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Wie man Riesen bekämpft – und auch besiegt!
David Kadel, Initiator des Mutmach-Buchs

Illustration: Friederike Lohrer
Ihr lieben Leserinnen und Leser,
dieses Buch ist eine Geschichten-Sammlung für Menschen jeglichen Alters. Es sind wahre Erlebnisse von inspirierenden Persönlichkeiten, die ich gesammelt habe, um junge Menschen, die noch wenig Halt im Leben gefunden haben, zu stärken. Um mittelalten Menschen (über diese Bezeichnung muss ich gerade lachen, weil sie nach Mittelalter klingt!), die irgendwie feststecken in ihrer Entwicklung, wieder „Leben einzuhauchen“. Und um alten Menschen, die vielleicht einsam sind, neue Freude und Inspiration in ihren oft grauen Alltag zu bringen.
Zusammen mit einigen guten Freunden habe ich mir überlegt, wie wir Dich mit diesem „Mutmach-Buch“ in einer ziemlich verrückten Zeit, die von Pandemie und Orientierungslosigkeit geprägt ist, stärken und inspirieren können. Denn „stark zu sein“ ist etwas, was wir heutzutage alle brauchen – ob groß oder klein, ob alt oder jung; wir alle haben immer wieder Situationen im Leben, die nicht einfach sind und in denen wir Kraft brauchen, um sie zu meistern.
In Deutschland, dem Prototyp der Leistungsgesellschaft, haben wir das Problem, dass wir schon sehr früh in der Kindheit „funktionieren“ sollen. Dieser Druck begleitet uns von klein auf – solange, bis uns jemand den Leistungsdruck nimmt, indem er uns erkennen lässt, dass wir „in Ordnung sind“, so wie wir sind!
Ich selbst bin ohne Vater aufgewachsen, als kleiner persischer Junge, dessen Eltern Mitte der 60er Jahre aus dem Iran nach Deutschland gekommen waren. In dem kleinen schwäbischen Örtchen Gaildorf (das heißt wirklich so!) waren wir wirklich „Exoten“, also eine Familie, die man sich genauer anschaut – schon allein wegen der seltenen glänzenden schwarzen Haarfarbe unter all den blonden Schwaben. Ich muss gerade selber lachen, denn im Herzen war ich sicher auch so ein kleiner „blonder Schwabe“ und konnte besser schwäbeln, als mancher „Bua“ von der Spätzles-Alb. Aber trotzdem hatte ich oft keine einfache Zeit in der Schule, denn wenn deine Mutter auch noch Lehrerin ist, dann erwarten alle den perfekten Jungen, von dem ich leider so weit entfernt war, wie die Erde vom Mars. Also ich war ein echter Rabauke und habe es immer als erster gerochen, wenn sich eine Chance ergab, irgendeinen Sch... anzustellen. Dass ich dann sogar in der 11. Klasse für eine Woche von der Schule flog, hat mich leider auch nicht daran gehindert, mir mit meinen Jungs immer wieder neue Streiche auszudenken.
Mir fehlte damals mein Vater sehr, der unsere Familie für immer verließ, als ich drei Jahre alt war. Und dadurch fehlte mir auch die Aufmerksamkeit und die Liebe, die ein kleiner Junge so dringend braucht von seinem Papa, um sich gut und sicher zu fühlen.
Diese Liebe eines fürsorglichen Vaters ist unersetzlich. Und seit ich denken kann, war es in meinem Leben so gewesen, als ob mir dadurch etwas Lebenswichtiges fehlen würde, als ob ich nicht „normal“ wäre. Vor allem, wenn ich andere Kinder aus meiner Klasse sah, die am Wochenende an der Hand von Mama und Papa fröhlich durch die Stadt liefen, dann hatte ich immer dieses Gefühl in mir, dass ich nicht in Ordnung bin, weil das Wichtigste fehlt. Zum Tippkick-Spielen war ich oft bei meinem Schulfreund Armin und habe es immer geliebt, wenn seine Mutter den Kopf ins Zimmer streckte: „Jungs, kommt ihr Kuchen essen? Die Oma hat gebacken!!“ Das war ziemlich genial, denn im Haus dieser Familie Frey gab es jeden(!) Tag Kuchen. Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter nie Kuchen gebacken hat. Sie kam aus dem Iran und hatte eine komplett andere Vorstellung von Essen als die Schwaben, mit denen ich aufwuchs. Torte oder Kuchen gab es nur einmal im Jahr an meinem Geburtstag. Da kaufte sie im Aldi einen Tortenboden für 50 Pfennig, legte ein paar Scheiben Ananas oder Pfirsich drauf, bedeckte das Ganze schnell mit Sahne – und fertig!
Wenn meine Mutter, die unser Buch sicher im Himmel liest, es könnte, würde sie jetzt von ihrer Wolke da oben runtersteigen und mir eine (liebevolle) Ohrfeige geben! „Waaaaas? Dir hat meine Torte nicht geschmeckt??“ Dann würde ich ihr antworten: „Doch, doch Mutti! Also die Sahne war immer wirklich lecker!“ Das mit der Sahne konnte sie tatsächlich richtig gut, und ich mag bis heute keine Sahne, wenn sie nicht so richtig süß ist. Ich glaube, meiner Mutter ist immer die ganze Zuckerdose in die Sahneschüssel gefallen, so süß war sie!

Nun, ich wollte Dir ja nicht von der großen Kunst des Backens erzählen, sondern von meinem nicht vorhandenen Vater und dem „Loch“, das er in meinem Herzen hinterlassen hatte, als er urplötzlich für immer verschwand. Je älter ich wurde, desto öfter hatte ich diese innere Stimme, die mir sagte: „David, es fehlt etwas in deinem Leben!“ Es fühlte sich so an, als ob ich unvollkommen wäre, oder wie wenn man innerlich im Herzen krank ist. Das Schlimmste im Leben ist, wenn man über sich denkt: „Ich bin nicht in Ordnung!“ Denn das ist eine Lüge, die sich durch bestimmte Umstände langsam in den Kopf schleicht und sich dort wie ein Gift ausbreitet, bis sie in unser Herz gelangt. Und am Ende glauben wir das wirklich, dass wir „nicht in Ordnung“ sind.
Die Wahrheit ist: Es gibt keine heile Welt da draußen. Wir alle haben mit Herausforderungen zu kämpfen. Der eine mag körperlich gesund sein, hat aber mit den Krankheiten in seinem Kopf zu kämpfen, weil er zu oft schlecht von sich denkt. Die andere mag gesund sein nach außen, doch kaum einer weiß, dass sie ihre Nase und ihre Haare nicht mag und sehr darunter leidet, nicht so hübsch auszusehen, wie die „Schönheit der Klasse“. Ein dritter mag kerngesund sein, aber er leidet heimlich unter Minderwertigkeitskomplexen, weil er zu klein ist. Und sein bester Kumpel leidet unter denselben Komplexen, weil er mit 1,89 m für sein Alter viel zu groß ist und deswegen gehänselt wird.
