Читать книгу: «Die Badenfahrt»


EINLEITUNG
DER HERAUSGEBER
Der Begriff der «Badenfahrt», zwar seit dem späten Mittelalter im Gebrauch, ist aufs Engste mit dem 1818 erschienenen gleichnamigen Buch des Zürchers David Hess verbunden. Hess hat mit seinem umfangreichen Werk quasi den Prototyp einer Badekur in Baden beschrieben und gleichzeitig ein historisches Sittengemälde der Stadt und ihrer Zeit verfasst.
Auf dem Beckenhof, dem väterlichen Landgut in Zürich, wurde David Hess am 29. November 1770 geboren. Wie sein Vater Johann Rudolf Hess schlug der 17-Jährige eine Offizierslaufbahn ein, ein typischer Karriereweg für Söhne des Zürcher Patriziats. Als Mitglied eines Schweizer Regiments in holländischen Diensten erlebte er den Ersten Koalitionskrieg und die französische Besatzung der Niederlande. Der Französischen Revolution, die 1798 auch zur Umgestaltung der Schweiz führte, stand er ablehnend gegenüber. Immer näher gegen die Schweiz habe der «verheerende Strom der Revolution seine trüben Fluten aus Frankreich» hingewälzt, schreibt Hess in der «Badenfahrt». 1796 kehrte er in die Heimatstadt zurück, wo er während der Mediations- und Restaurationszeit im Grossen Rat sass. Das väterliche Erbe ermöglichte es ihm, als «tätiger Müssiggänger» seiner dichterischzeichnerischen Doppelbegabung nachzugehen. Bereits als Jugendlicher hatte er beim Zürcher Maler Heinrich Freudweiler das Zeichnen gelernt; in Den Haag liess er sich von holländischen und englischen Karikaturen etwa eines James Gillray inspirieren. So verarbeitete er den französischen Einmarsch in die Niederlande 1795 in einer Serie von 20 Karikaturen mit dem Titel Hollandia regenerata, die wenig später in England erstmals gestochen wurde. Die politische Karikatur war dem konservativen Hess eine «Geissel des Spottes», mit der er die politischgesellschaftlichen Verhältnisse der napoleonischen Zeit und der Regeneration kritisierte. Neben Zeichnungen, Radierungen und Aquarellen schuf Hess als Autor ein umfangreiches Werk, das Gedichte, Erzählungen, Essays und Biografien umfasst. Er starb am 11. April 1843 in Zürich.
Als David Hess ab 1805 regelmässig nach Baden zur Badekur fuhr, steckte der Bäderort in einer Krise. Seine grosse Zeit als traditionelles Heilbad war vorbei, der Wiederaufstieg zur internationalen Tourismusdestination stand noch bevor. Im Spätmittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit war Baden der wichtigste Heilkurort nördlich der Alpen. Der europäische Adel und die Eliten der eidgenössischen Orte reisten nach Baden. Diese «Badenfahrten» dauerten meist sechs bis acht Wochen und bestanden neben der eigentlichen Kur in den Thermalbädern aus einem regen gesellschaftlichen Leben. Im 16. Jahrhundert konnten die Badener Gasthöfe gleichzeitig 500 bis 700 Personen beherbergen; während der sechsmonatigen Badesaison dürften jährlich mehr als 2000 Kurgäste nach Baden gereist sein. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts stagnierte der Bäderort. Kriege, neue Konkurrenz im In- und Ausland, mangelnde Investitionen in die Infrastruktur, die teilweise Zerstörung der Stadt durch die Eidgenossen 1712 und die Verlegung der Tagsatzung von Baden nach Frauenfeld, später auch die Einquartierung napoleonischer Truppen liessen vor allem ausländische Gäste ausbleiben. Baden blieb sein Schweizer Stammpublikum, vorab Angehörige der Zürcher Oberschicht wie David Hess. Dieser spart denn auch nicht mit Kritik am Zustand der Bäder und meint etwa, die meisten Häuser des Hinterhofs, des damals neben dem Staadhof wichtigsten Badener Gasthofs, seien «im Laufe der Jahre in allmählichen Verfall geraten» und würden «die Bedürfnisse der Zeit nicht mehr befriedigen». In den 1820er- und 1830er-Jahren, wenige Jahre nach dem Erscheinen von Hess’ «Badenfahrt», setzte im Bäderquartier allerdings ein Modernisierungsprozess ein. Die Infrastruktur wurde den veränderten Ansprüchen der medizinischen Kur und der Gäste angepasst, viele noch aus dem Mittelalter stammenden Gasthäuser wichen komfortableren Neubauten. Die vormals elitäre «Badenfahrt» wandelte sich allmählich zu einem touristischen Massenphänomen. 1913, auf dem Höhepunkt des Booms, zählte Baden 149 000 Logiernächte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs läutete den neuerlichen Abstieg der Bäder zu Baden ein, und mit Blick auf die Gegenwart fragt sich, ob dem Bäderquartier mit dem Neubau von Stararchitekt Mario Botta eine Renaissance bevorsteht.
1815 stellte David Hess das Manuskript der «Badenfahrt» fertig. Der 586-seitige Band, der sich in der Zentralbibliothek Zürich befindet, beinhaltet die farbigen Bilder mit Ansichten von Baden und seiner Umgebung, die von Hess zusammen mit seinem Sohn Adolf und seinem Schwager Peter Vischer gezeichnet und für die Druckausgabe von Franz Hegi gestochen wurden. Gedruckt wurde das Werk bei der Verlagsbuchhandlung Orell, Füssli & Co. in Zürich. Die Herstellung des Buchs war ein anspruchsvolles Unterfangen und dauerte rund eineinhalb Jahre ab Dezember 1816. Wie aus der Korrespondenz Hess’ mit dem Verlag hervorgeht, sollte das Buch ursprünglich bis im Frühjahr 1817 fertiggestellt werden. Vorgesehen war, das Werk auf 25 Bogen à 24 Seiten zu drucken, wobei wöchentlich mindestens ein Bogen hergestellt werden sollte. Der Verlag wechselte jedoch auf Bogen von 16 Seiten. Wegen des grösseren Formats und knapper Produktionskapazitäten verzögerte sich der Druck. Hess gab im Juli 1817 die letzten Bogen zum Druck frei, das Buch erschien schliesslich 1818. 1924, im Jahr nach dem ersten Badenfahrt-Volksfest in Baden, brachte der Orell-Füssli-Verlag eine Faksimileausgabe der «Badenfahrt» heraus. 1969 veröffentlichte der Baden Verlag eine leicht gekürzte, sprachlich modernisierte Neuausgabe des Buchs. Beide Neuausgaben sind inzwischen vergriffen.
Die vorliegende Neuausgabe geht vom modernisierten Text der Ausgabe von 1969 aus. Während Orthografie und Interpunktion nochmals aktualisiert wurden, sind veraltete Begriffe wie etwa alte Monatsnamen bewusst wieder in den Text aufgenommen worden, um näher am Original zu sein. Lektürehilfe leistet hier ein kurzes Glossar im Anhang. Auch wurden altdeutsche und französische Textpassagen wieder originalsprachlich gesetzt. Bei den Abbildungen orientiert sich die Neuausgabe am Manuskript von David Hess. So erscheinen erstmals die farbigen Originalbilder im Druck. Ebenfalls erstmals in Farbe ist der 1817 von Leonard Schulthess gezeichnete Plan des Bäderquartiers beigelegt. Ergänzt wird der Band um eine kleine Serie illustrierter Aphorismen, «Papp-Figürchen von Amelmehl und Zucker mit Devisen», die nicht aus dem Manuskript in die Erstausgabe übernommen worden war. Zwei Stiche aus der Erstausgabe, für die Ludwig A. Hess die Vorlage gezeichnet hat, stammen nicht aus dem handschriftlichen Manuskript und sind im schwarzweissen Druckoriginal eingefügt. 200 Jahre nach ihrer Entstehung, und pünktlich zur Badenfahrt 2017, ist «Die Badenfahrt» von David Hess damit endlich wieder greifbar.
Baden, April 2017
Alexander Jungo, Bruno Meier
Nachlass David Hess. Zentralbibliothek Zürich, FA David Hess, Nrn. 30/30a/54.
Andrea Schaer, «Die Bäder: 2000 Jahre europäische Badekultur», in: Fabian Furter, Bruno Meier, Andrea Schaer, Ruth Wiederkehr, Stadtgeschichte Baden, Baden 2015,S. 9–92.
David Hess. Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz: http://www.hls-dhs-dss.ch.
INHALT
Vorwort des Autors
DIE BADENFAHRT
Vorbereitungen
Die Wasserfahrt
Ankunft
Einzug und Einrichtung im Hinterhof
Übersicht aller andern Gasthöfe und Bäder
Die Tagwache
Das Bad
Das Frühstück, nebst einigen Bemerkungen über die Spanischbrötchen
Ein Abschnitt ohne Überschrift
Die Toilette
Vormittagsbesuche
Die Matte
Die Mittagsmahlzeit
Der literarische Nachmittag
Johann Franz Poggio an Nicolo Nicoli aus Baden, im Jahr 1417.
Nachträge aus diesem Zeitalter
Doktor Pantaleon
Michel de Montaigne
Die Badschenkungen
Verbote der Badenfahrten
David François de Merveilleux
Die Zürcher in Baden in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Gesellschaftliches Wesen und Lustbarkeiten der gegenwärtigen Zeit
Spaziergänge
Bruchstücke aus der Geschichte von Baden
Naturrevolutionen
Die Stadt Baden
Das Kloster Wettingen
Die Neige der Kur
Der letzte Tag
BEILAGEN
Über den Ursprung und den Erhitzungsherd der Heilquellen zu Baden
Bittschrift der Frauen von Baden an die acht regierenden Stände
Marc Lescarbots Beschreibung von Baden
Deutsche Attestation allhiesige Würfel betreffend. Anno 1718
POETISCHE ZUGABEN
Siegawyn und Ethelfrieda oder die Entdeckung der warmen Heilquellen zu Thermopolis
Noten zu Siegawyn und Ethelfrieda
BAD-EPIGRAMME
Poetische Spanischbrötchen aus Baden
An den Schröpfer
Papp-Figürchen von Amelmehl und Zucker mit Devisen
Entschuldigung
Rabelais’verwünschte Viertelstunde
Glossar

David Hess. Selbstporträt, zwischen 1800 und 1820.
VORWORT DES AUTORS
Dieses Buch ist allen Kurgästen in Baden gewidmet. Wenn es regnet oder wenn sie sonst Langeweile haben, können sie sich damit – vielleicht nicht ganz ohne Nutzen – unterhalten, indem sie darin, mit Ausnahme der medizinischen Artikel, das Wichtigste von demjenigen beisammen finden, was über Baden in manchen frühern, entweder nicht mehr häufig vorhandenen oder ihrer Form wegen für den jetzigen Geschmack nicht mehr ganz passenden Werken zerstreut ist.
Eine Gegend, welche von der Natur mit so wohltätigen Heilquellen ausgestattet und so mannigfaltige Erinnerungen an die Vergangenheit aufzuwecken geeignet ist, verdient, immer neu betrachtet zu werden. Nachdem ich durch des Arztes Machtgebot zu grossem Gewinn für meine Gesundheit wiederholt dahin gesandt, ein früheres Vorurteil gegen die in den Bädern zu Baden übliche Lebensweise mit freudiger Überzeugung beseitigt hatte, fand ich die sonst gemiedenen Gegenstände bei summarischer Übersicht so gehaltreich, dass dieselben zu beschreiben nicht nur ein Sühnopfer, sondern selbst eine Quelle des Genusses für mich ward. Und so begann und vollendete ich mit grosser Liebe mein Unternehmen, etwas möglichst Vollständiges aufzustellen. Ich habe über alles Vergangene in Biblioteken und Archiven, über alles jetzt Bestehende an Ort und Stelle selbst gewissenhaft gesammelt und endlich eine solche Menge von Materialien zusammengebracht, dass, wenn auch viele derselben unbenutzt beiseite gelegt wurden, dieser Band doch viel zu stark angeschwollen ist, um auf einen Platz in den Strickbeuteln der Frauenzimmer Anspruch machen zu dürfen, und mir nicht grundlos vorgeworfen werden könnte, Voltaires Warnung, «le secret d’ennuyer est celui de tout dire», nicht genug beherzigt zu haben.
Über die Anordnung und Einkleidung des aufgefassten Stoffes, über das, was von dem Meinigen hinzugekommen ist, über die geäusserten empirischen Ansichten wissenschaftlicher Gegenstände muss ich, als Nichtgelehrter, die Meister der Kunst vorzüglich aber über den Umstand um Nachsicht bitten, dass ich mich verleiten liess, mit Bruchstücken aus der allgemeinen Schweizergeschichte die besondere Geschichte von Baden wie mit einem breiten, ungewöhnlich überladenen Rahmen einzufassen. Dies musste zum Teil geschehen, weil die letztere ganz in jene verflochten ist und aus derselben hervorging. Zum Teil meinte ich, manchen mit diesem Literaturzweige weniger vertrauten Lesern den Faden der Begebenheiten und ihrer wechselseitigen Beziehungen vermittelst einer, wenn auch nicht überall zusammenhängenden, doch an einzelnen Stellen ausführlicher gemalten Bilderreihe gemächlicher und sicherer als durch blosses Hinweisen auf Jahrund Seitenzahlen grösserer Werke an die Hand zu geben. Ebenso glaube ich, ehrlicher gehandelt zu haben, indem ich alles, was Poggio, Pantaleon und Montaigne über die zu ihrer Zeit in Baden herrschenden Sitten und Bräuche geschrieben, selbst das, was Merveilleux davon aufgeschnitten hat, unverändert und ganz abdrucken liess, als wenn ich diesen meinen Vorgängern ihre besten Federn weggepflückt, anders zugestutzt und meine Beschreibungen damit verziert hätte. Überhaupt dachte ich bei meiner Arbeit weder an die Gelehrten noch an ein grösseres Publikum. Ursprünglich bloss für meine eigene Belehrung entworfen, war sie auch in der Folge nur für Freunde bestimmt, daher ich durchgehends meiner Laune die Zügel schiessen liess. Weil nun aber gefunden wird, diese Blätter könnten als Zeitvertreib noch vielen andern Leuten dienen, welche sich alle Jahre mehrere Wochen in Baden aufhalten, ohne mit den Eigentümlichkeiten dieses merkwürdigen Thales und mit den vielfältigen wichtigen Ereignissen, welche früher darin stattfanden, näher bekannt zu sein, so gebe ich mein Buch mit allen seinen Weitschweifigkeiten, Absprüngen von der Hauptmaterie, Verbindungsfehlern und Stilnachlässigkeiten ebenso anspruchslos im Druck heraus, wie ich meinen Freunden dasselbe in der Handschrift mitteilte, an der ich umso weniger ändern möchte, als ich mir bewusst bin, überall nur die Wahrheit gesucht zu haben.
Was hie und da etwas frei gesagt sein mag, kam dennoch immer aus wohlwollendem, arglosem Gemüth und dürfte vielleicht auch längst gewünschte Verbesserungen mit bewirken helfen, welche dem Zeitbedürfnis angemessen wären und wozu sich guter Wille bereits zu regen beginnt. Kleine satirische Ausfälle wird man mir hoffentlich am wenigsten verargen, weil Lustigkeit und Lachen mit zu einer guten Kur gehören. Ein Körnchen Salz würzt jedes Gericht; die Natur selbst bietet uns dasselbe reichlich in Badens sprudelnden Quellen.
Beckenhof bei Zürich, im Heumonat 1817
D. H.
DIE BADENFAHRT
VORBEREITUNGEN
Es heisst, vor Zeiten habe in Zürich jeder Bräutigam seiner Braut im Ehekontrakt versprechen müssen, sie alle Jahre einmal in die Bäder von Baden zu führen. Es mag etwas an dieser Sage wahr sein. Nach der Reformation waren die Sitten so streng, dass junge Leute beinahe keine andere Gelegenheit fanden, sich recht lustig zu machen als in Baden, wo von jeher die Freude ihren Tempel zu haben schien und wo man sich derselben ungescheut überlassen durfte.
Die Zeiten haben sich gemildert. Man darf sich auch in Zürich den Genuss geselliger Vergnügungen frei erlauben, Ehekontrakte sind im Allgemeinen nicht mehr üblich; allein man geht doch immer gern und oft nach Baden.
Der Sommer ist gekommen. Man fühlt das Bedürfnis nach Veränderung, man will von Geschäften ausruhen, man hat sich von einer Winterkrankheit zu erholen. Baden liegt so nahe, man fragt den Arzt, ob die Bäder wohlbekommen könnten? Dieser gibt meistens seine Zustimmung. Er muss oft froh sein, sich hypochondrische Patienten vom Halse schaffen und an die Natur verweisen zu können. Er liest den Wunsch in den Augen der jungen Frau, er will für gern gefällig sein. Ja, ja!, heisst es: Gewiss werden die Bäder wohlbekommen. Die Frau bedarf ihrer ganz besonders. Der Herr wird darin von seinen rheumatischen Schmerzen genesen. Das jüngste Kind hat noch schwache Beine, das Bad wird sie stärken. Der Knabe hat auch schon Anlagen zu Gliederschmerzen, er hat sich jüngst erkältet. Da die Gelegenheit vorhanden ist, muss sie benutzt, er muss auch mitgenommen werden.
Aber das älteste Mädchen ist so stille. Es ist nicht krank gewesen, es bedarf keiner Stärkung. Was fehlt ihm denn? Es möchte eben auch mit, und sollte das gute Kind allein zu Hause bleiben? Gewiss nicht, es soll auch mitkommen! Und das Mädchen springt hoch auf vor Freude und klopft jubelnd in die Hände.
Plötzlich erinnert man sich, die Stubenmagd habe seit der letzten Wäsche eine geschwollene Hand. Könnte sie nicht auch baden? Ja, ja, sie soll auch baden. Aber dann kann sie die Herrschaft nicht bedienen? Freilich kann sie’s dann nicht. Man nimmt also auch die Köchin mit, man kann die Köchin nicht entbehren. Und so geschieht es oft, dass am Ende einer solchen Beratung die ganze Haushaltung auf dem Verzeichnis der Reisegesellschaft steht.
Vor Zeiten pflegte man sich mit Laxieren und Purgieren systematisch auf die Kur vorzubereiten und Manna und Senesblätter mussten notwendig allen Badekandidaten das Bauchgrimmen verursacht haben, bevor sie sich auf die Fahrt zu begeben wagten. Heutzutage nimmt man es damit nicht mehr so genau.
Es werden Briefe mit den Badwirten gewechselt. Nach vielem Hin- und Herschreiben findet sich endlich das gewünschte Gemach, es ist bestellt. Bis zur Abreise gibt es noch vieles zu ordnen und zu bereiten, und die Kinder sprechen und träumen von nichts als von Baden und von den Herrlichkeiten, die dort auf sie warten.
Allein je näher der zur Abreise bestimmte Tag heranrückt, desto auffallender zeigt sich die Unmöglichkeit, alles, was mit soll an Menschen und Gerätschaft, in einen einzigen Wagen zusammenzupferchen. Entweder muss man also zwei Wagen mieten, und das kostet viel Geld, oder man benutzt die wohlfeilere Gelegenheit, die sich im Sommer wöchentlich mehrere Male bietet, im Schiff nach Baden zu fahren.
Ich bin oft dahin gereist, im Wagen, zu Pferd und zu Fuss, aber nie so angenehm, nie so schnell wie im Schiff. Ich rate demnach jeder zahlreichen Gesellschaft, mit allem Gepäck bei günstigem Wetter auf der Limmat1 nach Baden zu fahren, und zwar nicht in einem eigens gemieteten Nachen, wie vornehme Leute etwa hinabzureisen pflegen, die an keine bestimmte Stunde gebunden sein und sich nicht unter allerlei Volk mischen mögen, sondern im öffentlichen Schiff, wo für 16 Schillinge und ein kleines Trinkgeld einsitzen kann, wer will.
Diese Schiffe sind freilich keine Coches d’eau, keine Treckschuiten, keine Jachten. Es sind lange, schmale, gebrechliche Dinger, auf denen man sich dem reissenden Strome preisgibt. Man heisst sie Weidlinge wegen der Schnelligkeit, mit der sie fortschwimmen.2 Englische Seeoffiziere, welche die Welt umsegelt hatten, weigerten sich oft, ihr Leben an solche drei Bretter zu wagen. Lange Gewohnheit macht den Zürcher kühn; sorglos setzt er sich mit seinen Geliebten ein und vertraut seinen Göttern.
An verschiedenen Tagen fahren diese Schiffe im Sommer nach Baden. Am meisten aber sind die besetzt, welche am Sonnabend in der Mittagsstunde abgehn. Von der Hitze hat man nichts zu fürchten, auf dem Wasser ist ein ewiges Spiel von kühlen Lüften. Um die Zeit der Zurzachermesse, welche mit der Kurzeit zusammentrifft, ist der Andrang der Reiselustigen beträchtlich. Viele junge Leute wollen über den Sonntag ihre Bekannten im Bad besuchen und dem Staadhofball beiwohnen; sie reisen auch mit dem Schiff. Nebst den vielen Kisten und Ballen und Reisesäcken, die vorn und hinten aufgetürmt werden, finden zwei bis 36 Personen Platz in einem solchen Nachen. An schönen Sonnabenden werden zwei bis drei derselben erfordert, die Leute alle aufzunehmen, welche vor der Wohnung des Schiffmeisters oder an der Landveste unten an der Rosengasse auf die Abfahrt harren.
Der Schiffsmeister hat Lebensart, er weiss zu unterscheiden. Zuerst schiebt er den Pöbel von Krämern und Juden, die nach Zurzach wollen, dann Bauern, Knechte und Mägde der Badgesellschaften und die simplen Passagiere3 vor, weist ihnen ihre Plätze an, und nur zuletzt fördert er die vornehmen Herren und Damen auf die hintersten Sitze, hinter welchen er gewöhnlich selbst das Steuer führt, von wo aus man die ganze Schiffsgesellschaft übersehen kann und wo man auch bei der Fahrt durch den Kessel weniger von den plätschernden Wellen bespritzt wird.
Eine Menge Zuschauer steht auf der Landveste. Verwandte und Bekannte der Abfahrenden, Neugierige, die das Gewühl herbeilockt, Vorübergehende, die verweilen, bis das Schiff vom Land stösst. Das Ganze ist bei heiterem Wetter ein buntes, fröhliches, malerisches Schauspiel.
