse der mysteriösen Kampfweise einzuweihen. Sun Lo hatte ihnen aber versichert, daß sie die Grundzüge der waffenlosen Verteidigung recht gut verinnerlicht und in die Praxis umgesetzt hätten.
Was aber Sun Los Mönche zu vollbringen vermochten, war sehr viel erstaunlicher. Hasard hatte auf dem Hof vor dem Tempel der Großen Vollendung gesehen, wie ein Schüler mit der bloßen Faust einen Stapel von zwölf gebrannten Tonziegeln zertrümmert hatte. Er war dabeigewesen, wie zolldicke Bretter mit der Handkante gespalten worden waren. Weiter gab es Konzentrations- und Meditationsübungen, die den Mönchen neue Erkenntnisse eröffnen sollten, die sie immer wieder an die Basis der Gewaltlosigkeit erinnerten, auf der ihre Lehre eigentlich beruhte. Die Mittel, mit denen man sich gegen eine Invasion wandte, wurden durch den Zweck geheiligt, sie erwuchsen aus der Not. Aber Sun Lo wies immer wieder darauf hin, daß er keine hirnlosen Kraftprotze fördern wolle.
Sun Lo hatte Hasard erzählt, daß er manchmal mit den Klosterschülern zum Fluß hinuntersteige und sie dort lernten, wie man auf dünnen, schmalen Brettern über das Wasser laufe. Sie konnten mit Nagelschuhen Mauern hochrennen, über Kohlen und Glasscherben gehen und noch viele andere erstaunliche Demonstrationen vollführen.
Dies alles gehörte zu den harten, entbehrungsvollen Prüfungen, die Sun Lo allen Männern abverlangte, die letztlich die Straße der Weisheit beschreiten wollten.
Ganze Welten schienen die verschiedenen Mentalitäten der Völker zu trennen, und für einen Europäer war es schwer, diese Art größter Selbstbeherrschung und harten Trainings zu verstehen. Hasard glaubte aber, etwas von dem, was Sun Lo ihm auseinandergesetzt hatte, begriffen zu haben.
Er hechtete auf den letzten Widersacher zu, packte ihn und riß ihn mit sich zu Boden. Mit einem Hieb seiner rechten Handkante entledigte er ihn seiner Pistole. Sie wälzten sich auf dem Gang, überrollten sich, balgten sich, bis Hasard einen der Tricks anwandte, die er von Sun Lo gelernt hatte.
Der Offizier löste sich von Hasard und prallte gegen die Gangwand zurück. Heftig schlug sein Hinterkopf gegen das harte Edelkastanienholz. Er sank mit einem Stöhnen an der Wand zu Boden.
Hasard beschloß, die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Er hob die eine Pistole auf, lief nach achtern und riegelte die Tür der Kapitänskammer auf.
Der Bootsmann rappelte sich gerade benommen auf, wie der Seewolf im Mondlicht erkennen konnte. Er wollte nach einer Waffe greifen, aber Hasard stoppte ihn.
„Auf die Galerie“, herrschte er ihn an. „Wird’s bald, oder muß ich nachhelfen?“
Nein, daran war dem Bootsmann nicht gelegen. Er stolperte durch die immer noch offene Tür auf die Heckgalerie hinaus. Unterwegs strauchelte er fast über die liegende Gestalt des Ersten. Er stieß ihm die Stiefelspitze in die Körperseite, turnte über ihn weg und hielt sich mühsam in der Balance.
Der erste Offizier, offensichtlich durch den Tritt aufgerüttelt, kam nun auch zu sich.
Hasard scheuchte auch ihn nach achtern hinaus. Er nahm die Karaffe voll Wein mit, trat zu dem Kapitän Nuno Goncalves und leerte den edlen Vinho tinto über dessen Haupt aus. Die Wirkung trat augenblicklich ein. Der Kapitän hob den Kopf, schüttelte ihn und prustete. Verdattert schaute er sich um – und blickte in die Mündung der auf ihn gerichteten Pistole.
„Freundchen“, sagte der Seewolf, „ich habe nur einen Wunsch, und den wirst du mir erfüllen.“
„Seewolf“, zischte Goncalves. „Fahr zur Hölle!“
„Später vielleicht“, sagte Hasard kalt. „Erst springst du.“
Der Mann sah ihn ungläubig an.
„Richtig verstanden“, sagte Hasard. „Du jumpst ins Wasser. Du und deine beiden Figuren. Ich sage das nicht noch mal.“
Goncalves erhob sich unter dem zwingenden Blick des Seewolfs. Er trat zu dem Ersten und zu dem Bootsmann, kletterte auf die Balustrade der Galerie, sah noch einmal voll Haß zu dem Gegner – dann ließ er sich in die Tiefe fallen.
Hasard zielte auf die beiden anderen, und auch die hatten es plötzlich sehr eilig, von Bord der „Sao Paolo“ zu gelangen.
4.
Die Partie im Vordeck war ebenfalls entschieden. Carberry, Smoky, Blacky, Ferris und Dan scheuchten gut zwei Dutzend Portugiesen aufs Oberdeck und zwangen sie, die Beiboote abzufieren. Verstört und mit fliegenden Fingern nestelten die Besiegten die Laschings der Boote los, hievten sie hoch, beförderten sie an den Galgen außenbords und fierten sie ungewöhnlich schnell ab.
„Ein Zugeständnis“, sagte der Profos unwillig. „Ihr Saubande, wenn es nach mir gegangen wäre, hättet ihr nicht eine einzige müde Jolle gekriegst. Dann wärt ihr alle baden gegangen.“
Ferris lachte und wies nach Backbord. „Einige scheinen deine Gedanken gelesen zu haben, Ed. Hörst du das?“
Ja, Carberry vernahm es jetzt auch. Da war ein Plätschern, ein Aufwühlen des Seewassers jenseits der Bordwand der Galeone. Überrascht hob er die Augenbrauen. Er vergewisserte sich, daß die Kameraden die Portugiesen auch allein bewachen konnten, drehte sich um und trat ans Schanzkleid.
Im Meer schwammen zehn oder zwölf Männer, der Profos bereitete sich nicht erst die Mühe, sie genau zu zählen. Nichts schien diese Burschen mehr zu interessieren, als soviel Distanz wie irgend möglich zwischen sich und die Galeone zu legen.
Carberry grinste. „Ausgekniffen, was? Das große Sausen gekriegt, wie? Ho, das haben wir gern. Feigheit vor dem Feind und Fahnenflucht – deswegen könnte euer Kapitän, dieses Rübenschwein, euch glatt vors Kriegsgericht stellen.“
Er wandte sich um und sah den Seewolf, der gerade vier Männer aus dem Achterkastell auf die Kuhl trieb. Reichlich verunstaltet sahen die Dons aus, und ihre Mienen drückten allen Jammer der Welt aus.
„Sir!“ rief Carberry. „Einen Teil des Haufens haben wir glatt in die Flucht geschlagen.“
„Um so besser, Ed.“
„Sollen wir die Hundesöhne jetzt in die Boote abentern lassen?“
„Natürlich, was denn sonst?“
Smoky schaute zu Carberry und lachte. „Willst du dich von den Dons verabschieden?“
Der Narbenmann schnitt eine Grimasse. „Ja, es tut mir richtig leid, daß sie abhauen. Hatte mich schon an sie gewöhnt.“
„Ab durch die Mitte“, sagte Blacky zu den Portugiesen. Er beherrschte ihre Sprache gut, hundertmal besser als Carberry. Sie verstanden ihn denn auch sofort und drängten sich vor den Jakobsleitern, die Carberry hatte ausbringen lassen. Sie konnten gar nicht schnell genug in ihre Boote steigen.
„Ferris und Dan“, sagte der Seewolf. „Ihr durchsucht jetzt die Schiffsräume. Wenn ihr etwas findet, das wir mitnehmen können-bitte. Aber laßt Pulver und Munition liegen, wir haben noch genug Vorrat an Bord.“
„Aye, Sir“, erwiderte Ferris. Er drehte um, Dan folgte ihm, und sie verschwanden unter Deck.
Etwas später hatten die Portugiesen mit den Booten von der Bordwand abgelegt. Ferris und Dan kehrten zu Hasard zurück und zeigten ein paar besonders wertvolle, reich verzierte Pistolen vor, die sie entdeckt hatten.
„Die stammen aus einer Kammer des Achterdecks“, erklärte Dan O’Flynn. „Ich fände es schade, wenn wir die hierlassen würden. Ich weiß, wir nehmen kein Boot, wir schwimmen an Land zurück, um keine Spuren zu hinterlassen. Aber ich könnte die Dinger auf einem Plankenstück festzurren, damit sie nicht naß werden.“
„Meinetwegen“, entgegnete Hasard. Er blickte Ferris an. „Und was hast du gefunden?“
„Werkzeuge, Sir.“ Ferris grinste von einem Ohr zum anderen.
„Auch einen Bohrer?“
„Na klar, Sir.“
„Was stehst du dann noch herum? Du weißt ja, was du zu tun hast.“
Ferris Tucker verließ wieder das Oberdeck. Er stieg tief in den Schiffsbauch der stolzen, schönen „Sao Paolo“ hinunter und begab sich mit den Beutewerkzeugen an eine Arbeit, die er nicht zum erstenmal ausübte. Er wußte, wo die besten Stellen waren, um den Bohrer anzusetzen, und wie viele Löcher erforderlich waren, um das Kriegsschiff in relativ kurzer Zeit auf den Grund der See zu befördern.
Schon nach kurzer Zeit lief er wieder zur Kuhl hoch. Die Werkzeuge hatte er im untersten Schiffsraum zurückgelassen.
„Wir können das Schiff jetzt verlassen“, meldete er seinem Kapitän.
Hasard warf noch einen Blick nach Backbord und sah den Booten nach. Es waren drei, zwei große und eine kleinere Jolle. Das am weitesten nach Westen versetzt dahingleitende Boot wurde in diesem Moment von seinen Insassen gestoppt. Sie hatten den Kapitän, den ersten Offizier und den Bootsmann entdeckt, hielten auf sie zu und nahmen sie an Bord.
Hasard grinste.
Natürlich durften sie es nicht bemerken, wie die Seewölfe jetzt heimlich die „Sao Paolo“ verließen. Die Portugiesen mußten denken, daß ihre Gegner das Schiff besetzt hielten, ja, daß sie sogar die Geschütze luden und sich auf einen Gegenschlag vorbereiteten.
Wenn der Capitán und seine Mannen bemerkten, daß man sie getäuscht hatte, würde es bereits zu spät sein. Dann konnten sie nicht mehr an Bord der Galeone zurückkehren, die Lecks nicht mehr stopfen und das Wasser in die See zurückpumpen — ausgeschlossen.
Hasard gab seinen Männern einen Wink.
Sie begaben sich ans Steuerbordschanzkleid und enterten an einer der Jakobsleitern ab. Unten ließen sie sich ins Wasser gleiten, und Dan schob das Stück Holz, auf dem er die wertvollen Pistolen befestigt hatte, vor sich her.
Tatsächlich gelang es ihm, die Waffen unversehrt an Land zu befördern. Schweigend schwammen die sechs Männer nebeneinander her, und als sie das Ufer erreicht hatten, vergewisserten sie sich zunächst, daß sie von den Portugiesen auch nicht gesehen werden konnten.
Aber die „Sao Paolo“ lag zwischen ihnen und dem davonziehenden Feind, und die Schatten der Nacht schlossen einen Vorhang zwischen den Gegnern.
Hasard führte seine kleine Gruppe an Land. Dan O’Flynn schleppte das winzige „Floß“ mit den darauf festgezurrten Pistolen mit und ließ es neben sich ins Gebüsch sinken, als die Kameraden im Dickicht verharrten und sich hinkauerten.
Sie blickten zur Galeone.
Das Schiff hatte jetzt etwas mehr Tiefgang und begann – für einen Uneingeweihten kaum sichtbar – ein wenig nach Steuerbord zu krängen.
„Ausgezeichnet, Ferris“, lobte der Seewolf. „Von jetzt an füllt sich der Schiffsinnenraum immer schneller mit Wasser. Falls die Dons jemals zurückkehren, finden sie den Kahn nicht wieder. Die See ist an dieser Stelle tief genug, um ihn in seiner vollen Größe zu schlucken.“
Er richtete sich auf.
Die Männer folgten seinem Beispiel, und sie strebten dem Verlauf des Pfades nach, den Sun Lo ihnen zuvor gebahnt und gekennzeichnet hatte.
Am Flußufer lag ein Boot bereit. Gary Andrews und Bob Grey warteten darauf, mit ihnen zur „Isabella“ zu pullen. Hasard fiel Greys verstohlenes Lächeln auf, aber er wußte sich keinen Reim darauf zu bilden. Er berichtete den beiden kurz, was sich zugetragen hatte. Die Männer freuten sich über den Erfolg und schlugen Dan, Blacky, Smoky und Ferris auf die Schultern.
Beim Seewolf wagten sie es nicht, aus Respekt. Bei Carberry trauten sie sich ebenfalls nicht recht, weil der vielleicht zurückschlug. Und wo der Profos hinlangte, wuchs kein Gras mehr.
Die acht Männer stiegen ins Boot und pullten zur „Isabella“.
Hasard saß auf der Heckducht und hielt die Ruderpinne. Als er zu seinem Schiff blickte, beschlich ihn ein merkwürdiges, fast resignierendes Gefühl.
Wäre es nicht besser gewesen, die „Sao Paolo“ zu kapern und statt ihrer die „Isabella“ zu versenken? Die „Sao Paolo“ war völlig intakt und seetüchtig gewesen – die englische Lady nicht. Sie mußte erst mühsam wieder repariert, aufgetakelt und abgedichtet werden. Es brauchte seine Zeit, bis die Masten wieder wie neu standen und das Rigg in perfekter Ordnung war. Gefechtsschäden – die Portugiesen hatten sie wirklich arg in die Bredouille gebracht.
Carberry drückte es jetzt auch aus, etwas drastischer allerdings: „Teufel, Männer, wenn ich daran denke, was wir noch an dem elenden Zuber zu tun haben, kriege ich das große Kotzen.“
Gary Andrews und Bob Grey grinsten breit.
„Ihr Zwerge“, sagte der Profos drohend. „Ihr Kakerlaken. Was gibt’s denn da zu grinsen, he? Ich werde euch das schon austreiben, ihr Rübenschweine. Das Ausruhen bekommt euch wohl nicht, was, wie?“
Hasard schaute in diesem Moment jedoch genauer hin und zog verwundert die Augenbrauen hoch. Was war denn da auf seinem Schiff los? In den Wanten hingen Gestalten, soviel vermochte er im silbrigen Schein des Mondes wohl zu erkennen – aber es schien sich um drei, vier Dutzend Männer zu handeln, die an den Rahen hantierten, und so groß war seine Crew doch gar nicht.
„He“, sagte er zu Carberry und den anderen. „Dreht euch mal kurz um!“
Der Profos folgte der Aufforderung und stieß erstaunt aus: „Ja, da wird doch die Seekuh in der Pfanne verrückt!“
„Jetzt spuck ich nach Luv“, erklärte Smoky verblüfft.
Sie hatten noch mehr solcher Sprüche auf Lager, aber Dan O’Flynn unterbrach sie, ihm dämmerte es.
„Das können nur Sun Lo und seine Mönche sein!“ rief er. „Diese Kerle! Sie sind nicht in die Berge zurückgekehrt, sondern helfen beim Ausbessern der Schäden!“
So war es. Das Boot glitt bei der „Isabella“ längsseits, und kurz darauf enterten die acht Männer an Bord auf. Hier konnte der Seewolf sich davon überzeugen, wie weit die Arbeiten bereits fortgeschritten waren.
Carberry kratzte sich mal wieder am Kinn und revidierte gründlich sein Urteil über Sun Lo, den Abt von Formosa. Eigentlich hatte er ihn für einen großen Theoretiker vor dem Herrn gehalten oder, anders ausgedrückt: für einen Spinner. Inzwischen hatte er aber einsehen müssen, daß dieser alte Mann ein sehr lebensnaher Mensch war – was die angewandten Verteidigungsgriffe betraf, die Orientierung im Dickicht und die Nothilfe auf einem ramponierten Schiff.
Ben Brighton erstattete dem Seewolf Bericht, nachdem dieser ihm geschildert hatte, wie das Unternehmen an Bord der „Sao Paolo“ verlaufen war.
„Sämtliche Lecks sind abgedichtet“, sagte Ben. „Die zerstörten Teile des Schanzkleides haben wir durch neue ersetzt. Das laufende und stehende Gut ist ebenfalls in Ordnung gebracht worden. Jetzt brauchen nur noch die Segel angeschlagen zu werden.“
Sun Lo trat zu ihnen. „Ich habe von dem großen Mann mit dem grauen Bart vernommen, daß ihr im Morgengrauen aufbrechen könnt“, fügte er auf spanisch hinzu. Er meinte Shane, das war klar, Big Old Shane, der trotz seiner Rippenquetschungen tüchtig mit zugriff.
Hasard ließ seinen Blick über Deck schweifen und schaute zu den Masten und Rahen hoch. Seine Männer und die Mönche von Formosa – bei Gott, was wäre die Welt ohne solche Menschen gewesen!
Am Morgen – sehr früh, nach dem Abschied von Sun Lo und dessen Schülern – verließ die „Isabella VIII.“ die Mündung des Flusses. Eine halbe Meile vor der Küste fiel sie ab und ging platt vor den Westwind.
Eigentlich hatte der Seewolf Formosa im Westen passieren wollen. Aber er hätte kreuzen müssen, um das Westufer zu erreichen, und das hätte ihn zuviel Zeit gekostet. Er zog es vor, die große Insel im Nordosten zu runden, wieder anzuluven und auf südlichen Kurs zu gehen. So befand sich die Galeone zwar in Lee der Insel, aber der Wind wehte frisch bis handig und trieb sie rasch genug voran.
Hasard hatte Ben, Shane, Ferris, Smoky und Old O’Flynn zur Betrachtung des neuen Kartenmateri- als im Ruderhaus versammelt. Gary Andrews hatte Pete Ballie auf seinem Posten als Rudergänger abgelöst, von Zeit zu Zeit schaute auch er herüber.
Die größte, beste Karte, die der Seewolf von Sun Lo erhalten hatte, wurde mit vereinten Kräften an der Rückwand des Ruderhauses festgepinnt. Hasard nahm sie noch einmal genau in Augenschein und fuhr mit der Fingerkuppe über Linien, Farben und Eintragungen. Die Erläuterungen waren mal in chinesischer Sprache, mal in uraltem, geschraubtem Portugiesisch abgefaßt. Man wurde kaum schlau daraus.
„Alt, aber ungemein präzise“, stellte der Seewolf fest. „Ich habe Vergleiche mit meinen anderen Karten angestellt und nur bestätigen können, was Sun Lo mir gesagt hat: Nach dieser Karte können wir uns mindestens bis zu den Philippinen hin einwandfrei bewegen.“
„Woher hat der Mönch sie?“ wollte der alte O’Flynn wissen.
„Als er noch in Kanton war, hat sie ihm ein Pilger ausgehändigt“, erwiderte Hasard. „Das ist eine verworrene Geschichte, aus der ich nicht ganz schlau geworden bin. Auf jeden Fall ist diese Karte fast hundert Jahre alt. Wenn ich richtig verstanden habe, soll ein Abgesandter der Republik Venedig sie in Zusammenarbeit mit chinesischen Seefahrern ausgearbeitet haben, aber das ist für uns ja nicht von Bedeutung.“
Carberry sagte: „Wenn wir stur nach Süden laufen, segeln wir genau auf die Philippinen zu, nach, äh – Luzon.“ Er beugte sich vor und beäugte die Karte aus der Nähe. Sir John, der Papagei, wanderte schaukelnden Schrittes von seiner rechten Schulter aus auf seinen Rücken und blieb dort sitzen. „Und da“, meinte der Profos. „Da ist ja auch Manila. Legen wir dort keine – keine Rast ein?“
Shane und alle anderen im Ruderhaus grinsten, nur der Seewolf blieb ernst.
„Ich weiß es noch nicht genau“, antwortete er. „Ich werde es mir überlegen, Ed. Eigentlich wollte ich auf dem schnellsten Weg nach England zurückkehren.“
Carberry richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. Sir John verlor den Halt und landete fast auf den Planken. Er fing sich im letzten Augenblick und verließ schimpfend das Häuschen auf dem Quarterdeck.
„Sir“, begann Carberry in der Absicht, seinen Worten Gewicht zu verleihen. „Willst du dort der königlichen Lissy die Beute abliefern?“
„Soweit sind wir noch nicht, Ed.“
„Natürlich steht es mir nicht zu, dir in den Kram zu reden“, fuhr der Profos fort. „Aber, äh, bei unserem letzten Besuch sind wir nicht gerade – zuvorkommend behandelt worden.“
Hasard musterte ihn aufmerksam. „Abgesehen von unseren Schätzen und der Königin, Ed, zieht es dich manchmal nicht auch nach Old England zurück?“
„Ich …“
„Ed“, sagte Old O’Flynn mit süßsaurem Grinsen. „Bald ist Weihnachten. Und beim dicken Plymson gibt’s dann fetten Schweinebraten.“
„Ach, hör doch auf“, sagte der Profos brummig.
Hasard sah auf die kleinen Inseln, die Luzon im Norden vorgelagert waren, und prägte sich ihre Namen ein. Er überlegte ein wenig, sah dann wieder zu den Männern und sagte: „Eins wissen wir alle genau. Die Jagd ist noch nicht zu Ende. Die Dons scheinen in dieser Gegend ganz wild darauf zu sein, uns zu packen. Vielleicht hängt das mit unserem Überfall auf die Manila-Galeone zusammen. Wie die ‚Isabella‘ aussieht, scheint sich zumindest in der Umgebung der Philippinen herumgesprochen zu haben. Wir werden immer mehr Feinde im Nacken haben.“
„Mit anderen Worten, sie sitzen uns auf dem Pelz wie die Zecken am Arsch der Kuh“, erklärte Edwin Carberry.
Gary Andrews hätte fast losgeprustet, aber er besann sich im letzten Augenblick. Ferris Tucker holte tief Luft, dann entgegnete er: „Das hast du fein gesagt, Ed, wirklich.“
„Will ich auch meinen“, brummte der Profos.
Hasard verzog keine Miene. „Manila ist eine Hochburg der spanischen Kolonisation. Trotzdem segeln wir den Dons in den Rachen. Ich will in den Indischen Ozean, und der kürzeste Weg führt westlich an den Philippinen vorbei. Eine offene Frage: Hat jemand Einwände?“
Er blickte von Mann zu Mann.
Sie schwiegen.
Einwände? Nein, die hatten sie nicht, wenn es darum ging, die Spanier zu reizen. Der Seewolf war mal wieder tollkühn genug, keinen Umweg zu wählen. Aber auch seine Achterdecksmänner waren keineswegs bereit, irgendwelche schalen Kompromisse mit dem Feind einzugehen. Und die Männer der Kuhl und des Vordecks waren der gleichen Meinung. Carberry hätte dafür seine Hand ins Feuer gelegt, sofort, auf der Stelle. Er wäre auch bereit gewesen, die Pranke in siedendheißes Wasser zu tauchen, wie’s die Mönche von Formosa bei ihren Übungen taten, oder über glühende Kohlen zu laufen, so felsenfest war er vom Zusammenhalt der Crew überzeugt.
„Mehr noch“, sagte der Seewolf. „Ich lenke die Verfolger absichtlich auf meine Fährte. Wir müssen sie von Formosa weglocken, damit Sun Lo und seine Glaubensbrüder für einige Zeit Ruhe vor diesen eroberungssüchtigen Kerlen haben.“
„Gute Idee“, sagte Shane. „Du glaubst also, die letzte heile Galeone aus dem portugiesischen Kriegsschiff-Verband trifft vor der Nordküste ein und fischt die Schiffbrüchigen der ‚Sao Paolo‘ auf?“
„Ich rechne fest damit.“
Hasard wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß noch ein sechster Segler zu dem Verband zählte. Hätte er es erfahren, hätte er sich aber auch nicht gewundert. Sechs, sieben, acht Galeonen – je stärker ein Verband war, desto mehr Chancen hatte er, auf die Dauer gegen Piraten und Korsaren zu bestehen. Die Zahl derer, die Spanien gern etwas von seinem Reichtum entrissen, wuchs ständig, ganz abgesehen von den unterschiedlichen Motiven, aus denen die Kaperfahrten gegen die Flota unternommen wurden.
Hasard trat mit seinen Männern auf das Quarterdeck hinaus.
„Etwas anderes“, sagte er. „Donegal ließ es eben anklingen – bald ist Weihnachten. Ich habe Berechnungen angestellt und herausgefunden, daß heute tatsächlich schon Heiligabend ist.“
Carberry strahlte plötzlich, was seinem narbenverwüsteten Gesicht einen bedenklichen Anstrich gab. „Das muß gefeiert werden — oder, Sir?“
„Ja. Der Kutscher soll heute nachmittag Whisky und Rum auffahren – und die Kuchen, die er gebacken hat.“
5.
Am Nachmittag dieses Tages traf die „Santa Luzia“, die Lucio do Velho und Ignazio, den Mann aus Porto, tatsächlich von dem winzigen Eiland aufgenommen hatte, vor der Nordküste von Formosa ein. Lucio do Velho stand auf dem Achterdeck neben dem Kapitän Braga de Sor, als der Ausguck im Vormars die Boote entdeckte.
Sein Ruf weckte Alarmstimmung. Vorsichtshalber ließ de Sor klar zum Gefecht rüsten, aber wenig später stellte sich heraus, daß es sich bei den Männern in den beiden großen Booten und der kleineren Jolle um Landsleute handelte.
Damit nicht genug: Von der „Santa Luzia“ aus erkannte man den Kapitän Nuno Goncalves, den ersten und den zweiten Offizier sowie den Bootsmann von der „Sao Paolo“.
Sofort ließ der Capitán Braga de Sor alle erforderlichen Manöver für die Übernahme der Schiffbrüchigen durchführen.
Die erste Frage, die de Sor seinem Rangkollegen Goncalves stellte, als dieser an Bord stieg, lautete: „Wo ist Ihr Schiff, Senhor?“
Goncalves zuckte mit den Schultern.
Redseliger wurde er, als kurze Zeit darauf ein zweites Schiff an der Stätte der Begegnung erschien – die „Bahia Blanca“, das fünfte Schiff des Verbandes.
Die Verspätung, mit der sie auftauchte, war folgendermaßen zu erklären: Kapitän Vincenzo Cunhal hatte zunächst die Überlebenden aus dem Gefecht mit der „Isabella“ aufgesammelt, während die „Sao Paolo“ weiter dem Schiff der englischen Korsaren gefolgt war. Zu den Männern, die sich von dem versenkten Flaggschiff „Bartolomeu Diaz“ und der dritten Galeone „Vasco da Gama“ hatten retten können, gehörte auch der Kommandant des Verbandes: Silvan da Odemira. Er hatte sofort den Befehl über die „Bahia Blanca“ übernommen und die Inseln im Norden von Formosa abgesucht, in der Hoffnung, auf die „Sao Fernao“ von Lucio do Velho und die „Santa Luzia“ des Braga de Sor zu treffen. Anschließend war er nach Süden abgelaufen, hatte jedoch zunächst die Westküste von Formosa erreicht.
An Bord der „Bahia Blanca“ fand nun eine Versammlung des Kommandanten und der vier Kapitäne statt.
„Der Seewolf hat die ‚Sao Paolo‘ entführt“, sagte Nuno Goncalves niedergeschlagen. „Anders kann es nicht sein. Sie ist spurlos verschwunden. Seit dem Morgengrauen suchen wir sie – ohne Erfolg.“
„Unmöglich“, widersprach do Velho sofort. „El Lobo del Mar hat nicht genügend Kerle zur Verfügung, um auch ein zweites Schiff zu bemannen. Außerdem – wenn er eine zweite Galeone gewollt hätte, hätte er schon die ‚Sao Fernao‘ als Prise genommen.“
„Do Velho“, wandte sich der Kommandant an den Mann mit der mimischen Begabung. „Was ist eigentlich mit Ihrem Schiff passiert?“
Do Velho schilderte, was sich in der Bucht der kleinen Insel nördlich von Formosa ereignet hatte. Er schloß mit dem Bericht über Vicentes und Carlos’ Meuterei, dann sprach er noch einmal über die „Sao Paolo“: „Ich bin der Ansicht, die Engländer haben sie versenkt. Ich wäre bereit, einiges darum zu verwetten.“
Silvan da Odemira stand eine Weile fassungslos da. „Vier gut armierte Kriegsgaleonen vernichtet – und auf welche Art! Es ist kaum zu glauben. Ich bin – zutiefst erschüttert.“
Die Kapitäne und die Offiziere entgegneten nichts. Sie hatten die Befürchtung, von ihrem Comandante für das ganze Mißgeschick verantwortlich gemacht zu werden. Goncalves beschloß im stillen, die Schuld für die Niederlage in der Nacht auf jeden Fall auf jene Männer der „Sao Paolo“ abzuwälzen, die feige die Flucht ergriffen hatten. Ja, darin lag seine Chance.
Der Kommandant war jedoch auf etwas anderes aus.
„Wir werden jetzt so vorgehen“, sagte er. „Nehmt eins der Beiboote. Bemannt es. Do Velho, Sie leiten das Unternehmen. Goncalves, Sie führen unsere Leute zu der Stelle, an der die ‚Sao Paolo‘ vor Anker gelegen hat. Taucher sollen sich vergewissern, welche Version nun die richtige ist.“
Eine Stunde später war auch dies geschehen. Beinah triumphierend verkündete do Velho auf der „Bahia Blanca“ das Ergebnis seiner Nachforschungen. Er war selbst mitgetaucht, um Solidarität und Gründlichkeit hervorzukehren – und er hatte die „Sao Paolo“ auf dem Grund des Meeres ruhen sehen.
„Wir können sie nicht bergen“, erklärte er. „Nicht so. Wir benötigen mehr Schiffe und Spezialausrüstungen.“
Der Kommandant schüttelte den Kopf. „Nein. Ich plane nichts in der Richtung. Wir müssen den Seewolf fassen, das ist vordringlich.“
„Er ist noch auf der Insel“, stieß Goncalves hervor.
„Wir müssen landen!“ Vincenzo Cunhal schrie es.
„Wir schießen jeden nieder, der sich uns in den Weg stellt“, fügte Braga de Sor erbittert hinzu.
Ihre Ausrufe rangen Silvan da Odemira nur ein freudloses Lächeln ab.
„Nein“, sagte er noch einmal. „Sie irren sich, Senhores. Der Gegner Spaniens und Portugals, des Vereinigten Königreiches, ist fort. Ich ahne, wohin er unterwegs ist. Darum werden wir nicht auf Formosa landen, sondern unsere Fahrt unverzüglich fortsetzen. Ich weiß, ich weiß, das weicht erheblich von unserer ursprünglichen Order ab. Aber ich frage Sie, was ist wichtiger? Formosa zu besetzen und die Mönche zu unterwerfen – oder Killigrews schimpflichem Werk ein Ende zu setzen?“
Do Velho fand, daß der Kommandant Veranlagungen hatte, die ihm eine Karriere als Hofschauspieler gesichert hätten.
Ungefähr im gleichen Tonfall und mit derselben gedrechselten Ausdrucksweise antwortete er: „Wir müssen die Spur des Seewolfs wiederfinden, mi comandante. Das Unternehmen Formosa kann zweifellos warten.“
„Richtig, do Velho. Ich weiß, daß Sie zu den fähigsten Männern zählen, die die Armada von morgen vielleicht in einen entscheidenden Kampf gegen England führen. Wohin hat sich der Feind Ihrer Meinung nach gewandt?“
„Nach den Philippinen“, erwiderte do Velho, ohne zu überlegen.
„Absurd“, erwiderte Goncalves. „Er müßte ja wahnsinnig sein …“
„Er tut immer das, was man am wenigsten von ihm erwartet“, sagte Lucio do Velho gelassen. „Ich kann nur raten, an der Ostküste von Formosa entlangzusegeln. Ja, dort stoßen wir wieder auf die ‚Isabella‘, nicht auf der Westseite. Der Seewolf hat den einfacheren Weg gewählt. Er weiß, daß wir nicht von ihm ablassen.“
„Das ist genau meine Meinung“, pflichtete der Kommandant des Verbandes ihm bei, obwohl er ganz und gar nicht sicher gewesen war, welche Richtung er einschlagen solle. „Segel setzen!“ rief er dann. „Wir gehen auf Ostkurs, bis das Nordostkap erreicht ist.“
Lucio do Velho begab sich mit Vincenzo Cunhal zurück auf die „Bahia Blanca“. Dort sollte er auf da Odemiras Geheiß hin zunächst bleiben.
Do Velho verging nicht vor Haß gegen den Seewolf, er spürte die alte Kaltblütigkeit und Abgefeimtheit in sich zurückkehren. Das Verlangen, sich die Belohnung zu verdienen und auf der Karriereleiter aufzusteigen, stand weit über seinen Rachegefühlen gegen Philip Hasard Killigrew und dessen Crew.
Aus Berechnung war er zu einem der grimmigsten Seewolf-Hetzer geworden. Und noch etwas: Er sah sich vor der ehrenvollen Aufgabe, Manila vor dem Seewolf zu warnen und zu schützen. Silvan da Odemira überging er im Geist – er, do Velho, wollte alles daransetzen, möglicherweise vor der „Isabella“ in Manila zu sein und dort wieder eine Falle aufzubauen, eine neue, bessere Falle, aus der es kein Entrinnen mehr gab.
Ob es gelang, stand noch in den Sternen.
In einem aber war do Velho völlig überzeugt. Manila war das Ziel des Seewolfs. Er würde nicht daran vorbeisegeln. Niemals. Die Verlockung war zu groß. Ein Raid wie dieser mußte einen Mann von Killigrews Format reizen.
Noch am späten Nachmittag dieses Tages gelangten die „Bahia Blanca“ und die „Santa Luzia“ an die Ostküste von Formosa. Von der „Isabella VIII.“ war zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Mastspitze zu sehen, weder an der östlichen noch an der südlichen Kimm.
Die Stimmung an Bord der großen Galeone war grandios. Zwölf Flaschen waren bereits entkorkt und geleert worden, und von den Kuchen, die der Kutscher schon vor Formosa in der Kombüse gebacken hatte, war kein Krümel übriggeblieben. Ja, Arwenack und Sir John hatten sogar ihre liebe Not gehabt, etwas von dem Gebäck zu ergattern.
Jeff Bowie hatte inzwischen kein Fieber mehr, seine Wunde an der rechten Schulter verheilte schnell und bot laut Auskunft des Kutschers keinerlei Anlaß zu Bedenken. Al Conroys Gehirnerschütterung war schon gar nicht mehr der Rede wert.
Stenmark hinkte zwar noch mit seinem verwundeten rechten Bein, er hatte bei dem Gefecht gegen die Portugiesen Splitter abgekriegt. Aber er war im großen und ganzen wieder auf dem Damm. Bei den Ausbesserungen am Schiff hatte auch er tüchtig mitgeholfen.
Die Rippen, die er sich geprellt hatte, setzten Big Old Shane noch ein bißchen zu, aber er scherte sich den Teufel darum, bewegte sich, wie es ihm paßte, und trank Rum und Whisky.
Luke Morgan wurde immer wieder aufgezogen. Er hatte sich nämlich seines Kopfverbandes entledigt – und darunter glänzte eine wunderschöne Glatze. Der Kutscher hatte ihm zu totalem „Kahlschlag“ verholfen, weil er anders die Kratzer auf Lukes Schädel nicht hätte verarzten können. Luke ließ die Witze, die die Kameraden rissen, geduldig über sich ergehen, auch Carberrys Bemerkung, Will Thorne, der Segelmacher, könne ja versuchen, dem armen Luke ein paar Bündel Garn aufs Haupt zu nähen, damit Ersatz da wäre. Was sollte Luke sonst tun? Er seufzte und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.
Matt Davies wischte sich die Lippen mit dem Handrücken ab. „Eine satte Weihnachtsfeier ist das. So gemütlich haben wir’s schon lange nicht mehr gehabt.“
„Jetzt fehlt uns nur noch ein Fettkloß wie Nathaniel Plymson, einer, den man ordentlich durch die Mangel drehen kann“, sagte Bob Grey grinsend. Er wandte den Kopf und blickte wie zufällig zu Bill, dem Schiffsjungen. Der zog sich vorsichtshalber ein Stück zurück und suchte die Nähe Carberrys.
Carberry war ein rauher Geselle, aber Bill pflegte er meistens väterlichbesorgt unter seine schützenden Fittiche zu nehmen, wenn jemand auf den Moses losging.
Sam Roskill, nach gut einer Flasche Rum leidlich angeheitert, vollführte eine wegwerfende Handbewegung. „Brauchen wir nicht. Wir amüsieren uns auch so prächtig. Ja, wenn uns ein gütiger Geist einen Schwung Weiber an Bord zaubern würde, wäre das was anderes. Ho, dann würden wir hier die Mäuse auf dem Tisch tanzen lassen und …“
„Es ist Weihnachten“, sagte der Kutscher. „Habt ihr das vergessen?“
„Na und?“ Sam war verblüfft.
„Kein Fest zum ’rumhuren“, erklärte Matt Davies. „Das meinst du doch, Kutscher, oder?“
„Mann“, sagte Sam Roskill. „Halt die Luft an und red kein dummes Zeug, Kutscher. Kaplan hättest du werden sollen, Bordapostel, das wäre das richtige für dich gewesen.“
Der Kutscher wollte aufbrausen, was eigentlich sonst nicht in seiner Art lag. Aber der Schnaps hatte auch sein Gemüt angeheizt. Luke Morgan schien unterdessen auch auf die Palme steigen zu wollen, denn er wurde schon wieder von Stenmark und Batuti wegen seiner Glatze durch den Kakao gezogen. Bis jetzt hatte er sich zusammengenommen, aber er konnte seinen Jähzorn nun nicht mehr bremsen.
Matt rieb sich die Hände. „Sehr gut, das gibt bestimmt gleich eine Keilerei. Was für eine schöne Feier.“
Old Donegal Daniel O’Flynn, der schon seit einiger Zeit mit seinen Krücken über die Kuhl stakte, blieb vor Matt stehen.
„Mal bloß nicht den Teufel an die Wand, Matt Davies“, sagte er. Seine Miene war mal wieder griesgrämig, was bei ihm durchaus nichts Außergewöhnliches war. „Übermut tut selten gut.“
Matt schaute auf. „He?“
„Ich sage, du sollst es nicht berufen.“
„Wie denn – was denn?“
„Hähne, die tagsüber krähen, holt am Abend der Fuchs.“
Matt grinste. „Es geht doch auf den Abend zu …“
„Egal. Man soll nie so übermütig sein.“
„Verdirb mir nicht den Spaß am Fest, Mann“, sagte Matt Davies drohend. „Das ist unfair, Donegal. Klopf deine Sprüche woanders, meinetwegen beim Kutscher oder beim Moses. Aber laß mich mit deiner Unkerei in Ruhe.“
„Spiel dich nicht so auf, Matt Davies“, fauchte der Alte. „Sonst schnall ich mein Holzbein ab und laß es auf deinem Rücken tanzen.“
Matt, der keiner Rauferei aus dem Weg ging, stand vom Rand der Kuhlgräting auf. „Dann mal los. Knüppel aus dem Sack. Wollen doch mal sehen, wie weit du kommst, Old Hinkebein.“
„Paß auf, wie du sprichst, du einarmiger Hurenbock“, zischte Donegal.
Carberry war zur Stelle und hieb dem Alten auf die Schulter, daß es dröhnte. Erstaunlich war, daß O’Flynn trotzdem das Gleichgewicht hielt und nicht einmal zusammenzuckte.
„Los, alter Nörgelpott!“ grölte der Profos. „Wir reißen ein Faß auf, daß die ‚Isabella‘ wackelt.“ Er zog O’Flynn mit sich fort, und die Angelegenheit verlief im Sande.
Carberry ging mit dem alten Donegal zum Seewolf aufs Quarterdeck, blieb stehen und sagte. „Sir, es ist besser, wenn wir die Rum- und Whiskyvorräte jetzt unter Verschluß nehmen. Das Ganze artet sonst in ein Besäufnis aus.“ Er selbst war stocknüchtern, obwohl er mindestens eine Viertelgallone Whisky in seinen Rachen gekippt hatte. Er konnte wüste Mengen vertragen.
„Gut“, entgegnete der Seewolf. „Der Kutscher und Will Thorne sollen das übernehmen und die noch vollen Flaschen wegschaffen. Ed, du überwachst das Ganze, damit es kein Hickhack gibt.“ Hasard lächelte. Er fand die Angelegenheit amüsant, wußte gleichzeitig aber auch, wie gefährlich sie sich entwickeln konnte.
Old O’Flynn atmete auf. „Endlich mal einer, der zur Vernunft kommt. Ich sage ja, bald haben wir nichts mehr zu lachen, ob ihr’s nun glauben wollt oder nicht.“ Mit der rechten Krücke wies er nach Nordosten.
Hasard und der Profos blickten in die angegebene Richtung und sahen, was sich über dem Horizont zusammenbraute. Schwarze und graue Wolkengebilde schoben sich klumpenförmig ineinander und türmten sich auf.
„Solange der Wind aus Nordwesten bläst, brauchen wir uns keine grauen Haare wachsen zu lassen“, sagte Carberry. „Wir haben gute Fahrt drauf und segeln dem Wetter mühelos davon.“
„Der Wind springt bald um“, orakelte der Alte.
„Hör auf …“
„Wir kriegen was aufs Haupt. Ich schwöre euch, diesmal packt uns ein Taifun.“ Old Donegal konnte es nun mal nicht lassen.
Ed Carberry stieg wieder auf die Kuhl hinunter und kümmerte sich um die „Trockenlegung“ der Crew. Ganz ohne Komplikationen lief das nicht ab. Bob Grey merkte, wie der Kutscher heimlich eine ungeköpfte Flasche Rum wegschaffen wollte.
Er protestierte lautstark, und als der Profos drohend anrückte, erklärte er: „Wir brauchen doch noch was, um Lukes Glatze zu begießen. Wie sollen da sonst jemals wieder Haare sprießen?“
Carberry griff hart durch und verschaffte sich wieder den erforderlichen Respekt. Anders ging es nun mal nicht. Dies war eine Meute salzgewässerter Rauhbeine, kein frommer Verein wie Sun Los Klosterschüler. Die Beachcombers hatten sich schon lange nicht mehr richtig ausgetobt, und da war es nicht gerade einfach, sie wieder an die Kandare zu kriegen.
Am besten kam Dan O’Flynn bei der Sache weg. Er hockte im Großmars und hatte die ihm zugeteilte, zumutbare. Ration Rum noch nicht halb verkonsumiert – obwohl er Arwenack, den Schimpansen, an der Schluckerei teilhaben ließ. Kein Profos erschien, um die beiden um ihren Schnaps zu bringen. Und so tranken sie seelenruhig und ganz gemächlich weiter, während unten auf Deck die Crew bereits lange Gesichter hatte.
Dans Vater hatte unterdessen das Ruderhaus aufgesucht und belästigte den Rudergänger Pete Ballie mit seiner Schwarzmalerei. Pete ließ es über sich ergehen. Er gab auf Old Donegals Gerede genausowenig wie die anderen.
Nur Hasard stand inzwischen am Schanzkleid des Hecks und spähte nach Nordosten. So ganz aus der Luft gegriffen war O’Flynns düstere Vorausschau nicht. Er wußte sie nur nicht glaubhaft vorzutragen.
Die Windrichtung konnte sehr schnell wechseln, gerade hier. Mehrfach waren die Seewölfe vor den Tücken der Chinesischen See gewarnt worden, zuletzt von Sun Lo. Hasard unterschätzte diese gutgemeinten Hinweise nicht, und es tat ihm jetzt, am Spätnachmittag, fast leid, der Mannschaft einen zünftigen Umtrunk gestattet zu haben.
In ihrer Euphorie neigten sie eher dazu, alles zu bagatellisieren. Mit einem Wetterumschwung rechneten sie nicht. Dazu war die Ausgelassenheit auf Deck noch viel zu groß.
Aber irgendwo hört der Spaß bekanntlich immer auf. Er endete irgendwo zwischen Formosa und den Batan-Inseln, die Luzon im Norden vorgelagert waren. In der Dämmerung schralte der Wind. Er pfiff nun tatsächlich aus Nordosten – und die See wurde kabbelig. Die „Isabella“ begann in der See zu schwanken und zu taumeln, und das Wetter verschlechterte sich von Minute zu Minute. Es wurde zunehmend kälter. Im Einfallen der Dunkelheit heulte ein fast eisiger Wind in den Luvwanten und Pardunen der „Isabella“, ein Sturm, wie er schneidender nicht über den Nordatlantik hätte toben können.
Die Galeone wurde geschüttelt, sie tauchte in immer tiefere Wogentäler. Ein schwerer Sturm rollte von Nordosten an und setzte das Schiff gefangen, aber er schien seinen Höhepunkt bei weitem noch nicht erreicht zu haben.
Ja, der alte O’Flynn behielt wirklich recht.
Die „Isabella“ geriet in einen höllischen, vernichtenden Taifun.
6.
Plötzlich war die Crew stocknüchtern. Alle die abfälligen, verächtlichen Kommentare wie „Wir haben schon ganz andere Stürme abgeritten“ blieben den Männern im Hals stecken. Denn daß dieses Wetter nicht mit alldem zu vergleichen war, was sie bisher erlebt hatten, wurde ihnen schnell klar. Illusionen schufen sie sich nicht, dazu waren sie zu erfahren. So schnell abklingen, wie es herangerast war, würde dieses Sturmtosen ganz gewiß nicht.
Dan O’Flynn auf seinem luftigen Posten hatte sich von der leeren Rumflasche getrennt, und jetzt schickte er sich an, den Großmars zu verlassen. Wild schwang der Hauptmast, Dan hatte Mühe, sich festzuklammern. Er kämpfte mit zusammengebissenen Zähnen darum, nicht in die See geschleudert zu werden.
Arwenack hatte ähnliche Schwierigkeiten. Er enterte klagend in den Leewanten ab. Dan hangelte dicht über ihm. Er war um die Nasenspitze herum bleich geworden. Fast hätte er den richtigen Augenblick, die letzte Chance versäumt, den Großmars zu verlassen. Jedes weitere Zögern hätte ihn den Kopf gekostet, denn im Taifun hielt sich höchstens noch ein Wunderwesen, das mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet war, in dem verdammten Großmars.
Aufatmend erreichte Dan die Kuhl. Er half mit, die Manntaue zu spannen. Carberrys Gebrüll klang in diesen Sekunden richtig anheimelnd. Dan war froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein. Der Rum, der eben noch seinen Geist sanft umnebelt hatte, verflog wie ein Dunsthauch unter der Sonnenglut.
Der Seewolf hatte mitgeholfen, Pete Ballie im Ruderhaus festzubinden. Jetzt hangelte er an den Manntauen übers Quarterdeck.
Er stieg zu Dan auf die Kuhl hinunter und rief ihm zu: „Keine Insel in Sicht, nicht wahr, Dan?“
„Keine. Sonst hätte ich es dir gemeldet.“
„Natürlich. Wir müssen uns durchboxen!“
„Ja!“ rief Ben Brighton, der oben an der Five-Rail stand. „Etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Himmel, was wird das bloß?“
Keiner gab ihm eine Antwort darauf. Er hatte sie auch nicht erwartet. Der Taifun peitschte sie voran, aber wer wußte schon, wie stark dieses Orgeln und Wüten sich noch entwikkelte?
Hasard hatte seemännische Bücher, in denen ein Taifun als ein „heftiger, in der Chinesischen See vorherrschender Drehsturm“ beschrieben wurde. Das war eine geradezu milde Bezeichnung. „Taifung“, dieses Wort stammte aus dem Chinesischen und bedeutete soviel wie „großer Wind“. Aber auch das war nicht ausreichend, um die Wucht und Ungeheuerlichkeit eines solchen Wetters wiederzugeben.
Ein Mann namens Coelius hatte es jüngst in einem schriftlichen Bericht bildhafter ausgedrückt: „Erschröckliche Ungestüme, die man Tifun nennt, die vierundzwanzig ganze Stunden währen.“
Jawohl – sie konnten auf etwas gefaßt sein.
Wie viele Minuten waren vergangen, fünf, zehn? Hasard wußte es nicht, und er grübelte auch nicht darüber nach. Taifun und Finsternis bildeten einen grausigen Verbund und fielen wie Monstren über das Schiff und seine Mannschaft her. Die Nacht war nicht mehr der traute Verbündete der Seewölfe, es war, als wäre man einem Verrat anheimgefallen.
Hasard hatte die Sturmsegel setzen lassen. Während das Deck unter ihm schlingerte und er Mühe hatte. sich zu halten, blickte er immer wieder zu den Masten auf. Sie knackten und knirschten bedrohlich, und wenn die schweren Brecher gegen die „Isabella“ krachten, tönte es bis in die tiefsten Verbände, als müsse die Galeone jeden Augenblick zerbersten.
„Hölle und Teufel!“ brüllte Ferris Tucker. „Gerade haben wir den Kahn so schön instand gesetzt — und jetzt das! Das nächste Mal rühren wir keinen Finger mehr für die Scheißlady, das kommt aufs selbe heraus.“
Keiner lachte darüber. Alle hatten begriffen, welchen Ernst die Lage hatte. Es fiel auch keinem der Männer ein, noch länger über Old Donegal Daniel O’Flynn und dessen Unkerei herzuziehen. Bei der Annäherung an die „Sao Fernao“ hatte der Alte recht gehabt – es war eine Falle gewesen. Diesmal hatte er wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Ja, hatten sie denn wirklich ernsthaft angenommen, er gehöre zum alten Eisen und leide unter Verkalkung?
„Ben!“ schrie der Seewolf. „Shane, Ferris, Ed!“
„Sir?“ meldete sich der Profos aus der Gischt über der Kuhl. Auch Brighton, Tucker und der ehemalige Schmied von Arwenack-Castle antworteten.
„Wir bringen achtern eine Trosse aus!“ brüllte Hasard gegen das Tosen des Taifuns an. „Alle verfügbaren Männer zu mir!“
Wenig später fierten sie die armdicke Trosse durchs Hennegat ab und befestigten ihre Enden in einem tiefliegenden Raum des Achterkastells. Die Trosse bildete im Kielwasser der „Isabella“ eine riesige Schleife. Diesen Trick hatte Hasard von seinem Pflegevater John Killigrew gelernt, und er wandte ihn nicht zum erstenmal an. Schon mehrfach hatte die Trosse im Sturm den gewünschten Erfolg gezeitigt und dem Schiff mehr Stabilität und eine ruhigere Lage in den aufgewühlten Fluten verliehen.
Nicht im Taifun.
Kaum hatten Hasard und seine Helfer die Trosse nach allen Regeln der Kunst um die Balken des Achterkastells belegt, da wurden sie von einer unsichtbaren Kraft gepackt und durcheinandergeschleudert. Sie stießen sich die Köpfe, Gliedmaßen und Leiber, sie fluchten, was das Zeug hielt, aber an der Situation vermochten sie auch nichts zu ändern.
Noch heftiger hatte der Taifun die große Galeone gepackt.
Hasard rappelte sich als erster wieder auf und stürmte nach oben. Er wurde nach rechts gerissen, glitt auf den Stufen eines Niederganges aus und stürzte. Hätte er sich nicht blitzschnell mit den Händen abgestützt, wären ihm mindestens ein paar Beulen und Abschürfungen sicher gewesen.
Er erhob sich wieder und taumelte nach oben. Der Weg glich dem Herumirren eines Stockbetrunkenen, eines Fallsüchtigen, der Seewolf konnte sich nicht dagegen wehren. Zu wild schlingerte die „Isabella“. Fast verzweifelt kämpfte er sich bis auf die Kuhl vor. Er hatte Glück, gleich eins der Manntaue zu fassen zu kriegen, sonst wäre er von einem eben über Deck rauschenden Brecher zweifellos erfaßt und außenbords gerissen worden.
Ein rascher Blick in die Höhe zeigte ihm, daß die Sturmsegel in Fetzen hingen. Bedrohlich bogen sich die Maststengen im Wind. Beten, dachte Hasard, hier nutzt nur noch beten … Im selben Moment erklang auf dem Quarterdeck ein Schrei. Hasard setzte sich wieder in Bewegung. Er klomm einen glitschigen, steilen Hang hoch und hatte kaum noch ein Empfinden dafür, daß dies das Kuhldeck, dies sein Schiff war. Es brüllte, dröhnte und donnerte, unter ihm schien die „Isabella“ ein diabolisches Eigenleben zu entwickeln, und der Hang verwandelte sich in eine gefährliche, abschüssige Landschaft.
Hasard klammerte sich wieder fest, rutschte am Manntau und erreichte mit den Füßen das Backbordschanzkleid. Hier und da sah er die Gestalten von Männern aus Schaum und Gischt auftauchen.
„Räumt das Deck!“ schrie er ihnen zu. „Bringt euch in Sicherheit, verdammt noch mal! Es hat alles keinen Zweck mehr!“
Mit verbissener Miene kletterte er den Niedergang zum Quarterdeck hoch. Im nachhinein war ihm später nicht mehr ganz klar, wie er das Ruderhaus erreicht hatte. Mehr kriechend als aufrecht dahinstolpernd gelangte er jedenfalls hin. Nur Pete Ballie konnte den Schrei ausgestoßen haben.
Hasard fühlte, wie eine eisige Hand nach seinem Herzen griff.
Das Ruderhaus war nur noch ein Trümmerhaufen. Ein besonders starker Brecher mußte es zermalmt haben, oder der elende, verfluchte Drehwind hatte an dieser Stelle solche Macht gehabt, daß er das Ruderhaus glatt zerfetzt hatte.
Hasard räumte die Trümmer auseinander, er war wie besessen am Werk, riskierte, von Bord gespült zu werden, und bemerkte nicht, wie jetzt auch Ben, Ferris, Carberry und Smoky eintrafen, um ihm zu helfen.
Sie legten Pete Ballie frei.
Pete war immer noch festgebunden, das war sein Dilemma. Er lag unter dem zerborstenen Ruderrad begraben und stieß die unflätigsten Verwünschungen aus. Hasard zog sein Messer, zerschnitt das Haltetau und half seinem Rudergänger, aus der lebensgefährlichen Falle zu kriechen.
„Hast du dir was gebrochen?“ schrie Ben Brighton.
„Weiß ich nicht!“ brüllte Pete keuchend zurück.
„Das mußt du doch wissen!“ schrie der Profos.
„Ich hab mich noch nicht gefragt!“ rief Pete Ballie, und es klang verzweifelt.
Dann leuchtete ihm ein, was für einen Witz er losgelassen hatte, und er lachte mit Hasard und den anderen. Ja, sie lachten, im mörderischsten Taifun wollten sie sich plötzlich ausschütten vor Lachen. Es war ein wildes, fast irrsinniges Lachen, das ihre Gefühle freilegte. Die Seewölfe heulten gegen das Orgeln der entfesselten Naturgewalten an, aber sie hatten keine Hoffnung mehr, aus dem Chaos zu entkommen.
Sie arbeiteten sich auf Hasards Wink hin zum Niedergang und krochen auf die Kuhl hinunter. Das Quarterdeck war ein gefährlicher Platz, auf dem sie sich auf die Dauer nicht halten konnten. Die Kuhl bot kaum größere Chancen, den Hieben von Sturm und See zu trotzen, aber von dort aus gelangte man durchs Schott ins Achterkastell. Unter Deck lag die letzte Hoffnung. Sie hieß, nicht allein inmitten der Fluten zu ersaufen, sondern mit der „Isabella VIII.“, ihrer guten alten, vertrauten Lady mit dem verzierten Hintern.
„Schockschwerenot!“ röhrte Carberrys Organ. „Wenn ich das hier heil überstehe, saufe ich eine Pulle Rum ohne abzusetzen aus.“
„Und im Stehen!“ schrie Ferris Tucker.
„Worauf du einen lassen kannst!“
„Wie wär’s mit zwei Flaschen?“ rief Ben Brighton mit aller Macht – nur, um die aufsteigende Panik irgendwie zu bekämpfen. „Der Vorrat ist noch groß genug, wir brauchen ihn bloß zu plündern.“
„Mister Brighton!“ brüllte der Profos. „Das ist undiszipliniertes Verhalten, verstanden? Das ist ja schon fast ein Aufruf zur …“
Das Wort Meuterei blieb ihm in der Kehle stecken, denn er hatte einen Schwall Wasser in den Mund gekriegt. Prustend stieß er ihn wieder aus. Sie lagen auf Deck und Niedergang, klammerten sich an den Manntauen fest und warteten, bis der Brecher über sie hinweggerast war. Fluchend schoben sie sich weiter, rappelten sich auf und trachteten, das Achterdecksschott zu erreichen.
Die „Isabella“ krängte wieder nach Backbord. Ein Ächzen lief durch den Schiffskörper. Hasard registrierte als erster, was sich plötzlich auf der Kuhl abspielte, und er hatte das Gefühl, ein Hagel von Eispickeln ginge auf seinem Rücken nieder.
Eine der Culverinen auf der Backbordseite der Kuhl hatte sich halb gelöst. Sie wurde nur noch von der einen Brook gehalten, die ein Zurückrollen über Deck verhindern sollte. Im Vorwärtspoltern wurde sie nicht mehr gebremst. Sie donnerte voran und rammte sich mit ihrem vollen Gewicht in die Stückpforte des Oberdecks, daß der Lukensüll fast herausbrach.
Die ganze Zeit über hatte der Seewolf mit . etwas Derartigem bereits gerechnet. Er hielt sich mit aller Macht an den Manntauen fest und hangelte auf dem stark abschüssigen Deck auf den 17-Pfünder zu. Er konnte den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen. Wenn die „Isabella“ zur anderen Seite krängte, konnte auch das zweite Brooktau reißen. Dann raste die Culverine wie ein Riesengeschoß quer über die Kuhl und zerschmetterte an Steuerbord das Schanzkleid, und falls in diesem Augenblick ein Mann im Wege stand, mußte es ihn zermalmen.
Hasard hatte den schweren 17-Pfünder erreicht. Immer noch lag die „Isabella“ auf ihrer Backbordseite, als müsse sie jeden Moment kentern.
Hasard arbeitete mit fliegenden Fingern und versuchte, das lose Brooktau wieder zu belegen. Aber das stieß auf unverhoffte Schwierigkeiten. Das Tauwerk war an zwei Stellen gebrochen. Es war unmöglich, es durch Knoten wiederherzustellen und sich gleichzeitig am Manntau festzuhalten. Hasard fluchte.
Eine Gestalt sauste plötzlich an ihm vorbei – die von Ben Brighton. Es sah so aus, als würde der eigene Schwung den Bootsmann und ersten Offizier über die Oberkante des Schanzkleides befördern. Hasard stieß einen Ruf aus und streckte die Hand aus.
Ben stand ohne Halt für zwei, drei Sekunden auf dem überfluteten Schanzkleid. Er ruderte mit den Armen. Ein Tau hatte er sich um die Hüften geschlungen. Zweifellos wollte er dem Seewolf helfen.
„Ben!“ brüllte der Seewolf.
Ben brachte seinen Oberkörper in Richtung Deck, packte Hasards Hand, zerrte daran – und konnte sich neben ihn befördern. Er atmete auf. Sie hingen in den Manntauen, rollten in aller Eile das von Ben mitgebrachte Tau auseinander und schlangen es um die Hinterpartie der Kanone zwischen Bodenstück und Lafette. Noch steckte der 17-Pfünder in der Stückpforte festgeklemmt. Noch!
Aber dann krängte die „Isabella“ nach Steuerbord. Als sich das Deck in der Waagerechten befand, begann das Geschütz sich aus dem Süll zu lösen. Hasard sprang auf das Schanzkleid zu, warf sich herum, stemmte sich mit den Füßen fest und packte das Brooktau, das die Rückwärtsbewegung der Culverine aufhalten sollte.
Er zerrte daran und verhinderte auf diese Weise, daß die Culverine in Schwung geriet. Sie rollte nur noch ein Stück auf den Hartholzrädern ihrer Lafette in Richtung Kuhlgräting. Dann stand sie.
Ben hatte den Augenblick ebenfalls genutzt und das neue Tau an der Deckshalterung belegt. Man hätte das Tauende in den soliden Augbolzen verspleißen sollen, um ganze Arbeit zu leisten, aber dazu war keine Zeit. Ben zurrte das Tau fest, so gut es ging, Hasard unterstützte ihn. Dann mußten sie von der Culverine ablassen und auf das Achterdecksschott zustürzen, um sich in Sicherheit zu bringen.
Ein Brecher, der alle bisherigen übertraf, wuchs so gigantisch wie eine Kathedrale neben der „Isabella“ hoch und fuhr auf sie zu. Querzuschlagen drohte das Schiff unter dem niederschmetternden Wasserberg, und doch geschah es nicht. Irgend etwas hielt die „Isabella“ immer noch, vielleicht die achtern ausgebrachte Trosse, vielleicht das, was man eine glückliche Fügung nennt. Stöhnend richtete sie sich wieder auf. Sie glitt auf einen schäumenden Wogenkamm hinauf und raste dann wieder in eine Schlucht hinunter, dem schwarzgähnenden Abgrund der Hölle entgegen.
Wie lange stand sie das noch durch?
Hasard stellte sich diese Frage nicht. Er wußte, daß es der Beginn der Kapitulation sein würde. Durchhalten, dachte er deshalb, nicht grübeln, durchhalten!
Er lag im finsteren Achterdecksgang und hatte das Gefühl, seine Knochen einzeln zusammensuchen zu müssen. Den Niedergang war er hinuntergestürzt, danach hatte ihn die Schiffsbewegung ein beträchtliches Stück schliddern lassen.
Ben Brighton – wo steckte er?
„Ben?“ schrie der Seewolf.
Keine Antwort gellte zurück. Hasard schaute zum Schott auf und sah, daß es offenstand. Ein Wasserschwall gischtete herein. Er zischte auf ihn nieder, konnte ihn aber nicht noch mehr durchweichen. Naß bis auf die Haut war der Seewolf, die Kleider klebten ihm am Leib.
Er kroch auf dem Gang entlang. Hin und her warf ihn die Sturmgewalt, aber er hielt nicht an, sondern kletterte die Stufen des Niederganges wieder hoch. Eine furchtbare Ahnung trieb ihn voran. Zweimal rief er Ben Brightons Namen noch. Eine Erwiderung hörte er nicht.
Dann kauerte er oben, in dem offenen Schott, und starrte erschüttert in das Inferno auf Deck. Schwarze Fluten, grau durchsetzt, brodelten auf ihn zu und hüllten ihn ein. Er stemmte sich in dem Viereck fest, brüllte noch einmal Bens Namen – und plötzlich, wie aus weiter Ferne, aus einer unbekannten Region, die weit hinter dem Wüten des Taifuns lag, schien die Stimme des Bootsmanns zu ertönen.
Hasard wußte, daß er sich nicht getäuscht hatte. Er wartete das Abrauschen des Brechers ab, beugte sich dann so weit wie irgend möglich vor – und gewahrte Ben, der sich draußen am offenen Schott festgeklammert hatte. Das Schott schwang hin und her. Ben krachte immer wieder mit der Schulter gegen die Querwand der Hütte, konnte aber nichts weiter tun, als sich an seinem Halt festzukrallen.
„Ben, hierher!“ Hasard hielt ihm die ausgestreckte Hand hin.
Dankbar packte der durchnäßte Mann zu. Seine Augen waren geweitet, in seinen Zügen stand deutlich zu lesen, daß er mit dem Schlimmsten gerechnet hatte.
Hasard riß ihn vom Schott weg, zerrte ihn zu sich in den Gang, kriegte dann das Schott zu fassen und rammte und riegelte es zu. Im Stockdunkeln polterten sie die Stufen hinunter, taumelten durch den Gang und stießen fast mit den Köpfen zusammen.
„Hölle, Mister Brighton!“ rief der Seewolf. „Du scheinst es ja darauf angelegt zu haben, heute nacht auf irgendeine Weise zu krepieren. Was dir lieber, außenbords zu gehen oder dir sämtliche Knochen zu brechen?“
„Die Wahl fällt mir schwer!“ schrie Ben zurück.
7.
Alles konnte man den Seewölfen nehmen, nur ihren Galgenhumor nicht. Auf der Suche nach den Kameraden hörten Hasard und Ben nicht auf, sich anzustänkern. Gab es denn eine andere Möglichkeit, die immer wieder aufsteigende Verzweiflung zu bezwingen?
Im Achterdeck waren die Kameraden nicht zu entdecken, weder in der Kapitänskammer noch in den anderen Kammern. Hasard und Ben mußten in die Frachträume hinunterklettern und unter Lebensgefahr zwischen den unsagbar wertvollen Ladegütern hindurchturnen, die im Begriff zu sein schienen, sich zu verselbständigen.
Es hatte wenig Sinn, die Schatztruhen, die Barren und kostbaren Einzelstücke zusätzlich festzurren zu wollen. In dieser Situation wäre es eine reine Idiotenarbeit gewesen.
Bis ins Vorschiff mußten Hasard und Ben vordringen. Hier, im Mannschaftslogis, stießen sie endlich auf die Männer. Carberry versuchte immer wieder, eine Öllampe in Betrieb zu setzen, aber länger als ein paar Sekunden hielt sich die Flamme nicht.
Die Männer waren dicht zusammengerückt. Ein bißchen Wasser war eingedrungen, es plätscherte hin und her, und draußen war das Brüllen der entfesselten See.
„Wir befinden uns im Zentrum des Taifuns!“ rief Shane.
„Die Spanier nennen es das Zyklonenauge“, erwiderte der Seewolf, während er nach Halt suchte. „Bildet euch bloß nicht ein, daß wir da ungeschoren wieder ’rauskommen.“
„Und das zu Weihnachten!“ brüllte der Profos. „Kutscher, zum Teufel mit deinem Kuchen!“
Der Kutscher war bemüht, nicht von der Koje losgerissen zu werden, an der er sich festhielt, er wäre sonst unweigerlich quer durchs Logis gerollt.
„Was kann denn mein Kuchen dafür?“ begehrte er auf.
„Er hat den Scheiß-Taifun ausgelöst …“
„Du hast ja nicht alle!“
„Wer war das?“ brüllte der Profos in die Tintenschwärze des Raumes.
„Ich!“ rief der Kutscher.
„Nein, das war O’Flynn!“ brüllte Carberry. „Ich hab die Stimme genau erkannt.“
„Laß mich bloß in Ruhe!“ fuhr ihn der alte O’Flynn an. „Ich bin auch so schon sauer genug.“
Carberry wollte entgegnen, daß er nicht den Alten, sondern dessen Sproß gemeint hatte, aber er ließ es bleiben, weil auch er genug damit zu tun hatte, sich Halt zu verschaffen.
„Donegal!“ schrie Matt Davies. „Spuck bloß nicht so große Töne. Du hast es gerade nötig!“
Ein Grollen sprang gegen die „Isabella“ an, ein Beben schüttelte das Schiff von oben bis unten durch, und Matt schwieg entsetzt.
Dann aber, als das scheußliche Zittern wieder aufgehört hatte, fuhr er fort: „Eigentlich habe ich es ja immer gesagt, daß du ein Jonas bist. Einer, der hinter den Horizont schauen kann. Einer, der uns Unglück bringt, nichts als Unglück.“
„Matt Davies, wenn das dein Ernst ist …“
„Mein voller Ernst, was denn sonst?“
„Warte, ich kriege dich zu fassen und schlag dir mit dem Holzbein den verdammten Schädel ein, daß das ganze Stroh ’rauskommt!“ brüllte Old Donegal.
„Dazu mußt du mich erst mal gefunden haben!“ rief Matt im Orgeln des Sturmes.
Hasard zwang seine Männer nicht zum Schweigen, damit hätte er alles nur noch verschlimmert. Die „Isabella“ trieb ruder- und führungslos, mit zerfetzten Segeln und berstenden Masten in der wirbelnden See, und da konnte man nur noch beten, fluchen oder reden, reden, reden, um den Ernst der Stunde zu überspielen.
Eine Rauferei, dachte Matt Davies, eine richtig schöne Keilerei, das wäre genau das richtige, bevor wir pünktlich zu Weihnachten mit unsrer liederlichen Lady absaufen …
Das Wetter tobte nicht vierundzwanzig Stunden, wie es der Chronist Coelius über einen anderen Taifun zu berichten gewußt hatte – nein, fast vierzig Stunden dauerte er an, bis zum zweiten Weihnachtstag 1584.
Hasards Männer glaubten ernsthaft daran, den langen Sprung über die dunkle Schwelle bereits vollführt zu haben. Sie waren ein ramponierter, zerschundener Haufen geworden, der sogar den Geschmack am Meckern und Höhnen verloren hatte. Nein, diesmal war es ganz und gar ausgeschlossen, dem Leibhaftigen ein Schnippchen zu schlagen. Sie befanden sich in seiner Gewalt.
Der Seewolf war es dann, der als erster eine gewisse Veränderung feststellte. Immer noch schienen Giganten an dem Schiff zu rütteln, aber das Abschwächen des Heulens und Tosens schien nicht nur in Hasards Einbildung, zu existieren.
Er wägte es, sich an Oberdeck zu begeben. Nach ungezählten Stunden des Dahindämmerns unter Deck drückte er das Querschott des Vordecks auf und schob sich ins Freie. Sofort peitschte ihm Wasser entgegen, sofort mußte er sich wieder festklammern.
Aber er brachte es doch fertig, bis auf die Back zu klettern. Unter den schwersten Bedingungen im Zentrum des Taifuns war dies schier unmöglich gewesen. Jetzt aber konnte er sich halten und nach allen Seiten Ausschau halten.