Auch wenn wir älter werden, hört das nicht auf, dass manche Menschen in einer Art Teufelskreis immer wieder damit anfangen, etwas zu finden, wo sie scheinbar nicht in Ordnung sind. Deswegen sind ja so extrem viele Menschen heiß darauf, möglichst viele „likes“ auf Instagram und Facebook zu bekommen, weil sie sich nach Anerkennung sehnen und sich daraus das Gefühl ziehen, vielleicht doch „in Ordnung“ zu sein.
Nun, wenn man ein Kind ist oder ein Jugendlicher, dann hat man noch nicht dieses Selbstbewusstsein entwickelt, um zu verstehen, dass es wahrscheinlich allen anderen Menschen auch so geht. Ich bin mir sicher: Es gibt kaum einen Menschen auf der Welt, der nicht tagtäglich mit irgendeiner Herausforderung zu kämpfen hat. Und das ist auch wirklich gut so, denn nur wenn wir kämpfen, können wir wachsen und uns zu tollen Persönlichkeiten und Vorbildern entwickeln. Und darum geht es am Ende im Leben. Es geht nicht darum, dass man es immer leicht hat, sondern darum, „das Richtige“ zu tun und damit anderen ein Vorbild zu sein.
Ein Beispiel für Dich, warum „oben sein“ nicht immer das Richtige ist, und warum „unten sein“ oft die Basis bildet für ein erfolgreiches und glückliches Leben:
Wenn man oben auf dem Berg steht, dann sieht zwar alles erst einmal super aus und man hat diese mega Aussicht. Doch die wunderschönen Pflanzen und starken Bäume wachsen nun mal „unten“. Also da, wo man eigentlich nicht sein möchte: im „Tal des Lebens“. Wenn auch wir uns eine Zeit lang „unten“ fühlen, dann ist das manchmal gar nicht schlecht, weil wir in dieser Zeit zu tollen Menschen wachsen dürfen. Wie eine wunderschöne Blume, deren bunte Blüten man plötzlich sieht und sich daran erfreut. Doch es hat Zeit gebraucht, bis sich diese Blume zu einem „Hingucker“ entwickelt hat. Ich liebe schöne Bäume. Manchmal beim Spazierengehen mit meiner Frau bleibe ich stehen und sage zu Helena: „Schau mal, dieser Ahornbaum, wie alt mag der wohl sein? Wahnsinn, wie hoch und wie stark der ist!“ Und genau darum soll es in diesem Mutmach-Buch gehen. Wir möchten Dir beim „Wachsen“ Deiner Persönlichkeit helfen. Egal ob Du jung oder alt bist, Angestellter oder Führungskraft, wir wollen Dein Charakter-Bäumchen gießen mit Inspiration und mit faszinierenden Mutmach-Geschichten, so dass es von Tag zu Tag ein bisschen wächst und sich dann langsam zu einem wunderschönen, starken Baum entwickelt, den man schon von Weitem sehen kann.

Die Themen des Buchs als Lettering-Kunsthandwerk von Vivienne Frey
Mein Freund Jürgen Klopp, der Trainer vom FC Liverpool, ist so eine Art „starker Baum“. Der hat sich in den letzten Jahren so unglaublich toll entwickelt als Persönlichkeit, dass es kein Wunder ist, dass so viele Menschen ihn gerne kennenlernen würden. Auch hier muss ich an einen Baum denken, den man in der Sommerhitze aufsucht, um sich darunter zu setzen, weil er Schatten spendet und weil man sich so toll an ihn anlehnen kann. Wir alle brauchen im Leben immer wieder mal Menschen, an die wir uns anlehnen können. Jürgen Klopp ist bei seinen Spielern, den Meistern vom FC Liverpool, deswegen so beliebt, weil man sich jederzeit an ihn anlehnen kann und weil er einem ständig das Gefühl gibt, dass man in Ordnung ist.

„Kloppo“ hat sogar schon einige Male gesagt: „Ich liebe meine Spieler!“ Und ich glaube, das tut er wirklich! Und weißt Du, woran man das merkt? Er verrät es dadurch, dass er sich so sehr für sie interessiert und alles wissen will über ihre Sorgen, über ihre Stärken und sogar über ihre Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben. Und das gibt seinen Jungs ein überragendes Gefühl, weil sie sich geliebt fühlen, wenn sich ihr „Boss“ tatsächlich für sie als Menschen interessiert – anstatt zu sagen: „Hör auf zu jammern! Du verdienst hier so viel Geld, also halt deinen Mund und bring endlich Leistung!“ Auf diese Art und Weise gehen Chefs oder Lehrer, manchmal leider sogar die eigenen Verwandten mit uns um.
Alle Autoren, die an diesem Buch mitgeschrieben haben, möchten Dir sagen, dass wir uns wirklich für Dich interessieren und deswegen kommen wir Dich mit unseren sehr persönlichen Geschichten zu Hause auf Deinem Lese-Sofa „besuchen“ und wollen Dir dieses wertvolle Buch widmen und schenken, damit Du dadurch zu einem wundervollen Baum wächst, zu dem die Menschen gerne kommen.
Vor einigen Jahren habe ich mit Kloppo ein Buch geschrieben, in dem er ganz offen erzählt, warum er an den lieben Gott glaubt. Eine große Zeitung hat darüber berichtet und ich fand die Überschrift des Artikels ganz treffend: „GOTT FINDET MICH IN ORDNUNG!“ stand da in großen Buchstaben. Und darunter: „Das selbstbewusste Bekenntnis des Meistertrainers!“
Auch wenn Du mit einigen Dingen im Leben zu kämpfen hast – mit Krankheiten, mit Einsamkeit, mit Ängsten – egal, was es ist: mache Dir bitte an jedem Tag Deines Lebens bewusst, dass DU IN ORDNUNG BIST! So wird man auch schnell selbstbewusst, denn Selbstbewusstsein entsteht dann, wenn man sich sagt: „Ich will mir „selbst BEWUSST sein“ darüber, dass ich IN ORDNUNG UND GELIEBT BIN!“ Sich darüber bewusst zu sein, heißt: sich immer wieder daran zu erinnern, dass mir nichts fehlt, sondern dass ich eben Herausforderungen habe (wie jeder andere auch), an denen ich zu einem großen schönen Baum wachsen kann!
Die Menschen, die dieses Selbst-BEWUSST-sein nicht kennen, sind oft traurig, denn sie vergleichen sich mit anderen, weil sie sich nicht in Ordnung fühlen.
Das größte Problem vieler Menschen ist: Sie wollen immer das haben, was andere haben, ansonsten fühlen sie sich unvollkommen. Menschen, die so denken, haben ein echtes Problem, weil sie es dadurch nie schaffen, zufrieden und glücklich zu sein.
