Читать книгу: «Seewölfe Paket 34»

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Impressum

© 1976/2020 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

eISBN: 978-3-96688-108-1

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 661

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 662

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 663

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 664

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 665

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 666

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 667

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 668

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 669

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 670

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 671

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 672

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 673

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 674

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 675

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 676

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 677

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 678

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 679

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 680

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8


1.

Philip Hasard Killigrew setzte das Spektiv ab. Die Abendsonne war von den dichten Wolken geschluckt worden, aber der Regen zog weiter in nördliche Richtung. Vor einigen Minuten hatte der Wind seine Richtung geändert, jetzt herrschte nahezu Windstille.

Ben Brighton warf einen langen, wütenden Blick auf die killenden Segel, dann schaute er über das ruhige Wasser rechts voraus und sagte: „Der Kerl hat noch mehr Glück, als ich befürchtet habe.“

„Nicht mehr lange, Ben.“ Hasard hob die Schultern. „Er weiß es und wird alles versuchen, um zu verschwinden.“

Die Arwenacks hatten, nachdem die „Ghost“ von Surat den Tapti-Fluß abwärts an ihnen vorbeigesegelt war, sofort die Verfolgung aufgenommen. Bisher war noch nicht ein einziger Schuß abgegeben worden. Die „Ghost“ nahm vor der Flußmündung mit günstigem Monsunwind Kurs nach Norden und schien einen kleinen Vorsprung herausgesegelt zu haben.

Die Wut an Bord der Schebecke war nicht geringer geworden; nach dem Erlebnis des Kerkers, nach der vorbereiteten öffentlichen Hinrichtung und dem Freikämpfen ihrer unersetzlichen Schebecke hatten sie nur wenig anderes im Sinn, als es diesem verdammten Ruthland zu zeigen, und zwar gründlich.

Hasard junior trat zu seinem Zwillingsbruder, der auf der Back stand, und sagte bekümmert: „Ich hoffe nur, daß unser kleiner Doglee keine Schwierigkeiten bei seinen Leuten kriegt.“

„Daran dachte ich auch“, sagte Philip. Der Junge hatte ihnen viel geholfen. Aber er war pfiffig genug, möglichen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, davon war Philip junior überzeugt. „Surat ist keine kleine Siedlung. Er wird sich in Sicherheit gebracht haben. Schade, ich hätte ihm vielleicht etwas Geld geben sollen.“

„Dann hätte er es leichter gehabt“, pflichtete ihm sein Zwillingsbruder halblaut bei. „Jetzt können wir nichts mehr ändern.“

Sie schauten sich an und nickten sich zu. Das Kapitel Surat war beendet. Der Versuch, dort als Abgesandte der Königin den Handel mit England einzuleiten oder vorzubereiten, war fehlgeschlagen. Der hinterlistige Kapitän der „Ghost“ hatte ihnen das eingebrockt.

„Nein“, stimmte Philip zu, „zu ändern ist nichts mehr.“

Zwischen den Wolken wurde die Abendsonne wieder sichtbar. Die Regenwand war nach Nordosten weitergezogen oder hatte sich aufgelöst. An Steuerbord nördlich der Tapti-Mündung. Geradeaus, an der Kimm, wechselten im Dunst unterschiedliche Uferlandschaften ab. Es schienen Inseln oder Landzungen zu sein. Jedenfalls war die „Ghost“ in diese Richtung verschwunden.

Jan Ranse rief vom Achterdeck: „Achtung! Es gibt wieder Wind!“

Er stand an der Pinne und ärgerte sich ebenso wie die anderen Arwenacks über die Flaute. Erfahrungsgemäß war sie beim Monsunwind nicht von langer Dauer. Trotzdem hatte sie bei der Verfolgung vorläufig den kürzeren gezogen.

„Wie schön“, sagte der Seewolf wütend. „Es geht weiter.“

Der feuchte und warme Wind blies meist gleichmäßig und kräftig. Aber hin und wieder, in Gewittern beispielsweise, wurde er von einer meist kurzen Flaute unterbrochen, drehte völlig unvermittelt oder entwickelte sich zu einem kurzen, heftigen Sturm. Die Sonne überschüttete das Meer, das Schiff und die Küste mit blutigrotem Licht.

Die Wellen kräuselten sich, einzelne Schaumkronen zeichneten sich im Südwesten ab. Die Rahruten knarrten und die Schebecke legte sich nach Steuerbord über, als sich die Dreieckssegel füllten. Leise zischte und gurgelte die Bugwelle, als sich Jan Ranse gegen die Pinne stemmte.

Der Erste sagte zu Hasard: „Wenn wir ihn heute noch stellen, dann wäre das ein Wunder.“

„Ich rechne nicht damit“, entgegnete Hasard. „Aber irgendwo dort im Norden holen wir ihn uns vor die Mündungen.“ Es klang wie ein Schwur, und das war es auch.

Die Schebecke nahm Fahrt auf und richtete ihren Bug nordwärts. Einige halblaute Kommandos für die Deckscrew, und kurze Zeit später segelte die Schebecke raumschots wieder ihrem unsichtbaren Gegner hinterher.

Hasard holte tief Luft und warf einen prüfenden Blick zu den Culverinen. Sie waren geladen, aber noch nicht ausgerannt.

„Und wenn es einen Monat lang dauert“, sagte er grimmig, „wir finden diesen feinen Mister Ruthland.“

Im letzten Licht des Tages war auch ohne Spektiv die Küste deutlich zu sehen. Die Wellen des Golfes von Cambay gingen höher, die weiße Brandung brach sich vor sandigen Stränden und zwischen den bizarren Hochwurzeln der Mangroven.

Der Seewolf wandte sich an Dan O’Flynn. „Was sagen unsere Karten über den Norden dieses herrlichen Golfes, gibt es wenigstens ein gutes Fahrwasser?“

„Weiter nördlich mündet ein Fluß. Auf der Karte steht, daß er Narmada genannt wird. Wahrscheinlich gibt es dort auch ein ähnliches Mündungsdelta wie beim Tapti. Die Eingeborenen konnten mir nicht viel erklären, das hängt auch mit den Sprachschwierigkeiten zusammen. Aber sie sagten, daß wir dort mit Sandbänken und Felsen rechnen müßten, mit Inseln und großen Unterschieden von Ebbe und Flut. Und mit Untiefen, wechselnden Strömungen und vielen anderen schönen Einzelheiten.“

Hasards eisblaue Augen richteten sich auf die Kimm, an der alle diese versprochenen Schönheiten warteten und sich vorläufig noch versteckten.

„Klingt vielversprechend“, sagte er sarkastisch.

„So schlimm wird es nicht werden“, meinte Dan O’Flynn und winkte ab. „Außerdem hat die ‚Ghost‘ mit genau den gleichen Tücken zu kämpfen.“

„Stimmt.“

Dan berichtete, daß eine weitere Bucht tief in das Land am nördlichsten Ende des Golfes führe. Dort münde ein anderer Fluß, der als „Mahi“ bezeichnet würde. Die Küsten entlang der zerklüfteten Flußmündungen, so hätten die Eingeborenen versichert, seien bewohnt. Es solle viele Fischer geben, aber größere Siedlungen kenne niemand, und auch die Karten zeigten keine weiteren Einzelheiten.

Aber nicht nur die „Ghost“ und die Schebecke, sondern jedes andere Schiff würde die gleichen Schwierigkeiten haben. Ben Brighton und Hasard hatten dem Bericht schweigend zugehört.

„Sind die entsprechenden Karten in deiner Kammer?“ fragte der Seewolf.

„Ja, natürlich. Wie gesagt: von den Eingeborenen war trotz Doglees Übersetzungen nicht viel mehr zu erfahren. Spätestens morgen oder übermorgen sehen wir selbst, wohin uns Ruthland gelockt hat.“

„Ich denke, er wird dort auch nicht froh werden“, meinte Ben Brighton.

„Und das Lachen wird ihm ganz vergehen“, Al Conroy streichelte liebevoll das Metall einer Culverine auf der Kuhl, „wenn ich ihm ein paar eiserne Grüße hinüberschicke.“

Hasard hatte den größten Teil der Crew unter Deck entlassen. Die Köche bereiteten das Essen zu, und die Deckswache hielt Ausschau nach Ruthlands verdammter „Ghost“. Eine Hetzjagd während der Monsunzeit und in diesen unbekannten Gewässern zählte nicht gerade zu den dringenden Wünschen der Arwenacks. Trotz allem, was sie zu erwarten hatten – nicht einer dachte daran, Ruthland und seine Crew entwischen zu lassen.

Vier Stunden später hatte der Wind sämtliche Wolken vom Himmel gefegt. Auf den weiten Wogen der Dünung lagen das Licht der Sterne und das silberfarbene Leuchten des Mondes. Im Nordosten wetterleuchtete es, und an Steuerbord waren inmitten der Mangrovenwälder und der Sandküste winzige Feuer zu erkennen, vier Stück insgesamt.

Die Schebecke segelte weitab der Küste, und jeder hoffte, daß das Fahrwasser von Untiefen frei war. Im letzten Licht war Dan in den tonnenförmigen Ausguck im Großmast aufgeentert und hatte die See voraus mit seinen scharfen Augen und dem Kieker abgesucht.

Er kehrte zurück und sagte zufrieden, daß sie bis zum ersten Tageslicht den Kurs halten könnten.

Trotzdem stand er auf der Back und versuchte, Hindernisse schon zu erkennen, bevor sie gefährlich wurden, bis ihn Don Juan ablöste.

Leise unterhielten sich die Mitglieder der Deckswache.

„Es ist doch besser“, sagte Batuti, „daß wir heute keine Lichter gesetzt haben.“

„Meinst du allen Ernstes“, fragte Dan, der bei ihnen saß und einen letzten Schluck trank, ehe er sich in seine Koje verholte, „daß dieser Bastard Ruthland nach uns Ausschau hält?“

„An seiner Stelle würde ich nichts anderes tun. Er kann sich vorstellen, wie der Seewolf zubeißt“, murmelte Blacky.

„Diese Feuer an Steuerbord“, fragte Batuti, „gehören die zu Fischerdörfern?“

Dan gähnte und erwiderte: „Fischerdörfer, Holzfäller, Leute, die in den Wäldern Tiere jagen und die Häute verkaufen, was weiß ich. Für uns sind sie nicht gefährlich. Vielleicht können wir von ihnen Proviant einhandeln, wenn die Köche Abwechslung brauchen.“ Er nickte den anderen zu. „Ich lege mich aufs Ohr.“ Dan stand auf und verzog sich unter Deck.

Mit dem vertrauten Knarren und Knarzen, mit dem Summen des Windes in der Takelage und dem ziehenden Gurgeln des Bugwassers segelte die Schebecke durch die klare Nacht, fast genau auf Nordkurs.

Die Ruhe würde spätestens in einigen Stunden vorbei sein. Entweder sichteten sie die „Ghost“, oder sie gerieten in gefährliche Fahrwasser. Wahrscheinlich trafen beide Ereignisse zusammen, wie sooft.

Schon in der kurzen Morgendämmerung konnten die Seewölfe erkennen, daß sich die Umgebung verändert hatte. An Steuerbord breitete sich hinter der Brandungslinie noch immer Wald aus, unterbrochen von kleinen Stränden und Mangrovendickichten.

„Ich kann kein Segel erkennen, keinen Mast, keinen Rumpf“, sagte Hasard und packte das Spektiv wie einen Knüppel. „Wahrscheinlich gibt es ein paar hundert Schlupfwinkel, in denen die ‚Ghost‘ stecken kann.“

„Genauso wird’s sein“, antwortete der Erste.

Steuerbord voraus erstreckte sich eine lange Sandbank, die in der Mitte bewachsen war. Ein Schwarm Vögel flog mit trägem Flügelschlag auf und umkreiste den langgestreckten Wall aus Schwemmgut und bleichem Treibholz, zwischen dem sich Büsche und niedrige Bäume erhoben. Die Schebecke fiel nach Backbord ab.

„Ebbe?“ erkundigte sich Ferris Tucker und schirmte seine Augen ab, als er nach Osten blickte. „Scheint so, Sir.“

„Nach Dans Berechnungen und dem, was wir sehen“, erwiderte der Seewolf etwas unwillig, „ist da eine Menge trocken gefallen.“

Er peilte zum Bug. Dort stand Hasard junior und beobachtete das Wasser vor dem Schiff. Es hatte seine Farbe geändert. Gestern hatte es tiefes Blau gezeigt, jetzt war es von dünnen gelben Schlieren durchzogen, als habe der Fluß, dessen Mündung nicht zu erkennen war, Staub oder Sand mit sich geschwemmt.

Auch Big Old Shane suchte die Kimm mit dem Kieker ab. Über dem Wasser lag ein fahler Dunst, der sich in der Kraft der Helligkeit der Sonne nur zögernd auflöste. Trotzdem waren voraus und an Steuerbord Buchten und die Mündungen kleiner Wasserläufe zu erkennen. Die Ufer waren dicht bewachsen, jetzt wirkte das Buschwerk und das Gestrüpp drohend und schwarz. Nur wenige dünne Rauchsäulen stießen durch den rötlichen Nebel. Feuchtigkeit schlug sich auf den Planken und den Segeln nieder.

„Von der ‚Ghost‘ ist nichts zu sehen“, sagte Big Old Shane und zauste seinen struppigen grauen Bart. „Die Masttopps müßten höher sein als die meisten Bäume.“

„Ich habe nicht erwartet“, erwiderte Hasard grimmig, „daß wir den Hundesohn schnell entdecken.“

Die Uferlandschaften glitten langsam vorbei.

Hin und wieder konnten die Seewölfe in eine Bucht sehen. Auf Pfählen standen kleine Hütten, von denen Leitern hinunterführten zu den schmalen Booten, die im Wasser schaukelten. Zwischen den Matten, aus denen die dünnen Wände bestanden, schwelten Feuer, deren Rauch durch die löchrigen Dächer abzog.

Schweigend und gegen die Sonne blinzelnd, starrten die Seewölfe hinüber. Aber es gab nicht das geringste Zeichen dafür, daß sich die Karavelle dort versteckte.

Hasard winkte zu Ben Brighton hinüber. „Nehmt die Fock weg. Wir sind zu schnell.“

„Aye, aye, Sir“, erwiderte der Erste.

Die Schebecke wich etwas nach Nordwesten vom bisherigen Kurs ab. Am Ende der langen Sandbank ragten einige abgestorbene Bäume aus dem trüben Wasser.

Jung Philip wandte sich an seinen Vater. „Soll ich in den Großmast?“

„Ja“, entgegnete der Seewolf zerstreut, ohne das Spektiv zu senken.

„Ein Strich nach Westen abfallen!“ rief Ben Brighton.

Entlang der Grenzen, die das Meer und das Wasser der Buchten bildeten, standen Fischer in den Booten und warfen Netze aus. Andere hielten lange Speere in den Händen und holten unterarmlange, zappelnde Fische aus dem Wasser. Ab und zu winkten sie zum Schiff hinüber und riefen unverständliche Worte.

„Ob sie uns was mitteilen wollen?“ rätselte Roger Brighton.

Hasard zuckte mit den Schultern. Er beobachtete die Fischer, aber sie kümmerten sich nur um ihre Boote und ihren Fang. Wenn einer von ihnen in eine bestimmte Richtung gezeigt hätte, würde er es bemerkt haben. Aber die Fischer schienen die „Ghost“ nicht gesehen zu haben.

„Glaube ich nicht“, murmelte der Seewolf, aber er ließ die wenigen Boote und braunhäutigen Männer nicht aus seinen Augen. „Warum sollten sie uns auch helfen?“

Es war für alle so gut wie unvorstellbar, daß Francis Ruthland die Sprache dieser Fischer beherrschte, ebensowenig wie die Seewölfe, von den wenigen Worten abgesehen, die Doglee den Zwillingen beigebracht hatte.

Wieder verschwand eine Ausbuchtung der Küste hinter dem Heck der Schebecke. Vor einem hügeligen Abschnitt an der Steuerbordküste erstreckte sich der trockengefallene Meeresboden, zwischen dessen Pfützen Krabben und Wasservögel zu sehen waren.

„Wir suchen weiter!“

Hasards Befehl war eigentlich überflüssig. Keiner der Arwenacks dachte an etwas anderes als daran, in den nächsten Stunden die „Ghost“ zu sichten und die Mündungen der Geschütze auf sie zu richten.

Immer wieder stoben Vogelschwärme aus den Baumkronen. Das gellende Geschrei der Tiere ließ die Seewölfe argwöhnisch zusammenzucken. Vielleicht lag hinter dem nächsten Vorsprung oder im folgenden Einschnitt der Mangroven der Verfolgte.

Aus der Tonne im Großmast rief Philip junior: „Anluven, Piet! Untiefe voraus!“

„Aye“, antwortete der Rudergänger und stemmte sich gegen die Pinne.

Die Segel killten, Tauwerk knarrte, Schritte polterten auf den Planken, als die Schoten dichter geholt wurden. Die Schebecke legte sich etwas über und richtete den Bug nach Nordwesten. Die Färbung des Wassers ändert sich wieder, als das Schiff eine Kabellänge zurückgelegt hatte.

Knapp eine halbe Seemeile weiter schrie Philip wieder auf die Kuhl hinunter: „In Ordnung! Freies Fahrwasser voraus!“

„Verstanden!“ brüllte Piet Straaten zurück.

Die Küstenlinie schien, abgesehen von den vielen Buchten und Vorsprüngen, einigermaßen geradlinig von Norden nach Süden zu verlaufen, wie es auch die Karten zeigten. Möglicherweise erreichte die Schebecke in den letzten Stunden des Tages das nördliche Ende dieses Ufers. Dort mündete von Osten der Fluß, und, wenn die Karten zuverlässig waren, erstreckte sich dort auch ein Mündungsdelta von beträchtlicher Größe.

Wahrscheinlich gab es mittendrin, ein paar hundert Verstecke für Ruthland.

2.

Zwei Stunden nach dem Glasen, in der größten Mittagshitze, überzog sich der Himmel im Süden mit grauen Wolken. Von der Kimm aus baute sich eine Wand auf, die überraschend schnell in die Höhe wuchs und sich näherte. Der Wind wehte mit gleichbleibender Kraft aus Süden oder Südwesten.

„Vielleicht kommt ein Sturm auf“, sagte Dan O’Flynn. „Wäre keine wirkliche Überraschung, Sir.“

„Damit müssen wir tagtäglich rechnen“, entgegnete der Seewolf. „Nur können wir nicht riskieren, daß uns der Sturm hier stranden läßt. Wir dürfen nicht auf Legerwall geraten.“

Dan deutete nach Steuerbord voraus. Dort schien sich ein niedriges Kap – nicht mehr als eine Ansammlung von Dünen oder langgestreckten Felsen – weit ins Meer vorzuschieben. Noch waren keine Einzelheiten zu erkennen. Das einsame Fischerboot mit einem kleinen Segel, das in zwei Spitzen rechts und links des niedrigen Mastes auslief, blieb zurück.

„Also, weiter nach Westen drehen, wenn’s zu pfeifen anfängt“, sagte der Rudergänger.

Dunst und Nebel, sowohl an Land als auch über dem Wasser, hatten sich längst völlig aufgelöst. Im Licht der senkrecht einfallenden Sonnenstrahlen erstreckte sich das Meer. Im Norden und Osten bildeten sich über dem Land, das nicht deutlicher als ein vager Schatten über der Kimm war, dünne, aufwärts geschwungene Wolken.

Der Seewolf nickte, schaute in die Gesichter der Crew und erkannte, daß sie ebenso enttäuscht waren wie er selbst.

„Richtig. Auf Westkurs, wenn es nötig werden sollte“, erwiderte er halblaut.

Sie Spektive hatten ihm und der Crew gezeigt, daß es entlang des Ufers, an dem sie länger als einen halben Tag gesucht hatten, weder einen größeren Hafen noch eine Siedlung gab, die diesen Namen verdiente. Nur Fischerhütten, einzelne oder in winzigen Gruppen, hatten sich durch den Rauch ihrer Feuer verraten.

Die Dächer der Pfahlbauten verschwammen bereits aus geringer Entfernung mit dem grünen Hintergrund der Uferwälder. Querab der Schebecke ging der Wald stufenartig in riesige Zonen von Uferschilf über. Die Flut hatte das trockengefallene Land wieder bedeckt, und die Wellen zum Ufer hin wurden grau und kabbelig.

Dan O’Flynn schwang sich auf das Achterdeck, hielt sich am Want fest und sagte: „In spätestens drei Stunden ist der Sturm da. Wahrscheinlich Regen und Starkwind, aber sicher kein Orkan, Sir.“

„Schätze ich auch“, erwiderte der Seewolf. „Dann sind wir vielleicht hinter der Huk dort vorn in größerer Sicherheit.“

„Wird sich zeigen“, brummte der Erste.

Al Conroy hatte wieder mal seine Geschütze inspiziert und schien mißmutig zu grinsen. Er hatte sie zwar mit der gewohnten Sorgfalt geladen, aber wenn sie nicht in absehbarer Zeit abgefeuert wurden, konnte das Pulver feucht werden. Diese Aussicht schmeckte ihm gar nicht. Aber noch war es nicht nötig, sich ernsthafte Sorgen zu machen.

Die gleiche Unruhe, Anspannung und Erwartung hatte auch alle anderen Seewölfe gepackt. Sie segelten hinter dem Hundesohn Ruthland her und fanden ihn nicht, obwohl er sich mit seiner Karavelle nicht in Luft aufgelöst haben konnte.

„Verdammter Monsun“, sagte Dan und runzelte die Stirn.

Hasard junior deutete zu der Wolkenwand, die von Osten bis Westen reichte und mehr als ein Drittel des Himmels bedeckte. „Du weißt, warum diese Wind- und Regenzeit so genannt wird?“

„Wenn ich’s nicht wüßte“, antwortete Dan und lachte kurz auf, „dann würdest du es mir sicher genau erklären, Schlaukopf.“

„Wahrscheinlich stammt das Wort aus der Muselmanensprache“, schaltete sich der Profos ein.

„Richtig, Ed“, sagte Jung Hasard. „Bei den Muselmanen spricht man von ‚Mausin‘, und das bedeutet ‚Jahreszeit‘. Also werden wir es noch länger mit diesem Wetter zu tun haben.“

„Das glaube ich auch“, meinte Dan und musterte die Grenze zwischen Brandung und Land durch das Spektiv.

Nicht die Langeweile ärgerte die Crew, sondern die erzwungene Untätigkeit und die erfolglose Suche nach Ruthlands „Ghost“. Die Stimmung der Crew wurde, je mehr Zeit ereignislos verging, schlechter und mürrischer.

Edwin Carberry fluchte leise in sich hinein, reckte sein kantiges Kinn nach Lee und stierte schweigend zur Küste. Aber dort war nur wenig mehr zu sehen als auf dem offenen Meer. Nicht ein Segel, nur die vielen Vögel, die ihren ewigen Heißhunger nach Fisch stillten.

Einmal trieb ein blattloser Baum mit aufgequollener Rinde und weißen Wurzeln eine Kabellänge an Backbord vorbei, auf dem ein paar Reiher hockten und ihre Schnäbel in die Richtung der Schebecke drehten.

Als die Landzunge fast querab lag, lehnte ein Dutzend Seewölfe am Schanzkleid und versuchte, jede noch so kleine Einzelheit an Land zu erkennen.

Philip rief von der Back her: „Eine große Bucht, aber höchstwahrscheinlich keine Flußmündung. Oder hat jemand von euch mehr gesehen?“

Von Deck aus war eine annähernd dreieckige, riesige Bucht zu sehen. Ein Strich östlicher als Nord war das andere Ende der Bucht zu erkennen. Die Sonne, der sich die Monsunwolke bis auf eine geringe Entfernung genähert hatte, lag voll auf dem Land, das aus Felsen und Wald zu bestehen schien.

„Nein“, erwiderte Jung Hasard und enterte die Großmastwanten auf. „Aber gleich werden wir etwas klüger sein.“

In sicherer Entfernung, mehr als eine Meile, schob sich die Schebecke auf Nordkurs an der Landzunge vorbei. Recht voraus und an Steuerbord erstreckte sich blaues Wasser. Nur in den Spektiven zeichnete sich die östliche Küste ab. Mit bloßem Auge war nur ein dunkler Saum zu erkennen.

„Wo steckt dieser Höllenhund Ruthland?“ brüllte Carberry unbeherrscht. „Wenn ich den zu packen kriege …“

„Leere Versprechungen.“ Sven Nybergs Gesicht verzog sich zu einer abschätzigen Grimasse.

Hasard drehte sich um und rief: „Ruder Steuerbord! Wir gehen in die Bucht und suchen weiter, solange wir noch etwas sehen.“

Zweifellos, so dachten sie alle, war Ruthland nach Norden geflohen. Er mußte im aufkommenden Starkwind und Regen kreuzen, wenn er sich aus seinem Versteck wagte und sich wieder nach Süden wandte. Er konnte ihnen also während der Nacht wieder entwischen, aber die Entfernung zwischen Verfolger und Verfolgtem konnte nicht groß sein. Sie betrug nur wenige Stunden. Wahrscheinlich suchten sie nur an den falschen Stellen.

„Aye, aye, Sir!“ tönte es aus der Gruppe auf dem Achterdeck.

Die Schebecke gehorchte dem Ruder und führte eine weite Halse aus. Der Wind wehte jetzt von Steuerbord achtern. Die Seewölfe trimmten die Segel. Wieder gab es wenig anderes zu tun, als das Wasser und das Ufer zu beobachten, während die Helligkeit Schritt um Schritt abnahm. Der obere Rand der Wolkenbank berührte die Scheibe der Sonne. Riesige Strahlenbündel zuckten über den fahlblauen Himmel.

Hasard hatte wenige Minuten später einen Entschluß gefaßt, wandte sich an den Ersten und sagte: „Wir versuchen, so weit von den Ufern entfernt zu segeln, daß wir genau sehen können, ob sich die ‚Ghost‘ in dieser Bucht versteckt. Wenn es sein muß, gehen wir näher heran.“

„Aye, Sir.“ Ben Brighton nickte.

„Wahrscheinlich müssen wir in dem Regen, wenn’s zu schlimm wird, vor Anker liegen. Ich würde in der Nacht lieber weiter nach Norden verholen.“

„Ich auch, Sir“, entgegnete Ben. „Wir alle, denke ich.“

„Wir werden sehen, wie weit wir kommen.“ Hasards Augen richteten sich wieder der Küste zu.

Vier Fischerboote wurden in verdächtiger Eile in die Richtung der nächsten Bucht gepaddelt. Die Eingeborenen, zwei oder drei in jedem Boot, zeigten immer wieder mit aufgeregten Gesten zur Sonne. Sie war zur Hälfte von der Wolke verschluckt worden. Die riesige Wand färbte sich blaugrau und schwarz.

„Also weiter nach Osten?“ fragte der Rudergänger. „Und erst später nach Westen, im Sturm oder wann?“

„Wenn du die ‚Ghost‘ irgendwo achtern siehst, gehen wir sofort auf Gegenkurs!“ rief Edwin Carberry und hob die Faust.

„Alles klar.“

Das Schiff lag nach Steuerbord über. Al Conroy musterte die sich nähernde Wand aus Wolken und Regen und schielte nach seinen Geschützen. Dann entschloß er sich und sagte: „Besser, wenn ich die Persenninge hole. Mit nassem Pulver kann der beste Stückmeister kein Gefecht gewinnen.“

„Ein guter Einfall, Al“, lobte der Profos.

Der Wind nahm an Stärke zu, blieb aber noch gleichmäßig. Die letzten Sonnenstrahlen spielten auf den kleinen Schaumkronen. Dann änderte sich binnen weniger Minuten das Licht. Das Wasser schien schwarz zu werden die Wälder am Ufer wirkten plötzlich drohend. Die Schebecke begann zu stampfen und zu gieren, als von Steuerbord die ersten größeren Wellen heranrollten und sich an den Planken brachen.

„Jetzt wird’s ungemütlich“, sagte Carberry, obwohl die Luft nach wie vor warm und feucht, der Wind keineswegs kalt war.

„Keine Karavelle, Dad. Nichts. Nur Fischerboote und ein winziges Segel voraus!“ schrie Jung Hasard aus dem Ausguck am Großmast. „Langsam wird es hier ungemütlich.“

„Dann enter ab!“ brüllte Hasard und ließ das Spektiv in die andere Hand gleiten.

Sein Sohn blieb noch einige Minuten oben und spähte in alle Richtungen.

Die kleinen Buchten des Ufers waren leicht einzusehen. Es gab nur wenige Hütten auf Pfählen, aber die Anzahl der zerfasernden Rauchfahnen zeigte, daß weiter landeinwärts einzelne Häuser stehen mußten. Es handelte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um kleinere Siedlungen, weitaus kleiner als Surat.

Zwischen den Einkerbungen der flachen, langgestreckten Uferlinie tauchten immer wieder weite Strecken auf, die aus Schilf bestanden und wahrscheinlich morastig waren. Daran schlossen sich die undurchdringlichen Mangroven an. Und dahinter schob sich immer wieder eine Bucht ins Blickfeld, in der sich Eingeborene zeigten.

„Hier gibt es keine Verstecke für ein größeres Schiff“, murmelte Jung Hasard vor sich hin, während er über die Steuerbordwanten abenterte. „Wir suchen wirklich an den falschen Stellen.“

Aber woher sollten sie wissen, wo die Suche erfolgversprechend war?

Während es dunkler wurde und über dem Land an Steuerbord die ersten Regenschauer niedergingen, schob sich die Schebecke durch das aufgewühlte Wasser nach Osten tiefer in die Bucht. Der scharfe Bug schnitt durch die gischtenden Wellen. Das hochspritzende Wasser wurde nach Backbord weggerissen, während Al Conroy und die Zwillinge die wasserdichte Leinwand über die langen, schlanken Bronzerohre bändselten.

Plötzlich riß der Regenvorhang auf. Ringsum schien das Wasser zu dampfen. In der Wolkenmasse zeigte sich ein riesiges Loch, durch das die gelbrote Sonne strahlte. Sie hing mehr als eine Handbreite über der Kimm, ihre Strahlen ließen das östliche Ende der Bucht deutlich und überaus scharf hervortreten.

„Wird ein schöner Abend, Sir“, scherzte der Profos. Ihm troff wie allen anderen das Wasser aus dem Haar. Der Regen hatte kaum Abkühlung gebracht.

„‚Abendrot – Schlechtwetterbot‘, wie jedermann weiß“, zitierte der Seewolf. „Seht ihr die Karavelle?“

In dem sonderbaren Licht und zwischen den dunklen Regenzonen an Backbord und an Steuerbord traten auch über dem Buchtende die fernen Berge deutlich vor die Augen der Arwenacks. Die Berghänge waren voller Wald. Dann wischte wieder ein Regenschauer vor dem Bild vorbei.

„Ruthland ist bei seiner Flucht nicht nach Ost abgebogen. Wir hätten ihn sonst längst entdeckt“, sagte Jung Philip und packte den Klöppel der Schiffsglocke. Er drehte die Sanduhr um und läutete. Vier Glasen, zwei durchdringende Doppelschläge hallten über die Länge des Schiffes. „Wir suchen an der falschen Stelle, Dad.“

„Das habe ich auch schon gemerkt“, knurrte der Seewolf. „Woher hätten wir das vorher wissen sollen?“

Die Schebecke war weit in den Sund gesegelt. Auch die Strände und Buchten im östlichen Teil waren gut einsehbar gewesen. Was die Seewölfe nicht mit bloßem Auge erkannten, zeigte ihnen das Spektiv. Das Wolkenloch schloß sich gerade wieder, als Hasard seine Kommandos gab.

„Ben! Wir segeln zurück nach Westen. Dabei sehen wir uns die Nordufer an. Ruthland muß sich irgendwo dort drüben versteckt haben.“

„Aye, aye, Sir.“

Als der Regen wieder einsetzte, halste die Schebecke in einem weiten Bogen auf den neuen Kurs. Sie wurde schneller und rauschte zuerst in nördliche Richtung, dann legte sie sich nach Steuerbord über und rauschte zurück nach Westen.

Der Profos schüttelte das Regenwasser aus dem Haar und hielt sich an einem Want fest. Sein Zeigefinger bohrte sich fast in Hasards Brust. „Ich sage dir, Sir, wo dieser Hundesohn steckt.“

Hasard zeigte nach Westen, ohne aber das Ufer aus den Augen zu lassen.

„Ich habe mir nämlich bei Dan die Karten angesehen. Ich sage dir, Sir, daß Ruthland erst gar nicht versucht hat, sich hierher abzusetzen. Er steckt dort drüben.“

Der Profos deutete zu den schrägen Bändern des Regens, die im schwindenden Tageslicht schwarz wirkten. Dahinter lagen unzählige Buchten und Inseln, wirr vorspringende Halbinseln und eine Vielzahl von Sandbänken.

„Dorthin segeln wir, Edwin“, erwiderte der Seewolf. „Länger als einen Tag brauchen wir nicht dazu. Aber mich drückt eine ganz andere Sorge, nämlich die, daß Ruthland heute nacht ankerauf geht und möglicherweise nach Goa zu fliehen versucht. Oder sonstwohin.“

„Davon rede ich ja seit Stunden!“ rief der Profos. „Und jetzt, in der Nacht, kann er tun, was er will. Wir bemerken nicht, wenn er abhaut.“

Hasard nickte. Die Schebecke segelte am Wind, der aus dem südwestlichen Sektor wehte. Noch hatte der Regen das Schiff nicht wieder erreicht, aber in weniger als einer halben Stunde würde das Wasser aufs Deck niederprasseln.

„Lieber Profos“, sagte der Seewolf geduldig. „Wir haben alle Überlegungen und Möglichkeiten seit Stunden durchgekaut wie ein Stück Stiefelleder. Wir können schließlich nicht fliegen wie diese verdammten Reiher oder Pelikane, oder wie die Vögelchen auch immer heißen mögen. Wir sind mit geladenen Culverinen und einer Mordswut in den Bäuchen unterwegs in den Westen dieser Gegend. Und jetzt stellst du dich hierher und erzählst mir, wo wir sind, was wir unternehmen, und was Ruthland möglicherweise tut. Wie kommst du mir vor?“

Carberry grinste breit und hielt seine riesige Pranke über den Kopf. Die ersten Tropfen lösten sich aus dem dunklen Himmel und schlugen auf die Planken. Es klang, als hüpften kleine Steine über das Holz.

„Hoffentlich komme ich dir wie ein besorgter Profos vor, der an alles denkt, Sir.“

„Genauso, Ed“, erwiderte der Seewolf. „Und jetzt spähst du mit deinen scharfen Augen dort hinüber und schreist laut, wenn du etwas anderes siehst als Regen und Landschaft. Verstanden, Mister Profos?“

Sie duckten sich unter dem ersten richtigen Regenguß, und Hasard hörte gerade noch Carberrys „Aye, aye, Sir.“

Der Regen rauschte, gleichmäßig warm und dicht, aus den Wolken. Die Sonne war nur noch ein winziger, undeutlicher roter Fleck hinter dem Regenvorhang. Wer nichts an Deck zu tun hatte, verholte ins Trockene. Von der Kombüse her wehte ein Geruch, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Hasard stand auf dem Quarterdeck, spürte den Regen im Gesicht und fragte sich, was zu tun sei. Weitersegeln oder einen Platz suchen, an dem die Schebecke vor Anker liegen konnte?

Voller Selbstzweifel entschied er sich, weitersegeln zu lassen.

3.

Das Tauwerk knarrte und knirschte, die Karavelle wiegte sich in den auslaufenden Wellen. Die Festmacher bröselten die Rinde von den dicken Baumstämmen. An den Masten und den Wanten lief das Wasser hinunter und über die Decksplanken. Von den großen Blättern der Bäume mit ihren weit überhängenden Ästen tropfte es unablässig auf das Oberdeck der „Ghost“.

Im dichten Regen sah Ruthland vom Quarterdeck aus gerade noch den Bug. Mit einem schnellen Schritt war er wieder an der Tür zur Kapitänskammer und schüttelte sich.

„Scheißwetter“, murmelte er. Aus dem dunklen Haar lief ihm das Wasser in den Kragen. „Aber ein ausgezeichnetes Versteck.“

„Du hast mal wieder in die richtige Ecke verholt“, sagte Hugh Lefray. „Aber ewig und drei Tage können wir uns hier nicht verstecken. Das weiß mittlerweile jeder an Bord.“

„Habe ich auch nicht vor.“

Ruthland und sein Kumpan hielten große Becher voll Wein in den Händen. Eine gewisse Unruhe stand deutlich in ihren Gesichtern geschrieben, aber in diesem Winkel der größeren Bucht war das Schiff so gut wie unsichtbar. Die Bäume überragten die Mastspitzen.

Als Ruthland diese Baumgruppe gesehen hatte, war sofort der Kurs geändert worden. Das Versteck war nur dreimal so groß wie der Rumpf der „Ghost“ lang.

„Außerdem“, sagte Ruthland mit rauher Stimme, „verstecken wir uns nicht. Wir warten nur einen besonders günstigen Moment ab.“

„Und dann?“ fragte Lefray lauernd.

„Dann sehen wir weiter.“

Sie lachten kurz, tranken einen Schluck und hatten nicht viel mehr zu tun, als auf das Essen zu warten. Die Geschütze waren geladen, genau wie die Culverinen auf der Seewolf-Schebecke, das war Ruthland und seiner Crew völlig klar. Gegen den Regen waren über den meisten Rohren Persenninge gespannt. Nur unter Deck und in der Kapitänskammer brannten kleine Lampen. Finsternis und rauschender Regen herrschten rund um das Schiff in der menschenleeren Ecke dieser verlassenen Gegend.

„Hör mal“, sagte Lefray nach einer Weile. „Was hast du eigentlich vor, ich meine, willst du wieder zurück zum Padischah nach Surat?“

„Unsinn!“ Ruthland fluchte. „Wir warten ab, wie sich die Lage morgen früh darstellt. Nach Surat können wir nicht zurück, das weißt du. Dort ist für uns nichts mehr zu holen. Auch für Killigrew nicht.“

„Stimmt, Kapitän.“

Lefray hielt den Kopf schief und hörte dem prasselnden Regen zu. Das Geräusch drang ungehindert durch die offene Tür der Kammer. Während des Regens blieb sogar der Dschungel hinter den Mangroven ruhig.

Der Kapitän fuhr fort: „In den nächsten Tagen treffen wir wieder aufeinander, verlaß dich drauf. Dann schicke ich den Hund zu den Fischen. Klar?“

„Völlig klar, Francis“, erwiderte Lefray und starrte Ruthland mit seinem toten Fischauge an.

Nachdem sie Surat so schnell wie möglich verlassen hatten, waren sie den Tapti-Fluß hinuntergesegelt und hatten sich nach Norden verholen wollen. Der achterliche Wind verschaffte ihnen im Regen einen Vorsprung vor dem Verfolger. Wo der Seewolf suchte – oder ob er überhaupt noch nach der Karavelle Ausschau hielt –, wußte Kapitän Ruthland nicht. Zuletzt hatten sie die Schebecke gesehen, als sie aus der Mündung des Tapti gesegelt und ebenfalls auf Nordkurs gegangen war.

„Der Kerl wird nicht lockerlassen, Francis“, sagte Lefray nach längerem Nachdenken. „Er hat gute Gründe für seine Wut.“

Mit kaltem Grinsen zuckte Ruthland mit den Schultern und warf einen Blick auf die Sanduhr.

„Vorläufig habe ich einen guten Grund, diesem Koch einen Tritt zu verpassen, dorthin, wo’s am meisten weh tut. Wo bleibt der Fraß?“ Die letzten Worte brüllte er. Der Essensgeruch war stärker geworden. Er packte den Krug und füllte die Becher erneut.

David Lean lief, die Jacke über dem Kopf, in dem schmalen Streifen des gelblichen Lichts aus der Kammer den Niedergang hoch.

„Gibt’s was, Kapitän?“ fragte er und fluchte, weil das Wasser in seine Stiefelschäfte lief. „Ich hab da was gehört …“

Ruthland winkte ab.

„Die Wache geht ihre Runden?“ fragte er. „Dein Pulver ist hoffentlich noch trocken? Und wo steckt der Koch mit unserem Essen? Wenn morgen früh der verfluchte Regen aufhört, gehen wir ankerauf.“

„Wir warten darauf“, sagte der Stückmeister. „Wir geben’s dem Seewolf, wie?“

Der Kapitän nickte. Seit sie in dieses Fahrwasser geraten waren, dachte er an die zahlreichen Buchten, die Untiefen und Sandbänke. Das Versteck war für seine „Ghost“ nicht ungefährlich – so wie für jedes andere Schiff dieser Art. Nur die flachgehenden Fischerboote manövrierten hier gefahrlos. Er tröstete sich damit, daß bei gutem Licht alles einfacher sein würde.

„Ja“, sagte er und lehnte sich im knarrenden Decksstuhl zurück. „Wir bringen das zu einem guten Ende, was wir in Surat angefangen haben. Verlaß dich drauf. Und jetzt schick uns den langweiligen Küchenmeister.“

„Aye, Sir.“

Der Stückmeister stapfte aus der Kammer hinaus ins nasse Dunkel und enterte auf die Kuhl ab. Ein lauter Stimmenwechsel war zu hören. Kurze Zeit später schleppten zwei Mann im Schutz eines Fetzens Leinwand die Schalen und Schüsseln in die Kapitänskammer.

Als Ruthland roch und sah, was der Koch zubereitet hatte, vergaß er vorübergehend seine schlechte Laune. Seine Worte waren undeutlich, weil er auf dem Fleisch herumkaute.

„Mit dem Proviant haben wir keine Schwierigkeiten. Eigentlich wollte ich hier im Wald nach Früchten suchen lassen. Aber daraus wird wohl nichts bei dem ständigen Regen.“

„Vergiß es. Wir haben genug in der Proviantlast.“ Lefray grinste in sich hinein. „Wenn wir mit unserem Vorhaben fertig sind, können wir noch nach Pilzen suchen.“

Es war ohnehin eine blöde Idee, zwischen den Bäumen und Sträuchern herumzukriechen und nach Beeren und Früchten zu suchen. Aber immer redete der Alte davon. Er selbst ging bestenfalls ein Dutzend Schritte weit in den Wald, lehnte sich gegen den Baumstamm und brüllte Befehle in alle Richtungen. Hugh kannte das zur Genüge.

„Ich übernehme die nächste Wache“, sagte er, als er satt war. „In der Nacht wird es wohl keinen Ärger geben.“

„Was weiß ich! Schon gut.“

Ruthlands Gesichtsausdruck ließ erkennen, daß er nachdachte. Er plante schon für den nächsten Morgen. Hugh Lefray war zufrieden darüber, denn bisher war ihnen fast alles geglückt, wenn es Ruthland genügend lange und gut vorbereitet hatte.

Bis auf die Sache in Surat. Da war mehr fehlgeschlagen, als sie vorausgesehen hatten.

Es regnete ununterbrochen bis drei Stunden nach Mitternacht.

Die Blätter der Baumkronen schüttelten sich, der Wind rauschte und gurgelte rund um die „Ghost“ im Dschungel. In die winzige Bucht hinter dem Geländevorsprung drangen nur die Ausläufer von Wellen, die sich über den trockenfallenden Sandbänken und dem Wall aus Treibgut brachen.

An den Baumstämmen rann das Wasser in breiten Rinnsalen hinunter. Die Wachen, die an Deck der Karavelle unter den Segeln und den ausgespannten Persenningen saßen und standen, hörten nichts anderes als die Geräusche des Monsunregens und des Windes.

Die „Ghost“ gierte, und die Festmacher, die zum Land geführt und an Deck wieder an den Klampen belegt waren, scheuerten an den Uferbäumen. Die Crew schlief ruhig, ebenso der Kapitän, doch durch seine Träume spukten die Schebecke und der Seewolf.

Die Menge des Wassers, das aus den schweren Wolken fiel, ließ von Stunde zu Stunde nach. Vereinzelt blinkten durch die Regenschleier undeutlich die Sterne. Schließlich tropfte Wasser nur noch von den Baumkronen. Pugh, der Schiffszimmermann, trat unter der triefenden Leinwand hervor und ging langsam am Steuerbordschanzkleid entlang.

Coughlan rief ihn an. „Alles ruhig? Alles in Ordnung?“ fragte er und schob den Kopf unter den Planken des Achterdecks hervor.

„Der verdammte Regen läßt nach“, erwiderte Pugh. „Endlich.“

Die Kerle blieben unter den Wanten stehen und starrten nach oben. Die wenigen Sterne wurden deutlicher und heller, an anderen Stellen rissen die Wolkenbänke auseinander.

„Der Alte will am Morgen ankerauf gehen?“

„Ja. Hat er gesagt. Wir werfen beim ersten Licht die Leihen los.“ Pugh wischte mit dem Ärmel über sein Gesicht. „Das Versteck ist gut, wie?“

„Hier könnten wir einen Monat lang liegen, und niemand würde uns entdecken, nur vielleicht die Fischer“, erwiderte Coughlan.

„Keiner will so lange warten“, brummte Pugh. „Wir wollen den Seewolf schnappen.“

„Wir müssen ihn finden. Oder er findet uns!“

Coughlan grinste in der Dunkelheit. Über dem Schiff strahlten jetzt die Sterne. An wenigen Stellen trockneten die Planken auf und färbten sich heller als die Umgebung. Auch mitten in der Nacht hatte die feuchte Wärme nicht nachgelassen. Zwischen dem Wasser und dem festen Ufer raschelten unsichtbare kleine Tiere.

„Wahrscheinlich sucht uns Killigrew ganz woanders. Aber in ein paar Stunden sind wir klüger.“ Pugh nickte, drehte sich um und ging vorsichtig hinüber zur anderen Seite der Karavelle.

Je länger die Männer auf die Morgendämmerung warteten, desto unruhiger wurden sie. Immer wieder starrten sie über das schwarze Wasser, als erwarteten sie, daß von dort ein riesiges Enterkommando lautlos nahte.

Die Schritte der Posten blieben leise. Wieder schüttelten sich die Bäume unter einer Bö. Tropfen prasselten auf die Planken hinunter. Das laute Schnarchen unter Deck riß plötzlich ab, es polterte dumpf, dann war wieder Ruhe.

Noch höchstens vier Stunden, bis die Sonnenstrahlen auch in diesen Winkel drangen.

4.

Auf der „Zuiderzee“ herrschte die Ruhe der Erschöpfung. Kapitän Willem van Stolk lag wie ein Toter in seiner Koje. Nur das Geräusch der tiefen, röchelnden Atemzüge verriet, daß van Stolk lebte.

Einunddreißig Seeleute an Bord der niederländischen Karavelle waren an diesem Abend genauso erschöpft wie der Kapitän. Drei Mann befanden sich als Wache an Deck, triefend naß, mit gesenkten Schultern und Köpfen und gähnend. Sie waren selbst zum Fluchen zu müde.

Antony Leuwen hockte auf der zweituntersten Stufe des Niederganges und hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt. Sein Kinn ruhte auf den Handflächen. Aus seinem kurzen Kinnbart tropfte das Wasser zwischen seine Füße. Er fühlte sich, als habe man ihn gekielholt und ausgepeitscht. Jeder Muskel schmerzte. Der dreißigjährige Bootsmann wartete nur noch auf das Glasen und die Wachablösung, dann konnte er seine müden Knochen lang ausstrecken.

Swieten, der Schiffszimmermann, schleppte sich von Backbord herüber und ließ sich schwer auf die Stufe fallen. Sein schwarzes, kurzes Haar klebte an seinem kantigen Schädel.

„War knapp, Antony, nicht wahr? Ausgerechnet der Spant und die Beplankung.“

Die Planken und der Spant, von Trockenfäule reichlich befallen, hatten die leichte Ramming mit einer Mangrovenwurzel nicht überstanden. Die Wurzel unterhalb der Wasserlinie waren hart wie Eisen gewesen. Vor einer Stunde hatten sie das letzte Wasser aus der Bilge gelenzt.

„Das ist immer so“, erwiderte der Bootsmann und riß den Mund weit auf. Die Wangenmuskeln schmerzten schon vom vielen Gähnen. An die vielen Schnitte, Schrammen und blaue Flecken dachte er dabei nicht.

Das Schiff stank nach fauligem Schmodder und Gammel aus der Bilge, nach dem heißen Pech und nach vielen anderen wenig angenehmen Gerüchen.

„Immer unter der Wasserlinie“, knurrte der Schiffszimmermann. „Aber wir haben die gute alte ‚Zuiderzee‘ wieder sauber geflickt.“

„Das Unterwasserschiff ist dicht“, bestätigte Antony Leuwen und gähnte wieder.

Die „Zuiderzee“ und ihre holländische Mannschaft hatten Glück im Unglück gehabt. Seit Wochen segelten und kreuzten sie in diesen Gewässern, das Land in Sichtweite. Die Seiten des Logbuchs füllten sich mit Eintragungen, die wenigen Karten, die Willem van Stolk mitführte, wurden von Tag zu Tag genauer.

Die „Vereenigte Oast-Indische Compagnie“ hatte die Karavelle ausgerüstet und zu diesem fernen Ziel geschickt. Bis zu dem Augenblick, als van Stolk zu nahe an die Flußmündung herangesegelt und das Schiff von der Strömung mitgerissen worden war, hatte es nur wenige wirklich gefahrvolle Momente gegeben.

Greefken, der irgendwo neben dem Ruder im Dunklen saß, drehte die Sanduhr um. Das Glasen hallte über das nasse Deck. Der Bootsmann packte den Handlauf und zog sich ächzend in die Höhe.

„Hoffentlich muß ich die Ablösung nicht an Deck prügeln“, murmelte er und schlurfte zum nächsten Niedergang.

Swieten blieb sitzen und fühlte, wie ihm die Augen zufielen. Jetzt war er sogar zu schlapp zum Gähnen.

Die „Zuiderzee“ lag in einer Bucht, die nach Nordosten offen war. Der trockengefallene Boden bestand aus schlickigem Lehm. Bei höchstem Stand der Flut hatten sie dicht vor dem Ufer den Anker geworfen und das Heck zum Strand schwojen lassen.

Die drei Mann der Ablösung, Taesert, Geuze und Overleek, stolperten an Deck. Sie hielten freiwillig die Köpfe in den niederprasselnden Regen.

„Bringt Swieten nach unten“, sagte Antony halblaut. „Und zieht ihm die Stiefel aus. Brecht ihm aber nicht die Zehen.“

Er selbst war barfuß. Von den vielen Füßen der Crew war auch jede Planke des Decks gezeichnet. Nasser Schlick war überall verteilt und verschmiert. An einigen Stellen lagen Werkzeuge herum. Der lange Regen hatte Sand und Schmutz über das gesamte Deck verteilt.

„Verstanden, Bootsmann“, lautete die Antwort der Seeleute. Sie trugen den Schiffszimmermann, der mit seinen wenigen Leuten die meiste Arbeit geleistet hatte, unter Deck.

Die „Zuiderzee“ war bei einsetzender Ebbe auf den weichen Grund gesetzt worden. Die gesamte Mannschaft schuftete und half, ohne daß der Kapitän jemanden anzutreiben brauchte. Die Jakobsleiter wurde ausgerollt, und je mehr das Wasser fiel, desto besser konnte an der Außenbeplankung gearbeitet werden. Mit schmatzenden, gurgelnden Geräuschen sackte der Kiel tiefer in den Schlick.

Die morschen, gebrochenen Planken wurden, halb unter Wasser, herausgestemmt und ersetzt, während von binnen möglichst viele Platten, Leinwand und Stoff gegengehalten wurden. Ununterbrochen arbeitete die Pumpe und lenzte Wasser nach außenbords.

Die Holländer standen im warmen Wasser und arbeiteten. Schließlich konnte der Rumpf gekrängt werden, so daß das Leck über dem Wasserspiegel lag.

Jetzt drang kein Wasser mehr ein. Auch von innen, vom Laderaum aus, konnten die Männer arbeiten. Sie ersetzten eins der morschen Teile nach dem anderen. Der Kapitän stand an der Pumpe und lenzte, auch der Erste schuftete und war schweißüberströmt. Schließlich gurgelte der letzte dünne Wasserstrahl aus der Öffnung des Pumpenrohres.

Die Unruhe im Schiff weckte schließlich, jetzt, zwischen Mitternacht und Morgen, Martin Lemmer, den Ersten Offizier, auf. Barfuß schleppte er sich an Deck und versuchte, dem Regen auszuweichen. Schwach lag der Schein der blakenden Hecklaterne auf dem nassen Deck.

„Welch ein Saustall“, murmelte Lemmer. „Die Kerle müssen richtig zusammengebrochen sein.“

Er spürte seine eigene Schwäche und grinste. Langsam tappte er entlang des Schanzkleides und wich den Spänen, Plankenstücken und Pützen aus. Vor einer Culverine blieb er stehen und erinnerte sich daran, daß vor weniger als vierundzwanzig Stunden der Kapitän noch überlegt hatte, ob die Geschütze mitsamt den Lafetten an Land gebracht werden sollten.

Dieser Dries Versteeg, dachte der Erste zufrieden, fast bewundernd, er hat seine verdammten Geschütze sogar schußfertig. Aber Feuergefechte wird’s heute nacht wohl keine geben.

Er nickte der Wachablösung zu und blieb unter der Fock stehen, die als Regenschutz schräg über das Vorschiff gespannt war. In der Mitte hing sie schwer durch, dort hatte sich das Regenwasser gesammelt. An den fremden Küsten dieses unbekannten Teiles der Welt war es warm. Unter den Umständen der letzten Tage hatte diese Wärme das Schiff und die Mannschaft vor Schlimmerem bewahrt.

„Vorderindien“, sagte Lemmer leise vor sich hin und wußte, daß es die richtige Entscheidung war, die Crew so lange wie möglich schlafen zu lassen und dann mit einem kräftigen Essen zu versorgen, „eine schöne Begrüßung hält das Land für uns bereit.“

Sie waren den Portugiesen davongesegelt, hatten Piraten unbekannter Nationalität abgewehrt, kein Mann war ernsthaft krank geworden oder gar auf See geblieben. Die Stürme hatten die „Zuiderzee“ arg gezaust und gebeutelt, aber nicht wirklich in Gefahr gebracht.

Martin Lemmer fuhr mit der Hand über sein Kinn. Die Bartstoppeln kratzten. Er winkte ab, gähnte und verzog sich wieder in die warme Koje, in der es nicht weniger als im übrigen Schiff stank. Trotzdem schlief er binnen Minuten erneut ein.

Die Stunden schlichen dahin, und aus dem Wolkenbruch des frühen Abends wurde im Verlauf der Nacht ein dünnes Nieseln. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang vertrieb der Monsunwind die Wolken und den Regen völlig.

Es merkte kaum einer der Männer unter Deck, wie die Flut das Wasser in die Bucht zurückbrachte und schließlich ein langes Zittern und ein stärkerer Ruck durch den Rumpf ging. Masten und Tauwerk schienen sich zu schütteln, aus der Fock schwappte klatschend das Wasser heraus und verbreitete sich auf den Decksplanken.

Als Kapitän van Stolk aufwachte, schwamm sein Schiff wieder. Unter dem Kiel waren fünf Handbreiten Wasser, die Ankertrosse hatte sich ebenso gespannt wie die beiden Leinen zum Land.

Zeeren und Samuel, die Köche, hatten ihr Geschirr auf die Kuhl geschleppt. Der Hunger und noch mehr das Aroma aus den Mucks des Ersten und des Kapitäns, feinster Rum nämlich, brachten einen nach dem anderen auf die Beine. Mit verschlafenen Augen, schweißverklebtem Haar und unrasiert erschien die Crew des holländischen Handelsschiffes auf der Kuhl.

„Hoffentlich seid ihr einigermaßen wach“, sagte Willem van Stolk und setzte sich auf ein leeres Wasserfäßchen. „Nach dem Freudenmahl wird erst mal das Schiff aufgeklart.“

„Schon gut, Willem“, antwortete Martin Lemmer in gemütlichem Tonfall. „Ich kümmere mich darum. Wir haben das Aufklaren genauso nötig wie unser alter Kasten.“

„Ich hab’s nicht eilig“, sagte der Kapitän und blinzelte in die Sonne. „Meint ihr, daß wir morgen früh weitersegeln können? Schließlich sind wir nicht nur zum Ausschlafen hier.“

„Das habe ich gemerkt.“

Martin Lemmer setzte sich neben den Kapitän und ließ es sich, ohne viel dabei zu reden, genauso schmecken wie die anderen Seeleute. Die zweite Portion Rum gluckerte in die Becher.

„Ist das Leck völlig dicht?“ fragte der Kapitän nach einer Weile.

Swieten legte die Hand an die Stirn und nickte. „Ich habe alle Planken kontrolliert, ebenso die Plankennähte. Leckstellen habe ich nicht mehr feststellen können.“

Die Sonne war höher geklettert und leuchtete über die Wipfel der Bäume in die kleine Bucht und auf die „Zuiderzee“. Aus der dumpfen Schwüle war trockene Hitze geworden. Willem van Stolk stand auf und ging zwischen den Männern der Crew hindurch bis zum Schanzkleid zwischen der Back und dem Galionsdeck. Schweigend musterte er das Ankertau und die kleinen Wellen, die sich am Bug der Karavelle brachen. Im klaren Wasser huschten Fischschwärme hin und her und führten gleichzeitige Wendungen aus.

„Gut so“, meinte der Kapitän zu sich und ging zu seiner Crew zurück. „Wir brauchen nicht zu verholen. Das Schiff liegt gut und sicher, denke ich.“

Er wandte sich an einen Koch und sagte: „Wir brauchen heißes Wasser. Ziemlich viel. Das Schiff sieht genauso verwahrlost aus wie wir alle. Die ‚Zuiderzee‘ ist schließlich kein Seelenverkäufer.“

„Verstanden, Schipper“, sagte der Erste. „Wir wollen ja auch bei den eingeborenen Fischern und Muschelsammlern einen guten Eindruck hinterlassen.“

Van Stolk lachte. „So ist es.“

Willem van Stolk, vierundvierzig Jahre alt, war weder ein Antreiber noch ein Kapitän von der Sorte, die es nicht vertragen konnte, wenn es der Crew gutging und die Seeleute sich ausruhten. Die Crew stammte fast vollzählig aus demselben Ort und segelte schon seit langer Zeit auf der „Zuiderzee“ zusammen.

Wenn es sein mußte, schufteten sie vierundzwanzig Stunden ununterbrochen und wie die Wilden. Das hatten sie während der beiden vergangenen Tage wieder einmal bewiesen. Jetzt wollte er es langsam angehen lassen, er brauchte ebenso Erholung wie seine Leute. Er lehnte sich gegen das Schanzkleid und hielt dem Koch auffordernd den leeren Becher entgegen.

„Noch einen Schluck“, schlug er vor, „dann fangen wir an, Leute.“

Nachdem die Köche das leere Geschirr eingesammelt hatten und der letzte Rum getrunken war, ging die Crew daran, das Schiff aufzuklaren. Sie holten eine Pütz nach der anderen voller Salzwasser an Bord, schrubbten die Decksplanken, schossen die Leinen auf und spülten den Schlick durch die Speigatten und die Öffnungen im Schanzkleid außenbords.

Ein paar enterten über die Wanten auf und brachten die Rahruten und die Schoten in Ordnung. Swieten, der Zimmermann, und der Kapitän packten zwei Lampen und stiegen in den Kielraum hinunter.

Mit dem Stiel des Kuhfußes prüfte Swieten die Planken. Das Geräusch klang vertrauenerweckend.

„Gute Arbeit, Swieten“, sagte van Stolk. Er fuhr mit der Hand über die neu eingesetzten und gegengenagelten Teile. „Hält das die Rückfahrt auch noch aus?“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte der Zimmermann. „Hier jedenfalls sind die Planken dicht. Ich habe alles angeschaut und abgeklopft, auch von außenbords.“

„In Ordnung“, sagte der Kapitän. „Die Luken offenlassen und holt die Ballen zum Trocknen an Deck, solange es nicht regnet.“

„Habe ich schon angeordnet“, antwortete Martin Lemmer und deutete nach oben. „Luken und Grätings sind offen, die Grätings werden geputzt. Und dann hieven wir das nasse Zeug an Deck.“

„Gut. Dann kann ich mich also in Ruhe rasieren, wie?“ fragte der Kapitän und nahm die Lampe vom Haken.

„Selbstverständlich. Ich hab’s auch vor.“

„Dann hätten wir dieses Abenteuer auch wieder überstanden“, murmelte der Kapitän. Sein Tonfall drückte seine Zufriedenheit aus.

Er stieg vom Bug bis zum Heck durch alle Laderäume und inspizierte jeden Winkel zwischen und hinter dem Ladegut. Immer wieder klopfte er mit dem Messergriff gegen das Holz und lauschte auf den Klang. Schließlich enterte er wieder aus der stickigen Tiefe an Deck.

„Alle herhören!“ rief er. „Wir klaren auf und legen einen Ruhetag ein. Morgen früh gehen wir wieder in See. Beeilt euch mit der Ladung – keiner weiß, wann es wieder regnet.“

„Jawohl, Schipper!“ schrien die Männer voller Begeisterung.

Der größte Teil der Decksplanken war mittlerweile so sauber, wie es sich für ein gutgeführtes holländisches Kauffahrerschiff gehörte.

Bis Mittag hatten die Holländer in strahlendem Sonnenschein und der trockenen Hitze ihre „Zuiderzee“ auf Hochglanz gebracht. Kapitän, Erster und Bootsmann wuschen sich das Haar, stutzten die Bärte und schabten sich die Stoppeln vom Hals und von den Wangen.

Greefken war über die Wanten in den Großmasttopp aufgeentert und suchte die Umgebung mit dem Spektiv des Kapitäns ab.

„Was siehst du durch den Kieker?“ rief Antony Leuwen von der Kuhl. „Nur Wasser und Vogelschwärme, wie?“

„Und Fischerboote. Mehr als ein Dutzend. Dort drüben, an Backbord, muß ein Fischerdorf sein!“ rief der Ausguck, ehe er den Kopf drehte und über die Bäume des Ufers hinwegzublicken versuchte. Seit Sonnenaufgang kreisten die Vögel über der Bucht. An die verschiedenen Laute der Tiere, von denen sie nur selten eins sahen, hatten sich die Holländer inzwischen gewöhnt.

„Bewegen sich die Fischerboote auf uns zu?“ wollte der Erste wissen. Er trocknete mit einem leidlich sauberen Tuch sein Haar und wischte den Schaum aus dem Gesicht.

„Nein, Martin. Sie haben uns zwar gesehen, aber wir sind für sie nicht wichtig. Vielleicht wissen sie, daß keiner von uns gern Fisch ißt.“

Die Crew brach in Gelächter aus. Durch die Luken wurden feuchte oder nasse Ballen und Kisten aufwärts auf die trockenen Planken gehievt. Die Crew riß die Deckel auf, schlug die Leinwand um die Planken auseinander und zerrte das nasse Zeug in die Sonne.

Die Köche brutzelten und kochten unter Deck, nachdem sie das Essen im hellen Sonnenschein vorbereitet hatten. Um die Abfälle, die über das Schanzkleid flogen, versammelten sich die Fische.

„Ein guter, ruhiger Tag“, sagte der Kapitän schließlich. Er saß mit nacktem Oberkörper in der Sonne und schaute sich die Umgebung in aller Ruhe durch das Spektiv an. Er hatte das Schiff tatsächlich an eine kaum bewohnte Stelle der Küste gesegelt. Größere Siedlungen gab es wohl weiter im Osten oder mit Gewißheit an der Ostküste im Süden des Landes.

Ein paar Männer wuschen ihre Hemden, einige rasierten sich, drei Mann lagen auf der Back und dösten im Schatten. Der Rumpf der „Zuiderzee“ hob und senkte sich in den Wellen und zerrte an den Tauen. Martin Lemmer schaute nach den Wasserfässern und entschied, daß der Vorrat reichte.

Ohne Eile wurden die trockenen Kisten wieder in die Laderäume abgefiert. Durch die offenen Luken zog muffiger Dunst ab. Dries Versteeg, der Stückmeister, kümmerte sich schweigend um die Culverinen und putzte die Drehbassen, nachdem er die Rohre gesäubert und getrocknet hatte.

„Willst du die Fischerboote bekämpfen, Dries?“ rief Antony.

„Ganz bestimmt nicht. Aber Feuchtigkeit in den Rohren, das ist nicht mal für leere Geschütze gut.“

„Recht hat er. Laß dich nicht aus der Ruhe bringen“, sagte Greefken.

Am Schanzkleid, in den Wanten und überall im Tauwerk hingen die hassen Tücher und Kleidungsstücke. Die Sonne brannte fast senkrecht aus einem wolkenlosen Himmel herunter. Vermutlich würde der Regen nicht bis zum Abend auf sich warten lassen. In den zurückliegenden Tagen hatte es fast regelmäßig am späten Nachmittag zu regnen angefangen.

Die Mannschaft klarte auch unter Deck auf, die Kojen wurden ebenso gelüftet wie die Kammern. Der Erste und der Navigator überprüften die Karten, ließen sich nach dem Essen ein paar Becher Wein bringen und sagten sich, daß die Stunden des Nichtstuns ohnehin so selten waren. Viele Arbeiten, für die sonst keine Zeit blieb, wurden am Nachmittag zumindest angefangen.

Vier Stunden vor der Abenddämmerung hatte sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen.

„Wir müssen das Deck räumen!“ rief Willem van Stolk. „Und dann zurrt die Persenninge über die Grätings.“

„Verstanden, Willem.“

Der Erste stand auf und steckte das Messer, mit dem er die Fingernägel geputzt und geschnitten hatte, in den Stiefelschaft.

„Packt mit an“, sagte er. Ein Stück Ladegut nach dem anderen, leidlich trocken, wurde durch die Luken gehievt. „Das Deck wird gleich wieder von selbst gespült.“

Eine halbe Stunde danach sammelten die Holländer ihre trockenen Hemden und Tücher ein. Vor der Sonne, die über den Baumwipfeln des Uferwaldes hing, schob sich die erste graue Nebelwolke.

„Das war’s“, sagte Willem van Stolk und rieb einige Tropfen Öl zwischen den Handflächen. Dann verteilte er das Öl in seinem Gesicht. „Der Regen ist pünktlich.“

Die Helligkeit nahm ab, aus den treibenden Wolken wurde eine zusammenhängende dunkle Wand. Der Wind, der durch die Bäume fauchte, kräuselte die Wellen der Bucht und ließ die „Zuiderzee“ schwanken. Die Blicke der Holländer wanderten zum Himmel, aber noch regnete es nicht. Martin Lemmer teilte die Wachen ein und stellte das Kommando für den nächsten Morgen zusammen.

„Wir gehen ankerauf und steuern, solange der Wind nicht zu stark ist, nach Südosten“, sagte er. „Auf den Karten habe ich zwei Häfen ausgemacht: Bharuch und Khambhat. Je nachdem – einen laufen wir an. Also: zuerst einen Becher Tee, ein Stück Brot, und dann staken wir aus der Bucht.“

„So halten wir’s“, sagte der Stückmeister:

„So versuchen wir’s jedenfalls“, schloß der Kapitän und verschwand in der Kapitänskammer.

Es dauerte noch eine Stunde, bis die Monsunwolken den gesamten Himmel bedeckten und die Windstöße schwere Regentropfen heranwirbelten. Auf den trockenen Planken erschienen unzählige kleine Punkte, und schließlich folgten die Regengüsse in schrägen Bahnen. Binnen weniger Atemzüge waren die Ränder der Bucht hinter den graublauen Vorhängen aus Wasser unsichtbar geworden.

Die Mannschaft der „Zuiderzee“ verzog sich unter Deck und wartete, während das Rauschen und das Plätschern über ihnen immer lauter wurde.

Kapitän Philip Hasard Killigrew stand schräg hinter dem Rudergänger und hielt sich an einem Fall fest. Die Schebecke kreuzte gegen Wind und Strömung, Kurs Süden lag an. Die Sicht betrug nicht mehr als eine Kabellänge. Die Männer, die sich noch an Deck aufhielten, trugen die langen Segeltuchjacken und troffen, wie alles andere, vor Nässe.

Pete Ballie umklammerte die Pinne, die Schebecke krängte nach Backbord. Der Bug hob und senkte sich und setzte krachend in die See. Ein salziger Schauer wehte vom Bugspriet her und stob über die Decksplanken.

„Eine feine Segelei ist das aber nicht, Sir!“ schrie Pete und stemmte sich gegen das nasse Holz der Pinne. „Wo sind wir eigentlich?“

„Auf jeden Fall weit von Ufern und Sandbänken entfernt, Pete!“ rief der Seewolf zurück. „Du hast recht. Wir hätten irgendwo vor Anker gehen sollen.“

„Zu spät jetzt.“

„Stimmt“, antwortete Hasard. „Noch ein paar Stunden, dann ist alles vorbei. Dann sehen wir auch, wo wir sind.“

„Hoffentlich.“

Der Regen war warm wie immer in diesen Tagen und Nächten. Leichter Dunst zog auf, die Wellen waren weniger hoch als befürchtet. Wenn die Karten richtig gezeichnet waren, und bisher waren sie erstaunlich genau gewesen, dann befanden sie sich jetzt etwa querab der Narbada-Mündung. Der Seewolf überlegte, ob es Zeit für die nächste Kursänderung sei. Schließlich wollte er nicht weiter südlich, womöglich nahe Surat, nach Ruthland suchen, sondern im Westen der trichterförmigen Bucht.

„Wir fallen nach Westen ab!“ rief er.

Ben Brighton zeigte von der Kuhl her klar. Das matte Licht der Hecklaterne reichte gerade bis zum Großmast.

„Abfallen, Pete“, befahl Hasard.

Die Schoten wurden gefiert, während Pete Ballie Ruder legte.

Jeder, der in diesem scheußlichen Regen an Deck stand, starrte in die Dunkelheit hinaus und versuchte zu erkennen, in welchem Fahrwasser sich die Schebecke befand. Aber es gab nichts anderes zu sehen als dunkle Wellen mit winzigen Schaumkronen, und auch die Geräusche ließen nicht erkennen, ob Untiefen oder Riffe lauerten.

Der Bug der Schebecke hatte sich westwärts gerichtet. Die Dreieckssegel waren getrimmt, die Schoten belegt. Der Regen fiel jetzt von Backbord ein.

Der Seewolf fühlte sich noch immer unbehaglich wie seit Anbruch der Nacht. Längst hatte er eingesehen, daß es besser gewesen wäre, irgendwo in Ufernähe vor Anker zu gehen.

„Ich kann nur hoffen“, sagte er halb zu sich selbst, „daß die Sonne uns zuliebe etwas früher aufgeht.“

Die Schebecke schob sich weiter durch Regen und Dunkelheit. Die Männer hofften, am nächsten Tag auf die „Ghost“ zu stoßen. Und dann würden die Kanonen sprechen.

5.

„Alle Mann an Deck!“

Francis Ruthland beugte sich weit über das Schanzkleid. Der Bug der „Ghost“ driftete, Handbreite um Handbreite, durch das pechschwarz erscheinende Wasser. Die Männer stakten von der Kuhl aus mit den Riemen, stemmten deren Blätter gegen die Hochwurzeln der Mangroven und schoben das Schiff aus dem Versteck.

Die Enden der Rahruten schrammten an den Lianen entlang. Als sich der Bugspriet um die Krümmung schob, blinzelte Ruthland überrascht. Vor der Karavelle stand eine dünne Nebelwand, von der die Sicht auf das freie Wasser versperrt wurde.

Luftblasen platzten an der Oberfläche des ruhigen Wassers. An der Bordwand rieben sich federnd die Äste, die Halme von bambusartigen Gräsern raschelten.

„Gut so!“ rief Francis Ruthland. „Bringt das Heck mehr nach Backbord! Verdammter Dunst.“

Die Morgendämmerung war kurz, die Helligkeit nahm zu. Noch leuchtete die Sonne nicht durch den Nebel. Die Riemen polterten, das Wasser plätscherte, und die Vögel lärmten an Land und über den Masttopps.

Knarrend schwang das Heck herum. Eine Reihe nachdrücklicher Stöße der Riemen, teilweise gegen das Ufer, teilweise im Wasser und im schlickigen Grund, schoben die „Ghost“ in den Nebel und in Richtung des freien Wassers.

Hugh Lefray gab das nächste Kommando. Die Geitaue des Focksegels wurden gelöst, das Segel, noch naß vom nächtlichen Regen, sackte schwer nach unten und sprühte einen Tropfenregen nach allen Seiten. Wieder schoben die Ruderer an, die Karavelle kam gut frei und verschwand im Dunst. An Backbord erschien im Nebel ein hellerer Fleck, der anzeigte, daß die Sonne sich über die Kimm hob.

„Weiter draußen“, rief Ruthland, „löst sich der Nebel auf! Spätestens in einer Stunde. Und dann geht’s nach Süden!“

„Ich denke, wir gehen auf den Seewolf los?“ schrie Lefray vom Quarterdeck.

Giftig erwiderte der Kapitän: „Was meinst du, wo wir den Bastard treffen?“

„Na gut, im Süden. Und woher weißt du das so genau?“ fragte der einäugige Kumpan.

„Weil er uns im Süden sucht. Deswegen“, lautete die Antwort.

Ruthland war davon überzeugt. In der letzten Nacht hatten sie lange über den Seewolf und seine Männer gesprochen.

Mit einem letzten Schwung glitt die Karavelle vollends in den Nebel. Die Farbe des Wassers änderte sich, als die lautlosen Wirbel hinter dem Heck sich auflösten.

Grauer Dunst umgab die „Ghost“, als sie das tiefe, sichere Wasser außerhalb der Bucht erreichte und in den Bereich einer schwachen Brise gelangte. Die Leinwand des Segels wehte schlapp hin und her und trocknete nur langsam.

„Stückmeister?“ rief Ruthland.

Von der Kuhl ertönte augenblicklich die Antwort. „Sir?“

„Alle Geschütze müssen feuerbereit sein. Auch die Drehbassen. Im Lauf des Tages stoßen wir auf Killigrew. Und dann mußt du besser zielen als jemals zuvor. Verstanden, David?“

„Sehr wohl, Sir?“ gab David Lean zurück und rieb sich die Hände.

Die Riemen polterten, als sie unter Deck und im Beiboot verstaut wurden. Das Großsegel wurde getrimmt und die Schot belegt. Eine Strömung packte die Karavelle und zog sie langsam, fast kraftlos, aus der Bucht und durch den Dunst, der langsam eine rötliche Färbung annahm. Hinter dem Schiff und über den Masten schrien unzählige Vögel, die in unsichtbaren Schwärmen kreisten.

„Kurs halten. Wir haben keine Eile“, sagte Ruthland.

„Aye, aye, Sir.“

David Lean und fünf aus der Deckscrew schleppten Pulverfässer, Kugeln und Werkzeug an Deck. Eine Persenning nach der anderen wurde losgebändelt und verstaut. Die breiten Räder der Lafetten rumpelten über die Planken, die Rohre wurden überprüft. Sorgfältig kontrollierten der Stückmeister jedes einzelne Geschütz samt Pulvermenge und lud nach, wenn er es für notwendig hielt.

Pugh schleppte die Drehbassen auf beiden Armen vom Vorschiff und achtern auf die Kuhl, setzte sie schweigend ab und warf einen prüfenden Blick auf die Segel. Aus dem Stoff tropfte noch immer Wasser, aber der Wind war kräftiger geworden und schob die Karavelle zunächst ostwärts.

„Noch eine Stunde“, sagte Ruthland und sprang von der Back mit einem Satz auf die Kuhl. „Dann segeln wir mit gutem Wind.“

Der Nebel schien dünner zu werden, die Hitze begann ihn aufzulösen. Der Wind nahm zu, und schließlich lag die „Ghost“ gut auf dem Ruder.

Francis Ruthland ballte die rechte Hand zur Faust und sagte erleichtert: „Wir gehen auf Südkurs, und wenn wir bis in die Nacht kreuzen müssen.“

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang hatte sich der Nebel restlos aufgelöst. Die „Ghost“ befand sich im freien Fahrwasser, aber in jeder Richtung der Windrose befanden sich Inseln, schoben sich Landzungen vor, tauchten langgestreckte Sandbänke auf.