DIE WASSERFAHRT
Sowie ein Nachen vollgepfropft ist, wird er umgewendet und gegen den Wollenhof gelenkt. Da ergreift ihn die Gewalt des reissenden Stromes. Die Schiffsleute brauchen nicht zu rudern, sie haben genug zu tun, nur immer genau die Richtung zu beobachten, welche das Fahrzeug nehmen soll, um nicht gegen Pfähle und Mauern zu stossen. Sie sind sehr vorsichtig, und dass sie sich nicht etwa vor der Abfahrt berauschen, dafür hat der Schiffsmeister bei Eid und Pflicht und schwerer Verantwortung zu sorgen.
Eine reizendere Wasserreise als diese ist kaum denkbar; sie lässt sich im Kleinen mit der Rheinfahrt von Mainz bis Köln vergleichen. Wie ein Pfeil vom Bogen geschnellt, fliegt der leichte Nachen auf blaulichen Wellen dahin. Die Gegenstände wechseln jede Minute; kaum hat man eine bedeutende Stelle erreicht, so verschwindet sie wieder, verdrängt von einer andern, die das Auge auf sich zieht. Von der Landveste ausgelaufen, befindet man sich schon im Hui an der Spitze des Ötenbachergartens bei der Papiermühle, wo am Abend des 22. Heumonats 1350 vor der Mordnacht der besonnene Fischer Bachs den verräterischen Grafen von Toggenburg mit seinen beiden Gefährten in die Fluten versenkte und sich dann von seiner Obrigkeit die silbernen Panzerschuppen der von ihm in der Reuse gefangenen Fische zur Belohnung erbat. Nicht vergebens heisst diese Stromgegend die Schnelle. Man hat sich kaum bedacht, so ist man schon unterm langen Steg dahin und schwebt längs den schattigen Lindengängen des Schützenplatzes, an dessen Spitze der Sihlstrom sich mit seiner jugendlichen Braut, der Limmat, vermählt. Ade, Zürich!
Wer etwa dort oben im Beckenhofunter dem dunklen Kastaniengewölb eine befreundete Gestalt erblickt, winkt wohl mit weissem Tuch hinauf. Aber kaum hat man den Gegengruss aufgefangen, so ist der Beckenhof verschwunden, und wie das Leben im Zauberstrahl der Jugend eilt der Nachen weiter und weiter, vorbei an schönen Fabrikgebäuden, die rechts und links am Ufer stehen, wo Kattun gedruckt, geklopft und in der Limmat reingewaschen wird.
Der Kirchturm von Wipkingen, der aus Obstbäumen hervorragt, ist schon hinter uns. Links zeigt sich der Hardturm, früher auch Schwedenturm genannt, wo vor Zeiten eine Brücke stand, deren Zoll den Freiherren von Regensberg gehört hatte. Als am 24. Heumonat 1343 die angeschwollene Limmat den Gasthof zum Schwert und mehrere Mühlen aus Zürich wegschwemmte, zertrümmerten diese die Brücke, und die Regierung verordnete, dass von nun an zwischen dieser Stadt und Baden keine Brücke mehr solle errichtet werden. Als Herzog Albrecht im Jahr 1352 Zürich von der östlichen Seite belagerte und dort wenig ausrichtete, beschloss er, die Stadt von der Sihlseite anzugreifen, und liess zu diesem Ende wieder eine Brücke gegen den Hardturm schlagen. Die Zürcher aber zerstörten dieselbe durch Flösse, welche sie auf der Limmat hinabschwimmen liessen, und seither ist keine mehr hier gestanden. Jetzt stellt in friedlichern Zeiten eine Gesellschaft agronomischer Freunde in dieser Gegend auf zürcherischem Stadtgemeindeboden fellenbergische Experimente an und benutzt den Turm als Landsitz.
Die südliche Seite des anmutigen Hönggerbergs ist auch schon zurückgetreten. Die Kirche von Höngg winkt vergebens auf ihrem Rebhügel, wir haben jetzt nicht Zeit, dort vom Friedhof die herrliche Aussicht zu bewundern. Der Strom zieht uns vorbei an den Getreide- und Pulvermühlen, vorbei an den reizenden Wiesen, Obst- und Weingärten, an schattigen Wäldchen, an Landhäusern und malerischen Hütten unter alten Nussbäumen, von Weiden umzäunt. Da kommen wir an eine Stelle beim Landsreinwuhr, wo die Limmat sich nach links biegt. Es liegen Steine im Wasser, die Wellen schäumen und spritzen. «Ist das der Kessel?», rufen die Kinder. Aber sie haben kaum gefragt, sind wir schon vorbei. Es war nur ein Vorspiel dessen, was weiter unten auf uns wartet.
Dort strebt ein Türmchen auf klösterlichen Dächern empor.93 Hier ist das Fahr. Hier wohnen die armen blassen Nonnen und beten und singen und sticken und tändeln ihr freudloses Leben dahin. Nur an seltenen Festtagen und wenn sie etwa zur Ader gelassen haben, ist ihnen vergönnt, sich im Freien zu ergehen und am Ufer des Flusses unter ihren Fruchtbaumalleen an der Seite eines gefälligen Propstes oder Beichtvaters zu lustwandeln. Ach, es ist ihnen wohl besser, dass sie das fröhliche Leben nicht sehen, das so rasch auf tanzenden Fluten vorüberschwebt, weil sie doch nicht mit uns nach Baden fahren, sich nicht mit uns erlustigen dürfen und verurteilt sind, auf der gleichen Stelle zu harren, in stiller Betrachtung, in heimlicher Sehnsucht, in trostlosem Leiden, bis der himmlische Bräutigam kommt, sie aus dem Kerker zu erlösen.
So schnell zieht uns die Limmat fort, dass wir über dieser wehmütigen Erinnerung an die guten Nonnen versäumten, die Stelle zu bemerken, wo unten am Kloster einst das Städtchen Glanzenberg stand, das der listige und tapfere Graf Rudolf von Habsburg als Hauptmann der Zürcher im Jahr 1268 eroberte und verbrannte. Man entdeckt unter wildem Gesträuch noch Spuren von dem verschütteten Gemäuer. In dieser Gegend hat vor ungefähr 20 Jahren ein ausgewanderter französischer Bernhardinermönch, der nebst zwei anderen Geistlichen bei den Nonnen eine Zuflucht gefunden, aus Dankbarkeit und zum Zeitvertreib ganz allein und ohne Gehilfen eine lange Strasse über die Klostergüter gebaut, mit Kies überführt und mit nützlichen Kirschbäumen eingefasst. Seine beiden Gefährten, weniger emsig, beteten fast immer und standen dafür bei den Nonnen in höherem Ansehen. Nach Verfluss einiger Jahre kehrten alle drei in ihr Vaterland zurück. Die Erinnerung an die müssigen Beter ist erloschen, indes der Arbeitsame sich selbst ein bleibendes Denkmal gestiftet. Das war doch einmal ein nützlicher Emigrant!
Hier beginnt das Wasser etwas ruhiger zu fliessen, die Gegend wird allmählich flacher, der breitere Strom nimmt in seine kühlen Arme mehrere kleine Inselchen auf, die mit Weidengestrüpp bewachsen sind, und wir können mit Musse den Punkt betrachten, wo im Jahr 1799 der französische Feldherr Massena am 25. Herbstmonat bei Dietikon eine Schiffsbrücke über die Limmat schlug, die Russen auf dem rechten Ufer überfiel, wie eine verheerende Lawine sich wieder über die Stellungen verbreitete, die er am 6. Brachmonat, von den Österreichern bedrängt, verlassen hatte, und dann durch die berühmte zweitägige Schlacht bei Zürich das Schicksal von Europa zugunsten seiner räuberischen Regierung wieder für mehrere Jahre entschied. Rechts im Niederholz liegen viele Hundert Russen begraben, welche zu schwach und des Krieges mit den leichtfüssigen Franzosen noch nicht kundig, beim ersten Anlauf den Tod fanden. Indes der Nachen sanfter dahingleitet, kann man sich gemächlich umsehen und rückwärts auf den alten Uto blicken, welcher von hier aus, im Profil gesehen, seine bedeutende Form ganz verloren hat und als eine mässige Anhöhe erscheint. Die waldbewachsenen Hügel und Berge zur Rechten wechseln in mannigfaltigen Abstufungen, indes die Aussicht zur Linken weniger malerisch ist. Die Schiffsleute erlauben sich, hier ein bescheidenes Gläschen des mitgenommenen Weins zu trinken, und die Frauenzimmer packen Äpfel und Weggen aus ihren Arbeitsbeuteln und geben den Kindern zu naschen.
Aber bald nachdem man bei Oetwil an der grössten Limmatinsel vorbeigekommen, beginnt das Wasser wieder eilfertiger, das linke Ufer romantischer zu werden. Die Führer ergreifen die Ruder wieder und verdoppeln ihre Achtsamkeit. Höflich ersucht der Schiffsmeister die Damen, welche etwa ihre Sonnenschirme offen haben, sie niederzulegen, damit er ungehindert die gefährlicher werdende Fahrt lenken könne. Dort oben glänzt auf sonnigen Weinhügeln die Würenloser Trotte, ein schönes lustiges Gebäude mit einem Wohnboden. Warum dieses auf den reizendsten Punkt hingestellte Haus vom Pöbel das Narrenhaus genannt wird, habe ich nicht erfahren können. Im Herbst beziehen und lassen die Wettingermönche dort ihren Weinzehnten keltern.
«Wir sind am Kessel! Da ist der Kessel!», ruft einer dem andern zu. Die Kinder kreischen auf; sie haben so viel von den Gefahren des Kessels gehört, dass sie furchtsam sich an die Mutter drängen und anklammern und wähnen, schon in der nächsten Minute vom gähnenden Rachen eines nasskalten Todes verschlungen zu werden. Ist etwa ein artiges, ängstliches Bernermädchen mitten im Schiff, dem auch vor dem schrecklichen Kessel graut, und sitzt vielleicht ein junger Herr neben dem zagenden Kinde, wer wollte es ihm verargen, wenn er sich flugs entblödet, schützend und tröstend den Arm um die schlanke Gestalt zu schlingen, bis die Charybdis bezwungen ist? Die Wellen schlagen wie mit Hämmern an die Bodenplanken des Schiffes, heben es ein paarmal auf, lassen es wieder sinken, bespritzen die Reisenden, welche vorn sitzen ein wenig im Fliehen. Es sind zwei Augenblicke, und sogleich schwimmt der Nachen wieder so sanft wie zuvor dahin – der Zorn des Flussgottes hat sich gelegt, die Gefahr ist überstanden und die Furchtsamsten sind die Ersten, welche über ihre vergebliche Angst lachen.
Was ist denn dieser Kessel, von dem so viel Abenteuerliches erzählt wird? Ein paar grosse Felsbrocken ragen aus dem Wasser hervor, an welchen sich die Wellen mit Ungestüm brechen, der Fluss biegt sich plötzlich nach links und bildet beinahe einen rechten Winkel, das ist alles. Freilich muss der Schiffer genau den Punkt kennen, wo er sicher hindurch kann. Kundigen und nüchternen Fahrleuten ist noch nie ein Unglück begegnet. Im Winter, bei niederem Wasserstand, könnten die Steine ohne grossen Aufwand weggesprengt werden; allein, fast wäre es schade, denn es gibt immer Spass im Schiff, wenn es auf diesen Punkt kommt.
Indes vom Kessel geschwatzt wird, sind wir schon bedeutend weiter geschwommen, denn der Strom – wie das Genie nach bezwungenen Hindernissen – ist wieder in vollem Zug und reisst uns unaufhaltsam mit sich fort. Die schroffen Ufer drängen ihn enger zusammen und verdoppeln seine Schnellkraft. Die Gegend wird wilder. Weisse Möwen und Fischreiher fliegen durch die blaue Luft und lauern auf Raub.
Wir begegnen einigen Nachen, welche von den Schiffern mühsam stromaufwärts gestossen werden, weil die Beschaffenheit der Ufer die Veranstaltung von Reckwegen unmöglich macht. Die armen Leute schwitzen und stöhnen bei ihrem sauren Geschäft. Wenn sie drei Ruderlängen vorwärts gestrebt sind, reisst sie das Wasser wieder um zwei rückwärts. Sie sind gestern in zwei Stunden von Zürich nach Baden gefahren, jetzt brauchen sie bei grossem Wasser wenigstens 18 Stunden, um sich wieder nach Zürich hinauf zu arbeiten. Es geht ihnen wie tausend Menschen, denen, verwöhnt durch eine fröhliche, sorgenfreie Jugend, der Kampf mit den Wogen des Schicksals im Alter doppelt beschwerlich wird. Sie erreichen den Hafen der Ruhe nur spät und müde, um sich da entkräftet wieder zu finden, von wannen sie rüstig und hoffnungsvoll ausgelaufen sind.
Nun zeigt das Kloster Wettingen seine veralteten Mauern. Der Anblick von Ruinen abgebrannter Wirtschaftsgebäude ist wenig anziehend, und der Vorübereilende ahnt kaum, wie behaglich sich im Innern des Gotteshauses bei den wackeren Zisterziensern leben lässt. Der Protestant muss wie der Katholik vor diesem Gehöfte sich zu einem Bückling bequemen, um nicht mit dem Kopf an das dicke Tau zu stossen, welches, von einem Ufer zum andern gespannt, eine fliegende Brücke hin- und herlenkt.
Unter dem Kloster windet sich der gedrängte Fluss durch gelbliche Klippen. Seine Gewalt hat sie platt gewaschen und unterhöhlt.
Noch eine Weile, und indem wir in grünen Umgebungen rechts einbiegen, sehen wir auf hohen Felsen die Trümmer des alten Schlosses. Dann erscheint das Türmchen der Kapuzinerkirche, der Turm des Bruggertors, und endlich ragt aus den Häusermassen der Stadt Baden das bunte Schieferdach des Kirchturms empor, welchen die Kinder den Krälleliturm heissen. Rasch geht es am neuen Schloss unter der schönen Brücke weg, zum Glück so schnell, dass wir die hässliche Hinterseite alter Wohnungen nicht genauer unterscheiden können; vorüber am Schützen- und Komödienhaus, nach welchem hinauf die Kinder mit Sehnsucht blicken, vorüber an der heiteren reformierten Kirche, der Öltrotte und der bescheidenen Verenakapelle – und da breiten die Bäder sich auf beiden Ufern vor uns aus. Wir sind da. Willkommen in Baden!
ANKUNFT
Auf der mit Pappeln bepflanzten Terrasse unter der Anfurt haben schon lang viele Leute auf die Schiffe gewartet. Da erblickt man geputzte Frauenzimmer mit Sonnenschirmen und bunten Tüchern, Herren und Kinder, Bauern und Gesinde. Sie harren alle auf Verwandte und Freunde, die auf Besuch kommen sollen, oder auf Briefe, oder auf mancherlei notwendige Dinge, die man in Baden für kein Geld bekommen kann und sich von Zürich verschreiben muss.
Tanzlustige Schönheiten, welche unter dem Vorwand, Nachrichten von zu Hause zu erhalten, ans Ufer mitgekommen sind, mustern mit neugierigen Blicken die Schiffsgesellschaft und spähen, ob ihre Lieblingstänzer Wort gehalten und sich zum Staadhofball einfinden. Wie glücklich, wenn das sehnende Herz doch nicht vergebens pochte!
Badwäscher, Landjäger und kleine Jungen stehen am Landungsplatz, das Gepäck der Ankommenden in Empfang zu nehmen und an Ort und Stelle zu befördern. Kaum hat die Spitze des Nachens das Ufer berührt, so krabbelt alles darin durcheinander, jeder will zuerst hinaus. Es dauert eine gute Weile bis der Schiffsmeister bezahlt und der Ballast herausgehoben ist. Dann sucht jeder seine Wohnung, und die Menschenmenge verteilt sich in die verschiedenen Höfe und Häuser. Auf der rechten Uferseite in den Kleinen Bädern kehren wir nicht ein; selten wird jemand aus den höheren Ständen dorthin verschlagen, der die Kur durchaus brauchen soll und in den Grossen Bädern keinen Platz mehr fand.

Von der Anfurt gegen die Stadt.
Wir haben im Hinterhof bestellt und wollen uns erst dort einrichten, bevor wir alles Übrige in Augenschein nehmen.
EINZUG UND EINRICHTUNG IM HINTERHOF
Wer den im Hinterhof einquartierten, mit Neugier behafteten Damen eine Freude machen will, sollte eigentlich im Wagen ankommen. Sowie ein Fuhrwerk durchs Tor rollt, gehen überall die Fenster auf. Die Köpfe, wenn auch mit unvollendetem Lockenbau, streben auf verlängerten Hälsen hervor. Die oft mit Gläsern bewaffneten Augen begrüssen, je nach dem Gegenstand, mit freundlichen oder feindlichen Salven die Ankömmlinge, welche durch die Spiessrutengasse der spähenden Blicke ihren Einzug halten.
Dieser Heerschau entgehen die, welche im Schiff ankamen und geräuschlos und bescheiden zu Fuss den von mancherlei Gebäuden eingefassten Hof betreten, wenn nicht der polternde Schubkarren, auf welchem der Badwäscher das Gepäck zuführt, oder die Glocke, welche der Kellnerin die Ankunft neuer Gäste meldet, einige Zuschauer ans Fenster lockt.
Freundlich wird man vom Herrn Wirt und seiner Frau empfangen,48 allein die Sorge für die Einrichtung der Gäste überlassen sie der Kellnerin und dem Badwäscher, welche Hauptpersonen sind. Um den Letzteren für sich zu gewinnen, drückt man ihm etwas in die Hand und ist dann auch immer sicher, ordentlich und gefällig bedient zu werden. Man kommt nun in das bestellte Gemach, das, oft nur flüchtig gekehrt, noch mancherlei Spuren seiner letzten Besucher enthält. Ein solches Gemach besteht gewöhnlich aus zwei, drei bis vier Zimmern mit nackten Gipswänden, denn Tapetenluxus ist hier nicht üblich. Dazu gehört eine kleine russige Küche und ein geräumiges Bad. Nur ein paar dieser Wohnungen haben Öfen, Kamine sind nirgends anzutreffen.
Die Gemächer haben, wie bekannt, nebst den dazu abgeteilten Bädern keine Nummern, sondern alle eigene Namen, zum Beispiel das Hölderlein, die Schneckenlaube, das Fälklein, die Herzogenstube, das Friesenbergli, der Kleine und der Grosse König (vor welchen beiden Monarchen ich wegen ihres beträchtlichen Hofstaats von Mäusen eine ehrfurchtsvolle Scheu hege), das Köpflein, das Mühlrad, das Pflüglein und so weiter.
Der im Jahr 1778 aufgeführte, noch jetzt so genannte Neue Bau enthält die bequemsten Wohnungen und ist am regelmässigsten eingerichtet. Dass man in diesem Hause nur aus den schlechtern Gesindekammern auf die blaue fröhliche Limmat und die grünen Rebhügel jenseits sehen kann und die besseren Herrschaftszimmer alle gegen den Hof gerichtet sind, darf wohl nicht getadelt werden, indem diese Unordnung dem Geschmack der meisten Gäste entspricht, welche gern ihre Neugier über die Ab- und Zugehenden mögen walten lassen.
Das in einem gegenüberstehenden Gebäude befindliche Fälklein ist auch besonders empfehlenswert.
Meine Lieblingswohnung liegt am hintersten Ende des Hofes in einem einsamen Gebäude, das die Jahrzahl 1550 am Eingang trägt und die hintere untere Laube heisst. Von allem Geräusch und Zudrang geschieden, kann man nirgends so ungestört wie da seiner Gesundheit und Bequemlichkeit pflegen. Aus den nach Westen gerichteten Fenstern des grossen heiteren Hauptzimmers ruht der Blick im schattigen Grün der Matte aus oder verfolgt die Limmat auf ihrem flüchtigen Zuge bis unter Rieden; und wenn am Abend die Glut der sinkenden Sonne über den Wellen schwebt, ist hier ein wahrer Dichtersitz. Leider schliessen die Türen und Fenster dieser lieblichen, aber veralteten Wohnung schlecht, bei Wind und Regen ist man darin nicht zum Besten aufgehoben, und auch hier treiben die Mäuse gewaltigen Spuk.
Überhaupt ist sehr zu bedauern, dass mit Ausnahme des Neuen Baus die meisten Häuser des Hinterhofes im Laufe der Jahre in allmählichen Verfall geraten sind und auch das darin vorhandene Gerät die Bedürfnisse der Zeit nicht mehr befriedigen. Tische, Stühle und Schränke sind grösstenteils schwerfällig, alt und abgenutzt. In den älteren Zimmern findet man auf den ungeheuren Bettstellen noch nicht überall Matratzen und muss auf erhitzenden Federn und unter einer ähnlich schweren Decke liegen, die wie der Alp auf den Magen drückt. Wenn der Wirt auch den guten Willen zeigt, da wo keine Matratzen sind, aus andern Zimmern welche herbeizuschaffen, so kann er doch einem solchen Wunsch nicht entsprechen, wenn alle Gemächer besetzt sind, und so tut man wohl, seine eigenen Betten mitzubringen, auch Wandschrauben, um Kleidungsstücke daran zu befestigen, einige Bücher Papier, um das Innere der Schränke reinlich zu bekleiden, und Vorlegeschlösser, um seine Wohnung abschliessen zu können, da viele Türen entweder gar keine Schlösser oder statt Schlüsseln nur Drücker zum Wegnehmen haben, welche dem Ein- und Ausgehenden immer nachfallen.

Aus der untern Laube gegen die Matte.
Im Badgewölbe ist zur Bequemlichkeit auch nichts vorhanden als eine alte Bank und an der Mauer ein Rechen mit Pflöcken zum Aufhängen der Wäsche.4
Wenn man den Verfall betrachtet, in welchen der Hinterhof bereits geraten ist, so möchte man wähnen, es fehle dem Besitzer an Mitteln, diese noch jetzt ihrer Lage wegen vorzügliche Anstalt wieder emporzuheben. Das ist aber nicht der Fall, die Sache hat einen ganz anderen Grund:
Der Hinterhof, welcher in den ersten Zeiten der Christenheit der Drei Küngenhof, im Mittelalter der Herzog von Österreich Hof hiess, ward von diesen fürstlichen Eigentümern in ein Hand-, später in ein Erblehen verwandelt. Als im Jahr 1415 die Grafschaft Baden mit allen ihren Rechten und Freiheiten an die Eidgenossen überging, wurden dieselben Eigentümer und Lehensherren dieses Hofes, und mit Zustimmung der übrigen sechs mitregierenden Stände Bern, Luzern, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus übertrugen Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich auf St. Pelagientag 1434 durch eine noch vorhandene Urkunde dieses Erblehen, Häuser, Bäder, Güter, Mobilien und alles Zubehör an Hans Klingelfuss, Hans Ulrich, seinen Bruder, Margaretha Schwarzmurerin, Ulrich Klingelfussens Tochter, und Clevi Wirz um einen jährlichen und ewigen Zins von 160 Rheinischen Gulden, und zwar unter dem Namen des Schinderhofes, unter welchem derselbe lang bekannt war; nicht etwa, weil unsere Alten vielleicht von einem unbilligen Wirt darin geschunden wurden, sondern nach dem Namen eines früheren Lehenmannes, der Schinder hiess, welches Geschlecht der Stadt Baden längst erloschen ist. In den Leuischen Manuskripten auf der Zürcher Stadtbibliothek wird dieses Lehens auch unter dem Namen Schinderhof gedacht und dabei bemerkt: «Weilen aber diese Expression in delikaten Badeohren etwas zu hart klingt, hat man Hinderhof daraus gemacht.»