Was soll denn dann mein Freund Samuel Koch (seine Geschichte findet ihr auch im Buch) sagen, der weder seine Beine noch seine Hände richtig bewegen kann? Und trotzdem ist er einer der glücklichsten und zufriedensten Typen, die ich je getroffen habe, weil er gelernt hat, dass er „in Ordnung“ ist und deswegen in sich ruht. Auch Samuel hat die Kämpfe und Probleme, die ein Querschnittsgelähmter im Alltag hat, aber er hat auch eine überragende Einstellung und Haltung, wie er mit diesen Problemen umgeht: Er jammert nicht. Nein, er kämpft! Deswegen ist auch Samuel Koch so ein „starker Baum“ geworden, den zigtausende Menschen online und in seinen Büchern „suchen“, um sich an ihm anzulehnen.
Das heißt nicht, dass er nie jammern darf! Quatsch, das gehört zum Leben dazu; man muss auch mal einen Sch.... Tag haben dürfen, wo man kotzt und jammert und schimpft und heult. Aber dann schüttelt man sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, weil man sich sagt: „Nein, ich will nicht im Selbstmitleid ertrinken, sondern ich will wachsen zu einem Baum, den man schon von Weitem sehen kann, und den man für seine gerade und starke Haltung bewundert, die er selbst im stärksten Sturm noch hat.
Samuel Koch & David Kadel: echten Freunden is nix peinlich!
Einige der Geschichten, die meine Freunde in diesem Buch erzählen, handeln genau davon, wie sie sich als junge Menschen zu starken Bäumen entwickelt haben. Deswegen erzählen sie ihre Story sogar in einem Buch, weil man sie dafür bewundert, wie stark sie im Kopf waren, obwohl es tausend Gründe gegeben hätte aufzugeben und sich selbst zu bemitleiden. Ihr Erfolgsgeheimnis war, dass sie es geschafft haben, an einem bestimmten Tag ihre Herausforderungen anzunehmen in dem Wissen: „Ich bin in Ordnung und ich bin geliebt!“ Ab dem Moment, ab dem man das innerlich wirklich weiß und von Herzen glaubt, ab da fängt man an, die Ärmel hochzukrempeln und entwickelt sich zu einem Kämpfer, den die Leute bewundern für seine außergewöhnliche Haltung, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Also schreib Dir das als Erinnerung heute auf eine Serviette, die gerade irgendwo rumliegt, oder tippe es auf deinen Handy-Hintergrund: „Ich bin in Ordnung!“ Ja, Du bist – auch wenn Du manchmal das Gefühl hast, dass Dir etwas fehlt – völlig in Ordnung!
Aus der Sicht Gottes bist Du sogar noch viel mehr als in Ordnung. Ich glaube von ganzem Herzen, dass er die Kleinen und die vermeintlich Schwachen, die man so oft übersieht, ganz besonders lieb hat. Denn ich kann mich bis heute noch an meinen Konfirmationsspruch erinnern, den ich mit 14 Jahren aus dem Hut des Pfarrers gezogen habe: „Ist Gott für Dich, wer kann dann schon gegen dich sein!“ (Römer 8,31) Dieses kleine Kärtchen mit dem Spruch habe ich mir damals als Teenager sofort in den Geldbeutel gesteckt, weil ich diese besondere Zusage immer bei mir haben wollte. Ich war damals ein sehr unsicherer Junge. Ich litt unter Asthma und wurde einige Jahre lang den kompletten Sommer für sechs Wochen in ein Kinderheim für an Asthma erkrankte Kinder geschickt, 700 km weg von zu Hause, wo ich vom ersten Tag an total Heimweh hatte und von den älteren Jungs ständig gehänselt wurde wegen meiner schwarzen Haare.
Damals war niemand da, der mir geholfen hat, wenn es mir schlecht ging und ich sechs lange Wochen meine Familie vermisste. Aber ich sagte mir jeden Tag: Wenn Gott mich gut findet, dann kann jedes noch so große Problem mir nicht wirklich etwas anhaben. Denn der liebe Gott ist auch stärker, als dieser blöde Kerl, der es lustig findet, mir immer seinen Zigarettenrauch ins Gesicht zu pusten, obwohl er weiß, dass ich dadurch einen schlimmen Asthma-Anfall bekomme und dann tagelang dieses ätzende Spray nehmen muss.
„Gott findet mich gut, er mag mich sehr und wird auf mich aufpassen!“ Mit diesem Wissen bin ich dann durchs Leben gegangen und habe mich immer wieder daran erinnert, wenn das Leben schwer wurde. Zum Beispiel als die Freundin plötzlich Schluss machte oder als ich in der Schule durch die Mathe-Prüfung fiel und sitzen blieb.
Jede einzelne Geschichte in diesem Buch soll Dir helfen, „Kopf-Stärken“ zu entwickeln, die Du für Dein Leben brauchst, um stark zu sein wie ein Baum. Jeder Autor, jede Autorin, die hier schreibt, hat etwas ganz persönlich erlebt, das am Anfang richtig schwierig war. Ätzende Dinge sind einigen meiner Schreiber-Freunde passiert, auf die sie gerne verzichtet hätten. Und doch haben sie dadurch eine unglaubliche Stärke entwickelt, weil sie sich ganz bewusst dafür entschieden haben, den Kampf anzunehmen und daran zu wachsen.
Manche sind noch mitten drin in ihrem Kampf und sie sind vielleicht noch nicht dieser starke und große Baum. Aber wenn man ihre Geschichten genau liest, dann entdeckt man hier und da schon einige starke Äste, an denen man sich festhalten kann. Ich hoffe, dass auch Du Dich an diesen „Ästen“ meiner kämpfenden Vorbilder festhalten kannst! Denn wir alle brauchen Halt, und es gibt nichts, das uns mehr stärkt als inspirierende Vorbilder, die uns Orientierung geben durch ihre außergewöhnliche Art, Kämpfe zu gewinnen.
„Inspirierende Vorbilder“ habe ich gerade geschrieben. Ich liebe das Wort „Inspiration“, denn immer wenn Inspiration geschieht, passiert etwas Seltenes: Wir werden begeistert und entwickeln dadurch Kraft. Inspiration kommt aus der lateinischen Sprache und heißt dort <inspirare> und bedeutet <entfachen/anzünden>.
Im Fußball, wo ich seit 20 Jahren als Mental-Trainer arbeite, ist dieses „Anfeuern“ extrem wichtig. Ohne Fans, die ihre Mannschaft anfeuern, wird es für einen Bundesliga-Club fast unmöglich, Spiele zu gewinnen. Scheinbar brauchen wir Menschen oder „Fans“, die uns zurufen: „Du schaaaffst eees!“ Warum das wichtig ist? Weil wir dadurch über unsere Grenzen gehen und es uns gelingt, Außergewöhnliches zu vollbringen!