Plötzlich vernahmen die Kerle fernen Donner. Als sie genau hinhörten, stellten sie fest, daß es unzweifelhaft Geschützdonner sein mußte. Sie konnten deutlich die einzelnen Abschüsse unterscheiden.

Der Geschützlärm erklang aus dem Norden des Inselgewirrs.

Hasard blinzelte, seine Augen tränten vor Müdigkeit. Aber er hob wieder das Spektiv ans Auge und musterte durch die Linsen die Umgebung. Die Schebecke lag auf Westkurs, und das Wasser neben der Bordwand war dunkelblau. Um das Schiff hatte sich, mehrere Seemeilen im Umkreis, eine freie Zone gebildet.

Die Sonne war noch hinter dem Nebel versteckt, der sich gleichmäßig von der Schebecke zurückzuziehen schien und die freie Fläche ständig vergrößerte. Die Wellen waren glatt und trugen keine Schaumkämme, die Dünung lief nach Steuerbord aus. An drei Stellen schoben sich einzelne Baumwipfel in großer Entfernung durch die Dunstschicht. Schon jetzt war es überraschend warm geworden.

Jan Ranse hatte mittlerweile Pete abgelöst und warf dem Seewolf einen langen, nachdenklichen Blick zu.

„Hier finden wir die ‚Ghost‘ nicht“, sagte er ruhig.

„Unter einer Hetzjagd habe ich mir auch etwas anderes vorgestellt“, erwiderte Hasard. „Aber zumindest sind wir nirgendwo aufgebrummt.“

„Bis jetzt wenigstens.“

Seit einer halben Stunde herrschte die Helligkeit des neuen Tages. Die Schebecke war mehr oder weniger ziellos durch die regnerische Nacht getörnt. Dennoch schienen sich die Seewölfe im nördlichen Westen des Golfes von Cambay zu befinden. Bevor man nicht sah, wo die Küstenlinie verlief, konnten keine genauen Feststellungen getroffen werden. „Abwarten“, antwortete Hasard und grinste Jan müde zu. „Wie die Erfahrung gezeigt hat, löst sich der Nebel rasch auf.“

„Kann nur von Vorteil sein, Sir.“

Der Rudergänger stellte fest, an welcher Stelle sich hinter dem Nebel die Sonne befand, kontrollierte sorgfältig die Nadel des Kompasses und blickte auf die Segel. Noch immer wehte der Wind aus Südwesten.

Al Conroy erschien, obwohl noch kein Wachwechsel anstand, schlaftrunken an Deck, rieb sich die Augen und schaute sich schweigend um. Dann richtete er seinen Blick auf den Seewolf.

Hasard winkte ab und rief: „Noch kein Ziel, Al. Aber bald, hoffe ich.“

Flüchtig dachte er daran, ob wohl Ruthland ähnliche Empfindungen hatte, oder ob er sich mit der „Ghost“ weiterhin versteckte oder zu flüchten versuchte. Sein Instinkt sagte ihm, daß sich Ruthland hier im Norden der Cambay-Buchten aufhielt.

„Die Geschütze und ich, wir sind bereit“, entgegnete der Stückmeister und gähnte. Er ging nach Steuerbord, stützte sich aufs Schanzkleid und stierte in den Dunst.

An fünf Stellen bildeten sich hinter der dünnen Nebelwand dunkle, langgezogene Flächen. Die wenigen Baumwipfel voraus wurden deutlicher und schienen zu wachsen, der Nebel sank über dem Wasser in sich zusammen. Bis auf die Geräusche der Wellen war es verdächtig still. Nur einzelne Vogelschreie erklangen, gedämpft und klagend, durch die Ruhe der ersten Morgenstunde.

Die wenigen Männer im Bereich des Achterdecks warfen einander erstaunte Blicke zu. Auch Hasard fühlte sich nicht sonderlich wohl, aber er schrieb diesen Zustand dem Schlafmangel zu.

Edwin Carberry stemmte sich von der Stufe des Niederganges hoch, reckte das kantige Kinn in den Wind und sagte volltönend: „Keine Ahnung, wo wir sind. Aber rund um uns ist Land.“

„Oder Inseln, Ed“, korrigierte ihn der Stückmeister. „Landzungen und so was.“

Sie erwarten jeden Augenblick, daß eine Bucht, ein Felsen oder eine bewachsene Insel, Fischerboote oder die verdammten Engländer aus dem Dunst erscheinen würden. Aber nur die dunklen Streifen wurden deutlicher und entpuppten sich als mit Wald bewachsene Teile des Landes.

Jetzt sahen die Seewölfe über sich, in der Sonne aufstrahlend, die Vogelschwärme, an die sie sich bereits gewöhnt hatten. Immer wieder lösten sich einzelne Vögel aus der Masse und schossen schräg abwärts. Fast ohne Spritzer tauchten sie ins Wasser und spießten Fische auf.

„Genau. Dahinter können sich ganze Flotten verstecken“, antwortete der Profos.

Wieder vergingen etliche Minuten. Der Nebel löste sich fast völlig auf. Die Sonne stieg rötlichgelb zwei Handbreiten über die Kimm und überschüttete das Wasser mit ihren fast waagerechten Strahlen. Rund um die Schebecke, drei Seemeilen oder mehr in jeder Richtung, zeigten sich die Ufer der Inseln und Halbinseln. Nur in den Buchten hielt sich noch der hellgraue Dunst.

Zwei Glasen. Sieben Stunden nach Mitternacht richtete Dan O’Flynn seinen Kieker auf etwa ein Dutzend breite Abschnitte der unbekannten Küste. Er musterte schweigend jeden Abschnitt des Strandes, jede Sandbank und jeden größeren Baum.

„Kein Schiff – außer uns“, sagte er enttäuscht.

Sie schienen sich in einem riesigen Kreis zu befinden, in einer großen Bucht, die sternförmig vom Festland und unzähligen vorgelagerten Inseln und Halbinseln umgeben war. An drei Stellen zeigten sich, gekennzeichnet durch das Fehlen von Schatten hinter dem Nebel, breitere Passagen. Aber auch dahinter konnten sich wieder neue Inseln befinden, wenn der Nebel völlig verschwunden war.

Als Dan seinen Kieker nach Norden richtete, erkannte er zwischen zwei Vorsprüngen eine Bucht im Nebel.

Die Landzungen sahen wenig aufregend aus: vorgelagerte Bänke aus Sand und Schlick, in denen sich altes und weniger ausgebleichtes Treibholz festgesetzt hatte. Dazwischen wuchsen und wucherten Pflanzen, die Brackwasser vertrugen. Fast unmittelbar dahinter sah Dan die charakteristischen Stelzwurzeln der Mangroven.

Aus dem Nebel zwischen den dunklen Vorsprüngen schienen zwei Masten hervorzuwachsen. Schräg darüber entdeckte Dan die Rahruten und die angeschlagenen Dreieckssegeln.

Zuerst glaubte er nicht recht, was er sah. Daher setzte er das Spektiv ab, putzte sorgfältig die Linsen an beiden Enden mit dem Hemdzipfel und starrte, während er auf das Glas hauchte, mit bloßem Auge hinüber.

Das Bild änderte sich nicht. Im Gegenteil: nach ein paar Minuten war der Nebel noch eine Spur dünner geworden, er sah den Bugspriet und dahinter, dunkel wie der Hintergrund, unverkennbar Bug und Rumpf einer Karavelle.

Er holte tief Luft, lief zum Achterdeck, blieb neben Hasard stehen und stieß hervor: „Steuerbord schräg voraus eine Bucht, Sir! Dort ankert eine Karavelle.“

„Verstanden.“

Hasard war zusammengezuckt. Er starrte in die angegebene Richtung und sagte eine Minute später in unüberhörbarer Schärfe zum Rudergänger: „Ein Strich nach Steuerbord abfallen.“

„Aye, Sir“, entgegnete Jan und spannte die Muskeln.

Tatsächlich versteckte sich die Karavelle im Nebel einer Bucht. Zwischen den Landvorsprüngen betrug die Entfernung höchstens drei Kabellängen. Aus dem Dunst heraus schwang sich das lange Ankertau schräg nach vorn, fast direkt auf die Beobachter zu.

Die Schebecke drehte nach Steuerbord ab und wandte der Bucht die Backbordseite zu. Die Entfernung betrug etwa zwei Meilen. Mit brennenden Augen blickte der Seewolf zu der Karavelle, dann nickte er Dan O’Flynn zu.

„Das ist der verdammte Schurke“, sagte er laut. „Mister Conroy!“

„Schon bereit, Sir.“

Füße trampelten über die Decksplanken. Die Schebecke bewegte sich schräg auf das Ziel zu. Jeder der Seewölfe wußte, was zu tun war. Zuerst bändselten die Männer die Persenninge von den Geschützen.

Die Zwillinge tauchten an Deck auf und schleppten die geladenen Drehbassen, um sie vorn und achtern in die Halterungen zu stecken. Das dumpfe, polternde Rumpeln der Lafettenräder erschütterte die Schebecke, als die Brooktaue festgezurrt wurden.

„Es ist ja mehr als unwahrscheinlich, Sir“, bemerkte Jan Ranse mit deutlicher Erleichterung, „daß es in dieser abgelegenen Ecke von englischen Karavellen wimmelt.“

Für ihn war die Hetzjagd im Regen vorbei. Dort drüben hatte sich die „Ghost“ versteckt gehalten.

Hasard erwiderte kalt: „Das ist Ruthlands Schiff. Dan mit seinen scharfen Augen hat ihn im Nebelversteck aufgespürt. Da hätten wir noch eine Woche suchen können. Bist du bereit, Al?“

Becken voller glühender Holzkohle und Luntenstäbe wurden an Deck geschleppt.

„Zwei Minuten, Sir!“ rief der Stückmeister zurück.

Während ein Teil der Crew die Segel trimmte und Jan Ranse leise mit Ben Brighton über die einzelnen Manöver sprach, wurde die letzte der zwölf Culverinen ausgerannt. Die schwarzen Mündungslöcher deuteten drohend nach beiden Seiten des Schiffes.

Al Conroy packte Richtscheit und Richthebel. Die sorgfältig gereinigten Zündlöcher wurden mit frischem Pulver gefüllt. Gebückte Gestalten rannten über Deck.

Jemand knurrte angriffslustig: „Aus dem Weg! Verzieh dich!“

„Schon gut.“

Die Bucht befand sich Backbord voraus. Die Schebecke war auf Nordkurs gebracht worden und driftete mit dem Sog einer Strömung auf eine Position zu, die weniger als eine Meile entfernt querab von der Bucht lag.

„Feuerbereit, Sir“, meldete Al Conroy und fing an, den Schußwinkel auszurechnen und ein Rohr nach dem anderen einzurichten. Die Lunten brannten und rauchten knisternd.

Hasard und Dan standen auf dem Grätingsdeck und richteten unverwandt ihre Kieker auf den Feind. Noch war nicht zu erkennen, ob sich an Deck jemand aufhielt. Der Nebel hing hartnäckig in der Bucht und löste sich, wie es schien, nicht auf. Noch immer blieben die Umrisse der Karavelle zwar hinreichend deutlich, aber nicht jetzt, als sich die Schebecke näherte, waren die Einzelheiten schärfer und klarer geworden. Gerade noch die Masttopps ragten aus der Nebelschicht hervor. Über dem Schiff kreiste ein Schwarm großer Vögel.

„Al! Wenn wir genau querab sind, feuerst du die Backbordgeschütze ab, klar?“

„Verstanden, Sir.“

Wer nichts zu tun hatte, kauerte sich hinter das Schanzkleid und blickte zum Ziel. Die Geschützbedienung wechselte zum ersten Rohr in Richtung Bug. Wieder hob und senkte sich das lange Bronzerohr um winzige Unterschiede. Al Conroy konzentrierte sich schweigend und stand schließlich auf.

Zufrieden stemmte er die Spitze des Richthebels auf die Planken. Die mit feuchtem Sand gefüllte Pütz, in der die Luntenstäbe steckten, befand sich dicht neben seinem Knie. Er drehte den Kopf und blickte zum Heck.

Die Zeit schien plötzlich viel langsamer zu verstreichen. Mit Wind und Wellen glitt die Schebecke nach Norden und schien eine Ewigkeit zu brauchen, bis sie in der richtigen Position für den Angriff war.

„Die pennen noch alle dort drüben“, stellte der Profos grimmig fest.

„Nicht mehr lange!“ rief Old Donegal. „Sie werden recht nachdrücklich aufgeweckt!“

„Das kann ich dir versprechen“, sagte Al Conroy, nahm einen Luntenstab und blies auf die Glut der Lunte. Er stand hinter dem Rohr und visierte an ihm entlang.

Noch immer zog quälend das Land mit seinen Sandbänken und Mangrovenwurzeln vorbei, an denen sich die unterschiedlichen Wasserhöhen abzeichneten. Dann wurde das Bild undeutlicher. Der Nebel schob sich vor die Mündungen, und schließlich boten sich die Umrisse der Karavelle den Blicken.

„Feuer frei!“ rief Hasard und federte die nächste Bewegung des Schiffes mit den Knien ab.

Al Conroy wartete einen Atemzug lang, bis sich die Lage des Rumpfes wieder stabilisiert hatte, dann senkte er die Lunte auf das Zündloch.

„Geht in Ordnung, Mister Ruthland“, sagte er.

Das Pulver brannte blitzesprühend ab, dann zuckte die mehr als halbarmlange Flamme aus der Mündung. Rohr und Lafette wurden hart zurückgeworfen, eine graue Wolke Pulverdampf stieg auf und wurde bugwärts davongetrieben.

Al Conroy sprang zum nächsten Geschütz und zündete es, ohne sich um die Flugbahn des ersten Geschosses zu kümmern. Jetzt blieb er stehen und schaute mit zusammengekniffenen Augen hinüber zur Bucht.

Das erste Geschoß war an der Backbordseite der Karavelle ins Wasser eingeschlagen und zauberte dicht neben dem Bug eine riesige Fontäne von Wasser und Schlick in die Höhe. Das zweite Geschoß heulte über das Wasser, traf Schanzkleid und Tauwerk und wirbelte Holztrümmer in alle Richtungen. Im Nebel war vage zu sehen, wie einige Gestalten über das Deck hasteten.

Al Conroy zündete die dritte und vierte Culverine. Die Detonationen vermischten sich, die Seewölfe husteten, als die riesige Pulverrauchwolke quer über Deck trieb und das Focksegel einhüllte.

Ein Geschoß jaulte zwischen den Segeln und dem Schanzkleid über das Deck der „Ghost“ und zerschmetterte einen Teil der achterlichen Aufbauten. Aber dieser Treffer war nicht deutlich zu erkennen. Die andere Kugel zerfetzte einen Baum am Ufer und ließ die Baumkrone auf das Deck hinunterkrachen. Deutlich sahen die Seewölfe die große, dunkle Masse aus Ästen und Blättern. Das Ankertau des Engländers schnellte auf und nieder.

Aber Dan O’Flynn bemerkte noch etwas anderes.

Am Großmast glitt eine Flagge hoch und entfaltete sich knapp außerhalb des Dunstes. Gleichzeitig brüllte eine aufgeregte Stimme fremdartige Worte über die Bucht.

„Die Flagge! Es ist keine englische!“ brüllte Dan.

„Feuer einstellen, Al“, befahl Hasard unüberhörbar laut und scharf.

„Aye, Sir!“ brüllte Al Conroy zurück und riß seine Hand mit der Lunte, die er auf das Zündloch des fünften Geschützes hatte hinunterdrücken wollen, zur Seite.

„Das ist ein Holländer!“ rief Jan Ranse. „Hört auf! Ein falsches Schiff! Nicht die ‚Ghost‘ Sir!“

„Hab’s verstanden“, knurrte Hasard. „Was sagt er?“

„Afbreken“, erwiderte der Rudergänger und schrie Piet Straaten zu: „Kannst du verstehen, was er brüllt? Antworte ihm!“

„Ja. Gleich.“

Afbreken bedeutete „abbrechen, aufhören.“

Hasard nickte und gab Ben den Befehl, die Schebecke vorsichtig in die Bucht zu manövrieren. Er endete: „Vielleicht gehen wir längsseits. Piet, erkläre dem Holländer, daß es uns leid tut. Wir … Du weißt schon, was du zu sagen hast.“

„Klar, Sir.“

Während die Schebecke in den Wind ging und drehte, brüllten die Holländer etwas von „nevel“ und „mist“, „siechte zieht“, „laagwater“ oder „anlerpaats“. Mit killenden Segeln, das Großsegel wurde aufgegeit, glitt die Schebecke auf die Bucht zu. Al wartete das nächste Kommando ab. Die Seewölfe standen aus der Deckung auf und blickten zu dem Niederländer hinüber, während die Schreie über das Wasser hallten.

Piet erklärte atemlos: „Ich habe ihm gesagt, daß wir eine englische Karavelle mit Hundesöhnen an Bord seit Tagen verfolgen und die Schiffe verwechselt haben. Es muß wirklich ein Holländer sein, Sir, denn keiner an Bord der ‚Ghost‘ könnte ein solch holländisches Register an Flüchen haben.“ Er grinste und holte wieder Luft.

„Weiter.“

Piet nickte und berichtete: „Er liegt hier, weil er Reparaturen ausgeführt hat. Planken, Unterwasserschiff. Einer von der Vereenigten Oast-Indischen Compagnie. Ich habe ihm gesagt, daß wir kommen und uns entschuldigen.“

„Sprachst du mit dem Kapitän?“

„Ja. Van Stolk heißt er. Mit der Entschuldigung ist er nicht zufrieden, er ist schließlich ein niederländischer ehrbarer Kaufmann, wie er sagte.“

Hasards Lippen zeigten ein verlegenes dünnes Lächeln. „Wir wären auch nicht mit einer Entschuldigung zufrieden. Sage ihm, daß ich ihn entschädigen und beim Aufklaren der Schäden helfen werde.“

„Klar, sage ich!“ rief Piet und winkte zu der Karavelle hinüber, an deren Bug sich drei Gestalten zeigten. Sie standen auf der Back und versuchten ihrerseits, die Crew und das Schiff deutlicher zu sehen. Dann brüllte Piet wieder seine holländischen Sätze hinüber, von denen die übrige Crew bestenfalls nur Teile verstand.

Jeder sah Hasard an, daß er sich über diesen Irrtum ärgerte. Beinahe hätten sie einen unschuldigen Kauffahrer zu den Fischen geschickt. Der Erste schaute in Hasards Augen und breitete die Arme in einer Geste der Verlegenheit aus.

„Jeder von uns war überzeugt, daß es die ‚Ghost‘ sei, Sir“, sagte er bekümmert.

„Die Karavellen gleichen sich“, stellte der Profos fest, „wie ein verdammtes Ei dem anderen.“

„Wahrscheinlich sehen wir schon ein paar Unterschiede, wenn wir näher heran sind“, meinte Old Donegal.

Fock und Besan wurden aufgegeit, die Strömung zog die Schebecke auf die Bucht zu.

Ben Brighton rief: „Klar bei Riemen! Acht Stück!“

„Aye, Sir.“

Jan Ranse an der Pinne sagte mit einem unterdrückten Grinsen zu Hasard und Ben: „Dieser Kapitän dort drüben ist wütend. Er hatte sein Schiff in die Bucht verholt und repariert und wollte ankerauf gehen, sobald sich der Nebel gelichtet hat. Und da jaulten plötzlich die Kugeln heran. Das bedeutet längeren Aufenthalt für ihn, Sir.“

„Das sehe ich ein. Ich gehe drüben an Bord und spreche mit van Stolk“, versicherte Hasard.

Nach wie vor sprachen Piet und Jan mit dem holländischen Kapitän und vermutlich seinem Ersten. Die Entfernung verringerte sich stetig, während sich der Bugspriet der Schebecke auf die Bucht richtete und Smoky von der Back aus, weit nach vorn gelehnt, die Tiefe ausrief.

„Langsam voraus! Fünf Fuß unterm Kiel!“

Der Bugspriet bohrte sich in den feuchten Dunst. Eine auslaufende Welle hob das Heck und den Bug des schlanken Schiffes. Die Enden der Ruderblätter berührten den Grund, die Seewölfe stakten und schoben die Schebecke hinüber zur Bordwand der Karavelle. Holztrümmer und Splitter schwammen neben den Planken im Heckbereich. Die Holländer sägten an den Ästen des umgestürzten Baumes.

„Es ist die ‚Zuiderzee‘, Sir“, meldete Jan Ranse. „Der Erste heißt Martin Lemmer.“

Jetzt waren sie nahe genug, um trotz des Dunstes die Holländer genau zu sehen. Die Schwüle zwischen den Bäumen trieb den Männern den Schweiß auf die Haut. Philip junior sprang ins Wasser, übernahm das Tau und watete zum Ufer.

Hasard hob die Hände an die Lippen, nachdem er das Spektiv zusammengeschoben und in die Tasche gesteckt hatte: „Ich bin Philip Hasard Killigrew, Engländer, wie Sie inzwischen wissen. Bitte, an Bord kommen zu dürfen.“

Der Kapitän der „Zuiderzee“ hatte nackenlanges, dunkles Haar und einen sorgfältig rasierten Oberlippenbart. Auch der Mann neben ihm trug ein sauberes, helles Hemd aus gutem Stoff. Die mächtigen Gürtelschnallen schienen versilbert zu sein.

„Kommen Sie an Bord, Kapitän“, entgegnete van Stolk in langsamem, schwerfälligem Englisch.

Jung Philip kehrte zurück, reichte das Ende hoch und schwang sich über die Bordwand, nachdem er zugesehen hatte, wie die Landleine belegt worden war.

Hasard krempelte die Hosenbeine auf, kletterte von der Kuhl ins Wasser und auf der Jakobsleiter der „Zuiderzee“ über das Schanzkleid der Karavelle. Er warf schnelle Blicke auf die Schäden und streckte dem Kapitän, der einen Kopf kleiner war als er, die Hand entgegen.

„Wieviel kostet es, Ihre gute Laune wiederherzustellen?“ fragte er.

„Ich bin Willem van Stolk. Hier, mein Erster, Martin Lemmer. Der Bootsmann Antony Leuwen fängt schon an, seine Werkzeuge zu schärfen.“

Die Kapitäne schüttelten sich die Hände. Der Händedruck des Ersten war ebenso hart wie der seines Kapitäns.

„Ich bitte Sie um Entschuldigung“, sagte Hasard förmlich. „Wenn ich Ihnen erzähle, warum wir so schnell mit unseren Culverinen waren, dann werden Sie es mir, hoffentlich, nachsehen.“

Das Gesicht des Holländers blieb ernst, als er antwortete: „Wir werden jedenfalls nicht zurückschießen.“

„Das beruhigt uns alle.“

6.

Mit einer geschickt geschleuderten dünnen Wurfleine hatten die Seewölfe die Ankertrosse der „Zuiderzee“ getroffen. Der Lederbeutel wirbelte um die dicke Trosse und wickelte sich auf. Es war ganz leicht, das Heck der Schebecke heranzuziehen, ohne den Anker loszubrechen. Dries Versteeg und Swieten, der Schiffszimmermann, hievten ein Fäßchen an Backbord der Karavelle in die Höhe.

„Der Kapitän hat gesagt, daß sich auch unangenehme Gespräche mit einem Schluck gutem Wein besser führen lassen!“ rief Piet Straaten auf holländisch.

„Stimmt“, meinte Hasard. „Was darf ich darüber hinaus tun, damit Sie in guter Ruhe und Sicherheit in See gehen können – mit Verspätung?“

„Ihre Zimmerleute können mir helfen“, schlug Willem van Stolk vor. „Zuerst einen Schluck. Ein Glück, daß wir keine Eile haben. Und Sie, Kapitän Killigrew?“

Wenn sie ihn kannten und wußten, daß er der Seewolf war, dann ließen weder van Stolk noch Lemmer etwas davon erkennen. Der Koch schlug den Stopfen aus dem Faß und klapperte mit den Bechern.

„Nur zu“, sagte der Seewolf. „Einen vollen Becher für jeden. Auch für mich, bitte.“

Dann rief er zur Kuhl der Schebecke hinunter: „Ferris Tucker soll mit Werkzeug und allem, was er braucht, den Niederländern helfen. Es sieht schlimm aus, wenigstens im Heck. Los, beeilt euch.“

„Aye, aye, Sir.“

Hasard lehnte sich gegen das Schanzkleid und sagte: „Wir kommen aus Surat. Ein Hafen, der uns allerlei Unglück und Verdruß brachte, denn wir stießen auf einen Landsmann. Ruthland mit der ‚Ghost‘ also jemand, von dem wir alles andere erwarten durften als Betrug und Verrat. Wir sind hier im Auftrag unserer Königin, um Handelsbeziehungen anzuknüpfen.“

„Wir auch“, sagte der Erste. „Uns schickte die Vereenigte Oast-Indische Compagnie. Und was tat dieser Engländer, daß Sie Ihre Culverinen laden mußten?“

Während Hasard berichtete, in welche tödliche Gefahr ihr Schiff und die Crew durch Ruthland gebracht worden waren, betrachtete er die Besatzung des Kauffahrers. Ihre Anzahl schätzte er auf ungefähr dreißig Mann. Sie sahen ausgeschlafen und gepflegt aus. Ihre Kleidung war sauber und teilweise neu. Das Schiff erweckte einen tadellosen Eindruck, es war perfekt aufgeklart und bereit, in See zu gehen. Selbst Haar und Bärte der Holländer glänzten frisch gewaschen und waren sorgfältig gestutzt.

Die Holländer hörten schweigend zu. Sie schienen jedes Wort zu glauben.

Schließlich sagte der Seewolf grimmig: „Wir verloren Ruthland im Monsunregen aus den Augen. Er muß sich hier, nördlich von Surat, versteckt halten. Und weil wir sicher waren, daß er ohne Warnung uns sofort unter Feuer nehmen würde, sprachen unsere Geschütze zuerst. Das ist die häßliche Geschichte, Kapitän van Stolk.“

Mittlerweile war ein halbes Dutzend Seewölfe an Bord gestiegen und kümmerte sich mit Sägen, Leim und Bohrern um die ersten Schäden. Der zersägte Baumstamm schlug ins Wasser.

Vom Quarterdeck rief Ferris Tucker, der rothaarige Hüne: „Alles zu überholen, Sir! Die ‚Zuiderzee‘ ist schöner als zuvor, wenn wir fertig sind!“

„Wann seid ihr fertig?“ erkundigte sich Hasard und dachte an die Stunden der Verzögerung.

„Um Mittag herum, Sir.“

An Deck der Schebecke klarte Al Conroy zusammen mit den Zwillingen und Don Juan die Geschütze auf. Al bestand darauf, sie wieder zu laden. Die Crew saß auf dem Achterdeck und auf der Back und kaute das frische Brot der Köche.

„Und was wollen Sie tun, um diesen gewissenlosen Schurken seiner gerechten Strafe zuzuführen?“ fragte Willem van Stolk.

Das Fäßchen war nicht mehr voll gewesen, jetzt gluckerten nur noch vier halbe Becher aus dem Spundloch. Auch die holländische Crew half mit, das zersplitterte Holz auszusägen, neue Teile einzusetzen und in Form zu bringen. Der letzte Wein wurde ausgeteilt, und Piet Straaten warf das leere Faß vorsichtig seinen Kameraden zu.

„Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das Richtige unternehme“, erklärte der Seewolf nachdenklich. Er blickte über die leere Wasserfläche. „Ich werde die ‚Ghost‘ weiterverfolgen.“

Der Nebel war vollständig verschwunden. Die Sonne des späten Morgens stach herunter.

„Im Süden? Richtung Goa?“

„Ja, Kapitän. Wenn sich Ruthland hier aufgehalten hat, ist er jetzt wahrscheinlich auf und davon.“

Nach einer Weile sagte er warnend: „Wenn Sie die ‚Ghost‘ sehen, dann, das ist mein Rat, gehen Sie auf Gegenkurs, oder verholen Sie sich irgendwohin. Der Kerl ist zu jeder Schandtat fähig. Bei uns hat er schon den Beweis dafür angetreten. Wir verfolgen ihn weiter.“

„Das würde ich an Ihrer Stelle ebenfalls tun, Mister Killigrew“, bestätigte Martin Lemmer und nickte.

Hasard schaute sich die Zerstörungen durch seine Schiffsgeschütze an und sah, daß Ferris Tucker und seine Helfer mit den Holländern gut und schnell zusammenarbeiteten. Unter Deck ringelte sich der Rauch unter den Leimtöpfen und dem Pech hervor und mischte sich mit der frischen Seebrise.

Hasard begann jetzt seine Müdigkeit zu spüren, schließlich war er fast die ganze Nacht auf den Beinen geblieben.

„Solange das hier dauert“, sagte er und schüttelte die Hand des Kapitäns und des Ersten, „verhole ich mich in meine Koje. Ich glaube, wir können beide gegen Mittag ablegen.“

„Scheint so, Kapitän Killigrew.“

Über die Jakobsleiter des Holländers enterte er auf die Kuhl ab, ließ sich eine Kleinigkeit zu essen geben und verschwand schweigend unter Deck. Er war bald eingeschlafen, aber durch seinen ersten Traum geisterte Ruthland, dessen Karavelle aus allen Rohren feuerte.

Während Hasard versuchte, eine Mütze voll Schlaf zu finden, unterhielten sich die Mitglieder der beiden Mannschaften über Fahrwasser, Inseln und Küstenbewohner.

Die Schebecke und die „Zuiderzee“ waren etwa gleichzeitig losgesegelt. Auch die Holländer versuchten, an diesen Küsten Fuß zu fassen, um am Reichtum teilzuhaben. Der Gewürzhandel, so drückte es der Kapitän aus, vertrüge viele Kauffahrer. Die Portugiesen mit ihrem Handelsstützpunkt in Goa hatten sozusagen ein Monopol darauf.

„Es ist alles andere als leicht“, sagte Ben Brighton und faßte die bisherigen Erfahrungen zusammen, „mit den Leuten hier ins Geschäft zu kommen. Die moslemischen Herrscher haben die Macht. Aber das, was die Portus leisten, schaffen wir auch.“

„Die Küsten, wenigstens hier im nördlichen Teil, laden leider nicht mit guten Häfen und großen Städten ein. Mit den wenigen Fischern und Holzfällern, die wir bisher getroffen haben“, antwortete Lemmer, der Erste, bedächtig, „können wir kaum gute Geschäfte tätigen.“

„Das ist auch unsere Meinung, Mister“, bestätigte Don Juan. „Und natürlich auch die Ansicht dieses Ruthland. Aber wir haben den Auftrag des königlichen Hofes.“

Ein Dutzend Seeleute beider Crews arbeiteten an der Beseitigung der Schäden. An vielen Stellen leuchtete das frisch eingesetzte Holz, es stank nach Leim und Pech. Die Deckschraper knirschten auf dem hellen Plankenholz, Ferris Tucker packte den Zugbeitel mit beiden Händen und glättete eine Relingsleiste an Backbord.

„Dieser Umstand scheint Ruthland nicht beeindruckt zu haben“, meinte Antony Leuwen. „Euer Rat ist also, einen Hafen weiter im Süden anzulaufen und es dort zu versuchen?“

„Richtig“, sagte Old Donegal. „Jeden anderen Hafen, nur nicht Surat am Tapti-Fluß.“

„Habt ihr gute Karten?“ fragte Greefken neugierig.

Dan O’Flynn zog die Schultern in die Höhe und schüttelte den Kopf. „Reichlich ungenau. Es fehlen viele Namen. Auch diesen Wirrwarr von Inseln und Halbinseln im Golf von Cambay haben wir auf der Karte nicht gefunden. Wir zeichnen unsere eigenen Karten. Wir sind also auch nicht klüger als Sie, Kapitän van Stolk.“

Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht. Beide Schiffe wiegten sich ruhig in den niedrigen Wellen der Bucht. Obwohl Hitze und Gelassenheit in diesen Stunden das Leben an Bord der Schiffe bestimmten, blieb eine gewisse Unruhe.

Die Seewölfe dachten an die „Ghost“ und daran, daß Ruthland ihnen entwischt sein könnte. Sie fieberten alle danach, die Hetzjagd wiederaufzunehmen, trotz der Ungewißheit, wo sich Ruthland versteckte. Immer wieder hob Ben Brighton den Kopf und sah nach, wie weit Ferris mit seinen Helfern war.

„Wir werden Ihren Rat annehmen, Mister Brighton“, sagte Willem van Stolk nachdenklich. „Wenn wir uns aus dem Golf herausgekämpft haben, was beim Monsunwind nicht ganz so schnell geht, versuchen wir unser Heil im Süden, auf Bombay zu.“

„Oder darüber hinaus“, brummelte Edwin Carberry. Er inspizierte, die Hände auf dem Rücken, das Deck der Schebecke.

Der Stückmeister war nach dem Glasen ebenfalls unter Deck verschwunden. Die Culverinen standen in Reih und Glied, die Mündungen verschlossen und in Segeltuch vertäut. Die Köche hatten Geräte, Kessel und Geschirr gereinigt und verstauten jetzt die trockenen Mucks und Schalen.

Batuti und Roger Brighton fierten ein Bündel Werkzeuge über das Schanzkleid der „Zuiderzee“ ab.

„Seid ihr etwa schon fertig?“ rief Big Old Shane von der Back. „Wurde ja auch Zeit, Mister Tucker!“

„Nur nicht motzen!“ rief der Schiffszimmermann zurück. „Nichts tun, nur dumm zuschauen und dann noch antreiben. So haben wir Holzkünstler es gern, nicht wahr?“

„Schon gut“, antwortete Old Shane. „Ruthland ist inzwischen halbwegs in Goa.“

„Noch lange nicht.“

„Wir sind schneller“, sagte Dan O’Flynn mit Bestimmtheit. „Vielleicht erleben wir auch mal eine Nacht ohne Dauerregen.“

Der Schimpanse Arwenack keckerte aufgeregt, als Batuti über die Jakobsleiter der „Zuiderzee“ abenterte. Jack Finnegan und Smoky räumten die Werkzeuge unter Deck und verstauten sie an den gewohnten Plätzen.

Ben Brighton winkte dem holländischen Kapitän zu. „Wir werfen die Leinen los, einverstanden?“

„Natürlich. Gute Fahrt – und viel Glück bei der Jagd!“

Nacheinander sprangen die letzten Seewölfe an Deck der Schebecke. Die Holländer zogen die Jakobsleiter über die Planken der Bordwand hoch. Hasard junior ging zur Back und löste das Ende der Landleine. Ben, der Erste, gab halblaut seine Kommandos.

Das Ruder wurde bemannt, der Rudergänger stellte das Ruderblatt gerade. Wieder stakten die Männer mit den Riemen, die Leinen wurden losgeworfen und aufgeschossen.

„Will sich Dad nicht von seinem neuen Freund verabschieden?“ fragte Jung Philip seinen Bruder.

„Laß ihn schlafen. Er wird sowieso viel zu früh wieder wach und schikaniert uns“, erwiderte Jung Hasard und winkte grinsend ab.

Die Schebecke glitt fast lautlos zuerst zurück, schwang dann das Heck nach Steuerbord und drehte, während die Rahruten knarrend herumschwangen und die Geitaue knirschten, zögernd den Bug zum offenen Meer. Die Seewölfe stemmten sich viermal, fünfmal gegen die Riemen, dann hatte die Schebecke Schwung genug, um langsam aus der Bucht driften zu können. Eine Windbö fuhr in die Segel und ließ sie killen.

Don Juan hielt die Ruderpinne und winkte kurz in die Richtung der „Zuiderzee“.

„Hast du dich mit Hasard abgesprochen, Ben?“ fragte er. Auch die Mannen des Kauffahrers holten die Landleinen ein und drehten das Ankerspill. „Ich meine, wegen des neuen Kurses.“

„Klar. Aus dem Inselgewirr hinaus und nach Süden“, erklärte Ben und gab ruhig weitere Kommandos. Die Segel füllten sich und wurden getrimmt.

Die Schebecke lag auf Kurs. Don Juan schaute sich um und sagte: „Gut so. Vielleicht schnappen wir die ‚Ghost‘ noch vor Sonnenuntergang.“

Der Wind war keineswegs stark, aber er wehte aus dem nördlichen Sektor. Darüber hinaus war er kühler als sonst um diese Zeit. Die Schebecke nahm schnell Fahrt auf und verließ den Bereich der Bucht, segelte in drei Kabellängen Entfernung am Landvorsprung vorbei und geriet für die Holländer außer Sicht.

Francis Ruthland und Hugh Lefray standen nebeneinander auf dem Quarterdeck, wölbten die Handflächen hinter den Ohren und lauschten. Der harte, krachende Donner des fernen Geschützfeuers hatte aufgehört.

Mit einem unbehaglichen, wütenden Unterton in der Stimme sagte der Kapitän: „Wenn hier auf See, zwischen den Inseln, jemand seine Geschütze leerfeuert, dann …“

Lefray nickte. Der Wind wirbelte sein dunkelblondes Haar durcheinander. Er stierte aus einem gesunden und einem blinden Auge in die Richtung, aus der dieser überraschende Lärm aufgeklungen war.

„… dann kann es nur dieser dreimal verdammte Seewolf sein!“ vollendete er den Satz des Kapitäns. „Er hat uns verfolgt, das wissen wir. Daß er so nahe ist, das höre ich gern. Los, das ist genau das, was ich brauche.“

„Endlich“, knurrte Ruthland. „David kriegt heute noch etwas zu tun.“

Der Wind wehte aus Norden und änderte immer wieder seine Richtung. Nach dem Passieren einer Landenge blies er aus Nordnordosten. Die Karavelle lag auf Südkurs. Nachdem Lefray und der Kapitän einen langen Blick des Einverständnisses gewechselt hatten, deutete Ruthland mit einer schwungvollen Gebärde zum Kielwasser der „Ghost“.

„Alles klar zum Anluven!“ schrie er. „Nach Backbord, um die Insel herum.“

„Aye, aye, Sir!“ brüllten die Kerle zurück. Sie hatten auf die Kommandos schon seit dem Donner des ersten Schusses gewartet.

Die Karavelle segelte unter Vollzeug und mit achterlichem Wind auf die nächste Passage zu. An Steuerbord schien eine Halbinsel weit vorzuspringen, denn die lehmigen Dünen und der struppige Buschwald ließen nicht erkennen, ob zwischen Festland und dieser schmalen Landzunge eine Durchfahrtsmöglichkeit existierte.

An Backbord lag eine kleine, runde Insel, in deren Mittelpunkt eine Gruppe besonders großer Bäume wuchs. Auf einigen kahlen Ästen hockten riesige Reiher und schienen ausschließlich zu der Karavelle zu starren. Der Wind, dessen einzelne Böen nicht nur kalt und trocken waren, sondern auch Schaumdreiecke auf die Wellen türmten, fing sich zwischen Landzunge und Insel wie in einem Trichter und heulte in der Takelage. Mit schäumender Bugwelle schnitt die „Ghost“ durchs blaugrüne Wasser.

Die Segelcrew holte die Schoten dichter. Die Karavelle legte sich nach Steuerbord über und drehte in Lee der Insel hoch. Langsam schob sie sich an Sandbänken vorbei, auf denen Krabben und Krebse umherkrochen. Es brauchte nicht gelotet zu werden, aber der Ausguck auf der Back hielt nach Untiefen Ausschau.

„Gut freihalten von der Insel!“ schrie der Erste.

„Verstanden“, gab der Rudergänger zurück.

Der Wind fiel eine Weile lang von querab ein, dann waren die Segel getrimmt und standen klar.

Die „Ghost“ stampfte, große Mengen Gischt aufwerfend und mit weiß schäumendem Kielwasser, nach Osten und ging hinter der letzten Schlickzone hoch an den Wind. Der Kapitän suchte die Kimm ab. Weder Segel noch der Rauch eines brennenden Schiffes waren zu sehen.

Die Insel, die an Backbord achtern kleiner zu werden schien, war offensichtlich unbewohnt. Vor der Karavelle öffnete sich eine große Bucht. Als Ruthland durch den Kieker mehr Einzelheiten erkennen konnte, entdeckte er Steuerbord voraus, winzig klein, eine Anzahl von Segeln.

„Fischer“, murrte er enttäuscht. „Immer diese Affen mit ihren stinkenden Nußschalen.“

David Lean enterte den Niedergang hoch und wartete, bis Ruthland das Spektiv absetzte.

„Geschütze und Drehbassen feuerbereit“, meldete er mit einem schwer zu deutenden Grinsen. „Sollen wir die Musketen auch laden, Sir?“

Ruthland schätzte die Chancen ab, innerhalb einer kürzeren Zeitspanne auf die Schebecke zu treffen. Er schüttelte den Kopf.

„Alles bereithalten“, sagte er schließlich. „Oder siehst du den Engländer?“

„Nein, Sir.“

„Wenn du deine Rohre klar hast, genügt’s mir. Zuerst müssen wir die Bastarde finden, klar?“

„Aye, Sir.“

Der Stückmeister zog schweigend wieder ab. Die „Ghost“ segelte einen weiten Schlag nach Nordosten, auf die Fischer zu. Eine halbe Stunde später wurde der Kurs wieder geändert, und nun lag Nordwesten an. Unruhig und ungeduldig peilten Ruthland und sein Kumpan jeden Punkt der Kimm an.

„Dieser Wind aus dem nördlichen Sektor“, sagte Lefray nach einer Stunde, in der sie unverändert in guter Fahrt in nördliche Richtung kreuzten und die Wellenhöhe zunahm, „gefällt mir gar nicht, Francis.“

Ruthland lachte rauh und erwiderte: „Mir auch nicht. Aber wir haben keinen anderen. Hast du Angst vor einem Sturm?“

„Nicht unbedingt. Die letzten Wochen hatten wir nur, bis auf ganz wenige Ausnahmen, Regen und Wind aus Südwesten. Nach den Karten gibt es im Norden hinter den Buchten und Flußmündungen nur Wüsten und Gebirge. Warum ist der Wind, wenn er aus Gebirgen und Wüsten weht, derart kalt?“

„Wenn wir vor der Themsemündung wären, könnte ich’s dir sagen, Hugh“, erwiderte Ruthland und zuckte mit den Schultern. Der Blick seiner hellen Augen heftete sich auf die prallen Segel und dann auf Lefray. „Spätestens heute nacht gibt’s wieder Schlagregen und Nebel. Und die Gebirge sind verdammt weit weg. Ein paarmal haben wir geglaubt, Berge zu sehen. Aber es können auch Wolken gewesen sein. Von einer Wüste hast weder du noch ein anderer was gesehen. Ich schon überhaupt nicht. Allerdings wäre mir Starkwind aus dem südlichen Sektor auch verdammt lieber.“

„Verfluchter Seewolf“, knurrte Lefray und wandte sich ab.

Bis kurz nach dem Mittagsglasen kreuzte die Karavelle auf Nordkurs zwischen den Mangroven und Inseln, Halbinseln und Bänken. Je weiter sie vorstießen, desto mehr entfernten sich die Ufer. Die „Ghost“ steuerte offenbar jenen Teil des nach Osten abknickenden Golfes an, an dem laut Karten die Hafenstadt Khambhat liegen sollte. Allerdings waren die Eintragungen alles andere als genau.

Ruthlands Laune wurde von Stunde zu Stunde schlechter. Die erzwungene Untätigkeit versetzte ihn in Unruhe, seine Wut darüber, daß er die Schebecke noch immer nicht gefunden hatte, setzte ihm zu.

„Dieser Killigrew“, sagte er leise, mit belegter Stimme, zu seinem einäugigen Kumpan, „liefert sich mit einem anderen Schiff ein Feuergefecht. Wenn wir ihn bald stellen, sind wir zwei gegen ihn.“

Ohne jeden Zweifel suchte nicht nur er, sondern die gesamte Crew die Auseinandersetzung. Sie wußten, wie gut David Lean zielte und traf. Aber wieder war es Lefray, der die überzeugte Sicherheit seines Kapitäns nicht teilte.

„Francis“, sagte er ebenso wütend wie der Kapitän, „wir haben nur ein paar Explosionen gehört. Vielleicht hat Killigrew ein Fischerdorf unter Feuer genommen. Das Ganze hörte sich nicht wie ein ernsthaftes Feuergefecht an.“

„Ist mir egal“, knurrte Ruthland. „Killigrew schießt nicht auf Fischerhütten. Vielleicht hat ihn ein Schiff der Moguln oder von einem anderen Padischah aufgestöbert. Oder ein Portu. Was weiß ich! Wenn er nicht versenkt wurde, finden wir ihn.“

„Hoffentlich bald.“

Obwohl in den nächsten Stunden die Crew der Karavelle an Schoten und Brassen schufteten und das Schiff sich weiter in die Bucht vorarbeitete, zeigten die Spektive nur weitere Einzelheiten der Ufer, die sich kaum von den bisherigen Bildern unterscheiden. Die Flottille der Fischerboote war längst achteraus hinter einem Teil der buchtenreichen Uferlandschaft verschwunden. Trotz des Windes aus Norden trieben die Wolken von Westen nach Osten die Sonne verschwand und tauchte auf, in ständigem Wechsel. Wieder schien die Jagd auf den Seewolf völlig offen zu sein.

Willem van Stolk hielt sich mit beiden Händen am Rahmen der Tür seiner Kammer fest und grinste selbstzufrieden, als sein Rundblick beendet war. Die „Zuiderzee“ hatte jedes Stück Leinwand gesetzt und segelte genau auf Südkurs. Alle Segel standen prall voll, hinter dem Heck gurgelte und rauschte das Kielwasser. Eine Schar Möwen begleitete die Karavelle. Vor zwei Stunden war Mittag geglast worden.

Van Stolk wandte sich an den Bootsmann und sagte laut, um die Windgeräusche zu übertönen: „Ein ehrenwerter Kapitän, dieser Mister Killigrew. Die Engländer sagen wohl ‚Gentleman‘ dazu, mit Recht, wie ich finde.“

Antony sah dem Koch zu, der quer über die Kuhl tappte und den Rum zum Quarterdeck brachte.

„Der beste Rat, den wir seit Wochen erhielten. Wir laufen gute Fahrt, Willem. Heute abend werden wir diese engen Passagen und alle unwichtigen Inseln weit achtern gelassen haben.“

„Gottlob“, erwiderte der Kapitän. „Ein schnelles Schiff, die Schebecke. Wo ist sie? Vor zwei Stunden war sie noch zu sehen.“

„Sie sind schneller als wir“, erwiderte der Bootsmann. „Weitaus schneller.“

Stundenlang waren sie hintereinander gesegelt, und während dieser Zeit hatte sich der Abstand zwischen der Schebecke und der „Zuiderzee“ ständig vergrößert. Jetzt war das schlanke Schiff mit den Dreieckssegeln hinter der Kimm verschwunden. Im Südwesten bildete sich über dem Wasser bereits wieder eine dunkle Wolke. Jetzt sah sie aus wie ein schmales Band am Ende des Blickfeldes.

Der Kapitän wies zu dem dunklen Streifen, der sich über der Kimm im Südwesten aufbaute.

„Ein seltsames Wetter“, murmelte er und schwenkte den letzten Schluck Rum in der Muck. „Nordwind, Monsunwolken und hoch am Himmel diese weißen Sommerwolken. Baut sich ein Sturm auf?“

„Ist schon möglich“, gab der Bootsmann zu. „Wir kennen die Gewässer hier nicht.“

„Man sollte einen Fischer fragen“, schlug Willem van Stolk grinsend vor.

„Weit und breit keiner zu sehen.“

Irgendwo an Backbord voraus, eine oder zwei Tagesfahrten entfernt, mußte Surat beziehungsweise die breite Mündung des Tapti-Flusses liegen. Das hatten sie von der Crew der Schebecke erfahren. Der Versuch, Einblick in deren Karten zu nehmen, war ein solcher geblieben. Sie wußten wohl auch nichts Genaueres, so wie die Holländer. Aber Killigrew schien in dieser Beziehung ein Schlitzohr zu sein, der sich nicht überlisten ließ.

„Wir finden die Küste wohl auch ohne Fischer. Ihre Sprache verstehen wir sicher nicht“, sagte der Bootsmann. „Willst du abends an den Strand, in eine Bucht oder einen geschützten Winkel verholen?“

Der Kapitän nickte und peilte den Stand der Sonne an. „Ja, natürlich. Irgendwo an Backbord.“

„Verstanden, Kapitän. Kann ich mich ein, zwei Stunden aufs Ohr hauen?“

„Selbstverständlich, Antony“, sagte van Stolk. „Bis zum Abend wird sich nichts Besonderes abspielen.“

„Alles klar.“

Die beiden Männer nickten einander zu. Antony Leuwen enterte den Niedergang ab und beugte sich mit seinem Oberkörper, bevor er die Kuhl verließ, weit über das Schanzkleid. Er schien die Wellen einer schweigenden und gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Dann zog er in einer halbwegs hilflosen Bewegung die Schultern in die Höhe und tauchte unter Deck ab.

Willem van Stolk grinste ihm hinterher.

„Die Compagnie hat keine Ahnung“, murmelte der Kapitän etwas später, „wie schwierig hier alles ist.“

Die Karavelle jagte über die Wellen, der nächsten Regennacht im Monsun entgegen. Irgendwie fühlte sich der Niederländer seit dem Augenblick erleichtert, als die Männer der Killigrew-Crew zusammen mit Swietens Mannen die Schäden dieses einseitigen Feuergefechts beseitigt hatten.

Der Kurs lag an. Keiner an Bord wußte im voraus, was die nächsten Wochen bringen würden.

Die Seeleute der „Ghost“ hatten ein solches Wetter noch nie erlebt. Zumindest erinnerte sich keiner daran.

Die Karavelle stampfte und schlingerte durch hohe, unablässig anrollende Wellen. Gischt wurde vom heulenden Wind von den Wellenkämmen gerissen. Der Wind fauchte abwechselnd aus Norden, Osten und Südwesten heran. Drei Stunden vor dem letzten Tageslicht hatte sich der Himmel wieder dunkel gefärbt. Die blaugrauen Regenwolken hingen tief und schoben sich von Südosten unaufhaltsam höher. Noch regnete es nicht, aber es würde nicht mehr lange dauern.

„Das wird eine höllische Nacht!“ schrie Ruthland durch das Knarren, Jaulen und Krachen. „Wir müssen einen sicheren Ankerplatz finden!“

„Dort drüben, Francis.“ Lefray zeigte nach Backbord. Das Ufer war an dieser Seite höchstens eine Meile entfernt. Das Steuerbordufer war hinter den hochgehenden Wellen und dem Schleier aus Gischt und Wassertropfen nicht mehr zu erkennen. „Wir müssen die Jagd aufgeben. Wenigstens für heute. Die Nacht stehen wir nicht durch, wenn’s so weitergeht.“

„Du hast recht.“

Der Nordwind hatte sie gezwungen, den Kurs zu ändern. Überdies hatten sie das nördliche Ende der Bucht erreicht und die Schebecke nicht gesehen. Die Karten schienen zwar die tiefen Landeinschnitte richtig wiederzugeben, aber auf ihnen war längst nicht jede Bucht verzeichnet. Bis jetzt hatte die „Ghost“-Crew jedenfalls vergeblich gesucht.

„Dicht unter Land halten. Wir suchen einen Ankerplatz!“ schrie der Erste.

„Aye, Sir.“

Die Karavelle krängte weit nach Steuerbord. Die Regenwolken erreichten die Sonne und schoben sich vor die rötliche Scheibe. Schlagartig nahm die Helligkeit ab. Der Bug der Karavelle schwenkte zögernd nach Backbord, die Rahen knarrten laut, als die Segel getrimmt wurden. Die „Ghost“ stampfte auf die langgestreckten Dünen hinter der Brandung zu.

Im Südwesten fiel der erste Regen aus den Monsunwolken. Breite Streifen ließen die Kimm im Grau versinken. Die nächste Bö heulte von Westen heran und ließ die „Ghost“ weit nach Backbord überholen. Die Segel fingen zu killen an, bis der Rudergänger das Schiff wieder auf den richtigen Kurs brachte.

Francis Ruthland peilte zum Ufer hinüber. Sein Gesicht zeigte, daß er keineswegs zufrieden war mit dem, was er durch den Kieker sah. Die Dünen gingen in einen sandigen Strand über, die Brandungswellen überschlugen sich auf dem flachen Hang und zischten weit über die Flanken der Hügel aus Sand und Lehm. Kümmerliche Büsche wuchsen auf den Dünenkronen.

Ruthland war sich so gut wie sicher, daß die Wassertiefe für einen sicheren Unterschlupf zu gering war. Obendrein gab es auf den nächsten Meilen des Strandes nicht den geringsten Schutz vor dem Wind.

Er rief den Rudergänger an. „Südkurs, Michael. Das Ufer taugt nichts.“

„Verstanden, Kapitän.“

Glücklicherweise drehte der Wind innerhalb der nächsten halben Stunde und wehte, wieder kalt und trocken, aus Norden. Trotzdem rückten die Regenschleier drohend näher. In den Wolken riß ein Loch auf und blutrotes Licht ließ einen gewaltigen Wolkenturm im Südosten aufleuchten.

„Gewitterwolke!“ rief Lefray gegen den Sturm.

„Auch das noch“, stöhnte Ruthland.

Eine Stunde lang kämpfte sich die Karavelle nach Süden, während der Wind mehrmals seine. Richtung änderte. Die Wellen waren noch nicht so hoch, daß sie eine wirkliche Gefahr darstellten, aber die Oberfläche ließ Kreuzseen erkennen. Eine Dünung baute sich auf, die das Schiff torkeln, in den Wellentälern versinken und hoch auf die Wellenkämme steigen ließ. Die schweren Schauer von Spritzwasser kamen von Steuerbord und Backbord, meist vom Bug und, seltener, über die achteren Aufbauten.

Die Crew trimmte unentwegt die Segel. Die „Ghost“ konnte sich von den Untiefen freihalten, und langsam zog eine Küste vorbei, die wenig Gutes versprach. Hinter den Dünen schien es nicht einmal Eingeborenenhütten zu geben.

Coughlan klammerte sich auf der Back, über dem Kranbalken des Ankers, ans Schanzkleid und starrte nach unten. Er versuchte zu sehen, ob sie genug Wasser unterm Kiel hatten. Das Lot und die aufgeschossene Leine hingen über seiner Schulter.

Jetzt hatte Ruthland ein anderes Problem, als den Seewolf zu suchen. Er mußte verhindern, daß sie in der Nacht vom Kurs abkamen, das sichere Tiefwasser verließen oder auf Legerwall getrieben wurden.

Die Sonne war vollständig verdeckt. Der Wind aus dem nördlichen und westlichen Sektor ließ nach, während sich sowohl die Monsunwolken als auch das turmartige Gebilde der Gewitterwolke vergrößerten.

„Hugh“, sagte Ruthland und hoffte möglichst bald am Ende der Dünen und des Sandstreifens eine Bachmündung oder eine Bucht zu entdecken, „das sieht nicht gut aus.“

„In einer Stunde spätestens ist der Regen über uns“, antwortete Lefray. Sie waren seit der Morgendämmerung nicht aus den Stiefeln gekommen und total erschöpft. „Dazu das Gewitter. Wenn wir keine Bucht finden, müssen wir wieder aufs Meer hinaus verholen.“

„Sehe ich ein“, entgegnete Ruthland. „Aber bisher hatten wir immer Glück.“

Auch die Mannschaft war unruhig geworden. Immer häufiger warfen sie lange Blicke voller Besorgnis zum Strand hinüber. Die Dünen schienen höher geworden zu sein, auch der Bewuchs nahm zu. Einzelne Bäume schoben sich hinter dem Sand in die Höhe. Nicht ein einziger Vogel war in der Luft, die Tiere schienen den aufziehenden Sturm zu fürchten.

„In gut einer Stunde ist es unmöglich, zu sehen, wohin wir segeln.“

„Wissen wir, Francis“, erwiderte Lefray und schüttelte sich, als ein Schauer von Tropfen sein Gesicht traf.

Die Verbände der „Ghost“ knarrten und knirschten. Noch reichte der Wind, um das Schiff in guter Fahrt durch die Wellen zu schieben. Wieder hoben Ruthland und Lefray ihre Spektive. Die Sicht wurde in dem rötlichen Zwielicht immer schlechter, aber am Ende dieses Strandabschnittes schoben sich kantige Felsen zwischen den Dünen bis zum Wasser vor.

„Vielleicht gibt es ein Loch für uns hinter den Felsbrocken!“ rief Ruthland, als er die hochschießenden Brandungswellen und den Gischt an den zerklüfteten Steinen erkannt hatten.

„Abwarten.“

Es war ein Wettrennen zwischen Dunkelheit und der Hoffnung, doch noch einen Ankerplatz zu finden, der gegen allzu hohe Wellen, gegen Sturm und Gewitter schützte. Die Zeit schien viel zu langsam zu vergehen, die Karavelle näherte sich dem äußersten Punkt des Ufers mit der Langsamkeit einer Schildkröte – so schien es den Kerlen.

Die Felsen bildeten ein kleines Kap. Als die „Ghost“ näher stampfte, stellte sich heraus, daß die Dünen flacher wurden, daß aus den einzelnen Felsen eine schräge, wuchtige Felsplatte wurde, in der ein breiter Spalt klaffte, so breit wie die „Ghost“ lang war.

Hinter der Felsplatte begann ein niedriger Wall aus Büschen, dann erstreckte sich bis zur Kimm nur eine Landschaft aus Dünen und schräg ansteigendem Sandstrand.

Lefray richtete schweigend und voller neuer Hoffnung den Kieker auf die Stelle und erkannte, daß sich hinter dem Spalt ein kleiner Fjord im Fels öffnete, dessen Wände doppelt so hoch aufragten wie die Masten der Karavelle.

„Das ist es, Francis!“ brüllte Lefray begeistert.

Der Kapitän hatte den Einschnitt im selben Augenblick entdeckt. Sofort rief er seine Befehle aus. Die Karavelle verschwand wieder in einem Wellental, der rettende Felsdurchbruch senkte sich hinter den Wellenkamm.

Die „Ghost“ schüttelte sich, als der Rudergänger sie nach Backbord zwang. Die ersten Regentropfen, nur ein leichter Schauer, prasselte in die Segel und auf die Planken, aber der Wind hatte nachgelassen.

Kommandos und Bestätigungen hallten über das Deck. Die Segel wurden backgebraßt, und in einem Viertelkreis, stampfend und gischtend, schwang der Bug herum. Der Bugspriet zielte genau auf die Mitte der Passage zwischen den Felsen. Im Bereich der Brandung sprangen gerundete Klippen und Brocken weit ins Wasser vor, die Felswände und der Hintergrund des kurzen Fjordes waren zerrissen und zerklüftet.

„Genug Wasser unterm Kiel!“ rief Coughlan von der Back.

Wieder wurden die Riemen losgebändselt und in Bereitschaft gehalten. Die Karavelle verlor an Fahrt. Der Wind aus Südwesten packte das Schiff, während die Segel aufgegeit wurden.

„Recht so. Wir schaffen es!“ rief Ruthland.

„Kurs halten!“ tönte der Ruf von der Back.

Die Karavelle hatte die Richtung geändert, sie glitt geradeaus durch die Wellen, genau auf die Mitte des Durchlasses zu. Drei Männer rannten zum Bug, enterten zur Back auf und klarten Anker und Ankertau auf. Der Regen wurde heftiger, als die beiden Seiten des Schiffes die schweren Brecher der Brandung gegen den Fels schmetterten, sich donnernd aufwarten und über den Stein in die Höhe zu klettern schienen. Eine Weile hob die „Ghost“, schob sie auf die Passage zu und hindurch.

„Anker klar zum Fallen!“ brüllte Ruthland.

Die Brandung war lauter als Geschützdonner. Plötzlich glitten die Felswände rasend schnell vorbei. Im letzten Licht sahen die Engländer, daß der Felsenkessel höchstens zwei Kabellängen Durchmesser hatte und das fast schwarz scheinende Wasser überraschend ruhig war, fast ohne Wellen. Die Tropfen plätscherten herunter, der Regen wurde dichter.

„Fallen Anker!“ befahl Lefray.

Klatschend verschwand der Anker im Wasser. Knapp zehn Faden Ankertau schlängelten sich durch die Klüse, die Trosse wurde kurz belegt. Dann faßte der Anker Grund, das Schiff schwojte, vom eigenen Schwung getragen, nach Backbord und glitt in die Mitte des Felsenkessels. Es war unnatürlich ruhig geworden, nur das Geräusch des fallenden Regens nahm zu. Es gab nur noch einen Rest Tageslicht, als die Blicke der Crew die Felswände musterten.

„Flut“, sagte Coughlan scharf.

Es gab an den Felsen nur die Markierungen von Springtiden. Das Wasser hatte in dem unregelmäßig runden Kessel den Stand erreicht, der für die Flut galt. Fast alle waagerechten Markierungen und Ablagerungen waren bedeckt.

„Gebt noch fünf Faden zu. Dann belegt die Trosse“, sagte Lefray.

„Aye, Sir.“

Als das Tau ausgesteckt war und die Crew im strömenden Regen die Segel belegte, hatte die „Ghost“ fast gedreht und den Bug zur Passage hin geschwenkt. Ein kurzer Stoß ging durch das Schiff, dann ertönte ein mörderisches Knirschen und Ächzen.

Die Seeleute wurden von den Beinen gefegt und rutschten auf den nassen Decksplanken aus. Aus dem Inneren des Rumpfes ertönten laute, knackende Geräusche. Dann kippte die „Ghost“ um ein oder zwei Fuß nach Steuerbord und rührte sich nicht mehr.

Francis Ruthland schloß die Augen und fing zu fluchen an.

Die Karavelle saß fest. Nach den Geräuschen und dem Verhalten des Schiffes zu urteilen, hatte sich der Kiel nicht im Schlick festgefressen, sondern zwischen Unterwasserfelsen geschoben.

Hugh Lefray und Coughlan fluchten noch lauter als der Kapitän.

Und das auch noch bei Flut und in der Dunkelheit! Dazu im warmen Regen, der so dicht war, daß man vom Heck die Back nicht mehr sehen konnte.

Und natürlich verfluchten sie alle den Seewolf, der sie in diese Lage gebracht hatte.

7.

Don Juan de Alcazar faltete das weiße Tuch auseinander und begann, sein Gesicht, das Haar und den Hals abzutrocknen. Seewasser biß in den Augen und schmeckte bitter auf den Lippen und der Zunge. Zwei Tranfunzeln brannten ruhig und verströmten gelblichweißes Licht. Der Spanier achtete sorgfältig darauf, daß er von seiner Jacke keine Wassertropfen auf Dans Karten schleuderte, als er sie vorsichtig auszog.

„Mittlerweile sind wir von der Tapti-Mündung wohl nicht mehr allzuweit entfernt, Dan?“ fragte er. „Wir haben, trotz der Suche und des Aufenthaltes, fast immer eine gute Geschwindigkeit herausgesegelt.“

Dan O’Flynn hatte an seinen Karten gearbeitet, seine flüchtigen Notizen eingetragen, Inseln eingezeichnet und seine Bemerkungen hinzugefügt: Zeichen, Wörter und Abkürzungen. Er hob den Kopf, legte die Feder weg und blickte in die dunklen Augen Don Juans.

„Wir sind noch ein gutes Stück davon entfernt. Im Norden der Mündung, natürlich.“

Er zeigte auf die Stelle, die er errechnet hatte.

Don Juan setzte sich auf die Koje Dans und streckte die Beine aus. Die Schebecke hob und senkte den Bug in den langen Wellen, die Geräusche des Regens, der auf die Decksplanken hämmerte, trommelte und prasselte, wirkten ebenso einschläfernd wie die warmen Lichter über Dans Kartentisch.

„Und Ruthland ist uns auch wieder entwischt. Nicht einen Masttopp von der ‚Ghost‘ haben wir gesehen. Ich meine, wir sollten diese Hetzjagd aufgeben.“

„Ich glaube nicht“, entgegnete Dan mit einem schiefen Grinsen, „daß du mit diesem Vorschlag große Begeisterung bei Hasard und der Crew auslösen wirst.“

Don Juan lachte kurz. „Glaube ich auch nicht. Trotzdem wäre es das Vernünftigste. Zwischen den vielen Inseln können wir vermutlich einen Monat lang suchen, ohne ihn zu finden. Aber das weiß wohl jeder an Bord.“

„Er ist uns im Regen entwischt“, sagte Dan und lehnte sich zurück.

„Im Regen werden wir ihn vermutlich auch finden, schätze ich.“

„Abwarten, Dan.“

Die Seewölfe hatten die Schebecke mehr als acht Stunden lang auf Südkurs halten können, trotz des drehenden Windes. Sie waren, nachdem der Holländer achteraus außer Sicht geraten war, an der Steuerbordseite des Golfes geblieben, hatten Landzungen und Inseln passiert, waren gegen den Wind aufgekreuzt und hatten immer wieder besorgt zum Himmel aufgeschaut. Das Gewitter, auf das sie seit zwei Stunden warteten, hatte sich verzogen oder lauerte noch hinter den Regenschauern.

Dan O’Flynn spreizte die Finger der rechten Hand und griff die Strecke ab, die seine Karte zeigte.

„Wenn Hasard die ‚Ghost‘ nicht entscheidend trifft – ich meine natürlich das segensreiche Wirken unserer Culverinen –, dann haben wir an der Küste keinen ruhigen Tag mehr. Das weiß ich, Juan.“

Dan war überzeugt, daß es sich so verhielt; der Hundesohn Ruthland würde es immer wieder versuchen, bis er Erfolg hatte.

„Ich will mich ja nicht drücken …“, meinte Don Juan.

Dan unterbrach ihn: „Das denkt keiner.“

„… aber wahrscheinlich finden wir ihn an jeder anderen Stelle schneller als hier im Norden. Das ist meine feste Meinung, die ich Hasard auch schon ein paarmal gesagt habe.“

Don Juan hörte seinen Magen knurren. Gleichzeitig roch er, was die Köche in ihren Töpfen und Kesseln brutzelten und kochten.

„Und was meint der Kapitän?“ wollte Dan wissen, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte.

„Der Kapitän ist noch immer überzeugt, daß wir Ruthland bald aufstöbern. Aber er hat auch schon halb eingesehen, daß wir an der falschen Stelle suchen. Ruthland ist auf und davon, nach Süden. Er kann sich leicht ausrechnen, daß seine Karavelle gegen unsere zwölf Culverinen keine wirkliche Chance hat. Auch das weiß jeder. Oder etwa nicht?“

„Doch. Besonders Al Conroy.“ Dan grinste und drehte den Federkiel zwischen seinen Fingern.

„Heute nacht wird er wohl einigermaßen ruhig schlafen.“

„Das, hoffe ich, gilt für alle“, sagte Don Juan und lauschte auf die Geräusche des Regens. „Von braunhäutigen Fischern bewacht, oder was immer die Kerls zu tun haben.“

„So ist es.“

Die Schebecke war, noch bevor der Regen richtig losgebrochen war, in eine große, ruhige Bucht gesegelt. Die Rauchsäulen kleiner Feuer hatten den Seewölfen den Weg gezeigt. Als das Schiff etwa den Mittelpunkt der halbmondförmigen Bucht erreicht hatte, konnten die Arwenacks die winzige Ansiedlung und etwa ein Dutzend kleiner Boote, die Hälfte davon mit Mast und Segel, am Ufer zwischen den Pfählen erkennen.

Eine erste Schätzung hatte ergeben, daß rund fünfzig Eingeborene hier lebten. Hinter den Büschen und Bäumen des Ufers erstreckte sich eine hügelige, sandige Fläche.

„Vielleicht haben die Fischer die Karavelle gesehen“, meinte Don Juan, als er aus der Richtung der Kochstelle einen Wortwechsel, Fußtrampeln und das Klappern von Mucks und Schalen hörte.

„Uns haben sie ganz sicher nicht übersehen“, entgegnete Dan und faltete sorgfältig seine Aufzeichnungen zusammen, bevor er die Karte zu einer Rolle drehte und verstaute.

„Ich frage sie morgen früh“, sagte Don Juan.

Morgen früh, dachten sie beide und grinsten in sich hinein, sprachen sie ebensowenig die Sprache der Eingeborenen wie die Fischer Englisch oder Spanisch beherrschten. Vielleicht schafften es die Zwillinge, wenn sie Hände und Füße zur Hilfe nahmen, mit den Eingeborenen zu kauderwelschen.

Durch das Gluckern und Plätschern der Wellen, die gegen die Planken schlugen, durchs Knarren und Knistern der Verbände und das unverändert laute, gleichmäßige Rauschen des Monsunregens hörten die Seewölfe klar und deutlich: „Backen und Banken – für heute zum letztenmal!“

„Endlich“, murmelte Don Juan. „Ich hoffe, daß die Fischer nicht an Bord kommen und eingeladen werden wollen.“

Bis auf die Wachen befanden sich alle Mannen unter Deck. Die Bug- und Hecklaterne verbreitete schwachen Lichtschein. Langsam schwojte die Schebecke an der Ankertrosse und beschrieb einen Halbkreis, als die Strömung den Rumpf ergriff. Niemand rechnete damit, daß draußen im Regen die Karavelle Ruthlands vorbeigleiten, ihre Besatzung das Licht sehen und zu feuern anfangen würde.

Dennoch waren die Arwenacks darauf vorbereitet, trotz Monsunregen und undurchdringlicher Finsternis.

Ruthland riß sich, nachdem er sich mühsam beruhigt hatte, Jacke und Hemd vom Körper, schleuderte sie auf seine Koje und zog sich um. Dann stieg er wieder an Deck. Während ein Teil der Seeleute versuchte, Fackeln und Lampen an Deck zu bringen und sie vor dem Regen zu schützen, überschlugen sich in Ruthlands Kopf die Gedanken und Überlegungen.

„Ausgerechnet bei höchstem Wasser“, fluchte er vor sich hin. Das Schiff saß noch immer fest, die Neigung des Decks hatte sich nicht verändert.

Steuerbord lag tiefer als Backbord. Der zitternde Lichtschein von blakenden Fackeln spiegelte sich auf dem nassen Deck.

Hugh Lefray brüllte von der Back nach achtern:

„Kapitän! Wenn wir die Kanonen und Ballast nach Steuerbord verholen, dann legt sich die ‚Ghost‘ noch weiter über!“

„Wenn’s reicht. Fangt an!“ rief Ruthland. „Aber schnell. Um den Kiel und den Loskiel ist mir nicht bange, aber die Planken!“

„Aye, Sir.“

„Bring mir Rum, Koch!“ rief der Kapitän, enterte auf die Kuhl ab und musterte seine Crew. An Backbord wurden die Culverinen losgeschäkelt. Die Geschütztaljen erhielten Lose, die Brooktaue wurden ausgehängt, und die Seeleute stemmten sich gegen die Lafette. Die breiten Räder knirschten und ratterten über die Planken, als sich das erste Geschütz bewegte. Sieben Mann zerrten am Rohr, an den Griffen und Tauen. Eine Handbreite nach der anderen rollte die Culverine nach Steuerbord. Schließlich hatten die Männer die Lafette neben die des Steuerbordgeschützes bugsiert und sicherten das schwere Stück mit Sorgleinen.

„Das verdammte Schiff rührt sich nicht“, knurrte Ruthland, als ein Dutzend Männer und das erste Geschütz an Steuerbord waren. „Los, ans Schanzkleid. Lehnt euch drüber.“

Er selbst sprang zum Schanzkleid, klammerte sich fest und hoffte, daß sich das Schiff wenigstens ein bißchen bewegen würde. Aber es gab nur wieder das Knarzen und Knirschen, das hohl und bedrohlich aus dem Kielraum heraufklang. Inzwischen waren sie alle völlig naß, das Regenwasser lief an ihren Körpern hinunter und in die Stiefel.

„Nichts. Wir ziehen alles rüber, was wir haben.“

Das zweite Geschütz wurde losgeschäkelt. Während er Seite an Seite mit seiner Crew schuftete, überlegte Ruthland, was als nächstes unternommen werden mußte, wenn es nicht reichte, das Gewicht zu verlagern. Bisher konnte er noch nicht sagen, ob es ausreichen würde, wenn die „Ghost“ weiter gekrängt wurde.

Vielleicht löste sich der Kiel von den Felsen. Vielleicht aber auch nicht. Das Teuflische war, daß die Flut nicht mehr höher stieg, im Gegenteil. Wenn die Ebbe einsetzte, würde sich die Karavelle mit noch mehr Gewicht auf den Grund setzen.

„Stein ist härter als das beste Holz“, drückte der Erste die Befürchtungen deutlich aus.

An Deck befanden sich für diese Arbeit zu viele Männer. Als das zweite Geschütz mit hohlem Krach gegen das Schanzkleid stieß, richtete sich Ruthland auf, wischte über sein Gesicht und befahl: „Die anderen stapeln die schwersten Fässer und Kisten nach Steuerbord um. Fünf Mann genügen für die Artillerie.“

„Aye, Kapitän.“

Quelch enterte ab, zündete zwei weitere Lampen an und gab den Befehl des Kapitäns weiter. Aber er brauchte seine Kameraden nicht anzutreiben.

Unter dem Eindruck des grauenhaften Knarrens und Ächzens, das nichts anderes ankündigte als einen Wassereinbruch, arbeiteten die Seeleute unter Deck weiter.

Sie packten die Fässer, koppten und rollten sie, hebelten mit Spaken die schweren Kisten in die Höhe und versuchten, die schwersten Ladegüter zwischen den Binnenspanten an Steuerbord zu stapeln.

Die Karavelle rührte sich noch immer nicht. Von oben, durch das Plätschern des Regens, dröhnte das Rumpeln der Lafettenräder an die Ohren der Engländer.

Nach einer Stunde schaute sich Quelch, an dessen nacktem Oberkörper der Schweiß in Strömen hinunterrann, im Laderaum um.

Nur noch ein paar Kisten standen an der Backbordseite. Er stemmte die Fäuste in die Seiten und knurrte: „Scheint nicht viel geholfen zu haben. Vielleicht weiß Ruthland, was wir noch tun können.“

„Wir entern auch auf. Ein bißchen Luft schnappen.“

„Kommt mit“, rief er keuchend seinen Kameraden zu und stieg die Stufen des Niederganges hinauf. Der Regen auf der nackten Haut war eine Erfrischung. Die Männer holten tief Luft und wischten sich den Schweiß aus den Gesichtern.

Quelch hangelte sich am Schanzkleid entlang und blickte über das halbdunkle Deck. Sämtliche Geschütze befanden sich festgezurrt an Steuerbord. Der Blick Ruthlands fiel auf ihn.

„Fertig, Quelch?“ stieß der Kapitän hervor.

„Die schwersten Brocken sind verstaut, Sir.“

„Ich merke nichts. Das Schiff sitzt weiterhin fest!“ rief Ruthland.

Durch den Rumpf bebten die Erschütterungen der Wellen, die durch die Felspassage hereinzischten. Zwar trafen sie die Planken, aber die Karavelle kam nicht frei.

„Die Ebbe“, sagte Hugh Lefray erschöpft. „Es geht nicht anders, Leute. Entweder holen wir den Ballast aus der Bilge und werfen die stinkenden Steine in den Bach, oder wir bringen das Boot zu Wasser.“

„Oder beides“, sagte der Kapitän. „Steine finden wir überall. Wenn ihr mich fragt, gibt es viel zu viele davon.“

„Besonders unter dem Schiff“, sagte Quelch grimmig. „Wie wär’s, wenn wir ein Tau vom Großmast aus mit dem Boot ausfahren, um die Karavelle noch mehr auf die Seite zu legen – wie beim Überholen der Planken?“

Der Kapitän hob beide Arme und schrie wütend: „Was bringt das schon? Wenn wir nicht bald Erfolg haben, brechen uns die Planken auf. Schnell! Eine Kette bis in die Bilge. Holt den Ballast an Deck und schmeißt das Zeug über Bord.“

„Aye, Sir.“

„Und ihr fiert das Beiboot ab. Das Wasser fällt wahrscheinlich schneller, als uns lieb ist.“

Auch jetzt brauchte kein Crewmitglied angetrieben zu werden. Jeder hatte die Gefahr klar erkannt. Unter Deck wurden noch mehr Lämpchen angesteckt und frisches Lampenöl nachgefüllt. Die Seeleute enterten ab, kletterten über die Bugbänder, die Bodenwrangen und das Kielschwein. Zwischen den Ballaststeinen, an denen Dreck und Schlamm glänzten, gluckerte Wasser.