Nachdem dieser Schinder- oder Hinterhof als Erblehen aus einer Hand in die andere geraten, kam selbiger endlich durch Heirat in das Geschlecht der Falken an die Familie Dorer, ward nun gar noch in ein Erb-, Mannsund Familienlehen oder Fideikommiss verwandelt und blieb es auch ungeachtet aller Revolutionen bis auf den heutigen Tag. Die Regierung des Kantons Aargau bezieht davon jährlich 240 Gulden Zins.
Der jetzige Besitzer des Hinterhofs hat nur Töchter und keinen Sohn. Nach seinem Tod fällt die ganze Anstalt auf eine andere Linie der Familie, darum kann und mag er weder bauen noch Betten und neues Gerät anschaffen. Das Kapital, welches er auf die nötigsten Verbesserungen verwenden müsste, wäre für seine Kinder grösstenteils verschleudert und käme lachenden Erben zugut. Seit mehreren Jahren wohnt er in der Stadt, wo er sich zur Ruhe gesetzt, und hat die Badwirtschaft einem Tochtermann verpachtet. Sollte dieser bauen und anschaffen? Ich frage, was kann man, ohne unbillig zu sein, von einem Afterlehenmann fordern, welcher die Wirtschaft abgeben muss, sobald der Schwiegervater die Augen schliesst? Jeder Nagel, den er einschlägt, ist für ihn verloren und trägt ihm keinen Zins mehr ein, wenn er von dem Lehen abgezogen ist.5
Das ist der Fall bei jedem Fideikommiss. Alle aufgeklärten Regierungen sollten dergleichen Familienverordnungen, deren Nachteil sich immer im Verfolg der Zeiten zeigt, die lauter Zankäpfel sind und alle Industrie hemmen, ein für allemal verpönen.
Nur teilweise liesse sich schwerlich mehr etwas am Hinterhof erneuern und verschönern, weil wenigstens die älteren Gebäude durch ihre Anlage schon und noch mehr durch ihre Baufälligkeit das daran zu verwendende Geld kaum wert wären. Die herrliche Lage, das kostbare Wasser schreien laut nach einer ganz neuen, von Grund aus veränderten Einrichtung. Dieser Hof hat voraus allen andern den grössten Flächeninhalt und Wasser zu 30 Bädern, welches ebenso gut 40 füllen könnte. Ein reicher Privatmann oder eine Gesellschaft verständiger Aktionäre könnten da eine gute Spekulation machen, wenn sie der Familie Dorer das Lehensrecht abzukaufen trachteten und diese, welche doch über kurz oder lang einmal beträchtliche Bauten unternehmen muss, wenn nicht alles zugrunde gehen soll, würde auch besser bei einem solchen Verkauf fahren. Der Zins des Kaufschillings könnte ja, wenn das Fideikommiss in veränderter Gestalt doch fortdauern müsste, dem Ältesten zufallen, der, aller Sorge über den Hof enthoben, eine wahre Präbende dadurch bekäme. Die Kantonsregierung würde gewiss auch eine solche Spekulation, wodurch die Gebäude neu aufgeführt würden, begünstigen, vielleicht gar ihr Lehensrecht verkaufen, und ganz Baden könnte durch eine solche Wiedergeburt gewinnen.
Ich möchte wohl beim Abbrechen des alten Gebälkes und Gemäuers zugegen sein, es wäre ein lustiger Anblick. Hu, wie würden da am hellen Tag die Fledermäuse emporflattern aus ihren Nestern, in welchen sie seit Jahrhunderten ihr Monopol ausübten! Nur durch grosse, allgemeine Massregeln könnten auch die Mäuse und die Ratten, die Flöhe und Wanzen aus ihren verjährten Schlupfwinkeln ganz vertrieben und ausgerottet werden.
Aber warum gehen denn viele von uns Zürchern doch immer noch gern und oft sogar vorzugsweise in den Hinterhof? Es ist eine alte Gewohnheit. Vor Zeiten, wo alles anders und besser war, wie späterhin gezeigt werden soll, ward der Hinterhof als die geräumigste Badanstalt von allen Leuten besucht, die sich auf ihren Stand und Rang in der Gesellschaft etwas einbildeten. Hierher kamen nur selten Bürger aus den unteren Klassen, man geriet mit ihnen in keinerlei Berührung.
Das Vorurteil dieser alten Standesmässigkeit hat sich zum Teil noch bis auf unsere Zeiten erhalten. Der Adel wohnte von jeher lieber in berühmten, wenn auch engen und zerfallnen Burgen als in neuen, heiteren und gemächlichen Bürgerhäusern. Dann gewähren die vereinzelten, ein abgesondertes Ganzes für eine Familie bildenden Gemächer mit eigener Küche, wo das Frühstück und den ganzen Tag über warmes Wasser nach Belieben bereitet werden kann, die freundliche Nähe der Matte und viele andere kleine Bequemlichkeiten, bei aller Baufälligkeit und dem Mangel an aller Eleganz, bedeutende Vorteile. In keiner der hiesigen Badanstalten kann man so stille leben und seiner Willkür pflegen wie hier. Man richtet sich seine Haushaltung so wohlfeil oder kostspielig ein, als man es wünscht. Da im Hinterhof noch immer die Mehrzahl der Gäste allein speist, so erhält man gerade die verlangte Zahl Gerichte aus der Küche, und dann muss man dem Wirt die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass seine Preise für Zimmer und Lebensunterhalt äusserst billig sind. Für die Bäder wird in Baden nirgends etwas anderes bezahlt als das Trinkgeld, welches man dem Badwäscher am Ende der Kur verabreicht.
Ist man einmal eingerichtet, was jedoch mehrere Stunden erfordert, besonders wenn man eine zahlreiche Haushaltung mitgebracht hat, so sieht man sich gern ein wenig um; und so wollen wir auch eine kleine Runde in der Nachbarschaft machen.
ÜBERSICHT ALLER ÄNDERN GASTHÖFE UND BÄDER
Wenn wir aus dem Tor des Hinterhofes treten, könnten wir sogleich links einbiegen und uns an dem grossen Stein vorbei, unter welchem der dorerische Wassersammler verborgen liegt, nach den öffentlichen Bädern wenden; allein dieser Seitenweg ist ein enges, stinkendes Winkelgässchen, voll Mist und Unrat, eine wahre Gurgelschneide (Coupe-gorge). Wir gehen also lieber auf der Hauptstrasse geradeaus, zwischen dem Grossen und Kleinen Bären.
Diese sind keine himmlischen Gestirne, sondern alte Gebäude wie der Hinterhof, nur nicht so geräumig, und müssen die Gäste darin wie in jedem anderen Wirtshaus nahe beisammen wohnen. Das wohltätige Wasser füllt hier 14 geräumige Bäder, welche, so wie jede Kammer, über die Kurzeit alle besetzt sind. Dieser Gasthof hat von alters her einen guten Ruf. Der jetzige Wirt ist auf bedeutende Verbesserungen bedacht und wird bald die Zahl seiner Bäder noch vermehren. Unter dem Kleinen Bären können keine angebracht werden, und um sich derselben zu bedienen, muss man entweder über eine auf dem zweiten Stock neu angelegte Verbindungsgalerie oder über die Strasse in das Haus zum Grossen Bären gehen. Von hier kommen wir an den Ochsen. Dieses Haus ist nach den beiden grossen Höfen eines der reinlichsten und hat gegenwärtig 13 Bäder. Hier kehrt gewöhnlich die wohlhabende Mittelklasse ein. Auf der Bank an der Strasse sieht man noch wie sonst vor Zeiten überall ehrenfeste Herren und Bürger behaglich sitzen, in schönen geblümten Schlafröcken und feinen weissen Tirolermützen. Schade, dass man in diesem Gasthof überall von Gebäuden umgeben ist und nirgends in die freie Natur hinausblicken kann!
Am Ochsen vorbei biegen wir links durch ein enges, schlecht gepflastertes Gässchen hinab und kommen nun auf den Platz der öffentlichen Bäder. Zur Rechten ist das Haus zur Blume, wo sonst nur wohlhabende Landleute und kleine Bürger einkehrten. Der verständige Wirt hat diesen Gasthof kürzlich erneuert, statt der acht ältern nunmehr 17 wohleingerichtete Bäder angelegt und wird von seinen zweckmässigen Veränderungen bald bedeutenden und wohlverdienten Vorteil ziehen.
An der östlichen Seite des Platzes, hinter dem Freibad, steht der Rabe mit 13 Bädern. In diesem Haus sind ein paar empfehlenswerte, reinliche, äusserst bequeme Zimmer, welche sich vor den übrigen vorzüglich auszeichnen. Bedienung und Tafel sollen hier gut, die Gesellschaft gewöhnlich sehr gemischt sein. Hinter diesem Haus gegen die Limmat sind unter den Ablassrinnen der Bäder seit Jahrhunderten grosse Massen von Badstein entstanden, welche wie Stalaktiten aus dem Wasser emporragen.
Der Flor der verschiedenen Gasthöfe stieg und sank abwechselnd, je nach der Industrie der Wirte. Das Haus zum Raben oder, nach schweizerischer Mundart, Rappen stand in der Mitte des 17. Jahrhunderts in solchem Ruf, dass demselben nach alle Bäder und selbst die Stadt im Buch A Complete System of Geography (London 1767) irrigerweise «Rappen» genannt wurden, und auch in Blainvilles Reisen (Lemgo 1764) «die Bäder von im Rappen» als der einzige Namen aller hiesigen Anstalten angegeben ist.
Hinter dem Verenabade bildet der Gasthof zur Sonne einen rechten Winkel, unter welchem das vorhin erwähnte dunkle, stinkende Gässchen gegen den Hinterhof führt. Wenn das Licht dieser Sonne auch nicht blendend leuchtet, so zieht sie doch viel Wasser, denn hier sind schon seit vielen Jahren 14 Bäder zu finden.
Bevor wir in den Staadhof einkehren, wo so viel zu beobachten ist, dass wir uns etwas lang darin verweilen werden, wollen wir noch erst einen Blick auf die beiden öffentlichen Bäder werfen.
Das Heilige oder Verenabad, ist über seiner Quelle selbst gebaut, und das warme, herrliche Wasser sprudelt unaufhörlich aus den Tiefen der Muttererde in dasselbe herauf. Hier können 80 bis 100 Personen beisammen unentgeltlich baden und das wohltätige Heilmittel für so viele Gebrechen aus den Händen der Natur empfangen. Die erste Einrichtung dieses Bades rührt wahrscheinlich noch von den Römern her.
Hier soll in den frühesten Zeiten der Christenheit gegen Ende des dritten Jahrhunderts die fromme Magd Verena, aus Afrika hergekommen, die Armen und Kranken verpflegt und ihnen das Bad bereitet haben; darum trägt es auch den Namen dieser heiligen Jungfrau. Ihr kunstlos geschnitztes Bild steht auf einer Säule mitten im Wasser und wird alljährlich an ihrem Fest, welches die Katholiken am 1. Herbstmonat feiern, mit einem Blumenkranz geschmückt und acht Tage und Nächte hindurch mit fünf geweihten Kerzen beleuchtet. Der Altertumsforscher Herr Professor Altmann in Bern hat zuerst im Jahr 1721 in seinen Observationes philologico-criticae ad varia sacra et profana loca ex antiquitate illustranda behauptet, und viele andere Gelehrte schrieben es ihm auf Treu und Glauben nach, dieses Bild habe ursprünglich die Isis dargestellt. Dass in dieser Gegend einst ein Isis-Tempel gestanden, lässt sich wohl nicht bezweifeln, denn am Kirchturm des benachbarten Dorfes Wettingen sieht man noch jetzt eine Steinschrift eingemauert, welche also lautet:
DEAE ISIDI TEMPLUM A SOLO L ANNVSIVS MAGIANVS DE SVO POSVIT VIR AQVENS B AD CVIVS TEMPLI ORNAMENTA ALPINIA ALPINVLA CONIVNX ET PEREGRINA FIL. XC DEDE RVNT LDD VICANORVM.6
Herr Professor Altmann hat dieses wohlerhaltene, fünf Fuss breite und zwei Fuss hohe Monument beschrieben und erläutert, ging aber in seinen Mutmassungen noch weiter und wollte mit seinen kritischen Augen sogar im Bilde der heiligen Verena noch eine Isis erkennen, weil dasselbe ein Gefäss und einen Kamm trägt. Er führte eine Stelle Virgils an: «lsis sistellam sinistra manu gerit», fügt dann hinzu «in manu dextra pectinem habet» (Aeneid. VIII) und belegt seinen Satz aus dem Apulejus (Metam. XI): «Mulieres in pompa Isidi pectines eburneos ferentes, ut gesta brachiorum, flexusque digitorum, ornatum atque oppexum crinium regalium fingerent.» Nun aber mag die Isis auch noch so oft mit einer Urne dargestellt worden sein, so hat man doch ihr Bild nie mit einem Kamm in der Hand gesehen. In P. Montfaucons Werken, in Caylus’ Recueil d’Antiquités, im pio-clementinischen und dazu gefügten chiaramontischen Museum findet man die Isis mannigfaltig dargestellt, auch eine Nachbildung der in Rom gefundenen Isistafel, aber nirgends die geringste Spur eines Kammes, und wenn auch nach dem Apulejus die das Isisfest begehenden Priesterinnen elfenbeinerne Kämme führten, so beweist dieser Umstand doch nicht, dass der Kamm ein Attribut der Göttin selbst war.
Würden aber auch die ältere Isis und die neuere Verena mit den nämlichen Attributen dargestellt, so hat dennoch Herr Altmann den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen und seine tiefe Gelehrsamkeit höchst unnütz an der heiligen Verena verschwendet, denn wenn er sich die Mühe gegeben hätte, das Bild nur in die Hand zu nehmen, so wäre er bald überzeugt worden, dass es sich unmöglich aus den Zeiten, wo die Isis angebetet wurde, bis auf unsere Tage hätte erhalten können, weil es nicht von Stein, Erz oder gebrannter Erde, sondern von Eichenholz verfertigt ist. Ich habe dasselbe aus seinem steinernen Gehäuse nehmen lassen, genau untersucht und möglichst getreu abgezeichnet. Es ist 14 Zoll 6 Linien hoch, mit Ölfarbe grob übertüncht, nicht ganz schlecht, und der ganzen Form nach zu urteilen in der letzten Hälfte des Mittelalters geschnitzt. Das lange Haupthaar ist nicht etwa mit Musa- oder Lotusblättern und Ochsenhörnern, sondern mit einfachen Rosen bekränzt. Die Krone von Golddraht und der Zweig von Flitterblumen sind Einschiebsel neuer Zeit. Das Gefäss, welches die Heilige in der linken Hand trägt, hat eine aus der Mitte derselben hervorstehende Röhre und stellt ohne Zweifel dasjenige dar, aus welchem Verena die Armen von oben bis unten begoss, um sie zu waschen und dann mit ihrem Striegel zu kämmen, wie solches in ihrer Lebensbeschreibung von dem Karthäuser zu Ittingen Heinrich Maurer in seiner Helvetica sancta (Luzern 1648) weitläufig zu lesen ist, wo aber des Aufenthalts der Heiligen in den Bädern zu Baden keine Erwähnung geschieht. Wie und wann dieses Bild hierhergekommen ist, wird schwerlich mehr ausfindig zu machen sein.7 Ob indes die Wohltätigkeit unter dem Bild der Isis, welcher die Ägypter und nach ihnen die Griechen und Römer als Göttin der allwaltenden Natur Tempel und Altäre bauten, oder unter dem einer demütigen, den Armen dienstfertigen, christlichen Jungfrau verehrt werde, ist wohl einerlei. Alles Bildwerk dieser Art, das kunstreichste wie das roheste, ist doch nur Symbol, dessen Zweck ist, an das Göttliche zu erinnern, welches den Menschen in der Natur erfreut und stärkt und erhebt über das Leiden des Lebens. Und so ist dieses Bad mit seinem bescheidenen, veralteten Bild immer ein Heiligtum, ein Tempel der Natur, weil viele Tausend arme, elende, vom Schicksal unbegünstigte Menschen darin Gesundheit und die Kraft wieder finden, sich durchzukämpfen über die Dornenbahn ihres mühevollen Lebens.


In einer Ecke dieses Bades ist eine Tropfmaschine angebracht, welche jedem dient, dem der Arzt diese Kurart verordnet.
Wenn eine veränderte Luftkonstitution dekomponierend auf das Mineralwasser wirkt, dass dasselbe unfehlbar wenige Stunden bevor es Regen gibt, eine milchbläuliche Farbe bekommt, wie wenn Weingeist in Brunnenwasser gegossen wird, so ist diese Entfärbung im Verenabad am auffallendsten bemerkbar, vermutlich wegen der zufälligen Art, wie die Lichtstrahlen sich über die umliegenden Häuser brechen, deren Bewohnern diese Erscheinung immer als ein untrügliches Barometer dient.
Gegenüber ist das Freibad, nur wenige Schuhe kleiner als das der heiligen Verena und ebenfalls den Armen unentgeltlich gewidmet. In diesem Freibad wird geschröpft, was in jenem nicht geschehen darf. Diese Operation wird hier immer in Masse vorgenommen. Die Schröpfkandidaten sitzen in gedrängten Reihen nebeneinander und das Blutvergiessen geht von einem Flügel zum andern wie ein Lauffeuer. Die Schröpfer sind aber höfliche Leute, denn jedes Mal, wenn sie einhauen wollen, warnen sie den Patienten mit dem französischen Wort «Excusez!». Obgleich nun zwar durch diese Formel nichts Französisches in die Masse der Säfte dringt, so möchte doch schon manche schädliche Schärfe hier von einem Nacken auf den andern hinüber geimpft worden sein, weil die Schröpfschnäpper ohne Unterbruch darauflos säbeln, bis die ganze Badegesellschaft blutet, und erst nach ganz vollbrachter Arbeit in einem Stück weichen Talgs abgeschnellt und dadurch wieder gereinigt werden.
Der Schröpfmeister empfängt sein Amt nebst dem dazugehörigen Hause vom Stadtmagistrat auf acht Jahre um den jährlichen Zins von 60 Gulden. Er muss drei bis vier Gesellen halten. Kein anderer darf in den Grossen Bädern schröpfen. In frühern Zeiten gehörte das Recht, dieses Lehen zu vergeben, der Hoheit, welche dasselbe aber schon im Jahre 1430 der Stadt verkaufte.
Das Freibad war einst auch eine Freistätte und genoss das längst eingegangene sonderbare Privilegium, dass, wenn einer sein Leben verwirkt hatte und sich darein flüchtete, er nicht ergriffen werden durfte, solange er sich im Wasser erhalten konnte.
Im Spätjahr, wenn keinerlei Badgäste mehr vorhanden sind, wird die im hiesigen Zuchthaus verwahrte geschlossene Gesellschaft in Abteilungen ins Freibad geführt und dort von Landjägern bewacht, bis alle Züchtlinge sich nach Herzenslust gewaschen und gebadet haben, was eine wohltätige, menschenfreundliche Einrichtung ist und die sonst von Unreinigkeit entstehenden Hautkrankheiten unter diesen Unglücklichen verhüten kann.
Über diese beiden öffentlichen Bäder waltet eine Bad-Armen-Kommission von sechs Mitgliedern,33 unter welchen sich der jeweilige Pfarrer an der reformierten Kirche befindet und die noch über die Kurzeit durch Zuzug von zwei bis vier Ehrenmitgliedern aus der Zahl der angesehensten Badgäste verstärkt wird. Diese Kommission weist den Armen ihre Herberge an, führt über ihr mitgebrachtes Geld, das sie hinterlegen müssen, über die ihnen bestimmte Kost mit den Wirten getreue Rechnung und eine genaue Kontrolle über ihre Ankunft, Kur und Entlassung, versorgt sie mit Rat und Arznei und teilt nach weisen Vorschriften Brot und verhältnismässige Almosen an Geld unter sie aus. Die Kosten dieser vortrefflichen Einrichtung werden aus den Zinsen milder Stiftungen, aus Beiträgen der Stadt Baden und vorzüglich aus der Steuer bestritten, welche jeden Sonntag in allen Gasthöfen gesammelt wird. Wer sich im Bad und an der Tafel gütlich zu tun vermag, wird sein Scherflein zur Verpflegung bedürftiger Kranken umso viel lieber in die verschlossene Steuerbüchse niederlegen, als diese Gaben nicht nur höchst gewissenhaft, sondern ebenso klug und zweckmässig verwendet werden und man dadurch von aller Zudringlichkeit frei bleibt, denn es ist den Armen, welchen der Aufenthalt im Bad von der Kommission bewilligt wird, streng verboten, die Kurgäste mit Bettel irgendeiner Art zu belästigen, und in dieser Hinsicht ist die Polizei hier musterhaft. Auch werden in dieser wohltätigen Anstalt weder Fremde noch Einheimische aufgenommen, welche nicht mit einer Weisung von ihrem Bezirksarzt, einem Armutszeugnis von ihrem Ortspfarrer oder mit irgendeiner anderen amtlichen und gültigen Empfehlung versehen sind. Durch diese Massregel wird der Zudrang liederlichen Gesindels verhindert, welches ohne dieselbe den würdigern Armen und Kranken den Platz verschlagen würde.
