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Osteopathie und Swedenborg

Der Einfluss Emanuel Swedenborgs auf das Entstehen und die Entwicklung der Osteopathie – insbesondere auf Andrew Taylor Still und W. G. Sutherland

David B. Fuller, DO, FAAO


ÜBER DEN AUTOR

David B. Fuller, DO, FAAO ist praktizierender osteopathischer Mediziner mit einem langjährigen Interesse an jener Philosophie, der der osteopathischen Medizin und Gesundheitsfürsorge zugrunde liegt. Er hat sich im Bereich neuromuskulärer Techniken, integrativer (holistischer) Medizin und Allgemeinmedizin spezialisiert. Fuller ist Mitglied der American Academy of Osteopathy, eine Organsitation, deren Mitglieder sich der Umsetzung jener holistischen Philosophie verschrieben haben, die der klassischen Osteopathie zugrunde liegt.

Osteopathie und Swedenborg

© 2012 Swedenborg Scientific Association

ISBN 978-3-936679-34-2

Swedenborg Scientific Association

P.O.Box 757, Bryn Athyn, Pennsylvania 19009, USA

www.swedenborg-philosophy.org

Osteopathy and Swedenborg

von David Fuller, DO, FAAO

© 2013, JOLANDOS

Am Gasteig 6 – 82396 Pähl

978 - 3-936679 - 34-2 (Buch)

978 - 3-941523 - 17-3 (mobi)

978 - 3-941523 - 39-5 (epub)

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Christian Hartmann

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Schwarzburger Chaussee 74 – 07407 Rudolstadt

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INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

ÜBER DEN AUTOR

IMPRESSUM

ABKÜRZUNGEN UND LEGENDE

VORWORTE UND DANKSAGUNG

1. EINFÜHRUNG UND ÜBERBLICK

2. DIE BIOGRAFIE SWEDENBORGS

3. DARLEGUNG VON SWEDENBORGS SCHLÜSSELANSCHAUUNGEN

4. DIE FRÜHE VERBREITUNG VON SWEDENBORGS IDEEN

5. EMERSON, DIE TRANSZENDENTALISTEN UND SWEDENBORG

6. PHRENOLOGIE

7. MESMERISMUS UND MAGNETISCHES HEILEN IN NORDAMERIKA

8. SWEDENBORGIANISCHE IMPULSE IN DEN 1840ER UND 1850ERN

9. DIE BEWEGUNG DER NEUEN ÄRA

10. DER MESMERISMUS, DIE NEUE KIRCHE, GEORGE BUSH UND DER JUNGE ANDREW JACKSON DAVIS

11. DIE PHILOSOPHIE DER HARMONIE UND DER FRÜHE SPIRITISMUS

12. DER AMERIKANISCHE SPIRITISMUS

13. ALFRED RUSSEL WALLACE: EVOLUTION, SPIRITISMUS UND SWEDENBORG

14. DIE NEW ENGLAND EMIGRANT AID SOCIETY

15. METAPHYSISCHE BEWEGUNGEN AM ENDE DES 19. JAHRHUNDERTS – NEUGEIST

16. THEOSOPHIE UND BIOGEN

17. DIE BIOGRAFIE ANDREW TAYLOR STILLS

18. VERGLEICH DER PARADIGMEN STILLS UND SWEDENBORGS

19. J. M. LITTLEJOHN, DO

20. DIE BIOGRAFIE SUTHERLANDS

21. ÜBERBLICK ÜBER SWEDENBORGS PARADIGMA DES GEHIRNS

22. SWEDENBORG UND SUTHERLAND – VERGLEICH UND GEGENÜBERSTELLUNG IHRER PARADIGMEN

23. HISTORISCHE VERBINDUNGEN ZWISCHEN SUTHERLAND UND SWEDENBORG

24. ZUSAMMENFASSUNG VON SWEDENBORG UND SUTHERLAND

25. ROBERT C. FULFORD, DO

26. OSTEOPATHIE UND DIE NEUE KIRCHE

27. SWEDENBORG UND DIE OSTEOPATHIE – VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT

ANHANG A: ZEITTAFEL

ANHANG B: VERGLEICH DER PARADIGMEN VON STILL UND SWEDENBORG

ANHANG C: VON A. T. STILL VERWENDETE BEZEICHNUNGEN GOTTES

LITERATURVERZEICHNIS

ENDNOTEN

INDEX

FUSSNOTEN

ABKÜRZUNGEN

AAO = American Academy of Osteopathy

AAAO = American Association for the Advancement of Osteopathy

AOA = American Osteopathic Association

ASO = American School of Osteopathy

FAAO = Fellow der American Academy of Osteopathy

FCA = Fellow der Cranial Academy

SSA = Swedenborg Scientific Association

LEGENDE

[ ] = Ergänzungen vom Autor, Übersetzer oder Herausgeber

Fußnoten = Hinweise des Herausgebers

Endnoten = Hinweise des Autors

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Swedenborg-Anhänger mögen es mir verzeihen, dass Osteopathie in meinem Vorwort einen so großen Raum einnehmen wird. Da der JOLANDOS-Verlag auf die Veröffentlichung deutschsprachiger Literatur im Bereich Geschichte und Philosophie der (klassischen) Osteopathie spezialisiert ist, liegt dies aber in der Natur der Sache. Zudem besitze ich aufgrund eingeschränkter Kenntnisse von Swedenborgs immens umfangreichen Schriftwerks nicht die Qualifikation eine entsprechend fundierte Analyse zu Swedenborg einfließen zu lassen. Dies überlasse ich dem ausgewiesenen Swedenborg-Experten David Fuller in seiner Einführung.

WARUM DIESES BUCH SO WICHTIG FÜR DIE OSTEOPATHIE IST

Fragt man Osteopathen, was Osteopathie ist, erhält man eine Vielzahl von Antworten: Medizinphilosophie, Sonderform der Chiropraktik, medizinisches Verfahren zur Behandlung des muskuloskelettalen Systems, Erweiterung des physiotherapeutischen Systems, energetisches Heilverfahren, Handauflegen, bis hin zu Aussagen wie etwa „Osteopathie ist das, was man daraus macht.“ – alles ist geboten. Diese offenkundige Identitätskrise der zeitgenössischen Osteopathie erscheint umso erstaunlicher, als die gerade einmal ein gutes Jahrhundert alte klassische Osteopathie der Gründerväter A. T. Still, J. M. Littlejohn und W. G. Sutherland ein in sich geschlossenes, vollkommen von der Systematik der regulären Medizin und den auf ihnen aufbauenden Verfahren/​Methoden (z. B. Manualmedizin = Chirotherapie) oder Begleitberufen (z. B. Physiotherapie) unabhängigen Medizinsystem beschreibt. Die Abgrenzung der klassischen Osteopathie gegenüber der regulären Medizin jener Zeit ist in der Literatur der Gründerväter bereits deutlich nachzuvollziehen: Während die reguläre Medizin (bis heute) überwiegend nach Pathologien sucht und diese zu bekämpfen versucht, vertraut die klassische Osteopathie den inherenten Selbstorganisationsmechanismen des Organismus als Ausdruck vollkommen harmonisch agierender Naturgesetze. Still bringt dies auf den Punkt, wenn er schreibt:

„Gesundheit zu finden sollte die Aufgabe des Arztes sein.

Jeder kann Krankheit finden.“ 1*

Es gilt also nicht mehr ‚böse Wesen‘ in Form von Krankheiten bzw. ‚Pathologien‘ zu suchen, zu klassifizieren und durch ‚heroische‘ Eingriffe zu bekämpfen; vielmehr lag der therapeutische Fokus der klassischen osteopathischen Medizin ausschließlich auf jenen Mechanismen, die Zeit unseres Lebens Gesundheit generieren und allein das Recht besitzen, sich ‚Drachentöter‘ zu nennen – und denen folglich auch der alleinige Preis des Siegers gebührt. Hier sei aber explizit erwähnt, dass Still sich bei seinen Ausführungen stets auf allgemeinmedizinische Beschwerdebilder im hausärztlichen Kontext bezieht.

Stills streng salutogenetische2* Behandlungsansatz der klassischen Osteopathie stand also von Beginn an im Gegensatz zur pathogenetisch orientierten Basisphilosophie weiter Teile der regulären Medizin und ihren Ablegern, wie etwa der Physiotherapie. Sie widerspricht aber auch vielen Strömungen innerhalb der Alternativ- oder Komplementärmedizin, bei denen zwar von Selbstheilungskräften gesprochen wird, diese Begriffe bei genauerem Nachfragen aber häufig dann doch wieder als Abwesenheit von Pathologien verstanden werden und zu deren Überwindung wieder ein ‚heldenhafter Behandler‘ auf seinem weißen Schimmel angeritten kommen muss. Nebenbei sei erwähnt, dass die klassische Osteopathie auch im Gegensatz zu unserem heutigen Kassensystem steht, da dieses fast ausschließlich auf pathologiebezogener Diagnostik vergütet. Um die für das Therapeuten-Ego so bedrohliche und in das Kassensystem nicht so recht passende klassische Osteopathie gefügig zu machen, wird daher immer wieder versucht, diese passend zu machen, was zur vieldeutigen Verzerrung und damit zwingend zur bereits erwähnten Identitätskrise führen muss. Ein Blick in den aktuellen Wikipedia-Eintrag beweist dies eindrücklich. Dort finden wir:

„Die Begriffe Osteopathie […], osteopathische Medizin und osteopathische Behandlung beschreiben im Bereich der Alternativmedizin verschiedene Krankheits- und Behandlungskonzepte.

In Europa werden darunter unterschiedliche befunderhebende und therapeutische Verfahren verstanden, die manuell, also mit den bloßen Händen des Behandlers ausgeführt werden.“ [Unterstreichungen nachträglich eingefügt]

Seien Sie also kritisch, wenn Sie Definitionen zur Osteopathie lesen, da diese zumeist ohne ausreichende Kenntnis der klassischen Osteopathie erstellt und von starken Interessensgruppen überwacht werden. Besonders deutlich wird dies, wenn immer wieder von Stills angeblichen ‚Prinzipien der Osteopathie‘ gesprochen wird. Diese wurden von der American Osteopathic Association in den 1950ern festgelegt und spiegeln nur bedingt die Philosophie der klassischen Osteopathie wider.

Will die Osteopathie eine echte Zukunft haben, wird sie wohl kaum umhin kommen sich wieder auf die Philosophie der klassischen Osteopathie zu besinnen. Dort – und nur dort – wird sie jene Identität und Kohärenz finden, die fundamental für eine homogene und kraftvolle Weiterentwicklung und damit für das authentische Überleben sein wird. Schon bei Sutherland können wir ganz richtig nachlesen:

„Wir müssen zur Wissenschaft der Osteopathie zurückkehren. Wir können nirgendwo anders hingehen.“ 3*

Und um gleich Missverständnissen in diesem Zusammenhang vorzubeugen: Es geht bei diesem Zurückkehren nicht um die Idealisierung bzw. Dogmatisierung der klassischen Osteopathie und Ihrer Gründerväter – Still selbst hat die Verehrung seiner Person stets vehement kritisiert –, sondern um eine (selbst-)kritische, sachliche und umfassende Rückbesinnung auf das ehemals einheitliche Fundament der Osteopathie. Und diese Rückbesinnung auf die klassische Osteopathie ist naturgemäß nur durch vertieftes Studium der Gründerliteratur und jener dazugehörigen Brückenliteratur möglich, die uns ihr Entstehen, ihre Sprache und ihre Deutung erschließen. Aus den bisher zwei im deutschsprachigen Raum erhältlichen Titeln besagter Brückenliteratur4* erfahren wir dabei skizzenhaft, dass Stills Philosophie der Osteopathie maßgeblich von vier Geistesströmungen geprägt wurde: Dem Methodismus, der schamanistisch geprägten Weltsicht der Shawnee-Indianer, der Evolutionstheorie und vom Amerikanische Transzendentalismus, mit seinem wohl stärksten Seitenast, dem Spiritismus und dessen besonderen Heilsystem. Gerade dieser Spiritismus aber, welcher die Menschen in den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika im Zuge der großen Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert maßgeblich prägte, geht in weiten Teilen auf den schwedischen Naturwissenschaftler, Philosophen und Mystiker Emanuel Swedenborg (1688 – 1772) zurück.

Osteopathie und Swedenborg setzt sich somit als erstes Werk überhaupt mit einer der für die Entstehung der klassischen Osteopathie wichtigsten Geistesströmungen auseinander und ermöglicht dem interessierten Leser damit einen besseren Zugang zu Stills Philosophie der Osteopathie. Allein deshalb ist Fullers Werk schon jetzt ein bedeutender Eckstein in jenem Gebäude, das aus medizinhistorischer Sicht alleinig dazu legitimiert ist, sich als ‚Osteopathie’ oder ‚Osteopathische Medizin’ zu betiteln.

ZUR ÜBERSETZUNG

Bei allen Übersetzungen amerikanischer Werke zur klassischen Osteopathie begegnet man Schwierigkeiten in punkto Ausdeutung bestimmter Begrifflichkeiten. Dies trifft umso mehr auf Fullers Buch zu, da hier sehr häufig metaphysisch relevante Begriffe in unterschiedlichster Bedeutung verwendet werden. Um hier eine einigermaßen klare Struktur in Rücksicht auf Swedenborgs und Stills Weltbild einzuhalten, wurden im Rahmen der Übersetzung einige Konventionen festgelegt:

Spirit5* → Seele

… falls damit der rein himmlische bzw. unsterbliche Anteil einer Person beschrieben wird.

spirit → Geist

… im Sinne von ‚geistig‘, als Ausdruck der göttlichen Wirkungskraft. Man könnte dies grob mit ‚heiliger Geist‘ gleichsetzen.

Mind (mit großem ‚M’ im Originaltext) → Göttliche Intelligenz

… beschreibt jene höhere ‚Intelligenz’, die durch den irdisch-metaphysischen Anteil des Menschen (sein Mentales) über anatomisch-physiologische Medien, wie etwa das Gehirn, Körperflüssigkeiten, Faszien etc. in den Körper vermittelt wird (z. B. das Wirken der Selbstheilungskräfte => Nur der ‚Mind’ kann heilen => Osteopathen sind keine Heiler.

spirit/​mind → Mentales

… falls die irdisch-metaphysischen Aspekte des Menschen, wie Intelligenz und Verstand, aber auch Intuition und Wahrnehmung bzw. Empfindung in Ihrer Gesamtheit gemeint sind.

mind → Geist

… wenn der Begriff im vorigen Kontext gemeint ist, aber versehentlich klein geschrieben wurde.

mind → Verstand bzw. Intelligenz

… falls die rein irdischen Aspekte des Mentalen gemeint sind.

Diese oft in komplexen Zusammenhängen verwendeten Begriffe folgen – in Rücksichtnahme auf Swedenborgs und Stills Weltbild – folgender Hierarchie, die auf der Interpretation des Autors beruht:

Liebe und Weisheit

(die beiden alles durchdringende Aspekte Gottes)

▼

Geist/​Seele

(unsterblicher Anteil innerhalb des irdisch Mentalen)

▼

Mentales

(himmlisch-irdische Vermittlerinstanz innerhalb des Menschen)

▼

Verstand/​Intelligenz

(irdische Bestandteile des Mentalen)

▼

Anatomie und Physiologie

(irdische Vermittlerinstanz des Himmlischen)

▼

Bewegung

(Irdischer Ausdruck des Lebens)

Weitere Konventionen bei der Übersetzung:

 Der englische Begriff animate kann mit beleben, aber auch mit beseelen übersetzt werden und wurde je nach kontextueller Bedeutung gewählt.

 Der Begriff triune muss im Zusammenhang mit Stills Philosophie der Osteopathie stets als dreifach differenzierte Einheit übersetzt werden, um eine Verwechslung mit dem religiös geprägten Begriff Dreieinigkeit oder Dreiheit tunlichst zu vermeiden.

 Der Begriff form wurde als Form übersetzt, insofern rein irdische Sachverhalte beschrieben werden. Im metaphysischen Kontext wurde Gestalt verwendet.

 In den USA sind Osteopathen vollapprobierte Ärzte (DOs), deshalb werden sie im Amerikanischen wie die klassische Mediziner (MDs) als physicians bezeichnet. In der deutschen Übersetzung wurde Osteopath oder osteopathischer Arzt für DOs und allopathischer Arzt oder regulärer Mediziner für MDs verwendet.

 Der Begriff ghosts wurde mit Geisterwesen übersetzt und ist mehr oder weniger gleichbedeutend mit dem, was wir unter Seele verstehen. Eine exakte Differenzierung ist aber an einigen Textstellen nicht eindeutig möglich.

 Gerade bei Begrifflichkeiten im Rahmen der kraniosakralen Osteopathie von Sutherland wurde die bereits im deutschsprachigen Sutherland-Kompendium von der Sutherland Cranial Teaching Foundation authorisierte Terminologie verwendet.

 Die Begriffe Spiritualism und spiritism beschreiben zwei grundverschiedene Sachverhalte und wurden entsprechend stringent mit Spiritualität und Spiritismus übersetzt.

 Begriffe, die auf einen göttlichen Ursprung hinweisen (im amerikanischen Originaltext stets groß geschrieben), wurden im deutschen Text in Kapitälchen gesetzt, also z. B. Intelligenz für Intelligence.

 Bei der Übersetzung galt ‚Authentizität vor Schönheit’, was sich an manchen Stellen naturgemäß auf die sprachliche Ästhetik auswirkt.

 Eine besondere Herausforderung bei der Übersetzung, stellte Fullers häufige Verwendung des bei uns umgangssprachlich kaum mehr verwendeten Konditionals dar. Dieses wurde ebenfalls aufgrund der schriftsprachlichen Authentizität beibehalten.

KRITIK

Bei aller Euphorie für Fullers grandioses Werk, muss korrekterweise auch auf einige kritische Punkte hingewiesen werden:

Fuller ist kein großer Rhetoriker und neigt wie viele amerikanische Autoren zu umfassenden Wiederholungen. Dies mag bestimmte Textpassagen langatmig erscheinen lassen, lohnt aber dennoch die Lektüre, da in den Details doch immer wieder neue und interessante Aspekte auftauchen.