Wenn die Männer zupackten, rutschten ihnen die schweren Steine aus den Fingern. Sie brüllten nach oben und verlangten Lappen und Segeltuchfetzen. Endlich konnte, zwischen Tauenden und anderem Abfall, der erste schwere Steinbrocken hochgehievt werden. Ein Mann nach dem anderen übernahm ihn und stemmte ihn keuchend weiter, im Zickzack durch die Laderäume, die Niedergänge hoch und durch das Luk auf die Kuhl.

„Das Zeug stinkt und ist auch noch schwer dazu“, fluchte Coughlan, packte den dreckverschmierten Ballaststein und stieß ihn mit beiden Armen so weit wie möglich nach Steuerbord durch die Dunkelheit. Mit lautem Klatschen verschwand er im Wasser.

„Der nächste! Hier!“

Aus der Bilge wanderten die unterschiedlichsten großen Steine in quälender Langsamkeit von Mann zu Mann, bis sie von Coughlan und Lefray gepackt und außenbords geschleudert wurden. Obwohl die Männer auf engstem Raum so schnell wie möglich arbeiteten, dauerte es viel zu lange, bis eine solch große Menge der kantigen Steinbrocken ihren Weg durch das Schiff nehmen konnte.

Das Beiboot war aus den Bootsklampen gehoben und am Geschirr festgelascht worden. Die Kettenstander hingen frei und klirrten, wenn die schuftenden Männer daranstießen.

„Das hilft auch nichts“, sagte der Kapitän, nachdem er statt Lefray die letzten fünf Ballaststeine außenbords gewuchtet hatte. Eine Fackel in seiner Nähe wurde aus einer Falte des Segels heraus von einem Wasserstrahl getroffen und ausgelöscht.

„Doch. Die ‚Ghost‘ wird leichter, Francis“, keuchte Lefray und hängte sich schwer an das Tau, mit dem sie das Beiboot hochhievten und an der Rah herumschwangen. „Ich spür’s schon. Irgendwie bewegt sich der Kahn.“

Das Beiboot schwebte quer über die Hälfte des Decks, hing über dem Schanzkleid und wurde langsam zum Wasser abgefiert. Am Bugende des Schanzkleides wurde die Jakobsleiter ausgebracht.

Der Kapitän schrie David Lean an, der an Deck taumelte und einen Stein haarscharf neben dem Dollbord des Bootes vorbei ins schwarze Wasser schleuderte.

„Aufpassen, Kerl! Oder willst du das Boot auch noch zertrümmern?“

„Nein, Kapitän.“

Klatschend fiel das Beiboot in die Wellen. Tatsächlich begann sich die Karavelle zu bewegen. Aber sie kam nicht frei, nur die Geräusche aus dem Inneren wurden lauter und gingen den Kerlen durch Mark und Bein.

Der Bug hob sich um wenige Handbreiten, als Michael, einen armdicken Tampen in den Gürtel geknotet, zwischen den Wanten aufenterte und sich in der Dunkelheit zurechtzufinden versuchte.

„Wieviel Ballast ist noch im Schiff?“ schrie Ruthland einige Minuten später. „Haben wir eigentlich Wasser in der Bilge?“

Es dauerte eine Weile, bis die Frage nach unten weitergegeben worden war und die Antwort wieder, von einem zum anderen, der Kapitän auf der Kuhl erreichte.

„Knapp zwei Handbreiten, Kapitän.“

Ruthland lief rot an, aber das war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Seine Stimme drückte seine Wut und Enttäuschung viel deutlicher aus.

„Dann lenzt gefälligst, mit der Pumpe natürlich.“

„Sofort, Kapitän“, erwiderte Lefray.

Etwa ein Drittel des Steinballasts war mittlerweile außenbords gegangen. Michael sprang aus den Wanten an Deck und zog prüfend am Tau. Er packte das schwere Bündel und hievte es auf das Schanzkleid. Dann kippte er es in das Beiboot hinunter. Das Taubündel rollte sich auf und krachte schwer zwischen die Duchten.

Im selben Moment fing die Lenzpumpe zu arbeiten an. Der dünne Strahl plätscherte irgendwo ins Wasser. Man sah ihn nicht, aber es stank durchdringend nach dem fauligen Unrat, der sich während so vieler Monate im tiefsten Raum des Schiffes angesammelt hatte. Das Regenwasser, Sickerwasser und Schwitzwasser hatten sich zu einer üblen Brühe vermischt. Wieder hob sich das Deck um einen Zoll.

„Wir haben es vermutlich bald geschafft“, sagte Lefray und packte die Unterarme seiner beiden Kameraden. „Los. Abentern. Ich gebe euch die Riemen hinunter. Dann belegt ihr den Tampen und pullt. Halt. Nicht nur ihr beiden.“

„Schon verstanden. Wir kippen die ‚Ghost‘ einfach um. Dann kommt sie schon frei.“

„Jedenfalls haben wir uns das so und nicht anders gedacht.“

Sie hatten alle, Mann für Mann, den Eindruck, sich in einem Wettrennen gegen die Zeit zu befinden, gegen den tiefsten Stand des Wassers, bevor die Flut wieder einsetzte und vielleicht das aufgebrummte Schiff anhob. Es war zweifellos leichter geworden und lag mehr auf der Steuerbordseite als vor Stunden, aber der Kiel hing noch immer fest.

Vermutlich hatte er sich in eine Art Rille oder zwischen gegabelte Klippen geschoben. Die Längsachse der „Ghost“ hatte sich nicht nach Steuerbord oder Backbord bewegt. Acht Männer waren ins Beiboot geklettert und hatten eine qualmende, blakende Fackel bei sich.

„Habt ihr das Ende belegt?“ rief Ruthland in die Richtung des Beibootes. Je vier Männer hatten die Riemen gepackt und schoben sie durch die Rundsein.

„Ende ist belegt.“

David Lean hatte geantwortet. Als die Bootsgasten die Riemen durchholten, hörte das Plätschern des Wassers aus der Lenzpumpe auf. Die Bilge schien gelenzt zu sein. Aber auch im Beiboot hörten die Männer das Knarren und Krachen, mit dem das Holz des Kiels und des Loskiels am Fels unter dem Schiff arbeitete.

„Dann pullt! So stark wie es geht!“ rief Ruthland. „Und die anderen alle an Steuerbord.“

Die Besatzung versammelte sich entlang des Schanzkleides von der Back bis zum Achterdeck an der Steuerbordseite der Karavelle. Sie beugten sich weit über das Schanzkleid, schauten zu den Bootsgasten hinunter und verfolgten mit, wie sich das durchhängende Tau straffte, aus dem Wasser auftauchte und den Knoten festzog. Als die Ruderer den ersten Widerstand spürten, fingen sie im Takt wie die Sklaven zu pullen an. Die Blätter der langen Riemen erzeugten weißen Schaum, der fahl durch die Dunkelheit leuchtete.

„Mehr! Es rührt sich!“ rief jemand von Bord.

Der Mast federte, als Zug auf das Tau kam. Alle Planken und Verbände schienen gleichzeitig zu knarren. Aber der Mast neigte sich tatsächlich um eine Handbreite, das Deck zitterte und bewegte sich nach Steuerbord. Noch mehr Regenwasser lief über die Decksplanken, sammelte sich im Winkel und lief durch die Speigatten ab.

Gleichmäßig, seit Stunden unverändert fiel der Monsunregen.

„Noch mehr!“ schrie Ruthland. Seine Stimme klang heiser. Er schwitzte vor Aufregung.

Die Bootsgasten legten sich in die Riemen. Die Zugtrosse war so straff gespannt, daß das Wasser an ihr entlang ins Bootsheck rann. Wieder bewegte sich der Mast, wieder kippte die Karavelle mehr nach Steuerbord. Lefray winkte einem halben Dutzend seiner Männer und eilte auf die Back.

„An die Ankerwinsch!“ rief er. „Vielleicht können wir die ‚Ghost‘ freiziehen.“

Die Ankertrosse wurde gelöst, ein paar Schläge wickelten sich auf die Trommel der Winsch. Die Männer steckten die Spaken ein und stampften im Kreis über die Planken. Auf der Trosse stand nur wenig Kraft.

Während sich die Karavelle noch mehr nach Steuerbord legte und das Regenwasser durch die Luken sowie durch die Löcher der Grätings rann, bewegte sich das Schiff Stück um Stück vorwärts. Aus dem Inneren ertönten unbeschreibliche Geräusche. Es war, als breche das Schiff in mehrere Teile auseinander.

„Wir schaffen es!“ brüllten die Kerle.

Die klatschenden Riemen, das Knarren aus allen Winkeln des Schiffes, das Knirschen der Winsch und das Rauschen des Regens verbanden sich mit dem Geschrei der Männer zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Drei oder vier Fuß weit war die Karavelle nach vorn bewegt worden.

Plötzlich ertönte ein lautes Krachen.

„Die Planken!“ schrie Ruthland.

Die Karavelle holte weit nach Steuerbord über. Gleichzeitig schien sie einen Sprung nach vorn auszuführen. Die Seeleute wurden durcheinandergewirbelt, einige verloren den Halt und schlitterten über die Planken. Das Krachen verstummte, nur das Knurren der Riemen war noch zu hören. Die Karavelle glitt abermals um ein paar Fuß in Richtung des Ankers und schwamm frei.

„Belege Ankertrosse!“ befahl Lefray.

Das Schiff wurde von den Bootsgasen nach Steuerbord gezogen. Der Mast, der sich aufrichten wollte, schwankte wie wild. Der Kapitän schrie einen weiteren Befehl, und die Männer im Boot hörten zu pullen auf.

Die „Ghost“ richtete sich langsam auf, pendelte nach Backbord und nahm dann wieder ihre gewohnte Lage ein, mit leichter Schlagseite nach Steuerbord.

Francis Ruthland atmete auf. Er lehnte sich schwer gegen das Schanzkleid, holte tief Luft und merkte zum erstenmal, daß er vom Gürtel bis in die Stiefelspitzen durchnäßt war.

Er legte die Hände an den Mund und rief seinen Männern zu: „Kommt zurück, holt das Boot wieder an Deck! Die Köche sollen sofort an die Arbeit gehen.“

„Aye, aye, Sir.“

Das Ankertau wurde sorgfältig belegt, das Beiboot verholte zur Jakobsleiter.

Hugh Lefray ließ die Schultern sinken und fragte sich, ob die erschöpften Männer jetzt noch das Schiff aufklaren konnten. Er legte seinen Arm um den Mast und spürte wieder das vertraute Schwanken und Wiegen des Schiffes unter seinen Sohlen.

Langsam ging er auf Ruthland zu, der an Steuerbord stand und schweigend zusah, wie das erste Geschütz nach Backbord zurückgerollt und geschoben wurde.

„Wir haben wieder sicheres Wasser unter dem Kiel“, sagte Lefray. „Pugh, unser Holzwurm, ist schon unter Deck und schaut nach, ob es Schäden gibt.“

„Gut so. Es ging nicht anders. Die Leute werden wohl selbst das Schiff aufklaren können, ohne unsere Anordnungen. In meiner Kammer sind trockene Tücher.“

„Hoffentlich auch ein Schluck Rum“, entgegnete Lefray. Die Spaken wurden verstaut, das Tauwerk knarrte durch die Blöcke, als das Beiboot aufgehievt wurde und triefend über das Schanzkleid schwebte. „Das hat uns gerade noch gefehlt. Du willst doch nicht etwa ankerauf gehen und Killigrew heute nacht noch suchen?“

„Nein.“ Ruthland schüttelte den Kopf. Im schwachen Lichtschein tappten sie über Deck und gelangten in die trockene, helle Kapitänskammer. Ruthland klappte den Deckel einer großen Seekiste hoch, nahm ein paar Tücher heraus und warf eins dem Kumpan zu. „Das ist sinnlos, Hugh. In sieben Stunden ist die Nacht zu Ende. Das bringt nichts. Durstig, hungrig, müde und ein unaufgeklärtes Schiff. Nach Sonnenaufgang gehen wir ankerauf.“

„Ja. Erst mal wieder trocken werden. Der Regen ist reichlich in diesen Breiten.“

Ächzend trocknete sich Francis Ruthland ab, zog sich langsam um und nahm den Becher, halb voll Rum, den Lefray ihm gab. Nach einem langen Schluck wischte er sich über die Lippen und sagte: „Eine verdammte Nacht. Ausgerechnet den einzigen Felsen haben wir uns aus gesucht.“

Mit dem leeren Becher deutete Lefray zum offenen Schott. Pugh enterte den Niedergang auf und grinste voller Erleichterung.

„Sir! Das Schiff schwimmt. Die Planken sind heil.“

„Höre ich gern“, antwortete Ruthland und stopfte das feuchte Tuch in den rechten Stiefel. „Wie der Loskiel aussieht, will ich lieber nicht wissen.“

Der Schiffszimmermann hob die breiten Schultern und erwiderte: „Vielleicht kann morgen einer von uns tauchen. Aber ich habe keine angebrochenen Planken gesehen. Ein paar Pützen voll Seewasser würden der Bilge auch nicht schaden. Die ersoffenen Ratten stinken wie die Pest.“

Wieder nickte der Kapitän. „Damit soll sich die letzte Wache beschäftigen. Sammelt die Kadaver ein und lenzt wieder, wenn es sich lohnt. Heute wird noch so lange aufgeklart, bis die Köche ihren Fraß fertig haben. Hier, nimm einen Schluck Rum, Holzwurm.“

Die Laune Ruthlands schien sich nachhaltig gebessert zu haben. Pugh empfing einen Becher und trank, als wäre der Rum seine Lebensrettung. Auch Lefray hatte seine Stiefel ausgezogen und trocknete sich, auf der Kiste sitzend, die Füße ab.

„Danke, Kapitän. Gut, der Schluck.“

Das Deck war nahezu aufgeklart. Aus der Kombüse drangen dünner Rauch und Essensgerüche. Die Männer begannen ihre Müdigkeit zu spüren. Das letzte Geschütz rumpelte nach Backbord und wurde vertäut. Die meisten Seeleute waren unter Deck im Trockenen, auch aus den Laderäumen erklang Rumpeln.

„Pugh“, sagte Ruthland und leerte den Becher, „du nimmst dir ein paar Leute und verholst die ‚Ghost‘ noch ein paar Fuß näher zum Anker.“

„Aye, Sir“, sagte Pugh. „Sonst noch irgendwelche Maßnahmen?“

„Das müßte reichen. Wenn die Flut steigt, schwojen wir wieder. Wir dürfen nicht auf Legerwall geraten.“

„Wird sofort ausgeführt.“

Pugh bewegte sich mit müden Schritten bugwärts und holte ein paar Männer an die Ankerwinsch. Die Karavelle verholte ein paar Fuß weiter in die Richtung der Felsenwände. Wahrscheinlich würde sie den Bug wieder zum Einlaß drehen, wenn die Flut stieg und das Wasser in den Felskessel zurückkehrte.

Die durchnäßten, erschöpften Kerle warteten nur auf den Ruf der Köche, ein halbes Dutzend lag schon auf den Decken der Koje und schlief. Der Regen schien in dieser Nacht nicht mehr aufzuhören.

Ruthland schob das trockene Hemd hinter den Gürtel und schüttelte den Kopf.

„Morgen geht die Jagd weiter“, sagte er zu Lefray. „Es sind Wind und Regen, die uns den Erfolg verdorben haben.“

„Ärgere dich nicht“, entgegnete Lefray. „Unserem Feind geht es nicht besser als uns.“

Wieder gluckerte Rum in die Mucks.

„Morgen“, es klang wie ein Schwur, „kriegen wir diesen Lumpenhund Killigrew.“

Ruthland setzte sich schwer auf seine Koje, streckte die Beine aus und wartete auf das Essen, während der Regen sein eintöniges Geräusch auf die Planken trommelte.

8.

Als Edwin Carberry an Deck erschien, galt sein erster Blick dem Ufer. Er konnte zwar die Hütten der Fischer und die schmale Boote sehen, aber die Begrenzungen der Bucht waren kaum durch den dünnen Regen zu erkennen. Ein halbes Dutzend Boote, darunter zwei mit dünnen Auslegern, glitten auf die Schebecke zu. Die Fischer pullten ohne Eile und wirkten nicht so, als hätten sie feindliche Absichten.

„Sieh an“, sagte der Profos zu sich selbst, „wir erhalten Besuch.“

Die Mannen der Deckswache waren auf die Eingeborenen längst aufmerksam geworden. Carberry schaute sich an Deck um und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Plymmie sprang auf die Bank, stellte die Ohren auf und starrte wachsam zu den Fischern. Auch die Zwillinge verhielten sich erwartungsvoll.

Die Eingeborenen, die im Bug kauerten oder standen, schwenkten die Paddel und winkten freundlich.

Hasard junior winkte zurück, dann wandte er sich an seinen Bruder und sagte: „Unsere Sprachkenntnisse werden gefordert. Wahrscheinlich haben die Kerle einen ganz anderen Dialekt als die in Surat.“

„Das wenige, das sie uns sagen können, schaffen wir auch mit Händen und Füßen.“

In den Booten lagen Bananenbündel, Kokosnüsse und andere Früchte, die sie schon aus Surat kannten. In einigen Körben aus geflochtenen Blättern zuckten große Fische. Plymmie stieß, als das erste Boot auf den Steuerbordbug zuglitt, ein kurzes Gebell aus, dann drang aus ihrer Kehle ein tiefes Grollen.

Hasard kraulte Plymmie am Nackenfell und sagte: „Still, du Raubtier. Die Fischer sind harmlos.“

„Sie mag keinen Fisch“, sagte Jung Philip.

Carberry trat heran und musterte schweigend die Boote.

„Für ein Bumboot sind die Kähne reichlich klein“, bemerkte er schließlich. Er drehte sich um und winkte Jeff Bowie zu. „Hol Mac an Deck, Jeff. Vielleicht kann er etwas von dem Grünzeug brauchen.“

Die Boote verteilten sich an Backbord und Steuerbord. Die Eingeborenen schnatterten grinsend und hielten ihre Nahrungsmittel in die Höhe.

Hasard junior beugte sich über das Schanzkleid und fragte, mit beiden Händen verschiedene Gesten ausführend: „Ihr anderes Schiff gesehen?“

Seine Gestik war bemerkenswert, aber beim dritten Versuch nickten die Fischer.

„Boot, groß, gestern, dort.“

„Aha. Wo?“

Drei oder vier Eingeborene, die verstanden hatten, was Hasard gefragt hatte – oder wenigstens taten sie so – zeigten nach Osten, zu der gegenüberliegenden Seite des Golfes. Auch sie versteckte sich hinter dem gleichmäßigen, dünnen Regen. Das Meer war still, die Dünung hob und senkte das Schiff. Ein schwacher Wind wehte aus Südwesten.

„Dort. Zweimal Mast“, verstanden die Zwillinge.

Mac Pellew trat ans Steuerbordschanzkleid und stellte sich zwischen Hasard und Philip. Er fragte nicht unfreundlich: „Sehe ich das richtig? Die Eingeborenen wollen uns etwas verkaufen? Was kostet der Kram? Was wollen sie dafür?“

Hasard junior grinste und erwiderte: „Kleine silberne oder goldene Scheiben. Man nennt sie Münzen. Hier heißt das ‚soundso viele Rupien‘, Mac. Tu so, als wären wir am herrlichen Markt in Surat.“

Mac Pellew sagte ihm, was er nach seiner Meinung mit Surat tun könnte, beugte sich aber über das Schanzkleid und zeigte mit dem Finger auf verschiedene Körbe.

„Bloß keinen Fisch, Mac!“ dröhnte Carberrys Stimme.

„Schon gut.“

Die Zwillinge halfen dem Koch, wegen der Bezahlung zu verhandeln. Sie hielten eine Silbermünze hoch. Daraufhin hoben die Eingeborenen Körbe voller Eier in die Höhe, einen Korb Datteln und einige Hühner, die an den Beinen zusammengebunden waren. Schließlich schüttelten sie die Köpfe und riefen unverständliche Worte.

Die erste Ladung Lebensmittel wurde an Bord gehievt, und Mac warf vorsichtig die Münze hinunter. Sie wurde vom Ältesten geschickt aufgefangen. Er biß darauf, polierte sie mit dem Stoff des Hüfttuchs und strahlte.

„Er meint“, erklärte Philip junior grinsend, „daß er sich nicht betrogen fühlt.“

Obwohl es noch einige Zeit dauerte, bis die Ablösung fällig war, tauchte der Erste an Deck auf und knöpfte die Jacke zu.

„Wann ihr Boot gesehen?“ fragte Jung Hasard und überließ das Verhandeln über den Proviant den anderen.

„Gestern“, erfuhr er nach mehreren schwierigen Versuchen. Immerhin gab es ein paar Dutzend Wörter, die sie sich gemerkt hatten, und die Fischer verfügten über spärliche Kenntnisse der Moslemsprache.

„Wirklich? Gestern? Ganz genau gesehen?“ lautete die nächste Frage.

„Weit weg. Zwei Masten. Dorthin.“

„Was habt ihr erfahren?“ wollte Ben Brighton wissen.

Hasard sagte: „Die Eingeborenen haben eine zweimastige Karavelle gesehen. Jedenfalls ein Schiff mit zwei Masten. Es segelte von Norden heran, mußte kreuzen und geriet auch in die Nähe des Ostufers. Nicht sehr nahe, aber die Fischer waren vor dem Regen weit draußen. Dorthin verschwand das Schiff.“

Er zeigte hierhin und dorthin, als er die Auskünfte zusammenfaßte. Der Erste hörte schweigend zu, dachte nach und sagte dann: „Die ‚Zuiderzee‘ und die ‚Ghost‘ sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Kannst du herausfinden, welches der beiden Schiffe unsere braunen Freunde wirklich gesehen haben?“

„Ich kann es versuchen, aber viel verspreche ich mir nicht davon. Du kannst ihnen sicher den Unterschied zwischen einer englischen und holländischen Flagge erklären, vorausgesetzt, Ruthland hat eine Flagge geführt.“

„Was ich zu bezweifeln wage“, erklärte sein Bruder und klopfte Mac Pellew auf die Schulter. „Willst du noch mehr einkaufen? Dann sage ihnen, was du noch haben willst.“

Die Verhandlungen gingen weiter. Frische Brotfladen, Schaffleisch, Weintrauben und getrocknete Trauben, große, bräunliche Pilze und ein Sack Erdnüsse wechselten die Besitzer. Immer wieder hielt einer der Ruderer einen Fisch in die Höhe und schilderte vermutlich den unvergleichlichen Geschmack, aber jedesmal führte Mac nachdrückliche, abwehrende Gesten aus.

Ben Brighton, der jede Geste registrierte und versuchte, zu verstehen, was die Zwillinge und die Fischer radebrechten, erfuhr weitere Einzelheiten.

„Hundertzwanzig Leute wohnen in dem Dörfchen“, erklärte Philip. „Es fahren nicht viele fremde Schiffe in diesen Gewässern, aber ein paar haben die Eingeborenen schon kennengelernt. Sie haben auch den Holländer gesehen. Willem van Stolk segelte weit draußen, später als wir, südwärts.“

„Sie verwechseln die Schiffe nicht?“ fragte Ben.

„Das versuchen wir gerade herauszufinden. Wahrscheinlich ist Ruthland wirklich, etwa gleichzeitig, vorbeigesegelt.“

„Merkwürdig. Wir haben weder ihn noch den Niederländer gesehen“, sagte der Erste.

„Ich erzähle nur, was die Fischer uns gesagt haben. Aber ich frage weiter“, entgegnete Philip.

Mac Pellew suchte sich die besten Leckerbissen aus und opferte insgesamt fünf kleine englische Silbermünzen. Beide Handelspartner schienen hoch zufrieden zu sein. Die Fischer sahen ein, daß sie ihre Fische nicht loswurden, sondern selbst braten mußten. Die Zwillinge gestikulierten und fragten weiter, aber sie erfuhren nichts Wichtiges mehr.

Die Eingeborenen schienen so scharfe Augen wie Dan zu haben. Die Schiffe waren in großer Entfernung gesegelt, und niemand hätte sie gesehen, wenn die Auslegerboote nicht so weit draußen gefischt hätten. Nur zwei der Boote, die gestern weitab der Bucht zum Fischen ausgefahren waren, befanden sich jetzt hier, die anderen Männer waren in ihren Häusern.

„Jedenfalls waren es zwei Karavellen“, sagte Philip schließlich. „Einer davon war Ruthland. Wir suchen also im Süden weiter.“

„Alles, was wir wissen“, schränkte sein Bruder ein, „ist, daß wir nicht wieder zurückzusegeln brauchen. Ich versuche, etwas über das Fahrwasser zu erfahren. Wenn sie das überhaupt wissen.“

Der Lärm scheuchte die Hälfte der Crew an Deck. Die wenigen Neuigkeiten wurden weitergegeben. Falls der Wind nicht bald drehte, würden sie wieder kreuzen müssen.

Blacky und Paddy Rogers schleppten zusammen mit Mac die Körbe und Schalen unter Deck.

Hasard rief ihnen nach: „Die Verpackung ist im Preis inbegriffen. Klar?“

„Verstanden“, antwortete Paddy.

Ben Brighton sagte zu Carberry: „In einer Stunde gehen wir ankerauf und suchen weiter. Befehl vom Kapitän, der nur geweckt werden will, wenn es Schwierigkeiten gibt. Klar, Ed?“

„Aye, Sir. Vorher noch Backen und Banken?“

„Selbstverständlich.“

Die Zwillinge winkten den beiden Booten nach, die gewendet hatten und zum Ufer zurückgepullt wurden. Mehr war nicht zu erfahren. Die Schebecke, das hatten die Eingeborenen deutlich zu erkennen gegeben, war ein seltener Gast in der Bucht. Noch nie hatte ein so großes Schiff hier geankert. Vor den hünenhaften Weißen hatten die Inder nicht die geringste Scheu. Es gab nichts mehr zu verkaufen, also stieß ein Boot nach dem anderen von der Bordwand ab.

Zuletzt das große Auslegerboot, mit dessen Mannschaft die Zwillinge sich am längsten „unterhalten“ hatten.

„Gut Wind wünschen sie“, übersetzte Philip.

„Gut Fischfang“, sagte Carberry.

Er blickte der langgezogenen Reihe der Boote nach und sah, daß der Rauch zwischen den Hütten nicht in die Höhe stieg, sondern schräg abtrieb und wie eine Nebelschicht in Höhe der Baumwipfel über den Uferstreifen verteilt wurde. Jetzt roch es auch an Deck nach frischem Tee.

„Frisches Fladenbrot!“ rief Mac Pellew. „Holt euch das Frühstück, Leute!“

Die Segel waren getrimmt, als die Schebecke ihren Bug nach Südosten gedreht hatte und langsam aus der Bucht glitt.

„Und was jetzt, Ben?“ fragte der Profos. „Wieder einen langen Tag in unbekanntem Gewässer suchen?“

Der Erste nickte nachdenklich und rief ein paar Aufmunterungen in Richtung der Deckswache.

„Hasard gibt nicht eher auf, bis er Ruthland gefunden hat. Das wissen wir alle. Schließlich hat uns kaum einer so übel mitgespielt wie dieser Hundesohn.“

„Meinst du, daß Ruthland vor uns flieht? Oder sucht er genauso wie wir, weil er uns haßt, dieser Affenarsch?“ erkundigte sich der Profos.

„Er haßt uns, insbesondere Hasard“, erwiderte Ben Brighton. „Wenn er einen anderen findet, der ihm hilft, wird er sich mit dem zusammentun. Ihm ist jedes Mittel recht. Genau das wird passieren – denk dran, was ich gesagt habe.“

Die Schebecke hatte rasch Fahrt aufgenommen. Die Segel standen gut. Es regnete noch immer, und es sah nicht so aus, als würde sich das in den nächsten Stunden ändern.

Carberry dachte lange darüber nach und meinte schließlich: „Du hast recht, Ben. Je eher wir den Hundesohn finden und ihm unser Stückmeister seine eisernen Grüße schickt, desto besser. Ich hoffe, daß wir genauer treffen als er.“

„Die Arwenacks schließen sich dieser Hoffnung an“, bestätigte der Erste und holte das Spektiv aus der Rocktasche.

Er zog es auseinander und hob es ans Auge. Irgendwie ahnte er, daß die lange und beschwerliche Suche ohne rechtes Glück noch weiterging.

Der Golf von Cambay war groß. Und voller Gefahren …

ENDE


1.

Dichter Nebel lag über der See, die mehr denn je wie flüssiges Blei wirkte. Kaum eine Welle trübte die spiegelglatte, dunkle Fläche.

Der Wind war eingeschlafen. Schlaff und von der Feuchtigkeit des morgendlichen Dunstes glänzend, hing das Tuch von den Rahen. Irgendwo tropfte Wasser auf die Planken, der Laut hallte dumpf durch die Stille, nur hin und wieder von einem gespenstischen Ächzen und Knarren aus der Takelage begleitet.

Die Sonne schimmerte fahl durch den Dunst, der sich zum Nieselregen verdichtete, die Sicht reichte kaum weiter als siebzig Schritt.

Nach dem dritten Doppelschlag der Schiffsglocke erschien der Kapitän an Deck. Er ging seine Runde, und selbst Hagel und Blitzschlag hätten ihn nicht von dieser Gewohnheit abhalten können.

„Keine Vorkommnisse!“ meldeten die Wachen. Wegen des schlechten Wetters hatte Garcia ihre Zahl verdoppelt.

Der Kapitän herrschte einen der Männer auf dem Achterdeck an: „Du kennst Wind und Wolken besser als jeder andere. Wie lange hält die Flaute an?“

„Ich weiß nicht, Señor Capitán“, antwortete Julián Carmona, der aussah, als habe er die Schwindsucht. Seine von Bartstoppeln übersäte lederartige Haut spannte sich straff über die kantig hervortretenden Wangenknochen. Carmona hatte nie den Ehrgeiz gehabt, mehr als nur Decksmann zu sein.

Ungeduldig klopfte Garcia mit dem Degen gegen seine Stiefel.

„Wir setzen die Boote aus!“ befahl er. „Die ‚Aguila‘ wird in Schlepp genommen.“

„Si, Capitán.“

„Ich erwarte, daß die ‚Aguila‘ in spätestens einer halben Stunde wieder Fahrt läuft. Die Männer sollen pullen, bis sie umfallen.“

„Natürlich, Capitán.“

César Garcia verharrte an der Steuerbordverschanzung. Vergeblich versuchte er, die träge dahintreibenden Nebelschwaden mit seinen Blicken zu durchdringen. Nur wenige Meilen querab erhob sich eine der schönsten Inseln dieses Gebietes. Der schneebedeckte Gipfel des erloschenen Vulkans war bei besserem Wetter weithin zu sehen.

Endlich wurden Stimmen laut, und Männer erschienen auf der Kuhl, um die Boote abzufieren. Garcia haßte die Ruhe an Bord ärger als die Pest, er brauchte stets Bewegung um sich her. Schließlich war die „Aguila“ ein Kriegsschiff Seiner Majestät Philipp III. von Spanien und keine Handelsgaleone, auf der jeder Schlendrian durchging.

Obwohl die Decksleute schnell und präzise arbeiteten, war Garcia überzeugt, daß sie noch nicht ihr Letztes gaben. Er winkte den ersten Offizier zu sich heran.

Juarez Molina, knapp sechs Fuß groß, überragte ihn um Haupteslänge. Sein Stoppelhaarschnitt ließ ihn energisch erscheinen, was sicher keine Fehleinschätzung bedeutete. Als Folge einer Auseinandersetzung mit Negersklaven war seine linke Hand steif, er konnte die Finger nur noch bewegen, wenn er die Rechte zu Hilfe nahm.

„Capitán?“ fragte Molina.

Garcia deutete mit dem Degen zur Kuhl.

„Das geht zu langsam“, sagte er. „Falls uns der englische Bastard entwischt, lasse ich jeden Mann auspeitschen.“

Molinas Haltung versteifte sich. Er nickte knapp und stieg zur Kuhl hinunter. Augenblicke später enterten acht kräftige Kerle in die erste Jolle ab, kaum daß sie ins Wasser abgefiert worden war. Das zweite Boot folgte an Backbord. Die Männer pullten, als gelte es, ihr Leben zu retten.

Die Flaute hielt an. Garcia murmelte eine Reihe wüster Verwünschungen, während sein Blick über die schlaffen Segel wanderte.

Paktierte der Seewolf wirklich mit dem Teufel, wie mancherorts behauptet wurde? Die plötzliche und anhaltende Windstille war ein guter Nährboden für solche Überlegungen.

César Garcia ballte die Hände zu Fäusten, bis die Nägel schmerzhaft ins Fleisch einschnitten.

„Philip Hasard Killigrew“, er sprach den Namen voll Verachtung aus, „nichts wird dir mehr nutzen!“

Mühsam hatte der Capitán alle Informationen zusammengetragen, deren er habhaft werden konnte. Er hatte mit dem gemeinen Volk auf den Inseln gesprochen, mit Fischern, Soldaten und Kauffahrern, und ihre Aussagen füllten einige Dutzend Seiten des Logbuchs. Aber je mehr aufgeschrieben worden war, desto deutlicher traten Irrtümer und falsche Behauptungen hervor. Durchaus glaubwürdige Zeugen behaupteten, Killigrew zur selben Stunde an verschiedenen Orten gesehen zu haben, die Dutzende von Seemeilen voneinander entfernt lagen.

„Und wenn er selbst ein Teufel wäre, ich bringe ihn nach Spanien!“ Wütend stieß César Garcia den Degen in die Scheide zurück.

Die „Aguila“ hatte langsame Fahrt aufgenommen. Von den Jollen gezogen, lief sie wieder Kurs Westsüdwest, parallel zur Küste.

Angeblich diente eine versteckte Bucht den Piraten als Unterschlupf. Sie lag nur noch zwei Seemeilen voraus – eine geradezu lächerliche Entfernung. Garcia kannte inzwischen jeden Strich auf der Karte auswendig, die er vor drei Tagen von einem Kaufmann auf Lanzarote erhalten hatte.

Das heißt, der Kerl hatte sie erst herausgerückt, als Garcias Degen seinem Lebensnerv schon bedrohlich nahe gewesen war. Der Kapitän hatte ihn dennoch nicht geschont, denn ein Spanier, der mit dem Seewolf, paktierte und seine Beute verhökerte, verdiente keine Gnade.

Sieben Glasen.

Der Nebel hielt an und schien lediglich in östlicher Richtung ein wenig aufzureißen. Die Sonne verbreitete einen trüben rötlichen Schein.

„Bootsmann!“ brüllte Garcia. „Lassen Sie die Schlagzahl erhöhen! Ich dulde keine Lahmärsche auf meinem Schiff.“

Der Bootsmann gab den Befehl weiter. Er brüllte noch lauter als der Kapitän.

In den Jollen sagte einer, der Capitán könne ihn kreuzweise. Aber das hörte niemand an Deck. Danach pullten die Männer, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken.

Ein dumpfes Grollen hallte durch den Nebel. Im einen Moment schien es anzuschwellen, im nächsten ebbte es schon wieder ab.

Angespannt lauschte der Kapitän. Zweifellos feuerten in einiger Entfernung Schiffsgeschütze.

César Garcias Hände verkrampften sich um den Handlauf der Balustrade. Er wußte, daß er den Seewolf endlich aufgespürt hatte.

„Capitán …“ Der Erste hastete den Niedergang hinauf.

Garcia winkte heftig ab. Wieder rollte ferner Geschützdonner heran, und diesmal war er deutlicher zu vernehmen.

„Beruhigen Sie sich, Mann!“ herrschte der Kapitän seinen Ersten Offizier an. „Oder gibt es einen triftigen Grund, die Disziplin zu vernachlässigen?“

Juarez Molina nahm Haltung an.

„Nein, Capitán.“

Garcia nickte zufrieden. Vorübergehend taxierte sein Blick den Ersten.

„Ihre Uniform sitzt schlecht“, sagte er tadelnd. „Bringen Sie das in Ordnung, und dann befehlen Sie Gefechtsbereitschaft!“

Wenig später nahmen die Soldaten auf der Kuhl Aufstellung. Ihre Helme und Brustpanzer glänzten wie frisch poliert, jedoch verwischte die Nebelnässe diesen Eindruck schnell. Auf den Brustpanzern war der Schiffsname eingraviert.

„Die Geschütze klarieren!“ befahl Garcia. Er würde alles daransetzen, el Lobo del Mar, den Seewolf, zur Strecke zu bringen.

„Wind!“ hallte in dem Moment ein freudiger Aufschrei über Deck.

Die bis eben noch schlaff hängenden Segel begannen zu schlagen. Aber die Brise reichte nicht, um das Tuch wirklich zu füllen. Es blieb bei einem kurzen Zwischenspiel.

Die fernen Geschütze verstummten. Da der Nebel alle Geräusche verzerrte, war es ohnehin unmöglich gewesen, die genaue Richtung zu bestimmen.

César Garcia begann eine unruhige Wanderung wie ein gefangenes Tier im Käfig. Seine Haltung erinnerte an eine sprungbereite Raubkatze.

„Culverinen auf dem Batteriedeck klar zum Ausrennen! Kanonen und Drehbassen auf den Oberdecks feuerbereit!“ meldeten endlich die Stückmeister.

Der Kapitän starrte wortlos in den Nebel, als könne er die wogenden Schwaden allein durch die Kraft seines Geistes vertreiben. Ein harter Zug lag um seine Mundwinkel.

Wie lange er dastand und die unbewegte Wasserfläche fixierte, vermochte er später nicht zu sagen. Er schreckte erst auf, als ein Ruf aus dem Großmars erklang.

„Der Nebel weicht zurück!“

An Deck war davon noch nichts zu merken, die Suppe war so dicht wie zuvor. Aber dann fegte eine steife Brise aus Süd heran und wirbelte den Dunst durcheinander.

Die Segel killten, bis sie endlich dichtgeholt wurden. Die „Aguila“ nahm Fahrt auf, und diesmal hielt der Wind an. Ausgeprägte Wellen entstanden, vereinzelt wirbelte sogar Gischt über das Schanzkleid.

„Die Boote einholen!“ befahl Garcia. „Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

Der Erste gab den Befehl weiter. Eine der Jollen ging da schon längsseits. Decksleute hatten die Schlepptaue losgeworfen und schlugen die Blöcke an.

Unter Vollzeug durchpflügte die „Aguila“ danach die aufgewühlte See und die letzten verwehenden Dunstschleier. Majestätisch tauchte der Bug des Viermasters in die Wogen ein.

Die mittlerweile hoch stehende Sonne überschüttete das Meer mit einem seltsam hellen, gleißenden Schein. César Garcia erkannte, daß die Wetterbesserung bestenfalls einige Stunden anhalten würde. Anschließend waren Sturm und Regen angesagt.

An Steuerbord zeichnete sich die Küstenlinie ab. Üppige Vegetation, aber auch nackte, schroffe Felsen bestimmten das Bild. Das nächste Fischerdorf lag weit entfernt.

„Rauchschwaden voraus!“ erklang es aus dem Großmars. „Ungefähr zwei Meilen.“

Vergeblich blickte Garcia in die angegebene Richtung. Sogar das Spektiv erwies sich als wenig hilfreich, denn die grellen Sonnenreflexe blendeten. Offenbar hatte der Ausguck den besseren Blickwinkel.

„Zwei Schiffe! Eins brennt …“

… und das andere gehört Killigrew! fügte der Capitán in Gedanken hinzu.

„Lange genug haben wir auf diesen Augenblick gewartet.“ Juarez Molina trat neben Garcia an die Balustrade. „Spanien wird uns ehren, wenn wir den Bastard besiegen.“

„Wenn?“ wiederholte der Kapitän ungläubig. „Zweifeln Sie etwa daran?“

„Natürlich nicht, Capitán.“ Die Antwort erfolgte eine Spur zu schnell und offenbarte Molinas wachsende Erregung.

Endlich wurden auch von Deck aus Einzelheiten erkennbar.

Zwei Schiffe lagen nebeneinander. Das eine war eine kleine, dickbauchige Karavelle, zweifellos ein Kauffahrer. Von seiner Back stieg dunkler, schwerer Qualm auf, der darauf schließen ließ, daß es der Mannschaft gelungen war, den Brandherd einzudämmen.

Bei dem anderen Schiff handelte es sich um eine dreimastige Galeone. César Garcia spürte Enttäuschung. Nach allem, was über den Seewolf gemunkelt wurde, hatte er ein besonderes Schiff erwartet: schnell, wuchtig und mit riesiger Segelfläche. Aber das einzige, was die Galeone auszeichnete, war das fast schwarze Tuch an den Rahen.

„Die haben uns noch nicht gesehen“, sagte Molina.

„Oder sie glauben, uns ignorieren zu können“, erwiderte der Kapitän.

Die „Aguila“ segelte hart am Wind. César Garcias Taktik war klar und den Umständen angemessen. Er suchte ein Passiergefecht und würde demzufolge erst dicht vor dem Gegner den Befehl zum Abfallen geben, ihn mit einer vollen Backbordbreitseite eindecken und nach einer anschließenden Halse die Geschütze an Steuerbord sprechen lassen.

„Klarschiff zum Gefecht!“

Die letzten Sandeimer wurden ausgeleert und mit Seewasser zum Abkühlen der Geschütze gefüllt. Zwischen jeweils zwei Kanonen stand ein Becken voll glühender Holzkohlen, die Luntenstöcke lagen griffbereit. Im Schweiße ihres Angesichts schleppten die Schiffsjungen Kugeln und Pulverfässer an Deck.

Noch eine halbe Meile.

Der Kapitän schob das Spektiv zusammen und steckte es unter sein Hemd. Was es zu sehen gab, konnte er mittlerweile mit bloßem Auge erkennen. Auf dem Piratenschiff entfalteten sich die ersten der im Gei hängenden Segel.

„Er versucht zu fliehen“, sagte Molina ungläubig.

„Killigrew will Zeit gewinnen“, widersprach Garcia. „Nur unter Segeln kann er seine bessere Manövrierfähigkeit ausnutzen. Anderenfalls ist er uns unterlegen.“

Wie ein Racheengel hielt die „Aguila“ auf die Galeone mit den schwarzen Segeln zu.

César Garcia stemmte sich gegen die Balustrade, die ihm fast bis zur Brust reichte.

„Sobald wir in, Reichweite sind, ohne Befehl feuern!“ rief er.

„Si, Capitán!“ hallte es mehrstimmig über Deck.

Die Geschütze wurden gemeinsam ausgerannt. Der Kapitän duldete keine Unregelmäßigkeit und ließ solche Manöver üben, bis sie jedem an Bord in Fleisch und Blut übergingen.

Inzwischen lösten sich die Piraten von ihrer Beute. Mit erstaunlicher Schnelligkeit drehte die Galeone, bis der Wind achterlich einfiel. Der englische Bastard gewann eine Position, in der er sich durch schnelles Anluven einer Breitseite des Angreifers entziehen konnte und ihm nur das schmale Heck darbot. Ob er allerdings in der Lage war, höher an den Wind zu gehen, mußte sich erst herausstellen.

Noch war die „Aguila“ nicht bis auf Kernschußweite für die Culverinen heran, die bei rund 270 Schritten lag, als sich die Backbordgeschütze des Piraten in einer wahren Feuerorgie entluden. Das Donnern der Pulverexplosionen vermischte sich mit einem anhaltenden Splittern, Krachen und Bersten, als auf der Karavelle Masten und Spieren stürzten und an Deck unübersehbare Schäden anrichteten.

Weitere Geschosse hämmerten aus allernächster Nähe in den Rumpf. Planken und Balken wurden zerfetzt und durch die Luft gewirbelt. Innerhalb von Augenblicken klaffte die Flanke der Karavelle vom Bug bis zum Heck auf, und die See ergoß sich schäumend in die Lecks.

César Garcia ballte die Hände zu Fäusten. Er, dem ein Menschenleben wenig bedeutete, reagierte betroffen. Die Piraten mordeten und vernichteten blindwütig. Hofften sie, die Verfolger würden sich dadurch aufhalten lassen, daß sie nach Überlebenden der sinkenden Karavelle suchten?

Ein lauter werdendes Ächzen und Knarren hallte über die See. Der Kauffahrer hatte schwere Schlagseite. Einige Überlebende, die sich an den Maststümpfen festgeklammert hatten, klatschten ins Wasser. Ihre Schreie waren bis zur „Aguila“ zu vernehmen.

„Das war unnötig“, sagte Juarez Molina neben dem Kapitän. „Die Engländer sind Bestien, jeder von ihnen verdient den Strick.“

Die Karavelle bäumte sich auf, ruckartig sackte das Heck ab, während der Bug aus dem Wasser stieg. Für eine Weile verharrte sie so, dem unvermeidlichen Ende trotzend, dann setzte eine schneller werdende Drehbewegung ein, ein Sog, der das Schiff und alles in seiner Nähe unerbittlich in die Tiefe zog.

Die Männer auf der „Aguila“ hielten den Atem an. Augenblicke später waren nur noch die Toppen und aufschwimmende Segelfetzen zu sehen. Bevor sich das Meer wieder glättete, kehrte die Stille zurück.

„Kurs halten!“ befahl der Kapitän.

Knapp 400 Schritte hinter dem Piratenschiff zog die „Aguila“ vorbei. Ein erwartungsvoller Zug hatte sich um Garcias Mundwinkel eingegraben. Er dachte nicht daran, nach eventuellen Überlebenden Ausschau zu halten – dafür war später Zeit, sobald er Killigrew zur Strecke gebracht hatte. Außerdem lag die Küste verhältnismäßig nahe. Und was zählen schon ein oder zwei Menschenleben, wenn es darum ging, weitere Schiffsbesatzungen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren?

Garcias Entscheidung, Höhe zu gewinnen, nahm den Piraten die Möglichkeit, anzuluven. Wenn sie fliehen wollten, blieb ihnen nur die Wahl, vor den Wind zu gehen, und auf einem solchen Kurs war das spanische Kriegsschiff überlegen.

„Wieviel Zeit brauchen die Bastarde, um ihre Geschütze nachzuladen?“ fragte der Kapitän.

Molina zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nicht“, sagte er. „Mit unseren Leuten können sie sich bestimmt nicht messen.“

Mittlerweile segelte die „Aguila“ gut dreihundert Schritte südlicher als die Piraten.

„Abfallen!“ befahl Garcia.

Die Schoten wurden gefiert. Mit vollen Segeln schwenkte der Viermaster herum.

„Setzt die Blinde!“

Die Distanz zu den Verfolgern schrumpfte sichtlich. Juarez Molina folgte dem Kapitän an die Steuerbordverschanzung. Garcia warf einen flüchtigen Blick durch sein Spektiv und reichte es an den Ersten weiter.

„Killigrew hat zu wenig Leute“, sagte er spöttisch. „Sie sind jetzt noch dabei, die Geschütze auszuwischen und neue Ladungen zu setzen.“ Er hob die rechte Hand und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. „Wie eine Laus werde ich den Bastard zerquetschen.“

Die Galeone mit den schwarzen Segeln wechselte auf den anderen Bug. Der Engländer wollte Zeit gewinnen, bis seine halbe Batterie an Backbord wieder klar war. Erst ein einziges Rohr ragte unmittelbar über der Wasserlinie aus der Pforte. Ein zweites Geschütz wurde soeben ausgerannt.

„Lächerlich“, schnaubte Garcia. „Auf die Weise lasse ich mich nicht in die Leeposition drängen.“

Die „Aguila“ verwandelte sich in eine Tod und Verderben speiende Festung. Nacheinander entluden sich die zwölf Culverinen unter Deck und die vier Kanonen auf der Kuhl. Die unmittelbar aufeinanderfolgenden Detonationen wurden zu einem einzigen ohrenbetäubenden Donnerschlag. Das Schiff ächzte und stöhnte in seinen Verbänden und krängte weit nach Backbord. Pulverdampf verschleierte die Sicht.

„Ruder hart Steuerbord!“

Die Segel schlugen und flappten, weil sie nicht schnell genug herumgeholt werden konnten. Aber innerhalb kürzester Zeit stand das Tuch wieder so prall wie zuvor.

Noch wurde das Feuer nicht erwidert.

„Auf was wartet der Kerl?“ blaffte Garcia. „Bis wir nahe genug heran sind?“

„Vermutlich“, sagte Molina.

Wie viele Treffer die Galeone abgekriegt hatte, ließ sich nicht feststellen. Die Großrah war zersplittert, das Segel hing halb außenbords, und einige Männer schickten sich an, das Gewirr aus Tuch und Tauen zu kappen.

Ohne Großsegel hatte Killigrew keine Chance mehr, den Verfolgern davonzulaufen.

Garcia triumphierte.

„Backbordbatterie klar zum Feuern! Haltet auf die Geschützpforten!“

Die „Aguila“ bereitete ihrem Namen alle Ehre. Sie erinnerte tatsächlich an einen Adler, der schnell und zielstrebig sein Opfer angriff.

César Garcia kaute auf seiner Unterlippe – ein deutliches Zeichen seiner inneren Erregung. Aufmerksam blickte er zu der Galeone hinüber. Die Engländer lauerten ebenso wie seine Leute auf den günstigsten Moment.

„Capitán …?“ fragte der Erste Offizier.

Garcia hielt ihn mit einer knappen Handbewegung hin. Die Anspannung wurde fast körperlich spürbar. Niemand sagte ein Wort. Das Raunen des Windes in der Takelage und das Stampfen des Schiffes blieben die einzigen Geräusche.

Noch zweihundert Schritte Distanz.

Einhundertfünfzig.

César Garcia nickte knapp, Molina winkte befehlend zur Kuhl, und der Bootsmann gab den Feuerbefehl.

Die „Aguila“ schien auseinanderbrechen zu wollen, so heftig war die erneute Breitseite. Weit holte der Viermaster über, als ein Feuerball in Lee entlangzuckte. Das Dröhnen der Explosionen vermischte sich mit dem Splittern und Bersten der Einschläge und dem Abschuß der gegnerischen Kanonen zu einem schier ohrenbetäubenden Inferno, in dem menschliche Stimmen bedeutungslos wurden.

Kein halbwegs erfahrener Stückmeister konnte auf die geringe Entfernung danebenschießen.

Fast auf der Höhe des Großmastes zerspellte das Schanzkleid der „Aguila“. Die herumwirbelnden Splitter trafen einige Decksleute, die schreiend zu Boden gingen. Das Geschoß fegte über die Kuhl und hinterließ sogar noch an Steuerbord ein beachtliches Loch.

Die Blinde wurde zusammen mit dem größten Teil des Bugspriets regelrecht abrasiert. Weitere Einschläge erfolgten auf dem Viermaster jedoch nicht.

„Die Geschütze neu laden! Geit auf das Großsegel!“

Garcia durfte es sich erlauben, Segelfläche wegzunehmen. Abgesehen davon, daß die „Aguila“ danach immer noch schnell genug war, hatte die Breitseite auf dem Piratenschiff eine unübersehbare Spur der Verwüstung hinterlassen. Ausgezackte, geschwärzte Löcher gähnten an der Stelle von drei Stückpforten, in zwei anderen hatten sich die Geschütze verkeilt.

„Klar zum Entern!“

In spitzem Winkel lief die „Aguila“ auf die Galeone zu. Die Drehbassen auf Back und Achterdeck jagten ihre tödlichen Geschosse zwischen die Piraten. Bei knapp fünfzig Schritten Distanz sprachen noch einmal die Culverinen des Batteriedecks.

Ihre Wirkung war verheerend, die Galeone wurde abgetakelt und endgültig zum Wrack geschossen. An Bord entstand heillose Verwirrung, als die Segelfetzen wie Leichentücher niedersanken und sich stehendes und laufendes Gut zu einem unentwirrbaren Durcheinander verknoteten.

„Ich will den Seewolf lebend!“ brüllte César Garcia aus Leibeskräften, als die erste Reihe seiner Soldaten die Musketen abfeuerten und die zweite Reihe ans Schanzkleid trat.

Krachend schrammten die Schiffsrümpfe aneinander. Auf der kleineren Galeone brachen Rüsten und Berghölzer.

Der Kampf Mann gegen Mann, mit unbarmherziger Härte geführt, begann. Mit Schiffshauern, Degen und Äxten drangen Soldaten und Piraten aufeinander ein, wobei die Spanier von vornherein in der Überzahl waren.

Musketen und Arkebusen waren in dem Getümmel noch als Schlagwaffen zu gebrauchen, und einzig Pistolenschüsse krachten hin und wieder. Aber keiner der Schützen fand Gelegenheit zum Nachladen.

César Garcia und Juarez Molina verfolgten das Gemetzel vom Achterdeck des Viermasters aus. Auf der Piratengaleone wurde es eng. Die Soldaten drangen unnachgiebig auf die Engländer ein, ihre Helme und die leichten Panzer verliehen ihnen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Immer öfter mischten sich die Schreie Verwundeter in das Klirren der Blankwaffen.

Urplötzlich riß Molina seine Pistole aus dem Gürtel, spannte in derselben fließenden Bewegung den Hahn und drückte ab. Ein Engländer, der sich hinter dem Capitán über die Brüstung schwingen wollte, warf die Arme in die Höhe und kippte zurück. Sein Cutlass klirrte an Deck.

Mehrere Piraten versuchten, den Spaniern auf dem Umweg über die „Aguila“ in den Rücken zu fallen. Enterhaken verfingen sich in der Takelage, verwegene Kerle schwangen sich auf das Kriegsschiff.

Garcia zog ebenfalls seine Pistole und schoß. Die Kugel ließ einen weiteren Gegner in die Tiefe stürzen.

Aber dann waren zwei Engländer heran. Mit Cutlassen drangen sie auf den Capitán und seinen Ersten Offizier ein. Molina entging der gegen ihn geführten Klinge nur durch einen blitzschnellen Sprung zur Seite. Als der Pirat ins Leere stürmte, setzte er nach und bedrängte ihn mit wuchtigen Degenhieben.

Garcia hatte weniger Glück. Sein Degen brach bei der ersten Parade. Fluchend schleuderte er dem Angreifer den Rest der Klinge entgegen, aber der Engländer, ein hochgewachsener, breitschultriger Bursche, lachte nur.

Sein Entermesser zuckte vor, verfehlte den Capitán jedoch, weil er sich überraschend herumwarf. Der nächste Hieb riß Splitter aus der Verschanzung, doch da hatte Garcia schon den auf den Planken liegenden Cutlass an sich gebracht. Der Kapitän führte die breite Klinge mit beiden Händen und legte seinen ganzen Haß in die Hiebe.

Sein Gegner verstand sich aufs Kämpfen und war gewiß kein einfacher Seemann. Garcia begann zu begreifen, daß er dem Seewolf gegenüberstand – die Beschreibungen, die er über diesen Mann erhalten hatte, stimmten ziemlich genau.

„Bastard!“ stieß er auf englisch hervor. „Hurensohn! Diesmal geht es dir an den Kragen.“

2.

Achteinhalb Monate später und mehr als elftausend Seemeilen von den Kanaren entfernt.

Die Schebecke des Seewolfs kämpfte gegen eine stürmische See, sintflutartige Regenfälle und widrige Monsunwinde an. Selbst die Männer der Freiwache konnten nur davon träumen, in ihren Kojen zu liegen und die vermeintliche Ruhe unter Deck zu genießen.

Eine dampfende Schwüle herrschte. Die Luft war von Feuchtigkeit gesättigt, überall schlug sich die Nässe nieder. Vor allem an den eisernen Beschlägen, zeitweise aber auch an den Planken, kondensierte das Wasser.

Gleich nach dem Ankerlichten winkte Al Conroy die Zwillinge zu sich, die noch den eingeborenen Händlern nachblickten. Von unguten Ahnungen geplagt, forderte der Stückmeister beide auf, ihm bei den Geschützen zu helfen.

Die Culverinen waren seit dem Beginn der Suche nach der „Ghost“ geladen und feuerbereit. Vom Füllen der Zündlöcher abgesehen, mußten lediglich die wasserdichten Planen abgenommen und die Rohre ausgerannt werden. Die Persennings schützten zwar vor dem Regen, der zeitweise wie ein dichter Vorhang niederprasselte, aber nicht vor der unangenehmen Nässe, die durch alle Ritzen kroch.

Al Conroy löste die Plane der nächstbesten Culverine. Die Zwillinge sollten das schwere Tuch so anheben, daß er bequem darunter hantieren konnte und genügend Helligkeit hatte, die Kanone aber trotzdem im Trockenen blieb.

„Culverine müßte man sein“, sagte Philip junior seufzend, als ihm ein Schwall Wasser in den Nacken schoß.

„Was hast du gesagt?“ fragte der Stückmeister, der unter der Persenning offenbar wenig verstand.

Hasard junior grinste spöttisch. „Vergiß deinen Ärger!“ forderte er seinen Bruder auf. „Für Al sind die Geschütze wie seine eigenen Kinder.“

Der Stückmeister hantierte bereits im Lauf der Culverine. Als er flüchtig aufsah, hielten sich in seinem Gesicht Überraschung und Erbitterung die Waage.

„Was gibt es zu meckern?“ fragte er.

„Nichts“, sagte Hasard. „Absolut gar nichts.“

Die Zwillinge achteten nicht darauf, daß sich in einigen Vertiefungen der Persenning Wasser sammelte.

„Zieht die Plane gefälligst straff!“ schimpfte Al. „Oder glaubt ihr, ich will den Guß im Rohr haben? Da drin hat sich ohnehin zuviel Feuchtigkeit niedergeschlagen.“

Schimpfend hantierte er mit dem Zieher, dessen spiralförmig gebogenes Ende üblicherweise dazu diente, die verbrannten Teile der Kartusche aus dem Rohr zu holen. Jetzt brachte der Stückmeister damit allerdings die aufgeweichten Teile der Dämmung zum Vorschein. Der Wergpfropfen war klitschnaß zum Auswinden.

„Eine schöne Bescherung. Unter diesen Umständen dürfen wir uns auf kein Gefecht einlassen.“

„Ich höre immer Gefecht“, sagte Philip spitz. „Weit und breit ist nichts von dem Halunken Ruthland und seiner Karavelle zu sehen.“

„Außerdem hat er wohl mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen“, sagte Hasard.

Al Conroy hörte nicht zu. Schimpfend und fluchend mühte er sich ab, die Kugel aus dem Rohr zu holen. Das siebzehneinhalb Pfund schwere Geschoß krachte zwischen seinen Füßen auf die Planken und rollte polternd davon, der Krängung des Schiffes folgend.

Der Wergpfropfen hatte zwar die meiste Nässe aufgesogen, trotzdem war auch die Kartusche zäh. Al wog das Leinwandsäckchen abschätzend in Händen.

„Ein verdammter Mist ist das. Wenn das Pulver ebenso klamm ist, brennt es bestenfalls mit einer Stichflamme ab, und die Kugel fliegt dann vielleicht zehn Yards weit. Genausogut könnten wir uns gegenseitig mit Schlick bewerfen.“

Der Vergleich hinkte gewaltig. Die Zwillinge mußten sich ein Lachen verbeißen. Aber schließlich trug der Stückmeister für Waffen und Armierung die Verantwortung, und sein Ärger war verständlich.

„Wir müssen jede Culverine entladen und die Rohre trocknen“, sagte er. „Neue Ladungen setzen dürfen wir erst, wenn das Wetter umschlägt.“

„Glaubst du daran?“ fragte Philip ahnungsvoll.

Sein Zwillingsbruder zuckte mit den Schultern. Die Bewegung genügte, einen weiteren Schwall Wasser aus der Persenning überschwappen zu lassen. Al Conroy geriet sozusagen vom Regen in die Traufe, als der warme Guß über ihm zusammenschlug. Aber er war ohnehin längst bis auf die Haut durchnäßt.

„Holt Werg und Tücher! Wäre doch gelacht, wenn wir die Artillerie nicht trocknen könnten.“

„Aye, Sir!“ Die Zwillinge beeilten sich, unter Deck zu gelangen. Sogar über die Stufen des Niedergangs rann das Wasser. Die Luken waren inzwischen von der Freiwache verschalkt worden.

Das Werg lagerte neben der Pulverkammer. Ein Teil war lose angehäuft, der Rest noch in Säcken verpackt.

„Ich kann mir nicht helfen“, sagte Hasard, „aber das Zeug fühlt sich ebenfalls klamm an.“

„Du triefst vor Nässe, Bruderherz“, erwiderte Philip. „Das wird es sein.“

„Lästermaul! Da, sieh dir die Türbeschläge an!“

Philip folgte dem Blick des Bruders. Tatsächlich waren die Eisenbeschläge feucht, das wurde jedoch erst richtig deutlich, als er mit den Fingern darüberwischte.

„Eine schöne Bescherung. Falls das Regenwetter anhält, wachsen uns in einigen Tagen Schwimmhäute.“

Hasard junior antwortete nicht. Er nahm die Tranfunzel vom Haken und stellte sie vor die dicke Glasscheibe, die in die Wand zur Pulverkammer eingelassen war. Mit der Lampe den Nebenraum zu betreten, wäre zu gefährlich gewesen.

Der fahle, flackernde Lichtschein reichte aus, ihn die Situation erkennen zu lassen. Die Eisenkugeln glänzten feucht, in winzigen Tropfen rann das Wasser an ihnen entlang und sammelte sich auf dem Boden.

Das Pulver in den Fässern war einigermaßen gut vor der Feuchtigkeit geschützt, aber die Leinenkartuschen waren zäh.

„Das darf doch nicht wahr sein.“ Philip junior stöhnte unterdrückt und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Einen solchen Mist habe ich noch nicht erlebt. Wenn Al das sieht, gibt es ein Riesendonnerwetter.“

„Wir müssen für bessere Durchlüftung sorgen.“

„Und noch mehr feuchte Luft nach unten lassen? Ich bin froh, daß die Luken inzwischen verschalkt sind.“

„Dann gibt es nur eins: Der Kutscher soll eine Extraration Rum austeilen. Wir brauchen leere Buddeln, damit Ferris Höllenflaschen basteln kann.“

„Woher nimmt er das trockene Pulver?“

„Aus den Fässern.“ Hasard junior versuchte ein zuversichtliches Grinsen, was ihm aber nur leidlich gelang. „Für ein Fläschchen braucht er immerhin nicht die zwölf Pfund wie für eine Culverine. Und versuche mal, bei dem anhaltenden Wolkenbruch Pulver aus einem Faß trocken ins Rohr zu schaufeln.“

Bis weit in den Nachmittag hinein schüttete es wie aus Kübeln. Der Wind sprang mehrfach um, und allmählich breitete sich an Bord der Schebecke eine Art Weltuntergangsstimmung aus. Die schlechte Sicht und der hohe Seegang allein wären noch zu ertragen gewesen, aber die schwülwarme Nässe zehrte an den Nerven.

Ein einziges Mal schien die dichte, tiefhängende Wolkendecke aufzureißen. Vorübergehend wurde ein Stück strahlend blauen Himmels sichtbar und huschten irrlichternde Strahlenfinger über die aufgewühlte, von Gischt gekrönte See, aber dann schob sich erneut die dräuende Schwärze vor die Sonne und breitete Düsternis aus.

Das Stück Küste, das an Backbord kurz zu erkennen gewesen war, versank wieder im Dunst.

Eine Positionsbestimmung war unmöglich, auch die Karten waren nutzlos. Die Schebecke segelte irgendwo im Golf von Cambay nach Süden – wahrscheinlich noch nördlich des Tapti, denn dessen Mündungsgebiet hatte bislang niemand bemerkt. Wegen den enormen Schlammassen, die der Fluß derzeit mit sich führte, mußte die Verfärbung des Wassers selbst Meilen vor der Küste gut zu erkennen sein.

Irgendwo in der Nähe segelte die „Ghost“, das hatten zumindest die Aussagen der einheimischen Fischer und Händler ergeben. Die Karavelle lag ebenfalls auf Südkurs.

„Wenn ich diesen Halunken Ruthland und seinen glotzäugigen Spießgesellen Lefray zwischen die Finger kriege, geht es beiden dreckig“, sagte Edwin Carberry grollend.

In Surat, der Stadt am Unterlauf des Tapti, durften sie sich nicht mehr blicken lassen, geschweige denn versuchen, Handelsbeziehungen zu knüpfen. Dafür hatten die Kerle von der „Ghost“ mit Nachdruck gesorgt. Ihnen hatten es die Arwenacks zu verdanken, daß sie fast hingerichtet worden wären. Wahrscheinlich kein Wunder, daß sie auf ihre Landsleute auf der Karavelle nicht gut zu sprechen waren.

Die Sichtweite schwankte zwischen zweihundert Yards bis zu einer halben Seemeile. Das Meer dampfte.

Trotz des Wetters harrte Dan O’Flynn in der Tonne am Großmast aus und hielt Ausguck.

„Auf die Weise spare ich mir das wöchentliche Bad im Zuber“, hatte er grinsend behauptet, und tatsächlich stand er ohne Hemd da oben und genoß den warmen Regen.

Die Männer an Deck behaupteten spöttisch, daß er sich darüber hinaus auch seiner Hose entledigt hätte. Ihre anzüglichen Bemerkungen, wenn hin und wieder ein Schwall Wasser aus der Tonne schwappte, hörte Dan zum Glück nicht.

Gegen vier Uhr nachmittags sprang der Wind erneut um. Die Schebecke geriet in eine tückische Kreuzsee, das Schiff tanzte auf den Wogen und holte weit über. Alle Hände wurden gebraucht, um einen sicheren Kurs zu segeln. Da der Regen zugleich noch heftiger prasselte, hörte niemand Dan O’Flynns Rufen.

Eine Viertelstunde später drehte der Wind wieder auf Nord. Die Gefahr, auf Legerwall zu geraten, schien damit gebannt.

„Deck!“ brüllte Dan aus Leibeskräften. „Schiff voraus!“

Diesmal hörten ihn die Männer. Dan deutete vorlich nach Steuerbord. Aber weder der Seewolf noch Don Juan de Alcazar, die vom Achterdeck aus mit ihren Spektiven die nahe Kimm absuchten, sahen den vagen Schatten, der höchstens eineinhalb Meilen voraus auf Parallelkurs segelte. In einer unmißverständlichen Geste breitete Hasard die Arme aus.

Dan blickte wieder durch den Kieker. Das unregelmäßige Stampfen und Schlingern des Schiffes erschwerte die Suche nach dem ohnehin nur schemenhaft erkennbaren Gegner. Dan O’Flynn fürchtete schon, die Karavelle verloren zu haben, da tauchte sie näher an Steuerbord aus den Regenschleiern.

Der Regen lief auch über die Linse und ließ die Vergrößerung schlierenhaft verzerrt erscheinen. Breitbeinig, die Ellenbogen auf den Rand der Tonne aufgestützt, fixierte Dan das fremde Objekt lange, bis er endlich sicher war, tatsächlich einen Zweimaster vor sich zu haben. Für eine Weile hatte er auch ein Fischerboot in Erwägung gezogen, das so weit draußen gegen Wind und Wellen ankämpfte. Offenbar hatte Ruthland das Großsegel wegnehmen lassen.

„Es ist eine Karavelle!“ brüllte Dan nach unten. „Sie fällt zurück!“

Der Seewolf verstand. Nacheinander ließ er Großsegel und Besan ins Gei hängen. Die Karavelle segelte inzwischen querab. Dan glaubte nicht, daß dort schon jemand auf die Schebecke aufmerksam geworden war.

Aber vielleicht handelte es sich auch nur um die „Zuiderzee“, die bei ihrer ersten Begegnung im Nebel einige Schäden davongetragen hatte. Kapitän van Stolk, der für die Vereenigte Oast-Indische Compagnie unterwegs war, törnte ebenfalls südwärts.

Im spitzen Winkel näherte sich die Schebecke dem anderen Schiff. Nachdem endlich auch von Deck aus die erste Sichtung erfolgte, enterte Dan O’Flynn aus der Tonne am Großmast ab. Einige spitze Bemerkungen galten seinem Hosengürtel, der locker um die Hüfte hing.

„Ruthland kann mich ebenfalls kreuzweise“, sagte der Profos. „Aber deshalb halte ich meinen Hintern nicht vorher in den Regen.“

„Sehr richtig“, pflichtete Big Old Shane bei. „Das hat der Affenarsch nicht verdient.“ Die Doppeldeutigkeit seiner Worte wurde ihm erst bewußt, als es schon zu spät war. Des Profos’ Faust zuckte auf ihn zu und packte ihn am Hemd.

„Was war das eben?“

Shane kratzte sein mächtiges graues Bartgestrüpp.

„Nichts von Bedeutung, Sir.“

„Aha“, sagte Carberry. Daß Old Shane ihn mit „Sir“ anredete, bestätigte sein schlechtes Gewissen.

„Hm“, murmelte Shane.

„Was heißt ‚hm‘?“

„Genausoviel wie ‚aha‘.“

Carberry legte sein Narbengesicht in Falten. Nach einer verräterischen Regung forschend, musterte er sein Gegenüber. Er hielt Shane noch immer am Hemdaufschlag fest und bohrte ihm nun zusätzlich den Zeigefinger der linken Hand zwischen die Rippen.

„Hör mal, du Seepferdchenhufschmied, deine Bemerkungen untergraben die Autorität einer hochgestellten …“

„Ruthland?“

„Quatsch. Die Autorität meiner Person.“

Daß der Profos ihn schon wieder mit dem Finger anbohrte, schien den Riesen in keiner Weise zu stören.

„Sag nicht Ruthland, wenn du mich meinst“, schnaubte der Profos.

„Ich habe vorhin nicht Ruthland gesagt …“

„Aber du hast mich gemeint.“

„… ich habe Affenarsch gesagt.“

„Ein Aal kann sich nicht schlimmer winden als du, Shane. Versuche nicht, mich im Kopf zu verwirren.“

„Ich brauche das nicht zu versuchen …“ Big Old Shane biß sich auf die Zunge.

Wahrscheinlich hätten sich der Profos und er hoffnungslos in ihr Wortgeplänkel verstrickt, wäre nicht Dan O’Flynns Ausruf erklungen: „Die Karavelle führt keine Flagge. Jede Wette, das ist die ‚Ghost‘!“

„Na, dann wollen wir den Rübenschweinen mal kräftig unsere Meinung sagen, was, wie?“ Carberry entließ Shane endlich aus seinem Griff. „Alle Mann auf Gefechtsposition!“ brüllte er.

Der Regen war fürchterlich. Wie mit Culverinen, über denen Persennings festgezurrt waren, eine Breitseite abgefeuert werden sollte, wußte selbst Al Conroy nicht. Ein wenig hilflos stand er an Steuerbord und tätschelte eins seiner Geschütze. Die Sachen klebten ihm am Körper, das Haar hing ihm in triefenden, wirren Strähnen ins Gesicht.

„He, Al, Mister Conroy, zieh kein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter!“ röhrte der Profos. „Bewegung, wenn ich bitten darf! Oder wartest du auf bessere Zeiten?“

„Du hättest dich nicht mit Shane anlegen sollen.“

„Was hat Shane mit deinen Culverinen zu tun?“

„Wenig – außer, daß er mit einem Langbogen selbst beim miesesten Wetter auf hundert Schritte ein Segel trifft.“

„Das solltest du auch versuchen.“ Carberry wischte sich mit dem Ärmel die Nässe aus dem Gesicht – ein vergebliches Unterfangen. „Scheißwetter!“ schimpfte er.

Inzwischen waren die Kerle auf der „Ghost“ auf die Verfolger aufmerksam geworden. Sie fielen nach Steuerbord ab, konnten aber nicht verhindern, daß die Schebecke weiter aufschloß. Als die Sinnlosigkeit des Kurswechsels offenbar wurde, ließ Ruthland wieder sämtliches Tuch setzen.

„Die haben die Hosen jetzt schon voll!“ schrie Old Donegal Daniel O’Flynn.

Auf zweihundertfünfzig Schritte Distanz waren trotz der schlechten Sicht Einzelheiten zu erkennen. Auf dem Achterdeck der Karavelle schienen Ruthland und Lefray zu Salzsäulen erstarrt zu sein. Unverwandt starrten sie durch ihre Spektive.

Carberry trat ans Schanzkleid und winkte mit der Faust. Er setzte ein ziemlich wüstes Gesicht auf, das jedem, der ihn nicht kannte, das Herz in die Hosen rutschen ließ.

„Freut mich wirklich, euch zu sehen“, murmelte er. „Freut mich sogar ganz außerordentlich, ihr verdammten Affenärsche.“

Auf der Karavelle wurden die Geschütze ausgerannt.

„He, Mister Conroy, wartest du, bis auf deinen Culverinen Blumen sprießen? Dieser lausige Affe Ruthland läßt auf uns schießen und du stehst rum und starrst Löcher in die Luft.“

Al Conroy starrte nicht in die Luft, er blickte vielmehr zum achteren Niedergang, wo jeden Moment die Zwillinge erscheinen mußten, die er zum Munition holen geschickt hatte. Erst als Philips Haarschopf in der Öffnung auftauchte, riß er mit einem Ruck die Plane von einem Geschütz.

Der Regen prasselte unaufhörlich. Im Nu stand das Wasser auf dem Bronzerohr.

Philip hatte sich ein trockenes Hemd übergezogen und barg darunter, zusätzlich in einen Fetzen Segeltuch eingewickelt, eine Kartusche. Aber schon der kurze Moment, in dem er die Pulverladung dem Stückmeister reichte und der sie ins Rohr wuchtete, genügte, um das Leinensäckchen zu durchnässen.

Hasard junior schleppte die Kugel und genügend Werg zum Verdammen herbei. Mit Akribie rammte Al Geschoß und Dämmaterial fest, danach wischte er mit der Hand und mit einem restlichen Ballen Werg das Wasser rund um das Zündloch weg und forderte Hasard auf, die Hände über das noch mit einem Stopfen gesicherte Loch zu halten.

Er konnte aber nicht verhindern, daß beim Anstechen der Kartusche Nässe auf die Pfanne rann.

Philip junior brachte einen Becher voll feinkörniges Pulver. Die Öffnung hatte er mit einem Plankenstück abgedeckt. Al nickte ihm dankbar zu, schüttete das Pulver aber noch nicht ins Zündloch.

Aus der Kombüse klang undeutliches Schimpfen an Deck. Der Kutscher war gar nicht damit einverstanden, daß Batuti und Shane die glühende Holzkohle aus seinem Herd in einen kupfernen Feuerkessel schaufelten. Aber selbst seine Drohung, nur kaltes Essen aufzutischen, verfehlte die Wirkung.

Die Männer auf der „Ghost“ verloren inzwischen angesichts der bedrohlich nahe aufschließenden Schebecke die Nerven.

„Wahrschau!“ rief Dan, als er das Blaken einer Fackel sah, die auf das Zündloch einer Kanone gesenkt wurde. Eine Fackel war in der Tat nötig, denn der Regen hätte jede Lunte ausgelöscht.

Das Dröhnen der Pulverexplosion blieb aus. Ebenso die übliche grelle Stichflamme. Lediglich ein flackerndes Aufleuchten erfüllte für einen Augenblick die Stückpforte, gefolgt von dichtem weißem Rauch.

Der Profos begann, sein Rammkinn zu massieren.

„Ein Böller“, sagte er. „Das gönne ich den Säcken.“

Nach dem zweiten mißglückten Versuch, der immerhin eine winzige Stichflamme zeigte, lästerte er: „Die sind tatsächlich zu bescheuert, eine Kugel rüberzuschicken. Mein Gott, was treiben die, falls sie jemals auf Spanier treffen?“

Der dritte Schuß entlockte ihm ein vergnügtes Wiehern. Er schlug sich auf die Schenkel, daß es dröhnte.