Wenn jemand an uns glaubt, dann setzt das Kräfte in uns frei, die wir vorher noch gar nicht kannten. Das ist ungefähr so, wie wenn Du frisch verliebt bist in das Mädchen Deiner Träume und sie Dich auch mega findet! Ich habe das einmal erlebt, dass ich frisch verliebt war und meine „Flamme“ schaute beim Fußball zu – ich habe alle drei Tore zu unserem 3:2-Sieg der Schulmannschaft geschossen, nur weil sie auf der Tribüne saß und zusah. Das hat mich innerlich so dermaßen angefeuert und angezündet, dass ich spielte wie ein Mini-Messi. Ich bin tief davon überzeugt, dass Dich unser Mutmach-Buch auch anzünden wird, weil wir Dir in jeder Geschichte sagen wollen: „Hey Du, wir glauben an Dich, wir sind Deine Fans und Du bist niemals alleine!“ Das ist der berühmte Spruch von Jürgen Klopps Verein, dem FC Liverpool: „You´ll never walk alone!“ Das singen die Fans aus voller Kehle vor den Heimspielen des FCL an der Anfield Road. Und wenn man dann sieht, wie Salah, Mané, Firmino, Virgil & Co laufen und kämpfen, als ginge es um ihr Leben – dann kannst Du Dir ungefähr vorstellen, welche Kraft es in Dir auslöst, wenn Du künftig Menschen an Deiner Seite hast, die an Dich glauben.
Hier in „Wie man Riesen bekämpft“ hast Du diese wunderbaren, starken Menschen an Deiner Seite, die ihre Geschichte nur für Dich geschrieben haben! Und wenn Du einen der Autoren anschreiben möchtest, um ihm oder ihr etwas zu erzählen aus Deinem Leben – völlig egal wie alt Du bist – dann ist das ganz großartig und ich werde Deinen Brief oder Deine E-Mail an den Autor oder die Autorin höchstpersönlich weiterleiten! Und sie werden Dir auch antworten und Dich unterstützen, damit auch Du zu einem dieser wunderschönen großen Bäume heranwachsen kannst. Warum wir das für Dich tun wollen? Weil wir uns sehr für Dich interessieren und Dich damit anfeuern wollen, Deine Ziele zu erreichen.
Wir sind nicht besser als Du, denn als wir jung waren, als wir einsam waren oder manche andere Probleme und Kämpfe hatten, da hat auch uns ein solcher „Engel“ geholfen, um innerlich stark zu sein und zu wachsen. Also wollen wir das, was uns gut getan hat, an Dich weitergeben. Das nennt man übrigens Solidarität oder auch Nächstenliebe. Aber ganz egal, wie man es am Ende bezeichnet, die Hauptsache ist, man tut es!
Viel Spaß und Inspiration wünsche ich Dir jetzt beim Entdecken der kleinen und großen Geschichten. Und wenn Du ab und zu beim Lesen ein kleines Päuschen machst, dann versuche mal, wenn es ganz still um Dich ist, Deine Ohren zu spitzen und pssst … genau hinzuhören … vielleicht passiert erst einmal gar nichts …, aber wenn Du die Stille aushältst, dann kann es sein, dass Du plötzlich gaaanz leise unser Anfeuern tief in Deinem Herzen wahrnehmen kannst: „Du-u-u scha-a-a-affst e-e-e-s!!“ ;-)
Dein David Kadel

David Kadel
Seit 2001 arbeite ich in der Fußball-Bundesliga mit meiner „Mentalitäts-Schulung“ für Fußballprofis und Trainer. Ich halte Vorträge für Unternehmen und trete regelmäßig als Kabarettist auf, weil ich es liebe, Menschen (in unserer viel zu ernsten Gesellschaft) zum Lachen zu bringen.
Meinen Mit-Autoren möchte ich von gaaanzem Herzen DANKE sagen – für ihre Empathie und für ihre tolle Unterstützung, dieses Buch für Dich zusammenzustellen.
Auf der Website www.wiemanriesenbekaempft.de findest Du noch viele weitere Geschichten, die nicht in diesem Buch abgedruckt sind. Vielleicht willst Du uns auch Deine eigene „Kämpfer-Geschichte“ erzählen, um auf unserer Website, bei Instagram oder Facebook andere Menschen damit zu inspirieren? Dann schreibe einfach eine E-Mmail an: david.kadel@gmx.de
www.davidkadel.de
Inhalt
Wie man Riesen bekämpft – und auch besiegt!
David Kadel, Initiator des Mutmach-Buchs
Inhalt
„Aufgeben is nich!“
Britta Hofmann
Human being
Samuel Koch
#weilduwaswertbist
Déborah Rosenkranz
Tankstelle der Liebe
Michael Stahl
Kämpfen kann man lernen
Heiko Herrlich
Vom Schulabbrecher zum Chef
Jonas Keller
Die faszinierende Beth Hamilton
Stefanie Maria Rottler
Der Song Deines Lebens
Matthias Schweikert
„Nie alleine!“
Rachel van Gurp
Kämpfen wie David
Andreas Adenauer
Lass dich nicht unterkriegen!
Peter Neuer
Sei mutig und stark
Anne Zedler
Linie 51
Thomas Thelen
Kämpfer sind Vorbilder
Thilo Kehrer
Wenn die Angst weicht!
Nikolas Fischer
Wunderbare Maronensuppe
Michael Herberger
Aufregend – außergewöhnlich – besonders
Mirjam Hermsdorf
Einen Engel getroffen
Daniel Harter
Opas Wette und Harry Wilson
Denis Werth
Wie Anne Frank mir Mut machte
Andrea Brandis
GIB ALLES, NUR NICHT AUF!
Andi Weiss
Das Unvorstellbare denken
Matthias Ginter
Kämpfen, wie eine Löwenmutter
Anja Krohn
Das Unmögliche möglich machen
Nikolas Fischer
Stairway to heaven
Barbara Reimer
Schwieriger Start … und dann?
Rainer Zilly
Mit einem Bein über die Alpen
Charlott Hörenz über die moderne Heldin Jacqueline Fritz
Jonas und der Traum
Markus Kosian
Wie ich der Angst davon lief
Yasmin Kwadwo
Meine Geschichte mit dem Tod
Winnie
Du musst kämpfen Johnny!
Martin Heimes
Der beste Unfall meines Lebens
Simeon Spahr
Was macht dich stark?
Giovanna Hoffmann
Eine Begegnung der außergewöhnlichen Art
Judith Bauer
Die kleine Sonne
Ulrike Kühnel
Wo sind die Ermu-Tiger?!
Epilog von David Kadel
-LICHEN DANK AN …
„Aufgeben is nich!“
Britta Hofmann

Illustration: Friederike Lohrer
Mit dem Fahrrad den Berg runtersausen – das Gefühl kennt ihr doch bestimmt. Wenn der Wind ums Gesicht pfeift und man immer schneller und schneller wird, ohne selbst in die Pedale zu treten.