Eine bedeutende Stiftung zu so edlen Zwecken erwähnt eine an dem Verenabad eingemauerte, marmorne Tafel, auf welcher die erbaulichen Worte mit goldenen Buchstaben stehen:
DEM ANDENKEN GEORG LÜSCHERS EINEM LANDMANN VON MÖRIKENAMTS LENZBURG DER DEN ARMEN UND NOTHLEIDENDEN IN DIESEM HEILBAD Ao. 1785 SECHSTAUSEND GULDEN VERGABET IST DIESES DENKMAL GEWIDMET.8
Hier sieht man täglich eine Musterkarte menschlichen Elendes, das aber seit wenigen Jahren den Vorübergehenden insofern entzogen ist, dass man die vorher ganz offenen Bäder mit Bretterwänden eingezäunt hat, was besonders am Schröpfbade sehr nötig war, indem der unwillkürliche Anblick einiger Dutzend nackter, mit Hörnchen besetzter blutender Rücken höchst widerliche Empfindungen erregen musste. Indes sind diese beiden Bäder noch immer nur zum Teil mit Dachungen versehen, und so werden die Badenden oft vom Regen verscheucht. In dem Badraume selbst können sie sich, weil der laue Wasserdunst die ganze Atmosphäre darin immer mehr oder minder warm erhält, bei trockenem Wetter zwar nicht erkälten, allein ausser diesem Raum, auf dem kalten Steinpflaster, wo sich die Leute ankleiden, weil sie innerhalb der Umzäunung selten Platz dazu finden und auch nie gehörig trocken gerieben werden, müssen wohl viele elende, ohnehin gelähmte Menschen ihre Übel verschlimmern und in dieser Hinsicht sollte notwendig eine zweckmässigere Einrichtung getroffen werden, was auch der Anstand dringend fordert.
Alle diese Armen finden ihre Herberge in den Wirtshäusern Zum Schlüssel, Zum Halbmond, Zum Löwen, Zur Sägessen, Zum Tiergarten, Zum Gelben Horn und Zum wilden Mann, im Notfall auch in den Privathäusern Zum Stern und Zur Tanne, welche sämtlich keine eignen Bäder besitzen.
Aber nicht nur die Armen setzen sich in das heilige Bad. Von jeher stand das hiesige Mineralwasser und vorzüglich die Verenaquelle in dem Ruf, die Fruchtbarkeit der Frauen zu fördern,9 und noch in unseren Zeiten drückt zuweilen eine vornehme junge, kinderlose Dame, zwischen Scham und Glauben kämpfend, dem Badwäscher verstohlen ein Trinkgeld in die Hand, damit er sie nächtlicherweile, wenn jedes Lauscherauge vom Schlummer geschlossen ist, in den zuvor gereinigten Raume sitzen lasse, wo sie dann, von aussen durch ihre Zofe bewacht, der alten Übung gemäss das Bein in das Verenaloch10 einsenkt und … nach glücklich vollbrachter Kur, von der heiligen Verena (?) erhört und gesegnet nach Hause kehrt. Ob hier der blosse Glaube allein selig mache, ob noch andere Haupt- und Nebenumstände erfordert werden, ob man nicht zuweilen eher die Männer bis an den Hals ins Verenaloch stecken sollte oder ob in Baden sich ohnehin gaukelnde Amorine in Gestalt kleiner Laubfrösche an die seidenen Gewänder der Schönen festklammern,11 darüber erlaube ich mir nicht einmal Vermutungen zu äussern. Und da vielleicht jetzt schon manches sittsame Frauenzimmer wegen dieser blossen Anregung stiller Mysterien erröten und die liebliche Stirn gegen mich in krause Falten ziehen möchte, so wollen wir uns geschwind in den Staadhof flüchten, dessen schöne, neu aufgeführte Fassade uns schon lang einladend entgegenglänzte.
So wie jene schmähliche Benennung Schinderhof in Hinterhof verwandelt ward, ebenso ist auch der eigentliche Name des Staadhofes schon längst unrichtig und Stadthof ausgesprochen und geschrieben worden, wogegen ein ehemaliger Besitzer desselben in einem Reim förmlich protestierte, welcher vor Zeiten in der nunmehr ganz veränderten Wirtsstube an der Wand zu lesen war:
Staad-Hoff und nicht Statt-Hoff tun heissen ich
Weil Conrad am Staad hat bsessen mich.
Conrad am Staad und Salome Schwendin 147012
Dass diese Protestation fruchtlos blieb, beweist Montaigne, der im Jahr 1580 diesen Hof «la cour de la ville» nannte. Man hiess denselben mitunter auch den Vorderen Hof. Eigentlich sollte diese Anstalt jetzt Egloffs-Hof heissen, zu Ehren des gegenwärtigen Besitzers.
Vor 30 und 40 Jahren war dieser Hof eine blosse Bürgerherberge geworden und stand dem Hinterhof in jeder Hinsicht nach, dessen vornehmere Gäste sich nur selten hierher verirrten. Nun verhält sich das anders.
Der jetzige Wirt hat Industrie und versteht seinen Vorteil. Seine Besitzung war längst kein Lehen mehr, denn nachdem Herzog Rudolf von Österreich im Jahr 1304 diesen Hof dem «Heinrich Chouffmann, Purger zu Baden», und Herzog Leupolt «anno 1396 der Anna Koufmann ze Lehen» gegeben, schenkte der nämliche Herzog Leupold «am Mittwoch nach den Oster Feiertagen 1404» mit folgenden Worten «für uns und unser Bruder, Vettern und Erben die zwei Häuser und Hofstatt mit samt den Bädern, mit Runsen und Flüssen des Kessels und auch mit den Gärten darhinder gelegen zu Nider-Baden, die uns getreu Heinrich Koufmann von Baden und seine Vorderen von Uns zu Lehen haben, wegen getreu geleisteten Diensten als Eigentum», und bestätigte diese Schenkung dem Heinrich Kaufmann noch anno 1409 durch einen zweiten Brief mit dem Beisatz: «wegen der getreuen Dienste, die selbiger Uns und Unserem Vater sel. geleistet und noch fürbass tun soll, und zur Ersetzung der grossen Schäden, so er in dem Krieg wider uns Ungehorsamen, die Schwyzer, von unsertwegen genommen hat». Herzog Friedrich von Österreich bestätigte neuerdings im Jahre 1412 die Schenkung «weiland seines Bruders». Alle diese Lehn- und Schenkungsbriefe sind noch in gutem Stande vorhanden. Allein bis auf wenige Jahre war der Staadhof noch wie der Hinterhof ein Fideikommiss. Da indes die Familie Egloff sehr zusammengeschmolzen, benutzte der jetzige Besitzer den Zeitpunkt, sich mit seinen Namensvettern abzufinden und ihnen ihr Anteilsrecht abzukaufen. Es waren viele Hindernisse zu beseitigen. Nach allerlei Umtrieben, Prozessen und bedeutenden Opfern behielt endlich Herr Egloff die Oberhand, und obgleich er keinen Sohn und nur zwei Töchter hat, wovon die eine blind ist, so fing er dennoch an, überall zweckmässigere Einrichtungen zu treffen, die alten Gebäude wegzuräumen, andere dafür hinzustellen und beträchtliche Kapitalien für seinen Hof zu verwenden. In wenig Jahren wird er alles umgeschaffen und in einen für das heutige Baden glänzenden Zustand versetzt haben.
Durch ein weites Tor unter der neuen, gegen die öffentlichen Bäder aufgeführten Vorderseite gelangt man in einen reinlichen Hofraum, welcher, schön geebnet, mit feinem Sande bestreut ist und in der Folge noch mit einigen Bäumen besetzt werden soll.
In einer Ecke ist eine Röhre angebracht, aus welcher die Kurgäste, die das Badwasser trinken wollen, sich nach Willkür durch einen Hahn bedienen können. Ist der Hahn geschlossen, so fliesst das Wasser in die Bäder.
Die den Hof einschliessenden Gebäude, obgleich nicht ganz zusammenhängend, sind doch bei Weitem nicht mehr so unregelmässig wie zuvor, haben alle ein reinliches, heiteres Aussehen und hohe Fenster mit grossen Scheiben. Die Treppen sind breit und bequem.
Die neuesten Zimmer haben Öfen, was bei kühler Witterung, wie sie oft mitten im Sommer hier eintritt, eine wahre Wohltat für Kranke ist, zierliche Gipsdecken, frische und wohlgewählte papierne Tapeten, Wandschränke, Vorhänge von weisser Percale, welche Draperien bilden, einen Schreibtisch, eine Kommode, neue einfache, aber elegante Strohstühle und Canapés. Die Betten sind einschläfrig, freilich ohne Vorhänge, dafür aber haben sie alle Matratzen und leichte seidene Federbetten. Über den Winter werden die Matratzen aufgemacht, das Pferdehaar frisch gezupft und gelüftet und die Überzüge rein gewaschen.
Die Zimmer auf der hintern Seite sind nicht wie im Hinterhof bloss für das Gesinde bestimmt; sie gewähren alle die reizendste Aussicht auf die sich hier nach links biegende Limmat und auf ihre hohen, romantischen, mit Reben, Wiesen und mannigfaltigen Baumarten bekränzten Ufer. Aus einigen wenigen dieser Zimmer gelangt man durch eine eigene Treppe ins Bad.
Ein abgesondertes Gebäude, vor welchem ein Säulengang angebracht ist, enthält den heiteren Speisesaal, der wenigstens 120 Gäste fassen kann und dessen hintere Fensterreihe nach dem Flusse gerichtet ist. Hier sieht man auf die Stelle, wo im Sommer 1815 ein Schiff versank, welches eine Ladung Bomben und Kanonenkugeln zur Belagerung von Hüningen nach Basel hätte führen sollen. Über dem Speisezimmer ist der geräumige Tanzsaal mit einem Nebenzimmer, welche beide den ganzen Tag über von den Gästen zu gesellschaftlicher Unterhaltung benutzt werden können. Bei Veränderung der Häuser wurden die ehemaligen 18 Bäder allmählich bis auf 41 vermehrt. Die neuen sind freilich etwas kleiner als die ältern; allein heutzutage pflegen auch nicht mehr so viele Leute zusammenzusitzen wie vormals, und diese immer mehr überhandnehmende Absonderung hat ihre grossen Vorteile, weil eigentlich jeder Badende einer eigenen, seiner Blutwärme angemessenen Temperatur bedarf. Da das hiesige Wasser so warm aus der Erde hervorquillt, dass das Bad immer sechs bis acht Stunden vorbereitet werden und von seiner Hitze verlieren muss, bevor es gebraucht werden kann, so ist Herr Egloff auf den glücklichen Gedanken geraten, auf dem Hofraum einen grossen, von Backsteinen gemauerten, ganz bedeckten Sammler unter dem Boden anlegen zu lassen, in welchem ein hinlängliches Quantum Badwasser erkalten sollte, um aus demselben durch eigene Röhren die Bäder nach Belieben abzukühlen, wodurch der Kurgast die Temperatur seines Bades richtiger bestimmen und der nämliche Badraum nötigenfalls am gleichen Tage von verschiedenen Parteien benutzt werden könnte. Allein dieser Versuch ist bis jetzt noch nicht ganz gelungen, indem das Wasser in dem bedeckten Sammler nie genug verdunstet.
In den sogenannten Kesselbädern sind zwei ganz neue, sehr gut beschaffene Tropfmaschinen angebracht sowie in einem andern, in zwei Teile unterschlagenen Bade daneben jene zum innerlichen Gebrauch des Wassers unter dem französisch-höflichen Namen Douche-ascendante bekannte, wohltätige Vorrichtung. In der Folge dürfte wohl auch noch ein Schwitzbad hinzukommen. Pumpwerke, vermittelst welcher das Wasser mit Gewalt auf die leidenden äusserlichen Teile gespritzt werden kann und wie es deren zum Beispiel in Aachen und Burtscheid gibt, sind hier nicht üblich.
Da nicht zu bezweifeln ist, dass in der Limmat hinter dem Staadhof sich wenigstens noch eine ganz unbenutzte warme Quelle befindet, so hat Herr Egloff dieselbe fassen und anwenden wollen. Allein unter dem Vorwand, alles Nachgraben könnte den bereits gefassten Quellen Abbruch tun, sie vielleicht gar verschütten, widersetzten sämtliche übrigen Badwirte sich diesem Vorhaben; die Meinung der von der Kantonsregierung zu einer Lokaluntersuchung abgeordneten Experten stand inne und es blieb beim Alten. Herr Egloff wird aber wohl noch in der Folge wieder neue Schritte dafür tun und es wäre sehr zu wünschen, dass es ihm gelingen möchte, diesen von der Natur dargebotenen Schatz zum Besten der Menschheit heben zu können. Mit den Hilfsmitteln, welche die Hydraulik an die Hand gibt, sollte es nicht schwer sein, diese Quelle den übrigen unbeschadet ans Ufer zu leiten.
Solche löbliche Industrie verdient allerdings Beifall. Auch ist der Zudrang in den Staadhof jetzt am stärksten. Die Fremden kehren alle hier ein, wenn sie noch Platz finden; viele Zürcher aller Klassen sind ebenfalls bedacht, sich so früh als möglich ihrer Aufnahme im Staadhof zu versichern. Die Zimmer müssen aber während der drei Sommermonate drei bis vier Wochen vorausbestellt werden, und der aus alter Anhänglichkeit dem Hinterhof treu gebliebene Kurgast kann sich, wenn er seine Bekannten im Staadhof besucht, fast nicht enthalten, mit neidischen Augen auf die eleganten Wohnungen und Gerätschaften und auf so manches andere hinzublicken, was er in seiner Herberge an Bequemlichkeit und Zierat entbehren muss.
Allein alles in der Welt hat seine Kehrseite. In dem erneuerten Staadhof ist jeder Raum besetzt. Es gibt da wenig abgesonderte Gemächer mit eigenen Küchen mehr, wo eine Haushaltung für sich allein abgeschlossen ihr Wesen treiben kann. Hier sind die Dienstboten gewöhnlich etwas weit von ihrer Herrschaft einquartiert und nicht immer gleich bei der Hand. Der Wirt sieht es eben nicht besonders gern, wenn seine Gäste auf ihrem Zimmer speisen, er sucht sie so viel als möglich an der allgemeinen Tafel zusammenzubringen. Er hat zwar in jedem der neuen Gebäude wieder einige Küchen eingerichtet, wo die Gäste ihr Frühstück zubereiten, ihr Teewasser können wärmen lassen, aber der Raum ist im Verhältnis zu klein und die Mägde zanken sich nicht selten um den Feuerherd. Der Staadhof ist ein grosses Wirtshaus, wo über die Kurzeit jedes Zimmer besetzt ist und die Menschen in allen Winkeln neben- und übereinandergeschichtet sind. Auf jedem Gang trifft man fremde Leute an, auf jeder Bank sitzen Bekannte, an jeder Ecke gibt es einen Stillstand. Man kann nicht für sich allein sein, man muss jedem gesprächigen Nachbar herhalten, sich immer zu Ehren der Gesellschaft gekleidet zeigen, den Augenblick erpassen, wo man ungesehen im Schlafrock ins Bad schlüpfen kann; man geniesst die unbedingte Freiheit nicht, welche das Kurleben im Hinterhof so angenehm macht. Zudem ist im Staadhof auch alles teurer. Man bezahlt für ein einziges Zimmer mehr als dort für drei oder vier. Der Wirt muss trachten, sich bald für seine grossen Baukosten bezahlt zu machen, besonders wenn er mit neuen Einrichtungen fortfahren soll. Darüber kann sich nun freilich niemand mit Recht beklagen, aber mancher muss doch auch seinen Beutel zu Rate ziehen und scheut die beträchtliche Ausgabe.
Alles wohl erwogen findet eine ganze, aus mehreren Personen bestehende Haushaltung oder auch der einzelne ruhebedürftige Kurgast, mit Verzichtleistung auf Eleganz und grössere Reinlichkeit, in den vorzüglichsten Gemächern des Hinterhofes ein stilleres und wohlfeileres Unterkommen. Wer aber Gesellschaft und heitere Umgebung liebt und bedarf, sich auch nicht gern mit kleinlichen Gegenständen der Haushaltung schleppen mag, dem wollte ich raten, sich in den neuen fröhlichen Staadhof zu begeben.
Eigentlich möchte ich keinen Gasthof auf Unkosten oder zum Nutzen eines anderen rühmen oder tadeln. Strenge Unparteilichkeit ist Pflicht des Schriftstellers; er soll reine Wahrheit suchen und diese nach seiner Überzeugung aussprechen. Dagegen sollten aber auch die verschiedenen Wirte nie aufeinander eifersüchtig sein, weil jeder nach Massgabe seiner Aufmerksamkeit für die Gäste gut bestehen wird.
Alle Samstage wird im Staadhof getanzt. Vor 20 und 30 Jahren belustigten sich hier nur Bürgersleute und ich selbst habe noch an diesen Sonnabendbällen wackere Fleischer und Müller ohne Ärmel hinter dem Tische sitzen, trinken und ihre Pfeife rauchen sehen. Der Hauptball der vornehmeren schönen Welt fand erst am Sonntagabend in dem sogenannten grünen Saal im Hinterhofe statt. Allein dieser darf jetzt wegen seiner Baufälligkeit nicht mehr dazu benutzt werden, und in der Regel tanzt man nur noch im Staadhof. Die Gesellschaft sämtlicher Höfe und Badanstalten, jeder gesittete, anständig gekleidete Gast kann an diesem Ball teilnehmen. Der Staadhofwirt verrechnet eine Kleinigkeit für die aufgetragenen Erfrischungen und die Tänzer bezahlen die Musik.
Die ganze Woche hindurch freuen sich die jüngeren Frauenzimmer, welche nur für ihr Vergnügen hier sind, auf diese Gelegenheit, ihren mitgebrachten Putz anzuwenden und sich recht satt zu walzern. Zu Pferd, in Wagen und Schiffen strömen an diesen dem Tanz gewidmeten Sonnabenden die jungen Herren herbei, und der gemischte Ball, wo neue Bekanntschaften gemacht, alte erneuert und kleine Liebesromane gespielt werden, dauert meistens länger als die Regeln der Kur es eigentlich gestatten.
Da wir jetzt sämtliche Grossen Bäder auf dem linken Limmatufer kennen, wollen wir uns auf das rechte hinübersetzen lassen, wozu immer eine Fähre bereit ist, und noch einen flüchtigen Blick auf die dortigen Kleinen Bäder in Ennetbaden werfen, welcher Ort zwar sein abgesondertes Gemeindegut besitzt und von jeher eigene Vorsteher zur Besorgung seiner Privatrechte, daneben aber teil am Kirchen- und Armengut der Stadtgemeinde hatte und dieser politisch und polizeilich einverleibt war. Seit Kurzem sitzt ein angesehener Bürger von Ennetbaden im Stadtrat. Allein man geht damit um, diesen Nebenort vermittelst Abreichung einer Kapitalsumme von der Stadt zu trennen und in eine für sich ganz allein bestehende Gemeinde zu verwandeln.
Die Kleinen Bäder, wo gewöhnlich nur Bauern, Handwerker und weniger bemittelte Leute einkehren, bilden eine eigene Kolonie und haben mit den Grossen jenseits keinerlei Gemeinschaft. Die hier dicht am Fluss entspringenden Quellen, eine grosse und vier kleinere, gehören den vier Badwirten Zum Stern, Zum Engel, Zum Rebstock und Zum Hirschen. Ein fünftes Wirtshaus, Zum Löwen, besass ehemals einen fünften Teil an diesen Quellen, und die Gemeinde Ennetbaden hatte einen sechsten Teil angesprochen, woraus ein Prozess entstand, welcher durch ein von den acht alten Orten am St. Ulrichstag 1512 gefälltes Urteil dahin entschieden ward, dass zwar die Bürger von Ennetbaden sich des dortigen Freibades sollten unentgeltlich bedienen dürfen, aber nur wenn sie neben den Gästen der fünf Wirtshäuser Platz fänden, und dann müssten sie noch, eh sie sich ins Bad setzen dürften, ihre Füsse rein waschen. Für diesen Zutritt ins Bad muss die Gemeinde noch heutzutage den sechsten Teil an die Kosten zur Unterhaltung des Freibades und an die Besoldung des Badwäschers zahlen. Im Jahr 1536 brannte das Haus zum Löwen ab, und da dasselbe nicht wieder aufgebaut wurde, fiel sein Fünftel an den Quellenrechten auf die vier übrigen Badhäuser zurück und der Platz ward zum Stern gekauft.
So wie wir aus dem Schiffe steigen, sehen wir zur Linken das grosse gemeinschaftliche Schröpfbad, in welchem selbst eine der vier kleineren Quellen aus der Erde hervorströmt. Es kann gegen 60 Personen fassen und hat zur Seite noch eine besondere Abteilung. Einige Schritte höher zur Rechten des kleinen Platzes steht ein anderes öffentliches Bad, welches sein Wasser zunächst aus der Hauptquelle bezieht. Diese sind aber nicht unbedingte Freibäder, indem jeder, welcher, ohne Bürger von Ennetbaden zu sein, sich derselben bedienen will, für den Tag im Schröpfbad einen, im anderen öffentlichen Bad aber zwei Schillinge bezahlen muss. Hier wird auch kein Almosen ausgeteilt; dagegen sind diese Bäder gehörig eingefasst, bedeckt und gegen Wind und Wetter geschützt. Die Badschillinge fallen in eine gemeinschaftliche Büchse, aus welcher die vier Wirte ihren Kostenanteil an den Unterhalt dieser öffentlichen Bäder und die Besoldung des bei denselben angestellten Badwäschers bestreiten. Das Schröpfrecht, das sie jüngst durch Kauf an sich gebracht, haben sie bereits für 380 Gulden jährlichen Zins verpachtet.
Zum Stern, wo kürzlich nur viere waren, gehören nun durch Anbau von vier neuen acht; Zum Engel nur vier, Zum Rebstock durch vier neu hinzugekommene acht und Zum Hirschen, ebenfalls durch vier neue, acht Privatbäder, welche alle sehr reinlich sind, wovon indes der grössere und ältere Teil für nicht viel mehr als öffentliche Bäder gelten kann, indem wenigstens über den stärksten Andrang die Hausgäste darin so nahe als möglich zusammengesetzt werden. Die auffallend zunehmende Betriebsamkeit der Badwirte wird aber diese Anstalten bald zu gemächlicherem Gebrauch vermehren und erhöhen.
Kraft alter Freiheiten hatten diese Wirte eine Polizeiordnung entworfen, welche ihnen am St. Luzientag 1506 vom Schultheiss und Rat bestätigt ward. Darin heisst es unter anderem: «Fragt ein Gast, wo gut Zehrung wäre, soll und mag ein Knecht und sein Weib wohl reden an allen Orten und Enden» (das heisst in allen Wirtshäusern gleich gut), «fragt aber ein Gast mit Namen in ein Haus, das soll man ihm weisen und sagen.»
Vor Zeiten war den Juden in Ennetbaden ein eigenes, abgesondertes Bad eingeräumt, das aber für sie eingegangen ist. Die Wirtshäuser Zum Kreuz, Zum Rössli, Zum Ochsen, welches letztere sehr fröhlich gelegen und empfehlenswert ist, haben keinen Teil an den Quellen, folglich auch keine eigenen Bäder. Ihre Gäste dürfen sich bloss der öffentlichen bedienen.