Rundum kochte und brodelte es, als wolle es nie wieder aufhören. Hasard wollte entmutigt wieder zu den Kameraden zurückkehren, da sah er noch einmal voraus – und stieß einen Schrei aus.
Blasse Formationen wuchsen aus dem Sturm hervor. Überkommende Seen raubten dem Seewolf die Sicht, aber er harrte aus und stellte schließlich fest, daß er keiner Halluzination erlegen war. Das da – das war wirklich Land!
Festland? Wer konnte darauf schon antworten? Jedenfalls drückte der Wind die „Isabella“ genau auf das flache Ufer zu. Noch nie war der Seewolf froh darüber gewesen, in Richtung Legerwall befördert zu werden – jetzt lachte er vor Begeisterung. Wahrscheinlich würde sein Schiff stranden, vielleicht auf ein Riff laufen und sich den Rumpf aufschlitzen, aber was bedeutete das schon? Land, eine Insel vielleicht, das hieß Rettung vor der endgültigen Vernichtung, das war fast zu unglaublich, um wahr zu sein!
Tatsächlich lief die „Isabella“ eine Viertelstunde später auf Grund.
Aber sie holte sich kein Leck weg, ihr Vorsteven und Kiel hatten sich in sandigen Meeresboden gebohrt.
Später, sehr viel später stellte der Seewolf anhand einiger Berechnungen fest, daß sie die Insel Babuyan nördlich von Luzon erreicht hatten.
Ein Wunder schien geschehen zu sein. Die Männer der „Isabella“ bekreuzigten sich immer wieder und dankten dem Himmel für diese Fügung. Sie schämten sich nicht einzugestehen, daß der Taifun eine Nummer zu groß für sie gewesen war – beziehungsweise eine halbe Nummer, wie Carberry ziemlich großspurig verkündete.
Babuyan – hier leckten die Seewölfe im Abklingen des Taifuns ihre Wunden. Hier begannen sie vor Jahreswende, ihr Schiff wieder flottzumachen und in eine geschützte Bucht zwischen seichten, sandigen Ufern zu verholen.
Sie konnten wieder einmal mit dem Instandsetzen der „Isabella“ beginnen.
Die „Bahia Blanca“ hatte den Taifun nicht überstanden. Lucio do Velho hatte von Bord der „Santa Luzia“ aus noch gesehen, wie die Galeone in Seenot geraten war, doch Braga de Sor und er sowie die Mannschaft der „Santa Luzia“ hatten nichts mehr für die andere Besatzung unternehmen können.
Sie hatten selbst alle Hände voll zu tun gehabt, um die „Santa Luzia“ im Wetter zu halten.
Die „Bahia Blanca“ war verschwunden – von der wahnwitzigen, gefräßigen See vertilgt worden. Mit ihr hatte es den Kommandanten Silvan da Odemira, den Kapitän Vincenzo Cunhal, den Kapitän Nuno Goncalves sowie gut vierzig Mann getroffen.
Auf der „Santa Luzia“ befanden sich außer Lucio do Velho und Braga de Sor die Stamm-Mannschaft des Schiffes und einige Seeleute und Soldaten, die zu den Überlebenden der „Bartolomeu Diaz“, der „Vasco da Gama“ und der „Sao Paolo“ zählten. Ignazio, der Mann aus Porto, stand treu do Velho zur Seite.
Im wildesten Taifun hatte dann ein Brecher den Kapitän Braga de Sor von Bord gespült – und mit ihm ein paar Decksleute. Lucio do Velho hatte das Kommando übernommen. Viel Chancen hatte er sich auch nicht mehr ausgerechnet. Doch dann hatte er geradezu sagenhaftes Glück gehabt.
Er hatte den Dreimaster „Santa Luzia“ nach Y’ami steuern können, zu einer Insel der Batan-Gruppe. Mit einigen Schäden am Schiff und erschöpften, teils verletzten Männern an Bord war er in eine kleine, geschützt liegende Bucht eingelaufen.
So war er glimpflich davongekommen.
Als der Taifun in seinen letzten Zügen lag, trat Ignazio ergriffen zu seinem Kapitän aufs Achterdeck und sagte: „Das hätte ich nie gedacht. Wir haben dem Tod ins Antlitz gesehen, aber dank Euch hat er uns nicht gepackt. Mi capitán, das wird man Euch in Manila hoch anrechnen.“
Do Velho nickte gnädig. „Ja, ich schätze auch, daß man mich zumindest belobigen wird. Ignazio, wir haben wieder ein Schiff. Wir reparieren es und laufen aus, sobald die See es zuläßt.“
„Was mag aus den anderen geworden sein?“
„Von wem sprichst du? Von de Sor und den armen Teufeln, die mit ihm in die Fluten gerissen worden sind?“
„Auch. Und von dem Comandante, der ‚Bahia Blanca‘ …“
Do Velho räusperte sich. Er holte zu einer theaterreifen Geste aus, seinem Auftreten mangelte es nicht an der notwendigen Grandezza. „Mein lieber Ignazio, man muß im Leben beweglich sein, sich auf neue Situationen rasch einzustellen wissen. Kannst du mir folgen?“
„Ich glaube, Capitán.“
„Welchen Sinn hat es, wenn wir uns unnötigen Gedanken um die bedauernswerten Verblichenen hingeben? Dadurch retten wir sie nicht mehr.“
„Ihr meint …“
„Natürlich sind sie alle ertrunken.“
„Seid Ihr da ganz sicher?“
Do Velho hob den Kopf etwas an, sein tadelnder Blick bohrte sich in Ignazios Augen. „Zweifelst du etwa an mir? Dios, das hätte ich nach allen Beteuerungen nicht von dir erwartet.“
„Verzeiht“, beeilte sich der Mann aus Porto zu sagen. „Selbstverständlich kann keiner von ihnen dem Taifun entgangen sein. Es “gibt kein Boot, kein Stück Treibholz, das einem Schiffbrüchigen in so einem Höllensturm hilft.“
„Jetzt denkst du endlich in den richtigen Bahnen“, erwiderte der Kapitän milde. „Vielleicht ernenne ich dich zu meinem ersten Offizier und persönlichen Berater, obwohl dir die nötige Bildung fehlt. Aber ich muß mir das noch genau überlegen.“
Ignazio holte ein paarmal kräftig Luft. Das alles war für ihn zuviel auf einmal.
„Mich interessiert jetzt nur noch eins“, fuhr Lucio do Velho fort. „Wie ist es der verfluchten ‚Isabella‘ ergangen? Hat der Taifun ihr und ihrer Besatzung zugesetzt wie der ‚Bahia Blanca‘ – oder hat sie sich verholen können wie wir?“
„Ich wünsche mir, daß diese Bastarde allesamt kläglich ersoffen sind“, sagte Ignazio pflichtschuldigst. Sein Blick huschte zu do Velho, seine Miene verlangte förmlich nach Beifall.
„Das hoffe ich auch. Von ganzem Herzen“, versetzte der Kapitän. „Aber auf Hoffnungen, auf bloße Theorien über das Schicksal der Korsaren dürfen wir uns nicht verlassen.“
„Das heißt – Ihr glaubt, die Hunde sind noch am Leben?“
„Das müssen wir herausfinden.“
„Wie?“
„Wir warten ab, bis es ruhiger wird. Solange bleiben wir hier in der Bucht und bessern unsere Galeone aus. Ich will ein tadellos wiederhergestelltes, seetüchtiges Kriegsschiff unter den Füßen haben, wenn wir die Insel verlassen.“
„Und dann?“ erkundigte sich der Mann aus Porto begriffsstutzig.
„Dann suchen wir wieder nach dem Seewolf, du Narr. Nichts kann mich davon abbringen.“ Do Velho ließ seinen Blick über die Kuhl und die Back der „Santa Luzia“ schweifen. Genug Männer hatte er noch, er konnte sich, falls er den Seewolf tatsächlich stellte, auf offener See in ein Gefecht begeben, ohne sich von vornherein unterlegen fühlen zu müssen.
„Ich stelle den Hund, ich schwöre es dir, Ignazio“, murmelte er. „Am vorteilhaftesten wäre es, ihn in Manila zu erwischen. Dort könnte ich unseren Landsleuten und den Spaniern, die sich soviel auf ihr Können einbilden, eine Demonstration dessen liefern, was ich unter der totalen Vernichtung eines Staatsfeindes verstehe.“
Er wünschte sich ein Publikum herbei, das seinen Worten die richtige Bedeutung beimaß und ihm entsprechend Applaus zollte. Statt dessen war da nur das törichte Schiffsvolk, ein Haufen wilder, zerzauster, völlig heruntergekommener Kerle. Lucio do Velho beschloß, diesen Burschen innerhalb der nächsten Tage den nötigen Respekt und Schliff beizubringen.
Er hieß nicht Braga de Sor. De Sor, dieser Versager, lag auf dem Grund des Chinesischen Meeres und war nur noch einem Zweck dienlich. Wahrscheinlich würden sich die
Haie an ihm gütlich tun.
Noch vor Jahresbeginn 1585 war die „Isabella VIII.“ soweit ausgebessert und hatte die Crew sich so gut erholt, daß die große Galeone die Bucht von Babuyan verlassen konnte.
Bei fast ruhiger See, die nur durch eine leichte Dünung gekräuselt wurde, und mit raumem Wind segelte sie nach Süden.
Ein neues Ruderhaus war von Ferris Tucker auf dem Quarterdeck errichtet worden. An der Ruderanlage selbst hatte der findige Schiffszimmermann einige Veränderungen vorgenommen – Verbesserungen, die von Hasard begutachtet und als hervorragend befunden worden waren. So etwas erfüllte den Rothaarigen mit Stolz, er hatte daraufhin ein Ruderrad gebastelt, das größer und schöner als das vorherige war. Obwohl Ferris sonst nicht viel für Schnörkelkram übrig hatte, hatte er das Rad mit einigen kunstvollen Intarsien versehen.
Einige der Seekarten waren im Taifun verlorengegangen. Hasard war aber froh, die hundert Jahre alte Karte des Sun Lo gerettet zu haben. Ein bißchen mitgenommen sah sie zwar aus, aber er hatte sie sorgsam getrocknet und geglättet und heftete sie nun wieder an der Innenwand des Ruderhauses fest.
Binnen kurzer Zeit hatte er den neuen Kurs festgelegt. Er trat neben Pete Ballie und sah zu Ben, Ferris, Shane, Smoky, dem Profos und Old O’Flynn hinaus, die ihn vom Quarterdeck aus fragend anblickten.
„Wenn der Wind weiter handig bleibt und nicht dreht, erreichen wir Luzon noch heute abend“, erklärte er.
„Wie ist das?“ sagte Shane. „Gehen wir dort schön brav und sittsam vor Anker, oder passieren wir die Insel im Westen und laufen nach Süden ab?“
Die anderen konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Tja“, meinte Hasard versonnen. „Wie ist das denn, Männer? Traut ihr euch schon wieder was zu, oder kaut ihr noch an den Nachwehen des Taifuns herum?“
Carberry stieß einen Laut aus, der an ein leises Ächzen erinnerte. „Die was? Die Nachwehen? Sir, äh, ich meine, daß wir keine alten Waschweiber sind. Verdammt, wenn’s darum geht, den Dons eins aufs Haupt zu hauen, sind wir alle voll dabei.“ Er wandte den Kopf und blickte die anderen prüfend an. „Oder will einer dagegen anstinken? Was, wie?“
„Ed“, sagte Ferris Tucker. „Bis jetzt hat noch keiner davon gesprochen, daß wir Luzon oder gar Manila anlaufen. Bislang war immer nur die Rede davon, daß wir versuchen, so schnell wie möglich in den Indischen Ozean und von dort aus nach England zu gelangen.“
„Ach …“
„Es sei denn, Hasard hat seine Pläne geändert“, warf Old O’Flynn ein. „Könnte ja sein.“
„Ja, ihr Himmelhunde“, sagte Hasard lachend. „Ihr wißt schon, auf was ich hinauswill. Ich kann an Manila nicht vorbei, ohne den Spaniern und Portugiesen einen guten Tag gewünscht zu haben. Ich finde, das gehört sich einfach.“
Der Profos rieb sich grinsend das Rammkinn. „Irgendwie erinnert mich das an Panama. An dem Nest haben wir auch nicht vorbeigekonnt, ohne den Dons, eine – eine Höflichkeitsvisite abgestattet zu haben.“
„Gut hast du das ausgedrückt“, sagte Smoky. „Aber du weißt doch auch, daß wir uns in Manila den Hintern versengen können, oder?“
„Kerl, bin ich etwa ein blutiger Anfänger?“ fragte der Profos. „Natürlich müssen wir geschickt vorgehen, wenn wir nicht selbst aufs Kreuz gelegt werden wollen. Aber ich schätze, Hasard findet schon den richtigen Dreh heraus.“
Sir John ließ sich aus den Besanwanten auf Carberry fallen, fing den Sturz mit ausgebreiteten Schwingen ab und landete auf der ausladenden Profos-Schulter.
„Alle Mann an Deck! Klar bei Kartuschen!“ schrie er.
Carberry wischte mit der Hand über die Schulter, aber der karmesinrote Aracanga wich ihm gekonnt aus.
„Halt den Rand, du gerupfte Krähe!“ zischte Carberry. „Soweit sind wir noch nicht.“
Die Männer lachten. Während des Taifuns hatte der Papagei eine Heidenangst gehabt. Ausnahmsweise hatte er sogar mit Arwenack Burgfrieden geschlossen und sich in dessen schützenden Pfoten zusammengekuschelt – obwohl der Affe selbst wie Gelee geschlottert hatte. Jetzt aber hatte Sir John wieder mächtig Oberwasser. Die Crew ertrug sein Gezeter und Gefluche, sie war ja froh, daß er und der Schimpanse den Sturm überlebt hatten.
„Ed“, sagte der Seewolf. „Du scheinst ja mächtig viel Vertrauen in deinen Kapitän zu setzen.“
Carberry war überrascht. „Also, Sir. Ich will mir auf der Stelle die Hand abhacken lassen, wenn du nicht schon wieder was ausgeheckt hast.“
„Das habe ich“, erwiderte Hasard. „Und Sun Los Karte von den Philippinen hat mir dabei große Hilfe geleistet.“
Sie segelten im Verlauf des Tages an der Insel Calayan vorbei, dann zwischen Dalupiri und Fuga hindurch, während Camiguin weit Backbord achteraus zurückblieb. Sämtliche Inseln, die zur Babuyan-Gruppe gehörten, waren auf Sun Los Karte eingezeichnet, auch die winzigsten.
Das Kap Bojeador befand sich nur noch etwa zwanzig Meilen entfernt, wie Hasard nach kurzer Berechnung feststellte. Er ließ abfallen, und die „Isabella“ legte sich platt vor den Nordostwind.
An diesem Vormittag wärmten Sonnenstrahlen das Oberdeck der großen Galeone. Nur hin und wieder trieben weiße Wolkenfetzen durch das Kobaltblau des Himmels. Man war wegen des herrlichen Wetters versucht, eher an Ostern als an das eben erst vergangene Weihnachtsfest zu denken. Es war — wie die Männer sagten – ein Tag „um Jungfrauen zu verführen“.
Feindliche Schiffe tauchten vorerst nicht auf. Dan O’Flynn hielt zwar nach allen Himmelsrichtungen Ausschau, konnte jedoch keine Mastspitzen an der Kimm oder in der Nachbarschaft der Inseln erkennen. Gary Andrews war auf Hasards Befehl hin als Ausguck in den Vormars aufgeentert. Ein zusätzlicher Ausguck konnte jetzt, in der unmittelbaren Nähe der Philippinen, nicht schaden. So gut Dans Augen auch waren, vier Augen sahen mehr als zwei.
Hasard dachte an die eine Galeone der Portugiesen, die er nach dem Anschlag auf die „Sao Paolo“ immer noch als Verfolger hinter sich vermutet hatte. Was war aus dem Schiff geworden?
Und der Kapitän der „Sao Fernao“? War der noch am Leben? Hasard wußte, daß er sich mit drei Männern von Bord des brennenden Schiffes hatte retten können – auf das winzige Eiland nördlich von Formosa.
Wenn dieser Mann noch lebte, dessen war der Seewolf sicher, würde er alles daransetzen, ihn, Philip Hasard Killigrew, wieder zu hetzen. So, wie Hasard ihn einschätzte, mußte dieser Mann, dessen Namen er nicht wußte, ein beispielloser Fanatiker und Karrierehengst sein.
8.
Noch vor der Mittagsstunde hatten sie die Nordküste von Luzon erreicht. Wenig später rundeten sie Cabo Bojeador im Nordwesten der großen Insel, und Hasard tastete sich von hier ab praktisch an der Küste entlang nach Süden. Mit der Geographie der Insel war er vertraut, als wäre er früher schon einmal hiergewesen. Diesen Umstand hatte er der ausgezeichneten Karte des Mönches von Formosa zu verdanken. Minuziös gab das Zeichenwerk auch die kleinsten Einzelheiten wieder. Hinzu kamen die Hinweise, die Sun Lo dem Seewolf mündlich mitgeteilt hatte. Sun Lo hatte die Philippinen vor vielen Jahren einmal bereist, als sie noch nicht Felipinas hießen. Viele wertvolle Details hatte er zu schildern gewußt, die Beschaffenheit der Landschaft auf den Inseln, die Wesensart der Menschen, die hier als rechtmäßige Ureinwohner lebten, Dinge, die Hasard in seinem Gedächtnis unauslöschlich festgehalten hatte.
Die „Isabella“ war von jetzt an ständig gefechtsbereit. Jede Minute konnten sich spanische oder portugiesische Schiffe zeigen. Ganze Verbände, die aufkreuzten, um den Eindringling zu kontrollieren. Hasard war darauf vorbereitet und gewappnet.
Seine Crew natürlich auch.
„Vielleicht schießen sie uns die Lady bald wieder kurz und klein“, meinte Matt Davies auf der Kuhl zu Al Conroy. „Es wäre schön, wenn man Segelschiffe aus Eisen statt aus Holz bauen könnte.“
„Aber wie soll so was schwimmen?“
„Das frag ich mich auch, Al.“
Conroy hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Auf die Zeit, in der solche Schiffe erfunden werden, können wir noch lange warten, glaube ich.“
Der Seewolf wahrte die Distanz zur Insel Luzon, aber durch das Spektiv konnte er stets jenen flachen schwarzen Streifen erkennen, der die Küste darstellte. Laoag, eine Siedlung, lag bereits nördlich querab, sie zogen jetzt an Vigan, einem anderen, ziemlich unbedeutenden Ort, vorbei.
Häfen hatten diese Siedlungen aber allesamt, und deswegen war der Seewolf höllisch auf der Hut. Eine einzige Schaluppe mit nur einem getakelten Mast, aber mit einer zu neugierigen Besatzung konnte ihm und seinen Männern zum Verhängnis werden. Er legte allergrößten Wert darauf, vor Manila nicht entdeckt zu werden.
Was dann folgte, stand auf einem anderen Blatt. In Manila änderte sich die Taktik grundlegend.
Am Nachmittag war San Fernando erreicht, und die „Isabella“ segelte nun vor dem Nordostwind am Golf von Lingayen vorbei. Der Großteil der Strecke, die sie noch von Manila trennte, war zurückgelegt. Südlich des Golfes erstreckte sich ein Stück recht gerader Küste, das sich nach vierzig, fünfzig Meilen zur Bahia de Manila öffnete.
Hasard fragte sich, was er in Manila wohl vorfinden würde.
Kriegsschiffe, das war sicher. Aber wartete dort auch wirklich Beute auf ihn? Auf die Ladungen, die portugiesische Schiffe von Kanton nach Manila schafften, war der Seewolf nicht sonderlich scharf. Seide, Brokat, Elfenbein, Porzellan, Federn, Parfüm, Gewürze wie Ingwer, Nelken und Muskat, Zimt und Pfeffer – was sollte er damit anfangen? Tee hatte er ohnehin schon an Bord.
Etwas anderes war es, wenn er Juwelen fand. Oder kostbare Kunstwerke. Auch diese Güter trafen auf portugiesischen Galeonen in der Hauptstadt der Philippinen ein, und sie wurden auf die spanischen Schiffe verfrachtet, die regelmäßig durch die Südsee nach Neu-Spanien, nach Acapulco und Panama segelten.
Das berühmteste dieser Schiffe war die Manila-Galeone, die „Nao de China“ gewesen. Hasard hatte sie aufgebracht, aber die Spanier würden natürlich nicht aufhören, ihre Konvois auszurüsten und auf die Reise zu schicken.
Und noch etwas. Aus der Neuen Welt kehrten dieselben Schiffe mit anderer Ladung zurück – mit der Bezahlung für die exotischen Waren aus China, Indien und Japan. Gold, Silber und Juwelen aus allen Kolonien der Neuen Welt, unermeßliche Reichtümer – darauf war Hasard am meisten erpicht. Nur einen Teil einer solchen Fracht den Spaniern in Manila zu entreißen, das wäre ein Raid, der sich lohnte. Auf die Gefahr hin, die „Isabella VIII.“ hoffnungslos zu überladen und sich den „Achtersteven zu verbrennen“ – er wollte es wagen.
Südlich von Olongapo stießen die Seewölfe am Abend dieses Tages auf eine langgezogene, fast fjordähnlich ins Land greifende Bucht.
Hasard zögerte nicht.
Er ließ anluven und in die Bucht steuern. Während die große Galeone sich leise und gespenstisch zwischen zwei grünbewachsene Ufer schob, die sanft zu Hügelkuppen aufstrebten, traf Hasard an Bord alle Vorbereitungen für die Durchführung seines Planes.
Als Freiwillige hatten sich am Nachmittag alle Männer gemeldet – nachdem Hasard ihnen auseinandergesetzt hatte, was er vorhatte, waren sie sofort Feuer und Flamme gewesen, und jeder wollte selbstverständlich den abenteuerlichsten Part übernehmen. Hasard hatte dann aber nur sechs Männer ausgewählt.
Blacky, Al Conroy, Sam Roskill, Luke Morgan, Dan O’Flynn und Matt Davies traten in ihrer Verkleidung vor den Seewolf hin. Dan hatte sich vorsichtshalber die Haare dunkel gefärbt, obwohl es ja auch blonde Spanier und Portugiesen gab, unter denen man mit einem hellen Schopf nicht unbedingt aufzufallen brauchte.
Aber besser war es so. Sechs schwarzhaarige Kerle, die wie echte spanische Zivilisten von der Kategorie der anständigen Bürger gekleidet waren – das war der Landtrupp, der nach Manila vorstoßen sollte.
„Ihr wißt, was ihr im einzelnen zu tun habt“, sagte Hasard. „Falls noch jemand Fragen hat — bitte.“
„Keine“, erwiderte Blacky. „Unsere Waffen haben wir so gut versteckt, daß man uns schon ausziehen muß, um sie zu entdecken. Und das kann höchstens passieren, wenn uns auf dem Weg nach Manila ein paar knusprige, knackige Senoritas über den Weg laufen.“
„Ihr habt sie zu ignorieren, Blakky.“
„Aye, Sir!“
„Ich bitte mir den nötigen Ernst aus.“
Blacky räusperte sich und fuhr fort: „Wir tun so, als wären wir spanische Siedler, die Einkäufe in Manila tätigen wollen. Falls uns jemand nach unseren Reit- und Packtieren fragt, sagen wir, man hätte uns unterwegs überfallen und uns alles abgenommen. Wir versuchen, auf die leise Tour in Manila einzudringen und arbeiten uns zum Hafen vor.“
Hasard sah zu Luke Morgan. Eigentlich hatte er ihn nicht mit auswählen wollen – wegen seiner Glatze. Aber Luke gehörte zu den besten Spanisch-Sprechern der „Isabella“, und das gab den Ausschlag. Auch ein mißtrauischer Gegner würde ihn im Zweifelsfall für einen Landsmann halten. Luke verstand sich vorzüglich darauf, den Dialekt von Katalonien zu imitieren, das machte ihm nicht einmal Ben Brighton nach, der ja schon bei den Dons gefahren war.
Luke hatte sich eine Mütze übergestülpt und fast bis zu den Ohren heruntergezogen. Unter dem Rand der Kopfbedeckung lugten schwarze Haare hervor.
„Du hast also nach wie vor keine Bedenken, Luke?“ fragte ihn Hasard.
„Warum wohl, Sir?“ erwiderte Luke. „Sieht man mir den Kahlschlag etwa noch an?“
„Nein“, stieß jetzt der Profos verdutzt aus. „Sag mal, wie sind dir denn so schnell die Haare nachgewachsen, du Hering?“
„Der Kutscher hat geholfen …“
„Wie denn? Mit einer seiner Wundersalben?“ rief Carberry. „Oder hat er dir Garn aufgenäht? Ho, das wäre doch Will Thornes Arbeit gewesen!“
Luke preßte die Lippen zusammen. Er war jähzornig veranlagt und konnte leicht aus der Haut fahren, aber er wußte auch, daß er es nicht tun durfte. Nicht Carberry gegenüber. Nicht in diesem Moment. Es gab Wichtigeres. Deshalb antwortete er mühsam beherrscht: „Die Haare sind am inneren Mützenrand angeklebt.“
„Sind das echte?“ wollte Jeff Bowie wissen. „Mann, woher habt ihr die bloß gekriegt? Wem habt ihr die ausgerissen?“
„Sei still!“ fuhr Sam Roskill ihn an. „Laß Luke in Ruhe.“
Damit war die Sache vorerst erledigt. Der Seewolf ließ alle Segel aufgeien und so Fahrt aus dem Schiff nehmen. Als die „Isabella“ in der Bucht im Wind lag, fierten Bob, Jeff, Stenmark und der Gambia-Mann an Steuerbord ein Beiboot ab. Wenig später enterten der Schwede und Batuti mit Blacky, Al, Sam, Luke, Dan und Matt Davies an einer Jakobsleiter ab, setzten sich in das Boot und pullten zum Ufer.
Die an Bord Zurückbleibenden sahen ihnen nach. Ihre Mienen waren ernst, sie wußten, daß sie die Kameraden vielleicht nie wiedersehen würden – wenn etwas schiefging. Insgeheim drückten sie die Daumen, daß das nicht geschah, sondern daß alles zumindest halbwegs glatt verlief.
Die sechs waren an Land und stiegen den nächstliegenden Hang hinauf. Ihre Gestalten verschmolzen mit der zunehmenden Dunkelheit. Sie erreichten eine Kuppe, winkten Hasard und den anderen auf der „Isabella“ noch einmal zu, dann waren sie verschwunden.
Stenmark und Batuti kehrten mit dem Boot zur Galeone zurück. Jeff drehte sich unterdessen zum Kutscher um und sagte: „’raus mit der Sprache, Kutscher, jetzt kannst du ja auspacken. Woher stammen Lukes neue Haare?“
Der Kutscher druckste eine Weile herum, aber dann rückte er doch damit heraus. „Ich habe eben nur mal kurz Arwenack in die Kombüse geholt und kräftig abgebürstet. Da kam allerhand zusammen.“
Die Männer krümmten sich vor Lachen. Jeff Bowie prustete mit hervorquellenden Augen, hatte aber das Pech, in der Nähe von Carberry zu stehen und ausgerechnet dem ins Gesicht zu prusten.
Der Profos wischte sich mit der Hand übers Gesicht. „Bowie, du Wasserspeier, reiß dich am Riemen“, herrschte er den Hakenmann an. „Ich brauche deine Spucke nicht. Wenn ich baden will, kann ich das allein besorgen. Los, ihr Heringe, hievt das Beiboot hoch! Was steht ihr ’rum und haltet Maulaffen feil? Wird’s bald, ihr Rübenschweine, ihr triefäugigen Wanderratten?“
Er fuhr in seiner Aufzählung zoologischer Beinamen fort, und die Crew begann, sich um das Beiboot zu kümmern. Stenmark und der schwarze Goliath waren aufgeentert und halfen jetzt mit, die Jolle hochzuhieven und binnenbords zu schwenken.
Vorläufig blieb die „Isabella“ in der langgezogenen Bucht liegen. Hasard ließ seinen sechs Männern an Land die Zeit, die sie benötigten, um sich durch das Hügelland bis nach Manila zu pirschen.
Eine Stunde ließ er verstreichen, dann segelte die große Galeone, langsam wieder aus der Bucht. Nur das Großsegel und die Fock wurden gesetzt, dann noch die Blinde, um besser den Kurs halten zu können.
Langsam schlich der Todfeind Spaniens vor dem immer noch aus Nordosten wehenden Wind an der Küste von Luzon entlang.
Der Marsch durch das vegetationsreiche Hügelland von Luzon verlief ohne Komplikationen. Aber als die sechs Seewölfe nach etwa einer Stunde eine bewaldete Kuppe erreicht hatten, von der aus sie die Stadt unter sich liegen sahen, mußten sie feststellen, daß es doch eine Schwierigkeit gab. Die einzige bisher, aber sie veranlaßte Matt Davies zu dem Ausspruch: „Hölle, da gibt es eine verdammt harte Nuß für uns zu knacken.“
Sie versammelten sich zwischen den Baumstämmen und betrachteten ausgiebig, was sich dort unten dem Auge darbot.
Ein Bild der Harmonie, die zum Verweilen einlud, zweifellos. Beleuchtet lag die Stadt am östlichen Rand der großen Bucht, die Lichttupfer verbanden sich am Ufer zu einer Kette, die diesen Teil des Küstenstreifens goldgerahmt erscheinen ließen. Gegenüber, auf einer Landzunge, waren weitere Häuser errichtet worden. Alles in allem schien Manila ein Platz des Frohsinns und großer Betriebsamkeit zu sein.
Vor den Hafenanlagen, der Kaimauer und den Piers mit Schaluppen, Pinassen und Booten waren auf der Reede die Silhouetten der großen Segler zu erkennen. Dort waren sie, die Galeonen, auf die der Seewolf es abgesehen hatte, und dort drüben, im Westen, erstreckte sich die Mole, die die Zufahrt der Bahia de Manila zur See hin abschloß. Ein Bollwerk gegen wildwütende Stürme, gegen die Unbill der Natur. Nur gegen die?
Befestigungsanlagen umkränzten auch die Stadt. Da war ein hoher Wall errichtet worden, der sich an den vier Ecken zitadellenähnlich hochtürmte. Eine kontinuierlich verlaufende Mauer, eine hermetische Abriegelung – wie sollte ein Ungebetener dort hineingelangen?
„Der Teufel soll die Dons holen“, flüsterte Luke Morgan.
„Meinst du, Verwünschungen bringen uns irgendwie weiter?“ sagte Dan O’Flynn.
„Nein. Aber ich muß mir Luft machen. Was unternehmen wir jetzt?“
Blacky wies nach Nordosten. „Ich kann da etwas erkennen, ganz schwach nur, aber ich glaube, das ist eine Straße, die auf eins der Stadttore zuführt.“
„Gehen wir ’runter?“ fragte Sam Roskill.
„Na sicher“, erwiderte Al Conroy. „Ich kann mir schon denken, was Blacky vorhat. Hochklettern können wir an der Stadtmauer nicht, und einfach an ein Tor klopfen und sagen ‚Hallo, da sind wir‘ geht auch nicht.“
„Mit einem Trick könnten wir uns schon einschleichen“, widersprach Luke Morgan. „Es muß uns nur etwas Vernünftiges einfallen.“
„Vielleicht haben die Wachen die Anweisung erhalten, alle Fremden auf Waffen zu durchsuchen“, sagte Dan O’Flynn. „Was dann, du Schlauberger?“
Da wußte Luke Morgan mit seinem Latein auch nicht weiter. Er wartete darauf, welche Aktion Blacky ihnen vorschlagen würde. Binnen weniger Minuten hatten sie den Hügel verlassen und kauerten sich eine halbe Meile vom Nordosttor der Stadtmauer entfernt in ein Mangrovengebüsch.
Blacky hatte sein Ohr auf den Untergrund gepreßt und lauschte. Nach Minuten, die wie kleine Ewigkeiten verstrichen, richtete er sich auf und sagte: „Da kommt was. Augen auf, Waffen ’raus und die Ohren gespitzt. Luke, hör zu, ich erkläre dir, was du zu tun hast.“
Auf dem Kutschbock des von zwei weißen Büffeln gezogenen Zweiradkarrens, der sich kurz darauf dem Versteck der Seewölfe näherte, saßen zwei spanische Soldaten in Helm, Brustpanzer und Kürbishosen. Auf der Ladefläche transportierten sie den letzten Schub Mais, der an diesem Abend von den Feldern nahe der Stadt in die Stallungen der Kommandantur befördert wurde, Mais als Nahrung für Schlachtvieh.
Die Soldaten entdeckten die auf dem Weg liegende Gestalt gleichzeitig. Der links sitzende Soldat hielt die Büffel an. Gehorsam verhielten die wuchtigen Tiere den Schritt und blickten stumpfsinnig auf den Mann hinunter, der da reglos auf der Seite ruhte.
„Santa Madre de Dios, was ist denn mit dem passiert?“ sagte der rechts auf dem Bock befindliche Soldat. „Ist der betrunken?“
„Sehen wir nach“, entgegnete der erste. „Der Kleidung nach ist es ein feinerer Bürger. Wir könnten Ärger kriegen, wenn wir ihm nicht helfen.“ Er sprach reines Katalonisch. Seine Wiege hatte in Barcelona gestanden.
Er kletterte vom Kutschbock, schritt auf den augenscheinlich bewußtlosen Fremden zu und beugte sich über ihn. Er wollte ihn auf den Rücken drehen, um nachzusehen, um wen es sich handele, aber da erwachte der Mann zu ungeahnter Aktivität.
Luke Morgan knallte dem Überraschten die Faust unters Kinn.
Der zweite Soldat fuhr vom Kutschbock hoch und versuchte, seine Pistole zu zücken. Doch auch das wurde vereitelt. Jemand sprang ihn von der Seite an, jemand, der auf den hohen Zweiradkarren zugekrochen war, während der Spanier sein ganzes Augenmerk auf die Szene vor sich auf der Straße gerichtet hatte. Blacky hieß dieser Jemand. Er schlug dem Soldaten etwas auf die Nackenpartie, und zwar mit der Handkante, wie Sun Lo es ihm beigebracht hatte. Sofort kippte der Mann ihm entgegen, ohne auch nur noch einen Laut von sich zu geben.
Auf Blackys Wink hin schlüpften Al, Sam, Dan und Matt aus dem Gebüsch hervor.
Schnell waren die überwältigten Soldaten hinter die Mangroven geschleppt, gefesselt und geknebelt. Die weißen Büffel standen unterdessen mit gesenkten Häuptern da und forschten auf dem staubigen Weg vergeblich nach Gräsern, die sie abrupfen konnten.
Der Karren rollte wieder an, als Luke Morgan in der Uniform des Katalonen auf dem Kutschbock saß und die Peitsche knallen ließ. Blacky, angetan mit der Montur des zweiten Soldaten, hatte sich neben ihn gesetzt.
Die anderen vier waren unter die Ladung des Karrens gekrochen. Der Mais verdeckte ihre Gestalten.
„Na, so kannst du ja wenigstens auf die Affenhaare verzichten“, sagte Blakky zu Luke. Er warf dem Kameraden einen Seitenblick zu. Unter dem spanischen Helm war von Lukes Glatze wirklich nichts zu ahnen.
„Ja“, erwiderte Luke Morgan. „Und wenn wir das Nordosttor vor uns haben und die Wachen uns anquatschen, brauche ich bloß im schönsten Katalonisch zu antworten. Drück die Daumen, daß sie keine Parole von uns verlangen.“
Blacky drückte die Daumen, und zehn Minuten später gelangten sie tatsächlich unerkannt durch das Tor ins Innere der Stadt Manila.
9.
Nein, Hasard hatte die große Hecklaterne seiner „Isabella“ diesmal nicht löschen lassen. Hoch am Wind glitt das Schiff in die Bucht von Manila, an der Hafenmole vorbei, auf den Lichterglanz der Stadt zu. Munter flackerte die Achterlaterne vor sich hin, ein sichtbares Signal für jeden, der die „Isabella“ zu kontrollieren gedachte. Frech steuerte der Seewolf seinen Feinden in den Rachen, frech und gottesfürchtig.
Hasards Blick löste sich von der Mole, die Steuerbord achteraus zurückblieb.
„Wenn sich dort Wachen befinden, hätten wir sie alarmiert, indem wir ohne Licht eingelaufen wären“, sagte er zu Ben Brighton. „Aber noch scheint alles ruhig zu sein.“
„Vergiß nicht, daß die ‚Isabella‘ bekannt geworden ist wie ein bunter Hund“, wandte Ben ein.
Hasard grinste. In seinen Zügen spiegelte sich die ganze Tollkühnheit und Kaltblütigkeit, die der Einsatz von ihm verlangte. „Ich denke immer daran, Ben. Ständig. Aber in der Nacht müssen die Dons uns erst mal erkennen.“
Ben starrte den Seewolf plötzlich an. „He, da ist etwas, das wir ganz vergessen haben. Heute ist doch Silvester. Heute nacht geht es hier wahrscheinlich drunter und drüber.“
„Eben“, entgegnete Hasard mit unverändertem Gesichtsausdruck. „Das wird eine tolle Feier, und wir haben die große Ehre, daran teilzunehmen. Auf unsere Art.“
Er schaute voraus. Mit verminderter Fahrt schob sich die große Galeone auf die Reede von Manila. Und da lag sie nun, die festungsartig erbaute Stadt, die 1565 von einem gewissen Lopez de Legaspi gegründet worden war. Eigentlich waren Manila und die Felipinas nach Tordesillas den Portugiesen zugefallen, aber man hatte es mit der Einteilung der Meridiane nicht so genau gehalten, und deswegen hatten die Spanier von jeher die Kolonisation der Inseln betrieben. Das Gepräge allen Schaffens, die Brandmarke, die die Gefolgschaft Philipps II. der Hauptstadt aufgepreßt hatte, schien denn auch typisch spanisch zu sein.
Ben Brighton hatte die Schiffe auf der Reede gezählt.
„Neun Galeonen“, raunte er Hasard zu. „Dicke Brocken. Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir drei Kriegsschiffe und sechs Handelssegler vor uns.“
„Das ist das richtige Verhältnis“, antwortete der Seewolf.
Mit der gleichen Verwegenheit, mit der er die Einfahrt der Bucht passiert hatte, wandte sich der Seewolf nun der Reede zu. Natürlich hatte er die spanischen Hoheitszeichen gesetzt, die Flagge der spanischen Galeonen mit einem gekrönten schwarzen Adler und dem Band des Ordens vom Goldenen Vlies. Trotzdem rechnete er damit, daß man ihn identifizieren könnte. Seine Männer standen auf den Gefechtsstationen bereit.
In den Kupferbecken, die neben den Geschützen aufgestellt worden waren, glomm das Holzkohlefeuer zum Anzünden der Lunten. Kübel und Pützen mit Seewasser zum Befeuchten der Wischer standen bereit, und der Kutscher und Bill hatten auf Oberdeck Sand ausgestreut, der den Männern im Gefecht einen festeren Stand auf den Planken sicherte und den Ausbruch von Feuer verhindern sollte.
Das Großsegel wurde als letztes Segel aufgegeit. Allmählich blieb die „Isabelia“ stehen. Hasard hatte nun auch noch die Dreistigkeit, den Buganker werfen zu lassen.
„Damit das Ganze echter aussieht“, erklärte er seinen Männern auf dem Achterdeck.
Gary Andrews meldete sich vom Vormars aus. Seine Stimme klang gedämpft, war auf Deck aber trotzdem gut zu verstehen. Vorsichtshalber sprach er spanisch.
„Eine einmastige Schaluppe ist von einer der Piers losgesegelt“, verkündete er.
„Ah“, sagte der Seewolf. „Das ist das Empfangskomitee.“
„Ihr braucht nicht mit den Ohren zu schlackern“, meinte der alte O’Flynn zu den anderen. „Das ist ein gutes Zeichen. Sie haben uns immer noch nicht erkannt. Sonst hätten sie uns nämlich einen Schuß vor den Bug gesetzt, jawohl.“
„In Ordnung“, sagte Ferris Tucker leise. „Die Burschen in der Schaluppe wollen von uns wissen, wer wir sind, woher wir kommen, welches unsere Reiseroute und Ladung ist. Na, die werden sich freuen.“
„Ob Blacky und die fünf anderen es wohl geschafft haben?“ fragte Big Old Shane. „Nun, wir haben keine Gelegenheit, es festzustellen. Es ist, sagen wir mal, der einzige Unsicherheitsfaktor in unserem Spielchen.“
„Der einzige?“ Smoky lachte auf. „Na, du bist vielleicht ein Optimist.“
Hasard begab sich auf die Kuhl. „Eine Jakobsleiter an Backbord ausbringen“, sagte er zum Profos. „Benehmt euch anständig, Männer, wir wollen bei diesen Dons einen guten, nachhaltigen Eindruck hinterlassen.“
Carberry grinste wild und sah im schummrigen Licht der Achterlaterne ungefähr so aus, wie man sich den Teufel vorstellt. Er veranlaßte alles Erforderliche, dann packte er Sir John und stopfte ihn sich ins Wams. Der Papagei war nämlich durchaus in der Lage, im unpassendsten Augenblick auf englisch loszuzetern.
Die Schaluppe hatte Großsegel und Fock gesetzt und pflügte mit dem Nordostwind direkt auf die „Isabella VIII.“ zu. In einer Schleife, die man nicht anders als elegant nennen konnte, drehte sie bei, ging in den Wind, verlor an Fahrt und ging längsseits der großen Galeone.
„Daß die nicht Lunte riechen“, wisperte Jeff Bowie. „Die hohen Masten unserer Lady, die flachen Decks – die müssen uns doch erkennen.“
„Sei still“, zischte Will Thorne zurück. „Vielleicht haben sie ja schon ein paar Gallonen Wein intus, in Vorfreude auf den Jahresbeginn. Wäre das nicht herrlich?“
Hasard beugte sich übers Backbordschanzkleid und wechselte eiskalt und scheinbar völlig gelassen ein paar Worte mit den Männern der Schaluppe. Sie enterten daraufhin auf.
Eine Delegation, die der Hafenkapitän geschickt hatte – drei Offiziere, vier Soldaten. Zwei Soldaten blieben unten und paßten auf, daß die Schaluppe nicht abtrieb.
Sie bereiteten Hasard am meisten Kopfzerbrechen. Aber er bewahrte seine Ruhe und Berechnung. Mit einem feinen Lächeln ließ er die Offiziere und die beiden anderen Soldaten erst einmal über den Rand des Schanzkleides klettern und auf Deck treten.
Der Wortführer des kleinen Trupps, offenbar ein Teniente oder sogar noch mehr, blieb stehen und schaute sich verwundert um. „Sand? Holzkohlefeuer?“ sagte er verblüfft. „Por Dios, Senores, haben Sie zum Krieg gerüstet?“
Hasard trat dicht vor ihn hin und nahm zur Kenntnis, daß der gute Mann wirklich eine Weinfahne hatte. Das war es. Manila wiegte sich bereits im Taumel der Silvesterfreuden. Wenn ein Korsar das nicht ausnutzte!
„Wir haben Angst, angegriffen zu werden“, entgegnete der Seewolf mit Verschwörermiene. „Mein Name ist Diaz de Veloso, ich bin Kapitän auf diesem Schiff, und Sie können mir glauben, wir haben Entsetzliches hinter uns.“ Diaz de Veloso – so hatte er sich gelegentlich schon drüben, in der Neuen Welt, genannt. Fiel auch dieser Don darauf herein?
Hasard schielte zum Schanzkleid hinüber – auch die Soldaten befanden sich nun auf Deck. Hasard nickte, zog die Faust von unten herauf und setzte sie dem leicht angeheiterten Teniente rammbockartig unters Kinn. Die anderen „Senores“ von der „Isabella“ waren neben den vier weiteren Dons und fällten sie mit ein paar Hieben, die auch der hohen Schule des Sun Lo entstammten.
Kein Warnruf, kein verräterisches Stöhnen oder Poltern war zur Scharluppe hinuntergedrungen. Noch schöpften die beiden Soldaten unten keinerlei Verdacht. Hasard beschloß, das kaltblütig auszunutzen. Er hatte seine Abgeklärtheit immer noch nicht verloren.
„Bueno!“ rief er im edelsten Kastilisch aus. „Gut, dann entere ich jetzt in die Schaluppe ab, Teniente. Ganz wie Sie wünschen. Selbstverständlich habe ich nichts dagegen einzuwenden, mit Ihnen und Ihren Männern an Land zu gehen und persönlich beim Hafenkapitän vorzusprechen.“ Während er pausenlos weiterredete, glitt er über die Handleiste des Backbordschanzkleides, stieg an den Sprossen der Jakobsleiter abwärts, gelangte in die Schaluppe und wandte sich den etwas verdutzten Soldaten zu.
„Meine Freunde“, sagte er in öligem Tonfall. „Treten Sie näher, ich möchte auch Sie begrüßen und Ihnen einen Gruß der Nation überbringen.“ Sie rückten tatsächlich näher. Den einen brachte er mit einem Faustschlag zu Fall, dem anderen hieb er den linken Fuß unter die Kinnlade. Als sie ohnmächtig wurden, ergänzte der Seewolf: „Einen Gruß der englischen Nation natürlich.“
Er blickte sich um.
Vom Hafen aus konnte der Zwischenfall unmöglich beobachtet worden sein. Vor der Bordwand und auf der Kuhl der „Isabella“ war es viel zu dunkel, um ein Verfolgen von Land aus zuzulassen. Boote befanden sich auch nicht in der unmittelbaren Nähe – die Luft war rein.
Hasard schaute auf und gab seinen grinsenden Männern einen Wink.
Sie fingen daraufhin an, den wakkeren Teniente, die anderen beiden Offiziere und die Soldaten an der Jakobsleiter hinunterzuschaffen.
Sieben Mann stark war die Besatzung der einmastigen Schaluppe gewesen – sieben Mann stark wollte Hasard sie auch erhalten. Er hatte seine Gruppe rasch zusammengesetzt: Ferris Tucker, Ed Carberry, Smoky, Gary Andrews, Jeff Bowie und Bob Grey begleiteten ihn.
Neun Mann blieben nun noch an Bord der „Isabella“ zurück. Ben Brighton übernahm das Kommando von Hasard, Ihm zur Seite standen Big Old Shane, Batuti, der Kutscher, Pete Ballie, der alte O’Flynn, Will Thorne, Stenmark und Bill.
Nicht viel Zeit war verstrichen, und die Schaluppe löste sich wieder von der Bordwand der „Isabella“. Hasard ließ von seinen Männern das Großsegel und die Fock setzen, wählte raumen Kurs und steuerte auf die Halbinsel im Süden zu.
Unterwegs waren sie rege damit beschäftigt, den Spaniern die Kleidungsstücke auszuziehen und sich selbst damit auszustaffieren. Nicht alles wollte passen, aber darüber gingen die Seewölfe großzügig hinweg.
Unter dem schützenden Dunkel der Nacht fanden sie einen Platz am Ufer der Halbinsel, der recht üppig mit Büschen und Bäumen bewachsen war. Außerdem hatte dieser Ort den unschätzbaren Vorteil, daß sich niemand Ungebetenes an ihm herumtrieb.
Rasch hatten Hasard und seine Begleiter die bewußtlosen Spanier an Land geschafft. Ebenso flink hatten sie sie gefesselt und geknebelt. Danach kehrten sie zu der Schaluppe zurück und segelten weiter.
Ihr Ziel war die größte, dickste und tiefliegendste aller Handelsgaleonen im Hafen von Manila.
Sie enterten die Galeone unter dem offiziellen Siegel eines Kontrollbesuchs. Die Besatzung der Galeone nahm ihnen dies unbesehen ab, sie hielt die Seewölfe auch dann noch für Abgeordnete des Hafenkapitäns, als sie gemächlich auf die Kuhl kletterten.
Ben Brighton und die anderen an Bord der „Isabella“ standen unterdessen an den Geschützen bereit, um jederzeit eingreifen zu können. Ihre Anspannung wuchs fast ins Grenzenlose, sie mußten die größte Selbstkontrolle aufbringen und sich immer wieder beherrschen – was nicht einfach war, weil sie ja nicht wußten, wie es Hasard und den sechs anderen erging.
„Santa Elena“ hieß die stolze, prächtige Galeone mit dem erstaunlichen Tiefgang. Hasard schritt auf die Spanier zu, die mit gemischten Gefühlen zu ihm blickten. Nur ein Teil der Mannschaft befand sich an Bord, der Rest hatte Landgang, stellte der Seewolf fest. Ein junger, nach allem Dafürhalten noch unerfahrener Offizier der unteren Rangklasse stelzte gewichtig auf Hasard zu.
„Wer sind Sie, und was wünschen Sie?“ begann er. „Ich kenne Sie nicht. Was will der Hafenkapitän zu dieser Stunde von uns? Die Formalitäten sind doch erledigt.“
Hasard tat schnell zwei Schritte auf ihn zu und drückte ihm die Mündung seiner doppelläufigen Reiterpistole gegen den Bauch.
„Nur eine kleine Aufmerksamkeit verlangen wir“, sagte er leise und drohend. „Das kostet Sie nichts, mein Freund. Es sei denn, Sie wollen heute, am Silvesterabend, den Helden spielen.“
„Ich – nein …“
„Rufen Sie die Wachen. Alle. Sie sollen herkommen. Wird’s bald?“
Der junge Offizier tat, wie ihm befohlen wurde. Er fuhr auf einem Handelsschiff, nicht auf einem Kriegssegler. Sein Schneid war knapp bemessen. Außerdem stand er dem drohenden Tod zum erstenmal auf du und du gegenüber, und das war keine angenehme Sache für ihn.
Ferris, Carberry und die anderen traten in Aktion, als die komplette Decksmannschaft versammelt war. Urplötzlich gingen sie auf die Spanier los und streckten sie nieder. Nein, Gewissensbisse hatten sie dabei nicht, denn sie wandten ja immer Schläge und Griffe an, die einem Menschen nur Besinnungslosigkeit, nicht den Tod bescherten.
Hasard schickte den jungen Offizier mit einem der bewährten Handkantenschläge ins Reich der Träume. Er gab Smoky durch eine Gebärde zu verstehen, er solle die Ohnmächtigen bewachen, dann schlich er mit Ferris, Ed, Gary, Jeff und Bob durch das Schiff.
Kurze Zeit darauf hatten sie den Frachtraum entdeckt, in dem das Gesuchte lagerte. Hasard zündete ganz ungeniert zwei Öllampen an. Sie begutachteten die Ladung und öffneten immer neue Kisten, Truhen, Säcke.
„Gold- und Silberschmuck, mit Diamanten besetzt“, flüsterte Ferris Tucker. „Reines Gold und Silber in Barren. Mann o Mann, das Zeug kann doch wohl nur aus der Neuen Welt stammen. Vielleicht ist es vorgestern oder erst gestern eingetroffen und wartet darauf, gelöscht zu werden.“
Hasard schloß eine der größten Truhen wieder zu. „Zweifellos haben wir eine zweite Manila-Galeone vor uns. Sie ist aus Acapulco oder aus Panama eingetroffen und bringt die Bezahlung für die Güter, die von hier aus nach Neu-Spanien hinübergeschafft worden sind.“
Carberry rieb sich die schwieligen Pranken. „Das ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Fangen wir an?“
„Ja“, sagte Hasard und grinste.
Sie mannten die Kisten und Truhen, die ihnen am ertragreichsten erschienen, an Oberdeck und hievten sie von dort aus in die Schaluppe hinab. Nur das Beste vom Besten, nur das Lohnendste nahmen sie sich und pullten es zur „Isabella“ hinüber. Nach ihrer letzten Überfahrt blieb die Besatzung der „Santa Elena“ als jammervoller, gefesselter und geknebelter Haufen in einem der Beiboote des stolzen Dreimasters zurück. Das Boot dümpelte von der „Santa Elena“ fort, irgendwohin, zur Halbinsel hinüber, vielleicht aberwitzigerweise zu den rechtmäßigen Inhabern der Schaluppe hin. Die dickbäuchige Manila-Galeone aber füllte sich allmählich mit Wasser, weil Ferris Tucker sie von innen angebohrt hatte.
„Weiter“, sagte der Seewolf. Er hielt die Ruderpinne der Schaluppe und hatte sich bereits die nächste Galeone ausgesucht. Sie trug den frommen Namen „Asunción“, aber das konnte den Seewolf nicht abschrecken.
An Bord der „Asunción“ wurde schon kräftig gefeiert, und auch hier hatten sie nur einen Teil der eigentlichen Mannschaft vor sich. Prallvoll mußten die Kneipen in der Stadt sein, hoch mußte es in den Hurenhäusern zugehen, denn ein starker, vergnügungssüchtiger Trupp spanischer Seeleute und Soldaten bewegte sich da, um auf jeden Fall sturzbetrunken und befriedigt das neue Jahr zu beginnen.
Der zweite Überfall lief fast nach dem Muster des ersten ab. In den Frachträumen der Galeone entdeckten die sieben Männer der „Isabella“ diesmal aber kein Gold und Silber, keine Edelsteine – sie stießen auf Gewürze, Seide und Brokat, wie Hasard befürchtet hatte. Allerdings stöberte er schließlich auch noch Kunstgegenstände aus dem Reich der Mitte auf – Statuetten, Ringe, Armreife, mit größter Akribie gemalte Miniaturen und Gemälde auf Reispapier – sowie eine kleine Truhe voller Perlenketten.
Auch diese Beute konnten sie in der Schaluppe verstauen. Und Ferris brachte es auch diesmal fertig, den Boden der Galeone anzubohren, damit die „Asunción“ auf Nimmerwiedersehen auf dem Grund der Reede von Manila verschwand. Die gut verpackte Wachmannschaft schaukelte in ihrem Beiboot davon – und dann, ja, dann gellte ein Schrei über den Hafen.
„Ab durch die Mitte“, sagte Hasard. „Jemand hat spitzgekriegt, daß die ‚Santa Elena‘ absäuft.“
Sie enterten in aller Hast in die Schaluppe ab, stießen sich von der Bordwand der „Asunción“ ab und begannen zu pullen. Sie näherten sich der nächsten Handelsgaleone, und als sie am Bug der „Asunción“ vorbei waren, gewahrten sie die Segelpinasse, die sich geradezu bedrohlich nahe auf die „Santa Elena“ zugeschoben hatte. Jemand hatte sich im Bug der Pinasse aufgerichtet, schrie nach der Deckswache, die sich nicht melden konnte, und stimmte einen immer größeren Radau an.
„Der Bastard schreit Zeter und Mordio“, stieß Carberry finster hervor. „Ich hätte Lust, ihm den Hals umzudrehen. Wer ist das bloß?“
„Vielleicht gehört die Pinasse auch dem Hafenkapitän“, sagte Gary Andrews grinsend.
Carberry fixierte ihn. „Ja, lach du bloß. Aber wir kriegen hier gleich ein Feuerwerk, das sich sehen lassen kann. Dagegen ist der ganze Feuerzauber der Zopfmänner reiner Humbug.“
„Übertreib doch nicht so“, sagte Ferris Tucker.
Bob Grey hatte sich umgewandt. Der Mann im Bug der Pinasse brüllte Alarm, immer wieder Alarm, und plötzlich war überall hektisches Leben – auf den Kriegsschiffen, auf den Piers, am Kai, in der Stadt.
„Ich glaube, der Profos hat recht“, sagte Bob. Er konnte nicht verhindern, daß seine Stimme in diesem Augenblick belegt klang.
„Wir dürfen keine Zeit verlieren“, raunte der Seewolf. „Los, zum nächsten Schiff, bevor man uns entdeckt. Nein, die Galeone dort nehmen wir uns nicht vor. Ich will zu dem Kriegsschiff, das gleich dahinter ankert.“
„Verwirrung stiften?“ fragte Carberry.
„Und wie …“
Ferris grinste seinen Kapitän an und zog zwei Flaschen unter der einen Ducht hervor. „Wie gut, daß ich meine Höllenflaschen mitgenommen habe, was, Sir?“
Er hatte kaum ausgesprochen, da fiel der erste Schuß. An der Bordwand der einen Kriegsgaleone – sie lag weiter nach Südwesten versetzt und gar nicht weit von der „Isabella“ entfernt – blitzte es grellrot auf, dann puffte Qualm hoch, und eine Eisenkugel heulte zu Hasards Schiff hinüber.
Sie klatschte der „Isabella“ vor den Bug. Dies war die erste und letzte Warnung. Die Spanier hatten die „Isabella“ jetzt identifiziert, alles konzentrierte sich auf die feindliche Galeone mit den hohen Masten, während der Seewolf und seine sechs Gefährten weiter zwischen den spanischen Schiffen dahinpirschten.
Der nächste Kanonenschuß krachte, Donner wälzte sich schwer über das Wasser und auf die Mole zu. Von dem spanischen Kriegssegler aus orgelte eine zweite Kugel auf die „Isabella“ zu, und sie ging nur deshalb fehl, weil sie schlecht gezielt war.
Ben Brighton ließ zurückfeuern.
Dumpf wummerten die Culverinen der „Isabella“. Der Tanz war eröffnet.
10.
Im Brüllen der Kanonen und dem Schreien der Spanier schob sich die einmastige Schaluppe an dem dritten Handelsfahrer vorbei. Ungehindert erreichte sie den Bug, oben, auf Deck der Galeone, war Betrieb, aber die Mannschaft blickte nur zur Reede und schenkte der Schaluppe keinerlei Beachtung.
Weiter segelte die Schaluppe. Sie lief an der Galeone vorbei, und der Seewolf hatte den Blick frei auf das große Kriegsschiff. Dort traf man Anstalten, die Anker zu lichten und in den Kampf einzugreifen, ehe überhaupt alle richtig wußten, was eigentlich geschah.
„Nur ein paar Yards noch“, flüsterte der Seewolf. „Wir schaffen es.“
„Schneller“, stieß der Profos immer wieder hervor. „Himmel, geht denn das nicht schneller?“
Nein, schneller lief die Schaluppe nicht, denn sie lag hart, ganz hart am Nordost. Aber sie glitt doch an der Bordwand des Feindes entlang, bevor die Spanier ihre Gegner auch in dem Fahrzeug des Hafenkapitäns orten konnten.
Ferris Tucker hatte schon immer davon geträumt, seine Höllenflaschen mal in fremde Kanonenläufe befördern zu können. Jetzt erhielt er die Gelegenheit dazu. Die Stückpforten der oberen und unteren Batterie der Kriegsgaleone öffneten sich, die Geschütze rumpelten aus – die Schaluppe befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft schwerer 17-Pfünder-Culverinen.
Ferris arbeitete mit Eifer, Gary, Jeff und Bob assistierten ihm. Da wurden Explosionsflaschen mit langen Lunten gezündet und weitergereicht. Der rothaarige Riese ließ sie sanft in die gähnenden Mündungen gleiten, ohne daß im Schiff jemand ahnte, was gespielt wurde.
Dann gab Ferris ein Zeichen.
Im Weitergleiten der Schaluppe hatte er fast alle Höllenflaschen verteilt. Jetzt ging es darum, schleunigst zu verschwinden. Rasch verlor die Schaluppe den Kontakt mit der Galeone – und nach wie vor schöpfte keiner der Spanier den Verdacht, sie könne etwas mit dem Gegner zu tun haben.
Ihr Vorbeilaufen an dem Kriegsschiff schien etwas Zufälliges, nicht Beabsichtigtes zu sein, und jetzt segelte sie, die Schaluppe des Hafenkapitäns, zu der am weitesten nördlich liegenden Pier des Hafens. Wenn sie auch zuvor nie hiergewesen waren, Hasard hatte mit Blacky und dem Landtrupp vereinbart, sich an dem Punkt des Hafens zu treffen, der am weitesten nach Norden versetzt lag.
An dieser Pier legten sie nun an und warteten. Es gehörte mehr als Hartgesottenheit dazu.
Von der Stadt her näherten sich Soldaten und Zivilisten, ausnahmslos bewaffnete Leute. Die Stadtgarde verschaffte sich Platz und stürmte die Piers, als könne sie von hier aus etwas ausrichten.
Jeden Augenblick konnten die Seewölfe entdeckt werden, in Sekundenschnelle konnte ihre Maske fallen und ihr gefährliches Spiel aufgedeckt werden.
Den hochrädrigen Karren hatten sie im Innenhof der Stadtkommandantur stehen lassen, und von hier aus war es für Blacky, Al, Sam, Luke, Dan und Matt keine Schwierigkeit mehr gewesen, zur Hafenfeste zu gelangen.
Hier befand sich das Hauptquartier des Hafenkapitäns – ihr Ziel. Hasard hatte ihnen aufgetragen, den biederen Amtsstuben der noch verstaubteren Beamten und Offiziere einen „Höflichkeitsbesuch“ abzustatten. Er versprach sich etwas davon.
Blacky und Luke Morgan in der Verkleidung spanischer Soldaten betraten das wuchtige, klotzartig aus großen Quadern errichtete Gebäude, als im Hafen der Feuerzauber losging. Sie blieben stehen und sahen sich an.
An ihnen vorbei stürmte plötzlich ein Pulk Soldaten.
„Alarm!“ schrie jemand, wer, ließ sich nicht mehr feststellen. „Ein Überfall auf den Hafen! Zwei Schiffe sinken!“
„Nichts wie hin!“ rief Luke, der vermeintliche Katalone.
Sie ließen die Kompanie an sich vorbei, dann schlüpften sie in das festungsgleiche Haus. Al Conroy und Sam Roskill folgten ihnen auf einen Wink Blakkys hin. Dan O’Flynn und Matt Davies standen draußen Wache. Alle sechs hatten sie ihre bislang vorzüglich verborgenen Pistolen gezückt. Jeder führte zwei mit, darunter auch die kostbaren Modelle, die Dan von der „Sao Paolo“ mitgenommen hatte.
Blacky, Luke, Al und Sam genossen in den Amtsstuben der Hafenverwaltung nahezu Narrenfreiheit. Jetzt, da die Wache abgerückt war, brachen sie Schränke, Pulte, Truhen und Kästen auf. Leider ohne Erfolg. Blacky lief auf einen Flur hinaus, entdeckte eine Treppe und nahm die Stufen, ohne zu zögern.
Das große Zimmer, in das er wenig später im Obergeschoß eindrang, barg mehrere Überraschungen zugleich. Da war einmal der bärtige Mann, der gerade in seine Uniform stieg und fürchterlich fluchte. Seiner Montur nach konnte er nur der Hafenkapitän von Manila sein. Blacky und die hinter ihm hereinstürmenden Luke, Al und Sam verzichteten darauf, sich vorzustellen. Sie hatten viel mehr für die zarten Ladys übrig, die sich gerade kreischend zurückzogen – drei an der Zahl. Sie waren die zweite Überraschung – leicht und offenherzig gekleidete, von der Natur großzügig bediente Mätressen für die Silvesternacht.
Die dritte Überraschung war ein Vitrinenschrank, der Schriftrollen barg. Blacky hielt den erstarrenden Kapitän in Schach. Luke warf den davoneilenden Frauenzimmern noch einen entsagungsvollen Blick nach, seufzte ein langgezogenes „Schade“ und trat dann vor den verglasten Schrank. Er wollte auf das Schloß feuern, aber Al Conroy bremste ihn. Blacky hob die Pistole und zielte auf die Stirn des Hafenkapitäns.
„Den Schlüssel, Caballero“, sagte er.
Wenig später untersuchten sie den Inhalt des Vitrinenschrankes und steckten sich die größten und ausführlichsten Karten zu, als die sich ein Teil der sorgsam gehüteten Dokumente entpuppt hatte.
Luke Morgan schlug den Capitán nieder, dann ergriffen sie alle vier die Flucht. Unten in der Gasse vor dem Gebäude trafen sie sich mit Dan und Matt, und gemeinsam hetzten sie zum Hafen, um die nördlichste Pier zu suchen.
Blacky und Luke konnten sich dank ihrer Kostümierung durch eine Menschenmenge boxen, die den Zugang zum Hafen verstellte. Immer dichter ballte sich die Traube aus Leibern zusammen, selten hatte es in der Silvesternacht in Manila eine derartige Vorstellung gegeben. Auf der Reede duellierten sich die Galeonen, zwei Spanier gegen einen tolldreisten, offenbar wahnsinnigen Eindringling. Der dritte Spanier wollte auch eingreifen, aber er schickte sich kaum zum Auslaufen auf die offene Reede an, da zuckte ein Stakkato von Feuerblitzen von seiner Bordwand auf, mischte sich mit schwarzen Rauchschwaden, mit Gebrüll und wirbelnden Trümmern, Geschützfragmenten, Menschenteilen.
Vor dieser Kulisse gelangten Blakky und seine fünf Begleiter an die nördlichste Pier. Sie sahen die Schaluppe liegen und erkannten Hasard und die anderen, aber ein Trupp Soldaten rückte soeben auf die Kameraden los.
Blacky reagierte augenblicklich. Er feuerte seine Pistolen ab, duckte sich und gab auch Al, Sam, Luke, Dan und Matt die, Möglichkeit, auf die Gegner zu schießen. Im Krachen der Waffen sanken die Spanier auf der hölzernen Pier zusammen.
Blacky ließ die fünf Kameraden an sich vorbei und sprang als letzter in die zum Ablegen bereite Schaluppe.
Die Stadtgarde rollte ein leichtes Geschütz heran, als sie Distanz zwischen sich und die Pier legten. Nicht schnell genug schob der Nordostwind die Seewölfe auf ihre „Isabella“ zu, der Schuß der Garde mußte sie vorher erwischen.
Hasard zündete einen der Brandsätze, die er vorsichtshalber mitgenommen hatte. Es zischte, weißes Feuer verließ die Schaluppe und tanzte wie ein Irrwisch auf den Anleger zu. Mitten in die Menge der Widersacher stob das verheerende Feuer, und die Seewölfe entkamen.
Ben Brighton ließ auf die Spanier feuern und manövrierte die „Isabella“ hin und her, aber er hatte die ganze Zeit über Bedenken, die Kameraden in der Schaluppe zu gefährden. Erst als Hasard und die zwölf unter Ausnutzung der Verwirrung, die die Explosion auf der dritten Kriegsgaleone gesät hatte, glücklich zur „Isabella“ zurückgelangten und hastig an Bord aufenterten, konnte Ben sämtliche Register ziehen.
Mit vereinten Kräften heizten die Seewölfe ihrem erklärten Todfeind ein. Der Himmel über Manila färbte sich dunkelrot. Zwei Handelsschiffe sanken, ein Kriegssegler mit hervorragender Armierung brannte lichterloh und ging ebenfalls unter, indem er nach Backbord krängte und flutweise Wasser aufnahm – dann, schließlich, loderte noch eine Kriegsgaleone, weil Shane und Batuti sie mit Brand- und Pulverpfeilen beschossen hatten.
An diesem Punkt des Gefechts wandte sich die „Isabella“ der Ausfahrt der Bucht zu. Hasard wollte in die Nacht fliehen, bevor sein in kurzer Zeit zum zweiten Male gründlich repariertes Schiff lädiert wurde.
Als sie auf die Mole zurauschten, gab es jedoch eine herbe Überraschung. Von See her näherte sich ein großer Schatten, ein schnittiges, gut bestücktes Schiff, dessen Kapitän sich ihnen tollkühn entgegenwarf und versuchte, ihnen den Fluchtweg zu versperren.
Hasard kannte das Schiff nicht, er hatte es nie zuvor gesehen.
Und er ahnte auch nicht, wer sich zum Kapitän dieser Dreimast-Galeone ernannt hatte – Lucio do Velho. Er war bereit, die „Santa Luzia“ und die komplette Mannschaft samt Ignazio, dem Mann aus Porto, zu opfern, wenn er dadurch nur den verhaßten Gegner zur Strecke bringen konnte – Spaniens Feind Nummer eins.
„Drehbassen!“ schrie Hasard.
Smoky und Al Conroy begrüßten den Ankömmling mit zwei gezielten Schüssen. Danach trat Batuti vom Vormars aus in Aktion und sandte Brandpfeile zur „Santa Luzia“ hinüber.
Do Velho, dem das Grollen der Kanonen und der Feuerschein über Manila von weitem bereits gezeigt hatten, daß er zu spät erschien, um die Obrigkeiten zu warnen – do Velho ließ abfallen und präsentierte dem Gegner die Backbordbreitseite.
Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet – der Seewolf hatte die Festung Spaniens auf den Philippinen angegriffen. Eine bodenlose Dreistigkeit, die dem Portugiesen aber selbstverständlich genau recht war. Jetzt konnte er beweisen, welche Fähigkeiten in ihm steckten, wie er einen Korsaren Englands abservieren würde!
Aber von der „Isabella“ huschte plötzlich etwas Gleißendes, Flirrendes zu der „Santa Luzia“ herüber. Ein Brandsatz aus den geheimen Werkstätten am Hof des Großen Chan, von dessen Werden und Existenz, Beschaffenheit und Funktion do Velho bisher nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.
Mitschiffs schlug das Geschoß bei der Galeone „Santa Luzia“ ein, und sofort rasten gefräßige Flammenbündel weiß, grell und heiß über das Oberdeck. Fassungslos begriff do Velho unter dem Schreien seiner Männer, daß er den Seewolf wieder unterschätzt hatte.
Der „Isabella“ gelang der Durchbruch, obwohl einige beherzte Portugiesen trotz des himmelan fauchenden Feuers noch an die Geschütze zurückstürzten und sie zündeten.
Keine Kugel traf die „Isabella.“
Sie verließ die Bahia de Manila endgültig, ging an den Wind und verschwand in südlicher Richtung in der Nacht.