Zudem ist Fullers Verehrung von Swedenborg offensichtlich und verleitet ihn gelegentlich zur spekulativen Indiziendeutung. Der aufmerksame und kritische Leser wird dies aber an den entsprechenden Textstellen schnell erkennen und die Aussagen leicht und klar relativieren können. Inhaltlich geht es dabei besonders um zwei höchstwahrscheinlich falsche Ausdeutungen Fullers:

- Fuller unterstellt, dass Still das ‚spirituelle Wesen‘ des Menschen hierarchisch über sein ‚mentales Wesen‘ stellt. Still hingegen betont eindeutig, dass für ihn das ‚mentale Wesen‘ des Menschen über allem und nur das Nutzen des Mentalen allein den Menschen zur seiner spirituellen Weiterentwicklung befähigt. Einfach ausgedrückt: Nicht die spirituelle Ebene ist für die Weiterentwicklung des Menschen verantwortlich, sondern allein die mentale Ebene.

- Fuller behauptet, dass bei allen Krankheitsbildern letztlich spirituelle Ursachen zugrunde liegen. Auch dies ist nicht korrekt, denn Still bleibt bei seiner Kasuistik stets im anatomisch-physiologischen Kontext, ohne auf mögliche spirituelle Einflussfaktoren einzugehen.

So gewinnt man bei der Lektüre von Osteopathie und Swedenborg zuweilen den Eindruck, als sei Stills Philosophie der Osteopathie eine nahezu unveränderte Umsetzung von Swedenborgs Paradigmen im klinischen Kontext. Still wäre aber nicht Still, hätte er Swedenborgs Weltbild einfach 1 : 1 übernommen. Als originärer und unabhängiger Denker ging er damit ebenso kritisch-wohlwollend um, wie mit allen anderen Weltsichten, die ihm begegneten und integrierte in modulierter Form lediglich das, was er auch tatsächlich als nützlich erachtete.

Letztlich schmälert diese einseitige Interpretation von Swedenborgs Einfluss auf Still aber in keinster Weise die große Bedeutung von Fullers Ausführungen für das bessere Verständnis der klassischen Osteopathie und damit schlussendlich auch für die Zukunft der modernen Osteopathie.

ZUM SCHLUSS

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass der amerikanische Index 1 : 1 dem Original entspricht und lediglich bzgl. der Seiten angepasst wurde.

Die zahlreichen Quellennachweise wurden als Block in Form von Endnoten ans Ende des Buches gestellt, um ein möglichst ‚barrierefreies’ Lesen zu ermöglichen.

Im Literaturverzeichnis finden Sie schließlich Hinweise darauf, ob und wo bestimmte Zitate von Still und Sutherland in den aktuellen deutschen Ausgaben zu finden sind.

DO bedeutete für die Gründerväter A. T. Still, J. M. Littlejohn und W. G. Sutherland weder ‚Doktor der Osteopathie‘, noch ‚Diplom Osteopath‘, sondern stand schlicht für ‚Dig On!’ (‚Grabe weiter!’). Der damit gemeinte Wissensdurst, die begeisterungsfähige und vorurteilsfreie Neugier auf sämtliche Aspekten des Daseins, bezeichneten nach Ansicht der Gründerväter jenes Herzstück, ohne das ein vertieftes Verständnis und auch richtiges, d. h. kunsthandwerkliches Praktizieren der osteopathischen Philosophie und Wissenschaft unmöglich ist. Ihre Neugier auf Osteopathie und Swedenborg ist damit im Blick der Gründerväter ein zutiefst osteopathischer Charakterzug, zu dem man Ihnen nur gratulieren kann.

Nehmen Sie sich Zeit, genießen Sie das Lesen, lassen Sie sich entführen auf eine Reise zu einer der vier Urquellen der Osteopathie und ergründen Sie Einsichten, die bisher nur wenigen Osteopathen bekannt sind.

Ich wünsche Ihnen wie immer viel Freude bei der Lektüre!

Christian Hartmann

Pähl, August 2013

VORREDE

Die Idee zu diesem Buch ergab sich im Herbst 1987, wenige Wochen nach dem Beginn meines Studiums am Chicago College of Osteopathic Medicine. Erstmals bewusst begegnete mir Osteopathie während meiner Praktika im Rahmen meiner Bewerbung an medizinischen Schulen. Ich hatte die Möglichkeit, entweder eine osteopathische oder eine allopathische Medizinschule zu besuchen. Da ich zu jener Zeit an einem ganzheitlichen medizinischen Ansatz interessiert war, holte ich tief Luft und entschloss mich, in den osteopathischen Strom zu springen – und habe es seither nie bereut.

Einer der ersten Kurse im osteopathischen Medizin-Kurrikulum war Geschichte der Medizin und er wurde von Ward Perrin, DO, geleitet. Perrin war ein sehr angesehener älterer Arzt, mit großem Interesse an diesem Thema. Er steigerte meine Neugier, als er über A. T. Still, den Begründer der Osteopathie, und über osteopathische Konzeptionen sprach, etwa, dass der einzelne Mensch aus Körper, Mentalem und Geist bestehe – mit einer innewohnenden Fähigkeit zur Selbstheilung. Ebenso interessierte mich die Idee, dass der osteopathische Arzt diesen innewohnenden Selbstheilungsprozess unterstützen solle. Ich war fasziniert, denn zusammen mit den mir bereits bekannten Überlegungen von Swedenborg hinterließen diese Gedanken ein deutliches Echo in mir. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich an einem sonnigen Tag im Hyde Park, Chicago, unter den Leuten saß und mir dachte, dass ich mich eines Tages mit diesen Verbindungen beschäftigen sollte.

Die medizinische Ausbildung entpuppte sich jedoch als intensive und herausfordernde Erfahrung. Es gab wenig Zeit für den Luxus des Philosophierens bzw. für das Verfolgen eigener Forschungsprojekte. Ich tauchte schnell in das Kurrikulum ein und studierte Anatomie, Physiologie, Biochemie, Psychologie und alle anderen Fächer, deren Studium viel Zeit in Anspruch nahm. Obgleich ich mit der Idee spielte, die Werke A. T. Stills zu studieren, um sie mit jenen Swedenborgs zu vergleichen und in diesem Zusammenhang verschiedentlich kleinere Untersuchungen anstellte, vergingen noch etliche Jahre, bis ich die ersten wirklich ernsthaften Studien begann. Zunächst machte ich meinen Abschluss, absolvierte mein Anerkennungsjahr, eröffnete meine Hausarztpraxis und praktizierte neun Jahre lang. Dann erst empfand ich wieder den nachhaltigen Drang, mein Forschungsprojekt weiter zu verfolgen. Neben meiner hausärztlichen Tätigkeit war ich inzwischen auch in meiner eigenen Familie engagiert. Als Qualifikationen für die Studien konnte ich neben meiner allgemeinmedizinischen Erfahrung Spezialisierungen im Bereich osteopathischer manipulativer und holistischer Medizin vorweisen. 2004 entschloss ich mich schließlich dazu, das Thema ernsthaft zu anzugehen und bemühte mich in diesem Zusammenhang um ein Forschungsstipendium bei der American Osteopathic Association. Damals war ich mit Swedenborgs theologischen Arbeiten gut vertraut, hatte aber seine anatomischen Arbeiten nicht studiert, obgleich sie jahrelang in meinen Bücherregalen standen. Als ich mich in Stills Bücher vertiefte und zugleich Swedenborgs wissenschaftliche Werke las, wurde mir klar, dass der Einfluss Swedenborgs auf die Osteopathie sowohl Sutherland als auch Still umfassen musste. Daraufhin entwarf ich eine Arbeit, welche einen Vergleich von Swedenborgs Anschauungen zum Gehirn mit W. G. Sutherlands kranialem Konzept zum Ziel hatte. Zugleich richtete ich meine Forschung aber auf einen weit umfassenderen Themenbereich aus. Seit der Bewilligung des Forschungsstipendiums der American Academy of Osteopathy (AAO) im Jahr 2007 arbeitete ich intensiv an dem nun vorliegenden Buch.

Durch meine Forschungen erweiterte sich meine Perspektive in Bezug auf Swedenborg wie auch auf die osteopathische Medizin grundlegend. Immer, wenn mich Freunde in jener Zeit zur Wahl des Themas fragten, scherzte ich, dass es von sehr großem Interesse für sehr wenige Menschen sei. Ich hoffe, dass Sie als Leser einer dieser wenigen Menschen sind. Dieses Buch ist für alle geschrieben, die an der Verbreitung der wissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Anschauungen Swedenborgs und ihrer Wirkung in und auf die Vereinigten Staaten während des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen und auf den osteopathischen Berufsstand im 19. und 20. Jahrhundert im Besonderen interessiert sind. Das Buch ist auch für diejenigen geschrieben, die an der Erforschung der Geschichte und Philosophie der Osteopathie interessiert sind. Es stellt viele Verbindungen zwischen Swedenborgs Anschauungen und der Osteopathie vor; zahlreiche Verbindungen, die bisher nicht entsprechend gewürdigt wurden. Die Philosophie und das innerhalb der Osteopathie brennende Interesse daran, mehr über Swedenborg, Still, Sutherland u. a. zu erfahren, waren mein Antrieb, neue Gebiete zu erforschen. Ich hoffe, dass das Buch dazu beiträgt, dem Thema eine angemessene Wertschätzung zu verschaffen, und dass es zugleich dazu dient, eigene Forschungen in diesem Bereich anzuspornen.

David B. Fuller, DO, FAAO

Mai 2011, Bay Minette, Alabama

DANKSAGUNGEN

Vielen Dank dem Team der Bay Minette Public Library, insbesondere Tony Crook, der sehr viele Fernleihen aus dem gesamten Land für unsere kleine Stadt im südlichen Alabama organisierte. Über die Jahre sind Bücher von Kalifornien bis Pennsylvania, von Utah bis Nord-Alabama und aus vielen anderen Staaten in unsere kleine Bibliothek nach Bay Minette, Alabama, geflossen.

Dank an das Still National Osteopathic Museum in Kirksville, Missouri, dessen ausgezeichnetes Team es möglich machte, über große Entfernung Forschung zu betreiben.

Dank an Jane Stark, DOMP (Kanada), die so freundlich war, ihre Forschung zu Sutherlands Präsentation in Des Moines 1944 sowie Informationen über den Bezug von Ida Rolf 1973 auf Sutherland zu teilen und ebenso den äußerst hilfreichen Führer zu Still-Biografien in ihrer Masterarbeit. Dank an Ron Murray, DOMP (Kanada), der gleichfalls im Zusammenhang mit Ida Rolf hilfreich war.

Dank an Carol Odhner, Direktorin der Swedenborg Library, und an Cindy Walker, Archivarin der Swedenborg Library in Bryn Athyn, Pennsylvania, für ihre Hilfe bei der Forschung zu Acton.

Dank an Christian Fossum, DO (UK), und an Eric Snyder, DO, welche die Artikel von William L. Grubb, DO, aus den Jahren 1923 – 1925 an mich weitergaben.

Dank an Jennifer Southworth, Leitende Koordinatorin, und Sydney Dunn, Ausführende Direktorin der Cranial Academy, die mir den Zugang zu den Archiven der Cranial Academy in Indianapolis, Indiana, ermöglichten.

Dank an die AAO, die es mir erlaubte, meine durch das Stipendium der FAAO verfasste Forschungsarbeit in dieses Buch einzubeziehen.

Dank an Carol Trowbridge für ihre enorme Arbeit und ihre Forschungen beim Schreiben ihrer Biografie über A. T. Still, Andrew Taylor Still: 1828 – 1917.

Dank an die Swedenborg Scientific Association (SSA), insbesondere an Reuben Bell, DO, MDiv, für die Verbindung zur SSA und die Erleichterung dieser Veröffentlichung; Donald Fitzpatrick, PhD, für die Hilfestellung bei der Edition; Erland Brock, PhD, für die Unterstützung und Begleitung durch den Veröffentlichungsprozess; und an Lisa Childs für ihre sorgfältige Niederschrift und die Indexerstellung.

Ich hoffe, dass die Anschauungen in diesem Buch Resonanz bei vielen Lesern erzeugen. Meine Forschung war unabhängig und die Schlussfolgerungen stammen von mir. Ich habe bei diesem Unternehmen keinerlei finanzielle Unterstützung durch eine Person oder Organisation erhalten.

Dank schließlich an meine drei Kinder Rosemary, Caterina und Kent, dass sie die wertvolle Zeit mit ihrem Vater mit diesem Projekt teilten.

Mein größter Dank gilt jedoch meiner Frau Janet M. Krettek, DO, FACOS. ONM/​NMM, deren unermüdliche Ermutigung, Kritik, Unterstützung und Vertrauen dieses Buch erst möglich gemacht haben.

RATSCHLAG AN DIE LESER

Dieses Buch wurde für einen weiten Leserkreis geschrieben: für solche Leser, die an Osteopathie interessiert sind; für solche mit einem Hintergrundwissen zu Swedenborg; und für solche, für die beides neu ist. Ich möchte alle diesen Lesern einen kleinen Ratschlag mit auf den Weg geben.

Der erste Teil dieses Buches behandelt einigermaßen detailliert das Leben und die Anschauungen von Emanuel Swedenborg. Jenen, die mit Swedenborg weniger vertraut sind, mag dies auf den ersten Blick als zu viel erscheinen. Ebenso wird Swedenborg-Kennern einiges redundant vorkommen. Da allerdings das Leben Swedenborgs und seine (anatomischen, philosophischen und theologischen) Konzeptionen wesentlich waren für die Verbreitung dieser Anschauungen im Nordamerika des 19. Jahrhunderts und zudem eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der Osteopathie, insbesondere bei A. T. Still und W. G. Sutherland spielten, ist ein ausführliches Grundwissen zu Swedenborg unerlässlich. Deshalb ist der erste Teil grundlegend für das Verständnis der übrigen Teile des vorliegenden Werks. Ich hoffe, dass auch die, welche über Swedenborg bereits besser Bescheid wissen, in diesem ersten Teil neue Einsichten gewinnen können. Swedenborgs Überlegungen werden unter einem medizinischen, osteopathischen Gesichtspunkt analysiert und sie beziehen sich insbesondere auf Swedenborgs in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigte anatomische Werke und seine darin ausformulierten Schlussfolgerungen.

Der zweite Teil dieses Buches untersucht die Geschichte der Osteopathie und ihre Konzeptionen tiefer gehend. Wie für den ersten Teil gilt auch hier: Jemandem, der mit der Osteopathie nicht sehr vertraut ist, mag das vorgestellte Material als äußerst viel erscheinen; für osteopathische Wissenschaftler wird hingegen manches redundant sein. Doch auch hier sind diese Informationen grundlegend für einen umfassenden Vergleich von Swedenborg, Still und Sutherland. Ich hoffe jedenfalls, dass dieser Teil einen gründlichen Überblick für diejenigen bietet, die nur wenig mit osteopathischen Anschauungen vertraut sind bzw. sich nur selten mit ihnen auseinandersetzen. Und für osteopathische Wissenschaftler bietet er hoffentlich neue Einsichten und Perspektiven. Für die Leser, die an den originalen Aussagen von Still und Swedenborg interessiert sind, gibt es darüber hinaus einen Anhang, der eine Erweiterung von Kapitel 18 darstellt und die Paradigmen beider mit ausführlichen Zitaten vergleicht.

Während der Abfassung seiner Schriften arbeitete Swedenborg zugleich an und mit übergreifenden Leitkonzeptionen sowie mit schier unglaublicher Detailgenauigkeit. Allgemeine Prinzipien hatten solange keine Bedeutung für ihn, bis sie nicht im Einzelnen erforscht waren. Gleiches gilt für Still und Sutherland. Alle drei oszillierten in ihren Schriften zwischen Leitprinzipien und peinlich genauen Detailbeschreibungen. Ein umfassender Vergleich der Beiträge der Beteiligten erfordert daher das Studium der allgemeinen Paradigmen ebenso wie die Analyse der Einzelheiten. Dies erklärt schließlich, warum derart viel grundlegendes Material bei der Erstellung des vorliegenden Buchs berücksichtigt wurde. Ich hoffe, es dient dem Zweck und ist für alle Leser von Interesse.

OSTEOPATHIE UND SWEDENBORG

1. EINFÜHRUNG UND ÜBERBLICK

Emanuel Swedenborg war ein pragmatischer und brillanter schwedischer Wissenschaftler und Philosoph im 18. Jahrhundert, der sich im Zusammenhang mit seinen Bemühungen um eine Vereinigung von Wissenschaft und Geist zu einem Theologen entwickelte. Er verfolgte dieses Ziel während seines langen und produktiven Lebens, ob nun als Assessor des Bergwerksdirektoriums, das diesen höchst wichtigen Wirtschaftszweig in Schweden regulierte, oder in seiner Funktion in der Adelskammer des Reichstags, die gemeinsam mit dem schwedischen König die Regierung bildete.

Als führender europäischer Wissenschaftler in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte er eine Theorie der Teilchenphysik und eine Nebeltheorie des Sonnensystems und der Galaxien, bevor er sich anatomischen Forschungen zuwandte. Stets behielt er jedoch bei seinen Studien die Vereinigung von Wissenschaft und Geist im Blick. Seine wissenschaftlichen Forschungen führten ihn zum Studium des gesamten bekannten Wissens, zur Anatomie und – da er ein besseres Verständnis in Bezug auf die Verbindung zwischen Seele und Körper anstrebte – insbesondere zur Erforschung des Gehirns. Obgleich er seine Studien im Kontext der führenden Anatomen Europas betrieb, waren die von ihm entwickelten Anschauungen und Paradigmen gänzlich einzigartig. Er entwickelte ein anatomisch basiertes organisches Paradigma der Interaktion von Seele und Körper aufgrund von Konzepten wie dem einer belebenden Bewegung des Gehirns oder dem Ausgießen einer sehr feinen geistigen flüssigen Essenz in das Nervensystem, welche über neurofasziale Verbindungen in den restlichen Körper gelange, um diesen zu integrieren und zu stärken. Geist und Fleisch würden in einer organischen rhythmischen Einheit von Mentalem, Körper und Geist6* verbunden. Swedenborg beschrieb diese Anschauungen in genauesten Details, die sich aus seinem Studium sämtlicher Systeme, Organe und Strukturen des Körpers ergaben.