„Zeig’s ihnen, Al! Rasier ihnen die Masten weg, daß sie nicht mehr wissen, woher der Wind weht. Na los, auf was wartest du?“

Der Stückmeister der Arwenacks bedachte ihn mit einem schiefen Blick. Die Euphorie Carberrys durch die Nähe der Karavelle hervorgerufen, wich endlich einer nüchternen Betrachtungsweise. Der Profos blickte entgeistert auf den Kupferkessel mit der zischenden, brodelnden Holzkohle und die darin heftig flackernde Fackel und verlegte sich darauf, seinen Schädel zu kratzen.

„Ein schöner Mist ist das“, murmelte er. „Kriegst du wirklich kein Kügelchen rüber?“

„Al könnte versuchen, den Kanönchen gut zuzureden“, sagte Philip junior forsch.

„Genau das ist es.“ Carberry strahlte, als gäbe es frischen Honigkuchen zum Kosten.

Der Wind wehte Funken davon, als Al Conroy nach der Fackel griff. Er mußte sie tief auf das Zündloch halten. Nach einer Weile zischte und brodelte es, Qualm stieg auf, und dann erklang ein dumpfes, klatschendes Geräusch, ungefähr so, als hätte jemand einen Korken aus einer Weinflasche gezogen. Funken und glimmende Teile der Kartusche sprühten aus der Mündung, das meiste davon wirbelte ins Meer.

Dreißig Yards entfernt stieg eine mickrige Fontäne in die Höhe.

„Immerhin“, sagte der Profos, der in dem Moment wirklich nicht wußte, ob er weinen oder lachen sollte, „wenn wir ganz nahe an die ‚Ghost‘ rangehen, triffst du.“

Das mit dem „ganz nahe rangehen“, wie es sich Edwin Carberry vorstellte, klappte nicht. Die „Ghost“ offenbarte eine außerordentliche Manövrierfähigkeit.

„Die Kerle segeln dem Teufel den Schwanz ab“, mußte der Profos anerkennend eingestehen. Aber er fügte sofort hinzu: „Kein Wunder. Wenn ich die Hosen voll hätte, würde ich auch auf Biegen und Brechen jeden Kurs nehmen.“

Bis zum Einbruch der Nacht waren es bestenfalls noch zwei Stunden. Zweifellos hofften Ruthland und seine Kumpanen, in völliger Finsternis der Schebecke davonlaufen zu können. Falls die Wolkendecke nicht bald aufriß, würde nicht ein Stern zu sehen sein.

Die Jagd führte zunächst dicht unter Land. Die Küste dampfte von den unablässig niedergehenden Regengüssen. Die Nässe wirkte zermürbend.

Die Nacht brach früher herein als erwartet. Zu dem Zeitpunkt lief die „Ghost“ wieder Kurs auf das Arabische Meer.

„Ruthland weiß, daß er in der Dunkelheit nur weit draußen sicher ist“, sagte Philip Hasard Killigrew. „Er kann mit einer halben Kabellänge Distanz an uns vorbeisegeln, und wir werden ihn nicht bemerken.“

Während der letzten Stunde waren Batuti und Big Old Shane nicht mehr an Deck der Schebecke gesehen worden. Die Männer munkelten allerlei, und sie trafen wohl auch den Kern der Sache, ohne jedoch zu erraten, was der Gambiamann und Old Shane tatsächlich ausheckten. Das stellte sich erst heraus, als beide kurz vor Einbruch der Dämmerung wieder auf der Kuhl erschienen.

Batuti trug seinen Langbogen und einen Köcher voll Pfeile, Shane schleppte ein seltsames Gebilde, eine Kupferschüssel mit Dach.

Zum zweitenmal an diesem Tag war die Kombüse geplündert worden. Aus Protest ließ sich Mac Pellew überhaupt nicht mehr blicken, und der Kutscher sagte aufgebracht: „Kein Feuer im Herd, keine Schüssel mehr – ich schlage vor, jeder sucht sich einen Angelhaken. Im Meer gibt es genug Fische. Die sollen roh eine Delikatesse sein.“

Die Glut, von der der Koch redete, flackerte in der Schüssel, die er ebenfalls erwähnt hatte, und der Regen konnte ihr absolut nichts anhaben. Big Old Shane hatte zugesehen, wie die Holzkohlen innerhalb kürzester Zeit gelöscht worden waren, und hatte folglich auf Abhilfe gesonnen.

Batuti zog den ersten Pfeil aus dem Köcher, unverkennbar einen der gelegentlich Verwendung findenden Pulverpfeile, nur war die am Schaft befestigte Hülse jetzt dich mit ölgetränkten Leinenstreifen umwickelt. Auch die Lunte wurde auf diese Weise geschützt, was dem Pfeil jedoch ein plumpes Aussehen und mit Sicherheit miserable Flugeigenschaften verlieh.

Die meisten Männer auf der Kuhl blickten skeptisch drein.

„Das Ding fliegt bestimmt nicht viel weiter als Als Kügelchen“, sagte der Profos.

„Ein bißchen weiter schon.“ Batuti entblößte sein makellos weißes Gebiß, als er ein zuversichtliches Lächeln zeigte.

Die „Ghost“ wechselte eben wieder den Kurs und ging hoch an den Wind. Bis auf der Schebecke die Segel ebenfalls herumgeholt wurden, fiel sie auf gut zweihundert Yards zurück.

„Seid nicht so lahm!“ brüllte der Profos. „Batuti will uns seine Schießkünste vorführen. Wie kann er das bei einer solchen Entfernung?“

„Danke“, sagte der Gambiamann.

„Oh, bitte sehr, Euer Gnaden.“ Carberry deutete einen Kratzfuß an. Er war dann aber so schlau, sich nicht weiter zu äußern.

Das nächste Manöver der „Ghost“ war vorauszusehen. Ruthland brauchte eigentlich nur Abstand zu halten und den Einbruch der Nacht abzuwarten, um sich in ihrem Schutz erneut abzusetzen.

Der Himmel über dem offenen Meer färbte sich blutig rot. Die Sonne, deren Stand bislang nur zu ahnen war, versank hinter der Kimm.

Die Dunkelheit brach in diesen Breiten schnell herein.

„Jetzt oder nie“, sagte Batuti. „Ich brenne darauf, den Halunken alles heimzuzahlen.“

Er sprach aus, was jeder Arwenack fühlte. Niemand wurde gerne von Landsleuten hintergangen.

Big Old Shane schätzte die Entfernung zur „Ghost“. Obwohl die Schebecke gut am Wind hing, holte sie nur langsam auf. Seit die Kanonen kläglich versagt hatten, wuchsen die Kerle auf der Karavelle offensichtlich über sich selbst hinaus. Einige ihrer Manöver belasteten das Schiff bis zum äußersten.

„Zu weit“, sagte Shane. „Das schaffst du nicht.“ Trotzdem half er dem Gambiamann, die Lunte anzustecken. Der Wind erschwerte das Vorhaben, denn das ölgetränkte Tuch durfte keinesfalls Feuer fangen.

Batuti begann leise zu zählen. Bei zehn angelangt, spannte er die Sehne des Langbogens bis zum äußersten. Die Adern an seinen Schläfen schwollen an. Mit hellem Singen schwirrte der Pfeil von der Sehne.

Deutlich war zu sehen, daß der Wind ihn abtrieb. Ungefähr nach der halben Distanz zuckten Flammen auf. Im nächsten Augenblick verpuffte das Pulver in einem Funkenwirbel.

Auf der „Ghost“ herrschte Aufregung. Niemand wußte so recht, was geschehen war, aber jeder fürchtete einen Angriff des Seewolfs.

Batuti legte einen zweiten Pfeil auf die Sehne. Diesmal wartete er nicht so lange.

Der Wind trieb den Pfeil weiter ab. Etwa zwanzig Yards hinter dem Heck der Karavelle und ebensoweit an Steuerbord explodierte die Pulverladung in einem grellen Blitz.

Batuti grinste breit.

„Was sagst du jetzt, Ed?“ fragte er den Profos. „Wer Pfeil und Bogen erfunden hat, war bestimmt nicht dumm.“

„Noch hast du den verlausten Kahn nicht versenkt“, erwiderte Carberry grollend. „Streng dich gefälligst an. Oder soll ich den Bogen spannen?“

„Untersteh dich“, sagte Batuti. „Unter deinen Pranken bricht selbst die beste englische Eibe.“

Die Verwirrung auf der Karavelle war offensichtlich. Zum erstenmal killten bei einem Kurswechsel die Segel. Die Kerle hatten zwar die Pulverblitze gesehen, kannten aber die Ursache nicht. Sie reagierten entsprechend nervös.

„Ar-we-nack!“ Der Schlachtruf der Seewölfe, aus mindestens einem Dutzend Kehlen stammend, begleitete den nächsten Pfeil auf dem Flug zur „Ghost“. Die Detonation erfolgte querab und fast schon vor der Verschanzung.

Höchstens noch achtzig Yards trennten die beide Schiffe voneinander. Aber die Dunkelheit war schneller als die hervorragend gesegelte Schebecke. Wie ein gieriger, unersättlicher Moloch kroch sie über das Meer, fraß sich an den Rümpfen der Schiffe hoch, verschlang Back und Achterdeck und zog sich an den Masten entlang in die Höhe.

Nur die Segel schimmerten noch eine Weile fahl durch die Nacht – Schemen von seltsamer Konsistenz, die sich lediglich zögernd aufzulösen schienen.

Inmitten dieses Bildes, dem etwas Endgültiges anhaftete, zuckte plötzlich grelle Glut auf. Ein Feuerball setzte sich an einem der Segel fest. Flammen loderten auf, doch genauso schnell vergingen sie wieder, weil die herrschende Nässe ihnen keine Nahrung bot. Einzelne Funken, vermutlich Überreste des verglimmenden Pfeiles, torkelten dem Deck entgegen.

Dan O’Flynn, der die Vorgänge durchs Spektiv beobachtete, aber trotz seiner scharfen Augen kaum mehr Einzelheiten unterscheiden konnte, meldete: „Das Segel scheint unbeschädigt zu sein. Offenbar ist die Pulverladung abgeprallt.“

„Die Durchschlagskraft ist zu gering.“ Batuti nickte. „Das Problem löst sich von selbst, sobald Wind und Regen abflauen.“

„Oder wenn wir näher aufschließen“, sagte Big Old Shane. „Morgen ist auch noch ein Tag.“

Nichts war mehr von der „Ghost“ zu sehen, sie war in der sternenlosen Nacht untergetaucht.

Auch die Schebecke segelte ohne Laternen. Hier wie dort starrten vermutlich viele Augenpaare in die Dunkelheit, um den Gegner aufzuspüren.

3.

Der Haß auf den Seewolf und die Gewißheit, daß ihm bald alle Türen der Admiralität offenstehen würden, verdoppelten César Garcias Kräfte. Er focht den Kampf seines Lebens, und seine geringe Körpergröße glich er durch Geschmeidigkeit und Schnelligkeit aus.

Immer härter klirrten die Klingen aufeinander. Während der Kampf auf dem Piratenschiff unvermindert heftig tobte, gehörte das Achterdeck der „Aguila“ ganz allein Garcia und dem Engländer.

Aus den Augenwinkeln heraus nahm der Capitán wahr, daß sein erster Offizier den anderen Piraten im wahrsten Sinne des Wortes an den Mast nagelte. Juarez Molina wandte sich danach der Kuhl zu.

Jeden Hieb begleitete Garcia mit einem englischen Schimpfwort. Er wollte seinen Gegner reizen und zur Unvorsichtigkeit verleiten. Anderenfalls, das spürte er, würde sich das Duell lange hinziehen. Zu lange vielleicht, als daß er wirklich die Chance erhielt, den Seewolf zu besiegen.

Einen Ausfall blockte der Engländer geschickt ab, eine Finte folgte – und die Spitze des Cutlass ritzte Garcias Oberarm. Der Kapitän spürte keinen Schmerz, nur eine grenzenlose Überraschung. Er hatte Killigrew unterschätzt, das war ein Fehler, den er sich kein zweites Mal erlauben durfte. Die heftig blutende Wunde war eine deutliche Warnung.

Der Seewolf setzte sofort nach, er ließ Garcia nicht die Zeit, sich zu besinnen. Seine Klinge zuckte vor, um den Spanier aufzuspießen, aber der Kapitän parierte instinktiv. In die Enge getrieben, verteidigte er sich mit aller Kraft. Hinter ihm war das Schanzkleid, das ein weiteres Zurückweichen verhinderte.

El Lobo del Mar trug seinen Namen zu Recht – seine Attacken hatten etwas von der ungestümen Wildheit eines hungrigen Wolfes. Kapitän Garcia wurde in die Rolle des Verteidigers gedrängt, der Mühe hatte, sich seiner Haut zu wehren.

Eine zweite Blessur zog sich plötzlich quer über seinen Oberkörper. Ungläubig registrierte Garcia, daß der Tod ihn nur um eine halbe Handbreite verfehlt hatte.

Der Engländer lachte ihm ins Gesicht.

„Befiehl deine Männer zurück!“

„Niemals“, keuchte Garcia. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren, er hatte Mühe, die Hiebe des Gegners zu parieren.

Killigrew schlug mit aller Kraft zu. Seine Klinge zuckte schräg von oben nieder, schrammte kreischend an Garcias Cutlass entlang und drang mindestens zwei Fingerbreiten tief in den Handlauf des Schanzkleids ein. Der Hieb hätte dem Kapitän zweifellos den Schädel gespalten.

Sofort setzte der Engländer nach. Wie die Sense eines Schnitters zuckte seine Klinge von einer Seite zur anderen. Die verzweifelten Paraden des Kapitäns wirkten zunehmend kraftloser.

Unvermittelt hielt der Seewolf inne. Ein Ausdruck ungläubigen Erstaunens trat in seine Augen. Er wollte etwas sagen, brachte aber nur ein dumpfes Ächzen hervor.

Ein Zittern durchlief seinen Körper, der Cutlass glitt ihm aus der Hand und klirrte auf die Planken. Killigrew sackte haltlos in sich zusammen.

In dem Kampflärm von Bord des Piratenschiffs war das Geräusch des Schusses ungehört verklungen. César Garcia sah, daß der Engländer heftig blutete. Eine Pistolenkugel schien sein rechtes Schulterblatt zerschmettert zu haben.

Der Kapitän suchte den Schützen. Pilar Aparicio stand auf der obersten Stufe des Steuerbordniedergangs zur Kuhl und hielt die rauchende Pistole noch in der Hand.

Sein Gesicht wirkte unbewegt, aber Garcia wußte nur zu gut, daß Aparicio ein verschlagener Bursche war und ein Schauspieler, wenn es darum ging, sich zu verstellen. Wahrscheinlich hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, selbst den Ruhm einzustreichen, den berüchtigten Seewolf besiegt zu haben.

César Garcia schoß die Zornesröte ins Gesicht.

„Ich wollte Killigrew lebend!“ brüllte er. „Wenn der Bastard stirbt, lasse ich dich dafür auspeitschen.“

„Er hätte Sie umgebracht, Capitán“, sagte Pilar Aparicio ruhig.

„Unsinn.“ César Garcia drehte sich einmal um sich selbst. Erst als er keinen weiteren Gegner sah, beugte er sich über den Seewolf. Killigrews Atem flatterte, seine Lippen waren blutlos. Offensichtlich weilte ein Teil von ihm schon in einer jenseitigen Welt, sofern es wirklich ein Weiterleben nach dem Tod gab.

„Hol den Feldscher! Er soll alles tun, um el Lobo am Leben zu halten.“

Wozu noch wochenlang warten? fragte Aparicios Blick. Kein Pirat ist es wert, daß man sich um ihn sorgt.

„Die englischen Hunde sterben lieber, als in Gefangenschaft zu gehen. Nahezu zwei Stunden lang verteidigten sie ihr Schiff gegen unsere Übermacht, und ich muß eingestehen, ich habe selten Männer so erbittert kämpfen sehen.

Killigrews Mannschaft ist tot, er selbst liegt im Sterben. Aber ich bete, daß die Bemühungen des Feldschers nicht umsonst sind. El Lobo del Mar soll vor aller Öffentlichkeit unter der Garotte sterben. Spanien wird ein Schauspiel erleben wie schon lange nicht mehr. Nur so können wir verhindern, daß Philip Hasard Killigrew zur Legende wird. Er war nie etwas anderes als ein Pirat der übelsten Sorte.“

Nachdenklich legte Capitán Garcia den Federkiel zur Seite und streute Löschsand auf die frische Logbucheintragung. Vom Oberdeck klangen vielfältige Geräusche zu ihm. Die Mannschaft setzte die Segel. Langsam nahm die „Aguila“ Fahrt auf.

Das unregelmäßige Stampfen des Schiffes verriet dem Kapitän, daß die Viermastgaleone die Wellen in spitzem Winkel durchschnitt. Sie segelte mit raumen Wind über Backbordbug Kurs Spanien.

Garcia verschloß das Tintenfaß und verstaute es zusammen mit dem Federkiel in der Tischschublade. Danach schüttelte er den Löschsand in den Becher zurück. Das Ritual war stets das gleiche. Er haßte Veränderungen im festgefügten Ablauf.

Die Stimmen an Deck und das Platschen nackter Füße verstummten. César Garcia trat an die dicken, bleiverglasten Scheiben und blickte gedankenverloren hinaus. Der Himmel bezog sich schon wieder, in spätestens einer halben Stunde würde es zu regnen beginnen.

Langsam blieb die Piratengaleone hinter der „Aguila“ zurück. Das Schiff mit den schwarzen Segeln brannte an mehreren Stellen. Gierig leckten die Flammen an den Masten hoch, züngelten an den Rahen entlang und sprangen auf die zerfetzten Segel über.

Funken und lodernde Tuchfetzen wirbelten auf, als die Besanrute an Deck krachte. Glut regnete rings um das Schiff nieder. Glimmenden Spinnweben gleich zeichnete sich die Takelage vor dem düster werdenden Hintergrund ab.

Garcia glaubte, das Knistern und Prasseln der Flammen zu hören, die, von einer steifen Brise angefacht, schnell um sich griffen. Eine Feuerlohe fegte über das Schiff.

Augenblicke später explodierten die ersten Pulvervorräte. Das Achterdeck wurde bis knapp über der Wasserlinie aufgerissen, brennende Plankenstücke schlugen sogar noch dicht vor der „Aguila“ ein. Qualm verhüllte das Geschehen.

Das war also der Augenblick, auf den Garcia seit Jahren gewartet hatte. Seltsamerweise empfand er nicht die erhoffte Genugtuung. Auch sein Triumph hielt sich in Grenzen. Lag das daran, daß er den Seewolf nicht aus eigener Kraft im Kampf besiegt hatte, sondern daß die Kugel aus der Pistole eines Deckmanns ausschlaggebend gewesen war?

„Der Tod durch das Würgeisen ist angemessen für dich“, murmelte Garcia gedankenverloren. Im nächsten Moment schlug er mit der geballten Rechten in die linke Handfläche. „Verdammt!“ sagte er. „Ich will nicht, daß du vorher über die Klinge springst.“

Zwei weitere Explosionen auf dem Piratenschiff erschütterten die „Aguila“. Die Galeone brach auseinander, aber während das Heck schnell auf Tiefe ging, trieb das Vorschiff, weithin sichtbar lodernd, noch vor dem Wind.

Entgegen seinen Gewohnheiten schenkte sich Garcia einen Becher halb voll Rum ein. Er trank sonst nur vor der Nachtruhe, weil er dann zum einen besser schlief und zum anderen die Mannschaft nicht merkte, daß er trank.

Der Rum brannte in der Kehle. César Garcia füllte den Becher noch einmal zur Hälfte. Diesmal trank er schluckweise und genoß das Gefühl wohliger Wärme, das sich in der Magengegend ausbreitete.

Als er endlich wieder aufsah, ragte der Bug der Piratengaleone nur noch halb aus dem Wasser. Die Flammen erstickten, da sie keine neue Nahrung fanden.

César Garcia warf sich jäh herum und stürmte aus seiner Kammer. Aber er trat nicht auf das erhöhte Achterdeck hinaus, sondern hastete die Stufen des Niedergangs hinunter. Achtern lag der Raum, den der Feldscher auf dieser Fahrt bewohnte: die Kammer des Zweiten Offiziers, der wegen Krankheit ausgefallen und nicht ersetzt worden war.

Garcia trat ein, ohne anzuklopfen.

Das erste, was ihm auffiel, war das verhängte Fenster. Der Raum war in das trübe Dämmerlicht einer Tranfunzel getaucht. Quietschend schwang sie unter der Decke hin und her.

Gonzalo Peral, der Feldscher, saß auf einem Stuhl, den er sich vor die Koje gerückt hatte, und hielt den Kopf in die Handflächen gestützt. Als der Kapitän eintrat, wollte er aufspringen und Meldung erstatten, doch Garcia winkte überraschend ab.

„Behalten Sie Platz, Peral.“ Er deutete auf den Engländer, der entweder schlief oder das Bewußtsein verloren hatte. „Wie ist sein Zustand?“

„Er hat viel Blut verloren. Außerdem steckt die Kugel im Knochen, ich kann sie nicht herausschneiden.“

„Wird er die Fahrt nach Spanien überleben?“

„Ich glaube es nicht, Capitán, aber Gottes Ratschluß ist unerforschlich. Außerdem weiß Killigrew wohl, daß der Henker auf ihn wartet.“

„Sie meinen, Peral, der Bastard will nicht weiterleben?“

„Das wäre sehr gut möglich, Capitán.“

Nachdenklich kaute César Garcia auf seiner Unterlippe. Was der Feldscher da sagte, klang gar nicht so unwahrscheinlich. Für el Lobo del Mar war es in der Tat das Beste, wenn der Sensenmann ihn an Bord der „Aguila“ holte. Aber nicht für ihn, Garcia, er wollte den Ruhm genießen, den Seewolf in Ketten nach Spanien gebracht zu haben.

„Ich verlange, daß Sie alles tun, was in Ihren Kräften steht, Señor Peral“, sagte der Kapitän. „Sie sind mir persönlich für das Wohlergehen dieses Mannes verantwortlich. Ich will, daß er auf seinen eigenen Beinen laufen kann, wenn er zum Richtplatz geführt wird.“

„Was ist mit unseren Verwundeten, Capitán? Sie werden momentan von Männern der Freiwache versorgt.“

„Das bleibt Ihre Angelegenheit, Peral. Treffen Sie eine Absprache mit dem Bootsmann. Auf jeden Fall verlange ich, daß der Seewolf keinen Augenblick lang unbewacht bleibt.“

„Wir haben den siebten Toten zu beklagen – er erlag heute nacht während des Sturms seinen Verletzungen. Santiago Ortiz war ein guter Vormann am Großmast. Ich werde veranlassen, daß seiner Witwe die Heuer ausgezahlt wird, als wäre er bis zum Ende der Fahrt dabeigewesen.

Bis auf vier Männer, zwei davon Soldaten, sind alle wieder dienstfähig. Die Verwundungen der anderen berechtigten nicht dazu, sie freizustellen.

Der Feldscher hat die Nacht bei Killigrew gewacht, dessen Wunde wieder aufgebrochen ist. Der Bastard hat hohes Fieber, doch Gonzalo Peral sagt, ihn jetzt zur Ader zu lassen, würde seinen Tod bedeuten.

Es ist unfaßbar, aber ich bete zur heiligen Jungfrau, daß Killigrew am Leben bleibt. Er soll seine Hinrichtung genießen können.“

Logbucheintragung des Kommandanten César Garcia vom 6. November 1598, acht Glasen der Morgenwache.

„Der Tag geht seinem Ende entgegen, ohne daß eine Wetterbesserung erkennbar wäre. Wieder mußten wir zwei Tote der See übergeben – der Sturm hat sie umgebracht. Bis wir Spanien erreichen, werden wohl noch viele solche Tage vergehen. Wir sind zum Kreuzen gezwungen, und wenn wir überhaupt nach Norden segeln, dann kaum mehr als dreißig Seemeilen am Tag.

Die Wunde des Seewolfs hat sich entzündet und beginnt zu eitern. Der Bastard verfügt über eine erstaunliche Kondition, obwohl er nur wenig Nahrung zu sich nimmt.

Gonzalo Peral will die Wunde mit dem Messer ausschneiden. Nur so, sagt er, kann er den Mann vor dem Wundbrand bewahren. Außerdem verlangt er ein halbes Pfund Schießpulver. Zumindest einen Teil davon will er auf die schwärenden Stellen streuen und entzünden. Er hat mir glaubhaft versichert, daß el Lobo diese Behandlung überstehen wird.“

Logbucheintragung vom 8. November, teilweise unleserlich und mit zittriger Hand geschrieben, was auf schwere See schließen läßt.

Endlich klarte es auf. Die Sonne brach durch die Wolken und vertrieb die letzten Regenschleier, die noch über der Kimm hingen.

An Steuerbord querab zeichnete sich die Küstenlinie Marokkos ab. Ein fahler, gebirgiger Streifen, der von Stunde zu Stunde deutlicher wurde. Capitán Garcia und sein Erster Offizier führten mehrere Peilungen durch und stellten fest, daß sie sich vor Agadir befanden. Demnach hatten sie erst ungefähr ein Drittel der Strecke nach Cádiz hinter sich gebracht.

Der Wind drehte weiterhin, wehte aber vorwiegend aus westlichen Richtungen. Garcia befahl, alles Zeug zu setzen, denn sie hatten schon genug Zeit verloren. Er wollte Spanien erreichen, solange der Seewolf noch lebte.

Der Zustand des Engländers stellte den Feldscher inzwischen vor Probleme. Er hatte tatsächlich mit dem Messer die Wunde ausgekratzt und anschließend die Blutung mit Schießpulver gestillt. Ein verkrusteter Verband zierte jetzt Killigrews Schulter.

Anfangs war das Fieber noch gestiegen, und der Bastard hatte sein Bettzeug mehrmals durchgeschwitzt, danach war das Glühen aus seinem Gesicht gewichen, und er hatte zu frösteln begonnen. Im Delirium redete er wirres Zeug, das niemand verstand.

„Er wähnt sich an Bord seines Piratenschiffs und kapert ahnungslose Kauffahrer“, sagte Garcia. „Lassen Sie ihn gewähren, Peral. Nur die Hoffnung auf reiche Beute kann den Lebenswillen eines solchen Halunken stärken.“

Den Tag und die folgende Nacht hindurch wehte der Wind konstant aus West. Unter vollen Segeln durchpflügte der Viermaster die See.

Gegen Mittag des folgenden Tages erreichte das Kriegsschiff die Höhe von Tanger. Garcia stand auf dem Achterdeck und suchte mit dem Spektiv die Küste ab. Mehrere Zweimaster und Fischerboote befanden sich auf der Straße von Gibraltar.

Trotz des strahlenden Sonnenscheins war es kalt. Der Capitán fröstelte, und er begann zu frieren, als plötzlich aufgeregte Stimmen laut wurden.

Ein Schiffsjunge erschien im Niedergang, hielt sich allerdings in respektvoller Entfernung. „Señor Capitán, bitte, schnell – der Engländer stirbt.“

Garcia stieß eine ellenlange Verwünschung aus. Er vergaß sogar, den Jungen wegen seiner schlaksigen Art, eine Meldung zu erstatten, zurechtzuweisen.

Der Feldscher stand vor der Koje des Engländers. Als der Kapitän in die Kammer stürmte, hob er mit einer hilflos wirkenden Geste die Arme.

„Er stirbt, Capitán.“

„Das sehe ich. Unternehmen Sie gefälligst etwas! Was ist mit Ihren Pulvern und Mixturen?“

„Ich habe alles versucht, Capitán, aber der Tod ist stärker als mein bescheidenes Wissen.“

„Unsinn.“ Garcia beugte sich über den Seewolf, der seine stattliche Erscheinung in den wenigen Tagen auf der „Aguila“ eingebüßt hatte und nur mehr aus Sehnen, Haut und Knochen zu bestehen schien. Tief lagen die Augen in ihren Höhlen, von blutunterlaufenen Rändern umgeben. Die Bartstoppeln auf der rissigen Haut verliehen dem Gesicht einen abstoßenden Eindruck. Schweiß perlte auf der Stirn.

Killigrew röchelte. Seine Lider flatterten, der Blick der trüben Augen huschte unstet umher, ohne die Kraft, an irgendeinem Punkt des Raumes zu verharren.

„Der Kerl braucht frische Luft“, sagte Garcia scharf. „Öffnen Sie das Fenster!“

„Er darf sich nicht erkälten. Seine Lunge würde das nicht aushalten.“

„Öffnen, sagte ich!“ Der Kapitän sprach lauter als beabsichtigt.

Killigrew zuckte zusammen und begann krampfartig zu husten. Gonzalo Peral zog die zur Galerie hinausführende Tür auf, ohne noch einmal zu widersprechen.

Garcia nahm das am Fußende der Koje liegende Tuch und tupfte dem Seewolf den Schweiß von der Stirn.

„Erkennst du mich?“ fragte er.

Der Engländer sah ihn an, aber sein Blick ging durch ihn hindurch und verlor sich in endloser Ferne. Wieder wurde der ausgemergelte Körper von einem blechernen Hustenanfall geschüttelt.

„Hat er die Schwindsucht?“

Der Feldscher schüttelte den Kopf. „Killigrew ißt fast nichts mehr.“

„Dann geben Sie ihm zu trinken, Sie Quacksalber.“ César Garcia stieß den Feldscher schroff zur Seite. Er wußte, wo er nach dem Rum zu suchen hatte, schenkte zwei Fingerbreiten in einen Becher und reichte diesen an Peral weiter. „Er soll trinken, soviel er will.“

Gonzalo Peral nickte stumm. Vorsichtig setzte er den Becher Killigrew an die Lippen. Zu seinem Erstaunen wurde der Engländer daraufhin ruhiger.

Ein verächtlicher Zug umspielte Garcias Mundwinkel.

„Rum weckt jeden Piraten auf“, sagte er. „Merken Sie sich das für die Zukunft!“

Er hatte das Schott noch nicht erreicht, da ließ ihn ein gequältes Stöhnen herumfahren.

Killigrew setzte sich jäh auf. Er entwickelte Kräfte, die ihm Peral nicht mehr zugetraut hätte.

„Kapitän“, keuchte der Seewolf, „ich verlange Genugtuung. Geben Sie mir einen Degen …“ Mitten im Satz sackte er vornüber.

„Helfen Sie ihm!“ brüllte Garcia den Feldscher an. „Na los, auf was warten Sie?“

Augenblicke später schüttelte Peral bedauernd den Kopf.

„Aus“, sagte er tonlos. „El Lobo ist jetzt bei seinesgleichen in der Hölle.“

„Geben Sie ihm noch einen Rum oder auch zwei. Aber, verdammt, lassen Sie ihn nicht sterben.“

„Killigrew ist tot, Capitán. Er hat es vorgezogen, spanischen Boden nicht zu betreten.“

Vorübergehend sah es so aus, als wolle sich César Garcia auf den Feldscher stürzen und ihn erwürgen, aber dann warf er sich herum und stürmte an Deck. Er hatte eine Mordswut im Leib – auf den Feldscher, auf den Kerl, der den Seewolf niedergeschossen hatte, und nicht zuletzt auf sich selbst.

Der Anblick der Reede von Cádiz vor der „Aguila“ trug nicht dazu bei, seine miserable Stimmung zu bessern. Eher im Gegenteil. El Lobo del Mar hatte sich für immer der spanischen Gerechtigkeit entzogen.

„Der Seewolf wurde heute auf dem Scheiterhaufen verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut. Es war leider kein berauschendes Schauspiel. Mehr Huren, Bettler und Strauchdiebe als anderes Volk hatten sich eingefunden, weil sie in der Menge auf leichte Beute hofften.

Mir steht die Ernennung zum Generalkapitän bevor, das wurde mir gegenüber jedenfalls angedeutet. Wahrscheinlich werden die entsprechenden Schriftstücke und meine neue Order an den Weihnachtstagen übergeben. Man munkelt, daß die generalüberholte ‚Aguila‘ zusammen mit einem kleinen Verband gut armierter Schiffe in die Karibik segeln soll, um dem dortigen Piratenunwesen ein Ende zu bereiten. Ich werde den Schlupfwinkel auf Tortuga ausräuchern und damit weitere Zeichen setzen. So wahr mir Gott helfe.“

Logbucheintragung vom 15. November 1598.

Seit einer Woche wurde an der „Aguila“ gearbeitet. Zimmerleute befreiten das Unterwasserschiff von Muscheln und Algenbewuchs und klopften es auf morsche Planken ab. Wo sie mit ihrer Arbeit fertig waren, begann das Kalfatern. Der Geruch von heißem Teer und Pech lag ständig in der Luft.

César Garcia beaufsichtigte die Arbeiten, als Don Alfonso de la Vega, ein Freund und langjähriger Handelspartner, vor der auf dem Trockenen liegenden Galeone erschien.

„César!“ Freudig breitete Don Alfonso die Arme aus. „Ich bin erst heute von einer längeren Fahrt zurückgekehrt. Die Jagd auf den Seewolf ist ja nun wohl beendet, aber ist das ein Grund, seine Freunde zu vergessen? Ich warte seit Wochen vergeblich auf die versprochene Ware.“

César Garcia kniff die Brauen zusammen und legte die Stirn in Falten. Wenn Don Alfonso Ware sagte, meinte er schwarze Sklaven.

„Sechzig Männer und Frauen habe ich dir geschickt“, sagte Garcia. „Mag sein, daß nur fünfzig eingetroffen sind, aber das ist bestimmt kein Grund für Vorhaltungen.“

Don Alfonso de la Vega zuckte mit den Schultern. „Bei mir wurde keine Ware angelandet.“

„Ungefähr vier Wochen ist es her. ‚Isabella‘ hieß die Galeone, der ich das schwarze Pack übergab, ein schlankes, eigenwillig gebautes Schiff, eigentlich nicht zu übersehen.“

„Nein“, sagte Don Alfonso.

„Dieser verfluchte Hund“, schnaubte Garcia. „Ich habe ihm von Anfang an mißtraut. Ich hätte es wissen müssen.“

Trotz der bitteren Nachricht, die der Verlust von fünfzig kräftigen Sklaven für ihn bedeutete, begann de la Vega zu grinsen.

„Wie ich dich kenne, wirst du die ‚Isabella‘ mit Mann und Maus versenken.“

Der Kapitän vollführte eine unwillige Handbewegung. „Ich werde mich an Don Julio de Vilches schadlos halten“, sagte er grollend.

De la Vegas Grinsen wurde noch eine Spur breiter.

„Köstlich“, sagte er. „Ein Sonderbeauftragter Seiner Majestät entführt unsere Sklaven. Am besten, wir vergessen die Angelegenheit, bevor wir uns die Finger verbrennen.“

„O nein.“ Garcia brauste prompt auf. „Ich denke nicht daran, vor de Vilches zu Kreuze zu kriechen.“

„Soviel ich weiß, ist der Sonderbeauftragte mit der ‚Casco de la Cruz‘ und geheimem Ziel in See gegangen.“

César Garcia hatte sich in Rage geredet. „Das geheime Ziel war ein Konvoi von Schatzschiffen aus der Neuen Welt. De Vilches führt sie nach Irland, aber frag mich nicht, warum, ich begreife es selbst nicht.“ Er hielt kurz inne. „Bist du sicher, daß er nur mit einem Schiff aufgebrochen ist?“

„Ich habe die ‚Casco de la Cruz‘ mit eigenen Augen gesehen. Ein verflucht schwer armierter Brocken, der sogar deiner ‚Aguila‘ einiges voraus hat.“

„Kennst du Don Julio persönlich?“

„Nein. Warum fragst du?“

„Weil da drei Schiffe waren, aber keins, auf das deine Beschreibung paßt.“

Don Alfonso de la Vega konnte nicht anders, er lachte, bis ihm Tränen in den Augen standen. Daß César Garcia jeden Augenblick vor Wut platzen könnte, störte ihn nicht im geringsten.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, Schnapphähne hätten sich der Schatzschiffe bemächtigt?“ Don Alfonso lachte schon wieder. „Das – das ist köstlich. Ein ganzer Konvoi – nein, mein Lieber, das ist ausgeschlossen, und das solltest gerade du wissen.“

Garcia beherrschte sich nur noch mühsam. „Die Sache stinkt zum Himmel“, behauptete er und dachte dabei an Don Ricardo de Mauro y Avila, den Generalkapitän des Konvois. Sie waren als Nachbarskinder aufgewachsen. Während ihrer kurzen Begegnung auf See hatte Don Ricardo seine Zweifel an der Richtigkeit des königlichen Befehls geäußert, die Schatzschiffe nach Irland zu segeln. Aber es waren eben schwere Zeiten.

„… niemand weiß etwas, sogar die Admiralität hüllt sich in Schweigen. Dabei handelt es sich nicht um einen Holzfrachter, dem keiner eine Träne nachweinen würde, sondern um sage und schreibe zehn Schatzgaleonen aus der Neuen Welt, beladen mit Gold und Silber in unschätzbarem Wert. Don Ricardo würde niemals etwas billigen, was den Interessen Spaniens zuwiderläuft, davon bin ich überzeugt, aber mir gibt das Verschwinden der Sklaven zu denken. Wohin wurden sie gebracht, wo finde ich die ‚Isabella‘ – und vor allem: Wie ist es möglich, daß aus einer Kriegsgaleone jene drei seltsamen Schiffe wurden, die den Konvoi begleiteten? Wenn ich sie nicht mit eigenen Augen gesehen hätte!“

Auszug aus einer Logbucheintragung vom 23. November 1598.

„Endlich! Admiral Mendez hat heute meine Fragen beantwortet. Ausschlaggebend war die Nachricht, die in den Mittagsstunden Cádiz erreichte: Die ‚Casco de la Cruz‘ unter dem Kommando von Julio de Vilches wurde vor Mauretanien versenkt – von der Mannschaft eines Schiffes, bei dem es sich der Beschreibung nach nur um die ‚Isabella‘ gehandelt haben kann.

Noch habe ich Mühe, die Zusammenhänge zu verstehen. Meine Sklaven stammten aus Mauretanien – kann jemand so verrückt sein, ihnen die Freiheit wiederzugeben? Aber warum sonst hätte die ‚Isabella‘ den Konvoi verlassen und so weit nach Süden segeln sollen?

Und die ‚Casco de la Cruz‘? Admiral Mendez gibt endlich zu, daß Don Julio de Vilches mit seiner Kriegsgaleone Befehl hatte, vor Santa Cruz de Tenerife den Geleitzug aus ursprünglich elf Schatzschiffen in Empfang zu nehmen. Das Ziel war allerdings nur Don Julio bekannt.

Die Überlebenden der ‚Casco de la Cruz‘ werden von der Admiralität seit ihrem Eintreffen in Cádiz getrennten Verhören unterzogen. Ihre Aussagen scheinen alle auf das gleiche hinauszulaufen. Demnach wurde Don Julio von Beauftragten des Generalkapitäns um Hilfe ersucht, da der Konvoi angeblich angeschlagen und wegen widriger Winde zu den Kapverden getrieben worden sei.

Noch etwas habe ich erfahren: Don Julio de Vilches war ein baumlanger, dürrer alter Mann mit grauen Haaren, magerem Gesicht und unzähligen Falten. Der Mann, den ich als Don Julio kennenlernte, war zwar ebenfalls ein Riese, aber breitschultrig und kräftig, er hatte schwarzes Haar und eisblaue Augen und ist wohl im besten Mannesalter.

Um Klarheit zu erhalten, hat Admiral Mendez einen berittenen Boten zum Hof König Philipp III. gesandt. Wir werden hoffentlich bald erfahren, in welchen Hafen die Schatzschiffe befohlen wurden.“

Logbucheintragung vom 29. November 1598.

4.

„Bei allen Göttern Hindustans, dieser Killigrew steht mit dem Teufel im Bund.“ Hugh Lefray fegte mit einer hastigen und zugleich wütenden Bewegung die Karte vom Tisch. Es war die gleiche Karte, über die auch der Seewolf verfügte – immerhin war sie vom selben Zeichner angefertigt worden.

„Warum regst du dich auf?“ fragte Francis Ruthland gelassen. „Die sternenlose Nacht ist der beste Schutz für uns.“

Lefray hörte ihm gar nicht zu. Aufgeregt redete er weiter: „Laß den Stückmeister auspeitschen! Der Kerl hat es verdient, er hätte wissen müssen, daß die Kanonen versagen. Wahrscheinlich kriegen wir die Schebecke nie wieder so dicht vor die Rohre. Wir hätten sie versenken und die ganze Bande zu den Fischen schicken können, verstehst du? Dann wäre mir bedeutend wohler“, fügte er leise hinzu.

Francis Ruthland, der Eigner und Kapitän der „Ghost“, begann ausgiebig, die Narbe unter seinem linken Auge zu reiben. Ein überlegener, spöttischer Zug lag um seine Mundwinkel.

„Vergiß Killigrew!“ riet er. „Der Kerl ist viel zu ehrlich, um wirklich erfolgreich zu sein. Wir kriegen ihn, verlaß dich drauf.“

„Das hast du schon in Surat geglaubt. Mit dem Erfolg, daß wir fliehen mußten.“

„Schiß?“ fragte Ruthland lauernd.

Lefray stieß ein schweinisches Grunzen aus. Sein dunkles linkes Auge sprühte vor Mordlust. Das rechte Auge war blind, fast weiß, und verlieh ihm ein unheimliches Aussehen. Schwache Naturen, das wußte er, fürchteten eine Begegnung, wenn er seine Augenklappe nicht trug.

„Killigrew kocht auch nur mit Wasser“, sagte Ruthland. „Seine Culverinen haben genauso versagt wie unsere.“

„Du vergißt die Pulverpfeile!“

„Was ist schon ein angesengtes Segel? Wenn das ein Erfolg sein soll, werde ich Stallbursche bei der alten Lissy.“ Das war ein überzeugendes Argument.

Wenn Lefray sich eins nicht vorstellen konnte, dann war es das, daß sein Kumpan freiwillig eine niedrige Tätigkeit verrichtete. Francis Ruthland war und blieb ein harter, rücksichtsloser und vor allem skrupelloser Geschäftsmann.

Er begann eine ruhelose Wanderung. „Wir laufen dem Seewolf davon“, sagte er. „Meinetwegen soll er nach uns suchen, bis er schwarz wird.“

„Du meinst, wir segeln nach Süden?“

„Natürlich.“

„Killigrew wird uns im Süden suchen.“

„Später vielleicht, aber nicht sofort.“

„Versteh ich nicht.“

Ruthland ließ einen abgrundtiefen Seufzer vernehmen. „Wir hatten Kurs Nordwest anliegen, als die Dunkelheit hereinbrach. Also werden uns die Bastarde morgen und an den folgenden Tagen in der Richtung suchen.“

„Genau das tun sie nicht“, widersprach Lefray wütend. „Killigrew ist ein ganz Schlauer. Jede Wette, daß er nach Süden törnt?“

„Du hast schon verloren.“ Ruthland lachte schrill. „Eben weil Killigrew sich einbildet, besonders schlau zu sein. Was ist er denn schon? Ein Emporkömmling in der Gunst eines alternden Weibes, ein Pirat, der ohne seine Lissy am Galgen enden würde. Sicher denkt er, daß wir annehmen, er suche uns in Küstennähe, und daß wir genau deshalb doch nach Nordwesten segeln. Bloß – wir sind nicht da. Kapiert?“

„Hm – nein“, sagte Hugh Lefray. Nachdenklich leckte er sich über die Lippen. „Wenn Killigrew aber denkt, wir … Ach, Scheiße.“

Eine Viertelstunde später änderte die „Ghost“ ihren Kurs und lief fast genau entgegengesetzt mit halbem Wind über Backbordbug. Francis Ruthland und Hugh Lefray standen auf beiden Seiten des Achterdecks und starrten sich die Augen aus, doch von der Schebecke des Seewolfs war nichts zu sehen. Die Nacht hatte den Dreimaster, der ebenfalls ohne Hecklaterne segelte, verschluckt.

Der Wind blieb handig. Nur hin und wieder ging ein leichter Regenschauer nieder. Im Vergleich zu den Wassermassen des Vortags waren die paar Spritzer nicht der Rede wert.

Im frühen Morgengrauen riß die Wolkendecke auf. Blauer Himmel und Dunst hielten sich dennoch die Waage. Mit der Helligkeit wuchs auch die Sichtweite. Ruthland befahl zwei Männern, ausschließlich nach achtern Ausguck zu halten.

Die „Ghost“ segelte parallel zur Küste und nur ungefähr eine halbe Meile entfernt. Dichter Dschungel bestimmte wieder das Bild, ein Zeichen, daß man sich der Mündung des Tapti näherte.

Dann wurde die See kabbelig. Die schlammigen Fluten des Flusses vermischten sich mit dem aufgewühlten Salzwasser. Der Strudel und unberechenbaren Strömungen wegen, ließ Ruthland anluven. Zu anderen Zeiten, wenn das Meer ruhig war, gab es außer einigen Sandbänken keine Probleme, in den Fluß einzulaufen.

Stunde um Stunde verging.

Nichts änderte sich. Das Land war monoton und riesig in seiner Ausdehnung.

Francis Ruthland lehnte an der Querbalustrade des Achterdecks und starrte unbewegt vor sich hin. Keiner der Decksleute wußte, wen er gerade ansah.

Das Hauptaugenmerk aller war nach wie vor nach achtern gerichtet. Deshalb bemerkten die Männer das Schiff erst, als es nur noch wenig mehr als eine Meile entfernt war.

„Galeone voraus!“ hallte es über die Decks.

Bei dem Schiff handelte es sich um einen Viermaster, einen ziemlich schwerarmierten Brocken, wie Ruthland durchs Spektiv sah. Es führte die spanische Flagge im Topp.

Für einen Ausweichkurs war es zu spät. Der Viermaster hätte die „Ghost“ auf jeden Fall eingeholt.

„Klarschiff zum Gefecht!“ brüllte Ruthland. „Wenn es sein muß, zeigen wir den Dons, daß wir zu kämpfen verstehen.“

„Falls das Pulver wieder trocken ist“, sagte Lefray. „Anderenfalls täten wir gut daran, die Flagge zu streichen.“

„Wo steckt bloß dieser Affenarsch mit seiner Karavelle?“ Edwin Carberry starrte über die See, aber die Finsternis war vollkommen.

„Laß es gut sein, Ed“, sagte Hasard, der neben ihm am Schanzkleid lehnte. „Ich denke, die Burschen haben sich abgesetzt.“

Aber damit geriet er bei Carberry an den Falschen. Der brauste nämlich auf. „Wo gibt’s denn so was? Solange wir mit denen ein Hühnchen zu rupfen haben, sollen sie gefälligst bleiben.“

„Sag das Ruthland, nicht mir.“ Der Seewolf zuckte leicht mit den Schultern.

„Du solltest Befehl zur Wende geben, Sir. Diese lausigen Kakerlaken segeln wieder nach Nordwesten.“

„Davon bin ich nicht überzeugt.“

„Ich hab’s doch mit eigenen Augen gesehen. Jeder hat es gesehen. Die Rübenschweine suchen ihr Heil in der Flucht.“

„Ruthland blufft, weil er weiß, daß wir ihm weiterhin folgen.“ Philip Hasard Killigrew klopfte zur Bestätigung seiner Worte dreimal mit den Fingerknöcheln auf den Handlauf des Schanzkleids.

Der Profos winkte lässig ab. Grollend sagte er: „Ruthland denkt nur daran, wie er seinen karierten Pavianhintern in Sicherheit bringen kann, bevor ich ihm die Haut in Streifen abziehe. So klug, wie du ihn einschätzt, ist er nicht.“

„Aber er ist raffiniert.“

Als sich der Profos das stoppelübersäte Rammkinn kratzte, klang es, als hätte die Schebecke eben ein Riff gestreift. „Diese fischäugige Qualle hofft, daß sie uns reinlegen kann? Wir sollen also nur denken, daß er abdreht?“ Er kratzte sich erneut. „Das läuft so nicht. Ruthland muß wissen, daß wir ihn durchschauen. Jetzt aufgepaßt, damit sich ja kein Fehler einschleicht.“ Er nahm die Finger zu Hilfe und begann, jeden Punkt einzeln abzuzählen. „Der stinkende Hering segelt nach Nordwesten. Er weiß, daß wir ihm nicht glauben, also muß er auf dem Kurs bleiben, weil wir nach Süden törnen. Da wir aber ahnen, daß er weiß, daß wir ihm nicht glauben, segeln wir ebenfalls nach Norden. Das bedeutet, er muß doch nach Süden.“

„Genau das war meine Überlegung“, sagte Hasard.

„Solche Trugschlüsse sind die Folge, wenn niemand den Profos ausreden läßt.“ Carberry war mit dem Abzählen beim Ringfinger der linken Hand angelangt. „Falls Ruthland wirklich so raffiniert ist, wie du behauptest, kann er unsere Überlegungen bestimmt bis hier nachvollziehen. Warum sollte er also nach Süden segeln, wenn er annehmen muß, daß wir ebenfalls nach Süden segeln?“

„Bravo!“ erklang es aus der Dunkelheit zwischen den Culverinen. „Das nenne ich eine wahrhaft logische Beweisführung. Solchen Argumenten mußt du dich einfach beugen, Sir.“ Old Donegal Daniel O’Flynn lehnte an einem der Geschütze und hatte herausfordernd die Arme vor der Brust verschränkt. Da durch die Grätings ausreichend Helligkeit nach oben fiel, tappte niemand ganz im Dunkeln.

„Ich habe noch sechs Finger zur Verfügung“, sagte der Profos warnend. „Das Spielchen läßt sich fortführen.“

Derart gewichtigen Argumenten hatte der Seewolf natürlich wenig entgegenzusetzen. Außerdem war er selbst ins Grübeln geraten. So dumm klangen nämlich die Behauptungen Carberrys gar nicht.

Bis zum neuen Morgen stand die Schebecke etwa fünfundzwanzig Seemeilen tiefer im Golf von Cambay. Der Tag begann mit strahlendem Sonnenschein und bester Sicht. Dan O’Flynn, der sofort in die Tonne am Großmast aufenterte, überschlug sich schier vor Begeisterung.

Durchs Spektiv konnte er sowohl die sumpfige Küste im Osten sehen als auch das weithin flache Land im Westen. Die Sichtweite betrug, solange die See so ruhig blieb, gut und gern zwanzig bis dreißig Meilen.

„Segel Steuerbord voraus!“ meldete er nach einer Weile, aber gleich darauf fügte er hinzu: „Es sind nur zwei Einmaster, wahrscheinlich Fischerboote.“

Die „Ghost“ war und blieb verschwunden.

„Nun ja, Mister Carberry“, sagte Hasard zum Profos, der jeden freien Augenblick nutzte, um selbst Ausschau zu halten, „sieht ganz danach aus, als wäre die Logik in die Hose gegangen.“

„Ruthland und seine lausige Brut verstecken sich bestimmt in irgendeiner Bucht.“

„Oder sie waren doch nicht ganz so schlau wie du, Ed. Woher sollten sie’s auch haben?“

Während der Profos stirnrunzelnd darüber nachdachte, ob Hasard das als Kompliment gemeint hatte, und doch zu keinem Ergebnis gelangte, rief der Seewolf zum Großmasttopp hinauf: „Du hast genau eine Stunde Zeit, Dan. Falls du die ‚Ghost‘ dann noch nicht aufgespürt hast, drehen wir um.“

Im Westen zog Dunst auf, das Land verschwand wieder hinter der Kimm. Nur entlang der Ostküste hielt sich die Sonne noch, aber auch da war zu erkennen, wie ihre Strahlen die Feuchtigkeit aus dem Dschungel sogen. Erste Wolkenschleier bildeten sich. Trotz des anhaltenden Westwindes hingen sie anscheinend unverrückbar in einigen hundert Yards Höhe.

Dan spürte die „Ghost“ nicht auf. Selbst als die Schebecke dichter unter Land ging, sah er nur die Segel von Fischerbooten. Hasard befahl schließlich die Wende.

Die Schebecke tauchte geradewegs hinein in einen neuerlichen Regenguß. Aber schon nach kurzer Zeit schien wieder die Sonne. Verheißungsvoll spannte sich ein Regenbogen über dem Arabischen Meer.

Kurz nach Einbruch der Nacht passierten die Arwenacks die Tapti-Mündung. Alles blieb ruhig. Von Ruthland und seiner Karavelle war nichts zu sehen.

„Wenn er wirklich schlau ist, hat er sich aus dieser Region zurückgezogen“, sagte Don Juan de Alcazar. „Hindustan ist groß, wir müssen uns nicht gegenseitig die Schädel einschlagen.“

Trotz dieser Feststellung blieb die Tonne am Großmast während der Nacht besetzt. Erst hielt Stenmark Ausguck, ab Mitternacht war Bill an der Reihe, und Sam Roskill löste ihn exakt beim vierten Doppelschlag der Schiffsglocke ab.

„Keine Vorkommnisse“, meldete Bill, bevor er das Spektiv übergab und über die Großwanten abenterte.

Im Osten zeigte sich bereits eine fahle Helligkeit. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte aus wechselnden Richtungen. Hin und wieder trieb ein Schleier unangenehmer Nässe heran.

Falls irgendwo in der Nähe eine Siedlung war, lagen die Einheimischen noch im wohlverdienten Schlaf. Keine noch so schmale Rauchfahne kräuselte sich in den frühen Morgenhimmel.

Plötzlich stutzte Roskill.

Steuerbord voraus, Richtung offenes Meer, lag noch die undurchdringliche Dunkelheit der Nacht. Aber dort war ein winziges Flackern zu sehen. Während Sam versuchte, mehr zu erkennen, verschwamm es vor seinen Augen.

Er setzte den Kieker ab, blinzelte, wischte sich über die Augen und polierte vorsorglich die beiden Linsen des Spektivs.

Das stete Stampfen und Rollen des Schiffes war schuld daran, daß er das bißchen irrlichternde Helligkeit nicht sofort wiederfand. Aber seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus.

Er hatte sich nicht getäuscht. Da draußen war etwas, was er noch nicht einzuordnen vermochte. Auf jeden Fall kein Schiff, denn eine Hecklaterne wäre größer und heller gewesen. Die Entfernung schätzte er auf ungefähr eine halbe Seemeile, vielleicht ein bißchen mehr. Da der Mond schon lange untergegangen war und sich die meisten Sterne hinter Wolkenschleiern verbargen, war es wohl keine bloße Spiegelung.

„Deck!“ rief Sam Roskill halblaut nach unten. „Da treibt etwas, vorlich an Steuerbord, etwa eine halbe Meile entfernt!“

„Für was hältst du es?“ fragte Blacky zurück, der auf der Kuhl Wache ging.

„Ich weiß nicht. Die ‚Ghost‘ ist es kaum, und für ein Fischerboot ist es zu weit draußen.“

Wenig später war die Mannschaft an Deck versammelt. Der Kurs wurde geändert. Die Schebecke lief erst über Steuerbordbug und entfernte sich scheinbar von dem gesichteten Objekt, ging dann aber auf den anderen Bug und schloß schnell wieder auf.

Dan O’Flynn stand auf der Back und beobachtete ebenfalls. Ein winziges Licht tanzte auf den Wellen.

„Sieht so aus, als hätten wir ein Floß vor uns!“ meldete Sam Roskill aus der Tonne.

Wenig später erkannte es auch Dan von seinem tiefergelegenen Standort.

„Da sind Leute auf dem Floß!“

„Die Laternen an!“ befahl Hasard.

Augenblicke später verbreitete die Schebecke einen fahlen Schein um sich herum. Die große Hecklaterne spiegelte sich vielfach im Wasser.

Außerdem zog die Dämmerung herauf. Der Himmel nahm allmählich eine graue Färbung an.

„Da, sie haben uns entdeckt und winken!“ rief Dan.

Und Sam Roskill fügte aus der Höhe hinzu: „Es sind zwei Männer.“

Der Seewolf gab den Befehl zum Beidrehen. Bei fünfzig Yards Distanz wurde das Großsegel ins Gei gehängt und die Fock herumgeholt. Mit immer noch beachtlicher Geschwindigkeit schoß die Schebecke auf das kleine Floß zu und schien es untermangeln zu wollen. Aber Pete Ballie an der Pinne verstand sein Handwerk wie überhaupt jeder der Arwenacks. Er legte Ruder, als die backgebraßte Fock die Fahrt zu vermindern begann.

Gerade noch fünf Yards trennten letztlich den Dreimaster und das Floß, das alles andere als seetüchtig wirkte. Auf zwei roh zugehauenen, ungeschälten Baumstämmen war ein dichtes Geflecht aus Bambus verschiedenster Stärke mit Lianen vertäut.

Die Zwillinge warfen die Belegleinen aus.

Gleich darauf stutzten sie. Vertraute Laute erklangen. Die beiden Männer, ihrem Aussehen nach stammten sie ohnehin aus der Alten Welt, redeten spanisch.

„Sieht ganz so aus, als würde der zu erwartende Kuchen immer kleiner“, sagte Ben Brighton. „Jetzt geben sich nicht nur Portugiesen und Holländer ein Stelldichein, sondern auch die Dons sind da. Fehlt nur noch, daß das nächste Schiff, dem wir begegnen, für die Hanse segelt.“

„Genau so wird es sein“, bekräftigte Mac Pellew.

Don Juan de Alcazar brachte inzwischen die Jakobsleiter aus. Er beugte sich über das Schanzkleid und rief nach unten: „Ich nehme an, ihr könnt aus eigener Kraft aufentern. Dies ist zwar ein englisches Schiff, aber wir segeln mit gemischter Mannschaft. Also keine Furcht, Señores, niemand an Bord beißt, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.“

Die Arwenacks lachten verhalten.

Hilfreiche Hände streckten sich den Spaniern entgegen und zogen sie über die Verschanzung, als sie nacheinander nach oben kletterten. Beide wirkten zwar mitgenommen, aber noch lange nicht erschöpft. Länger als zwei oder drei Tage trieben sie bestimmt nicht auf dem Floß.

Der eine war ein wahres Gerippe, so dürr, daß man glaubte, bei jeder Bewegung seine Knochen klappern zu hören. Mac Pellew bedachte ihn mit mißbilligenden, abschätzenden Blicken. Wahrscheinlich zerbrach sich der Koch bereits den Kopf darüber, was er alles auftischen müsse, um diese Vogelscheuche zu einem normalen Menschen aufzupäppeln.

„Die Spanier scheinen einen lausigen Koch gehabt zu haben“, flüsterte Jan Ranse neben Mac Pellew. „Denkst du darüber nach?“

„Erst wenn man das Elend sieht, weiß man die eigenen Wohltäter zu schätzen“, erwiderte der Kombüsenmann weise.

Aus tief in den Höhlen liegenden, blutunterlaufenen Augen schaute sich der Don um. Er hatte ein Geiergesicht, das durch die kräftigen Bartstoppeln noch betont wurde.

Der andere Mann war ebenfalls hager, wirkte aber dennoch kräftig. Sein Blick hatte etwas Stechendes, was nicht zuletzt an seinem starren, verkniffenen Gesichtsausdruck lag.

Nachdem Hasard die Spanier seinerseits ausgiebig gemustert hatte, trat er vor. „Ich bin Kapitän Philip Hasard Killigrew. Der Mann neben mir ist Ben Brighton, unser Erster Offizier, und mit Don Juan de Alcazar, einem Landsmann von Ihnen, haben Sie ja schon gesprochen.“

„Julián Carmona, Señor Capitán.“ Der Knochenmann nannte seinen Namen. „Mein Begleiter ist Pilar Aparicio. Wir danken Ihnen und Ihrer Mannschaft für die Hilfe. Es scheint nicht leicht zu sein, vor diesem Kontinent wirklich Freunde zu finden.“

„Was ist geschehen?“ fragte Don Juan.

„Das ist eigentlich mit wenigen Worten gesagt“, erklärte Carmona. „Nur – mit rauher Kehle redet sich’s schlecht.“

Daran hatte im ersten Moment niemand gedacht. Die Spanier wirkten nicht, als wären sie dem Hungertod nahe, und verdursten konnte wegen der häufigen Regengüsse auch keiner. Außerdem lag die Küste ohnehin nur gerade drei Seemeilen querab.

Der Profos zauberte ein halbvolles Rumfläschchen hinter seinem Rücken hervor – oder auch ein halbleeres, das lag einzig und allein daran, welchen Standpunkt man vertrat.

„Nicht so hastig trinken“, sagte er warnend. „Wenn einer tagelang nichts gegessen hat, berauscht der Rum sehr schnell.“

„Danke“, murmelte Pilar Aparicio, setzte die Flasche an die Lippen und trank, bis ihm der Rum über die Bartstoppeln rann. Anschließend reichte er das fast leere Fläschchen weiter.

„Unser Schiff war die ‚El Cobayo‘, ein kleiner, schneller Zweimaster mit nur geringer Mannschaft. Der Kapitän wollte sich mit eigenen Augen vom Reichtum Indiens überzeugen und Gewürze bunkern, deren Erlös eine neue Expedition finanzieren sollte. Leider liefen wir einem Portugiesen vor die Rohre.“

„Die Hunde haben uns, ohne zu zögern, angegriffen und versenkt“, ergänzte Julián Carmona. „Fünfzehn Kanonen gegen vier – wir hatten keine Chance.“ Er setzte die Flasche nochmals an, stellte fest, daß sie leer war, und warf sie in hohem Bogen über Bord.

„Das war weiter nördlich.“ Aparicio übernahm wieder das Wort. „Wir hätten nie geglaubt, daß die Portugiesen euch schon so nahe am Tapti-Fluß gefaßt haben.“

„Wann ist das ‚Meerschweinchen‘ untergegangen?“ fragte Hasard.

„Vor fünf Tagen“, sagte der Hagere. Das Knochengestell nickte eifrig dazu. „Wir sind die einzigen Überlebenden. Als die Pulverkammer in die Luft flog, standen wir auf der Back, das hat uns wohl das Leben gerettet. Danach konnten wir uns an aufschwimmenden Fässern festhalten. Bloß die Küste war mies – Mangroven, Sumpf und Urwald. Wir haben versucht, uns nach Süden durchzuschlagen, aber das ist die Hölle. Unmöglich, sage ich euch, nicht nur wegen der Heerscharen von Mücken und der vielen Schlangen.“

„Deshalb also das Floß“, sagte Don Juan. „Besonders seetauglich scheint es nicht zu sein, vom fehlenden Segel ganz zu schweigen.“

„Wir wollten auch nicht aufs Meer hinaus, sondern nur an der Küste entlang nach Süden“, erklärte Julián Carmona.

„Im Süden, in Goa, sitzen die Portugiesen.“

Carmona lachte verhalten. „Engländer müssen nicht alles wissen.“

„Das ist uns auch recht“, sagte Ben Brighton mißlaunig. „Dann setzen wir euch also hier an Land ab. Oder ihr geht mit eurem Bambusfloß wieder in See. Ausrüstung ist ja vorhanden.“

„Was heißt Ausrüstung?“ Der Knochenmann starrte den Ersten Offizier an, als sei er plötzlich vom Donner gestreift worden.

„Nun ja“, sagte Ben. „Ich habe eine Laterne gesehen …“

„Die stammt von der ‚El Cobayo‘ und war zusammen mit Öl und Feuersteinen in einem der Fässer.“

Ben Brighton fuhr ungerührt fort: „Einen Schiffshauer, jeder von euch trägt einen Dolch im Gürtel – und Proviant und ein volles Wasserfaß stellen wir selbstverständlich zur Verfügung.“

„Das – das können Sie nicht tun.“ Carmona wurde sichtlich blaß. „Die Strömung treibt uns aufs offene Meer hinaus.“

„Ist es nicht genau das, was Sie wollten?“ fragte Hasard.

Pilar Aparicio ließ einen abgrundtiefen Seufzer vernehmen.

„Schätzungsweise zehn bis fünfzehn Meilen von hier gibt es eine versteckte Bucht. Dort stoßen wir auf jeden Fall auf Landsleute.“

Hasard zog die Brauen hoch. „Sieh da“, sagte er. „Die Dons wachsen also neuerdings auf den Bäumen, oder sie stehen einfach nur so herum.“

Aparicio schluckte schwer. Der Seitenhieb hatte gesessen.

„Spanien ist im Begriff, eine erste heimliche Niederlassung aufzubauen“, gestand er. „In der Bucht stehen bereits ein halbes Dutzend Häuser. Esperanza – Hoffnung – heißt die Siedlung, sie wird inzwischen regelmäßig von Schiffen angelaufen.“

„Die ‚El Cobayo‘ war also gar nicht so zufällig vor Surat?“

„Nein“, sagte Aparicio zerknirscht.

„Ist das alles, oder haben Sie noch mehr Halbwahrheiten zu berichtigen?“

„Señor …“

„Schon gut.“ Hasard winkte großzügig ab. Er wollte sich umdrehen und zum Achterdeck hochsteigen, aber die Spanier redeten gleichzeitig auf ihn ein.

„Señor Capitán! Wir würden es begrüßen, wenn Sie uns vor Esperanza absetzen könnten. Selbstverständlich werden Sie für Ihre Bemühungen entschädigt.“

Einige Arwenacks feixten. Daß Spanier ihnen freiwillig Geld anboten, geschah in der Tat recht selten.

„Wie viele Schiffe der glorreichen spanischen Flotte liegen derzeit vor Esperanza vor Anker?“ fragte Hasard.

„Wahrscheinlich eine Galeone“, erwiderte der Knochenmann. „Sofern der Capitán nicht inzwischen die Suche nach der ‚El Cobayo‘ befohlen hat.“

5.

Die Tage vergingen in quälender Langsamkeit.

Sämtliche Arbeiten an der „Aguila“ waren inzwischen abgeschlossen. Das Schiff lag am Kai im Hafen von Cádiz vertäut, aber Capitán César Garcia hatte der Mannschaft den Landgang verboten. Statt dessen hatte er für jeden Tag Gefechtsübungen befohlen. Vom ersten Morgengrauen bis nach Einbruch der Dunkelheit erfolgte ein gnadenloser Drill an den Geschützen und in der Takelage.

Garcia, der ohnehin als scharfer Hund verschrien war, entwickelte sich zum Tyrannen, der seine schlechte Laune an jedem ausließ, der ihm irgendwie auffiel.

Juarez Molina, der Erste, stand ihm in dieser Hinsicht kaum nach.

Das Geschützexerzieren auf dem engen Batteriedeck, dessen lichte Höhe nur etwas mehr als fünf Fuß betrug, wurde zur Qual.

Garcia war sich selbst nicht mehr gut. Am liebsten hätte er die Kanonen mehrmals am Tag abfeuern lassen, doch ihm fehlte ein brauchbares Ziel, an dem er seinen Ärger austoben konnte.

Der Unfall, der sich am 12. Dezember, also nach beinahe zwei Wochen schier unmenschlicher Anstrengungen ereignete, mochte sinnbildlich für den Zustand aller Männer an Bord des Kriegsschiffs sein.

Beim Abschlagen der Segel und Fieren der Rahen löste sich die Großmarsrah aus dem Rack. Zwei Kerle wurden von der Rah, die ein beachtliches Loch in die Decksplanken schlug, mit in die Tiefe gerissen. Drei weitere Decksleute konnten nicht mehr ausweichen und wurden zerschmettert.

Eine Untersuchungskommission gelangte vier Tage später zu der Erkenntnis, daß den Kommandanten keine Schuld träfe, er hätte schließlich versucht, die Fähigkeiten der Mannschaft auf den höchstmöglichen Stand zu bringen. Aber gegen die Dummheit einzelner wäre eben kein Kraut gewachsen.

Der Vormann am Großmast wurde für unschuldig befunden, durch zu lasche Aufsicht den Tod von fünf Männern herbeigeführt zu haben. Da jedoch nicht ganz auszuschließen war, daß einige dieser Männer infolge zu hohen Alkoholgenusses in ihren Reaktionen beeinträchtigt waren, lautete das Urteil lediglich auf siebzig Peitschenhiebe. Es wurde am nächsten Tag auf dem Platz vor den Hafenanlagen vollstreckt.

Capitán Garcia stand in der vordersten Reihe der Zuschauer. Obwohl es ihm äußerlich nicht anzusehen war, genoß er die Bestrafung, die Disziplin und Kampfmoral an Bord bestimmt heben würde.

Der Vormann war längst ohne Besinnung, als er nach den siebzig Hieben losgebunden wurde. Er starb eine Stunde später.

Für Garcia war das Grund genug, den Drill noch härter fortzusetzen. Seine Mannschaft schwitzte Blut und Wasser.

Am 16. Dezember kehrte endlich der berittene Bote vom Hof Philipps III. zurück. Er überbrachte ein Schreiben mit königlichem Siegel, dessen Inhalt César Garcias schlimmste Befürchtungen bestätigte.

Der Konvoi von elf Schatzschiffen aus der Neuen Welt hatte vom Sonderbeauftragten Seiner Majestät, Don Julio de Vilches, in Santa Cruz de Tenerife übernommen und nach Spanien geleitet werden sollen. Der Zielhafen wurde auch jetzt nicht genannt. Philipp III. verlieh jedoch seiner übergroßen Besorgnis Ausdruck, die aus dem Fehlen jeglicher Nachricht erwuchs. Die Schiffe waren überfällig.

„Verdammt!“ sagte Capitán César Garcia, als er das Schreiben an Admiral Mendez zurückreichte.

„Das kann nicht alles sein, Capitán, was Sie zu sagen haben.“

„Natürlich nicht.“ Garcia hatte Mühe, sein Temperament zu zügeln. „Wenn man auf mich gehört hätte, wäre bereits vor Wochen eine Suchflotte in See gegangen. Ich wiederhole hier nochmals, was ich stets deutlich zu verstehen gegeben habe: Der Konvoi wurde von Schnapphähnen aufgebracht und ist für die Krone verloren, wenn wir nicht schnell handeln.“

Mendez lächelte mitleidig. Inzwischen mischte sich aber ein Zug von Nachdenklichkeit in dieses Lächeln.

„Es geschieht zwar gelegentlich, daß eine oder zwei Galeonen von Piraten gekapert werden – aber gleich elf Schiffe? Das ist lächerlich.“

„Wie erklären Sie sich dann den falschen Don Julio de Vilches an Bord eines Schiffes, wie es in aller Regel von Mittelmeerpiraten gesegelt wird?“

„Vorerst gar nicht. Sie selbst, Capitán, haben ausgesagt, daß Sie mit Ihrem Freund, Don Ricardo de Mauro y Avila, an Bord des Flaggschiffs ‚Salvador‘ gesprochen haben. Ich nehme an, an seiner Loyalität hegen Sie keinerlei Zweifel.“

„Natürlich nicht, Admiral.“

„Don Ricardo hat Ihnen gegenüber nichts von Schnapphähnen erwähnt?“

„Er war über die angebliche geheime Order Don Julios verärgert.“

„Die drei Geleitschiffe, die Sie an Stelle der ‚Casco de la Cruz‘ angetroffen haben …“

„… waren natürlich Spanier, Admiral. Wenngleich – auf der ‚Isabella‘ schien einiges im argen zu liegen. Kapitän und Offiziere hatten offenbar ein besonders vertrauensvolles Verhältnis zur Mannschaft.“

„Solange die Disziplin nicht darunter leidet, erscheint mir ein solches Verhalten nicht verwerflich.“

„Admiral.“ Garcia sprang aus dem Sessel auf, in dem er Mendez gegenüber Platz genommen hatte. „Eine Verbrüderung des einfachen Schiffsvolks mit den Offizieren würde untragbare Zustände heraufbeschwören.“

„Bitte, Capitán, nehmen Sie wieder Platz. Ich verstehe Ihre Erregung, wenn ich sie in dieser Hinsicht auch nicht in vollem Umfang teile. Wir schweifen lediglich vom Thema ab. Die Möglichkeit besteht, daß Don Julio de Vilches den Konvoi zu einer unserer nördlichen Hafenstädte geleitet hat. Vigo, La Coruña oder Santander bieten sich dafür an. Nein, Capitán, zügeln Sie Ihr Temperament und lassen Sie mich ausreden.“ Mit einer heftigen Handbewegung schnitt der Admiral Garcia das Wort ab, ehe er überhaupt etwas sagen konnte. Verhaltener fuhr er fort: „Ich kenne und schätze Ihre Leistungen. Deshalb, und nur deshalb, habe ich mir erlaubt, weitere Boten zu unseren Hafenstädten zu schicken. Ich bin überzeugt, wir werden in Kürze endgültig Gewißheit erlangen.“

„Nur Stunden nach der Unterredung mit Admiral Mendez trifft die Schaluppe aus Vigo ein. Statthalter Don Jaime La Roda hat nie etwas von einem Konvoi gehört und gar gesehen. Dummerweise gibt es jedoch die Aussagen eines Teniente und zweier Kapitäne, daß eine Flotte verproviantiert wurde. Irgend jemand will sogar vernommen haben, daß die Schiffe Santander als Ziel hatten.

An Santander glaube ich nicht. Die Übernahme von Proviant weist darauf hin, daß die Schatzschiffe noch eine längere Distanz zurückzulegen hatten.

Also doch Kurs Irland? Aber das Schreiben Seiner Majestät spricht dagegen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, daß Verrat im Spiel und der Konvoi für Spanien verloren ist. Franzosen, Holländer oder Engländer haben den größten Fischzug der Geschichte durchgeführt. Es ist unglaublich.

Ich werde zu retten versuchen, was noch zu retten ist.“

Logbucheintragung vom 16. Dezember 1598.

„Gibt es eine schlimmere Demütigung, als hinter vorgehaltener Hand ausgelacht zu werden? Ich erhalte keine Flotte von Kriegsschiffen, mit der ich der Spur des Konvois folgen könnte. Solange der königliche Befehl ausbleibt, gibt es keine verschwundenen Schatzschiffe.

Allerdings wurde mir bedeutet, ich könnte meinen Aufenthalt und den der ‚Aguila‘ frei bestimmen.

Genau das werde ich tun. Morgen, Schlag sechs Uhr, beginnt das Bunkern von Proviant und Munition. Ich hoffe, daß die Arbeiten bis zum Einbruch der Nacht beendet sein werden.

Die ‚Aguila‘ geht wieder in See. Ich habe el Lobo del Mar aufgespürt und besiegt, ich werde nicht ruhen, bevor mir das Schicksal der Schatzschiffe klar ist. Und wenn es eine verdammt lange Reise wird …“

Logbucheintragung vom 18. Dezember 1598.

Der 20. Dezember war ein kühler und regnerischer Tag, an dem ein steifer Westwind den Atlantik aufpeitschte. Trotzdem verließ die „Aguila“ beim ersten Morgengrauen den sicheren Schutz der Bucht von Cádiz. Capitán César Garcia wollte keine Stunde länger als unbedingt nötig warten.

Das Wetter blieb trist und stürmisch. Erst am Mittag des dritten Tages rundete das Kriegsschiff Kap São Vicente in weniger als zwei Seemeilen Entfernung. Nicht ein portugiesisches Schiff war zu sehen.

In der Folge gewann der Sturm noch an Heftigkeit. Dem Kapitän blieb nur die Wahl, entweder umzukehren und einen sicheren Hafen anzulaufen oder weiter auf die offene See hinaus zu kreuzen, um zu vermeiden, daß das Schiff auf Legerwall getrieben wurde. Garcia entschied sich für letzteres.

Selbst die Sturmsegel hielten dem peitschenden Regen und den Sturmböen nicht stand. Das Tuch zerfetzte, kaum daß es angeschlagen war.

Mannshohe Brecher rollten über Deck und zerschlugen Teile der Verschanzung und der Aufbauten. Die „Aguila“ wurde zum Spielball der entfesselten Elemente. An eine Umkehr war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken.

Die Hölle hatte sich aufgetan und schickte sich an, den Viermaster zu verschlingen. Alle halbe Stunde wechselten die Mannschaften an den Lenzpumpen ab, aber selbst durch die verschalkten Luken drang mehr Wasser ein, als die Pumpen wieder nach draußen beförderten.

An Schlaf war nicht zu denken. Zwei Tage hindurch tobte der Sturm mit unverminderter Heftigkeit, dann schien er endlich seinen Höhepunkt überschritten zu haben.

„Das Schlimmste haben wir hinter uns, falls der Sturm nicht wieder losbricht. Die Schäden sind beträchtlich, aber es ist nichts, was sich nicht beheben ließe.