Hasards Schiff konnte alle Verfolger abhängen. Ein langer Törn begann. Er führte die Seewölfe über Palawan, die südwestlichste Philippinen-Insel, bis hinunter nach Borneo, nach Tandjung Datu Hier mußten Trinkwasser und Proviant an Bord gemannt werden, hier gönnte der Seewolf sich und seinen Männern endlich wieder eine Ruhepause. Verspätet holten sie jetzt, im Januar 1585, die Silvester- und Neujahrsfeier nach, vergaßen Manila und dachten an daheim, unter anderem auch an Plymouth, die „Bloody Mary“ und den spekkigen Nathaniel Plymson.
In Manila hatte ein zorniger Lucio do Velho den Obrigkeiten berichtet, was sich seit Formosa zugetragen hatte. Er, der geborene Mime, brachte dies alles so überzeugend vor, daß man ihm eine Sondervollmacht aushändigte, die ihn fortan als Seewolf-Jäger Nummer eins auswies.
Er erhielt ein großes, neues Schiff, eine hervorragend ausgerüstete Galeone. Zum Kommandanten wurde er befördert, und auch Ignazio, der Mann aus Porto, stieg ein paar Sprossen auf der Leiter der Hierarchie auf.
Do Velhos Auftrag lautete, den Seewolf weiterhin zu jagen, zu stellen und dem Oberkommando der Armada zu überführen – tot oder lebendig.
Do Velho wußte, daß er diese Aufgabe mit Ehrgeiz und Eifer weiterverfolgen würde. Einmal hatte er dem Seewolf bereits eine tödliche Falle gestellt, die dem Mann und seiner Crew fast den Tod gebracht hatte. Vielleicht gelang es beim zweiten Male besser.
Philip Hasard Killigrew wußte von dieser Entwicklung nichts, gleichwohl war ihm aber klar, daß er immer mehr Feinde im Nacken sitzen haben würde. Die Dinge spitzten sich zu, der Feind war bis zur Weißglut gereizt – wie auch im fernen Europa der Konflikt zwischen England und Spanien immer rascher seinem explosiven Höhepunkt entgegenstrebte.

1.
Nach dreitägiger Irrfahrt erreichten sie nachts die Insel. Daß es eine Insel war, wußte keiner der beiden, sie waren so benommen, ausgehungert und halb verdurstet, daß sie kaum merkten, wie ihr kleines Boot auf den Sand stieß, wie eine Welle es hochhob und schließlich ganz auf den flachen Strand trieb.
Sie taumelten auf festes Land zu, warfen sich in den feinkörnigen Sand und blieben liegen. Mehr als zehn Stunden schliefen sie ununterbrochen. Dann wurde Virgil Romero von der Sonne gekitzelt und fuhr mit einem leisen Schrei hoch.
Seine Lippen waren aufgeplatzt, die Haut gedunsen und seine Vorderzähne so locker, daß er sie ohne Mühe mit den Fingern hätte herausziehen können.
Sein Schrei weckte Antonio, den Steuermann, und dieser Schrei wirkte so ansteckend, daß Antonio ebenfalls aufsprang und in wilder Panik davonlaufen wollte.
Virgil hielt ihn fest und starrte in das vertraute Gesicht, das jetzt so fremd wirkte.
Ein vier Tage alter Bart aus schwärzlichen Stoppeln bedeckte das Gesicht des Steuermanns. Seine Wangen waren eingefallen, seine Augen lagen tief in den Höhlen, und Salzwasser und heiße Sonne hatten sein Gesicht verbrannt. Virgil sah die Haut in Fetzen von diesem Gesicht herunterhängen.
„Wir sind – in Sicherheit“, sagte er mühsam lallend. Seine Stimme war ein heiseres Krächzen, sein Hals brannte bis hinunter in den Magen.
„Ich habe entsetzlichen Durst“, klagte Antonio und sah sich wieder gehetzt um.
Niemand war zu sehen. Anscheinend waren sie allein. Man hatte sie auch nicht mehr verfolgt, seit ihrer überstürzten Flucht.
Es dauerte eine Weile, bis sie begriffen, daß es hier keine Kopfjäger mehr gab.
Vor ihnen dehnte sich weißer Strand, knapp eine halbe Meile lang. Dann schien der Strand hart nach links zu laufen und verschwamm vor ihren Blikken.
„Ich glaube, wir sind auf einer Insel“, sagte Virgil. „Und diese Insel scheint verdammt klein zu sein.“
„Durst“, murmelte der Steuermann schwach. „Nur einen Tropfen Wasser, es zerfrißt mir die Eingeweide.“
Seine tief in den Höhlen liegenden Augen glänzten fiebrig, seine pelzige Zunge schob sich zwischen den Lippen hervor und versuchte sie zu benetzen.
An Bord der „Nuestra Madonna“ war er immer der harte Kerl gewesen, dachte Virgil. Da hatte er die anderen wissen lassen, wer der Steuermann war, und nicht gezögert, brutal hinzulangen, auch wenn kein besonderer Anlaß vorhanden gewesen war.
Aber jetzt war er ein kraftloses Bündel, halbtot vor Angst und dem Wahnsinn nahe. Ein Feigling, dachte Virgil, einer der sich nicht mehr zurecht fand.
Am liebsten hätte er es diesem Lumpenhund heimgezahlt, doch hier war nicht der richtige Ort und nicht die Zeit dafür. Sie waren aufeinander angewiesen und mußten zusammenhalten, wenn sie überleben wollten. Und, verdammt, sie wollten überleben, nachdem sie diesen Teufeln in Menschengestalt entkommen waren.
„Zuerst das Boot auf den Sand“, sagte Virgil, „sonst treibt es ab, und wir sind erledigt.“
„Zuerst Wasser“, protestierte der Steuermann schwach.
„Zuerst das Boot!“ schrie Virgil.
Der Steuermann fügte sich widerspruchslos.
Es wurde eine höllische Plackerei, das leichte Boot höher auf den Sand zu ziehen, bis die Wellen es nicht mehr erreichten. Mit letzten Kräften schafften sie es. Virgil beschwerte den Anker, den er in den Sand grub, zusätzlich mit einem Stein.
„Wasser“, jammerte der Steuermann. „Ich will nicht krepieren.“
„Verdammt noch mal, ich auch nicht. Steh jetzt auf, dann suchen wir Wasser“, sagte Virgil und riß den apathisch dahockenden Steuermann an den Armen hoch.
Mehr taumelnd als gehend, manchmal auf allen vieren kriechend, bewegten sie sich am Strand entlang.
Über ihnen flirrte erbarmungslos die Sonne, der Sand heizte sich auf. Kleine Krebse flohen vor ihnen und verschwanden eilig in den Sandlöchern, wenn die Männer sich näherten.
Sie erreichten die Stelle, wo der Strand aufhörte und nach links lief. Dicht hinter dem Strand standen ein paar Palmen, niedrige Büsche und kleine Blumen, deren blutrote Blüten einen entsetzlichen Duft verbreiteten.
Virgil kniff die Augen zusammen. Ein leises Stöhnen entrang sich seiner Brust, aber er riß sich zusammen und kroch weiter.
Nach einer weiteren halben Meile bot sich ihnen immer noch das gleiche Bild. Es gab ein paar Palmen, einige Sträucher und eine größere Bodenerhebung, die dicht bewachsen war.
„Wir gehen im Kreis“, sagte der Steuermann, „da vorn liegt ein Boot.“
„Ja, da vorn liegt ein Boot“, sagte Virgil schweratmend. „Und das ist das Boot, mit dem wir hier gelandet sind. Jetzt weißt du, wo wir sind, und ich weiß es auch. Der liebe Gott persönlich hat uns in den Arsch getreten.“
Der Steuermann begriff immer noch nicht. Sein zitternder Finger deutete auf das Boot.
„Sie holen uns, diese Teufel!“ schrie er. Wie besessen rannte er plötzlich los, doch schon nach wenigen Schritten fiel er kraftlos in den Sand und heulte.
Virgil hockte sich neben ihn, seine Augen waren leer, glanzlos und starrten in die Ferne, wo sich bis zum Horizont nichts weiter als eine endlos glitzernde Wasserfläche erstreckte.
„Eine Insel“, murmelte er, „eine kleine verdammte Insel, und es gibt nicht einen einzigen Tropfen Wasser.“
Blicklos waren seine Augen auf das Boot gerichtet. Sie hatten die winzige Insel einmal in ganz kurzer Zeit umrundet und befanden sich jetzt wieder am Ausgangspunkt.
Wasser? Davon hatten sie mehr als genug, es ließ sich nur nicht trinken. An die Kokosnüsse, die in den Palmwedeln hingen, reichten sie nicht heran. Die befanden sich in unerreichbarer Ferne.
„Ich will was zu trinken“, jammerte der Steuermann nach einer Weile erneut und zerrte wütend an Virgils Arm.
Der stieß ihn hart von sich und schrie ihn mit hochrotem Kopf an. „Es gibt hier kein Wasser, verdammt! Hier hat es nie welches gegeben, und es wird auch nie etwas geben. Wir werden hier verrecken, todos los santos.“
Die Hitze wurde immer unerträglicher. Antonio lag im Sand und rührte sich nicht. Virgil schleppte sich kraftlos zu der Kokospalme hinüber und ließ sich in deren Schatten fallen.
Der Durst höhlte ihn aus, fraß in ihm und trocknete das Blut in den Adern, bis er glaubte, er bestände nur noch aus Staub.
Spätestens morgen würden sie elend krepieren, wenn nicht ein Wunder geschah. In dieser Gluthitze überlebte man nicht lange, wenn es kein Wasser gab.
Er sah sich um, starrte auf die übelriechenden Blüten und dachte nach. Wenn hier Blumen wuchsen, mußte es auch Wasser geben, eine winzige kleine Quelle nur, wovon sonst sollten sich diese Pflanzen ernähren?
Er begann mit der Suche, dabei warf er immer wieder einen Blick zu den großen Nüssen, die in schwindelerregender Höhe über ihm in dem Wedel der Palme hingen. Sie waren noch nicht ganz reif, aber das war nicht weiter wichtig. Wichtiger war, wie man sie kriegte.
Zuerst buddelte er mit beiden Händen wie besessen in dem Sand bei den Pflanzen, doch der Sand war trocken und heiß, und von dem Geruch, den die Blüten verströmten, wurde ihm schlecht.
„Madre de Dios“, betete er laut, „laß es auf dieser beschissenen Insel Wasser geben! Jeden Tag nur einen Schluck!“
Er wühlte weiter wie ein Tier. Er hatte ein tiefes Loch gebuddelt, über dem er mit dem Oberkörper hing. Schweiß rann ihm über das Gesicht, verklebte ihm die Augen, aber er gab nicht auf und grub weiter, bis seine Hände auf etwas Kühles stießen. Seine Finger wurden feucht, dann naß. Mit einem irren Auflachen erkannte er vor sich tief im Boden ein Rinnsal, das aus dem Sand quoll und einen Teil des Bodens bedeckte.
Als er sich vorbeugen wollte, wurde er zur Seite gerissen. Eine Hand packte ihn, schleuderte ihn fort, ein Fuß trat nach ihm.
Der Steuermann warf sich in das Loch. Sein Gesicht war vom Wahnsinn gezeichnet, seine Hände hielt er wie Klauen gestreckt abwehrbereit zur Seite.
Virgil hatte seine letzten Kräfte verbraucht. Er lag halb auf der Seite im Sand und stöhnte leise.
„Du verdammter Hund“, murmelte er immer wieder. „Laß mir auch einen Schluck, ein paar Tropfen nur!“
Antonio zuckte zurück, als hätte er einen Hieb ins Gesicht erhalten. Erstaunlich rasch kroch er aus dem Loch heraus, Sand auf den Lippen, in den Augen. Sandige Brühe troff ihm aus dem rechten Mundwinkel, und er spuckte.
„Salzwasser!“ heulte er laut. „Und ich habe fast alles gesoffen.“
Virgil konnte kein Mitleid mit ihm empfinden. Der Steuermann hätte ihm keinen Tropfen übriggelassen, wäre es Süßwasser gewesen.
Der Steuermann erbrach sich, aber so sehr er auch zuckte und bebte, er brachte nur ein paar Tropfen heraus. Das schwächte ihn so, daß er wieder in den Sand fiel und sich nicht mehr rührte.
Auch Virgil wollte sich erschöpft und ausgelaugt wieder in den Schatten lehnen, als ihn ein Gedanke durchzuckte, der seine Lebensgeister schlagartig aufpeitschte.
Im Boot lag eine Muskete!
Er lief los, stolperte, fiel der Länge nach hin und raffte sich wieder auf, bis er das Boot erreichte.
Ja, die Muskete lag noch da, sie hatten sie auf ihrer überstürzten Flucht mitgenommen, als sie sich gegen die Wilden gewehrt hatten. Mit der Muskete konnte er ein paar Kokosnüsse herunterschießen, und wenn sie nur eine oder zwei erwischten, dann würde das in jedem Fall ihr Leben verlängern. Virgil hatte von einem spanischen Schiffbrüchigen gehört, daß man ein ganzes Jahr lang leben konnte, wenn man jeden Tag nur eine einzige Kokosnuß verzehrte.
Die nächste Enttäuschung versetzte ihm einen fast körperlich spürbaren Schlag. Das Pulver war naß und matschig, ein unbrauchbarer dunkler Brei. Er goß die dunkle Suppe vorsichtig auf die Ducht und wartete darauf, daß die Sonne es trocknen möge.
Antonio rührte sich nicht. Es hatte den Anschein, als würde er den morgigen Tag nicht mehr erleben, und er selbst, Virgil, konnte sich trotz seiner besseren Kondition ausrechnen, wann es auch mit ihm soweit war.
Er fühlte sich hundeelend und war den Tränen nahe. Einmal begann er laut zu fluchen, dann wieder betete er laut und inbrünstig, und schließlich verfluchte er Gott und die Welt.
Drei Tage hatten sie gebraucht, um diese verdammte Insel zu erreichen. Drei Tage mindestens würden sie auch wieder brauchen, um zum Festland zu gelangen, wo es Trinkwasser gab.
Aber da gab es auch die Kopfjäger und Menschenfresser, die sie unbarmherzig jagen würden.
Nein, es war nicht zu schaffen, entschied er. Sie würden auf See verdursten oder hier, es blieb sich gleich. Hier hatten sie wenigstens die Wilden nicht zu fürchten.
Alle Augenblicke sah er nach, ob das Pulver trocken war. Es klebte langsam zu einer kuchenartigen Masse zusammen, war im Innern aber immer noch feucht.
Die Hitze nahm zu. Mörderisch heiß schickte die Sonne sengende Strahlen zur Erde. Selbst im Schatten war es kaum zum Aushalten. Die heiße und schwüle Luft legte sich beklemmend auf die Lungen.
Gegen Mittag zerbröselte Virgil einen Teil des Pulvers und lud mühsam und mit gequollenen Händen die Muskete.
Doch das Pulver entzündete sich nicht, er konnte tun, was er wollte, es gab keinen Blitz, nichts.
Wütend und enttäuscht warf er die Muskete ins Boot zurück.
Danach versuchte er es mit Steinen, und als er damit ebenfalls keinen Erfolg hatte, rüttelte er wie besessen am Stamm der Palme, ohne daß es etwas einbrachte.
Schließlich versuchte er sie zu erklimmen. Er schaffte nur ein paar Schritte, dann hielten seine Hände nicht mehr fest, er konnte nicht zupacken, verlor den Halt und stürzte kopfüber in den heißen Sand.
Der Tobsuchtsanfall, der dann folgte, zehrte seine letzten Kräfte auf. Dort hoch oben hing das, was sein Leben verlängerte, kühle süßliche Milch, die seinen Durst löschte, Fruchtfleisch, das seinen Hunger stillte, aber es war so weit entfernt wie der Mond.
Zwei Stunden lang lag er reglos da, mit pochendem Herzen, rasselndem Atem und jagenden Lungen, dann verfiel er auf die Idee, den Stamm der Palme zu kappen.
Er kroch zu dem Steuermann hinüber und riß ihm das Messer aus dem Hosenbund. Antonio rührte sich nicht, er hatte sich in der letzten Zeit überhaupt nicht mehr bewegt. Vielleicht war er tot, oder das Salzwasser hatte ihm den Rest gegeben.
Mit dem Messer hieb er wütend und knurrend wie ein gereizter Hund immer wieder in den Stamm der Palme. Er hieb zu, als hätte er seinen Todfeind vor sich, immer und immer wieder.
Aus dem zerfetzten Stamm rann etwas Flüssigkeit. Virgil preßte die aufgesprungenen Lippen daran und begann gierig zu saugen.
Er spürte, wie neue Kraft in ihm aufloderte, und wie besessen hackte er weiter. Er hatte nicht gedacht, daß das Holz dieser Palme so unglaublich hart und zäh war und sich immer nur winzige Späne herausfetzen ließen.
Aber mit dem weiteren Abspänen sickerte auch immer wieder etwas von dieser Flüssigkeit aus dem Stamm, die ihm neues Leben verlieh.
Nach einer Ewigkeit hörte er auf. Diese Arbeit war allein nicht zu schaffen, und er sah nicht ein, daß sich der lausige Steuermann im Sand ausruhte und nichts zur Arbeit beitrug. Schließlich kam er ja auch in den Genuß der Früchte, sobald die Palme gefällt war.
Er stieß ihn mit dem Fuß an.
„Steh auf“, sagte er heiser. „Hilf mir, den Stamm zu fällen, du fauler Hund! Dann haben wir Milch, kühle Milch!“
Antonio ächzte leise und sah aus blicklosen Augen in den Himmel.
„Wasser!“ brüllte Virgil ihn an, um seine Lebensgeister zu mobilisieren, doch der Steuermann begriff nicht mehr, was er wollte. Ein häßliches Grinsen hatte sich um seine Mundwinkel eingekerbt, in den blicklosen Augen lag ein fast spöttischer Ausdruck.
Virgil zuckte mit den Schultern und wollte sich abwenden. Geschieht dem Kerl ganz recht, sagte eine innere Stimme in ihm. Um den ist es nicht schade. Warum sollst du dich mit ihm abrackern?
Aber da war auch noch eine andere Stimme, und die appellierte an sein Gewissen.
Du kannst ihn nicht verrecken lassen. Ihr seid durch tausend Höllen gegangen. Hilf ihm! Gib ihm etwas zu trinken!
Virgil ließ sich auf die Knie fallen und starrte in das aufgedunsene dreckige Gesicht des Mannes.
Helfen! Hatte das noch einen Sinn? Der Steuermann würde es doch nicht überleben. Weshalb sollte er den kostbaren Saft mit ihm teilen.
„Grins nicht so!“ fuhr er ihn an, doch dann hatte die andere innere Stimme gesiegt.
Mühsam, fluchend und schwitzend, schleppte er den Mann zu der Palme hin und drückte sein Gesicht an den Stamm, hielt ihn im Genick fest und drückte.
Antonio hieb in wilder Gier die Zähne in den Stamm, seine Lippen preßten sich darauf, er stöhnte leise.
Als Virgil ihn losließ, fiel er zurück in den Sand.
Etwas später, die Sonne stand jetzt senkrecht am Himmel, brach das Messer ab.
Virgil starrte es ungläubig an, lachte heiser und begann am ganzen Körper zu zittern.
„Das darf nicht sein“, stammelte er, „Madonna, gib, daß es nicht wahr ist!“
Ein kleiner scharfkantiger Stumpf ragte nur noch aus dem Heft.
Zuerst wollte der spanische Seemann aufgeben, aber der Palmensaft hatte doch seine Lebensgeister geweckt und ihn ermuntert.
Diablo, vielleicht geht es auch mit diesem Stumpf hier, überlegte er. Er brachte es nicht fertig, sich einfach hinzulegen und auf das Ende zu warten. Er wollte kämpfen, solange noch ein winziger Funke Leben in ihm war.
Nachts wurde es unangenehm kühl. Tagsüber war die Hitze nicht zum Aushalten gewesen, doch jetzt kroch eisige Kälte durch Virgils Körper.
Er hockte vor der Palme, wiegte seinen Oberkörper und stieß den Messerstumpf rhythmisch in das faserige Holz. Immer wieder hieb er zu, bis der Mond über dem Wasser stand und silbrige Muster auf die kleinen Wellen zeichnete.
Ein paarmal schlief er vor Erschöpfung ein. Wenn er dann erwachte, rasten heiße und kalte Wellen durch seinen Körper. Fieber, dachte er, das Fieber hat mich gepackt, deshalb friere und schwitze ich abwechselnd, denn in diesen südlichen Breiten wurde es nachts gar nicht kalt.
Als der Morgen über dem Meer heraufdämmerte, erwachte Virgil schweißgebadet. Alpträume hatten ihn geplagt. Wilde waren hinter ihm hergelaufen und hatten versucht, seinen Kopf abzuhacken, wie sie es bei den anderen getan hatten.
Fieber schüttelte ihn. Er biß die Zähne aufeinander und fror erbärmlich.
Dann sah er nach dem Steuermann, blickte in die grinsende Fratze, sah die offenen Augen, die blicklos in den Himmel starrten, und wußte, daß Antonio kein Wasser mehr brauchte.
Der Steuermann war tot. Virgil befand sich jetzt allein auf einer winzigen Insel irgendwo in der Nähe der Insel Kalimantan.
„Eine Toteninsel“, sagte er kichernd. Dann deutete er mit dem ausgestreckten Finger auf den toten Antonio.
„Du hast dich davongeschlichen“, sagte er anklagend, „bist einfach abgehauen. So einfach hast du dir das gemacht!“
Er befand sich in einem merkwürdigen Zustand zwischen Schlafen und Wachsein, einem Halbdämmer, das die Konturen der Insel verzerrte, das den Toten mitunter hoch in den Himmel zu heben schien. Manchmal stand auch die ganze Insel auf dem Kopf oder schwebte zwischen weit entfernten Wolken am Horizont dahin.
Dann wankte er über die Insel, durchquerte sie, lief am Strand entlang und suchte erneut nach Wasser oder Tieren.
Aber auf der kleinen Insel gab es keine Tiere. Kein Vogel war zu sehen, nichts regte sich zwischen den kleinen Pflanzen.
Er war allein in einer unwirklichen Stille, allein mit Antonio, der sich so heimlich davongeschlichen hatte. Vielleicht bin ich der einzige Mensch auf der Welt, dachte er, wenn er einen lichten Augenblick hatte.
Immer wieder irrte er umher, blickte sehnsüchtig zu den Kokosnüssen und kratzte mit dem abgebrochenen Messer weiter am Stamm der Palme.
Am dritten Tag hatte er es immer noch nicht geschafft. Der Stamm war teilweise zerfetzt, aber er fiel nicht um, und er gab auch nur noch ein paar Tropfen von dem Saft her, der sein Leben rettete.
Müde, mit knurrendem Magen erklomm er die kleine Erhebung der Insel und blickte sich aus glanzlosen Augen um.
Wasser, wohin das Auge sah. Wasser, auf dem goldene Strahlen tanzten, das von silbrigen Wellen glitzerte, Wellen so klein wie krause Haare.
Ein Schreck durchzuckte ihn plötzlich, als er das Schiff sah.
Es lief mit vollen Segeln aus nördlicher Richtung genau auf die Insel zu. Es war ein Dreimaster, der eine mächtige Bugwelle vor sich herschob. Und die Segel waren so prall vom Wind gefüllt, daß die Masten sich unter dem Druck bogen.
Es ging nur kein Wind, überlegte Virgil. Wie konnte das Schiff also so schnell segeln?
Mit klopfendem Herzen lief er zum Strand hinunter und wartete. Doch als er einmal einen Blick auf Antonio warf und dann wieder zum Meer blickte, war das Schiff verschwunden.
Er konnte es nicht glauben, suchte wieder den Hügel auf, sah nach allen Himmelsrichtungen. Nichts, es gab kein Schiff, es hatte nur in seiner Phantasie existiert, oder er war einem Trugbild zum Opfer gefallen.
In der Nähe der Palme lag ein ekelhafter süßlicher Geruch in der Luft, der sich wie eine Wolke am Boden ausgebreitet hatte.
Sein leerer Magen drehte sich um, es würgte ihn, und als er ein paar Schritte in Antonios Richtung ging, wußte er, woher der ekelhafte Geruch stammte. Die Sonne zersetzte Antonios Körper.
Apathisch aß er von den Fasern des Palmenstammes, kaute sie und schlang sie hinunter. Danach ging er wieder an die Arbeit, aber der Geruch wurde immer unerträglicher.
Er hielt es schließlich nicht mehr aus, so übel wurde ihm, aber er konnte diesen Platz auch nicht verlassen, denn nur hier hingen die halbreifen Kokosnüsse.
Also mußte Antonio weg.
Es kostete ihn außer Kraft auch Überwindung, den toten Steuermann an den Armen zu packen und ihn ins Wasser zu schleifen. Dabei hatte Antonio immer noch dieses höhnische Grinsen im Gesicht, als lache er ihn aus.
Erst im Wasser wurde der Körper leichter. Virgil ging so weit mit ihm hinaus, bis er nicht mehr stehen konnte. Dann ließ er den Steuermann treiben, der auch gleich unterging.
Jetzt konnte er seine mühevolle Arbeit fortsetzen, doch kaum hatte er den Strand erreicht, als er Getümmel im Wasser sah. Um die Stelle, an der Antonio versunken war, huschten Schatten hin und her.
„Haie“, sagte er heiser. „Gott sei deiner armen Seele gnädig, Steuermann!“
Bis zum Abend hatte er es immer noch nicht geschafft, die Palme zu fällen, und so gab er es für heute auf. Morgen würde der Stamm stürzen, er schwankte jetzt schon, wenn man an ihm rüttelte.
Doch in dieser Nacht fand Virgil nur wenig Schlaf und warf sich alle Augenblicke unruhig hin und her. Er hatte Angst, denn er sah, wie der Steuermann wieder an den Strand zurückkehrte und dicht am Wasser liegenblieb. Ein Bein und der rechte Arm fehlten.
Auch am nächsten Morgen lag er noch so da, und Virgil verfluchte ihn und die Haie, die es nicht geschafft hatten, ihn draußen zu behalten.
Verbissen nahm er sich wieder den Stamm vor. Der Durst ließ ihn halb wahnsinnig werden, an den nagenden Hunger dachte er nicht mehr. Nur einen Schluck Wasser, einen winzigen nur, so betete er ständig vor sich hin.
Gegen Mittag schrie er vor Freude laut auf. Im Stamm war ein hartes Knakken zu hören, die Palme neigte sich und stürzte dann in den Sand.
Virgil fühlte sich wie neugeboren, als er zu dem großen Wedel rannte und wie ein Irrer, laut kreischend, grüne Kokosnüsse abriß. Er warf sie in die Luft, tanzte herum und lachte, riß immer wieder die Arme hoch und gebärdete sich wie toll.
Mit feierlichem Ernst ging er daran, eins der drei Löcher mit dem Messerstumpf aufzubohren. Dann setzte er die Nuß an die Lippen und trank gierig, schlürfte und schmatzte.
Zu seiner grenzenlosen Enttäuschung gab sie nicht viel her. Es war wirklich nur ein winziger Schluck, nicht einmal ein Mundvoll. Doch er labte ihn, und so zerschlug er die Nuß und fiel gierig über das harte Fleisch her. Die leeren Schalen warf er in den Sand und öffnete die nächste, etwas später die dritte.
Erst nach der vierten Nuß sah er sich ernüchtert um. Jetzt hatte er noch sieben, mehr hatte die Palme nicht getragen.
Wenn er jeden Tag nur eine Nuß aß, konnte er sieben Tage überleben, rechnete er sich aus. Trieb er es aber so wie heute, dann war seine Zeit in zwei Tagen abgelaufen, denn die Nüsse an den beiden anderen Palmen, die noch auf der Insel wuchsen, waren erst winzig klein und noch lange nicht reif. Diese hier schien einen besonders günstigen Standort zu haben.
An einem der nächsten Tage ging die Veränderung mit Antonio rapide voran. Sein Fleisch zerfiel und die Knochen wurden sichtbar. Dieser grausige Anblick veranlaßte Virgil, auf die andere Seite der Insel zu gehen. Begraben konnte er den Steuermann nicht, dazu fehlte ihm jegliches Gerät, und mit den Händen ein Loch in den steinigen Sand zu buddeln, dazu konnte er sich nicht durchringen, denn dann mußte er ihn anfassen.
Seine restlichen drei Kokosnüsse nahm er mit und hütete sie wie einen kostbaren Schatz.
Aus den mittlerweile trockenen Wedeln der Palme hatte er sich im Sand ein Lager bereitet, in das er abends hineinkroch und sich wie ein krankes Tier versteckte.
Er wußte nicht, wie es weitergehen sollte. Noch fühlte er sich einigermaßen wohl, das Fieber hatte sich nicht mehr gemeldet, aber die grelle Sonne ließ seine Haut aufplatzen und überall kleine Wunden entstehen.
Immer wieder achtete er auf Wolken, die Regen versprachen, doch wenn wirklich mal eine am fernen Horizont auftauchte, dann war sie etwas später schon wieder verschwunden.
Wie lange er sich jetzt auf der Insel befand, wußte er nicht mehr. Vielleicht eine Woche? Er hatte jeglichen Zeitbegriff verloren.
Danach ging es ständig mit ihm bergab. Ein paar Tage war er, wie in Trance versunken, auf der Insel herumgelaufen, dann wieder beschäftigte er sich stundenlang mit dem Pulver und der Muskete. Einen Sinn darin sah er nicht, er konnte keine Tiere jagen und die Muskete auch nicht verwenden. Dennoch gab er sich mit einem Eifer der Sache hin, der an Wahnsinn grenzte.
Mitunter verlor Virgil das Bewußtsein, wachte dann irgendwo am Strand wieder auf und begriff nicht, wo er sich befand. Er starrte auf das Gerippe des Steuermanns und sprach mit ihm.
„Wir müssen zurück, Steuermann“, sagte er dann, „die warten bestimmt nicht länger auf uns. Los, steh auf!“
Da Antonio keine Anstalten unternahm, aufzustehen, brüllte und schrie er mit ihm, nannte ihn einen gottlosen Nichtstuer und faulen Lumpenhund, der sich nur ausruhen wollte, ohne an seine Pflicht zu denken.
Wahnsinn befiel ihn. Er sah Schiffe auf dem Meer fahren, sah Seeleute, die ihm zuwinkten, und erblickte große Fässer an Deck, die mit klarem frischen Wasser gefüllt waren. Und als er bittend die Hände ausstreckte und ihm niemand etwas zu trinken gab, nahm er die Muskete und feuerte auf das Schiff.
Danach brach er zusammen.
2.
Der Kapitän der Zweimastgaleone „Tierra“, Jesus Maria de Aragon, blickte seit einer Viertelstunde durch das Spektiv und musterte das lächerlich kleine Eiland, das sich an Backbord befand.
Zu sehen gab es nicht viel. Dicht am Wasser lag eine umgestürzte Palme, ein paar Büsche befanden sich in der Nähe und etwas Dunkles lag in Wassernähe.
Aber sie alle hatten deutlich einen Knall gehört, dessen Ursprung nur von dieser kleinen Insel stammen konnte.
De Aragon gab dem Rudergänger Befehle, und die Galeone, die mit achterlichem Wind auf Südostkurs lief, ging in den Wind und luvte an.
„Es muß jemand auf dieser Insel sein“, sagte De Aragon zu seinem ersten Offizier. „Jeder von uns hat diesen Schuß gehört.“
„Si, Capitan“, erwiderte Lopez, „der Schuß war deutlich zu hören, aber vielleicht war es die Palme am Strand, die umstürzte und diesen Knall vortäuschte.“
De Aragons Lippen wurden zwei schmale Striche.
„Verursachte, wollten Sie sagen, Senor Lopez“, verbesserte der Capitan. „Aber es geht schlecht an, daß eine Palme umstürzt und man den Knall erst sehr viel später hört. Lassen Sie dort vorn Anker werfen. Nehmen Sie das Boot, zwei Männer und rudern Sie hinüber. Ich will wissen, was da vorgeht.“
Lopez nickte, schüttelte aber anschließend sofort den Kopf.
„Wie soll dort jemand überleben, Capitan?“ fragte er leise.
„Das weiß Gott allein, Lopez, deshalb werden wir nachsehen.“
Die Tiefe in Inselnähe ließ sich nicht aussingen, es mußten mehr als hundert Faden sein. De Aragon verzichtete auf das Ankermanöver und ließ die „Tierra“ in den Wind gehen.
Lopez und zwei Männer bestiegen etwas später das Boot und pullten durch mäßig bewegte See dem Inselchen entgegen.
De Aragon lehnte am Schanzkleid des Achterkastells und verfolgte das Geschehen mit dem Spektiv. Die anderen Männer der Crew blickten ebenfalls zu dem Landstrich hinüber.
Der Ausguck wurde gewechselt, der Posten enterte ab und ließ sich beim Capitan melden.
„Es ist möglich, daß ich mich täusche, Senor Capitan“, sagte er, „aber es hat den Anschein, als läge auf der anderen Seite der Insel ein kleines Boot. Man kann über die Insel blikken, aber ein paar Sträucher verdekken die Sicht.“
„Sie sind sich nicht sicher?“
„Nein, deshalb verzichtete ich auf eine Meldung. Wenn es ein Boot ist, dann ist es nicht größer als eine Nußschale.“
„Lopez wird es entdecken“, murmelte der Capitan, „er wird die Insel ganz sicher umrunden.“
Lopez ließ zuerst auf den Strand zuhalten. Die Insel veränderte ihr Gesicht, sobald man näher heranpullte. Anfangs sah sie langgestreckt aus, dann wieder beschrieb sie einen Bogen. Jedenfalls wanderte die umgestürzte Palme aus seinem Blickfeld. Es hatte den Anschein, als wandere sie heimlich davon.
Verblüfft über das Phänomen schüttelte er den Kopf. Die Insel ließ er dabei keine Sekunde aus den Augen.
„Da liegt jemand“, sagte er laut, und die beiden Seeleute wandten die Köpfe, um an Land zu blicken.
„Weiterpullen!“ herrschte Lopez sie an. „Etwas mehr nach Backbord, ihr Strolche!“
Das Boot lief knirschend auf den Strand, und Lopez sprang mit einem Riesensatz in den körnigen Sand.
Zwischen niedrigen Büschen erkannte er eine Gestalt und zuckte zusammen, als er das Gesicht und den Körper sah.
Die beiden Seeleute, die ihm schweigend gefolgt waren, bekreuzigten sich hastig. Breitbeinig blieben sie vor dem ausgemergelten Mann stehen, der sich nicht rührte.
Neben ihm im Sand lag eine Muskete, aus der der kürzlich erfolgte Schuß stammen mußte.
Aber hatte dieser Mann überhaupt noch die Kraft gehabt, eine Muskete abzufeuern? Seinem Zustand nach zu urteilen, war das einfach unmöglich.
Sein Gesicht war eingefallen wie das einer Mumie, die Augen lagen in tiefschwarzen Höhlen, und ein struppiger, mit Sand verklebter Bart bedeckte sein ausgemergeltes Gesicht, von dem Hautfetzen herunterhingen. Der Mann bestand fast nur noch aus Haut und Knochen, überall an seinem Körper waren eitrige Wunden zu sehen.
„Ein Landsmann von uns“, sagte Lopez erschüttert. Er sah es an der zerfetzten Kleidung, die ebenfalls nur noch aus traurigen Resten bestand.
Er bewegte sich nieder, horchte an der Brust des unbekannten Mannes und richtete sich wieder auf, nachdem er schweigend genickt hatte.
„Er lebt noch, wahrscheinlich ist er halb verdurstet und verhungert, und vielleicht kriegen wir ihn nicht mehr durch. Aber der Capitan wird sicher gern seine Geschichte hören. Nehmt ihn vorsichtig auf und bringt ihn ins Boot. Einer bleibt bei ihm, der andere geht mit mir zur Südseite hinüber.“
Unendlich vorsichtig wurde der Bewußtlose aufgehoben und zum Boot getragen, wo sie ihn hinlegten.
Normalerweise hätte Lopez jetzt schnellstens zurückkehren müssen, denn jede Minute zählte für den Unbekannten. Aber er sagte sich, daß es jetzt auch nicht mehr darauf ankäme, denn genausogut hätten sie die Insel ja auch etwas später anlaufen können.
Mit eiligen Schritten lief er voraus, bis er die Insel zur Hälfte umrundet hatte.
Dann sah der Seemann, wie Lopez stehenblieb, als hätte ihn eine unsichtbare Faust getroffen.
Daß dort ein kleines Boot lag, registrierte er fast nur im Unterbewußtsein. Aber er sah den Mann oder vielmehr das, was von ihm noch übrig war, und er schluckte hart.
Vor ihnen im Sand lag ein Gerippe, an dem nur noch ein paar Fetzen ausgedorrtes Fleisch hingen. Reste einer zerfetzten Hose bedeckten die unteren Knochen.
Lopez sagte kein Wort, stumm blickte er auf das Gerippe und wandte sich dann um, um nach dem Boot zu sehen. Dabei fiel sein Blick auch auf die umgestürzte Palme, und er entdeckte die Schalen von zerschlagenen Kokosnüssen.
„Furchtbar“, stammelte der Seemann. „Sie hatten kein Wasser und nichts zu essen. Dann lieber im Kampf fallen.“
„Du sagst es“, murmelte Lopez.
Das Boot war leicht angeschlagen, es zog Wasser, aber es war noch bedingt seetüchtig. Am Heck fand er den Namen und zuckte unwillkürlich zusammen.
„Nuestra Madonna“, stand da in leicht verwaschener Farbe.
„Schnell, zurück an Bord“, sagte er, drehte sich um und lief los. Er achtete nicht darauf, ob der Seemann ihm folgte.
‚Nuestra Madonna‘, dachte er immer wieder, als er in das Beiboot sprang. Der Spanier aus Cadiz war mit ihnen zusammen vor mehr als zwei Jahren losgesegelt. Das letzte Mal hatten sie ihn auf einer der japanischen Inseln getroffen.
Etwas Furchtbares mußte geschehen sein. Vielleicht war der Mann im Boot, der sich jetzt stöhnend bewegte, der einzige Überlebende der ganzen Mannschaft.
Sie pullten sofort los, mit allen Kräften legten sie sich in die Riemen.
Der Unbekannte wurde nach oben gehievt, dann enterte auch Lopez auf, gefolgt von den beiden Seeleuten.
De Aragon blickte aus schmalen Augen auf den halbtoten Mann, dann sah er seinen Ersten an.
„Erzählen Sie!“
„Wir fanden ihn zwischen Büschen, er war es, der die Muskete abgefeuert hat, Capitan. Noch ein Mann befindet sich auf der Insel, aber er ist schon seit einigen Tagen tot. Die beiden stammen von der ‚Nuestra Madonna‘!“
Der Capitan, ein hagerer schlanker Mann von vierzig Jahren, zuckte sichtlich zusammen.
„Von der ‚Nuestra Madonna‘ stammen sie? Woher wissen Sie das?“
„Am Strand liegt ein kleines Beiboot, auf dem der Name steht. Die beiden haben es hoch auf den Sand gezogen, aber es ist leck.“
Inzwischen hatte der Capitan Anweisung gegeben, daß sich der einzige Mann an Bord, der etwas von Medizin verstand, um den Kranken kümmern solle.
Jetzt wurde Virgil in den Schatten gelegt, und man flößte ihm kleine Schlukke Wasser ein.
De Aragon stand mit abwesendem Blick dabei, und versuchte sich in Gedanken auszumalen, was hier passiert sein mochte.
Ein Beiboot mit zwei Männern, die eine Muskete bei sich hatten und hier auf dieser kleinen Insel gelandet waren, mußten nicht unbedingt Meuterer gewesen sein, die man ausgesetzt hatte. Dann hätten sie sicher nicht das Boot behalten dürfen. Außerdem pflegte der Capitan der „Nuestra Madonna“ Meuterer an die höchste Rah des Schiffes hängen zu lassen. Der Capitan war in der Beziehung nicht zimperlich.
Nein, hier hatte sich etwas anderes abgespielt, den Mann umgab ein Rätsel, das De Aragon gern gelöst hätte.
Er blickte wieder in das Gesicht des Mannes, der sich jetzt unruhig hin und her bewegte.
„Wird er es überleben, Miguel?“ fragte der Capitan den Mann, der sich um den Unbekannten kümmerte.
„Er hat hohes Fieber und die Auszehrung. Ich weiß nicht, ob er die nächsten Stunden überleben wird.“
„Sie werden alles tun, damit er überlebt.“
Lopez blickte den Capitan an.
„Anweisung zum Weitersegeln, Capitan?“ fragte er leise.
„Nein. Vorerst noch nicht.“ De Aragon winkte ab. „Wir kreuzen hier und tasten uns dabei an die Insel heran, bis wir Ankergrund haben. Das wäre alles. Lassen Sie die Mannschaft in der Kuhl zusammentreten, Lopez.“
„Si, Senor!“
Lopez wunderte sich, weil er nicht wußte, was der Capitan plante.
Etwas später starrten einundzwanzig Männer stumm auf den Mann im Schatten, der mehr als halbtot war.
De Aragon schritt die Front der Mannschaft ab. Die Hände hatte er auf den Rücken gelegt.
„Seht euch diesen Mann genau an“, befahl er. „Versucht, ihn euch ohne Bart vorzustellen, etwas voller im Gesicht. Hat ihn schon mal jemand gesehen?“
De Aragon wollte sich Gewißheit verschaffen, ob er es hier mit einem Besatzungsmitglied der „Nuestra Madonna“ zu tun hatte oder nicht. War das nicht der Fall, hatte er auch keine Lust, weitere Nachforschungen anzustellen. Kannte ihn aber jemand aus seiner Crew, und das war sogar höchst wahrscheinlich, weil die Kerle ständig zusammengehockt hatten, dann wollte er das Geheimnis um das spanische Schiff lüften, koste es, was es wolle.
Geduldig wartete er ab und drängte keinen, auch wenn sie lange vor dem Mann standen und ihn anblickten.
Andererseits vermochte De Aragon sich nicht vorzustellen, daß es sich um fremde Männer handelte. Wie sollten die wohl zu dem Beiboot gekommen sein?
Ein Mann meldete sich.
„Verzeihung, Senor“, sagte er, „ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte Virgil sein, ein Seemann aus dem Norden Spaniens. José glaubt auch, ihn zu kennen.“
„Vortreten, alle beide!“
Gehorsam traten die beiden Männer heran.
„Hatte dieser Virgil irgendein besonderes Kennzeichen? Habt ihr mal etwas bemerkt? Seht ihn euch genau an, ich will wissen, was hier vorgefallen ist.“
„Virgil hatte die Ohrläppchen durchstochen, Senor Capitan. Ein Feldscher hat ihm gesagt, daß er dann besser hören würde, er war auf einem Ohr fast taub.“
„Seht nach, ob das stimmt!“
Der eine kniete sich hin, schob die langen strähnigen Haare zur Seite und nickte sofort. Als er auch das andere Ohr durchstochen fand, richtete er sich auf.
„Er ist es, kein Zweifel, Senor Capitan.“
„Du bist deiner Sache sicher?“
„Ganz sicher, ich weiß es.“
In diesem Augenblick schlug der Mann die Augen auf. Sie waren seltsam klar, aber es hatte den Anschein, als sähe er nichts, denn sein Blick ging durch die Männer, die ihn schweigend umstanden, hindurch in unbekannte Fernen.
Mühsam verzog er die Lippen, bis seine schwärzlichen Zahnstummel sichtbar wurden.
„Schnell weg, Steuermann“, sagte er klar und deutlich, „sonst töten sie uns.“ Sein Mund verzerrte sich noch mehr. „Wasser“, hauchte er, „die anderen geben mir keins.“
Sie flößten ihm wieder Wasser ein, vorsichtig, in kleinen Schlucken.
Dieser Virgil scheint ein unglaublich zäher Bursche zu sein, dachte der Capitan. Er sah aus, als wäre er schon vor ein paar Tagen gestorben, aber seine Stimme klang unwahrscheinlich klar. Er stammelte auch nicht, aber nachdem er getrunken hatte, fiel er wieder in sich zusammen und blieb erschöpft liegen.
„Bringt ihn nach achtern in meine Kammer“, befahl De Aragon. „Du bleibst bei ihm, und wenn er noch etwas getrunken hat, flößt du ihm Brühe ein, aber nicht zuviel, damit er sich nicht übergibt.“
Während Virgil nach achtern gebracht wurde, studierte De Aragon zusammen mit dem ersten Offizier die Seekarten.
„Irgendwo hier, ganz in der Nähe vielleicht, muß etwas Schreckliches mit dem Schiff passiert sein“, sagte De Aragon. „Vermutlich ist das Schiff von Wilden angegriffen worden, oder Piraten haben es überfallen.“
Er fuhr mit dem Finger die Karte entlang.
„Das hier ist die Insel Kalimantan1), eine sehr große und völlig unerforschte Insel, die die ‚Nuestra Madonna‘ auf südwestlichem Kurs passiert hat. Den Karten nach gibt es hier ein gigantisches Inselreich, und deshalb werden wir an der Küste entlangsegeln, bis wir zwischen diesen beiden Inseln hier den Weg in den Indischen Ozean gefunden haben. Ich werde damit aber warten, bis dieser Mann zu Kräften kommt, damit er uns die Geschichte erzählen kann. Ich möchte laufend über seinen Zustand unterrichtet werden, Lopez.“
„Si, Capitan. Eine Frage bitte.“
„Fragen Sie!“
„Was geschieht, wenn wir herausfinden, daß Wilde das Schiff angegriffen haben?“
De Aragon lächelte hochmütig. Seine Mundwinkel krümmten sich verächtlich.
„Daß Sie diese Frage überhaupt stellen, Lopez. Eine Antwort darauf erübrigt sich fast, und Sie werden sich diese Antwort auch denken können. Selbstverständlich werden wir zu einer Strafexpedition rüsten und dieses anmaßende Gesindel bis auf den letzten Mann ausrotten. Das geschieht in diesem Fall im Auftrag seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs von Spanien.“
„Aber – aber“, stotterte Lopez, „wir haben doch keinen regulären Auftrag dazu.“
„Einen derartigen Auftrag haben wir immer, Lopez“, sagte De Aragon überheblich. „Das ergibt sich von selbst.“
Lopez kannte seinen Capitan. De Aragon behandelte seine Leute nicht gerade schlecht, aber er verstand keinen Spaß, wenn es um unerforschte Länder oder Eingeborene ging. Dann heimste er im Auftrag der Krone alles zusammen, ohne Rücksicht auf Verluste, und dann war für ihn alles Gesindel, dem man Anstand beibringen mußte. Zumeist brachte er ihnen diesen Anstand mit den Schiffskanonen bei, und der Rest wurde von den Seeleuten besorgt, einfachen Männern, die nicht im Kriegsdienst standen.
Bei Lopez war das anders. Er verabscheute Gewalt, und es war ihm peinlich, sich das von den Einheimischen zu nehmen, was ihnen nicht zustand, und sie anschließend auch noch zu „bekehren“, wie De Aragon sich ausdrückte.
Andererseits, überlegte Lopez, geschah diesen Wilden ganz recht, wenn sie sich anmaßten, Schiffsbesatzungen zu überfallen, die vielleicht nichts anderes wollten als Trinkwasser und Proviant.
Er grübelte über das Thema nicht weiter nach. Auf diese Art behielt er ein ruhiges Gewissen, denn alle Entscheidungen nahm De Aragon ihm ohnehin ab.
Einen Ankerplatz fanden sie jedoch nicht. Rings um die Insel fiel der Meeresboden steil ab in unergründliche Tiefen, und an die Insel selbst traute De Aragon sich nicht heran, aus Angst, die „Tierra“ würde auf ein unsichtbares Riff laufen.
„Was ist mit Ihnen, Lopez?“ hörte er die harte Stimme des Capitans neben sich. „Sie haben doch etwas auf dem Herzen, Sie wollen etwas loswerden, nicht wahr?“
Für Lopez war das Thema Strafexpedition längst erledigt. Er brauchte nur Befehlen zu gehorchen, aber etwas anderes beschäftigte ihn seit einer ganzen Weile.
„Ja, ich – ich wollte zuerst nicht darüber sprechen. Es handelt sich um diesen Virgil.“
De Aragon beugte sich neugierig vor.
„Ja – was ist mit ihm?“
„Ich weiß nicht recht, Capitan, aber da war noch der andere Tote auf der Insel.“
„Lassen Sie mich keine Rätsel raten, Lopez. Reden Sie, was hat es mit dem Mann auf sich?“
„Dem anderen Mann fehlten ein Bein und der Arm.“
De Aragon kniff die Augen zusammen. Sein Gesicht verschloß sich.
„Zum Teufel“, entfuhr es ihm endlich, „wollen Sie damit etwa sagen, daß dieser Virgil seinen Kumpan gefressen hat?“
„So drastisch wollte ich es nicht ausdrücken, Capitan. Auf der Insel gibt es sonst nichts zu essen, außer einer Handvoll unreifer Kokosnüsse. Mich schaudert bei dem Gedanken, einen Mann an Bord zu haben, der vielleicht …“
„Allerdings, doch darüber will ich nicht urteilen. Wer weiß, welches Drama sich auf der Insel abgespielt hat. Hoffentlich werden wir es bald erfahren. Es kann ja aber auch sein, daß der andere seine Gliedmaßen bei dem Kampf verloren hat und schon tot war, als sie die Insel erreichten.“
Das hoffte Lopez auch, denn wenn er darüber nachdachte, drehte es ihm den Magen um. Aber was wußte er schon von Leuten, die ohne Wasser und Lebensmittel auf einer winzigen Insel dahinvegetierten.
Zwei Stunden später war Virgil bei Bewußtsein, und zwar auf eine Art, die sich der Feldscher nicht erklären konnte.
De Aragon ging nach achtern und blickte mit gemischten Gefühlen den Mann an, der ihn eher an eine Leiche als an ein menschliches Wesen erinnerte.
Der Mann hockte aufrecht in der Koje und schien zu grinsen.
„Ich begreife das nicht“, sagte der Feldscher, „normalerweise müßte er tot sein. Aber er benimmt sich so, als fehle ihm nicht das geringste.“
„Schon gut. Hauptsache, er kann reden.“
De Aragon schickte den Feldscher hinaus und wandte sich dem Mann zu, der ihn ruhig und gelassen anblickte.
„Ich bin der Kapitän“, sagte er. „Sie befinden sich an Bord der ‚Tierra‘, nachdem wir Sie von der Insel geholt haben.“
„Die Insel“, sagte Virgil ausdruckslos. „Haben Sie den Steuermann auch mitgenommen? Antonio heißt er.“
„Das war der Steuermann des Schiffes? Er ist tot, Sie müßten das doch wissen.“
De Aragon musterte den Mann scharf, doch keine Reaktion erfolgte.
Virgil nickte nur. „Ich dachte es mir fast.“
Seine Stimme klang ruhig und fest. Nur beim Atmen rasselte es in seiner Brust.
„Erzählen Sie, was sich an Bord zugetragen hat, Virgil. Was ist aus der Mannschaft und dem Schiff geworden?“
Virgil blickte zu Boden. Lange Zeit gab er keine Antwort.
„Wir landeten an der Küste von Kalimantan oder wie die Insel heißt, wenn es überhaupt eine Insel ist. Wir wollten Wasser und Proviant an Bord nehmen.“
„Es ist eine Insel, eine sehr große. Was geschah dann?“
Virgils Hände zitterten plötzlich. Über seinen Körper, lief ein kühler Schauer. Sein Gesicht war von Angst gezeichnet.
„Ein Trupp ging an Land“, sagte er keuchend. „Sie sollten sich nach Wasser und Früchten umsehen. Als der Trupp bis zum späten Nachmittag nicht zurück war, ließ der Capitan eine Suchmannschaft zusammenstellen.“
„Und die kehrte ebenfalls nicht zurück?“
„Nein, wir haben nichts mehr von den Männern gehört.“
„Weiter“, sagte der Capitan drängend.
Virgil bereitete es sichtlich Mühe, zu sprechen. Seine Worte stockten, manchmal brach er mitten im Satz ab und starrte vor sich hin.
„Schließlich waren wir nur noch zwölf Mann an Bord. Wir alle hatten Angst, und so befahl der Capitan, daß jeder schwer bewaffnet wurde. Er ließ Schüsse aus den Culverinen abfeuern, aber wir erhielten keine Antwort. Die ganze Insel schwieg und schien wie ausgestorben zu sein. Ein weiterer Trupp ging vorsichtig an Land, und diese Männer kehrten wenig später auch zurück. Sie brachten Köpfe mit.“
„Köpfe?“ fragte De Aragon entsetzt.
„Ja, auf der Insel gab es Wilde, die unsere Leute in einen Hinterhalt lockten und ihnen die Köpfe abschlugen. Die Körper waren jedoch nirgends zu finden. Sie müssen sie mitgenommen haben.“
„Kannibalen, Menschenfresser“, sagte De Aragon. „Bestien in Menschengestalt.“ Er schüttelte sich angewidert.
„Mir – mir ist so merkwürdig“, sagte Virgil. „Warum wird es plötzlich so dunkel?“
„Sie haben sich überanstrengt“, erwiderte der Capitan mitfühlend. „Legen Sie sich wieder hin, ich lasse Ihnen etwas zu essen bringen.“
Virgil schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, ich muß das loswerden“, sagte er hastig. „Jetzt kehrt auch die Erinnerung wieder. Wir fanden von den Wilden keine Spur mehr, aber wir sahen ein Dorf, das sie verlassen hatten. Nachts schwirrten plötzlich Brandpfeile durch die Luft, und plötzlich waren sie da, an Deck. Das Schiff wimmelte von nackten Leibern, und diese Teufel erschlugen einen nach dem anderen, obwohl wir alle Waffen einsetzten, die wir hatten.“
De Aragons Gesicht war zu einer steinernen Maske geworden. Die Wangenmuskeln traten scharf hervor.
„Wissen Sie, wo der Ort liegt?“ fragte er.
„Weiter südlich, es ist, glaube ich, nur das eine Dorf, jedenfalls das allererste. Glauben Sie mir, Senor Capitan, ich habe nie in meinem Leben etwas Schlimmeres gesehen. Wenn wir zehn von ihnen umgebracht hatten, tauchten zwanzig andere auf. Der Steuermann und ich sprangen ins Wasser und zogen uns in das Boot, in dem auch eine Muskete lag. Ein paar konnten wir noch töten, dann entdeckten sie uns in dem Moment, als einer von ihnen gerade den Capitan erschlug. Die Galeone muß untergegangen sein, denn sie stand in hellen Flammen, als wir mit dem Boot lossegelten. Außer uns beiden hat keiner das Massaker überlebt.“
De Aragon ließ sich seinen unbändigen Zorn nicht anmerken. Er stand auf und nickte.
„Einen Augenblick, Virgil.“
Er ging an Deck und rief Lopez herbei.
„Lassen Sie auf den alten Kurs zurückgehen, Lopez. Wir laufen die Küste an und segeln dicht daran entlang. Jeder Fetzen Tuch wird gesetzt.“
„Si, Senor Capitan, sofort.“
Lopez stellte keine Fragen, aber er ahnte, was vorgefallen war.
De Aragon kehrte in die achtere Kammer zurück und bot Virgil einen Rotwein an, doch der wollte nichts essen und erst recht nichts mehr trinken.
„Ich brauche nichts mehr“, sagte er, „mit mir geht es bald zu Ende, ich fühle das.“
Seine magere Hand griff nach dem Arm des Capitans, und er sah ihm beschwörend in die Augen.
„Wenn Sie das Dorf anlaufen, Senor, dann nehmen Sie sich vor den Teufeln in acht, die ehrbaren Männern die Köpfe abschlagen und ihre Körper verschleppen, um sie zu fressen, sonst ergeht es Ihnen, wie es uns ergangen ist.“
„Keine Angst, wir sind gewarnt. Ich sorge mich um Sie, Virgil, Sie müssen etwas trinken!“
„Vielen Dank. Ich habe mir auf der verdammten Insel den Tod geholt. Er hockt in mir, er lauert auf mich.“
„Quatsch, Sie sind über den Berg, mit Ihnen geht es aufwärts. Erzählen Sie mir, was sich auf der Insel abgespielt hat.“
Virgil lächelte gequält. „Ich sehe es wieder ganz deutlich vor mir. Merkwürdig, nicht wahr? Antonio starb nach ein paar Tagen.“
De Aragon hielt den Atem an, er sagte kein Wort.
„War er schwer verletzt?“ fragte der Capitan schließlich, als Virgil nicht weitersprach.
„Nein, ihm fehlte nichts, er war nur erschöpft wie ich auch. Er muß an Erschöpfung, Hunger und Durst gestorben sein, und ich war jetzt ganz allein. Als ich den Geruch nicht mehr aushielt, schleppte ich seine Leiche ins Meer, doch bald darauf kehrte sie wieder zurück. Eine Welle warf ihn an den Strand. Die Haie müssen seinen Körper zerfetzt haben.“
Jetzt ist das auch geklärt, dachte der Capitan. Dieser Mann mußte durch tausend Höllen gegangen sein.
Normalerweise war es bei De Aragon nicht üblich, daß er sich fast leutselig mit einem Seemann unterhielt. Aber das hier war ein ganz besonderer Fall, und ihm stand ein Mann gegenüber, der mehr Bildung hatte als seine ganze Crew zusammen. Daher war seine Sorge um Virgil echt und entsprang einem natürlichen Bedürfnis.
Er ließ sich noch erklären, wie lange sie unterwegs gewesen waren, und versuchte danach in etwa die Entfernung auszurechnen. Aber er konnte sich auch nach dem Dorf richten, dem einzigen an dem Küstenstreifen, wie Virgil versicherte.
„Legen Sie sich wieder hin“, befahl er. „Wir segeln jetzt nach Kalimantan und werden dieses Dorf finden. Und dann gnade Gott diesen Bestien. Ich werde dort aufräumen.“
Virgil war zurückgesunken und schlief. Immer noch rasselte es in seiner Brust.
Vielleicht schläft er sich gesund, dachte der Capitan. Ein Kerl von solch unglaublicher zäher Kondition würde es überleben, daran zweifelte er keine Sekunde.
Als er an Deck trat, segelte die „Tierra“ unter vollem Zeug nach Süden, der Insel entgegen, und am späten Abend wurde erneut Land gemeldet.
Als es dämmerte, ließ De Aragon bei einer Tiefe von neun Faden ankern. Er wollte nicht mehr weitersegeln, um das Dorf der Menschenfresser nicht zu verfehlen.
An Deck gingen die ganze Nacht über acht Mann Wache, und zwei umruderten alle Viertelstunde in dem kleinen Beiboot das Schiff. De Aragon paßte auf, ihm sollte nicht das gleiche Schicksal widerfahren wie den anderen. Bei ihm war ein Überraschungsangriff durch die Wilden fast auszuschließen.
3.
Bei Tagesanbruch wurde der Anker eingeholt, und die Zweimastgaleone segelte dicht unter Land weiter.
Es hatte sich bei der Mannschaft herumgesprochen, was Virgil erlebt hatte, und daß der Capitan plane, die Höllenbrut auszuräuchern, wie er sich ausdrückte.
Die Leute brannten darauf, Rache zu nehmen.
De Aragon befahl dem Koch, eine kräftige Brühe für den entkräfteten Mann zu kochen und trug sie selbst nach achtern.
Virgil lag immer noch in der gleichen Stellung in der Koje, aber sein Atem rasselte nicht mehr.
Vorsichtig versuchte De Aragon ihn zu wecken, und als Virgil nicht reagierte, drehte er ihn herum.
Er sah in zwei gebrochene Augen, die verschleiert ins Nichts blickten. Virgil war tot.
Der Capitan schluckte. Mitleid mit dem armen Kerl stieg in ihm auf. Er erinnerte sich der Worte von gestern, als Virgil behauptete, er brauche nichts mehr, er würde ohnehin bald sterben.
Erschüttert kehrte er an Deck zurück, in der Hand die Muck mit der heißen Brühe.
„Diablo“, sagte er laut, nahm die Muck und schleuderte sie in einem Wutanfall über Bord. Dann winkte er Lopez herbei.
„Der Mann ist gestorben, Lopez. Gott sei seiner armen Seele gnädig. Sagen Sie dem Segelmacher Bescheid, er soll die Leiche einnähen. Nachher werden wir ihn bestatten.“
Der Steuermann war fassungslos.
„Virgil tot?“ fragte er verdutzt. „Aber gestern lebte er noch“, fügte er wenig geistreich hinzu.
„Viele, die gestern noch lebten, sind heute tot“, antwortete De Aragon, und wieder erschien dieser herablassende Ausdruck in seinem Gesicht, der den Steuermann ärgerte.
Der Tote wurde aus der Kammer geholt. In der Kuhl begann der Segelmacher damit, die Leiche in festes Segelzeug einzunähen.
Schweigend stand der größte Teil der Crew herum. Sie alle bedauerten diesen Mann, und inzwischen kannte auch jeder seine abenteuerliche Geschichte.
De Aragon übergab ihn nicht einfach der See, indem sie ihn über Bord stießen.
Er nahm sich die Zeit, ließ die Segel aufgeien, bis das Schiff keine Fahrt mehr lief und leicht in den Wellen dümpelte. Aus dem Laderaum wurde eine hölzerne Rutsche geholt, auf die sie den in Segelleinen genähten Mann legten.
Eine Minute herrschte Schweigen. Der Capitan sprach ein paar kurze Sätze und schloß mit den Worten: „Gott empfohlen, der seiner Seele gnädig sei. Amen!“
„Amen“, antwortete dumpf der ganze Chor harter Seeleute.
Die Rutsche wurde geneigt. Der verhüllte Körper glitt in die blaugrüne See, als hätte er es eilig, den Grund zu erreichen.
Eine Weile konnten sie das Bündel verfolgen, dann deckte die See es zu und ließ es verschwinden.
Die ins Gei gehängten Segel wurden gesetzt, und die „Tierra“ nahm wieder Fahrt auf.
Erst am nächsten Tag meldete der Ausguck das Dorf, das sich in einer kleinen Bucht versteckt zwischen Mangrovendickichten befand. Es waren Hütten, die teilweise auf langen Stämmen im Wasser standen, aber es gab auch andere, die man an Land in das Dickicht hineingebaut hatte.
Capitan De Aragon ließ beidrehen und ging in den Wind. Dabei beobachtete er das Dorf, sah aber keinen einzigen Eingeborenen.
„Es muß das Dorf sein, von dem Virgil erzählte“, sagte er zu Lopez. „Sind die Culverinen geladen, sind an alle Männer genügend Waffen verteilt worden?“
„Si, Senor Capitan. Ich erwarte Ihre Befehle.“
Die „Tierra“ hatte auf jeder Seite drei Siebzehn-Pfünder-Culverinen, an denen die Männer standen. Die Stückpforten waren hochgezogen, doch noch bevor De Aragon näher an die Bucht heranmanövrieren konnte, sahen sich die Männer besorgt und erstaunt zugleich an.
Es war wie verhext. Der Wind begann zu drehen und wurde böig. Kleine harte Wellen entstanden im Wasser. Der ablandige Wind drückte die Galeone sanft, aber unnachgiebig wieder vom Land fort.
De Aragon fluchte unterdrückt. Er biß die Zähne zusammen und wartete. Sie hatten Zeit.
4.
Es war der erste März 1585, als die „Isabella VIII.“ unter dem Seewolf Philip Hasard Killigrew nach fast tausend Meilen, die sie von Manila über Palawan geführt hatten, die Rieseninsel Kalimantan erreichte.
An diesem frühen Morgen hockte der schwarzhaarige, schlaksige Moses Bill im Ausguck, der Bengel, wie er an Bord von allen genannt wurde.
Außer Wasser hatte er tagelang nichts gesehen, und so war er für jede noch so kleine Abwechslung dankbar, die diesmal in Gestalt des Kutschers erschien.
Er schlurfte aus dem Mannschaftsraum an Deck, gähnte laut und ausgiebig, reckte seine magere Brust heraus und angelte dann mit einer Lederpütz nach Wasser.
Bill schaute ihm aus seiner luftigen Höhe zu und grinste, als der Kutscher zum zweiten Mal gewaltig das Maul aufriß und gähnte, als wolle er die „Isabella“ einschließlich der überlangen Masten verschlingen.
Er trug nur eine Hose, und die wurde jetzt klatschnaß, als er sich die Pütz mit Meerwasser kurzerhand über den Schädel stülpte, daß es an allen Seiten von ihm hinuntertroff. Danach schüttelte er sich wie ein nasser Hund und verschwand in der Kombüse, wobei er das Schott offenließ.
Bill fand Gefallen daran, die Seewölfe zu mustern, wenn sie an Deck erschienen, manche frisch und ausgeschlafen, andere knurrig und verpennt. Inzwischen kannte er von jedem einzelnen die morgendlichen Angewohnheiten.
Batuti, der alte O’Flynn, Gary Andrews, der ehemalige Schmied von Arwenack, Big Old Shane und Al Conroy schliefen in diesen tropischen Breiten bei ruhiger See meist an Deck, und als der Kutscher jetzt in seiner Kombüse verschwunden war, schliefen sie alle noch weiter.
Der Schiffszimmermann Ferris Tucker, zum Beispiel, überlegte Bill gerade, hatte immer die Angewohnheit nach dem Aufstehen zuerst eine ganze Weile schweigend am Schanzkleid zu stehen und ziemlich grimmig auf das Wasser zu blicken.
Matt Davies und Pete Ballie begrüßten sich meist immer mit: „Na, du alter Affenarsch!“ Smoky verschwand regelmäßig und ziemlich schnell auf dem Bordklo.
Carberry hingegen, der Zuchtmeister und Profos, ließ meist gewaltige Blähungen ab und unternahm nach der Morgenwäsche seine Wanderung durch das Schiff.
Land war immer noch nicht zu sehen, als der Kutscher mit einem Abfallkübel auf dem Deck erschien.
Entweder hatte er noch nicht ausgeschlafen, oder er war in Gedanken versunken, denn er wanderte mit dem Eimer direkt nach Luv, um ihn auszuleeren.
Der Kutscher würde den ganzen Dreck um die Ohren kriegen, überlegte der Bengel, denn er kannte den Bordspruch der „Isabella“, der von Big Old Shane stammte, und den auch der Profos gern gebrauchte, und der da hieß: „Wer gegen den Wind pißt, kriegt nasse Hosen.“
Das wollte er dem Kutscher gerade zurufen, doch der hatte es jetzt ebenfalls bemerkt, schüttelte den Kopf und ging nach Lee hinüber.
Er holte weit aus – und warf den Abfallkübel einschließlich Inhalt über Bord. Dann beugte er sich ungläubig über das Schanzkleid, blickte dem entschwindenden Kübel nach und begann laut und lästerlich zu fluchen.
Der Bengel amüsierte sich köstlich, denn nach dem lautstarken Gefluche des Kutschers erwachten Batuti und ein paar andere.
„Was is, Kutscher“, schrie der Gambia-Neger, „warum groß schreien mitten in Nacht? Du besoffen, he?“
„Quatsch keinen Quatsch, du triefäugige Miesmuschel!“ rief der Kutscher erbost. „Es ist heller Tag, Zeit, daß du endlich mal ausgepennt hast und die anderen auch.“
„Müßt ihr lausigen Meermänner morgens immer so schreien?“ begann der alte O’Flynn zu wettern und erhob sich grummelnd. Er hatte ebenfalls ziemlich laut geschrien, und so blieb es nicht aus, daß auch die letzten Schläfer erwachten und sich gegenseitig anbrüllten, was denn los sei und weshalb es, verdammt noch mal, schon wieder Krach gäbe.
Das lockte schließlich den Profos an Deck, Edwin Carberry, der sein gewaltiges Amboßkinn vorreckte und die Kerle einen nach dem anderen, ungnädig musterte.
„Hoppauf, ihr karierten Affenärsche“, sagte er und blickte nach oben, dem grinsenden Bengel genau in das Gesicht.
„Hast du im Ausguck auch nicht gepennt?“ rief er hinauf.
„Nein, Mister Carberry!“
Bill wartete darauf, daß der Profos das übliche Geräusch von sich gab, doch diesmal gähnte er nur, begann seinen Inspektionsgang und ging nach achtern.
„Die Schoten etwas dichter holen“, sagte er kurz, als er zurückkehrte. „Seht ihr das denn nicht von selbst, ihr lausigen Kanalratten, was, wie?“
Die Schoten, das am meisten beanspruchte Tauwerk an Bord, wurden dichter geholt, und der Profos nickte zufrieden. Er vergaß auch nicht, einen Blick in die Kombüse zu werfen, wo der Kutscher in zwei riesigen eisernen Pfannen Speck ausbriet.
„Ist dir eine Laus über die Leber gekrochen?“ fragte Carberry, als er des Kutschers mißmutiges Gesicht sah.
„Nee, aber ich habe aus Versehen den Abfallkübel über Bord geschmissen.“
„Das tust du doch jeden Tag.“
„Dann würde ich jeden Tag einen neuen Kübel brauchen. Nicht den Inhalt, doch den auch, aber den Kübel gleich mit.“
„Sei froh, daß du an dem Kübel nicht auch noch mit drangehangen hast“, sagte Ed grinsend. „Sonst brauchen wir jeden Tag einen neuen Kutscher.“
Der Kutscher, dessen eigentlicher Name der ganzen Crew bis heute ein ungelöstes Rätsel war, fand das gar nicht witzig.
„Kein Mensch versteht mich“, beklagte er sich, „von euch lausigen Kerlen kriegt man nur dämliche Antworten. Wo, zum Teufel, soll ich denn jetzt den Abfall aufbewahren? Ich kann doch nicht mit jeder Handvoll Dreck über das Schiff laufen.“
Carberry klopfte ihm mit seiner mächtigen Pranke auf die Schulter, daß der Kutscher fast in die Knie ging.