Die hier befindliche St. Michaelskapelle wird von den Kapellanen der Stadtkirche versehen.
Früher soll es in Ennetbaden etwas liederlich zugegangen sein und angesehene Leute, die sich schämten, ihre Bacchanalien mit feilen Dirnen in den Grossen Bädern unter den Augen vieler Zuschauer zu begehn, fanden hier Gelegenheit dazu. Dergleichen ist jetzt nicht mehr zu bemerken, und mit Ausnahme der Sonn- und Festtage, wo benachbarte Landleute sich hier zum Trunk, zu Spiel und Tanz versammeln, herrscht Ordnung und Stille in den Kleinen Bädern. Wir finden weiter nichts zu beobachten, setzen uns wieder in den Nachen und lassen uns auf das linke Ufer zurückführen.
Dort bilden die sämtlichen Grossen Bäder, welche als integrierender Teil zur Stadtgemeinde gehören, einen eigenen Eingang, welcher an der Halde durch das Haupttor beim Landungsplatz am Wasser und bei der Mattenkirche durch Nebentore alle Nacht abgeschlossen wird. Der Hinter- und Staadhof haben noch ihre besonderen Tore. Um nicht eine weitläufige und verwirrende Beschreibung aller auf beiden Flussufern befindlichen Quellen und ihrer Verteilung in die verschiedenen öffentlichen und Privatbäder und aller Gebäude liefern zu müssen, verweise ich auf den hinten beigefügten Grundriss, den ich der Gefälligkeit des Herrn Leonhard Schulthess im Lindengarten zu verdanken habe, welcher auf seinem Originalplan die jedes Jahr vorfallenden Veränderungen mit grosser Genauigkeit nachträgt.13
Über die Quellenrechte und das jedem Eigentümer zukommende Quantum Wasser wachen und ordnen wie vormals Schultheiss und Rat nunmehr der Ammann und die Stadträte, unter deren Aufsicht die Sammler und Leitungen gemeinschaftlicher Quellen in den Grossen Bädern alle Jahre einmal, am Montag in der Karwoche, untersucht und gereinigt werden. Als Grundlage der Ansprüche jedes Teilhabers wird ein altes, die Badschüssel genanntes Modell des Kessels unter dem heissen Stein, mit allen Seitenöffnungen und den auf messingenen Stäben genau verzeichneten Ausmessungen der verschiedenen Wasserausteilung im Stadtarchiv aufbewahrt. Wenn ich den Überfluss und Gehalt dieses wohltätigen Mineralwassers, die schöne Gegend, in der es hervorquillt und das Bedürfnis des Zeitalters betrachte, so kann ich mich des Wunsches nicht erwehren, dass sämtliche Bäder und Gasthöfe in Baden von einer liberalen Regierung gekauft und nach einem einzigen neuen, alles umfassenden Plan von Grund ausgebaut und eingerichtet werden möchten.
Auf beiden Limmatufern sprudeln in einem kleinen Umkreis 17 warme Quellen, die im Fluss noch vorhandenen nicht gerechnet, aus der Erde hervor und liefern nach Scheuchzers schon im Jahr 1732 bekannt gemachter Berechnung in 24 Stunden 463,036 Badener Stadtmasse14 warmen Mineralwassers. Wie mannigfaltig könnte ein solcher Reichtum benutzt werden!
Alle auf dem linken Ufer befindlichen Wirtshäuser und Bäder sollten weggeräumt und dagegen vier bis fünf grosse zusammenhängende, mit Hofräumen versehene Flügelgebäude aufgeführt werden. In den Fassaden Speise- und Gesellschaftssäle, Küchen und eine Apotheke, nebst Reihen abgesonderter Zimmer für einzelne Gäste. In den Flügeln Wohnungen von mehreren zusammenhängenden Zimmern und Kabinetten für ganze Familien, mit kleinen Küchen, womöglich mit eigenen Seitentreppen (escaliers dérobés) in das jeder Abteilung zustehende Bad. Im ersten und zweiten Stock könnte mit einiger Abwechslung, kleiner oder grösser, wohlfeiler oder kostbarer, je nach dem Bedürfnis ungleich begüterter Menschen eine ähnliche Einteilung stattfinden. Auf jeder Türe müsste neben der Nummer der Mietpreis angeschrieben stehen. In kleineren Seitengebäuden eigene Einrichtung und Wirtschaft für Bauern oder andere weniger bemittelte Leute, die doch noch im Fall wären, ihre Kur zu bezahlen. Ein geräumiges, aber einfaches Schauspielhaus. Für die ganze Anstalt müsste ein geschickter Arzt als Oberaufseher, für jedes Hauptgebäude ein Wirtschaftsverwalter vorhanden sein. Die Umgebungen könnten, wenn der Natur auch nur einigermassen nachgeholfen würde, in die reizendsten Anlagen verwandelt werden.
Die reichhaltigen Quellen des rechten, mit dem linken durch eine Brücke verbundenen Ufers würde ich ausschliessend wohltätigen Zwecken widmen. Dort sollte in Form eines grossen Hospitals ein weitläufiges Gebäude aufgeführt werden nebst geräumigen Bädern, jedes zu 30 bis 40 Personen, wo beide Geschlechter voneinander getrennt baden, schröpfen und ihre Kur unter der Aufsicht eines vom Oberarzt abhängigen Chirurgen gebrauchen könnten. Hier müssten alle Armen und Kranken unentgeltlich verpflegt werden.
Doch, was nützt es, dergleichen nur auszusprechen? Wie und woher sollten sich die zu einer solchen Unternehmung erforderlichen Summen zusammenbringen lassen? Unsere Vorfahren zeichneten sich durch milde grosse Stiftungen auf Jahrhunderte aus und pflanzten Linden, deren Schatten den spätesten Enkeln zugutekommen. Wir werfen den Armen einen Kreuzer in den durchlöcherten Hut, nehmen hochgepriesenen Teil an wohltätigen Subskriptionen, deren Ertrag auf das Bedürfnis des Augenblicks verwendet wird, und pflanzen Akazien, die vor unserem Tod verdorren. Die Welt ist nicht zu ändern, und mein Plan für Baden wird ewig ein frommer Wunsch, eine müssige Träumerei bleiben.
So wollen wir denn froh sein, dass wenigstens Herr Egloff nach dem Verhältnis seiner Kräfte etwas Besseres als das bisher Bestandene aufgestellt hat.
Und nun, da wir nach einem langen kritischen Spaziergang durch alle Bäder und Anstalten endlich spät und müde wieder in unserem Hinterhof angelangt sind, wollen wir uns auskleiden, auf unsere Betten hinlegen, und unter den Schreck- und Finsteraarhörnern unserer Federdecken so sanft als möglich dem kommenden Tag, mit welchem unser Badleben eigentlich erst beginnen wird, entgegenschlummern.
DIE TAGWACHE
In Pyrmont wird der Kurgast alle Morgen von einer Oboistengesellschaft aufgeweckt, welche ihn am Eingang der Allee mit lieblichen Harmonien zur sprudelnden Quelle ruft. Hier ist es anders. Der Gänsejunge öffnet früh das kleine Tor, das auf die Matte geht, und dann unter dem Fälklein die Ställe des Federviehs. Als ob das Capitol in Gefahr wäre, drängen sich einige Hundert Gänse und Enten hervor, erheben sämtlich ihre Stimmen und verbreiten sich auf dem Platz mit gellendem Geschnatter. Das ist die Tagwache, welche den Morgenschlaf aus dem Hinterhof verbannt. Nachdem die verschiedenen alten und jungen Familien aus dem Geschlecht der gelben Breitschnäbel einander weitläufig begrüsst, gemustert und auf dem Hofe sich gehörig umgesehen, ob aus dem Kehricht kein Stoff zur Unterhaltung aufzuschnobbern sei, so watschelt die gesprächige Gesellschaft früher oder später, je nachdem die Ausbeute reichhaltiger oder kärglicher ist, gegen das Tor, begibt sich auf die Matte und sucht dort Zeitvertreib und Nahrung im Grünen. Diese Szene ist eine Art von Prolog zu dem Schauspiel, welches gewöhnlich einige Stunden später an der nämlichen Stelle von ehrbaren Frau Basen und Muhmen aufgeführt wird. Wer auch durch diese Gänsesymphonie aus dem Schlafe geweckt, sich demselben noch gern auf eine Weile hingeben möchte, der wird durch die Bäckerinnen, welche mit Tagesanbruch aus dem Städtchen herabkommen, alle Türen bestürmen und ihre Eierweggen, ihre Rahmpastetchen, die beliebten Chräbeli und besonders die hochgefeierten Spanischbrötchen mit Ungestüm feilbieten, alle Augenblicke wieder wach gepocht. Wo nicht gleich Antwort gegeben wird und die Türe nicht abgeschlossen ist, treten diese Weibsleute mit ihren gepuderten Haaren, deren Geflecht hinten mit silbernen Nadeln in Gestalt eines Löffels aufgeheftet ist (wenn sie nicht etwa schon das Nationalkostüm der neueren Mode geopfert haben), ohne Umstände ins Zimmer, preisen ihre Ware an und lassen sich nur mit Not abweisen. So wird auch der Langschläfer früh genug auf und ins Bad getrieben; ein Zeitgewinn, dessen er sich den ganzen Vormittag zu erfreuen hat.
DAS BAD
Ich möchte jedem, der sich am frühen Morgen ins Bad begeben will, die bequeme Kleidung empfehlen, deren ich mich seit Jahren zu diesem Behuf bediene. Sie hält warm, ist in einem Augenblick an- und ausgezogen und besteht einzig in einem Kamisol von feinem englischen Flanell für den blossen Leib, einem weiten Strumpfpantalon von dichterem Flanell und einem Schlafrock von ähnlichem Stoff mit weiten Ärmeln, der vermittelst eines hinten befestigten Gürtels vorn mit einem Knopf geschlossen werden kann und einen aufstehenden Kragen hat, der unter dem Kinn eingeknöpft wird. Bei dieser aus nicht mehr als drei Stücken bestehenden Kleidung braucht man weder Hemd noch Strümpfe noch Unterhosen noch Halstuch mitzunehmen, was alles sonst im Badgewölbe herumhängen und nur mühsam wieder angezogen werden müsste. Nach dem Bad ist es auch besser, in lauter Wolle eingewickelt zu sein, deren sanftes Reiben besonders wohltätig auf die Haut wirkt. Den Frauenzimmern würde ich eine ähnliche Bekleidung anraten, wenn sie sich über dergleichen ins Toilettenfach einschlagenden Gegenstände etwas vorschreiben liessen.

Das Fälklein im Hinterhof.
So gegen die kühle Morgenluft geschützt, schlüpft man hinab ins Badgewölbe, in welchem selbst man sich unmöglich erkälten kann, weil da die Luft vom Dunst des Wassers immer angenehm erwärmt ist.
Dem Badwäscher ist deswegen zu empfehlen, dass er die Fenster nur so lange offen lasse, bis die Luft erneuert ist, welches über die Zeit geschehen kann, wo er das Bad bereitet, und da dieses wohl auf der Stelle wärmer, aber nicht kälter gemacht werden kann, wenn man nicht gewöhnliches Wasser aus der Limmat beimischen will, so muss es sechs bis acht Stunden, ehe man sich desselben bedienen will, gefüllt sein, und sich bis auf etwa 23 Grad Réaumur durch Verdunstung abkühlen können.
Ob das Bad in der Zwischenzeit von keinem ungebetenen Gast gebraucht worden, lässt sich an einem dünnen Häutchen erkennen, welches vermutlich von der Einwirkung der atmosphärischen Luft auf das Wasser gebildet, auf dessen Oberfläche schwimmt und von der leisesten Berührung verletzt wird. Es sieht demjenigen ähnlich, welches auf dem künstlichen Kalkwasser entsteht, wenn dieses einige Zeit der Luft ausgesetzt war, und mag einige äusserst feine Schwefelblumenteilchen enthalten.
Da man bei verschiedener Lufttemperatur den Wärmegrad des Wassers unmöglich durch das blosse Gefühl bestimmen kann, so ist es nötig, ein Badethermometer bei sich zu haben, das man während des Auskleidens ins Wasser senkt und so viel warmes aus der Röhre nachlaufen lässt, bis die Wärme auf den Grad, dessen man bedarf, gesteigert ist. Vermittelst dieser Massregel kann man sicher sein, immer in der gleichen Temperatur zu baden.
Auf den Thermometern nach Réaumur ist der 25. Grad für die Bäder bezeichnet. Allein nicht alle solche Instrumente sind gehörig reguliert, und die Körperwärme der Menschen ist sehr verschieden. Das beste Regulativ für jeden möchte folgendes sein: Man stecke das Thermometer in einem Augenblick, wo man weder erhitzt ist noch friert, unter die Achselhöhle auf den blossen Leib und knöpfe die Kleider wieder zu; nach Verfluss von höchstens fünf Minuten wird der Weingeist oder das Quecksilber genau die Blutwärme dessen bezeichnen, der sich das Thermometer anpasste. Man merke sich bestimmt und ein für allemal den Grad und bade immer in dieser Temperatur, wenn der Arzt nicht verordnet hat, dass man wärmer oder kälter als der Blutgrad baden soll.
Bauern und viele andere unberatene Leute wähnen, nie warm genug baden zu können, je heisser das Wasser, desto kräftiger glauben sie, sei es. Dies ist aber gar nicht der Fall und wer im Bade geschwitzt und sich rotgebrüht hat, wird Kopfschmerzen und Schwindel bekommen, sich geschwächt fühlen und, zumal bei kühler Luft, sich im Freien bald erkälten. Ob man nur bis an die Brust oder bis ans Kinn im Wasser sitzen müsse, darüber herrschen verschiedene Meinungen. Salomon Hottinger sagte drollig genug und Scheuchzer hat es ihm nachgeschrieben: «Dass der Nabel so viel als der Marchstein, wie des Menschen unteren und oberen Leibs, also auch des Sitzens in dem Bad sei.» Wer indes keine schwache Brust hat und überhaupt keine Unbequemlichkeit davon spürt, tut meines Erachtens wohl daran, wenn er das heilsame Element so viel als möglich auf die ganze Oberfläche seines Körpers wirken lässt.
Wer nach des Arztes Verordnung durch längeres Baden den so manchen Krankheitsstoff durch die Poren ausführenden, oft äusserst wohltätigen Ausschlag bekommen soll, fängt mit zwei Stunden vormittags und einer des Abends an, steigt bis auf fünf Stunden im Tag, und wenn der Ausschlag sich gehörig gebildet hat, so badet man denselben, die Stundenzahl allmählich vermindernd, wieder weg, welches alles in 21 Tagen möglich ist. Viel Bewegung im Freien und an der Sonne fördert diese Krisis; allein man soll sich dabei sorgfältig vor jeder Erkältung hüten, welche den Ausschlag immer richtig wieder zurücktreibt und schwerere Krankheiten verursachen kann, als die war, wegen der man ins Bad kam.
Wer es hingegen zu keinem Ausschlag soll kommen lassen, darf nicht länger als vormittags eine ganze und abends eine halbe Stunde im Bade verweilen.
Auf keinen Fall darf der Badende sich im Wasser dem Schlaf überlassen. Alle Ärzte raten das wohlmeinend und schon vor drei Jahrhunderten schrieb Alexander Sytz: «Man soll allenthalben im Bad etwas Kurzweil haben mit Fabulieren und dergleichen, um damit dem Schlaf zuvorzukommen, denn der Schlaf zieht die Geister hinein und das Bad heraus.»
Die meisten Kurgäste gebrauchen das zweite Bad nachmittags um vier oder fünf Uhr und gehen dann wieder aus und dem Vergnügen nach. Manche setzen sich, nur um bald fertig zu sein, gleich nach dem Essen ins Wasser, was aber höchst schädlich ist, weil die Verdauung dadurch gestört und das Blut nach dem Kopf getrieben wird. Ich habe mich immer am besten dabei befunden, wenn ich erst abends nach vollbrachtem mässigem Spaziergang noch ein halbes Stündchen in der Dämmerung badete. Dann hatte ich mich zu keinem Ausgang mehr anzukleiden, lief nicht Gefahr, mich an der Nachtluft zu erkälten und legte mich, vom Bad angenehm abgekühlt, nach einer leichten Nachtsuppe früh zu Bett. Die Stille beim matten Schimmer einer Kerze hat etwas Trauliches im tiefen Badgewölbe, und nicht selten erhebt darin das einsame Heimchen seine zirpende Stimme.
Aber auch zu jeder anderen Tageszeit ist es eine wahre Wollust, sich hier zu baden. Man befindet sich kaum ein paar Minuten im Wasser, so empfindet man eine sanfte Abspannung, eine unbeschreibliche Behaglichkeit und kann sich frei und bequem in dem weiten Raum herumbewegen.
Zwar sind hier die in den Boden eingesenkten Bäder weder mit Marmor noch mit Zinn oder Porzellan wie in Pyrmont, sondern lediglich mit Holz ausgefüttert und haben ringsumher etwa fusshohe Bänke; dagegen aber sind die meisten derselben und besonders die älteren so tief und weit, dass eine ganze Familie darin Platz findet. Die Kinder überlassen sich in diesen Wassern meist einer ausgelassenen Freude. Sie jubeln, kreischen, spritzen einander, tauchen unter und schwimmen, ihre Schiffchen vor sich herschiebend wie Fische in dem Behälter herum. Oder wenn sie allmählich ruhiger werden, bilden sie mit den Badhemden grosse Blasen, drücken diese aus und treiben allerlei mutwilliges Spiel.
Was enthält aber dieses herrliche Wasser? Welche Wunderkraft ist ihm gegeben, so mancherlei Elend zu mildern, so viele Krankheiten zu heilen? Seitdem Herr Morell im Jahr 1788 seine Analyse desselben bekannt werden liess, sind bedeutende Fortschritte in der Chemie und besonders in der Wasserscheidekunst gemacht worden. Herr Bauhof, Direktor einer Vitriolölfabrik in Aarau, ein ausgezeichneter Chemiker, hat kürzlich eine neue Analyse vorgenommen, aus welcher sich folgendes Resultat ergab:15
Temperatur der Quelle 37 Grad über Null, Réaumur Eigentümliche Bestandteile in 300 Unzen Wasser (ungefähr 6 Mass)
48 Kubikzoll kohlensaures Gas Schwefel-Wasserstoff-Gas in geringer, unbestimmter Quantität
233 Gran schwefelsaurer Kalk (Gips)
186 Gran salzsaures Natrum (Kochsalz)
51 Gran salzsaure Bittererde
48 Gran schwefelsaures Natrum (Glaubersalz)
36 Gran kohlensaurer Kalk
31 Gran schwefelsaure Bittererde (Bittersalz)
11 Gran kohlensaure Bittererde (Magnesia)
5 Gran Extraktiv-Stoff
1 Gran Eisenoxyd
Bestandteile des Selenits oder Badsteins
In tausend Teilen desselben:
790 kohlensaurer Kalk
117 schwefelsaurer Kalk
51 kohlensaure Bittererde
2 salzsaure Bittererde
3 Eisenoxyd
37 Wasser und etwas Extraktiv-Stoff
Diese Analyse erwähnt keinen in konkreter Gestalt vorgefundenen Alaun, womit doch zuweilen die Mündungen der Teichel überzogen sind. Herr J. J. Irniger, Kantons-Apotheker in Zürich, ein trefflicher Chemiker, hat eine solche von einer Wasserröhre in den Kleinen Bädern abgebrochene Kruste mit heimgenommen, welche sich bei chemischer Prüfung als reiner Alaun bewährte. Der Kern des Badsteins unter den Ablassrinnen hinter dem Raben könnte vielleicht darüber einige Resultate liefern, wenn einer dieser jahrhundertealten Stalaktiten zu diesem Behuf zerschlagen und genau untersucht würde.16 In Hinsicht auf die Temperatur der Quellen scheint Herr Bauhof einen Mittelschlag angenommen zu haben, indem er dieselben im Allgemeinen auf 37 Grad über Null nach Réaumur bestimmt. Allein wenigstens vier Quellen sind um einen ganzen Grad wärmer, nämlich die unter dem grossen heissen Stein, die unter dem kleineren daneben, die Verenaquelle und die auf dem rechten Limmatufer. Diese allein treiben den Weingeist oder das Quecksilber auf 38 Grad, wovon ich mich selbst überzeugte, indem ich den Beobachtungen meines verewigten Freundes, Herrn Doktor Zwingli, beiwohnte, welcher die sorgfältigsten Untersuchungen mit drei verschiedenen Thermometern darüber anstellte. Die Wärme der übrigen Quellen ist von ihm nicht gemessen worden.
Herr Doktor Dorer hat also in seiner Beschreibung der Bäder von Baden, worin derselbe der eigenen Quelle des Hinterhofs und derjenigen unter dem vorderen heissen Stein 125 Grad, der Verenaquelle sogar 127 Grad nach Fahrenheit zuschreibt, dagegen die Temperatur der Quelle in den Kleinen Bädern auf 115 Grad herabsetzt, sich ganz bestimmt geirrt, was zumal mit mangelhaften Instrumenten sehr leicht geschehen kann. 127 Grad Fahrenheit betragen ungefähr so viel als 42 Grad Réaumur, und so warm ist nicht einmal die Hauptquelle in Leuk; 115 Grad Fahrenheit sind nicht völlig 37 Grad Réaumur, und dass die Hauptquelle in den Kleinen Bädern eine Wärme von vollen 38 Grad habe, ist durch obenerwähnte Prüfung unumstösslich erwiesen. Johann Jakob Scheuchzer hat im Jahre 1730 seine Untersuchungen dieses Wassers an allen Quellen und mit jeder besonders vorgenommen; allein die neueren Chemiker, welche uns Beschreibungen desselben lieferten, scheinen anzunehmen, dass alle Quellen die nämlichen Bestandteile in gleichen Verhältnissen enthalten, weil sie nicht sagen, aus welcher derselben sie das Wasser, das sie untersuchten, genommen haben und doch kann nicht bezweifelt werden, dass zum Beispiel die Quelle unter dem grossen heissen und diejenige unter dem daneben liegenden kleineren Stein von verschiedenem Gehalt sein müssen. Beim jährlichen Ausreinigen der Leitungen findet man in dem Teiche, der das Wasser aus der Quelle unter dem kleineren Stein in das Freibad führt, immer gegen zwei Pfund wirklichen, schön brennenden Schwefel, indes man diesen in den Teicheln, welche das Wasser aus der Quelle unter dem grossen heissen Stein in verschiedene Bäder leiten, gar nicht oder doch nur in geringem Masse vorfindet. Dagegen scheint in dieser letzteren die Schwefelleberluft im Verhältnis zu jener vorzuherrschen. Es würde sich also der Mühe lohnen, jede Hauptquelle besonders zu analysieren, damit der Arzt jedem Kranken bestimmt diejenige empfehlen könnte, welche ihm am besten dienen wird.