Gegen Ende seiner Arbeit und seines Schreibens über anatomische Themen geriet er in eine spirituelle Krise, die in einem Übergang hin zu theologischen Studien in den letzten drei Jahrzehnten seines langen Lebens kulminierte. Überzeugungen, die er aufgrund seiner früheren anatomischen, wissenschaftlichen und philosophischen Forschungen entwickelt hatte, durchdrangen nun seine theologischen Werke, wodurch er einen völlig neuen Zugang zur und ein neues Verständnis der Religion entwickelte. Dieses neue religiöse Paradigma sprach alle Hauptthemen an, welche die Religion im Allgemeinen und das Christentum im Besonderen betreffen. Es schloss detaillierte neue Konzepte und Themen ein, wie etwa das Verhältnis von geistigen und natürlichen Realitäten, das universale, von Gott geschaffene Gesetz, welches die gesamte Schöpfung bestimmt, das Leben nach dem Tod, geistiges Wachsen, das mögliche ewige Fortschreiten jedes Individuums und eine detaillierte Beschreibung von Seele, Mentalem und Körper – und wie diese als eine einzelne organische Entität interagieren bzw. als ein Mikrokosmos im Bezug zu einem größeren Makrokosmos stehen.

Swedenborgs Anschauungen sind bereits isoliert betrachtet von allerhöchstem Interesse. Das vorliegende Buch befasst sich jedoch mehr mit dem Einfluss dieser Ideen und wie sie sich über die Welt und die Jahrhunderte ausdehnten. Dabei ist der Blick von Swedenborgs Zeit ausgehend in die Zukunft gerichtet, um ihren Einfluss auf die Schöpfung und Entwicklung eines neuen Ansatzes der Medizin zu erfassen, zu dem es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam, nämlich auf die Osteopathie. Des Weiteren wird die fortdauernde Präsenz der Gedanken Swedenborgs in Nordamerika während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargelegt; denn sie beeinflussten auch weiter jene osteopathische Profession, die heute rund um die Welt verbreitet ist.7* Das Buch legt seinen Schwerpunkt dabei auf den Einfluss der Ideen Swedenborgs auf A. T. Still, den Entdecker der Osteopathie, und einen seiner Studenten, W. G. Sutherland. Letzterer entwickelte Stills Konzepte weiter zur ‚Osteopathie im kranialen Bereich’. Das Buch wird außerdem einige andere Beziehungen zwischen Swedenborg und der Osteopathie berühren.

Was sie hier finden, ist eine Geschichte von Geschichten. Anschauungen sind wichtig, aber wenn sie nicht Teil von etwas Größerem werden, haben sie wenig Bedeutung. Je mehr wir über eine Person wissen, die großartige Ideen hat und bedeutende Taten vollbringt, indem sie etwa ein neues Paradigma und System wie die Osteopathie entwickelt, einen neuen Weg verfolgt und diesen in Form der Kranialen Osteopathie ausdehnt, desto besser können wir verstehen, woher diese Ideen kommen und wohin sie führen können.

Indem wir Still in seiner Zeit, in der Gegend, in der er lebte, und in seiner intellektuellen Umgebung zu verstehen versuchen, können wir die Wurzeln der Osteopathie besser verstehen. Und um Stills Geschichte besser zu verstehen, müssen wir wiederum die Anschauungen derjenigen verstehen, die ihm vorausgingen und ihn beeinflussten und von denen nicht wenige auf unterschiedlichste Art und Weise mit Swedenborgs Ideen in Kontakt gekommen waren.

Dabei handelt es sich um Geschichten von Menschen, die besondere Anschauungen entwickelten und deren Ideen durch verschiedene Gegenden und Zeiten flossen, bis sie schließlich einen beachtlichen Einfluss auf die Osteopathie ausübten. Dies alles geschah nicht in einem Vakuum: Es ereignete sich im Kontext von Menschen. Somit bietet dieses Buch auch eine Geschichte der Ideen Swedenborgs und der Menschen, die sie erfassten. Und wie diese sich von Europa aus über den Atlantischen Ozean nach Nordamerika bewegten und weitreichende Wirkungen hatten, indem sie durch verschiedene Personen in Teilen oder als Ganze weiter vermittelt wurden, darunter etwa die Neue Kirche8* Swedenborgs, Ralph Waldo Emerson und die Transzendentalisten, Davis und die spiritistische Bewegung sowie die Neugeist-Bewegung und die Theosophie. Es ist sicher nicht verkehrt, in diesem Zusammenhang auch zu erwähnen, dass Swedenborg für viele Menschen recht Verschiedenes bedeutete.

Das vorliegende Buch will also belegen, wie Stills intellektuelle, spirituelle und kulturelle Umwelt von Swedenborgs Ideen durchtränkt war, wobei manche beachtlich modifiziert wurden, während andere authentisch im Sinne Swedenborgs blieben. Weiter wird es zeigen, wie diese Anschauungen einen beachtlichen Einfluss auf Still im 19. Jahrhundert hatten und in Resonanz mit seinen Ideen standen, während er seine neue Wissenschaft der Osteopathie schuf und entwickelte. Zu belegen ist außerdem der unmittelbare und tief greifende Einfluss von Swedenborgs Ideen, insbesondere seines Paradigmas der Interaktion von Gehirn und Körper, auf Sutherland, als dieser die Kraniale Osteopathie entwickelte.

Dadurch mag der Eindruck entstehen, als wäre die Osteopathie über ein Jahrhundert hinweg kontinuierlich mit der Verarbeitung von Swedenborgs Anschauungen beschäftigt gewesen, manchmal stärker, manchmal schwächer, doch jedenfalls in beeindruckender Kontinuität. In diesem Kontext werden die historischen und philosophischen Verbindungen zwischen all jenen Personen erforscht, welche die Anschauungen Swedenborgs und der Osteopathie direkt oder indirekt vermitteln. Das gilt nicht nur für Still und Sutherland, sondern auch für Ärzte wie J. M. Littlejohn, Beryl Arbuckle, Isabell Biddle, William L. Grubb und Robert C. Fulford. Im Anhang finden Sie eine Zeittafel, die Sie durch die verschiedenen und sich überschneidenden Ereignisse der vorgestellten Geschichten führen soll.

2. DIE BIOGRAFIE SWEDENBORGS
ÜBERBLICK

Emanuel Swedenborg (1688 – 1772) war ein schwedischer Wissenschaftler und Philosoph aus dem 18. Jahrhundert, der sich später zu einem Theologen entwickelte. Er führte ein langes und produktives Leben, wobei er zwischen seinem 12. und 84. Lebensjahr diverse Schriften veröffentlichte. Dabei verfasste er über 40.000 Seiten zu einer Reihe von Themen, welche Naturwissenschaften wie Physik und Anatomie, aber auch Religion, Kosmologie und Theologie umfassten.1

Swedenborg besaß zu seiner Zeit einen bedeutenden Einfluss auf andere europäische Intellektuelle. Nach seinem Tod gelangten seine Anschauungen über den Atlantik und wurden hatten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Einfluss in Nordamerika.2

Heute erinnert man sich an Swedenborg überwiegend wegen seiner theologischen Schriften. Jedoch waren einige seiner Schriften vor der theologischen Phase ihrer Zeit weit voraus und enthielten daher auch Konzepte, die von der Wissenschaftsgesellschaft über Jahrhunderte nicht anerkannt wurden. Seine wissenschaftlichen und philosophischen Schriften, insbesondere seine Werke, welche die Anatomie und Physiologie betrafen, umfassten ebenfalls Überlegungen, die später grundlegend für seine Entwicklung einer umfassenden organischen Theologie werden sollten.3

Swedenborg verfasste die große Mehrheit seiner Werke in lateinischer Sprache, der Wissenschaftssprache jener Zeit. Sie wurden seitdem in Englisch und viele andere Sprachen übersetzt. Manche englische Übersetzungen sind auch heute noch verfügbar und werden weiter mit Interesse gelesen. Andere Übersetzungen (insbesondere seine wissenschaftlichen Werke) sind inzwischen über 100 Jahre alt und klingen für den modernen Leser eher formal oder latinisiert.

DAS FRÜHE LEBEN

Emanuel Swedenborg kam als Emanuel Swedberg als drittes von neun Kindern Jesper und Sarah (Behm-)Swedbergs am 29. Januar 1688 in Stockholm zur Welt. Sowohl die Swedbergs als auch die Behms hatten Verbindungen zum wichtigen schwedischen Bergbau. Drei seiner Geschwister starben, während er noch jung war, und ließen ihn als ältesten Sohn mit einer älteren Schwester, Anna (die zwei Jahre älter war), und den jüngeren Geschwistern zurück. Er war mit Anna und einer weiteren, jüngeren Schwester, Hedwig, besonders vertraut. Beide boten ihm in unterschiedlichen Lebensphasen ein Zuhause.4

Emanuels Vater Jesper Swedberg (1653 – 1735) war ein bekannter und leidenschaftlicher lutherischer Pfarrer, der zur Zeit von Emanuels Geburt als Hofkaplan diente. 1719 wurde Jespers Familie von Königin Ulrika Eleonora geadelt und erhielt den Namen Swedenborg. Seit dieser Zeit hieß Emanuel und gilt er der Geschichte als Swedenborg. Jesper Swedberg gab seinen meisten Kindern biblische Namen, um sie an ihre Pflicht vor Gott und der Kirche zu erinnern. Jesper schrieb:

„Der Name meines Sohns Emanuel bedeutet ‚Gott mit uns‘; sodass er sich stets der Gegenwart Gottes und der engen, heiligen und geheimnisvollen Verbindung mit unserem guten und gnädigen Gott erinnert, in die wir durch den Glauben gebracht worden sind, durch welchen wir mit Ihm verbunden und in Ihm sind.” 5

Jesper Swedberg war für seine Frömmigkeit bekannt – wegen seines Glaubens und der beispielhaften Darstellung des Glaubens im Leben. Er beklagte den wahrgenommenen moralischen Verfall seiner Zeit und er scheute sich nicht, andere zu kritisieren und denjenigen auf die Füße zu treten, die vor allem daran glaubten, dass Frömmigkeit in der Beachtung frommer Zeremonien bestehe. König Karl XI. war der erste, der den enthusiastischen Pfarrer während seiner Zeit als Militärkaplan bei der königlichen Reiterwache bemerkte. Er begann Swedberg zu bewundern, beförderte ihn auf Positionen mit Autorität und pflegte bei ihm Rat zu suchen.6

Als Emanuel vier Jahre alt war, berief König Karl XI. den energischen Jesper als Professor für Theologie an die Universität Uppsala. Bald danach wurde er zudem zum Rektor der Kathedrale von Uppsala ernannt, wobei er „[…] Leben und Schwung in die theologische Fakultät brachte.” Dabei handelte es sich um eine sensible Position, denn zu jener Zeit kursierten zahlreiche theologische Debatten und neue Ideen, die innerhalb der lutherischen Kirche und auch an der Fakultät von Uppsala intensiv diskutiert wurden.7

Zu jener Zeit gab es zwei konkurrierende Strömungen religiösen und philosophischen enkens in Uppsala. Die erste war eine Art Scholastik9* und gründete die gesamte Autorität der Kirche und der von der Kirche akzeptierten Lehren auf Aristoteles und seine Kommentatoren. Jesper Swedberg und die lutherische Orthodoxie erkannten im Blick auf Studium und Religion die Kirche als die letzte Autorität in allen Fragen und Problemen an. Die Integration der aristotelischen Anschauungen in die Kirchenlehre sollte ein richtiges und angemessenes Maß an weltlicher Wissenschaft bieten, um den menschlichen Verstand zu üben. Die Anhänger der Scholastik glaubten dementsprechend, dass sämtliche philosophische Probleme durch Bezug auf die Schrift, durch kultiviertes Studium von Büchern und das Heranziehen von Autoritäten gelöst werden könnten.8

Die zweite Denkströmung stand dazu in Opposition. Dieser Antischolastizismus wurde populär durch den berühmten Wissenschaftler und Philosophen René Descartes. Er lehrte, dass die beste Weise, das Unbekannte zu erkennen, in der Aufstellung eigener Deduktionen10* und der Ausbildung unabhängiger Schlussfolgerungen bestehe. Descartes suchte die Natur betreffende Wahrheiten durch wissenschaftliches Studium zu ergründen. Ebenso war er davon überzeugt, dass Intuition eine Rolle in diesem Prozess spiele, wobei er meinte, dass sie aus dem Licht der Vernunft entstehe. Demgegenüber betrachtete er die Kirche nicht als Autorität und hatte auch keine Probleme damit, orthodoxe Anschauungen herauszufordern.

Descartes reiste auf Einladung von Königin Christine 1610 nach Schweden, da sie mehr über seine Ideen erfahren wollte. Bedauerlicherweise starb Descartes nur wenige Monate später an einer Lungenentzündung. Doch seine Ansichten hatten einen Feuersturm von Ideen und Erörterungen ausgelöst, der ein Jahrhundert lang über Schwedens akademische Welt hinweg fegte. Descartes’ Philosophie hatte „[…] eine Fackel der Freiheit des Denkens an der Universität Uppsala angezündet.”9

Eine große Kontroverse in Hinblick auf diese beiden konkurrierenden Schulen entbrannte zwischen der theologischen und der philosophischen Fakultät der Universität Uppsala. Diese wurde schließlich durch das Dekret König Karls XI. besänftigt:

„Die Lehren des christlichen Glaubens dürfen nicht der philosophischen Kritik unterworfen werden. Doch ansonsten ist die Philosophie in Praxis und Erörterung frei.”

Ende des 17. Jahrhunderts existierte daher ein bedeutendes Maß an Freiheit des Denkens in Schweden, welche freie wissenschaftliche Forschung erst ermöglichte. Dennoch behielt die Kirche weiterhin großen Einfluss.10

Jesper Swedberg war ein sehr populärer Lehrer während seiner zehnjährigen Dienstzeit in Uppsala, das zur damaligen Zeit als Epizentrum des fortgeschrittenen Forschens in Schweden galt. Der junge Emanuel wuchs demnach inmitten häufiger akademischer und theologischer Erörterungen auf, zu denen auch das Dilemma des scholastischen und wissenschaftlichen Zugangs zur Wahrheit und weitere Themen gehörten. Man kann also sicher davon ausgehen, dass der junge Emanuel in einem sehr religiösen, aber zugleich akademischen Haushalt aufwuchs.11

Als Emanuel 1696 acht Jahre alt war, starb seine Mutter. Ein Jahr darauf heiratete sein Vater Sara Bergia, deren Familie ebenfalls über Verbindungen zum schwedischen Bergbau verfügte. Emanuel lebte bis 1703 bei seinem Vater und seiner Stiefmutter, jenem Jahr, in dem sein Vater zum Bischof von Skara ernannt wurde. Mit diesem Ereignis zogen Vater und Stiefmutter nach Brunsbo und ließen den 15-jährigen Emanuel bei seiner älteren Schwester Anna und deren Ehemann Erik Benzelius. Benzelius war Theologieprofessor in Uppsala, später Erzbischof von Uppsala und dazu ein führender Wissenschaftler Schwedens. Als flammender Cartesianer war er ein starker Befürworter des wissenschaftlichen Zugangs zur Welt und der intellektuellen Freiheit. Er führte Korrespondenzen mit den prominentesten Menschen seiner Zeit und war in Kontakt mit den bedeutenden Zentren fortgeschrittener Forschung in Europa, wie etwa der Royal Society in London. Benzelius ermutigte Emanuel bei seinen wissenschaftlichen Studien. Emanuel war sehr vertraut mit Anna und Erik, zeitweise betrachtete er Erik sogar als Vaterfigur, obwohl er weiter gute Beziehungen zu seinem Vater und seiner Stiefmutter pflegte.12

SWEDENBORGS BILDUNG

Swedenborg erhielt seine frühe Bildung durch einen Privatlehrer, seinen Cousin Johan Moreus, der ihn auf die Universität vorbereitete. Moreus hatte Interesse an Medizin und erwarb später einen medizinischen Titel in Frankreich. Emanuel hatte ebenfalls Kontakt zu Wissenschaftlern, die seinen Vater besuchten, wie etwa Olof Rudbeck, Professor für Medizin und Botanik in Uppsala. Rudbeck war ein Freund der Familie und hatte dadurch bedeutenden Einfluss auf Emanuel. Er weckte bei seinen berühmtesten Studenten – Swedenborg und Linné – ein tiefes Interesse für Anatomie und Botanik.13

1699 schrieb sich Emanuel in Uppsala ein, wo er bis zu seinem Abschluss 1709 blieb. Damals bot die Universität hauptsächlich vier Studienbereiche an: Theologie, Jura, Medizin und Philosophie (Naturwissenschaft und Mathematik mit eingeschlossen). Obgleich sich Emanuel für Philosophie entschied, drängte ihn seine neugierige Natur zu weiteren Forschungsbereichen. Bereits als Student offenbarten sich seine weitreichenden Interessen. Er studierte Jura und lernte fremde Sprachen, er wurde mit Latein (der Lehrsprache an der Universität) ebenso gut vertraut wie mit Griechisch und Hebräisch. Während seiner späteren Reisen als Erwachsener erwarb er sich zusätzlich zu seiner Muttersprache Schwedisch Kenntnisse in Englisch, Französisch und Italienisch. Zur Entspannung verfasste er lateinische Poesie und studierte Musik. Er spielte gerne Orgel und vertrat den Organisten in der Kirche, sofern das erforderlich war. Bei Professor Roberg studierte er Anatomie. Dieser war ein enthusiastischer Liebhaber der Anatomie und sicherte der Universität später das Recht, medizinische Titel zu verleihen. Swedenborg war bekannt für seine Vielseitigkeit und Einbildungskraft und ebenso dafür, dass er in praktischen Dingen sehr gründlich und bodenständig war.14