„Ferris hat da totsicher eine Lösung“, sagte er ernst. „Ich werde nachher mit ihm reden. Er wird dir ein Loch bis zum Kielschwein bohren, und dann kannst du den Abfall direkt von der Kombüse aus unters Schiff ins Meer werfen.“
Der Kutscher stutzte, dann griff er hitzig nach der Pfanne.
„Wenn das Ding nicht so schwer wäre“, sagte er grimmig, „würde ich es dir über den Schädel donnern.“
„Dann brauchst du jeden Tag eine neue Pfanne“, sagte Ed grinsend und ging davon, einen Kutscher zurücklassend, der in übelster Weise die unschuldigen Ahnen des Profos beleidigte.
Das Bordleben nahm seinen normalen Verlauf.
Vor einer Weile war der Seewolf auf dem Achterdeck erschienen, ebenso Ben Brighton, der nur ein paar Stunden geschlafen hatte.
Aus dem Meer schob sich langsam das Flammenrad der Sonne, die gelbe und rötliche Strahlen über das Wasser warf, das an einigen Stellen wie Silber aussah.
Dieser frühe Morgen war immer der schönste Teil des Tages, das jedenfalls empfanden die meisten.
Dann duftete es aus der Kombüse, daß ihnen das Wasser im Mund zusammenlief. Dann hing der Geruch nach Teer, Holz und Salzwasser über dem Schiff, dann war noch deutlich das Knarren, Ächzen und Stöhnen des Schiffes zu hören, dann war es angenehm frisch und man freute sich auf den beginnenden Tag.
Aber das alles wurde durch eine leichte Sorge überlagert, und die ging besonders dem Kutscher an die Nieren, obwohl sie die gesamte Crew betraf.
Sie hatten schätzungsweise tausend Meilen hinter sich, ein verdammt langer Törn mit harten Stürmen, eintönigen Kalmen, in denen sie tagelang auf Wind gewartet hatten, und der ihnen wechselweise dann wieder so stark um die Ohren blies, daß sie alle Mühe hatten, das Schiff sicher zu führen.
Jetzt wurde der Proviant knapp, und in den Wasserfässern herrschte Ebbe. Der Rest des Wassers schmeckte auch dementsprechend, als sich winzige grüne Fäden darin gebildet hatten.
Es gab Reis an Bord, tonnenweise, Reis, den sie aus dem Land des Großen Chan mitgebracht hatten, aber jetzt hing ihnen der Reis zum Hals heraus, und die verdammten Hagelkörner, wie Carberry sie nannte, verpappten einem den Magen. Und der alte O’Flynn hatte stur behauptet, wenn sie das Zeug auf ewig fressen müßten, dann würden sie alle gelb im Gesicht werden wie die Chinesen, die es auch davon hätten.
Der Kutscher warf in das kochende Wasser Teeblätter, damit sich die abgestandene Brühe besser trinken ließ, und in einem Anfall von Großmut goß er etwas Rum dazu, nicht viel, aber doch so, daß es den Geschmack spürbar anhob.
Anschließend ging der Kutscher mit einer heißen Muck voll Tee nach achtern, um sie dem Seewolf zu bringen. In der Kuhl fing Ben Brighton ihn allerdings ab.
„Du willst Hasard bloß wieder die Ohren vollmaulen“, sagte der untersetzte dunkelblonde Mann ruhig. „Aber mittlerweile weiß jeder an Bord, was los ist, und sobald Land in Sicht ist, wird sich einiges ändern. Gib mir also die Muck, ich bringe sie nach achtern, Kutscher.“
„Sag es dem Kapitän noch einmal“, drängte der Kutscher.
„Jaja, schon gut“, erwiderte Ben geduldig. „Ferris Tucker hat es mit dem Holzbohrwurm und du mit dem Proviant. Eins ist so schlimm wie das andere.“
Brighton kehrte aufs Achterdeck zurück, gab dem Rudergänger Pete Ballie eine Muck voll Tee und reichte Hasard die andere, die er dem Kutscher abgenommen hatte.
Der Seewolf trank einen langen Schluck. Über den Rand der Muck sah er Ben genau in die Augen.
„Der Kutscher, nicht wahr?“ fragte er.
„Ja, der Kutscher und Ferris. Der eine vergeht bald vor Sorge um Proviant und Wasser, und der andere träumt nur noch von diesem lausigen Holzbohrwurm.“
Ja, der Holzbohrwurm, dieses kleine ekelhafte Geschöpf der salzhaltigen Meere, hockte unter dem Rumpf, nagte, bohrte und fraß, und verwandelte das harte Holz zu feinem Staub. Das wußte der Seewolf schon seit langem. Nur hatte es sich bisher nie einrichten lassen, ein stilles Plätzchen anzulaufen, um das Schiff zu krängen, damit man diesem Höllenbiest endlich zu Leibe rücken konnte. Immer war etwas anderes dazwischengeraten, zuletzt der schwere Taifun, der die „Isabella“ knüppelhart durchgerüttelt und einige unangenehme Spuren hinterlassen hatte.
„Wir haben Kalimantan längst erreicht“, sagte der Seewolf mit einem Blick nach Backbord, wo es jedoch nur Wasser und kein Land zu sehen gab.
„Ändern wir den Kurs etwas nach Süden, dann segeln wir einen langen Umweg, behalten wir ihn bei, dann landen wir an der Spitze dieser Insel, wenn uns die Karten nicht im Stich lassen. Bis dahin vergehen aber noch ein paar Tage.“
„Die Zeit ist jedenfalls nicht gegen uns“, sagte Ben. „Vielleicht gibt es hier ein ruhiges Plätzchen, eine stille Bucht, in die wir verholen können. Der Kutscher versucht ständig, mir den Aufenthalt an Land so schmackhaft wie nur möglich darzustellen. Ein Trupp könnte Früchte sammeln, ein anderer Wasser holen, ein dritter sich nach Frischfleisch umsehen. Er brennt geradezu vor Eifer.“
Hasard lachte leise. Im Geist sah er den Kutscher vor sich, wie der mit beschwörenden Gesten glänzte und jedes seiner Worte durch alle möglichen Körperverrenkungen unterstrich.
„Der Kerl würde am liebsten die gesamte Crew zum Früchtesammeln an Land schicken. Und Ferris kann den Holzbohrwurm allein bekämpfen. Nun gut, wir haben Zeit, niemand drängt uns. Schick mir Shane und Ferris aufs Achterdeck, Ben!“
Gleich darauf erschien der rothaarige Schiffszimmermann Ferris Tukker. Sein verstecktes Grinsen war nicht zu übersehen, ihm schwante etwas, weshalb er aufs Achterdeck sollte.
Der riesengroße bärtige Big Old Shane, Hasards väterlicher Freund, erschien ebenfalls, und etwas später gesellte sich der Decksälteste Smoky dazu.
Nur Carberry und der junge O’Flynn hielten sich in der Kuhl auf. Sie wußten ebenfalls, um was es ging.
„Was treibt der Holzbohrwurm, Ferris?“ fragte Hasard augenzwinkernd den Schiffszimmermann.
„Den höre ich nachts in der Koje nagen, Sir“, sagte Ferris, wobei er gewaltig übertrieb. „Der frißt unsere Lady vom Vorschiff bis zum Heck. Nicht mehr lange und die Masten segeln allein weiter. Wir segeln sozusagen auf einem völlig seeuntüchtigen Wrack. Ich sage dir, Sir, dieses kleine ekelhafte Mistvieh ist das schlimmste Ungeheuer, das es gibt. Zu Millionen hat es sich in den Planken eingenistet und treibt dort sein Unwesen. Der Holzbohrwurm sieht ungefähr so aus: Er hat einen Kopf wie ein kleiner Bohrer und …“
„Geschenkt, jeder kennt das Biest. Wir segeln also auf einem Wrack, das jeden Moment auseinanderbricht, nicht wahr?“
„So ähnlich jedenfalls“, murmelte Ferris düster, der es gar nicht erwarten konnte, dieses kleine Biest zu bekämpfen. „Nachts höre ich überdeutlich, wie er nagt, bohrt, Holz frißt, es in Staub verwandelt, bis – bis …“
Tucker suchte nach einem passenden Ausdruck, und Smoky hatte ihn auch gleich zur Hand.
„Bis die ‚Isabella‘ selbst ein riesiger Holzbohrwurm ist, wolltest du sagen.“
„So ähnlich wollte ich es sagen“, meinte Ferris erleichtert. „Technisch ist das natürlich fast unmöglich.“
Hasard grinste über das „fast unmöglich“, wie der besorgte Zimmermann es ausdrückte.
Selbstverständlich steckte das kleine Vieh im Holz, welches Schiff, das die Meere befuhr, hatte ihn nicht an Bord. Aber Ferris tat dann immer so, als müßten sie damit rechnen, bald das Schiff aufzugeben und zu verlassen, weil die Holzbohrwürmer es in ihren Besitz genommen hatten wie eine Horde wilder Piraten.
Das sprach allerdings nur für den Schiffszimmermann, der der Beste war, den Hasard kannte, der sich ständig um das Schiff kümmerte, der tüftelte, überlegte und immer wieder etwas Neues ersann.
„Was gedenkst du also zu tun? Die ‚Isabella‘ aufslippen?“
„Nicht unbedingt, Sir. Wir könnten sie in einer stillen Ecke bei Ebbe stark krängen. Ich kenne den äußersten Krängungswinkel, es kann nichts passieren. Wir setzen die Gold- und Silberbarren um und schaufeln den Reis zur anderen Seite. Dazu brauche ich das Schiff nicht einmal abzustützen. Sag doch auch mal was, Shane“, forderte er den ehemaligen Schmied von Arwenack auf.
Big Old Shane fuhr sich mit der Hand durch den eisgrauen Bart und nickte in seiner bedächtigen Art.
„Ich will dir nicht widersprechen, Ferris, denn deine Idee ist gut. Ich glaube nur nicht, daß es so schlimm ist. Unser kleiner Freund hat nur ein paar winzige Gänge gebohrt, er kann nicht sehr tief im Holz stecken, aber er ist auf die Dauer gesehen, natürlich sehr gefährlich.“
„Na also, das sage ich ja dauernd.“
„Gut“, entschied der Seewolf nach einigem Nachdenken. „Dann laufen wir die Insel schon jetzt an, zumal des Kutschers Sorgen immer größer werden. Gib die Anweisungen, Ben, wir ändern den Kurs um zwei Strich nach Backbord!“
Tucker war unendlich erleichtert. Er nahm sich vor, gleich zum Kutscher zu gehen, um ihm die Neuigkeit mitzuteilen, aber zuvor wollte er ihn noch ein wenig ärgern, weil der Kerl heute so sauertöpfisch wirkte wie noch nie in seinem Leben.
Brighton ließ die Segel nachtrimmen, nachdem der Kurs geändert worden war, und Ferris marschierte nach vorn.
Der Kutscher hockte am Schott der Kombüse und sah dem rothaarigen Mann lauernd entgegen.
Ferris kratzte sich gelangweilt das Kinn, bis der Kutscher es nicht mehr aushielt.
„Sag mal, du rothaariger Affe, hast du plötzlich die Sprache verloren? Ihr habt doch was besprochen.“
„Klar, haben wir.“
„Und der Kurs ist auch geändert worden, he?“
„Ein wenig nur.“
„Ein wenig nur?“ Der Kutscher sah mit Kennermiene nach dem Stand der Sonne und tippte sich an die Stirn.
„Wir haben mindestens zwei Strich nach Backbord gedreht. Heißt das, daß wir Land anlaufen?“
„Die Absprachen mit der Schiffsführung gehen das gewöhnliche Deckspersonal überhaupt nichts an, schon gar nicht die Kombüsenhengste, aber weil du es bist, will ich es dir sagen!“
Der Kutscher war außer sich.
„Gewöhnliches Deckspersonal?“ brüllte er, „Kombüsenhengste, he! Ich kann schreiben und lesen, du Mastochse, und du kannst nicht mal deine verdammten Holzbohrwürmer zählen, wenn es mehr als zehn sind. Dann fängst du nämlich wieder von vorn an. Und merk dir gleich noch eins“, zischte er, „wenn ich morgen immer noch kein Land sehe, dann gibt’s wieder Reis mit Kakerlaken oder zur Abwechslung gedämpfte Holzbohrwürmer.“
„Hatten wir auch noch nicht“, sagte Ferris unbeeindruckt. „Aber ich bitte sie mir ganz zart aus und vielleicht leicht in Öl gesotten. Ist ja wieder gut“, sagte er hastig, als er das puterrote Gesicht des Kutschers sah, der die Lippen zusammenkniff und die Augen zu schmalen Schlitzen verengte. „Wir laufen Land an, und dann kannst du dir Wurzeln und Beeren holen, soviel du willst.“
Das besänftigte den Kutscher augenblicklich.
„Daß ihr mich immer verarschen müßt“, sagte er, „mich, von dem euer leibliches Wohl abhängt, ich, der ich den ganzen Tag in der Kombüse stehe, um eure hungrigen Mägen zu stopfen. Aber das erkennt ja keiner an. Wenn das Essen gut ist, freßt ihr euch die Wampe voll, und keiner verliert ein Wort darüber. Wenn ich aber nichts habe, dann reißt ihr die Schnauzen auf und meckert, elendes Schiffsvolk. Wie vornehm ging es dagegen bei Sir Freemont zu, das war ein richtiger Gentleman, aber das begreifst du nie in deinem Leben, du rothaariger Stint. Und jetzt geh mir aus den Augen!“
„Hat er sich wieder abreagiert?“ fragte Smoky den Schiffszimmermann, der das Gespräch teilweise mitgekriegt hatte.
„Ich glaube schon. Er war nur sauer, weil er den Abfallkübel über Bord geworfen hat, und da mußte er sich einfach seinen Zorn aus dem Bauch reden.“
Die beiden Männer lachten laut, weil der Kutscher ihnen finstere Blicke zuwarf.
Erst als er wieder in der Kombüse verschwand, rieb er sich vergnügt die Hände und grinste vor sich hin.
Es war kurz vor Mittag, die Sonne hatte ihren höchsten Stand noch nicht erreicht, und es war brühwarm, als der Bengel vom Großmars aus einen feinen Strich am Horizont entdeckte.
Wie elektrisiert riß er die Arme hoch, so daß der Schimpanse Arwenack, der mit ihm zusammen in luftiger Höhe hockte, einen Nasenstüber abkriegte.
„Land voraus!“ schrie er mit seiner hellen Stimme. „Deck! Land genau voraus!“
Carberry hob die Hand zum Zeichen, daß man ihn verstanden hätte, und winkelte gleichzeitig den Daumen nach unten ab. Dabei sah er den Schweden Stenmark an.
„Du bist dran“, sagte er. „Und du Zwerg kannst jetzt abentern!“ rief er nach oben.
Der Bengel enterte ab, gefolgt von dem Affen, der sogleich in der Kombüse verschwand, um beim Kutscher zu betteln.
„Hab ich nicht gute Augen, Sir?“ fragte der Moses stolz den Profos. „Von Deck aus sieht man es nicht, nicht mal als feinen Strich.“
Carberry sah ihn erstaunt an.
„Was, das Land sieht man nicht?“ fragte er. „Wir dachten schon, du würdest dort oben pennen, weil wir doch schon vor Stunden den Kurs änderten, eben weil Land in Sicht war. Man sieht doch jetzt schon ganz deutlich die Palmen, die, kleinen Brandungswellen und den saftigen Urwald. Oder sieh dir den weißen Sand an, Junge, ganz feinkörnig, und die beiden schlafenden Schildkröten, die in der Sonne dösen. Naja, für den Anfang war das nicht schlecht, du bist ja noch nicht lange im Ausguck.“
Der Bengel guckte sich die Augen aus, aber er sah weder den Landstrich noch die Palmen, von den Brandungswellen und den Schildkröten ganz zu schweigen.
Er kriegte spitze Lippen und schüttelte den Kopf. Aber da war der Profos schon gegangen, Bill erblickte nur noch den riesigen breiten Rükken, und als Carberry ihm das Profil zuwandte, da sah er den Profos grinsen, und es sah verdammt nach Anerkennung aus dieses Grinsen.
Verdammt, dachte der Bengel, der Profos hatte es gar nicht ernst gemeint, aber warum mußten diese Erwachsenen eigentlich immer ihre Überlegenheit demonstrieren und gaben nicht zu, daß er erstklassige Augen hatte?
Nein, er hatte sich noch nicht so weit nach oben gekämpft, daß sie es offen zugaben, überlegte er, obwohl sie es gut mit ihm meinten. Er war eben der Moses, der Bengel, und keiner wollte es wahrhaben, daß er älter wurde. Sie brauchten einen Moses, ein Moses gehörte zu jedem Schiff wie die Masten und Rahen, der Kompaß oder das Ruder, und daher würde er auch noch für eine verdammt lange Weile der Moses bleiben.
Macht nichts, dachte er, ich fühle mich wohl, und jeder ist nett zu mir. Ich habe sogar einen eigenen Schatz, und wer von den anderen Schiffsjungen hatte das schon, die auf anderen Schiffen jeden Tag bis aufs Blut kujoniert wurden.
Das Land rückte näher, und an Bord der „Isabella“ herrschte eitel Freude und Sonnenschein. Die meisten lehnten am Schanzkleid und sahen hinüber, als die „Isabella“ wieder leicht den Kurs änderte, diesmal etwas nach Steuerbord, bis sie mit dem Land parallel lag und weitersegelte.
Der Abstand mochte etwa zwei Meilen betragen, aber noch schob sich das Schiff unmerklich näher heran.
Langgestreckte Hügel waren zu sehen, davor wuchs undurchdringlicher Dschungel bis an das Wasser heran. An manchen Stellen gab es keinen Strand, da stand verfilztes Gebüsch mit riesigen schlangenähnlichen Wurzeln, die wie Geisterfinger ins Meer tasteten.
„Ob die Insel bewohnt ist?“ fragte Matt Davies seinen Nebenmann, den alten Segelmacher Will Thorne, der die Hände über dem Bauch gekreuzt hatte und andächtig zum Land blickte.
„Keine Ahnung, Matt. Dieser Teil ganz bestimmt nicht, da kann niemand hausen. Aber wie ich hörte, soll dies eine sehr große Insel sein. Warten wir es ab.“
Je mehr sich die „Isabella“ dem Land näherte, desto größer wurde die Hitze. Es war drückend und schwül. Der leichte Wind, der sie vorantrieb, brachte keine Kühlung, weil er ebenfalls fast heiß war.
„Mangrovenwälder“, sagte Old O’Flynn mißmutig. „So nennt man diese komischen Bäume, glaube ich. Wurzeln wie Riesenschlangen und dazwischen lauern gefräßige Bestien. Ich möchte da keinen Fuß an Land setzen.“
„Versuch’s doch erst mal mit deinem Holzbein“, riet Gary Andrews grinsend. „Wenn ihnen das nicht schmeckt, lassen sie dich ganz sicher in Ruhe.“
„Ich werde dir das Holzbein gleich übers Kreuz tanzen lassen, du junger Hüpfer“, sagte Old O’Flynn drohend. „Zu meiner Zeit, auf der ‚Empress of Sea‘, da hatten die jungen Kerle noch Respekt vor dem Alter, und es setzte jeden Tag Prügel, wenn sie nur das Maul öffneten, ohne gefragt zu sein.“
„Das würde dir so gefallen, was? Mann, was sind wir heilfroh, daß du nicht der Kapitän bist, Donegal!“
„Ha! Ich würde euch Rotznasen jeden Tag ein paar Stunden zum Trocknen in die Wanten hängen, wenn ihr nicht pariert. Aber heutzutage lobt euch sogar der Kapitän noch, wenn ihr ausnahmsweise mal etwas Richtiges bei der Arbeit tut.“
Andrews grinste. Er unterhielt sich gern mit dem Alten, denn O’Flynn meinte es nicht unbedingt so, wie er es sagte, obwohl die Seefahrt zu seiner Zeit ein klein wenig anders ausgesehen hatte.
Aber diese „Empress of Sea“, das mußte ein wahres Wunderschiff gewesen sein, mit dem der Alte die nördlichen Meere befahren hatte, als er noch ein hitziges Rauhbein gewesen war.
„Wo ist der alte Kahn eigentlich abgesoffen?“ fragte Gary und starrte weiterhin zum Land hinüber.
„Abgesoffen? Die schwimmt in tausend Jahren noch, die ‚Empress of Sea‘ säuft nicht ab, meine Junge. Die hätte sich in dem lausigen Taifun kürzlich nur einmal trotzig geschüttelt, und dann wäre sie über den Wellen gesegelt. Sie war ein schönes Schiff“, schwärmte der Alte. „Unglaublich stark und schnell, und in ihrer Takelage hockte der Windgott persönlich. Nachts schlichen sich die Meermänner an Bord und trieben Schabernack mit uns. Ja, das war eine gute Zeit. Aber die alte Lady, die segelt noch irgendwo, das ist sicher, an die trauten sich nicht einmal die Holzbohrwürmer heran.“
Jetzt war der Alte in seinem Element. Er erzählte und erzählte, und als Gary Andrews nach einem diskreten Hüsteln, weil der Alte so maßlos übertrieb, heimlich verschwinden wollte, mußte er feststellen, daß O’Flynn seitlich am Kopf Augen hatte, denn jedes Mal ergriff ihn die knochige Hand des Alten und hielt ihn fest, damit er sich anhörte, was für ein Schiff die alte Lady war, und daß sie das beste, schnellste und härteste Schiff überhaupt war, das die Nordmeere befuhr.
Wenn Old O’Flynn einmal loslegte, dann bogen sich die Planken und im Kielschwein begann es protestierend zu pfeifen. Da beschwor der Alte Seegeister, Meermänner, riesige Kraken, die sich in das Nordmeer verirrt hatten, übelwollende Kobolde, die die Mannschaft ärgerten, und versunkene Städte, in denen tief auf dem Meeresgrund golden gekleidete Leute spazierten.
Dabei wurde er nicht einmal rot, ihn packte höchstens der Zorn, wenn Andrews es wagte, ganz besonders dick aufgetragene Geschichten anzuzweifeln.
„Eines Tages“, schloß der Alte, „wirst du dieses Schiff mit eigenen Augen sehen, und es wird dir die Sprache verschlagen, und du wirst den Himmel anflehen, nur einmal auf diesem Schiff fahren zu dürfen, mein Sohn. Und wenn du die Planken dann wirklich mal betrittst, wirst du dir vor lauter Achtung und Respekt in die Hose kacken, das sagt dir der alte Donegal.“
„Ich glaub’s ja“, sagte Gary kleinlaut. „Mir läuft es jetzt schon heiß und kalt über den Rücken, wenn du davon erzählst.“
„So geht es jedem, der von dem Schiff hört“, versicherte der Alte stolzgeschwellt, und in seine hellen Augen trat ein fast überirdisches Leuchten.
Das Land beschrieb einen starken Bogen, und eine Bucht tat sich auf, so groß und gewaltig, daß man sie nicht übersehen konnte.
Der junge O’Flynn, der sich vornehmlich um die Navigation kümmerte und es darin schon fast bis zur Perfektion gebracht hatte, hantierte mit dem Jakobsstab und rechnete.
Sie hatten gute Seekarten, aber die einzelnen Buchten dieser Insel waren nicht genau bezeichnet, und Dan stellte schließlich eine Menge Abweichungen fest. Aber er wußte, über den Daumen gepeilt, wo sie sich befanden.
„In dieser Riesenbucht gibt es jede Menge kleine, völlig abgelegene Buchten“, sagte er zu Hasard. „Wie es den Anschein hat, wird hier kaum jemals ein Schiff anlegen. Ich schlage vor, wir laufen die einzelnen Buchten einmal an und sehen uns um.“
„Hoffentlich bestehen die nicht auch nur aus Mangrovenwäldern“, meinte der Seewolf. „Laufen wir also ein paar Buchten an, bis wir etwas Geeignetes finden.“
„Ferris kann dann endlich seine Holzbohrwürmer aus den Planken polken“, sagte Pete Ballie lachend. „Ich bin gespannt, wie er das anstellt.“
Ferris Tucker, der am Niedergang stand, drehte sich um, als er die Worte hörte.
„Das ist ganz einfach“, sagte er, „dünne lange Nadeln werden erhitzt, bis sie glühen. Dann blickt einer in die Löcher, am besten du selbst, und lockt den Holzbohrer heraus. Sobald er sich rückwärts bewegt, piekst du ihm die Nadel in den Hintern, und er ist erledigt. Und wenn wir damit fertig sind, dann werde ich dir die Nadel in deinen Affenarsch pieken“, versprach Ferris.
Zum dritten Mal änderte die „Isabella“ an diesem Tag den Kurs. Der Wind wurde schwächer, weil die Berge in der Riesenbucht ihn eindämmten und seine Kraft brachen. Auch das Wasser hatte seinen Rhythmus verloren, es gab keine Wellen mehr, die gleichmäßig anrollten, sondern nur noch kleine durcheinanderlaufende Seen, die lässig gegen den Rumpf klatschten.
Die Tiefe wurde von nun an ständig gelotet und ausgesungen. Der alte O’Flynn übernahm das mit monotoner leiernder Stimme, die sich nur dann hob, wenn sich die Wassertiefe veränderte.
An der Lotspeise klebte ausnahmslos Sand, feinkörnig und hell, fast so dünn wie der, der sich in den Sanduhren befand.
„Ideale Buchten gibt es hier“, sagte Hasard. „Das einzige, was mich stört, sind diese undurchdringlichen Wälder. Wenn wir dort kein Wasser finden, verschieben wir die Arbeit und segeln weiter, denn ohne Wasser ist uns auch nicht geholfen.“
„Aber der Holzbohrwurm“, wandte Ferris ein.
„Der kann dann auch noch ein paar Tage warten, die Algen und Muscheln ebenfalls. Es bleibt dabei, was ich gesagt habe.“
Ferris Tucker maulte vor sich hin, aber er sah selbst ein, daß es Wahnsinn war, mit den Arbeiten zu beginnen, wenn man nicht gleichzeitig Wasser und Proviant mannen konnte. Das kostete nur eine Menge Zeit.
In der ersten Bucht regte sich kein Leben. Schweigend und von einem brühheißen Sonnenglast umlagert, bot sie sich den Blicken dar. Im klaren Wasser tummelten sich schillernde Fische.
Der Seewolf ließ weitersegeln, und gegen Abend, bevor die kurze Dämmerung einsetzte, hatten sie das gefunden, was, ihren Vorstellungen entsprach: eine von See her uneinsehbare Bucht, an deren Ufer das Dickicht teilweise stark zurücktrat. Da gab es einen breiten Sandstreifen, da standen schiefgeneigte Kokospalmen, an denen runde braune Früchte hingen.
„Sechs Faaaden, Saaand“, sang der alte O’Flynn laut, und als die Wassertiefe nur noch fünf Faden betrug, gab Hasard den Befehl zum Ankern.
Der schwere Buganker rauschte aus, eine riesige Wasserschildkröte, die der Kutscher mit hungrig-lüsternen Blicken verfolgte, suchte eiligst das Weite und schwamm verstört davon.
Die Entfernung bis zum Ufer betrug knapp fünfzig Yards. Alles Weitere sollte sich morgen finden. Sie fierten nur noch das Beiboot ab, ruderten an Land und markierten den Sandstreifen mit dünnen Hölzern, damit sie einen Anhaltspunkt hatten, welche Unterschiede es hier zwischen Ebbe und Flut gab.
Dann brach nach einer sehr kurzen Dämmerung schnell die Nacht herein.
Auf der „Isabella“ wurde es ruhig. Nur die eingeteilten Deckswachen gingen ihre Runden.
5.
Die fast unheimliche Ruhe wurde im Morgengrauen jäh gestört.
In den Mangrovenwäldern und dem sich dahinter anschließenden Dschungel setzte ein Höllenkonzert ein.
Gestern abend noch war es eine schweigsame Welt gewesen, die vielleicht voller Leben war, bevor die „Isabella“ vor Anker ging. Das hatte sich auf die Tierwelt störend ausgewirkt, aber jetzt empfanden sie das Schiff nicht mehr als Eindringling. Es gehörte ganz einfach zu der Bucht.
Kreischende Vögel zogen vorüber, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, eine ganze Affenhorde brüllte und schrie, und aus dem Wasser schnellten Fische in hohem Bogen empor.
In den Mangrovendickichten zeterte und schrillte es, dazwischen zirpten Zikaden, schrien unbekannte Tiere und keckerten kleine Affen derart laut, daß sich dem Schimpansen Arwenack die Haare aufrichteten.
Carberry und Tucker brüllten die Männer buchstäblich aus dem Schlaf, und wer noch einmal einnickte, den rissen Tuckers sinnige Sprüche hoch.
„Acht Glasen hat’s geschlagen, hört ihr nicht den Holzwurm nagen!“
Luke Morgan, auf dessen fast kahlem Schädel die ersten spärlichen Borsten seit dem Unfall sprossen, hielt sich die Ohren zu.
„Ich kann Tuckers blöden Holzwurm nicht mehr hören“, beschwerte er sich laut. „Hat der denn nichts anderes mehr unter seinem rothaarigen Urwald?“
„Der steckt selber voller Holzbohrwürmer“, sagte Jeff Bowie.
Selbst beim Essen trieb Tucker die Leute an, und den kalten Tee stürzten sie im Stehen hinunter.
Dabei hatte Ferris nur sehr kurze Zeit geschlafen, denn alle Augenblikke war er aufgestanden, um nach dem Wasser zu sehen, damit er einen geeigneten Platz fand.
Jetzt kannte er ihn und erklärte dem Seewolf ausführlich, wie er sich das vorstellte.
Aber Hasard winkte ab.
„Das ist ja alles schön und gut, Ferris“, sagte er ungeduldig, „aber in erster Linie suchen wir nach Wasser, frischen Früchten und Wild oder Schildkröten, damit wir Abwechslung in unseren Speisezettel kriegen. Erst wenn wir Wasser gefunden haben, ist der Holzwurm an der Reihe. Ich werde jetzt einen Trupp zusammenstellen, mit den restlichen Männern kannst du dann beginnen, das Schiff zu krängen.“
„Der Kahn fault uns unter dem Hintern weg“, jammerte der Zimmermann besorgt, doch damit konnte er Hasard nicht beirren.
Das zweite Boot wurde ebenfalls abgefiert. Tucker lief händeringend in der Kuhl auf und ab.
„Wir kriegen Ebbe“, teilte er jedem mit, und sah den Seewolf beschwörend an. „Laß uns wenigstens die Lady auf jene Stelle dort setzen, dadurch versäumen wir doch nichts, außer ein paar Stunden. Finden wir kein Wasser, brauchen wir nur die Flut wieder abzuwarten und sind flott. Ist das ein Vorschlag, Sir?“
„Du bist ein Quälgeist, Ferris. Aber gut, ich sehe es ein. Wir verlieren dadurch tatsächlich nichts, denn die Suche wird einige Zeit in Anspruch nehmen.“
„Einige Zeit?“ empörte sich der Kutscher, der unruhig genau wie Ferris auf und ab lief. „Ich habe mehr als zwanzig Mäuler zu stopfen. Bis wir Fleisch und Beeren und Wasser haben, vergeht schon eine verdammte Weile. Dieser Holzbohrer treibt mich noch zum Wahnsinn, wenn das so weitergeht, werde ich zum Urmenschen mit zuckenden Reflexen. Von den Biestern wird keiner satt.“
„Wenn dir das Schiff unter dem Achtersteven absäuft, brauchst du sowieso nichts mehr!“ schrie Tucker ihn an.
Es sah nach einem handfesten Streit aus, bis Hasard die beiden Kampfhähne freundlich anblickte und seine Stimme noch sanfter wurde als das unmerkliche Säuseln des Windes.
Da zog der Kutscher den Kopf zwischen die Schultern, Ferris kratzte sich seine stoppelbärtige Wange und setzte ein friedliches Gesicht auf, und die anderen, die herumstanden und palaverten, wurden plötzlich klein und häßlich.
Hasards knappe Gestik wirkte wie ein Taifun, der im nächsten Augenblick das Schiff einschließlich der Crew erbarmungslos zerschmettern konnte.
„Wenn ich dazu freundlicherweise auch etwas bemerken darf“, sagte er sarkastisch, „dann schlage ich vor, ich übernehme das Kommando wieder, falls keiner der ehrenwerten Gentlemen Einwände dagegen hat. Oder hat jemand welche?“ erkundigte er sich scharf.
„Sie vielleicht, Mister Tucker, oder Sie, Mister Kutscher?“
„Tut mir leid, Sir“, brummte der Kutscher.
„Keine Einwände, Sir“, beeilte sich Tucker zu sagen.
„Früher hätte man euch wegen dieser Respektlosigkeit an den Rahen aufgehängt!“ schrie der alte O’Flynn dazwischen und pochte mit seinem Holzbein hart auf die Planken.
„Holt den Anker ein“, sagte Hasard. „Sobald er oben ist, steigen acht Mann in das Boot und ziehen das Schiff zu der von Ferris bezeichneten Stelle. Dort wird der Anker erneut gesetzt. Wenn das geschehen ist, teile ich die Gruppen ein. Los, hoch mit euren müden Knochen, Ferris übernimmt das Kommando zusammen mit Shane. Und wenn ich in euren Triefaugen auch nur ein ungläubiges Blinzeln entdecke, dann fährt der Teufel unter euch Halunken, und dieser Teufel heißt immer noch Killigrew. Merkt euch das!“
An Deck schien irgend etwas zu liegen, denn jeder starrte nach diesen Worten angestrengt auf die Planken.
Dann waren sie am Ankerspill, und weil immer noch alle schwiegen, rief der Profos: „Wollt ihr lausigen Schimpansenärsche wohl fröhlich singen, wenn das Spill knarrt, was, wie? Auf, ihr Rübenschweine, ein Lied. Was sollen die Affen im Urwald von uns denken? Wir fuhren im Sturm durch die Südsee, die Nacht war schwärzer als Teer.“
Gleich darauf fiel der ganze Chor ein, und schlagartig war die Stimmung so gut wie lange nicht mehr, als sie das Lied von der Südsee sangen, wo der Teufel, die Ratten und der Rum eine große Rolle spielten.
Sogar der Kutscher hatte sich an eine Spillspake geklammert und trabte im Kreis herum, aus vollem Hals singend.
Im Urwald erlosch das Gezeter, das Geschrei verstummte, und die Affen hatten sich verstört ins Buschwerk zurückgezogen. Selbst die Zikaden hörten auf zu sägen.
Mit langsamen Ruderschlägen wurde die „Isabella“ vorangetrieben.
Tucker ließ noch einmal loten und war zufrieden.
„Fiert den Anker ins Boot ab und bringt ihn weiter nach Backbord aus“, sagte er. „Wieviel Wasser haben wir jetzt unter dem Kiel, Donegal?“
„Nicht mehr als einen halben Faden“, meldete der Alte.
Das Ankerausbringen vom Boot aus war immer eine lausige Knochenarbeit, und oft war dabei schon ein Beiboot gekentert, wenn es von dem Gewicht des Ankers befreit war.
Aber diesmal sprangen zwölf Mann ins Wasser und hievten das unförmige Monstrum auf den Grund. Anschließend kehrten sie an Bord zurück.
Tucker besah sich das Werk noch einmal. Die „Isabella“ lag nun goldrichtig, fand er. Der Anker lag nach Backbord aus. Schon allein mit seiner Hilfe konnten sie das Schiff leicht zur Seite krängen, wenn sich die Flunken richtig in den Sand wühlten. Gab man aber dem Anker genügend Lose und setzte die Gold- und Silberbarren um und schaufelte auch noch den Reis hinüber, dann konnte man auch auf der anderen Seite am Rumpf arbeiten und den größten Teil des Rumpfes erreichen.
Hasard stellte das Landkommando zusammen, dessen Führung diesmal der Kutscher übernahm, weil er sich am besten mit fremdländischen Gewächsen auskannte, und der außerdem noch hoffte, seinen Vorrat an übelriechenden und stinkenden Heilkräutern zu ergänzen, denn auch seine Salben und Wundermittel waren fast aufgebraucht.
Er teilte dem Kutscher Gary Andrews, Batuti, Blacky, Sam Roskill und Luke Morgan zu.
Sämtliche Leute ließ er bewaffnen, mit Pistolen, Schiffshauern und ihren Messern. Jeder schleppte Holzkisten, kleine Fässer und Leinensäcke mit sich. Sie sollten Ausschau halten nach Kokosnüssen, Früchten, Beeren, Kräutern, Wurzeln und Schildkröten.
Der nächste Trupp, den Carberry anführte, und der aus dem jungen Dan O’Flynn, Stenmark und Conroy bestand, hatte die Aufgabe, nach Wasser zu suchen und, falls es hier welche gab, auch jagdbare Tiere zu erlegen.
Zum Fischen im Beiboot teilte der Seewolf den alten O’Flynn, Will Thorne, den Segelmacher, und den Rudergänger Pete Ballie ein. Pete sollte sich dabei gleichzeitig ausruhen, denn er hatte länger als acht Stunden am Ruder gestanden.
Für die Arbeiten am Schiff blieben außer Hasard Brighton, Tucker, Big Old Shane, Bob Grey, Jeff Bowie und der Moses Bill an Bord.
Der Kutscher wurde mit seinen Leuten an Land gepullt. Sie begannen augenblicklich damit, Kokosnüsse einzusammeln, wobei der Gambianeger Batuti die Hauptarbeit leistete. Mühelos erklomm er die höchsten Stämme und warf die Nüsse in den Sand, wo die anderen sie zu einem großen Haufen trugen.
Als die ersten Palmen abgeräumt waren, drangen die Männer in das Dikkicht ein und verschwanden.
Der nächste Trupp pullte an Land. Tucker brachte sie hin und führte das Boot wieder zurück, dabei umfuhr er gleich noch einmal die „Isabella“ von vorn bis achtern und lauerte darauf, daß sich die Lady auf den Grund legte.
Old O’Flynn, Thorne und Pete Ballie hockten sich anschließend in das Beiboot und ruderten dorthin, wo das Wasser tiefer war.
Kleine Fische bissen schnell an, und von den ersten benutzten sie Stücke, um damit größere zu ködern.
Hasard blickte über die Bucht. Seine kampferprobten Seewölfe boten ein ungewohntes Bild, wie sie friedlich dahockten, angelten, Beeren sammelten oder Kokosnüsse holten.
Jetzt verschwand auch der Profos mit seinen Leuten, die jeder ein kleineres Faß trugen. Falls man eine Quelle entdeckte, würden sie eine Kette bilden, die Fässer füllen und weiterreichen. Es war ein mühsames Unterfangen, aber es ging nicht anders, denn nicht überall legte die Natur ihnen alles in den Schoß. Vor den Erfolg hatten selbst die Meergötter den Schweiß gesetzt.
Unmerklich begann das Wasser abzulaufen, und da Ferris Tucker immer noch nicht die Erlaubnis hatte, die Barren umzusetzen, begann er damit, alles nach oben zu mannen, was später bei den Arbeiten benötigt wurde.
Solange sie die „Isabella“ hatten, war der Holzbohrwurm noch nie ausgeräuchert worden, und einige hatten nicht die geringste Ahnung, wie das vor sich ging.
Insgeheim glaubte Pete Ballie tatsächlich an glühende Nadeln, die man in die Löcher steckte, um die Würmer damit zu piesacken, bis sie mit dem Bohren aufhörten. Oder war der ganze Holzbohrwurm vielleicht nur eine freundliche Erfindung von Ferris?
Der untersetzte, stämmige Ben Brighton schaute zum Horizont und stieß Tucker an, der gerade ein kleines Pulverfaß nach oben an Deck gebracht hatte.
„Sieh dir die Wolke an, Junge“, sagte er. „Wenn die keinen Regen bringt, fahre ich ab heute als Moses.“
„Das erleichtert bloß den anderen Kerlen die Arbeit.“
„Klar“, sagte Ben, „und du kannst das Schiff krängen, wenn es aufgehört hat, zu regnen.“
„Mann, na klar!“ rief Ferris erfreut und starrte die dunkle Wolke an, die schnell heranrückte.
Sofort wurden Segelleinen gespannt, wie sie es schon oft getan hatten, um das kostbare Naß aufzufangen.
„Daran habe ich auch nicht gedacht“, gab Hasard zu. „Aber diese Insel ist ein typischer Regenwald. Hier geht vermutlich jeden Tag ein gewaltiger Schauer nieder, ähnlich wie in Südamerika am Amazonas.“
Es ging wirklich sehr rasch. Ein Teil der heranjagenden Wolke regnete unter Blitz und Donner schon auf See ab, der Rest erreichte die Bucht und überschüttete sie und den Wald mit einem unwahrscheinlich schnellen und harten Schauer.
Die eilig herangeschleppten großen Fässer füllten sich unheimlich schnell. Das Segelleinen konnte die Massen kaum halten. Vier Fässer waren randvoll, große Fässer.
Die drei Fischer im Boot wurden von dem Schauer durchnäßt und freuten sich über die Abwechslung, obwohl es lauwarmer Regen war, der da wie eine Sintflut vom Himmel stürzte.
Dann war es vorbei, so schnell wie es erschienen war.
Kurze Zeit später hatte die „Isabella“ Grundberührung.
Behäbig setzte sich der Kiel auf den feinen Sand und neigte sich dann ganz sachte zur Seite.
Diesmal schufteten sie wie verrückt. In den Räumen setzten Hasard und die an Bord verbliebenen Männer die schweren Barren um, und schaufelten den Reis zur anderen Seite. Gehorsam legte sich das Schiff auf die Seite.
Der Schweiß lief ihnen in Strömen über die Gesichter, aber Ferris Tukker lächelte selig und wischte sich die nassen roten Haare erleichtert aus der Stirn.
„Jetzt geht dein Traum vom Holzbohrwurm endlich in Erfüllung“, sagte Ben grinsend, „und du kannst sie jagen wie das liebe Vieh.“
„Das werde ich auch“, versprach Ferris. Zusammen gingen sie an Deck und sahen sich um.
Der Rahsegler lag hart auf Backbord und Ferris deutete auf den Anker.
„Ein wenig können wir noch durchholen, bis das Tau steif steht. Das Schiff gibt noch nach.“
„Das bezweifele ich ganz entschieden“, widersprach Ben.
„Ich habe da ein besonderes Gefühl für solche Sachen“, entgegnete Ferris.
Er behielt recht. Der Krängungswinkel nahm noch etwas zu, nicht viel, aber dadurch wurde doch noch eine etwas größere Fläche des Rumpfes frei.
Auf Steuerbord verließen sie das Schiff und bewegten sich über den feinen Sand, auf dem nur noch fingerbreit das Wasser stand.
Ein gekrängtes Schiff sah auf dem Trocknen schlimmer aus als im Wasser, fand der Moses. Da hatte man immer das Gefühl, als würde es sich total zur Seite neigen und umfallen. Auch wirkte es jetzt viel größer, riesengroß fast.
Aber wie sah es unten aus!
Der Rumpf war eine schwarze Masse, aus der es grünlich und dunkelblau schillerte. Langsam trocknende Algenbärte hingen auf der Unterseite, durchwachsen von Tausenden von Muscheln. Und in den braunen und schwärzlichgrünen Algen wimmelte es. Da rannten winzige Krebse durcheinander und versuchten, das rettende Wasser zu erreichen, da gab es andere kleine Tiere und ekelerregendes Gewürm aller Sorten und Gattungen, von kleinen Spinnen angefangen bis zu kugelförmigen Wesen, die der Moses noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
Er ging näher heran und bückte sich.
„Sind das die Holzbohrer, Mister Tucker?“ wollte er wissen und deutete auf die winzigen, kaum sichtbaren Dinger, die wild durcheinanderkrabbelten.
„Nein, die sitzen unter den Muscheln im Holz drin. Erst müssen die Muscheln abgekratzt werden, die Algen entfernt und der Rumpf sauber sein, vorher sieht man die Gänge nicht.“
Tucker starrte auf die Muscheln und riß eine aus dem Gewirr von verfilztem Seetang heraus. Er hielt sie dem Bengel unter die Nase und grinste.
„Das fressen die Spanier – und Kastanien“, setzte er hinzu. „Wenn die mal aufslippen, haben sie wochenlang zu essen. Ich habe mal gesehen, wie sich eine ganze Crew am Rumpf sattgefressen hat.“
Bill musterte den Zimmermann von der Seite, doch Tucker zeigte keine Regung, lediglich Big Old Shane grinste in seinen Bart, bis aus dem Grinsen schließlich ein dröhnendes Lachen wurde.
„Dann geraten die Spanier wenigstens nie in Not“, sagte der Bengel trocken. „Die brauchen nur auf Grund laufen, und schon haben sie ihre Mahlzeit beisammen. Daran sollten wir uns in Notzeiten auch gewöhnen, Mister Tucker.“
Sie schleppten das Werkzeug herbei und der Moses wollte mit einem großen Kalfateisen zu kratzen beginnen, aber Tucker schüttelte den Kopf.
„Man fängt ganz unten an Bill, wenn man nicht richtig aufgeslippt ist, sondern so liegt wie wir. Weshalb?“
Der Bengel grinste pfiffig.
„Weil das Wasser steigt und man länger arbeiten kann, und wenn es weiter steigt, kann man immer noch oben abkratzen.“
„Richtig, mein Sohn. Dann fang mal an!“
Den Rumpf säubern, das war eine der verhaßtesten und unbeliebtesten Arbeiten an Bord. Das kriegte auch der Bengel zu spüren, als die scharfen Muschelreste ihm die Hände aufschnitten, als ihm winzige Tropfen Salzwasser in die Augen spritzten und er sich fast auf den Rücken legen mußte, um das Dreckzeug abzukratzen.
Wenn er ein Stückchen sauber hatte und die Länge des Schiffes sah, verließ ihn fast der Mut. Die Hitze besorgte den Rest, man wurde träge, schlapp und müde, und nach einer Stunde taten ihm alle Knochen weh, und dabei hatte er erst eine geradezu lächerlich kleine Fläche geschafft. Dann sah er neidvoll zu, wie der große Shane oder Tucker, der Seewolf, Brighton und die anderen wühlten, als wollten sie das Schiff auseinanderreißen.
Tucker hatte ein riesiges Feld freigelegt, und jetzt untersuchte er es genauer.
„Hier“, sagte er zu Hasard, „da ist er, der Holzbohrer. Löcher so klein, daß man sie kaum sieht, das sind seine Gänge, und wenn wir den nicht ausräuchern, frißt er uns auf.“
Mit einer dünnen scharfen Nadel versuchte er in den Gang zu pieken, doch die dünne Nadel erwies sich als zu dick.
„Wie tief sitzt er?“ fragte Hasard.
„Nur ein paar Inches, einige hängen noch halb draußen, aber je salziger das Wasser wird, desto wohler fühlt er sich, und um so schneller bohrt er sich hinein.“
Grey und Bowie ließen sich das heimtückische Biest auch zeigen, dann arbeiteten sie verbissen weiter und beneideten insgeheim die Männer, die an Land waren.
Das Holz der „Isabella“ erwies sich als außerordentlich widerstandsfähig und stabil. Zum Glück hatte Tukker damals darauf bestanden, daß keine dünnen Kupferbleche unter den Rumpf genagelt wurden, wie es bei den Spaniern üblich war. Da nämlich hatte der Holzbohrer leichtes Spiel, und die alten Galeonen verfaulten zehn mal schneller mit ihren verdammten Kupferblechen, die das Schiff schützen sollten, es in Wirklichkeit aber schneller altern ließen.
Der Schiffszimmermann war pingelig, und wenn er arbeitete, dann nahm er alles so genau und pedantisch, daß es ihm keiner recht tun konnte. Aber seine Pedanterie hatte sich schon oft ausgezahlt, und daran mußte jetzt auch Hasard denken, als sie die „Isabella“ damals gekauft hatten und Tucker wie ein unruhiger Geist durch das Schiff geschlichen war und dieses und jenes bemängelt hatte, obwohl die „Isabella VIII.“ das modernste Schiff war, das die Werft jemals hervorgebracht hatte.
Als die erste große Fläche abgekratzt und geschmirgelt war, strich der Schiffszimmermann heißes Pech darauf, griff in das Faß mit dem Schießpulver und klebte es auf den dünnen Überzug aus Pech.
In diesem Augenblick hielt die drei Angler nichts mehr. Sie pullten heran, Pete Ballie getrieben von Neugier, was jetzt geschah und wie der Wurm ausgerottet wurde, oder der Bohrer, wie Ferris ihn nannte.
Sie hatten eine Menge Fische gefangen, und als das Boot auf den Sand lief, sprangen die Männer heraus.
„Schießpulver?“ fragte Pete entsetzt und bewegte seine großen Pranken besorgniserregend hin und her. „Wozu soll das denn wieder gut sein?“
Old O’Flynn wußte es, aber er enthielt sich der Stimme, und auch der alte Will Thorne schwieg.
Tucker erklärte es ihm.
„Die Höhlen des Holzbohrers werden gesprengt, mit Schießpulver“, sagte er ernst. „Dann fliegt der Holzbohrer in die Luft.“
„Waaas?“ schrie Pete. „Ich denke, das geht mit der Nadel!“
Ferris verneinte. „Er sitzt zu tief, verstehst du? Wir müssen sprengen, geh aus dem Weg!“
Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, blies er auf die Glut der Lunte und hielt sie an die klebrige Masse.
„Sir, das kannst du nicht zulassen!“ rief Pete dem Seewolf zu, doch dann merkte er, daß Tucker ihn wieder einmal genarrt hatte.
Eine Stichflamme zuckte an den Rumpfplanken hoch, setzte für ganz kurze Zeit das Pech in Brand und überzog alles mit einer lohenden Feuersäule. Es sah aus, als würde die „Isabella“ jeden Augenblick in Flammen aufgehen.
Das glutheiße Pech drang in die Ritzen ein, verklebte sie und erstickte die Holzbohrer, einerseits durch die sengende Hitze, andererseits dadurch, daß es die winzigen Gänge hermetisch abschloß.
„Als ich die ersten Holzbohrer ausrottete“, sagte Ferris, „da hast du gerade in den Windeln schwimmen gelernt, Pete, so lange ist das schon her.“
„Donnerwetter“, sagte Ballie, „du bist doch ein rothaariger Satansbraten, der sein Handwerk versteht.“
„Nun, man lernt immer noch dazu“, sagte Tucker bescheiden.
Sobald eine Fläche abgekratzt war, rückte der Zimmermann dem unsichtbaren Biest zu Leibe, brannte, räucherte und sengte es aus, bis der Rumpf teilweise schwarz glänzte und aussah, als wäre er mit frischem Lack überzogen.
Die anderen halfen mit, unermüdlich, keuchend, schwitzend und verhalten fluchend. Sie hatten noch eine Menge Arbeit vor sich, und nicht mehr lange, dann stieg das Wasser wieder.
Deshalb schufteten sie wie besessen weiter.
6.
Unterdessen hatte der Trupp mit Carberry, Dan, Stenmark und Al Conroy fast zwei Meilen in südlicher Richtung zurückgelegt.
Die Sorge mit dem Wasser waren sie los, denn der Regenschauer hatte sie bis auf die Haut durchnäßt und bei den Männern Freudenstürme ausgelöst.
Al Conroy, der Waffen- und Stückmeister, hatte ein Tier erlegt, das einem Wasserschwein verblüffend ähnlich sah und das beachtliche Gewicht von annähernd etwas mehr als zwei Zentnern aufwies.
„Dann ist es etwas leichter als der Profos“, hatte Dan lachend gesagt und dafür von Carberry einen vernichtenden Blick geerntet.
Sie hatten es aufgebrochen und an einen Baum gehängt, um es auf dem Rückweg mitzunehmen.
„Wir müssen noch mehr finden“, sagte Conroy, „zwei Zentner Fleisch vertilgt der Profos zum Frühstück, und die anderen wollen ja auch etwas essen.“
Aber sie fanden keins der Tiere mehr.
Dafür entdeckten sie etwas anderes, und das drehte ihnen fast den Magen um.
Mit den Schiffshauern bahnten sie sich einen Weg durch den dumpfen heißen Dschungel, umschwirrt von Myriaden kleiner Stechmücken, die sich selbstmörderisch auf die Männer stürzten und ihr Blut saugten. Winzige Käfer fielen sie an, bohrten sich blitzschnell und schmerzhaft in die Haut und legten ihre Eier ab, damit für den fleischfressenden Nachwuchs gesorgt war.
Dan O’Flynn erreichte eine Lichtung, einen freien Platz, und von hier aus hatten sie einen Ausblick auf eine weitere Bucht.
Da blieb der junge O’Flynn wie gelähmt stehen.
Die Lichtung war künstlich angelegt worden. Unbekannte hatten Büsche, Mangroven und kleine Sträucher gerodet. Auf der Lichtung standen nur ein paar abgestorbene dünne Pfähle.
Das war es aber nicht, was Dan zusammenzucken ließ. Er blickte auf einen Schädel, der an einem der Pfähle hing, und dieser Schädel sah verdammt danach aus, als hätte er kurz zuvor noch einen spanischen Körper geziert.
Es war eine Tsanta, ein Schrumpfkopf, wie ihn auch die kleinen Buschmänner in der versunkenen Stadt in der Nähe des Amazonas angefertigt hatten. Man hatte der Tsanta die Lippen zugenäht, den Schädel mit heißem Sand gefüllt und ließ ihn nun trocknen.
Dan kannte die Prozedur. Kühlte der Sand ab, dann wurde neuer heißer Sand hineingefüllt, bis der Schädel nach Wochen restlos austrocknete, auf Faustgröße zusammenschrumpfte und so für alle Ewigkeit erhalten blieb.
Carberry, Stenmark und Conroy blieben stehen, als seien sie gegen eine unsichtbare Mauer geprallt.
„Verdammt“, sagte der Profos leise und blickte sich nach allen Seiten um. „Da sind wir ja mal wieder in die allerbeste Gesellschaft geraten, und der Teufel soll mich holen, wenn das keine Spanier sind.“
Vierzehn Pfähle standen auf der Lichtung und jeder dieser Pfähle trug eine Tsanta. Die Haare behielten die ursprüngliche Länge bei, nur der Schädel selbst schrumpfte, und die Gesichtszüge blieben ebenso erhalten.
Stumm und reglos standen sie da, der Magen krempelte sich ihnen um, keiner brachte einen Ton hervor.
Das war fast eine ganze Schiffsmannschaft, die sich hier zu einem schauerlichen Stelldichein versammelt hatte, und deren Köpfe erst ein paar Tage alt waren.
Der Profos kannte das, die Buschmänner hatten ihm damals einen Schrumpfkopf geschenkt, ein Andenken, vor dem ihm heute noch graute, wenn er nur daran dachte.
Also gab es auf dieser Insel Wilde, Kopfjäger, Menschenfresser vielleicht, die hinterhältig und heimtükkisch töteten.
Überall im Dschungel konnten sie lauern, aus ihren Blasrohren vergiftete Pfeile schießen und sie töten.
Es war Wahnsinn, weiter vorzudringen, denn die Kerle waren hier zu Hause und ihnen trotz der Waffen himmelhoch überlegen. Ganz in. der Nähe mußte ihr Dorf sein, diese Lichtung bewies es, die sie fast stündlich aufsuchten, um die Tsantas zu „pflegen“.
Carberrys rechte Hand umkrampfte die Waffe. Schweigend bedeutete er den anderen, es ihm gleichzutun. Dann deutete er mit ausgestreckter Hand zurück.
Es war nicht einmal der Anflug von Feigheit, der sie veranlaßte sich zurückzuziehen. Es war ein dringendes Gebot der Stunde, basierend auf dem Selbsterhaltungstrieb, einem vernünftigen Gesetz folgend, sich nicht einfach einem unbekannten Gegner auszuliefern, der an nichts anderes dachte als an Töten und den Männern die Köpfe abzuschlagen, um sie an Pfählen aufzuspießen.
Hier befanden sie sich in der Höhle des Löwen, und die mußten sie so schnell wie möglich verlassen, denn sie kannten nicht die kolossale Übermacht der Kopfjäger.
Das Grauen hielt sie noch gefangen, als sie schon fast eine Meile zurückgelegt hatten. Immer noch sahen sie die Köpfe vor sich, die verzerrten Gesichter, als Masken, die unter Qualen gestorben waren, nachdem man sie hinterrücks überfallen hatte.
Das riß und zerrte an den Nerven, auch wenn sie es schon einmal gesehen hatten. Es lag kein Sinn in diesem Töten, und daher widersetzte sich in ihrem Innern alles dagegen.
Es war sinnloser Mord, wie Carberry wutschnaubend sagte.
„Und wenn es hundert Mal verdammte Dons sind und sie die Pest über ganze Länder bringen“, sagte er erbittert, „dann sind sie immer noch Menschen. Es gibt nämlich solche und solche, und ich kann verdammt noch mal nicht einsehen, daß man Menschen wie Vieh einfach abschlachtet und ihre Schädel ausstopft oder trocknet. Wilde oder nicht, da hört der Spaß auf!“
Selten hatte der Profos so voller Grimm gesprochen, und seine Miene drückte aus, daß er den Kopfjägern am liebsten zu Leibe gerückt wäre, um dort mal kräftig aufzuräumen, und die Burschen auf den Weg der Erleuchtung zu bringen.
Spät am Nachmittag kehrten sie zurück, beladen mit dem großen Tier, das Carberry ganz allein durch den Dschungel schleppte.
Wasser hatten sie übrigens nicht gefunden, bis auf einen kleinen Tümpel voll einer stinkenden Brühe, über dem wie ein dichtes Netz riesige Schwärme von stechenden Plagegeistern hingen.
Die „Isabella“ schwamm wieder, als sie sie erreichten.
Als der Profos dem Seewolf Bericht erstattete, wurde Hasards Gesicht starr wie eine Maske.
„Kopfjäger?“ fragte er fassungslos.
„Ja“, sagte der Profos schwer, „wir haben vierzehn Köpfe gefunden, die zweifellos von Spaniern stammen. Ich schätze, daß sie höchstens zwei Tage alt sind.“
Auf der „Isabella“ verbreitete sich diese Schreckensnachricht wie ein Lauffeuer. Die Seewölfe sahen sich fassungslos an.
Kopfjäger, die hatten sie am Amazonas kennengelernt, und obwohl es sich um nette kleine Buschmänner gehandelt hatte, die überaus freundlich gewesen waren, blieb ein leises Grauen zurück.
Die Männer des Amazonas hatten nicht aus Mordlust getötet. Ihre Opfer waren Todfeinde, die sie bis aufs Blut gepeinigt hatten.
Hier jedoch lag der Fall anders, wie es den Anschein hatte.
„Es gibt, verdammt noch mal, keine ruhigen Flecken mehr auf dieser beschissenen Welt“, sagte Old O’Flynn. „Hier hat es ausgesehen wie im Paradies, und was entdecken wir? Miese, gallige Burschen, die nichts anderes tun, als harmlosen Freibeutern die Köpfe abzuhacken. Man sollte diese Brut mit Stumpf und Stiel ausrotten.“
Die Gemüter erhitzten sich, es wurde debattiert, und Luke Morgan der Hitzkopf, verlangte allen Ernstes, daß man schnellstens auslaufen und es diesen Kerlen einmal ganz hart zeigen sollte.
Bei dem Seewolf stieß er damit allerdings auf taube Ohren.
„Wir kennen ihre Motive nicht“, sagte Hasard, „und können uns demnach auch kein Urteil erlauben. Der Teufel mag wissen, was die Dons wieder angestellt haben, wenn man ihnen einen derartigen Empfang bereitete. Wohin sie auch immer segelten, meist ließen sie Blut und Tränen zurück, und solange die Kopfjäger uns nicht behelligen, werde ich den Teufel tun, sie anzugreifen. Wir sind Korsaren der Weltmeere, wir kämpfen gegen die Spanier, jagen ihnen die Beute ab und haben augenblicklich nichts anderes im Sinn, als unser Schiff instand zu setzen. Solange uns dabei keiner stört, ist alles in Ordnung. Greift man uns aber an, dann werden wir die Hölle entfesseln.“
Er sah sich um, und die gesamte Crew nickte Zustimmung.
„Jawohl, Sir“, sagte Carberry, „wir sind nicht der Arm der Gerechtigkeit, und für die Dons halten wir noch lange nicht unsere Köpfe hin. Zum Teufel mit den Kopfjägern.“
„Ruht euch jetzt aus“, sagte Hasard, den die Nachricht trotz allem etwas schockiert hatte. „Heute nacht gehen sechs Mann Wache, die sich alle vier Glasen ablösen. Die Kanonen bleiben schußbereit, an die Wachen werden Musketen und Pistolen ausgegeben und das Schiff wird beleuchtet, und zwar so, daß man bis zum Land hin die Wasseroberfläche erkennen kann. Der Kutscher wird euch drei Flaschen Rum bringen, ihr alle habt einen Schluck verdient, und danach geht es ab in die Kojen.“
„Batuti schlafen lieber an Deck“, sagte der Neger.
„Batuti schlafen heute nacht ausnahmswiese in Koje“, fuhr Carberry ihn an, „und Batuti werden gefälligst nicht so laut schnarchen, kapiert?“
Hasard blieb noch so lange bei seinen Männern, bis der Kutscher die Rumflaschen brachte. Er kannte sie, sie tranken zwar gern, aber nur widerwillig, wenn er sich an Bord befand und nicht wenigstens den ersten Schluck mit ihnen zusammen trank. Den kleinen Gefallen war er ihnen schuldig, und gegen einen Schluck Rum hatte der Seewolf grundsätzlich nichts einzuwenden.
Also setzte er die Flasche an, nahm einen Zug und reichte sie an Ben weiter.
Da sie an Bord einschließlich des Moses und ausgenommen Arwenack und Sir John, zweiundzwanzig Mann zählten, waren die drei Flaschen ein Klacks. Jeder trank eine Daumenbreite, und da die meisten von ihnen nicht gerade magere Daumen hatten, gab es insgesamt etwa dreißig Breiten, wenn man Carberrys Daumen zugrunde legte, der dann auch verlauten ließ, die drei Flaschen würden mit Mühe und Not dazu ausreichen, um die Luft anzufeuchten.
Al Conroy sammelte die leeren Flaschen ein und bewachte sie eifersüchtig, denn leere Flaschen konnte man mit Schießpulver, gehacktem Blei oder kleinen Steinen füllen und sie vermittels einer hineingesteckten Lunte als teuflische Geschosse verwenden, die schon so manchen Gegner unangenehm überrascht hatten.
Der Seewolf zog sich nach seinem Schluck zurück, und von den Seewölfen verholte einer nach dem anderen. Auch Batuti fügte sich dem Profos und suchte den Schlafraum auf, denn Kojen aus Holz, zweifach übereinander, hatte kaum ein Schiff aufzuweisen. Auch das war Tuckers und Hasards Idee entsprungen, die alle beide nicht einsahen, weshalb sich Mannschaften an Deck legten, um dort zu schlafen, zumal jeder Kapitän eine eigene Kammer besaß.
Ohne jeden Zwischenfall verging die Nacht. Wenn es hier Kopfjäger gab, woran nicht der geringste Zweifel bestand, dann hatten sie jedenfalls an der „Isabella“ kein Interesse. Oder sie wußten noch nicht, daß weißhäutige Fremde in ihr Revier eingedrungen waren.
Alle zwei Stunden wechselten die Wachen. Wachsame Augen suchten die Wasseroberfläche ab. Ein Mann stand ständig an den Culverinen, eine glimmende Lunte zu seinen Füßen, die in einem mit glühender Holzkohle gefüllten Messingbecken lag. Die Bronzerohre der Siebzehn-Pfünder waren mit grob gehacktem Blei geladen, und in den vorderen und achteren schwenkbaren Drehbassen befand sich ebenfalls eine Mischung aus grobem Blei, rostigen Nägeln und Eisen.
Die Streuung hatte einen Radius bis zum Strand auf fast hundert Yards. Damit konnte man eine ganze angreifende Horde wie mit einer riesigen Sense niedermähen.
Doch kein Kopfjäger ließ sich blikken.
7.
Als sich am anderen Morgen immer noch nichts rührte, wurden die Arbeiten fortgesetzt.
Diesmal arbeiteten fast alle mit. Da wurde gekratzt, gestoßen, gehämmert, abgebrannt – was immer Ferris Tucker persönlich übernahm –, kalfatert und gestrichen.
Das kleine Fäßchen Schießpulver ging zur Neige. Tucker mußte ein neues holen, um den Holzbohrwurm zu vernichten.
Mitunter hatte es den Anschein, als würde die „Isabella“ lichterloh in Flammen stehen. Dann züngelten riesige, blutrote Flammen an dem Schiffskörper hoch, dann wurde Pech so flüssig wie Wasser, und dann rannten Seewölfe mit Pützen voller Seewasser umher, um den vermeintlichen Brand zu löschen.
Doch immer wieder sahen sie Ferris Tuckers heimliches Grinsen. Der Schiffszimmermann kannte genau die Menge, die er verwenden durfte, die Menge, die das Pech flüssig werden ließ und den Holzbohrwurm vernichtete, so daß er sich zusammenzog, in den Gang, den er gebohrt hatte, blitzartig verschwand und dort verendete.
Ganz selten sahen sie einmal eins der winzigen Tierchen.
Es hatte einen Kopf der in verblüffender Weise einem von Tuckers Holzbohrern ähnelte, die in der großen Holzkiste lagen, die meist unter der Nagelbank auf Steuerbord lag.
Ferris hatte einige von ihnen herausgebohrt, kleine Dinger, bei denen man zweimal hinsehen mußte, ehe man sie einmal sah. Er ließ sie auf der Kuppe seines hornigen Zeigefingers laufen und zeigte sie herum.
„Verrenkt euch nicht die Klüsen“, sagte er, „der Bursche ist so klein, daß man ihn kaum sieht, aber er ist ein emsiger Arbeiter, an dem ihr euch ein Beispiel nehmen könnt. Er bohrt und bohrt, und alles, was er braucht, ist nur Holz und Salzwasser. Dann beginnt er seine verdammt gründliche Arbeit.“
„Genau wie du“, sagte Tuckers bester Freund Carberry. „Ich überlege gerade, ob wir dich nicht umtaufen sollen. Ferris, der Holzbohrer, klingt doch nicht schlecht, was, wie?“
„Untersteh dich“, sagte Tucker grollend, „sonst bist du die letzte Zeit mein Freund gewesen.“
Mittags gab es große Stücke von dem Fleisch, das sie gestern erwischt hatten, und damit war auch schon fast die Hälfte wieder weg.
„Hoffentlich sind wir bald fertig“, sagte der Kutscher mißmutig. „Was wir gestern gefunden haben, reicht vorn und hinten nicht. Und weitersuchen können wir auch nicht mehr, wenn wir nicht heimlich ein paar vergiftete Pfeile ins Kreuz kriegen wollen. Keine Beeren, keine Kräuter, nur ein paar lausige Nüsse und zwei Schildkröten.“
„Wenn du nicht soviel meckern, sondern statt dessen kräftig mithelfen würdest, werden wir viel schneller fertig“, sagte der Profos.
Der Kutscher zog sich zurück, aber als er seine Kombüse aufgeklart hatte, war er dabei und hieb wie ein Wilder auf die Muscheln und den Tang ein.
Der größte Teil der Unterseite war abgekratzt, mit Pech verklebt und abgebrannt worden. Im Rumpf gab es eine ganze Menge dieser winzigen Löcher. Tucker hatte also mit seiner Behauptung recht gehabt, nur war es nicht so schlimm, wie er es darstellte.
Hasard hatte ständig einen Mann im Ausguck, dessen Blick bis weit aufs Meer reichte, und der auch einen Teil des Urwalds überblicken konnte.
Diesmal war es der Schwede Stenmark. Er war noch keine halbe Stunde oben, als er an Deck rief: „Deck! Ein Spanier! Zweimaster! Er segelt ziemlich dicht an der Küste entlang. Himmel, wie der Don segelt, da scheinen nur Verrückte an Bord zu sein.“
Während die anderen ihre Arbeit unterbrachen, enterte der Seewolf schweigend in die Wanten, bis er den Ausguck erreichte.
„Der hat uns gerade noch gefehlt“, sagte er leise. „Wenn der uns entdeckt und in die Bucht einläuft, kann er uns eine Menge Kummer bereiten. Wir müssen sofort …“
Er unterbrach sich, denn jetzt fiel ihm selbst auf, wie eigenartig der Don an der Küste segelte.
„Da scheinen tatsächlich Verrückte an Bord zu sein“, sagte er zu dem Schweden. „Ein großes Segel steht, die anderen hängen im Gei. Diese Nachttopfsegler haben wohl noch nie etwas von Brassen und Schoten gehört.“
Er legte die Hände an die Lippen.
„Bill! Bring mir das Spektiv. Beeil dich!“
Der Moses flitzte los, holte das Spektiv aus der achteren Kammer und brachte es nach oben.
„Da wird man ja ganz schwindlig“, sagte er und deutete auf den Mast, der jetzt schief in die Luft ragte, und in dessen Ausguck es sich schlecht stehen ließ.
Hasard gab keine Antwort. Er zog das Spektiv auseinander und blickte hindurch.
Stenmark sah ihn fragend an, doch der Seewolf reichte ihm nur schweigend das Spektiv und wartete, bis der Schwede ebenfalls hindurchsah. Nach einer Weile setzte er es ab.
„Ist dir etwas aufgefallen?“ fragte Hasard.
„Ja, eine Menge sogar, und es wundert mich auch nicht, daß das Segel falsch steht. Ich habe keinen Menschen an Bord gesehen.“
„Ich auch nicht. Noch etwas?“
„Sonst eigentlich nichts weiter“, sagte Stenmark. „Den Namen konnte ich nicht entziffern.“
„Das Schiff liegt viel zu tief im Wasser“, sagte Hasard. „Und das ist sicherlich nicht auf die Ladung zurückzuführen.“
„Es ist am Absaufen?“ fragte Stenmark.