Es gibt Menschen, die lieben dieses Gefühl. Klar, ich fahre natürlich auch lieber den Berg runter als hoch. Während meines Sportstudiums musste ich mich allerdings auch mal so richtig auf dem Rad anstrengen. Mehrere Wochen habe ich meine Erfahrungen mit dem Radsport gemacht. Nicht nur Rennrad und Mountainbike, nein auch Bahnradfahren stand auf dem Programm. Da fährt man extrem schnell in einem speziellen Stadion die Wände hoch, aber das Fahrrad hat keine Bremsen! Ihr könnt euch vorstellen, wie mein Herz geklopft hat, als ich das zum ersten Mal ausprobieren durfte. Es war einfach nur faszinierend.
So muss auch Kristina Vogel empfunden haben, als sie mit diesem Sport anfing. Mit gerade einmal zehn Jahren fuhr sie ihr erstes Rennen. Sie hat sich quasi in das Bahnradfahren verliebt und es schließlich zu ihrem Beruf und Leben gemacht. Mit ihrer Leidenschaft, ihrem Ehrgeiz und ihrer Disziplin fuhr sie von Erfolg zu Erfolg: Sie gewann 23 deutsche Meistertitel und unfassbare 11 Weltmeistertitel!! Auch Olympiasiegerin darf sie sich nennen, sogar gleich zwei Mal. In London und Rio machte sie sich als Sportlerin mit Gold bei Olympia unsterblich. Der Kick, schneller zu sein, als alle anderen, muss sie angetrieben haben, denn sie stellte mehrere Weltrekorde auf. Man hatte den Eindruck, eine Grenze gibt es für sie nicht. Kristina, die Bahnrad-Königin, hat ihren Sport einfach nur geliebt.
Am 26. Juni 2018 sollte sich leider alles ändern. Kristina saß mal wieder im Fahrradsattel und trainierte. Unzählige Runden, unzählige Kilometer. Eigentlich so, wie immer. So, wie all die Jahre. Aber an diesem Tag kam es zu einem Unfall mit einem anderen Radfahrer. Sie stürzte schwer und verletzte sich noch schwerer. Sie spürte ihre Beine nicht mehr, musste mehrmals operiert werden und lag sogar im Koma. Die Diagnose: Querschnittslähmung! Ihr Rückenmark ist am siebten Brustwirbel durchtrennt. Sie wird nie wieder laufen, nie wieder Radfahren können! Aber die 27jährige lebt, und sie kämpft mit einer unglaublichen Leidenschaft, die mich total fasziniert.
In der Reha trainierte sie, genau wie in ihrem vorherigen Leben, täglich. Doch jetzt ging es nicht mehr um Titel oder Medaillen, es ging um ihr neues Leben. Es sollte so selbstständig wie möglich werden. Kristina musste dafür nicht motiviert werden, sie hat sich selbst motiviert. Sie akzeptierte ihre neue Situation und haderte nicht, sondern sagte sich nach der Diagnose voller Entschlossenheit: „Jetzt erst recht“! Kristina sieht heute nicht auf das, was jetzt nicht mehr geht, sondern auf ihre Chancen als neue Herausforderungen. Ihre unbändige Lebensfreude ist für viele ansteckend und ergreifend zugleich.
Nach 18 Jahren Leistungssport begann ein neues Lebenskapitel mit Rollstuhl, das Kristina mit einer Liste startete, die sie abarbeiten wollte. Dinge, die sie noch nie gemacht hatte, wollte sie sich nun erfüllen. Zum Beispiel ging sie zum ersten Mal auf ein Konzert von Clueso. Sein Song „Gewinner“ half ihr seit Jahren, in schwierigen Phasen an sich zu glauben. Es war ein besonderer Moment, als er das Lied an diesem Abend sang.
Der Alltag fordert Kristina immer wieder aufs Neue, denn nicht nur das Fahren mit dem Rollstuhl musste geübt werden. Sie benötigte auch für das extra angefertigte Auto mit einer Handsteuerung intensive Fahrstunden. All das kostete Kraft, aber sie genießt bis heute die Freiheit und Selbstständigkeit, die sie dadurch erlangt hat. Die Wochen und Monate zuvor hatte sie viel Hilfe in Anspruch nehmen müssen, deswegen sehnte sie sich nach Unabhängigkeit.
Nach und nach versucht sie weitere Punkte von ihrer Bucket-List umzusetzen. So konnte sie unter anderem einen Haken hinter einen Tandem-Fallschirmsprung aus 4000 Metern Höhe setzen. Nicht ganz so spektakulär, aber trotzdem aufregend, war eine Reise mit dem Zug nach Oldenburg. Dort wohnt ihre jüngere Schwester. Irgendwie hatte es sich während ihrer Karriere nicht ergeben, sie zu besuchen. Jetzt aber war es an der Zeit, dass sich Kristina mal auf den Weg machte.
Der Unfall hat die Schwestern, insgesamt aber auch die Familie, noch näher zusammengebracht. Auch ihr Freund Michael gibt ihr viel Kraft, Sicherheit und vor allem Liebe. Sie alle sind für Kristina da.
Ein Jahr nach dem Unfall war ihr Terminkalender fast so voll, wie als Profisportlerin: Reha, Sponsorentermine und Fernsehauftritte. Sie suchte und fand neue Aufgaben. Auch die Politik interessiert sie. Als parteilose Kandidatin wurde sie in den Erfurter Stadtrat gewählt. Ihr Motto: „Einfach mal gucken, wie mir so ein Ehrenamt in der Kommunalpolitik gefällt, und was ich bewegen kann.“ Sie will sich keine Grenzen setzen und hat noch so viele Ideen.
„Machen ist wie wollen, nur krasser.“
So lautet ihr Motto – auch schon vor dem Unfall, aber jetzt bekommt es eine neue Bedeutung. Kristina macht, sie versteckt sich nicht. Sie möchte ihre Geschichte erzählen, um Menschen damit zu motivieren. Vielleicht gehört ihr ja auch dazu…?
Eure Britta Hoffmann

Britta Hofmann
Moderatorin des „Super Samstag“ bei SKY Fußball
Ihre große Liebe Fußball hat sie schon früh zu ihrer Berufung geführt. Sie wollte schon mit 12 Sportjournalistin werden, hat sich dafür durch den Eignungstest an der Sporthochschule gequält und viele Praktika absolviert. Studium und Volontariat sollten die Basis bilden, um dann viele eigene Erfahrungen zu sammeln. Seit 2005 steht Britta vor der Kamera, mittlerweile fängt sie für sky Emotionen vom Spielfeldrand ein oder analysiert mit Experten im Studio.
Human being
Samuel Koch

Illustration: Friederike Lohrer
Ich habe durch meinen schweren Unfall im Dezember 2010 bei „Wetten, dass …?!“ an „Ansehen“ verloren. Zumindest sehe ich mich selbst nicht mehr gern an.
Aber im Ernst: Die Art von Aufmerksamkeit, die ich durch meinen öffentlichen Unfall und durch den Rollstuhl auf mich ziehe, ist nicht die, die ich anstrebe. In dieser Hinsicht wäre ich froh, weniger Aufsehen zu erregen. Wenn ich irgendwo im Ausland durch eine Fußgängerzone fahre und niemand mich erkennt oder anspricht, genieße ich das sehr.