1709 verteidigte der 21-jährige Swedenborg erfolgreich seine Dissertation (die er seinem Vater widmete) und graduierte an der Universität von Uppsala. Damals galt sein Hauptinteresse der Naturwissenschaft und folglich hatte er die Absicht, seine naturwissenschaftlichen Forschungen im Ausland zu vertiefen. Obgleich sein Universitätsstudium ihn mit den zu seiner Zeit bedeutenden und bewegenden Ideen der späten Renaissance und der frühen Aufklärung in Kontakt gebracht hatte, erschöpften ihn diese Studien nicht gänzlich. Zudem war es damals üblich, in den fortgeschrittenen Bildungszentren Europas ein Auslandsstudium zu absolvieren.15

FRÜHE REISEN

1710 begab sich Swedenborg im Alter von 22 Jahren und ausgestattet mit Empfehlungsschreiben von Erik Benzelius zur Royal Society nach London, um dort Naturwissenschaften zu studieren. Diese Reise entpuppte sich als Abenteuer mit mehreren Beinahe-Katastrophen: fast erlitt Swedenborg Schiffbruch, um ein Haar wurde das Schiff von Piraten geentert und außerdem drohte ihm in England die Todesstrafe, weil die angesichts eines Pestausbruchs in Schweden verhängten Quarantäne-Regeln nicht eingehalten worden waren.16

Unmittelbar nach seiner Ankunft in England begann er mit dem intensiven Studium der englischen Sprache, um sich vor der Begegnung mit englischen Wissenschaftlern Fertigkeiten in ihrer Sprache zu erwerben.17

Um während seiner Auslandsreise Kosten zu sparen, wohnte er bei verschiedenen Handwerkern. So ging er tagsüber seinen anderen Studien nach und erlernte abends das Handwerk seiner jeweiligen Gastgeber. In London, Oxford und anderen englischen Städten erwarb er die Fähigkeit, Uhren, Möbel und Blechblasinstrumente zu bauen sowie Gravuren zu erstellen. Swedenborg studierte Chemie, Physik und Mathematik bei Schülern Newtons und anderen und widmete sich der Astronomie bei den renommierten Astronomen John Flamsteed und Sir Edmund Halley. Diese namhaften Wissenschaftler stellten ihn wiederum Mitgliedern der Royal Society und anderen Wissenschaftlern vor. Gegen Ende seines Englandaufenthalts unterzog sich Swedenborg sogar noch dem ausgiebigen Studium der englischen Poesie und Literatur.18

Damals war die englische Führung daran interessiert, eine Methode zur Bestimmung der Längengrade auf See zu entwickeln. Für die britische Marine war dies von hoher Priorität, weil das britische Weltreich den Globus umfasste. So lobte die englische Regierung einen hoch dotierten Preis für die beste Lösung aus und Wissenschaftler aus ganz Europa bemühten sich darum, eine derartige Methode zu entdecken. Swedenborg engagierte sich neben seinen anderen Studien auch bei der Lösung dieses Problems, was seinen Forscherdrang in der neuen Umgebung nur weiter beflügelte.19

Swedenborg blühte im englischen Umfeld freier Rede, freien Denkens und freier wissenschaftlicher Forschung auf. Er schätzte auch die Freiheit der Presse. In England erweiterte er seinen Horizont viel mehr, als dies in Schweden möglich war, und er begegnete dadurch vielen bedeutenden Denkern jener Zeit.20

Zwei Jahren nach seiner Ankunft in England reiste Swedenborg weiter nach Holland. In Leiden verbrachte er einige Zeit mit dem Pionier der Mikroskopie, Anton von Leeuwenhoek, den er später neben vielen anderen in seinen anatomischen und physiologischen Werken zitierte. Er wohnte bei einem Linsenschleifer und lernte dort, Qualitätslinsen herzustellen. Swedenborg kombinierte dabei dieses neue Wissen des Linsenschleifens mit seinen bereits vorhandenen Kenntnissen in der Herstellung von Blechblasinstrumenten, um ein eigenes Mikroskop herzustellen. Da er es sich nicht leisten konnte, eines dieser teuren Instrumente neu zu kaufen, war er einfach dazu gezwungen, sich selbst eines zu bauen. Sein Mikroskop entsprach dabei einem Modell, das er in Anton van Leeuwenhoeks Labor gesehen hatte, wobei Swedenborgs Mikroskop über eine 40-fache Vergrößerung verfügte, Leeuwenhoeks hingegen nur über eine 20-fache.21

Anschließend verbrachte Swedenborg ein Jahr in Frankreich, wo er führende französische Wissenschaftler traf. Darauf folgte Deutschland und schließlich an der Südküste der Ostsee Rostock, das sich zu jener Zeit in schwedischem Besitz befand. Hier sammelte er seine Notizen, Zeichnungen und Überlegungen zu einer Präsentation der Ergebnisse seiner Reise. Obgleich sich die meisten seiner Studien mit Chemie, Astronomie, Mathematik, Physik und Poesie befassten, war sein Notizbuch auch voll von Zeichnungen und Details der unterschiedlichsten Erfindungen. Mehrere davon dienten später seiner Arbeit sowie der Verbesserung der Sicherheit schwedischer Arbeiter. Und viele seiner Erfindungen standen in Zusammenhang mit dem Bergbau, wie etwa eine mechanische Hebevorrichtung und weitere maschinelle Hilfsmittel, wie Luftpumpen, Seile, Federn und Siphons. Andere Erfindungen waren dagegen eher von theoretischer Natur, so etwa ein universales Musikinstrument, Pläne für eine Luftmaschine und ein Boot, das unter Wasser fahren konnte.22

Swedenborgs Flugzeugpläne sind deswegen bemerkenswert, weil sie später als erster vernünftiger Entwurf eines Luftfahrzeugs anerkannt wurden. Es handelte sich um die ersten Pläne, die einen festen Flügel mit einer wirklichen Tragfläche kombinierten, ein Cockpit für den Piloten und einen Landungshebel einschlossen. Swedenborg hatte die Flügelfläche richtig berechnet, die nötig war, um das Fahrzeug in der Luft zu halten, und ebenso die Notwendigkeit erkannt, eine entsprechende Antriebsquelle zu entwickeln. Jedoch handelte es sich nur um den theoretischen Entwurf eines Flugzeugs, welches er nie tatsächlich baute. Modelle jenes Luftfahrzeugs befinden sich im Raum für frühe Fluggeräte im Smithsonian Aerospace Museum sowie in der Swedenborg-Bibliothek in Bryn Athyn, Pennsylvania.23

Zur selben Zeit entwickelte Swedenborg eine Methode, den Längengrad versuchsweise mithilfe des Mondes zu bestimmen. Diese Lösung schien erfolgreich zu sein, allerdings wurden dazu exakte Tabellen der Mondbewegung benötigt. Flamsteed hatte Swedenborg versprochen, dass diese bald erscheinen würden, als er bei ihm arbeitete, doch sie waren immer noch nicht verfügbar. Als junger, eifriger Wissenschaftler wollte Swedenborg seinen König und sein Land durch die Lösung des Längengradproblems stolz machen.24


Abb. 1: Swedenborgs Flugmaschine, 1714

DER FRÜHE BERUFLICHE WERDEGANG

Der 26-jährige Swedenborg kehrte Ende des Jahres 1714 von seinen Reisen in Europa nach Schweden zurück. Ehrgeizig wie er war, suchte er eine Position oder einen Weg, um sein Wissen und seine Fähigkeiten anzuwenden. Jedoch gab es zur Zeit seiner Rückkehr große Probleme. Aufgrund der Kriege König Karls XII. waren die Landesfinanzen sehr in Mitleidenschaft gezogen. Karl XII. war 1697 Karl XI. nachgefolgt und hatte eine Folge von Kriegen begonnen, die das schwedische Staatsvermögen ernstlich dahinschmelzen ließen. Die Wirtschaft stagnierte und von außen initiierte Innovation gab es nicht. Relativ zu Kontinentaleuropa fiel Schweden in den Wissenschaften zurück und bot nur sehr wenige Möglichkeiten für einen jungen Wissenschaftler. Zudem betrachteten die konservativen schwedischen Gelehrten und Akademiker Swedenborg mit seinen jüngsten Studien in England, Frankreich und Holland eher als einen talentierten Außenseiter denn als einen gleichrangigen Kollegen.25

So betrieb Swedenborg eigenständig wissenschaftliche Aktivitäten. Neben dem Versuch, ein astronomisches Observatorium und eine Gesellschaft für Forschung und Wissenschaft aufzubauen, gründete er Schwedens erste wissenschaftlich-technische Fachzeitschrift mit dem Namen Daedalus Hyperboreus (der nördliche Daedalus). Den ersten Teil des Namens entlehnte er einer Figur aus der griechischen Mythologie, die als erste geflogen war. Swedenborg wollte damit das Interesse an den Naturwissenschaften entfachen und entwarf daher seine wissenschaftliche Zeitschrift entsprechend ähnlicher Vorlagen gelehrter Gesellschaften in anderen Ländern. Er hoffte, dass dies die Basis einer ersten, zukünftigen gelehrten schwedischen Gesellschaft von Wissenschaftlern sein werde.26

Swedenborg widmete den ersten Band des Daedalus Hyperboreus König Karl XII., der sein Interesse für das Projekt bekundet hatte. Er scheint sehr beeindruckt von dem jungen, eifrigen und aufgeweckten Swedenborg gewesen zu sein, vielleicht auch, weil er großes Interesse an der Mathematik hatte und viel von ihr verstand. Zugleich war er aber auch ein König mit bedeutenden praktischen Interessen. Mathematik, Naturwissenschaft und Technologie sollten zum Vorteil der Erhaltung und Entwicklung seines Landes dienen. Da er Swedenborg als nützlichen Gelehrten und Ingenieur betrachtete, nahm er ihn in seiner Gefolgschaft auf vielen seiner Reisen durch das Land mit. Swedenborg seinerseits ermutigte den König, den Fortschritt der Wissenschaft in Schweden zu fördern.27

Während der nächsten Jahre fand Swedenborg viele Freunde und arbeitete eng mit Schwedens bekanntem Erfinder und berühmtestem Wissenschaftler Christopher Polhem zusammen, der ihn unter seine Fittiche nahm. Polhem war mit 72 Jahren eher ein väterlicher Freund Swedenborgs und mit Karl XII. gut vertraut. Er war weithin bekannt und zog Studenten und Besucher aus ganz Europa an. Swedenborg war in jener Zeit mehr als nur ein Student an seiner Seite, er erfüllte vielmehr die Pflichten eines assistierenden Ingenieurs. Schließlich beauftragte König Karl die beiden, einen Kanal durch eine zerfurchte Berglandschaft zu treiben, um Stockholm mit der Nordsee zu verbinden. Swedenborg beaufsichtigte während dieser Zeit den Transport von 14 Kriegsschiffen über Land, um die norwegische Marine bei der Belagerung von Frederikshald zu bekämpfen.28

Polhem war sehr beeindruckt von Swedenborg, was sich auch daran zeigt, dass beide nicht nur Freunde, sondern auch Geschäftspartner wurden. Beide träumten davon, in Uppsala ein mechanisches Institut zu eröffnen. Es sollte den Menschen in Schweden helfen, mit praktischen Erfindungen und Verbesserungen durch Technologie, wie etwa eine verbesserte Dreschmaschine, bessere Erträge bei der ernte zu erzielen.29

Auf Empfehlung des Königs bot Polhem Swedenborg sogar die Hand seiner ältesten Tochter Maria an, doch dieser hatte ein Auge auf deren jüngere Schwester, Emerentia, geworfen. Emanuel und Emerentia wurden verlobt, doch sie war mit dieser arrangierten Hochzeit nicht glücklich. So ließ er sie frei, damit sie einen Anderen heiraten konnte, dem sie sich bereits zuvor zugewandt fühlte. Offensichtlich war diese Entscheidung für ihn sehr schmerzvoll, denn er fühlte sich stark von ihr angezogen. Emerentia war brillant, schön und fähig. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie die Leitung des Glühofens bei Stjarns.30

Polhem bat den König, Swedenborg eine Ehrenposition zu gewähren und Karl gab Swedenborg die Wahl zwischen einer akademischen Berufung und einer an das Direktorium der Bergwerke. Da sich Swedenborg für letzteres entschied, berief Karl den 28-jährigen Swedenborg 1716 zum ehrenamtlichen ‚außerordentlichen Gutachter’ des Direktoriums der Bergwerke. Das Direktorium hatte eine große Bedeutung, da der Bergbau zu jener Zeit den bedeutendsten Industriezweig Schwedens und das Rückgrat der Wirtschaft bildete. Er war auch die finanzielle Grundlage zahlreicher Familien der Elite und des Königshauses. Zur Zeit Swedenborgs war die Förderung von Metallen, insbesondere von Kupfer und Eisen, am bedeutendsten geworden und um die Jahrhundertwende machten Eisen, Stahl, Kupfer und Blech 80 Prozent der schwedischen Exporte aus.31

Das Direktorium der Bergwerke war sehr aktiv darin, alle Förderaktivitäten zu überwachen, Streitigkeiten zu schlichten, Bergwerke zu inspizieren, effizientere Methoden für den Bergbau zu entwickeln und sie auf dem neuesten Stand der Metallurgie zu halten. Polhem hatte dem König geraten, jemanden für das Direktorium der Bergwerke zu berufen, der sowohl über einen wissenschaftlichen wie auch über einen technischen Hintergrund verfügte, denn er hatte bemerkt, dass das Direktorium bereits genügend Mitglieder hatte, die es bloß verstanden, zu regulieren. Obwohl es noch mehrere Jahre dauern sollte, bis Swedenborg voll bezahlt wurde, genoss dieser seine Arbeit. Er schlug sogar lukrative Angebote aus, wie etwa eine Professorenstelle für Astronomie an der Universität Uppsala. Die Position am Direktorium der Bergwerke passte nicht nur gut zu Swedenborgs Interessen und zu seiner naturwissenschaftlichen Erfahrung, sondern auch zu seinen familiären Beziehungen zum Bergbau.32

Im November 1718 wurde König Karl XII. während der Belagerung einer norwegischen Stadt getötet und im März 1719 folgte ihm seine jüngere Schwester Ulrika Eleonora auf den Thron. Sie festigte ihre Macht und ihre Popularität dadurch, dass sie zustimmte, ihre Herrschaft kooperativ mit dem Reichstag auszuüben. Dieser bestand aus einer Adligen-, einer Kleriker- und eine Bürgerkammer sowie der Bauernvertretung. Ein Jahr später übergab sie den Thron an ihren Ehemann Fredrik, wobei das Übereinkommen erhalten blieb.33

Der Tod König Karls XII. beendete Schwedens sogenannte ‚große Zeit’, in der das Land militärisch expandierte. Unter seiner Regentschaft umfasste das Reich zahlreiche Gebiete im Umkreis der Ostsee und des heutigen Finnlands. Aber es war auch eine Zeit absoluter Herrschaft des Monarchen mit Tyrannei, scharfer Besteuerung und harter Vorschriften zum Militärdienst. Während jener Epoche gab es zwei einflussreiche und mächtige Parteien und diejenige, welche die militärische Expansion ohne Rücksicht auf Kosten befürwortete, verlor mit Karls Tod deutlich an Macht. Die neue Monarchie wechselte den Kurs, konzentrierte sich auf die Stabilisierung des Landes und vermied weitere Expansionspläne. Damit begann ein neues ‚Zeitalter der Freiheit’, in dem die Macht des Monarchen begrenzt und mit dem Reichstag geteilt wurde. Dabei wurde der Reichstag von der Adelskammer dominiert. Die schwedische Führung richtete ihre Reformen an innenpolitischen Problemen aus und dieser Entschluss erwies sich als erfolgreiche Strategie, um Schweden über das nächste Jahrhundert erblühen zu lassen.34

Im Mai 1719 adelte Königin Ulrika die Familien der schwedischen Bischöfe. Emanuels Name änderte sich von Swedberg zu Swedenborg und sein Leben veränderte sich ebenfalls. Als ältester Nachkomme der Familie erhielt er einen Sitz in der Adelskammer und nahm ab diesem Zeitpunkt für den Rest seines Lebens regelmäßig an deren Sitzungen teil, sofern er keine Auslandsreisen unternahm. Swedenborg schrieb während seiner 53-jährigen Mitgliedschaft viele Vorlagen für die Kammer; seine Vorlagen aus den Jahren 1722 – 1771 sind erhalten und decken einen weit gestreuten Themenbereich ab: von der Reform der schwedischen Währung, der Balance des Handels und Prioritäten bei der Gewinnung bestimmter Metalle über die Entwicklung der Eisenproduktion bis hin zu Vorlagen zur Beförderung der Freiheit in Schweden sowie dem Aufbau einer Metallherstellung in Rollenform.35

Obgleich Swedenborg aufgrund der mangelhaften Unterstützung der Wissenschaften in Schweden frustriert war, betrieb er seine Studien weiter und schrieb Aufsätze zu zahlreichen Themen, beispielsweise: das erste in Schweden veröffentliche Werk über Algebra; über Kräne, um schwere Gegenstände zu heben; eine Studie zu Fossilien und zur Analyse des Erdbodens; zum Flussaufwärtssegeln; über Handel und Manufaktur; über Feuer und Farben; über alternative Methoden der Salzherstellung; über Veränderungen in der Rotation der Erde; über die Gewinnung und Verarbeitung von Metallen; über Docks und Kanalabdichtungen; über Analysen der Gezeiten und über Währungsschwankungen. Ebenso verfasste er ein Werk Über Tremulationen.11* Dies war sein erstes Werk über Anatomie und Physiologie aus dem Jahr 1719. Er argumentiert darin, dass die Lebenskraft des Körpers aus feinen Schwingungsbewegungen bestehe, die den gesamten Körper durchdringen. Dieses Werk ist deshalb von großem Interesse, weil es ein gründliches Wissen über Anatomie zeigt, allen voran von einem Nervensystem, das in das Kreislaufsystem, das Lymphsystem und den Rest des Körpers einschließlich der Knochen integriert ist. Hier zeigt sich sein frühes Interesse am Studium der Bewegung als Quelle des Lebens. Es geht seinen Prinzipien und späteren Studien voraus, die wiederum zu weiteren anatomischen Studien führten. Swedenborg schrieb viele Jahre lang kein weiteres Werk zu Anatomie und Physiologie. Dennoch begleiteten ihn diese Interessensbereiche sein gesamtes Leben hindurch.36

Im selben Jahr verstarb Swedenborgs geliebte Stiefmutter Sara Bergia an Lungenentzündung. Sie war mit Jesper Swedberg 23 Jahre verheiratet gewesen und hinterließ den Kindern von Swedberg, insbesondere aber Emanuel, wertvolle Bergwerksanteile, darunter Hammerwerke, Brennöfen, Wälder und Felder. Emanuel Swedenborg und sein Stiefbruder Lars Benzelstjerna kauften der Familie die restlichen Güter ab. Benzelstjerna lebte beim Bergwerk Starbo und führte es so, dass Swedenborg seine Studien fortan frei betreiben konnte.37

1721 brach Swedenborg erneut ins Ausland auf, um seine Forschungsaktivitäten auszudehnen. Nachdem er vom König die Erlaubnis zur Abwesenheit vom Bergwerksdirektorium erhalten hatte, reiste er durch Europa, um den Bergbau und den Manufakturprozess außerhalb Schwedens zu studieren und um weiter zu veröffentlichen. Er besuchte innerhalb eines Jahres in vielen Ländern mehrere Zentren für Bergbau und Metallschmelzen, und er nutzte diese Zeit zum Verlegen sechs wissenschaftlicher Werke (über Chemie, Metallurgie, Methoden der Astronomie, Dockdämme und Navigation). Diese erschienen bei Friedrich Hekel in Leipzig, einer der führenden Druckereien Europas. In Ludwig Rudolph, dem Grafen von Braunschweig, fand er einen weiteren Freund und Förderer, der ihn dabei unterstützte, die Kosten seiner Veröffentlichungen zu tragen. Swedenborg war mit mehreren Mitgliedern des deutschen Adels befreundet, insbesondere mit Ludwig Rudolph, den er 1722 während seines Besuches im Harz kennenlernte. Einige Historiker haben vermutet, dass der Graf anfänglich einen ausgezeichneten ausländischen Bergbauexperten an seinen Hof habe holen wollen, dann aber bald den universalen Geist seines schwedischen Gastes erkannt und ihre Beziehung zu einer echten Freundschaft entwickelt habe.38

Mit der Rückkehr nach Stockholm kehrte Swedenborg auch in sein Leben als Adliger, Regierungsbeauftragter und Schriftsteller zurück. Er befasste sich wieder intensiv mit seiner Tätigkeit für das Bergwerksdirektorium und wurde schließlich 1724 auf eine ständig entlohnte Position berufen.