„Ja, es sieht aus, als ob es sich langsam voll Wasser säuft.“
Hasard blickte nach unten, wo auf dem schräggeneigten Deck eine emsige Tätigkeit herrschte.
Brighton ließ die Kanonen ausrichten, uni den vermeintlichen Gegner wenigstens mit einer Breitseite empfangen zu können. Ferris hatte Brandsätze geholt und steckte sie in die Halterungen.
Noch einmal blickte Hasard zu dem falsch segelnden Schiff hin, das der Wind, der jetzt fast auflandig zur Küste blies, immer näher herantrieb.
Nein, es gab keine Menschenseele an Bord, wenigstens zeigte sich keine.
Eine Falle der Spanier? überlegte er. Mit diesem Trick hatten oft schon Piraten, Spanier oder Engländer gearbeitet, und er hatte auch oft geklappt. Man lief den vermeintlich hilflosen oder verlassenen Kahn an, und schon erhoben sich hinter den Schanzkleiden bewaffnete Kerle und enterten.
Wie ein Geisterschiff trieb es dahin, unstet, von unsichtbaren Kräften gelenkt.
Hasard konnte jetzt den Namen entziffern.
„Tierra“, hieß der anscheinend verlassene Segler.
„Die Kopfjäger“, sagte der Seewolf plötzlich.
„An Bord – da drüben?“ fragte Stenmark ungläubig.
„Ich meine die Besatzung. Sie war es vermutlich, die den Kopfjägern in die Hände gefallen ist. Natürlich, es kann gar nicht anders sein. Ed hat doch vierzehn Köpfe gefunden.“
„Vielleicht gibt es doch noch Überlebende an Bord“, sagte Stenmark. „Oder Verletzte, Hilflose. Vielleicht haben die Kerle nicht alle umgebracht.“
„Ja, das ist möglich. Bleibe weiter im Ausguck, Sten.“
„Aye, aye, Sir.“
Hasard enterte ab.
„Ihr könnt die Brandsätze wieder verstauen“, sagte er, „das Schiff, das sich nähert, hat keine Besatzung an Bord und ist falsch besegelt. Außerdem wird es bald untergehen. Räumt das Werkzeug aus dem Beiboot, ich segle hinüber, Ben übernimmt solange das Kommando über das Schiff.“
Die Seewölfe hatten sich im Nu zusammengereimt, was es mit dem Spanier auf sich hatte.
Carberry nickte gedankenvoll.
„Das waren vierzehn Besatzungsmitglieder, die wir gestern fanden“, sagte er gepreßt, „auf Pfähle gespießt. Das Schiff hat sich wahrscheinlich losgerissen, oder die Kopfjäger haben es auf See geschickt.“
„Mit einem Segel am Großmast?“ zweifelte Hasard. „Mit dem Schiff stimmt etwas nicht. Ich glaube nicht, daß Kopfjäger sich in der Takelage eines Seglers auskennen. Vermutlich befindet sich doch jemand an Bord und ist verletzt. Willst du mit, Dan?“
Fast alle wollten mit, aber Hasard wehrte ab.
„Drei, vier Mann genügen völlig, die anderen passen auf, daß wir nicht hinterrücks überfallen werden.“
Er nahm Carberry, Dan und Smoky mit, und steckte zwei Brandsätze in sein Hemd. Dem Profos bedeutete er, Stahl, Flintstein und eine Lunte mitzunehmen.
„Wollen wir den Kahn denn versenken?“ fragte Ed.
„Das nicht, aber man sollte keine Möglichkeit außer acht lassen. Wenn es eine Falle ist, werden die Kerle ihr blaues Wunder erleben, deshalb nehmen wir das Zeug mit.“
Sie stiegen in das große Beiboot, das einen Mast und ein Segel hatte. Brighton reichte den Männern noch zwei Musketen.
Gegen den auflandigen Wind, der nur schwach wehte, segelten sie los, durchkreuzten die Bucht und erreichten etwas später das Meer.
Von hier aus war der Spanier deutlich zu sehen. Wie ein welkes Blatt trieb er der Küste entgegen, schwerfällig im Wasser liegend.
„Ich glaube, er ist noch tiefer abgesackt“, sagte Hasard.
„Dann kann es auch keine Falle sein“, meinte Dan. „Was wollen die denn mit einem untergehenden Schiff noch angreifen?“
„Vielleicht hast du recht.“
Carberry änderte leicht den Kurs, bis sie in fast spitzem Winkel dem Spanier entgegensegelten.
„Die Ankertrosse hängt im Wasser“, sagte Dan, der Augen wie ein Seeadler hatte. „Der Anker fehlt, wahrscheinlich haben die Wilden die Trosse durchgeschnitten und den Kahn einfach treiben lassen, als er leck war.“
„Oder sie haben ihm dieses Leck selbst verpaßt“, meinte Carberry.
Hasard legte die beiden Brandsätze auf die Ducht.
„Entzündet die Lunte“, sagte er. „Wir segeln auf Lee achtern heran, ich springe hinüber und enter am Hennegat auf. Ihr legt sofort wieder ab, bis der Abstand mindestens hundert Fuß beträgt. Sollte jemand auf mich lauern oder mich überwältigen, dann jagt ihr dem Kahn die beiden Brandsätze an Deck, ohne Rücksicht auf mich. Das ist ein Befehl, und ich hoffe, jeder hat ihn gut verstanden.“
Es gab keinen Widerspruch, wenn Hasard in diesem Tonfall sprach, und es dachte auch keiner daran, zu widersprechen.
Hasard wollte kein Risiko eingehen, nicht das geringste, und das verstanden sie.
Carberry segelte das Beiboot so dicht heran, daß der Seewolf mit einem Satz aufsprang.
Dann drehte Carberry hart ab und segelte weiter, bis er die von Hasard vorgeschriebene Distanz erreichte. Dort holte er das Segel ein und sah Smoky an, der die Lunte entzündet hatte.
Hasard enterte auf, flink und behende und zog sich an der umlaufenden Heckgalerie auf das Deck des abschüssigen Achterkastells.
Seine Augen suchten das Deck ab.
Nichts regte sich, niemand war zu sehen, kein Mann hatte sich hinter dem Schanzkleid versteckt.
Das Schiff ächzte und stöhnte. Tief im Leib des spanischen Seglers hörte Hasard es gurgeln, wenn das eingedrungene Wasser hin und her schwappte.
Er ging über den Niedergang in die Kuhl und öffnete das Schott eines hölzernen Aufbaus.
Abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Es roch nach modrigem Tauwerk und Farbe. Acht hölzerne Stufen führten hinunter.
Als der Seewolf unten ankam, fiel nur noch schwach das Tageslicht herein.
Die Kammer diente dazu, Werkzeug, Taue, Farbe und allen möglichen Bedarf aufzunehmen. Auch ein paar Eisenkugeln lagen herum, daneben leichtsinnigerweise ein Pulverfaß.
Ordnungsliebend waren die nicht gerade, dachte Hasard und verließ den Raum wieder.
Von der Kuhl aus winkte er das Boot heran, warf die Jakobsleiter über Bord und nahm das Tau entgegen, das Ed ihm zuwarf.
„Keine Falle“, sagte Hasard. „Wir werden das Schiff noch genau durchsuchen, aber hängt zuerst das Segel ins Gei, damit wir nicht an der Küste zerschellen.“
Es war ein eigenartiges Gefühl, auf einem langsam sinkenden, verlassenen Schiff zu stehen, auf dem sich keine Besatzung befand, das sich seinen Weg selbst suchte, das rollte und schlingerte und sterbend durch das Meer zog.
Das Segel wurde ins Gei gehängt, dann erst sahen sich die Männer genauer um.
„Was ist das denn?“ fragte Ed und deutete auf die hüttenartige Erhebung in der Kuhl. „Ein Logis?“
„Ich habe schon nachgesehen. Dort drin befindet sich nur Tauwerk und Kram. Laßt uns achtern mit der Kapitänskammer beginnen, vielleicht erhalten wir einen Hinweis.“
„Seekarten vielleicht“, sagte Dan. „Die Spanier halten sie doch immer so geheim. Roteiros nennen sie die, und es sind die besten Karten, die es gibt.“
Vor der Kapitänskammer gab es noch eine andere, ähnlich der auf der „Isabella“.
Sie warfen einen Blick hinein. Die Kammer war sauber aufgeräumt, hatte eine in die Wand eingelassene Doppelkoje und eingebaute Schränke. Zwei Stühle bewegten sich, wie von Geisterhänden bewegt, ständig hin und her.
In der Kapitänskammer sah es ganz anders aus. Wie bei den Spaniern üblich, war sie großräumig angelegt und geschmackvoll eingerichtet.
Dan öffnete die eingebauten Schränke und suchte nach Roteiros, aber er fand nur ähnliche Karten, wie sie sie auch hatten. Sie waren das Mitnehmen nicht wert.
Ziemlich enttäuscht verließen sie die Kapitänskammer und gingen nach vorn. Hinweise hatten sie keine gefunden, aber jeder von ihnen konnte sich ausmalen, was hier passiert war.
Entweder hatte man das Schiff nachts überfallen, oder die Mannschaft war an Land gegangen und dort den Kopfjägern in die Hände gefallen, denn hier gab es keine Spuren, die auf stattgefundene Kämpfe hinwiesen.
Andererseits war es unwahrscheinlich, daß eine Crew geschlossen an Land ging und das Schiff sich selbst überließ. Das paßte nicht zusammen. Vielleicht hatte man die Mannschaft auch nacheinander von Bord gelockt.
„Was hier passiert ist, werden wir wohl nie erfahren“, sagte Carberry, als er vor dem Schott auf dem Vorschiff stand, das weit geöffnet war und in den Angeln quietschte.
„An Deck ist jedenfalls nicht gekämpft worden“, sagte Smoky, „sonst würde man Blut oder andere Spuren sehen.“
Die „Tierra“ blieb für sie ein Rätsel.
Als sie den Niedergang hinunterstiegen, blieben sie wie angewurzelt stehen, stumm, ohne vorerst ein Wort zu sagen.
Auf den Dielen, vor einem aufgerissenen verschimmelten Schrank, lagen zwei Spanier.
Jemand hatte ihnen die Köpfe vom Rumpf getrennt und sie mitgenommen.
Es dauerte lange, bis Hasard Worte fand.
„Entsetzlich“, sagte er leise. „Was sind das nur für Menschen, die so etwas tun?“
Niemand gab Antwort. Stumm sahen sie auf die beiden menschlichen Leichen, denen der Kopf fehlte.
In dem Mannschaftsraum waren Kampfspuren zu sehen, überall herrschten
Unordnung und Durcheinander.
Bei einem der beiden Toten lag ein langes Messer, mit dem er sich allem Anschein nach gewehrt hatte.
Hasard ging hinaus an Deck. Er brauchte frische Luft. Die anderen folgten beklommen und verunsichert.
Der Seewolf lehnte am Schanzkleid und hatte die Hände auf den Handlauf gestützt. Gedankenverloren hielt er nach der „Isabella“ Ausschau, die ihnen jetzt fast gegenüberlag, aber man sah nicht einmal die Masten des Schiffes vom Meer aus, obwohl man von der „Isabella“ aus einen Teil der See überblikken konnte.
„Zwei Tote an Bord“, sagte er, „zwei, die es wahrscheinlich geschafft hatten, den Wilden zu entwischen. Doch man hat sie aufgestöbert und umgebracht.“
Dan O’Flynn versuchte, das Geschehnis zu rekapitulieren.
„Den beiden gelang es, entweder an Bord zu bleiben oder sich von Land aus auf das Schiff zu flüchten. Dann haben sie wahrscheinlich die Ankertrosse gekappt und das Großsegel gesetzt. Die Wilden müssen ihnen hinterhergefahren sein mit Booten, sind aufgeentert und haben die beiden nach heftigem Kampf umgebracht. Dann, so nehme ich an, haben sie das Schiff leckgeschlagen, damit es für andere keine Spuren gab.“
Er sah sich um und deutete an Deck.
„In zwei, höchstens drei Stunden geht die ‚Tierra‘ auf Tiefe und niemand wird je wieder etwas von ihr und der Besatzung hören.“
„So könnte es durchaus gewesen sein“, pflichtete der Seewolf dem jungen O’Flynn bei. „Jedenfalls spricht alles dafür. Suchen wir weiter, sehen wir uns einmal die Laderäume an.“
Carberry brach den Raum kurzerhand mit einem Hebeleisen auf, das unter der Nagelbank lag.
Wasser stand bis auf halber Höhe in dem Raum. In den Fluten schwammen Kistenteile, Säcke, zwei tote Ratten und Sachen, von denen man nicht mehr sagen konnte, was sie einst gewesen waren.
„Vielleicht haben sie Gold- oder Silberbarren unten liegen“, sagte Smoky, „oder anderes wertvolles Zeug.“
„Wenn du scharf darauf bist, kannst du ja in die Dreckbrühe tauchen und dich unten umsehen“, antwortete Carberry, „ich bin jedenfalls nicht wild darauf.“
„Ich auch nicht.“
Noch einen weiteren Raum suchten sie auf. Die Pulverkammer, in die noch kein Tropfen Wasser gedrungen war. Massenhaft waren hier Fässer gestapelt. Die vielen Eisenkugeln, die in dem Raum lagerten, ließen sich kaum zählen.
„Junge, das sind ja Siebzehn-Pfünder“, sagte Dan erstaunt, „unser Kaliber.“
„Stimmt“, sagte Carberry, „an Deck stehen Culverinen, das fällt mir erst jetzt auf.“
„Kugeln und Pulver nehmen wir mit“, entschied der Seewolf, „wir haben ohnehin nicht mehr viele Kugeln, und unsere Pulvervorräte schrumpfen auch zusammen.“
Die „Tierra“ sackte weiter ab. Langsam zwar, aber unaufhaltsam. Wo sich das Leck befand, ließ sich nicht feststellen. Wenn sie es wußten, würde das auch nichts mehr ändern.
„Fangen wir gleich damit an“, sagte Hasard und reichte eine der Kugeln an Smoky weiter.
Das Schiff war herrenlos und dem Untergang geweiht. Sie konnten nehmen, was sie wollten, später würde ohnehin alles die See gierig verschlingen. Pulver und Kugeln konnte man immer gebrauchen, und hier hatte ihnen der Zufall Siebzehn-Pfünder beschert.
Eine Kette wurde gebildet. Kugel um Kugel wanderte nach oben, bis an Deck alles schwarz war.
Dann folgten die schweren Fässer mit Schießpulver.
Etwas später wurde es ins Boot verladen, bis es beängstigend tief im Wasser lag.
„Wir werden etwa drei Mal fahren müssen“, sagte Hasard zu Ed. „Sag den Leuten, sie sollen blitzartig ausladen, und kehre sofort zurück, sonst müssen wir an Land schwimmen.“
Der Profos legte ab, setzte das Segel und segelte los, der Bucht entgegen.
Die drei Männer durchsuchten das Schiff jetzt gründlich.
„Lebensmittel haben die doch sicher auch, das würde uns eine Menge Arbeit ersparen“, sagte Smoky hoffnungsvoll.
„Nimm dir doch ein paar Säcke Kastanien mit“, riet Dan. „Wenn du die alle gemampft hast, bist du ein richtiger Don.“
An Proviant fand sich jedoch nicht viel. Der Besatzung war es ähnlich ergangen wie den Seewölfen. Sie kauten auf dem letzten Rest herum.
Smoky entdeckte einen Sack Mehl, den er an Deck schaffen wollte, doch als er ihn hochhob, wurde der Sack lebendig, und eine unübersehbare Armee schwarzer Kakerlaken marschierte empört in die Dielenritzen.
Der Decksälteste stieß einen Fluch aus.
„Verdammt noch mal, so viele Kakerlaken gibt es auf der ganzen Welt nicht wie hier. Na wartet, ihr Biester, nicht mehr lange und ihr könnt auf dem Meeresgrund marschieren.“
Kleine Säcke voller Reis entdeckten sie, aber Dan verzog angewidert das Gesicht.
„Wenn man nichts mehr hat, ist er ja ganz gut, aber unser Vorrat reicht bis an unser Lebensende.“
Olivenöl in Fässern wurde gefunden, es stank so entsetzlich, daß Hasard sich die Nase zuhielt.
„Es hat den Anschein, als wäre das Schiff den gleichen Kurs gesegelt wie wir“, sagte er. „Es muß im Land des Großen Chan gewesen sein oder auf einer der Inseln, wo es Reis gibt.“
Dan O’Flynn war schon wieder verschwunden. Er hatte den Ehrgeiz, diese sogenannten Roteiros doch noch zu finden, und er war sich sicher, daß der Kapitän sie irgendwo versteckt hatte.
Die Karten entdeckte er jedoch trotz intensivster Suche nicht, dafür fand er in einem Versteck handliche Fässer bis obenhin gefüllt mit Malagawein. Daneben befanden sich andere Fässer, die scharf riechenden Schnaps enthielten.
„Nehmen wir alles mit“, sagte Hasard. „Was soll es auf dem Meeresgrund vergammeln, wo niemand etwas davon hat. Wir holen das Zeug sofort und stapeln es in der Kuhl.“
So geschah es, und gleich darauf stapelte sich in der Kuhl wieder ein ansehnlicher Berg.
„Eigentlich hätten wir das viel leichter haben können“, überlegte Dan laut. „Für uns wäre es doch eine Kleinigkeit gewesen, mit vier Mann den Kasten in die Bucht zu segeln und ihn dort auf Grund zu setzen.“
„Nein, das wollte ich nicht“, sagte der Seewolf, „unter anderem auch wegen der beiden Toten nicht. Die ‚Tierra‘ soll ihr Grab bleiben, das auf See untergeht und nicht in einer Bucht auf seichtem Sand, wo es die Kopfjäger später ausplündern. Außerdem möchte ich mir nicht nachsagen lassen, wir hätten eine spanische Mannschaft umgebracht, um uns an ihren Schätzen zu bereichern.“
„Aber wer sollte das denn sagen?“ fragte Dan.
„Es könnte uns zufällig ein Spanier entdecken, ein Portugiese oder sogar ein Landsmann von uns. Und wie willst du einem tobsüchtigen Spanier erklären, daß wir es nicht waren? Da bleibt keine Zeit für Erklärungen, und glaubhaft ist es auch nicht. Aus diesen Gründen habe ich es nicht getan.“
„Verstehe“, sagte Dan, „ist auch besser so.“
Smoky blickte über das Schanzkleid.
„Ed kehrt zurück“, sagte er. „Und wir sind wieder ein Stück tiefer abgesackt. Lange hält sich das alte Mädchen nicht mehr.“
Das Schiff lag träge im Wasser und bewegte sich kaum noch. Der schwache Wind war nicht imstande, es weiter an die Küste zu blasen. Aber es kriegte Schlagseite und wurde kopflastig, und es schwankte plump in der See.
Der Profos legte an und enterte auf. Die Leiter brauchte er dazu nicht mehr, es war nur ein Katzensprung.
„Jeder wollte mit und sehen, was hier los ist“, sagte er. „Ich mußte die Kerle erst freundlich fragen, wie wir wohl das Zeug von Bord schaffen sollen, wenn jeder seinen neugierigen Rüssel hier an Deck steckt.“
Wie freundlich Ed ihnen das gesagt hatte, konnte Hasard sich lebhaft vorstellen. Ganz bestimmt hatte der Profos in seiner leisen bescheidenen Art zärtlich geflüstert.
Da fiel sein Blick auf die Fässer, und seine Augen wurden rund und groß.
„Sieht nach Schnapsfäßchen und Wein aus“, sagte er andächtig. „Man sollte direkt probieren, ob das Zeug noch gut ist, sonst schleppen wir es umsonst mit.“
„Probiere lieber mal, wie viele Kugeln noch ins Boot passen“, riet Hasard dem Profos, dessen liebevoll verklärter Blick die kleinen Fässer geradezu verhätschelte.
Wieder wurde das Boot vollgeladen bis nichts mehr hineinging, dann segelte Ed los.
„Der Rest gibt gerade noch ein Boot voll, uns vier eingerechnet“, überlegte Hasard. „Bis dahin wird es auch soweit sein, daß die ‚Tierra‘ auf Tiefe geht.“
Wie ein dicker Schwamm sog sich das Schiff voll. Anfangs hatte man leichtes Gurgeln und Schwappen vernommen, aber jetzt waren diese Geräusche verklungen.
Eine unheimliche Stille breitete sich aus. In den Pardunen sang kein Wind, Tauwerk und Blöcke knarrten nicht, und selbst die kleinen Wellen schienen dem Schiff auszuweichen, um es nicht in seiner Todesstunde zu stören.
„Mir tut es jedes Mal in der Seele weh, wenn so ein Schiff untergeht“, grübelte Smoky laut. „Das ist wie eine Beerdigung von etwas, das man gern hatte, das lebte und mit dem man verwachsen war.“
„Das liegt an der Seele des Schiffes“, erklärte Dan, „jedes Schiff hat eine.“
Er hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen, als ein harter Ruck die ‚Tierra‘ erschütterte. Irgendwo im Innern barsten Planken.
Die Männer sahen sich an. Smoky kratzte mit dem Finger seine Bartstoppeln am Kinn.
„Hoffentlich müssen wir nicht noch schwimmen, denn hier an Bord gibt es kein einziges Beiboot. Die haben wahrscheinlich die Wilden geklaut.“
Das nächste Krachen ertönte. Einer der Masten erzitterte so stark, als würde er aus dem Kielschwein gerissen.
Langsam wurde Smoky nervös und hielt nach Ed Ausschau, der aber noch nicht zu sehen war. Wenn er an das haiverseuchte Wasser dachte und daran, daß sie vielleicht eine ganze Strecke schwimmen mußten, wurde ihm ausgesprochen mulmig.
Das Knacken und Krachen ertönte jetzt an mehreren Stellen, das Schiff zitterte und bebte und neigte sich weiter auf den Bug.
Die Kugeln rollten polternd über Deck nach vorn, auch die Fässer bewegten sich.
„Mist verdammter“, fluchte Dan.
Nur der Seewolf sagte nichts. Gelassen blickte er die beiden Männer an und grinste dann.
„Habt ihr Angst, daß eure Affenärsche naß werden?“ fragte er.
„Angst, daß die Haie daran knabbern“, entgegnete Smoky. „Es gibt hier verdammt viele von den Burschen.“
„Ed ist schon im Anmarsch“, sagte Hasard.
Das sinkende Schiff gab Laute von sich wie ein zu Tode getroffenes Tier. Überall ächzte, stöhnte und knarrte es jetzt, und mehrmals schien es den Versuch zu unternehmen, sich steil auf den Bug zu stellen. Aber irgend etwas verhinderte das, vermutlich ein Raum, in den noch kein Wasser gedrungen war und der Auftrieb gab.
Carberry legte an und pfiff durch die Zähne.
„Die beeilt sich aber, die Tante“, sagte er und flankte in die Kuhl.
„Laß alles stehen und liegen“, sagte Smoky, „sie säuft jeden Augenblick ab oder fliegt auseinander.“
„Die Schnaps- und Weinfässer liegenlassen?“ rief der Profos mit blitzenden Augen. „Hat die Welt so was schon gehört! Das Schiff hat noch fast eine Handbreit Freibord.“
In aller Eile mannten sie weiterhin Fässer, Kugeln und die kleinen Tonnen mit Schießpulver ins Boot.
Der Profos ließ nichts liegen. Das wäre ja noch schöner, dachte er, daß die Fässer mit dem wertvollen Gesöff einfach untergingen.
Schließlich hatten sie alles verstaut und gingen von Bord.
Träge segelte das Beiboot davon, wieder schwer beladen.
„Da hätten wir noch mehr Fässer holen können“, sagte Carberry, „der Kahn hält sich noch.“
„Man sieht es“, erwiderte Smoky sarkastisch.
Der Großmast neigte sich langsam zur Seite, das Deck wölbte sich auf, Planken zerfetzten knirschend, und dann stürzte der schwere Mast um, die Rahen wirbelten wie Bäume davon und ein schmetternder Schlag überlagerte jedes andere Geräusch, als das Schanzkleid in tausend Trümmer zerschlagen wurde.
Die Wanten, die den Mast gestützt hatten, waren wie morsches Tauwerk zersprungen.
Die „Tierra“ ging auf Tiefe, den zersplitterten Mast nach sich ziehend, der sich wie ein gigantischer Finger noch einmal aufrichtete und anklagend in den Himmel wies.
Wasserwirbel schäumten, ein trichterartiger Sog bildete sich, und in dessen Riesenstrudel verschwand das spanische Schiff.
Als der Sog sich gelegt hatte, stiegen Trümmer aus dem Meer, eine Rah, ein paar Planken und Balkenteile.
Carberry schüttelte sich unbehaglich.
Auf der „Isabella“ wurden sie mit Hallo empfangen. Der Profos hatte den Männern in groben Zügen erklärt, was vermutlich an Bord des Spaniers vorgefallen war.
„Habt ihr keine Lebensmittel entdeckt?“ fragte der Kutscher besorgt.
„Ranziges Olivenöl, ein paar Säcke Reis und Mehl, in dem sich mehr Kakerlaken tummelten, als man sich vorstellen kann“, zählte Hasard auf. „Mehr befand sich nicht an Bord, leider.“
„Und dabei brauchen wir so bitter nötig Frischfleisch und alles andere.“
„Wir laufen eine andere Bucht an, sobald wir fertig sind“, versprach der Seewolf. „Irgendwo an der Küste wird es ganz sicher auch Fischerdörfer geben, wo wir etwas kriegen oder selbst etwas jagen können. Es müssen ja nicht alle Eingeborenen Kopfjäger sein.“
Mit allen verfügbaren Kräften wurden die Arbeiten am Schiff vorangetrieben. Es begann bei der morgendlichen Dämmerung und wurde fortgesetzt, bis es dunkel wurde.
Big Old Shane schlug vor, auch während der Dunkelheit zu arbeiten, später könne man sich ja ausruhen, und ein paar Tage Knochenarbeit würden keinem schaden.
Davon wollte Hasard jedoch nichts wissen.
„Sieh mal, Shane“, sagte er zu seinem väterlichen Freund, „wir wissen über die Eingeborenen gar nichts, und wenn wir nachts im Licht der Fackeln arbeiten, können sie aus dem Dschungel heraus jeden Mann töten, den sie wollen. Vielleicht haben sie uns noch gar nicht entdeckt, vielleicht trauen sie sich nachts auch nicht heraus, aber das Risiko ist mir zu groß, verstehst du?“
Klar verstand ihn Big Old Shane, er hatte daran nicht gedacht, weil sie bisher noch keinen der Eingeborenen gesehen hatten.
Nochmals vergingen zwei Tage, bis die Arbeiten beendet waren. Noch in derselben Nacht segelte die „Isabella“ los.
8.
Ihr weiterer Törn führte sie an der Küste entlang in Richtung Tandjung Datu.
Vergebens hatten sie nach dem Dorf der Kopfjäger Ausschau gehalten. Es lag nicht direkt an der Küste und mußte tiefer im Inneren verborgen sein.
Ein weiterer Tag verging, an dem die Küstenlandschaft sich kaum veränderte. Mitunter trat das Dickicht etwas zurück und vereinzelte Palmen standen am Strand, dann wieder tauchten dichtbewachsene Hügelketten auf.
Langsam griff die Nervosität des Kutschers auch auf die anderen über. Es wurde höchste Zeit, daß sie etwas fanden oder mit Eingeborenen tauschen konnten.
Der nächste Morgen brachte dann die Überraschung.
Die „Isabella“ segelte an einer Landzunge vorbei, als der Ausguck ein „Stelzendorf“ meldete, Pfahlbauten, die am und im Wasser standen.
„Dort gehen wir vor Anker“, entschied Hasard.
Sie rundeten die Landzunge und erlebten die zweite Überraschung.
Aus den Hütten stürzten schreiende verstörte Eingeborene, schwarzhaarige dunkelhäutige Menschen, die um die Hüften bunte Tücher trugen.
Panikartig strebten Männlein, Weiblein und Kinder davon, hasteten in den angrenzenden Dschungel und verschwanden.
Der Seewolf runzelte die Stirn.
„Da wird der Kontakt schwierig werden“, meinte er, „die scheinen üble Erfahrungen hinter sich zu haben. Vielleicht haben sie die Bekanntschaft der Spanier erlebt, oder ihr Dorf ist von den Dons geplündert worden.“
Brighton starrte in den Dschungel, wohin die schreienden Menschen geflüchtet waren.
„Wenn wir friedlich hier liegen bleiben, werden sie nach und nach schon wieder erscheinen. Wir können ihnen ein paar Geschenke an den Strand legen und auf diese Art versuchen, Kontakt mit ihnen herzustellen“, sagte er.
„Das werden wir auch tun“, sagte Hasard.
Mit aufgegeiten Segeln lief die Galeone in die Bucht ein und ging vor Anker.
Es war eine weitausladende Bucht mit einem langen weißen Sandstrand, der von hohen Palmen gesäumt wurde. Erst weiter hinten begann Gestrüpp, dem sich der Dschungel anschloß.
Stundenlang warteten sie, ob sich einer der Eingeborenen blicken ließ. Aber die trauten sich nicht aus dem Urwald heraus.
„Fiert das Beiboot ab“, sagte Hasard. „Wir nehmen ein paar Messer mit, ein paar kleine Beile und pullen an Land. Irgendwann werden sie sich schon zeigen.“
„Musketen auch?“ fragte Ben.
Hasard zögerte.
„Nein“, entschied er dann, „keine Musketen, das könnte sie nur noch mehr verängstigen. Die Männer sollen lediglich ihre Pistolen einstecken und sie im Hosenbund verbergen.“
„Aye, aye. Wer geht an Land?“
„Nicht mehr als vier oder fünf Mann. Ich glaube nicht, daß es Kopfjäger sind, aber wissen kann man das nie. Die anderen sollen gut aufpassen.“
Hasard nahm diesmal Ferris Tukker, den Gambianeger Batuti und Blacky mit.
Als das Boot ablegte, sprang der Affe mit einem Satz hinein.
„Hoffentlich bist du gleich wieder an Bord, du Affe“, sagte Blacky, ergriff Arwenack und wollte ihn schwungvoll zurückbefördern.
„Laß ihn ruhig mit“, sagte Hasard. „Der Affe dürfte auf die Eingeborenen vertraut wirken. Durch seinen Anblick und daß er in unserer Begleitung ist, erscheinen wir möglicherweise friedfertig. Laß ihn also los.“
Hasard betrachtete das Dorf. Es bestand aus etwa fünfundzwanzig ärmlichen Hütten, die vom Strand aus bis ans Wasser gebaut waren und ausnahmslos auf Pfählen standen.
Als das Boot auf den Sand lief, sprang Hasard an Land, ließ sich die Messer und kleinen Beile geben und legte sie gut sichtbar an einer erhöhten Stelle in bunter Reihenfolge aus.
Dabei beobachtete er den Dschungel, aber dort rührte sich nichts, da gab es keine Bewegung, und dennoch hatte er das Gefühl, als würden ängstliche Augen ihn genau beobachten.
Er zog sich bis ans Wasser zurück und wartete.
Nach einer Stunde verlor er die Geduld.
„Zurück an Bord“, sagte er, „sie haben Angst und trauen sich nicht hervor, solange wir hier sind.“
„Einen Augenblick“, sagte Ferris Tucker, „ich habe eben eine Bewegung gesehen.“
„Wo ist das?“
„Bei der zweiten Palme auf der linken Seite, wo die hohen Büsche stehen. Da“, er griff nach Hasards Arm, „eine Frau ist das. Siehst du sie?“
„Ja, ich sehe sie.“
Die schlanke dunkelhäutige Frau trug einen rötlichen Schurz, sonst nichts. Sie trat aus dem Gebüsch, sah hinüber, versteckte sich aber sofort wieder.
Da ritt Arwenack der Teufel. Mit einem Satz war er aus dem Boot und flitzte den Strand hoch.
„Arwenack!“ schrie Batuti. „Mistvieh, sofort zurücklaufen!“
Der Schimpanse ließ sich nicht beirren. Er hatte schon lange keine Palmen mehr aus der Nähe gesehen und da mußte es ihn gepackt haben. Da benahm er sich wie ein Mensch.
Er jagte wild über den Sand, rannte übermütig herum, sprang mit einem Satz an der Palme hoch und erkletterte den Stamm. Dann sauste er keckernd wieder hinunter und gebärdete sich wie toll.
Mittlerweile war die Frau verschwunden.
Und dann, ganz plötzlich, war auch Arwenack weg. Der Affe verschwand einfach vor ihren Augen, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Hasard traute seinen Augen nicht.
„Wo ist der denn geblieben?“ fragte er verblüfft.
„Komisch“, sagte Tucker, „direkt hinter der Palme schien er in die Erde zu wachsen.“
Batuti rief seinen Namen, doch Arwenack blieb verschollen.
Jetzt ließ es Hasard keine Ruhe mehr. Gefolgt von den anderen lief er auf jene geheimnisvolle Stelle zu, an der Arwenack verschwunden war.
„Da, wo der Dschungel beginnt, muß es gewesen sein“, sagte Blacky.
Er, Batuti und Tucker taten noch ein paar Schritte, dann hatten sie nicht mal mehr Zeit, sich zu wundern.
Batuti sauste in eine Fallgrube, die so geschickt getarnt war, daß man sie nicht bemerkte.
Mit einem lauten Fluch landete er tief unten auf der Erde.
Blacky wußte überhaupt nicht, wie ihm geschah. Unversehens wurde er hoch in die Luft gehoben, um seinen Körper schlang sich ein festes Netz, das ihn wie einen Säugling einwikkelte und bis dicht unter den Wipfel der Palme katapultierte.
Auch der Seewolf hatte versehentlich etwas ausgelöst, das jetzt mit erschreckender Schnelligkeit auf ihn niedersauste. Er konnte sich gerade noch ducken, als ihm ein Fallgitter aus Bambusstäben hart ins Kreuz donnerte und ihm die Luft nahm. Benommen blieb er am Boden liegen.
Auch den Schiffszimmermann erwischte es schlagartig.
Ferris Tucker hing im erbarmungslosen Würgegriff eines Taues, das sich um seinen Hals geschlungen hatte und ihm die Luft abdrehte. Immer enger zog es sich zusammen, er war nicht in der Lage, sich zu wehren und erstickte fast.
An Bord war augenblicklich der Teufel los. Jeder hatte beobachtet, was da so blitzartig geschah, und jetzt, als aus dem Dschungel wildaussehende Eingeborene stürmten, um sich auf die wehrlosen Opfer zu stürzen, handelten die Seewölfe.
Mit Schiffshauern, Messern, Äxten, Belegnägeln und Spaken sprangen sie ins Wasser und liefen wutschnaubend die letzten Yards an Land.
Brighton, dem ein Licht aufging, hielt ein paar andere mit Gewalt zurück.
Aber Big Old Shane, Carberry, Smoky, der hitzige Luke Morgan und noch ein paar andere hatten sich nicht mehr halten lassen, als sie die tödliche Gefahr erkannten, in der der Seewolf und die drei anderen Kameraden schwebten.
Brighton konnte es ihnen nicht verübeln, daß sie so impulsiv handelten, aber er erkannte jetzt die hinterhältige Taktik der Eingeborenen, in deren tödliche Fallen jeder Fremde ahnungslos hineinlief.
Ein Kopfjägerstamm war es, nichts anderes, und auf diese Art und Weise mußte es auch die Spanier von der „Tierra“ erwischt haben. Gerade durch das kopflose Handeln der Mannschaften hatten sie leichtes Spiel gehabt und konnten auch noch den letzten Mann erwischen.
Ben Brighton verlor keine Sekunde lang die Übersicht. Er blieb kühl und gelassen und handelte auch danach.
Er besorgte sich eine Lunte und holte vom Kutscher Feuer. Gleichzeitig befahl er Al Conroy, die Stückpforten zu öffnen.
„Du kannst doch jetzt nicht …“, sagte Al.
„Tu, was ich dir sage“, sagte Ben hart. „Alle auf Backbord hoch, aber schnell.“
Die Stückpforten gingen hoch, die Culverinen waren ohnehin geladen, und Ben hielt die Lunte an das Zündkraut.
Ein dröhnender Knall erfolgte. Hinter dem Pulverschleier erkannte er, wie der Siebzehn-Pfünder in die Palme schlug und einen Hagel verursachte, der aus Kokosnüssen und zerfetzten Palmwedeln zu Boden prasselte.
Die Eingeborenen, die sich auf die Seewölfe stürzen wollten, verschwanden wie Schatten im Dschungel. Ben Brighton fluchte vor Wut lang und anhaltend, als er den zweiten Siebzehnpfünder in den Urwald jagte.
Er fluchte über die Seewölfe, die wie die Blinden in die überall lauernden Fallen rannten.
Die gesamte Bucht war damit gespickt.
Einer nach dem anderen sauste in Fallgruben, einen Fluch auf den Lippen, Verwünschungen murmelnd.
Smoky zappelte in einem Netz, Luke Morgan hing wie eine reife Pflaume unter einer anderen Palme, und Carberry rannte brüllend wie ein gereizter Stier hin und her, seinen Belegnagel schwingend, um ihn auf Köpfe zu donnern, die längst nicht mehr da waren.
Nach dem zweiten Schuß aus der Culverine erschienen die Eingeborenen blitzschnell und in breiter Phalanx. Mit Speeren und hölzeren Keulen bewaffnet, rückten sie gegen Big Old Shane und den Profos vor.
Brighton konnte nicht mehr feuern, ohne die eigenen Leute ernsthaft zu gefährden, und so griff er zur Muskete, lehnte sie auf den Handlauf des Schanzkleides und zielte.
Die restlichen an Bord befindlichen Seewölfe feuerten ebenfalls ihre Musketen ab und schlugen Breschen in die Angreifer.
Carberry kämpfte wild um sein Leben. Sein Belegnagel traf auf Köpfe, er entriß einem der Kopfjäger den Speer, drosch wie mit einem Flegel um sich und mähte auf Anhieb fünf Wilde nieder.
Er und Shane kämpften Rücken an Rücken, nach bewährter Methode wie immer, und hieben voller Wut um sich.
Doch die Übermacht war zu groß.
Brighton, der das alles in ohnmächtigem Zorn verfolgte, entschloß sich, doch noch mit den Culverinen weiterzufeuern.
Der harte Knall erzielte immer eine gewisse Wirkung, auch wenn die Kugeln weit vom Ziel lagen. Er bewirkte, daß die Wilden immer wieder innehielten, sich etwas zurückzogen und erst danach zu einem neuen Angriff sammelten.
„Gleich wieder nachladen, Al!“ rief er dem Waffenmeister zu, doch der verstand sein Handwerk besser als alle anderen und nickte nur hastig.
Matt Davies legte einen Angreifer mit einem Musketenschuß flach auf den Boden, und da hatte Ben Brighton plötzlich eine Idee.
„Matt!“ rief er. „Hole zwei von den neuartigen Brandsätzen, die mit der starken Ladung, los hau ab!“
Mit so einem Brandsatz hatten die Eingeborenen ganz sicher noch keine Bekanntschaft geschlossen, und vielleicht würde der ihre krausen Gehirne wieder auf Kurs bringen.
„Hier sind sie“, sagte Matt keuchend und schob den ersten der „Chinesischen Pfeile“ in die tragbare Halterung.
Diese neuartigen Brandsätze hatten außer ihrer verheerenden Wirkung auch noch einen moralischen Effekt.
Nach dem Abschuß erzeugten sie ein schrecklich anzuhörendes, ekelhaft pfeifendes Geräusch, das einem die Haare zu Berge stehen ließ. Ben hatte noch keinen gesehen, der sich nicht unwillkürlich dabei duckte und das Gesicht verzog, in der Annahme, der Teufel persönlich schwebe über ihm in der Luft und würde sich mit Wutgeheul auf seine arme Seele stürzen.
Er hielt den Brandsatz fest, drehte das Gestell etwas herum und richtete ihn auf die Hütten. Diese Teufel würden sich jetzt verdammt wundern.
Dann jagte das Ding los. Ben Brighton hielt sich bei dem entnervenden Höllenkonzert selbst die Ohren zu.
Auf einem grauweißen Schweif fauchte er schreiend und pfeifend wie tausend kleine Teufel in den Himmel.
Das Schrillen und Heulen nahm zu, und am Strand trat augenblicklich eine Wandlung ein.
Beim ersten grellen Jaulen zuckten die Wilden zusammen. Dann sahen sie den Schweif aus Rauch und Feuer, hörten die tausend Höllenteufel immer entsetzlicher kreischen und warfen sich voller unbeschreiblicher Angst flach in den Sand.
Für die Seewölfe war das nichts Neues, sie kannten das Geräusch und wußten um die Wirkung.
Carberry und Shane sammelten die Speere ein, und der Profos konnte es nicht lassen, ab und zu einen der entnervten Wilden am Genick hochzuheben, um ihm ein paar saftige Hiebe zu verpassen.
Dann warf er sie wie Lumpen in den Sand zurück, ohne daß sich einer von ihnen auch nur zur Wehr setzte.
Aber noch war das Höllenkonzert nicht vorbei.
Als sich gleich darauf blutroter und grellgrüner Regen vom Himmel in großen Tropfen ergoß, war es um die Beherrschung der Wilden endgültig geschehen.
Kriechend, robbend und zähneklappernd bewegten sie sich davon, dem rettenden Urwald zu.
Dann stellten sie fest, daß sich der furchtbare Regen auf ihre Hütten ergoß und am Strand ein gewaltiges Feuer aufflackerte.
Sämtliche Hütten standen in Flammen, Feuersäulen gleich, die auf dünnen spinnigen Beinen standen.
„Eine gute Idee ist manchmal viel wert“, sagte der Profos anerkennend. Dabei bewegte er sich vorsichtig auf die Fallgruben zu und starrte hinunter.
In der einen hockten einträchtig Batuti und der Schimpanse beieinander und blickten aus großen Augen zu ihm auf. Die Gruben waren so tief angelegt, daß ein Mann ohne fremde Hilfe nicht mehr heraus konnte.
„Geduld, Batuti“, sagte der Profos. „Wir holen Taue, du bist gleich draußen.“
Von den Eingeborenen ließ sich keiner mehr blicken, bis auf einen, der vor Angst nicht kriechen konnte.
Carberry packte die schlotternde Gestalt, prügelte sie windelweich und jagte den entnervten Burschen mit Fußtritten davon. Dabei brüllte er mit seiner Donnerstimme nach einem langen Tau, und daß es ja keiner wagen solle, das zweite Beiboot zu benutzen.
Hasard war wieder auf den Beinen. Sein Kreuz schmerzte, und er verzog das Gesicht, nachdem sie ihn von dem Bambusgitter befreit hatten.
Nur Blacky kriegten sie nicht herunter. Der brüllte, fluchte und bettelte, man möge ihn endlich abfieren. Leider wußte niemand, wie das ging, und so schnitt der Profos kurzerhand den Strick durch, der den seltsamen Mechanismus hielt.
Blacky landete mit dem Hintern voran im Sand, fluchte, wollte aufstehen und verhedderte sich immer mehr in dem Netz.
Ferris Tucker war bewußtlos, als Shane ihn aus der teuflischen Schlinge befreit hatte. Er schleppte ihn zum Strand, stieg über die toten Eingeborenen weg und schaufelte Hände voller Seewasser über den rothaarigen Hünen, bis der mit schmerzverzerrtem Gesicht endlich die Augen aufschlug.
„Hölle und Teufel“, sagte Tucker heiser. „Jetzt weiß ich, wie das ist, wenn man an die Rah gehängt wird. Wo sind diese lausigen Teufel?“
Er sah die brennenden Hütten und die schwarze Qualmwolke, die sich am Strand erhob.
„Brandsätze, wie?“
Shane nickte freundlich.
„Quatsch jetzt nicht so viel, dein Hals ist ganz rot und stark geschwollen.“
Bob Grey brachte das Tau, und einer nach dem anderen wurde aus der Grube gehievt.
„Zurück zum Wasser“, ordnete Hasard an, der sich von der teuflischen Überraschung wieder erholt hatte.
„Sind alle befreit, oder steckt noch einer irgendwo drin?“ fragte Ed.
„Vorsicht!“ brüllte Shane laut, aber da war es schon zu spät.
Shane hatte Sand rieseln sehen, doch seine Warnung nutzte dem gewichtigen Profos nichts mehr, denn auch er trat auf eine der raffiniert angelegten Fallgruben, von denen es hier nur so wimmelte und die man meist zu spät sah, wenn überhaupt.
Mit einem Fluch, der Carberry alle Ehre antat, sauste der Profos abwärts. Er hieb mit den Armen um sich, doch bevor er noch Luft holen konnte, war er schon hart gelandet. Von oben rieselte Sand nach und bedeckte seinen Schädel.
„Jetzt könnt ihr meinetwegen lachen!“ brüllte Ed. „Und wenn ihr euch beruhigt habt, könnt ihr mich hochziehen.“
Es lachte jedoch niemand, das Lachen war ihnen gründlich vergangen, denn die meisten waren nur um Haaresbreite dem sicheren Tod entronnen.
Als sie Ed hochhievten, brach die Grube immer weiter ein, und immer wieder fiel der Sand nach.
Hier hatten die Wilden Unmengen von Sand ausgehoben, tiefe Gruben angelegt und die Innenseite mit lehmdurchsetzten Fasern aus Kokos verstärkt, damit sie nicht zusammenbrachen. Der heiße Sand trocknete das Gemisch steinhart.
Über die Grube waren verdorrte Palmwedel gelegt worden, eine Lage quer, die nächste anders herum. Darüber befand sich wieder eine dünne Schicht aus Fasern, und darauf hatten sie Sand gehäuft. Niemand sah diese Gruben, und das entschuldigte auch ihren buchstäblichen Reinfall.
Die Hütten fielen brennend auseinander, glühende Teile landeten im Wasser und verlöschten. Jetzt brannten nur noch die Pfähle, auf denen die Hütten gestanden hatten.
„Ich glaube, die haben die Schnauze voll“, sagte Ed, wobei er Sand ausspie und seine Worte mit lästerlichen Flüchen spickte.
„Vor allem sind sie in nächster Zeit beschäftigt“, meinte der Seewolf. Mit der rechten Hand massierte er sein Genick, das immer noch höllisch schmerzte.
„Und für uns war es eine Lehre, wieder einmal“, fügte er bitter hinzu. „Das zeigt, daß man nie auslernt.“
„Mit derart raffinierten Methoden hat auch niemand gerechnet“, sagte Shane. „Wer denkt schon an Fallgruben und Netze, Würgeseile und Gitter, wenn er an Land geht.“
Hasard hatte genau den gleichen Gedanken wie Ben Brighton vorhin, und er sprach ihn auch aus.
„Dieses Davonrennen der Wilden war ein genau einkalkulierter Faktor. Das erweckte den Eindruck, als hätten sie furchtbare Angst vor uns, und damit lockten sie uns an Land. Uns wäre es ebenso ergangen wie den Spaniern, die vielleicht auch hier massakriert und dann an Stämme im Innern des Dschungels weitergereicht wurden. Da drüben steht noch eine Hütte“, sagte er unvermittelt und zeigte mit der ausgestreckten Hand auf eine kleine Hütte, die versteckt am Rand des Dschungels stand.
„Wir sehen sie uns einmal an, die Eingeborenen kehren so schnell nicht zurück, die hat die Angst fast wahnsinnig werden lassen. Nehmt aber trotzdem eure Waffen zur Hand und folgt mir ganz dicht am Wasser, da kann es wegen der ständig auflaufenden Flut keine Fallgruben geben.“
„Und nicht unter Palmen wandeln“, setzte Carberry hinzu, „sonst hängt ihr als Kokosnüsse in den Wipfeln.“
Der Trupp watete vorsichtig durchs Wasser, wo nichts zu befürchten war und es keine Gruben gab.
Vor der Hütte blieben sie stehen, blickten in den Dschungel, hielten die Waffen schußbereit und lauerten.
Es war eine längliche, mit Palmenwedeln gedeckte Hütte, die auf der rechten Seite offen war.
Hasard blickte hinein.
Aus der Froschperspektive grinsten ihn vier Schrumpfköpfe an, die an langen Fäden bis zum Boden hingen.
Die Tsantas waren auf Faustgröße zusammengeschrumpft und sahen schrecklich aus mit den zugenähten Lippen und den langen Haaren.
Auf der Rückseite der Hütte hing ein ganzes Bündel.
„Europäer“, sagte Smoky schlukkend, „mit Sicherheit Spanier oder Portugiesen, die in die Falle gelaufen sind.“
Deutlich waren die Gesichtszüge zu erkennen, und bei dem Anblick kroch den abgebrühten Männern das Grauen über den Körper. Fast jeder kriegte eine Gänsehaut oder ein ekelhaftes Ziehen im Genick.
„Das könnten wir sein“, sagte der Seewolf. „Genauso wäre es auch uns ergangen, wenn Ben nicht so blitzschnell eingegriffen hätte.“
Immer wieder suchten sie mißtrauisch den Dschungel ab, ob sich etwas rührte oder etwas zu erkennen war.
Tiefe Stille herrschte, die erst durchbrochen wurde, als Carberry mit ein paar wütenden Tritten die Hütte in Trümmer legte, bis nur noch ein paar schmächtige Balken übrig blieben.
„Zurück an Bord“, sagte Hasard. „Wir segeln weiter.“
Schweigend kehrten sie ans Wasser zurück, bestiegen das Boot und warfen einen letzten Blick auf die Toten, die am Strand lagen.
Es war mehr als ein Dutzend.
Etwas später enterte Hasard auf, gefolgt von den anderen, die Ben vorwurfsvoll und mit derben Worten empfing.
„Immer müßt ihr wie die Wilden losrennen“, sagte er. „Genau darauf haben diese Teufel doch nur gewartet. Ging das nicht in eure verdammten Holzköpfe hinein?“
„Laß sie“, sagte Hasard. „Ich habe es ihnen schon erklärt, und jeder hat die Schrumpfköpfe gesehen, die in der kleinen Hütte hingen.“
Proteste wurden laut. Luke Morgan streckte seinen Schädel vor, auf dem nur spärliche Haare sprossen.
„Sollen wir vielleicht zusehen, wie unsere Kameraden einfach abgemurkst werden? Wir mußten etwas unternehmen!“
„Klar, das sehe ich ja auch ein, aber dazu soll man seinen Verstand gebrauchen und sich nicht von wilder Wut leiten lassen, so wie du Hitzkopf“, sagte Ben. „Dein Grips muß dir doch sagen, daß es noch mehr Fallen gibt und auch die nächsten wie blinde Hühner hineinstolpern.“
Big Old Shane legte dem zornigen Bootsmann die Hand auf die Schulter.
„Ich bin auch losgerannt“, sagte er. „Mitunter gehen einem die Nerven durch, ist es nicht so?“
„Jedenfalls hast du die Idee mit den Brandsätzen gehabt“, sagte Carberry, „und das war eine verdammt gute Idee. Die ist es schon wert, daß man darauf einen Schluck trinkt. Wir haben da ein feines spanisches Schnäpschen an Bord.“
„Wir gehen ankerauf“, sagte Hasard. „Oder wollt ihr warten, bis diese Burschen zurückkehren?“
Zwischendurch erkundigte sich der Kutscher hartnäckig nach Verletzungen und war fast enttäuscht, daß es keine gab, bis auf ein paar Prellungen und leichte Schmerzen.
„Und dir, Sir, fehlt dir auch wirklich nichts?“ fragte er den Seewolf.
„Überhaupt nichts“, versicherte Hasard. „Leichte Kreuzschmerzen, mehr nicht. Das vergeht von selbst.“
„Ihr müßt es ja wissen“, knurrte der Kutscher. „Ich möchte nur wissen, weshalb ich den ganzen medizinischen Kram gelernt habe, wenn ich ihn nicht anwenden kann.“
Der Anker wurde eingeholt, die Segel gesetzt.
Die Kanonen drohten immer noch zum Strand hin, an dem jetzt die restlichen Pfähle schwarz verkohlten.
Kein Eingeborener zeigte sich. Der Schrecken mußte ihnen bis ins Mark gefahren sein, und das blanke Entsetzen hatte sie tief in die Wälder getrieben.
Langsam glitt die „Isabella“ aus der Bucht, bis sie das offene Meer erreichte.
Dann segelte sie weiter nach Süden.
Am dritten Tag, seit sie die Bucht der Kopfjäger verlassen hatten, wurde Tandjung Datu erreicht.
Der Kutscher maß Carberry schon seit geraumer Zeit mit vorwurfsvollen Blicken.
„Sag bloß keinem an Bord, daß wir wieder die nächste Bucht anlaufen sollen, um Proviant zu ergattern“, herrschte Ed den Kutscher an, der merklich blaß wurde.
„Wenn wir nichts mehr zu fressen haben, mampfen wir Reis und Salzfleisch. Das ist immer noch besser, als wenn wir irgendwo als Schrumpfköpfe an Schnüren hängen und uns gegenseitig dämlich angrinsen. Hasard wird mit Sicherheit hier keine Bucht mehr anlaufen.“
„Aber den Karten nach ist das ein größeres Kaff“, widersprach der Kutscher, „da werden auch schon andere Schiffe Proviant gefaßt haben.“
„Was verstehst du schon von Seekarten! Bist du vielleicht schon mal hier gewesen, was, wie?“
„Du vielleicht?“
„Das ist etwas anderes“, behauptete Ed und starrte voraus auf die Ansiedlung, die sich ihren Blicken bot.
Ein kleines portugiesisches Schiff lag dort vor Anker. Allem Anschein nach hatten die Portugiesen diese Ansiedlung gebaut.
Ed zuckte zusammen, als Hasards Anweisung erfolgte, das Kaff anzulaufen.
Der Kutscher rieb sich die Hände und grinste.
„Hasard ist eben ein Gentleman“, sagte er. „Er wird sich nach bewährter Manier als Spanier einschleichen und sich mit Proviant versorgen, da fresse ich den Großmast, wenn das nicht stimmt.“
Der Kutscher ließ den Großmast stehen, denn es gab nicht die geringsten Schwierigkeiten, als sie vor Anker gingen und der Seewolf genau handelte, wie er es prophezeit hatte.
Gegen Gold und Silber wurden sie problemlos verproviantiert, es gab nicht die geringsten Schwierigkeiten. Keiner verfiel auf die Idee, sie etwa für Engländer zu halten. Noch am selben Abend konnte die „Isabella“ frisch versorgt ihre Reise fortsetzen.
Der Seewolf ging auf Westkurs und segelte von Tandjung Datu auf die Straße von Malakka zu.
Wohin sie da allerdings gerieten, wußte keiner genau zu sagen, denn die Karten gaben für den Großen Ozean, der dahinter begann, nicht viel her.
Aber bisher hatten sie sich immer durchgebissen und zurecht gefunden, und Hasard zweifelte nicht daran, daß es diesmal anders werden sollte.
Sie fanden immer ihren Weg.
Fußnote
1) Kalimantan — das heutige Borneo.

1.
Einer der bärtigen, eisengepanzerten Eindringlinge hob die Waffe, die die malaiischen Fischer als Feuerrohr zu bezeichnen pflegten. Er stieß mit dem hölzernen Kolben zu, und Otonedju, der Dorfälteste, hatte das furchtbare Gefühl, ein Wasserbüffel oder ein ähnlich großes Tier habe ihn in den Rücken getreten.
Otonedju taumelte aus seiner Hütte. Vier, fünf unstete Schritte weit, dann strauchelte er und stürzte von dem flachen, überdachten Vorbau in den Staub. Obwohl er seine Hände vorstreckte, schlug er hart auf. Ein ächzender Laut der Qual und des Entsetzens löste sich von seinen Lippen.
Die spanischen Soldaten eilten ihm nach. Aus allen Richtungen tauchten sie auf. Sie schienen überall zu sein und alles ihrer Willkür zu unterwerfen. Jeden Funken des Widerstandes brachten sie zum Erlöschen.
Sie umringten Otonedju und schrien auf ihn ein.
„Wo ist der Tiger?“
„Wo hält sich der Hund versteckt?“
„Rede, elender Bastard, oder du bist des Todes!“
Otonedju hörte durch ihr Gebrüll hindurch das Rufen der Frauen, Kinder und alten Leute des Dorfes. Nein, er gab sich keinen Illusionen hin. Die Spanier würden sie bei dem wilden Bestreben, das zu erfahren, was sie wissen wollten, nicht verschonen. Zuerst befragten sie die Männer, die die Spitze des Dorfes darstellten, dann die niedrigeren Chargen aus der Hierarchie der kleinen, fest zusammenhaltenden Gemeinschaft, die Krieger und die Fischer – zuletzt schließlich die Schwachen, Wehrlosen.
Dennoch war Otonedju nicht gewillt, über irgend etwas Auskunft zu geben. Er wußte, was das Ziel der weißgesichtigen, schwarzbärtigen Männer mit den Brustpanzern und Eisenhelmen war. Doch selbst wenn sie ihn über die Ausbeute des Fischfanges der vergangenen Tage hätten aushorchen wollen, so hätte er ihnen kein Sterbenswörtchen darüber verraten. Schweigen war keine Notwendigkeit, sondern eine Tugend, und mit jedem Zugeständnis, das man dem weit überlegenen Gegner gewährte, verlor man einen Teil seiner Manneswürde.
Otonedju fühlte sich von großer Ruhe erfüllt.
Er trachtete davonzukriechen, ein Stück weiter auf den rondellartigen Platz inmitten der Hütten des Inseldorfes zu. Ganz einfach nur, um dem Feind zu beweisen, daß er sich nicht fürchtete und seinen Stolz aufrechterhielt.
Aber ein Fuß zuckte vor, ein Stiefel traf Otonedjus rechte Körperseite, und der alte Mann blieb unter großen Schmerzen liegen.
Otonedju blickte durch wallende Schleier vor seinen Augen zu dem Stiefel. Der schwingende Fuß hatte sich wieder zu dem anderen, zweiten gesellt, und die Stimme, die zu dem Leib über den beiden gehörte, schrie noch einmal: „Rede!“
Otonedju verstand dieses spanische Wort, wenn er auch sonst nur noch ein paar Brocken von dem kannte, was die Männer sagten. Otonedju begriff, denn ihm war von Anfang an klar gewesen, wen diese Männer suchten und was sie vernichten wollten, doch er erwiderte nur ein Wort in seiner Sprache: „Stirb!“
Der Sprecher, ein hochgewachsener und ehrgeiziger Teniente namens Savero de Almenara, schaute auf und wandte den Kopf.
„Der Dolmetscher soll kommen!“ rief er. „Ich glaube, dieser Kerl will sagen, was er weiß. Das würde uns viel Arbeit ersparen.“
Sofort näherte sich der Batak Siabu. Er hatte sich von den Fremden bekehren und überzeugen lassen, trug spanische Kleidung und tat alles, aber auch alles, um den Spaniern untertan zu sein. Otonedju hatte schon vor dem Auftauchen des Trupps von Siabu gehört, und er verachtete ihn aus tiefstem Herzen. Nichts war in Otonedjus Augen fluchwürdiger als das Verhalten eines solchen Überläufers und schäbigen Opportunisten.
Siabu, der sich seines Ansehens bei den Eingeborenen durchaus bewußt war, kniete neben dem alten Mann nieder und sagte: „Also sprich. Erzähl uns, was du über den Tiger weißt, wo er sich aufhält. Wir wissen, daß er ein Versteck auf dieser Insel hat. Du kannst dir und deinem Stamm viel Ärger ersparen, wenn du mitarbeitest, Otonedju.“
Otonedju stemmte sich hoch, drehte sich und setzte sich auf den trockenen Untergrund. Es hatte den Anschein, als sei er geläutert und würde sich nun nicht mehr widerspenstig zeigen wie vorher, aber das war eine Fehldeutung seines Mienenspiels.
„Mitarbeiten?“ wiederholte er in seiner Muttersprache.
„Du wirst es nicht bereuen“, entgegnete Siabu.
„Erkläre mir, um welche Art von Arbeit es sich handelt.“
Siabu glaubte, einen höhnischen Unterton aus den Worten des Dorfältesten zu vernehmen, aber er erwiderte trotzdem: „Das weißt du doch. Wir suchen den Tiger. Du kennst ihn.“
„Ja.“
„Gut. Ist er hier?“
„Ihr habt euch im Dorf umgesehen“, sagte Otonedju. „Ihr seid in unsere Hütten eingedrungen und habt keine Achtung gezeigt, vor keinem von uns. Habt ihr einen Tiger entdeckt?“
„Nein. Er muß sich irgendwo auf der Insel verkrochen haben“, sagte Siabu. „Wo?“
„Ein Tiger ist eine große, gefährliche Bestie mit vier Beinen und gestreiftem Fell“, sagte der alte Mann auffallend ruhig. „Ein solches Tier hat auf dieser Insel nie existiert. Hast du sonst noch Fragen, Verräter, den die Rache der Götter zerreißen wird?“
Siabu fuhr hoch. „Teniente, er hält uns zum Narren!“ schrie er in schlechtem Spanisch. „Und er beschimpft mich!“
„Die Dämonen des Wassers werden eure Schiffe verschlingen“, sagte Otonedju, und er spürte, wie ihn Genugtuung durchströmte. Sie war so groß, daß er sogar seine Schmerzen vergaß.
„Ich bringe dich um!“ brüllte der Batak, immer noch auf spanisch, so daß Otonedju den Wortlaut nicht verstehen konnte.
Das war auch nicht erforderlich. Der Dorfälteste konnte sich denken, was dem Batak vorschwebte, es gehörte keine besonders reiche Phantasie dazu.
„Gut“, erwiderte der Teniente de Almenara in diesem Augenblick. „Ich überlasse den Kerl dir. Du weißt, wie du ihn zum Sprechen bringen kannst. Gibt er nach, läßt du ihn auspacken und erledigst ihn anschließend. Bleibt er störrisch, hältst du dich nicht mehr lange mit ihm auf.“
„Ich danke Ihnen, Teniente“, erwiderte Siabu.
Er zog seinen Parang, ein kurzes, vorn breit auslaufendes und leicht gekrümmtes malaiisches Schwert. Es war das einzige Zeichen seiner eigentlichen Abstammung, mit dem er sich noch versah. Mit dieser Waffe wußte er ausgezeichnet umzugehen.
Otonedju hatte bei früheren Stammesfehden ebenfalls den Parang geführt und sich damit Respekt und Siege verschafft. Auch im Umgang mit dem Kris, dem schlangenförmig gewundenen Dolch, war er gut. Immer noch. Nur hatten ihm die Spanier seinen wertvollen, alten Kris abgenommen, als sie gelandet und in das Dorf eingedrungen waren. Mit vorgehaltenen Feuerwaffen war das keine Schwierigkeit gewesen.
Scheinbar entrückt blickte Otonedju zu der Bucht unterhalb des Dorfes. Dort lagen die Schiffe, von denen aus die spanischen Soldaten übergesetzt waren, drei Dreimaster, dort, unter mildblauem Himmel auf silbrig glitzerndem Wasser. Nicht weit entfernt in seichteren Gefilden ragten die Bambusgestelle aus der See, mit denen sich die Eingeborenen ihren Fang zu sichern pflegten. Dort waren sie noch vor kurzem gewesen, um alles für die Nacht vorzubereiten, dort drüben jenseits des felsigen Ufers und der Landzunge, wo vor einer Stunde noch keiner von ihnen geahnt hatte, daß der Nachmittag das Böse, das vernichtende Unheil bringen würde.
Dann waren die drei Schiffe plötzlich dagewesen, sehr nahe. Sie hatten sich um die Insel herumgeschlichen. Ihre Besatzungen hatten den Bewohnern des Dorfes nicht die Chance gelassen, sich zurückzuziehen. Kein Gedanke etwa daran, Körbe, Gitter und Reusen loszulassen und mit den Booten die Flucht zu ergreifen. Wie schnell hätten die Spanier ihre Beute zu Wasser gestellt.
Ins Dorf hatten sich die Fischer zurückgezogen, und allein dies war in den Augen der Spanier ein halbes Schuldgeständnis.
Der Teniente und die Soldaten wichen etwas zurück. Otonedju schien Siabu willenlos ausgeliefert zu sein.
Aber dann, als keiner mehr damit rechnete – selbst der Batak nicht –, schnellte der alte Mann hoch. Er tat das erstaunlich flink und mit einer Gewandtheit, die man ihm gar nicht mehr zugetraut hätte. Eben das war es, was sich jetzt zu Siabus Nachteil entwickelte. Der Dolmetscher hatte nicht damit gerechnet, von dem Alten angesprungen zu werden.
Otonedju hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Er schoß an der Gestalt des Bataks hoch, seine knochigen Finger packten das Handgelenk und die Hand, die das Heft das Parangs hielt. Ein Ruck, ein Schrei aus Siabus Mund, und Otonedju hatte ihm das scharfe Kurzschwert entrungen.
Die Klinge zuckte durch die Luft. Der Batak reagierte jetzt. Er krümmte sich, verlagerte dabei das Körpergewicht nach hinten und versuchte, dem Bereich des Parangs zu entgehen.
Es gelang nur ansatzweise. Der Parang zeichnete ein rotes Mal in Siabus Gesicht, quer über die Wange. Dann raste er über seine Schulter wie ein Dämon, der brennende Spuren sät.
Brüllend ließ sich der Batak auf den Rücken fallen. Nur so rettete er sein Leben.
Der Teniente hatte seine Miqueletschloß-Pistole gezückt, spannte den Hahn und legte auf Otonedju an. Die Musketen und Arkebusen der Soldaten hoben sich in Zielrichtung auf den alten Mann. Otonedju konnte bereits das tödliche, hohle Auge ihrer Mündungen sehen.
Ein Schrei gellte durch das Dorf. Eine schöne junge Frau hatte ihn ausgestoßen – Otonedjus Tochter.
Otonedju ließ von dem Batak ab, obwohl er ihm, dem Verräter und verhinderten Mörder, gern das Herz durchbohrt hätte. Wieder schimmerte die Klinge in der Luft, dann, ganz unversehens, verließ das Heft des Parangs Otonedjus Hand. Ein Blitz zuckte über den Dorfplatz und traf den ungeschützten Hals eines Soldaten, der gerade mit der Muskete auf den alten Mann abdrükken wollte.
Otonedju duckte sich und stürmte seiner Tochter entgegen, die von zwei Soldaten gehalten wurde.
Der Parang steckte tief im Hals des Musketenschützen, der Mann sank zu Boden. Schüsse krachten. Der Teniente brüllte wie verrückt. Kugeln umzirpten Otonedju, trafen ihn aber nicht.
Otonedjus Tat löste im Dorf eine Kette von Reaktionen aus. Krieger zückten ihre Waffen, die sie vor den Spaniern hatten verbergen können. Aus Verstecken, die die Eindringlinge noch nicht entdeckt hatten, brachen plötzlich die Gestalten junger Männer hervor. Im Nu tobte ein säbelndes, schrilles Inferno.
Otonedjus Tochter riß sich mit der Wildheit eines verzweifelten, in die Enge getriebenen Raubtiers von ihren Bewachern los. Ehe die beiden Soldaten sie wieder packen konnten, hatte der Dorfälteste sie erreicht und warf sich ihnen ohne Waffe entgegen.
Es wäre sein Ende gewesen, hätten nicht zwei junge Krieger in das Handgemenge eingegriffen.
Die Männer, Frauen, Kinder und Greise des kleinen Fischerdorfes brachten es fertig, sich von der Übermacht zu lösen und die Flucht in den Urwald der Insel anzutreten. Sie entwischten den Schüssen, die ihnen nachpeitschten, den Piken und Speeren, die ihnen nachgeschleudert wurden.
Kochend vor Zorn fuchtelte der Teniente Savero de Almenara mit seiner leergeschossenen Pistole in der Luft herum. Für einen Augenblick stand er unschlüssig. Dann wies er auf die leeren Hütten.
„Anzünden“, stieß er keuchend hervor. „Alles niederbrennen!“
Von kristallklarer Bläue war der Himmel über der „Isabella VIII.“. Er schien hier höher als anderswo zu sein, und auf unerklärliche Weise schien man der überirdischen Bestimmung näher zu sein.
„So klar und heiter war die Luft nur in Peking“, sagte Ben Brighton auf dem Achterdeck der großen Galeone. „Dabei befinden wir uns hier in den Tropen.“
Hasards Finger lösten sich von der Five-Rail. Er drehte sich zu seinem ersten Offizier und Bootsmann um. „Du darfst nicht die Jahreszeit vergessen, Ben. Der Frühling beginnt gerade erst, außerdem haben wir Wind aus Nordosten.“
„Ja, vielleicht weht er von Korea und dem Gelben Meer herüber. Alles in allem scheint ein ruhiger Törn vor uns zu liegen, bis wir den Indischen Ozean erreichen.“
Hasard musterte Ben nachdenklich, bevor er antwortete. „Sag mal, glaubst du wirklich, daß die Malakkastraße so friedlich und paradiesisch ist? Bist du allen Ernstes davon überzeugt?“
„Na, Sturm scheint uns jedenfalls nicht bevorzustehen.“
„Davon spreche ich auch nicht.“
Ben kratzte sich am Hinterkopf, wobei sich seine Mütze ein wenig tiefer in die Stirn schob. „Also schön, ich geb’s zu. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und wir sind schon in viele paradiesische Gegenden geraten, die sich dann als wahre Hölle entpuppt haben. Am besten sage ich gar nichts mehr.“
Big Old Shane war zu ihnen getreten. „Nach Borneo, nach diesem elenden, von Kopfjägern verseuchten Kalimantan, kann uns so leicht nichts mehr erschüttern.“
Auch Old Donegal Daniel O’Flynn, der gerade aus Richtung Heck anmarschierte und sich erstaunlich geschickt auf seinen Krücken über Deck bewegte, pflichtete dem bei.