Wir haben zwei Decksleute verloren: Jorge Ruente und Mañuel Martin. Sie wurden über Bord gespült. Der Herr sei ihren armen Seelen gnädig.

Wir versuchen, weiterhin Nordkurs zu steuern. Eine Peilung ist noch unmöglich, aber ich glaube, wir liegen ungefähr auf der Höhe von Cabo de Espichel.“

26. Dezember 1598.

„Inzwischen ist Ruhe eingekehrt. Ein schwacher Wind aus wechselnden Richtungen hindert uns daran, gute Fahrt aufzunehmen. An Steuerbord liegt die Küste Galiciens, das ist weniger, als ich erhofft hatte. Santander anzulaufen, würde jetzt einen zusätzlichen Zeitverlust bedeuten. Ich bin mir nahezu sicher, daß unsere Schatzschiffe nach England verschleppt wurden. Wer außer diesen Ketzern könnte schon auf eine derart wahnwitzige Idee verfallen?

Die ‚Aguila‘ nimmt deshalb Kurs auf die Südwestspitze Englands. Ich muß eine Spur des Konvois finden, koste es, was es wolle.

Zur Hebung der Moral erhält die Mannschaft eine Sonderration Rum. Niemand soll mir nachsagen, wir hätten den Jahreswechsel nicht gebührend gefeiert.“

31. Dezember 1598.

Die folgenden Tage verliefen mehr oder weniger ereignislos. Ein Kälteeinbruch sorgte für leichten Schneefall, doch war die weiße Pracht jeweils bis zum Mittag wie weggewischt.

Vor Brest griffen drei Schaluppen an, aber die französischen Schnapphähne bissen sich an der „Aguila“ die Zähne aus. César Garcia schickte alle drei zu den Fischen. Danach besserte sich seine Laune ein wenig.

Stunden nach dem Gefecht meldete der Ausguck im Großmars Segel Steuerbord voraus.

Erneut wurde die „Aguila“ in Gefechtsbereitschaft versetzt. Sieben Galeonen näherten sich aus Östlicher Richtung.

„Engländer?“

„Sie führen keine Flaggen im Topp.“

Garcia dachte nicht daran, auf Ausweichkurs zu gehen. Er ließ die Kanonen ausrennen. Auf diese Weise gewappnet, konnte er den in Kiellinie segelnden Galeonen ruhig entgegensehen. Sofern ein Gefecht unvermeidbar war, stand er deshalb zunächst nur zwei Schiffen gegenüber. Bis die anderen aufschlossen, konnte die „Aguila“ wieder auf Distanz gehen.

„Batteriedeck, beide Batterien feuerbereit!“ erklang die Meldung.

„Kuhl feuerbereit!“

„Feuern nur auf meinen Befehl – oder falls wir angegriffen werden! Ausguck?“

„Unverändert, Capitán. Keine Flaggen.“

Ein wahnwitziger Gedanke durchzuckte Garcia. Er schob ihn sofort wieder weit von sich. Die sieben Galeonen hatten mit dem Konvoi sicher gar nichts zu tun.

„Achtung!“ brüllte der Ausguck. „Das Führungsschiff hißt Flagge!“

Die vorderste Galeone war inzwischen so weit heran, daß sie auch vom Achterdeck aus zu sehen war. Durchs Spektiv erkannte Garcia die Farben Spaniens.

„Es könnte eine Finte sein“, gab der Erste Offizier zu bedenken.

„Sparen Sie sich solche Bemerkungen, Molina!“ Der Kapitän reagierte gereizt. „Oder glauben Sie, ich wüßte das nicht selbst?“

„Doch, Capitán, natürlich. Verzeihen Sie.“

César Garcia hob das Spektiv wieder vors Auge. Noch konnte er kaum Einzelheiten erkennen, dafür war die Entfernung zu groß. Aber die Schiffe segelten aufeinander zu.

„Wenn es wirklich Spanier sind, verstehe ich, warum sie ihre Flagge erst jetzt zeigen. Immerhin haben sie englische Gewässer hinter sich.“

Der Kapitän schwieg. Nur seine Haltung verriet seine übergroße Anspannung.

„Es könnten durchaus spanische Galeonen sein“, sagte er nach einer Weile und fügte hinzu: „Schatzschiffe.“

Der Erste Offizier blickte ihn entgeistert an.

„Sehen Sie sich die Galion des Führungsschiffs an!“ forderte Garcia. „Außerdem die Heckgalerie und die Aufbauten im Bereich des Achterschiffs.“

Juarez Molina nahm den Kieker entgegen, den der Kapitän ihm reichte. Eine Weile blickte er hindurch, dann zuckte er mit den Schultern.

„Haben Sie das Schiff schon einmal gesehen?“ herrschte Garcia ihn an.

„Mein Gott, ja, vielleicht. Ich kann es nicht mit Gewißheit behaupten.“

„Viele Schiffe haben unverwechselbare Besonderheiten. In unserem Fall zum Beispiel die Galion, sie wurde nachträglich eingepaßt. Ab der Zurring ist die klare Linienführung unterbrochen, da war ein Zimmermann am Werk, der zu viele Schnitzereien angebracht hat. Für einen Teil der Heckgalerie gilt das gleiche.“

Molina nickte knapp. „Jetzt sehe ich es auch“, sagte er. „Das Schiff dürfte in der Tat unverwechselbar sein.“

„Es ist die ‚Salvador‘“, erklärte Garcia, „das Flaggschiff Don Ricardos.“

Dem Ersten blieb vor Überraschung die Spuke weg.

„Das – das ist der Konvoi?“ fragte er.

„Sie können es für Zufall halten – oder für Teufelswerk. Ich sage, es handelt sich um eine Fügung des Schicksals.“

Juarez Molina nickte stumm. Ungläubig starrte er zu der kleinen Flotte hinüber und fragte sich, was die Begegnung wohl zu bedeuten habe.

Garcia befahl ein Manöver, das die „Aguila“ auf Parallelkurs zur „Salvador“ brachte. Die Entfernung betrug danach noch knapp vierhundert Schritte. Die Geschütze blieben ausgerannt.

Während der weiteren Annäherung beobachtete der Kapitän selbst wieder durchs Spektiv. Er suchte Don Ricardos vertrautes Gesicht auf dem Achterdeck, aber er fand es nicht.

Endlich wurden von der „Salvador“ Signale gegeben.

„Wir gehen längsseits!“ bestimmte Garcia. „Aber Vorsicht, falls es sich doch um eine Falle handelt.“ Mittlerweile traute er englischen Piraten und Schnapphähnen so ziemlich alle nur erdenklichen Schandtaten zu, aber das behielt er lieber für sich.

Kurze Zeit später lagen beide Galeonen mit aufgegeiten Segeln nebeneinander. Der Kapitän erkannte einige der Männer auf der „Salvador“ wieder.

„Fragen Sie, warum Don Ricardo es nicht für nötig hält, uns zu begrüßen!“ forderte er den Ersten auf.

Molina brauchte nicht sonderlich laut zu rufen, um auf dem Achterdeck des Flaggschiffes verstanden zu werden.

„Der Generalkapitän ist tot“, lautete die unerwartete Antwort. „El Lobo del Mar hat ihn getötet.“

Der Seewolf?

Das war ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, der englische Bastard beherrschte tatsächlich die Kunst, an mehreren Orten gleichzeitig zu erscheinen.

César Garcia befahl den neuen Kapitän der „Salvador“, den früheren Ersten Offizier Miguel Salcho, zu sich an Bord.

Salcho war schon immer ein pedantischer Klugscheißer mit Hang zur Kleinlichkeitskrämerei gewesen, aber diesmal hörte Garcia ihm zu, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen.

Er berichtete Einzelheiten, die dem Kapitän ein ungläubiges Kopfschütteln entlockten. Die Dreistigkeit, mit der die Engländer vorgegangen waren, ließ sich kaum überbieten.

Der Zweikampf zwischen diesem verfluchten Killigrew und Don Ricardo de Mauro y Avila war ein Kampf um die Ehre des Spaniers gewesen. Unnötig, wie Salcho behauptete, denn dann wäre Don Ricardo noch am Leben.

César Garcia fühlte sich, als hätte ihm jemand die Beine unter dem Leib weggezogen. Er hatte dem Seewolf also schon von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, er hatte ihm sogar von seiner Absicht erzählt, el Lobo del Mar zu jagen und zur Strecke zu bringen.

Wenn das bekannt wurde, war ihm der Spott der Marine sicher. Daß niemand die Maske des falschen Don Julio de Vilches durchschaut hatte, spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle – ebenso, daß in Cádiz der Leichnam irgendeines Piraten verbrannt worden war.

Nur mehr mit halbem Ohr hörte Garcia zu, als Miguel Salcho von der hervorragenden Behandlung seiner Männer in England berichtete. Der Seewolf hatte Wort gehalten und die Spanier nach dem Entladen ihrer Schiffe auf den Heimweg geschickt.

„Wo finde ich den Bastard?“

„Er ist noch in London“, sagte Salcho. „Nur eins seiner Schiffe segelte themseabwärts mit uns, nahm dann aber Kurs auf die Nordsee.“ Da es ihm offenbar nicht schwerfiel, Garcias düstere Gedankengänge nachzuvollziehen, fügte er hinzu: „Ich würde nicht versuchen, den Seewolf in seiner Heimat anzugreifen. Das wäre so, als springe jemand in haiverseuchtem Gewässer über Bord.“

„Señor Salcho hat recht“, sagte Juarez Molina. „Jeder Versuch, el Lobo del Mar unter diesen Umständen anzugreifen, würde tödlich enden.“

Langsam wandte sich der Capitán ihm zu. Er schien soeben aus einem langen Traum erwacht zu sein. Aber gleich darauf schweifte sein Blick wieder nach Norden ab, wo weit hinter der Kimm England verborgen lag.

„Kein Wolf bleibt lange in seiner Höhle“, sagte er. „Sobald er sich hervorwagt, haben wir ihn. Und wenn ich ihn bis ans Ende der Welt jagen müßte.“

Noch ahnte César Garcia nicht, welch tiefere Bedeutung diese Worte haben sollten.

„Ich warte auf dich, Bastard, und diesmal erwische ich nicht den Falschen.

Ich warte vor La Coruña, während die sieben Galeonen weiter nach Süden segeln. Keiner der Kapitäne wollte an meiner Seite kämpfen – sie sind Verräter, die den Strick verdienen. Auch wenn sie heute glauben, ihre Haut gerettet zu haben, ich vergesse nicht, daß sie mit ihrer Handlungsweise den Seewolf schützen. Spanien darf sich Gefühlsduseleien nicht erlauben.

Zur Hölle mit dem Engländer!“

Aus dem Logbuch der „Aguila“, Aufzeichnung des Kommandanten César Garcia vom 8. Januar 1599.

„Endlich!

Ich wußte, daß sich wochenlanges Warten auszahlt.

Fischer haben die Schebecke gesehen. Sie segelte nach Süden und wohl nur wenige Meilen an unserer Position vorbei. Vielleicht hätten wir den Dreimaster bei Tage sogar selbst entdeckt.“

Diese Eintragung wurde weder mit Datum noch mit Unterschrift versehen. Statt dessen prangte die Skizze eines Galgens unter dem Text.

6.

Monate später, vor der Nordwestküste Indiens.

„Jetzt geht das Scheißwetter schon wieder los“, fauchte Old Donegal Daniel O’Flynn wütend. Er deutete zu der im Süden heraufziehenden riesigen Wolkenbank, die im Licht der Mittagssonne hell erstrahlte. „Mein Bein zwackt.“

„Welches Bein?“ fragte Will Thorne wie beiläufig. Der Segelmacher hockte auf einer Luke und flickte ein Marssegel.

„Das rechte“, sagte Old Donegal.

Will sah von seiner Arbeit nur flüchtig auf. „Dann ist es ja gut“, bemerkt er. „Dann bleibt das Wetter vermutlich wie es ist.“

Nach Tagen endloser Wolkenbrüche lockte der momentane Sonnenschein selbst die Freiwache an Deck. Die Männer hockten einfach zwischen den Culverinen, einige standen auch am Schanzkleid und beobachteten die vorbeiziehende Küste. Die Vegetation hatte sich seit der Mündung des Tapti nicht verändert. Mangroven und dichter, dampfender Urwald waren vorherrschend.

„Nichts ist gut!“ polterte Old Donegal. „Und schön bleibt es schon gar nicht.“

Will Thorne nähte in aller Seelenruhe weiter.

„Dein Holzbein spürt also, wie das Wetter wird“, sagte er. „Vielleicht treibt es eines Tages sogar grüne Blätter und Wurzeln.“

„Es schlägt aus!“ zischte Old O’Flynn. „Und wenn du dich nicht vorsiehst, tritt es dich mit aller Kraft in den Hintern.“

Die Wolkenbank zog schnell näher. Schon färbte sich ihre Unterseite dunkel. Erste schwere Tropfen fielen.

Old Donegal stimmte das Meckern eines Ziegenbocks an. „Da bist du sprachlos, Will, was?“

„Auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn, Donegal. War bestimmt sehr schwer, den Regen vorauszusagen, nachdem wir mindestens zwei Stunden Sonnenschein hatten.“

Old Donegal murmelte etwas, was sich anhörte wie „Banause“, und stieg den Niedergang zum Achterdeck hoch.

Hasard, Don Juan und Old Donegals Sohn, Dan O’Flynn, standen in der Nähe des Besanmastes. Die beiden schiffbrüchigen Spanier waren bei ihnen.

Sie redeten wie gute alte Bekannte miteinander. Indiens Schätze gaben ein schier unerschöpfliches Gesprächsthema ab. Blieb die Frage, wer wen auszuhorchen versuchte. Besonders viel schienen die Dons jedenfalls nicht über die Verhältnisse an Indiens Küste zu wissen.

„Warum gibt Spanien sich nicht mit dem zufrieden, was es aus der Neuen Welt herausquetscht?“ fragte Hasard geradeheraus. „Glaubt Philipp III., nun auch Indien ausplündern zu müssen?“

„Wir sind keine Piraten“, erwiderte der Knochenmann verdrossen.

Hasard nickte zustimmend.

„Das wäre auch hoffnungslos untertrieben“, sagte er.

Für einen Moment rang Pilar Aparicio um sein seelisches Gleichgewicht. Die Bemerkung hatte einen wunden Punkt getroffen.

„Wer in der Pulverkammer steht, sollte nicht mit dem Feuer spielen“, sagte er scharf. „Immerhin sind die Engländer ein Volk von Piraten.“ In seiner Erregung achtete er nicht darauf, was er sagte. Erst nachdem er den Satz ausgesprochen hatte, erschrak er über sich selbst. Prompt zuckte seine Rechte zum Dolch, aber keiner der Umstehenden traf Anstalten, Carmona und ihn anzugreifen.

„Das sind gewichtige Worte.“ Hasard verschränkte die Arme vor der Brust und blickte den Spanier herausfordernd an. „Ich nehme an, Señor, Sie haben Gründe für Ihre Erbitterung.“

„Heraus mit der Sprache, falls Sie das Gefühl haben, Schnapphähnen in die Hände gefallen zu sein!“ forderte Don Juan. „Wir ziehen niemanden aus dem Wasser, der nicht gerettet werden will.“

„Wollen Sie abstreiten, daß englische Schiffe unsere Schatzgaleonen kapern?“ fragte Julián Carmona.

„Wer so redet, sollte Roß und Reiter nennen“, sagte Dan O’Flynn.

„El Lobo del Mar, zum Beispiel“, entgegnete Carmona.

Dan sah Don Juan an, der bedachte Hasard mit einem erstaunten Augenaufschlag. Aber der Kapitän schürzte nur die Lippen und lächelte.

„Nie gehört“, versicherte er mit treuer Miene. „Wer ist das? Ein Engländer?“ Während er das sagte, beobachtete er Carmona und Aparicio.

Der Knochenmann zuckte unwillig mit den Mundwinkeln, sein Begleiter schien etwas erwidern zu wollen, unterließ dann aber doch jede Äußerung.

„Wir sind Ihnen dankbar, Capitán, daß Sie uns aufgefischt haben“, erklärte Julián Carmona. „Deshalb wollen wir keinen Streit.“

„Das ist eine durchaus kluge Einsicht. Sie würden nämlich den kürzeren ziehen.“ Dan konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.

Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden, daß sich die Spanier auf das achtere Grätingsdeck zurückzogen. Manch mißtrauischer Blick galt ihnen, doch die beiden unterhielten sich nur und starrten im übrigen die meiste Zeit ins Wasser.

Der Regen wurde heftiger, die Küste verschwand hinter wehenden Wasserschleiern. Hasard war gezwungen, dichter unter Land zu gehen, wollte er die Bucht der Spanier nicht verfehlen. Das Ziel lag wohl nur noch wenige Meilen voraus.

Erst ließ er das Besansegel wegnehmen, um nicht in voller Fahrt auf möglicherweise der Küste vorgelagerte Untiefen aufzubrummen, dann schralte der Wind, das heißt, er fiel vorlicher ein und zwang die Schebecke, abzufallen.

Urplötzlich herrschte Flaute. Von einem Augenblick zum anderen hingen die Segel schlaff an den Rahruten. Nur der Regen plätscherte unvermindert heftig aus dem wolkenverhangenen Himmel nieder. Das Meer war von bleierner Schwärze.

„Ich werde verrückt“, sagte der Profos grollend. „Da oben treiben die Wolken mit einem Affenzahn dahin, und hier unten ist nicht der leiseste Hauch zu spüren.“

„Beschwer dich bei dem alten Mann mit dem dichten grauen Bart“, rief Batuti.

„Da brat mir einer ein Kielschwein!“ rief Carberry aus. „Was hat Shane mit dem Scheißwetter zu tun?“

„Wieso Shane?“ fragte der Gambiamann verdutzt.

„Weil du Hirsch das gesagt hast.“

„Ich habe den anderen Mann gemeint. Den da oben.“ Batuti deutete in die Höhe, wo wirbelnde Wolkenfetzen vorübergehend ein Stück blauen Himmels erkennen ließen.

„Bist du besoffen? Kein Mensch ist im Ausguck.“

Batuti stieß ein verzweifeltes Seufzen aus, der Profos stand händeringend da und schüttelte den Kopf, und Roger Brighton, der das Mißverständnis mitangehört hatte, sagte grinsend: „Der Mann heißt Petrus, alles klar?“

Batuti nickte eifrig. „Richtig“, bestätigte er. „Das ist der Wolkenschieber.“

Als hätte es nur dieser Feststellung bedurft, heulte eine erste Bö durch die Takelage und zerrte an den nassen Segeln. Schwer legte sich die Schebecke nach Backbord, schwang zurück und nahm wieder Fahrt auf.

Der Wind sprang hin und her, als könne er sich nicht entschließen, aus einer Richtung zu wehen. Während der nächsten Stunde standen die Segel selten prall, sie killten und schlugen häufig. Das einzige, was sich nicht veränderte, war der Regen. Er fiel nahezu senkrecht.

Die Küste wurde felsiger. An einigen Stellen sprang der Urwald weit zurück. Kleine Einschnitte und Buchten häuften sich, aber letztlich wucherten wieder Mangroven am Wasser.

„Esperanza liegt vor uns“, verkündete Julián Carmona, der endlich das Grätingsdeck verließ und nach vorn ging.

Eine schmale Einfahrt öffnete sich vor der Schebecke. Die vorspringende Landzunge war dicht bewaldet. Palmen ragten auf, aber vor allem Mangroven bildeten mit ihren verfilzten Stelzwurzeln ein unüberschaubares Dickicht.

Die Sicht war schlecht und wurde durch kleine, dicht bewachsene Inseln zusätzlich behindert.

„Einige Fahrrinnen sind versandet“, sagte Carmona. „Halten Sie sich nach Backbord, Capitán Killigrew.“

„Muß ich loten lassen?“

„Hier nicht.“

„Sir!“ Dan O’Flynn hastete von der Kuhl aus den Niedergang zum Achterdeck hinauf. „Kann ich dich kurz sprechen?“

„Ist es wichtig?“

Dan warf dem Spanier einen forschenden Blick zu. „Unter vier Augen“, sagte er. „Ich habe da ein Problem.“

„Entschuldigen Sie mich.“ Der Seewolf wandte sich von der Balustrade ab und ging zu Dan.

Obwohl sich Julián Carmona Mühe gab, unbeteiligt zu erscheinen, lauerte er offensichtlich darauf, wenigstens einige Gesprächsfetzen zu erhaschen.

„Wieviel Englisch versteht der Bursche?“

„Willst du mich nur das fragen?“

Dan schüttelte den Kopf. Er zog den Kapitän mit sich, zur Kuhl hinunter.

„Ich habe nachgedacht“, eröffnete er dann. „Über den Spanier und seine Bemerkung über el Lobo del Mar …“

„Wir sind eben bekannt wie bunte Hunde.“

„Ich glaube nicht an einen Zufall, Sir. Nicht mehr nach der Geschichte, die uns die Dons aufgetischt haben. Ich behaupte sogar, es hat nie eine ‚El Cobayo‘ gegeben, die von Portus versenkt wurde.“

„Bist du sicher?“

„Die Tranfunzel gibt mir zu denken – schon der dumme Zufall, daß sie in einem Faß gelegen haben soll. Aber nicht nur das. Wer die Portugiesen fürchtet, zündet nachts keine Lampe an. Wozu auch? Das wäre nur nötig gewesen, wenn die beiden Kerle es darauf anlegten, aufgefischt zu werden, und zwar von uns. Frag mich nicht, warum oder woher die Dons überhaupt wissen konnten, daß wir ihnen über den Weg laufen.“

Hasard wandte sich flüchtig zum Achterdeck um. Julián Carmona lehnte inzwischen am Schanzkleid und betrachtete das langsam vorbeiziehende grüne Dickicht.

„Sag den Männern Bescheid! Ich will Ed und noch ein paar auf dem Achterdeck haben. Für die anderen gilt: Klarschiff zum Gefecht!“

„Aye, Sir!“

Hasard kehrte an seinen Platz vor dem Besanmast zurück.

„Schlechte Neuigkeiten?“ wurde er von Carmona empfangen.

„Wie man’s nimmt. Jedenfalls nicht von großer Bedeutung.“

Urplötzlich erklang ein mehrstimmiger Ausruf von der Kuhl: „Schiff Backbord querab!“

7.

„El Lobo del Mar steht mit dem Teufel im Bund, eine andere Erklärung gibt es nicht. Aus dem Großmars waren schon die Mastspitzen der Schebecke und eines zweiten Schiffes, wahrscheinlich der ‚Isabella‘ zu sehen, aber dann trennten sie sich. Die schlanke Galeone fiel nach Westen ab und kehrte vermutlich in die Karibik zurück.

Die Schebecke blieb auf Südkurs. Einen halben Tag lang folgten wir ihr, und zu Beginn der Nacht sahen wir den Schein ihrer Hecklaterne. Aber im Morgengrauen war sie verschwunden. Da der Wind konstant weht, gibt es keinen Grund zur Annahme, der Seewolf hätte den Kurs geändert. Eher ist es wohl so, daß der Teufel seine Segel bläht.“

Aus dem Logbuch der „Aguila“, Aufzeichnung des Kommandanten César Garcia vom 21. Januar 1599.

„Keine Spur von el Lobo und seiner Schebecke. Wir verlieren kostbare Zeit, aber ich muß sichergehen, daß der Bastard nicht die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer durchquert hat.

Juarez Molina bedrängte mich, Cádiz anzulaufen und von Admiral Mendez Verstärkung anzufordern. Er hat noch immer nicht begriffen.

Die Schebecke wurde nicht vor Tarifa gesehen. Also segelt der Seewolf weiter nach Süden. Ich weiß nicht, was er plant, aber ich weiß, daß ich ihn stellen werde.“

26. Januar 1599.

„Seit fünf Wochen kreuzen wir zwischen Marokko und Mauretanien, doch die Schebecke ist und bleibt verschwunden. Niemand weiß etwas, keiner hat das auffällige Schiff gesehen.

Die Männer murren. Noch wagen sie nicht, offen zu sagen, daß sie die Suche abbrechen wollen. Aber was sind schon Stürme und hohe See, gemessen an der vor uns liegenden Aufgabe? Ich werde ein Exempel statuieren und hart durchgreifen, ehe der Pöbel aufmüpfig wird. Der oder die heimlichen Rädelsführer erhalten jeder vierzig Peitschenhiebe.

Wenn es sein muß, bleiben wir ein Jahr vor der afrikanischen Küste. Proviant führen wir in ausreichender Menge mit, und die Beschaffung von Trinkwasser stellt kein Problem dar.“

5. März 1599.

„Endlich wieder eine Spur des Bastards! Das Schicksal hat uns die Portugiesenschaluppe vor die Rohre geführt. Vergeblich versuchten die Burschen zu fliehen. Um so erstaunter waren sie, daß wir außer ein paar Auskünften nichts von ihnen wollten. Sie reden wie Wasserfälle.

Die Schaluppe stammt von Boa Vista auf den Kapverden. Die Schebecke lag dort für kurze Zeit vor Anker. Der Seewolf sucht nach einigen Männern seiner Mannschaft, die offenbar während eines Harmattan in einem Boot abgetrieben wurden. Inzwischen hat el Lobo seine Suche aber weiter nach Süden verlegt. Falls seine Männer aufs offene Meer getrieben wurden, sind sie längst tot – verhungert, verdurstet, oder von den Fischen gefressen. Killigrew muß ein Narr sein, daß er überhaupt nach ihnen sucht. Aber mir ist das recht, sentimentale Narren sind leichter zu besiegen.

Und noch etwas wissen die Portugiesen: daß der Engländer auf dem Weg nach Indien ist. Offenbar will er dort im Norden Handelsbeziehungen anknüpfen. Mit anderen Worten, er hat vor, Hindustan auszuplündern.

Juarez Molina äußert Bedenken an der Richtigkeit dieser Behauptung. Aber die Portugiesen beharren darauf, sie wissen es von einem Decksmann auf der Schebecke.“

Aus dem Logbuch der „Aguila“, Aufzeichnung des Kommandanten César Garcia vom 23. März 1599.

„Jeder Tag, den wir länger südlich der Kapverden sowie vor Gambia und Guinea suchen, ist verlorene Zeit. Der Seewolf segelt wohl inzwischen mit Kurs auf den Indischen Ozean.

Wir ergänzen unsere Vorräte, dann folgen wir dem Bastard.“

30. März 1599.

„Sturm vor dem Kap der Guten Hoffnung und dem Nordkap – zwei Tage Weltuntergang. Aber nun ist das Schlimmste überstanden.

Die ‚Aguila‘ leckt. Wasser dringt in die Laderäume ein, ohne daß ersichtlich wäre, woher. Wir sind gezwungen, fast ununterbrochen zu lenzen.

Andere Schäden gibt es nicht. Keine der Kanonen hat sich während der schweren See losgerissen.“

6. Mai 1599.

„Endlich haben wir das Leck gefunden. Mehrere Plankennähte müssen abgedichtet werden. Abermals verlieren wir zwei Tage, bis ein Lecksegel vorgespannt ist und die Abdichtung von der Innenseite des Rumpfes einigermaßen dicht zu sein scheint.

Wir liegen am südlichen Wendekreis und werden unseren Törn zwischen Afrika und Madagaskar hindurch fortsetzen.

Gebe Gott, daß uns keine weiteren Zwischenfälle aufhalten und wir den Seewolf endlich vor die Rohre kriegen. Ich habe es schon einmal niedergeschrieben, und ich wiederhole es an dieser Stelle: Fahr zu Hölle, Killigrew!“

15. Mai 1599.

„Fünf Wochen schönes Wetter und handiger Wind, nur von wenigen kurzen Flauten unterbrochen, liegen hinter uns. Es gibt keine Krankheitsfälle an Bord.

Die ‚Aguila‘ nimmt Ostkurs durch das Arabische Meer. Wenn die Karten zuverlässig sind, werden wir auf der Höhe von Mumbai Land erreichen.

Die Entscheidung ist nahe.“

20. Juni 1599.

„Segel Steuerbord voraus!“ brüllte der Ausguck im Großmars. „Eine portugiesische Galeone auf Passierkurs!“

Die „Aguila“ lief mit halbem Wind nach Norden. Die Galeone war das erste größere Schiff, dem die Spanier vor der Küste des Subkontinents begegneten.

„Greifen wir an?“ fragte Juarez Molina. „Die Geschützmannschaften hatten lange kein richtiges Ziel mehr vor Augen.“

Capitán Garcia zögerte mit der Antwort. Die Galeone hatte geladen, denn sie lag tief im Wasser. Mit Sicherheit war sie ein leicht zu besiegender Gegner.

„Die Portugiesen haben uns entdeckt, Capitán! Sie drehen ab!“

„Wir lassen sie ziehen, Geschützdonner würde unnötig Aufmerksamkeit erregen.“

Geraume Zeit verging, bis die Galeone dicht unter Land außer Sicht geriet. Danach waren die Spanier wieder allein. Die Küste wirkte unberührt – keine Siedlung, keine Fischerboote, nur Urwald, der sich in alle Richtungen erstreckte, soweit das Auge reichte. Gelegentlich durchbrachen große Buchten die eintönige Landschaft.

Während der Nacht ankerte die „Aguila“ vor einer Landzunge. Die Laternen wurden nicht angesteckt. Aus dem nahen Dschungel drangen unheimliche Laute herüber. Manch einer der einfachen Decksleute fand deshalb kaum Schlaf und dachte an Geister und Dämonen, die in dieser fremden Welt ihr Unwesen trieben.

Im Morgengrauen begann es zu regnen. Der neue Tag begrüßte die Spanier mit Nebelbänken und nahezu unbewegter See. Der Viermaster mußte gegen den Wind kreuzen.

Regenwolken hingen über dem Land. Dumpf grollend und mit grellen Blitzen kündigte sich ein Gewitter an, es zog jedoch nach Osten davon, ehe seine Ausläufer die „Aguila“ erreichten.

César Garcia verließ seinen Platz auf dem Achterdeck nicht mehr. Die Schiffsjungen mußten trotz des Regens einen Tisch und zwei Stühle neben dem Schanzkleid aufbauen und das Essen unter freiem Himmel auftragen. Juarez Molina wurde erst gar nicht gefragt, ob eine verwässerte Suppe nach seinem Geschmack sei.

Kurz nach dem Mittag erfolgte die zweite Sichtung. Es handelte sich um ein kleineres Schiff, eine Zweimastkaravelle, die ebenfalls auf entgegengesetztem Kurs segelte.

„Es sind Engländer!“ meldete der Ausguck.

Garcia erhob sich so ungestüm, daß die noch nicht abgeräumten Schüsseln scheppernd auf die Planken fielen.

„Verdammt!“ brüllte er. „Ist niemand da, der für Ordnung sorgt? Wo steckt der Taugenichts?“

Den schleunigst herbeieilenden Schiffsjungen erwartete eine heftige Ohrfeige, die ihn bis an die Balustrade taumeln ließ. Aber kein Schmerzenslaut drang über seine Lippen. Unterwürfig begann er, die Reste der Suppe von den Planken zu wischen und Geschirr und Sitzgelegenheit wieder unter Deck zu bringen.

Garcia achtete schon nicht mehr auf ihn. Durchs Spektiv sah er weit Interessanteres.

„Wie viele Engländer treiben sich in diesem Teil der Welt herum?“ fragte der Erste Offizier.

„Zu viele“, antwortete der Capitán mißlaunig. Mit einem letzten Blick auf die noch gut eine Meile entfernte Karavelle, trat er an die Balustrade. „Stückmeister!“ rief er. „Die Geschütze klarieren!“

Die Befehle des Mannes erklangen knapp und präzise.

„Achtung!“

„Die Stücke los!“

Alle Taue, mit denen die Culverinen und leichteren Geschütze auf der Kuhl festgezurrt waren, sowie die Seitentaljen, erhielten Lose. Die übrigbleibenden Enden wurden beidseits aufgeschossen, damit sie, beim Durchholen der Taljen, klar liefen.

„Holt die Stücke ein!“

„Nehmt den Windpfropf ab!“

Die Verschlüsse der Kanonenseele wurden entfernt und auf die Lafetten gelegt.

„Öffnet die Kartusche!“

Die jeweiligen Geschützführer rissen die Leinensäckchen mit dem Pulver an einer Ecke auf. Sofern sie es nicht auf Anhieb mit den Zähnen schafften, benutzten sie ihre Messer. Auf jeden Fall mußte das Aufreißen dicht vor der Mündung geschehen, damit kein Pulver an Deck verstreut wurde und womöglich Feuer übersprang.

„Die Kartusche in die Stücke!“

„Setzt die Kartusche an!“

Mit dem dicken Ende des Setzers wurden die Kartuschen, die offene Ecke voran, bis an den Boden der Kanonen gerammt und mit wuchtigen Stößen festgestampft.

„Kugel und Pfropf in die Stücke!“

„Setzt an Kugel und Pfropf!“

Abermals traten die Setzer in Aktion, diesmal, um die Geschosse und das Dämmaterial in den Lauf zu rammen.

„Den Bohrpfriem in die Zündgatten!“

Es galt, die Raumnadel durch das Zündgatt in die Kartusche zu stoßen, herumzudrehen und wieder herauszuziehen. Die Geschützführer strichen sich mit der Nadel anschließend über die Hand, um zu sehen, ob die Kartusche wirklich angestochen worden war. Bei Dunkelheit leckten die Männer daran, um das Pulver zu schmecken.

„Kraut in die Zündgatten!“

Pulver wurde ins Zündloch gestreut und das Zündloch vorübergehend abgedeckt.

„Die Stücke zu Bord!“

Mittels der Seitentaljen rannten die Mannschaften die Geschütze aus. Damit die Lafetten wegen der Krümmung des Decks nicht zu heftig gegen die Bordwand krachten, fierte jeweils ein Mann dabei die Einholtalje.

„Zielt!“

Da das Ziel noch nicht längsseits lag, richteten die Mannschaften die Stücke nur horizontal aus.

„Die Lunten an!“

Die Kerle schufteten wie die Besessenen. Zufrieden registrierte Capitán Garcia, daß der Drill der letzten Monate nicht umsonst gewesen war. Die englische Karavelle war mittlerweile bis auf rund dreihundert Schritte heran. Wer immer dort drüben an Bord war, er dachte offenbar nicht daran, auf Ausweichkurs zu gehen. Dazu wäre es aber ohnehin längst zu spät gewesen.

Bis eine Wende oder Halse ausgeführt werden konnte, war die „Aguila“ allemal auf Schußweite heran. Indem er sich auf ein Passiergefecht einließ, tat der Engländer das unter diesen Umständen einzig Richtige. Falls er die erste Breitseite ohne nennenswerte Schäden überstand, hatte er die Chance, dem Viermaster davonzusegeln.

„Ich würde den Feuerbefehl zurückhalten, Capitán“, sagte der Erste Offizier unvermittelt.

Garcia glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Langsam wandte er sich zu Molina um.

„Es sind Engländer“, sagte er vorwurfsvoll. „Sie haben nichts Besseres verdient, als daß wir sie zu den Fischen schicken.“

„Ich denke, wir jagen Killigrew.“

„Natürlich tun wir das. Aber sollen wir deshalb eine solche Gelegenheit auslassen?“

„Der Engländer könnte mehr über den Seewolf wissen!“

In Garcias Miene zu lesen, war eine Freude für den Ersten. An das Naheliegendste hatte der Kapitän tatsächlich nicht gedacht.

„Die Lunten zurück!“ brüllte César Garcia über die Kuhl. „Nur auf meinen Befehl feuern!“

Er wandte sich wieder an den Ersten: „An dem, was Sie sagen, ist was dran. Wir müssen die Karavelle zum Beidrehen zwingen. Das dürfte nicht schwerfallen.“

Gerade noch hundert Yards lagen zwischen beiden Schiffen. Auch der Engländer hatte seine Kanonen ausgerannt, wagte aber nicht, als erster zu feuern. Jedem, der halbwegs bei Verstand war, mußte klar sein, daß der Zweimaster dann unweigerlich verloren war.

Die Anspannung der Männer drüben war deutlich zu spüren. Durchs Spektiv sah Garcia die Angst in den Gesichtern vieler Decksleute.

Juarez Molina legte die Hände trichterförmig vor den Mund und brüllte aus Leibeskräften: „Drehen Sie bei! Wir wollen mit Ihnen sprechen!“

Keine Reaktion erfolgte. Molina konnte nicht sagen, ob er auf der Karavelle überhaupt verstanden worden war.

Garcia befahl die Halse.

Das Heck der „Aguila“ schwang durch den Wind. Die Entfernung zwischen beiden Schiffen wuchs zunächst, blieb dann aber konstant, und letztlich stellte sich heraus, daß der Viermaster schneller war.

„Wenn sie nicht verstehen wollen, gibt es eine deutlichere Sprache“, schnaubte Garcia. Er ließ anluven. Vorübergehend wurde die Karavelle dadurch für die Backbordbatterie erreichbar.

„Einzelfeuer! Aber so tief halten, daß der Kahn nicht beschädigt wird.“ Daß er ausgerechnet Engländer schonen sollte, bereitete dem Kapitän ein scheußliches Magengrimmen. Doch um der Sache willen konnte er nicht anders.

Er gab den Feuerbefehl, als die Kernschußweite erreicht war.

Feuerlanzen, von dichtem Pulverqualm gefolgt, stachen auf die See hinaus. Der Donner war ohrenbetäubend. Vom Bug bis zum Heck, insgesamt sechzehnmal, polterten die Lafetten in die Brooktaue.

Unmittelbar hinter der Zweimastkaravelle begann das Meer zu brodeln. Jeder Einschlag ließ eine mehrfach mannshohe Fontäne aufsteigen.

Die Engländer suchten ihr Heil in der Flucht.

„Ich kann auch anders“, schnaubte Garcia.

Die nächste Breitseite, wenig später abgefeuert, zerfetzte das Besansegel auf der Karavelle. Ob er wollte oder nicht, jetzt mußte sich der Engländer stellen.

Er tat das auf seine Weise.

Ein halbes Dutzend Blitze zuckten der „Aguila“ entgegen. Eine Kugel zerspellte das Schanzkleid, eine andere jaulte durch die Takelage, ohne jedoch Schaden anzurichten. Der Rest klatschte wenige Schritte vor der Bordwand ins Wasser.

„Rammkurs!“

Der Viermaster fiel unter vollen Segeln ab. Den Angegriffenen blieb daraufhin nichts anderes übrig, als Kurs auf die Küste zu nehmen.

Auf der „Aguila“ wurden die Kanonen schneller wieder ausgerannt. Zu dem Zeitpunkt waren die Stückpforten der Karavelle noch verwaist.

„Wir könnten sie in Grund und Boden feuern!“ schimpfte Garcia. „Eine bessere Gelegenheit gibt es überhaupt nicht.“

„Um so besser, wenn wir beweisen, daß wir es ehrlich meinen“, sagte Molina.

„Ehrlich, pah.“ Der Capitán verkrampfte seine Finger um den Handlauf des Schanzkleids. „Die Musketenschützen bereithalten!“

„Musketen sind bereit!“

Drüben wagte offenbar niemand mehr, die Stücke auszurennen. Der Kapitän ließ die Flagge streichen, er war also bereit, zu kapitulieren.

Die „Aguila“ segelte von achtern auf. Wieder preite Molina zu der Karavelle hinüber.

„Wir wollen keinen Kampf!“

„Sondern?“ lautete die Antwort in akzentbehaftetem Spanisch.

„Wir suchen jemanden.“

Die Entfernung betrug noch fünfzig Schritte.

„Holt die Stücke ein!“ befahl Garcia schweren Herzens und um den Engländern die Entscheidung zu erleichtern. Notfalls konnten die Culverinen auch durch die offenen Pforten hindurch abgefeuert werden. Auf die Entfernung war ein genaues Ziel überflüssig.

„Wir haben kein spanisches Schiff gesehen!“ brüllte ein Mann mit Augenklappe.

Die „Aguila“ schob sich längsseits. Wurfleinen flogen von Deck zu Deck und wurden auf der Karavelle aufgenommen. Die dickeren Belegtaue folgten.

Garcia ließ die Segel des Großmastes backbrassen. Die Fahrt des Kriegsschiffes verlangsamte sich rasch.

„Wir suchen keine Spanier, sondern ein Schiff aus dem Mittelmeerraum.“ Juarez Molina brauchte jetzt nicht mehr lauter zu sprechen als sonst.

„Eine Schebecke“, sagte Garcia.

Die Reaktion darauf fiel schlichtweg verblüffend aus. Einige Kerle auf dem Achterdeck der Karavelle begannen ganz unverschämt zu grinsen.

„Seien Sie uns willkommen, Spanier!“ rief ein großer, dunkelhaariger Mann, dessen Gesicht von einer Narbe unter dem linken Auge entstellt wurde. „Wir sollten wenigstens für den Augenblick vergessen, daß unsere Völker einander nicht gerade freundschaftlich verbunden sind. Sie suchen also den Seewolf?“

Juarez Molina brachte den Mund nicht mehr zu. Er hatte Mühe, das eben Gehörte richtig zu verdauen. Offenbar hatte er mit seiner Vermutung, die Engländer könnten mehr über den Aufenthalt von el Lobo del Mar wissen, nicht ins Schwarze getroffen – es schien sogar, als sei die Mannschaft der Karavelle nicht besonders gut auf Killigrew zu sprechen.

„Versuchen Sie nicht, uns hinzuhalten“, sagte Garcia warnend.

„Sie irren, Capitán!“ rief der Engländer. „Wenn Sie wüßten, wie froh wir sind, ausgerechnet Sie getroffen zu haben. Darf ich Sie zu mir an Bord bitten? Es ist bestimmt unnötig, daß wir uns im strömenden Regen unterhalten. Was halten Sie von einem Fläschchen Rum?“

„Wenig“, antwortete Garcia wahrheitsgemäß. „Außerdem fällt mir nicht ein mich in Ihre Gewalt zu begeben. Sie und Ihr Erster Offizier sind selbstverständlich meine Gäste.“

„Natürlich, Capitán. Wenn Sie ebenfalls hinter dem Seewolf her sind, verbindet uns eine ganze Menge. Sie wissen es nur noch nicht.“

8.

Der Kapitän der Karavelle hieß Francis Ruthland. Er gab sich als Kauffahrer aus.

Sein Begleiter war Hugh Lefray, der Mann mit der Augenklappe. Aus der Nähe entdeckte Garcia an ihm nicht nur hinterhältige und rücksichtslose Züge, sondern auch eine gewisse unheimliche Ausstrahlung. Aber das konnte dem Spanier egal sein, solange er sich überlegen fühlte.

Ruthland brachte die Sprache ohne Umschweife auf das, was ihn bewegte.

„Bevor wir lange um den Brei herumreden“, sagte er und streckte Garcia seine Rechte entgegen, „wenn Sie Killigrew erledigen, tun Sie uns damit einen großen Gefallen.“

Obwohl Garcia nichts widerwärtiger war, als ausgerechnet einem Engländer einen Gefallen zu tun, nickte er.

„Sie wissen, wo el Lobo sich aufhält, Señor Ruthland?“

„Wir haben uns erst gestern ein kleines Gefecht geliefert.“

„Dann führen Sie uns zu ihm.“

Francis Ruthland verzog die Mundwinkel zu einem scharfen Grinsen.

„Rechnen Sie nicht damit, daß Sie meine ‚Ghost‘ als Kanonenfutter verpulvern können“, sagte er geradeheraus. „Wenn Sie Killigrew wirklich wollen, müssen Sie sich schon was einfallen lassen. Ich denke, das dürfte Ihnen nicht schwerfallen.“

„Wie sollen wir das verstehen?“ fragte Juarez Molina.

„Ich liefere Ihnen den Seewolf sozusagen ans Messer, den Rest dürfen Sie erledigen. Ich will Ihnen da bestimmt nicht ins Handwerk pfuschen.“

„Sie fürchten el Lobo?“

„Sagen wir einfach, Sie haben die besseren Kanonen, Capitán. Und genau das ist ausschlaggebend. Im übrigen dürfte Killigrew mit seiner Schebecke spätestens morgen mittag hier sein. Im Moment sucht er wohl noch im Norden nach der ‚Ghost‘.“

„Wo genau?“

Ruthland fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und Hemdenkragen hindurch. Lefray begann zu grinsen, er kannte die Geste.

„Finden Sie nicht, daß an Bord Ihres Schiffes eine schrecklich trockene Luft herrscht?“ fragte Ruthland den Spanier. „Führen Sie keinen Wein in Ihrer Proviantlast mit?“

Garcia gab dem Ersten einen flüchtigen Wink. Gleich darauf hielten Ruthland und Lefray zwei randvoll gefüllte Becher in Händen.

„Sie trinken nicht?“ fragte der fischäugige Lefray.

Garcia schüttelte den Kopf.

„Wir haben nicht vor, Sie zu vergiften“, erwiderte er und rollte gleichzeitig eine Karte aus. „Zeigen Sie mir, wo Sie vor el Lobo geflohen sind.“

Ruthland schluckte eine heftige Erwiderung ungesagt herunter. Geflohen war ein allzu harter Ausdruck – sie hatten Killigrew in die Irre geschickt, das traf den Sachverhalt schon wesentlich besser. Trotzdem trat er zu Garcia und studierte die Karte. Sie war schlecht gezeichnet, enthielt aber alles Wesentliche.

„Hier.“ Mit dem Zeigefinger tippte er auf einen Punkt nördlich der Tapti-Mündung.

„Das dürfte ungefähr einer halben Tagesreise entsprechen. Vorausgesetzt, der Wind steht gut.“

„Ich sagte schon, daß Killigrew sicher nicht lange auf sich warten lassen wird. Wenn Sie mich fragen, Capitán, es gibt hier oberhalb unserer Position einige Buchten, die für einen Hinterhalt wie geschaffen sind. Wenn es gelänge, den Seewolf in die Falle zu locken, könnten wir ihn in die Zange nehmen.“

Überrascht hob Garcia den Blick.

„Sie hatten nicht vor, die Schebecke zusammen mit uns anzugreifen, Señor Ruthland. Oder täusche ich mich?“

„Nicht auf offener See. Von einem sorgfältig geplanten Hinterhalt war da noch keine Rede.“ Francis Ruthland lachte schrill, und Lefray stimmte prompt darin ein. Nach einer Weile fuhr er fort: „Ich weiß auch schon, wie wir Killigrew kriegen. Wir ködern ihn einfach mit zwei Schiffbrüchigen. Es müssen natürlich Spanier sein. Jede Wette, daß er mehr über sie herausfinden will.“

„Ja“, sagte Juarez Molina gedehnt, „das könnte klappen.“

Und César Garcia schlug vor: „Sehen wir uns die Buchten an. Danach treffen wir die Entscheidung.“

Die ersten beiden Buchten, die sie anliefen, waren eine Enttäuschung. Sie boten zwar genügend Platz, doch die Schiffe lagen in ihnen so offen sichtbar wie auf Reede. Schon von weitem würde der Seewolf erkennen, was ihn erwartete.

„Wenn Sie nichts Besseres zu bieten haben, Señor Ruthland“, sagte der Capitán, „dann werden wir doch im Golf von Cambay angreifen müssen.“

„Ohne die ‚Ghost‘.“

„Ich könnte Sie zwingen.“

„Auf die Gefahr hin, daß ich Ihnen in den Rücken falle?“

Garcia schwieg. Der erste Eindruck, den er von Ruthland gewonnen hatte, bestätigte sich. Der Engländer war ein Mann, der nichts höher einschätzte als den eigenen Vorteil. Dafür war er bereit, alle Prinzipien über Bord zu werfen. Ihm den Rücken zuzuwenden, hieß, Gefahr zu laufen, ein Messer zwischen die Schulterblätter zu kriegen.

Ruthland und Lefray waren an Bord der „Aguila“ geblieben, weil sie offensichtlich Geschmack an dem spanischen Landwein gefunden hatten. Die „Ghost“ folgte im Kielwasser des Kriegsschiffs.

Der Bootsmann überbrachte die Meldung, daß ein Segel gesichtet worden sei.

„Hoffentlich nicht schon Killigrew.“ Ruthland stöhnte unterdrückt.

Gemeinsam verließen sie die Kapitänskammer und begaben sich an Deck. Das Segel gehörte zu einem einfachen Floß aus Bambusstämmen. Drei Inder ließen sich von dem eigenartigen Gefährt nach Süden treiben.

Die dunkelhäutigen Männer, nur mit Turban und knielangen Wickelhosen bekleidet, winkten den Schiffen zu. Sie riefen freundliche Worte, die aber niemand verstand.

„Das ist es“, platzte Lefray heraus. „Wir brauchen das Floß, damit uns Killigrew den Schiffbruch abnimmt. Zwei Spanier konnten sich an Land retten, haben das Floß zusammengezimmert und versuchen nun, eine Ansiedlung zu erreichen. Lediglich den Mast müssen wir kappen, sonst wird die Sache unglaubwürdig.“

Garcia hatte aufmerksam zugehört. Ob er alles verstanden hatte, blieb dahingestellt, aber jedenfalls rief er: „Musketenschützen zu mir!“

Das Floß glitt soeben am Heck der „Aguila“ vorbei. Die Inder gaben ihr von Gesten untermaltes Palaver auf, was immer sie damit bezweckt hatten.

Fünf Seesoldaten bauten sich vor dem Capitán auf. Er deutete nach achtern.

„Wir brauchen das Floß.“

Fünf Schüsse fielen, gellende Aufschreie erklangen und brachen soeben abrupt ab. Garcia ließ ein Boot aussetzen. Bald darauf war das Floß sicher neben der Galeone vertäut.

„Die Bucht ist wie geschaffen für unsere Zwecke. Nicht nur, weil sie hinter einer Landzunge versteckt liegt, sondern der üppigen Pflanzenvielfalt wegen. Hinter dem Mangrovendickicht ist leicht Platz für zwei Schiffe. El Lobo del Mar wird uns erst sehen, wenn es für ihn schon zu spät ist.

Zwei meiner Decksleute gehen auf das Floß. Julián Carmona, weil er ohnehin aussieht, als leide er an der Auszehrung. Ihm glaubt bestimmt jeder den Schiffbrüchigen. Und außerdem Pilar Aparicio. Er ist der geborene Schauspieler und Lügner.

Wir setzen das Floß ein Dutzend Seemeilen nördlich aus. Da nicht auszuschließen ist, daß Killigrew während der Nacht vorbeisegelt, erhalten die Männer eine einfache Laterne.

Endlich ist es soweit.

Ich bin gespannt auf das Gesicht, wenn el Lobo mich erkennt.“

Auszug aus dem Logbuch der „Aguila“, Aufzeichnung des Kommandanten César Garcia.

9.

Die Falle war offensichtlich.

„Wir kaufen uns die Kerle!“ Der Profos, Big Old Shane, Batuti und Ferris Tucker stürmten über beide Niedergänge das Achterdeck.

Julián Carmona schleuderte ihnen seinen Dolch entgegen. Die Klinge bohrte sich neben Carberry in die Balustrade.

„Du Affenarsch!“ brüllte er auf Spanisch. „Dir ziehe ich die Haut in Streifen ab!“

Eine solche Drohung hatte noch niemand gegen Carmona ausgestoßen. Kein Wunder, daß er es vorzog, sich erst mal außer Reichweite der anstürmenden Meute zu begeben. Er schwang sich auf das Schanzkleid und sprang außenbords, als Carberry wie ein Stier zu toben begann.

Auch Pilar Aparicio legte keinen Wert darauf, mit dem berüchtigten Profoshammer Bekanntschaft zu schließen. Schlimmer meckernd als eine Ziege, verschwand er ebenfalls in der Tiefe. Zwei Pistolenkugeln, die ihm gegolten hatten, hämmerten ins Schanzkleid.

Als wären die Schüsse das Signal gewesen, brach ein Eisengitter über die Schebecke und die Arwenacks herein.

Gerade noch Dans Ausruf wurde von allen vernommen. Er hatte den großen Viermaster erkannt, der aus ungefähr 250 Yards Distanz seine Breitseite abfeuerte.

In dem losbrechenden Lärm verhallten Befehle ungehört. Aber auch so wußte jeder, was zu tun war. Die Schebecke durfte nicht noch tiefer in die Falle segeln. In aller Eile wurde die Wende eingeleitet.

Al Conroy hatte seine Culverinen vorsorglich klariert. Er verlor keine Zeit. Als die ersten Kugeln der „Aguila“ hohe Fontänen aus dem Wasser stanzten, feuerte er ebenfalls, mitten hinein in das Dickicht, aus dem der Viermaster wie ein urweltliches feuerspeiendes Monstrum hervorbrach.

Eine Kugel streifte den Fockmast, im Vorsegel klaffte plötzlich ein großes Loch. Unmittelbar neben dem Heck stiegen weitere Fontänen auf. Der Rudergänger spürte die Erschütterungen der Pinne und befürchtete das Schlimmste.

„Das ist der Giftzwerg Garcia!“ röhrte der Profos gegen den abebbenden Lärm an. „Ein verdammt nettes Wiedersehen!“

Die erste Überraschung war dem Spanier gelungen. Und die zweite folgte unmittelbar auf dem Fuß, als die „Ghost“ hinter Regenschleiern und Mangroven sichtbar wurde.

„Unser Freund Ruthland ist also auch da“, sagte Carberry. „Ich kann mich nur leider nicht entsinnen, ihn eingeladen zu haben.“

Die Segel schlugen, als jäh der Wind umsprang. Für einige Augenblicke hing das Tuch schlaff von den Rahen, bevor eine neue Bö heranfegte.

Die „Ghost“ begann zu feuern.

Es sah nicht gut aus für die Arwenacks. Diesmal waren die Chancen schlecht verteilt …

ENDE


1.

Begonnen hatte es damit, daß sie zwei Schiffbrüchige auf einem Floß an Bord genommen hatten. Sie wollten in dieser Bucht abgesetzt werden, um sich zu ihren spanischen Landsleuten durchzuschlagen – hatten sie erklärt.

Hasard hatte eingewilligt. Schiffbrüchigen wurde grundsätzlich geholfen, auch wenn sie auf der Gegenseite standen wie diese beiden Spanier.

Sie hatten die Bucht angelaufen, und dann waren plötzlich die beiden Schiffe wie aus dem Nichts aufgetaucht. Versteckt hinter einem Mangrovenwald hatten sie gelauert.

Damit war der Überraschungsangriff perfekt gelungen, und die Arwenacks waren ahnungslos in die Falle gegangen.

Der Regen troff Hasard von den Haaren ins Hemd. Er sah die anderen wie durch einen dunstigen Schleier – Gestalten, die hin und her eilten und mitunter nicht zu erkennen waren, so hüllte sie dieser lauwarme Monsunregen ein.

Zum Glück war er so dicht, daß auch der Gegner Schwierigkeiten hatte, das Ziel zu erfassen. Zwei Gegner waren es: die spanische Kriegsgaleone „Aguila“ und die zweimastige Karavelle „Ghost“, unter dem Kommando von Francis Ruthland, jenem Bastard, dem die Arwenacks ihr Desaster in Surat zu verdanken hatten.

Was den Kapitän der „Aguila“ betraf, so hatte César Garcia eine ganz spezielle Rechnung mit dem Seewolf zu begleichen. Der Mann, der sich nicht scheute, profitbringend Sklaven zu verkaufen, hatte den Seewolf seit etlichen Monaten verfolgt, bis er die Spur in Indien aufgenommen hatte.

Sein grenzenloser Haß hatte ihn getrieben und stachelte ihn immer noch an. Wie es schien, hatten er und Ruthland sich verbündet, um El Lobo del Mar gemeinsam zur Strecke zu bringen.

Hasards Blick wanderte durch den Regen wieder zu dem Viermaster, nachdem er kurz die Karavelle gemustert hatte. Von der „Ghost“ mit ihren kleinen Geschützen war nicht viel zu befürchten, aber die „Aguila“ war ein Brocken!

Sie war eine Viermastgaleone mit je zwölf Culverinen, die unter Deck standen. Das waren vierundzwanzig Geschütze. Auf der Kuhl standen auf jeder Seite nochmals vier Geschütze, ganz abgesehen von den vielen Drehbassen vorn und achtern. Insgesamt waren es zweiunddreißig Langrohrgeschütze gegen zwölf Culverinen der Schebecke.

Demnach muß die kleine Krücke mitgerechnet werden, dachte der Seewolf. Die „Ghost“ war wie ein übler Skorpion und konnte gefährliche Stiche austeilen.

„Diese Bastarde verstehen ihr Handwerk“, knurrte Ben Brighton. „Das muß ihnen der Neid lassen.“

„Ja, sie verstehen es“, sagte Hasard mißmutig. „Dieser Giftzwerg hat auch keine Trottel an Bord, und er selbst ist ein erbarmungsloser Tyrann. Soll ja schon gegen Drake gekämpft haben.“

„Ja, so habe ich es auch gehört.“

Es wehte nur ein kaum spürbares Lüftchen in dieser Bucht, und so konnte der Spanier nicht näher an die Schebecke heran. Seine Culverinen waren nicht besser oder schlechter als die der Arwenacks. Er hatte nur wesentlich mehr davon – dreimal so viele Geschütze –, die er auch rigoros einsetzte.

Hasard erwog, den Rückzug anzutreten, denn hier lagen sie wie auf dem Präsentierteller. Schon der nächste Treffer konnte ihnen schweren Kummer bereiten.

Seine übliche Taktik ging hier nicht auf. Er konnte keinen Konterangriff fahren, eine Breitseite abfeuern und wieder blitzschnell verschwinden. Er konnte der Galeone auch keinen Treffer ins Ruderblatt beibringen. Aber zurückziehen konnten sie sich, wenigstens vorerst, bis der Wind wieder wehte. Sie hatten gegenüber der Galeone und der Zweimastkaravelle den Vorteil, daß sie die Schebecke stehend aus der Gefahrenzone rudern konnten.

Drüben, in dem Vorhang aus dichtem Regen, blitzte es erneut auf. Fünf rötliche Feuerzungen waren es, die aus dem riesigen Schatten stachen wie glühende Lanzen. Der größte Lärm wurde wiederum vom Regen verschluckt.

Hasard spürte den Abschuß der Stücke mehr, als daß er ihn hörte. Es war wie ein Fauchen von heißem Sand, der über eine ausgedörrte Wüstenlandschaft fegte. Das Prasseln des Regens verstärkte dieses Fauchen noch.

Am Fockmast schlug das Segel stärker, wie Hasard mit Besorgnis sah. Der Mast hatte gleich beim ersten Treffer etwas abgekriegt, und auch mit dem Ruder war etwas nicht in Ordnung, wie er an Pete Ballies verzweifelten Bewegungen sah.

Don Juan trat neben ihn. Sein Gesicht war hart und kantig. Vom Kinn tropfte Wasser in einem dünnen Rinnsal.

Als er etwas sagen wollte, schlug es auch schon ein, und sie zogen unwillkürlich die Köpfe ein. Juan glaubte, das Bersten und Splittern überlaut zu hören.

Es war nur eine gewaltige Wasserwand, die vor der Schebecke in die Höhe stieg. Fünf rauschende Fontänen, jetzt wie ein Riesenschleier zu einer einzigen vereint.

Ein Siebzehnpfünder pochte rumorend gegen den Rumpf, war aber wirkungslos. Das Wasser hatte ihn gebremst und ihm die Kraft genommen. Dennoch hörte es sich an, als schlüge ein gewaltiger Hammer an das Schiff.

Von der „Aguila“ klang dumpfes Gebrüll herüber. Auch auf der „Ghost“ schrien sich ein paar Kerle die Kehlen heiser. Das Gebrüll erstarb erst dann, als sie erkannten, daß sie nur das Wasser in der Bucht kräftig aufgewühlt hatten.

„Wir haben nur zwei Möglichkeiten“, sagte Don Juan de Alkazar verbissen, als es ruhiger wurde. „Sofortiger taktischer Rückzug oder …“

Seine weiteren Worte wurden von einem Belfern unterbrochen, das wie das Kläffen eines wütenden Köters klang.

Es waren Drehbassenschüsse von der „Ghost“. Ruthland ließ außerdem zwei seiner kleineren Geschütze feuern. Es waren Dreipfünderkugeln, die weit Backbord voraus von der Schebecke ins Wasser klatschten und von Edwin Carberry verächtlich als „Fliegendreck“ bezeichnet wurden.

„Und die zweite Möglichkeit?“ fragte Hasard gelassen. „Die erste habe ich nämlich schon in Erwägung gezogen.“

„Brandsätze“, erwiderte der Spanier lakonisch.

„Auch bereits in Erwägung gezogen, Juan. Es besteht die Möglichkeit, daß die Dinger bei dem Dauerregen nicht zünden. Oder aber das Feuer frißt sich von innen durch die Lunte, und dann fliegt uns das höllische Zeug um die eigenen Ohren. Außerdem wäre bei diesem Dreckwetter der Effekt zu schwach und würde fast ungesehen verpuffen.“

„Wir haben aber keine andere Chance gegen die beiden. Jedenfalls nicht, solange sich der Wind vornehm zurückhält. Im Augenblick sind wir völlig manövrierunfähig.“

„Die anderen auch.“

„Stoiker, was?“ fragte Don Juan und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. „Du hast ja die reinste Bierruhe weg.“

„Ich habe nur bemerkt, daß wir so gut wie außer Schußweite sind, die Kerle aber trotzdem drauflosballern, was das Zeug hält.“

„Und jetzt willst du abwarten, bis sie ihr Pulver und alle Kugeln verschossen haben uns sich ergeben?“ fragte Juan sarkastisch.

Hasard war vor Wut innerlich bis zum Bersten gefüllt, aber das zeigte er nicht. Er war nicht darüber wütend, daß die Kerle sie jetzt rücksichtslos angriffen, er war ärgerlich, weil die ganze Mission als gescheitert angesehen werden mußte.

Es war alles schiefgegangen, was nur schiefgehen konnte. Diese Falle war nur der krönende Abschluß von allem. Es war eine peinliche Niederlage, die sie erlitten hatten, und das nagte und fraß an ihm.

Das alles hatten sie einem hinterhältigen Schurken zu verdanken, der jetzt über sie triumphierte.

Er verstand den offenen Haß, den Garcia ihm gegenüber hegte, und er verstand auch, daß der Mann ihn hartnäckig gejagt hatte. Aber dieser spanische Kapitän, mochte er auch noch so ein gnadenloser Bastard und Tyrann sein, kämpfte wenigstens offen. Er wollte den Seewolf im Kampf zur Strecke bringen.

Dagegen war nichts einzuwenden. Er, Hasard, wollte seine Gegner auch im offenen Kampf stellen.

Aber da agierte aus dem Hinterhalt diese feige und hinterhältige Ratte namens Francis Ruthland, der den offenen Schlagabtausch scheute, weil er ein Feigling war, ein erbärmlicher Schurke, der sofort die Flucht ergriff, wenn man ihm gegenübertrat.

Diese Sorte Mensch war dem Seewolf ein Greuel. Es waren widerliche Halunken, die von hinten mit dem Messer zustießen.

Ratten waren das, feige Kanalratten!

„Dein Gesicht spiegelt deine Seele wider“, sagte Juan. „Aber das ist noch keine Antwort auf meine Frage. Du denkst über diese miesen Halunken nach?“

„Besonders über einen Halunken, Ruthland nämlich“, erwiderte Hasard. „Den anderen mögen ähnliche Motive plagen, wie du sie einmal hattest.“

Der Seewolf grinste bei den Worten ein bißchen, denn auch der Spanier Don Juan war von der spanischen Krone auf ihn angesetzt worden, um ihn zur Strecke zu bringen. Garcia tat es allerdings auf eigene Rechnung.

„Aber welche Motive hat dieser Ruthland? Er kriegt nicht mal die Prämie, die auf meinen Kopf ausgesetzt ist. Warum bereitet uns dieser Bastard eine Schwierigkeit nach der anderen? Warum betreibt er das intrigenhafte Spiel mit Verleumdungen und Anschwärzungen?“

„Ich habe es dir schon mal erklärt“, sagte Juan verdrossen. „Der Kerl will in den Ostindienhandel einsteigen, und er will alles für sich, alles. Wir sind für ihn lästige Konkurrenten, die ihm etwas vor der Nase wegschnappen. Du kennst Kerle dieser Art selbst zur Genüge. Es sind skrupellose Halunken, nur auf ihren Profit bedacht, die keinen anderen neben sich dulden.“

„Ich kenne ihn nicht mal persönlich, sondern nur nach deiner und Blackys Beschreibung.“

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als Ferris Tucker vor ihnen auftauchte. Seine roten Haare klebten am Schädel, und er blies sich die Wassertropfen aus dem Gesicht.

„Mit dem Ruder ist was nicht in Ordnung“, erklärte er. „Pete sagt, es klemme bei jeder Bewegung und bliebe hängen. Ich kann aber jetzt nicht nachsehen. Die Pinne läßt sich jeweils nur ein kurzes Stück nach beiden Seiten bewegen, dann ist starker Widerstand zu spüren.“

„Wir pullen die Schebecke aus der Bucht“, sagte Hasard. „Die Sicht wird immer schlechter. Es sieht auch noch nach Nebel aus. Uns bleibt mit dem beschädigten Ruder nichts anderes übrig, als uns vorläufig abzusetzen. Sag den anderen Bescheid, Ferris. Sie sollen die Riemen an Deck bringen.“

„Aye, aye, Sir. Stinkt mir zwar, daß wir uns zurückziehen, aber es ist die vernünftigste Lösung.“

Hasard blickte zum Ufer hinüber. Dort war der Nebel jetzt hellgrau geworden mit feinen Gespinsten wie Schlieren. Aus dem weiter entfernten Dschungel kroch dicklicher Nebel nach, eine Wand, die sich brühwarm und unaufhaltsam näher heranschob.

Irgendwo dort hinten hatten die Spanier eine kleine provisorische Siedlung angelegt, die sie „Esperanza“ nannten. Etliche Hütten standen dort bereits. Die Dons hatten es wieder mal sehr eilig, von fremdem Land Besitz zu ergreifen, obwohl sie dazu ganz sicher keine offizielle Erlaubnis hatten. Aber darum hatten sie sich noch nie gekümmert. Das Land wurde okkupiert, und damit hielten sie sich für die rechtmäßigen Besitzer.

Der Nebel wurde schnell dichter. Die „Aguila“ wurde bereits von den ersten Schwaden erfaßt. César Garcia sah offenbar seine Felle davonschwimmen, wenn der Gegner unsichtbar für ihn wurde.

Er ließ erneut die Rohre sprechen, bevor das Wild im schützenden Nebel verschwand.

Drüben blitzte es auf. Aber es war ein trübes Blitzen, und der Knall wurde ebenfalls stark gedämpft und vom Nebel geschluckt.

Noch bevor die weißliche Wolke auf sie zukroch, hatten die Arwenacks die langen Riemen an Deck gebracht, mit denen die Schebecke stehend gepullt werden konnte.

Über das Aufblitzen hatten sie nur müde gelächelt. Eine Wasserwand war aus der Bucht aufgewachsen und mehr als fünfzig Yards vor dem Schiff in sich zusammengefallen. Es war wie das letzte Aufbäumen eines müden Riesen, der nicht mehr die Kraft hatte, mit großen Steinen weit zu werfen.

„Pullt so leise, wie es geht“, sagte Hasard. „Je später sie merken, daß wir uns verdrückt haben, um so besser für uns. Wir verholen weiter flußabwärts in die nächste Bucht. Dort verstecken wir uns, bis wir das Ruder in Ordnung gebracht haben.“

Buchten gab es in und um Surat auf dem Tapti zur Genüge. Es war ein Dschungelfluß, der etliche Verstecke, Buchten und kleine Seitenarme aufwies. Manche waren von Mangroven durchsetzt wie diese hier, in denen man sich gut verstecken konnte.

In dem alles verschlingenden Nebel setzten sie sich unmerklich ab, bis sie den Ausgang der Bucht erreichten.

Hasard schien es, als habe der Regen ein wenig nachgelassen, aber es war wirklich nur sehr wenig. Sie mußten unbedingt nachher das Pulver kontrollieren, denn bei diesem strömenden Monsunregen stellte das immer wieder ein Problem dar. Aber daran würde Al Conroy mit Sicherheit zuerst denken.

„Meinst du die Bucht auf der rechten Seite des Tapti, wo ich schon einmal mit Blacky war?“ fragte Don Juan.

„Genau die meine ich. Warum fragst du?“

„Gestattest du, daß ich mich für ein paar Stunden absetze?“ antwortete der Spanier mit einer Gegenfrage.

Hasard sah ihn nur undeutlich, obwohl er dicht neben ihm stand. Er sah eine gesichtslose große, schlanke Gestalt, die im Nebel auf und ab zu wogen schien und in den Konturen verzerrt war.

Ungläubig blickte er den Spanier an. „Ich verstehe kein Wort, mein Freund. Wohin und warum willst du dich absetzen, ausgerechnet jetzt?“

„Ich habe eine kleine Idee, und es juckt mich, sie möglichst augenblicklich in die Tat umzusetzen. Der Zeitpunkt könnte gar nicht günstiger sein. Allerdings bestehe ich auf einem Alleingang, sonst wird es nicht klappen.“

„Darf man Näheres erfahren?“

„Eine Augenblicksidee“, erwiderte Don Juan. „Ich habe vor, zur ‚Aguila‘ hinüberzuschwimmen und aufzuentern. Zwei Jakobsleitern hängen noch außenbords, wie ich gesehen habe.“

„Was hast du vor?“ fragte Hasard überrascht. „Du willst doch nicht dem ehrenwerten Capitán Garcia einen guten Tag wünschen?“

„In gewisser Weise schon. Ich schleiche mich an Deck und kümmere mich um ein paar seiner Kanonen. Die werde ich so manipulieren, daß unsere Freunde keinen Spaß mehr an ihnen haben.“

„Du bist verrückt“, sagte Hasard trocken. „Entschuldige, aber du mußt lebensmüde sein.“

„Ich bin der letzte Lebensmüde. Ich stelle mir das unter den jetzigen Umständen gar nicht so schwierig vor. Es gehört nur eine Portion Frechheit dazu, und die habe ich ja schon oft unter Beweis gestellt.“

„Man wird dich erkennen“, wandte Hasard ein.

„Erkennst du mich, wenn ich einen Schritt von dir entfernt bin?“

„Nein, ich sehe nur verschwommen deine Umrisse.“

„Drüben ist der Nebel noch dichter, so dicht, daß man nicht mehr die eigene Hand vor Augen sieht. Außerdem sind viele Männer auf dem Schiff, die ständig durcheinanderhasten. Sie haben immerhin fast drei Dutzend Geschütze zu bedienen.“

„Ein Wahnsinnsunternehmen“, sagte der Seewolf. „Du fällst trotzdem auf. Du bist doch klatschnaß, wenn …“

„Aye, Sir, die anderen auch, mein Freund. Ich werde mich in nichts von ihnen unterscheiden. Es regnet schon seit Ewigkeiten, und drüben hat niemand einen trockenen Faden am Leib. Nun entscheide dich endlich, die Zeit drängt.“

Hasard wußte, daß er Don Juan nichts ausreden konnte. Sie hatten alle ihre eigenen Dickköpfe, wenn sie sich in eine Sache verrannt hatten. Er selbst schloß sich da nicht aus.

Es war ein Husarenstück, was Juan da vorhatte, und es konnte verdammt schiefgehen. Aber ein Risiko war schließlich immer dabei.

„Nun, ich …“, sagte Hasard.

„Immer wieder Dank für deine gütige Erlaubnis.“

Don Juan hatte es auf seine Weise ausgelegt. Er sagte noch: „Wir treffen uns dann in der Bucht.“

Der Schatten vor Hasard war plötzlich weg. Der kompakter werdende Nebel hatte ihn schon verschlungen.

Der Spanier enterte über die Backbordrüste ab und glitt lautlos ins Wasser, während die Schebecke immer noch langsam gepullt wurde. Der Seewolf hörte es nicht mal plätschern.

„Der verrückte Spanier“, sagte Dan O’Flynn tonlos. „Der ist einfach abgehauen.“

„Ja, einfach abgehauen. Aber so ist er eben. Ich kann nur hoffen, daß er sich das reichlich überlegt hat.“

„Das tut er immer, auch wenn er verrückt ist“, sagte Dan. „Aber so verrückt ist er eigentlich gar nicht. Er ist eben ein Draufgänger, und da unterscheidet er sich von uns absolut nicht.“

Hasard blickte scharf über Bord, doch er sah nicht mal das Wasser, und er hörte auch nicht das geringste Geräusch.

Der „verrückte Spanier“ war verschwunden. Er kann sich in dem Nebel nicht orientieren, überlegte Hasard. Der Kerl schwamm einfach drauflos, obwohl er absolut nichts sah.

Die leichte Strömung erfaßte die Schebecke und trug sie weiter flußabwärts. In ein paar Tagen würde der Tapti anschwellen und zu einem reißenden Strom werden, der alles mit sich riß. Der Dauerregen würde ihn immer höher steigen lassen, bis er zu einem tosenden und sich dahinwälzenden Ungeheuer wurde, das seine Massen in den Golf von Cambay schleuderte.

Bis dahin, so hoffte Hasard, würden sie alles hinter sich haben.

Es dauerte dennoch eine ganze Weile, bis sie die Bucht erreichten. Auf dem Fluß herrschte noch gute Sicht, doch weiter oben griffen die Spinnenarme des Nebels bereits aus dem Dschungel nach den Ufern und zogen sich schleierartig über das Wasser.

Auch das Rauschen des Monsunregens hielt an. Es war allerdings etwas schwächer geworden.

2.

Das Wasser des Tapti war fast brühwarm. Der Spanier schwamm durch eine milchige Suppe, die ihm jeden Blick verwehrte. Genausogut hätte es auch Nacht sein können.

Juan verfügte über einen guten Orientierungssinn, der ihn nie im Stich ließ. Rein instinktiv ahnte er die Richtung, wo die große Galeone lag. Rechts versetzt von ihr lag die „Ghost“, doch die interessierte ihn nicht. Ruthland würde noch seine Quittung erhalten, aber er war nicht so gefährlich wie César Garcia.

Der Regen trommelte gleichmäßig rauschend auf das Wasser. Nach einer Weile drangen verzerrte Laute an sein Ohr. Er verstand jedoch kein Wort, denn Nebel und Regen verzerrten und verschluckten alle Geräusche.

Er schwamm ruhig und bedächtig und nicht sonderlich eilig, obwohl es unwahrscheinlich war, daß man ihn auf der großen Galeone hörte.

Er schrak nur einmal heftig zusammen, als ein überlautes Brüllen und Fauchen an seine Ohren drang. Im Wasser, das den Schall besser trägt, hörte es sich nach einem urweltlichen Röhren an. Die Bucht wurde wie von einem wilden Ungeheuer aufgewühlt und schien zu kochen.

Durch den düsteren Nebel stachen bunte Blüten hervor. Sie glühten ein paarmal kurz auf und erloschen dann.

Die Spanier feuerten wieder auf ihren unsichtbaren Gegner ohne zu wissen, daß er längst verschwunden war.

Don Juan de Alcazar konnte sich ein mitleidiges Grinsen nicht verkneifen. Sollen sie feuern, dachte er, das dezimiert nur ihre Bestände an Pulver und Kugeln. Sie schienen eine Menge davon zu haben.

Die Geschosse orgelten etwa zehn Yards hoch über ihn hinweg und schlugen dann im Wasser ein, das wild aufschäumte, bevor die Kugeln versanken. Er glaubte das Pfeifen und Jaulen noch zu hören, obwohl es schon wieder verklungen war.

Wie er vorausberechnet hatte, traf er genau auf das Schiff und schwamm nicht daran vorbei. Er war sogar etwas früher angelangt, als er vermutet hatte.

Seine Finger berührten Holz. Er blickte nach oben, sah aber nicht mal die eigene Hand vor Augen. Also würde ihn erst recht keiner bemerken. Es war auch nicht anzunehmen, daß sie auf der großen Galeone mit Besuch rechneten. In solchen Dingen waren seine Landsleute mitunter von erschreckender Sorglosigkeit.

Direkt vor ihm, nur durch die Bordwand getrennt, erklangen Stimmen. Kanonen wurden ausgewischt und zum Nachladen bereitet. Im Innern der Galeone war ein Rumpeln und Rollen zu vernehmen.