Das Bergwerksdirektorium bestand aus sieben Mitgliedern und traf sich in elf Monaten des Jahres an jedem Wochentag. Damit erfüllte es wichtige administrative, technische und regulative Funktionen. Die Bergwerke standen im Wettbewerb und waren meistens im Besitz von Familien oder kleinen Gesellschaften. Das Direktorium unterteilte Schweden in vier Distrikte, berief Leiter der Minen und einen Amtmann für jeden Distrikt. Jeder verfügte über einen Gerichtshof, um Differenzen zwischen den verschiedenen Unternehmen zu klären. Das Bergwerksdirektorium diente seinerseits als oberstes Gericht für die Bergwerke. Jedes Mitglied des Direktoriums – jeder Assessor – legte seine Sichtweise der juristischen Fälle dar und das Direktorium entschied letztlich darüber, welche und wie viele Metalle abgebaut werden sollten und durften; es legte Standards für die Qualität des Metalls fest und inspizierte sowohl die geförderten Metalle als auch die Bergwerke. Um die Abbaumethoden zu studieren und die Metallqualität zu bestimmen, unterhielt das Direktorium das fortschrittlichste Labor des ganzen Landes. Das Direktorium regulierte darüber hinaus die Preise und kontrollierte die Steuern auf Metalle.39

Als Assessor des Bergwerksdirektoriums war Swedenborg intensiv mit juristischen Entscheidungen, technischen Angelegenheiten und Personalfragen, aber auch mit wissenschaftlichen und technischen Fragen befasst. In dieser Position diente er dem Direktorium 23 Jahre, ehe er sich 1747 zurückzog, um seine Anstrengungen ganz auf seine theologischen Schriften zu konzentrieren.40

Ebenfalls Mitte der 1720 er verehrte Swedenborg eine junge Frau, Kristina Maria Steuch. Die Tochter des Bischofs von Karlstadt hatte zu jener Zeit drei ernsthafte Verehrer und entschied sich schließlich nicht für Swedenborg. Daraufhin schlug seine Familie eine andere mögliche und attraktive Partnerin zur Heirat vor, doch Swedenborg machte offensichtlich weder ihr noch irgendeiner anderen Frau mehr den Hof.41

In jener Zeit lebte er bei seiner Schwester Hedwig und ihrem Ehemann, bis sie 1728 verstarb. Nach ihrem Tod begann er das Leben eines Junggesellen und stellte einen Diener an. Sein Neffe und Schüler Erik Benzelius der Jüngere studierte bei ihm, lebte teilweise bei ihm und schloss sich ihm schließlich im Bergwerksdirektorium an.42

BERUFSLAUFBAHN, WISSENSCHAFTLICHE WERKE UND WEITERE STUDIEN IM AUSLAND

Von 1722 bis 1733 arbeitete Swedenborg neben seiner Tätigkeit am Bergwerksdirektorium ständig an seinem ersten großen Werk, Opera Philosophica et Mineralia. Nach seiner Vollendung stellte er das Manuskript im September 1733 dem Verleger Friedrich Hekel in Leipzig vor. Swedenborg begutachtete sein Werk Anfang 1734 und im Alter von 46 Jahren veröffentlichte er es als sein erstes eigenständiges wissenschaftlich-philosophisches Werk in drei Bänden.43

Der erste Band wurde unter dem Titel Principia bekannt. Der Untertitel lautet im Deutschen nach der englischen Übersetzung von 1845: Die ersten Prinzipien der natürlichen Sachverhalte, die neue Versuche zur philosophischen Erklärung der elementaren Welt darstellen. Dieser Band umfasste eine übergreifende Kosmologie, sowohl eine Sternennebel-Theorie als auch eine atomare Theorie der Arten. Die Prinzipien bildeten eine Studie des Endlichen, das seinen Ursprung im Unendlichen erkennt, ohne welches es nicht hätte entstehen können oder weiter existieren könnte. Alles wird durch dieses Gesetz reguliert, vom Kleinsten bis zum Größten, von den ersten Punkten und Teilchen der Existenz bis zu den Galaxien. Die Principia veranschaulichen Swedenborgs Bemühungen, eine Kosmologie zu präsentieren, welche die Ordnung und den Zweck der Schöpfung erklärt, und die ihn schließlich zu einer Untersuchung der Struktur der Materie von den ersten Teilchen bis hin zum gesamten Kosmos führt.44

Swedenborgs Theorie der feinsten Teilchen schloss eine Hypothese über die Bildung der Materie aus Energie ein, der zufolge sich reine Energie lokalisiere und sich zu einem ‚ersten Punkt’ bzw. einem ‚Einfachen’ bilde. Dieses sei das Medium zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, aus dem nach und nach alles andere entstehe. Das Medium selbst bestehe aus reiner Bewegung bzw. einer ‚Bestrebung’ zur Bewegung hin, da ohne Bewegung nichts existieren könne. Alle endlichen Sachverhalte stammten von dieser ersten Ursache. Zwar sei sie geometrisch nicht erfassbar, dennoch sei sie nicht Nichts.45

Diese ersten einfachen oder endlichen Punkte fließen in eine Spiralbewegung ein, welche das ‚erste Endliche’ als kleinste Entität der Natur hervorruft und aus der alles andere aufgebaut ist. Das erste Endliche ist geometrisch und besitzt eine spiralförmige Bewegungsfigur mit Polen, Äquatoren und Meridianen, die ihm eine achsenförmige und fortschreitende Bewegung verleihen. Sofern es in seiner fortschreitenden Bewegung schwingt, bezeichnet Swedenborg es als ‚Aktives’, wenn dies nicht der Fall ist, gilt es ihm als ‚Passives’.46

Obwohl dies ein faszinierender Ansatz ist, liegt Swedenborgs Konzept der Physik außerhalb des Interessenbereiches der vorliegenden Arbeit. Zusammenfassend lässt sich aber sagen: Die ‚Punkte’ der Bewegung sammeln sich zu ‚ersten Endlichen’ und verschmelzen mit anderen ersten Endlichen, um verschiedene Ebenen der Materie zu bilden. Swedenborg ordnete jeder dieser Aktivitätsebenen verschiedene Eigenschaften zu. Der erste und feinste natürliche Punkt schließt eine zirkuläre aktive Bewegung ein, die dann zu einem ersten Endlichen verbunden wird, welches wiederum eine spiralförmige Bewegung bzw. Drehbewegung einschließt und sich zu einem zweiten Endlichen als passivem Empfangenden von Bewegung verbindet. Schließlich wird ein elementares Teilchen gebildet, das echte bekannte Materie darstellt. Aus Swedenborgs Sicht schließen die feinsten Teilchen der Natur eine beständige Interaktion zwischen derartigen ‚Aktiven’ und ‚Passiven’ ein.47

Er behauptete, dass die Folge von ‚Aktiven’, ‚Passiven’ und ‚Endlichen’ sich fortsetze, um komplexere Elementarteilchen auf verschiedenen Ebenen zu bilden. Im Kontext großer, aktiver solarer Räume würden sie komprimiert, veränderten sich zu neuen Entitäten und bildeten so unterschiedliche Atmosphären von Äther und Magnetismus. Darin forme sich aus einem solaren Strudel die Sonne, die als Ahnin der Planeten fungiere.48

Swedenborg erkannte, dass die Natur sich in den größten und den kleinsten Sachverhalten ähnlich ist – im Makrokosmos und im Mikrokosmos.12* Genauso wie sich magnetisierte Eisenteilchen entlang der Kraftlinien von Pol zu Pol um einen Magneten ausrichteten, so fungiere jede ‚Sonne’ in unterschiedlicher Weise als ‚Magnet’, wobei eine strudelförmige Drehbewegung die Planeten um eine zentrale Achse leite. Swedenborg verglich die Anordnung der Sterne mit jener der Galaxien und sogar noch größeren Systemen, in denen Galaxien eingebunden sind.49

Swedenborgs Sternennebeltheorie erklärt die Bildung des Sonnensystems ausgehend von Teilchen, welche sich von der Sonne wegdrehen und Nebel bilden, die wiederum zu um die Sonne kreisenden Gürteln verschmelzen. Diese zerbrechen und bilden die einzelnen Planeten in unserem Sonnensystem. Mit seiner Theorie ging Swedenborg der Kant-Laplaceschen-Nebelhypothese voraus und beeinflusste damit nachweislich Kant.50

Swedenborg schließt die Principia mit einer Erörterung der Menschheit. Denn er betrachtete den Menschen als Vollendung und Ziel der Schöpfung und platzierte ihn im Kontext des geordneten Universums. Die Menschheit mit ihrer Fähigkeit, dem Schöpfer zu antworten und ihn zu verehren, erwies sich dabei als Richtschnur für seine zukünftigen Werke. Swedenborg suchte unentwegt nach einem Punkt der Interaktion zwischen Gott und der Schöpfung – und er betrachtete die Menschheit als eben diese Verbindung. Die Principia dienten ihm als Vorbereitung des folgenden, tiefer gehenden Pfades, nämlich der Suche nach der Interaktion von Körper und Seele.51

Der zweite und der dritte Band der Opera Philosopica et Mineralica sind ihrer Natur nach eher technisch und praktisch. Der zweite Band handelte von Eisen und Stahl, der dritte Band bezog sich auf Kupfer und Blech. Wie zuvor erwähnt, waren Metalle für Schwedens Wirtschaft von vitaler Bedeutung. Diese praktischen Bände wurden als umfassende Werke zur Gewinnung und zum Schmelzen der besagten Metalle anerkannt und in Europa weit rezipiert. Aufgrund der Opera gewann Swedenborg zudem wachsende Aufmerksamkeit unter den Wissenschaftlern und Philosophen Europas.52

1734 kehrte der 46-jährige Swedenborg nach Stockholm zurück, und das aufgrund guter Rezensionen offensichtlich voller Selbstbewusstsein, da man ihn in ganz Europa als Wissenschaftler und Philosoph achtete.53

Nur ein Jahr darauf verstarb sein Vater im Juli 1735. Jesper Swedberg war 33 Jahre lang Bischof von Skara gewesen und wurde von vielen respektiert und bewundert, obgleich man ihn auch wegen seiner offen ausgesprochenen Sichtweisen kritisierte. Über Swedenborgs Gefühle wird nichts berichtet.

In dieser Zeit änderte sich jedoch die Ausrichtung seiner wissenschaftlichen Interessen. Er widmete sich vermehrt dem Studium der Anatomie und der Physiologie, indem er die gesamte Energie seiner früheren Werke auf diese Bereiche bezog. Er begann seine anatomischen Studien sogar bereits, als er noch auf den Druck der Opera Philosophica et Mineralica wartete, indem er Werke von Richter und Heister studierte, medizinische Standardlehrbücher jener Zeit. Auf der Suche nach der Offenbarung der Seele im Körper ließ Swedenborg Mineralogie und Kosmologie hinter sich und konzentrierte sich ganz auf das Studium des menschlichen Körpers.54

Nach seiner Rückkehr nach Schweden im Jahr 1734 nahm er auch seine Pflichten als Assessor des Bergwerksdirektoriums wieder auf. Gleichwohl widmete er seine gesamte freie Zeit dem intensiven Studium des Gehirns. Er nahm intensive Notiz von den Schriften von Vieussens, Winslow, Ridley, Verheyen, Heister und anderen und baute zum späteren Gebrauch einen minutiösen Index auf.55

Im selben Jahr veröffentlichte er ein Werk mit dem Titel Infinito.13* Der eigentliche Titel des Werks kann folgendermaßen übersetzt werden: Ein Vorwort oder ein Vorläufer zum Thema des Unendlichen und der letzten Ursache der Schöpfung; ebenso über den Austausch zwischen Seele und Körper. Ziel dieses Werks war es, die Weltsicht der Principia auf den Bereich der Seele auszudehnen. Swedenborg argumentierte, dass die gesamte Schöpfung eine innere Ordnung enthalte und den Gesetzen der Geometrie und der Mechanik folge.

Da die Seele mit dieser Welt interagiere, müsse sie für sich auch einer Art eigener innerer Ordnung folgen, einer Gruppe von Gesetzen des Lebens und der Bewegung. Swedenborg postulierte, dass, obgleich die menschliche Wissenschaft bislang noch nicht vermocht habe, den Mechanismus der Seele im Körper zu erklären, das Wissen um die Interaktion von Seele und Körper dennoch ein anstrebenswertes Ziel sei. Swedenborg war der hypothetischen Ansicht, dass die Seele im Bereich des Gehirns und dem Rückenmark besonders eng auf den Körper bezogen sein müsse, und hier insbesondere im Kortex des Gehirns. Ihre Funktionen würden durch die Bewegung des Gehirns und dessen feinste Flüssigkeiten14* übertragen. Er bemerkte auch, dass Infinito nur ein Vorläufer für ein weit größeres Werk sei, welches anatomisch und physiologisch belege, was zunächst nur philosophisch dargelegt werde. In Infinito wird deutlich, dass Swedenborg beabsichtigte, seinen Principia eine Reihe von physiologischen Arbeiten folgen zu lassen, welche die Verbindung zwischen der Seele und dem Körper beweisen sollten.56

Obgleich Bischof Jesper Swedberg 1735 starb, fand sein offizielles Begräbnis nicht vor Januar 1736 statt. Jesper Swedberg wurde am 29. Januar 1736 (an Swedenborgs 48. Geburtstag) im Kloster Varnhem in Västergötland, unweit von Skara beerdigt.57

Swedenborg war nun auch von seinen Pflichten als Sohn befreit, verfügte über die frühere Erbschaft seiner Stiefmutter und deren familieneigene Bergwerke, er hatte ein laufendes Einkommen durch seine Position im Reichstag und den starken Drang, seine Studien fortzusetzen. So beschloss er, eine weitere Reise durch Europa zu unternehmen, die länger als vier Jahre dauern sollte und allein dem Zweck diente, bei gelehrten Anatomen in den großen Städten Europas zu studieren. Er bat den König um eine Abwesenheitserlaubnis vom Bergwerksdirektorium, um das Versprechen erfüllen zu können, das er in Infinito gegeben hatte, und schrieb ihm, dies sei nur möglich, wenn dieser ihm eine längere, mehrjährige Reise zu den Zentren fortgeschrittener wissenschaftlicher Gelehrsamkeit in Europa bewillige. Swedenborg erhielt die Erlaubnis und musste sich daraufhin die Hälfte seines Lohnes mit drei Mitgliedern des Bergwerksdirektoriums teilen, die seine Pflichten während seiner Abwesenheit übernahmen. Swedenborg war jetzt einer der prominentesten Männer in Schweden. Bevor er Schweden verließ, besuchte er den König und die Königin, die ihn wohlwollend empfingen und seinen Dank entgegennahmen, den er ihnen wegen der bewilligten Abwesenheitserlaubnis überbrachte.58

1736 begann Swedenborg seine Reise in Amsterdam, wo er jüngste Entdeckungen aus den Sektionslaboren bekannter Wissenschaftler wie Leeuwenhoek, Malpighi, Ruysch, Bidloo, Vieussens und Boerhaave studierte. Er machte sich darüber ausführliche Notizen und zitierte diese und alle anderen Quellen in seinen späteren anatomischen Schriften.59

Während seiner vierjährigen Reise praktizierte Swedenborg eine von ihm entwickelte Meditationstechnik, die intensive Konzentration und eine veränderte Atemtechnik einschloss, insbesondere Hypoventilation.15* Er hatte diese Praxis über Jahre fortentwickelt und als Mittel kultiviert, um bei bedeutenden Sachverhalten Einsicht zu gewinnen. So erkannte er, dass die Einsichten, die er auf diesem Weg erhielt, ihm dabei halfen, wahre Tatsachen und wertvolle Wahrnehmungen von Fehlern und Irrtümern abzuscheiden. In seinen Schriften aus jener Zeit schilderte er seine Heiterkeit, die bei der Wahrnehmung der Wahrheit eintrat – er beschrieb auch, dass auch das Individuum selbst klar und gelassen werde, sobald alles andere klar und gelassen wird.60 1739 schrieb er im Rückblick auf diese Zeit, dass die Einsicht und echte Entdeckung der Wahrheit von

„[…] einem heiteren Licht und einer freudvollen, bestätigenden Klarheit […] begleitet werde, „[…] welche um die Sphäre ihres Verstandes spielen; und eine Art rätselhafter Strahlung – ich weiß nicht, wann sie beginnt –, die sich in einem heiligen Tempel im Gehirn ausbreitet.”16*

Er schilderte weiter diejenigen, die eine derartige Einsicht verfolgen, indem sie durch die Leidenschaft dieser Flamme entzündet würden und verstünden, dass alle Künste und Wissenschaften Mittel der Wahrheit seien, um echte Weisheit zu erlangen, nicht um des Stolzes willen oder um jemanden anderen zu beeindrucken. Er erklärte, dass das Haften am Selbst bloß zu fehlerhaftem Denken und zu Fehlschlüssen, schließlich zur Verwicklung in die Fäden eines missratenen Arguments führe, bis man sich selbst in den verwickelten Falten des Netzes, das man gewoben hat, einschließe und „[…] in Dunkelheit eingehüllt […]” sei. Dies müsse in jedem Fall vermieden werden. Swedenborg sah die größte Gefahr für das Verstehen und seine Fähigkeit, die Wahrheit zu sehen und wahrzunehmen, im „[…] Durst nach Ruhm und der Selbstliebe.” Er suchte nicht nur Wahrheit beim Problem der Interaktion von Seele und Körper, er verwendete seine Studien selbst zugleich als Pfad für geistiges Wachsen, wobei er die eigenen, selbstbezogenen Tendenzen in den Hintergrund treten ließ, zugunsten einer Liebe zum Sein, das allein durch seine Klarheit erkennbar ist. 1739 beschrieb Swedenborg echte Wahrheitssucher als diejenigen, die ihr eigenes Selbst in den Hintergrund treten lassen,

„[…] indem sie alles der Gottheit zuschreiben und sie als die Quelle betrachten, aus der alle Weisheit entstammt.”