„Praktisch bedeutet das, daß wir uns von dem guten Wetter und den feinen Windverhältnissen nicht verblenden lassen dürfen“, sagte er mit säuerlicher Miene. „Hinter jedem Inselchen, auf das wir von jetzt an stoßen, können Kannibalen, Kopfjäger oder irgendwelche Freibeuter lauern. Oder Dons.“
„Meinetwegen, aber hör mit den Kopfjägern auf“, erwiderte Ferris Tucker. „Von denen habe ich gründlich die Nase voll, und ich kriege immer so ein merkwürdiges Jucken am Hals, wenn ihr die Hundesöhne erwähnt.“ Er rieb sich tatsächlich am Hals – was einige Heiterkeit bei den Männern hervorrief.
Keiner von ihnen dachte mit Begeisterung an Kalimantan zurück. Nach dem Abenteuer in Manila, nach mehr als tausend Meilen Törn, nach Stürmen, Kalmen, hundert Entbehrungen hatten sie im März 1585 endlich die große Insel erreicht und sich dort etwas mehr erhofft als nur menschenfeindliche Umgebung und mörderische Gefahren, die im Verborgenen lauerten.
Aber sie hatten die bittere Realität hinnehmen müssen.
Zunächst hatte sich Kalimantan als gänzlich ungeeignet zum Proviant- und Wasserfassen erwiesen. Undurchdringliche Mangrovendikkichte überwucherten die Ufer, dahinter erstreckten sich feuchtheiße Urwälder, scheinbar bis ins Unendliche.
Der Seewolf war mit seiner „Isabella“ weitergesegelt und hatte auf diese Weise das Dorf entdeckt, das zu sehen er sich im nachhinein nie wieder gewünscht hätte. Offensichtlich panikartig waren die eingeborenen Dajaker vor ihnen geflüchtet – und zu spät hatten die Männer der Galeone die Fallen gewittert: getarnte Gruben, Fallnetze, Würgeseile und aus den Palmenwipfeln niederfallende Bambusgitter. Nur mit Mühe hatten sie sich wieder freikämpfen können.
Hasard zuckte mit den Schultern. Warum noch darüber herumgrübeln? Vermeiden ließen sich solche unliebsamen Begegnungen nun einmal nicht, man mußte immer darauf vorbereitet sein. Deswegen war er auch froh, wenn seine Männer ihre gesunde Skepsis beibehielten.
Er stieg auf das Quarterdeck hinunter und suchte das Ruderhaus auf. Hier stand Pete Ballie in Gesellschaft all der Karten, die der Seewolf seit Formosa und den Philippinen an der Rückwand des Decksgebäudes festgepinnt hatte.
Ausgezeichnete Karten waren das. Ohne sie wäre Hasard auf die Straße von Malakka gar nicht aufmerksam geworden. Er warf einen prüfenden Blick auf den Kompaß, nahm seine Hilfsmittel für die Navigation zur Hand und stellte noch einmal die Position fest. Dann verglich er die Position mit dem Kurs, den er auf den Karten abgesteckt hatte. Soweit es die Berechnung der Route und deren Einhaltung betraf, verlief alles genau nach Plan.
Eine der Karten hatte Hasard von Sun Lo, dem Mönch von Formosa, als Geschenk erhalten. Die anderen hatten ihm die Spanier in Manila „ausgehändigt“, höchst unfreiwillig allerdings. Sie mußten noch immer eine Höllenwut auf ihn haben, und sie würden alles daransetzen, ihn wieder zu stellen.
Vorläufig allerdings hatten sie den Anschluß verloren. Die Spur der „Isabella“ verschwand für die Verfolger irgendwo zwischen den Sunda-Inseln. Die Chance, daß sie ihn wiederfanden, war äußerst gering. Genausogut konnten sie nach der bekannten Nadel im Heuhaufen suchen.
Hasard hätte sie herausfordern oder ihnen irgendwo eine Falle stellen können. Aber er war nicht scharf darauf, die Kriegsschiff-Verbände von Manila wiederzutreffen. Früher oder später würden sich die Dons ohnehin wieder präsentieren, wenn auch mit anderen Schiffen, in Form anderer Gesichter, anderer Taktiken und Hinterhältigkeiten – er rechnete damit, sie noch vor dem Erreichen des Indischen Meeres wiederzusehen.
Ohne die Karten, soviel stand fest, hätte Hasard sich statt durch die Malakkastraße eher durch jene Passage getastet, die zwischen den Inseln Sumatra und Java lag.
„Na ja“, sagte der Seewolf. „So ein großer Umweg wäre das eigentlich auch nicht gewesen, Pete.“
„Was denn, Sir?“
„Die Selat Sunda. Die Sunda-Straße.“
„Bestimmt nicht.“
„Dann frage ich mich, welchen Vorteil wir jetzt gewinnen.“
Pete stülpte die Unterlippe vor und blickte voraus. „Wahrscheinlich ist es der bequemere Törn. Und das ist doch sehr wichtig für uns.“
„Möglich, daß wir auch um ein paar Erfahrungen reicher werden, die uns die Sunda-Straße nicht bietet.“
Old O’Flynn war Hasard nachgestakt, er schaute zum Ruderhaus herein und grinste.
„Du hast ja auch einen ganz schönen Sarkasmus am Leib“, meinte er.
Hasard begegnete seinem Blick. „Mußt du denn immer alles negativ auslegen?“
„Du kennst mich doch.“
Hasard lachte. „Donegal, du bist wirklich unverbesserlich. So wie du die Dinge siehst, erreichen wir Old England sowieso nie wieder, oder?“
„Nun fang du nicht auch noch an“, entgegnete der knorrige Alte wider Erwarten. „So ein Miesmacher bin ich ja nun auch wieder nicht. Wenn wir nicht auf Grund laufen, von einem Sturm zerschmettert werden, ersaufen, an einer Seuche krepieren oder von den Dons massakriert werden – dann laufen wir garantiert heil und unversehrt die Heimat an.“
„Aha. Sag mal, was hältst du davon, wenn wir die Spanier unterwegs wieder um einige ihrer Reichtümer erleichtern? Wäre das nicht nach deinem Geschmack?“ erkundigte sich der Seewolf.
„Klar“, erwiderte O’Flynn. Dann pochte er jedoch mit einer seiner Krücken auf die Decksplanken. „Nur einen Haken hat die Sache. Wir liegen schon zu tief. Unsere Lady hat ihren Bauch schwer vollgeladen und geht mit einem Riesenschatz schwanger. Wenn du noch mehr dazulädst, säuft sie glatt ab und überläßt uns den Haien zum Fraß.“
Sie grinsten sich an, und auch Pete Ballie fing an zu lachen. Die Stimmung an Bord war ausgezeichnet, und das war die wichtigste Voraussetzung für ein harmonisches Leben auf See, wenn alles ruhig verlief und Langeweile sich einzustellen drohte. Stürme und Kämpfe schmiedeten die Männer so fest zusammen wie nie, aber wenn allzu lange Stille und Müßiggang herrschten, wurde die Crew leicht mürrisch. Dann war es gut, zu flachsen und zu unken und von Dear Old England zu reden, als läge sie nicht Tausende von Meilen entfernt, sondern gleich hinter der nächsten Ecke.
Carberry, seines Zeichens Profos und unumschränkter Herrscher über die Kuhl, hatte seine ureigene Art, den Gegebenheiten zu begegnen. Wenn so ein „Schlabbertörn“ gefahren wurde wie heute, ließ er entweder die „Isabella“ von vorn bis achtern aufklaren, brüllte die Crew an, daß die Schotten aus ihren Fassungen zu fallen drohten, brachte Sir John, dem karmesinroten Aracanga, neue Unanständigkeiten bei oder gab seine ewigen Kalauer zum besten.
Hätte man ihn wegen dieser allenthalben bekannten Geschichten als schrullig bezeichnet, wäre er sofort explodiert. Keiner sollte es sich einfallen lassen, Edwin Carberry, den Zuchtmeister und Hüter der Borddisziplin, zu kritisieren oder gar zu beleidigen. Die Bande hatte zu kuschen und ergebenst zu lauschen, wenn Carberry sein Seemannsgarn spann.
So dachte er jedenfalls.
Dem Äquator waren sie jetzt wieder nahe, wie Carberry nach eingehendem Studium der Karten im Ruderhaus festgestellt hatte. Obwohl der Monatserste verstrichen war, konnte man durchaus noch jemanden in den April schicken. Zweifacher Anlaß für den Profos also, nach einem willfährigen Opfer Ausschau zu halten.
Carberry schritt nicht, er stapfte über Deck. Sein Blick verharrte auf Bill. Der Schiffsjunge schickte sich gerade an, in den Großmars aufzuentern. Dort sollte er den Ausguck Bob Grey ablösen.
Carberry stoppte den Moses.
„He!“ rief er. „Bill, komm mal her, Söhnchen!“ Er blieb mit gegrätschten Beinen stehen und glich die Schiffsbewegungen aus. Als Bill, der schon nach den Luvhauptwanten gegriffen hatte, sich jetzt umdrehte und anmarschierte, setzte Carberry seine bedeutungsvollste Miene auf und sagte: „Hör zu, halte nach den Wegweisern Ausschau, die uns die Richtung zum Äquator zeigen, verstanden?“
„Mister Carberry“, erhob Bill einen schwachen Einwand.
Der Profos ließ sich nicht bremsen. „Wir sind jetzt nahe dran, und du kriegst was hinter die Löffel, Söhnchen, falls du die Hinweisschilder verpennst, die überall in der See aufgestellt sind“, fuhr er fort.
Bill nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Mister Carberry, ich habe meine Äquatortaufe schon hinter mir.“
„Wie? Was? Als ob ich das nicht wüßte. Halt den Mund und rede nur, wenn du gefragt wirst.“ Carberry holte zu einem schwungvollen Vortrag über den Zaun aus, durch den der Verlauf des Äquators rund um die Erde gekennzeichnet war, über das Gatter, das hier ganz aus Bambusrohr gearbeitet war und das man erst durchbrechen mußte, um auf die andere Seite zu gelangen.
Aber Bill holte ganz tief Luft und rief: „Also nein, bei allem Respekt, auf die Geschichten falle ich nicht mehr herein. Tut mir leid, Mister Carberry. Bitte mich abmelden zu dürfen.“
Der Profos war richtig erschüttert. Eine Weile stand er finster schweigend da, und Bill befürchtete schon das Schlimmste. Dann sagte Carberry aber nur: „Also gut, hau ab, mein Sohn.“
Bill kehrte zu den Luvwanten zurück und kletterte in den Webeleinen hoch, froh, einem brüllenden Donnerwetter des Profos’ entgangen zu sein.
Sir John ließ sich auf der Profosschulter nieder, aber sein Herr scheuchte ihn weg.
„Verschwinde, du Schnarchhahn“, fuhr er den bunten Vogel an. „Sieh zu, daß du Land gewinnst.“ Wirklich, um Carberrys Stimmung war es jetzt nicht mehr zum besten bestellt.
Er trat zu dem jungen Dan O’Flynn, der sich gerade auf dem Rand der Kuhlgräting niedergelassen hatte.
„Jetzt wird der Bengel auch schon frech“, sagte Carberry verdrossen. „Das hat er von dir gelernt. Seit du nur noch selten als Ausguck oben im Mars hockst, läßt die Disziplin zu wünschen übrig. Eines Tages stauche ich euch Kakerlaken alle zusammen, daß euch Hören und Sehen vergeht.“
Dan hatte den Dialog zwischen Carberry und dem Schiffsjungen natürlich verfolgt. Ihm lag schon eine spöttische Erwiderung auf der Zunge, aber dann sagte er sich, daß man’s nicht übertreiben solle.
„Ed“, entgegnete er daher beinah sanft. „Laß doch. Bill ist dabei, sich zum vollwertigen Decksmann zu mausern. Gerade du hast ihn doch sonst immer unter deine schützenden Fittiche genommen.“
„Meine was? Der Teufel soll den Burschen holen.“
„Na ja. Jedenfalls mußt du verstehen, daß Bill an deine haarsträubenden Schauermärchen nicht mehr glauben will.“
Der Profos wollte einen lauten Fluch loslassen, aber Dan redete weiter, ehe er dazu kam: „Außerdem – wir berühren den Äquator sowieso nicht. Es erübrigt sich also, davon zu sprechen. Wir segeln knapp nördlich an ihm vorbei, bevor wir durch die Straße von Malakka stoßen. Erst später, in der Indischen See, werden wir ihn wohl überqueren.“
„O’Flynn, du Schlauberger“, sagte der Profos. „Du hältst dich wohl für oberklug, was, wie?“
Sie hätten sich jetzt doch gestritten, wenn sich Bill, der Bob abgelöst hatte, nicht aus dem Großmars gemeldet hätte. Klar drang seine Stimme aufs Deck hinunter.
„Land in Sicht! Steuerbord voraus!“
2.
Nach dem Verlassen Borneos war es wirklich der erste Zipfel Erde, den die Seewölfe wiedersahen. Sie traten ans Schanzkleid ihres Schiffes, hoben Kieker vor die Augen und hielten mit gemischten Gefühlen Ausschau.
Hasard stand am Steuerbordschanzkleid im vorderen Bereich des Achterdecks. Er ließ das Spektiv sinken und sagte zu Ben, Ferris und Shane, die sich hinter ihm befanden: „Kein Festland, eine Insel, wie ich erwartet habe. Die Angaben auf den Karten erweisen sich wieder als ausgesprochen präzise.“
„Wir haben also den Kepulauan Riau vor uns?“ fragte Ferris Tucker.
„Ja, den Riau-Archipel.“ Hasard nahm noch einmal das Spektiv zu Hilfe und präzisierte dann: „Es muß sich um eine der kleineren, am weitesten nach Osten versetzt liegenden Inseln handeln.“
„Wir laufen sie nicht an?“ Ben Brighton warf Hasard einen Seitenblick zu.
„Ich habe es nicht vor. Haben wir Proviant- oder Trinkwasserprobleme, Ben?“
„Zur Zeit nicht.“
„Fast in der ganzen Malakkastraße befinden sich Inseln“, sagte der Seewolf. „In den nächsten Tagen haben wir also noch ausreichend Gelegenheit, uns an Land die Beine zu vertreten.“
„Sir!“ schrie Bill plötzlich. „Auf der Insel sehe ich etwas, das – ich glaube, das ist Feuer!“
„Ich ziehe dir die Haut in Streifen ab, wenn du dich nicht klarer ausdrückst, du karierter Decksaffe!“ brüllte Carberry von der Kuhl.
Hasard schaute noch einmal durch sein Spektiv, konnte im Rund der Optik aber keinen Feuerschein erkennen.
„Der Junge täuscht sich“, murmelte er. „Vielleicht hat ihn irgendein Sonnenreflex irritiert.“
Bill meldete sich jetzt aber wieder: „Sir, da brennt was ab, ich sehe es ganz deutlich!“
Hasard begab sich daraufhin auf die Kuhl, steckte das Spektiv weg und enterte selbst in den Großmars auf. Er kletterte zu Bill hinter die Segeltuchverkleidung der großen Plattform, spähte mit dem Glas nach West-Nord-West und bestätigte Sekunden später: „Es stimmt, Bill. Der Brand scheint am Leeufer der Insel entfacht worden zu sein, also im Südwesten. Daher konntest nur du ihn von deinem erhöhten Standort aus sehen.“
„Ja, Sir“, antwortete der Junge aufgeregt. „Was hat das Feuer zu bedeuten?“
Der Seewolf beobachtete unverwandt die Flammen, die einen wabernden Teppich über die Konturen der Insel legten. Er wußte sich selbst noch keinen Reim auf die Erscheinung zu bilden, hatte aber bereits beschlossen, die Sache nicht unbeachtet zu lassen.
Welche Ursachen mochte es für den Brand geben? Selbstentzündung? Nein, der tropische Regenwald war so feucht, daß jede Glut, die der Sonnenglast eventuell hineinfraß, sofort wieder erlöschen mußte.
Hatten Eingeborene das Feuer gelegt, um Teile der Flora abzufackeln, um vielleicht Lichtungen zu schaffen, auf denen sie neue Häuser bauen und Pflanzungen einrichten konnten? Hasard hielt auch das für sehr unwahrscheinlich. Meistens gaben sich die Eingeborenen mit dem zufrieden, was sie ihrer Umgebung so abgewinnen konnten, und mit dem Feuer scherzten sie auf keinen Fall. Was den Anbau von Früchten und Gemüse betraf, würden die Inselbewohner dafür keinesfalls einen Kahlschlag schaffen, denn sie waren mit Sicherheit Fischer, allenfalls noch Jäger.
Menschen schienen aber auf jeden Fall die Urheber der Feuersbrunst zu sein. Hasard erinnerte sich daran, daß Sun Lo, der Mönch von Formosa, ihm über gewisse Riten der Malaien berichtet hatte, bei denen Feuer eine wesentliche Rolle spielte.
Auf Bali, einer Insel weiter im Osten, sollten Tote beispielsweise an hölzernen Tiersymbolen aufgehängt und dann verbrannt werden, wobei es seltsamerweise sehr lustig zuging.
Fand dort, auf dem kleinen Eiland, ein derartiger Ritus statt? Für die Seewölfe wäre es kein Grund gewesen, sich die Angelegenheit aus der Nähe zu betrachten. Die Eingeborenen wollten bei einem solchen Zeremoniell gewiß nicht gestört werden.
„Möglich, daß es sich um Lagerfeuer handelt, Sir“, sagte Bill.
„Am hellichten Tag? Kaum. Außerdem lodern die Flammen zu hoch.“ Der Seewolf senkte das Spektiv. „Irgend etwas stimmt da nicht, und ich würde einiges darauf verwetten, daß unsere lieben Freunde, die Spanier, die Hände im Spiel haben. Weißt du was? Ich bin neugierig.“
„Das heißt …“
„Wir laufen die Insel an und sehen nach, wer das Freudenfeuer angezündet hat – und warum.“ Hasard richtete sich auf, beugte sich über die Großmarsumrandung und teilte den von unten heraufblickenden Männern seine Anweisungen mit.
Carberry ließ die Schoten noch etwas dichter holen, und Pete Ballie bewegte das Ruderrad. Die „Isabella VIII.“ luvte an und fuhr, mit Steuerbordhalsen und auf Backbordbug liegend, hoch am Wind auf Kurs West-Nord-West auf die Insel zu.
Hasard harrte im Großmars aus und ließ das Feuer nicht mehr aus den Augen.
Die Soldaten hatten auch die letzte Hütte in Brand gesetzt, und der Teniente Savero de Almenara schritt vor der glutigen, heißen Flammenwand dem zehn Mann starken Trupp entgegen, der die Dorfbewohner in den Inselwald hinein verfolgt hatte.
Ein Sargento war der Anführer des Trupps. Etwas außer Atem meldete er dem Teniente: „Nichts, nichts und wieder nichts. In dem verdammten Dschungel verliert sich jede Spur. Mag der Teufel wissen, wohin sich dieses Drecksvolk verkrochen hat.“
„Wir finden es heraus“, sagte de Almenara gepreßt. „Wir kriegen diese Bastarde, das schwöre ich euch – bei meiner Ehre.“ Er war ein echter Hidalgo, der Abkömmling einer verarmten Adelsfamilie andalusischen Geblüts, und in Sachen Stolz und Ehrgeiz schlug sein Herz besonders hoch. „So groß ist die Insel nicht“, erklärte er. „Wir stöbern sie auf, alle, und dann gnade ihnen Gott!“
Er wandte sich mit geballten Händen der Bucht zu.
Das Dorf lag schätzungsweise zwanzig Fuß über dem Meeresspiegel und war von den malaiischen Fischern klugerweise auf einer Anhöhe errichtet worden, damit die Flut den Hütten nichts anhaben konnte und man etwaige Angreifer schon von weitem sichten konnte.
An diesem Nachmittag hatte der Vorteil, von einem erhöhten Punkt auf die See zu blicken, den Eingeborenen allerdings nichts genutzt.
Der Teniente de Almenara sah sich vor die unerfreuliche Aufgabe gestellt, den Kommandanten des Verbandes über den Mißerfolg der ersten Verfolgung zu unterrichten. Hatte der Comandante Arturo Diaz Escribano schon bei der gelungenen Flucht der Dorfbewohner getobt, so würde er jetzt zweifellos mit de Almenaras Degradierung drohen und einen Heidentanz veranstalten.
De Almenara biß sich auf die Unterlippe. Er wußte, daß er beobachtet wurde. Der Kommandant und die Kapitäne der beiden anderen Schiffe rührten sich nicht von den Achterdecks ihrer dickbäuchigen Galeonen. Sie hielten ihre Fernrohre unablässig auf das Dorf gerichtet und hatten natürlich verfolgt, wie der Sargento mit seiner Gruppe zurückgekehrt war.
Jetzt verlangten sie näheren Aufschluß über den Verlauf der Aktion.
De Almenara handelte gewissermaßen unter dem Zwang der Situation. Wären die Dinge etwas anders verlaufen, hätte er dem Kommandanten keineswegs über jeden seiner Schritte Meldung erstatten müssen. So aber …
Abwartend schaukelten das Flaggschiff „Santissima Madre“, die „Santa Barbara“ und die „San Juan“ auf den kleinen Wellen der Bucht. Ihre hölzernen Leiber und Masten schienen eine Botschaft zu dem Teniente herüberzuschikken: Versager! Versager!
De Almenara haßte sie plötzlich, diese Schiffe.
Und er verfluchte den Auftrag, der ihn auf diese elende Insel geführt hatte.
„Isla de la mierda“, fluchte er, stampfte mit dem Fuß auf und drehte sich sodann zu einem seiner Untergebenen um. „Vorwärts, lauf zu den Booten, laß dich zur ‚Santissima Madre‘ übersetzen und teile dem Comandanté mit, daß wir die Eingeborenen aus den Augen verloren haben – daß wir aber den ganzen Urwald abbrennen und sie wie die Füchse ausräuchern werden, verstanden?“
„Si, Senor“, erwiderte der Soldat und rückte ab. Savero de Almenara suchte unterdessen mit dem Blick Siabu, den Batak.
Der hockte drüben, am Beginn der felsigen Landzunge, und ließ sich vom Feldscher der „Santa Barbara“ verarzten. Tiefe Schnitte hatte ihm Otonedju mit dem Parang beigebracht. Siabu hatte ziemlich viel Blut verloren, saß mit verzerrter Miene da und war bleich unter seiner braunen Hautfarbe geworden.
Der Teniente verspürte nicht das geringste Mitleid mit ihm. Seiner Meinung nach trug der Batak die Schuld daran, daß der Dorfälteste sich überhaupt hatte befreien können. Und erst Otonedju hatte ja den Widerstand der anderen Krieger entfacht.
De Almenara wollte Siabu aufscheuchen und zu sich beordern. Er suchte nach einer Möglichkeit, seine Wut an jemandem auszulassen, und der eingeborene Dolmetscher schien das richtige Objekt dafür zu sein.
Doch in diesem Augenblick sichtete de Almenara das fremde Schiff.
Siabu und der Feldscher konnten es nicht sehen, weil sie ihre Gesichter dem Teniente zugewandt hielten. Die Soldaten um de Almenara waren zu sehr mit dem Betrachten des knisternden Feuers beschäftigt, um der See ihre Aufmerksamkeit zu widmen – und in der Bucht wurde man des Schiffes schon gar nicht gewahr, weil die felsige Landzunge den Ausblick auf den heranrauschenden Segler versperrte.
So war der Teniente der einzige, der das Herangleiten der großen Galeone mit den überhohen Masten und den auffallend niedrigen Aufbauten bemerkte.
Savero de Almenara hätte den Melder, der in diesem Moment in eins der am Ufer liegenden Beiboote stieg, stoppen können, um die Nachricht über das Auftauchen des Schiffes an ihn weiterzugeben. Aber es gab einen direkteren Weg, die Verbandsführung über die Neuigkeit zu unterrichten.
Der Teniente hob einfach nur beide Hände und gab ein Zeichen zur „Santissima Madre“ hinüber.
Arturo Diaz Escribano registrierte die Gebärde. Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. Eine Galeone im Süden, hatte der Teniente signalisiert. Wer? Der Kommandant erwartete keine Verstärkung, keinen Besuch. Er war an diesem Morgen mit klaren Anweisungen aus Bengkalis auf Sumatra ausgelaufen und hatte auch zwischenzeitlich keinen Hinweis darüber erhalten, daß irgendein spanisches Schiff mit seinem Verband zusammentreffen solle.
Sein Mißtrauen war geweckt.
„Das Großsegel setzen“, befahl er.
Der Zuchtmeister auf der Kuhl gab den Befehl an die Mannschaft weiter, und sofort stürzten alle auf ihre Stationen.
Die „Santissima Madre“ war nicht in der Bucht vor Anker gegangen, Escribano hatte mit dem Schiff beweglich bleiben wollen, um den Landtrupp gegebenenfalls durch das Feuer der Kanonen unterstützen zu können.
So drehte die Galeone jetzt ihren Bug nach Süden, legte sich platt vor den Wind und verließ langsam die Bucht. Auf diese Weise glitt die Landzunge an den Spaniern vorbei, und die Aussicht öffnete sich ihnen auch auf jenen Bereich, der hinter dem felsigen Auswuchs der Insel lag.
So entdeckten auch sie nun den großen Dreimaster, der hart am Wind liegend an den pfeilförmigen Bambusgestellen im Wasser vorbeizog, die die Malaien zum Fischfang benutzten. Das Schiff ließ die leichten Boote der Eingeborenen Steuerbord achteraus liegen, sie begannen im Kielwasser der Galeone zu tanzen.
Als das Schiff sich anschickte, die Landzunge zu runden, hatte der spanische Kommandant die Flagge von Kastilien und Léon in seinem Großtopp entdeckt.
Der Ausguck im Hauptmars der „Santissima Madre“ rief eine gleichlautende Meldung.
Escribano, ein mittelgroßer Mann mit pechschwarzem, dichtem Haupthaar und einem ebenso dunklen und prachtvollen Knebelbart, blickte zu seinem Bootsmann.
„Das scheint ein Handelsfahrer zu sein“, sagte er. „Entweder braucht er unsere Hilfe, oder er ist von weitem auf das Feuer aufmerksam geworden und nähert sich aus Neugierde. Ich glaube, wir können ihn unbesorgt heran lassen.“
„Mich überrascht die seltsame Bauweise des Schiffes“, erwiderte der Bootsmann.
„Neue Schiffstypen entstehen, und das Mutterland schickt uns Segler in die Kolonien herüber, über deren Aussehen wir nur staunen können“, meinte Escribano. „Ich schätze, wir haben es mit einer Galeone zu tun, die unterwegs nach Manila ist. Daß wir in Bengkalis nichts von ihr erfahren haben, liegt wahrscheinlich daran, daß sie erst heute morgen – nach unserem Auslaufen – dort vorbeigesegelt ist. Meines Erachtens könnte sie die Vorhut eines ganzen Verbandes darstellen, der noch vor Termin die Malakkastraße erreicht hat.“
Der Bootsmann zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen, Comandante. Ich finde nur, das Ganze ist etwas zu vage ausgedrückt – mit Verlaub gesagt.“
Escribano verzog den Mund. „Das verbitte ich mir. Ich weiß, Sie denken an Piraten, aber weder die malaiischen Freibeuter noch die Seeräuber anderer Nationalitäten verfügen in diesen Gewässern über so große und so hervorragend in Schuß gehaltene Schiffe. Das kann nur ein echter Spanier sein.“
Soviel Überzeugung hatte der Bootsmann nichts entgegenzusetzen.
Er schaute nur unausgesetzt zu dem fremden Schiff hinüber, während der Kommandant aus den Toppen der „Santissima Madre“ signalisieren ließ, der große Dreimaster solle mit verringerter Fahrt in die Bucht einlaufen und sich auf Rufnähe dem Flaggschiff nähern.
Der Bootsmann grübelte nach, wo er schon einmal von einem außergewöhnlichen Schiff mit überhohen Masten hatte reden hören.
Zweifellos in Bengkalis.
Aber Bengkalis war ein winziger Hafen und ziemlich verlorener Posten auf einer Rieseninsel, die gerade erst richtig erschlossen wurde, und viele Dinge, die beispielsweise in Manila als Botschaften verfaßt wurden, drangen nur unvollkommen bis dorthin.
So kam der Batelero trotz allen Nachsinnens nicht darauf, daß man es bei, dem Fremden mit Spaniens Feind zur See Nummer eins zu tun haben könnte, mit einem gewissen Philip Hasard Killigrew.
Hasard war wieder aus dem Großmars abgeentert. Er hatte genug gesehen und gab jetzt die letzten Kommandos an Carberry, Ben Brighton, Ferris Tucker, Shane und Dan, die alle erforderlichen Vorbereitungen für die bevorstehende Zusammenkunft betrafen.
Heimlich und in aller Stille wurde zum Gefecht gerüstet. Als die „Isabella“ langsamer werdend auf das Flaggschiff zusteuerte, war jedes Geschütz an Oberdeck fix und fertig geladen. In den Kupferbecken glühte das Holzkohlenfeuer, jeder Mann stand auf seinem Posten.
Die Galeone, die soeben die Inselbucht verlassen hatte, schien das Flaggschiff des Dreierverbandes zu sein. Hasard blickte mit dem Spektiv zu dem imposanten Zweidecker hinüber und zählte die Stückpforten. Es waren zwölf. Vierundzwanzig Kanonen führte der Segler also, und sicherlich handelte es sich um 17-Pfünder-Culverinen, keine leichten Kaliber. Den Namen des dickbauchigen Schiffes vermochte der Seewolf nun auch zu lesen: „Santissima Madre“.
Er blickte nach rechts in die Bucht und taxierte auch die beiden anderen, etwas kleineren Galeonen. Je sechzehn Geschütze trugen sie auf ihren Decks, hinzu gesellten sich jeweils zwei Demi-Culverinen beziehungsweise Minions in Bug und Heck.
Bei seiner raschen Kopfrechnung kam der Seewolf auf insgesamt 64 Geschütze – gegen die sechzehn Culverinen und vier Drehbassen der „Isabella“.
Ein gewaltiges Mißverhältnis, aber Hasard hielt an seinem Vorhaben fest.
Als er festgestellt hatte, daß ein Eingeborenendorf in hellen Flammen stand und Bill die Schiffe der Spanier gesichtet hatte, hatte der Seewolf einen geradezu unnachgiebigen Drang verspürt, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Was war das? Ein Vergeltungsakt? Eine Strafexpedition? Was war mit den Menschen des Dorfes geschehen?
Eiskalt hatte es Hasard überrieselt. Er konnte nicht ignorieren, was auf dieser Insel geschah, dazu hatte er sich bereits zu sehr engagiert. Einfach weiterzusegeln, das lag nicht in seiner Art.
Sein Verlangen nach Gerechtigkeit war stärker als jede andere Erwägung. Er hatte die Bambusgestelle, die Reusen und Körbe im Wasser gesehen, die offensichtlich in panischer Flucht im Stich gelassen worden waren. Die Eingeborenen hatten sich auf den nächtlichen Fischfang vorbereitet, waren dabei jedoch von den Spaniern gestört worden.
Nichts hatte Hasard daran hindern können, nun auf Teufel komm raus und mit aller Dreistigkeit in die Bucht zu segeln. Es gehörte Kaltblütigkeit dazu, sich als Spanier auszuweisen – früher war das einfacher gewesen, aber inzwischen war die Kunde vom Seewolf, der auf allen Weltmeeren Beute riß, bis in die entferntesten Winkel gedrungen, und auch die „Isabella“ wurde immer bekannter.
Hasard setzte also sehr hoch. Jeden Augenblick konnten ihn die Feinde entlarven und das Feuer eröffnen. Hasard zweifelte nicht daran, daß alle drei Galeonen gefechtsklar waren.
Die „Santissima Madre“ hatte ihr Großsegel wieder aufgegeit. Sie drehte bei, um die „Isabella“ zu empfangen.
„Verdammt noch mal“, sagte Ben Brighton neben Hasard. „Ich frage mich, was für einen Willkommensspruch die für uns bereithalten. Vielleicht ist das Ganze sogar eine Falle.“
3.
Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Aber Hasard war in dieser Beziehung unverbesserlich – und das mußte er auch sein, denn sonst hätte er sein Dasein als Korsar der englischen Königin aufgeben müssen. Was bedeutete es schon, daß ein vorwitziger Portugiese ihnen auf einer Insel nördlich von Formosa eine Falle gestellt hatte, aus der sie fast nicht mehr entkommen wären? Der Einfallsreichtum des Gegners wuchs, aber kein Seewolf entzog sich der Gefahr, die er ansatzweise vor sich wittern mochte.
Die „Isabella“ lief auf Rufweite an die „Santissima Madre“ heran. Hasard ließ in den Wind drehen, dann trat er an das Backbordschanzkleid des Achterdecks und gab sich zu erkennen.
„Capitán Vicente Buendia mit der ‚Alaria‘!“ rief er zum Achterdeck des Flaggschiffs hinüber. „Was ist hier los? Brauchen Sie unsere Hilfe?“
„Hier spricht der Comandante Arturo Diaz Escribano“, tönte es in genauso geschliffenem Spanisch zurück. „Ich bin der Befehlshaber dieses Kriegsverbandes und empfehle Ihnen dringend, sich wieder zurückzuziehen, Senor.“
„Warum?“ Hasard kletterte auf das Schanzkleid und hielt sich an den Besanwanten fest. „Sprechen hier gleich die Kanonen? Fliegen die Fetzen? Ist das wirklich möglich?“
„Sie sind entschieden zu naseweis, Senor!“
Hasard konnte sich ein grimmiges Lachen gerade noch verkneifen, als der Kommandant das sagte. Aus schmalen Augen spähte er zu dem schweren Kriegssegler hinüber und erkannte den betreßten Anführer auf dem Achterdeck. Schwarzbärtig und in stolz erhabener Pose, so präsentierte sich der Kommandant.
„Verzeihen Sie mir meine Neugierde!“ rief der Seewolf. „Aber es ist schon einige Zeit her, daß wir mit Landsleuten zusammentrafen.“
„Woher kommen Sie?“
„Aus der Indischen See.“ Hasard wußte, daß er sich jetzt aufs Glatteis begab. Jeden Augenblick konnte er ausrutschen, weil der Kommandant über den Verkehr spanischer Schiffe in der Straße von Malakka wahrscheinlich gut unterrichtet war. Also mußte Hasard etwas tun, um das Gespräch von Bord zu Bord in andere Bahnen zu lenken. „Fast wären wir unterwegs überfallen worden, aber das steht auf einem anderen Blatt!“
„Was, von Piraten etwa?“
„Richtig. Wir konnten ihnen davonsegeln. Aber was wird hier gespielt, Comandante?“
„Wir sind hinter einem üblen Freibeuter von Malakka her, einem Kerl, der ‚Tiger von Malakka‘ genannt wird. Er soll sich mit seiner Meute auf dieser Insel oder in der Umgebung versteckt halten, nachdem er vor kurzem einen unserer Verbände vor Sumatra überfallen hat“, antwortete der spanische Kommandant.
„Hier, in diesem Dorf soll er sein?“
„Ja. Aber wir haben ihn vergeblich gesucht.“
„Er ist entwischt?“
„Die Eingeborenen wollten nicht preisgeben, ob der Hund wirklich hier gelandet sei“, entgegnete Arturo Diaz Escribano. „Deshalb wissen wir nicht, wo wir nach dem Tiger forschen sollen. Die Malaien, diese verfluchten Bastarde, stecken alle unter einer Decke und halten zusammen wie Pech und Schwefel.“
Hasard solidarisierte sich innerlich mit den Fischern des Dorfes. Was sollte sie denn dazu bewegen, sich ihrer Gesinnung nach auf die Seite der Spanier zu schlagen? Überall, wo die neuen Herren der Welt landeten, verstanden sie sich nur auf eines: zu morden, zu plündern und zu brandschatzen. Überdies trachteten sie fanatisch und unerschütterlich danach, alle „nackten Wilden“ zu bekehren.
„Haben Sie die Wilden getötet?“ erkundigte sich Hasard. Wieder spürte er dieses eiskalte, widerwärtige Rieseln auf dem Rücken.
„Nein, sie sind uns entwischt!“ schrie der Kommandant. „Wie die Aale sind sie meinen Leuten unter den Fingern weggeglitten, bevor diese sie richtig aushorchen konnten. Aber das werden die elenden Hunde bereuen. Das Dorf haben wir angesteckt – jetzt kämmen wir die ganze Insel ab und schaffen reinen Tisch!“
Escribano hatte sich immer mehr in Erregung gesteigert, das Ganze zehrte offensichtlich erheblich an seinen Nerven.
Hasards Züge hatten sich verhärtet. Aus Wut über den Mißerfolg wollten sich die Spanier an den unschuldigen Inselbewohnern rächen. Das sah ihnen ähnlich! Natürlich war Hasard bewußt, daß nicht alle Spanier Schurken waren, aber die Kategorie, die er hier vor sich hatte, zählte zu den übelsten, grausamsten.
„Welches ist Ihr Heimathafen, Capitán Buendia?“ wollte der Kommandant jetzt von ihm wissen. „Welches ist Ihr Ziel, und welche Ladung befördern Sie?“
„Viele Fragen auf einmal“, murmelte der Seewolf. „Aber ich werde sie dir gebührend beantworten, Don Felipe.“ Laut erwiderte er: „Das kann ich Ihnen nur in einem Gespräch unter vier Augen mitteilen, Comandante. Bitte haben Sie Verständnis dafür. Ich werde jetzt übersetzen, Ihnen eine Visite abstatten und Ihnen alles persönlich erklären, was Sie zu erfahren wünschen.“
Ben Brighton schaute seinen Kapitän ziemlich verdattert an. Nicht wegen der gedrechselten Redeweise, die dieser an den Tag legte, sondern wegen des Vorhabens.
Ben kam aber nicht dazu, seine Einwände zum Ausdruck zu bringen.
„Soll das heißen, daß Sie in geheimer Mission unterwegs sind?“ schrie Escribano vom Achterdeck seiner „Santissima Madre“.
„Si, Senor“, antwortete Hasard.
„Ich erwarte Sie, Buendia!“
Hasard sprang vom Schanzkleid aufs Deck und wandte sich sofort seinen Männern zu. „Ben, du übernimmst das Kommando über die ‚Isabella‘. Wenn es richtig losgeht, knöpfst du dir die beiden anderen Galeonen vor, verstanden?“
„Aye, Sir.“
„Shane, Blacky, Dan und Sam Roskill begleiten mich als Rudergasten im Boot.“
„In Ordnung“, sagte Big Old Shane. „Ed, du kannst das Boot abfieren lassen.“
„Hol’s der Henker“, ertönte Carberrys Stimme auf der Kuhl. „Das nenne ich den Teufel am Schwanz ziehen.“
„Sei doch still“, zischte Dan O’Flynn. „Willst du, daß die Dons dich hören? Wenn du schon herumbrüllst, dann wenigstens auf spanisch.“
„Eines Tages“, sagte der Profos so freundlich wie ein hungriger Hai, „eines Tages ramme ich dich wegen deiner vorlauten Klappe ungespitzt in die Kuhl, du verlauster Floh.“
Hasard hatte auf der Heckducht des Bootes Platz genommen und bediente die Ruderpinne. Über Shanes, Blackys, Dans und Sams Köpfe weg hatte er einen phantastischen Ausblick auf die Galeone „Santissima Madre“, ein Meisterwerk spanischer Schiffsbaukunst. Im Dahingleiten der Jolle stufte er das Flaggschiff als der 300-Tonnen-Klasse zugehörig ein. Das Schnitzwerk und die goldenen Verzierungen der Achterpartie konnte er nur bewundern, aber man mußte den Spaniern vorwerfen, daß sie es immer noch nicht gelernt hatten, ihren Seglern eine schlankere, flachere Form zu geben.
Dadurch wären die Schiffe schneller und beweglicher geworden. Aber der Trichter, mit denen man es den Dons ins Hirn hätte eingeben können, mußte erst noch erfunden worden. Sie betrachteten ihre Galeonen in erster Linie als Transportmittel für Gold, Silber, Diamanten, Soldaten und Passagiere. Es wurde viel dafür getan, die Schiffe so voll wie möglich zu stopfen, nichts aber für den Fortschritt in der Konstruktion.
„Eines Tages werden diese dicken Kästen mit dazu beitragen, daß Spanien als Weltmacht untergeht“, sagte Hasard. „Wenn sie es nicht fertigbringen, bessere Schiffe zu basteln und mit der Zeit zu gehen, übertrumpfen wir sie.“
„Ja“, sagte Shane mit einem breiten Grinsen. „Aber es fragt sich, ob wir dann noch am Leben sind oder im vernichtenden Kreuzfeuer den Hintern zugekniffen haben.“
„Mußt du das ausgerechnet jetzt anbringen?“ sagte Dan gedämpft. „Mann, du verunsicherst mich.“
„Das mußt gerade du sagen“, erwiderte Shane, ohne mit dem Grinsen aufzuhören. „Was ist, Hasard, jubeln wir diesem elenden Zuber gleich zur Begrüßung ein paar Höllenflaschen unter? Stecken wir sie ihm in die Kanonenmündungen?“
Hasard verfolgte, wie an Steuerbord der „Santissima Madre“ eine Jakobsleiter ausgebracht wurde. Sicherlich wartete Arturo Diaz Escribano bereits voller Ungeduld darauf, von „Vicente Buendias“ geheimer Mission zu erfahren.
Wundern sollte der sich!
„Nichts in der Richtung“, sagte Hasard zu dem graubärtigen Riesen. „Damit würden wir den Zweck der Übung verfehlen. Unser Ziel ist es, erst mal an Bord des Flaggschiffs zu gelangen. Paßt auf, wie ihr euch ausdrückt. Shane, halte dich mit dem Sprechen zurück, bei dir hört man den englischen Akzent noch am meisten heraus. Wenn sie zu früh spitzkriegen, daß wir nicht ihre Landsleute sind, sieht die Sache übel für uns aus.“
Die Jolle war der Bordwand des Spaniers nahe. Wuchtig wuchs das Schiff vor ihnen hoch. Hasard lenkte das Boot längsseits des wehrhaften Giganten, sie dümpelten auf die Jakobsleiter zu und verhielten, während Fender aus Tau und Kork den Anprall dämpften.
Hasard kletterte als erster die Sprossen der Jakobsleiter hoch. Er sprang lächelnd auf die Kuhl der Galeone, schaute sich um und begegnete der Mannschaft mit den üblichen Begrüßungsfloskeln – umständlichen Redewendungen, wie sie in Spanien verwendet wurden.
Der Großteil der Besatzung, vor allen Dingen die Soldaten, befand sich an Land, wie er schnell feststellte. Unter Deck vermutete er keinen der Männer. Es sei denn, das Ganze war tatsächlich eine Falle.
Aber diese Wahrscheinlichkeit rückte immer mehr in den Hintergrund.
Hasard schritt auf den Steuerbordniedergang zu, der zur Hütte hinaufführte. Er benutzte ihn so selbstverständlich, als würde er tagtäglich nichts anderes tun, als fremden Kriegsschiffskommandanten geheime Nachrichten mitzuteilen.
Niemand schien Unrat zu wittern. Noch nicht.
Arturo Diaz Escribano war ein Mann mit ausdrucksstarken, markanten Zügen. Die Hände hatte er auf dem Rücken ineinandergelegt. Seine Augen richteten sich forschend auf den Seewolf.
Drei Männer befanden sich in Escribanos Nähe – ein erster und ein zweiter Offizier sowie ein Bootsmann. Der Rudergänger stand unterhalb des Achterdecks auf dem Quarterdeck, das sich zwischen der achteren Erhöhung des Kastells und der Kuhl befand.
Hasard ließ den Kommandanten nicht aus den Augen, aber gleichzeitig gewahrte er auch den Ausdruck auf den Gesichtern der drei anderen Spanier.
Besonders der Bootsmann hatte eine Miene aufgesetzt, die Alarmzeichen in Hasard wachrief. Er beeilte sich, die Distanz zwischen sich und den vier Männern zu überbrücken. Keine Minute mehr konnte er die Maskerade aufrechterhalten, die Spanier waren keine Narren.
Er blieb dicht vor Escribano stehen und streckte ihm die Rechte hin.
„Es freut mich, einen tapferen Comandante der Armada kennenzulernen, über den ich bereits einiges vernommen habe“, sagte er.
Escribano drückte die ihm dargebotene Hand. „Willkommen auf der ‚Santissima Madre‘, Capitán Buendia. Nun, lassen Sie uns gleich auf den Kern der Sache zu sprechen kommen, denn ich habe keine Zeit zu verlieren. Verzeihen Sie die Hast, aber Sie wissen ja, was ich auf der Insel zu erledigen habe. Also bitte, reden Sie nur ganz offen.“
Hasard wandte etwas den Kopf und musterte den zweiten Offizier und den Bootsmann, die links vom Kommandanten standen. Der Bootsmann schaute immer skeptischer und verdrossener drein.
Aus den Augenwinkeln sah der Seewolf nun auch Dan O’Flynn und Big Old Shane. Sie hatten das Achterdeck ebenfalls erreicht und verharrten im vorderen Bereich der Steuerbordseite.
Sam und Blacky standen weisungsgemäß unten auf der Kuhl. Leutselig grinsten sie die spanischen Decksleute und Soldaten an.
„Euer Schiff liegt ziemlich tief“, sagte einer der Soldaten. „Was habt ihr denn geladen?“
„Streng geheim“, erwiderte Blacky in tadellosem Spanisch. „Laß dir aber soviel gesagt sein: Es handelt sich um Schnaps und anderes hochbrisantes Zeug.“
Der Soldat lachte. „Dann müßt ihr eigentlich einen ausgeben.“
Sam Roskill antwortete freundlich: „Ihr kriegt schon noch genug ab, verlaßt euch drauf.“
„Comandante“, sagte Hasard in diesem Moment auf dem Achterdeck. „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber was ich Ihnen auseinanderzusetzen habe, ist wirklich eine Sache, die sich nur unter vier Augen besprechen läßt.“
„Diese drei Männer genießen mein volles Vertrauen“, entgegnete Escribano etwas weniger freundlich.
Hasards Mundwinkel sanken auch ein wenig tiefer. „Das Oberkommando der Armada hat mir mehrfach eingeschärft, wie ich mich zu verhalten habe – ehe ich Cadiz Ende des vergangenen Jahres verlassen habe.“
„Was, Sie kommen aus Cadiz?“ versetzte der Flaggschiffkommandant verblüfft. „Hätten Sie das nicht gleich sagen können?“
Hasard wechselte das Standbein. „Comandante Escribano, ich ersuche Sie noch einmal …“
„Aus Cadiz“, unterbrach ihn der Bootsmann. „Ihre Galeone ist also ein Kriegsschiff, wenn ich recht verstehe?“
„Ein getarntes Kriegsschiff.“
„Mit auffallend hohen Masten.“
„Das ist die neueste Bauart“, erwiderte der Seewolf. „Wie lange haben Sie das Mutterland nicht mehr gesehen, Bootsmann?“
Der Bootsmann ging nicht darauf ein, sein Blick glitt ungeniert an Hasards Gestalt auf und ab. „Lederwams, weißes Hemd, Stulpenstiefel und eine ganz gewöhnliche, billige blaue Hose – ist das jetzt die neue Kapitänsuniform bei der Armada?“ fragte er.
„Das ist auch Tarnung“, sagte Hasard ruhig.
„Bei Ihnen scheint überhaupt alles Maske zu sein!“
„Bootsmann“, sagte der Kommandant scharf.
„Comandante!“ rief der Bootsmann. „Dieser Mann ist ein Betrüger! Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe das untrügliche Gefühl, weil so ein Schiff nie und nimmer auf einer spanischen Werft gebaut worden sein kann!“
Hasard durchlief es siedendheiß. Er suchte nach einer Möglichkeit, sich durch einen Sprung hinter den Rücken des Kommandanten zu bringen. Aber im Augenblick standen die Chancen dafür schlecht – der erste und zweite Offizier und der Bootsmann rückten etwas näher. Sie konnten ihm mühelos den Weg verstellen.
Aber da sagte Arturo Diaz Escribano: „Bootsmann, wie können Sie sich erdreisten, an dem Fortschritt spanischer Schiffsbaukunst zu zweifeln! Das ist ja geradezu ketzerisch! Außerdem werden Sie sich dafür verantworten müssen, daß Sie Capitán Buendia beleidigt haben.“
Der Bootsmann wollte etwas entgegnen, aber in diesem Augenblick ertönte aus dem Hauptmars der „Santissima Madre“ die Stimme des Ausgucks. „Boot an Steuerbord! Teniente Savero de Almenaras Melder möchte aufentern!“
Das Boot – Hasard hatte es gesehen, aber damit gerechnet, daß es eine der beiden anderen Galeonen ansteuern würde. Jetzt kam ihm dieser Irrtum unverhofft zu Hilfe. Die Köpfe des Kommandanten und seiner Achterdecksleute ruckten herum, nur für einen Sekundenbruchteil, aber das genügte dem Seewolf.
Ein großer Schritt nur, und er stand schräg hinter dem Kommandanten. Wie durch Zauberei lag die doppelläufige sächsische Reiterpistole in Hasards Rechter. Er preßte die Mündungen Escribano in die Seite. „Schluß mit den Spiegelfechtereien, Comandante“, sagte er. „Ich weise Sie darauf hin, daß ich Sie bei der kleinsten Dummheit wie einen tollen Hund niederstrecke. Außerdem informiere ich Sie, daß diese Pistole zwei Läufe hat und ich also noch einen Ihrer Vertrauten mit auf die Höllenreise schicken kann – falls Sie so närrisch sein sollten, sich zu wehren“
Arturo Diaz Escribano stand wie gelähmt da.
„Also doch“, murmelte er entsetzt. Seine geweiteten Augen richteten sich auf Shane und Dan, die nun ebenfalls sehr flink ihre Pistolen aus den Gurten gerissen hatten und auf die Offiziere zielten.
Hasard hatte sich so placiert, daß er seinen Kameraden beim Feuern nicht im Weg stand und nicht selbst gefährdet wurde.
Der Bootsmann traf Anstalten, seine Waffe zu ziehen.
„Davon rate ich ab“, sagte Hasard scharf. „Noch eine Bewegung, und es ist um dich geschehen, Amigo. Gleichzeitig erledigen wir deinen närrischen, gutgläubigen Comandante.“
„Bootsmann“, stieß Escribano erstickt aus. „Keinen Widerstand leisten. Das ist ein Befehl.“
Der Bootsmann stand daraufhin wie eine steife Marionette da, aber er konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Capitán Vicente Buendia von der ‚Alaria‘, wie? Ich hatte Sie gewarnt, Comandante. Niemals konnte das ein spanisches Schiff sein.“
„In diesem Punkt sind wir uns einig“, erwiderte Hasard kalt. „Natürlich kann Spanien so schlanke und wendige Schiffe auch in zehn, zwanzig Jahren noch nicht konstruieren.“
„Lüge“, keuchte der Kommandant. „Spanien wird dich mit riesigen Galeonen hetzen, mit Tausendtonnern …“
„Ja, das ist eben euer Fehler.“ Hasard lächelte verwegen. „Ihr baut immer größere und plumpere Kästen, die man immer besser knacken kann.“
„Wer bist du?“
„Philip Hasard Killigrew, mein Freund. Man nennt mich auch El Lobo del Mar, den Seewolf.“
Wie vom Donner gerührt starrten die Spanier ihren Bezwinger an. Unterdessen hatte auf der Kuhl immer noch niemand begriffen, was auf dem Achterdeck geschah, und sowohl Sam und Blacky als auch Shane und Dan paßten wie die Luchse auf, daß kein Ungebetener das Achterdeck betrat.
„Das Boot“, sagte Dan nur. „Es hat uns fast erreicht, Hasard.“
Hasard deutete eine Verbeugung zu Arturo Diaz Escribano hin an. „Gehen wir nun nach vorn, an die Five-Rail. Ihr versteht doch, was ich meine, ehrenwerter Comandante? Die Five-Rail ist die Schmuckbalustrade über dem Quarterdeck, jedenfalls bei uns Engländern.“
„Elender Verbrecher“, stieß der Kommandant mit verzerrter Miene aus. „Ich werde dich vernichten.“
„So wie den ‚Tiger von Malakka‘?“
„Du wirst noch bereuen, was du getan hast.“
„Leere Sprüche“, sagte der Seewolf wegwerfend. „Damit kommen wir nicht weiter. Halte eine Ansprache, Don Felipe von der traurigen Gestalt. Sag deinen Leuten auf der Kuhl, sie sollen sich ruhig verhalten, ganz ruhig.“
Escribano gehorchte. Er trat an die Schmuckbalustrade. Hasard ging mit. Im blassen Licht des Spätnachmittags sahen sie auf die Männer hinunter, die gespannt zu ihnen aufschauten.
Escribano begann zu reden, und im selben Augenblick brachten Blacky und Sam Roskill ihre Waffen in Anschlag auf die spanische Mannschaft. Sam legte den Kopf in den Nacken, zielte nach oben, auf den Großmars, und rief dem Ausguck zu: „Los, abentern!“
„Comandante!“ brüllte der entsetzte Mann.
„Das ist ein Befehl“, sagte Arturo Diaz Escribano zum zweitenmal binnen kurzer Zeit. Der Ausguck verließ seinen luftigen Posten und enterte in den Wanten ab.
Escribano überlegte unterdessen, ob er sich auflehnen sollte. Aber es gab keine Vorschrift, nach der ein Mitglied der spanischen Armada zwingend zum Selbstmord verpflichtet war.
Der Ausguck hatte die Kuhl noch nicht ganz erreicht, da tönten von außenbords Stimmen herauf. Der Melder des Teniente wollte wissen, was geschehen sei. Selbstverständlich war ihm das seltsame Verhalten des Ausgucks nicht entgangen.
Sam Roskill trat neben eine der geladenen, schußbereiten Culverinen der Steuerbordseite, bückte sich und nahm eine ebenfalls geladene Muskete in die Hand. Er trat ans Schanzkleid, führte den Lauf der Waffe über die Brüstung und zielte auf die Bootsbesatzung unter sich – vier Rudergasten außer dem Melder.
„Keine Faxen! Entert auf!“ rief er ihnen zu.
Fesseln und knebeln wollten die Seewölfe ihre spanischen Gegner. So lautete Hasards Order. Aber er hatte sich auch von vornherein ausgemalt, daß nicht alles nach Wunsch verlaufen würde. Daß es richtig war, sich keinen falschen Hoffnungen hinzugeben, stellte sich für die Männer der „Isabella“ jetzt heraus.
Der Bote und seine Begleiter im Boot spielten nicht mit.
Nur die eine Muskete sahen sie auf sich gerichtet, und deshalb rechneten sie sich gute Chancen aus, mit dem Gegner fertig zu werden, der die Frechheit hatte, sie zu bedrohen.
Sie zückten ihre Waffen.
Der Melder des Teniente schrie: „Alarm!“
Auf den anderen beiden Galeonen, der „Santa Barbara“ und der „San Juan“ wurde es lebendig. Auch an Land war der Schrei durch das Prasseln des Feuers hindurch vernommen worden. Der Batak Siabu, endlich verarztet, sprang auf und lief mit dem Feldscher der „Santa Barbara“ zu dem Teniente. Savero de Almenara selbst stand leicht vorgebeugt da und spähte zu den Schiffen. Es dämmerte ihm. Der fremde Segler hatte sich als Wolf im Schafspelz eingeschlichen!
Der Bote im Boot feuerte als erster seine Pistole ab.
Er hatte aber nicht sonderlich gut gezielt. Sam Roskill brauchte sich nur hinters Schanzkleid zu ducken, und die Kugel pfiff um zwei Handspannen über seinen Kopf weg.
Dann zuckte Sam wieder hoch. Er schoß zuerst mit der Muskete, ließ die leere Waffe fallen und betätigte auch den Abzug seiner Pistole. Zwei Männer sanken im Boot zusammen, die anderen zuckten fluchend zurück.
„Das war der Auftakt“, sagte Hasard. Er gab seinen Männern ein Zeichen, wandte sich dann dem Kommandanten zu und erklärte: „Tut mir aufrichtig leid, aber ihr habt es ja nicht anders gewollt.“
Weiß vor Schreck starrte Escribano ihn an. Er glaubte allen Ernstes, Hasard würde seine Radschloßpistole abfeuern.
Aber er kannte den Seewolf nicht. Der holte aus und schickte Escribano mit einem Jagdhieb gegen die Schläfe auf die Planken.
4.
Big Old Shane und Dan O’Flynn waren jetzt neben den Achterdecksleuten der „Santissima Madre“. Auch sie schlugen zu, bevor es den Spaniern einfiel, Widerstand zu leisten. Sie bedienten sich der effektvollen Tricks, die ihnen der Mönch von Formosa beigebracht hatte – und prompt fielen auch diese Männer der Allerheiligsten Mutter auf die Decksplanken.
Auf der Kuhl war Blacky losgestürmt. Drei, vier Gegner konnte er mit den bloßen Fäusten umhauen, dann hatten die übrigen die Waffen in den Fäusten und glaubten, die Gelegenheit beim Schopf packen zu können.
Blacky warf sich hin, überrollte sich vor der Kuhlgräting und richtete sich hinter der Deckung wieder halb auf. Soldaten und Decksleute feuerten auf ihn. Er zog den Kopf ein, schob die Pistole über den Rand der Gräting, spähte und schoß zurück.
Ein Mann brach getroffen zusammen.
„Verdammte Narrenbande“, sagte der Seewolf. Es hatte keinen Zweck, er mußte seinen ursprünglichen Plan, den Kommandanten als Geisel zu benutzen und die drei Schiffsbesatzungen zur unblutigen Aufgabe zu zwingen, aufgeben. Blacky war in Gefahr. Fünf, sechs Spanier pirschten auf ihn zu und wollten ihn aus seiner Deckung treiben.
Hasard legte mit der Reiterpistole an. In rascher Folge feuerte er die beiden Läufe leer, und zwei Gegner blieben reglos auf der Kuhl liegen.
Blacky schnellte aus der Deckung. Er hatte sein Entermesser gezückt und drang damit gegen die anderen Gegner vor. Sie hatten ihre Schußwaffen leergefeuert, keine anderen Pistolen oder Musketen zur Hand und konnten sie auch nicht so schnell von den Gefechtsstationen holen. Sie mußten sich mit Säbeln und Schiffshauern ihrer Haut wehren.
Einer dieser Männer löste sich von der Gruppe und schlich auf Sam Roskills Rücken zu. Sam hatte in der Zwischenzeit noch zwei Musketen auf das Boot leergeschossen, und wieder war die Wirkung verheerend gewesen. Noch zwei Spanier hatte es erwischt, der fünfte Mann war verletzt und trachtete, sich hastig pullend zurückzuziehen. Sam ließ ihn reisen, sah ihm aber nach, um sicher zu sein, daß er sich nicht etwa um den Schiffsbug herumtastete. Er hätte ihnen von der anderen Seite her in den Rücken fallen können. Möglich war alles.
Shane und Dan hatten den Bewußtlosen auf dem Achterdeck die Pistolen abgenommen. Shane war jetzt als erster am Steuerbordniedergang und sah, was sich hinter Sam Roskill tat. Seine Faust mit einer der Pistolen flog hoch. Dumpf brach der Schuß. Der Mündungsblitz war ein rotgelber Schlitz in der Dämmerung. Schreiend wälzte sich der Spanier plötzlich unter dem Bodenstück einer Culverine. Sam Roskill fuhr herum und wurde sich der Gefahr bewußt, in der er geschwebt hatte.
„Heiliger Strohsack“, stieß er hervor.
Shane und Dan feuerten gleichzeitig, und die letzten Gegner an Bord des Flaggschiffs brachen zusammen. Die „Santissima Madre“ gehörte den Seewölfen, wenn man so wollte, aber der Tanz ging jetzt erst richtig los.
Die Kapitäne der „Santa Barbara“ und der „San Juan“ eröffneten das Feuer auf die „Isabella“. Auf ihr Flaggschiff hielten sie vorläufig nicht, denn sie wollten weder den Kommandanten Arturo Diaz Escribano noch die Offiziere und die Decksleute gefährden, die noch am Leben waren.
Ben Brighton ging mit der „Isabella“ an den Wind und ließ die Steuerbordbreitseite gegen die beiden spanischen Kriegssegler los. Im Nu war der Teufel los. Schwer rollte der Geschützdonner über die Inselbucht und aufs offene Meer hinaus.
Fast sah es so aus, als müsse die „Isabella“ im Gefecht unterliegen.
War sie denn gepanzert und gegen Treffer geschützt, die Seewölfe unverwundbar? Noch standen alle Möglichkeiten offen, im Guten wie im Bösen.
Hasard lief zu Shane und Dan. Gemeinsam stürzten sie auf die Kuhl, wo Blacky und Sam Roskill bereits damit beschäftigt waren, das Großsegel zu setzen. Zwei Batteriedecks mit jeweils einem Dutzend 17-Pfündern hatte die „Santissima Madre“, aber dem Seewolf standen nur vier Männer zur Verfügung, um das schwere Schiff zu manövrieren und gleichzeitig zu feuern.
Trotzdem griff er in das Gefecht ein, ohne auch nur eine Sekunde Zeit zu verlieren.
Dan O’Flynn stand am Kolderstock der Galeone. Blacky bediente das Großsegel. Mehr Zeug wurde auf Hasards Anweisung hin nicht gesetzt. Sam Roskill und Big Old Shane waren die Geschützführer an Oberdeck, während der Seewolf in das Dunkel des Schiffsleibes lief. Er gelangte ins untere Batteriedeck. Als er feststellte, daß auch hier die Kanonen zum Feuern bereit waren, atmete er unwillkürlich auf.
Zum Laden wäre keine Zeit gewesen, er hätte sich mit den Geschützen der Kuhl begnügen müssen.
So aber standen ihm zwei Dutzend bronzene 17-Pfünder-Culverinen zur Verfügung. Hasard kauerte sich neben das erste Geschütz an Steuerbord, schürte das verglimmende Holzkohlenfeuer im Becken, steckte das Luntenende hinein und blickte aus der offenen Stückpforte ins Freie.
Die beiden spanischen Galeonen hatten sich im Dämmerlicht in feuerspukkende Schemen verwandelt. Die „Santa Barbara“ fiel soeben ab und präsentierte der „Isabella“ ihre Buggeschütze. Die „San Juan“ hatte ihre Steuerbordbreitseite auf den Gegner abgefeuert, ohne sichtbaren Erfolg allerdings – und jetzt luvte sie nach Südosten an, um eine enge Schleife zu fahren und die „Isabella“ von achtern anzugreifen.
Hasard trat die Lunte auf den Planken aus. Er ließ die Zündschnur los, lief unter die Luke der Kuhl, die durch die Gräting verdeckt war, und schrie: „Blacky! Dan! Wir schieben uns zwischen die beiden Galeonen! Seht zu, daß ihr es schafft!“
„Aye, Sir!“ rief Blacky zurück.
„Shane, Sam – noch nicht feuern! Wartet auf mein Zeichen!“
„Aye, aye“, ertönte das grollende Baßorgan des graubärtigen Riesen.
Für das, was auf Hasards Befehl hin geschah, hätte nichts eine dramatischere Kulisse sein können als das glutrote Zackenbild des brennenden Dorfes im zunehmenden Dunkel des Abends. Der Teniente Savero de Almenara, der Sargento, der Batak Siabu, der Feldscher der „Santa Barbara“ und die Soldaten an Land verfolgten fassungslos, wie die „Santissima Madre“ jetzt hoch an den Wind ging und auf Steuerbordbug leicht beschleunigend auf die „San Juan“ und die „Santa Barbara“ zusteuerte.
Es war eine seemännische Meisterleistung. Zwei Männer, Dan O’Flynn und Blacky, dirigierten die schwere Galeone so hart am Nordost durch die Bucht, daß der Rahsegler jeden Augenblick in den Wind zu laufen und das Großsegel zu killen drohte.
Und doch geschah es nicht. Die „Allerheiligste Mutter“ schob sich mit kräuselnder Bugwelle und etwas schräg versetzt mitten zwischen die herumschwenkende „Santa Barbara“ und die halsende „San Juan“. Es passierte in einem Moment, in dem die Besatzungen der beiden Galeonen mit dem Ladevorgang der leergeschossenen Geschütze noch vollauf beschäftigt waren.
Die „Santissima Madre“ zog elegant an den Buggeschützen der „Santa Barbara“ vorbei, befand sich jetzt fast an dem vom Seewolf bestimmten Ziel und verdeckte die „Isabella VIII.“ mit ihrem mächtigen hölzernen Leib.
Fast schien der Kapitän der „Santa Barbara“ zu erschüttert zu sein, um den Feuerbefehl zu geben.
„Feuer!“ tönte es dann jedoch von der „Santa Barbara“ herüber.
Die 9-Pfünder-Buggeschütze donnerten gleichzeitig los, aber ihre Kugeln rasierten der „Santissima Madre“ nur einen Teil des Backbordschanzkleides in Höhe des Quarterdecks weg. Dan O’Flynn duckte sich vor einem wirbelnden Balkenstück. Es taumelte über hin weg und krachte gegen die Querwand der Hütte.
Und schon war die „Santissima Madre“ am Vorsteven der „Santa Barbara“ vorbei, ging nun, während Blacky in aller Eile das Großsegel aufgeite, tatsächlich in den Wind und glitt mit verringerter Fahrt in die Schußrichtung der Backbordgeschütze der „Santa Barbara“ und der Steuerbordbatterie der „San Juan“.
An Bord der „San Juan“ wurde das Nachladen gerade zu Ende vollzogen. Einzig die Backbordkanonen der „Santa Barbara“ waren einsatzbereit – gegen das eigene Flaggschiff.
„Allmächtiger“, stöhnte der Teniente de Almenara. „Das darf doch nicht wahr sein. Der Comandante befindet sich noch an Bord der ‚Santissima Madre‘, und unsere Leute sind gezwungen, ihn mit zu töten, wenn sie …“
„Si, Teniente“, sagte der Feldscher der „Santa Barbara“. „Sie müssen die ‚Allerheiligste Mutter‘ zusammenschießen, und unser Comandante wird als Held für das Vaterland fallen.“
Der Batak hob plötzlich den unverletzten Arm und wies zur Bucht. „Da, seht doch – das Boot!“
Ja, da war es wahrhaftig, das Beiboot, das de Almenaras Boten zum Flaggschiff hatte befördern sollen. Vier Tote lagen über den Duchten. Der verwundete Mann, der wie ein Verrückter pullte, entpuppte sich als der Melder.
„El Lobo del Mar!“ schrie er wie von Sinnen. „Der Seewolf!“ Diesen Namen hatte ihm der Ausguck der „Santissima Madre“ zugerufen, bevor er im Kampf gegen die Feinde auf die Planken der Kuhl gesunken war.
„Der Seewolf.“ Der Teniente spürte, wie ihm schwindlig wurde. Spaniens meistgehaßter Feind – hier! Fast erschien es ihm zu ungeheuerlich. Dann aber faßte er sich. Er dachte an die Belohnung, die Philipp II. für die Ergreifung des Seewolfs ausgesetzt hatte.
„Zu den Waffen!“ schrie de Almenara. „Schnappt euch die Musketen, die Arkebusen, ihr Hunde! Wir müssen in den Kampf eingreifen!“
Die anderen musterten ihn etwas verständnislos von der Seite. Als de Almenara jedoch auf die Boote wies, ging ihnen auf, was er vorhatte. Weil die Reichweite der Musketen und Arkebusen von Land aus bis zu den Schiffen nicht groß genug war, wollte der Teniente allen Ernstes die Boote bemannen und zwischen die Galeonen pullen.
Dem Sargento klappte der Unterkiefer herunter. Dem Feldscher wurde es in der Kniegegend weich, und selbst der Batak, ein harter Naturmensch, verspürte Furcht vor diesem Himmelfahrtskommando.
Die „Santissima Madre“ lag inzwischen auf gleicher Höhe mit der „Santa Barbara“ und der „San Juan“. Gerade hatten die beiden Galeonen so weit gewendet, daß sie sich praktisch auf entgegengesetztem Parallelkurs zu ihrem Flaggschiff befanden.
„Feuer!“ brüllte der Kapitän der „Santa Barbara“ wieder – und die Backbordbatterie seines Dreimasters spuckte ihre tödliche Ladung aus.
Gleich darauf rasten die 17-Pfünder-Kugeln von beiden Seiten der „Santissima Madre“ los. Sam Roskill und Big Old Shane hetzten wie die Teufel über die Kuhl und zündeten eine Kanone nach der anderen.
Hasard unternahm inzwischen das gleiche auf dem unteren Geschützdeck. Er mußte abbrechen, als auf die schlecht gezielte Backbordbreitseite der „Santa Barbara“ hin jetzt eine vortrefflich gezielte Steuerbordbreitseite der „San Juan“ auf das Flaggschiff einhämmerte. Plötzlich brach die Bordwand ein, Feuer und Rauch traten durch die Bresche und mischten sich mit dem beißenden Pulverqualm der von Hasard in Betrieb gesetzten Geschütze. Ein Inferno entwickelte sich unter den niedrigen Deckenbalken. Hasard konnte in diesem Moment nur eins tun – sich hinwerfen.
Die „Santissima Madre“ schaukelte wild hin und her: Hasard befürchtete, daß sich eins der Geschütze aus den Brooktauen lösen könnte. Wenn das geschah, lief er Gefahr, zerquetscht zu werden.
Aber er hatte Glück. Der Lärm verhallte, und die „Santissima Madre“, die mit stark reduzierter Geschwindigkeit auf das Inselufer zuhielt, geriet in eine ruhigere Position zurück.