Sehr wahrscheinlich wird das Wasser in den verborgenen Tiefen des Lägernberges gekocht. Die Kleinen Bäder erhalten dasselbe zunächst, der grössere Teil fliesst wohl unter der Limmat durch den Grossen Bädern zu, ohne deswegen kälter zu werden, denn auf beiden Flussufern sind die Hauptquellen gleich warm, und wenn mitunter behauptet werden will, das Wasser im Freibad des rechten Ufers sei wärmer als das im Verena- und Freibad des linken Ufers, so rührt dieser scheinbare Unterschied bloss daher, dass jenes ganz bedeckt und eingeschlossen ist und die Wärme deswegen länger darin zurückbleibt. Es ist über die Zubereitung dieses Wassers in den Eingeweiden der Erde und über die Ursachen seiner Wärme in älteren und neueren Zeiten manche Hypothese aufgestellt worden. Von dem vor einigen Jahrhunderten durch die damaligen Naturforscher allgemein verbreiteten abenteuerlichen Gedanken, als brenne ein unterirdisches Feuer im Schosse des Lägernberges, ist man allerdings schon längst zurückgekommen und es wird angenommen, dass diese Erhitzung des Wassers durch seine chemische Mischung mit Kalkerden, Schwefelkiesen, Alaunschiefern und anderen Bestandteilen, vielleicht durch ein noch unerörtertes elektrisches oder galvanisches Fluidum verursacht werde. Wir lächeln über das, was unsere guten Alten davon fabelten. Allein wer bürgt uns dafür, dass alles, was die Neueren darüber zu erforschen trachten, nicht immer nur Fragment bleiben werde? Die heilige Natur wirkt hinter undurchdringlichem Schleier und gestattet keinen Zutritt in ihre unterirdische Werkstätte, wo sie den Sterblichen, die auf sie hoffen und an sie glauben, geheimnisreich waltend, so manches Labsal bereitet.17
Für welche Krankheiten diese Bäder dienlich seien, mögen die Ärzte bestimmen, welche alljährlich so viele Leute herschicken, die an den verschiedenartigsten Übeln leiden. Wer alle Schriften durchgeht, welche von Conrad Gessner bis auf unsere Tage über diesen Gegenstand erschienen sind, findet ein so ungeheures Verzeichnis menschlicher Gebrechen darin aufgestellt, dass man daraus schliessen möchte, das Wasser zu Baden sei eine Universalarznei, was es doch schwerlich sein kann.
Man sollte denken aus seinen Bestandteilen, ihrem Verhältnis zueinander und ihrer Mischung liesse sich genau angeben,* welche Krankheitsursachen vorzüglich dadurch könnten gehoben werden. Allein es gibt entweder noch keine hinreichenden chemischen Mittel, die feinsten Bestandteile aller Mineralwasser zu erörtern oder die Natur treibt hier sonst ihr Spiel mit den Meistern der Kunst, denn indes öfters ein Übel im Körper eines Patienten geheilt wird, verschlimmert sich dasselbige in den nämlichen Teilen eines anderen, bei gleicher Anwendung des Mittels. Darüber muss man die Kurgäste erzählen hören, von denen oft einige über Verstopfung, andere über Durchfall klagen, von denen oft solche, die nur ein paar Tage baden wollten, den Ausschlag bekommen und viele Wochen brauchen, bis er wieder abgebadet ist, indes andere diese Krisis erzwingen wollen und nie dazu gelangen. Das Einzige, was sich aus diesen verschiedenen Wirkungen abnehmen lässt, ist, dass es darüber keine allgemeine Regel gebe, dass die Anwendung des Bades in Temperatur und Zeit genau nach dem individuellen Bedürfnis des Kurgastes bestimmt werden sollte und dass die Abweichungen verschiedener Naturen ins Unendliche gehen.
Unstreitig wird durch den flüchtigen, durchdringenden Reiz dieses Wassers die Tätigkeit des Hautorgans und durch die natürliche Wärme des Bades die eigene Wärme des Körpers erhöht. Verstopfungen, nicht nur in den Hautdrüsen, sondern auch in den inneren Teilen werden dadurch erweicht und aufgelöst und der ganze Organismus durch die Befreiung von hemmenden Stoffen gestärkt. Alte, von Schlagflüssen gelähmte Leute erlangten hier wieder den freien Gebrauch ihrer Glieder. Krätze, Flechten, eiternde Geschwüre, verjährte Rheumatismen, Gicht, Epilepsie, Leberverstopfungen, Gravel- und Steinbeschwerden und anderes mehr wurden hier geheilt, besonders weibliche Krankheiten, weswegen dieses Bad vor Zeiten auch das Weiberbad genannt ward. Nach überstandenem Wochenbett richtet es fast immer schwächliche Frauenzimmer wieder auf, und kleineren Kindern verleiht es die früher unentwickelte Kraft, gehen zu lernen.
Wer hingegen die Schwindsucht oder schleichendes Fieber mit in das Bad bringt, der wird seinen Zustand bald verschlimmert fühlen und wohl tun, sich gleich wieder daraus weg zu flüchten.
Ich selber bedurfte des Bades schon oft, um Rheumatismen und Leberbeschwerden zu vertreiben, und habe mich immer am besten dabei befunden, wenn ich meine Kur in zwei Hälften teilte und dieselbe eine Woche im Heumonat und ebensolang im Herbstmonat gebrauchte.
In den Privatbädern wird auch häufig geschröpft, und viele Leute glauben, nichts gehörig vollbracht zu haben, wenn sie nicht die mystische Zahl von sieben oder neun Wundmalen auf dem Rücken mit heimtragen. Sie wähnen damit ihrer Kur das Meistersiegel aufzudrücken. In der Tat leistet diese übrigens ziemlich unangenehme und fast ekelhafte Operation bedeutende Dienste bei Schärfen in den Lymphen, bei rheumatischen Beschwerden, Flüssen und Zahnschmerzen, und nach vorher gebrauchten Bädern desto leichter, weil die Haut weicher geworden und die Schweisslöcher offener sind.
Seit einigen 20 Jahren wird das Wasser auch häufiger getrunken als vor Zeiten.18 Es löst in der Regel viel zähen Schleim im Magen und in den Eingeweiden auf. Man trinkt es entweder im Bad so warm, wie es aus der Röhre fliesst, oder auf- und niedergehend an dem Brunnen im Staadhofe, fängt mit zwei Gläsern an und steigt bis auf sechs oder acht. Allein, es gibt Leute, denen dieses Trinken eher übel als wohl bekommt, weil es manchmal, statt zu eröffnen, verstopft. Man kann zwar, um diese verkehrte Wirkung zu hindern, auflösende Mittel damit verbinden, allein dann wird es durch den Beisatz eine andere Arznei, um derentwillen man nicht nach Baden zu reisen braucht.
Manchen Ärzten ist vielleicht noch nicht bekannt, dass die kleinere Quelle, welche in das Freibad fliesst, vielen Leuten, die vom Trinken aller übrigen Quellen verstopft wurden, Öffnungen verschafft. Ob mehrere Bestandteile sich in verstärktem Mass darin befinden, das mögen die Gelehrten untersuchen. Dem Geschmack nach zu urteilen, scheint sie mehr Mittelsalz zu enthalten. Es gibt aber manche, die vom Trinken auch an dieser Quelle dennoch hartnäckig verstopft bleiben. Die eigentümliche Natur jedes Menschen modifiziert auch bei dieser Anwendung die Wirkungen des Wassers ins Unendliche. Es möchte wohl am besten getan sein, den empirischen Satz aufzustellen: «Wem das Trinken des Mineralwassers zu Baden gelinde Öffnung verschafft, der fahre damit fort, es wird ihm wohl bekommen; wen es aber verstopft, der soll es unterlassen.19
Indes dahle ich in meiner Laieneinfalt wie ein Blinder von Farben und streiche demnach bescheiden meine unbehilflichen Segel vor den Meistern des Stuhles, welchen über dergleichen wissenschaftliche Gegenstände zu sprechen das Recht allein zusteht. Weiss ich doch nur, dass es mir immer unbeschreiblich wohl und behaglich im Bade zumute war, wenn ich ein Glas Wasser nach dem andern einschlürfte, dessen Geschmack, wenn auch etwas salzig, mir nie zuwider war und das mir nach weiten Abendspaziergängen immer den Durst löschte, ohne dass ich zu befürchten hatte, mich durch den Trunk zu erkälten.
Freilich mögen nicht alle Leute gleich fröhlich im Bade sitzen, zumal solche, die viele Wochen hintereinander täglich fünf bis sechs Stunden darin zubringen müssen, um den Ausschlag hervorzulocken. Zum Zeitvertreib für diese rücke ich hier ein witziges Liedchen ein, das der geistreiche Baron von K. gedichtet hat. Man kann es nach beliebiger Melodie singen, und jeder Widerhall einer reinen Stimme klingt doppelt angenehm im Badgewölbe:
ÉLOGE DE LA POUSSÉE
On a chanté le vin, l’amour,
La paix et la victoire ;
L’aimable Poussée, a son tour,
Doit avoir cette gloire.
Oui, la Poussée a bien le droit,
Par nous d’etre chantée,
Unissez-vous donc à ma voix
Et chantez la Poussée!
Tandis que, pareils à des loups,
Partout on se déchire,
Ici plus heureux et moins fous
Nous ne pensons qu’à rire.
Mais à quoi d’un bien aussi doux
Devons nous la durée ?
O! toujours justes entre nous,
C’est bien à la Poussée!
Lise avec son farouche époux
Doit partir a l’aurore,
Ici pour elle il seroit doux,
De s’arrêter encore.
Femme d’accomplir ses desseins
N’est point embarrassée;
Demain le jaloux, par ses soins,
Doit avoir la Poussée!
Vous, qui chérissant la beauté
Et poursuivant les belles,
Leur pardonnez pour leur gaité
D’être un peu trop cruelles ;
Au sein des plaisirs innocens,
Si d’une aile empressée,
Vous voyez s’échapper le temps,
Bénissez la Poussée!
Unis par un si doux lien,
On se chérit, on s’aime,
On demande: «Poussez-vous bien ?»
«A merveille! Et vous-même ?»
Amis et rivaux à la fois,
N’ayant qu’une pensée,
L’objet commun de notre choix,
C’est l’aimable Poussée!
Es lässt sich auch ein sehr artiges und kurzweiliges Experiment im Bad anstellen.19 Ein verwelkter Blumenstrauss, den man in das warme Mineralwasser stellt, erholt sich in kurzer Zeit, die geschlossenen Blütenkelche entfalten sich allmählich zu neuem Leben und ihre Farbe wird wie durch Zauber in ursprünglicher Frische wieder hergestellt.20
Diese Erfahrung bewegt vermutlich so manche alternde Jungfrau, deren Reize vom Hauche der Zeit unfreundlich angeweht oder von innerlich verzehrender Glut ausgetrocknet, zu welken beginnen, alljährlich nach Baden zu fahren, um neue Jugend aus dieser Melusinenquelle zu schöpfen.
Allein wir haben uns schon so lang im Bade mit Ernst und Scherz unterhalten, dass es Zeit sein möchte, endlich aufzubrechen.
Wer sich gütlich tun will, hat einen Tröcknerkorb mitgebracht, der in Baden sonst nicht zu bekommen ist, um auf demselben vermittelst einer Glutpfanne seine Tücher wärmen zu lassen. Je tüchtiger man sich mit diesen reibt, desto besser bekommt das Bad. Neben dem positiven leisten diese Friktionen auch den negativen Nutzen, dass sie vor Erkältungen nach dem Bade sichern, welche oft die ganze Kur verderben können.
Nun geschwind in die Kleider, die Treppe hinauf! Ja an keiner Ecke im Luftzuge bei Frau Basen still gestanden! Man hat sein Zimmer bald erreicht und legt sich noch für ein halbes Stündchen zu Bett; aber schlafen soll man nach dem Bade nicht, sagen die Ärzte. Wer möchte auch immer in den Zustand des Nichtseins versinken! Wie mancherlei lässt sich mit geschäftiger Fantasie denken, dichten und träumen, indes die Körpermasse ruhig und behaglich ausgestreckt daliegt. Die Erfindung des Bettes verdiente schon längst ein eigenes Lobgedicht, und über den Einfluss der horizontalen Körperlage auf den Gang unserer Ideen hat der Psycholog Lichtenberg einige bedeutende Winke gegeben.
DAS FRÜHSTÜCK, NEBST EINIGEN BEMERKUNGEN ÜBER DIE SPANISCHBRÖTCHEN
Indes mag man sich auch mit noch so lieblichen Bildern beschäftigen, der Magen behauptet seine Rechte, das Bad reizt den Appetit und der duftende Kaffee lockt den Träumer aus den Federn.
Jeder preist, was er vorzüglich liebt, und so lobe ich mir auch den herrlichen Absud von türkischen Bohnen zum Frühstück. Dieses Getränk ist ein sanftes Reizmittel, es hebt die Nerven, es begeistert, ohne zu berauschen. Selbst Voltaire schöpfte viele seiner witzigen Einfälle aus dieser Hippokrene! Dass es auch in Baden das allbeliebte Frühstück sei, beweisen die vielen dampfenden Kannen, welche gegen neun Uhr von den Aufwärterinnen in alle Zimmer getragen werden. Ich aber braue mir meinen Kaffee am liebsten selbst, und nie schmeckt er mir so trefflich wie nach dem Bade.
Das Brot ist hier weiss, zart und gut gebacken. Allein die meisten Kurgäste wollen ihr Frühstück noch durch das hiesige Hauptgebäck, die Spanischbrötchen, verbessern, und es gibt Leute, die kein Bedenken tragen, alle Morgen fünf bis sechs Stück von diesem fetten, schwer zu verdauenden Blätterteig so warm als möglich und gierig zu verschlucken. Um aber auch den Verwandten und Freunden zu Hause den Genuss dieser Leckerei zu verschaffen, werden grosse Schachteln damit vollgepfropft, durch den Boten versandt und gewöhnlich davon bei der Abreise noch bedeutende Vorräte mit heimgeschleppt. Nach Verfluss einiger Wochen wundert man sich dann, dass man keine bessere Kur gemacht, dass der Magen verdorben ist, dass eine Schleimanhäufung den Appetit hindert. Dann heisst es, das Bad habe ohne Zweifel mancherlei schädliche Stoffe im Körper aufgeregt und der Arzt muss Brechmittel und Abführungen verordnen. Dass die lieben Spanischbrötchen an diesen Unpässlichkeiten schuld sein könnten, daran denkt niemand, und sowie man wieder nach Baden kommt, ermangelt man nicht, sich neuerdings tüchtig damit auszustopfen.
Ein Beobachter nahm sich kürzlich die Mühe, bei den in der Stadt an der Halde, in den Grossen und Kleinen Bädern befindlichen Bäckern nachzufragen, wie viele Spanischbrötchen sie wohl zusammen über eine Kurzeit verfertigen mögen. Sie konnten nur im allgemeinen ihren Verbrauch an feinem Semmelmehl angeben, welcher in 27 Wochen sich im Durchschnitt auf 4736 Viertel belief. Wäre nun dieses ganze Quantum Mehl bloss in dieses Gebäck verwandelt worden, so ergäbe sich, da jedes Viertel 240 Spanischbrötchen gibt, wovon das Stück für einen Schilling verkauft wird, eine Summe von 1 136 640 Spanischbrötchen, welche 28 416 Gulden gekostet hätten. Da aber ein starkes Drittel jenes Mehlverbrauchs zu anderem Backwerk dienen muss, so kann man nach der mässigsten Berechnung immerhin mit Gewissheit annehmen, dass im Laufe jedes Sommers in Baden 720 000 Stück Spanischbrötchen für die Summe von 18 000 Gulden verkauft werden. Es möchte vermutlich schwer halten, so viel Geld für wohltätige Zwecke zusammenzubringen!
Den Liebhabern dieses unwiderstehlichen Gaumenkitzels darf ich die Entdeckung nicht vorenthalten, welche ich vorigen Sommer machte, dass nämlich die Weibsleute, welche die Spanischbrötchen in den Bädern herumtragen, sich im Hinterhof einen ganz besonderen Schlupfwinkel auserkoren haben, um die Schachteln zu verwahren, in welchen die verlangten Portionen für die Abreisenden verpackt werden. Dieser wohlgewählte Behälter, in welchem jene Schachteln oft mehrere Tage liegen bleiben, ist nichts mehr und nichts weniger als der unter der grossen, vom Hofe gegen die Wirtsstube führenden Treppe angebrachte Hundestall. Und wer zu Hause neben den Spanischbrötchen noch eine Zugabe finden sollte, die nicht von Blätterteig gebacken ist, darf darüber nicht erschrecken, da bekanntlich in der alten Materia medica das Album Graecum keine unrühmliche Rolle spielte.
EIN ABSCHNITT OHNE ÜBERSCHRIFT
Es gibt Worte, deren Gebrauch sich eigentlich nur der Arzt in guter Gesellschaft erlauben darf. Allein, um eine Operation dringend zu empfehlen, von deren Nutzen ich mich durch eigene Erfahrung überzeugt habe, ist es wohl am besten, wenn ich auch ohne Arzt zu sein die Sache schlechtweg bei ihrem eigentlichen Namen und ohne Floskeln nenne.
Ich rate demnach jedem Kurgast, der Anlagen zu Leberverstopfungen hat, alle Morgen ein Klistier von Badwasser, so warm als es aus der Röhre strömt, zu sich zu nehmen, und zwar vorzugsweise, wenn er nach genossenem Frühstück natürliche Öffnung hatte, welche durch eine beim Kaffee gerauchte Pfeife Tabak gefördert wird, weil dann das erweichende, in der Küche der Natur bereitete Klistier länger, als es vor dem Stuhlgang der Fall wäre, in den Eingeweiden bleibt und von den inneren Gefässen eingesogen werden kann. Auf diese Weise führt man das Wasser, welches man vorher durch das Bad auf der ganzen Oberfläche des Leibes in die Poren und durch das Trinken von oben herunter in den Magen brachte, nun auch noch von unten herauf in den Körper, wird von dem lebendig warmen, flüchtigen Stoff ganz durchdrungen und eine seltene Leichtigkeit und Heiterkeit im Kopf, eine Behaglichkeit, welche den ganzen Organismus durchströmt, wird bald den Beweis von der Vortrefflichkeit dieser dritten Anwendung des Heilmittels liefern.21

DIE TOILETTE
Eine lästige Stunde ist immer die, welche man dem Anzuge widmen muss, was nur mit wenig Ausnahmen die Frauenzimmer nicht zugeben, indem sie einer, wie es heisst, ziemlich allgemeinen Beobachtung zufolge, nicht ungern vor dem Spiegel verweilen, er mag in Baden auch noch so klein und trüb sein, und die Zeit nie zu bereuen scheinen, welche ihnen auf den Putz zu wenden vergönnt ist. Die jungen und schönen bestreben sich, durch denselben ihre Reize zu erhöhen, die alten und hässlichen ihre Gebrechen damit zu bedecken. Der Zuschnitt des Feigenblattes unserer Stammeltern, das an den Sündenfall erinnern sollte, ist zu einem wichtigen Studium geworden, welches so lange getrieben werden wird, als noch ein Funke von Eitelkeit im menschlichen Gemüte glimmt. Und so dürfen wir auch hoffen, dass das löbliche Schneiderhandwerk immer grünen und blühen und Meister und Gesellen ernähren werde, bis einst unser Nebenplanet wie eine Sternschnuppe zerstieben wird.
In allen Bädern ist man gezwungen, die Kleider häufiger als sonst zu wechseln, und Notwendigkeit und Anstand fordern beträchtliche Opfer unwiederbringlicher Zeit. Indes ist es ein allgemeiner Badeglaube, weil man sich während einer Kur nicht ernsthaft beschäftigen dürfe, so sei die Tändelei des endlosen Ankleidens eher nützlich als schädlich, indem man dadurch vom Lesen, Schreiben und Studieren abgehalten werde. Und so mögen auch die Frauenzimmer sich in Baden etwas länger als zu Hause mit ihrer Toilette beschäftigen, was ihnen ohnehin vonseiten unseres Geschlechtes nicht zum Vorwurf gereichen darf. Schmücken die holden Wesen sich doch nur, uns zu gefallen, wie die Natur sich im Frühling mit Blüten bekränzt, auf welchen mit Bewunderung das Auge ruht. Auch den Herbst zieren ja buntere Blätter und den Schnee des Winters sogar überglüht nicht selten in stiller Mitternacht das funkelnde Nordlicht, und der weisse Reif umgaukelt dürres Reis wie Brüsseler Kanten und fein gestickte Batiststreifen die Hauben ehrenfester Matronen! Mich macht leider das Anziehen immer verdriesslich, zumal wenn ich in Baden auf ein einziges Zimmer beschränkt bin. Wie lange dauert es nicht, bis der Bart abgenommen, das Haar gebürstet oder gekämmt ist, die aufeinander geschichteten Hemden, Strümpfe, Kleider, Stiefel oder Gamaschen herausgelangt und Stück für Stück an den Leib gezogen, geschoben und gepasst sind! Im Zimmer herrscht um diese Zeit gewöhnlich ein unentwirrtes Chaos, das Rasiermesser liegt unter den Kaffeelöffeln neben Überbleibseln des Frühstücks, die Halsbinde auf dem feuchten Waschtuch, der Frack neben dem Badmantel, alle mitgebrachten Habseligkeiten hängen in bunter Verwirrung an allen Stühlen herum, und die ganze Wirtschaft gleicht einer Trödelbude. Das alles muss wieder aufgeräumt und beseitigt werden, damit wenn etwa ein Besuchender unvermutet eintreten sollte, er sich doch regen und in irgendeinem Winkel niederlassen könne. Ich atme erst wieder frei, wenn ich endlich den Hut ergreifen und mich aus diesem Labyrinth flüchten kann.
VORMITTAGSBESUCHE46
Wie angenehm ist es, wenn ein glücklicher Zufall uns in Baden mit lieben Freunden zusammenführt, in deren Gesellschaft wir unsere Zeit zubringen können! Die Geselligkeit unter gebildeten Menschen, der Ideenaustausch mit geistigen Wesen gehört zu den Bedürfnissen, zu den reinsten Freuden des Lebens. Auch müssige Worttändelei, wenn sie mit etwas Mutterwitz gewürzt ist, hat ihr Gutes, wenn nichts Wichtiges darüber versäumt wird. Feines Zuvorkommen befreundet untereinander alle Alter und Stände, und man muss sich gegenseitig aufsuchen, wenn man sich näherzukommen wünscht.