Von den ersten geistesblitzartigen Eingebungen und ihrer Bestätigung wird in Tagebucheintragungen während des Besuchs Swedenborgs in Amsterdam 1736 berichtet.61

Swedenborg erkannte, dass manche Menschen eine große Begabung zur experimentellen Beobachtung besitzen, ja geradezu dazu geboren scheinen. Andere hingegen besitzen eine natürliche Fähigkeit, bereits entdeckte Tatsachen zu betrachten und die zugrunde liegenden Ursachen zu erkennen und zu bestimmen. Diese Fähigkeit vermag zu wachsen, wenn sie angewendet und entwickelt wird. Swedenborg war der Überzeugung, dass er vom letzteren Typ sei, und einige Zeit später, während seiner anatomischen Studien in Europa, hörte er damit auf, eigene Sektionen vorzunehmen und originäre Beiträge zur anatomischen Forschung vorzulegen, sodass er nicht länger allzu sehr von den Details desjenigen gefangen genommen werden konnte, worüber er arbeitete, sondern solche anatomischen Tatsachen objektiv betrachten konnte, die von anderen entdeckt worden waren. Er befasste sich mit den bedeutendsten Anatomen Europas, absorbierte deren Arbeiten und zog seine eigenen Schlüsse aus dieser Ansammlung anatomischen und physiologischen Wissens. Seine gesamten anatomischen Arbeiten hindurch zitierte er stets die Quellen seiner Informationen und ergänzte diese dann um eigene Einsichten und Anschauungen, womit er beeindruckende, einzigartige und weitreichende Paradigmen entwarf. (Sie werden später in diesem Buch untersucht.) Obgleich er anatomische Studien und Informationen seiner Zeit verwendete, unterscheiden sich Swedenborgs Überlegungen, Einsichten und Schlussfolgerungen stark von denjenigen der damaligen Wissenschaftler und Philosophen.62

OECONOMIA REGNI ANIMALIS 17*

Im Herbst 1736 verließ Swedenborg Holland und reiste nach Paris, wo er schließlich in der Rue de l’Observatoire blieb, die einen Steinwurf von der erst kurz zuvor eingerichteten Schule für Chirurgie und Sektion entfernt lag. Sie war unter königlicher Förderung durch Ludwig XIV. geschaffen worden und stand unter Leitung der medizinischen Fakultät, deren Direktor Doktor Petit war. Während seines anderthalb Jahre dauernden Aufenthaltes in Paris widmete Swedenborg sich anatomischen Studien und Sektionen, aber in seinen persönlichen Büchern finden sich darüber nur wenige Aufzeichnungen. Scheinbar ging er gänzlich in seinem Studium der Anatomie und in der Arbeit an seinem nächsten größeren Werk, der Oeconomia regni animalis, auf.63

Im März 1738 verließ er schließlich Paris und bereiste Italien, wo er das darauf folgende Jahr und einige weitere Monate verbrachte. Während der ersten fünf Monate in Italien entwickelte Swedenborg seine Überlegungen weiter und schrieb an einer Abhandlung über das Gehirn18*, deren über 1.000 Seiten drei Abschnitte umfasst. Im August 1738 vollendete er einen ersten Überblick über das Gehirn in Venedig. Historiker bezeichnen es als das Venezianer Werk. Ursprünglich hatte Swedenborg geplant, seine Oeconomia regni animalis mit dieser Arbeit über das Gehirn zu eröffnen. Doch er änderte sein Vorhaben und begann diese physiologische Buchreihe stattdessen mit einer Abhandlung über das Blut.64

Für Swedenborg war es ein selbstverständliches und bestimmendes Bestreben, die Existenz der Seele im Körper zu beweisen und die Interaktion zwischen beiden aufzuzeigen. Er bemerkte einen wachsenden Materialismus in der gelehrten Welt und die daraus resultierenden Zweifel an der Existenz Gottes und am Leben nach dem Tod. So hoffte er, durch den Beleg der tatsächlichen Existenz der Seele und ihrer Interaktion mit dem Körper den führenden Denkern seiner Zeit zu helfen, Gott und das Leben nach dem Tod anzuerkennen sowie eine tiefere Wertschätzung des menschlichen Körpers zu entwickeln.65

Swedenborg reiste im Juni 1739 weiter nach Amsterdam, wo er den ersten der beiden Bände der Oeconomia regni animalis schrieb. Dieses Werk wurde 1845 erstmals durch August Clissold ins Englische übersetzt und erhielt den Titel The Economy of the Animal Kingdom.19* Dabei handelt es sich um die erste Übersetzung ins Englische, weshalb das Werk bis heute unter diesem Titel bekannt ist. Indessen lag aber eine weitere Übersetzung des Titels vor: Dynamic of the Soul’s Domain20*, die das Werk sehr viel besser bezeichnet. Swedenborg beendete im Dezember 1739 den ersten Band und blieb in Amsterdam, um den Druck und das Lesen der Korrekturfahnen bis zur Veröffentlichung des Bandes Oktober 1740 neun Monate lang zu überwachen. Während dieser Zeit schrieb er weiter über das Gehirn und ergänzte das Venezianer Werk um zusätzliches Material (die Amsterdamer Zusätze). Er hatte demnach bereits mit der Arbeit am zweiten Band der Oeconimia regni animalis begonnen.66

In dieser Zeit notierte Swedenborg in sein Tagebuch: „Diese Sachverhalte sind wahr, weil ich das Zeichen habe.” Dabei handelt es sich um eine jener Erfahrungen, die zuvor im Zusammenhang mit seiner Meditationstechnik erörtert wurden, und es scheint eine der ersten Episoden von Swedenborgs Geistesblitzen und ihrer Bestätigung gewesen zu sein.67

Im November 1740 kehrte er schließlich wieder nach Schweden zurück und nahm seine offiziellen Pflichten wieder auf. Die Veröffentlichung des zweiten Band der Oeconomia regni animalis erfolgte dann 1741. Die Oeconomia regni animalis wurde in den Rezensionen anatomischer und medizinischer Fachkreise in Europa mit viel Beifall bedacht. Offensichtlich wurde dieses lateinische Werk vom gelehrten Publikum gut angenommen, denn die erste Ausgabe war schon bald vergriffen. Swedenborg ließ es 1742 und 1748 in zwei Neuauflagen nachdrucken.68

Während dieser Lebensphase verkehrte Swedenborg in den höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft und als aktives Mitglied der Adelskammer besuchte er regelmäßig den Reichstag. Er war mit seiner Arbeit am Bergwerksdirektorium beschäftigt und häufig am Königshof anwesend und im Dezember 1740 wurde er in die neu geschaffene Schwedische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Dort schloss er mit zwei Männern Freundschaft: Graf Hopken, dem Ausführenden Rat, und Graf Tessin, dem Präsidenten der Adelskammer. Zu den Mitgliedern zählte auch Carl von Linné, der oft als Vater der modernen Botanik bezeichnet wird.69

Die Oeconomia regni animalis ist ein langes und sehr komplexes Werk. Der erste Band handelt überwiegend vom Blut und vom Herzen. Der zweite Band hat das Gehirn und die menschliche Seele zum Gegenstand. Das gesamte Werk beruht sehr stark auf Anatomie, enthält aber auch Studien zu Struktur und Funktion sowie Vertiefungen in die Philosophie.

Swedenborg eröffnete die Oeconomia regni animalis mit der Behandlung des Blutes und der Feststellung, dass das Blut ein universelles Prinzip darstelle, welches dem Körper zugrunde liege und die Vollkommenheit der Natur enthalte. Er betrachtete das Blut als grundlegende Flüssigkeit, welche die Funktionen der Seele im Körper ausführe. Es ernähre alle Teile des Körpers, diene ihnen und unterstütze sie. Danach folgte eine Abhandlung zu Herz und Kreislauf, wobei Swedenborg erkannte, dass das gesamte Leben von der Natur und der Verteilung des Bluts abhängt. Er schätzte die Bedeutung einer detaillierten Kenntnis des Kreislaufsystems, um die Rolle des Blutflusses im Körper besser verstehen zu können, und er begriff, dass Gesundheit, Kraft und Leben des Körpers selbst vom balancierten Fließen dieses Blutes des Lebens abhängen.70

Der zweite Band von Oeconomia regni animalis21* behandelt das Gehirn und die menschliche Seele. Die darin behandelten Überlegungen werden im Verlauf dieses Buchs weiter erforscht. Zunächst genügt ein kurzer Überblick.

Swedenborg beschrieb das Gehirn als aktives, den übrigen Körper belebendes Organ, wobei er der Ansicht war, dass diese Belebung aus zwei Aspekten bestehe: einerseits gebe das Gehirn eine unterstützende, belebende Kraft ab, die durch eine geistige Essenz oder Flüssigkeit übermittelt werde, welche wiederum unmittelbar die zerebrospinale Flüssigkeit und indirekt den übrigen Körper beseele. Er beschrieb die Bewegung des Gehirns mit den Eigenschaften von Expansion und Kontraktion, wodurch die beseelende Kraft vermittelt durch die geistige Flüssigkeit angetrieben werde. Er erkannte das Gehirn als das größte Einzelorgan des Körpers und das hervorragendste in der Interaktion von Seele und Körper – als Organ des menschlichen Geistes selbst also.71

Swedenborg zufolge entstehe die geistige Flüssigkeit im zerebralen Kortex, verlaufe durch und um die Nervenfasern des Gehirns, des Rückenmarks und des gesamten Körpers. Diese geistige Flüssigkeit fließe in die zerebrospinale Flüssigkeit ein und gelange schließlich in den Blutstrom, wobei sie die vitale Essenz des Blutes ausmache. Ihm zufolge pulsiere die geistige Flüssigkeit und übermittle die beseelende Bewegung des Gehirns an den übrigen Körper. Dabei handele es sich um eine universale Bewegung, die der Bewegung der Lungen und des Herzens sowie den Bewegungen jedes einzelnen Organs zugrunde liege – und letztlich die gesamte Bewegung im ganzen Körper vereinige.72

Swedenborg glaubte, dass das Studium der Natur zu einem Wissen der höheren Wirklichkeit und insbesondere, dass ein anatomisches Studium des Körpers zu einem besseren Verständnis der Seele führen könne. Er betrachtete die gesamte Schöpfung und zumal die menschliche Form als eine Abfolge von Graden, Ursachen und Wirkungen; alles reflektiere einen Aspekt von etwas Höherem. Er erkannte eine gemeinsame Harmonie, die zwischen verschiedenen Ebenen bestehe, so etwa zwischen Seele und Körper, und ging davon aus, dass die geistige Flüssigkeit als Medium zwischen Seele und Körper fungiere.73

Swedenborg war zudem der Ansicht, dass die Seele den Körper über das Gehirn und die geistige Flüssigkeit belebe und nach dem Tod des Körpers überdauere. In Oeconomia regni animalis bemerkte er, dass die geistige Flüssigkeit nicht allein die Beseelung an den Körper übermittle, sondern auch die organische Substanz ausmache, welche die Seele umfasse. Die Seele, so Swedenborgs Hypothese, sei die prinzipielle Ursache aller daraus folgenden Sachverhalte im Körper; der Körper bilde also einen Spiegel der Seele.74

Zusammenfassend: Die Oeconomia regni animalis ist eine auf Anatomie beruhende Studie des menschlichen Leibes. Sie sucht nach der Offenbarung der Seele im Körper, wozu detaillierte Analysen und Schlussfolgerungen zu Blut, Kreislauf, Nervensystem und Seele gehören. Swedenborgs Niederschriften zum Gehirn bezogen sich stark auf die beiden ersten Abhandlungen seines Venezianer Werks von 1738 mit den Amsterdamer Zusätzen von 1740, die posthum unter dem Titel The Brain von Rev. Alfred Acton, PhD, 1938 ins Englische übersetzt wurden.75

Nach seiner Rückkehr war Swedenborg drei Jahre lang mit seinen beruflichen Pflichten und weiteren Studien zur Anatomie, insbesondere zum Nervensystem, befasst. Davon ist einiges posthum als dritter Band zur Oeconomia regni animalis in englischer Sprache veröffentlicht worden: The Fibre.

REGNUM ANIMALE22*

Im Juni 1743 erbat der 55-jährige Swedenborg eine erneute Erlaubnis zur Abwesenheit vom Bergwerksdirektorium, um ein weiteres großes Werk beenden und publizieren zu können: eine Reihe mit dem Titel Regnum Animale, später als The Soul’s Domain ins Englische übersetzt.

Swedenborg benötigte Zugang zu ausländischen Bibliotheken und zu den neuesten anatomischen Erkenntnissen. Dabei stellte er klar fest, dass es leichter und bequemer, sicherer und günstiger sein würde, wenn er zu Hause bliebe. Demgegenüber empfand er ein brennendes Verlangen danach, der Nachwelt etwas von gelehrsamem Wert zu hinterlassen, etwas, das einen Beitrag zur internationalen Forschung darstellen und seinem Land Ehre einbringen würde. Und immer noch war er auf der Suche nach der Seele im Körper. So verließ Swedenborg sein Heimatland im Juli 1743 zu seiner fünften Auslandsreise und begab sich nach Amsterdam.76

Swedenborg war zu der Überzeugung gelangt, dass er sich in seinem ersten anatomischen Werk Oeconomia regni animalis allzu rasch auf ein Studium der Seele konzentriert hatte, und kam zu dem Schluss, dass eine detailliertere anatomische Untersuchung des Körpers erforderlich sein würde, um ein Verständnis vom Sitz der Seele auf rein empirischer Basis zu gewinnen. Diese erweiterte anatomische Studie sollte die Basis seines neuen Werks Regnum Animale bilden und als Erweiterung der Oeconomia regni animalis verstanden werden.77

Da er in der Oeconomia universale Konzepte eingeführt hatte, fuhr Swedenborg folgerichtig damit fort, die einzelnen Organe des Körpers im Detail zu erfassen und in diesem Zusammenhang seine schriftliche Darlegung des Nervensystems zu revidieren. Zur Vorbereitung auf Regnum Animale skizzierte Swedenborg fünf Bände zu den Themenkomplexen von Gehirn, Nerven- und Reproduktionssystem, Sinnesorganen und den übrigen Teilen des Körpers. Als Teil dieser Serie schrieb er 1743/​1744 ein ganz neues Werk über das Gehirn, das Rückenmark und die Nerven des Kopfes und beabsichtigte, dieses Werk als Teil von Regnum Animale zu veröffentlichen. Doch noch bevor er diese Reihe vollenden konnte, ging er bereits ganz zu seinem theologischen Werk über und ließ die wissenschaftlichen Studien hinter sich. Die Arbeit über das Gehirn aus den Jahren 1743 und 1744 wurde als Stockholmer Werk bekannt und posthum als das zweibändige De cerebro veröffentlicht – mit der Übersetzung aus dem Lateinischen ins Englische durch Leonard Tafel von 1844 und 1847. Die Überlegungen dieses Werks werden im vorliegenden Buch an späterer Stelle analysiert und mit denjenigen der Kranialen Osteopathie verglichen.78

Swedenborg verbrachte den Herbst 1743 in Amsterdam, besuchte Anatomen und bereitete Regnum Animale zur Veröffentlichung vor. Er vollendete die drei Arbeitsgänge in dieser Zeit und überwachte 1744 die Veröffentlichung der ersten beiden Bände. Der dritte Teil wurde schließlich 1745 in London veröffentlicht. Das Regnum Animale wurde später von James John Garth Wilkinson, der Mitglied des Royal College of Surgeons in London war, ins Englische übertragen (1843 – 1844). Der Titel für die ersten zwei Bände lautete: The Animal Kingdom – considered Anatomically, Physically and Philosophically.79