Trotzdem will ich natürlich wahrgenommen werden. Aber eben nicht um jeden Preis, sondern im besten Fall durch gute Leistungen – das ist ein Grund, warum ich mich sozusagen aktiv auf der Theater-Bühne „zur Schau stelle“.
All das bildet allerdings nicht die Basis meiner Persönlichkeit. Wenn ich morgen meinen Beruf des Schauspielers – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr ausüben könnte, wäre das zwar schade, ich würde aber nicht daran verzweifeln oder mich wertlos fühlen. Weil ich zum Glück schon in meiner Kindheit vermittelt bekam, dass mein Wert nicht von meiner Nützlichkeit, meiner „VerWERTbarkeit“ oder Leistung abhängt.
Dafür sorgte vor allem mein Vater, dem es sehr wichtig war, dass meine Geschwister und ich ein gesundes, gutes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein entwickeln. Immer wieder sagte er uns, auch einfach so aus dem Nichts heraus: „Eins plus!“ Selbst mitten in Streitgesprächen. Als ich einmal vollkommen geschockt, da nur Einsen und Zweien gewohnt, mit meiner ersten schlechten Note nach Hause kam – ich glaube, einer Fünf in Englisch –, schenkte er mir eins der teuersten und modernsten Jo-Jos, die gerade auf dem Markt waren. Damit unterstrich er wieder mal, dass ich für ihn „Eins plus“ bin, und zwar als sein Sohn Samuel. Unabhängig von meinen Leistungen in der Englischarbeit.
Mein Vater ist natürlich trotzdem menschlich und hat auch irgendwo Fehler. Aber dieser Zug an ihm, dass er immer bemüht war, mich als sein Kind wirklich bedingungslos zu lieben, der ist im Grunde „übermenschlich“, also göttlich. Und so stelle ich mir auch Gott vor: Er liebt mich, weil ich bin – mehr muss ich dazu nicht leisten oder tun.
Die allermeisten Leute scheinen nach dem Prinzip zu leben:
Tun – Haben – Sein.
Das heißt, sie tun etwas: Zur Schule gehen, studieren, arbeiten, aufräumen, posten.
Daraufhin haben sie etwas: Geld, einen Abschluss, Freunde, Follower, teure Klamotten, Style und so weiter.
Dann erst sind sie etwas: Sie sind wer, weil sie etwas getan und erreicht haben. An ihren Errungenschaften messen sie ihren Wert. Ein Prinzip, mit dem man gut und gerne 102 Jahre lang leben und auch glücklich werden kann.
Was aber, wenn die Freundschaft zerbricht, ein anderer den Job bekommt oder die Pubertät ihr Unwesen im Gesicht treibt?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich glücklicher bin, wenn ich die gängige Reihenfolge umdrehe:
Sein – Haben – Tun.
Wir sind schon wertvoll, einfach weil es uns gibt. Weil wir von Gott geliebt sind. Dadurch haben wir etwas (einen herausragenden Wert) und aus dem heraus können wir etwas Wundervolles tun. Wenn das Tun aber wegfällt, sind wir am Schluss immer noch jemand Wertvolles. Wir „sind“ einfach. Das reicht, um liebenswert zu sein. Vielleicht heißt es deshalb im Englischen auch „human being“ und nicht „human doing“?!
Dein Samuel Koch

Samuel Koch,
750 Jahre jünger als Berlin, Schauspieler, STEHAUFMENSCH! und Autor unter anderem des gleichnamigen Buches unterstützt mit seinem Verein Samuel Koch und Freunde e.V. seit 2019. Menschen, die andere Menschen in Notlagen zur Seite stehen und wünscht, dass diese Menschen wieder neuen Mut, Kraft und Hoffnung schöpfen können.
#weilduwaswertbist
Déborah Rosenkranz

Illustration: Sarah Busam
„Déborah, ich kann es kaum erwarten, bis ihr endlich an den Bodensee zieht. Ich denke, ich habe mich in dich verliebt!“
Marc, der extra die zwei Stunden Fahrt auf sich genommen hat, um mir an meinem aktuellen Wohnort beim Packen zu helfen, strahlt mich an. „Hä, was hat der für ein Problem? Sieht der mich nicht? Ich bin fett, ich bin hässlich. Ich bin krank! Kann der sich nicht in eines der schönen Mädchen ohne Probleme verlieben?“ Alles in mir wollte schreien. Sich verstecken. Um sich schlagen. Und dann folgen Worte, die sich in mein Herz eingebrannt haben: „Ich will dich! Weil du was wert bist!“
Willst du meine Geschichte hören? Sie ist eine, die mich fast das Leben gekostet hätte. Ja, ich war mit 13 etwas dicker als andere. Doch es war kein Drama für mich, denn ich hatte immer schon eine große Klappe, war eine gute Schülerin und auch sehr sportlich. Damit kompensierte ich die Aufmerksamkeit, die ich für mein Aussehen eben nicht bekam. Doch genau beim Sport sollte es passieren. Der Moment, der mein Leben für immer veränderte und mich schlussendlich fast umbrachte. Es war nur ein Satz, doch leider der Satz meines großen Schwarms, der uns im Training zusah. „Déborah, du spielst so gut Handball, doch frage ich mich, wie man mit so viel Fett überhaupt rennen kann?!“ Als hätte er ausgeholt und mir eine schallende Ohrfeige verpasst. In diesem Moment wurde mir klar, was alle wohl schon lange vor mir erkannt hatten: „Déborah ist einfach nur ein fetter Klops, der ein bisschen Handball spielen kann.“ Wie konnte ich all die Jahre glauben, dass ich es wert bin, überhaupt am Leben zu sein? Ich bin ein Fehler! Die Welt braucht mich nicht. Dieser Lüge gab ich von diesem Moment an die Macht über mein Leben. Von diesem Tag an begann ich zu hungern. Denn ich wollte weniger werden, bis nichts mehr von mir übrig war. Weniger werden, bis ich ganz verschwinde…
Ein Jahr später hatte ich fast 30 Kilo verloren und mit ihnen auch meine Lebensfreude, meine gute Laune, meinen Sport und fast alle Freunde. Denn alles, was mit Essen zu tun hatte, vermied ich. Ich war besessen von dem Gedanken: „Du kannst nur geliebt werden, wenn du schlank, also normal, bist.“ Ich hasste das Essen. Und so schloss ich mich in meinem Zimmer ein, wurde depressiv und versuchte, abends so früh wie möglich einzuschlafen, um das Hungergefühl nicht mitzubekommen. Jedes Gespräch mit meinen Eltern endete im Streit: „Ich hasse euch“, war das einzige, was ich noch zu ihnen sagte. Mittlerweile verlor ich meine Haare büschelweise und auch meine Tage hatte ich nicht mehr, was für mich persönlich das Schlimmste war, da ich mir doch immer Kinder gewünscht hatte. Die Worte meines Arztes hallten in mir nach: „Du wirst nie Kinder bekommen können.“ Ich wollte weinen, doch mein Stolz ließ es nicht zu. Stattdessen antwortete ich: „Hauptsache, ich hab mich im Griff und bin nicht so fett wie Sie!“ Ich war fast täglich bei Ärzten und wickelte sie alle um den Finger. Als einer fragte, ob ich denn etwas an meiner Ernährung verändert hätte, lachte ich laut los. Denn mittlerweile lebte ich von maximal einem halben Apfel am Tag. Doch was mich beunruhigte, das war mein Bein. Denn ich konnte es von einem Tag auf den anderen nicht mehr bewegen. Kein Gefühl. Tot. Wieder beim Arzt, bat mich dieser, draußen zu warten. Er wollte nur mit meiner Mutter sprechen, was mich sauer machte. So schlich ich mich vor die Tür und hörte ihn in diesem Moment sagen: „Frau Rosenkranz, wir haben alles versucht. Doch an dieser Stelle geben wir ihre Tochter auf. Sie hat nur noch 3 bis 4 Wochen zu leben.“
Schockstarre. Angst. Panik. Er hatte die Worte ausgesprochen, die ich befürchtet hatte. Denn wenn ich ehrlich bin, hatte ich es körperlich kommen sehen.