Mit der ausgestreckten Hand tastete er weiter, bis er die Jakobsleiter zwischen den Fingern fühlte. Langsam und bedächtig, so wie er schon geschwommen war, begann er aufzuentern.

Einige bange Sekunden verstrichen, bis er das Deck erreichte. Wenn er jetzt jemandem in die Arme lief, oder gerade in diesem Augenblick eine Gestalt auftauchte, dann war seine Mission gescheitert.

Aber niemand war da. Das Schiff sah in dem Nebel aus, als sei es von allen verlassen worden. Nur die Stimmen waren zu hören, ein entferntes Murmeln und Raunen, das keinen Sinn ergab.

An Deck stank es gewaltig nach verbranntem Pulver. Die Rauchwolken waren von keinem Wind vertrieben oder verwirbelt worden. Sie hingen in, um und über dem Schiff, und sie drangen erstickend unter Deck hervor, wo die meisten Kanonen standen.

Die Kerle hatten den Vorteil, daß zumindest ihr Pulver nicht ständig naß wurde. Der Regen konnte nicht auf die Geschütze prasseln. Trotzdem hatten sie an Bord auch einige Schwierigkeiten mit dem Pulver, denn es hatte sich durch den Dauerregen Schwitzwasser gebildet, das alles verklebte und verpappte.

Ein Schatten bewegte sich in seiner unmittelbaren Nähe. Juan wich ihm aus und enterte einen Niedergang ab, der ins Batteriedeck führte.

Beizend und ätzend legte sich ihm Qualm auf die Lungen. Er hörte Männer keuchen und husten, und er hörte auch saftige Flüche.

Sehen konnte er absolut nichts. Er tastete mit den Händen um sich und stolperte fast über eine Kanone.

„Nachladen habe ich gesagt“, brummte eine tiefe Stimme. „Auch wenn ihr nichts seht, könnt ihr die Stücke im Schlaf finden. Oder habe ich euch Kerlen das nicht beigebracht?“

„Ich kriege keine Luft mehr“, stöhnte ein Mann in seiner unmittelbaren Nähe. „Ich ersticke fast.“

Der Kerl hustete zum Gotterbarmen.

„Den anderen geht’s nicht besser. Los, an die Arbeit!“

Die Stimme erklang weit hinter ihm. Offenbar war der Sprecher der Stückmeister.

Don Juan erschien das alles wie ein Traum. Es hingen zwar ein paar Laternen an den Decksbalken, aber man sah sie und ihr schwaches Licht erst dann, wenn man direkt davor stand. Und da war es auch nur ein verschwommener Fleck, ein fahles Glosen, um das sich dichter Rauch legte.

Männer stöhnten leise und unterdrückt, und immer wieder hörte er sie husten. Er konnte nicht anders – der Qualm reizte seine Schleimhäute, und er mußte ebenfalls husten.

Keiner kümmerte sich darum, als er losprustete. Es dauerte lange, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Eine andere Stimme war jetzt zu hören. Wuchtige Schritte dröhnten durch das verqualmte Deck. Der Mann blieb vor einer Laterne stehen.

Juan sah nur den Kopf, und der glich einer schwarzen, formlosen Masse. Kein Gesichtszug war zu erkennen.

Ihm konnte das nur recht sein, denn so fiel er hier auch nicht weiter auf. Niemand würde in ihm einen Fremden vermuten.

„Nichts überhasten, Brillon“, sagte die befehlsgewohnte Stimme. „Wir feuern erst beim nächsten Glasen wieder. Es ist also noch Zeit, die abgefeuerten Stücke in Ruhe nachzuladen. Hier sind zehn andere Leute. Schicken Sie dafür zehn nach oben, damit sie nicht in diesem bestialischen Qualm ersticken.“

„Zehn Leute, Don Juarez“, erwiderte der Stückmeister. „Ich schicke sie sofort an Deck.“

„Recht so. El Lobo del Mar kann uns hier nicht mehr entwischen. Er liegt da drüben genauso fest wie wir auch, solange kein Wind geht. Und er ist angeschlagen, das wissen wir genau.“

Don Juan stand da in dem Qualm und Nebel und konnte sich nicht verkneifen, bis an die Ohren zu grinsen.

Wenn du wüßtest, mein Lieber, dachte er. Dann würde dir deine Ruhe sehr schnell vergehen.

Dieser Juarez mußte der Erste Offizier Juarez Molina sein, den sie schon einmal kennengelernt hatten, wenn auch nur flüchtig, als damals die Sklaven übergeben wurden. Aber Don Juan sah ihn noch deutlich vor sich, diesen Mann mit dem kurzen Stoppelhaarschnitt und der steifen linken Hand, deren Finger etwas nach innen gekrümmt waren. Er konnte die Hand nur sehr umständlich bewegen, und dann auch nur, wenn er die Rechte zu Hilfe nahm und sie wie einen toten Gegenstand bewegte.

Männer drängten sich um ihn. Sie sahen zwar auch nichts, aber sie hatten den Vorteil, hier an Bord zu Hause zu sein, und da kannten sie sich natürlich selbst bei Finsternis aus.

Juan wurde mit der Menge weitergeschoben, bis er vor einer Kanone landete. Zwei riesige Fässer mit Schießpulver standen daneben, aus denen jetzt Pulver geschaufelt wurde.

Da wollte Don Juan auch nicht faul herumstehen und griff fleißig zu.

Der Stückmeister Brillon ließ die Culverinen immer mit zehn Pfund Pulver laden, wie Juan sofort herausfand. Für einen Siebzehnpfünder wurden in der Regel aber meist zwölf Pfund genommen, englische Pfund natürlich.

Also knauserte der Kerl ein bißchen herum und sparte Pulver, wobei er auch gleichzeitig an der Kernschußweite knauserte, die je nach Ladung zwischen drei- und vierhundert Yards lag. Möglicherweise aber traute er seinen eigenen Geschützen nicht, oder es lag daran, daß seine Leute oftmals noch Steinkugeln verwendeten.

Die Dons spürten mehr, als sie sahen, daß an dem Geschütz bereits jemand hantierte und Pulver einfüllte. Wenn das ein anderer tat, so schonte man seine eigenen Knochen, und das war nicht schlecht.

Don Juan bemaß die Menge sehr großzügig mit drei Schaufeln. Und weil immer noch genügend Pulver hineinging, gab er noch mal soviel wie bisher hinzu. Mehr als die doppelte Ladung befand sich jetzt in dem Stück. Das würde einen feinen Krach geben, und die Kugel würde auch viel weiter als sonst fliegen, vorausgesetzt, die Kanone explodiert nicht. Viel Freude würden sie an dem Ding beim Abfeuern jedenfalls nicht haben.

Er hatte keinerlei Skrupel, als er zur nächsten Kanone ging und dem Don half, Pulver hineinzufüllen. Und dem Spanier war es nur recht, daß ihm jemand half, denn er hustete pausenlos. Vielleicht hielt er Juan auch für den Stückmeister Brillon persönlich.

Als es bei der zweiten Culverine auch so hervorragend klappte wie bei der ersten, wurde er etwas dreister und stieß die Kerle grob zur Seite, die gerade beim Einfüllen waren.

Er war erstaunt darüber, wie leicht sie sich schubsen ließen und sofort ihren Platz räumten. Man mußte nur burschikos genug auftreten.

Einen anderen Mann schnauzte er laut an, und der sprang so schnell zur Seite, daß er über ein Brooktau stolperte und zu Boden ging. Der Kerl wagte keine Widerrede.

Vier Kanonen hatte Juan bisher auf diese Weise präpariert. Einige davon würde die riesige Pulverladung zerreißen.

Sollten sie auseinanderfliegen. Garcia war ihr Todfeind und würde kein Erbarmen kennen, sie umzubringen. Dazu war ihm jedes Mittel recht.

Also war Juan auch jedes Mittel recht. Die Spanier hätten immerhin auf die gleiche Idee verfallen können, oder?

Bei der fünften Culverine war Schluß. Sie war bereits geladen, und für Juan gab es nichts mehr zu tun. Er durfte nur noch mithelfen, die großen Pulverfässer an das Schott zu schieben.

An einen Querbalken gelehnt, blieb er stehen und überlegte.

Er hatte jetzt alle Trümpfe in der Hand und konnte praktisch über das Schicksal des Schiffes und seiner Männer entscheiden. Er war der Herr über Leben und Tod.

So konnte er zum Beispiel die Laterne vom Decksbalken nehmen und sie in die noch immer offenen Pulverfässer werfen.

Zweifellos würde es einen Brand geben, der nicht mehr zu löschen war, selbst bei dem Regen nicht. Pulverfässer gab es massenhaft, die sich bei der Hitze entzünden würden. Damit wäre das Schicksal des Schiffes besiegelt. Übrig bliebe dann nur eine kleine Ratte namens Ruthland, die sich im starken Schatten Garcias versteckte und agierte. Den Kerl konnten sie wie eine flügellahme Ente rupfen.

Er konnte auch hingehen, den Kapitän in seiner Kammer überraschen und ihn blitzschnell töten. Sein Tod würde mit Gewißheit etliche Veränderungen mit sich bringen, denn César Garcia war es, den der Haß trieb.

Die Verlockung war da, schlagartig, während Juan an dem Balken lehnte. Das Stimmengewirr um sich herum nahm er kaum zur Kenntnis.

Das Problem, das sie augenblicklich am Hals hatten, wäre mit einem Schlag gelöst, und er würde vielen Sklaven ein hartes Schicksal ersparen, denn Sklaven würde Garcia früher oder später wieder einfangen.

Juan seufzte leise. Er sah im Geist das Schiff auseinanderfliegen, sah brennende Menschen und hörte ihre Entsetzensschreie. Schweratmend und von dem Qualm halb betäubt stand er da, bereit, der Versuchung zu erliegen.

Es war ja alles so einfach!

Der Spanier rang lange Zeit mit sich selbst. Er stand unter ungeheurer Anspannung.

Nach einer endlos scheinenden Ewigkeit hatte er sich entschieden und stieß sich von dem Balken ab.

Das war nicht sein Stil, er konnte nicht über seinen eigenen Schatten springen. Der Gegner war völlig ahnungslos und wußte nicht, daß er seit einiger Zeit auf ein imaginäres Ziel feuerte, auf ein Schiff, das längst verschwunden war und sich heimlich abgesetzt hatte.

Das wäre heimtückisch und hinterhältig und entsprach viel eher dem miesen Charakter eines Francis Ruthland.

Wäre er jetzt auf der „Ghost“ gewesen, hätte er vermutlich nicht lange gezögert und das Schiff in die Luft geblasen. Hier jedoch war es etwas anderes, er brachte es nicht fertig.

Oder? Er dachte an die beiden Schiffbrüchigen auf dem Floß, die sie gerettet und in diese Bucht gebracht hatten. Diese zwei Bastarde hatte Garcia ihnen auch heimtückischerweise untergeschoben und sie so in die Bucht gelockt, um über sie herzufallen.

Eigentlich war es nicht mehr als recht und billig, sich auf die gleiche infame Art zu revanchieren. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Oder?

Da war wieder dieses „Oder“, ein Stolperstein, über den er nicht hinwegkam.

Zum Teufel! Er brachte es doch nicht fertig und brauchte mit sich selbst auch nicht darüber zu debattieren. Es führte zu nichts. Er ließ es dabei bewenden, den Spaniern einen kräftigen und nachhaltigen Denkzettel verpaßt zu haben.

Aus, finito!

Fast wütend stieß er sich ab und bahnte sich rücksichtslos einen Weg durch die Leiber. Er stieß Männer zur Seite und ging blind auf den Niedergang zu, bis er ihn erreichte.

Kurz darauf befand er sich an Deck, wo die Luft zwar etwas besser, aber feucht, schwer und naß war.

Als er abentern wollte, sah er sehr undeutlich die Schatten zweier Männer. Sie hielten sich ganz in seiner Nähe auf und sprachen miteinander.

Es waren César Garcia und sein Erster Offizier Juarez Molina.

„… nichts sehen in dem Nebel“, hörte er Garcia sagen. „Nicht mal die Hand vor Augen. Lassen Sie nachher den Schußwinkel der Stücke etwas erhöhen, Señor Molina. Ich bin sicher, daß es bei dem Bastard dann erneut einschlagen wird. Er rechnet nicht damit, und so wird er eine höllische Überraschung erleben.“

„Davon bin ich überzeugt. Wir hätten aber auch etwas mehr Pulver nehmen können, um den gleichen Effekt zu erzielen.“

„Das ist mir zu riskant“, wehrte Garcia scharf ab. „Uns ist schon einmal ein Rohr an Deck krepiert.“

Juan zog sich lautlos ein paar Schritte zurück. Sie sahen ihn nicht, und er hatte sie auch nicht mehr im Auge. Aber er verstand jedes Wort.

„Es gibt allerdings noch eine andere Möglichkeit“, sagte Garcia nach einer Weile des Schweigens. „Wir könnten die große Jolle abfieren und mit ein paar Männern besetzen lassen. Die Männer nehmen zwei Drehbassen mit und feuern dem Bastard aus allernächster Nähe grobgehacktes Blei in die Wasserlinie. Bevor man unsere Leute bemerkt, sind sie in dem Nebel schon wieder verschwunden.“

Garcias schien von seiner Idee begeistert zu sein. Juan hörte ihn leise lachen.

„Ein guter Gedanke“, lobte der Erste. „Damit wird er ganz sicher nicht rechnen. Ein Blitzangriff aus dem Nichts heraus, ein schneller Vorstoß, wobei er eine klaffende Wunde erleidet. Es ist nicht mal ein Risiko dabei. Wir könnten die große Jolle nehmen. Sie liegt auf der Backbordseite.“

„Sehr gut, mein Lieber. Dann lassen Sie zwei Drehbassen in die Jolle schaffen. Feuern Sie auch in ein paar Minuten, damit die Kerle keinen Verdacht schöpfen. Nach dem Angriff sofortige Rückkehr an Bord. Señor Virgos soll das Unternehmen leiten. Verklaren Sie ihm das. Noch etwas: Den Schußwinkel lassen Sie so, wie er ist. Die andere Überraschung dürfte wesentlich nachhaltiger sein.“

Dieser Bastard, dachte Juan, nachdem der Erste gegangen war und nach Virgos brüllte. Diesmal wird er eine Pleite mit seiner Anschleicherei erleben. Er blieb auf seinem Posten und hörte, wie Virgos mit dem Ersten Offizier zurückkehrte. Der Kapitän verklarte seinen Plan noch mal in allen Einzelheiten und schärfte dem Mann ein, überaus vorsichtig zu sein.

Virgos trommelte eine Handvoll Leute zusammen. Erneut wurde erklärt, was bevorstand.

Als Juan sich noch weiter zurückzog, stolperte er über einen Gegenstand nahe der Nagelbank. Es rumorte leise, aber niemand achtete darauf.

Juan tastete um sich und fand eine Axt. Offenbar hatte sie der Schiffszimmermann liegenlassen.

Er wollte sie gerade zur Seite schieben, als ihm etwas einfiel. Er nahm die Axt an sich und ging zur Backbordseite. Dort befand sich ebenfalls eine Jakobsleiter, und darunter mußte die große Jolle liegen, auch wenn er sie in dieser milchigen Suppe nicht sehen konnte.

Schnell blickte er sich um, enterte dann ab und legte die Axt unter die Ducht in der Jolle. Es war eine große Jolle, die bewegungslos auf dem Wasser lag. Danach enterte er blitzschnell wieder auf.

Er war gerade zum richtigen Zeitpunkt wieder oben. Drei Mann waren inzwischen damit beschäftigt, eine Drehbasse in die Jolle zu bringen.

„Vorsichtig abfieren“, sagte Virgos, der anscheinend Profos oder Decksältester war. „Vier Mann nach unten. Steckt die Drehbasse in die Halterung an Backbord, die zweite an Steuerbord und deckt sie gut gegen den Regen ab. Die erste wird abgefeuert, sobald wir die Bordwand erkennen können, dann ein blitzschneller Schwenk, die zweite abfeuern und augenblicklich verschwinden. Und daß mir alles lautlos vonstatten geht!“

Don Juan fühlte sich angesprochen. Er mischte sich unter die Männer und enterte sofort ab. Drei weitere folgten ihm.

Oben wurde die Drehbasse abgefiert. Sie war mit einer Persenning abgedeckt, damit sie nicht naß wurde.

Es ging alles ziemlich lautlos vor sich. Daher zuckte Juan leicht zusammen, als ein überlautes Bersten erklang. Auf der Steuerbordseite feuerten sie vier Kanonen ab. Der ganze Schiffsrumpf bebte und schwankte.

Keiner schenkte dem anderen Beachtung. Jeder war beschäftigt, und außerdem sahen sie sich gegenseitig ohnehin nur als Schatten.

Die Drehbasse wurde in die Halterung gesteckt. Ein weiterer Mann enterte inzwischen ab.

Don Juan hatte ein lausiges Gefühl in der Magengrube. Wenn jemand entdeckte, daß er nicht zu diesem Haufen gehörte, stand ihm ein unangenehmer Tag bevor, der vielleicht damit enden würde, daß er später an der Rah zappelte. Juan fand den Gedanken nicht gerade erheiternd.

Der Knall war verklungen, und erst jetzt wurde ihm bewußt, daß er nicht lauter als sonst auch gewesen war. Daraus war zu folgern, daß sie nicht die präparierten Kanonen abgefeuert hatten, sondern erst die anderen, die schon lange abgekühlt waren.

Na, wenn schon! Früher oder später würden sie auch die anderen Stücke abfeuern, und dann war die Überraschung perfekt.

In dem Augenblick wurde die zweite Drehbasse abgefiert.

3.

Virgos enterte ebenfalls ab. Dem Schattenriß nach war es ein massiger Mann mit einer tiefen Stimme. Er konnte schnell ungeduldig werden, aber er hatte nichts zu bemängeln.

Juan mußte zugeben, daß die Kerle ihr Handwerk verstanden. Sie arbeiteten schnell und sicher und traten sich auch bei dem Nebel nicht gegenseitig auf die Füße. Garcias scharfer Drill zahlte sich aus.

„Alles in Ordnung?“ fragte Virgos leise. „Sitzen die Drehbassen richtig in den Halterungen?“

„Ja“, kam eine Stimme aus der Milchsuppe. „Die Persennings sind ebenfalls dicht.“

Ein weiterer Kerl mit einer Laterne, deren Docht heruntergeschraubt war, enterte ab. Außerdem hatte er noch einen nassen Fetzen Tuch um das Ding geschlungen.

Juan wurde angestoßen und sah den massigen Mann dicht vor sich.

„Du setzt dich auf die Mittelducht nach Steuerbord“, sagte Virgos. „Es wird lautlos gepullt, verstanden?“

„Ja, verstanden“, nuschelte Juan und grinste sich eins. Auf der Mittelducht saß er genau richtig.

Er nahm Platz und griff nach dem Riemen wie die anderen auch.

„Wir pullen um das Schiff herum, bis wir an der Jakobsleiter auf der anderen Seite sind“, sagte Virgos. „Das Barbereskenschiff liegt dann genau voraus. Wir werden es auf die Entfernung nicht verfehlen. Es wird langsam und lautlos gepullt, und wenn wir die Bordwand vor uns auftauchen sehen, werde ich persönlich feuern, und zwar mit der Drehbasse an Steuerbord. Die andere übernimmt Miguel, sobald wir einen Halbkreis gefahren haben.“

„Verstanden“, flüsterte eine Stimme aus dem Nebel.

Noch immer war nicht die Hand vor Augen zu sehen, als Virgos das Kommando zum Pullen gab.

Die Riemen tauchten ein. Juan sah seinen Nebenmann nur als länglichen Schatten in Grau und Schwarz. Sein Gesicht verschmolz mit dem Körper. Der Mann sah aus wie ein großer Mehlsack, von dem das Wasser nur so tropfte.

Die Burschen verstanden es wirklich, fast lautlos zu pullen. Nur ein leises Tropfen war zu hören, wenn sich die Riemen aus dem Wasser hoben. Aber das Geräusch ging im Regen unter und fiel nicht auf. Kein Mensch würde es hören.

Der Schatten der Galeone war schwach zu erkennen. Sie pullten so dicht daran vorbei, daß die Riemen die Bordwand fast berührten. Die Männer, die am Schanzkleid standen, waren nicht zu sehen, nicht mal als Schemen.

Auf der anderen Seite der Galeone hing noch der Pulverdampf. Unwillkürlich hielt Juan den Atem an. Der Qualm roch entsetzlich und durchdringend und reizte zum Niesen und Husten. Er stieß die Luft wieder aus und unterdrückte den Hustenreiz wie die anderen auch.

Nach einer Ewigkeit erreichten sie die Jakobsleiter.

Virgos legte die Jolle so, daß sie mit dem Heck auf die Jakobsleiter zeigte. Dann stieß er die Jolle vorsichtig von der Bordwand ab.

„Genau voraus liegt das Schiff von El Lobo del Mar“, erklärte er und übernahm die Pinne.

Juan grinste sich heimlich eins. In der Jolle gab es keinen Kompaß, und so konnten sie im dichten Nebel schon nach ein paar Yards die Orientierung verlieren. Außerdem lag das Schiff längst nicht mehr da, sondern hatte mittlerweile vermutlich bereits die Bucht erreicht.

Was die „Navigation“ für diese kurze Distanz betraf, da benahmen sich die Dons wie Anfänger und peilten ganz einfach über den Daumen.

Ruhig pullten sie weiter, eine Jolle, die statt mit Männern mit Geistern besetzt war. So sah es jedenfalls aus, wenn sich die Schemen im Nebel bewegten.

Old O’Flynn hätte bei diesem Anblick vermutlich das Grausen gepackt.

Sie bewegten sich in einer Welt aus Watte, einer Sphäre, die absolut unwirklich war. Sie schien eher aus einem Traum zu stammen, und ein paarmal hatte selbst Juan den Eindruck, mit diesen schemenhaften Gesellen allein auf der Welt zu sein.

Es dauerte nochmals eine Ewigkeit, bis Virgos Anzeichen der Nervosität erkennen ließ.

„Wir müßten schon da sein“, flüsterte er ratlos und sah sich dabei nach allen Seiten um. „Nichts zu erkennen?“

„Nichts“, sagte ein Mann. „Absolut nichts.“

„Dann pullt langsam weiter. Der Bastard muß sich in unmittelbarer Nähe befinden.“

Es war wie verhext. Kein Schiff tauchte auf, keine Stimmen waren zu hören.

Virgos ließ das Pullen wieder einstellen und lauschte mit wachen Sinnen in alle Richtungen. Aber nur das eintönige Geräusch des Regens war zu vernehmen, ein Geräusch, das einschläfernd wirkte.

„Wir haben die Richtung verfehlt“, raunte einer.

„Quatsch! Wir sind ganz in der Nähe. Das kann nicht sein.“

Juan enthielt sich verständlicherweise eines Kommentares, um nicht unnötig aufzufallen. Er schätzte, daß sie jetzt mindestens drei- bis vierhundert Yards von der Galeone entfernt waren. Es ließ sich nur sehr schwer abschätzen, aber seiner Ansicht nach konnte das stimmen.

Virgos wurde immer nervöser und fahriger. Er bewegte die Ruderpinne sinnlos hin und her. Schließlich erhob er sich ärgerlich. Mit den Blicken versuchte er den Nebel zu durchdringen. Als das auch nichts fruchtete, stieg er über die Ducht nach vorn. Die Riemen hingen jetzt dicht über der Wasseroberfläche.

„Verflucht noch mal“, sagte er leise. „Hier muß es sein, dafür lege ich meinen Kopf in die Schlinge.“

Die Gestalten waren wie erstarrt. Keiner bewegte sich. Nur die Köpfe drehten sich in alle Himmelsrichtungen. Aber es gab nichts zu sehen außer der grauweißen Wand, die fast mit den Händen greifbar war.

Juan ließ das Riemenblatt unmerklich in Wasser sinken. Die Jolle lief keine Fahrt mehr. Bewegungslos hing sie auf dem Wasser. Die Männer sahen nach vorn, nach achtern und zu beiden Seiten, in der Hoffnung, die Umrisse des Schiffes zu entdecken.

Don Juan schob mit dem Fuß die Axt zu sich heran und belauerte dabei die Spanier. Er tat auch so, als blicke er angespannt über Bord.

„Dort vorn, Steuerbord voraus“, raunte jemand. „Dort ist etwas zu erkennen.“

Der Don sah bestenfalls ein Hirngespinst, das der Nebel ihm vorgaukelte. Vielleicht wollte er sich bei Virgos auch nur wichtig machen. Er erreichte damit aber lediglich, daß jetzt alle gebannt in die Nebelwand starrten und einige kundtaten, jetzt ebenfalls etwas zu sehen.

Juan de Alcazar erhob sich langsam. Die Axt hielt er in der Hand und holte weit aus.

Der Krach war so schmetternd und laut, daß es auf entsetzliche Weise die Stille durchbrach. Der Schlag war auch mit aller Kraft geführt worden.

Die Dons zuckten zusammen und stöhnten verhalten. Einige von ihnen fuhren in panischer Angst herum.

Ein zweiter, berstend lauter Schlag ertönte. Einer der Kerle sank vor Angst auf der Ducht zusammen und rutschte auf die Gräting.

In der Jolle schoß eine Wassersäule hoch wie aus einem Geysir, der explosionsartig ausbrach.

„Santa Maria!“ schrie Virgos, der keine Ahnung hatte, was passiert war. Er sah nur eine Wasserfontäne vor sich, die mitten aus der Jolle aufbrach, und hörte ein Schmatzen und Gurgeln.

Die Jolle schwankte hin und her, während ein dritter Schlag zu hören war.

Jetzt schoß das Wasser in mehreren Säulen hoch. Die Jolle neigte sich zur Seite, als ein paar Dons blind vor Angst zur Backbordseite sprangen.

Ein Zischen und Brausen überlagerte das ängstliche Wimmern von Männern, die annahmen, der Teufel sei persönlich an Bord erschienen.

Noch immer wußte keiner, was eigentlich passiert war. Die Dons drängten und schoben sich, und einer brüllte laut, die „Bastarde“ hätten sie unter Feuer genommen.

Don Juan warf die Axt über Bord, blickte zu den schemenhaften Gestalten und ließ sich über das Dollbord gleiten.

In der Jolle war augenblicklich der Teufel los. Die Gräting war mitsamt dem Rumpf von den starken Hieben durchschlagen worden. Drei gezackte Löcher klafften in dem Beiboot.

Die Kerle schrien sich die Kehlen heiser. Ihren Gegner hatten sie in der Angst vergessen und nahmen auch keine Rücksicht darauf, daß man sie vielleicht hören könnte.

Der Spanier lachte lautlos und stieß sich von der immer stärker überkrängenden Jolle ab. Die Konturen verschwammen sofort. Er hörte nur das Brüllen der Männer und das Gurgeln des Wassers. Auch ein lautes Klatschen vernahm er, als einer der Dons in seiner Angst über Bord sprang.

Das Boot sackte ihnen buchstäblich unter den Hintern weg und krängte immer stärker.

Juan sah es wie einen riesigen, toten Fisch auf dem ruhigen Wasser treiben. Virgos brüllte wieder etwas, aber er verstand es nicht. Es war auch unwichtig. Die Kerle hatten ihren Denkzettel weg, waren die Jolle los und konnten zurückschwimmen. Und ihren Gegner hatten sie auch nicht gefunden.

César Garcia würde mit Sicherheit einen Wutanfall kriegen, wenn er von der Pleite erfuhr.

Juan hatte außerdem die Genugtuung, daß niemand wußte, was denn eigentlich passiert war. Sie waren völlig ahnungslos. Niemand würde auf die Idee verfallen, daß sich ein Saboteur des Seewolfs bei ihnen eingeschlichen hatte, und so würden sie rätseln und grübeln, wie diese Schlappe hatte passieren können.

An ihrem Geschrei und dem Blubbern hörte er, daß sich die Jolle jetzt anschickte, den Grund der Bucht aufzusuchen. Er sah allerdings nichts mehr und orientierte sich nur an dem wilden Gebrüll, das sicherlich bis hin zur Galeone zu hören war.

Seelenruhig schwamm er weiter. Er mußte sich nach rechts halten, bis er den Tapti erreichte, wo die Strömung herrschte. Dazu mußte er eine kleine Landzunge überqueren. Die schmale Einfahrt zur Bucht zu finden, war bei den Sichtverhältnissen nicht einfach.

Nicht lange, und er spürte Grund unter den Füßen. Von der Buchtmitte her war immer noch Geschrei zu hören, als er an Land watete.

Er blieb stehen und lauschte, dabei konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Kein Zweifel, daß die Dons ihre Jolle los waren und jetzt in der Bucht schwammen. Die Orientierung, die vorhin schon ein Problem darstellte, schien ihnen jetzt noch schwieriger zu fallen. Er hörte es an den Zurufen, mit denen sie ihre Position bekanntgaben. Er glaubte auch Virgos Stimme zu hören.

Juan überquerte die paar Yards breite Landzunge mit dem dichten Gebüsch, bis er den Tapti rauschen hörte. Er mußte sich flußabwärts nach rechts halten, doch er sah nicht mal das Wasser. Er spürte es erst, als er am Ufer ausglitt und schon in der warmen Brühe drin war.

Diesmal schwamm er zügig bis zum gegenüberliegenden Ufer und ließ sich dort langsam treiben.

Er hatte jetzt selbst Mühe, die Orientierung zu halten, um die Bucht zu finden. Es war ungefähr so, als suche er in einem riesigen Heuhaufen die berühmte kleine Nadel.

Das Entsetzen steckte den Dons noch in den Knochen. Ein paar von ihnen soffen vor Angst fast ab, als sie sich übergangslos im Wasser befanden.

Virgos schrie und brüllte nach seinen Leuten, die sich in alle Richtungen zerstreuten und wie wild herumplanschten.

Nach und nach kam in den wilden Haufen wieder Ordnung, und die Männer schwammen auf Weisung Virgos zum inneren Teil der Bucht, bis sie Land erreichten.

Die Spanier zitterten trotz der Wärme, und sie glaubten, der Leibhaftige säße ihnen immer noch im Nacken, der ihnen gerade so übel mitgespielt hatte.

Hätte Virgos jetzt seine Leute abgezählt, dann wäre ihm möglicherweise etwas aufgefallen. Aber daran dachte er in der Aufregung nicht. Er sah Gestalten um sich herum und setzte sich in Richtung der Siedlung Esperanza in Marsch. Von der ersten Hütte aus hatten sie einen Anhaltspunkt und konnten zur „Aguila“ hinüberschwimmen.

Sie redeten kaum miteinander. Jeder versuchte, so schnell wie möglich das rettende Schiff zu erreichen, das allein Schutz vor Teufeln und Dämonen zu bieten schien.

Eine knappe Stunde nach dem Untergang ihrer Jolle, der so rätselhaft war, befanden sie sich endlich an Bord.

César Garcia hatte wirklich schlechte Laune, als die Männer erfolglos zurückkehrten und Virgos Bericht erstattete.

„Ein Ungeist muß an Bord gewesen sein“, schloß der Profos seinen Bericht. „Es gibt keine andere Erklärung, Señor Capitán. Die Jolle wurde von etwas getroffen und versank fast augenblicklich. Wir hörten nur ein entsetzliches Krachen und Splittern.“

„Die Bastarde werden auf euch geschossen haben, ohne daß ihr sie auch nur sehen konntet!“ rief Garcia wütend. „Ich hatte ausdrücklich befohlen, daß ihr euch leise verhalten und ganz vorsichtig heranpullen solltet.“

Der Erste Offizier Molina mischte sich ein.

„Verzeihung, Señor Capitán. Wir haben keinen einzigen Schuß gehört. Das Geräusch wäre uns auf die Entfernung nicht entgangen. Es muß etwas anderes passiert sein.“

„Darüber befinden wir später. Lassen Sie die Männer abzählen, Señor Molina. Ich will wissen, ob es Ausfälle gegeben hat.“

„Es fehlt kein Mann“, erklärte der Profos schnell.

„Das wird sich gleich herausstellen.“

Molina ließ die Männer antreten. Dann wurde gezählt, und der Profos Virgos schien recht zu behalten. Es fehlte tatsächlich kein Mann. Alle waren von dem Unternehmen zurückgekehrt, wenn auch erfolglos.

„Es hat also niemand von uns einen Schaden davongetragen“, sagte Garcia mit böse glitzernden Augen. „Aber wir haben die große Jolle verloren. Wie war das möglich?“

Die Dons rätselten daran herum. Es war kein Schuß abgefeuert worden, wie auch die Jollencrew bestätigte. Trotzdem war das Beiboot regelrecht explodiert.

Garcia ging im Nebel auf und ab und versuchte die Gestalten zu erkennen, die sich in seiner Nähe aufhielten.

„Wer war in der Jolle? Vortreten, dicht vor mich hinstellen! Virgos, Sie nennen mir zusätzlich noch die Namen.“

Virgos zählte, einschließlich sich selbst, insgesamt acht Mann auf. Dabei fiel auch der Name Carmona.

„Ich war nicht dabei!“ rief Carmona fast empört. „Das weiß ich ganz genau.“

„Aber wir waren insgesamt acht Leute. Natürlich warst du dabei.“

„Nein, ich war an Bord. Das können etliche bestätigen.“

Julian Carmona drängte sich weiter vor. Er sah aus, als litte er unter der Schwindsucht. Er war stoppelbärtig und hatte eine Haut wie Leder, die sich straff über die kantig hervortretenden Wangenknochen spannte.

Zwei Mann bestätigten, daß er an Bord gewesen sei, als die Jolle längst unterwegs war.

Garcia schlug erregt mit dem Degen gegen seine Stiefel. Er wußte nicht, was er von der Sache halten sollte.

„Das ist ja reichlich mysteriös und geheimnisvoll“, knurrte er. „Das grenzt ja fast an Zauberei. Noch einmal: Alle, die in der Jolle waren, melden sich mit Namen bei mir persönlich.“

Dabei stellte sich etwas Eigenartiges heraus. Genau sieben Mann waren in der Jolle gewesen. Aber das konnte nicht stimmen.

„Drei Rudergasten auf jeder Seite“, zählte der entnervte Profos auf. „Ich selbst war an der Pinne, und im Bug der Jolle saß einer als Beobachter. Das war Cordes.“

„Stimmt, ich war im Bug der Jolle“, bestätigte der Mann verwirrt.

Noch einmal wurde gezählt, aber das ließ die Angelegenheit nur noch undurchsichtiger erscheinen.

Es fehlte ein Mann! Und das war etwas, das keiner von ihnen begriff. Einer der Männer auf der Steuerbordseite war spurlos verschwunden, als habe es ihn nie gegeben. Und doch waren alle vollzählig an Bord.

„Hier ist eine Sauerei übelsten Ausmaßes im Gange!“ brüllte Garcia. „Etwas stimmt an der ganzen Geschichte nicht, und ich werde herausfinden, wer mich angelogen hat. Gnade Gott dem Kerl! Ich lasse ihn auspeitschen und zusätzlich kielholen!“

Jetzt wollten sie es ganz genau wissen.

Zwei Kerle behaupteten mit der größten Selbstverständlichkeit, den einen Platz in der Jolle habe der Teufel selbst eingenommen, der nach dem Unglück sofort verschwunden sei. Sie hätten auch noch einen leichten Geruch nach Schwefel wahrgenommen.

„Verstehen Sie das, Molina?“ fragte Garcia. „Sieben Mann sind in der Jolle gewesen und sieben sind auch zurückgekehrt. Unterwegs müssen es aber acht gewesen sein, wenn alle Riemen besetzt waren.“

„Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Ich weiß nur, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, Señor Capitán. Oder es muß doch einer verschwunden sein.“

„Zum Donnerwetter, nein und nochmals nein!“ brüllte Garcia. „Die Mannschaft ist vollzählig. Wir haben das doch einwandfrei festgestellt. Und an den Teufel glaube ich nun mal nicht. Ich habe noch nie einen gesehen.“

Es ging hin und her, und schließlich hatten alle vor Aufregung knallrote Köpfe.

Don Juan hätte seine helle Freude an der allgemeinen Verwirrung gehabt, wenn er das gesehen hätte.

Es stellte sich heraus, daß Molina nicht abgeneigt war, an die Version des Teufels zu glauben. Vielleicht deshalb, weil er keine andere Erklärung fand. Daß der Capitán den Teufel noch nie gesehen hatte, war noch lange kein Beweis dafür, daß es ihn nicht gab. Den Wind konnte man schließlich auch nicht sehen, trotzdem war er da und pfiff ihnen hin und wieder kräftig um die Ohren.

Das sagte er Garcia auch, und daraufhin explodierte der Capitán voller Wut.

„Verschonen Sie mich mit diesem verdammten Mist!“ brüllte er den zusammenzuckenden Mann an. „Hier geht etwas vor, was selbst mein Begriffsvermögen bei weitem übersteigt! Von Ihrem ganz zu schweigen!“

Der Profos mußte zum wiederholten Male alles genau angeben, wo und wie jeder in der Jolle gesessen hatte und was seine Aufgabe gewesen war.

Garcia biß sich in den Fall buchstäblich hinein – und fand dennoch keine Lösung. Nicht mal eine Vermutung hatte er. Er starrte seine Leute nur voller Mißtrauen an.

„Ich werde das noch herausfinden“, versprach er düster. „Vielleicht hatte doch der Bastard Killigrew seine Finger in diesem Spiel. Verschwinden Sie jetzt unter Deck, Geschützmeister, und lassen Sie zwei Rohre abfeuern. Ich lasse mich nicht zum Narren halten. Erhöhen Sie auch den Schußwinkel.“

Ein paar Männer verschwanden in auffallender Eile, froh darüber, nicht mehr der schlechten Laune des Kapitäns ausgesetzt zu sein.

„Was hat er nur“, murmelte der Stückmeister. „Schließlich ist es doch egal, wie viele Kerle in der Jolle waren. Sie sind schließlich alle wieder heil zurückgekehrt und kein Mann fehlt. Da soll es mir doch völlig schnuppe sein, ob sich einer verzählt hat.“

Der Logik des Stückmeisters schlossen sich auch die anderen an. Da hatte sich eben einer verzählt – damit basta! Warum sollte man sich deswegen künstlich aufregen?

Im Batteriedeck ließ der Stückmeister Keile untersetzen und prüfte die Kanonen dann genau. Er erkannte zwar kein Ziel und feuerte wieder mal aufs Geratewohl, aber möglich war es ja, daß sie den englischen Bastard trafen, vielleicht durch einen Zufallstreffer.

Die Rohre waren jetzt um eine Handbreite erhöht.

Der Stückmeister gab den Befehl zum Feuern.

4.

Was dann geschah, wußte keiner mehr genau zu sagen. Aber auf eine grauenhafte Art hatte sich die Hölle aufgetan.

Zwei Culverinen wurden gleichzeitig gezündet.

In dem fast finsteren Teil des Batteriedecks entstand für einen winzigen Augenblick eine gleißende Helligkeit. Sie war so grell, als sei urplötzlich die Sonne unter Deck aufgegangen.

Ein paar Spanier nahmen diesen Eindruck als ihren letzten im Leben in sich auf. Den berstenden, infernalisch brüllenden Donner hörten sie nicht mehr.

Zwei Rohre krepierten in einem wilden Glutball. Schwere Bronzestücke, scharfkantig wie Meteoriten, flogen durch das Deck. Sie fetzten ins Holz und schlugen es kurz und klein. Eine der zerstörten Culverinen raste zurück, zerriß die Brooktaue wie Zwirnfäden und donnerte als riesiges Trümmerstück durch ein Schott.

Aus dem Batteriedeck drang ein gellender Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte.

Der ohrenbetäubende Lärm und der grelle Schrei ließ den Männern auf dem Oberdeck das Blut in den Adern gefrieren. Es hörte sich ganz so an, als sei die „Aguila“ selbst zweimal hintereinander getroffen worden.

Garcia wechselte die Gesichtsfarbe. Er schluckte verstört und stierte nach unten, wo dichter, schwarzer Qualm aus den Stückpforten drang. Er glaubte, in dem Nebel größere Holzbrocken davonfliegen zu sehen.

„Schnell, nach unten!“ schrie er und hastete los. Mit langen Sätzen stürmte er über den Niedergang ins untere Deck. Der Erste Offizier folgte ihm zitternd.

Unter Deck sah es verheerend aus, das erkannte er trotz der schlechten Sicht auf den ersten Blick. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er die Verwüstungen sah.

An einer Stelle flackerte ein winziges Feuer ganz in der Nähe etlicher Pulverfässer.

Garcia rannte mitten in das Feuer und trat wie ein Wahnsinniger mit den Stiefeln darauf herum. Unter seinen Absätzen stoben kleine Funken auf. Dann stolperte er über etwas, das in verkrümmter Haltung auf den Planken lag.

Sein erster Eindruck war der, daß der Bastard gefeuert und auch getroffen hatte. Beim zweiten Blick erkannte er die entsetzliche Wahrheit und stöhnte laut auf.

Der Erste stand neben ihm und starrte mit offenem Mund auf das Chaos, das sie von allen Seiten umgab.

„Madre de Dios“, stammelte er.

Zwei Kanonen waren regelrecht zerfetzt worden. Ihre Rohre waren nur noch zersplitterte Stümpfe, scharf gezackt, von einer gewaltigen Explosion zerrissen und zerfetzt. Die Bronzestücke hatten das Deck verwüstet und ein Faß mit Schießpulver umgeworfen. Eine Kanone hatte das Schott durchschlagen und einen Schattenriß hinterlassen. Samt der zweirädrigen Lafette hatte sie sich durch das Holz gebohrt.

Die andere Culverine qualmte noch aus dem Stumpf, der vormals das Rohr war. Der Torso zeigte genau auf ihn, und im letzten Teil des Inneren sah er das Rohr noch glühen.

Der Stückmeister lag unmittelbar davor. Er hatte keinen Kopf mehr. Drei weitere Männer waren ebenfalls tot. Einer war nur leicht verletzt, aber völlig benommen. Er hockte auf den Planken und lachte, bis sein Lachen in ein haltloses Schluchzen überging.

„Zwei Rohre sind krepiert“, sagte Garcia fassungslos. „Das ist ein Tag des Unheils. Die Trümmer haben die Männer getötet.“

Er bückte sich und drehte einen Mann auf den Rücken. Schaudernd wandte er das Gesicht ab.

„Kein Licht entzünden!“ schrie Garcia. „Überall ist Schießpulver verstreut! Wir würden uns selbst in die Luft jagen. Rufen Sie ein paar Leute, Molina. Sie sollen Pützen mit Wasser mitbringen. Vorerst wird hier nichts angefaßt.“

„Wie konnte das nur passieren?“ fragte der Erste erschüttert. „Die Geschütze sind doch sicher bei der vorschriftsmäßigen Bedienung.“

„Das weiß ich noch nicht“, erwiderte Garcia. Seine Stimme klang seltsam hohl wie ein Echo. „Aber vermutlich hat der Kerl zuviel Pulver in die Stücke einfüllen lassen.“

„Das kann ich nicht glauben, Capitán. Der Stückmeister ist ein zuverlässiger Mann.“

„Er war einer“, korrigierte Garcia scharf. „Aber das ist nicht mehr ganz so sicher. Ich werde das nachher überprüfen lassen.“

Über den Niedergang hasteten Spanier mit Pützen. Bei dem grauenhaften Anblick fiel einem der Dons die Pütz aus der Hand. Das Seewasser ergoß sich über Garcias Stiefel.

Der Capitán holte aus und schlug zu. Es war ein Reflex, er schlug die Leute nie persönlich, dafür hatte er einen Zuchtmeister. Aber alle aufgestaute Wut und Aggression der letzten Stunde entluden sich jetzt, und als der Mann sich duckte, erhielt er einen zweiten Schlag, der ihn auf die Planken warf.

„Dorthin mit dem Wasser!“ schrie Garcia. „Die Disziplin hat verflucht gelitten. Aber ich werde wieder Ordnung in diesen Sauhaufen bringen. Verlaßt euch darauf! Ich werde auch den Kerl finden, dem wir das alles zu verdanken haben.“

Das Seewasser wurde über das Schießpulver gegossen, das auf den Planken verstreut war. Dann ließ Garcia die Fässer wegbringen und erst danach zwei Laternen entzünden, die das Deck notdürftig erhellten.

Der Verletzte wurde vom Feldscher versorgt. Ein weiterer Mann hatte Blutergüsse und Prellungen. Bei den anderen kam jede Hilfe zu spät.

Die Toten wurden nach oben gebracht. Sie sollten später in der Nähe der Siedlung begraben werden.

Den Kopf des Stückmeisters fanden sie nicht, so sehr sie auch alles absuchten. Er war spurlos verschwunden.

Den Dons rann ein Schauer nach dem anderen über die Rücken, wenn sie die Leiche des Stückmeisters sahen.

Als im Batteriedeck notdürftig alles aufgeklart war, erhielt der Zimmermann Anweisungen für die Reparatur, die morgen stattfinden sollte.

Garcia hatte sich in die Idee verrannt, daß es an Bord einen Saboteur geben müsse, weil die Ungereimtheiten sich häuften. Er ließ die Galeone von vorn bis achtern durchsuchen.

Aber es befand sich kein Fremder an Bord, und die Crew war vollzählig bis auf die bei der Explosion getöteten Männer.

Anschließend ernannte er einen neuen Stückmeister, und der mußte gleich antreten.

„Lassen Sie das Pulver aus den Culverinen schaufeln und genauer nachmessen!“ befahl er. „Ich wünsche äußerste Korrektheit dabei.“

Die Mannschaft wurde immer nervöser. Garcias Laune sank mehr und mehr auf den Nullpunkt, und die Männer mieden ängstlich seine Nähe.

Der Stückmeister ging mit zwei Gehilfen an die Arbeit, wobei Garcia ihm laufend erklärte, es sei absolut nicht normal, daß zwei Kanonen gleichzeitig explodieren könnten.

Bei der ersten Culverine wurden an Pulverladung exakt zwölf libras gemessen, was der Menge in englischen Pfunden entsprach.

„Wieder einfüllen. Die nächste Kanone“, befahl Garcia.

Bei der dritten wurde der Stückmeister fündig und traute seinen Augen nicht. Er schaufelte und schaufelte, und sein Adamsapfel ruckte dabei nervös auf und ab.

Garcia stand daneben. Sein Gesicht war kantig und sein Grinsen ein bösartiges Verziehen seiner Lippen.

„Sieh an“, sagte er leise. „Wieviel?“

„Mehr als zwanzig libras, Señor Capitán.“ Dem neuernannten Stückmeister brach der Schweiß aus allen Poren.

„Das kann nicht sein“, ächzte der Erste ungläubig. „Das tut keiner von uns, Capitán.“

„Dann war’s wohl wieder der bewußte Teufel, was? Der scheint hier immer mehr seine Hände im Spiel zu haben. Das muß der Stückmeister getan haben. Er war schließlich für die Stücke verantwortlich.“

„Er wird sich doch nicht selbst in die Luft jagen. Da müßte er ja verrückt sein.“

„Was glauben Sie denn, wer es war, Molina?“

„Ich weiß es wirklich nicht, ich kann es mir auch nicht vorstellen.“

„Jemand hat es während des Nebels eingefüllt“, behauptete Garcia. „Und dieser Jemand befindet sich mitten unter uns. Der Nebel ist so dicht, daß einer den anderen nicht sieht und schon gar nicht erkennt. Der Lumpenhund hatte leichtes Spiel.“

Mißtrauen breitete sich immer mehr aus. Jeder sah den anderen plötzlich mit scheelen Blicken an.

„Alle, die sich im Batteriedeck aufgehalten haben, melden sich nachher bei mir“, befahl Garcia. „Ich werde jeden einem peinlichen Verhör unterziehen, jeden einzelnen. Das gilt natürlich nicht für die Offiziere.“

„Vier präparierte Kanonen“, sagte der Erste ächzend. „Dabei kann es sich wirklich nicht mehr um ein Versehen handeln.“

„Vermutlich nicht“, sagte Garcia höhnisch.

Er wischte sich ärgerlich mit der Hand übers Genick, weil es irgendwo vom oberen Deck langsam, aber stetig tropfte.

Inzwischen wurden weitere Stücke überprüft. Erleichtert stellte der Stückmeister fest, daß die Pulverladungen stimmten. Der Saboteur hatte sein schändliches Werk auf vier Kanonen begrenzt, mehr hatte er zum Glück nicht geschafft, oder er war bei seinem Tun gestört worden.

Platsch! Ein dicker Tropfen fiel Garcia erneut ins Genick. Er fluchte verhalten.

„Sobald das Dreckwetter vorbei ist“, sagte er erbost, „wird das Oberdeck kalfatert. Es dringt ständig Wasser nach unten. Denken Sie daran, Molina. Hier unten muß es trocken bleiben. Eine Schweinerei ist das. Das Pulver könnte naß werden.“

„Ich werde daran denken“, versprach der Erste.

Der nächste Tropfen, der dem Capitán ins Genick fiel, versetzte ihn in rasende Wut. Er riß einem der betroffen herumstehenden Männer die Laterne aus der Hand und leuchtete nach oben.

Im trüben Widerschein der Funzel sah er den Kopf des Stückmeisters.

Er lag auf dem oberen Deckenbalken, wohin ihn der Explosionsdruck geschleudert hatte.

Eine dünne Blutspur rann als kleines Rinnsal von dem Balken hinunter. Von dort tropfte es weiter nach unten, und diese Tropfen waren Garcia ins Genick gefallen.

Der Capitán rührte sich für lange Augenblicke nicht. Wie hypnotisiert starrte er auf den Schädel des ehemaligen Stückmeisters.

Sein Atem ging stoßweise, und seine Lippen zuckten.

„Dieses – dieses – Ungeheuer!“ stieß er atemlos hervor. Die Hand mit der Laterne zitterte.

„Was ist denn, Señor Capitán?“ fragte der Erste. „Haben Sie …?“

Er folgte dem Blick Garcias und starrte ungläubig nach oben. Auch die anderen Männer an den Kanonen wurden jetzt aufmerksam.

Molina stieß einen lauten Schrei aus. Der Anblick war so schrecklich und grausam, daß er unwillkürlich schrie. Seine Zähne schlugen wie im Fieber aufeinander.

Erst als sein Schreien abrupt verstummte, entdeckten die anderen Männer den Kopf des Stückmeisters. Unter den abergläubischen Leuten brach fast eine Panik aus.

Einer der Kerle warf die Laterne auf die Planken, flüchtete laut brüllend und von namenlosem Entsetzen gepackt, quer durch das Batteriedeck und raste den Niedergang hinauf. Zwei Mann wichen aufschreiend zurück und bekreuzigten sich. Die anderen rannten ebenfalls los.

Garcia konnte es ihnen nicht mal verübeln. Er hob die Laterne auf und stellte sie auf die Planken. Mit verzerrtem Gesicht blickte er zu dem Ersten Offizier.

„Wir haben wirklich den Teufel an Bord“, flüsterte er so leise, daß Molina ihn kaum verstand.

5.

Der Monsunregen hatte noch mehr nachgelassen. Nur der Nebel blieb, und jetzt wurde es fast übergangslos Nacht.

Die Arwenacks lagen mit der Schebecke in der Bucht. Hasard hatte vor, das Schiff ein wenig aufzuslippen, doch der Tapti zog ihm einen dicken Strich durch seine Überlegungen.

Der Fluß war in den letzten beiden Stunden merklich gestiegen, aber noch nicht reißend geworden. Er hatte fürs erste nur sein Bett verbreitert und dehnte sich weiter in den umliegenden Dschungel aus.

Einen Tidenhub gab es nicht mehr. Er betrug zur normalen Zeit ohnehin nur ein knappes halbes Yard. Jetzt war der Unterschied längst verwischt und nicht mehr zu merken.

„Das wird schwierig werden“, sagte Ferris Tucker. „Wenn wir die Schebecke aufs Trockene bringen, hängen wir nach ein paar Stunden erneut im Wasser, oder wir sitzen irgendwo zwischen den Mangroven fest. Ein Gedanke, der mir nicht unbedingt behagt.“

„Der Regen hat nachgelassen“, entgegnete Hasard. „Kann durchaus sein, daß der Tapti nicht mehr weiter steigt. Nur der Nebel hält sich noch wie dicke Suppe.“

Ferris räusperte sich. Der Nebel hatte längst die Bucht eingehüllt, aber er war nicht mehr so kompakt wie zuvor. Hier trieben immer wieder wirbelnde Schwaden und Schleier. Hin und wieder riß der milchig-trübe Vorhang auch auf. Sie konnten sich dann zumindest gegenseitig erkennen.

„So schlimm wird es mit dem Ruder wohl nicht sein“, sagte der rothaarige Schiffszimmermann. „Es hängt ein bißchen, aber wir können es mit Bordmitteln reparieren. Es wird allerdings etliche Stunden dauern. Das läßt sich leider nicht ändern. Hoffentlich hält der Nebel wenigstens so lange noch, damit es den Bastarden nicht einfällt, uns in dieser Bucht einen Besuch abzustatten.“

„Das ist allerdings auch meine Befürchtung.“

Hasard lauschte in den Nebel. Da waren plötzlich Geräusche zu hören. Ein dumpfes Wummern, als bebe die Erde.

„Sie feuern wieder“, sagte Ben Brighton. „Die haben noch nicht mitgekriegt, daß wir uns längst verholt haben. Sollen sie ihr Pulver nur verschießen, diese Halunken.“

Seine Worte klangen erbittert und auch etwas wütend. Eine gewisse Hilflosigkeit sprach aus ihnen. „Wir sollten uns überlegen, wie wir ihnen zuvorkommen können, Sir. Mir geht es mächtig auf den Nerv, daß sie mit uns regelrecht Katz und Maus spielen. Diesmal sitzen wir in der Klemme, und es sieht nicht gut aus.“

„Mit dem beschädigten Ruder können wir gar nichts unternehmen, Ben“, sagte Hasard leise. „Mir behagt die Situation auch nicht, aber sie ist zur Zeit nicht zu ändern. Wir haben hier sowieso nichts mehr zu melden. Es bleibt uns nichts weiter übrig, als nach erfolgter Reparatur heimlich zu verschwinden. Was haben wir in Surat erreicht? Kein Hund nimmt auch nur einen Knochen von uns – nach allem, was bisher vorgefallen ist. Der Padischah würde sich freuen, uns noch einmal zwischen die Finger zu kriegen. Er muß vor Wut auf uns bersten, obwohl wir nichts Unrechtes getan haben. Wir haben uns lediglich befreit, um dem sicheren Tod zu entgehen. Ein Akt der reinen Notwehr, den ich selbst keinem anderen verübeln könnte.“

„Hier denkt man leider anders darüber.“

„Hier ist alles verpatzt worden, was man nur verpatzen kann. Die ganze Mission ist kläglich gescheitert.“

„Trotzdem müssen wir jetzt etwas unternehmen“, drängte Ben. „Das Ruder muß so schnell wie möglich repariert werden, damit wir wenigstens manövrierfähig sind. Als letzte Konsequenz bleibt uns dann nur das schmähliche Auskneifen vor dem Gegner.“

„Ha, wir und auskneifen!“ dröhnte Carberrys Stimme auf. „Lieber beiße ich mir in den Hintern, als vor diesen abgetakelten Rübenschweinen auszukneifen. Die Bastarde haben uns mit Intrigen und Hinterhältigkeiten in die bescheidene Situation manövriert, und dagegen sollten wir uns mit allen Mitteln wehren.“

„Was verstehst du unter allen Mitteln?“ fragte der Seewolf. „Vielleicht hat Don Juan was erreicht, aber das kann ich mir nur schlecht vorstellen. Was für Möglichkeiten haben wir denn noch mit einem angeschossenen und fast manövrierunfähigen Schiff?“

„Brandsätze“, knurrte der Profos, dem die Wut bis zum Hals stand. „Wir beharken den Don mit Brandsätzen, bis ihm alles um die Ohren fliegt.“

„Darüber habe ich schon mit Juan gesprochen. Mit den Brandsätzen können wir nicht viel ausrichten, solange es regnet.“

„Aber es regnet kaum noch“, wandte der Profos ein. „Das bißchen Wasser wird den Dingern kaum schaden. Wenn wir dem Don eins verpaßt haben, kneift der andere Bastard den Schwanz ein. Der segelt doch nur im Schatten der Kriegsgaleone mit und hat nur dann sein starkes Hemd an, wenn ihm jemand zur Seite steht. Ruthland allein haben wir nicht zu fürchten mit seinem Karavellchen.“

„Da magst du recht haben. Das Problem ist ja auch der Spanier. Den müssen wir erst mal loswerden.“

„Durch gutes Zureden segelt der bestimmt nicht nach Hause“, motzte der Profos.

Ferris und Shane waren unterdessen nach achtern gegangen und über die Rüste in die Jolle abgeentert. Die Zwillinge Hasard und Philip folgten ihnen mit Laternen. Ferris wollte eine erste Inspektion vornehmen, um zu sehen, wie stark die Beschädigungen waren. Danach sollte unverzüglich mit der Reparatur begonnen werden, sofern es möglich war.

Am Schiffsrumpf zogen sie sich mit der Jolle weiter nach achtern.

„Scheißnebel!“ schimpfte Ferris. „Auf dem Wasser sieht man kaum etwas.“

„Unser Glück“, brummte Shane. „So können uns die anderen wenigstens auch nicht ausmachen. Mir geht es gegen den Strich, ausgerechnet dann gejagt zu werden, wenn man selbst lahme Flügel hat.“

Sie waren am Heck angelangt und hielten sich fest. Jung Hasard leuchtete mit der Laterne auf das Ruder. Er schraubte den Docht so hoch, bis es entsetzlich nach Lampenöl stank. Aber wenigstens konnten sie auf diese Weise etwas erkennen.

„Das war der Schlag, den der Rudergänger verspürt hat“, sagte Ferris nach einem kurzen Blick. „Genau hier hat die Kugel das Ruder gestreift. Der Schaft hat etwas abgekriegt, aber nicht wesentlich.“

Ferris ließ die Lampe noch höher und dichter halten. „Weiter unten sieht es etwas schlechter aus.“

Er zeigte dem Exschmied von Arwenack die Stelle. Shane, der ohnehin kein Freund von großen Worten war, nickte bedächtig.

„Hätte schlimmer sein können. Wir haben noch mal Glück gehabt. Vier Fingerlinge und vier Ruderösen sind hinüber.“

„Und im Blatt fehlt ein kleines Stück vom oberen Teil“, setzte Ferris hinzu. „Aber das kann man später einflicken. Die Ösen und Fingerlinge sind wichtiger. Wir müssen ein paar neue anfertigen. So, wie es jetzt steht, läßt sich das Schiff nur sehr schwer manövrieren. Außerdem besteht die Gefahr, daß noch mehr bricht.“

Die Stellen wurden genau begutachtet.

Von oben erklang Hasards Stimme. „Wie sieht es aus?“

Ferris sagte es ihm. Die nächste Frage lautete, wie lange die Reparatur dauern würde.

„Vier bis fünf Stunden mindestens. Wir müssen neue Ösen und Fingerlinge anfertigen. Aber wir gehen gleich an die Arbeit. Anschließend kümmern wir uns um den Fockmast, Sir.“

„Sehr gut. Jeder wird mithelfen, damit wir wieder seetüchtig sind.“

„Die Sache hat nur einen kleinen Haken“, wandte Ferris ein. „Wir müssen ein Stück achteraus verholen, bis wir auf den Mangrovenwurzeln sitzen, sonst können wir an das Ruder nicht heran. Das dürfte mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein. Und es kostet uns ebenfalls noch etliches an Zeit.“

Von oben war ein unterdrückter Fluch zu hören.

„Gut, das schaffen wir schon“, sagte der Seewolf. „Solange der Wind nicht bläst, können die anderen die Bucht ebenfalls nicht verlassen, und das ist unser Vorteil. Wir holen inzwischen das zerschossene Segel ein.“

Die Schritte entfernten sich. Ferris leuchtete noch einmal genau alles ab. Er war ein gründlicher und gewissenhafter Mann. Manche wurden ungeduldig, wenn er so gründlich und schon fast pedantisch vorging, aber der Zimmermann hatte auch ein dickes Fell. Er war nicht eher zufrieden, bis er genau wußte, wo er ansetzen mußte. Letztlich war es ihnen bisher allen zugute gekommen.

Neben der Jolle war ein leises Platschen zu vernehmen.

Philip fuhr herum und leuchtete auf die Wasseroberfläche. Aber da waren nur Nebelschwaden zu sehen.

„Gibt’s hier Krokodile?“ fragte er leise.

„Kann schon sein“, erwiderte Ferris. „Ich habe zwar noch keine gesehen, aber wir sollten vorsichtig sein.“

Die Aussicht, daß es an den Ufern des Tapti Krokodile geben könnte, war nicht gerade ermunternd. Immerhin mußten sie achtern das Schiff so weit in die Mangroven setzen, daß sie von den hohen Stelzwurzeln aus arbeiten konnten. Wenn da Krokodile lauerten, würde das die Arbeit erheblich behindern.

„Fertig“, sagte Ferris. „Kehren wir um und holen das Zeug, das wir brauchen.“

Hasard stellte die beiden Laternen auf die Ducht und wollte gerade Platz nehmen, als sein Blick erstarrte. Wie gebannt blickte er auf das Dollbord der Jolle.

Dort tat sich etwas, das nicht mit rechten Dingen zuging.

Philip folgte dem Blick seines Bruders und hielt ebenfalls unwillkürlich die Luft an. Nur Ferris und Shane hatten noch nichts bemerkt.

Eine dunkle, triefende Hand schob sich wie der Arm einer Leiche aus dem unsichtbaren Wasser und umfaßte das Dollbord.

Die Jolle schwankte ein wenig, und jetzt fuhren auch Ferris und Shane herum und starrten auf die triefende Hand. Eine zweite tauchte aus der Finsternis auf und griff ebenfalls nach dem Dollbord.

Ein Kopf schob sich blubbernd aus dem Wasser und wurde erst dann sichtbar, als er auf gleicher Höhe mit dem Dollbord war.

Jung Hasard wollte gerade zuschlagen, als er im schwachen Widerschein der Laternen das Gesicht erkannte.

Der unheimliche Geist aus der Tiefe war kein anderer als Don Juan, den der schwache Lichtschein angelockt hatte. Für ihn war es in der Bucht die einzige Orientierungsmöglichkeit gewesen.

Er spie einen Strahl Wasser aus und grinste. Die Männer halfen ihm in die Jolle.

„Wollte euch nicht erschrecken“, sagte er und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Von seinen Haaren tropfte es, und aus seinem Hemd lief ein regelrechter Sturzbach, als er auf der Ducht saß.

„Mann, habe ich einen Schreck gekriegt!“ sagte Hasard. „Du bist hier aufgetaucht wie ein Geist – wie ein Wassermann, würde Granddad jetzt wohl sagen. Der hätte dir wahrscheinlich gleich eins mit dem Riemen über den Schädel gezogen. Du mußt ganz durchgefroren sein.“

„Im Gegenteil, das Wasser ist fast lauwarm.“

„Erzähle mal“, sagte Ferris erleichtert. „Hast du was erreicht?“

„Ich berichte gleich, sobald wir an Bord sind. Dann können es alle hören.“

„Wir wollten gerade zurück. Daß du uns gefunden hast, grenzt fast an ein Wunder“, sagte Shane anerkennend. „Du hast doch überhaupt nichts gesehen.“

„Nicht viel“, gab der Spanier zu. „Eigentlich so gut wie gar nichts. Aber dann entdeckte ich plötzlich den schwachen Lichtschein und hielt darauf zu.“

Sie zogen sich mit der Jolle wieder am Rumpf entlang und enterten auf.

Inzwischen hatten die anderen Arwenacks mitgekriegt, daß Don Juan wieder zurück war.

Hasard nahm ihn gleich in Empfang. Will Thorne brachte sofort ein paar trockene Klamotten, doch der Spanier wehrte dankend ab.

„Ihr seid doch auch alle klatschnaß“, sagte er. „Wir unterscheiden uns also nicht voneinander.“

„Zieh das trotzdem an, Juan“, sagte Will Thorne. „Du wirst dich gleich etwas wohler fühlen.“

Der Kutscher brachte eine Buddel und goß eine Muck voll, die er Juan reichte. Sie waren alle sehr besorgt um ihn.

Auch der Profos, der jedoch sofort monierte, daß er ebenfalls klatschnaß sei, und wegen der Gerechtigkeit soll doch lieber jeder auch gleich vorsorglich einen kleinen Schluck nehmen. Wegen der Erkältung natürlich und so.

Das wurde von Hasard akzeptiert, und so war die Buddel auch schnell gelenzt.

„Warst du an Bord?“ fragte Hasard gespannt.

„Ja, es ging völlig problemlos. Kein Mensch hat mich erkannt oder gar zur Kenntnis genommen. Einer sah den anderen nur als Schatten.“

„Trotzdem war es verdammt riskant.“

„Keine Sorge. Ich konnte mich ins Batteriedeck schleichen, und es gelang mir auch, vier Culverinen so zu präparieren, daß sie Garcia und seinen Leuten um die Ohren geflogen sein dürften. Ich nahm mehr als die doppelte Pulvermenge. Unterwegs hörte ich einmal ein entsetzliches Krachen, konnte jedoch nichts sehen. Ich nehme aber an, daß zwei Rohre krepiert sind. Garcia hatte einen Anschlag auf uns vor. Er bemannte eine Jolle und schickte sie in die Richtung, in der er unser Schiff vermutete. Wir nahmen zwei Drehbassen mit und sollten aus allernächster Distanz auf die Schebecke feuern.“

„Wir?“ fragte Hasard irritiert.

„Ja, wir“, bestätigte Don Juan bescheiden. „Ich war natürlich auch mit an Bord.“

Der Seewolf pfiff leise durch die Zähne. Sie sahen ihn grinsen.

„Nun, wir suchten natürlich alles ab, aber der Stückmeister hatte sich in dem Nebel wohl völlig verirrt, und so fanden wir die Schebecke nicht. Soll ja vorkommen im Nebel.“

Die anderen Arwenacks grinsten jetzt ebenfalls. Sie stellten sich den Wolf mitten unter den Schafen vor, und niemand hatte ihn erkannt.

„Und dann?“ fragte Hasard weiter.

„Na, dann nahm ich eine Axt, die ich schon an Bord der ‚Aguila‘ gefunden hatte, und hackte den lieben Dons die Planken durch, während sie mitten in der Bucht waren. Es war ein grandioses Schauspiel, als die Jolle absoff und immer noch keiner wußte, was denn eigentlich passiert war. Ich habe mich wirklich köstlich amüsiert. Sie nahmen wohl an, die Schebecke habe gefeuert. Sie dürften sich auch gewundert haben, daß nur sieben Mann zurückkehrten, obwohl acht losgepullt waren. Ich denke, das wird Garcia ein fast unlösbares Rätsel aufgeben.“

Hasard lachte laut los. Die Arwenacks stimmten in das Lachen ein und konnten sich kaum beruhigen.

„Und keiner hat was gemerkt?“ fragte Hasard ungläubig.

„Nein, niemand. Der Nebel war so dicht, daß man die Hand nicht vor den Augen sah. Die Kerle üben sich immer noch im Phantomschießen und wissen nicht mal, daß wir längst verschwunden sind. Sie feuern in regelmäßigen Abständen, in der irrsinnigen Hoffnung, doch noch einen Zufallstreffer anzubringen.“

„Das ist ein ganz dicker Hund“, sagte Matt Davis. „Da wäre ich gern dabeigewesenen.“

„Zu zweit hätten wir auch nicht mehr ausrichten können und wären nur aufgefallen“, sagte der Spanier.

Wie zur Bestätigung von Juans Worten ging das Phantomschießen in der anderen Bucht plötzlich wieder los.

Der Nebel dämpfte die Geräusche zwar erheblich und verzerrte sie so, daß sich die Richtung nicht bestimmen ließ, aber Hasard und die anderen glaubten deutlich herauszuhören, daß der Krach wesentlich lauter war. Sie konnten sich das aber auch nur einbilden.

„Dann beginnen wir jetzt mit der Arbeit“, sagte Hasard. „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“

6.

César Garcia konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Er fand keinen „Schuldigen“, so sehr er sich auch bemühte, Licht in das geheimnisvolle Dunkel zu bringen. Seine Laune war dementsprechend auf einen absoluten Tiefpunkt gesunken.

Zudem erhielt er zu später Stunde noch Besuch von Francis Ruthland, der zusammen mit seinem Kumpan Lefray von der „Ghost“ herübergepullt war.

„Was will der Kerl?“ fragte Garcia mißmutig seinen Ersten. „Herumschnüffeln, was hier passiert ist?“

„Er wird neugierig sein.“

Garcia mochte Ruthland nicht sonderlich, aber sie hatten sich aus dem Grund zusammengetan, um den Seewolf zur Strecke zu bringen. Jeder hatte allerdings ein anderes Motiv. War es bei dem Spanier reiner Haß, so attackierte Ruthland den Seewolf aus kommerziellen Gründen. Er sah in ihm einen lästigen Konkurrenten, der ihm die dicksten Brocken vor der Nase wegschnappen würde.

Ruthland wiederum verstand nicht, daß ein Mann wie Garcia ausschließlich vom Haß getrieben wurde. Dabei sprang nichts heraus, es brachte keinerlei Vorteile, und es war auch kein Geld dabei zu verdienen. Aber Garcia hatte das größere und stärker armierte Schiff. Zusammen konnten sie es schaffen, den Seewolf aus dem Weg zu räumen.

Ziemlich ungnädig empfing der spanische Capitán die beiden ungleichen Männer in seiner Kammer.

Die beiden nahmen unaufgefordert Platz.

Garcia musterte den massigen und schweren Ruthland ein paar Augenblicke und sah in helle Fischaugen. Unter dem linken Auge hatte er eine Narbe, die im Schein der Laterne ständig zu zucken schien. Mit dem sauber gestutzten Bart sah Ruthland ja noch einigermaßen annehmbar aus.

Wenn Garcia jedoch zu dem anderen Kerl blickte, dann schluckte er jedes Mal hart. Hugh Lefray erinnerte ihn ständig an einen bösartigen Dämon. Schuld daran war das blinde, rechte Auge. Der Augapfel war weißlich, ohne die Spur einer Pupille, und das verlieh ihm sein unheimliches Aussehen.

Wenn dieses Ungeheuer dann auch noch grinste, rann Garcia ein kalter Schauer über den Rücken.

„Was gibt es?“ fragte der Spanier kurz.

„Das wollte ich Sie fragen“, erwiderte der Engländer. „Wir haben fürchterliches Geschrei und entsetzliches Krachen gehört, aber wir konnten uns das nicht zusammenreimen. Stimmt’s, Hugh?“

„Stimmt“, sagte Lefray einsilbig. Er blickte hoch und sah Garcia an, dem dieser Blick äußerst tückisch erschien.

„Zwei Kanonenrohre sind krepiert“, sagte Garcia. „Dabei wurden ein paar Männer getötet. Ist das alles, was Sie wissen wollten?“

„Tut mir leid, Capitán. Aber man sollte mit der Bemessung der Pulverladungen sehr vorsichtig sein.“

„Erzählen Sie das Ihrer Großmutter, aber nicht mir“, schnaubte der Spanier. „Ich bin mit Kanonen großgeworden und aufgewachsen. Hier war einwandfrei Sabotage im Spiel.“

„Sabotage? Einer Ihrer Leute?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe auch eine Jolle zur Schebecke hinübergeschickt. Sie ist auf recht mysteriöse Art und Weise gesunken. Niemand kann sich erklären, wie das passiert ist.“

„Das war sehr leichtsinnig“, sagte Ruthland tadelnd. „Wenn die Jolle unterwegs war und wir gerade dann gefeuert hätten, wäre ein Unglück passiert. Wir sollten derlei Aktionen miteinander absprechen, Capitán. Das soll kein Vorwurf sein. Ich bin aber aus einem anderen Grund hier. Wir vermuten, daß die Schebecke den Standort gewechselt hat. Sie scheint nicht mehr an derselben Stelle zu liegen.“

„Und das vermuten Sie so einfach?“ fragte Garcia höhnisch.

„Ich habe zwei Mann in einer Jolle kreuz und quer durch die Bucht geschickt, aber sie haben die Bastarde nicht gefunden.“

Garcia lachte stoßartig auf.

„Wir sollten derlei Aktionen miteinander absprechen!“ zitierte er Ruthland. „Denn auch wir feuern in unregelmäßigen Abständen, und dabei hätte es leicht das Leben Ihrer Leute kosten können. Sie werfen mir quasi vor, unüberlegt zu handeln, und verhalten sich nicht anders. Ist das Ihre ganze Logik?“

Ruthland ließ sich nicht anmerken, daß er sich ärgerte. Er sah Garcia an, den im Dienst ergrauten Capitán Ende der Vierzig, wie er kleinwüchsig und verhärmt dahockte und den Kopf zwischen die Schultern zog. Wie ein kleiner Geier saß er da, der auf Aas lauerte. Aber der Spanier war ein harter, unbeugsamer Mann, an Bord seines Schiffes als Tyrann verschrien und gefürchtet.

„Nun gut, lassen wir das. Wir haben ein gemeinsames Ziel vor Augen. Für mich steht fest, daß der Seewolf mit seinem Schiff verschwunden ist. Allerdings kann ich mir nicht erklären, wie er aus der Bucht gesegelt ist. Es geht kein Wind, und sehen kann er ebensowenig wie wir.“

Garcia stand langsam auf und ging vor dem Tisch auf und ab.

„Wenn es stimmt, daß er wirklich verschwunden ist, gibt es dafür eine einfache Erklärung“, sagte er nachdenklich. „Im Gegensatz zu meiner Galeone und Ihrer Karavelle kann eine Schebecke gerudert werden. Die Kerle haben Riemen an Deck gebracht und sind lautlos aus der Bucht gerudert. Das ist ein guter Vorteil für sie.“

„Aber ihr Ruder ist beschädigt, das weiß ich genau. Sie hatten erhebliche Schwierigkeiten damit. Wenn sie auf dem Tapti von der Strömung erfaßt werden, sind sie hilflos. Sie sehen auch das Ufer nicht.“

„Sie haben wohl noch nicht gemerkt, daß wir es mit ausgefuchsten Bastarden zu tun haben, mein Lieber. Das nennt man taktischen Rückzug. Zum einen ist die Strömung nicht so stark, und außerdem können sie mit den Riemen manövrieren. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage von Killigrew. Was würden Sie denn jetzt tun?“

„Ich würde den Tapti hinunterrudern und verschwinden.“

„Das sähe Ihnen ähnlich. Der Seewolf handelt ganz anders. Der verschwindet nicht mit einem angeschossenen Ruder. Ich werde Ihnen sagen, was er vorhat.“

„Wie wollen Sie die Gedanken eines anderen Menschen kennen?“ fragte Lefray hämisch.

„Indem ich versuche, mich in meinen Gegner hineinzudenken. Aber diese Art dürfte Ihnen vermutlich völlig fremd sein.“

Lefray zuckte zusammen.

„Na, dann lassen Sie mal hören“, entgegnete er bissig.

„El Lobo rudert auf den Tapti und läßt sich dort langsam flußabwärts treiben“, erklärte Garcia. „Er kennt die Strecke ebenso gut oder schlecht wie wir auch. Er wird die nächste Bucht auf der anderen Seite anlaufen und dort unverzüglich mit der Reparatur beginnen. So gut glaube ich ihn zu kennen. Sobald sein Schiff wieder in Ordnung ist, wird er uns angreifen. Wir werden auf der Hut sein müssen. Er ist nicht der Mann, der eine Schlappe auf sich sitzen läßt. Es besteht demnach die Möglichkeit, daß er hier wieder auftaucht und aus dem schützenden Nebel heraus angreift. Er wird das ganz überraschend tun.“

„Vielleicht war er schon hier“, sagte Ruthland hinterhältig grinsend, „und Sie haben es nicht bemerkt.“

„Sie sind ja verrückt!“

„Sagten Sie vorhin nicht etwas von Sabotage und von einem mysteriösen Untergang der Jolle, den Sie sich nicht erklären können? Möglicherweise war einer der Bastarde unerkannt bei Ihnen an Bord und hat ein bißchen manipuliert. Bei dem Nebel, in dem einer den anderen nicht sieht, wäre das kaum aufgefallen.“

Garcia starrte den Engländer an, als sähe er ihn zum erstenmal. Seine Unterlippe begann zu zittern, der Blick seiner Augen wurde kalt und bösartig.