Allein in Baden herrscht noch bei vielen Leuten der Brauch, ihre Mitbürger, welche den gleichen Hofbewohnen, wenn sie auch früher nicht näher mit ihnen bekannt waren und in der Folge auch in keinerlei Verhältnis miteinander zu treten wünschen, wenigstens einmal in ihren Zimmern zu begrüssen, und das geht bisweilen etwas breit zu. In der Regel werden dergleichen Besuche gegen elf Uhr abgestattet.
Da gibt es dann beim Eintritt viele blumenreiche Worte über die Ehre, die man sich gegenseitig erweise, und dieses Thema wird fugatim durchgeführt, bis man sich auf die Stühle hinkomplimentiert hat. Alsdann wird nach dem Befinden der ganzen Familie gefragt, für das Wohlsein des Herrn Vaters Gott gelobt, der Husten der Frau Tante, das Zipperlein des Herrn Schwagers und das beschwerliche Zahnen der lieben Kinder mit Bedauern erwähnt. Man äussert die Hoffnung, dass die Kur eine gesegnete Wirkung haben werde, erzählt einander wie warm, wie früh und wie spät man bade, was der Badwäscher gesagt habe und wie das heutige Wetter sich zum gestrigen verhalte. Ferner gibt es immer Stoff zu mannigfaltigen Vergleichungen des Hinterhofes mit dem Staadhofe, des Fälkleins mit dem Hölderlein, der Schnecken- mit der Gastlaube, und es werden die Vorzüge jedes einzelnen Zimmers gepriesen sowie seine Unbequemlichkeiten getadelt. Von der Komödie wird dann auch gesprochen, das Verdienst der Schauspieler und der Inhalt der neuesten Oper kritisch beleuchtet. Werden die Zwischenpausen etwas länger und regt sich etwa eine Anwandlung zum Gähnen, so scharrt man mit den Füssen zum Zeichen des Aufbruchs, erhebt sich von den Stühlen, dankt nochmals für erwiesene Ehre, gerät über das nähere oder weitere Begleit in delikate Protestationen und empfiehlt sich endlich noch ein paarmal ganz gehorsamst im Umwenden.
Wie eine Drehorgel die nämlichen Melodien wiederholt, so beginnt auch beim folgenden Besuch das nämliche Zungenspiel aufs Neue. Das bekannte Thema wird mit Variationen ad libitum abgeleiert, bis man endlich seinen Visitenkreis durchlaufen hat.
Auf dem Hof aber stösst man überall wieder auf Leute, welche herumziehen, um einander die Zeit auf ähnliche Weise zu vertreiben. Auf einem Beine stehend, den Hut ehrerbietig in der Hand, liefert man sich aphoristische Auszüge aller oben angeführten Merkwürdigkeiten, versäumt darüber oft den vorgehabten Spaziergang und muss sich gegenseitig, um nicht unhöflich zu scheinen, wie das Lamm dem Scherer herhalten, bis etwa die Glocke zur Tafel ruft oder die Langeweile, mit der man sich wie mit einem schleichenden Fieber unter den ausgesuchtesten Wendungen ansteckte, die müden Zungen vollends lähmt und die verstummenden Gruppen auseinandertreibt.
Bejahrte Frauen, welche noch an den älteren Formen der Höflichkeit festhalten, verstehen es meisterlich, dergleichen Sitzungen oder Stillstände zu verlängern, und ist endlich der Augenblick des Scheidens dennoch gekommen, so will keine zuerst aufbrechen, keine vor der andern eine Schwelle betreten. Und gehn sie zusammen spazieren, so werden sie bis vor das Tor einander an alle Mauern drängen, um sich auf der linken Flanke zu überflügeln und der hochwertesten Frau Muhme die rechte Ehrenseite pflichtschuldigst aufzuzwingen. Das alles geschieht unter den lebhaftesten Diskussionen, in welche wie Fanfaren das Geschnatter der Enten und Gänse einfällt, und ist gar possierlich im Vorübergehen zu beobachten.
DIE MATTE
Vor dem Mittagessen gibt man sich gern noch etwas Bewegung im Freien und dazu ist die Matte (das Mätteli, vor Zeiten auch die Werde-Matt genannt) ganz vorzüglich geeignet. Sie gehört nebst vielen anderen Gütern zum Hinterhof, wird aber von den Bewohnern aller übrigen Gasthöfe als öffentlicher Spaziergang benutzt, und zwar von alters her mit Fug und Recht, denn auf Pfingsttag 1424 ward von der Tagsatzung in Baden diesfalls eine Verordnung gemacht, in welcher es heisst: «Es ist zu wissen von der Werdmatten im niederen Baden, worauf man tanzt, die ist vor gemeiner Eidgenossen Boten geöffnet, und ist also von alters hergekommen, dass diese zu Heinrich Schinders sel. Hof gehört und gehören soll, und dass jedermann, in welchen Würden und Ehren er ist, seien es Frauen, Herren, junge oder alte Leute, jederzeit, sommers und winters auf der Matte sich ergehen mögen, Steg und Weg haben und ihre Kurzweil treiben, sei es mit Tanzen oder anderer geziemlicher Kurzweil und es soll das niemand dem andern wehren auf seinem Weg. Und wer des Schinders Hof innehat, der soll auf seine Kosten immer die Tanzbühne auf der Matte erstellen und in Ehren halten und niemandem seine Kurzweil erwehren. Was sonst auf der Matte wächst und zu nutzen ist, mag der nutzen, der den Hof besitzt und hierin von niemandem gehindert sein.»
Die Matte ist ein schmaler, lieblicher, schattiger Wiesengrund, etwa 150 Schritte lang. Auf der einen Seite fliesst die Limmat in schnellem Zuge vorüber, auf der andern erhebt sich ein grüner, mit Bäumen und Buschwerk bekränzter Rain. Gegen Westen ist sie ganz von einem dunkeln Buchenwäldchen eingeschlossen, durch welches über mancherlei Gestein ein enger, romantischer Fusssteig am Flusse hinab, ein anderer, breiterer, links aufwärts gegen die obere Matte führt. Jenseits der Limmat sieht man steile, von der Siggenthalerstrasse durchschnittene Traubenhügel, in welchen auf Kalksteingrund ein trefflicher geistiger Wein wächst, worunter der von der Müseck der vorzüglichste ist. Über den Traubenhügeln ruht die waldbewachsene Stirne des Hertensteins. Alles, was hier die Kunst zur Verschönerung der Natur getan hat, besteht in einem acht Fuss breiten, mit Sand bestreuten und mit Pappeln eingefassten Gang, einer Linde am Ende desselben, einigen andern hier und da gepflanzten Bäumen, nebst wenigen Bänken und einer Kegelbahn.22
Vor 25 Jahren liess Herr Oberst Burkhard aus dem Kirschgarten von Basel, der ein vorzügliches Talent zu einfachen und geschmackvollen Gartenanlagen besass und die Landökonomie aus dem Grunde verstand, auf eigene Kosten die Allee breiter machen, die Pappeln und einiges Buschwerk hinpflanzen, das Gesträuch, wo es nötig war, aushauen und reinigen, den ganzen Platz verebnen und überall Bänke hinsetzen. Er gab auch Anleitung, wie das ganze grosse Gut, ohne den Ertrag desselben zu vermindern und ohne bedeutenden Aufwand, in einen reizenden Park hätte umgeschaffen werden können. Allein aus den nämlichen Gründen, welche alle Verbesserungen im Hinterhofe selbst erschweren oder unmöglich machen, kam auch davon nichts zustande und ward Herrn Burkhards kleine Schöpfung fürs allgemeine Beste nicht gehörig unterhalten. Wenn Bänke abgehen oder gestohlen werden, was über den Winter oft geschieht, müssen die Kurgäste, welche gern im Grünen sitzen, etwas Geld zusammenschiessen, um auf den Stellen, die sich vorzüglich dazu eignen, ein paar Bretter flüchtig auf Pfähle nageln zu lassen, welche schon im nächstfolgenden Sommer meistens wieder verschwunden sind.
Wenn nicht gar zu viele Spaziergänger zusammentreffen, findet man auf der Matte, so klein sie ist, Raum genug nebeneinander. Bei gutem Wetter ist gewöhnlich gegen Mittag, an Sonntagen in grösserer Zahl die schöne Welt hier versammelt. Man kann auf und nieder gehend sich freier als im Zimmer mit seinen Bekannten unterhalten. Man mustert die Neuangekommenen, merkt sich die Gesichter, auf welchen der Blick am liebsten verweilen mag, und knüpft manche Bekanntschaft an, die in der Folge bedeutend werden kann.
In gänzlicher Ermangelung jedes andern Vereinigungspunktes trifft auch gegen Abend wieder ein Teil der Gesellschaft hier zusammen. Schon in den ältesten Zeiten war die Matte der Ort, wo die Badgäste sich vorzugsweise versammelten, zusammen speisten, pokalierten und sich mit mancherlei Spielen ergötzten. So beschränkt auch der Platz ist, so wurden dennoch Feste hier gefeiert, die wir in unseren Tagen nur noch dem Namen nach kennen. Gesandte fremder Mächte, besonders der Krone Frankreichs, die wegen der Eidgenössischen Tagsatzungen den Sommer über ihren Wohnsitz in Baden aufschlugen, gaben hier prächtige Gastmahle im Freien, zu welchen alle angesehenen Badgäste geladen, die Männer mit kostbaren Weinen bewirtet, die Frauen oft sogar mit goldenen Ketten und Armspangen beschenkt wurden, wodurch die Botschafter trachteten, sich und ihren Herren Freunde und Förderer für die Zwecke ihrer diplomatischen Sendungen zu gewinnen, die hauptsächlich auf Anwerbung käuflicher Schweizer in fremde Kriegsdienste zielten. Illuminationen und Feuerwerke dauerten bei solchen Gelegenheiten bis in die späte Nacht hinein. Wie die Kur daneben gebraucht ward, kann man sich vorstellen.
Wie manches kleine Liebesabenteuer mag wohl hier schon im Verstohlenen angesponnen worden sein, das den Stoff zu den anziehendsten Romanen hätte liefern können!23 Wie manche glückliche Ehe war die segensreiche Folge des ersten Erkennens gleichgestimmter Herzen in diesen Schattengängen! Wie manche Verbindung wurde dagegen auch hier in der Eile von Leichtsinn und Gefallsucht unauflöslich geknüpft, die nach bald verflogenem Rausche nur Ekel und Missmut zurückliess, welche kein Wasser mehr wegschwemmte! Wie mancher stiller Seufzer über physische und moralische Leiden, welche das Bad hätte heilen sollen und, ach, nicht zu bezwingen vermochte, und auch wie mancher innig empfundene Dank für wiedererlangte Gesundheit stieg schon seit Jahrhunderten aus diesem Raume zum Himmel empor!
Oft sieht man im Anfang der Kur manchen Badgast hier mühselig und jämmerlich an Krücken einherschleichen, der nach Verfluss einiger Wochen schon wieder auf eigenen, neu gestärkten Beinen rüstig davonschreitet. Die Gewohnheit unserer Alten, in Kapellen oder an Bäumen bei den Bädern, wo sie den Gebrauch ihrer Glieder wieder erlangten, die unnütz gewordenen Krücken aufzuhängen, hätte sich nicht verlieren sollen. Es war eine fromme, sprechende Übung!
Die kleine Kapelle, welche zwischen beiden nach der Matte führenden Toren mit der Mauer in einer Flucht steht und jetzt das Mattenkirchlein genannt wird, ist den heiligen drei Königen geweiht und einzig noch bemerkenswert, weil in früheren Zeiten nach ihr die ganze Anstalt das Bad der drei Küngen in Ober-Schwaben bei Schweiz hiess. Dass einst an dieser Stelle ein römischer Tempel bei den Bädern gestanden habe, ist zwar oft behauptet, jedoch nie gründlich bewiesen worden. Indes soll im Jahr 1550 hier ein steinerner Altar aus der Erde gegraben worden sein mit der Inschrift:
DEO INVICTO TIB. CASSIUS ET
SANCTUS ET TIB. SANCTEIUS
VALENS
IEVI --------- L.
aus welcher die Altertumsforscher zusammengesetzt haben: «Dem unüberwindlichen Gott (gewidmet) von Tiberius Cassius Sanctus und Tiberius Sanctejus Valens, des Jevi Freigelassene.»
Auf der Galerie über dem Eingang findet der Liebhaber dieser Kapelle ein paar bedeutende Überbleibsel altdeutscher Kunst. Diese schmalen, etwa zweieinhalb Fuss hohen Gemälde stellen die heilige Magdalena in einem weissen, bis auf die Füsse herabfallenden Schleier und die heilige Anna mit langen, goldenen Locken in einem roten Mantel dar. Von einem anderen Meister hängen unten in der Kapelle zehn Passionsgemälde, die nicht so gut wie jene beiden Heiligenbilder, aber dennoch weit besser sind, als man sonst von dergleichen Darstellungen in kleinen Kirchen gewohnt ist.
Gegen halb ein Uhr verliert sich die schöne Welt von der Matte, welche um diese Zeit nur noch von einzelnen Landleuten, die vor der Mittagsglocke gespeist haben, besucht wird.
DIE MITTAGSMAHLZEIT
Die den hungrigen Mägen wohlbekannte Glocke ertönt um halb ein Uhr; es ist das erste Zeichen, welches den Dienstboten im Hinterhof die frohe Kunde gibt, dass angerichtet werde. Hier treffen die alten Sprichwörter ein: «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst», und «sero venientibus ossa». Die Speisen werden auf grossen Brettern in die Zimmer getragen.
Nach einer Viertelstunde erschallt das zweite Zeichen, welches die Herrschaften an die Wirtstafel ruft und nach Verfluss einer Stunde wird endlich dem aufwartenden Gesinde, das vom blossen Zusehen nicht satt werden kann, auch zum Essen geläutet. Im Staadhofe findet die gleiche Einrichtung statt.
Wer sich ohne Familie in Baden befindet, speist vorzugsweise an den verschiedenen Wirtstafeln, weil das Alleinessen selten schmeckt. Auch ganze Familien halten ihre Mahlzeiten häufig mit der grösseren Gesellschaft. Es kommt hierbei auf den Liebhaber an. Wenn auf der einen Seite das Zusammenspeisen aller Gäste die Geselligkeit fördert, so haben auf der anderen doch die Wirtstafeln, zumal in Bädern, auch ihre Nachteile. Wer vermag seine Gelüste immer so im Zaume zu halten, dass er nie in Versuchung geriete, sich durch den Genuss von mancherlei, oft gar nicht auf die Kur berechneten Leckerbissen den Magen zu verderben? Eine wahre Qual ist die Musik, welche an den Wirtstafeln das Gehör der Speisenden täglich betäubt und ihre oft ohnehin schon angegriffenen Kopfnerven mit pompösen Märschen und rauschenden Walzern erschüttert, als müsste man durchaus jeden Bissen nach dem Takte kauen und dürfte mit seinem Nachbar kein vernünftig zusammenhängendes Wort sprechen. Den Gästen werden nach chronologischer Ordnung, wie sie im Bad angelangt sind, ihre Plätze angewiesen, was überall eingeführt und allerdings nötig ist, um jeden Rangstreit zu verhüten. Allein dadurch kommt man sehr oft gerade neben Unbekannte zu sitzen, mit welchen man in keinerlei Beziehung steht und muss mit vergeblicher Sehnsucht ans andere Ende der Tafel auf befreundete Gestalten schielen, mit denen man gern ein unterhaltendes Gespräch anknüpfen möchte und welche auf ihrer Seite ebenso unpassend umgeben sind. Das Essen dehnt sich immer in die Länge. Man bricht nicht gern früher als die übrige Gesellschaft auf, man wird nach aufgehobener Tafel in weitschweifige Gespräche verwickelt und am Ende gibt es noch Einladungen zum Kaffee, die man nicht wohl ablehnen darf und bald nachher erwidern muss.
Wer hingegen ruhebedürftig, im Familienkreis auf seinem Zimmer speist, hat es im Grunde daselbst weit gemächlicher, nur so viel und gerade diejenigen Schüsseln, welche man vorzüglich liebt oder bedarf, und die Kinder, welche vor dem zwölften Jahr nie an Wirtstafeln mitgebracht werden sollten, können von keinen allzu gefälligen Nachbarinnen mit Naschereien überfüttert werden und hören keine Gespräche, die nicht für ihr Alter passen. Ich halte es für einen der grossen Vorzüge von Baden, dass es hier noch immer einem jeden frei steht, sich nach Willkür auf seinem Zimmer bedienen zu lassen.
Im Hinterhofe habe ich sowohl die Speisen an der öffentlichen Tafel als diejenigen, welche ich mir auf mein Zimmer bringen liess, immer gut zubereitet gefunden, auch sind die Portionen hinreichend für jeden, der nicht aus dem Geschlecht der Gargantua stammt. Und wenn im Staadhofe bei gleicher, vielleicht grösserer Mannigfaltigkeit der Gerichte die Kocherei nicht immer gleich sorgfältig behandelt werden kann, so ist das nur der Fall, wenn gar zu viele Gäste auf einmal bewirtet werden müssen. In andern Häusern habe ich noch nie gespeist. Wer indes einen hohen Wert auf Leckerbissen setzt und eine gastronomische Kur gebrauchen will, der muss von hier nach Schinznach reisen.
Gemüse, zumal feinere, sind in Baden noch immer etwas selten. Die Wirte haben nicht Zeit, dergleichen durch ihre eigenen Leute im Überfluss pflanzen zu lassen; sie müssen dieselben den Stadtbürgern, die allmählich anfangen, welche zu bauen, sehr teuer bezahlen, und die benachbarten Bauern verstehen nichts von Gartenkultur und denken nicht daran, dass sie damit ein einträgliches Gewerbe treiben könnten. Wer also feinere vegetabilische Nahrung andern Speisen vorzieht, tut wohl, sich alle Wochen ein paarmal frische Gemüse von Zürich kommen zu lassen, was durch die Schiffe bequem und wohlfeil geschehen kann.
Auf dem Zimmer speist man indes auch nicht immer ganz ungestört. Da ist des Anpochens kein Ende. Die Zuckerbäckerinnen machen um diese Zeit wieder ihre Runde, und Kinder von den benachbarten Weilern strecken ihre oft mit unreinen Händen gepflückten Erd-, Heidel- und Brombeeren auf schmutzigen, zinnernen Tellern durch die von ihnen selbst geöffnete Türe herein und räumen selten den Fleck, bis sie sich, ohne eigentlich arm zu sein, etwas Brot oder andere Lebensmittel erbettelt haben. Dergleichen Früchte sollten bloss auf bestimmten Plätzen feilgeboten werden, wie es mit anderem Obst auf dem heissen Stein vor dem Staadhofe geschieht.
Auf den Gassen wird man sonst hier durch keinerlei Bettel belästigt. Die überall verteilten Landjäger halten streng auf Zucht und Ordnung. Sie richten auch kleine Aufträge in der Nachbarschaft aus und überbringen den Gästen die mit den Schiffen anlangenden Pakete und Briefe.

Die Matte.
DER LITERARISCHE NACHMITTAG
Wer an keiner Wirtstafel gespeist hat und gleich nach dem Essen lieber ein stilles Stündchen im Freien zubringt, statt sich beim Nachtisch in den dumpfen, geräuschvollen Sälen zu verweilen und mit allerlei Badgästen in allen Winkeln stehen zu bleiben und zu plaudern, der findet bis gegen drei Uhr die Matte meistens einsam. Bei der grössten Hitze ist es da immer kühl und schattig im Grünen. Man setzt sich auf die untere Bank an die Limmat, wo der muntere Strom seine klaren Wellen rauschend vorübertreibt, auf welchen malerische Reflexe schwimmen und je nach der verschiedenen Beleuchtung in wechselnden Farben spielen. Oder man begibt sich auf die Bank unter der Linde am hintersten Ende des Platzes. Hat man Frau und Kinder bei sich, so spielen die Kleinen auf dem ebenen Wiesenplan, indes die liebe Gefährtin strickend die ausgelassene Jugend im Auge behält, dass sie sich nicht zu nahe an das reissende Wasser hinwage. Der Mann raucht gemütlich sein Pfeifchen, dazwischen wird traulich geplaudert oder etwas gelesen. Wer nähme nicht gern ein paar unterhaltende Bücher mit sich nach Baden? Die anziehendste Lektüre ist immer diejenige, welche von einem bedeutenden Orte handelt, an dem man sich eben befindet und Stoff zu Vergleichungen über Sitten und Gebräuche der Vorzeit mit der Gegenwart darbietet.
Die Literatur über Baden ist ziemlich reichhaltig. Es haben unter anderen davon geschrieben:
J.F. Poggio Bracciolini, genannt der Florentiner, im Jahr 1417.
Henr. Gundelfinger, Canonicus Ecclesiae Beronensis. 1489. Ein seltenes Manuskript.
Alexander Sytz, von Marbach: Menschliche Lebens-Art und Ursprung und wie man das befristen soll durch die Wildbäder zu Oberbaden. Auch von deren Kraft, Tugend und Eigenschaft, und wie man sich darinnen halten soll. Basel 1510.
Dieses Buch, obgleich es oft angeführt wird, ist selten mehr zu finden und eigentlich eher eine allgemeine Anleitung zum Gebrauch der Bäder als eine Beschreibung derjenigen von Baden insbesondere. Sytz scheint sich als Arzt und Geburtshelfer in Baden aufgehalten,* dort aber durch politische Umtriebe so unnütz gemacht zu haben, dass er auf Befehl der regierenden Stände durch den Landvogt eingezogen ward und das Urteil erging, er solle Urfehde schwören und das Land verlassen. Darüber erschraken die Frauen von Baden und erliessen eine Bittschrift an die Stände, welche ich ihrer Eigentümlichkeit wegen in einer Beilage am Ende dieses Buches einrücke. Das Original befindet sich in der Sammlung des Herrn Schultheiss von Mülinen zu Bern.
Sebastian Münster, in seiner Cosmographia universalis. 1550.
Conrad Gessner, in dem zu Venedig gedruckten Werk: De Thermis et Fontibus Medicatis Helvetiae et Germaniae. 1552.
Darin sind Auszüge aus Gundelfingers Werk und ist auch Alexander Sytz erwähnt.
Dr. Joh. Jac. Huggelin, in seinem Büchlein:* Von heilsamen Bädern des Teutschenlands. 1559.
Dr. Georg Pictorius in seinem Baderbüchlein. Ganz kurzer Bericht von allerhand einfachen und 38 komponierten mineralischen Deutschlands Wildbädern etc. 1560.
Dr. Heinrich Pantaleon. 1578.