Im Vorwort zu Regnum Animale skizzierte Swedenborg seine Intention, in der Reihe physikalisch und philosophisch die vollständige Anatomie des menschlichen Körpers, seine gesamten Viszera, die Genitalien, die Sinnesorgane, die verschiedenen Teile des Gehirns, das Stammhirn, das Rückenmark, die Nervenfasern, die Muskelfasern und die Ursachen der Kräfte und der Bewegung des gesamten Organismus zu erfassen. Dem wollte er eine Studie über rationale Psychologie folgen lassen, worin diese als vom materiellen Organismus des Körpers induziert beschrieben werden sollte. Konzepte der Form, der Ordnung und des Grades, der Abfolgen und der Gemeinschaft, des Einströmens, der Übereinstimmung und der Repräsentation sollten darin entwickelt werden, und er erhoffte sich, davon ein besseres Verständnis des Mentalen, insbesondere der Fähigkeiten der Sinnesempfindung, der Erinnerung, der Einbildungskraft, des Instinkts, des Intellekts, des Willens und des rationalen Verstandes zu gewinnen23*. Im Anschluss daran plante er eine weitere Studie über die Seele, ihre Stellung im Körper, die Interaktion zwischen Seele und Körper, die Unsterblichkeit der Seele und ihren Zustand nach dem Tod des Körpers. Die Krönung seiner Studien würde aber im Wissen über die Seele bestehen. Swedenborg sah im organischen Körper ein Abbild der Seele, das von der Seele ausgeformt worden sei, um den Geist zu beheimaten. Er hoffte, durch das Studium des Körpers die Seele besser zu verstehen – und umgekehrt. Durch das Studium beider wollte er die Interaktion zwischen Seele und Körper so weit wie möglich verstehen lernen.80

Im ersten Teil von Regnum Animale erörtert er das gastrointestinale System sehr detailliert. Er beginnt mit dem Mund und lässt den oberen und unteren gastrointestinalen Trakt sowie alle darauf bezogenen Organe wie Leber, Galle, Blase, Pankreas und Milz folgen. Auch der urologische Trakt mit den Nieren und der Blase wird abgehandelt. Der zweite Teil enthält vergleichbare Studien zum pulmonalen System, darunter den oberen und unteren respiratorischen Trakt, die Lungen, die Pleura und das Diaphragma sowie Verbindungen des Perikards zum Herzen. Teil drei bespricht die Haut, den Tastsinn und den Geschmackssinn. Swedenborg übertrug die in der Oeconomia regni animalis entwickelten Konzepte auf alle diese Bereiche. Er beschreibt, wie die Aktivitäten und Bewegungen jedes einzelnen wechselseitig auf das Ganze bezogen sind und mittels des Einflusses von Gehirn und Blut, insbesondere durch den dem Gehirn zugrunde liegenden vereinenden Rhythmus der Beseelung, integriert und wie alle Systeme damit zu einem großen Ganzen harmonisiert werden.81

Zusätzlich zur minutiösen Beschreibung der Anatomie jedes einzelnen Bereichs konzentrierte sich Swedenborg auf die Funktion, welche die Struktur leitet, stellte Schlussfolgerungen vor und entwickelte und verfeinerte seine Überlegungen. Einige seiner späteren Schlüsselanschauungen sind bereits im vorliegenden Buch behandelt: die Rolle der intrinsischen Bewegungen im gesamten Körper, die Integrität und das wechselseitige Aufeinanderbezogensein des Körpers – insbesondere im Hinblick auf das Gehirn und das Blut, die Rolle der faszialen Verbindungen, die von Pleura, Peritoneum und Nerven in ihrer gemeinsamen, die Organe verbindenden Aktivität vermittelt werden; dazu die Seele als universale Essenz und mächtige Lebenskraft des menschlichen Körpers. Swedenborg betrachtete den Körper als Mikrokosmos, als kleines Universum, welches das große Universum widerspiegelt. Eine weitere interessante Überlegung ist diejenige einer Entsprechung zwischen unterschiedenen Graden der Aktivität nicht nur im Körper, sondern auch zwischen dem menschlichen Körper und der geistigen Existenzebene. Swedenborg hatte dieses Konzept ausgebaut, seit er es zum ersten Mal in Regnum Animale eingeführt hatte. Die Konzepte der unterschiedenen Grade und Entsprechungen wurden in De Cerebro und vor allem in seinen späteren theologischen Arbeiten weiterentwickelt.82

Swedenborg vollendete seine Pläne für die über die ersten drei Bände hinausreichende Reihe von Regnum Animale nicht und veröffentlichte auch die Skizzen zu den anderen Themen nicht, welche er für weitere Bände vorbereitet hatte. Stattdessen kam es in seinem Leben zu einer großen Transformation, die dazu führen sollte, dass er seine anatomischen und philosophischen Werke ganz hinter sich ließ, um sich einem anderen Werk und der damit verbundenen schriftstellerischen Tätigkeit zu widmen.

DIE ÜBERGANGSPHASE

Während er zwischen Ende 1743 und Anfang 1744 in Holland an Regnum Animale arbeitete, erfuhr Swedenborg eine persönliche Geisteskrise. Nach außen blieb er ein international angesehener Wissenschaftler und schwedischer Adliger. Innerlich aber erlebte er neue und verwirrende Träume und schwankte zwischen Zuständen unbeschwerter Heiterkeit und ernster Selbstkritik sowie Depression. Swedenborg führte gewöhnlich ein kleines Tagebuch während seiner Reisen und wie üblich begann er auch eines bei dieser Reise nach Amsterdam. Seine Reisetagebücher enthielten gewöhnlich Einträge zu Menschen, die er traf, und Orten, die er bereiste. Dieses Notizbuch jedoch wurde zu viel mehr als nur einem schlichten Reisebericht. Um die mächtigen und fremdartigen Träume und Erfahrungen besser verstehen zu können, zeichnete er sie in diesem persönlichen Journal von 1743/​1744 auf. Es wurde posthum unter dem schwedischen Titel Drömboken veröffentlicht und übersetzt.24*Das Journal wurde mit den leidenschaftlichen Beschreibungen eines Mannes gefüllt, der eine Krise und im weiteren Verlauf eine Katharsis durchlief und aus diesem Prozess als ein verwandelter und glücklicherer Mensch hervorgehen sollte.83

Das Drömboken beschreibt die Abfolge von Swedenborgs Erfahrungen. Es beginnt mit knappen Zusammenfassungen der Reisen, denen eine Schilderung abwechselnder Zustände von Selbstkritik und Freude folgt. Weiter geht es mit komplexeren Bildern und Träumen, die zunächst als unsinnig erscheinen. Erst nachdem er bestimmten wiederkehrenden Konzepten und Bildern besondere Bedeutung zuschreibt, erscheinen sie mit der Zeit sinnvoller. Es wird klar, dass Swedenborgs antreibendes Begehren, Gott zu erkennen, als mächtige Kraft hinter diesem Prozess stand. Zudem kämpfte er mit der Empfindung eigener religiöser Unangemessenheit. Das Drömboken beschreibt somit eine intensive Zeit und einen damit verbundenen Prozess persönlichen Wachsens, an dessen Ende Swedenborg das Verhaftetsein an der Welt und an persönlicher Reputation hinter sich lassen konnte. Dies sollte Swedenborg für den Rest seines Lebens verändern.84

Moderne Psychologen haben angesichts dieses Vorgangs nicht nur Swedenborgs bedeutenden Intellekt erkannt, sondern gehen auch von einer anfänglich fehlenden Balance zwischen Gefühl und Intuition aus. Zum Ende des Journals reflektieren Swedenborgs zumeist positive Erfahrungen ein sehr viel demütigeres, liebendes und ausbalanciertes Individuum. Offensichtlich bemerkte er selbst die Veränderungen seiner Person während dieser Zeit und wunderte sich über das Verschwinden seines Begehrens nach Selbstrechtfertigung und Reputation. Seine Gefühlsseite hatte sich dagegen entwickelt, seine Fähigkeit zur Intuition und zur Einsicht hatte sich beachtlich erweitert, ebenso seine Fähigkeit, Studien auf selbstlose Weise zu betreiben.85

Im Laufe dieses Übergangsprozesses erfuhr Swedenborg im April 1744 eine erste mächtige, sein Leben verändernde Vision; diese folgte unmittelbar auf das Osterwochenende, während dem er an großer innerer Unruhe gelitten hatte. Noch am Sonntagabend war er voller Versuchungen und empfand abwechselnd inneren Frieden und äußere Traurigkeit. In seinem Traum traf er einen Bekannten, der ihn zu überzeugen versuchte, sich seinem Unternehmen anzuschließen. Swedenborg interpretierte dies im Kontext von Luxus, Reichtum und Eitelkeit. Darauf folgte ein unbeschreibliches Gefühl himmlischer Seligkeit, eine Empfindung der Liebe Gottes und der eigenen Bereitschaft, sein Leben für ihn hinzugeben. In der nächsten Nacht, am 6. April 1744, hörte Swedenborg etwa eine halbe Stunde, nachdem er schlafen gegangen war, das Heulen der Winde und wurde plötzlich von einem Zittern erfasst. Er empfand etwas Heiliges und fiel aus seinem Bett auf den Boden. Dort erfuhr er, ganz wach, eine Vision Christi. Swedenborg sah sich in Christi Armen und empfand, dass er von Gott für eine spezifische Aufgabe ausersehen war. Darauf erschien ihm ein Bild seines Vaters Jesper Swedberg, der ihm ein Leben außerhalb des Klerikerstandes erlaubte.86

Swedenborg schloss zwar die ersten Bände von Regnum Animale ab, ließ aber alle anderen wissenschaftlichen Arbeiten fallen, nachdem er diesen Übergangsprozess durchlaufen hatte. In seiner nächsten Arbeit, De cultu et amore Dei,25* versuchte er sich in einem gänzlich anderen und ungewöhnlich poetischen bzw. metaphorischen Schreibstil. Allerdings publizierte er nur einen Teil dieses Werkes. Zwar empfand er seine neue Berufung deutlich, doch es war ihm nicht klar, wohin sie ihn führte. Er empfand, dass er bei der Suche nach der Seele und den Angelegenheiten des Geistes in gewisser Weise an die Grenzen des wissenschaftlichen Weges gekommen war. Obgleich ihm zehn Jahre intensiver anatomischer Studien ein differenziertes und reiches Verständnis des Körpers gebracht hatten, so doch keine Lösung für die Frage der Interaktion von Seele und Körper respektive ein tieferes Verständnis Gottes. Ein neuer Weg war nötig, um die Wissenschaft vom Geist zu betreiben. Der fortdauernde Kampf zwischen seinem Sich-Verlassen auf wissenschaftliche Studien einerseits und der wachsenden Aufmerksamkeit für spirituelle Phänomene am Rand seines Bewusstseins andererseits erfüllten ihn. Zwar hatte er während seiner Studien seit 1736 einige Geistesblitze und er kam zu der Einsicht, dass sich dabei Wahrheiten verifizierten, doch diese neuen Erfahrungen waren sehr viel grundlegender als die vorherigen. Von nun an widmete er sich dem neuen Prozess mit der gleichen Intensität, wie er es bereits bei seinen wissenschaftlichen Studien getan hatte. Dabei benutzte er von ihm entwickelte Techniken intensiver Konzentration, Meditation, kontrolliertem Atmen, Trance und Traumanalyse.87

Im Mai 1744 und unmittelbar nach der Veröffentlichung der ersten beiden Teile von Regnum Animale in Holland hatte Swedenborg einen Traum, in dem ein Schiff vorkam. Dies deutete er dahingehend, dass er den dritten Teil von Regnum Animale in England veröffentlichen solle. Und so brach er nach London auf. In England setzte er den Abschluss des dritten Teils fort. Dabei erschien er allen, die ihn in jener Zeit umgaben, als ein internationaler Forscher, der ruhig seiner Arbeit nachging. Gleichwohl setzten sich seine inneren spirituellen Erfahrungen und Träume fort. Er verpflichtete sich selbst dazu, diesen Prozess durchzustehen, nicht aufzugeben oder diesem Veränderungs- bzw. Entwicklungsprozess zu entfliehen und stellte in diesem Zusammenhang sämtliche seiner Annahmen und Überlegungen infrage. An einem Punkt empfand er sogar, dass sein gesamtes Wissen über die Religion und alle dazu bereits gefassten Urteile weggeschwemmt worden seien, und er befand dies für gut, denn so, glaubte er, könne Gott ihn neu instruieren.88

Noch in London machte Swedenborg im April 1745 eine weitere machtvolle Erfahrung, die ihm Richtung und Inhalt seiner Lebensberufung besser erschloss. Dabei handelte es sich um seine erste offene und bewusste Begegnung mit der geistigen Welt und um erste Kontakte mit ihren Bewohnern. Er wurde gänzlich von ihrer Realität überzeugt. Wie Swedenborg schrieb, sei ihm der Herr erschienen und habe die Worte an ihn gerichtet,

„[…] dass Er mich ausgewählt habe, damit ich den Menschen den spirituellen Sinn der Schrift erkläre. Und Er selbst werde mir erklären, was ich dazu schreiben solle. Noch in derselben Nacht wurden mir daraufhin die Welt der Geister sowie Himmel und Hölle in voller Überzeugungskraft eröffnet. Ich erkannte dort viele Bekannte in allen möglichen Lebensumständen. Von diesem Tage an gab ich die weltliche Gelehrtheit auf und widmete meine Arbeit spirituellen Sachverhalten.”89

DIE THEOLOGISCHE PHASE

In der Tat gab Swedenborg das wissenschaftliche Arbeiten auf. Seine Schriften befassten sich von da an ausschließlich mit zwei Themen: dem tieferen Verständnis der Bibel und seinen eigenen spirituellen Erfahrungen. Beide Themen sind in der großen Mehrheit seiner übrigen Schriften vertreten. Er begann unmittelbar mit ausgedehnten Studien der Bibel und erstellte im Laufe von drei Jahren einen umfassenden ‚Bibel-Index’. Nebenbei führte er über 20 Jahre lang ein ‚spirituelles Tagebuch’, eine getreue Aufzeichnung seiner Erfahrungen mit der anderen Welt. Diese sollten eine große Auswirkung auf sein Leben und die Interpretation der Bibel haben. Sowohl der Index zur Bibel als auch das spirituelle Tagebuch bildeten die Grundlage für seine folgenden Werke und die sich darin entwickelnde Theologie. Manche Historiker sind in diesem Zusammenhang der Meinung, dass an diesem Punkt der Mann des religiösen Glaubens und der Empiriker begannen, Hand in Hand zu arbeiten.90

Würde man Swedenborgs Leben in drei Phasen einteilen, dann bezeichnete dies die dritte Phase. Die erste Phase umfasst seine Ausbildung zum und seine Arbeit als Ingenieur, in der zweiten Phase war er der Verwalter, Staatsmann, Philosoph und Wissenschaftler (insbesondere Anatom); die letzte Phase bestünde schließlich aus den letzten 27 Jahren seines Lebens, in denen er sich der Wahrheitssuche mithilfe des Bibelstudiums widmete. Um zu neuen Einsichten zu gelangen, nutzte er dabei die Meditation zu geistigen Themen und die Bestätigung durch spirituelle Erfahrungen. Und er teilte diese in Gestalt eines theologischen Schriftstellers mit. Obgleich er sich 1747 nach 31 Jahren Pflichterfüllung aus dem Bergwerksdirektorium zurückzog, erfüllte er interessanterweise weiterhin pflichtgemäß seine politische Rolle in der Adelskammer, war sozial aktiv und während seines ganzen Lebens für jedermann erreichbar.91

Im Juli 1745 kehrte Swedenborg nach Stockholm zurück, erwarb ein Grundstück jenseits des Flusses und bezog dort bald darauf ein Haus, das er selbst instand gesetzt hatte. Er legte einen Kräutergarten an, errichtete ein Sommerhaus mit Bibliothek, installierte eine Hausorgel, die er gerne spielte, und ließ sich also in einem bequemen Haus nieder. Mit Ausnahme seiner Auslandsaufenthalte sollte er hier den Rest seines Lebens verbringen.92

Swedenborgs spirituelle Erfahrungen und sein Verständnis der Bibel waren eng miteinander verwoben, und er betrieb beides engagiert. Er folgte beiden als Pfaden zu größerem Verständnis und größerer Weisheit. Seine spirituellen Erfahrungen häuften sich; oft ereigneten sie sich, während er zu Hause über bestimmte Themen still meditierte, aber auch in der Öffentlichkeit, sogar während er in öffentlichen Ämtern diente. Sie distanzierten ihn offensichtlich nicht von seinen persönlichen und öffentlichen Pflichten. Über viele Jahre hinweg hielt er sie geheim und veröffentlichte seine theologischen Schriften 20 Jahre lang sogar anonym. Dabei empfand er tief, dass die Einsicht, die er aufgrund seiner Erfahrungen erlangt hatte, ihn zu einer genuinen Konzeption der Realität führte, denn sein neues Verständnis und seine neue Weltsicht begriffen sowohl spirituelle als auch natürliche Erfahrung als vollständig kompatibel und als integrales Ganzes.93

Swedenborg studierte die Bibel intensiv und verfertigte mehrere vorbereitende Studien, bevor er sein erstes großes theologisches Werk, die Arcana Coelestia26* in den Jahren 1749 – 1756 veröffentlichte. Es handelt sich um ein umfangreiches achtbändiges Werk, mit 5.800 Seiten und 10.000 sorgfältig nummerierten Abschnitten, in denen die Bücher Genesis und Exodus Kapitel für Kapitel, Vers für Vers, Wort und Wort dargelegt und kommentiert werden. Dabei wird der den Buchstaben der behandelten Bücher innewohnende spirituelle Sinn enthüllt. Swedenborg behauptete zu Beginn, dass die Bibel im Literalsinn27* formulierte, verborgene Bedeutungen enthalte, deren sich die christliche Welt nicht bewusst sei. Er führte weiter aus, dass er vom Herrn durch spirituelle Einsicht angeleitet und instruiert sei, diese inneren, tieferen Bedeutungen, die in den Buchstaben enthalten seien, mitzuteilen. In seinen gesamten theologischen Schriften stellte Swedenborg fest, dass ihm seine Einsichten vom Herrn und nicht von Engeln oder Geistern gewährt worden seien. Obgleich er spirituelle Erfahrungen mit solchen Wesenheiten machte, lehrten sie ihm nichts Neues. Eher bestätigten sie Einsichten, die ihm schon gewährt worden waren.94

Zwischen den Kapiteln fügte Swedenborg zahlreiche Essays über Lehrthemen und über Erfahrungen der anderen Welt ein. Dabei maß er dem Lehrmaterial die gleiche Bedeutung zu wie der biblischen Darlegung. Später überarbeitete er vieles von diesem Material, das er zwischen die Kapitel eingefügt hatte, und veröffentlichte es 1758 in vier kleineren Werken.95

Der Charakter von Swedenborgs theologischen Schriften ist deutlich von demjenigen seiner früheren wissenschaftlichen Werke unterschieden. Seine wissenschaftlichen, insbesondere seine anatomischen Werke zitieren Informationen zeitgenössischer Autoritäten, woraufhin seine eigenen Schlussfolgerungen zu dem präsentierten Material folgen. Seine theologischen Werke hingegen sind von ganz anderem Ton. Sie sind mehr im Stil einer Autorität formuliert, die sich aus eigenständiger spiritueller Erfahrung und biblischer Exegese begründet – ohne jeden Bezug auf weitere Autoritäten. Auch dabei ging Swedenborg die Themen zwar noch in einer umfassenden und analytischen Weise an, die auf Erfahrung beruhte, doch nun handelte es sich um seine eigenen Erfahrungen und nicht um die von anderen. In seinen theologischen Werken ist deutlich ein gesteigertes Selbstvertrauen und entsprechende Gewissheit zu bemerken.