Das ist natürlich die Erklärung, dachte er, und er spürte, wie es ihm eiskalt durch die Adern rann. Aber das wollte und konnte er vor Ruthland nicht zugeben, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren. Er schluckte heftig und nahm wieder Platz.

Einer der Bastarde bei ihm an Bord! Das war einfach unvorstellbar, aber nicht unmöglich. Es schüttelte ihn richtig.

„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Ruthland, dem die Reaktion des Spaniers nicht entgangen war.

„Es ist der Haß, der mich zittern läßt“, sagte Garcia gallig. „Ich darf gar nicht an diesen Bastard denken, ohne gleich aus der Haut zu fahren. Aber was Sie da eben andeuteten, ist natürlich Quatsch. Bei uns hat sich niemand an Bord eingeschlichen. Meine Leute sind gut gedrillt und arbeiten Hand in Hand. Ein Fremder wäre selbst bei dichtestem Nebel sofort aufgefallen.“

„Dann wird sich das Rätsel ja wohl bald aufklären“, sagte Ruthland gleichgültig. „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß der Nebel innerhalb der Bucht langsam zerfließt. Vor der Siedlung steht eine dichte, aufquellende Wolkenbank. Weiter vorn zerfasert der Nebel, und es gibt hellere Flecken. Ich nehme an, daß er sich im Laufe der Nacht ganz auflösen wird. Was gedenken Sie dann zu tun, um Killigrew zuvorzukommen? Wir sollten das beizeiten absprechen.“

„Gar nichts gedenke ich zu tun, gar nichts. Ich werde nur scharf aufpassen, daß sich uns niemand nähert.“

„Sie wollen die Hände in den Schoß legen?“ fragte Ruthland ungläubig.

„Soll ich vielleicht meine Leute vor die Segel stellen und in sie hineinblasen lassen?“ brauste Garcia auf. „Ohne Wind sind wir hilflos und können uns nicht rühren. An was dachten Sie denn?“

„Ich dachte daran, daß wir ein paar Jollen vor die Galeone spannen und sie aus der Bucht pullen.“

„Sie haben offenbar noch nie eine Galeone gesegelt, Mister, sonst hätten Sie diesen lächerlichen Vorschlag gar nicht erst vorgebracht. Wollen Sie ein Kriegsschiff flußaufwärts pullen und es trotzdem kampfbereit halten? Das ist absurd! Über diesen Vorschlag erübrigt sich jede weitere Diskussion. Wir warten auf Wind, und wenn wir den haben, greifen wir an.“

„Dazu müßte man erst mal wissen, in welcher Bucht Killigrew zu liegen geruht. Weiter flußaufwärts gibt es unzählige kleine Buchten.“

Sie standen sich wie Kampfhähne gegenüber und starrten sich an.

Garcia hielt den Engländer für einen lausigen Handelsfahrer, der keine Ahnung von seemännischer Kriegsführung hatte.

„El Lobo ist nicht flußaufwärts gegangen“, erklärte er. „Der liegt in der nächstbesten Bucht, wie ich vorhin schon sagte. Er hat keine Zeit zu verlieren und rudert daher nicht umständlich flußaufwärts. Sie dürfen diesen Mann nicht unterschätzen, der verschenkt keine einzige Stunde unnötig, wenn er in Bedrängnis ist.“

Ruthland wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, als es deutlich hörbar über ihren Köpfen knarrte.

„Wind“, sagte Lefray andächtig. „Es kommt Wind auf. Ein Luftzug ist durch die Takelage gefahren.“

Garcia stand kommentarlos auf und ging nach oben. Er sah sich nicht mal um, ob die beiden Männer ihm folgten.

An Deck prallte er fast mit dem Ersten Offizier zusammen.

„Ich wollte Ihnen gerade Meldung erstatten, Capitán“, sagte Molina. „Der Nebel löst sich langsam auf. Man kann bereits vereinzelt Sterne und ein Stück der Mondsichel erkennen. Weiter vorn lichtet sich der Nebel ebenfalls.“

Garcia gab keine Antwort. Er starrte in die Nebelschwaden und warf einen Blick zum Himmel. Tatsächlich sah er ein paar Sterne funkeln. Nur über dem Fluß hing der Nebel zäh wie weißlicher Brei. In der Bucht aber gab es bereits ein paar dünne Stellen.

Der Luftzug war kaum spürbar, doch er wiederholte sich nach einer Weile. Diesmal war er etwas stärker und ließ die Pardunen leise summen.

Für Garcia war das Musik, eine liebliche Melodie, die der Wind da flötete. Er beobachtete, wie ein Luftzug schwallartig einen Nebelhaufen auflöste. Lange, weiße Fahnen wehten davon, riesigen Leichentüchern nicht unähnlich, die aus feuchten Gräbern flatterten.

Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen. Es war noch finster, aber ihm erschien es, als sei jetzt heller Tag. In der Finsternis konnte man wenigstens etwas wahrnehmen, im dichten Nebel war das unmöglich. Die Sterne waren es, die einen schwachen Abglanz zur Erde warfen, und in diesem schwachen Licht ließen sich Einzelheiten erkennen.

„Dann geht es ja wohl bald los“, raunte Ruthland und rieb sich die Hände.

Garcias schlechte Laune war wie weggeblasen.

„Ja, jetzt geht es bald los“, sagte er fanatisch. „Jetzt werde ich den Mann zur Strecke bringen, den ich um die halbe Erde gejagt habe. Er wird uns nicht mehr entwischen. Ich schlage vor, Sie lassen eine kleine Jolle besetzen und schicken sie auf den Fluß. Die Männer sollen erkunden, wo El Lobo steckt. Ich gehe immer noch davon aus, daß er in der angegebenen Bucht liegt. Wenn wir die Bestätigung haben, und der Wind noch etwas auffrischt, segeln wir los. Die Kerle sollen auch genau die Beschaffenheit der Bucht erkunden. Das ist wichtig für unseren Angriff. Wenn wir die Szene kennen, können wir entsprechend handeln. Bis die Männer wieder zurück sind, haben wir vermutlich soviel Wind, wie wir brauchen.“

„Sie haben mehr Männer, Capitán“, sagte Ruthland. „Wäre es da nicht besser, einige von Ihren …“

„Nein, ich brauche alle Leute auf den Gefechtsstationen. Schließlich sind wir das kampfkräftigere Schiff. Also los, auf was warten Sie denn noch, zum Teufel?“

Ruthland konnte es nicht ausstehen, Befehle zu empfangen, noch dazu von einem Spanier, der sich etwas hochnäsig und in jedem Fall sehr überlegen gab. Erst wollte er aufbrausen und sich den Ton verbitten, doch schließlich kuschte er widerwillig. Garcia hatte das bessere Argument zur Hand und ließ sich auf keine Diskussion ein.

„Na schön, wie Euer Majestät befehlen“, sagte er frostig. „Los, Hugh, pullen wir zurück!“

Ziemlich verbiestert verließen sie das Schiff und enterten in ihre Jolle ab, um zur „Ghost“ zu pullen.

Garcia sah ihnen nach, wie sie im schwächer werdenden Nebel langsam zu Schemen zerflossen.

„Dieser Engländer ist ein Idiot“, sagte er zu Molina. „Und dieser andere Compadre erinnert mich an einen wandelnden Leichnam. Ohne uns wären diese Kerle fängst ausgekniffen und hätten den Schwanz eingezogen. Sie sind großmäulig, haben aber Angst, allein gegen El Lobo anzutreten.“

„Brauchen wir Ruthland eigentlich unbedingt?“ fragte der Erste. „Ich kann die Burschen auch nicht ausstehen.“

„Wir haben einen übermächtigen, listenreichen und harten Gegner vor uns“, sagte Garcia belehrend. „Da kann man nicht so wählerisch sein. Wenn El Lobo gegen zwei Schiffe kämpft, hat er die schlechteren Karten, und wir sind im Vorteil. Außerdem betrachte ich diesen Kerl eher als Kanonenfutter. Sobald ich den englischen Bastard habe, kann sich Ruthland zum Teufel scheren.“

Etwas später sahen sie, wie drüben zwei Mann in einer kleinen Jolle lospullten und im Nebel verschwanden.

Sie sahen aber noch mehr. Der Platz, wo die Schebecke des Seewolfs gelegen hatte, war verwaist. Dort tummelten sich nur ein paar Nebelfetzen auf dem Wasser, drumherum war alles pechschwarz.

„Der Bastard ist tatsächlich weg“, murmelte der Erste. „Ganz so, wie Sie vermutet haben, Capitán.“

„Reine Logik“, erklärte Garcia überheblich. „Man muß nur die richtigen Schlüsse ziehen, und genau das habe ich getan.“

Er erwartete eine bewundernde Antwort, doch die blieb aus. Der Erste räusperte sich nur verhalten.

„Alle Kerle wecken!“ befahl Garcia. „Auch die Freiwachen. An Deck wird kein Licht entzündet, verstanden?“

Der Erste bestätigte und verschwand. Kurze Zeit später erwachte die schlummernde Kriegsmaschine zu beängstigendem Leben.

7.

Die Reparaturarbeiten in der Bucht hatten unverzüglich begonnen, doch jetzt gab es ein weiteres Problem.

Der Untergrund bei den Mangroven war so matschig und morastig, daß von dort aus nicht zu arbeiten war. Entweder sackten die Männer zwischen die Stelzwurzeln, oder die Jolle hing schief auf dem Schlick.

Die Arbeit am Ruder wurde dadurch immer weiter verzögert, was die Laune der Arwenacks nicht gerade hob. Außerdem ließen sich gewisse, verräterische Geräusche nicht vermeiden.

Der Profos latschte mit mürrischem Gesicht auf den Seewolf zu, der am Heck neben einer Laterne stand.

„Der Nebel scheint sich zu lichten, Sir. Auf dem Fluß ist es schon ein bißchen heller geworden. Oben sind auch einige Sterne zu sehen.“

„Kommt mir auch so vor“, erwiderte Hasard. Er lehnte sich an die Verschanzung und blickte zum Tapti, wo ein leises murmelndes Geräusch zu hören war. Der Fluß sang leise sein Lied, eine monotone Melodie aus Rauschen und Flüstern. Manchmal war ein Gurgeln und Schmatzen aus den Mangrovenwäldern zu hören.

Carberry drehte sich um und starrte durch Dunkelheit und Nebel zur anderen Seite der Bucht. Dort wogten immer noch die Nebelgeister, die aus den Sümpfen zu steigen schienen. Aber da war auch eine Passage, die wie ein Schlund aussah. Angestrengt versuchte er Genaueres zu erkennen.

„Diese Bucht haben wir nur einmal kurz bei Tageslicht gesehen“, sagte der Profos. „Jetzt erscheint sie mir viel größer. Oder irre ich mich?“

Hasard sah auch in die Richtung, die den Profos so sehr interessierte.

„Sie scheint dort hinten weiter ins Landesinnere zu führen“, meinte der Seewolf. „Bei dem Nebel kann das allerdings auch täuschen …“

Hämmern und Klopfen unterbrachen seine Worte. Shane, Tucker und ein paar andere arbeiteten an dem Ruder. Ab und zu war auch ein verhaltener Fluch zu hören, wenn es Schwierigkeiten mit dem Untergrund gab.

„Das ist eine Passage“, sagte der Profos, „eine kleine und sehr schmale Durchfahrt. Wahrscheinlich grenzt eine weitere Bucht an diese. Wir sollten das mal erkunden, Sir. Wenn das der Fall ist, hätten wir ein vorzügliches Versteck gefunden, das vom Fluß aus nicht einzusehen ist. Ich kann ja mal mit der kleinen Jolle eine Exkursion unternehmen und nachsehen.“

„Wir brauchen die Jolle für einen anderen Zweck, Ed. Wir haben vor der Bucht noch keine Wachen aufgestellt. Solange der Nebel dicht und kompakt war, hielt ich das nicht für unbedingt erforderlich, aber jetzt sieht das etwas anders aus. Wir müssen zwei Mann dort vorn postieren.“

„Hier sieht uns kein Mensch, Sir. Wir liegen hier wie in Abrahams Schoß.“

„Wenn wir es mit einem Schurken wie Ruthland allein zu tun hätten, dann würde ich dir zustimmen. Aber wir haben noch einen Gegner vor uns, den man nicht unterschätzen darf. Der Spanier ist ein durchtriebener Bursche. Wahrscheinlich hat er schon bemerkt, daß wir in aller Stille aus der Bucht verschwunden sind. Was also wird er unternehmen?“

„Zunächst wird er sich ärgern, Sir, wenn ich das richtig sehe. Er wird erkennen, daß wir auch nicht gerade die Dümmsten sind. Und da er ein beharrlicher und sturer Bock ist, wird er sich zunächst mal an den Fingern einer Hand ausrechnen, daß wir eine andere Bucht angelaufen haben, um unsere Schäden auszubessern. Richtig, Sir?“

„Richtig. Er kann aber auf dem Tapti mit einer schweren Galeone nicht beliebig hin und her gondeln. Das erwartet er von uns ebenfalls nicht. Er wird weiter annehmen, daß wir flußabwärts verholt haben, und da bietet sich nicht allzuviel an. Um das aber ganz sicher herauszufinden, schickt er bestimmt eine Jolle mit ein paar Kerlen los, die ausspionieren sollen, wo wir liegen. Richtig, Mister Carberry?“

Der Profos grinste über das ganze narbenzerfurchte Gesicht.

„Sehr richtig“, sagte er zufrieden. „Wenn er das weiß, der Nebel sich lichtet und genug Wind da ist, wird er es uns besorgen, und zwar mit einem blitzartigen Überfall.“

„Du sagst es, Ed. Um dem aber zuvorzukommen, müssen wir diese Burschen abfangen, damit sie nichts melden können. Und deshalb postieren wir zwei Mann am Eingang der Bucht. Das wäre zum Beispiel eine Aufgabe für dich und Jan Ranse. Der steht hier nämlich schon seit einer Weile herum und hat die Ohren am Wind. Dann brauche ich keine weiteren Erklärungen mehr abzugeben.“

Der untersetzte Holländer mit dem wüsten blonden Vollbart trat näher an die beiden Männer heran.

„Ich bin dabei“, sagte er knapp. „Ich habe alles mitgekriegt.“

„Gut. Dann nehmt die kleine Jolle und geht auf Posten. Wenn ihr die Kerle hochnehmen könnt, bringt sie an Bord. Ich habe später noch ein paar Fragen an sie. Verhaltet euch aber möglichst lautlos.“

„Das geht schwer in Ordnung“, sagte der Profos. Manchmal drückte er sich etwas seltsam aus, um kundzutun, daß alles hervorragend klappen würde. „Hättest du etwas dagegen, Sir, wenn wir einen klitzekleinen Umweg wählen? Ich will nur einen kleinen Abstecher unternehmen, wo die Bucht scheinbar endet. Kann ja nur von Vorteil sein, wenn wir etwas entdecken.“

„Einverstanden, aber beeilt euch und haltet euch nicht zu lange am Ende der Bucht auf.“

Die kleine Jolle war längst abgefiert worden. Carberry und Jan Ranse steckten sich für alle Fälle eine Pistole in den Hosenbund und hofften dabei, sie nicht gebrauchen zu müssen. Es sollte alles lautlos durchgeführt werden.

Allerdings stand nicht mit absoluter Sicherheit fest, ob vor der Bucht eine Jolle aufkreuzen würde. Es war lediglich eine Annahme, die zutreffen konnte.

Die beiden Männer enterten in die Jolle, stießen sich vom Schiffsrumpf ab und nahmen Kurs auf jene dunkle Stelle, wo Nebelschwaden wogten und die Bucht wie ein gähnender Schlund aussah.

Der Regen hatte aufgehört, aber ihre Klamotten waren immer noch klamm und feucht.

Lautlos begannen sie zu pullen. Die Umrisse des Hecks der Schebecke wurden erst milchig, dann trübe, und schließlich verschwanden sie im Dunst wie ausgelöscht. Auch die Geräusche um sie herum erstarben. Nur das leise Knarren der Riemen in den Rundsein verriet, daß sie sich bewegten.

Einen Augenblick lang hatte jeder von ihnen das Gefühl, völlig allein auf der Welt zu sein. Sie bewegten sich in einem lautlosen Meer wie auf schwebenden Wolken, wie in einer geheimnisvollen Sphäre, die sie auf unerklärliche Art und Weise forttrug.

Durch wabernde Nebelfetzen hindurch erkannten sie Sterne und Mondsichel. Die Umgebung wirkte gespenstisch, zumal aus dem nahen Dschungel und den Mangrovenwäldern immer wieder klagende Geräusche zu hören waren.

„Genau voraus“, raunte Carberry. „Wir halten darauf zu, wo es stockfinster ist.“

„Da ist absolut nichts mehr zu sehen“, sagte Jan Ranse. „Sieht aus, als würden wir dort in einen tiefen Abgrund fallen.“

„So schnell fällt es sich nicht.“

Carberry versuchte einen Lichtschimmer zu erblicken. Doch die außenbords angebrachten Laternen auf der Schebecke waren aus dieser Distanz nicht mehr zu sehen. Ein Späher, der hier eindrang, mußte sich schon ziemlich dicht heranpirschen, wenn er etwas bemerken wollte.

Alle beide zuckten zusammen, als ganz überraschend etwas nach ihren Köpfen griff. Es schienen lange, tastende Arme zu sein, die ihnen durch die Gesichter fuhren wie riesenhafte Spinnenbeine.

Gleich darauf gab es einen leichten Ruck. Die Jolle saß fest.

Jan Ranse stieß erleichtert die Luft aus.

„Wir sind in die Mangroven geraten“, knurrte er, „und liegen irgendwo zwischen den Stelzwurzeln.“

„Hab ich auch schon gemerkt. Dann einen Schlag zurück.“

Sie pullten ein paar Schläge zurück, bis sie von den schleimigen und feuchten Armen der Mangroven frei waren. Unter der Jolle blubberte leise der Morast.

Beim Weiterpullen entdeckten sie tatsächlich eine schmale Durchfahrt. Genau erkennen konnten sie die Passage nicht, aber sie wußten, daß sie aus der Bucht heraus waren und sich in anderem Wasser bewegten.

„Scheint ein kleiner See oder ein Flußarm zu sein“, meinte der Profos. „Die Schebecke müßte hindurchgehen. Nur schade, daß man nichts Genaues erkennen kann. Wollen wir noch ein paar Schläge pullen oder lieber umkehren?“

„Laß uns umkehren“, meinte Jan. „Wenn wir uns hier verirren, finden wir die Durchfahrt nicht mehr, und dann gibt es ein Donnerwetter, wenn wir in anderen Regionen herumkrebsen.“

„Ja, da hast du recht“, erwiderte Carberry. „Aber die Luft riecht hier irgendwie anders. Schon möglich, daß es ein kleiner See ist.“

Es stellte sich heraus, daß sie schon jetzt Mühe hatten, die schmale Durchfahrt zu finden. Um sie her war von den Seiten alles zugewuchert. Es roch modrig und faulig wie in einem riesigen Sumpfgebiet.

Der Profos nahm den Riemen und steckte ihn lotrecht ins Wasser. Es war kein Grund festzustellen. Erst als er ungeduldig weiterstocherte, stieß er auf Grund. Das bedeutete, daß sie wieder dicht bei den Mangroven waren.

Der Profos wurde schon kribbelig und stieß die ersten Verwünschungen aus. Ein paar saftige Worte waren darunter.

Abermals tasteten lange Arme nach ihnen. Dazwischen war ein heller Fleck, und jetzt glaubte er auch, einen leisen Windhauch zu verspüren, der ihm ins Gesicht wehte.

„Wir sind durch“, sagte er nach einer Weile. „Wir sind wieder in der Bucht, wo die Schebecke liegt.“

Als die Mangroven sie freigaben, begannen sie zügig weiterzupullen. Nach etlichen bangen Minuten entdeckten sie den Schimmer am Heck ihres Schiffes.

„Gott sei Dank“, murmelte der Profos. „Da vorn ist es zum Glück etwas heller geworden.“ Er zog das Genick ein, als sie an der Schebecke vorbeipullten, und zuckte leicht zusammen, als eine Stimme irgendwo aus der Dunkelheit fragte: „Etwas entdeckt, Ed?“

„Aye, Sir. Es gibt da eine schmale Durchfahrt. Dahinter ist offenbar eine weitere Bucht, ein kleiner See oder ein Nebenarm des Flusses. Leider war das nicht genau zu erkennen.“

„Gut, dann pullt jetzt zum Fluß hinüber.“

„Aye, aye, Sir.“

Carberry pullte verbissen weiter, bis sie außer Sicht- und Hörweite waren.

„Mann, der Sir hat vielleicht Augen“, sagte er dann anerkennend. „Ich habe kaum das Schiff gesehen, aber er hat uns entdeckt. Und ich dachte immer, nur Dan sei mit Adleraugen ausgestattet.“

Er war sehr beeindruckt, der Profos, und er wunderte sich noch eine ganze Weile darüber.

Die nächste Überraschung erlebten sie dann direkt am Tapti. Sie hörten den Fluß rauschen und konnten an einzelnen Stellen sogar das Wasser erkennen. Die Mondsichel spiegelte sich in einigen Stellen im Wasser, und lange Nebelschwaden krochen an den Ufern entlang.

Weiter flußaufwärts waren ebenfalls offene Stellen zu sehen. Ein Wind wehte ganz zaghaft und spielte mit dem Nebel, den er in lange Streifen zerfaserte.

Dort, wo die Bucht in den Fluß überging, war sie auf einer Länge von fast zwanzig Yards einigermaßen gut zu überblicken. Im Inneren der Bucht war jedoch nicht zu erkennen, daß da ein Schiff lag. Auch die Geräusche waren nur dann zu hören, wenn man sehr aufmerksam und angestrengt lauschte.

Carberry hielt nach einem Versteck Ausschau, wo die Jolle nicht gleich entdeckt werden konnte. Sie fanden eins hinter der Einfahrt, wo zwei hohe Palmen standen und alles von Gebüsch und Verhau zugewuchert war.

„Dort legen wir uns auf die Lauer“, sagte er. „Wenn die Kerle hier wirklich aufkreuzen, müssen sie dicht daran vorbei, denn sie werden versuchen, sich unauffällig anzuschleichen. Wir können sie dann sogar von der Jolle aus hoppnehmen.“

Sie pullten in den Verhau und blickten aus ihrem sicheren Versteck flußaufwärts.

Die Zeit schien sich endlos lange zu dehnen. Auf dem Tapti tat sich nichts. Nur der Wind frischte auf, und der Nebel zog sich zuerst in der Höhe zurück. Auf dem Fluß lag er teilweise noch wie ein gigantischer, ausgebreiteter Schleier.

„Schade, daß wir nicht herausgefunden haben, was es mit der anderen Bucht auf sich hat“, sagte der Profos. „Hinter den Mangroven wäre ein ideales Versteck gewesen. Da hätten wir in aller Ruhe und unbeobachtet die Reparatur zu Ende führen können. Und danach wäre es den Halunken an den Kragen gegangen.“

„Ja, leider, aber vielleicht ist es noch nicht zu spät“, entgegnete Jan Ranse. „Wenn die Kerle sich weiterhin Zeit lassen und keinen Wind haben, können wir das noch nachholen, vorausgesetzt, die Sicht in der Bucht wird besser. Eine Galeone kann durch die Mangroven wegen ihrer Größe nicht hindurch, und die Karavelle allein traut sich nicht. Ruthland würde das nie riskieren, der Feigling.“

„Ist nicht zu ändern“, sagte der Profos, „obwohl ich gerade diesem Bastard liebend gern eins übergebraten hätte.“

Den Fluß oberhalb der Bucht ließen sie keine Sekunde lang aus den Augen. Mitunter schimmerte das Wasser samtweich, dann wieder dunkel und geheimnisvoll, wenn ein paar Sterne sich darin spiegelten.

Der Wind hatte noch ein bißchen mehr zugelegt, war aber nichts weiter als eine laue Brise. Zur Not konnte er ein Schiff bewegen, aber das Manövrieren würde schwierig sein.

Carberry erzählte ein paar Witze, um die Langeweile zu überbrücken, und war gerade so richtig in seinem Element. Es ging um die Arche Noah, den Schiffsbohrwurm und um ein paar Termiten, da unterbrach ihn der bärtige Holländer.

„Da tut sich was“, raunte er. „Ganz oben, wo der Nebel eine Lücke hinterlassen hat. Du mußt zur anderen Flußseite blicken. Ich glaube, da bewegt sich ein Schatten.“

Carberry vergaß die Arche und Noahs Probleme. Sehr konzentriert peilte er die Stelle an und kniff die Augen zusammen.

„Können Nebelfetzen sein“, meinte er nach einer Weile ratlos.

Am anderen Ufer des Flusses tanzten seltsame Dämonen und Kobolde ihren bizarren Reigen. Mal waren sie dunkel, mal verzerrten sie sich zu hellen Gestalten mit großen Augen, und schließlich zerflossen sie wieder.

Aber da war doch eine ständige und fließende Bewegung, die sich nicht in Luft auflöste. Das Ding schien mitunter über dem Wasser zu schweben, doch es näherte sich langsam und wanderte zur Flußmitte hin, bis die Konturen deutlicher zu erkennen waren.

„Eine Jolle“, sagte Carberry schließlich. „Einwandfrei eine Jolle. Das Ding scheint Flügel an den Seiten zu haben.“

So sah es tatsächlich aus. Die Jolle war zu erkennen, nur die Gestalten darin nicht. An beiden Seiten drehte sich etwas, das wie kleine Windmühlenflügel aussah. Der Nebel schuf diese seltsame Form, die sich ständig um ihre Achse zu drehen schien.

Das Boot wurde weiter flußabwärts gepullt. Dann beschrieb es einen Bogen zum diesseitigen Ufer und näherte sich etwas schneller.

„Zwei Mann“, flüsterte Jan Ranse.

Carberry bemerkte die beiden Gestalten jetzt ebenfalls.

Einmal verschwanden sie wieder in einer Nebelwolke und wurden vorübergehend unsichtbar. Als sie wieder auftauchten, hatten sie sich um ein beträchtliches Stück der Bucht genähert.

„Na dann“, raunte der Profos und rieb sich die Pranken.

8.

Zwei Kerle waren es, wie jetzt einwandfrei für die beiden Beobachter feststand. Sie ließen sich ein Stück in der Jolle ganz dicht am Ufer entlangtreiben, drehten alle Augenblicke die Köpfe und hielten Ausschau nach einer Buchteinfahrt.

Jan Ranse und Edwin Carberry rührten sich nicht mehr. Die Jolle war bis fast auf zehn Yards heran, als sie zum erstenmal Stimmen hörten. Sie klangen sehr gedämpft, waren aber in Wassernähe gut zu hören.

„Dort vorn ist die Bucht, Stan“, sagte der eine. „Nicht mehr pullen, wir lassen uns treiben.“

„Engländer“, hauchte der Profos. „Rübenschweine von Ruthland, diesem räudigen Bastard.“

Die Jolle war jetzt fast auf gleicher Höhe mit ihnen. Die Gesichter konnte man nicht erkennen, dazu war es zu dunkel.

Vor dem Verhau legten sie lautlos am Ufer an. Der eine verließ die Jolle und sprang an Land. Dann ging er ein paar Schritte und linste vorsichtig hinter dem Palmenstamm in die Bucht.

„Das ist sie“, sagte er zu seinem Kumpan. „Kein Zweifel, Stan.“

„Können wir zu Fuß weiter?“ fragte der andere.

„Nein, hier ist alles glitschig und modrig. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten.“

„Bist du sicher, daß wir hier richtig sind?“

„Klar, Jonny, kein Zweifel.“

„Dann komm zurück, wir pullen langsam weiter. Kannst du Licht sehen oder etwas hören?“

„Nein, noch nicht. Die Bucht ist ziemlich groß. Oh, verdammt!“

Es krachte leise. Der Kerl war ausgerutscht, wie der Profos erkannte. Er rappelte sich gerade wieder auf.

„Was ist los?“

„Bin nur ausgerutscht.“

Carberry langte blitzschnell von der Jolle aus zu. Dieser Stan war nur noch eine Armeslänge entfernt und würde gleich im Wasser landen, wenn er sich noch einen Schritt weiter bewegte.

Der Profos schlug nur einmal zu, und zwar mit seinem berüchtigten Profoshammer, der einen Ochsen gefällt hätte. Stan landete bewußtlos vor der Wasserrinne und blieb liegen. Es krachte erneut, aber der Untergrund dämpfte den Fall.

Jonny schien sich sehr unbehaglich zu fühlen. Er hielt die Jolle am Gestrüpp mit beiden Händen fest und spähte in das Dickicht.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“ fragte er ungeduldig.

Jan Ranse hatte die Jolle verlassen und bewegte sich auf das andere Boot zu. Jonny konnte ihn ganz sicher nicht erkennen. Statt einer Antwort gab er nur ein mißmutiges Knurren von sich.

Dann sprang er in die Jolle, die gefährlich zur Seite krängte, und noch bevor Jonny etwas sagen oder fragen konnte, spürte er, wie eine riesige Faust auf seinem Schädel landete. Der Schlag war so hart, daß es ihn fast durch die Jolle trieb.

Wie vom Blitz getroffen, sank er zusammen.

Jan Ranse umklammerte ihn, damit er nicht über Bord ging. Es sah wie ein ungleicher Ringkampf aus. Dann legte er den Kerl zwischen die Duchten und griff ebenfalls nach dem Gestrüpp, damit die Jolle nicht weiter abtrieb.

„Alles klar?“ fragte der Profos.

„Alles klar“, versicherte Jan. „Jonny ist restlos bedient.“

„Der liebe Stan auch“, sagte der Profos. „Ich habe ihn gerade in die Jolle gehievt. Der Kerl stinkt übrigens nach Fusel.“

Das hörte sich fast ein bißchen neidisch an, wenn Jan das richtig deutete. Oder empörte sich der Profos etwa darüber? Das war bei ihm schlecht festzustellen.

„Ich pulle jetzt in die Bucht“, sagte Jan. „Es ist ja nicht zu erwarten, daß noch mehr Jollenrutscher hier auftauchen.“

Der Profos gab keine Antwort, aber Jan hörte ein merkwürdiges, wenn auch sehr vertrautes Geräusch. Das war ein Gluckern, und es stammte ganz sicher nicht aus dem morastigen Untergrund.

Jan lauschte noch einmal und legte sich dann in die Riemen. Als er bei dem Profos anlangte, setzte der gerade eine Buddel ab.

„Hat der Fuselmann dabei gehabt“, sagte er zufrieden. „Schmeckt nach gutem Schottischen. Und so was soll man ja nicht unbedingt verkommen lassen. Wäre ein Jammer.“

Jan teilte grinsend diese Ansicht. Sie hatten vollen Erfolg gehabt, und warum sollten sie darauf nicht einen kleinen Schluck trinken, wenn Stan und Jonny so großzügig bemessene Rationen bei sich trugen! Also gluckerte er auch einen weg. Die beiden Kerle mußten schon kräftig gelenzt haben, denn nach dem Schluck war die Buddel leer. Oder der liebe Edwin hatte zu tief reingesehen, was noch wahrscheinlicher war.

Sie vergewisserten sich noch mal, ob sich auf dem Fluß keine weiteren nächtlichen Gestalten herumtrieben. Niemand war zu sehen.

Dann schauten sie nach den beiden Engländern. Stan und Jonny rührten sich nicht. Sie würden sich wohl noch eine ganze Weile lang nicht bewegen, denn was ihnen da um die Ohren geflogen war, verkraftete bestenfalls ein Elefant.

„Na, dann an Bord“, meinte der Profos aufmunternd. „Der Schluck hat mir richtig gutgetan. Schade, daß die Kerle nicht noch ein paar Buddeln dabeihaben.“

Jan Ranse blieb gleich in der fremden Jolle und pullte zügig in die Bucht. Carberry folgte mit dem reglosen Stan, der nicht mal ein Ächzen von sich gab.

Die Nebel auf dem Fluß zerflossen immer mehr. Hin und wieder fuhr ein leichter Windstoß über ihre Köpfe. Im Tapti spiegelte sich silbern die Sichel des Mondes.

„Wird bald soweit sein“, knurrte Carberry. „Noch ein bißchen mehr Wind, und die ganze Bande steigt uns aufs Dach. Die werden sicher keine Zeit versäumen.“

„Vielleicht sind unsere beiden Helden etwas genauer darüber informiert“, sagte Jan Ranse. „Wir werden sie ganz höflich fragen, und dann werden sie auch ganz höflich antworten.“

„Weil es Gentlemen sind“, sagte der Profos. „So wie wir auch.“

Die Schebecke, eben noch unsichtbar, zeigte sich ganz plötzlich in den Umrissen. Um sie her war das Wasser an vereinzelten Stellen pechschwarz. Kleine Nebelkobolde geisterten um den Rumpf herum.

Leises Klopfen und Hämmern war zu hören.

Carberry drehte den Kopf, und schaute zu der Lücke, die in die andere Bucht führte. Dort war der Nebel jedoch noch beständig, und er sah nur eine wallende Wand mit den Geisterfingern von Mangrovenwurzeln darin. Aber irgendwo dort war der Durchschlupf, wo es weiterging.

„Ah, die Fischer sind zurück“, sagte Dan O’Flynn grinsend, als die Jolle an der Jakobsleiter anlegte. „Wie ich sehe, habt ihr auch etwas gefangen.“

„Ja, zwei einsame Stinte“, tönte der Profos zurück. „Sie schwammen ganz unbesorgt auf dem Fluß, und da haben wir sie geangelt.“

Carberry reichte den einen „Stint“ nach oben. Dort beugte sich der Gambiamann Batuti über das Schanzkleid, packte den bewußtlosen Kerl am Genick und zog ihn wie einen nassen Sack nach oben. Der andere folgte eine halbe Minute später und landete auf den Planken.

Hasard betrachtete die beiden Männer. Die Nacht war jetzt stellenweise so klar, daß er die Gesichter erkennen konnte.

Das eine war bärtig mit dicken Wangen. Der andere hatte eine hagere, verderbte und liederliche Visage mit Bartstoppeln. Obwohl er tief und fest im Traumland weilte, wirkte er hundsgemein und verschlagen.

„Das verluderte Bürschchen heißt Jonny“, sagte der Profos, „der andere Stan. Wir erfuhren ihre Namen, als sie sich ziemlich sorglos vor der Bucht unterhielten. Sieht aber nicht so aus, als kämen sie bald wieder zu sich. Versuchen wir es mal mit Wasser.“

Reglos lagen die beiden Kerle mit ausgebreiteten Armen auf dem Deck.

Der Profos füllte eine Pütz mit Seewasser und leerte sie Jonny in die verderbte Visage. Eine zweite Pütz schüttete er über dem anderen aus.

Es erfolgte keine Reaktion. Alle beide rührten sich nicht und lagen wie tot auf den Planken.

„Ihr habt wohl ein bißchen zu hart zugeschlagen“, sagte der Seewolf.

„Nur ein Profoshammer, Sir“, erwiderte Carberry. „Der hält aber meist etwas länger vor.“

Der Kutscher beugte sich über die Gestalten und horchte sie ab.

„Immerhin leben alle beide noch“, verkündete er. „Aber sie scheinen sehr weit weg zu sein.“

Mac Pellew gab den beiden leichte Ohrfeigen als unterstützende Massage, um die Lebensgeister wieder zu wecken, doch auch das nutzte nichts.

„Wie wär’s denn mit dem Riechöl?“ fragte er nach seinen erfolglosen Bemühungen. „Mit dem Zeug kann man Tote aufwecken. Wir haben noch etwas davon.“

„Das würde ich nicht mal meinem schlimmsten Feind unter die Nase halten“, sagte der Profos schaudernd. „Ich hab mal daran gerochen und noch heute, Jahre später, wird mir kotzübel von dem Zeug.“

„Wir sollten sie aber möglichst bald zum Reden bringen“, meinte Hasard. „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, und mit dem beschädigten Ruder stehen wir auf verlorenem Posten.“

Mac Pellew handelte, denn die Zeit drängte wirklich. Das sogenannte „Riechöl“ hatte er einmal von einem Quacksalber erhalten, und seitdem schwor er darauf. An Bord konnte er es allerdings nicht anwenden, denn der Profos hatte ihm bereits einmal angekündigt, wenn er die „Stinkbombe“ jemals wieder öffnen sollte, würde er gekielholt werden.

Als er mit der kleinen Buddel zurückkehrte, suchte der Profos vorsichtshalber gleich das Weite und stellte sich so, daß der leichte Wind den Duft von ihm forttrieb. Auch ein paar andere Arwenacks suchten ihr Heil in der Flucht.

Mac ließ sich überhaupt nicht stören. Er öffnete das Fläschchen und hielt es dem ersten Kerl unter die Nase. Und weil der den Mund weit offen hatte, hielt er ihn mit der einen Hand zu. Der Kerl war nun gezwungen, durch die Nase zu atmen, und da erlebte er auch sofort eine höllische Überraschung.

Zunächst begann es wild in seinem Gesicht zu zucken, als litte er unter entsetzlichen Krämpfen. Dann wand er sich wie ein Aal auf den Planken. Mac hielt weiterhin seinen Kopf fest und die „Riechbombe“ unter die Nase.

Ein erstickter Aufschrei folgte, dann ein wildes Zucken und Aufbäumen. Der Mann flutschte unter Mac weg und sprang verstört auf. Anschließend würgte es ihn.

Batuti hielt ihn fest und entblößte dabei grinsend sein prachtvolles Gebiß. Der Anblick des schwarzen Riesen gab dem Mann den Rest. Zitternd hing er im Griff des Gambiamannes.

„Das wirkt aber, was?“ fragte Mac strahlend und war schon bei dem zweiten Mann, dem die gleiche Prozedur bevorstand.

Der kam noch schneller zu sich als der erste. Das Wundermittel zeigte bei ihm ebenfalls eine erstaunliche Wirkung, die die anderen verblüffte.

Mit einem wahnsinnigen Schrei sprang der Bärtige auf die Beine, nachdem er das Zeug eingeatmet hatte. Er schüttelte sich wild und sah sich im Kreis der Arwenacks gehetzt um.

Mac Pellew verkorkte liebevoll sein „Parfüm“ und brachte es mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck wieder zurück.

Hasard widmete sich sofort den beiden Burschen, um sie ein wenig in die Mangel zu nehmen.

9.

„Nun erzähl mal, wohin euch der Nebel verschlagen hat“, sagte der Seewolf. „Ich möchte aber die Wahrheit hören, sonst lasse ich sie aus euch herausprügeln.“

Die beiden wirkten immer noch völlig verstört.

„Wo, wo sind wir hier?“ antwortete Jonny mit einer Gegenfrage.

„In einer Bucht des Tapti“, erklärte Hasard geduldig.

Die beiden hatten offenbar gar nicht begriffen, was ihnen widerfahren war, denn immer wieder sahen sie sich ungläubig um.

„Welchen Auftrag hattet ihr?“ fragte Hasard. „Hat euch Ruthland geschickt?“

„Uns – uns hat niemand geschickt. Wir sind ein bißchen herumgepullt, und dann muß etwas passiert sein.“

„Das hier ist passiert“, sagte der Profos drohend und hielt ihnen die riesige Pranke unter die Nase. „Ihr habt euch in die Bucht einschleichen wollen, um zu spionieren. Das haben wir deutlich gehört. Und wenn ihr jetzt nicht mit der Sprache herausrückt, dann ziehe ich euch die Haut in Streifen ab.“

Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, zog er sein Entermesser und wetzte es an einem Flintstein. Dabei gab es prächtige Funken, denn der Profos wetzte das Messerchen, als rüste er sich zu einem großen Schlachtfest.

Die beiden nahmen seine Worte für bare Münze. Der Kerl mit dem narbigen Gesicht und dem fürchterlichen Amboßkinn würde seinen Worten ganz sicher die Tat folgen lassen. Die anderen sahen auch nicht gerade freundlich aus, und einer kratzte sich mit seiner eisernen Hakenprothese das Stoppelkinn. Dann hieb er diesen furchtbaren Haken ins Holz des Schanzkleides und hielt sich daran fest.

Stan und Jonny waren keine Helden, sie waren nur großmäulig, und jetzt hatten sie fürchterliche Angst, weil ohnehin alles schiefgegangen war.

„Ruthland und Garcia haben uns geschickt“, sagte Stan kläglich. „Wir sollten feststellen, wo euer Liegeplatz ist.“

„Das wißt ihr jetzt“, sagte Hasard kühl. „Und was beabsichtigen die beiden ehrenwerten Gents?“

Stan senkte den Kopf, und auch Jonny wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Erst als der Narbenmann mit dem Wetzen aufhörte und sich ihnen näherte, fanden sie schnell die Sprache wieder. Der Profos warf bereits einen prüfenden Blick auf ihre Achtersteven, an denen er herumschnippeln wollte.

„Sie warten nur noch ab, bis der Nebel sich etwas lichtet und der Wind stärker weht. Dann wollen sie lossegeln und dann – äh …“

„Wollen sie uns in der Bucht zusammenschießen“, vollendete Hasard.

Die Antwort war wiederum ein klägliches Nicken der beiden.

„Wie soll das vor sich gehen?“

„Wir sollten euren Liegeplatz erkunden und dann zurückkehren. Danach wollen beide Schiffe in die Bucht segeln, sie blockieren und das Feuer eröffnen.“

„Und ihr seid feuerbereit?“ fragte Hasard.

„Ja, es ist alles klar. Sie vermuteten euch in der ersten Bucht auf der anderen Seite des Flusses. Der Spanier hat alle Kanonen geladen, und wir – wir natürlich auch.“

Hasard ließ sich noch ein paar Einzelheiten berichten. Die beiden Kerle rückten ziemlich schnell mit den Antworten heraus.

Garcia und Ruthland hatten also vor, in die Bucht einzubrechen, das Feuer aus allen Rohren auf die hilflose Schebecke zu eröffnen, sie in Grund und Boden zu schießen und dann – falls noch etwas übrig war – zu entern. Der Seewolf sollte ihnen dabei möglichst lebend in die Hände fallen.

Hasard lachte leise bei dieser Eröffnung. Er quetschte die beiden nach weiteren Details aus und erfuhr auch von den Rohrkrepierern, die Don Juan in Szene gesetzt hatte.

„Wir sollten die Kerle mit einer falschen Nachricht zurückschicken“, meinte Big Old Shane. „Sie wissen nicht mal genau, was ihnen passiert ist, so schnell hat man sie hoppgenommen. Vielleicht wissen sie auch nicht, in welcher Bucht wir liegen. Sie werden eine andere angeben, und wir haben Zeit gewonnen.“

„Zu riskant“, sagte Hasard so, daß die beiden es nicht hören konnten. „Vielleicht wissen sie es doch und tun nur so als ob. Nein, die beiden Helden schicken wir nicht zurück. Wenn sie nicht erscheinen, werden Garcia und Ruthland nervös und verunsichert. Sie haben dann keine genauen Anhaltspunkte.“

„Was willst du mit ihnen tun, Sir?“

„Frage sie, ob sie schwimmen können.“

Als Shane die Frage an sie richtete, zuckten beide ängstlich zusammen.

„Jonny kann nicht schwimmen und ich auch nicht. Wenn Sie uns über Bord werfen, werden wir jämmerlich ertrinken“, sagte Stan. „Wir haben das ja nicht angezettelt, sondern die anderen. Wir haben nur die Befehle ausgeführt.“

Hasard sah das ein, aber er konnte und wollte die beiden auch nicht laufenlassen. Sie hätten nichts Eiligeres zu tun gehabt, als an Bord zurückzukehren.

Die beiden erwartete jetzt die Hölle, aber Hasard wandte sich an den Profos.

„Bring sie zur anderen Seite hinüber, Ed, und laß sie dort laufen.“

„Dann sind sie gleich wieder an Bord“, sagte der Profos, „und erzählen alles brühwarm.“

„Ich meine nicht die andere Flußseite, sondern dort drüben. Von da aus können sie sich uns nicht mehr nähern, denn die Bucht ist von der anderen Seite unterbrochen, wie du ja selbst festgestellt hast. Und über den Tapti können sie nicht. Stell aber erst mal fest, ob die beiden wirklich nicht schwimmen können“, raunte er dem Profos zu.

„Was – was geschieht jetzt mit uns?“ fragte Stan, der nicht mitgekriegt hatte, wovon die Arwenacks sprachen.

„Das werdet ihr schon sehen“, sagte Carberry. „Ab in die Jolle.“

Die beiden gehorchten schlotternd. Sie wußten immer noch nicht, was ihnen bevorstand.

Jan Ranse begleitete den Profos und die beiden Kundschafter nach unten in die Jolle. Dort schnappte sich Ed den Bärtigen und drehte ihm das schmierige Hemd zusammen.

Dann warf er ihn mit einem Schwung über Bord.

Der Mann ging unter, tauchte wieder auf, spie Wasser und schlug wie ein Wilder um sich. Er konnte tatsächlich nicht schwimmen.

Kurz bevor er wieder auf Tiefe ging, zog ihn der Profos an den Haaren nach oben.

Die gleiche Prozedur erfolgte mit dem anderen. Daß auch er nicht schwimmen konnte, sah Jan Ranse auf den ersten Blick. Der Bursche bewegte sich wie eine Bleiente im Wasser und japste hysterisch nach Luft, als er wieder in die Jolle gezerrt wurde. Die beiden hingen erschöpft und ausgelaugt auf den Duchten und rührten sich nicht.

„Können tatsächlich nicht schwimmen“, bemerkte Carberry trocken.

Sie pullten zur anderen Seite der Bucht, wo immer noch lange Nebelschwaden auf dem Wasser hingen. Der Dschungel ging dort übergangslos in das Ufer über. Mangroven hatten eine Lagune gebildet und standen dicht an dicht.

„Rührt euch nicht“, sagte der Profos, als sich einer der beiden bewegte, „sonst beiße ich euch die Ohren ab!“

Die Angst vor den beiden Arwenacks ließen Jonny und Stan erstarren. Steif und hölzern hockten sie auf der Ducht und bewegten sich nicht. Sie wollten sich nicht den Zorn des Narbenmannes zuziehen.

Die Jolle wurde von den Mangroven gebremst und rutschte über morastigen Schlick. Die Luft war unheimlich warm und schwül.

„Ihr seid da“, sagte Jan Ranse.

Die beiden sahen sich unbehaglich an.

„Was sollen wir hier? Was geschieht hier?“ fragte Stan.

„Hier passiert gar nichts“, erwiderte Carberry. „Ihr sollt euch nur die Beine vertreten und euch an der Landschaft erfreuen. Ihr könnt hier so lange bleiben, wie ihr wollt, sogar bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.“

Der Bärtige kletterte umständlich aus der Jolle und hielt sich krampfhaft an den hohen Stelzwurzeln fest. Unter ihm schmatzte hörbar der Mangrovensumpf, aus dem Blasen stiegen.

Der andere folgte unsicher und schwankend.

„Noch etwas, ihr Helden: Seid vorsichtig und latscht den Krokodilen nicht auf die Köpfe. Die haben das nicht so gern“, sagte der Profos. „Es gibt zwar nur vier- oder fünfhundert hier, aber man muß schon aufpassen, wohin man tritt.“

Stan und Jonny blieben stocksteif stehen.

„Was ist mit unserer Jolle?“ fragte Stan kleinlaut.

Carberry sah die beiden Kerle von Nebel umwabert wie Holzfiguren dastehen.

„Die behalten wir vorläufig als Andenken an zwei Rübenschweine, die kläglich gescheitert sind. Außerdem brauchen wir sie, um zurückzupullen. Oder sollen wir etwa schwimmen?“

Eine große Blase zerplatzte mit einem blubbernden Geräusch.

„Ein Krokodil!“ schrie Jonny entsetzt. „Schnell weg hier!“

Stan durchbrach die Mangroven wie ein Wasserbüffel. Er schnaufte entsetzlich, stieß einen Schrei aus und rannte in den Verhau, bis er keuchend irgendwo hängenblieb.

Da sah sich auch der andere von Krokodilen umringt und stürzte blindlings in Nebel, Finsternis und Mangroven hinein.

Jan Ranse und Carberry hörten es nur noch krachen und bersten, dann herrschte nach einer Weile Stille.

„Das sind vielleicht zwei Würstchen“, meinte der Profos abfällig. „So was schickt man doch nicht als Späher aus! Da lachen ja die Hühner.“

Als sie ein Stückchen weitergepullt waren, klangen Flüche aus dem Dschungel. Die beiden Kerle wurden wieder großmäulig – in der Annahme, jetzt könne ihnen keiner mehr was tun. Sie beschimpften die Arwenacks und fluchten dabei lautstark.

Der Profos lauschte andächtig den Beschimpfungen. Es waren recht üble Bezeichnungen darunter, aber zum Lernen reichte es nicht, denn sein eigenes Repertoire an Flüchen war weitaus größer und wortreicher.

Nach ein paar Minuten verklang auch die Flucherei, und im Dschungel der Bucht kehrte Ruhe ein.

Sie erreichten die Schebecke und legten wieder an.

„Kerle abgesetzt“, meldete der Profos. „Sollen wir uns noch mal um die Passage kümmern, Sir? Wenn wir dort mit der Schebecke hindurch könnten, wären wir in Sicherheit und könnten in aller Ruhe unser Schiff reparieren. Das wäre ein enormer Vorteil für uns.“

„Ja, ich weiß“, erwiderte Hasard. „Wir brauchen noch ein paar Stunden für das Ruder. Es geht nicht so einfach. Also gut, kümmert euch noch darum. Sieht so aus, als sei der Teil der Passage fast gänzlich zugewuchert. Ich gebe euch ein paar Schiffshauer hinüber.“

Batuti brachte drei Schiffshauer und stieg ebenfalls in die Jolle.

Die Sicht war merklich besser geworden. Man konnte jetzt von der Bucht aus zum Tapti blicken. Die Oberfläche des Flusses kräuselte sich unter leichtem Wind.

„Wird verdammt Zeit“, sagte der Profos besorgt. „Wir haben den mehr als dreißig Kanonen im Augenblick nicht viel entgegenzusetzen. Die ballern uns in Grund und Boden, und wir können uns nicht richtig zur Wehr setzen.“

„Aber dort drüben wären wir sicher“, sagte Batuti. „Vorausgesetzt, die andere Bucht ist so tief, daß wir nicht über Grund schrammen. Möglicherweise gelingt uns der Durchbruch.“

Carberry grinste hart. Er stellte sich die Gesichter von Garcia und Ruthland vor, wenn sie in der Bucht lagen und nichts ausrichten konnten. Die Vorstellung erheiterte ihn geradezu, doch er wußte auch, daß es bloßes Wunschdenken war. Sie würden es wahrscheinlich nicht mehr schaffen.

„Wenn das wider Erwarten klappt“, sagte er bedächtig, „dann spannen wir die beiden Jollen vor und pullen in die andere Bucht. Wind zum Segeln haben wir in dieser Ecke kaum. Was haltet ihr davon?“

„Die Idee ist gut“, sagte Jan. „Also beeilen wir uns, damit wir einen Durchschlupf finden.“

Sie pullten auf das Mangrovendickicht zu und besahen sich die Lücke, die jetzt deutlicher zu erkennen war.

„Die Schebecke würde gerade durchgehen“, sagte Jan, „aber vorher müssen wir den Verhau beseitigen, sonst schaffen wir es nicht. Und der sieht schlimmer als der eigentliche Dschungel aus.“

Die Lücke zur anderen Bucht war eng und so niedrig, daß gerade die Jolle durchkam. Ein Schiff mit Masten hätte es nie geschafft.

Sie mußten selbst die Köpfe einziehen, um nicht an hohe Luft- und Stelzwurzeln zu stoßen, die an allen Seiten im Wasser standen.

Es sah nach einer stundenlangen und mühsamen Plackerei aus, die Durchfahrt zu roden.

Nach ein paar Schlägen waren sie auf der anderen Seite, wo Carberry unwillkürlich einen Pfiff ausstieß.

„Donnerwetter, das ist das ideale Plätzchen“, sagte er anerkennend.

Die Bucht war größer als die andere und tiefer eingeschnitten. Sie hatte sogar eine Art Landzunge aufzuweisen, hinter der sich ein besonders hervorragendes Versteck anbot. In der Nähe der Landzunge fiel das Ufer flach ab, das an jener Stelle erst unmerklich in den Urwald überging. Linkerhand befand sich ein einziger Mangrovenwald, durch den niemand hindurchgelangte. Diese Seite war also hervorragend gegen Angriffe geschützt.

Am Ende der Bucht sah es ähnlich aus: Mangroven und dahinter eine sanft ansteigende Hügellandschaft mit wildem Bewuchs.

Die rechte Seite mit der Landzunge bedeutete schlechthin das Paradies. Diese Bucht war – außer durch die Passage – von keiner Seite zugänglich, nicht mal für bewaffnete Seesoldaten, die hoffnungslos im Sumpf steckenbleiben würden.

Der Profos maß die Wassertiefe und fand keinen Grund. Erst zum Land hin wurde es unmerklich flacher. Dort an der Landzunge konnten sie die Schebecke in aller Ruhe aufslippen.

Die Exkursion durch die Bucht dauerte nicht lange. Carberry drängte auf schnelle Rückkehr, um mit dem Abholzen der Durchfahrt beginnen zu können. Dabei maßen sie auch noch einmal die Wassertiefe in der Passage, die sich wie ein Dach über ihren Köpfen wölbte.

Auch hier war das Wasser tief genug, um die Schebecke passieren zu lassen. Der Haken war nur das aus Wurzeln und Ästen bestehende Dach.

Carberry sprang wortlos aus der Jolle, schnappte sich einen Schiffshauer und schlug wie ein Wilder auf die Stelzwurzeln ein.

Das Holz war hart, und es gab bei jedem Schlag mit einem Federn nach, was ihn schier zur Verzweiflung trieb.

Sie drückten die Jolle zwischen die anderen Wurzeln und gingen jetzt systematischer vor. Aber ihre Bemühungen wurden nur von schwachem Erfolg gekrönt.

Der Profos ließ den Schiffshauer sinken und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

„So geht das nicht“, sagte er. „Bis wir eine Lücke geholzt haben, vergeht ein halber Tag. Macht trotzdem weiter, ich werde dem Sir die Lage verklaren. Er soll noch ein paar Männer schicken. Die Durchfahrt freizukriegen, ist im Augenblick wichtiger als die Reparatur des Schiffes. Dazu haben wir später Zeit. Bin gleich wieder zurück.“

Weg war der Profos, noch bevor Jan und Batuti auch nur ein Wörtchen sagen konnten.

Selten war er so schnell an Bord gewesen.

Hasard unterbrach ihn nicht und hörte ruhig zu. Ben Brighton, Dan O’Flynn und Don Juan lauschten ebenfalls gespannt.

„Ed hat recht“, sagte Ben Brighton. „Es ist besser für uns, wenn wir der Hilflosigkeit nicht länger preisgegeben sind. Ist Garcia erst mal hier in der Bucht, können wir nichts mehr ausrichten. Wir können aus unserer jetzigen Position mit der Schebecke nicht mal das Feuer erwidern. Zum anderen ist da noch die ‚Ghost‘, die uns von der Seite packen wird. Wir sollten Eds Vorschlag augenblicklich befolgen und die Reparaturen vorläufig einstellen. Ich würde jeden Mann zum Abholzen dort hinüberschicken, Sir. Sobald wir eine Bresche geschlagen haben, spannen wir die Jollen vor und ziehen unser Schiff achteraus durch die Passage in die andere Bucht. Man kann jetzt von hier bereits einen Teil deutlich erkennen. Es ist ein hervorragender Platz.“

„Was ist, wenn wir es nicht schaffen?“ fragte Hasard.

„Dann haben wir auch nichts verloren“, meinte Dan O’Flynn. „Hier liegen wir so oder so auf dem Präsentierteller, und entkommen können wir innerhalb der nächsten paar Stunden nicht mit dem angeknackten Ruder.“

Carberry trat schon von einem Bein aufs andere und sah den Seewolf fragend an.

„Wenn wir dort drüben liegen, Sir“, sagte er eifrig, „dann kriegen die Bastarde lange Gesichter. Dann können sie solange durch die Mangroven ballern, bis sie keine Kugeln mehr haben. Der zugewucherte Dschungel hält alles ab, auch Siebzehnpfünder.“

„Einverstanden“, sagte Hasard knapp. „Der Vorschlag ist akzeptabel und vernünftig. Er verspricht Aussicht auf Erfolg. Wir stellen also die Reparaturen ein und gehen an die andere Arbeit. Ich befürchte nur, daß die beiden Kerle versuchen werden, uns auszuhungern.“

„Wir haben Proviant genug an Bord, Sir“, sagte der Kutscher. „Die können hier tagelang in der Bucht herumlungern. Du siehst die andere Bucht als eine Falle an?“

„So ungefähr. Für uns ist sie ein vorzüglicher Schutz, aber wir sind auch darin gefangen. Ruthland kann zum Beispiel Garcia mit Proviant aus Surat versorgen – und sich selbst natürlich auch. Auf diese Art und Weise bleibt immer der stärkere Bewacher am Platz, bis uns der Proviant ausgeht.“

Der Kutscher schluckte trocken und sah die anderen an. Daran hatte keiner von ihnen gedacht, daß sie in der Bucht wie die Maus in der Falle saßen, die von einem dicken Kater pausenlos bewacht wurde.

Garcia war das in seinem blinden Haß durchaus zuzutrauen. Er hatte genügend Zeit, und ihm war jedes Mittel recht, um El Lobo del Mar zur Strecke zu bringen.

Das war die andere Seite, aber Hasard hatte sich trotzdem entschieden. Er teilte lediglich seine Bedenken mit.

„Will und Donegal bleiben an Bord zurück“, sagte er. „Ihr beobachtet genau den Oberlauf des Flusses. Die anderen pullen zur Passage hinüber. Nehmt Äxte, Beile und Sägen mit.“

Damit war der Fall entschieden, und sie gingen unverzüglich an die schwierige Arbeit.

10.

Der spanische Capitán ging ruhelos auf seinem Schiff auf und ab und schlug dabei immer wieder die geballte Linke in die rechte Handfläche.

„Wo, zum Teufel, bleiben denn Ihre unfähigen Trottel?“ brüllte er Ruthland an. „Kein Verlaß auf die Kerle! Die Dämmerung setzt bereits ein, und immer noch sind sie nicht zurück. Sie sollten Ihren Bastarden mal die Furcht Gottes beibringen, Ruthland.“

Sie hatten beide Schiffe Bord an Bord gelegt, damit sie ihr Vorgehen noch einmal genau absprechen konnten.

„Ich kann mir das auch nicht erklären“, sagte Ruthland mit einem kläglichen Grinsen. „Möglicherweise stecken sie irgendwo im Nebel, oder der Seewolf hat doch eine andere Bucht gewählt.“

„Im Nebel!“ höhnte der Spanier. „Daß ich nicht lache! In dem Nebel, der jetzt herrscht, kann sich nicht mal ein Blinder verirren. Ich werde Ihnen was sagen, Mister: Ihre Kerle hat der Teufel geholt, und zwar jener Teufel, den man El Lobo del Mar nennt. Oder Ihre unbedarften Tröpfe haben versagt. Sie sind seit etlichen Stunden überfällig. Die Meldung müßte längst eingetroffen sein.“

Ruthland war ebenfalls verärgert. Er hatte auch keine glaubwürdige Erklärung zur Hand. Ihn wurmte es, daß seine beiden Leute einfach spurlos verschwunden waren. Daher suchte er immer wieder mit dem Spektiv den Fluß ab, konnte aber nicht die Spur von Ihnen entdecken.

„Sie müssen jeden Augenblick eintreffen“, sagte er verunsichert. „Ich nehme jedoch an, daß Killigrew eine andere Bucht aufgesucht hat und sie ihn nicht gleich gefunden haben. Wir haben es immerhin mit einem ausgefuchsten Gegner zu tun, der an alles denkt.“

„Wem sagen Sie das? Keiner weiß das besser als ich. Ich lasse ihnen noch eine Viertelstunde Zeit, dann segeln wir los. Der Wind reicht gerade aus.“

„Und wenn die Männer bis dahin nicht zurück sind?“ wandte Ruthland zaghaft ein, „dann wissen wir nichts über den Liegeplatz.“

„Ihre Kerle kann von mir aus der Teufel holen“, erwiderte Garcia grob. „Wir suchen zuerst die Bucht auf, die ich genannt habe und gehen dann wie vereinbart vor. Ich bitte Sie, sich strikt an meine Anweisungen zu halten. Ich habe die größere Kampferfahrung. Nur so können wir den Kerl zur Strecke bringen. Keine Eigenmächtigkeiten also. Das ist ein strategisch wichtiger Punkt.“

„Mir bereits bekannt“, sagte Ruthland zähneknirschend und verdrossen.

Die Bevormundung ärgerte ihn mächtig, und mehr als einmal bereute er bereits, sich mit dem Spanier eingelassen zu haben. Aber sie waren nun aufeinander angewiesen.

Abermals suchte er nervös mit dem Spektiv den Fluß ab. Aus der Bucht heraus konnte er jedoch nicht viel erkennen und hatte jeweils nur einen kleinen Ausschnitt. Er sah jedoch nichts anderes als das schwarze Wasser des Tapti und ein paar tänzelnde Nebelfetzen, die über der Wasserfläche kreisten.

„Verdammt, wo bleiben die nur?“ rief er ärgerlich.

„Vielleicht hat der Seewolf Jonny und Stan wirklich gefaßt“, sagte Hugh Lefray hämisch. „Ich kann mir vorstellen, daß sich Killigrew ebenfalls abgesichert und Wachen aufgestellt hat, wenn er sich in einer so heiklen Situation befindet. Na, und die Wachen werden die beiden eben geschnappt haben. Dann hat man sie ein bißchen ausgehorcht, mißhandelt, gefoltert, bis man alles erfuhr, und schließlich aufgehängt.“

„Quatsch kein dummes Zeug!“ fuhr ihn Ruthland an. Mit jeder Minute wurde er nervöser und verärgerter.

„Hast du eine bessere Lösung anzubieten?“

„Nein, habe ich nicht!“ schrie Ruthland. „Und jetzt laß mich mit deiner albernen Nerverei endlich in Ruhe. Mir genügt der da.“ Dabei zeigte er zu dem Spanier.

„Der genügt mir schon lange“, sagte Lefray so leise, daß Garcia ihn nicht verstehen konnte. „Der hängt mir wie grüne Seife querkant im Hals. Wir hätten den Seewolf auf unsere feine englische Art austricksen sollen, wie wir es ja schon erfolgreich getan haben. Jetzt hat uns dieser Don am Wickel und kommandiert uns wie kleine Rotzjungen herum. Weiß der Teufel, warum du dich so eng an ihn angeschlossen hast.“

„Ich hatte meine Gründe, das weißt du genau. Wir haben Killigrew zwar aus Surat rausgeekelt, aber allein schaffen wir ihn nicht. Und wenn er nach London zurückkehrt und kann gute Beziehungen aufweisen, dann haben wir ausgespielt, denn dann werden sich ganze Flotten in Marsch setzen, um den großen Kuchen zu holen. Für uns bleiben dann nicht mal mehr die Krümel. Genau das ist der Grund, warum wir den Don unbedingt brauchen. Oder hast du das immer noch nicht kapiert?“

Der Mann mit dem entsetzlich tot wirkenden Auge grinste hart. Er schlug eine versöhnlichere Tonart an und kümmerte sich nicht darum, daß Garcia nicht weit, entfernt von ihnen stand und sie mißtrauisch beobachtete.

„Jaja, vielleicht hast du recht, Francis. Aber wenn wir die Angelegenheit erledigt haben, dann soll sich der Kerl mitsamt seinen dämlichen Soldaten zum Teufel scheren. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben.“

„Genau das habe ich auch vor.“

Garcia wurde wieder ungeduldig. Er scheuchte ein paar Leute hin und her und befahl dem Stückmeister, alle ausgerannten Kanonen noch einmal genau zu überprüfen. Nachdem er für erheblichen Wirbel gesorgt hatte, trat er näher.

„Statt hier Plaudereien zu veranstalten, sollten Sie sich lieber noch mal von der Funktionstüchtigkeit Ihrer Stücke überzeugen, Ruthland“, sagte er schroff. „Große Reden helfen uns nicht weiter, wenn es zur Sache geht. Mit Ihren kleinen Kanonen – oder Kanönchen – erzielen Sie ohnehin keine große Wirkung, deshalb sollten sie wenigstens einwandfrei in Ordnung sein.“

Francis Ruthland fuhr gereizt herum.

„Wir sind feuerbereit, Spanier! Das habe ich vorhin bereits betont. Sie können sich Ihre verächtlichen Bemerkungen sparen. Ich weiß, was ich zu tun habe. Mir wird kein Fehler unterlaufen. An Bord meines Schiffes ist alles in Ordnung.“

„Bis auf die Kundschafter“, höhnte Garcia. „Von denen fehlt noch immer jede Spur. Vielleicht haben sie sich vor lauter Angst einfach mit der Jolle abgesetzt.“

Ruthland lief rot an, verkniff sich aber eine Bemerkung, um den Disput nicht auf die Spitze zu treiben. Er war angespannt und fahrig, denn das, was ihnen bevorstand, war beileibe kein Spaziergang. Sie würden auf einen Gegner treffen, vor dem er insgeheim zitterte, der sich mit allen Mitteln zur Wehr setzte und seine Krallen zeigte. Daß diese Krallen unglaublich scharf waren, wußte Ruthland.

Er blickte Garcia von der Seite her verstohlen an und versuchte eine Gemütsregung zu erkennen. Aber das Gesicht des kleinwüchsigen Spaniers blieb ausdruckslos bis auf seine Augen. Darin sah Ruthland es immer wieder kurz aufblitzen. Garcia schien darauf zu brennen, seinen Gegner endlich stellen zu können.

Die Viertelstunde war fast verstrichen.

Ruthland nahm noch einmal das Spektiv und warf einen langen Blick in die Runde. Es war jetzt so hell geworden, daß sich mühelos alle Einzelheiten erkennen ließen.

Von seinen Spionen war nichts zu sehen, und so drückte er den Kieker wütend einem Mann in die Hand.

Garcias Lächeln war überheblich und höhnisch. Wenn er Ruthlands Kerle ansah, verkniff er sich nur mühsam ein verächtliches Grinsen. Die waren fast alle bärtig und wirkten schmutzig.

Seine Kerle dagegen waren aus Eisen. Er hatte sie auch mit größter Härte geformt. Die Decks waren blitzsauber und stets aufgeklart, und seine Männer waren glattrasiert und trugen tadellose Kleidung, was man von den anderen nicht gerade behaupten konnte. Schon die Brustpanzer seiner Leute wirkten furchteinflößend, und er hatte dafür gesorgt, daß auf jedem Brustpanzer der Name „Aguila“ eingraviert war.

Somit unterschieden sich seine Leute wesentlich von den wilden und bärtigen Gesellen, die außerdem keine Disziplin hielten, sonst wäre das mit der Jolle seiner Ansicht nach nicht passiert.

„Die Zeit ist abgelaufen“, schnarrte er. „Wir segeln los. Nach erfolgreicher Operation kehren wir in die Bucht zurück und gehen daran, die Siedlung Esperanza weiter auszubauen und zu befestigen. Ich habe keine Lust mehr, auf die beiden Trottel zu warten. Jede Minute Vorsprung hilft dem Seewolf und verschafft uns Nachteile.“

Abrupt drehte sich Garcia um und gab Befehle.

Lefray grinste verächtlich hinter ihm her.

„Wenn alles vorbei ist, kann der Don seine Siedlung allein ausbauen und befestigen“, sagte er hämisch. „Wir verschwinden nach erfolgreicher Mission.“

„Genau dann, wenn der Kerl für uns die Kastanien aus dem Feuer geholt hat“, sagte Ruthland. „Dann nichts wie weg. Los, purr die Kerle jetzt auf Stationen, Hugh.“

Innerhalb kurzer Zeit herrschte an Bord beider Schiffe ein emsiges Treiben.

Die Anker wurden gelichtet, Segel gesetzt. Der Wind füllte sie nur schwach, und mit ebenso schwacher, anfangs kaum merklicher Fahrt, segelten Galeone und Karavelle aus der Bucht.

Als sie den Tapti erreichten, gerieten sie in die leichte Strömung, und die Fahrt wurde etwas schneller.

Sie segelten flußabwärts und hatten noch ein schwieriges Manöver zu bewältigen, um in die andere Bucht zu gelangen. Da wurde von ihnen noch einmal alles an seemännischem Können gefordert.

Nachdem die Arwenacks mit vereinten Kräften an das Abholzen der Passage gegangen waren, zeigte sich auch bald der erste Erfolg.

Ein Teil der Mangroven schwamm wie Treibgut im Wasser der Bucht herum. Es sah aus wie nach einer kleinen Schlacht.

Ein Stück der Passage war frei, und so konnten sie bald daran denken, die Schebecke hindurchzubringen.

Sie schufteten im Schweiße ihres Angesichts und lichteten den undurchdringlichen Verhau immer mehr.

„Bald haben wir es geschafft“, sagte Batuti. „Wenn wir so weiter arbeiten, sind wir in einer knappen Stunde fertig.“

„Wird auch höchste Zeit“, meinte Luke Morgan. „Lange wird der Besuch nicht mehr auf sich warten lassen.“

Auf der Schebecke standen Old O’Flynn und Will Thorne. Beide suchten ständig mit Spektiven den oberen Verlauf des Tapti ab. Die Mastspitzen der beiden Schiffe würden ihre Annäherung lange vorher verraten.

„Da bewegt sich etwas“, sagte der alte Segelmacher zu Old Donegal. „Oben, an der Flußkrümmung taucht etwas auf.“

Old Donegal stierte sich die Augen aus und nickte aufgeregt.

„Tatsächlich, da ist ein Mast zu erkennen.“

Er wollte sich aber erst ganz genau vergewissern, ehe er die anderen wahrschaute.

Hinter der Flußbiegung, noch verborgen durch den Dschungel, bewegte sich etwas, das aussah wie ein langer, blattloser Baumstamm. Zwischen einer Lücke wurde der Teil eines gelohten Segels sichtbar, dann tauchte auch der zweite Mast auf.

Old O’Flynn wetzte zum Schanzkleid, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus.

„Wahrschau!“ brüllte er. „Unser Besuch ist in Anmarsch! Sie sind noch hinter der Flußbiegung.“

Hasard sah, wie Donegal aufgeregt winkte und verstand auch jedes Wort, das er sagte.

„Aufhören!“ befahl er knapp. „Es ist soweit. Alles zurück zum Schiff, aber in geordneter Formation, wenn ich bitten darf. Wir müßten es jetzt schaffen, die Schebecke durchzubringen.“

Es gab keine überhastete Eile und auch keine Unruhe. Sie ließen nur Äxte, Beile und Sägen liegen, um durch das Werkzeug nicht behindert zu werden.

Innerhalb kurzer Zeit waren sie alle in den Jollen und pullten an Bord zurück.

Jeder wußte genau, was er zu tun hatte. Es war schon lange vorher in allen Einzelheiten besprochen worden.

Etliche Arwenacks enterten an Bord auf. Die anderen blieben in den vorgespannten Jollen, um die Schebecke zu ziehen. Ein paar gingen an die großen und langen Riemen, mit denen die Schebecke gepullt werden konnte. Batuti und Bob Grey drückten das Schiff mit Bootshaken von den Stelzwurzeln ab, bis es frei schwamm.

„Wir können nur mit zwei Kanonen feuern“, sagte Hasard ruhig. „Mehr stehen uns in der derzeitigen Position nicht zur Verfügung, wenn wir nicht die Breitseite zeigen wollen. Wir bleiben also in dieser Position. Die Kerle werden es nicht leicht haben, einfach in die Bucht zu segeln. Ich nehme an, daß sie sofort feuern, sobald sie uns gesichtet haben. Wir schießen einen Brandsatz ab, und zwar einen gebündelten. Al und Ferris übernehmen das.“

Ferris Tucker und Al Conroy holten den vorbereiteten Brandsatz aus dem Pulvermagazin. Es waren sechs Stück, zu einer kompakten „Bombe“ gebündelt, die Garcia und Ruthland das Fürchten lehren sollte. Wenn dieses Ding richtig traf, hatten sie die ersten Schwierigkeiten bereits überwunden. Dann konnten sie noch blitzschnell durch die Passage entwischen.

Hasard und Don Juan blickten zu dem Fluß. Mastspitzen und Segel waren jetzt deutlich zu erkennen. Die Karavelle segelte dicht hinter der stark armierten Galeone, beide Schiffe wuchsen über den Tapti hinaus und wurden immer größer. Man konnte auch sehen, daß sie alle Rohre ausgerannt hatten.

„Haltet das Schiff mit den Riemen so, daß wir ihnen das Heck zeigen“, sagte der Seewolf. „Und nun pullt langsam los. Das gilt auch für die Männer in den Jollen.“

Die Boote zogen langsam an. Von Bord aus wurde ebenso langsam mit den Langriemen gepullt. Die Schebecke wirkte jetzt wie eine kleine Galeere, die stehend gerudert wurde.

„Recht so“, sagte Hasard, als die Mastspitzen immer größer wurden. „Diesen Kurs beibehalten.“

„Hoffentlich langt das“, sagte Ben zweifelnd. „Von hier aus sieht die Passage doch verdammt schmal und eng aus.“

„Es wird reichen, Ben. Ein paar Mangroven werden wir bei unserer Fahrt noch beiseite fegen. Wir müssen nur darauf achten, daß die Langriemen rechtzeitig eingeholt werden, damit sie in den Wurzeln nicht hängenbleiben.“

Ferris und Al Conroy hatten die „Bombe“, wie sie sie kurzerhand nannten, in die Abschußvorrichtung geschoben. Glimmende Lunten lagen bereit.

Der Schiffszimmermann prüfte den Wind.

„Hervorragend“, sagte er. „Wichtig ist nur, daß wir den Kurs nicht ändern, sonst fliegt das Ding vorbei und alle unsere Mühe war vergebens. Was hältst du von dem Schußwinkel, Al?“

„Der stimmt“, erwiderte Al Conroy. „Wenn sich nichts ändert und die Galeone in die Bucht einläuft, kriegen sie das Ding verpaßt. Es dürfte etwa zwanzig Yards über den Masten explodieren, und das ist genau die richtige Höhe.“

„Kurs genau halten“, schärfte Hasard den Arwenacks noch einmal ein. „Keine Abweichung. Schön langsam pullen.“

Jeder wußte, worauf es ankam. Die Leinen der Jollen hingen ein wenig durch, spannten sich dann wieder und berührten das Wasser. Oben an Deck wurde in gleichmäßigem Takt gepullt. Die Männer taten das so ruhig und gelassen, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Die Passage rückte langsam näher. Immer noch bezweifelten einige, ob die Schebecke durch die Lücke zu bringen sei.

Von allen Seiten ragten die mörderischen Wurzeln ins Wasser. Wenn sie daran hängenblieben, mußte sich die Schebecke zwangsläufig drehen und quertreiben.

Inzwischen hatten sich die beiden Gegner der Bucht genähert.

Garcia fuhr mit der Galeone ein riskantes und waghalsiges Manöver. Er wendete schon oberhalb der Einfahrt und beschrieb mit der „Aguila“ einen weiten Bogen. Auch Ruthland holte jetzt zu diesem Bogen aus. Er befand sich etwa hundert Yards hinter der Galeone.

Das Manöver gelang hervorragend, wie Hasard neidlos anerkennen mußte, obwohl es sehr schwierig war. Der „Giftzwerg“, wie die Arwenacks den spanischen Capitán nannten, hatte die Schebecke jetzt entdeckt und wartete gelassen, bis er in Schußposition war.

Der Bug schwang langsam herum, und auf der Backbordseite blitzte es am Vorschiff dreimal hintereinander grell auf.