Groß klaffte das Loch in der Bordwand, aber es lief kaum Wasser durch das Leck herein, dafür saß es zu hoch. Mit einem grimmigen Ausdruck auf den Zügen richtete der Seewolf sich wieder auf. Er entfachte eine Lunte, setzte seinen Weg durch das Schiffsinnere fort, und wieder begannen die Kanonen der „Santissima Madre“ zu sprechen.
Auf der Kuhl zündeten Sam und Shane die letzten, randvoll geladenen Geschütze.
Zum exakten Zielen blieb kaum Zeit, so daß etwa die Hälfte des Beschusses wirkungslos im Wasser der Bucht verpuffte. Die anderen Kugeln jedoch saßen – sowohl auf der „Santa Barbara“ als auch auf der „San Juan“.
Die „Isabella“ war dank Hasards verwegenem Einsatz der von achtern anrückenden „San Juan“ davongesegelt und hatte alle drei Schiffe passiert. Ben Brightons Kommandorufe hallten im Einklang mit Carberrys Gebrüll. Die große Galeone ging über Stag, fuhr auf diese Art einen Kreuzschlag und steuerte mit neuem, westlichem Kurs hart an der „Santa Barbara“ vorbei auf die Insel zu.
Der Teniente Savero de Almenara und die ihm zugeteilten Männer waren gerade in die Boote geklettert und schickten sich an, loszupullen, da stiegen Feuerzungen von der heranrauschenden „Isabella“ auf.
„Brandpfeile!“ schrie der Sargento. „Die gelten uns!“
„Schweig, du Hasenfuß!“ brüllte der Teniente außer sich vor Wut zurück. Es war unvorstellbar, wie sich seine Landsleute von der um sich greifenden Panik packen ließen. „Die Pfeile zielen auf die ‚Santa Barbara‘“, schrie er wild. „Und jetzt pullt, ihr elenden Bastarde, ihr Hur …“
Das letzte Wort blieb ihm im Halse stecken, denn er stellte zu seinem Entsetzen fest, daß er sich geirrt hatte. Zischend fuhr der erste Brandpfeil auf sie nieder – auf sein Boot! Ein Fanal rammte sich wie eine himmlische Mahnung zwischen die Duchten und leckte an den Beinen von zwei Soldaten hoch. Ein mehrstimmiger Schrei gellte über die Bucht.
De Almenara wollte fluchen, schießen, vorandrängen, aber seine Aktion wurde im Keim erstickt. Immer mehr Pfeile prasselten auf die Boote nieder und entfachten ein munter loderndes Feuer.
Dabei war es nur ein Mann, der Pfeil um Pfeil von der Bogensehne sandte: Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia. Auf Ben Brightons Anordnung hin war er in den Vormars der „Isabella“ aufgeentert. Ein breites Grinsen hatte sich auf Batutis Gesicht gelegt. Und während er schoß, bedauerte er nur eins – daß Big Old Shane, der andere hervorragende Bogenschütze der „Isabella“, nicht an diesem Zielschießen teilhaben konnte.
Die „Isabella“ legte sich an den Nordostwind, der frisch genug über die Insel strich, um ihr rasche Fahrt zu verleihen. Ferris Tucker kniete auf dem Achterdeck neben der von ihm gebastelten, schleuderähnlichen Konstruktion. Er hatte die Boote des Landtrupps nun genau vor sich und handelte.
Was da in leicht torkelndem Flug zur Insel hinübersauste, fand zunächst kaum die Beachtung von de Almenara und den anderen Spaniern. Die Männer waren zu sehr damit beschäftigt, das Feuer in den Booten zu löschen und die Glut auf ihrer Kleidung auszuschlagen.
Eine Flasche war in das Boot neben dem von de Almenara gekollert. Der Sargento, der das Kommando in dieser Jolle innehatte, hob sie halb verblüfft, halb verstört auf und stellte noch fest, daß sie gefüllt und mit einer glimmenden Lunte versehen war.
Dann war die Luntenglut durch den Korkstopfen der Flasche gekrochen. Ferris Tuckers Höllenladung explodierte dem Sargento in der Faust.
Die Wucht des Donnerhiebes hob den Teniente glatt aus dem Nebenboot. Im Flachwasser richtete de Almenara sich wieder auf. Er entdeckte neben sich den Batak und den Feldscher der „Santa Barbara“. Er wollte ihnen etwas zurufen, aber neue „Höllenflaschen“ aus der Produktion von Hasards rothaarigem Schiffszimmermann landeten vor dem Ufer und gingen hoch.
Dabei spielte es keine Rolle, ob sie trocken in die Boote polterten oder ins Wasser schlugen. Auch unter Wasser detonierten die gut abgedichteten Flaschen noch, wenn das Luntenfeuer bereits durch den Korken hindurch war.
Daß dies der Fall war, dafür sorgte Ferris Tucker, der die Flaschen nie zu früh von seiner „Höllenflaschenabschußkanone“ hochschwingen ließ.
„Nein“, stieß der Teniente hervor. „Madre de Dios, nein!“
Er erhob sich im Wasser, watete an Land, fiel hin, rappelte sich wieder auf und entging um ein Haar einem Brandpfeil, der links hinter ihm in den Sand des kleinen Strandes zischte.
Nur noch darauf bedacht, das nackte Leben zu retten, hastete er auf die Felsen zu. Er war heilfroh, als er einen Einschnitt entdeckte, in den er sich zwängen konnte. Noch zwei oder drei Männer stiegen hinter ihm in dem steinigen Hang auf, der zum lodernden Dorf hinaufführte, aber Savero de Almenara schaute sich nicht zu ihnen um.
Unterdessen hatte die „Isabella“ auch wieder das Feuer auf die „Santa Barbara“ eröffnet. Ben Brighton und die Crew halfen nun ihrerseits dem Seewolf.
Hasard erhielt dadurch Luft. Er und seine vier Begleiter an Bord der „Santissima Madre“ konnten zumindest einige Geschütze nachladen.
Wenig später trieb die „Santa Barbara“ mit zerschossenem Steuerruder und unter hohen, roten Flammen durch die Bucht. An diesem Punkt nahm das Gefecht seine entscheidende Wende – zugunsten der Seewölfe.
Noch immer glaubte der Kapitän der „San Juan“ jedoch, er könne die Entwicklung wieder in den Griff kriegen. Die Korsaren versuchten, ihn in die Flucht zu schlagen, aber er ließ nicht locker. Er hatte den Namen „El Lobo del Mar“ deutlich mehrmals rufen hören und wollte sich die Lorbeeren verdienen, auf die jeder Spanier zur See aus war. Den Seewolf zu besiegen, hieß nicht nur, eine hohe Belohnung zu kassieren, sondern auch in Rang und Ansehen zu steigen.
Hasard und Ben ließen von der „Santa Barbara“ ab und wandten sich der „San Juan“ zu. Für kurze Zeit verwandelte sich die spanische Galeone zu einer dröhnenden Feste unter dem Mantel der Nacht, doch dann durchbrachen die Seewölfe ihre Verteidigung und setzten ihr zu, wie sie es auch bei der „Santa Barbara“ getan hatten.
Kurze Zeit darauf zündete Ben Brighton auf dem Achterdeck der „Isabella“ einen der chinesischen Brandsätze. Weißes Magnesiumlicht geisterte über das Wasser und fraß sich gierig in den Rumpf der „San Juan“. Das Feuer tanzte die Masten hoch und verschlang das Rigg, es ließ sich nicht aufhalten, nicht löschen.
Chinesischer Schnee, eine Salpetermischung, jagte dem Brandsatz nach und heizte das Oberdeck des spanischen Kriegsseglers zu einer siedenden Brühe auf, auf der es kein Aushalten mehr gab.
Die Besatzungen der „Santa Barbara“ und der „San Juan“ retteten sich in die See. Vier Boote waren in aller Hast noch abgefiert worden, eins klatschte aus halber Höhe in die Fluten. Wer noch schwimmen konnte, rettete sich in diese Boote. Die Verletzten ertranken.
Nur ein Weg stand den Spaniern noch offen – der in die offene See.
Hasard hatte den Kommandanten Arturo Diaz Escribano, den ersten Offizier, den zweiten Offizier, den Bootsmann und die anderen Überlebenden der „Santissima Madre“ mit vorgehaltener Pistole auf dem Achterdeck zusammengetrieben. Sie waren alle wieder zu sich gekommen und blickten den Seewolf aus haßlodernden Augen an.
Shane und Sam Roskill erschienen ebenfalls mit gezückten Waffen auf dem Achterdeck.
„Springt!“ befahl der Seewolf den Besiegten. „Dann könnt ihr eure Kumpane noch erreichen. Comandante, zwing mich nicht, drastisch zu werden.“
Escribano erklomm daraufhin das Schanzkleid, stieß sich mit den Beinen ab und segelte in die schwärzliche Tiefe. Die Offiziere, der Bootsmann und die einfachen Decksleute und Soldaten folgten ihm.
Hasard sah ihnen nach, wie sie zu den Booten schwammen. Escribano schrie wie wahnsinnig, und die Bootsführer ließen Fahrt wegnehmen. Man hörte mit dem Pullen auf, hilfreiche Hände streckten sich den „Schiffbrüchigen“ entgegen. Sie wurden übergenommen. Der Kommandant wäre vielleicht zur Insel zurückgekehrt, auf einem Umweg durch die Nacht etwa, wenn er sich die geringste Chance ausgerechnet hätte, noch einen Vergeltungsschlag gegen den Feind zu führen.
So aber – naß, unbewaffnet, erniedrigt – blieb ihm wirklich nur die Flucht zur offenen See.
„Shane“, sagte Hasard, als er sich umdrehte. „Du steigst jetzt ins Schiff hinunter, suchst dir ein paar Werkzeuge und vergrößerst die Lecks so, daß der Kahn absäuft.“ Er blickte zur „Isabella“. Ben hatte ein Boot abfieren lassen.
„Unsere Jolle liegt noch an Steuerbord dieses Kübels“, erklärte Sam Roskill grinsend. „Wir hatten sie an der Jakobsleiter vertäut, sie ist mitgeschleppt worden und wie durch ein Wunder von den Kugeln verschont geblieben.“
„Dann gib Ben ein Zeichen, daß wir das andere Boot nicht brauchen“, antwortete der Seewolf. „Wir steigen in unsere Jolle und setzen über, sobald Shane unten fertig ist.“
„So, als ob nichts geschehen wäre“, sagte der ehemalige Schmied und Waffenmeister von Arwenack-Castle.
Erst jetzt lachten die fünf Männer erlöst auf. Eine Art befreiender Schock schien sie getroffen zu haben, die Anspannung der vergangenen Minuten glitt von ihnen ab, und sie wurden sich erst jetzt richtig bewußt, wie knapp sie dem Tod entgangen waren.
5.
Nicht nur die „Santissima Madre“ sank in der Bucht der Insel. Auch die „Santa Barbara“ und die „San Juan“, von den Flammen weitgehend zerstört, neigten sich dem Grund entgegen. Die „Santa Barbara“ krängte hart nach Steuerbord, bevor sie sich den Blicken der Seewölfe entzog. Die „San Juan“ wurde stark buglastig und hob ihr Heck aus dem Wasser. Danach tauchte sie rauschend unter. Das letzte Feuer in ihrem Achterkastell erlosch zischend.
Hasard erkundigte sich an der Bordwand der „Isabella“: „Ben, haben wir Verluste?“
„Keine Sir!“ rief sein Bootsmann von oben zurück. Grinsend hatte er den Kopf übers Schanzkleid geschoben. „Nur ein paar unbedeutende Blessuren.“
Der Seewolf atmete auf. „Großartig. Schicke Carberry, Ferris Tukker und Smoky zu mir herunter. Wir entern vorläufig nicht auf. Ich will die Insel inspizieren und sehen, ob wir etwas für die Eingeborenen tun können.“
„Aye, Sir. Wir warten hier auf euch?“
„Ja, Ben. Wenn wir Verstärkung brauchen – was ich nicht glaube –, gebe ich dir ein Zeichen.“
Wenig später schob sich der Bug der Jolle knirschend in den Ufersand. Hasard sprang als erster an Land. Er begann, die teils im seichten Wasser, teils auf dem Strand liegenden Gestalten zu untersuchen. Ferris Tucker trat zu ihm, und Hasard schaute ihn an.
„Keiner hat es überlebt“, sagte er. „Diese Flaschen haben eine wirklich verheerende Wirkung.“
„Die Dons haben es nicht anders gewollt …“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Sicherlich hätten wir einiges Blutvergießen vermeiden können“, fuhr der große, rothaarige Mann unbeirrt fort. „Aber nur, wenn die Dons nicht verrückt gespielt hätten.“
Hasard sah ihn fest an. „Ich wollte nur ausdrücken: Es kann kaum jemand ins Innere der Insel entwischt sein. Das ist alles, Ferris. Wir haben ein ganzes Dorf unschuldiger Männer, Frauen und Kinder vor dem Tod bewahrt, und allein das rechtfertigt unser Verhalten.“
Er stieg mit seinen sieben Männern zum Dorf hinauf. Hier konnten sie nur noch dem Abklingen des vernichtenden Feuers beiwohnen. Der feuchte Regenwald stoppte die Flammen am Saum des freien Platzes, der von der Existenz der einstigen Fischersiedlung zeugte. Ein Ausbreiten des Brandes, ein Dschungelfeuer, war nicht möglich.
Von den Hütten waren nur kärgliche Aschereste geblieben. Es hatte wenig Sinn, die von diesen Haufen aufzüngelnden Flammen zu löschen.
„Damit erreichen wir nichts“, sagte der Seewolf nach einem kurzen Dialog mit Carberry. „Die Eingeborenen müssen das Dorf ohnehin neu aufbauen, und es ist fraglich, ob sie es am selben Platz tun werden.“
„Wir haben hier also unsere Schuldigkeit getan“, meinte der Profos. „Wir können wieder abhauen, oder?“
„Nicht ganz. Ich will die Eingeborenen suchen.“
„Hasard“, sagte Carberry mit düsterer Miene. „Es könnten Kopfjäger sein wie die Burschen auf Kalimantan. Was haben wir davon, wenn sie uns die Rüben abhacken, sie in einen großen Topf schmeißen und Schrumpfschädel daraus herstellen?“
Dan grinste diabolisch. „Einen echten Gewinn, zumindest, was dich betrifft, Ed.“
„Sei du bloß still …“
„Wenn dir nämlich nach dem Abhacken ein neues Haupt nachwächst“, fuhr Dan unbeirrt fort, „ist das bestimmt besser mit Grips aufgefüllt als die jetzige Birne. Außerdem hast du dann ein neues, schöneres Gesicht und …“
„Köpfe wachsen nicht nach“, sagte der Profos drohend. „Und wenn du nicht aufhörst, hau ich dir den Schädel platt, daß das ganze Stroh ’rauskommt. Kapiert?“
Er holte schon mit der rechten, klüsengroßen Pranke aus, und Dan hielt es nun wirklich für angebracht zu schweigen.
Edwin Carberry wandte sich noch einmal an den Seewolf. „Du willst dich allen Ernstes in den verteufelten Busch wagen und nachsehen, wohin sich die Wilden verzogen haben? Jetzt, mitten in der Nacht?“
„Ja. Ich glaube nicht, daß die Leute Kopfjäger sind. Nein, auch keine Kannibalen, Ed. Sun Lo hat mir gesagt, daß so rüde Bräuche nur auf den weiter östlich liegenden Inseln herrschen.“
„Der ist auch nicht allwissend.“
„Profos“, sagte der Seewolf hart. „Du kannst ja an Bord der ‚Isabella‘ zurückkehren, wenn du die Hosen voll hast.“
Das saß. Carberry senkte den Schädel ein wenig, streckte sein Rammkinn vor und marschierte als erster auf den Inselurwald zu. Nein, als Feigling ließ er sich nun wirklich nicht einstufen. Entschlossen zückte er seinen schweren Cutlass und begann, auf das widerspenstige Dikkicht einzudreschen, um einen Durchlaß zu schaffen.
Hasard ließ sich von Dan O’Flynn eine mitgebrachte Pechfackel anzünden. Damit gab er ein Zeichen zur „Isabella“ hinüber, und Ben antwortete, indem er die inzwischen in Betrieb gesetzte Achterlaterne der großen Galeone zweimal kurz zudeckte und dann wieder aufflammen ließ.
„Gehen wir“, sagte der Seewolf. „Fackeln und Waffen haben wir genug mitgeschleppt, wir werden schon heil zurückkehren.“
Schwitzend, außer Atem und nervlich fast völlig zerrüttet verhielt der Teniente Savero de Almenara. Es hatte ihn Kraft und Schweiß gekostet, sich mit dem Säbel durch das schlüpfrig-feuchte Dickicht zu arbeiten. Er hatte die Orientierung fast völlig verloren, schaute zu dem blassen Mond und den Sternen auf, fand aber auch dort keine Möglichkeit, sich zu orientieren, wo Norden, Süden, Osten und Westen lagen.
„Hölle“, keuchte er. „Ich bin Soldat. Kein Seemann.“
„Das hat nie jemand bezweifelt“, raunte eine Stimme rechts neben ihm.
Sie gehörte dem Feldscher der „Santa Barbara“. Der Mann hatte sich ihm angeschlossen, als er, de Almenara, vom Strand aus die Flucht ins Inselinnere angetreten hatte. Außer ihnen beiden hatte sich noch Siabu, der Batak, absetzen können – und ein vierter Mann, ein einfacher Soldat, der beim Sturz aus dem Boot seinen Helm eingebüßt hatte.
„Laß deine dämlichen Witze“, sagte der Teniente rauh. „Wir sitzen tief genug in der Tinte. Da brauchen wir uns nicht gegenseitig aufzuziehen.“
„Es ist das einzige, was mich hochhält“, sagte der Feldscher. „Übrigens habe ich den Richtungssinn auch verloren.“
„Laßt mich vor“, flüsterte der Batak. „Ich finde mich schon zurecht. Sie müssen mir nur sagen, wohin Sie wollen, Teniente.“
„Das weiß er selbst nicht“, zischte der Feldscher.
„Feldscher, paß auf, daß ich dir nicht die Faust ins Gesicht schlage“, sagte der Teniente nur mühsam beherrscht. „Ich kann deine Art auf den Tod nicht leiden.“
„Du wirst dich daran gewöhnen“, erklärte der Wundarzt. „Wir sitzen in einem Boot.“
„Eben deshalb hast du dich meinem Kommando unterzuordnen.“
„Du irrst dich, Teniente. Ich bin auf der ‚Santa Barbara‘ gefahren, du kommst von der ‚Santissima Madre‘. Aber ein Mann meines Berufs läßt sich von einem Teniente nichts vorschreiben, und wenn dieser tausendmal vom Flaggschiff des Verbandes stammt.“
„So ist das also“, sagte de Almenara. Er ballte die Hände fest zusammen und beschloß, sich bei nächster Gelegenheit entsprechend zu revanchieren. Im Moment erschien es ihm wenig aussichtsreich, handgreiflich zu werden und den Feldscher auf diese Art zu unterwerfen. Er konnte ja nicht einmal sehen, wo der Kerl stand.
„Ich schlage vor, wir beschreiben einen Bogen, pirschen zum Dorf zurück und schnappen uns eins der Eingeborenenboote“, wisperte der Feldscher. „Was bietet uns die Insel? Keinen wirklichen Schutz. Vielleicht suchen der Seewolf und seine Bastarde bald nach uns, vielleicht scheuchen sie uns den Wilden in die Hände – oder dem ‚Tiger von Malakka‘, der sich ja auch hier irgendwo versteckt halten könnte.“
„Es ist noch zu früh“, entgegnete der Teniente.
„Das finde ich auch“, pflichtete der Batak ihm bei. „Der Seewolf hat den Kampf gewonnen, wer von unseren Kameraden noch fliehen konnte, hat das getan.“
„Daran besteht kein Zweifel“, sagte der Feldscher. Es klang spöttisch.
„Jetzt warten die Korsaren auf jeden Fall den Morgen ab“, fuhr Siabu fort. „Sie stellen Wachen auf und knallen jeden ab, der sich der Küste nähert. Sie können sich doch auch an fünf Fingern abzählen, daß wir zurückschleichen und aufs Meer zu entkommen versuchen.“
„Dazu müssen sie erst mal wissen, daß wir hier im Urwald sind“, sagte der Soldat. „Ich glaube, sie haben nicht beobachten können, daß wir auf und davon sind.“
„Könnte stimmen“, sagte der Feldscher lakonisch.
„Folglich?“ fragte Siabu.
„Folglich schlagen wir uns durch, so gut es geht, und warten, bis der Feind abgerückt ist“, erwiderte der Teniente. „Ihr könnt es drehen und wenden, wie ihr wollt, es bleibt unsere einzige Chance. Suchen wir jetzt einen Unterschlupf für die Nacht.“
Der Batak drückte sich an ihm vorbei und untersuchte die Umgebung, so gut das bei den Lichtverhältnissen möglich war. Nur ein paar Streifen fahlen Mondlichts drangen bis auf die ledrigen Blätter des Lianengesträuchs. Aber Siabu war sich seiner Sache bald sicher.
Er trat wieder neben den Teniente und wies in eine Richtung, die de Almenara völlig falsch erschien.
„Hier entlang“, flüsterte der Batak jedoch. „Wir gelangen auf diesem Weg zum höchsten Punkt der Insel. Dort wachsen weniger Bäume und Büsche, und dort finden wir vielleicht eine Höhle oder wenigstens einen Überhang, der uns Schutz bietet.“
Der Soldat hatte sich vorgeschoben. „Gibt es hier wilde Tiere?“
„Natürlich gibt es die“, erwiderte der Feldscher voll Sarkasmus. „Giftige Schlangen, faustgroße Spinnen, die dir ins Gesicht beißen, Blutsauger, Raubkatzen. Was willst du mehr?“
„Hör auf“, zischte der Teniente.
„Vielleicht lauert uns sogar ein echter Tiger auf …“
Der Teniente hatte den Standplatz des Feldschers entdeckt und wollte jetzt mit der Faust in diese Richtung schlagen, aber Siabu legte ihm die Hand auf den Unterarm und raunte: „Sehen Sie doch – dort.“
Der Teniente wandte unwillig den Kopf, zog dann aber vor Verwunderung die Augenbrauen hoch und öffnete den Mund. Vor ihnen in der verfilzten, menschenfeindlichen Selva schimmerte ein Lichtfleck. Aus der Art, wie er sich immer weiter nach rechts verlagerte, folgerte der Teniente: „Das muß eine Fackel sein.“
„Der Seewolf ist aufgebrochen, um den nackten Wilden die frohe Botschaft ihrer Rettung zu bringen“, murmelte der Feldscher. „Ich wette, daß es so ist.“
„Warum folgen wir der Fackel nicht?“ fragte der Batak. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Wenn „El Lobo del Mar“ sie tatsächlich zu den Eingeborenen führen sollte, wenn sie auf Otonedju, den Stammesältesten, stießen — dann würde er, Siabu, sich fürchterlich rächen. Er spürte den Schmerz, den ihm die Schnittwunden bereiteten, immer noch. Dafür und für die Schmach, die er ihm zugefügt hatte, mußte Otonedju büßen, büßen …
„Los“, sagte der Teniente. „Hinterher. Bemühen wir uns, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen.“
Eigenartig war die Insel des Riau-Archipels beschaffen. Oberhalb der steinigen Küste bildete ein weicher Untergrund den idealen Nährboden für alle Arten von tropischen Pflanzen. Mangrovenblätter schlugen den Seewölfen gegen Leib und Gesichter, es duftete herb nach unbekannten Blüten. Ein meilenbreiter Gürtel düsterer Erde – vielleicht vulkanischen Ursprungs – hatte sich um das ganze Eiland geschlossen. Nur in größerer Höhe öffnete er sich wieder zu ein paar bizarren Felsenformationen, die Zentrum und Gipfel der Insel bildeten.
Hasard hatte dies am Spätnachmittag beim Anlaufen der Insel schon festgestellt. Jetzt steuerte er instinktiv zu den oberen Felsen hinauf. Wenn die Eingeborenen sich versteckt hatten, mußten sie seines Erachtens dort oben hocken.
Fast zwei Stunden Arbeit kostete es die acht Männer, dann hatten sie eine kleine Lichtung oberhalb eines überwucherten Hanges erreicht. Hier verharrten sie und wischten sich den Schweiß aus den Gesichtern.
„Hier sind sie auch nicht“, sagte der Profos. „Ich hab’s ja geahnt. Der Teufel soll die Scheißinsel holen und ihre Bewohner dazu.“
„Ed, das ist nicht nett von dir“, sagte Sam Roskill.
„Nie nett gewesen“, grollte Carberry. „Vielleicht sitzt das Volk auch im Gestrüpp und glotzt uns aus sicherem Versteck wie ein Rudel fremder Tiere an.“
Hasard schritt über die Lichtung und leuchtete den jenseitigen Blättervorhang mit der Fackel ab. Er wollte sich gerade wieder zu seinen Männern umdrehen, da huschten zwei Gestalten auf ihn zu. Wie aus dem Nichts waren sie plötzlich da, zwei junge Männer, nach der Art der Malaien gekleidet, jedoch mit freien Oberkörpern. Der eine hatte einen Kris, der andere einen Parang.
Der Seewolf schleuderte die Fackel zur Lichtungsmitte, ließ sich gleichzeitig fallen und riß die Beine hoch. Seine Füße trafen die Bauchpartien der Gegner – ein erstaunlicher Trick und zudem die einzige Art, zwei Widersacher im selben Moment abzufertigen. Auch diese Methode hatte Sun Lo, der Mönch von Formosa, dem Seewolf beigebracht. Und Hasard war ihm wieder einmal unendlich dankbar dafür.
Die jungen Krieger stießen keuchende Laute aus und prallten zurück. Hasard schwang wieder hoch. Der Kris-Mann schleuderte seinen gewundenen Dolch, aber Hasard bot kein gut sichtbares Ziel mehr, weil er sich der Fackel entledigt hatte. Vielmehr fühlte sich der Gegner durch das zuckende Licht von links etwas geblendet. Der Kris huschte an Hasard vorbei und blieb in einem Baumstamm stecken.
Carberry, Shane, Ferris und Blakky umrundeten die liegende Fackel links und rückten auf die Kämpfenden zu. Smoky, Sam und Dan schoben sich von der anderen Seite heran.
Hasard flog plötzlich auf den nun waffenlosen Malaien zu, rammte ihn zu Boden und rollte sich über dessen Körper weg ab. So wirbelte er auf den zweiten Burschen zu. Der Parang beschrieb beängstigende Zukkungen in der Luft. Er war ein Zaubergerät in den Händen des Malaien. Zweimal versuchte er, den Seewolf zu treffen, doch beim dritten Ansatz kam Hasard ihm zuvor.
Hasard prallte dem jungen Krieger gegen die Beine, fuhr gleichzeitig hoch und wuchtete ihm den ausgestreckten Arm unter den Ellenbogen. Der Bursche stieß einen Wehlaut aus. Sein Arm war paralysiert und gefühlslos, er mußte den Parang loslassen, ob er wollte oder nicht.
Der Parang fiel und blieb im weichen Untergrund stecken.
Hasard packte die Fußknöchel des jungen Burschen und brachte ihn zu Fall, bevor er ausreißen konnte.
Carberry hatte sich den anderen geschnappt und trug ihn mühelos mit einer Hand zum Seewolf.
„Du krummbeiniger Kakerlak“, sagte er dabei. „Ich könnte dich an meinem Arm verhungern lassen, weißt du das?“
„Er versteht dich nicht, Ed“, sagte Ferris Tucker.
„Aber er begreift, daß er verraten und verkauft ist.“
„Laß ihn heil“, ermahnte Shane den Profos. „Wir sind die Freunde der Malaien, hast du das vergessen?“
„Ich denke immerzu daran“, brummte der Profos. „Wir wissen, daß es so ist, aber wissen diese Knaben es auch?“ Er war stocksauer, und auch Sir John, der auf seiner Schulter hin und her trippelte und ihn am Ohr zupfte, konnte seine Laune nicht bessern.
Hasard hatte den Parang in seinen Gurt geschoben. Den Gefangenen dirigierte er jetzt vor sich her.
„Folgt mir“, sagte er. Zielbewußt steuerte er ins Dickicht, das die gegenüberliegende Begrenzung der kleinen Lichtung bildete.
Dan O’Flynn nahm die Fackel auf. Shane hatte sich den Kris angeeignet, der im Baum steckengeblieben war.
Was sie nicht erwartet hatten: Nicht weit von der Lichtung entfernt riß der Blättervorhang unvermittelt wieder auf, und sie sahen einen sanft aufstrebenden Hang im Mondlicht vor sich liegen, der zu Felsentürmen hinaufführte. Die beiden Malaien sträubten sich erheblich gegen Hasards und Carberrys Griff – und das war für den Seewolf das sicherste Zeichen, daß er auf der richtigen Spur war.
Es nutzte den jungen Kriegern nichts, sie mußten mit den Seewölfen den Hang emporklimmen.
Auf halber Strecke stieß Smoky plötzlich einen Warnlaut aus. „Achtung, Hasard – über dir!“
Hasard schaute zu den wuchtigen Felsen auf und gewahrte die Gestalten, die sich jetzt überall hochschoben. Waffen wurden auf die kleine Gruppe gerichtet, Parangs, Dolche, Speere.
Hasard blieb stehen und hob eine Hand. Die andere brauchte er, um den Krieger festzuhalten.
„Wir sind Freunde“, sagte er zu den Eingeborenen hinauf. „Amigos. Versteht mich denn keiner?“ Er versuchte es noch einmal, aber die Feindschaft der Malaien war eine stumme Barriere, die sich entschlossen gegen sie richtete.
Hasard ließ seinen Gefangenen los.
„Ed, gib auch den anderen Jungen frei“, sagte er. „Nun sieh mich nicht so an. Das ist ein Befehl.“
Ed Carberry befolgte die Anweisung und blickte den davonhetzenden jungen Kriegern nach. Sie hatten nichts Eiligeres zu tun, als zu ihren Stammesbrüdern zu laufen, sich neue Waffen aushändigen zu lassen und dann den Seewölfen zu drohen.
Carberry verstand die Welt nicht mehr. Was war denn in den Seewolf gefahren?
Hasard hob beide Hände über den Kopf. Er schritt mutig weiter, lächelte und hörte nicht auf, auf die Männer des abgebrannten Dorfes einzureden.
Schließlich drehte er sich zu seinen Männern um und sagte: „Legt alle Waffen hin. Dan, halte die Fackel etwas höher. Sie sollen sehen, daß unsere Absichten nicht feindlich sind.“
„Wenn das man gutgeht“, murmelte Sam Roskill, der jetzt auch skeptisch geworden war. Er gehorchte dem Befehl aber selbstverständlich auch. Acht Seewölfe bückten sich und richteten sich dann wieder von ihren Pistolen, Säbeln und Entermessern auf. Sie fühlten sich ziemlich nackt.
„Wir sind Engländer“, versuchte Hasard den Eingeborenen auseinanderzusetzen. „Keine Spanier, wie ihr vielleicht denkt. Wir sind Feinde der Spanier, genau wie ihr. Aber ihr braucht vor den Dons keine Angst mehr zu haben, vorläufig jedenfalls nicht. Euer Dorf ist niedergebrannt, aber ihr lebt und könnt mit dem Wiederaufbau beginnen.“
Wieder hatte er einige Schritte zurückgelegt.
Dan hatte sich an seine Seite gebracht. „Ich habe Höhleneingänge entdeckt“, sagte er verhalten. „Sie sind kaum zu erkennen, aber ich schätze, daß es sich mindestens um ein halbes Dutzend Grotten handelt. Dort haben sich bestimmt die Frauen, Kinder und Greise versteckt. Die Krieger werden alles tun, um sie zu verteidigen.“
„Du meinst, es ist zu riskant, was wir tun?“
„Willst du es auf einen Versuch ankommen lassen?“
„Ja“, sagte der Seewolf und kletterte weiter.
Und dann geschah etwas Seltsames, das keiner erwartet hatte, wahrscheinlich nicht einmal die Malaien selbst. Hasard konnte zwischen sie treten, ohne niedergestreckt oder durchbohrt zu werden. Die Eingeborenen beschränkten sich darauf, etwas zurückzuweichen und ihn unverändert feindselig anzublikken.
Was war die Ursache für ihr Zögern? Die Tatsache, daß die Seewölfe sich ihrer Waffen entledigt hatten? Hasards sicheres Auftreten? Die acht von der „Isabella“ wußten es nicht. Nur in einem war der Seewolf sicher. Die Malaien verstanden kein Wort von dem, was er zu ihnen sagte.
Hasard stand auf einem kleinen Plateau. Seine sieben Begleiter gruppierten sich dicht hinter ihm. Sie schritten langsam weiter, auf die Höhlen zu, und die Krieger unter der Führung eines alten, weißhaarigen Mannes mit prägnanten Zügen bewegten sich rückwärts.
Hasard nahm die Fackel und leuchtete in die Höhleneingänge. Und da sah er sie kauern: die Frauen, die Kinder aller Altersklassen, die alten Frauen und Männer des Stammes. Wie viele? Hundert? Mehr? Er vermochte ihre Zahl nicht zu schätzen.
Ängstlich wichen auch sie vor den Fremden zurück.
Hasard drehte sich den Kriegern zu. Er wollte dem alten Mann durch Zeichen zu verstehen geben, aus welchem Grund sie hier waren. Aber Dan stieß ihn plötzlich mit dem Ellbogen an.
Eine Wende der Situation war eingetreten.
Hasard erlaubte sich einen Rundblick. Das Ergebnis lautete, daß die neue Lage keineswegs zu ihren Gunsten sprach.
Abenteuerliche Gestalten hatten sich ringsum aufgerichtet, auf den Höhen der Felsentürme, im Dickicht vor den Höhlen, am Hang, den die Seewölfe eben noch hinaufgeklettert waren. Lautlos waren sie erschienen, und sie hielten die Waffen von Hasard und seinen Männern. Sie legten auf die unerwünschten Gäste an.
Hasards Blick verharrte auf einem Mann von überraschend hoher Gestalt. Einen Turban trug dieser dunkelhaarige, bärtige Schurke auf dem Kopf, und um seine Hüfte hatte er sich einen breiten, schärpenartigen Gurt gewunden. In seiner rechten Hand blinkte ein Krummsäbel.
Hasard schritt auf ihn zu.
„Ein großartiger Auftritt“, sagte er, aber es war seinen Männern nicht ganz klar, ob er zu ihnen oder zu den exotisch und wild aussehenden Kerlen sprach.
„Wir sind perfekt überrumpelt worden“, fuhr der Seewolf fort. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu kapitulieren. Wir könnten die Fischer als Geiseln nehmen und uns auf diese Art schützen, aber wir sind ja nicht als Feinde hier.“
Er blieb vor dem Turbanträger stehen. „Oder bist du anderer Meinung – Tiger von Malakka?“
6.
Der Teint des Mannes war dunkel und olivfarben grundiert, seine Augen ähnelten schwarzen Juwelen. Sie schienen sich mit ihrem Blick in Hasards eisblaue Augen bohren zu wollen.
„Woher kennst du mich?“ fragte er in tadellosem Spanisch. Hasard hatte sich dieser Sprache bedient, und es war folglich klar, daß der Dunkelhaarige jedes Wort verstanden haben mußte.
„Wir sehen uns zum erstenmal“, erwiderte der Seewolf, ohne dem Blick des Mannes auszuweichen. „Aber es gehört kein Scharfsinn dazu, sich auszurechnen, wer du bist. Der spanische Kommandant war so freundlich, mir mitzuteilen, daß er hinter dir her sei. Du bist an anderer Stelle der Insel gelandet, und erst vor kurzem, nicht wahr? Nur so konntest du ihnen entgehen.“
„Darauf antworte ich nicht.“
„Du brauchst es nicht. Ich kann mir auch so genügend zusammenreimen“, sagte Hasard völlig ungerührt. „Nur solltest du deinen Freunden, den Fischern, erklären, daß sie wieder die unumschränkten Herrscher über die Insel sind. Wir haben den spanischen Verband zusammengeschossen. Ihr werdet den Kanonendonner ja wohl gehört haben.“
„Ja. Und du nimmst den Mund reichlich voll“, sagte der „Tiger von Malakka“. „Wer bist du?“
„Man nennt mich den Seewolf.“
„Und wie lautet dein richtiger Name?“
„Den sage ich dir, wenn du mir deinen genannt hast.“
Der „Tiger“ hob den Krummsäbel, bis die scharfe Klinge beinahe die Brust des Seewolfs berührte. „Ich kann dich zwingen, es mir zu sagen.“
„Eine Meisterleistung einem unbewaffneten, wehrlosen Mann gegenüber“, sagte Hasard spöttisch. „Kannst du noch mehr solcher Kunststücke?“
Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle der Tiger von Malakka wirklich Gebrauch von der Waffe machen. Hasards Männer rückten ein Stück zu ihrem Kapitän hin auf – unerschrocken trotz der Tatsache, daß sie waffenlos waren, und bereit, dem Seewolf zu helfen.
Carberry hielt den Schädel leicht gesenkt, um sich wie ein gereizter Stier auf den schwarzbärtigen Freibeuter zu stürzen. Sir John spürte, daß sich etwas Brandheißes anbahnte. Er zog es vor, sich in die Luft zu schwingen und über der Szene zu kreisen.
Die Züge des Tigers von Malakka glätteten sich wieder ein wenig.
„Es gelingt dir nicht, mich zu provozieren“, sagte er zu Hasard. „Der Tiger überwältigt einen Wehrlosen – das wäre Wasser auf eure Mühlen, wie?“
„Der leidet an geistiger Verirrung“, bemerkte Dan O’Flynn trocken, während er die große Gestalt des Seeräubers mit einem langen Blick abtastete. Hasards doppelläufige Reiterpistole steckte in dem Leibgurt des Tigers.
„Wir haben ihm und seinesgleichen geholfen“, sagte nun Ferris Tucker, wobei er sich ebenfalls der spanischen Sprache bediente. „Und jetzt bedroht er uns. Was soll der ganze Zauber eigentlich?“
„Ja“, meinte der Seewolf. „Das möchte ich auch gern wissen.“
Der Tiger von Malakka betrachtete die acht Männer, die ihm waffenlos ausgeliefert waren. Diesen Schwarzhaarigen mit den eisblauen Augen, dem kühnen Gesicht und der Narbe, die von der Stirn aus über die Wange verlief, dann den Narbengesichtigen mit dem wuchtigen Schädel und den riesigen Fäusten, den rothaarigen Riesen und den Hünen mit dem grauen Bartgestrüpp, den Bulligen mit dem braunen Haar, den Dunkelhaarigen an seiner Seite, den Schlanken in der abenteuerlichen Kostümierung, den noch sehr jungen Mann, der eben von geistiger Verirrung gesprochen hatte – tief in seinem Inneren konnte der Tiger nicht umhin, diese mutigen Kerle zu bewundern. Nichts schienen sie zu fürchten, weder Tod noch Teufel.
Er schaute zu dem bunten Vogel auf, der über ihren Köpfen schwebte und dann auf einem Felsen landete. Der Tiger ließ den Blick wieder sinken und fixierte den Mann, der sich Seewolf nannte. Fast wurde er wankelmütig und empfand so etwas wie Sympathie für den kleinen Trupp, aber dann gab er sich einen inneren Ruck.
„Ich will dir sagen, was ich denke“, erklärte er. „Fein habt ihr euch das alles ausgedacht, aber ich falle nicht darauf herein. Ein Spion bist du, Seewolf, ein verdammter Spanier, der mich durch eine billige Schmierenkomödie hereinlegen will. Anders könnt ihr mir nicht mehr ans Zeug, und so habt ihr euch diesen Überfall zurechtgelegt. Ihr habt ein wenig gewütet und geschossen, wußtet dabei aber ganz genau, daß ihr mich so niemals packen konntet. So habt ihr einen ‚Überfall‘ inszeniert, in dem du als Held auftreten solltest.“
Hasards Miene war fassungslos. Ihm fehlten wirklich die Worte.
Der Tiger trat zu dem Stammesältesten und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Otonedju wird bestätigen, was ich sage.“ Er übersetzte seine Worte für den Häuptling des Dorfes, und Otonedju nickte dazu.
„Nur so kann es sein“, erwiderte er. „Die fremden Eindringlinge sind zu jeder Gemeinheit fähig. Sie wollten mich zum Sprechen zwingen und dann töten. Sie wollten unsere Frauen und Mädchen mißhandeln und den ganzen Stamm niedermetzeln.“
Aus einer der Höhlen war Otonedjus Tochter getreten. Sie hatte mit angehört, was die Männer soeben gesprochen hatten.
„Aber ich erkenne keinen der Weißen wieder“, sagte sie überrascht. „Die Soldaten von den Schiffen waren anders gekleidet als diese Männer hier. Sie hatten Panzer auf dem Leib.“
Der Tiger wandte ihr den Kopf zu und lächelte sie an. „Siehst du, fast gehst du ihnen auf den Leim. Natürlich kreuzten diese Kerle erst auf, als ihr euch in den Busch hattet retten können. Vor euren Augen hätten sie ja niemals einen fingierten Kampf mit ihren Landsleuten beginnen können, eine Schattenschlacht, mit deren Hilfe wir alle hinters Licht geführt werden sollen.“
„Ich habe einen Späher zum höchsten Inselberg hinaufgeschickt“, sagte Otonedju. „Er soll sehen, was aus den Schiffen von der Bucht geworden ist.“
Der Tiger lachte auf. „Der Kriegsschiffverband wird sich in irgendein Versteck verholt haben. Bald rundet er die Insel, um nach uns zu suchen. Wir müssen sehen, daß wir noch heute nacht von hier verschwinden.“
„Ich wäre dankbar, wenn du uns übersetzen könntest, was ihr redet“, sagte der Seewolf. „Wir haben ein Anrecht darauf, Mann.“
Der Freibeuter hob die Augenbrauen. „Ah! Du nimmst den Mund immer noch viel zu voll. Aber einverstanden, ich sage dir, wovon Otonedju und ich überzeugt sind.“
Als er mit seiner fast wortgetreuen Übersetzung am Ende war, trat Hasard wütend zwei Schritte auf ihn zu.
„Deine Darstellungen haben weder Hand noch Fuß“, sagte er. „Es ist geradezu lachhaft und an den Haaren herbeigezogen, was ihr euch da ausdenkt.“
„Ein Krampf!“ schrie nun auch Carberry.
„Wir brauchen uns das nicht gefallen zu lassen“, fügte Blacky aufgebracht hinzu.
Die malaiischen Piraten hoben wieder ihre Waffen und zielten auf die Seewölfe. Hasards Kameraden ließen sich dadurch aber ebensowenig einschüchtern wie der Seewolf selbst.
„Tiger von Malakka“, sagte Hasard. „Wirf nur einen Blick auf die Bucht unterhalb des Dorfes. Dort sind drei Schiffe untergegangen – der komplette Verband. Kann man so etwas vortäuschen?“
Der Späher kehrte zu Otonedju zurück. Er war einer der beiden jungen Krieger, die der Seewolf auf der Lichtung hatte überwältigen müssen. Aufgeregt redete er auf seinen Häuptling ein, und Otonedju schaute zu dem Anführer der Piraten.
Der Tiger setzte eine triumphierende Maske auf.
„Nur ein Schiff liegt in der Bucht vor Anker“, sagte er zu Hasard. „Offenbar das deine. Die drei anderen sind verschwunden. Spurlos.“
„Teufel, weil sie gesunken sind!“
„So rasch?“
„Otonedju hätte zuschauen können, wie wir die ‚Santissima Madre‘, die ‚Santa Barbara‘ und die ‚San Juan‘ auf Grund gesetzt haben. Zumindest das Feuer, das wir auf ihren Decks entfacht haben, hätte er sehen müssen.“
Der Freibeuter unterhielt sich noch einmal in der eigentümlichen, abgehackt und leicht guttural klingenden Sprache der Malaien mit dem Dorfältesten, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts. Das ist dein Pech, Seewolf. Du hast uns eben unterschätzt.“
„Geh zur Bucht und schau dir die Toten an, die dort verstreut liegen“, sagte Hasard mühsam beherrscht. „Die werden dich davon überzeugen, wie sehr du mit deiner idiotischen Meinung danebenliegst.“
„Damit ich deinen Kumpanen in die Hände laufe?“ Der Tiger lachte wieder. „Darauf wartest du ja nur.“
„Fahr zur Hölle. Dir ist nicht zu helfen.“
„Gib acht, wie du mit dem Rebellen von Malakka sprichst“, stieß der Schwarzbärtige zornig hervor.
Hasard antwortete mit einer wegwerfenden Geste. „Mit solchen Drohungen imponierst du mir nicht. Dein Stolz und dein Starrsinn werden dich noch zu Fall bringen. Du weißt deine Feinde nicht von deinen Freunden zu unterscheiden – ein böser Fehler.“
Der Tiger trat dicht vor ihn hin. „Dein Heulen stößt bei mir auf taube Ohren, Seewolf. Du bist ein guter Redner, das gebe ich zu, aber allein durch Raffinesse kannst du mich nicht aus dem Gleichgewicht bringen.“
„Wie du meinst“, sagte Hasard kalt. „Was hast du vor? Willst du uns hinrichten? Hier?“
„Nein. Meine Prahos liegen am Ostufer der Insel. Dorthin bringen wir euch jetzt – zusammen mit den Bewohnern des Dorfes.“
„Eine richtige Evakuierung also?“
„So könnte man es nennen.“
Rund drei Dutzend Männer, die ihrem Äußeren nach alle von Malakka oder Sumatra zu stammen schienen, bildeten die Meute des Tigers von Malakka. Je zwei dieser Burschen kümmerten sich auf einen Wink des Anführers hin um die Seewölfe. Mit Tauenden banden sie Hasard, Ed, Ferris, Shane, Smoky, Blakky, Dan und Sam die Hände auf dem Rücken fest.
Hasard gelang es, die Gelenke ein wenig auseinanderzudrücken und die Finger zu spannen, während ein muskelbepackter Atjeh ihm die Fesseln zusammenzurrte. Das war aber auch alles, was er im Augenblick tun konnte. An Flucht war nicht zu denken – nicht unter diesen Bedingungen.
Bei aller Nahkampferfahrung und Taktik – der Tiger und seine Leute hätten sie mühelos niederschießen und abstechen können, sofern sie einen Versuch in dieser Richtung unternommen hätten.
Während die Frauen, Kinder und Greise des Inselstammes die Höhlen verließen und sich der lange Zug zwischen den Felsen formierte, blickte Hasard zu Otonedjus Tochter hinüber. Sie war ein ausgesprochen hübsches, zerbrechlich wirkendes Geschöpf mit langen schwarzen Haaren, die sie jetzt zu einem Knäuel auf ihrem Kopf hochgesteckt hatte.
Zweierlei glaubte Hasard bei ihr festgestellt zu haben. Immer wieder suchte ihr Blick die Gestalt des Tigers von Malakka. Der Mann schien ihr zu imponieren. Aber gleichzeitig mußte sie einige Zweifel daran haben, ob sein Urteil über die acht Gefangenen wirklich berechtigt war. Die Art, wie sie die Seewölfe musterte, war frei von Haß und Vergeltungssucht.
Die Piraten verteilten sich auf Kopf, Mitte und Ende des Zuges. Hasard und seine Männer mußten vorn marschieren, gleich hinter dem Tiger und sechs, sieben von dessen Kerlen.
Der Tiger von Malakka schritt als erster los. Langsam und fast lautlos setzte sich auch seine Gefolgschaft in Bewegung. Der Abstieg zum Ostufer hatte begonnen. Er führte wieder in tiefes, Feuchtigkeit atmendes Dikkicht, in das jedoch bereits ein Pfad getrieben worden war – von den Freibeutern, die bei ihrer Ankunft denselben Weg genommen hatten.
Hasard tauschte einen Blick mit Carberry, der hinter ihm wanderte.
Carberry verstand. Er sollte Sir John veranlassen, zur „Isabella“ zurückzufliegen. Ben Brighton würde schon begreifen, wenn er den Aracanga allein auftauchen sah. Auf jeden Fall mußte er die Gefahr spüren, in der die acht Kameraden sich befanden.
Aber Sir John kapierte nicht, was der Profos von ihm verlangte. Immer wieder trachtete Ed, den kleinen Kerl von seiner Schulter zu scheuchen, mußte dabei aber achtgeben, nicht die Piraten auf sich aufmerksam zu machen.
Sir John war den Seewölfen in manchen Situationen schon eine Hilfe gewesen, aber man durfte seine Fähigkeiten nicht überschätzen. Hier war er zweifellos überfordert. Er verstand nicht, was Carberry ihm zuraunte.
Als ihm das Getue des Profos’ zu bunt wurde, flatterte er nur auf und schimpfte: „Rübenschweine! Himmelhunde! Hol’s der Henker!“
„Hau ab, du rasierter Zwerghahn“, zischte Ed.
Er hoffte noch, Sir John würde jetzt in der Nacht verschwinden, aber der Vogel bewies seine Anhänglichkeit, indem er über der langen Prozession hin und her flog.
Der Tiger von Malakka drehte sich um, sah das Tier und lächelte. Hasard sah ihm an, daß er begriffen hatte. Der Freibeuter wußte aber auch, daß die Seewölfe keine Chance hatten, die auf der „Isabella“ Zurückgebliebenen über ihr Mißgeschick zu unterrichten.
„Mehr als hundert Leute“, sagte der Profos leise. „Möchte wissen, wie die in ein paar Kähnen Platz finden sollen. Absaufen werden wir, alle zusammen, und das gönne ich diesen Satansbraten.“
Der Tiger blieb stehen, ließ seine Männer an sich vorbeidefilieren, bis er sich auf gleicher Höhe mit Hasard und dem Profos befand und nahm den Marsch dann wieder auf.
„Ich habe nicht alles verstanden“, sagte er. „Aber einige Brocken Englisch beherrsche ich doch.“ Wieder bediente er sich seines hervorragenden Spanisch’. „Der Wortsinn dessen, was du eben von dir gegeben hast, ist mir also einigermaßen klar“, sagte er zu Carberry gewandt. „Aber ich kann dich beruhigen. Zwölf Prahos warten auf uns – genug, um uns alle zu befördern.“
„Wer bist du?“ fragte Hasard.
„Das habe ich dir gesagt.“
„Woher stammst du? Was hast du wirklich vor?“
„Kannst du schweigen?“
„Ja.“
„Dann schweig“, sagte der Tiger barsch.
Hasard grinste ihn unverfroren an. „Spätestens in deinem tatsächlichen Versteck erfahre ich alles über dich.“
„Es fragt sich nur, ob du es noch verwerten kannst.“
„Ich will nichts verwerten“, erwiderte Hasard mit jähem Ernst. „Aber wenn du kein Feigling bist, stellst du dich dem Zweikampf mit mir.“
„Das ist das mindeste, was du von mir erwarten kannst“, sagte der malaiische Freibeuter.
Wahrscheinlich hätten sie ihre Unterhaltung noch weitergeführt, wenn sie in diesem Moment nicht auf außergewöhnliche, völlig unerwartete Weise unterbrochen worden wären.
Sie schritten auf einem leicht schlüpfrigen Pfad voran, umgeben von taubedecktem Blattwerk, Zweigen, Wurzeln und Schlingpflanzen, die tückisch als Fußfallen wirkten, wenn sie sehr tief hingen. Der modrige Hauch der Selva schien sich als das gespenstische Murmeln und Wimmern vieler hundert Stimmen zu offenbaren. Unkontrollierbares Leben erfüllte die Schatten der Nacht.
Plötzlich tauchten Schemen links und rechts aus den Büschen auf. Hände griffen nach dem Tiger von Malakka und den vorderen Piraten.
Die Schemen entpuppten sich als vier Gestalten, an die zumindest die eingeborenen Fischer eine deutliche Erinnerung hatten.
7.
Der Teniente Savero de Almenara verfügte ebensowenig über eine Schußwaffe wie seine drei Begleiter – der Feldscher der „Santa Barbara“, der Batak Siabu und der helmlose Soldat. Beim Sturz vom Boot ins Wasser hatte de Almenara seine Pistole eingebüßt, die Pistolen und Musketen der drei anderen waren in Ermangelung trockenen Pulvers und dem Verlust von Bleikugeln unbrauchbar geworden, so daß sie sie weggeworfen hatten.
Der Teniente rückte mit seinem Säbel auf den Tiger von Malakka zu. Der Batak führte noch einen Parang, mit dem er wild um sich hieb. Der Feldscher und der Soldat hatten Entermesser in den Fäusten, in ihren Gurten steckten Messer.
So trachteten sie, einige Piraten samt ihrem Anführer als Geiseln zu nehmen, um sich den ganzen Zug zu unterwerfen. De Almenara und der Batak waren sich einig, daß es möglich war, denn der Tiger von Malakka war ein Mann, auf dessen Kommando alles hörte und den niemand im Interesse einer Befreiung zu opfern wagen würde.
An der kleinen Lichtung unterhalb des Felsenhanges hatten die drei Spanier und der Batak gelauert, nachdem sie Hasards Fackel gefolgt waren. Unbemerkt von beiden Parteien hatten sie gelauscht und einen Plan geschmiedet – dann, beim Aufbruch des Trupps, hatten sie gerade noch Zeit gefunden, allen vorauszueilen und sich in einen Hinterhalt zu legen.
Der Teniente wußte, daß der Feldscher nicht mit dem Vorhaben einverstanden war. Der Feldscher hätte es vorgezogen, die Malaien und die Engländer davonziehen zu lassen, um später dann ungestört der Insel den Rücken kehren zu können.
Doch der Teniente war besessen von seiner Idee. Nie wieder würde sich eine solche Möglichkeit bieten, zwei Feinde mit einem Schlag zu packen: den Tiger von Malakka und den Seewolf! De Almenara hatte genügend Ehrgeiz und Karrierebewußtsein, um sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Trotz seiner Unterlegenheit wollte er es riskieren, und er hatte den Batak und den helmlosen Soldaten mit dem Plan angesteckt.
Der Feldscher hatte sich der Mehrheit beugen müssen.
Unter dem Ansturm der Gegner wirbelte der Tiger von Malakka herum. Er riß seinen Krummsäbel aus dem Leibtuch und stieß einen Kampfschrei aus.
Hasard sah nur eine Möglichkeit, den blitzenden Waffen zu entkommen. Er ließ sich fallen. Mit ihm sanken Carberry und die anderen Seewölfe zu Boden.
Hasard hatte seine Handfesseln bereits zu einem Teil lockern können, ohne daß die Piraten es bemerkt hatten. Jetzt sprengte er sie vollends. Wieder halfen ihm die Kenntnisse weiter, die Sun Lo ihm vermittelt hatte. Wunder konnte man mit dieser Methode nicht vollbringen, es handelte sich im Grunde nur um eine geschicktere Ausnutzung der Körperkräfte, verbunden mit einem ungewöhnlichen Maß an Konzentration und Überwindung der Schmerzempfindlichkeit.
Nur einen Bruchteil seines Gesamtwissens hatte der Abt des Konfuzianer-Klosters auf Formosa an den Seewolf und dessen Männer weitergeben können, aber er wäre sicherlich hocherfreut gewesen, wenn er gesehen hätte, wie erfolgreich sie das Ergebnis des Lehrgangs anzuwenden wußten.
Carberry und die anderen wälzten sich hinter dem Seewolf auf dem feuchten schwarzen Untergrund und stellten ähnliche Bestrebungen an, wobei es allerdings nur dem Profos, Dan und Blacky gelang, sich der Fesseln zu entledigen.
Hasard schwang hoch. Er federte auf den helmlosen Soldaten zu, der im selben Augenblick versuchte, sein Entermesser in die Schulter des Seewolfs zu hauen. Knapp entging Hasard dem mit voller Wucht geführten Schlag, dann packte er den Gegner mit beiden Händen, riß ihn um und balgte sich am Boden mit ihm.
Der Batak Siabu hetzte geduckt an den Kämpfenden vorbei. Er hatte Otonedju entdeckt. Mit einem heiseren Laut warf er sich dem Stammesältesten entgegen. Mit dem Parang wollte er ihm jetzt zurückzahlen, was der ihm zugefügt hatte. Zwar war Siabu an der Schulter verletzt, aber mit der gesunden Hand wußte er das Kurzschwert immer noch ausgezeichnet zu führen.
Er trachtete, Otonedju den Schädel zu spalten. Vielleicht wäre es ihm tatsächlich gelungen. Otonedju stand erschüttert da und war für einen Moment unfähig, Gegenwehr zu leisten, so wenig hatte er mit einem Angriff gerechnet.
Doch Blacky stellte dem Batak ein Bein. Siabu stolperte und taumelte Dan O’Flynn entgegen. Der fackelte nicht lange und riß den rechten Fuß so weit hoch, daß die Spitze des Stiefels Siabu gegen den Hals stieß. Siabu fiel. Dan warf sich ohne zu zögern auf ihn, packte sein Handgelenk und rang mit ihm um den Parang.
Carberry fing den Feldscher ab, bevor dieser auf den Seewolf eindringen konnte, der ihm beim erbitterten Kampf mit dem Soldaten gerade den Rücken zugekehrt hielt.
Zwei Hiebe landete der Profos. Einer traf den Waffenarm des Feldschers, der andere krachte dem Mann gegen die Brust, so daß er in einem fast vollkommenen Rückwärtssalto ins Gebüsch zurückflog.
Hasard lag inzwischen unter dem helmlosen Soldaten und wehrte dessen Entermesser verzweifelt ab. Mit verzerrtem Gesicht versuchte der Spanier, es ihm ins Herz zu treiben. Hasard drückte seinen Arm jedoch unter Aufbietung aller Kräfte zur Seite. Der Soldat rutschte ab, rollte von ihm weg, verkantete dabei das Entermesser – und die scharfe Kante der Klinge traf seinen ungeschützten Halsansatz. Hasards Versuch, ihn vor dem Tod zu bewahren – zu spät.
Betroffen sah der Seewolf, wie die Gestalt des Spaniers reglos wurde. Er hatte ihn bewußtlos schlagen wollen, mehr nicht.
Dan und der Batak wälzten sich unterdessen wie zwei Raubkatzen ineinander verkeilt. Dan brachte es fertig, dem nahezu tobsüchtigen Eingeborenen den Parang zu entwinden. Sofort zuckte Siabu zurück. Er riß einen Kris aus dem Gurt, hob ihn, warf sich auf Dan – und dem blieb keine Wahl. Er mußte den Parang hochreißen, wenn er nicht sterben wollte.
Der Batak sprang in die Klinge des Parangs.
Carberry, Blacky und die anderen Seewölfe waren ins Dickicht getreten, um Dan beizustehen und um sich wieder den Feldscher der „Santa Barbara“ vorzuknöpfen.
Der Feldscher hatte sein Entermesser verloren und sah ein, daß es keinen Sinn hatte, danach zu suchen. Daß es den Batak und den Soldaten erwischt hatte, hatte er verfolgen können. Jetzt sah er, wie der Tiger von Malakka den Teniente Savero de Almenara im Zweikampf zurücktrieb. Mit einer leichten Brustverletzung strauchelte der Teniente. Er kippte rückwärts ins Mangrovengesträuch.
Der Feldscher ergriff die Flucht.
De Almenara bemerkte es. Er fing sich, fuhr herum, stürmte dem Feldscher mit eigenartig hüpfenden Bewegungen nach und stellte ihn zwischen widerspenstigen Schmarotzerpflanzen. Der Feldscher hatte sich verfangen und verlor kostbare Zeit.
„Feigling“, zischte der Teniente. „Elender Deserteur!“
Der Feldscher gab sich keinen Illusionen hin. Er wußte, daß er von de Almenara weder Verständnis noch Nachsicht zu erhoffen hatte. So griff er zum Messer, zog es aus der Lederscheide und griff an, um dem Teniente zu geben, was ihm seiner Ansicht nach gebührte.
Der Teniente war schneller.
Fluchend hieb er mit dem Säbel zu.
Hasard war neben Dan und ließ sich von ihm den Parang aushändigen. Er schlüpfte weiter durch das Dickicht und erreichte den Teniente. Gerade beobachtete er noch, wie der Feldscher blutüberströmt zusammenbrach.
„Aufhören“, sagte der Seewolf auf spanisch. „Sie Narr, ergeben Sie sich. Weg mit der Waffe!“
„El Lobo del Mar“, hauchte der Teniente im Herumschwingen fast ergriffen. Er hob wieder den Säbel. „Mir steht die Belohnung zu, die der König von Spanien und Portugal auf deinen verfluchten Kopf ausgesetzt hat.“
Zum erstenmal hörte Hasard davon, daß die Kopfprämie für seine Ergreifung tatsächlich existierte. Seine Gefühle schwankten zwischen Überraschung und Wut. Was dachten sich die Dons noch aus, um ihn zur Strecke zu bringen?
Savero de Almenara glaubte den Seewolf zögern zu sehen. Diesen günstigen Augenblick wollte er unbedingt ausnutzen. Keuchend ging er mit dem Säbel auf den verhaßten Feind los.
Hasard konterte mit dem Parang. In einer glänzenden Parade drängte er den viel längeren Säbel zurück. Der Teniente gab jedoch nicht auf. Er stürmte mit einem Aufschrei vor, um die Klinge höchst unfair in Hasards Unterleib zu stoßen.
Der Seewolf wich aus, aber de Almenara hatte zuviel Schwung. Er lief geradewegs in den Parang, den Hasard nicht mehr rechtzeitig genug wegziehen konnte.
Mit einer Verwünschung auf den Lippen zog Hasard den Parang zurück. De Almenara sank nieder, ließ den Säbel aus den Fingern gleiten und legte sich auf den Rücken, als wolle er ausruhen. Hasard beugte sich über ihn, konnte aber nichts mehr für ihn tun. Der Blick des Tenientes wurde starr, sein Herzschlag setzte aus. Seine brechenden Augen waren gen Himmel gerichtet.
„Elender Narr“, murmelte Hasard. „Warum mußte das sein?“
„Ein blindwütiger Fanatiker“, sagte Ferris Tucker hinter Hasard. „Einer wie der hätte immer wieder so gehandelt, so und nicht anders.“
Hasard nickte gedankenverloren. Dann besann er sich, richtete sich auf und kümmerte sich um seine vier Männer, denen immer noch die Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Mit dem Parang trennte er ihnen die Stricke auf.
„Rasch“, raunte er dann. „Verschwinden wir. Der Tiger und seine Leute können jeden Moment hier sein.“
„Verdammt“, stieß Carberry dumpf aus. „Ich wundere mich überhaupt, wo die Kerle bleiben.“
„Ich habe da so einen Verdacht“, meinte Dan O’Flynn.
Und Sam Roskill wisperte: „Denkt ihr das gleiche wie ich – oder wie ist das?“
Nichts konnte sie jetzt daran hindern, zu dem schmalen Pfad zurückzukehren, den die Hiebwaffen der malaiischen Piraten in den Dschungel getrieben hatten.
Der Erdboden schien die Freibeuter und die eingeborenen Fischer verschluckt zu haben. Fort waren sie – als hätte es sie nie gegeben.
„Diese Bastarde“, sagte der Profos. „Hauen einfach ab! Sehr heldenhaft haben sich diese Kerle nicht verhalten.“
Hasard rieb sich das Kinn. „Mißtrauisch, wie der Tiger von Malakka ist, hat er wieder einen Trick, eine Falle gewittert. Wäre ich derart argwöhnisch, hätte ich es wohl auch vorgezogen, das Feld zu räumen. Wahrscheinlich hat er damit gerechnet, daß hier jeden Moment eine spanische Streitmacht auftaucht.“
„Darf ich ganz offen was sagen?“ fragte der Profos. Man sah ihm an, wie geladen er war.
„Nur zu, Ed“, forderte Hasard ihn auf.
„Dieser malaiische Hundesohn hat nicht alle Tassen im Schapp.“
„Wer hat das nicht?“ sagte Dan O’Flynn. Er konnte schon wieder grinsen.
„Also, einen Schlag hat der Kerl bestimmt weg“, unterstützte Blacky nun Carberrys Aussage.
„Trotzdem. Ich bin sicher, daß er weiß, was er will“, erwiderte Hasard. „Los, stehen wir nicht länger herum – kehren wir zur ‚Isabella‘ zurück, ehe die Freibeuter es sich anders überlegen.“
Zwölf Prahos – Hasard dachte die ganze Zeit über daran. Er rechnete damit, daß der Verband des Tigers die „Isabella VIII.“ überfallen würde. Als Hasard und seine sieben Männer jedoch auf den Platz gelangten, auf dem die letzten schwelenden Aschereste von der einstigen Existenz des Hüttendorfes zeugten, konnten sie zur Bucht hinunterblicken – und sie atmeten auf.
Friedlich und ungestört lag die große Galeone vor Anker. Von den drei spanischen Galeonen ragten nicht einmal mehr die Toppen aus den Fluten auf.
„Wie sagtest du doch vorhin so richtig?“ wandte sich der Seewolf an Big Old Shane. „Sieht aus, als ob überhaupt nichts geschehen sei.“
„Stimmt“, sagte der Riese lachend. „Ein Bild, in das man sich verlieben kann, wie?“
„Und wir können auch von Glück sagen, daß durch das Geböller der Kanonen keine anderen Dons angelockt worden sind“, fügte Smoky hinzu. „Alles in allem scheint die Geschichte ja doch einen glimpflichen Ausgang zu finden.“
Hasard entgegnete darauf nichts. Fackeln hatten sie nicht mehr, die hatten sie zusammen mit ihren Waffen am Hang vor den Höhlen abgelegt – und jetzt befanden sie sich im Besitz des Tigers von Malakka. Durch Feuer konnten sie Ben Brighton also nicht über ihre Rückkehr unterrichten.
„Steigen wir zum Strand hinunter“, sagte Hasard. „Von dort aus rufen wir zur ‚Isabella‘ hinüber. Anders können wir uns ja doch nicht bemerkbar machen.“
Als sie den Felsenhang an seinem Fuß verließen, wären sie um ein Haar mit Bob Grey zusammengeprallt.
„Heiliger Strohsack“, stieß Bob aus. „Hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte euch eine Ladung gehacktes Blei entgegengeschickt.“ Er klopfte mit der Hand an den Schaft der Muskete, die er geschultert hatte. „Vorsicht ist besser als falsche Tapferkeit. Ben hat Wachen an Land aufgestellt. Dort drüben steht Batuti.“ Er wies nach Süden. „Bill, unser Moses, krebst am Nordufer der Bucht herum.“
Er sah, daß sein Kapitän mit dem Blick nach etwas suchte, und sagte rasch: „Die toten Spanier aus den Booten haben wir begraben. Aber jetzt eine Frage. Wo seid ihr eigentlich so lange gewesen?“
„Das erzählen wir, wenn wir an Bord sind“, erwiderte der Seewolf. „Sonst müssen wir alles zweimal berichten.“
Kurz darauf pullten sie mit einem Boot der „Isabella“ zur Galeone. Hasard hatte Bob, Batuti und Bill als Wachen abgezogen und nahm sie jetzt mit, um im Gefahrenfall sofort ankerauf gehen und aus der Bucht segeln zu können.
Ben Brighton und der Rest der Crew fielen aus allen Wolken, als sie vernahmen, was sich im Inneren der Insel zugetragen hatte. Da kein einziger Schuß gefallen war, hatten sie keinen Verdacht geschöpft, es könne Verdruß gegeben haben.
„Mann“, sagte Ben Brighton. „Fast wärt ihr draufgegangen, und wir hätten hier gemütlich ’rumgesessen und Daumen gedreht.“
„Schwamm drüber“, antwortete Hasard. „Gewesen ist gewesen. Passen wir jetzt auf, daß die Piraten uns nicht von See her überrumpeln. Sie haben zwölf Schiffe – und in der Bucht sitzen wir praktisch in der Falle.“
Bis zum Morgengrauen verweilten sie an ihrem Ankerplatz, ohne daß etwas geschah. Hasards düstere Ahnungen erwiesen sich als Irrtum.
Im blaßroten Erwachen des Morgens traten Ben Brighton und Ferris Tucker auf dem Achterdeck zu ihrem Kapitän. Hasard stand ziemlich gedankenverloren an der Five-Rail.
„Der Tiger von Malakka scheint es vorzuziehen, sich nicht mit uns anzulegen“, sagte Ben Brighton.
„Wir können also getrost weitersegeln“, fügte Ferris hinzu.
Hasard wiegte den Kopf. „Ganz so sehe ich das nicht. Sicher, wir könnten die Straße von Malakka durchsegeln, ohne uns weiter um den Tiger zu kümmern. Aber da ist noch etwas, das ich nicht gern auf mir sitzenlasse.“
Ben nickte. „Ich weiß schon. Der Mann denkt, wir seien Spanier.“
„Schlimmer“, sagte der rothaarige Schiffszimmermann. „Spione und Handlanger der Spanier.“
„Nicht, daß ich übertrieben stolz bin“, erklärte der Seewolf. „Ihr kennt mich ja. Aber ich will diesem eigensinnigen Malaien gern beweisen, daß ich im Grunde sein Verbündeter bin. Ich habe irgendwie das Gefühl, wir sind es uns gegenseitig schuldig, klare Positionen zu beziehen.“
„Es reizt dich, hinter sein Geheimnis zu gelangen“, entgegnete Ben.
„Ja, da ist irgend etwas. Ich glaube einfach nicht, daß er ein Schnapphahn und Schlagetot der üblichen Sorte ist. Dazu ist er zu intelligent. Man müßte nur die Mauer des Mißtrauens durchbrechen, die ihn und seine Mitstreiter umgibt.“
„Also?“ fragte Ferris.
„Wir gehen ankerauf und suchen nach ihm.“
In der nächsten Stunde tasteten sie die nähere Umgebung der Bucht ab und rundeten schließlich die ganze Insel. Sie hatten keinen Erfolg. Der Tiger von Malakka hatte das Eiland wie angekündigt mit den Eingeborenen verlassen und befand sich jetzt auf dem Weg zu seinem Versteck.