Jetzt war eh alles zu spät. Verbotenerweise ging ich ein paar Tage später abends auf ein Konzert. Und es war der Horror. Nicht das Konzert, aber das Gefühl, mehr tot, als lebendig zu sein. Alle tanzten, nur ich, ich war so schwach geworden, dass ich kaum noch stehen konnte. Ich war so dünn geworden, dass ich meine Hände in die Hüftknochen legen konnte. Am Ende des Konzerts war ich sehr froh, als meine Freunde endlich heim wollten, doch natürlich wurde noch bei McDonald’s angehalten. Mein absoluter Albtraum. Ich glaubte ja tatsächlich, dass ich vom Einatmen der fettigen Luft dort zunehmen würde. So wartete ich draußen vor dem Eingang und der Hunger zerriss mich förmlich. Hunger nach Leben.
Gegen ein Uhr morgens schlich ich mich endlich am Schlafzimmer meiner Eltern vorbei, um sie ja nicht zu wecken. Doch da hörte ich sie weinen. Laut. Bitterlich. Und ich hörte meine eigene Mutter sagen: „Wir können ja schon den Sarg für Déborah bestellen. Sie wird eh sterben.“ In dem Moment brach ich vor ihrer Schlafzimmertüre zusammen und weinte. Ich hatte keine Kraft mehr und wollte nicht mehr kämpfen. Es war so anstrengend. Zu anstrengend. Doch in diesem Moment antwortete mein Vater mit einer festen Stimme: „Nein, wir werden weiter für unsere Tochter beten! Unsere Tochter wird leben!“ Und dann fingen sie an, in einfachen Worten für mich zu beten! Für mich, die so zickig, aggressiv und böse zu ihnen gewesen war. Und in diesem Moment spürte ich das erste Mal nach all den Jahren, dass ich etwas wert sein musste. Ganz egal, wie ich aussehe. Egal, wie meine Diagnose lautet. Ob ich noch 5 Tage oder 50 Jahre zu leben habe. Ich bin wertvoll, so wie ich bin.
Meine Geschichte hat eine Stimme bekommen, um anderen Mädchen Mut zu machen. Auch Deine Geschichte hat eine Stimme; was wird sie uns erzählen? Und ich kann dir sagen, dass meine Geschichte in Büchern, Vorträgen und Liedern in der Zwischenzeit so viele Leben gerettet und mir damit so viele Momente der Freude bereitet hat. Ich durfte über die Jahre gesund werden, was kein leichter Prozess war – ganz im Gegenteil. Die Ärzte meinten damals auch, ich würde nie ganz gesund werden. Doch ich durfte es ganz anders erleben und komplett heil werden. Doch unabhängig davon, wie es ausgeht, habe ich heute erkannt, dass ein Wunder in jeder Wunde steckt. Und die Frage vielmehr lautet: „Weißt du eigentlich, dass dein Leben kein Fehler ist?!“ Wieso? #weilduwaswertbist

Déborah Rosenkranz,
37, Sängerin und Buchautorin, tourt seit Jahren durch verschiedenste Länder der Welt. Sie hat eine Einrichtung für Mädchen mit Essstörungen mit initiiert und gewann hierfür 2016 den Emotion Award für „Soziale Werte“. Ihre Plattform der Musik nutzt sie, um Menschen zu ermutigen und Hoffnung weiterzugeben.
Höre den Song zu Déborahs Geschichte auf ihrem YouTube Kanal: „Ein Gebet“.
www.deborah-rosenkranz.com
Tankstelle der Liebe
Michael Stahl

Foto: Anne Rottler
„Was für eine Herausforderung!“, dachte ich mir, als mein Freund David Kadel mich darum bat, ein Kapitel zu diesem wunderbaren Buch beizusteuern, das zur Ermutigung für Jugendliche dienen soll. Ich dachte an viele wunderbare Kids, die ich in meinem Dienst als Trainer für Selbstbehauptung und als Vortragsredner in vielen Projekten kennenlernen durfte, und ich fühlte mich dieser Aufgabe kaum bis gar nicht gewachsen. Im Gegenteil, ich sagte David, diese Kids sollten für uns ein Buch schreiben, aus dem wir lernen können. Na ja, nun sitze ich hier am PC und ringe mit meinen Gedanken und meinem Herzen.
Ein Maler wurde mal gefragt, wie er es schafft, Licht in einem Bild zu erzeugen. Seine Antwort darauf war: „Indem ich viele Schatten male!“ Ja, so werde ich Dir nun von ein paar Schatten meines Lebens berichten, in der Hoffnung, dass das Licht dadurch bei Dir mehr und mehr zum Leuchten kommt und damit Hoffnung, Trost und Kraft verbreitet.
Ich bin Jahrgang 1970, also schon ein ziemlich alter Knochen. Ich wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Ein eigenes Zimmer hatte ich nicht; stattdessen musste ich als kleiner Knirps mit meinem Papa auf Betteltouren gehen, um irgendwie zu überleben. In der Schule hatte ich oft auch nichts zu lachen. Da waren ein paar Jungs, die es auf mich abgesehen hatten, und das über Jahre hinweg. Heute, viele Jahre danach, kenne ich ein Stück der Geschichte von denen, die mir damals wehgetan haben. Ich stellte fest, dass es ihnen selbst nicht gut ging. All die Verletzungen, die Gemeinheiten und die Lieblosigkeiten, die sie mir entgegenbrachten, haben sie selbst davor von anderen Menschen abbekommen. Heute verstehe ich sie sogar, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass es gemein und verletzend war.