Die Absicht war klar. Garcia wollte die Breitseite an Backbord abfeuern, mit dem Bug wieder abfallend in die Bucht segeln, und dann die andere Seite einsetzen. Dieses Vorhaben mußte möglichst gleich auf Anhieb gelingen, denn er konnte in der Bucht keine großen Manöver durchführen. Zum einen fehlte ihm dazu der nötige Wind, zum anderen war der Raum begrenzt, auf dem er operieren konnte.

Anschließend, so nahm Hasard an, würde Ruthland in die Lücke vorstoßen und seine Stücke einsetzen.

Die Ruhe in der Bucht wurde jäh gestört. Ein paar kreischende Affen schwiegen entsetzt, als der Krach begann.

Drei brüllende Feuerzungen rasten aus den Rohren. Dichter Qualm wölkte auf, dem wilder Donner folgte. Gefährlich nahe schwang das Heck der Galeone am Ufer vorbei. Im Kielwasser war ein rasender Wirbel zu erkennen.

Garcia hatte in seinem Eifer zu früh gefeuert. Alle drei Kugeln donnerten in die Mangroven und hieben ein paar Wurzeln auseinander, die nach allen Seiten davonflogen.

Morast und Dreck spritzten auf. Dicker, schwarzer Schlamm wurde zur Seite geschleudert. Die Bucht hallte wider von den röhrenden Abschüssen der Kanonen.

Zu diesem Zeitpunkt nahm auch Ruthland Kurs auf die Bucht und schor hinter dem Heck der Galeone ebenfalls auf den Kurs ein. Aber dessen seemännische Qualitäten ließen etwas zu wünschen übrig.

Carberry sah es mit tiefer Genugtuung.

„Ein Affenarsch ist und bleibt ein Affenarsch“, sagte er drastisch. „Der versengt sich jetzt das Heck.“

Es beeindruckte sie nicht sonderlich, daß ihnen die Kugeln um die Ohren flogen. Sie pullten unverdrossen weiter und hatten beide Schiffe genau im Blickfeld, wenn auch etwas seitlich versetzt. Jetzt wurde es allerdings kritisch, als die „Aguila“ weiter herumschwang.

Da geschah das, was Carberry vorhergesehen hatte.

Ruthland kriegte Berührung mit dem Uferstreifen aus Mangroven und dichtem Verhau, der am äußeren Eingang der Bucht bis ins Wasser ragte.

Die „Ghost“ empfing einen harten Schlag, und auf den Schreck hin begannen einige Kerle nervös und aufgeregt zu feuern.

Die Kugeln, die sie abfeuerten, hätten fast die Galeone getroffen, so dicht zischten sie vorbei. Geschrei und Gebrüll waren zu hören, als die „Ghost“ aus dem Ruder lief und mit killenden Segeln schräg versetzt der Galeone folgte.

Sie driftete ab und wurde nur sehr mühsam wieder abgefangen. Aber da befand sie sich bereits in einer Position, die den Arwenacks vorerst nicht mehr gefährlich werden konnte.

Acht weitere Stücke spien ihr tödliches Eisen aus. Aus dem unteren Batteriedeck lösten sich ebenfalls vier rötliche Feuerzungen und hüllten die Galeone in dichten Rauch ein.

In der Bucht rumorte und brüllte es wie bei einem mittelschweren Erdbeben.

Die Arwenacks zogen die Köpfe ein, als es heiß und fauchend über sie hinwegorgelte. Im Dschungel schlug es erneut mit elementarer Wucht ein. Eine Palme wurde geknickt, zwischen den Mangroven stiegen schmutzige Säulen auf.

Die Passage war nur noch wenige Yards entfernt.

„Weiterpullen!“ schrie Hasard durch den wilden Lärm.

Zwei Kugeln rasten über die Ruderer auf der Schebecke. Sie lagen so dicht, daß die Arwenacks den Luftzug spürten.

Eine dritte schlug ein und traf das Schanzkleid. In einem wüsten Splitterregen barst ein Teil auseinander und wirbelte davon.

„Jetzt“, sagte Ferris in aufreizender Ruhe. „Jetzt ist der günstigste Zeitpunkt für unsere Antwort.“

Hasard nickte ihm zu und sah abwechselnd zu der Galeone und dann wieder zur Karavelle, die sich abmühte, nicht noch weiter aus dem Ruder zu laufen.

Er wandte den Blick ab, als er ein wildes Zischen hörte.

Ferris Tucker hatte den gebündelten Brandsatz gezündet, der jetzt wie eine Horde kreischender Affen losstob.

Er raste in die Bucht, hinterließ eine grauweiße Rauch- und Qualmwolke und tobte unter höllischer Geräuschentwicklung ein kurzes Stück in den morgendlichen Himmel.

Auf der Galeone vergaßen sie für einige Augenblicke das Feuern, und dann vergaßen sie es ganz, weil sie dazu nicht mehr in der Lage waren.

Der gebündelte Brandsatz hatte seinen Kulminationspunkt erreicht und barst über der Galeone mit einem ekelhaft lauten und schmerzenden Geräusch auseinander.

Die ganze Palette chinesischer Feuerwerkskunst brannte schlagartig ab. Es war ein schönes und schauriges Bild zugleich.

Die „Pfirsichbäume“ strebten auseinander und glühten in der Luft in allen Farben auf. Rote, grüne, goldene und grellweiße Sterne zerplatzten in einem wilden Regen und ergossen sich auf die Galeone der Dons.

Die Spanier standen da und starrten noch oben. Sie hatten etwas Derartiges noch nicht gesehen und begriffen nicht, was sich da über ihren Köpfen abspielte.

Einzelne Schreie waren zu hören – Entsetzensschreie. Und als das dem Griechischen Feuer ähnliche Gemisch auf Segel und Decks niederregnete, da sprangen einige der Dons voller Angst über Bord.

Nach dem Aufplatzen der ersten Sterne wurde die Panik größer. Schlagartig bildete sich auf dem Deck ein dunkler Pilz, der wiederum in sich zu explodieren schien und nach allen Seiten auseinanderstrebte.

Ein Segel loderte auf, dann ein zweites. An Deck stieg eine Feuersäule hoch und griff nach brüllenden Männern.

Garcias eiserne und sonst so disziplinierte Kerle gerieten in eine unbeschreibliche Panik, als das Feuer an allen Seiten ausbrach. Daß es so gut wie nicht zu löschen war, wußten die Spanier zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die bittere Erfahrung stand Garcia erst noch bevor.

Als Hasard sich umdrehte, schlugen aus dem unteren Batteriedeck ganz plötzlich züngelnde Flammen hoch. Wieder sprangen ein paar Männer mit Gebrüll über Bord, als die feurigen Zungen nach ihnen griffen.

„Riemen ein“, sagte Hasard.

Die Riemen wurden eingezogen. Die Jollen hatten die Passage gerade hinter sich. Da schob sich der Rumpf der Schebecke auch schon durch die schmale Lücke und walzte alles nieder, was sich ihm noch in den Weg stellte.

Sie schafften es gerade noch. Wieder zurückblickend, sah der Seewolf, daß von der brennenden Galeone keine Gefahr mehr drohte.

Sie lief brennend und laut knisternd und prasselnd aus dem Ruder und legte sich quer. Der Rudergänger hatte es vorgezogen, sein Heil ebenfalls im Wasser zu suchen.

Der Kutscher stieß hart die Luft aus.

„Das ging ja noch mal gut“, sagte er erleichtert. „Aber es scheint ein neues Problem auf uns zuzukommen. Wenn die Galeone untergeht, versperrt sie uns die Ausfahrt aus der Bucht.“

„Uns bleibt wirklich nichts erspart“, knurrte der Profos Edwin Carberry. „Kaum ist ein Problem gelöst, taucht schon das nächste auf. Aber darüber sollten wir uns erst später die Köpfe zerbrechen.“

Sie waren durch und konnten aus der Bresche in die Bucht blicken. Dort sah es grauenhaft aus. Die ganze Bucht schien in hellen Flammen zu stehen …

ENDE


1.

Die Arwenacks hatten sich mit ihrem angeschlagenen Schiff in arger Bedrängnis befunden und daher zum letzten Mittel gegriffen, das sie in ihrer Notlage noch hatten – den chinesischen Brandsätzen mit der verheerenden Wirkung. Nur so hatten sie sich ihren übermächtigen Gegner vom Leib halten können.

Diese Bucht am Tapti hatte noch eine Nebenbucht aufzuweisen, die bei Nacht und Nebel seeähnlichen Charakter besaß. Eine sehr schmale, nur von Mangroven bewachsene Passage führte in diese Bucht.

Jetzt hatten sie die abgeholzte Bresche überwunden und befanden sich frühmorgens und bei langsam wieder einsetzendem Monsunregen fast übergangslos in der anderen Bucht.

Sie ließen die Schebecke einfach treiben. Hier ging kein Wind, und schon nach einigen Minuten lag das Schiff inmitten einer von Dschungel umsäumten Wasserfläche völlig still da.

Die Tragödie, die sich in der flußnahen Bucht vollzog, konnten sie von hier aus durch ein Gewirr von Mangroven und wildem Verhau verfolgen.

Ausnahmslos alle Seewölfe standen an Deck und blickten zu der anderen Bucht. Die Gefahr, daß César Garcia, Kommandant der spanischen Kriegsgaleone, noch einmal feuern würde, bestand nicht mehr. Er war mit sich selbst beschäftigt. Die Arwenacks hatten ihm eine vernichtende Lektion erteilt.

„Kompakte Brandsätze in dieser Form haben wir noch nie abgeschossen“, sagte Ferris Tucker, der den Brandsatz zusammen mit Al Conroy gezündet hatte. „Die Wirkung ist so verheerend, daß man damit eine ganze Armada außer Gefecht setzen könnte.“

Hasard blickte aufmerksam zu dem brennenden Schiff hinüber und wischte ein paar Wassertropfen aus dem Gesicht. Es war trotz des beginnenden Morgens bereits unangenehm schwül und warm, und der Monsunregen setzte mit der ungewohnten Heftigkeit ein.

„Ja, die Wirkung ist furchtbar. Aber anders konnten wir uns nicht mehr zur Wehr setzen, ohne hilflos zusammengeschossen zu werden. Garcia hat es nicht anders gewollt, und ich empfinde auch kein Bedauern darüber. Wir haben uns in einem Augenblick der allerhöchsten Gefahr gewehrt. Er hat uns angegriffen, nicht wir ihn.“

Aus der Bucht drangen Schreie. Im Wasser schwammen Männer, die den nahen Dschungel zu erreichen versuchten. Etliche andere hielten geradewegs auf den Tapti zu und ließen sich mit der Strömung flußabwärts treiben.

Das zweite Schiff in der brennenden Bucht war die Zweimastkaravelle „Ghost“ aus England, unter dem skrupellosen Halunken Francis Ruthland und seinem Kumpan Hugh Lefray.

Der bullige Mann war am Ende seiner Beherrschung. Sein Schiff war beim Einsegeln in die Bucht aus dem Ruder gelaufen, und das Heck der Karavelle hatte Landberührung gehabt.

Die Kerle hatten zwar in aller Eile die Segel geborgen, aber es sah doch so aus, als würde der Zweimaster in das brennende Chaos treiben und ebenfalls Feuer fangen.

Hasard hörte die gellenden Schreie überdeutlich.

Noch jemand schrie, der völlig die Beherrschung verloren hatte, und zwar César Garcia, der sich lautstark darüber empörte, daß seine Männer in wilder Flucht die brennende Galeone verließen.

Die Disziplin, die vormals an Bord seines Schiffes geherrscht hatte, schien endgültig dahin zu sein, bis auf ein paar Ausnahmen. Das waren Männer, die stur auf ihrem Platz blieben, weil sie mehr Angst vor dem Capitán als vor dem wütenden Feuer hatten.

Dazu gehörte auch Juarez Molina, der mit ruhiger und beherrschter Stimme Anweisungen gab und die aufgescheuchten Leute zu beruhigen versuchte.

Ruhlands wüste Kerle rammten jetzt lange Bootshaken in den schlammigen Grund der Bucht, um mit aller Kraft das Schiff abzudrücken.

Ein bärtiger Mann kippte fluchend über Bord, als sein Bootshaken keinen Grund fand und im Schlick wegrutschte.

Viele andere von der Galeone schwammen auf den Zweimaster zu und versuchten verzweifelt, auf zuentern.

Edwin Carberry kniff die Augen zusammen und beobachtete einen Mann auf der Kuhl der Galeone, der zweifellos verrückt sein mußte. Dieser Kerl hatte wohl gemerkt, daß das Feuer mit Bordmitteln oder durch Regen nicht zu löschen war, auch nicht mit hochgepütztem Seewasser, denn es brannte selbst auf der Wasseroberfläche weiter.

Der Mann wirkte wie ein sturer Büffel, der die Gefahr nicht sah oder nicht sehen wollte. Er wirkte hölzern und gleichzeitig lächerlich und so, als ginge ihn das alles gar nichts an.

Dieser Mensch hatte wahrhaftig einen Besen in der Hand und begann in stoischer Ruhe, das brennende Zeug vom Deck zu fegen. Dabei schien er Selbstgespräche zu führen, wie seine zuckenden Lippen bewiesen, und diese Selbstgespräche galten offenbar dem Irrsinn der Welt und der diktatorischen Freundlichkeit seines Capitáns. Vielleicht fluchte er aber auch nur vor sich hin.

„Nun seht euch das an“, sagte der Profos fast entrüstet. „Da steht doch wahrhaftig so ein Einfaltspinsel vor dem brennenden Mast und fegt in aller Seelenruhe das Deck sauber. Nicht zu fassen! Hat der Kerl jetzt nichts Besseres zu tun? Jetzt brennt auch noch sein Besen!“

Der Mann zuckte zurück, betrachtete ungläubig den brennenden Besen und warf ihn kopfschüttelnd über Bord. Inmitten der lodernden Fackel verschwand er über einen Niedergang nach unten und tauchte gleich darauf mit einem neuen Besen in der Hand wieder auf. So, als hätte er sie gar nicht unterbrochen, setzte er emsig seine Arbeit fort.

„So dämlich ist der gar nicht“, sagte Hasard. „Er fegt die brennenden Kugeln des Brandsatzes durch die Speigatten. Mir scheint, daß der Mann sehr überlegt handelt.“

„Immerhin versucht er es und rennt nicht blindlings davon.“

Dem Feger war inzwischen klargeworden, daß auch sein zweiter Besen bald Feuer fangen mußte. Er stellte ihn mit den Borsten nach oben und hievte eine Pütz Wasser hoch. In die tunkte er den Besen und fegte anschließend in aller Seelenruhe weiter. Es schien sich um einen stoischen Gemütsmenschen zu handeln, den nichts erschüttern konnte.

Immerhin gelang es ihm zum Erstaunen der Seewölfe, den größten Teil der Kuhl vom Feuer zu befreien, und als er den Erfolg sah, verdoppelte er seine Anstrengungen.

Nicht mal ein brennender Segelfetzen, der ihm ins Genick fiel, konnte seine Aktivitäten bremsen. Der Mann stellte den Besen hin, schlug sich mit der Hand ins Genick, als habe ihn dort eine Hornisse gestochen, und fegte weiter. Lediglich das Genick zog er etwas ein.

„So einen müßte man sich ausstopfen und unter Glas stellen“, meinte Carberry nachdenklich. „Was hat er denn jetzt vor?“

Der Mann im Brustpanzer steckte seinen Besen in die Pütz. Um das Gebrüll und Geschrei kümmerte er sich ebensowenig wie um sein lichterloh brennendes Umfeld. Er blickte genau in die Richtung der Bucht, wo die Schebecke lag, und starrte dann nachdenklich auf eine Kanone, deren Mündung in die Bresche zeigte. Zweifellos konnte er die Schebecke in der Bucht sehen.

„Der wird doch nicht …“, ächzte Carberry.

Der Kerl tat es. Er ging zu der Culverine, visierte einmal kurz und schnappte sich ein brennendes Stückchen Holz, an dem er sich fast die Finger versengte. Noch einmal blickte er zu der passageähnlichen Durchfahrt.

Was er sah, stimmte ihn offenbar zufrieden. Er hielt den brennenden Span an das Zündloch der Culverine und trat gemächlich zur Seite.

Aus dem Rohr zuckte ein mehr als yardlanger Blitz, der in dem brennenden Inferno kaum auffiel.

Das Rohr zuckte wild zurück und spie außerdem eine dunkle Rauchwolke aus.

Der erstaunliche Mensch kümmerte sich nicht weiter darum. Er schnappte sich seinen Besen und fegte weiter, als wollte er alles Übel aus der Welt demonstrativ entfernen.

Durch die Bresche zwischen den Mangroven raste ein Siebzehnpfünder heulend heran. Er nahm noch ein paar der Stelzwurzeln mit und schlug dann etwas seitlich von der Schebecke ins seichte Wasser.

Eine Säule aus Schlamm und Dreck spritzte hoch. Der Schlick explodierte buchstäblich. Schwarze Schlammspritzer flogen auf das Deck der Schebecke und bekleckerten ein paar Arwenacks, die verblüfft an sich hinunterstarrten.

„Eine völlig neue Art der Seekriegsführung“, sagte der Seewolf trocken. „Wenn Garcia noch mehr von den Kerlen hätte, wäre das Feuer längst unter Kontrolle. Dieser Mensch scheint an verkapptem Heldentum zu leiden. Er sieht, daß eine Kanone gerade im günstigen Winkel steht, und feuert sie sogleich ab, um die Chance auszunutzen, dem Gegner noch schnell eins zu verpassen.“

Der Mann sah nur einmal kurz herüber, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Über einen Zufallstreffer hätte er wahrscheinlich nicht mal gejubelt, sondern ihn nur gelassen zur Kenntnis genommen. Der Mißerfolg konnte ihm ebenfalls keine Regung entlocken. Für ihn war die Sache damit offenbar erledigt.

Der Kerl erregte die Gemüter der Arwenacks ganz beträchtlich, denn er schien aus einem Holz geschnitzt zu sein, das sie noch nicht kannten. Vielleicht wuchs es irgendwo auf einer geheimnisvollen Insel.

Am meisten ereiferte sich natürlich wieder mal der Profos, der eine ganz besondere Schwäche für solche Typen hatte, die selbst die persönliche Anwesenheit des Teufels nicht erschüttert hätte.

„Jetzt weiß ich, was man unter Fegefeuer versteht“, sagte er. „Der Kerl ist das Sinnbild dafür. Man sollte ihn El purgatorio nennen.“

Für einen kurzen Augenblick grinste der Spanier Don Juan de Alcazar belustigt, der die Feinheiten der spanischen Sprache am besten von allen kannte.

„Das würde dir ein Bordgeistlicher nie verzeihen, Ed“, sagte er. „Purgatorio ist, versinnbildlicht, der religiöse Ausdruck für das Fegefeuer. Aber der Mann ist echt und kein Symbol.“

Carberry überlegte nicht lange.

„Dann ist er eben El terco búfalo, der sture Büffel.“

„Das hört sich schon besser an.“

Von da an hatte der merkwürdige Seemann seinen Namen weg, ohne daß er die geringste Ahnung davon hatte.

Es hätte ihn wohl auch nicht sonderlich berührt, denn er fegte inmitten des wüsten Infernos ungerührt weiter.

Für den Kommandanten der spanischen Kriegsgaleone „Aguila“, César Garcia, war der Überraschungsangriff ein kompliziertes Manöver, aber er traute sich durchaus zu, damit fertig zu werden. Gleich beim Einlaufen in die Bucht würde er seine Kanonen sprechen lassen und die Schebecke zusammenschießen.

Das Manöver klappte auch hervorragend. Seine Mannschaft war gut eingespielt und verläßlich. Außerdem verstand jeder das Kriegshandwerk. Er hatte seine Männer schließlich bis zur Ermattung immer wieder hart und unnachgiebig gedrillt.

Sie rundeten in einem weitauslaufenden Bogen den oberen Zipfel der Bucht und segelten hinein.

Das erste, was Garcia sah, war die Schebecke des verhaßten Seewolfs. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Das Schiff wurde von zwei Jollen in Schlepp genommen und bewegte sich auf eine Lücke des Urwalds zu, die anscheinend in einen Nebenarm des Tapti führte. Zusätzlich wurde die Schebecke noch mit Langriemen gerudert.

Es sah ganz so aus, als würde El Lobo del Mar im allerletzten Augenblick durch diese Lücke entwischen. Daß die schwere Galeone nicht die geringste Chance hatte, die enge Durchfahrt zu passieren, sah Garcia auf Anhieb.

Dieser englische Bastard durfte nicht mehr entkommen. Er war hilflos und angeschossen und konnte sich nur noch durch eine ziemlich lahme Flucht absetzen.

Für Garcia war es die Chance seines Lebens, den Seewolf zu erledigen.

Das würde ihm außer einer fetten Belohnung auch eine Beförderung und die Bewunderung aller einbringen.

„Feuer!“ rief er schrill.

Insgeheim wußte er, daß die Kugeln aus diesem Winkel nicht treffen würden. Sie mußten zu kurz liegen, doch er wollte wenigstens zum Zweck der Einschüchterung das Feuer eröffnen, um den englischen Bastard an der Flucht zu hindern.

Die verantwortlichen Stückmeister erkannten ebenfalls, daß der Winkel für einen gezielten Schuß ungünstig war. Aber der Feuerbefehl mußte befolgt werden, auch wenn er noch so unsinnig erschien.

Die Stücke brüllten auf. Eine Wolke aus beizendem Qualm legte sich vor den Schiffsrumpf. Das Dröhnen der schweren Geschütze ließ alle Decks der Galeone erzittern.

Garcia starrte erregt und fiebernd durch den dichten Qualm. Er sah, daß die Kerle wie besessen pullten, und er sah auch, daß sie die Lücke bald passieren würden. Dann bot ihnen der Mangrovenwald und das dichte Unterholz mit dem wilden Verhau eine vorzügliche Deckung, so daß die Kugeln sie nicht mehr erreichen konnten. Hinter der Durchfahrt sah er Wasser silbrig aufblitzen – eine schier endlose Fläche, die direkt in den Dschungel zu führen schien.

Die Kugeln schlugen ein. Er hörte es überlaut krachen und bersten. Eine Palme wurde abrasiert wie ein langer Mast, als sei sie mit einem gewaltigen Schiffshauer umgesäbelt worden. Für den Bruchteil einer Sekunde stand sie bewegungslos in der Luft, ehe sie mit Getöse in die Mangroven krachte und alles plattwalzte.

Schlammsäulen stiegen wie Geisterfinger aus dem morastigen Untergrund, den die Schüsse wild aufwühlten. Luftwurzeln flogen umher.

Auf der Schebecke zogen sie die Köpfe ein.

„Feuer!“ schrie Garcia mit sich überschlagender Stimme. Die Durchfahrt war jetzt ganz nahe, und die Seewölfe pullten unverdrossen und kaum sonderlich beeindruckt weiter.

„Diese Bastarde!“ stöhnte er. In unglücklicher Haltung, mit vorgerecktem Hals, stand er auf dem Achterdeck. Aus seinen Augen sprühten kleine Blitze, die Zunge fuhr nervös über die Lippen hin und her. „Diese Bastarde entwischen noch im letzten Augenblick. Das kann nicht wahr sein.“

Der Erste Offizier sah den Haß in den Augen seines Capitáns. Er selbst blieb kühl und gelassen, doch der despotische Garcia ereiferte sich immer mehr. Er tat zwei schnelle Schritte nach vorn, als könne er dadurch die Schebecke an ihrer Flucht hindern. Molina fiel auf, daß sogar – seine Hände vor Aufregung zitterten.

Drei brüllende Abschüsse waren zu hören. Der Qualm drang in einer dichten Wolke bis aufs Oberdeck.

Garcia wedelte mit der Hand durch die Luft und stürzte ans Schanzkleid. Dann riß er ganz plötzlich die Arme hoch und stieß einen unterdrückten Schrei des Triumphes aus.

Zwei Kugeln rasten über die Köpfe der Ruderer, die instinktiv das Genick einzogen. Die dritte Kugel traf. Sie schlug ins Schanzkleid ein und ließ einen wilden Splitterregen hochfliegen.

„Volltreffer!“ brüllte Garcia. „Jetzt ist es aus mit den Bastarden! Sie fahren zur Hölle!“

„Kein Volltreffer, Capitán“, korrigierte der Erste mit kühler Sachlichkeit. „Es ist nur ein unbedeutender Schaden entstanden.“

„Wollen Sie mich etwa belehren, Molina?“

„Ich stelle lediglich eine Tatsache fest, mehr nicht.“

Garcia winkte ärgerlich ab. Am Schanzkleid drehte er sich um und sah zur „Ghost“ hinüber, während im unteren Batteriedeck zwei schwere Stücke losböllerten.

„Dieser hirnlose Idiot von einem Engländer!“ tobte er. „Der Kerl ist absolut unfähig zum Handeln. Statt uns zu unterstützen, wie es besprochen war, drückt sich dieser Mensch in einer Ecke herum, wo er absolut nichts zu suchen hat. Sehen Sie sich das mal an!“

Die „Ghost“ bot einen jämmerlichen Anblick, als sei sie in der Bucht gestrandet. Dadurch, daß sie Heckberührung mit dem Ufer hatte, war sie aus dem Ruder gelaufen. Das Focksegel bewegte sich nicht mehr und hing schlaff von der Rahrute. Das restliche Tuch bewegte sich zwar noch, aber zu leicht, um noch Vortrieb zu erzeugen. Er konnte die „Ghost“ abschreiben, denn die war so gut wie manövrierunfähig.

Die Rohre brüllten noch einmal auf, aber Treffer waren nicht zu verzeichnen. Die Schüsse lagen zu kurz und schlugen wiederum in die Mangroven ein, die allmählich zu Kleinholz verarbeitet wurden.

Garcia mußte sich selbst eingestehen, daß er sich den Überfall völlig anders vorgestellt hatte, als er jetzt ablief. Er hatte mit keinen Widrigkeiten gerechnet. Auf gar keinen Fall hatte er miteinkalkuliert, daß es in der Bucht ein Schlupfloch gab, durch das der Seewolf entwischen konnte.

Es schien so, als habe dieser das Schlupfloch auch erst viel später entdeckt und es vergrößert. Was dahinter lag, das wußte Garcia nicht. Es konnte eine sumpfige Bucht oder ein weiterer Nebenarm des Tapti sein. Er hatte das dumpfe Gefühl, als würde er es auch nie mehr erfahren. Das war so eine dunkle Ahnung tief in seinem Inneren.

„Der kann uns nicht mehr helfen“, sagte Molina nach einem schnellen Blick und meinte damit Ruthland und seine Männer, die nicht wußten, was sie tun sollten. Die meisten standen an Deck herum und starrten hilflos auf die Planken. Oder sie sahen zur Schebecke, die jetzt mit den Mangroven zu verschmelzen schien.

Ruthland selbst brüllte zwar Befehle, doch in dem krachenden Donner der Abschüsse verloren sie sich oder wurden nicht verstanden.

An Bord der Kriegsgaleone ging es noch diszipliniert und relativ ruhig zu. Alle Männer waren auf ihren Posten. Doch das änderte sich von einem Augenblick zum anderen, als auf der Schebecke der Seewölfe etwas Eigenartiges geschah.

„Was tun die da?“ fragte Garcia seinen Ersten. „Sie rennen auf dem Achterdeck, wie aufgescheuchte Hühner rum. Können Sie etwas erkennen, Molina?“

Durch den wabernden Rauch, vermischt mit dünnen Nebelschwaden, war nicht viel zu sehen. Wie ein schwacher Schleier hing der Qualm vor der Galeone und trübte den Blick auf das Geschehen.

Der Erste bemühte sich, etwas zu erkennen. Auf dem Achterdeck der Schebecke kokelte es.

„Nicht genau, Capitán. Es scheint, als qualme dort etwas stark – oder glimme sogar. Mehr kann ich nicht sehen. Aber etliche Männer haben sich um die Stelle geschart.“

„Durch unseren Treffer wird ein Feuer ausgebrochen sein“, bemerkte Garcia zufrieden. „Jetzt versuchen sie es zu löschen.“

Auf der Galeone wurde nachgeladen. Garcia wollte noch eine günstigere Schußposition erreichen, deshalb ließ er das Feuer für einen Augenblick einstellen, obwohl noch etliche Rohre feuerbereit waren.

Undeutlich sah er, wie auf der Schebecke ein paar Männer eilig auseinandergingen und sich von der glimmenden und qualmenden Stelle in auffallender Hast entfernten.

Garcia stierte regelrecht zu der Schebecke hinüber. Sein Griff an den etwas faltig wirkenden Hals war typisch für ihn. Das tat er immer, wenn er über etwas im unklaren war. Molina hatte das häufig beobachtet. Es schien eine Geste der Hilflosigkeit zu sein.

Drüben wurde die Rauchentwicklung stärker. In der Luft lag ein eigentümliches Zischen. Mit fauchenden Geräuschen stieg etwas von dem Achterdeck des englischen Schiffes in den Himmel auf.

Dieses Etwas knatterte und pfiff und stieß schrille Heultöne aus, die entsetzlich laut über die Bucht hallten.

Die Spanier starrten wie gebannt nach oben, als das Etwas rasend schnell in die Morgenhimmel stieg. Hinter sich zog es einen leuchtenden und qualmenden Schweif her. Das Ding erreichte eine erstaunliche Höhe, bevor es sich langsam senkte. Es schien jetzt in großer Höhe genau über der Galeone zu schweben.

Garcia verspürte trotz der morgendlichen Schwüle und Wärme ein Frösteln über seinen Körper laufen.

Sehr fahrig und mit offenem Mund griff er wieder an seinen Hals.

2.

„Was ist das?“ fragte er tonlos. Für Sekunden hatte er die Schebecke samt den Engländern vergessen.

Er erhielt keine Antwort, denn Molina hatte ebenfalls nicht die geringste Ahnung, was sich über ihren Köpfen zusammenbraute. Er hatte so etwas noch nie in seinem Leben gesehen. Der Satan selbst schien sich unter bestialischer Geräuschentwicklung in die Lüfte geschwungen zu haben, um sein höllisches Konzert zu spielen.

Sie zuckten alle erschrocken zusammen, als sich in der Luft ein mehr als ungewöhnlicher Vorgang abspielte.

Plötzlich hatte der Himmel alle Farben, die sich nur denken ließen. Es gab mehrere ungeheuer laute Explosionen. Danach schossen blutrote Flammenzungen auf die Galeone zu. Ihnen folgten grüne Sterne, die blitzartig auseinanderbarsten und abregneten. Dazwischen heulte und pfiff es grell.

Blut schien vom Himmel zu regnen, blutiges Feuer. Lange Schweife, die offenbar lichterloh brannten, prasselten auf das Deck oder rasten brüllend in die Segel.

Weiteres infernalisches Dröhnen peinigte die Dons, die schlagartig ihre Ruhe und Beherrschung verloren. Eine von jäher Angst gepeitschte Mannschaft begann ziellos hin und her zu rennen. Oftmals geübte Handgriffe oder Deckungsmöglichkeiten vor dem verheerenden Feuer wurden vergessen und übersehen, als wäre niemals jemand damit vertraut gemacht worden.

Es herrschte nur noch Chaos, Gebrüll und Geschrei – und grenzenlose Angst vor dem Unbekannten.

Es verfiel auch niemand auf die Idee, daß dieses fürchterliche Feuer von den Seewölfen stammen könnte. Viele hielten es für eine plötzliche und unerklärliche Naturkatastrophe. Die meisten schoben es in ihrer abergläubischen Furcht auf ein Machwerk des Teufels.

Auf die Planken der Galeone fielen winzige Kugeln, die sich sofort mit ungeheurer Gier ins Holz fraßen und es qualmen ließen. Selbst in den feuchten und klammen Segeln begann es zu schwelen.

Nochmals erfolgten kleinere Explosionen, ein dunkler Rauchpilz breitete sich auf dem Schiff aus. Überall zuckten jetzt Flammen aus dem Nichts auf. Der dunkle Rauchpilz, der anfangs träge über den Decks schwebte und sich erst jetzt wie schwarzer Nebel ausbreitete, sorgte für immer größer werdende Panik. Das Zeug hatte einen Geruch von Schwefel, was die meisten in ihrer Überzeugung bestärkte, daß wahrhaftig der Satan an Bord erschienen war, um sich die verstörten Seelen zu holen.

Ein Mann, vom Gluthauch des Feuers gestreift, fühlte sich vom Teufel selbst berührt; er hüpfte grotesk durch Rauch und Feuer und stürzte sich mit einem gellenden Aufschrei über Bord.

Ein zweiter sah sein Heil ebenfalls im Wasser und verließ das anscheinend verhexte Schiff auf dem gleichen Weg.

Garcia nahm das alles wie einen bösen Traum zur Kenntnis. Auch er dachte nicht an die Seewölfe, obwohl er genau gesehen hatte, daß von dem Achterdeck der Schebecke etwas in den Himmel gestiegen war. Es mußte seiner Ansicht nach etwas ganz anderes dazwischengekommen sein.

Mit offenem Mund stand er da und blickte fassungslos in das Chaos. Seine Kriegsgaleone hatte sich von einem Augenblick zum anderen in ein Tollhaus aus Rauch, Feuer und brüllenden Männern verwandelt. Das war eine Situation, die ihn überforderte, weil sie zu überraschend gekommen war.

Er schluckte hart und blickte ungläubig auf die Segel, in die sich große Löcher aus heller Glut fraßen. Über die Decks legte sich gleichzeitig eine dunkle Nebelwand, die jetzt nach achtern kroch und teilweise das darunter brennende Feuer verbarg.

Der Spanier brauchte sehr lange, um zu begreifen, daß sein Schiff in Flammen stand.

„Der Teufel ist an Bord“, ächzte er. „Wir sind verloren. Gegen teuflische Mächte sind wir Menschen machtlos. Was können wir tun?“

Molina, ganz gewiß keiner von der ängstlichen Sorte, hatte sich hinter das Schanzkleid gekauert, seit ihn winzige Flammenpfeile bombardierten. Zusätzlich hielt er beide Hände über den Kopf.

„Wir müssen löschen!“ schrie er und stand auf. In seinem Gesicht war eine rote Schramme zu sehen. Seine Stoppelhaare waren angesengt, seit er seine Kopfbekleidung verloren hatte. Eine Druckwelle hatte sie ihm vom Kopf gefegt. Seine steifen Finger der linken Hand hatten sich um den Hinterkopf gekrallt. Die rechte Hand hielt die linke fest, und so stand er in einer Pose da, die ihn nicht unbedingt als Ersten Offizier auswies.

„Löschen!“ brüllte Garcia automatisch nachplappernd. „Wir müssen sofort löschen!“

Er, der strenge und harte Tyrann, dem ein Menschenleben nichts galt, wenn es keinen Profit brachte, der keinen Schlendrian an Bord seines Schiffes duldete, war jetzt selbst desorientiert, verängstigt und wußte nicht, was er zuerst tun sollte.

Er war dieser plötzlich hereinbrechenden Katastrophe seelisch und körperlich nicht gewachsen. Sie war nicht vorhergesehen gewesen, und dieser Umstand lähmte sein Gehirn. Er konnte diese Situation weder taktisch noch strategisch durchdenken, wie er das sonst immer tat. Es war alles viel zu schnell gegangen.

Aber er durfte kein schlechtes Beispiel für seine ohnehin schon kopflos gewordene Mannschaft abgeben, und so riß er sich mit aller Gewalt zusammen.

„Löschen!“ brüllte er so laut er konnte.

Sein befehlsgewohnter Ton ließ die Männer nicht mal ängstlich zusammenzucken. Nur ein paar Kerle blieben stehen und sahen ratlos nach achtern, wo die Offiziere ebenso ratlos herumstanden.

Wieder traf ein Regen aus kleinen Feuerpfeilen das Achterdeck. Ein Mann schrie auf und riß beide Hände vors Gesicht. Blindlings stürzte er sich über Bord ins Wasser.

In den Batteriedecks schwiegen die Geschütze. Auch dort war alles voll Rauch und dichtem Qualm. Aus einer Stückpforte zuckte eine lange Flammensäule.

„Oh, hilf uns, Mutter Gottes“, stammelte Garcia, als wer sah, daß ein Mann nach dem anderen seinen Posten verließ und entweder wie irre über die Decks raste oder einfach ins Wasser sprang, um der brennenden Hölle zu entrinnen, „Sie stehen mit dem Teufel im Bunde.“

Seine Mannschaft war restlos davon überzeugt, daß es hier nicht mit rechten Dingen zuging. Killigrew hatte keinen einzigen Schuß abgefeuert, es hatte kein Aufblitzen der Kanonen gegeben, und doch brannte die Galeone jetzt vorn, achtern, unten und oben. Da mußte natürlich der Satan seine Hand im Spiel haben.

Garcia geriet übergangslos in rasende Wut. Er riß dem Ersten Offizier die Pistole aus dem Bandelier und feuerte einen Schuß auf die Kuhl ab. Die leergeschossene Waffe warf er hinterher.

„Auf die Stationen!“ brüllte er mit überkippender Stimme. „Jeder, der seinen Posten verläßt, wird auf der Stelle erschossen!“

Aus großer Höhe sank gemächlich ein brennender Segelfetzen wie ein torkelnder Schmetterling nieder. Kleine Funken stoben nach allen Seiten und trafen schreiende Leute.

Wieder sprang einer über Bord. Zwei andere auf dem Quarterdeck blieben besonnen und pützten Wasser, das sie eilig über die Planken gossen.

Inzwischen war die Galeone längst aus dem Ruder gelaufen. Garcia erkannte, daß sie mit der restlichen Fahrt irgendwo in den Mangroven steckenbleiben würden. Dort waren Sumpf, Morast und sehr flaches Wasser.

Er brüllte den Rudergänger an, Hartruder nach Steuerbord zu legen, doch die Galeone gehorchte dem Ruderdruck nicht mehr oder nur sehr zögernd. Sie lief kaum noch Fahrt und drehte immer weiter zur anderen Seite hinüber.

Er sprang auf den verängstigten Mann zu und schüttelte ihn heftig.

„Hartruder habe ich gesagt, du Bastard! Willst du das Schiff aufs Ufer jagen? Hartruder Steuerbord!“

Der Rudergänger am Kolderstock zitterte am ganzen Körper. Einmal war es die Furcht vor dem herrischen und oft unberechenbaren Capitán, und dann war es die nackte, kreatürliche Angst vor dem Feuer, die noch stärker war. Er sah einen Mann mit brennender Kleidung über das Deck rasen. Bei diesem Anblick verlor er die Nerven.

Er stieß Garcias Hand zur Seite, ließ den Kolderstock los und brüllte: „Fahr zur Hölle, du Schinder!“

César Garcia blickte ihm fassungslos nach. Der Mann hatte vor Angst weitgeöffnete Augen und einen irren Blick. Der Kapitän wollte sich ihm in den Weg stellen, doch in dem flackernden Blick las er gleichzeitig eine mörderische Wut, die gegen all jene gerichtet war, die versuchen würden, ihn aufzuhalten. Der Rudergänger hatte auch die Hände wie Krallen gekrümmt und würde sich nicht scheuen, in der jetzigen Notlage seinen Capitán anzugreifen.

Er stürmte geifernd an Garcia und dem zweiten Offizier vorbei, sprang über die Schmuckbalustrade auf das Quarterdeck und von dort aus mit einem gewaltigen Satz ins Wasser, das schäumend über ihm zusammenschlug.

Der Zweite Offizier eilte kommentarlos zum Kolderstock und übernahm ihn, weil kein anderer Mann in der Nähe war. Die meisten hatten sich auf den einzelnen Decks versammelt und bildeten nur widerwillig Eimerketten, um das Feuer zu löschen. Die allgemeine Disziplin ließ mehr als zu wünschen übrig.

Ein rußgeschwärzter Mann näherte sich dem Capitán mit einer gewissen Unterwürfigkeit.

„Das Feuer ist nicht zu löschen“, sagte er mit versagender Stimme. „Wenn Wasser darüber gegossen wird, fängt das Wasser zu brennen an, Capitán. Wir können nicht löschen.“

Garcia blickte fassungslos Molina an. Sein Blick wanderte ungläubig zu dem Mann zurück.

„Wahnsinn!“ stieß er hervor. „Molina, untersuchen Sie das sofort. Nehmen Sie eine Waffe mit, und schießen Sie jeden Kerl nieder, der sich nicht am Löschen beteiligt. Ich glaube diesen Unsinn nicht. Überzeugen Sie sich davon, und erstatten Sie mir sofort Bericht, auch darüber, wie es unter Deck in den einzelnen Abteilungen aussieht.“

Molina nickte verstört. Rußpartikel des Feuers hatten sein Gesicht getroffen und brannten wie glühende Pfeile darin. Zusammen mit dem anderen Mann verließ der das Achterdeck.

Garcia warf einen haßerfüllten Blick auf den Rudergänger, der im Wasser schwamm und Kurs auf die Karavelle „Ghost“ nahm. Er winkte Ruthland zu und brüllte: „Lassen Sie den Hundesohn nicht an Bord, Engländer! Er ist ein Deserteur und Verräter! Und bringen Sie uns endlich Hilfe, verdammt noch mal!“

Das erstere tat Ruthland bereitwillig. Als der Rudergänger die Karavelle erreichte, wurde eine Pistole auf ihn gerichtet. Der Mann tauchte weg und schwamm zum Ufer hinüber, wo die Mangroven wucherten.

Den Hilferuf befolgte Ruthland allerdings nicht. Er tippte sich nur an die Stirn.

„Ich bin doch nicht verrückt“, sagte er zu Lefray. „Wenn wir uns dem Kahn nähern, fangen wir ebenfalls Feuer. Wenn die Señores ihr Schiff verlassen wollen, dann ist das ihre Sache. Aber ich setze meins nicht ebenfalls aufs Spiel.“

„Warum auch?“ entgegnete Lefray mit einem Achselzucken. „Der Kerl hat auf der ganzen Linie versagt. Eigentlich sollten wir uns nicht mehr um ihn kümmern und ihn seinem Schicksal überlassen. Den Seewolf erwischen wir sowieso nicht mehr.“

Sie taten so, als hätten sie nichts gehört.

Unterdessen überzeugte sich Molina von der furchtbaren Wahrheit. Er ließ ein paar Pützen Wasser über eine helle Flamme auf den Planken gießen und sah entsetzt zu, wie das Wasser zu brennen begann. Schluckend starrte er auf den unheimlichen Vorgang. Das Feuer vermischte sich buchstäblich mit dem Wasser. Das brennende Zeug schwamm obenauf, und dann brannte alles einträchtig weiter.

„Das gibt es doch nicht“, stammelte er fassungslos.

Die Tatsachen bewiesen ihm jedoch das Gegenteil. Mit einem Würgen in der Kehle kehrte er aufs Achterdeck zurück. Es sah so aus, als sei die Galeone nicht mehr zu retten.

Garcia brauchte eine Weile, um die Schreckensnachricht zu verdauen. Auch er wollte es nicht glauben. „Teufelswerk“, sagte er ächzend. „Das ist Feuer vom Satan, Schwefel oder sonstwas. Lassen Sie Sand an Deck holen, aber schnell, und streuen Sie ihn darüber.“

Er sah einen Mann auf der Kuhl, der sich einen Besen geschnappt hatte und damit zu kehren begann, als störe ihn absolut nichts auf dieser Welt. Der Mann fegte wie besessen und schien es tatsächlich zu schaffen, das Feuer an vereinzelten Stellen unter Kontrolle zu kriegen.

Nur einmal hielt der Mann inne, und zwar in dem Augenblick, als die Schebecke der Seewölfe durch die Bresche drang. Da bewegte er sich auf eine Kanone zu und feuerte sie in aller Seelenruhe ab.

Garcia starrte wie hypnotisiert zu dem Mann, den es auch nicht kümmerte, daß sein Besen plötzlich in Flammen stand. Er ging einfach nach unten und holte sich einen neuen. Unverdrossen fegte er danach weiter.

Jetzt wurde Sand in Lederpützen nach oben geschleppt. Das Feuer fraß sich indessen unaufhaltsam weiter, umloderte die Masten und verschlang gierig ein Segel nach dem anderen, obwohl pausenlos der Regen fiel und alles mit Wasser tränkte.

Sand schien noch das einzige Mittel zu sein, das gegen das Wüten des Feuers half. Nasser Sand half die Glut zu löschen. Das galt aber nur für die Planken der einzelnen Decks. Die Masten einschließlich der gesamten Takelage waren nicht mehr zu retten.

Es war ein tödlicher Kreislauf. Wurde das Feuer an Deck mühevoll gelöscht, so fiel von oben wieder brennendes Tauwerk hinunter, oder glutende Spieren krachten an Deck. Damit schloß sich der Kreis, und alles begann wieder von vorn.

Das Feuer war auch schon in die unteren Decks vorgedrungen, wo noch Pulverfässer standen und Kartuschen lagen.

Garcia spürte bereits, wie ihm die Hitze der Planken die Stiefelsohlen versengte. Übergangslos wurde er bleich.

„Das Pulver im Batteriedeck“, sagte er tonlos zum Ersten. „Es muß sofort über Bord. Es kann jeden Augenblick in die Luft fliegen.“

„Wenn wir es über Bord kippen, kann es auf der Stelle Feuer fangen“, wandte Molina ein. „Auf dem Wasser nahe beim Rumpf brennt alles. Es ist zu gefährlich.“

„Dann sollen die Pulveraffen Sand und Wasser in die Fässer kippen!“ schrie Garcia. „Aber möglichst noch heute, wenn ich bitten darf!“

Der Erste hatte alle Mühe, den Befehl in die Tat umzusetzen. Die sogenannten Pulveraffen – zwölfjährige verstörte und verängstigte Jungen – trauten sich nicht mehr in das brennende Batteriedeck. Sie zitterten am ganzen Leib vor Angst.

Molina brüllte andere Männer an. Zu seinem Entsetzen mußte er feststellen, daß etliche Kerle schlicht den Befehl verweigerten. Statt nach unten zu stürmen, sprangen sie einfach über Bord, um der brennenden Hölle zu entrinnen.

Kampfgeist und Moral waren dahin. Die meisten sahen wohl auch ein, daß es keine Rettung mehr gab, als aus dem Batteriedeck lange Flammen züngelten.

Auf dem Achterdeck tobte der Capitán herum. Wut und Verzweiflung zeichneten sich in seinem Gesicht ab. Er scheuchte den Zweiten Offizier vom Kolderstock fort. Es war ohnehin nutzlos, daß noch jemand am Ruder stand. Die „Aguila“ lief keine Fahrt mehr. Ihre Segel waren nur noch brennende oder glimmende Lappen, die sich nach und nach auflösten und an Deck oder ins Wasser flatterten.

Die Galeone ließ sich nicht mehr manövrieren. Als brennender Torso drehte sie sich langsam um die eigene Achse und gierte langsam auf die Einfahrt der Bucht zu, als wollte sie den Tapti erreichen.

Aber sie konnte die Durchfahrt nicht mehr passieren. Irgendwo davor würde sie als brennendes Wrack versinken. Garcia wußte das mit absoluter Sicherheit.

Er schickte dem Seewolf eine Verwünschung hinterher. Das Blatt hatte sich gewendet, und er, der Jäger, lag jetzt hilflos am Boden, während das Wild in aller Ruhe davonschlich. Dieser Engländer schien wahrhaftig einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Es gab für Garcia keine andere Erklärung.

Noch einmal winkte er Ruthland zu, doch der Kerl drehte sich um und tat so, als sei er nicht gemeint. Er mied die Nähe des brennenden Schiffes wie die Pest.

Garcia stöhnte in bitterer Verzweiflung auf. Er mußte Ruthland noch dankbar sein, wenn der ihn überhaupt an Bord seines Schiffes nahm. Wenn der Engländer jetzt einfach verschwand, saß er, Garcia, mit dem Rest seiner Mannschaft in Indien fest und wußte nicht mehr weiter.

„Diablo!“ brüllte er laut gegen das Prasseln und Knacken an, das aus allen Räumen und Decks des Schiffes drang. Er hatte auf dem Achterdeck nichts mehr verloren. Wie ein Idiot stand er da nur herum, der sich die Kehle heiser schrie.

Er rannte wie ein Wilder in das Inferno und brüllte Kommandos.

Heiße Glut schoß ihm entgegen. Ein paar Männer waren im Batteriedeck verschwunden. Er folgte ihnen durch einen Vorhang aus Rauch und Feuer, der ihn jeden Augenblick zu ersticken drohte. Die Hitze wurde immer mörderischer. Selbst der fast lautlose Regen schien aus flüssigem Feuer zu bestehen.

Im Batteriedeck schütteten sie überall Wasser hin – schwitzende, fluchende Männer, denen nackte Angst im Gesicht stand.

Pützen mit Sand wurden wahllos ausgestreut und Wasser darüber gegossen. Es zischte und dampfte. Verpuffungen entstanden, vor denen die Männer entsetzt zurückzuckten.

Molina war rußgeschwärzt und hustete. Zusammen mit zwei anderen Männern umklammerte er ein Faß Schießpulver, dessen Inhalt aus matschiger Brühe bestand. Sie zerrten es an die Stückpforte und kippten es außenbords, wo es im Wasser versank.

„Es hat keinen Zweck mehr, Capitán!“ schrie der Erste. „Das Feuer ist nicht mehr zu kontrollieren. Wir müssen das Schiff aufgeben. Die Pulverkammer wird früher oder später in die Luft fliegen. Wir können nicht mehr an sie heran.“

Die Pulverkammer!

Garcias Hals war wie ausgedörrt. In der Pulverkammer und dem Magazin lagerte fast der gesamte Bestand an Schießpulver und Kartuschen.

Er bahnte sich hustend einen Weg durch das von Halbdämmer erfüllte Batteriedeck und enterte einen Niedergang auf. Von dort aus ging es über einen kurzen Gang zu den Magazinen.

Dort brannten die Planken, und dichter Qualm versperrte ihm den weiteren Weg. Hilflos blieb er vor dem Gang stehen. Molina war ihm gefolgt und stierte in den Rauch. Winzige Rußpartikel drangen ihnen in die Atemwege.

Vier oder fünf geschwärzte Gestalten waren damit beschäftigt, unaufhörlich Wasser auf die Planken zu gießen. Bei jeder Pütz zischte es, und der Qualm wurde noch dichter. In dem Rauch züngelten immer wieder neue Flammen hoch, die nach den Balken leckten. In den Fugen war helle Glut zu sehen.

Das Feuer fraß sich unaufhaltsam durch das Holz und würde nach einer Weile das Innere der Magazine erreichen. War das geschehen, würde die „Aguila“ in einer gewaltigen Explosion bersten. Dann blieb keine Planke mehr auf der anderen.

Eine der rußgeschwärzten Gestalten brach stöhnend zusammen. Ein zweiter Mann schleppte sich würgend und keuchend zurück. Er fiel auf die Knie und erbrach sich.

Garcia stand da und stierte in Qualm und Flammen.

„Das Schott einschlagen“, sagte er mühsam und mit tränenden Augen. „Gießt Wasser in die Räume.“

„Wir schaffen das nicht mehr“, erwiderte der Erste mit heiserer Stimme. „In dem Rauch hält es niemand aus, ohne zu ersticken. Wir sollten das Schiff so schnell wie möglich verlassen.“

„Wann wir das Schiff aufgeben, bestimme ich!“ kreischte Garcia. „Wir müssen den Versuch wagen. Lassen Sie Äxte holen!“

Äxte und Beile wurden gebracht. Die Männer banden sich nasse Tücher vor die Gesichter und hieben verzweifelt auf das Schott ein.

Holz splitterte und barst. Andere gossen mit wildem Schwung Wasser ziellos über Männer und Holzbalken.

„Raus mit dem Zeug, über Bord damit!“ schrie Garcia. Er packte selbst mit an, mußte aber schon nach kurzer Zeit aufgeben, weil er keine Luft mehr kriegte.

Zwei anderen gelang es, in die Pulverkammer vorzudringen. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzten sie hinein.

Garcia stand in ein paar Schritten Abstand keuchend daneben und versuchte in der Finsternis etwas zu erkennen. Er sah nichts, nicht mal die Umrisse der Männer.

Er wartete und wartete. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, aber die Männer kehrten nicht zurück.

Er riß einem Kerl in seiner Nähe den nassen Lappen vom Gesicht und tastete sich in den Raum. Der Qualm war so dicht, daß er nicht die Hand vor den Augen sah.

Er stolperte über eine stumme Gestalt am Boden und mußte sich zurückziehen. Der beizende Rauch war unerträglich, und er spürte, wie ihm alles vor den Augen verschwamm. Taumelnd verließ er den Raum. Ein Schwall Wasser traf ihn so hart, daß er fast den Halt verlor.

„Das ist das Ende“, sagte er mit erstickter Stimme. „Das ist das Ende. Wir schaffen es nicht mehr. Dieser Bastard von einem Höllenhund hat mich, César Garcia, geschlagen. Und trotzdem kriege ich ihn, das schwöre ich!“

Molina entgegnete nichts. Sie hatten jetzt wahrhaftig anderes zu tun, als an Rache zu denken. El Lobo del Mar war für sie im Augenblick so weit entfernt wie der Mond. Er war unerreichbar geworden. Aber der Capitán dachte auch jetzt noch an seine Rache.

Er lachte stoßartig und verächtlich auf. Dann wandte er sich abrupt um und ließ Molina stehen.

Es gab nichts mehr zu tun. Was sie taten, war nichts weiter als eine Sisyphusarbeit, eine völlig nutzlose Sache. So wie sie hatte es auch der griechische Sagenheld, der König von Korinth, getan. Durch Schlauheit und List hatte er immer wieder sittlich und moralisch fragwürdige Erfolge errungen, für die ihn die Götter nach seinem Tode bestraften.

Er wurde dazu verurteilt, in der Unterwelt einen riesigen Felsbrocken einen steilen Berghang hinaufzuwälzen. Jedesmal, wenn er fast den Gipfel erreicht hatte, rollte dieser Felsbrocken wieder zurück, und die nutzlose Arbeit begann von neuem – bis in alle Ewigkeit.

So war es auch hier, nur mit dem Unterschied, daß es sich um ein Feuer handelte, das nicht zu löschen war. War es ihnen gelungen, einen Brand zu ersticken, so flackerte an einer anderen Stelle sofort ein neues Feuer auf, und alles begann von vorn.

Molina hastete nach oben und blieb am Niedergang zur Kuhl stehen.

Der Fockmast stand in hellen Flammen, die gierig nach oben züngelten. Am Großmast glimmten Rahen und Spieren. An der Steuerbordseite hatte sich das Feuer durch den Rumpf gefressen. Einer der Siebenpfünder neigte sich langsam über die von Glut zerfressenen Decksplanken.

Die Decks waren pechschwarz und stanken entsetzlich nach qualmender Farbe und brennendem Teer. Kleine Feuerteufel tanzten Irrlichtern gleich über die Planken und fraßen rötliche Löcher hinein.

Durch den Rumpf des großen Schiffes lief ein Knacken und Ächzen, als würden die Planken bersten.

Ein donnernder Knall ließ Molina herumfahren. Er sah gerade noch, wie sich die Siebzehnpfünder-Kanone zur Seite neigte, das Deck durchbrach und dabei einen Höllenlärm veranstaltete. Die Brooktaue barsten mit einem lauten Geräusch. Die schwere Kanone versank im Rumpf, schlug im unteren Deck alles kurz und klein und rumpelte dann unter Getöse in die Bilge.

Wasserdampf stieg durch das riesige Loch im Deck auf.

Der Erste Offizier verbarg sein Gesicht in den Händen. Als er kurz aufblickte, sah er den Capitán herantaumeln. Seine Uniform war von Ruß und Dreck geschwärzt. Das Weiße in seinen Augen stach aus dem Gesicht heraus und ließ ihn wie einen Wahnsinnigen erscheinen.

Schweratmend blieb er stehen und sah mit feuchten Augen in das Inferno. Sein Blick fiel wieder auf den seltsamen Mann, der noch immer mit dem Besen die Planken der Kuhl fegte.

Der Kerl hielt in seiner Arbeit nicht inne. Er mußte verrückt sein, anders konnte sich Garcia sein Verhalten nicht erklären. Ein Besen nach dem anderen verbrannte ihm unter den Händen, und immer wieder rannte der Kerl nach unten, um einen neuen zu holen, mit dem er die sinnlose Arbeit in aller Ruhe fortsetzte.

„Hör auf damit, du Trottel!“ schrie Garcia. „Hör sofort mit diesem idiotischen Gefege auf!“

Der Mann ließ den Besen fallen und salutierte. Steif wie eine Götzenfigur blieb er stehen und rührte sich nicht.

„Befehlen Sie die Leute von Bord“, sagte der Erste mit eindringlicher Stimme. „Jeden Augenblick kann das Pulver hochgehen und uns alle zerreißen.“

Seine Worte wurden von einem fürchterlichen Rumoren überlagert. Eine Rah löste sich wie eine brennende Riesenfackel. Sie schlug zwischen Kuhl und Vorschiff ein, zertrümmerte eine Nagelbank und bohrte sich in die Planken. Feuer spritzte nach allen Seiten, glühende Holzsplitter flogen ihnen um die Ohren.

Garcia gab keine Antwort. Er schien die Worte des Ersten nicht gehört zu haben. In ihm war alles tot, ausgebrannt. So ausgebrannt wie sein stolzes Schiff, das jetzt nur noch ein nutzloses Wrack war.

Der Kerl, der so emsig das Deck gefegt hatte, stand einsam und verlassen da und wartete auf weitere Befehle, die nicht erfolgten. Er blieb weiterhin auf seinem Posten und starrte vor sich hin.

Zwei weitere Männer setzten sich ab, indem sie über Bord sprangen.

3.

Der Nebel hatte sich aufgelöst und hing jetzt nur noch als dunstige Schicht weit hinten über dem Dschungel.

Sie hatten es geschafft und waren durch die Bresche gelangt, wo sie jetzt in ruhigem Wasser lagen.

Durch den Mangrovendschungel sahen sie das Feuer in der anderen Bucht. Es loderte immer wieder grell auf und war, wie sie aus Erfahrung wußten, so gut wie nicht zu löschen. Damit war Garcias Kriegsgaleone verloren. Sie hatten auch das Schießen eingestellt.

Ferris Tucker, der zusammen mit Al Conroy den Brandsatz abgefeuert hatte, blickte durch den teilweise gelichteten Dschungel, der die beiden Buchten wie eine Landzunge voneinander trennte.

Der Schiffszimmermann schluckte bedächtig.

„Aus und vorbei“, murmelte er. „Sie werden die Galeone wohl bald aufgeben müssen. Aber dann liegt sie als Wrack vor der Bucht und versperrt uns die Ausfahrt. Ich nehme an, daß Ruthland die Spanier an Bord nimmt und verschwindet. Er dürfte jegliches Interesse an einer Fortsetzung des Kampfes verloren haben.“

Bei seinen Worten schoß auf der „Aguila“ eine Stichflamme hoch. Der Rauchpilz, der über der Bucht hing, vergrößerte sich und wurde gleichzeitig noch dunkler. Ein dumpfes Krachen ertönte.

Al Conroy rieb sich mit der Hand über das Kinn. Ein heller Strahl der Morgensonne traf sein Gesicht wie ein Geisterfinger und ließ seine Augen aufleuchten.

„Die Wirkung war ungeheuerlich und die Überraschung so groß, daß sie dort drüben die Nerven verloren haben. Aber das Wrack wird uns später wirklich noch ein Problem aufgeben. Es treibt unmerklich auf die Einfahrt zu und wird dort sinken. Wie tief ist die Bucht an der Stelle eigentlich?“

„Ziemlich flach“, sagte Ferris. „So flach jedenfalls, daß die Galeone nicht ganz untergehen wird.“

Hinter ihnen war Gebrüll zu hören. Ruthland krebste mit seiner Karavelle in der Bucht herum und hütete sich, in die Nähe der brennenden Galeone zu kommen.

Auf der Schebecke wurden die Jollen längsseits geholt, die als Vorspann gedient hatten. Der Rest der Strecke wurde mit den Langriemen bewältigt.

Hasard zeigte nach Steuerbord, wo sich das flach abfallende Ufer befand. In der Nähe einer Landzunge gab es eine sandige Stelle, die unmerklich in den Dschungel überging.

„Dort pullen wir hin“, sagte er. „Der Platz scheint günstig zu sein, um das Ruder zu reparieren.“

„Wir haben nicht nur das Ruder zu reparieren, Sir“, wandte Ferris ein. „Das Schanzkleid hat auf dieser Seite auch noch einen Treffer erhalten, und dann ist da noch der Fockmast. Der erinnert mich an einen losen Zahn, der wackelt.“

„Das Ruder ist vorrangig, Ferris. Wenn wir das repariert haben, sind wir wieder voll manövrierfähig und können uns zur Wehr setzen. Um alles andere kümmern wir uns anschließend.“

„Aye, aye, Sir. Ich halte es aber für besser, hinter der kleinen Landzunge aufzuslippen. Dort ist auch noch sandiges Ufer. Ich habe zwar eben zu Al gesagt, daß Ruthland jetzt wohl die Nase voll haben wird und an weiteren Kämpfen nicht mehr interessiert sein dürfte, aber es kann doch sein, daß er sich vor die Bresche legt und von dort auf uns feuert. Ist nur so eine Eingebung, Sir, die ja nicht stimmen muß. Liegen wir jedoch hinter der Landzunge, dann muß er schon fast um die Ecke schießen können, um uns zu treffen.“

Hasard sah Ferris nachdenklich an. Schließlich nickte er.

„Kann sein, Ferris, vielleicht hast du recht. Ruthland ist ein unberechenbarer Querkopf, dem alles zuzutrauen ist. Wir werden hinter die Landzunge verholen, obwohl ich annehme, daß der Kerl jetzt endgültig bedient ist und seine Karavelle nicht auch noch aufs Spiel setzt.“

„Möglicherweise hetzt Garcia ihn auf“, sagte Don Juan, der dem Gespräch gefolgt war. „Sein Haß dürfte alle Grenzen sprengen, wenn er erst einmal sein Schiff verloren hat. Und das dürfte jetzt wirklich bald der Fall sein.“

„Kann sein. Er ist der gefährlichere Gegner. Dann verholen wir also hinter der Landzunge.“

Mit den Langriemen wurde die Schebecke langsam weitergepullt, bis sie die Landzunge erreichten.

Nach ein paar Schlägen im ruhigen Wasser lag die Schebecke still.

Während achteraus das Inferno tobte und die Galeone des Spaniers langsam abbrannte, konnten die Arwenacks in aller Ruhe einen Blick in die neue Bucht werfen.

Es war wirklich ein hervorragender Liegeplatz und gleichzeitig ein vorzügliches Versteck, das vom Fluß her nicht eingesehen werden konnte.

Die Bucht war auch viel größer, als es am Anfang den Anschein gehabt hatte. Hasard sah das jetzt überdeutlich, seit der Nebel verschwunden war. Nur der Monsunregen trübte noch ein wenig die Sicht.

Die linke Seite war mit Mangroven zugewuchert. Dazwischen befand sich morastiger Untergrund, den man zu Fuß nicht durchqueren konnte. Von dieser Seite her war kein Angriff zu befürchten. Niemand vermochte da durchzuwaten, ohne bis zum Hals in den Schlamm einzusinken.

Das Ende der Bucht bestand ebenfalls aus undurchdringlich scheinendem Dschungel, hinter dem sanft die Berge anstiegen, die ebenfalls dicht bewachsen waren. In der Ferne glitzerte das Wasser in bunten Farben. Ganz zart kräuselten sich noch ein paar Nebelschwaden darüber, die wie weißer Dampf aussahen.

„Dort hinten ist ebenfalls alles dicht“, sagte Hasard. „Wir liegen hier wirklich wie in Abrahams Schoß.“

Dan O’Flynn zog ein Spektiv auseinander und setzte es ans Auge. Er warf einen langen Blick hindurch und reichte es schließlich Hasard.

„Es geht anscheinend noch weiter“, sagte er. „Auf der rechten Seite sieht es nach einem sanft ansteigenden Küstenstrich aus.“

„Wir sind bekanntlich etliche Meilen vom Meer entfernt“, erwiderte der Seewolf. „Demnach kann es hier keine Küste geben.“

„Sieht aber trotzdem danach aus“, beharrte Dan. „Hinter den Mangroven steigt das Land mit küstenähnlichem Charakter an. Vielleicht befindet sich dort noch ein See. Die Bucht ist jedenfalls nicht zu Ende, das sehe ich genau.“

Hasard nahm das Spektiv. Als er es wieder absetzte, sah er Dan verwundert an.

„Es stimmt. Dort geht es weiter, aber der Verlauf der Bucht wird immer enger. Ich bin wirklich gespannt, wo die Bucht endet oder hinführt.“

„Das sollten wir möglichst bald erkunden“, meldete sich Hasard junior, der mit seinem Zwillingsbruder Phil bereits die Ohren spitzte. Für Erkundungen waren die Söhne des Seewolfs immer zu haben, genau wie Old O’Flynn, der ebenfalls hellhörig wurde und sofort zur Stelle war.

„Und zwar so schnell wie möglich“, meinte der „Admiral“. „So haben wir einen genauen Überblick und außerdem einen Vorteil.“

Hasard kannte solche Entdeckertouren bereits zur Genüge und lächelte unmerklich. Recht hatten die drei ja, wenn sie das Territorium erkundeten. Man war dann besser gegen Überraschungen gewappnet oder konnte sich darauf einstellen.

„Gut“, sagte er. „Aber die Exkursion verschieben wir noch um ein paar Stunden, bis wir Gewißheit haben, wie es in der anderen Bucht weitergeht. Solange bleiben alle an Bord.“

„Dann könnte ich den Jollenführer spielen“, schlug Carberry voller Eifer vor. „Drei Mann sind zuwenig und können, leicht in Gefahr geraten.“

Der Profos erklärte gestenreich und übereifrig, warum er unbedingt mit dabei sein müsse. Er sei schließlich das Salz dieser Erde, meinte er bescheiden, und ohne Salz ginge gar nichts. Da würde nicht mal die Suppe schmecken.

Hasard ließ sich schließlich überzeugen. Vier Männer konnte er zur Erkundung abstellen, ohne daß sie deshalb mit den Arbeiten in Verzug gerieten.

„In Ordnung, aber erst später. Im Augenblick droht uns vom jenseitigen Ende der Bucht ganz sicher keine Gefahr.“

Der Profos wollte das erst bezweifeln, doch Hasards kühler Blick ließ ihn nur diskret hüsteln. Carberry wäre am liebsten gleich mit der Jolle losgepullt. Zum Glück wußte der Profos noch nicht, welche Überraschung ihn auf der anderen Buchtseite erwartete, sonst hätte sein Eifer einen schnellen Dämpfer erhalten.

Ein infernalischer Krach ließ die Arwenacks herumfahren. Alle starrten in die Bucht, wo die „Aguila“ in Agonie lag und ihren letzten, einsamen Todeskampf ausfocht.

Vermutlich war ein Faß Schießpulver in die Luft geflogen.

Ein grellweißer Blitz zuckte aus dem Mittelschiff hoch und raste funkenstiebend in den Himmel. Der Explosionsdruck fegte etliche Spanier über das teilweise zerfetzte Schanzkleid außenbords.

Unter dem Blitz quoll eine ballähnliche Wolke hoch, die gleich darauf die typische Pilzform annahm und sich wulstartig nach allen Seiten aufblähte. Schwarz, grau und braun war dieser Pilz, der sich schlagartig über die Decks legte.

Die riesige Flamme verpuffte unter fauchender Geräuschentwicklung. Der Druck fetzte ein Stück brennender Leinwand weg. Wie ein feuriger Drache torkelte die qualmende und funkenspeiende Leinwand quer durch die Bucht.

Irgendwo im Wasser schrie gellend ein Mann um Hilfe. Aber keiner schenkte ihm Beachtung. Die Dons waren wie von Sinnen und hatten die Kontrolle über ihr Schiff und sich selbst verloren.

Die Galeone trieb auf den Ausgang der Bucht zu, und diesmal streifte ihr Heck den Mangrovenwald. Der federnde Anprall verlieh ihr einen kleinen Schub, bis sie quer vor der Einfahrt lag. Sie erweckte den Anschein, als wollte sie mit allerletzter Kraft den Tapti erreichen.

Mittlerweile lag sie tiefer im Wasser. Durch ein paar zerfetzte Planken drang Wasser in ihren Rumpf. Sie hatte auch leichte Schlagseite, wie Hasard deutlich erkannte.

„Die säuft genau da ab, wo sie es besser nicht tun sollte“, sagte Batuti.

Sie sahen, wie Garcia ein paar eingeschüchterte Leute zusammentrommelte. Er schlug mit den Fäusten voller Wut auf sie ein, als sie deutlich ihre Angst zeigten. Etliche Dons waren so schwarz wie Schlotfeger und sahen fürchterlich aus.

„Was hat der Kerl vor?“ fragte Jeff Bowie heiser, als ein paar Männer lange Bootshaken an Deck brachten. „Die werden doch nicht versuchen, zum Fluß zu gelangen? Damit erreichen sie absolut nichts.“

Hasard beobachtete mit zusammengepreßten Lippen das Manöver.

Garcia hatte längst erkannt, daß sein Schiff verloren war. Aber er wollte ihnen noch eins auswischen, indem er die Galeone als unüberwindbares Hindernis vor die Einfahrt legte. Daß sie an dieser Stelle untergehen würde, stand außer Frage. Ihr Bug mußte jeden Augenblick Grundberührung haben.

„Sein letzter Streich“, sagte Hasard. „Damit schiebt er uns eine Nuß zwischen die Zähne, an der wir lange zu knacken haben.“

Dumpfe Schläge klangen aus dem Innern des Schiffes. Ein paar Dons wüteten mit Beilen und Äxten an den Planken herum. Sie wollten das verlorene Schiff schneller auf Grund bringen.

Deutlich erkennbar sackte das Vorschiff noch weiter ab.

Die „Ghost“ lag jetzt in einem Winkel vor der Galeone, der es ihr ermöglichte, die Bucht noch zu verlassen. Ruthland hatte jeden Fetzen Tuch weggenommen. Etliche seiner Leute waren damit beschäftigt, pausenlos Wasser an Deck zu pützen, um dem Funkenflug vorzubeugen und nicht selbst Feuer zu fangen.

Etliche Dons, die in heller Panik die Galeone verlassen hatten, schwammen auf die Karavelle zu und versuchten, aufzuentern.

Ruthland war jedoch nicht gewillt, alle an Bord zu nehmen, und so scheuchte er einige mit groben Worten fort. Andere Schiffbrüchige versuchten es erst gar nicht. Sie schwammen an Land, krochen zwischen den Mangroven herum oder flüchteten in den Dschungel. Die Angst vor dem Feuer saß ihnen im Nacken.

„Mit, den Dons hat Ruthland ein Problem am Hals“, sagte Ben Brighton. „Wenn die alle an Bord wollen, ist seine Karavelle hoffnungslos übervölkert. Deshalb jagt er die meisten auch zum Teufel, dieser Halunke. Es scheint ihn auch nicht zu interessieren, was aus den Männern wird. Eine feine Freundschaft ist das.“

„Da hast du recht“, erwiderte Hasard. „Eiserner Zusammenhalt und eiserne Disziplin. Das sind wahre Männer.“

In diesem Augenblick gab es auf der Galeone einen harten Ruck. Ganz plötzlich saß sie vor der Einfahrt fest.

Ein entsetzlich lautes Knirschen war zu hören. Dann folgte ein Krach, als würden Bäume geschlagen.

Es war der Großmast der Galeone, der dem Anprall nicht standhielt. Die Flammen hatten an ihm gezehrt, und auch jetzt noch loderte er.

Er neigte sich nach vorn, wackelte einen Augenblick bedrohlich hin und her und stürzte dann um.

Er traf beim Fallen die Rahen des Fockmastes und hieb sie mit einem gewaltigen Schlag an Deck. Der Fockmast selbst zersplitterte zu einem Stumpf. Der obere Teil ging über Bord, wobei er das Schanzkleid auf der Steuerbordseite kurz und klein schlug.

Reste des Großmastes durchschlugen mit Wucht das Deck. Neue Feuer loderten aus dem Innern auf, und es gab eine gedämpfte Explosion. Im Rumpf der Kriegsgaleone entstanden gezackte Löcher. Sie sackte achtern noch tiefer ab und legte sich leicht auf die Seite.

Damit war das Schicksal des Schiffes endgültig besiegelt.

Weitere Männer verließen das Schiff, indem sie über Bord sprangen und angstvoll dem Dschungel zustrebten.

Der Mann, den Carberry als „sturen Büffel“ bezeichnet hatte, hielt immer noch die Stellung in unerschütterlichem Gleichmut. Er hatte keinen Besen mehr in der Hand, aber er stand inmitten von Rauch und Feuer an der Nagelbank des Großmastes, der nur noch aus einem zersplitterten Stumpf bestand.

Dort blieb er endlos lange stehen und sah auf das qualmende Wrack. Erst nach längerer Zeit begann er damit, glutende Holzteile mit den Füßen durch die Speigatten zu schleudern. Was er tat, war absolut sinn- und nutzlos, aber er war offenbar einer von der Sorte, die immer etwas tun mußten, auch wenn es noch so unsinnig erschien.

Garcia und Molina irrten durch das aufgelaufene Wrack zwischen Feuer und Rauch. Der Capitán glaubte, von einem quälenden Alptraum befallen zu sein, als er die Trümmer sah.

Auf dem Achterdeck konnten sie sich nicht mehr aufhalten, da qualmte und brannte es, und eine mörderische Hitze lag über den aufgerissenen Planken.

Zwei Offiziere waren spurlos verschwunden. Vielleicht waren sie auch über Bord gesprungen.

Garcia blickte an sich hinunter und lachte stoßartig auf. Seine Uniform war pechschwarz von den Rußflocken. Der Monsunregen hatte daraus eine schmierige Pampe werden lassen. Molina sah genauso schrecklich aus wie er selbst.

Auf dem teilweise zerstörten Achterdeck ging eine Kanone los, wohl infolge der sich immer stärker ausbreitenden Hitze. Sie spie einen Feuerstrahl aus und zuckte zurück. Die Brooktaue, die sie sonst bremsten, waren durchgesengt, und als sie zurückrollte, drehte sie sich um ihre eigene Achse, durchbrach das Schanzkleid und polterte ins Wasser.

Der Siebzehnpfünder, den sie ausgespien hatte, ließ eine gischtende Fontäne in der Bucht entstehen.

„Wir sollten von Bord gehen“, sagte Molina heiser und keuchend. Alle Augenblicke blieb er hustend stehen und wedelte den Rauch vor seinem Gesicht fort. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die restlichen Pulverfässer explodieren, Capitán. Wir schwimmen zur ‚Ghost‘ hinüber und gehen an Bord.“

Garcia schien ihn nicht zu hören. Sie standen jetzt vor den aufgebogenen Planken der Kuhl. Die Nähte zwischen den Planken hatten sich hochgewölbt, und eine zähe Masse aus Pech, Teer und Werg breitete sich aus. Der Gestank war entsetzlich und kaum auszuhalten.

Garcia schien erst wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden, als eine zweite Kanone feuerte. Der Krach ließ ihn herumfahren.

Diesmal schlug die Kugel in der Nähe der „Ghost“ ein. Vor ihrem Bug stieg eine Wassersäule auf. Sie hörten Ruthland laut und ordinär fluchen. Offenbar kapierte er nicht, was hier vorging.

„Stellt das Feuer ein, ihr Idioten!“ schrie er. „Ihr schießt mir ja mein Schiff zusammen!“

„Bastard“, knurrte Garcia. „Der Kerl ist die Dummheit in Person. Der begreift überhaupt nichts.“

Die Kanone blieb mit rauchender Mündung an Deck stehen. Eins der Brooktaue war gebrochen.

Hinter ihnen begann es irgendwo unter Deck laut zu zischen.

„Das Schießpulver“, sagte Molina mit zuckenden Lippen.

Garcia schüttelte lauschend den Kopf. „Wassereinbruch. Es wird immer mehr.“

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