Wo lag es?
Dieser Gedanke faszinierte den Seewolf und beherrschte ihn. Er brach zu den Nachbarinseln auf und hatte sich in den Kopf gesetzt, notfalls den gesamten Kepulauan Riau abzutasten, um dem Freibeuter noch einmal zu begegnen.
8.
Rempang hieß die große, sich in fast rechteckiger Form von Nordwesten nach Südosten ausdehnende Insel, die die Seewölfe am Nachmittag dieses Tages erreichten.
Bis hierher hatte sich überhaupt nichts mehr getan, ja, der gesamte Archipel lag plötzlich wie ausgestorben da. Kein einziges Auslegerboot, kein Praho hatte sich in der Nähe der Inseln gezeigt, die sie passiert hatten, nirgendwo waren sie auf eine Siedlung oder Spuren menschlichen Seins gestoßen. Der Tiger und seine Meute hatten sich schon gar nicht gezeigt, und auch mit anderen Freibeutern waren sie nicht zusammengetroffen, von Spaniern oder Portugiesen ganz zu schweigen.
„Ich frage mich, geht das noch mit rechten Dingen zu?“ sagte der alte Donegal Daniel O’Flynn auf dem Quarterdeck zu seinem Sohn.
„Hör doch auf.“
„Was ist, wenn die Gegend verflucht ist?“
„Verwunschen? Ich sehe schon Hexen und Meerungeheuer herankrauchen.“
Sein Vater senkte die Stimme. „Und der Jonas, dem wir damals in der Karibik begegnet sind? Hast du den vergessen? Du mit deinem vorlauten Schnabel.“
„Es gibt für alle Dinge logische Erklärungen.“
„Es gibt Schiffe, die auf Nimmerwiedersehen verschwinden, Totenlichter, die übers Wasser tanzen, den Wassermann, der nachts an Bord steigt und seinen tödlichen Schabernack treibt“, zischte Old Donegal. „Hast du dafür auch vernunftsmäßige Erklärungen, du Schlauberger? Und wie reimt es sich zusammen, daß ein Albatros Unglück bringt?“
„Ja, das würde ich auch gern wissen“, grollte eine Stimme hinter ihnen.
Sie hatten nicht gemerkt, daß der Profos sich zu ihnen gesellt hatte. Wenn Ed wollte, konnte er auf leisen Sohlen schleichen wie ein Bär, der sich gegen den Wind an seine Beute heranpirscht.
„Manches entzieht sich ganz einfach unserem Wissen“, sagte Dan O’Flynn. „Früher haben die Leute auch geglaubt, die Erde sei eine Scheibe, an deren Rändern man in den Abgrund stürzen müsse. Heute ist bekannt …“
„… daß es Spuk und Dämonen wirklich gibt“, vollendete sein Erzeuger den Satz. „Und du sollst dich nicht versündigen, indem du das abstreitest, sonst ziehe ich dir mein Holzbein über die Rippen.“
„Ich geb’s auf“, stöhnte Dan.
„Donegal“, sagte der Profos jetzt heiser. „Du sollst nicht immer unken. Ich kann das nicht leiden.“
„Ich unke nicht. Ich warne nur.“
„Vor was?“
„Du wirst die Zeit schon abwarten können, Mister Carberry.“
„Hölle und Teufel“, sagte Carberry. „Eines Tages lasse ich dir dein eigenes Holzbein auf dem Rücken tanzen, O’Flynn. Wenn einer etwas nicht genau weiß, soll er die Klappe halten.“
„So wie vor Formosa? Als wir in die Falle der Portugiesen gelaufen sind?“
Carberry sagte darauf nichts. Er erinnerte sich genauso ungern an diese Episode wie alle anderen Männer der „Isabella“, aber er fand es nicht gerade fair von dem Alten, die Sache immer wieder herbeizuzitieren. Die Portugiesen hatten sich seinerzeit beispiellos heimtückisch verhalten, weil sie mit einem Trick an die Menschlichkeit der Seewölfe appelliert hatten. Als Opfer eines Überfalls hatten sie sich aufgeführt, und Hasard hätte sich als Schweinehund gefühlt, wenn er ihnen nicht Beistand geleistet hätte.
Aber das gehörte der Vergangenheit an. Carberry blickte voraus zu der Insel Rempang, einem breiten Streifen am Horizont, dessen Vegetation sich – aus der Ferne betrachtet – wie ein einziger Moosteppich an die sanft geschwungenen Hänge zu schmiegen schien.
Carberrys Gefühle waren gemischt. Ehrlich ausgedrückt schwante auch ihm nichts Gutes – wie bei der gesamten Crew die Stimmung nicht rosig war.
Der Seewolf hatte angekündigt, er werde auf Rempang landen, um seine Nachforschungen zu betreiben.
Schon begab er sich über Carberrys, O’Flynn seniors und O’Flynn juniors Köpfen an die Five-Rail.
Er stützte sich mit den Händen auf und rief: „Wer meldet sich freiwillig zum Landgang? Ich schätze, wir stöbern auf der Insel Rempang mindestens eine Kaschemme auf, in der der Wirt das Beil unterm Tresen liegen hat und wo die käuflichen Ladys sich als schmachtende Kannibalinnen entpuppen. Na los, Männer, nun drängelt euch nicht so, es kommt jeder dran.“
Er grinste.
Carberry wischte sich mit dem Handrücken über Nase und Mund, schnaufte und sagte: „Ich bin dabei, Sir. Mich kann bekanntlich nichts umhauen. Und Sun Lo, der Mönch, hat ja auch gesagt, daß die Kopfjäger alle weiter östlich auf Borneo und so lauern.“
„Ich wußte nicht, daß du eine ironische Ader hast, Ed.“
„Die habe auch ich gerade erst entdeckt“, erwiderte der Profos grimmig. Dann fuhr er zur Kuhl herum. „Na, ihr Memmen und Hosenscheißer, braucht ihr eine Sondereinladung, oder habt ihr Angst, ihr trampelt euch gegenseitig tot, wenn ihr beim Sturm auf die Boote zu zahlreich vertreten seid?“
„Achtung“, sagte Smoky, der Decksälteste, unten leise zu den Kameraden. „Alles hört auf mein Zeichen.“ Er blickte nach links und nach rechts, dann preßte er ein knappes „Jetzt“ hervor.
Sofort flogen sämtliche Hände hoch.
Es war mal wieder an ihrem bescheidenen Ehrgefühl gekratzt worden, und in dieser Beziehung hielten sie es wie der Profos. Alles konnte man ihnen vorwerfen, nur Feigheit nicht. Keiner verspürte übermäßige Lust, auf Rempang umherzustreifen und Mangroven zu fällen, aber Hasenfüße ließen sie sich deswegen noch lange nicht nennen.
Hasard stellte seinen Trupp zusammen: Carberry, Batuti, Pete Ballie, Gary Andrews, Matt Davies und Jeff Bowie.
Eine halbe Stunde später stießen sie sich mit dem Beiboot von der Bordwand der „Isabella“ ab und pullten zur Insel hinüber. Freundlich grüßten die bewaldeten Hänge unter der Nachmittagssonne herüber, einladend sahen sie aber trotzdem nicht aus.
„Ihr werdet mich fragen, warum ich ausgerechnet an dieser Stelle der Küste lande“, sagte Hasard, der wieder den Platz auf der Heckducht innehatte. „Nun, ich habe vorhin eine Flußmündung entdeckt. Sie ist stark überwuchert und kaum mit bloßem Auge zu erkennen. Meiner Meinung nach könnte sie von den Piraten als Versteck benutzt werden. Ihr erinnert euch doch noch an Formosa.“
„Ja, aber dort war der Fluß ziemlich breit“, erwiderte Pete Ballie. „Ich frage mich, ob dieser hier ein größeres Schiff passieren läßt.“
„Das ist auch eine Frage der Wassertiefe“, sagte Gary Andrews.
„Und der Beschaffenheit der Fahrzeuge“, sagte der Seewolf. „Ein Praho, meistens mit einem Mast und Auslegern an einer oder zwei Seiten versehen, hat nur geringen Tiefgang.“
„Aha“, meinte Matt Davies. „Wenn ich recht verstehe, sind die Kähne so groß wie Schaluppen oder Pinassen.“
„Ungefähr“, entgegnete Hasard.
„Ideal für Entermanöver“, sagte Matt grinsend. „Die Piraten scheinen es auch hier zu verstehen, den Dons mit dem richtigen Kaliber zu begegnen. Je schlanker und wendiger die Kähne, desto größer die Chance, dem Beschuß der Spanier zu entgehen.“
Hasard nickte und bewegte die Ruderpinne. Sie hatten jene Stelle im Uferdickicht, die er sich eingeprägt hatte, fast erreicht. Batuti drehte sich kurz um, spähte in den tiefgrünen Blätterwald, schüttelte jedoch den Kopf. Er vermochte den Einschnitt der Flußmündung nicht zu erkennen.
Etwas später schob sich das Boot jedoch ins schwer hängende Gesträuch und teilte es mit dem Bug. Hier schien die Welt zu Ende zu sein – doch erstaunlicherweise öffnete sich gleich hinter dem undurchdringlich wirkenden Vorhang das Halbdunkel eines Stollens.
Nicht durch den Fels führte dieser Stollen, nein, er war ein matt schimmernder Gang unter der alles zudekkenden Inselflora, der Weg, den sich der Fluß gegraben hatte.
Die Aura der Selva nahm die Männer im Boot gefangen. Feuchtigkeit und ein Gemengsel aus vielen verschiedenen Gerüchen senkte sich über sie, ein Gifthauch schien sie zu umfächeln.
Sie pullten langsamer.
Das Wasser war zunächst noch klar, wurde nach einigen Yards jedoch braun und brackig. Hasard und seine Männer hatten den Einzugsbereich der See verlassen und stemmten sich gegen die zunehmende Strömung.
Schließlich wurde der Fluß sehr flach, und die Ufer strebten derart dicht aufeinander zu, daß selbst mit der Jolle kein Durchkommen mehr war.
„Die Antwort auf unsere Frage hätten wir also“, sagte der Seewolf. „Hierher haben sich die malaiischen Freibeuter nicht zurückgezogen. Spätestens an dieser Stelle hätten wir sonst auf ihre Schiffe stoßen müssen.“
„Keine Prahos – kein Tiger“, sagte Matt Davies mit schiefem Grinsen.
„Trotzdem will ich einen Blick in die Runde werfen“, sagte Hasard. „Wir gehen an Land und unternehmen einen kleinen Streifzug. Jeff, du bewachst das Boot.“
„Aye, Sir.“
Kurz darauf taten sie wieder das, worauf die Männer so sehr „erpicht“ waren. Mit Säbeln und Entermessern bahnten sie sich einen Weg durch den Urwald, den seit Menschengedenken niemand mehr betreten zu haben schien. Vorn öffnete sich das Gestrüpp unter Hasards und Carberrys erbitterten Hieben, Batuti, Pete, Gary und Matt droschen den Rest nieder. Hinter ihnen schien sich das Dickicht gleich wieder zu schließen – ein unangenehmes Gefühl.
Insekten schwirrten ihnen in die Gesichter und krabbelten über ihre Oberkörper. Sie waren nicht nur lästig, sondern behinderten sie auch. Myriaden von Mücken und anderem winzigen Getier schienen auf der Insel zu hausen.
Einzig der schwarze Herkules aus Gambia beschwerte sich nicht. Er war ähnliche Verhältnisse ja aus seiner Heimat gewohnt.
Pete Ballie hingegen wetterte: „Teufel auch, so eine Plage. Gibt es denn kein Mittel gegen die Bestien?“
„Totschlagen“, sagte Matt trocken.
„Dir können die Scheusale wohl gar nichts anhaben, was?“ sagte Gary Andrews.
„Ich sage: Hier laßt uns Hütten bauen“, erwiderte Matt Davies mit galligem Humor.
Hasard erwartete, irgendwo auf eine Lichtung zu treffen, denn der Untergrund stieg jetzt an, und bald mußte sich die Vegetation zumindest an vereinzelten Stellen ein bißchen öffnen. Als er von der „Isabella“ aus mit scharfem Blick die Flußmündung gesichtet hatte, glaubte er auch ein paar helle Flecken in dem dichten Bewuchs erspäht zu haben.
Deshalb arbeitete er sich unverdrossen weiter voran.
Was er zu finden hoffte, wußte er so genau selbst nicht – vielleicht Spuren, die auf den Tiger hinwiesen. Die Reste eines Lagerfeuers, einer Mahlzeit im Freien, möglicherweise auch Behausungen.
Carberry hörte einen Laut und blieb stehen.
„Hasard“, raunte er. „Sir.“
„Was gibt’s, Ed?“
„Da ist was.“
Hasard verharrte ebenfalls und wandte sich zu ihm um. „Ed, willst du mir erzählen, hier spukt es? Hör damit auf, ehe du richtig anfängst.“
„Nein, Sir. Da ist was“, behauptete der bullige Profos steif und fest.
Ein Zeichen für die Richtigkeit seiner Behauptung lieferte jetzt Sir John. Der Papagei duckte sich auf seiner rechten Schulter. Seine Nakkenfedern sträubten sich, seine Augen schienen Angst auszudrücken.
Dann vernahm auch Hasard das Geräusch – und mit ihm die anderen vier.
Ein Grollen durchlief den Regenwald, ein unerklärliches, unterschwelliges und doch ungemein intensives Brüllen, das geradewegs den tiefsten Schlünden der Hölle zu entweichen schien.
Selbst der Seewolf konnte sich eines kalten Schauers nicht erwehren, der ihm über den Rücken lief. Sein Blick huschte von Mann zu Mann, und er las Repekt in ihren Mienen, ungeheuren Respekt.
Batuti rollte mit den Augen, daß das Weiße hervorzuquellen drohte.
„Teufel“, zischte Matt Davies. „Das hört sich ja an wie – wie …“
„Schsch“, flüsterte der Gambia-Neger und legte den Zeigefinger gegen die Lippen.
Unwillkürlich schwiegen die Männer wirklich. Batuti schlich zu Hasard, brachte seinen Mund ganz nah an dessen Ohr und raunte: „Batuti weiß – das Herr der Steppe. Furchtbarer Gegner.“
„Du sagst Steppe“, erwiderte Hasard fast genauso leise. „Wir befinden uns hier aber im Urwald. Meinst du vielleicht einen Löwen?“
„Ja, den.“ Batutis Züge nahmen einen ehrfürchtigen Ausdruck an.
„Dann weiß ich, wer das ist“, sagte der Seewolf. „In diesem Land existieren keine Löwen. Wohl aber Tiger.“
„Die sollen noch größer werden als Löwen“, raunte Gary Andrews.
„Ich hab noch keinen Tiger gesehen“, hauchte Pete Ballie, von Batutis Ehrfurcht angesteckt.
„Ich auch nicht“, erwiderte Gary. „Auch noch keinen Löwen.“
Hasard blickte sich aufmerksam um. Hätte er die Richtung bestimmen sollen, aus der das feindselige Grollen gedrungen war, hätte er sich nur schwer festlegen können. Es schien überall zu sein.
Sun Lo hatte ihm ein wenig über Tiger erzählt, über die schönen Tiere aus Bengalen und die blasser gezeichneten Exemplare eines fernen, kalten Landes, das er Sibirien genannt hatte. Gewaltige Raubkatzen, die einem ausgewachsenen Mann mit einem einzigen Tatzenhieb den Arm vom Rumpf trennen oder den Kopf abreißen konnten. Sie lebten nicht in Rudeln wie die Löwen Afrikas, sondern meistens als Einzelgänger, nur zur Paarungszeit zu zweit beziehungsweise nach der Geburt der Jungen einige Wochen lang als traute Familie.
Eigentlich gingen sie dem Menschen aus dem Weg, hatte der Mönch von Formosa zu berichten gewußt, aber es gäbe auch sogenannte „Menschenfresser“, Tiere, die unangenehme Erfahrungen mit Menschen gemacht hatten und ihnen deswegen nachstellten. Vor einem Element hatten jedoch alle Tiger Angst: vor dem Wasser.
Das Grollen kehrte wieder.
Die Männer fuhren unwillkürlich zusammen.
„Verdammt“, stieß Carberry aus. „Lassen wir uns von diesem Himmelhund etwa einschüchtern? Weiter, sage ich.“
„Ja“, meinte nun auch der Seewolf. „Dringen wir wenigstens bis zur ersten Lichtung vor. Ich stelle es euch aber frei, zum Boot zurückzukehren. Ed und ich kommen auch allein ganz gut voran.“
„Ach was“, antwortete Matt Davies. „Erstens haben wir die Hosen nicht voll, und zweitens würden wir euch auch mit vollen Hosen nicht im Stich lassen.“ Er sagte das im Brustton voller Überzeugung, äugte aber doch zu Sir John, der auf der Profosschulter immer kleiner zu werden schien.
Noch einmal wälzte sich das Brüllen des Tigers durch den Dschungel, diesmal ganz nah.
Sir John schlüpfte von der Schulter aus in Carberrys Wams. Er kuschelte sich zusammen und verharrte reglos. Nichts auf der Welt hätte ihn bewegen können, diesen sicheren Platz wieder zu verlassen.
„Augenblick“, flüsterte Pete Ballie.
„Was ist?“ zischte Gary. „Du machst mich ganz kribbelig.“
„Wieso geht der Papagei in Dekkung?“
„Instinkt“, erwiderte Matt Davies.
„Meinetwegen“, sagte Pete. „Aber meistens fliegt er auf, wenn es brenzlig wird.“
Hasard und Carberry blieben am Kopf der Gruppe stehen, als Pete dies sagte. Sie fühlten sich veranlaßt, den Blick zu heben.
„Du meinst, Sir John ist nicht weggeflogen, weil die Gefahr von oben kommt?“ raunte der Profos seinem Kapitän zu. „Ach wo. Tiger klettern doch nicht auf Bäume.“
„Woher weißt du das?“ fragte Hasard.
„Hat Sun Lo das nicht gesagt?“
„Mir nicht.“
Carberry stand plötzlich wie vom Donner gerührt.
„Sir“, würgte er hervor. „Ich – ich sehe ihn.“
Hasard hatte den Urheber der unheimlichen Laute nun auch entdeckt. Die vier anderen folgten seinem und Carberrys Blick – und da sahen auch sie das Tier. Zwischen Blättern hindurch gewahrten sie es auf dem niedrigen Ast eines gewaltigen, urweltlich wirkenden Baumes.
Majestätisch, reglos, den Blick unverwandt auf den kleinen Trupp gerichtet, ein Bild vollkommener Harmonie zwischen Schönheit des Körpers, Kraft und samtfarbener Streifenzeichnung, so bot sich die große Katze ihren Augen dar.
„Der Herr des Waldes“, murmelte Hasard. Er konnte den Blick nicht von diesem einzigartigen Tier nehmen. Man mußte von dieser Kreatur überwältigt sein. „Duldet er uns – oder will er uns verjagen?“
Carberry gab Gary Andrews einen Wink. Gary hob daraufhin die mitgebrachte Muskete. Batuti öffnete jedoch den Mund, um zu protestieren.
Und Hasard sagte nun auch: „Nein, nicht schießen. Er hat uns nichts getan.“
„Er kann uns alle töten“, widersprach Carberry.
„Aber ihm steht die gleiche Würde, der gleiche Respekt zu wie einem Zweibeiner“, sagte der Seewolf. „Erst wenn wir angegriffen werden, wehren wir uns unserer Haut.“
Der Tiger öffnete das Maul und zeigte ihnen seine spitzen, dolchartigen Reißzähne. Zehn, höchstens fünfzehn Yards entfernt lag er auf dem schweren Baumast, und das Grollen, das er von sich gab, dröhnte wie Donner in den Ohren der Männer.
Hasard stellte einen Vergleich mit dem Anführer der malaiischen Freibeuter an. Würde und Gewandtheit, Stolz, Kraft, ein Ausdruck der Unbesiegbarkeit – trafen alle diese Attribute tatsächlich auch auf den Mann von Malakka zu?
„Da“, stieß Batuti aus. „Tiger steht auf.“
Und wirklich, der Herrscher über den Dschungel richtete sich lautlos auf – zu seiner vollen Größe, die den Männern der „Isabella“ erst jetzt richtig bewußt wurde. In fließender Bewegung drehte sich das Tier, verließ den Ast, glitt den Baumstamm hinunter und wurde vom Dickicht verschluckt.
„Mann“, keuchte Pete Ballie. „Jetzt pirscht er sich an, um uns zu vertilgen.“
Hasard erwiderte: „Haltet die Waffen schußbereit. Wir kehren zum Boot zurück. Schaut euch ständig nach allen Seiten um.“
„Wir hören schon, wenn der Bruder naht“, meinte Matt Davies. „Er faucht ja laut genug.“
„Das glaubst du auch bloß“, entgegnete Gary. „Von jetzt an verhält er sich mucksmäuschenstill, sage ich dir.“
„Herr der Tiere“, versetzte der Gambia-Neger gedämpft. „Meister der Jagd.“
Sie hatten den Weg zum Beiboot der Galeone halb zurückgelegt, da zerriß ein Donnerhieb die Stille. Hasard setzte sich sofort wieder an die Spitze seiner Gruppe und stürmte los. Als er aus dem Dickicht brach und das Flußufer erreichte, sah er einen bleichen Jeff Bowie im Boot stehen. Das Boot schwankte, Jeff trachtete es durch ausgleichende Beinarbeit in eine ruhigere Lage zu bringen.
„Hölle, Jeff!“ rief der Seewolf. „Warst du das?“
„Ja, Sir. Wir hatten doch ein paar Höllenflaschen mitgenommen. Ich habe schnell eine davon gezündet, als dieser – dieser Teufel im Gebüsch auftauchte.“
„Der Tiger?“
„Ja, das muß wohl ein Tiger gewesen sein“, sagte Jeff verdattert. „Ich habe die Flasche nach ihm geschleudert, dann war er weg wie der Blitz.“
Hasard ließ sich die Stelle zeigen, an der Bowie die große Raubkatze gesichtet hatte. Die Explosionsflasche hatte das Dickicht im Umkreis von etwa fünf Yards geplättet und einen kleinen Krater in den weichen Boden gerissen. Schwarze Erde haftete an den Mangrovenblättern, es sah aus, als habe ein fürchterlicher Kampf stattgefunden.
Von dem Tiger aber keine Spur.
Hasard grinste. „Eine gute Reaktion, mein Freund. Es hätte dich um ein Haar erwischt. Ich hätte dir aber auch niemals verziehen, wenn du unserem guten Jeff zu Leibe gerückt wärst.“
Bei der Rückfahrt zur „Isabella“ beteuerte Jeff immer wieder, der Tiger habe ihn anspringen wollen, er habe alle Anstalten dazu getroffen, unverkennbar.
„Also doch ein Menschenfresser“, sagte der Seewolf. „Das gibt mir zu denken. Falls Rempang ganz unbewohnt ist, hat der Tiger bestimmt mit dazu beigetragen.“ Sie hatten das Dickicht verlassen und pullten auf die See hinaus. Hasard richtete sich auf und gab Ben Brighton ein Zeichen. Ben hatte nach der Explosion der Flasche bereits ein zweites Boot bemannen lassen und wollte gerade aufbrechen, um den Kameraden zu Hilfe zu eilen.
9.
Zurück an Bord der „Isabella“ erstatteten die Landgänger ihren Kameraden Bericht.
„Ich glaube, nicht einmal ein halbes Dutzend Schüsse könnten den Tiger stoppen“, sagte der Seewolf abschließend. „Eine Höllenflasche vielleicht, aber das wäre höchst unwaidmännisch.“
„Du willst zur Insel zurück und ihn erlegen?“ fragte Ferris Tucker.
„Nein, das habe ich nicht vor. Die Freibeuter, die wir suchen, halten sich bestimmt nicht auf Rempang auf – wegen des echten Tigers. Und ich persönlich hege keinen Haß gegen den vierbeinigen Killer. Wenn er sein Revier um jeden Preis verteidigen will, dann bin ich der letzte, der seine Kreise stört.“
„Deck!“ rief unvermittelt Bill aus dem Großmars. „Schiff im Nordwesten! Es hat das Nordufer der Insel gerundet und hält auf uns zu!“
Hasard bewaffnete sich sofort mit dem Spektiv, hastete auf die Back der „Isabella“ und nahm das Schiff im Augenschein.
„Ein Zweimaster!“ rief der Schiffsjunge.
Ben Brighton, Ferris Tucker, Smoky, Shane und die beiden O’Flynns trafen inzwischen auch auf dem Vordeck ein. Carberry überprüfte unterdessen die Gefechtsstationen. Nach dem Zwischenfall auf Rempang hatte Ben Brighton zum Kampf rüsten lassen. Es gab nichts zu bemängeln, die „Isabella“ konnte es sofort mit einem Gegner aufnehmen.
Hasard mußte zwar auch ein Erscheinen der Spanier in sein Kalkül einbeziehen, aber er rechnete noch nicht wieder mit ihnen. Ganz instinktiv dachte er eher an ein Aufkreuzen der malaiischen Piraten.
Und er wurde nicht enttäuscht.
„Der Zweimaster ist ein außergewöhnlich großer Praho“, sagte er zu den Männern. „Ich wette eins zu tausend, daß er zu dem Verband des Tigers gehört.“
„Na, dann wollen wir mal“, entgegnete Ferris grimmig.
„Ich nehme nicht an, daß er mit uns kämpfen will“, meinte Hasard jedoch. „Er signalisiert aus den Toppen.“
„Spanische Signalzeichen, Sir“, meldete Bill im Tonfall höchster Erregung. „Er erscheint als Unterhändler.“
„Akzeptieren wir das?“ fragte Ben.
Hasard ließ das Spektiv sinken und warf seinem Bootsmann einen Seitenblick zu. „Ja. Wir verhandeln. Gebt ihm zu verstehen, daß wir zu Verhandlungen bereit sind. Ich will wissen, was er von uns will.“
Kurze Zeit später wußte er es.
„Eine Unterredung zwischen beiden Kapitänen“, las der Seewolf aus den Signalflaggen, die in den Toppen des eigentümlichen Zweimasters flatterten. „Der Tiger will mich sehen, befindet sich aber an anderer Stelle.“
„Wir begleiten dich“, sagte Ben Brighton.
Hasard schüttelte den Kopf. „Der Tiger erwartet mich allein, ohne Schutzengel. Den Gefallen tue ich ihm.“
„Hasard!“ rief Dan O’Flynn. „Du gehst freiwillig in Teufels Küche. Der Malaie wird sich freuen, dir den Hals umdrehen zu können.“
„Das tut er nicht.“
„Wer garantiert dafür?“
„Keiner, aber ich halte ihn für fair.“
„Was, zum Teufel, will der Kerl von dir?“ fragte Big Old Shane.
„Das erfahren wir bald“, sagte Hasard lächelnd. „Männer, fiert ein Boot ab, ich setze zu dem Praho über. Und noch etwas. Ihr wartet hier, bis ich zurück bin. Ihr rührt euch nicht vom Fleck, es sei denn, ihr hört Schüsse fallen. Mister Brighton, das ist ein Befehl.“
„Aye, aye, Sir“, sagte Ben widerwillig.
Nördlich der Insel Rempang fand das denkwürdige Treffen statt. Hasard durfte sich an Bord des zweimastigen Prahos frei bewegen. Er stand auf dem Vordeck und hielt die Arme vor der Brust verschränkt, als sie hoch am Wind auf den Verband des Tigers von Malakka zurauschten.
Die „Isabella VIII.“ und auch das Beiboot, auf dem Hasard übergesetzt hatte, waren ein paar Meilen achteraus zurückgeblieben. Jetzt schob sich die Inselküste zwischen beide Parteien, so daß der Seewolf sein Schiff nicht mehr sehen konnte.
Elf Schiffe warteten. Nur drei waren kleiner als der Zweimaster, auf dem Hasard fuhr, und sie führten nur jeweils einen Mast. Die anderen überragten das Schiff der Unterhändler um einiges. Der größte Segler schließlich hob sich hervor wie ein Schwan in einer Entenkolonie. Er war ein Dreimaster, dessen Segelfläche der Seewolf angesichts der langen Gaffelruten als sehr groß einschätzte, obwohl die Segel aufgegeit waren.
Der Dreimaster führte keine Ausleger, und ihm fehlte auch die einfache Hütte mittschiffs, die die Malaien Attap zu nennen pflegten. Statt dessen hatte er eine niedrige Poop und ein Vorkastell wie die Galeonen und Karavellen.
Der Zweimaster ging bei dem Dreimaster längsseits, und wenig später konnte der Seewolf auf das größere Schiff überentern. Auf der Kuhl erkannte er einige der Malaien, Bataks und Atjehs wieder, die zu der Begleiterschar des Tigers zählten. Auch die Gesichter der einfacher, weniger bunt und abenteuerlich gekleideten Männer und Frauen vor der Back waren ihm nicht neu – Eingeborene des von den Spaniern überfallenen Dorfes.
Auf dem Achterdeck schließlich erwarteten der Tiger, Otonedju und die Tochter des Stammesältesten den Seewolf. Beim Voranschreiten fragte Hasard sich unwillkürlich, wie Otonedju eine so junge Tochter haben konnte. Aber dann führte er sich vor Augen, daß bei manchen Inselvölkern die Polygamie vorherrschte und daß der alte Mann durchaus eine viel jüngere Frau geehelicht haben konnte.
Hasard betrat das Achterdeck.
Der Tiger, das sah er sofort, hatte noch immer seine doppelläufige sächsische Reiterpistole im Leibgurt stecken.
„Ich grüße dich, Seewolf“, sagte der Tiger.
Hasard blieb stehen und lächelte knapp. „So treffen wir also doch noch zusammen. Wo liegt dein Versteck? Auf einer der nördlichen Nachbarinseln von Rempang? Du brauchst es mir nicht zu verraten. Ich nehme aber an, deine Späher haben meine Galeone entdeckt, und daraufhin hast du beschlossen, dich, wenn schon, auf offener See mit mir zu treffen.“
Wider Erwarten blieb der Tiger gelassen.
„Das ist im Prinzip richtig“, erwiderte er in seinem nahezu akzentfreien Spanisch. „Natürlich kann ich dich nicht in meinem Schlupfwinkel empfangen, damit hätte ich dir meinen geheimen Aufenthaltsort verraten, bevor ich dich genau geprüft habe.“
„Ah! Und was gibt mir die Ehre, von dir empfangen zu werden?“
„Du hast uns gesucht.“
„Ja, denn ich will nicht auf mir sitzen lassen, was du mir vorwirfst. Der Überfall der vier Spanier auf der Insel war nicht fingiert. Sie waren die letzten Versprengten ihres Haufens, und wir haben zäh mit ihnen ringen und fechten müssen, bis …“
„Das Mädchen Yaira hat gesehen, wie zwei dieser Kerle gefallen sind“, erwiderte der Tiger. Er legte der Häuptlingstochter die Hand auf die Schulter, und Yaira wurde sichtlich verlegen. „Sie hat es mir gesagt, als wir schon auf den Schiffen waren. Ich habe daraufhin über dich nachgedacht, Seewolf – und gewartet. Ich wußte, daß du auftauchen würdest.“
„Gib mir meine Waffe zurück.“
„Erst wenn ich völlig von deiner Ehrlichkeit überzeugt bin.“
„Was muß ich denn noch tun, um dein Vertrauen zu gewinnen?“
„Ich werte es hoch, daß du allein erschienen bist“, sagte der Tiger von Malakka. „Aber versuche, mich zu verstehen. Ich bin oft hintergangen worden. Meine eigenen Landsleute haben mich verraten, verkauft, geschlagen, den Spaniern überantwortet. Siabu, der Batak, war einer von ihnen. Er gab dem Kommandanten des Verbandes den Hinweis, ich könnte auf Otonedjus Insel Zuflucht gesucht haben.“
Hasard beobachtete ihn unentwegt, keine Regung im Gesicht des Piratenführers entging ihm. „Das begreife ich durchaus. Mir ist es in meiner Heimat ähnlich ergangen – England übrigens, nicht Spanien.“
„Ich hasse die Spanier, was ich von den Engländern halten soll, weiß ich nicht.“
„Wie kann ich dir die Gelegenheit dazu geben, mehr über unsere Zielsetzung zu erfahren?“ fragte Hasard.
Die Züge des Tigers verhärteten sich. „Du gibst vor, unser Freund zu sein. Das mußt du unter Beweis stellen. Wenn dein Herz wirklich für uns schlägt, gehst du allein auf die Insel zurück – Rempang. Kein Mann hat bisher seinen Fuß auf dieses Stück Land gesetzt, ohne dem Tiger zu begegnen. Ich spreche jetzt von Bulbas, dem grausamen Einzelgänger und Amokläufer.“
„Hast du die Explosion gehört? Wir haben ihn durch eine Pulverladung verscheuchen müssen.“
„Der Amokläufer wird dich deswegen hassen. Noch einmal läßt er dich nicht entwischen.“
Amok – dieses Wort stammte aus dem Malaiischen und bedeutete soviel wie „Raserei“. Diese und einige andere Vokabeln hatte der Seewolf während seiner Fahrten zwischen dem Reich der Mitte und den vielen Inseln dieses Erdteils erlernt, es waren aber nicht viele.
„Nicht alle Tiger hassen die Menschen“, entgegnete Hasard.
„Bulbas wurde vor einigen Jahren von Spaniern angeschossen.“
„Du auch?“
„Suche nicht nach der Gleichheit der Begebenheiten, es lohnt sich nicht“, erwiderte der schwarzbärtige Mann, und seine Miene wurde noch finsterer. „Hör mir nur zu. Die Spanier betreten Rempang nicht mehr, sie haben Angst und wissen dem Tiger nicht beizukommen. Meine Männer und ich, wir haben Bulbas’ Reich bisher auch gemieden, weil wir den Tiger als unser Kampf symbol achten und verehren. Doch vorletzte Nacht hat sich etwas Unvorhergesehenes ergeben, wie ich leider erst heute mittag erfahren habe.“
Er klatschte in die Hände. Die Decksleute entließen daraufhin einen hageren Mann aus ihren Reihen, den Hasard zuvor noch nicht gesehen hatte. Etwas geduckt enterte dieser Malaie das Achterdeck. Hasard hob die Augenbrauen, als er die kaum verheilten Wunden auf seinem nackten Oberkörper sah.
„Ein kleiner Stamm wie der von Otonedju wurde vor zwei Tagen von einer Insel vertrieben – von den Spaniern“, erklärte der Tiger. „Das Gros der Männer, Frauen und Kinder floh mit Auslegerbooten. Unwissend der Tatsache, daß Bulbas auf Rempang haust, landeten sie auf der Insel. Sie wollten sich eine neue Existenz aufbauen. Bulbas hielt grausige Mahlzeit. Dieser Mann entkam schwimmend ins Meer, wir fischten ihn auf.“
Hasard sah wieder auf den mageren Malaien, der ein paar Worte ausstieß und unverständliche Gesten beschrieb.
„Seine Brüder und Schwestern sind nicht alle gerissen worden“, erläuterte der Tiger von Malakka ernst. „Rund zwei Dutzend sind nach seiner Darstellung in die Berge geflüchtet und haben vielleicht irgendwo in Erdlöchern Unterschlupf gefunden. Bulbas umschleicht sie und wird auch sie aufstöbern. Du und deine Männer habt ihn gestört, aber jetzt nimmt er die Jagd wieder auf.“
„Und du willst, daß ich eine Mutprobe ablege?“
„Wenn du ein aufrichtiger Freund der Malaien bist, kehrst du auf die Pulau Rempang zurück und hilfst den wehrlosen Menschen aus der Klemme. Allein.“
„Ist es das, was du plantest?“
„Ja. Deswegen sind wir hier.“
Hasard blickte zu Otonedju und Yaira. Sie verstanden kein Wort Spanisch, aber der Inhalt dessen, was der Tiger von Malakka gesagt hatte, war ihnen bewußt. Ihre Gesichter waren von tiefem Ernst gezeichnet.
„Ich versuche es“, sagte der Seewolf. „Aber ich werde alles tun, um Bulbas nicht zu töten.“
Vor Anbruch der Dunkelheit kehrte Hasard mit einer Jolle in den schmalen Flußlauf der Insel zurück – allein. Der Verband von zwölf Piratenschiffen hatte sich zur „Isabella“ gesellt, unter dem heiligen Versprechen des Tigers von Malakka, sich völlig neutral und friedfertig zu verhalten.
Hasard glaubte fest daran, sich auf das Wort des Tigers verlassen zu können.
Und nun zu dir, Bulbas, dachte er, während er mit dem Boot an derselben Stelle landete wie wenige Stunden zuvor.
Der Tiger war unendlich gerissen, das hatte der malaiische Freibeuter dem Seewolf versichert, das hatte Hasard auch schon selbst festgestellt.
Statt ihn, Carberry und die vier anderen anzugreifen, hatte er sich an Jeff Bowie herangepirscht, um diesen als ersten zu zerfetzen. Und was die völlig verstörten und zutiefst eingeschüchterten Eingeborenen betraf, die irgendwo im Inselinnern hockten, so hatte er ihnen nicht nur die Boote zerstört, er schnitt ihnen auch fortwährend jeden Fluchtweg ab.
Dies alles tat Bulbas, der Amokläufer, aus abgrundtiefem Haß gegen die Menschen. Würde er sich nie ändern? Es gab keine Hoffnung, aber Hasard widerstrebte es dennoch, ihn zur Strecke zu bringen.
Zum Teufel mit der Überheblichkeit, dachte er, wie leicht kann er dich erledigen!
Hatten die auf der Insel Eingeschlossenen das Erscheinen der Schiffe verfolgen können? Hofften sie auf Rettung? Zumindest hatten sie das Detonieren der Höllenflasche vernommen. Würden die Krieger sich vorwagen, bis zum Südufer hinunter, um auf sich aufmerksam zu machen und um Rettung zu flehen?
Bulbas lauerte ihnen auf.
Diese Erwägung trieb den Seewolf voran. Nicht weit von seinem Landeplatz entfernt hörte er auf, mit dem Cutlass auf das Dickicht einzuhauen. Er hatte seinen Pfad weit genug getrieben und suchte sich einen mächtigen Baum aus, den er hochklimmen konnte.
Der Flußlauf befand sich unweit des Baumriesen. Er hatte sich an dieser Stelle zu einem verhalten dahingurgelnden Bach verengt. Das Gewässer nahm einen wesentlichen Teil in Hasards Planung ein.
Bevor er den Baum erkletterte, löste er die Taurollen, die er sich über eine Schulter geschlungen hatte. Zu beiden Seiten des Baches legte er Schlingen, die er sorgfältig knotete und nach einem ausgeklügelten System oben mit den tiefsten Baumästen verband. Nachdem er sie getarnt hatte, daß sie wie Lianen anmuteten, setzte er mit einem Sprung wieder auf das andere Bachufer zurück und kletterte in den Baum hinauf.
Die ganze Zeit über hatte er höllisch aufgepaßt, nicht von dem vierbeinigen Mörder überrascht zu werden. Aber Bulbas zeigte sich nicht. Hatte er den Feind noch nicht bemerkt? Hasard gab sich keinen Illusionen hin. Bulbas hatte seine Landung verfolgt, aus irgendeinem Versteck heraus. Er wußte, wohin sich der Feind gewandt hatte und wartete nur noch den günstigsten Zeitpunkt ab, um über ihn herzufallen, ohne eine donnernde Flasche zwischen die Läufe zu erhalten.
Die Nacht also.
Hasard kniete auf einer Gabelung, die genügend Platz bot, um es Stunden, vielleicht die ganze Nacht, auf dem luftigen Posten auszuhalten. Zwei Waffen hatte er mitgenommen: den Radschloß-Drehling und Batutis Pfeil und Bogen. Die Pfeile im Köcher waren in einer intensiven Zusammenarbeit des Kutschers und des Gambia-Mannes mit einer Substanz versehen worden, die sich beim Eindringen in den Körper eines Opfers sofort ausbreitete und in den Blutkreislauf floß.
Hasard vertraute auf dieses Wundermittel.
Die Nacht tauchte die Insel Rempang nahezu übergangslos in Finsternis. Die Umgebung des Seewolfs erwachte zu allerlei Aktivitäten. Zikaden zirpten, Frösche quakten, Nachtvögel stimmten ihr Konzert an, große Insekten summten vorbei. Es riß nicht ab.
Einmal vernahm Hasard ein Grollen wie aus weiter Ferne. Bulbas hatte sein Nahen angekündigt. Er würde sich nicht wieder melden.
Hasard packte den Radschloß-Drehling unwillkürlich fester. Sechs Schuß steckten in der Trommel, aber würden sie reichen, wenn der Tiger ihn überlistete? An den Bogen und die Pfeile war in jenem Fall überhaupt nicht mehr zu denken. Hasard fragte sich, ob er nicht zu leichtsinnig gehandelt hatte, als er es abgelehnt hatte, auch Höllenflaschen aus der Werkstatt Ferris Tuckers mitzunehmen. War das nicht wieder zu großes Selbstvertrauen gewesen? Im äußersten Notfall hatte er keine Chance, sich den Mörder fernzuhalten. Sechs Schüsse konnten genug sein, um Bulbas zu fällen, oder aber der Tiger verdaute sie, ohne ernsthaft in seinen Bewegungen behindert zu werden.
Es kam aufs richtige Zielen an.
Aber im Dunkeln ließ es sich schlecht zielen.
Ein feines Knacken im dichten Unterholz – und Hasard wußte, daß der Tiger zur Stelle war. Sehen konnte er ihn immer noch nicht. Wäre es nicht vorteilhaft gewesen, chinesischen Schnee von der „Isabella“ mitzubringen? Oder vielleicht einen Brandsatz? Hasard hätte die Umgebung in gleißendes Licht tauchen können, Bulbas wäre geblendet und verwirrt gewesen.
Das war es eben. Auch hier galt das Gebot der Fairneß. Bei allem Selbsterhaltungstrieb wollte der Seewolf dem Todfeind eine reelle Chance lassen, sich gegen ihn zu behaupten.
Bulbas zeigte sich völlig überraschend.
Sein Grollen flog auf den Baum zu. Hasard sah den mächtigen Leib, schwarz, braun und weiß gestreift. Bulbas mußte einen Nachbarbaum erklommen haben, nur so hatte er den Schlingen entgehen können.
Auf allen vieren landete er auf dem Ast, der von Hasards Gabel fortstrebte. Der Ast schwang bedenklich auf und ab, Hasard verlor fast den Halt. Er kämpfte um sein Gleichgewicht.
Bulbas fauchte, brüllte und glitt auf ihn zu. Er war ein zähnefletschender, krallenbewehrter Kämpfer, der auch dem hartgesottensten Mann das Fürchten beibrachte.
Schießen? Hasard besann sich auf seinen Plan. Er wich ein Stück zurück und ließ sich dann aus der Gabel zu Boden fallen. Gleichzeitig griff er nach dem Bogen und ließ den Radschloß-Drehling am Lederriemen herabbaumeln. Er landete, fing den Aufprall in den Kniekehlen ab und zog einen Pfeil aus dem Köcher.
Warum, dachte er, warum hast du das nicht eher getan?
Bulbas war grollend über ihm und schickte sich an, herabzuspringen und ihn unter seinem Gewicht, seinen scharfen Krallen zu begraben.
Hasard bewegte sich rückwärts und mußte aufpassen, nicht in die Schlinge zu geraten. Er legte den Pfeil auf die Bogensehne, spannte und schoß – der Pfeil zischte über Bulbas weg.
Der Tiger brüllte auf, Haß loderte in seinen gelben Lichtern. Er duckte sich sprungbereit. Hasard taxierte die Distanzen, drehte sich halb und sprang über den Bachlauf.
Bulbas sank aus dem Baum aufs Ufer, sein Aufsetzen geschah nahezu lautlos. Er schob sich auf den Menschen zu, flach, die Muskeln gespannt.
Dann spürte er die Nähe des Wassers und verhielt.
Hasard hatte einen zweiten Pfeil aufgelegt und ließ ihn schwirren. Die Spitze bohrte sich in Bulbas’ Schulterfleisch und hatte genug Schwung und Druck, sein Fell zu durchdringen. Grausig klang das Brüllen des Tieres in Hasards Ohren.
Bulbas flog über den Bachlauf, und nur ein gewaltiger Sprung zurück ins Dickicht rettete den Seewolf. Er fiel, rappelte sich wieder auf und nahm mit fliegenden Fingern einen dritten Pfeil.
Bulbas, der Mörder, der Amokläufer, schlich auf ihn zu.
Dann aber verfing er sich in der Schlinge.
Hasard nutzte seine Verwirrung, um den dritten Pfeil in seinen Hals zu schießen. Im nächsten Augenblick mußte er wieder ausweichen und zurückspringen, denn der Tiger wollte sich blind vor Zorn auf ihn werfen.
Eine Wurzel stoppte Hasard. Er strauchelte und fiel auf den Rücken. Der heiße, beißende Atem der Bestie war vor ihm. Eine Pranke raste auf ihn nieder und traf seine rechte Schulter. Siedender Schmerz durchzuckte den Körper des Seewolfs.
Es ist aus, dachte er, diesmal ist es wirklich aus.
Aber Bulbas konnte nicht mehr weiter. Die Schlinge hatte sich zusammengezogen und hielt seine Hinterläufe fest. Zwei Pfeile steckten in ihm, das Betäubungsmittel wirkte jetzt. Lasch setzte er seine Pranke auf den Boden und ließ ein langgezogenes Stöhnen ertönen. Dann sank er auf die Seite. Seine Läufe regten sich noch träge, aber dann hörte auch das auf.
Hasard blutete, war zerschunden und mit Schmutz besudelt. Aber die Verzweiflung glitt von ihm ab. Er sprang auf und stieß den alten Kampf- und Siegesschrei der Seewölfe aus.
„Arwenack! Ho, Ar-we-nack!“

1.
Rasch und unregelmäßig, fast fliegend ging der Atem des jungen Kriegers. Immer wieder verhielt er und lauschte in den nächtlichen Dschungel. Mangrovenblätter umschlossen schwer und ledrig seine Gestalt, als wollten sie ihn niederringen und erwürgen.
Geräuschvolle Aktivitäten belebten den Regenwald von Rempang, aber es war nicht das Zirpen und Quaken, das Schlagen der Nachtvögel, das Rascheln und Knacken, das den Inselmalaien beunruhigte.
Der Tod nahte schleichend, lautlos.
Mannigfache Gefahren lauerten in dem erstickenden Wildwuchs der feuchten, schwartigen Pflanzen, aber nur die eine fürchteten die Orang Laut, die Seemenschen, wirklich. Sie ließ jegliche andere Bedrohung neben sich verblassen, jede Giftschlange, jeden angriffslustigen Affen, jeden Stich, jede Krankheit, von Insekten oder von bösen Geistern übertragen.
Bulbas, der Einzelgänger. Bulbas, der größte und am schönsten gezeichnete Tiger, den es auf Inselindien je gegeben hatte, war der unumschränkte Herrscher des Urwalds.
Legenden wurden über ihn erzählt, schaurige Geschichten, doch die Orang Laut hatten, als sie vor den Spaniern geflüchtet waren, nicht geahnt, daß der Amokläufer ausgerechnet auf dieser Insel anzutreffen war. Als sie ihm dann begegnet waren, tief im Dschungel, hatte der Tiger vier von ihnen gerissen. Einem fünften Mann war trotz seiner Verletzungen die Flucht zum Wasser gelungen, den anderen jedoch hatte Bulbas den Weg zurück zu den Prahos abgeschnitten – Männer, Frauen, Kindern.
Halb wahnsinnig vor Angst hatten sie Zuflucht in Höhlen und Erdlöchern der höhergelegenen Inselregion gesucht.
Der junge Krieger packte seine Waffen fester. In der linken Hand hielt er den Kris, den schlangenförmig gewundenen Krummdolch der Malaien. Die Finger der Rechten umspannten das Heft eines mit Akribie scharfgeschliffenen Parangs, eines Kurzschwerts, dessen Klinge sich nach vorn leicht verbreiterte.
Mit beiden Waffen konnte der Eingeborene ausgezeichnet umgehen, aber er wußte wie seine Stammesbrüder, daß Kris und Parang im Kampf gegen den Tiger ebenso lächerlicheVerteidigungsmittel waren wie Speer, Pfeil und Bogen oder Blasrohr. Bulbas war so schnell, so gewandt, daß es bisher niemandem gelungen war, ihm etwa einen giftigen Pfeil unter das Fell zu jagen.
Der junge Mann pirschte weiter.
Überall konnte Bulbas lauern. Vielleicht befand er sich bereits ganz dicht hinter seinem Widersacher. Oder duckte er sich hier, linker Hand, sprungbereit im Gebüsch? Und rechts? Konnte er nicht auch rechts sein und das dolchscharfe, nadelspitze Gebiß mordgierig entblößen, die krallenbewehrten Pranken heben?
Kurz zuvor glaubte der Krieger jenes unheimliche Grollen vernommen zu haben, das Bulbas’ Kommen ankündigte.
Schweiß bedeckte das Gesicht und den Körper des jungen Orang Laut, und er ertappte sich dabei, wie er zitterte.
Ja, er hatte Angst.
Sie wurde von der Gewißheit genährt, diesem mächtigen Gegner von vornherein unterlegen zu sein. Freiwillig hatte der Krieger sich gemeldet, aber in diesem Augenblick erschrak er vor dem eigenen Mut. Doch er bezwang seine aufsteigende Panik. Die Wassernomaden, sein Stamm, hatten ihn als Retter in der Not vorgeschickt, sie warteten darauf, daß er sich auf ein mörderisches Duell mit Bulbas einließ.
Als menschlicher Köder sollte der junge Mann die Aufmerksamkeit des Tigers auf sich lenken, während die Brüder und Schwestern des Stammes den Durchbruch zur See wagten. Dort unten, im Süden von Rempang, hatten sie am späten Nachmittag Schiffe gesichtet, große und kleine Prahos sowie einen stolzen Dreimaster in der Konstruktionsart der weißen Männer, die die Malaien wie den Tod haßten. Die Prahos schienen jedoch das Geschehen zu bestimmen, und so hatte der Häuptling der Orang Laut befunden, daß man von diesen Ankömmlingen Hilfe erhoffen könne.
So schnell wie möglich wollten sie ans Ufer stürzen und zu den Schiffen schwimmen.
Im Interesse der Gemeinschaft konnten sie sich dabei um den jungen Krieger nicht mehr kümmern. Er mußte fallen, wenn die anderen leben sollten.
Ein Opfer war nötig.
Der junge Mann hatte die Niederungen der Insel erreicht und strebte durch Sumpfgesträuch voran, als ihn ein Laut zusammenfahren und erneut verharren ließ. Dieser Ton gehörte nicht zu den Geräuschen der Fauna des Regenwaldes, er schälte sich kraß aus dem nächtlichen Konzert und schwebte durchdringend und beherrschend über der Szene. Nein, das war kein Orang-Utan, kein behaarter Waldmensch, der dort rief – das konnte nur ein richtiger Mensch sein.
Sein Ruf erklang in einer Sprache, die der junge Krieger niemals zuvor vernommen hatte, auch aus dem Mund der Spanier nicht.
„Arwenack!“
Dennoch glaubte der Eingeborene etwas zu begreifen, denn keine Verzweiflung, sondern eindeutiger Triumph schwang in dieser fremden Stimme.
Der Krieger besiegte sein Mißtrauen, die Zuversicht, in der feindlichen Umgebung einen Bundesgenossen und Mitstreiter zu finden, war größer als jeder Argwohn. Selbst wenn dieser Mann dort ein verhaßter Weißer war, würde die allgegenwärtige Gefahr des Tigers sie eine Art Burgfrieden schließen lassen.
„Ar-we-nack!“
Wieder gellte der Schrei, und der Malaie beschleunigte seinen Schritt. Mit der scharfen Schneide des Parangs drosch er widerspenstiges Blatt- und Zweigwerk nieder und schuf sich immer wieder einen Durchlaß, eine Bresche, die ihn näher an den nächtlichen Rufer heranführte. Dann endlich teilte er den letzten Vorhang, der sie beide trennte, und blickte auf einen schmalen Wasserlauf.
Mit verhaltenem Gurgeln bewegte sich das Wasser des Flüßchens dahin. Ein bleicher Mond schickte sein Licht in Streifen in die Selvas, gerade so viel, daß der Malaie Einzelheiten erkennen konnte.
Ein großer Mann stand hochaufgerichtet am diesseitigen Ufer des Flüßchens. Sein schwarzer Haarschopf war wild zerzaust, seine Kleidung zerrissen und blutig, sein Körper schmutzig und von einer erschreckenden Wunde an der rechten Schulter gezeichnet. Sein Zustand hinderte ihn aber nicht daran, immer wieder zu lachen und dieses Wort auszustoßen, das ein Schlacht- und Siegesruf zu sein schien:
„Arwenack, ho, Arwenack! Kommt, Freunde, auf was wartet ihr noch? Ich habe den Bruder in der Falle, er kann uns nicht mehr gefährlich werden!“
Der Malaie gewahrte, was zu den Füßen dieses schwarzhaarigen Teufels in Menschengestalt lag – und erstarrte.
Er bemerkte nicht, wie Philip Hasard Killigrews Blick ihn traf und abtastete.
Der junge Krieger war viel zu gebannt, er befand sich in einem beinah tranceartigen Zustand der Benommenheit. Dort – kaum zu glauben – lag Bulbas, der Mörder, der Menschenfresser, und es steckten nicht nur zwei Pfeile in seinem Fell, seine Hinterläufe wurden auch durch ein dickes Tau zusammengehalten. Die Tauschlinge saß stramm, das helle, gut sichtbare Band führte zu einem tiefhängenden Ast jenes Baumes hinauf, dessen Stamm vom anderen Ufer emporstrebte, und war dort verknotet.
Wäre Bulbas nicht betäubt gewesen – er wäre dennoch besiegt gewesen, denn die Fessel erlaubte ihm kein Fortkommen mehr. Er hätte nur noch höchst schimpflich auf den Vorderläufen herumhüpfen können, wäre dabei jedoch erheblich durch das Tau behindert und wahrscheinlich in das Wasser gezerrt worden, das er so sehr haßte und mied.
Die verkrampfte Haltung des Malaien lockerte sich ein wenig. Sein Blick wanderte höher und blieb auf dem freundlichen Gesicht des Seewolfs ruhen. Allmählich nahm ein Lächeln auf den Zügen des Kriegers Gestalt an.
Hasard bedeutete ihm durch Zeichen, er solle nähertreten.
„Die Gefahr ist gebannt“, sagte er dabei, obwohl er keine Hoffnung hatte, daß der Inselmalaie ihn verstand. „Bulbas wird keine Menschen mehr reißen. Ein anderer Tiger nimmt nun die Insel Rempang in seinen Besitz – ein zweibeiniger.“
Hasard grinste, weil er sich in etwa vorstellen konnte, welche Bedeutung Rempang von nun an für den „Tiger von Malakka“ hatte.
Arwenack – der Kampfruf der Seewölfe war bis zu dem wartenden Schiffsverband hin zu vernehmen gewesen. Ben Brighton hatte beim erstenmal noch eine besorgte Miene geschnitten, weil er angenommen hatte, daß Hasard sich mit dem Schrei in den Zweikampf mit Bulbas gestürzt hatte. Dann aber war der Ruf zum zweiten, dritten Male herübergedrungen, und alle Männer der „Isabella VIII.“ hatten ihn eindeutig als Triumph auszulegen gewußt.
Sie jubelten, fierten auf Bens Befehl hin die Boote ab und enterten auf den hölzernen Sprossen der Jakobsleitern ab.
„Nichts wie hin!“ brüllte Carberry. „Los, ich kenne die Richtung, wir müssen in die versteckte Mündung des kleinen Flusses eindringen, und von dort aus haben wir’s nicht mehr weit bis zu Hasard. Hey, ich hab’s ja gewußt, daß er es schafft, diesem gestreiften Kater das Fell über die Ohren zu ziehen!“
Ferris Tucker ließ sich neben ihm auf einer Bootsducht nieder. „Ed, hör auf“, entgegnete er. „Du warst genauso skeptisch wie wir alle. Du wolltest nicht, daß Hasard allein zum Verband des ‚Tigers von Malakka‘ fuhr, du warst auch dagegen, daß er diese Mutprobe auf sich nahm. Habe ich recht?“
„Meinetwegen. Aber das können wir jetzt vergessen.“ Der Profos wartete, bis die Bootsbesatzung komplett war, dann drückte er seine Fäuste gegen die Bordwand der Galeone und sorgte dafür, daß die Distanz groß genug wurde, um die Steuerbordriemen bedienen zu können. „Ferris“, brummte er. „Hast du ein paar Höllenflaschen mitgenommen?“
„Nein, diesmal nicht.“
„Verdammter Klamphauer, man weiß nie, wozu die Dinger gut sind …“
„Hasard hat es uns untersagt, irgendwelche Waffen mitzuführen, falls wir übersetzen.“
„Das muß ein weiterer Beweis für den ‚Tiger‘ sein, daß unsere Absichten friedlich sind“, mischte sich jetzt der junge O’Flynn ein.
Carberry antwortete mit einer wegwerfenden Geste. „Zum Teufel mit der ganzen Fairneß. Ich weiß nicht, was wir dem Himmelhund noch alles beweisen sollen. Meiner Meinung nach haben wir bereits viel zuviel getan, und er wird uns bei nächster Gelegenheit zum Dank eine volle Breitseite auf die Jacke husten. Dann sieht wohl auch der Seewolf ein, daß die Verbrüderungs- und Verbündungsversuche keinen Zweck haben.“
Ben Brighton hatte sich im Nachbarboot aufgerichtet, weil auf dem Achterdeck des größten, dreimastigen Prahos, den sie gerade passieren wollten, die Gestalt des „Tigers“ hinter dem Schanzkleid hochgewachsen war.
„Ihr landet auf der Insel?“ rief der schwarzbärtige Mann in seinem hervorragenden, reinen Kastilisch. „Das war nicht verabredet.“
„Hast du die Rufe unseres Kapitäns nicht gehört?“ rief Ben zurück.
„Doch. Arwenack.“
„Willst du mir erzählen, du wüßtest nicht, was das bedeutet?“
„Ich habe das Wort Arwenack heute nacht zum erstenmal in meinem Leben vernommen“, verkündete der Malaie halsstarrig.
Und Ben antwortete um eine Spur energischer: „Arwenack ist die alte Stammfeste der Killigrews über dem Hafen von Falmouth. Von daher leitet sich unser Schlacht- und Siegesruf ab. Arwenack!“
„Arwenack!“ brüllten die Männer in den Booten. Sie verspürten den unbändigen Drang, sich auf irgendeine Weise Luft zu verschaffen, und es juckte ihnen in den Fäusten.
„Zufrieden?“ rief Ben zu dem Achterdeck des Prahos hinauf.
„Ich halte es für falsch, zur Insel überzusetzen, ehe der Seewolf einen Schuß abgegeben hat.“
„Ein Schuß war nicht vereinbart, Tiger!“
„Das sagst du …“
„Mir langt es jetzt“, erwiderte Ben Brighton gereizt. Er war ein sonst ruhiger und umsichtiger Mann, aber wenn er richtig wütend wurde, hatte das meist höchst unerfreuliche Folgen. „Hasard hat den Radschloß-Drehling dabei, das stimmt!“ rief er. „Aber erstens weiß ich, daß er den Gebrauch der Feuerwaffe um jeden Preis vermeiden wollte, und zweitens wird er zum Zeichen seines Sieges nicht in die Luft schießen, um die angstschlotternden Leute im Inselinneren nicht noch mehr zu erschrecken. Klar, Tiger?“
„Immer noch nicht ganz.“
„Gut“, sagte Ben Brighton. „Aber uns hinderst du nicht daran, jetzt die Insel aufzusuchen. Wir haben keine Waffen dabei – wie vereinbart. Du wirst ja wohl nicht mit der Heldentat protzen wollen, einen wehrlosen Haufen Männer zusammengeschossen zu haben.“
Damit bedeutete er den Männern der „Isabella“ durch eine Gebärde, weiterzupullen. Die Boote beschleunigten unter dem rhythmischen Eintauchen und Wiederhochschwingen der Riemenblätter und ließen den Verband der Prahos hinter sich.
Auf dem Achterdeck des Dreimasters war Yaira, die Tochter des Stammesältesten Otonedju, neben den „Tiger von Malakka“ getreten. Zum erstenmal, seitdem sie sich kennengelernt hatten, wagte sie es, ihm ihre schmale Hand auf die Schulter zu legen.
„Immer noch mißtrauisch?“ fragte sie ihn.
„Ich spreche mein eigenes Todesurteil, wenn ich von meinen Instinkten ablasse“, erwiderte er, während er den Booten nachblickte.
„Man muß seine Freunde erkennen können, hat der Seewolf gesagt.“
„Das hört sich fast ehrfürchtig an“, sagte er bitter. „Gefällt dir dieser Mann?“
Sie lachte leise auf. Dann, rasch wieder ernst werdend, entgegnete sie: „Ich habe in seinen Augen gelesen, daß er es ehrlich meint. Warum glaubst du immer noch daran, daß er für die Spanier arbeitet und dir eine Falle stellen will?“
„Das hängt mit meiner Vergangenheit zusammen.“ Der schwarzhaarige Mann mit den ausdrucksvollen Augen und dem empfindsamen Mund drehte sich zu ihr um. „Ich halte es für möglich, daß er Bublas noch gar nicht begegnet ist, daß er nur seine Männer auf die Insel holen und uns einen heißen Empfang bereiten will, sobald auch wir übersetzen.“
„Niemals …“
„Der Seewolf hat ein mehrschüssiges, kompliziert gebautes Gewehr mitgenommen. Vielleicht genügen die Schüsse, uns allen den Garaus zu bereiten.“
„Das tut der Seewolf nicht, und du unterliegst einem furchtbaren Irrtum, wenn du es wirklich annimmst“, stieß sie entsetzt aus.
„Woher willst du das wissen, Yaira?“
„Ich fühle es.“
Plötzlich trat ein verwegener Ausdruck in die Züge des hochgewachsenen Mannes. „Das Schiff, auf dessen Planken du stehst, ist nie getauft worden, Yaira. Ich ging bei diesem Verhalten davon aus, mich an keinen Praho binden zu dürfen, nicht durch Sentimentalitäten, denn ein Praho kann im Gefecht sinken und mit seinem Rumpf und seinem Namen auch alle Wünsche und Hoffnungen auf den Grund der See entführen. Falls du heute nacht aber recht behältst, schöne Tochter Otonedjus, verleihe ich dem Segler deinen Namen.“
Er drehte sich zu seinen Männern hin, legte eine Hand als Schalltrichter an den Mund und rief: „Boote abfieren, wir folgen den Seewölfen!“
Ungefähr fünf Minuten später lief ihnen am Ufer des zwischen Mangroven versteckten Flüßchens als erster der junge Krieger entgegen, der den Bezwinger des mordenden Tigers entdeckt und in seiner Muttersprache beglückwünscht hatte.
Als der Anführer der malaiischen Freibeuter die hastig ausgestoßenen Erklärungen des Orang Laut vernahm, beschlich ihn eine Art schlechtes Gewissen und Schuldgefühl. Wirklich, er hatte dem Seewolf unrecht getan, seit sie sich das erste Mal gegenübergestanden hatten. Plötzlich begann er, die Dinge aus Yairas Sicht zu sehen. Hatte er den Bogen nicht längst überspannt?
Fassungslos hörte er den Bericht des jungen Eingeborenen. Die Boote der Seewölfe und der Piraten glitten ans Ufer des Gewässers, die Männer sprangen an Land.
„Rasch!“ rief der Tiger nun auf spanisch. „Der Seewolf ist an der Schulter verwundet. Er muß dringend verarztet werden!“
Der Kutscher, auf der „Isabella“ Koch, Feldscher und Bader in einer Person, schob sich an Ben Brighton, Ferris Tucker und dem Profos vorbei.
„Laßt mich durch“, stieß er heiser hervor. Er stürmte in den düsteren Regenwald, und nicht einmal ein Drache oder Saurier hätte ihn davon abhalten können, sich auf dem schnellsten Weg zu seinem Kapitän durchzuschlagen. Der Orang Laut hatte Mühe, ihn einzuholen, um ihm den Weg weisen zu können.
Die Schmerzen in der rechten Schulter hatten zugenommen und drohten den Seewolf zu übermannen. Erst jetzt wurde ihm richtig bewußt, wie stark er blutete. Mit verbissenem Gesicht kauerte er sich neben den reglosen Körper des gestreiften Mörders.
In dieser Haltung fanden ihn der Kutscher, der junge Krieger, Ben, Ferris, Carberry und Dan O’Flynn vor, die als erste den Kampfplatz erreichten.
„Keine langen Sprüche“, sagte Hasard zur Begrüßung. Sein Lächeln wirkte verkrampft. „Hast du Whisky mitgebracht, Kutscher? Her mit dem Zeug.“
Es war das Glück des Kutschers, daß er in weiser Vorsorge eine Flasche aus seinen Geheimbeständen mit eingepackt hatte, bevor er die „Isabella“ verlassen hatte. Jetzt kniete er sich neben den Seewolf, zog den edlen, original schottischen Stoff aus seinem Gepäck und entkorkte die Flasche.
Hasard nahm einen Schluck, dann goß er sich eine gehörige Ration auf die Wunde, die die Krallen des Tigers gerissen hatten. Hasard biß die Zähne zusammen und ertrug das Brennen und Beißen, das bis in seinen Kopf hinaufschoß und sich dröhnend ausbreitete. Er wurde fast ohnmächtig, kämpfte das Brausen und Würgen in sich aber nieder und schaute schließlich auf. „Desinfiziert habe ich die Blessur“, sagte er zum Kutscher. „Du kannst jetzt mit dem Verbinden anfangen.“
Der Seewolf schaute zu dem Tiger, der nun ebenfalls am Schauplatz des Geschehens angelangt war. „Der junge Krieger soll seinen Stamm zusammentrommeln“, sagte er auf spanisch. „Es gibt keinen Grund für die armen Teufel, noch länger in ihren Löchern zu hocken.“
Der Tiger nickte und lächelte ein wenig verunglückt. Er verdeutlichte dem Krieger in der etwas gutturalen Sprache der Malaien, was der Seewolf gesagt hatte. Der Eingeborene, der sich Bulbas hatte opfern wollen, um seine Stammesangehörigen zu retten, sprudelte ein paar Worte hervor, warf sich herum und lief los. Die Nacht schluckte seine Gestalt.
Der malaiische Piratenführer trat neben den regungslosen Leib des Tigers.
„Er ist nur betäubt“, erklärte Hasard. Der Kutscher untersuchte seine Blessur eingehend und hantierte mit Verbandszeug. Aber das hinderte Hasard nicht am Sprechen. „Wie du weißt, haben meine Leute ein Präparat zusammengebraut, mit dem ich die Pfeilspitzen eingerieben habe.“
„Wann wacht Bulbas wieder auf?“
„Noch vor Tagesanbruch.“
„Wir werden einen großen Käfig bauen, in dem er genügend Auslauf hat“, sagte der Tiger von Malakka. Er lenkte seine Schritte auf den Seewolf zu. „Was ich empfinde, will ich in wenige Worte kleiden. Es tut mir aufrichtig leid, daß ich nicht eher erkannt habe, welcher Kern in dir steckt. Ich entschuldige mich bei dir und bedanke mich gleichzeitig für das, was du für das malaiische Volk getan hast.“
Er griff zum Gurt, zog die doppelläufige Radschloßpistole heraus, drehte sie um und reichte sie mit dem Kolben voran dem Seewolf. „Erinnerst du dich an das, was ich dir an Bord der ‚Yaira‘ gesagt habe?“
„An Bord der ‚Yaira‘?“ Hasard hob überrascht die Augenbrauen.
Der Tiger grinste breit. „Ja, so heißt mein Praho jetzt.“
„Ich verlangte meine Pistole zurück, und du sagtest, du würdest sie mir erst aushändigen, wenn du völlig von meiner Ehrlichkeit überzeugt wärest“, entgegnete Hasard. Er streckte die Hand aus und nahm die Reiterpistole, die er seinerzeit einem bretonischen Freibeuter abgenommen hatte, entgegen.
Er erhob sich trotz des Protestes des Kutschers, steckte die Waffe weg und reichte dem stolzen Malaien die rechte Hand. „Ein nachtragender Mann bin ich nie gewesen. Vergessen wir, was geschehen ist. Besiegeln wir nun unsere Freundschaft.“
Der Tiger nahm die ihm dargebotene Hand sofort an. Er wirkte unendlich erleichtert, als er sagte: „Gleich werden die Orang Laut hier sein, und ich habe bis auf ein paar Bordwachen auch meine Leute von den Schiffen sowie Otonedju und dessen Begleiter rufen lassen. Wir werden auf einer der Lichtungen, die weiter oberhalb liegen, Feuer anzünden und Fleisch und Gemüse zubereiten. Ich möchte ein Fest zu deinen Ehren feiern, Seewolf.“
„Männer!“ rief Hasard. „Habt ihr Lust, daran teilzunehmen? Ein bißchen Abwechslung könnte nach den Strapazen der letzten Tage doch nicht schaden, oder?“
„Aye, Sir!“ rief Dan O’Flynn überschwenglich zurück. „Mit anderen Worten, wir dürfen die Mäuse auf dem Tisch tanzen lassen.“
„Wir reißen ein Faß auf!“ rief Ferris Tucker.
Carberry rieb sich mit dem Handrücken über den Mund und schnaufte. „Ja. Das könnte euch so passen, wie? Aber wenn sich auch nur einer die Hucke vollsäuft und über die Stränge schlägt, gibt es dikken Ärger.“
Бесплатный фрагмент закончился.