Oh Mann, was hatte ich für eine Kindheit! Der Papa ging jeden Tag in die Kneipe, in der Schule wurde ich nicht selten gejagt und lächerlich gemacht. Doch in all dem gab es einen Ort, an dem ich mich sicher und geborgen fühlte. Es war und ist die kleine Kirche in unserem Dorf. Schon als kleiner Junge erzählte mir meine Oma von Jesus, diesem wunderbaren Mann, welcher der Grund für Weihnachten und Ostern ist. Jesus, der alle Menschen liebt, der für die Armen, Schwachen und Ausgestoßenen da war. Ja, all das passte auch zu mir. Wenn also Menschen mir mal wieder was Schlimmes antaten, dann rannte ich in diese kleine Kirche und erzählte ihm, der da am Kreuz hing, meine Sorgen und mein ganzes Leid.
Wenn man mich geschlagen hat, sprach ich es vor ihm aus: „Jesus, heute haben sie mich geschlagen!“, und mir war, als würde er sagen: „Ich weiß, wie sich das anfühlt, auch mich haben sie geschlagen.“ Wenn ich mich als Jugendlicher von allen verlassen und gedemütigt fühlte, sprach ich das auch aus, und wieder war mir, als würde er mir antworten: „Auch das kenne ich, Michael!“
Ich fühlte mich dadurch oft verstanden und nicht mehr ganz so allein. Damals lernte ich bereits, dass es für vieles oft keine schnelle Antwort gibt, aber wie wertvoll es ist, wenn einer einfach da ist, zuhört und versteht. Daher berührt es mich verstehen zu dürfen, dass der Name Gottes „Jahwe“ wörtlich übersetzt „Ich bin für Dich da“ bedeutet. Genau dies erlebte ich als junger Kerl und darf es auch heute als Erwachsener immer wieder neu erfahren.
Diese kleine Kirche wurde zu einer Art „Tankstelle“ meines Lebens. Genau genommen nicht die Kirche, sondern der, mit dem ich mich dort traf, nämlich dieser Jesus.
In den Jahren danach lernte ich, dass er überall ist, dass er mit mir sogar in die Schule ging. Oh, wie oft hatte ich Angst, dieses große graue Gebäude zu betreten. Heute bin ich seit fast 27 Jahren mit Mut machenden Projekten an unzähligen Schulen gewesen. Jesus war bei mir, als ich mit 18 Jahren obdachlos war – heute darf ich mit Obdachlosen arbeiten. Ich betrieb intensiv Kampfsport, weil mein Leben wohl oft ein Kampf war und ich einen Ort brauchte, bei dem ich all meiner Wut und meinen Schmerzen freien Lauf lassen konnte. Ich ging in den Sicherheitsdienst, wohl nur aus dem Grund, weil ich so große Sehnsucht nach „Sicherheit“ hatte. In meiner Wut und all dem Schmerz verletzte ich viele Menschen, was mir heute unbeschreiblich leid tut. Doch irgendwann durfte ich nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen verstehen, dass Jesus mit seinem Leben für all das bezahlt hat, was Menschen mir angetan haben und auch für das, was ich anderen an Kummer und Schmerz bereitet habe. Mit dieser Erkenntnis fühlte ich mich Stück für Stück freier und konnte viele Menschen auch um Verzeihung bitten und ihnen gegenüber Liebe aussprechen.
Jesus wurde zum größten Geschenk meines Lebens. Dieses Geschenk brachte mir Hoffnung und Freiheit. Ich weiß: Was immer auch kommt, ich bin nie allein, weil „Ich bin für Dich da“ immer für mich da ist.
Am 23.10.2010 hatten meine Frau und meine Tochter einen schrecklichen Autounfall. Ich kann meine Gefühle, die ich damals hatte, kaum beschreiben, aber „Ich bin für Dich da“ war da. Am 21.2.2018 erlitt ich einen Herzinfarkt. Während ich nackt in der Notaufnahme lag und die Ärzte um mein Leben kämpften, spürte ich auch hier: „Ich bin für Dich da“ war und ist immer da. Auf viele Fragen habe ich gar keine Antworten. In meinem Beruf begegnen mir so viel Leid, soviel Wut, soviel Hass, ja auch so viel Böses. Aber einst hörte ich, dass Kälte nur die Abwesenheit von Wärme ist, dass Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht ist und dass das Böse nur die Abwesenheit von Liebe ist.
Es geht also um Liebe. Gott ist die Liebe. Letztendlich ist „Liebe“ unser aller Sehnsucht. Deshalb rannte ich Tag für Tag in die kleine Kirche. Deshalb hatte ich Wut und betrieb intensiv Kampfsport, weil ich nach dieser Liebe jagte, und deshalb ging ich in den Sicherheitsdienst, um tief im Inneren nach dieser Liebe und somit nach Sicherheit zu suchen.
Die Tankstelle der Liebe trage ich nun in meinem Herzen, ja, Jesus selbst. Im Sicherheitsdienst bin ich nicht mehr. Kampfsport betreibe ich nur noch, weil es mir Spaß macht, mich auszutoben. Den Beruf des Personenschützers übe ich nicht mehr aus, aber genau genommen bin ich es immer noch und werde es immer bleiben, weil wir alle Personenschützer sind – für uns und unsere Mitmenschen. Weil es so kostbar und wunderbar ist, wenn wir aufeinander aufpassen. Manchmal werden wir selbst somit sogar zur „Tankstelle der Liebe“.
Kurz bevor ich diese Zeilen schrieb, kniete ich am Bett eines fünfjährigen Jungen, der an Krebs erkrankt ist. Sein Name ist David. Er sagte mir, dass Jesus die Liebe seines Lebens ist. Auch er trägt diese „Liebes-Tankstelle“ in seinem Herzen.
Heute, mit 49 Jahren, bin ich immer noch auf dem Weg, vieles zu lernen und werde es wohl bis zur letzten Sekunde meines Lebens sein. Heute verstehe ich die Armen, weil ich selbst arm war. Heute verstehe ich die Gemobbten, weil ich selbst gemobbt wurde, heute verstehe ich die Obdachlosen, weil ich selbst obdachlos war, heute verstehe ich jene, die Katastrophen erleben, weil ich selbst Katastrophen erlebte, und verstehe jene, die um ihr Leben bangen, weil ich auch um mein Leben bangen musste. Vielleicht musste ich all dies erleben, um heute das zu tun, wonach mein Herz sich sehnt. Ich weiß es nicht genau, aber ich lebe meine Berufung.
Ich wünsche Dir, diese Tankstelle der Liebe persönlich kennenzulernen und zu lieben und sie fest im Herzen zu verankern. Möge sie Dir Hoffnung, Kraft und Trost spenden und die Gewissheit, wo immer Du auch bist und was auch immer passiert: „Ich bin für Dich da“ ist immer da!
HERZ
lichst
Dein Michael Stahl

Michael Stahl,
6.9.1970 aus Bopfingen – verheiratet 2 Kinder – Buchautor & Trainer für Selbstbehauptung – mein großes Hobby ist alles rund um Fußball und Bücher schreiben.
www.security-stahl.de
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