Michel de Montaigne. 1580.
Ohne den Namen des Verfassers und ohne Angabe des Druckortes erschien im Jahre 1619 ein Buch in Folio unter dem Titel: Kurze und eigentliche Beschreibung des Ursprungs, Kraft, Nutzbarkeit und Gebrauchs des edlen, weitberühmten warmen Bads zu Baden im Aargau in der lobl. Eidgenossenschaft etc. Dasselbe ward im Jahre 1683 zum zweiten und 1730 zum dritten Mal in Baden wieder aufgelegt, ist selten geworden und soll kurze veraltete Sätze über den Gebrauch und die Kräfte dieses Bades enthalten.24 Matthäus Merian in seiner Topographie. 1642.
Joh. Jac. Wagner in seinem Mercurius Helveticus. 1688.
Salomon Hottinger: Thermae Argoviae-Badenses; d. i. Eigentliche Beschreibung der warmen Bäder zu Baden. 1702.
Abraham Ruchat in seinen Délices de la Suisse, 1714, unter dem geborgten Namen Gottlieb Kypseler de Münster. Dieses Buch ist in der Folge noch mehrmals aufgelegt und verbessert worden.
Joh. Jac. Scheuchzer, zuerst in seiner Hydrographia Helvetica. 1717. Ein Auszug aus Salomon Hottingers Werk nebst beigefügten eigenen Bemerkungen.
Dann in den Actis Academiae Naturae Curiosorum. 1730: Otia aestivalia circa Thermas Badenses Helveticas, und daselbst auch: De Salis Badensis thermalis effectu und von den sich gern in diesen Bädern aufhaltenden Heimchen (Grilli).
Ferner ein eigenes Werk in Quart nebst sechs Kupferstichen: Vernunftmässige Untersuchung des Bads zu Baden, dessen Eigenschaften und Wirkungen. 1732.
Und endlich in der zweiten Ausgabe seiner Naturhistorie des Schweizerlands. 1752.
Dav. F. de Merveilleux: Amusements des Bains de Bade en Suisse. 1739.
Hs. Heinr. Bluntschli in seinen Merkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich. 1742.
Und Anton Werdmüller in der Fortsetzung dieses Werkes. 1780.
Hs. Jac. Leu in seinem allgemeinen Helvetischen Lexicon. 1747–1764.
Und Hs. Jac. Holzhalb in seinen Supplementen zu Leus Lexicon. 1786.
David Herrliberger in seiner Topografie der Eidgenossenschaft. 1758.
Andreae in seinen Briefen aus der Schweiz nach Hannover geschrieben im Jahre 1763.
Joh. Conrad Fäsi in seiner Staats- und Erdbeschreibung der ganzen Helvetischen Eidgenossenschaft. 1768.
Joh. Conrad Füssli in seiner Staats- und Erdbeschreibung der schweizerischen Eidgenossenschaft. 1772.
C. F. Morell in seiner Chemischen Untersuchung der Gesundbrunnen und Bäder in der Schweiz. 1788.
Joh. Gottfr. Ebel in seiner Anleitung, die Schweiz zu bereisen. 1793, 1804 und 1809.
Hs. Rudolf Maurer: Lokalbeschreibung des Heilbads zu Baden in der Schweiz, im Archiv gemeinnütziger physischer und medizinischer Kenntnisse, herausgegeben von Dr. Joh. Heinrich Rahn, Kanonicus, III. B. 2te Abtlg. 1791, und in seinen Kleinen Reisen im Schweizerland. 1794.
Fr. Seb. Dorer: Wirkungen des natürlichen warmen Mineral-Bades zu Baden. 1806.
Ludw. Meyer, M. Dr., und dessen Sohn, in den Neujahrsgeschenken der Zürcherischen Jugend gewidmet von der Gesellschaft zum Schwarzen Garten. 1808 und 1809.
Zschokke in seiner Beschreibung des Kantons Aargau im Helvetischen Almanach fürs Jahr 1816.
Die Legionen von Reisebeschreibungen und Almanachen, welche auch von Baden etwas melden, anführen zu wollen, wäre ein beschwerliches und fruchtloses Unternehmen. Da nicht jedermann die angeführten Bücher gleich bei der Hand hat oder mit nach Baden schleppen möchte, so liefere ich hier zur Nachmittagsunterhaltung Auszüge verschiedener Schriften, welche von den hiesigen Sitten und Bräuchen früherer Zeiten und von einigen beinahe ganz vergessenen Merkwürdigkeiten Kunde geben, und erzähle zwischenein, was ich sonst darüber in Erfahrung gebracht habe.25 Hätten wir nur auch etwas Umständlicheres und mehr Charakteristisches aus den Zeiten der alles verschönernden Römer anzuführen, als was Tacitus nur mit ein paar Worten oberflächlich und unbefriedigend davon sagt.
Die Bäder von Baden wurden erst im Mittelalter, nachdem sie durch Eroberung an die Eidgenossen gekommen, zur Zeit der Konstanzer Kirchenversammlung allgemeiner und auch im Auslande bekannt. Indes in Konstanz religiöse und politische Zänkereien vorfielen, mächtige Fürsten in Acht und Bann getan und Ketzer verbrannt wurden, pflegte man in Baden des Leibes und ergötzte sich so harmlos und ungestört, dass viele fremde Prälaten und Herren aus der Kirchenversammlung dahin reisten, um von den Mühseligkeiten ihrer wichtigen Verhandlungen auszuruhen.
Auch Joh. Franz Poggio, genannt Bracciolini, geboren im Florentinischen im Jahr 1380, einer der grössten Wiederhersteller der Wissenschaften im 15. Jahrhundert und 40 Jahre lang Sekretär von zehn verschiedenen Päpsten, begleitete nebst dem Geschichtsschreiber Lionardo Aretino den Papst Johann XXIII. nach Konstanz, besuchte von dort aus die Bäder von Baden und beschrieb seinen Aufenthalt daselbst in einem zierlichen lateinischen Brief an seinen Freund Nicolo Nicoli, welcher ebenfalls ein grosser Gelehrter jener Zeit war. Obgleich dieser Brief in Poggios gedruckten Werken steht und durch verschiedene deutsche Übersetzungen sich in vielen Händen befindet, so lasse ich denselben dennoch seinem ganzen Umfange nach, so wie er im Helvetischen Almanach fürs Jahr 1800 erschienen ist, hier abdrucken, weil wir durch dessen Inhalt uns eine lebhafte Vorstellung von der damaligen Lebensart in Baden bilden können.
Als Poggio diese Reise machte, war er ein Geistlicher, vermählte sich aber nachher, starb erst im Jahre 1459 als Kanzler der Republik Florenz und hinterliess mehrere Söhne.
JOHANN FRANZ POGGIO AN NICOLO NICOLI, AUS BADEN IM JAHR 1417.
Ich schreibe Dir diesen Brief aus den hiesigen Bädern, wohin mich die Gicht an den Händen getrieben und denke, sie verdienen es, sowohl die Lage und Anmut derselben als die Sitten der sich hier aufhaltenden Gäste und ihre Badensweise Dir zu schildern.
Die Alten machten viel Redens von den Bädern zu Puteoli, wohin beinahe ganz Rom, um sich zu erlustigen, zusammenfloss. Allein nach meiner Meinung kamen dieselben in dieser Rücksicht den hiesigen nicht bei und leiden überhaupt keine Vergleichung mit ihnen. Dort trug die Schönheit der Gegend und die Pracht der umliegenden Landhäuser mehr als das Baden und die fröhliche Gesellschaft zu den Vergnügen des Ortes bei. Hier hingegen gewährt die Lage dem Gemüt keine oder doch nur sehr geringe Ergötzung. Alles andere aber hat so unendlichen Reiz, dass ich mir öfters träumen konnte, Cypria selbst und was sonst die Welt Schönes in sich fassen mag, sei in diese Bäder gekommen, so sehr hält man hier auf die Bräuche dieser Göttin, so sehr findest Du da ihre Sitten und losen Spiele wieder; und so wenig die guten Leute Heliogabals26 Rede gelesen haben, so vollkommen scheinen sie doch von Mutter Natur selbst hierin unterrichtet zu sein. Vor allen Dingen noch ein Wort vom Weg, der von Konstanz hierher führt, damit Du wissest, in welchem Teil Galliens27 unsere Bäder gelegen seien.
Den ersten Tag fuhren wir in einem kleinen Nachen auf dem Rhein bis Schaffhausen sechs Meilen weit, hernach mussten wir des hohen Falles wegen, den dort der Fluss über abgerissene schroffe Felsen macht, anderthalb Meilen zu Fuss gehen und kamen so zu dem jenseits des Rheins gelegenen Schloss Kaiserstuhl, wo, aus dem Namen zu schliessen, die Römer (der vorteilhaften Lage wegen auf einem hohen Hügel an dem Strome, wo Gallien mit Germanien durch eine kleine Brücke verbunden wird) einst ein Lager gehabt. Auf unserer Strasse sahen wir, wie gesagt, den Rhein von einem hohen Berg über dazwischen stehenden Klippen mit einer Wut und einem Getöse sich herabstürzen, dass man glauben sollte, er bejammere selbst seinen Fall. Hier fiel mir ein, was man von den Katarakten des Nils erzählt, dass nämlich die daran wohnenden Menschen von dem Geräusch und Geprassel taub werden, da man das schon von diesem Flusse, der doch gegen jenen nicht viel mehr als ein Waldbach ist, fast eine halbe Stunde weit hört.28
Endlich kamen wir nach Baden, einer ziemlich wohlhabenden Stadt, die in einem von Bergen rundum eingeschlossenen Tal an einem grossen, schnell laufenden Flusse liegt, welcher anderthalb Meilen unter dem Ort sich in den Rhein ergisst.
Ungefähr eine Viertelstunde von der Stadt nun, dicht am Flusse, hat man zum Gebrauch der Bäder einen schönen Hof angelegt, in dessen Mitte sich ein grosser Platz befindet, ringsum von prächtigen Gasthäusern umgeben, die eine Menge Menschen fassen können. Jedes Haus hat sein eigenes Bad, dessen sich nur diejenigen bedienen, die in demselben wohnen. Die Zahl der öffentlichen Privatbäder beläuft sich zusammen an die 30. Für die niedrigste Klasse des Volkes indessen sind zwei besondere von allen Seiten offene Plätze bestimmt, wo Männer, Weiber, Jünglinge und unverheiratete Töchter, kurz alles, was vom Pöbel hier zusammenströmt, zugleich baden. In diesen befindet sich eine die beiden Geschlechter absondernde Scheidewand, welche jedoch nur Friedfertige abhalten könnte; und lustig ist es anzusehen, wie da zugleich alte abgelebte Mütterchen und junge Mädchen nackt vor aller Augen hinabsteigen und das, was sonst jedermann sorgfältig verbirgt,29 den Mannsbildern preisgibt. Mehr als einmal hat mich dieser köstliche Spektakel belustigt. Die floralischen Spiele sind mir dabei eingefallen und ich habe bei mir selbst die Einfalt dieser guten Leute bewundert, die ebenso wenig ihr Auge darauf richten, als sie dabei das mindeste Arge denken oder reden.
Nun die besonderen Bäder in den Gasthöfen betreffend, so sind diese sehr schön ausgeputzt und beiden Geschlechtern gemeinsam. Zwar werden dieselben durch ein Getäfel gesondert, worin aber verschiedene Ablassfensterchen angebracht sind, durch welche man zusammen trinken und sprechen und sich so gegenseitig nicht bloss sehen, sondern auch berühren kann, wie dann dies alles häufig geschieht. Nebendem sind in der Höhe Gänge angebracht, wo sich Mannspersonen zum Sehen und Plaudern einfinden, und wohlverstanden steht da jedem frei, in des andern Bad einen Besuch zu machen, zu scherzen, sein Gemüt zu erheitern, und beim Eintritt ins Bad sowie beim Aussteigen hübsche Frauen am grössten Teil des Leibes nackt zu schauen. Also keine Posten bewahren hier die Zugänge, keine Türen, zumal keine Furcht des Unanständigen, verschliessen sie. In mehreren Bädern treten sogar beide Geschlechter durch denselben Eingang ins Bad und nicht selten trägt sich’s zu, dass die Mannsperson einem nackten Frauenzimmer und umgekehrt begegnet. Doch binden die Männer eine Art von Schürze vor und die Weiber haben ein linnen Gewand an, welches aber von oben bis in die Mitte oder an der Seite offen ist, sodass weder Hals noch Brust noch Arme noch Schultern damit bedeckt sind. Im Bade selbst speisen sie öfters von allseitig zusammengetragenen Gerichten an einem Tisch, der auf dem Wasser schwimmt, wobei sich natürlich auch die Männer einfinden. In dem Haus, wo ich badete, wurde auch ich eines Tages zu einem solchen Fest eingeladen. Ich gab meinen Beitrag, ging aber, obwohl man mir gleich sehr zusetzte, nicht hin und zwar nicht aus Schüchternheit, die man hier für Faulheit oder bäurisches Wesen hält, sondern weil ich die Sprache nicht verstand. Denn es kam mir abgeschmackt vor, dass ein des Deutschen unkundiger Welscher stumm und sprachlos zwischen Schönen einen ganzen Tag im Bad bloss mit Essen und Trinken zubringen sollte. Zwei meiner Freunde hingegen fanden sich wirklich ein, assen, tranken, schäkerten, sprachen durch einen Dolmetsch mit ihnen, wehten ihnen mit einem Fächer Kühlung zu und, kurz, belustigten sich sehr. Denn nichts fehlte an dem Schauspiel als die Vorstellung Jupiters, wie er durch den goldenen Regen auf Danaen wirkte u. s. f., und waren zwar meine Gefährten mit dem Linnengewand bekleidet, das auch Männer anzulegen pflegen, wenn sie in Frauenzimmerbäder geladen werden. Ich sah dann alles von der Galerie, die Sitten und Gewohnheiten dieser Ehrenleute, ihr gutes Essen, ihren angenehmen, zwanglosen Umgang. Wunderbar ist es zu sehen, in was für einer Unschuld sie leben und mit welch unbefangenem Zutrauen die Männer zuschauten, wie Fremde gegen ihre Frauen sich Freiheiten herausnahmen, nichts beunruhigte sie; alles deuteten sie zum Besten aus, oder vielmehr, sie gaben nur nicht Acht darauf. Denn nichts ist so schwer, das nach den Sitten dieser guten Menschen nicht federleicht wird. In Platons Republik, deren Sitten alles gemeinsam machen, hätten sie sich trefflich benommen, da sie schon ohne seine Lehre zu kennen, sich so zu seiner Sekte neigen.
Einige dieser Bäder gebrauchen, wie schon gesagt, Manns- und Frauenpersonen zugleich, wenn sie untereinander durch Bande des Bluts oder der Freundschaft verbunden sind. Mancher besucht täglich drei bis vier solcher Bäder und bringt da den grössten Teil seines Tages mit Singen, Trinken und nach dem Bade mit Tanzen zu. Selbst im Wasser setzen sich einige hin und spielen Instrumente. Nichts aber kann reizender zu sehen oder zu hören sein, als wenn eben mannbare oder schon in voller Blüte stehende Jungfrauen mit dem schönsten offenen Gesicht, an Gestalt und Benehmen Göttinnen gleich, in diese Instrumente singen, ihr leichtes zurückgeworfenes Gewand auf dem Wasser schwimmt und jede eine andere Venus ist. Dann haben sie die artige Sitte, wenn Männer ihnen von oben herab zusehen, sie scherzweise um ein Almosen zu bitten. Da wirft man, zumal den Hübschen, kleine Münzen zu, die sie mit der Hand oder mit dem ausgebreiteten Linnengewand auffangen, indem eine die andere wegstösst, und werden bei diesem Spiel eben nicht selten auch die geheimeren Schönheiten enthüllt. Ebenso wirft man ihnen auch aus allerlei Blumen geflochtene Kränze hinab, mit denen sie sich das Köpfchen schmücken.30
Diese vielfältige Gelegenheit, das Auge zu ergötzen und den Geist zu ermuntern, hatte einen so grossen Reiz für mich, dass ungeachtet ich selber täglich zweimal badete, ich noch die übrige Zeit mit dem Besuch anderer Bäder zubrachte und ebenfalls Münzen und Kränze hinunterwarf wie die anderen. Denn unter diesem immerwährenden Geräusch und Klang und Gesang war da weder zum Lesen noch zum Denken Zeit. Und hier allein weise sein wollen, wäre die grösste Torheit gewesen, zumal für einen, der kein selbstpeinigender Menedem und dem nichts Menschliches fremd ist. Zur höchsten Lust mangelt freilich noch die Unterhaltung durch Gespräche, die denn doch unter allen die vorzüglichste ist. Mir blieb also nichts übrig, als die Augen an den Schönen zu weiden, ihnen nachzugehn, sie zum Spiele zu führen und wieder zurückzugeleiten. Auch war zum näheren Umgange Gelegenheit da und so grosse Freiheit dabei, dass man sich eben um die gewohnte Stufenleiter der Bewerbung um Gunst und Zuneigung nicht zu bekümmern brauchte. Ausser diesen Vergnügungen gab es dann noch eine andere von nicht geringem Reize. Hinter den Höfen, allernächst dem Flusse, liegt nämlich eine grosse, von vielen Bäumen beschattete Wiese. Hier kommt nach dem Essen jedermann zusammen und belustigt sich mit Gesang, Tanz und mancherlei Spielen. Die meisten spielen Ball, aber nicht wie bei uns, sondern Manns- und Weibspersonen werfen sich, jedes dem, den es am liebsten hat, einen solchen Ball zu, worin viele Schelten sind. Alles läuft zu, ihn zu haschen; wer ihn bekommt, hat gewonnen und wirft ihn wieder seinem Geliebten zu, alles streckt die Hände empor, ihn zu fangen, und wer ihn hält, tut, als ob er ihn bald dieser, bald jener Person zuschanzen wollte. So viele andere tausend lustige Ergötzlichkeiten muss ich der Kürze wegen übergehen und gab Dir nur das Pröbchen von einigen, um Dir einen Begriff zu machen, was hier für eine grosse Gesellschaft von Epikuräern sei. Bald glaube ich, da sei der Ort, wo der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer «Gan Eden», d. i. den Garten der Wollust, nennen; denn falls anderes uns diese Glückseligkeit verschaffen kann, so sehe ich nicht, was dem Orte hier fehlte, um solche vollkommen zu gewähren.
Fragst Du mich denn, Freund, weiter, zumal nach der Kraft des hiesigen Wassers, so ist dieselbe eben sehr verschieden und mannigfaltig, in einigen Stücken aber besonders gross und fast göttlich. Denn auf der ganzen Welt, glaube ich, ist kein Bad, welches mehr die weibliche Fruchtbarkeit fördert. Kommt eine Frauensperson hierher, deren Leib verschlossen ist, so erfährt sie bald die bewunderungswürdige Wirkung dieser Bäder, wenn sie nur geflissen die Mittel anwendet, welche die Kunst den Unfruchtbaren vorschreibt.
Unzählbar ist übrigens die Menge der Vornehmen und Gemeinen, die, nicht sowohl der Kur als des Vergnügens wegen, von hundert Meilen weit hier zusammenkommen. Alle die lieben, alle die heiraten wollen oder wer sonst das Leben im Genusse setzt, strömen hierher, wo sie finden, was sie wünschen. Viele geben körperliche Leiden vor und sind nur am Gemüte krank. Da sieht man hübsche Frauen die Menge, die ohne ihren Mann, ohne Verwandte, nur in Begleitung zweier Mägde und eines Dieners hier anlangen, oder etwa ein altes Mütterchen von Muhme, die sich leichter hintergehen als bestechen lässt. Jede aber zeigt sich so viel als möglich in Gold, Silber und Edelstein, sodass man denken sollte, sie wären nicht ins Bad, sondern zu der prächtigsten Hochzeit gekommen. Auch Nonnen oder, richtiger zu reden, floralische Jungfrauen, Äbte, Mönche, Ordensbrüder und Priester leben hier noch in grösserer Freiheit als alle übrigen. Letztere baden sich wohl gar mit dem Frauenzimmer, schmücken ihr Haar mit Kränzen und vergessen allen Zwang ihrer Gelübde. Alle nämlich haben einerlei Absicht, Traurigkeit zu verbannen, Vergnügen zu suchen, keinen Gedanken zu haben, als wie sie das Leben und seine Freuden geniessen mögen. Keiner bemüht sich, dem Gemeinschaftlichen etwas zu entziehen, vielmehr sucht jeder das Besondere allgemein zu machen. Und zum Erstaunen ist es, wie bei einer so grossen Menge (es mögen immer an die tausend Menschen da sein), bei so verschiedenen Sitten, in einem so freudentrunkenen Gemisch keine Händel, kein Zwist, kein Schimpfwort, kein Murmeln noch Beschweren des einen über den andern entstehen. Da sehen Männer, wie mit ihren Weibern getändelt wird, und treffen sie mit einem wildfremden Mann unter vier Augen an; das alles bewegt sie nicht, sie wundern sich über nichts und glauben, dass alles auf die eingezogenste Art, im Vertrauen des redlichsten Hausfreundes geschieht. So ist der Teufel der Eifersucht, der anderswo alle Männer plagt, hier ein unerhörter Gast, und da sie die Sache nicht kennen, auch dem Namen nach unbekannt. Sitten, wie unähnlich den unsrigen! Wir Welsche sehen alles von der schlimmsten Seite an und finden an Verleumden und Verkleinern Geschmack, dass, wo der schwächste Schein zum Argwohn ist, wir sofort auf die schwärzesten Verbrechen schwören. Schon mehr als einmal habe ich daher die unzerstörbare Gemütsruhe dieser guten Menschen beneidet und dagegen unsere verkehrte Denkart verwünscht, die wir immer klagen, immer begehren, durch keinen Gewinn befriedigt, durch keinen Wucher gesättigt, Himmel und Erde umkehren wollen, um nur Geld zu erwerben. Da werden wir von ewigem Kummer und Angst umhergetrieben und erbeben meist vor erst künftigem Elend. Um nicht unglücklich zu werden, hören wir nie auf, unglücklich zu sein, starren mit unverwandtem Blick unseren Mammon an und wissen weder dem Leib noch dem Geist gütlich zu tun. Diese Glücklichen hingegen, mit Wenigem vergnügt, leben nur für heute, machen sich jeden Tag zum Feste, verlangen nicht nach Reichtum, der ihnen wenig nützen kann, freuen sich dessen, was sie haben und zittern nie vor der Zukunft. Begegnet ihnen Widriges, so tragen sie es mit Geduld, und ihr grösster Schatz ist der Wahlspruch: Der lebte, der sein Leben genoss!
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