Swedenborg veröffentlichte die Arcana Coelestia anonym 1749 – 1756 in London. Obgleich es in Schweden tatsächlich keine Druckerei gab, derartige Werke zu verlegen, so ist es doch auch wahrscheinlich, dass einige schwedische Autoritäten manchen der theologischen Ideen in seinem Werk widersprochen hätten; dies insbesondere, da es einige Konzepte enthielt, die sich radikal von jener der lutherischen Kirche, der schwedischen Staatsreligion, unterschieden. So publizierte Swedenborg in den folgenden 20 Jahren seine theologischen Werke anonym und änderte dieses Vorgehen erst viele Jahre später. Zudem schien es in London leichter, anonym zu veröffentlichen, als in Amsterdam, wo er gut bekannt war.96

Die Arcana Coelestia enthielten u. a. den gesamten Verlauf der Verherrlichung Gottes (Swedenborgs Ausdruck für den Vorgang der Menschwerdung Gottes bzw. den Vorgang, wodurch dieser Mensch zum Auferstandenen und zum göttlichen Menschen wurde), die Geschichte der Religion und der geistigen Zustände der Menschheit, dazu das geistige Wachsen jedes Individuums – er bezeichnete dies als ‚Regeneration’ – sowie ausführliche Beschreibungen des Lebens nach dem Tod.97

Nachdem er das Buch Exodus in Arcana Coelestia abgehandelt hatte, änderte sich die Richtung seines Schreibens. Die fast 6.000 Seiten dieses Werks enthalten zahlreiche Querverweise zur übrigen Bibel und eine breite Palette an Themen. Swedenborg bearbeitete einige dieser Themen in weniger umfangreichen Büchern, die er rasch verfasste und 1758 veröffentlichte. Obgleich sie sich zwar stark auf die Arcana Coelestia beziehen, stellt doch jedes einzelne von ihnen eine eigenständige Arbeit zu einem allgemeinen Thema dar. Das populärste davon wurde De coelo et ejus mirabilibus.28* In diesem Buch beschrieb Swedenborg die Nahtoderfahrung und das Leben nach dem Tod ausführlich. Es handelt sich um ein exemplarisches Werk dafür, wie er Theologie und Beispiele seiner Erfahrungen mit der anderen Welt kombinierte, und es zählt bis heute zu seinen bekanntesten Werken.98

Während der 15 Jahre, die nach seiner spirituellen Erfahrung 1744 vergingen, verbrachte Swedenborg ein Leben komfortabler Anonymität. Er war sozial aktiv, empfing regelmäßig Besucher und genoss die Gesellschaft zahlreicher Gäste. Doch keiner in seinem Umkreis wusste darum, dass er spirituelle Erfahrungen hatte und der Autor eines Werkes wie der Arcana Coelestia war.99

Swedenborg verließ im Sommer 1758 sein Zuhause und brach zu einer siebten Auslandsreise nach England auf, um die fünf genannten Bücher zu veröffentlichen. Im Juli 1759, während seiner Rückkehr, geschah dann etwas, was in ganz Schweden und großen Teilen Europas Interesse auf sich ziehen sollte.

Swedenborg war im Westen Schwedens in Göteborg gelandet, einem Ort, der etwa 400 km von seinem Wohnort Stockholm entfernt liegt. Am Samstag, den 19. Juli, nahm er um 16 Uhr mit 15 anderen Gästen ein Abendessen im Anwesen des prominenten Bürgers William Castel ein. Um 18 Uhr verließ Swedenborg die Gesellschaft eine Zeit lang und kehrte blass und aufgeregt zurück. Als man ihn fragte, was los sei, antwortete er, dass im Süden Stockholms ein Feuer ausgebrochen sei und sich schnell auf sein Haus zu bewege. Er sagte, dass das Haus eines Freundes schon ganz abgebrannt und sein eigenes bedroht sei. Er ging mehrere Male hinaus in den Garten und kehrte jeweils mit weiteren Details über das Feuer zurück. Einige der Gäste kamen aus Stockholm und alle waren sehr besorgt. Gegen 20 Uhr atmete Swedenborg erleichtert auf und erzählte den Gästen, dass das Feuer gelöscht sei – es habe nur drei Häuser von seinem entfernt aufgehört.100

Die Nachricht über diese Geschichte verbreitete sich rasch. Swedenborg wurde am nächsten Morgen zum Haus des Provinzgouverneurs bestellt, wo er detailliert berichtete, wann das Feuer begonnen, wie es sich verbreitet habe und wie es gelöscht worden sei. Am folgenden Tag, einem Montag, kam ein Bote vom Handelsdirektorium, der während des Feuers fortgeschickt worden war. Am Dienstag kam ein zweiter Bote mit einem zweiten Bericht, wie das Feuer gelöscht worden und wie groß der Schaden sei. Diese Berichte stimmten genau mit Swedenborgs Beschreibungen überein. Damals waren Swedenborgs theologische Werke noch anonym und sein Anspruch, mit der Welt der Geister zu interagieren, war in Schweden noch unbekannt.101

Es gab einige weitere bemerkenswerte Ereignisse, die öffentliches Interesse an Swedenborg unabhängig von seinen veröffentlichten Büchern hervorriefen. Eine Geschichte handelt von einer Witwe, der er dabei half, einen verlorenen Beleg aufzufinden, der bewies, dass ihr verstorbener Gatte vor seinem Tod einige Rechnungen bezahlt hatte. Das bekannteste Ereignis jedoch betrifft Königin Ulrika von Schweden selbst.102

Im Oktober 1761 besuchte Swedenborg Graf Ulric Scheffer auf Bitten der Königin. Er teilte Swedenborg mit, dass die Königin von seiner Hellsichtigkeit gehört und ihren Hof gefragt habe, ob dies zutreffe oder ob er wahnsinnig sei. Der Graf antwortete ihr, dass der Mann empfänglich und gesund sei. Daraufhin sandte sie ihn zu Swedenborg, um ihn zu bitten, bei Hofe zu erscheinen. Swedenborg stimmte zu und begleitete Scheffer an den Königshof.103

Als sie dort ankamen, wurden Swedenborg und Graf Scheffer von der Königin und vom König empfangen. Königin Ulrika fragte Swedenborg, ob es wahr sei, dass er mit den Geistern der Verschiedenen umgehen könne. Er antwortete: „Ja, mit einigen.” Sie bat ihn, ihren Bruder August Wilhelm von Preußen zu kontaktieren, der vor drei Jahren verstorben war. Swedenborg stimmte zu und der König und die Königin nahmen ihn beiseite und sie gab ihm seinen Lohn.104

Zu dieser Zeit war bekannt geworden, dass Swedenborg jene theologischen Werke geschrieben hatte. Dies erregte Interesse in den gelehrten Kreisen Schwedens. Nachdem er seinen Lohn empfangen hatte, speiste Swedenborg am königlichen Tisch, wo ihm viele Menschen mit Fragen zusetzten, insbesondere über seine spirituellen Erfahrungen. Er bat auch die Königin, ihr Exemplare seiner theologischen Bücher schenken zu dürfen.105

Drei Tage später kehrte Swedenborg zum Hof zurück und ersuchte um eine Audienz bei der Königin. Er wurde zur Königin geführt und bat darum, mit ihr alleine zu sein. Sie antwortete, was er auch zu sagen habe, könne vor allen gesagt werden. Swedenborg antwortete, dass diese Botschaft ausschließlich für ihre Ohren bestimmt sei. Sie stimmte zu und sie gingen in einen anderen Bereich, obgleich sie noch von einem Eingang aus von einigen Mitgliedern des Hofes, darunter Graf Scheffer, beobachtet wurden: Sie wurde blass, als sie die Botschaft hörte, und trat zurück, als ob sie ohnmächtig würde und sagte: „Das kann nur mein Bruder gesagt haben!” Swedenborg hielt die Botschaft geheim und erzählte auch den Adeligen nichts, die bei ihm in den nächsten Wochen nachfragten und den Inhalt jener Botschaft erfahren wollten, die eine derartige Wirkung auf die Königin entfalten konnte. Dieser Sachverhalt wurde sorgfältig durch den früheren Premierminister Carl Gustof Tessin dokumentiert, der sich vier Jahre zuvor von diesem Posten zurückgezogen hatte. Dieses Ereignis und die Berichte über das Stockholmer Feuer sowie den verlorenen Beleg wurden später von Immanuel Kant untersucht und verifiziert. Kant schilderte dies auch 1763 in einem Brief an Charlotte von Knobloch.106

In den frühen 1760ern war Swedenborg sehr mit theologischen Arbeiten beschäftigt. Obgleich er seine Bibelexegese fortsetzte, konzentrierte er sich stärker auf thematische und systematische theologische Studien, die jedoch stets seine spirituellen Erfahrungen mit einschlossen. Er schrieb auf der Bibel beruhende Arbeiten insbesondere über das Buch der Offenbarung des Johannes, ebenso aber thematische Schriften wie Die göttliche Liebe und Weisheit oder Die göttliche Vorhersehung. In beiden Werken arbeitete er die einzigartige Rolle der Menschheit in der Antwort auf Gottes Liebe weiter aus. Demnach bestehe der Zweck der Schöpfung darin, einen Himmel für den Menschen zu bieten. Hierin betrachtete Swedenborg die Menschheit als durch Seele, Mentales und Körper charakterisiert. Ebenso legte er Wert auf die Bedeutung des geistigen Wachsens, welches auf freiem Willen während der gesamten Lebenszeit beruhe. Er bezeichnete dieses geistige Wachsen auch als ‚Regeneration’. Swedenborg hatte bereits den Ort unserer Erde im Universum und das Verhältnis zwischen unserer natürlichen Existenz und der zugleich existierenden geistigen Wirklichkeit beschrieben. Interessanterweise blieb er trotz der Konzentration auf höchst unterschiedliche Themen in den Arcana Coelestia inhaltlich konsistent.107

Während dieser Zeit verbreitete sich auch das Wissen darum, wer diese Bücher schrieb und Swedenborg wurde mit seinen theologischen Schriften weithin bekannt. Die Rezensionen schwankten zwischen begeisterter Unterstützung und Erklärungen, er müsse verrückt sein. Swedenborg ignorierte die Rezensionen und betrieb seine Mission unbeirrt weiter, den inneren Sinn des Wortes zu offenbaren und zu veröffentlichten.108

Ebenfalls interessant ist, dass Swedenborg während dieser Jahre gesellschaftlich sehr engagiert blieb. Wie bereits erwähnt hatte er viele Besucher in seinem Haus und seinen Gärten. Er wurde oft von Freunden und Bekannten zum Essen eingeladen – sowohl in Stockholm als auch auf Reisen. Er mochte insbesondere die Interaktion mit intelligenten Männern und Frauen. Es finden sich viele Beschreibungen von ihm, die alle darin übereinstimmen, dass er sogar im fortgeschrittenen Alter rüstig, geschmeidig und energiegeladen, mit einem Blitzen in seinen blauen Augen aufgetreten sei. Gewöhnlich ordentlich bekleidet mit einem schwarzen, weiß gefütterten Samtanzug, trug er stets ein Schwert mit silbernem Griff und einen Gehstock bei sich. Er wurde oft als sanft sprechend und intellektuell beschrieben, doch sehr bemüht darin, seine Ideen zu entwickeln und mitzuteilen . Er war freundlich zu Kindern und brachte Süßigkeiten für die Kinder der Familien mit, die er besuchte. Er war sehr unabhängig und führte ein schlichtes Leben ohne viel Unterstützung, obgleich er einen Gärtner und eine Haushälterin beschäftigte. Er hatte Umgang mit allen Ebenen der Gesellschaft, mit Leichtigkeit gegenüber Grafen und Königen wie gegenüber einfachen Menschen und Handelsleuten. In einer Quelle wird er als

„[…] stets mit sich und seinen Lebensumständen zufrieden […]” beschrieben. „Er verbrachte ein Leben, das in jeder Hinsicht glücklich war, nein, glücklich im allerhöchsten Grad.”

Sogar die Kritiker seiner Anschauungen, sofern sie ihn trafen, sprachen vorteilhaft von seiner Person.109

Obgleich die große Mehrheit von Swedenborgs späteren Schriften theologischen Charakters war, schrieb er doch gelegentlich auch über säkulare Themen und zeigte so seine fortgesetzte Anteilnahme an den Angelegenheiten seines Landes. Tatsächlich verfasste er beispielsweise noch im Jahr 1771 einen 50-seitigen Essay über Fragen der schwedischen Währung und der Finanzen für die Adelskammer.110

Gegen Ende der 1760 er wandte sich Swedenborgs Aufmerksamkeit dem Thema des spirituellen Aspekts der Ehe zu und er schrieb ein Buch über Liebe in der Ehe. Es ging ihm dabei um die wahrhafte, ‚conjugale’ Liebe in der Ehe, die er von der physischen Liebe abzugrenzen suchte. Diese wahrhafte Liebe zwischen Ehemann und Ehefrau (die seines Erachtens zu seiner Zeit nicht üblich war) setze sich nach dem Tod im nächsten Leben in die Ewigkeit fort. Swedenborg lehrte, dass dies für jedermann erreichbar sei, wenn nicht in diesem Leben, sodann im nächsten. Er veröffentlichte das Buch 1768 in Amsterdam im Alter von 80 Jahren. Es handelte sich um das erste theologische Buch, das er unter seinem richtigen Namen veröffentlichte. Auf dessen Rückseite veröffentlichte Swedenborg außerdem eine Liste seiner früheren theologischen Bücher. Diese formelle Enthüllung sollte zu Hause in Schweden zu Ärger führen.111

Swedenborg publizierte zeit seines Lebens zahlreiche theologische Bücher. Er hatte Schüler und interessierte Leser innerhalb wie außerhalb Schwedens. Oft sandte er Exemplare seiner neu veröffentlichten Bücher an Bischöfe, Kirchenführer und Universitäten in ganz Europa. Mit der Zeit nahm auch das lutherische Establishment Schwedens Notiz von Swedenborg. Die Jahre 1768/​1769 verbrachte er überwiegend in Europa, wo er an seinem nächsten großen Werk Die wahre christliche Religion arbeitete und außerdem die Liebe in der Ehe veröffentlichte.112

Obgleich nun nicht mehr anonym, waren seine Werke doch in Latein geschrieben und daher größtenteils nur in gebildeten, Lateinisch sprechenden Kreisen bekannt. Gleichwohl hatten zwei von Swedenborgs schwedischen Unterstützern, Dr. Gabriel Andersson Beyer und Dr. Johan Rosen, beide aus Göteborg, Bücher in schwedischer Sprache geschrieben, um seine Ansichten zu verbreiten. Swedenborgs Ideen wurden dadurch öffentlich rascher bekannt, insbesondere in Schweden.113

Im Anschluss an seine zehnte Europareise kam Swedenborg 1769 nach Stockholm zurück und musste feststellen, dass Dr. Beyer und Dr. Rosen der Häresie beschuldigt wurden, weil sie öffentlich seine Theologie förderten. Swedenborgs Schriften umfassten Kritik sowohl an der protestantischen wie an der katholischen Theologie, darunter zu Lehrfragen wie der Natur Gottes, der Erlösung und zu wesentlichen Fragen des Glaubens bei anderen Individuen. Der Angriff gegen Swedenborgs theologische Schriften und Anschauungen wurde vom lutherischen Bischof Erik Lamberg und von Dekan Olof Ekebom geführt, die an das Göteborger Konsistorium appellierten, Swedenborgs Werke als häretisch und Beyer und Rosen als Häretiker zu verdammen. Die Angreifer gingen sehr weit in ihren Forderungen. Swedenborg machte seinen beiden Unterstützern ruhige Versicherungen, dass alles gut werden würde.114

Mit zunehmender Hitzigkeit der Angelegenheit wurde deutlich, dass Bischof Lamberg und das Göteborger Konsistorium Dr. Beyer und Dr. Rosen zensieren, sie aus ihren Arbeitsstellen entfernen und alle Exemplare von Swedenborgs theologischen Schriften in Schweden konfiszieren lassen wollten. Es sah so aus, als sollten die beiden zu Märtyrern werden. Sogar Swedenborg fühlte sich durch die öffentlichen Schikanen und den Aufruhr bedroht, den der Bischof anfachte. Er schrieb eine Petition direkt an König Adolf Friedrich und erbat den Schutz seiner Majestät für sich sowie für Beyer und Rosen. In dieser Petition erinnerte Swedenborg daran, dass er immer offen und vollkommen ehrlich in Bezug auf seine Anschauungen gewesen sei sowie gemeinsam mit dem König und der Königin gespeist und mit ihnen seine theologischen Anschauungen detailliert erörtert habe. Swedenborg schrieb ebenso an die Universitäten von Uppsala, Lund und Abo. Der König beurteilte seinen Fall günstig. Im Dezember 1771 ordnete der Königliche Rat an, dass Swedenborg und seine Unterstützer gnädig und ohne Verwerfung behandelt werden sollten. Sie urteilten sogar: „Es gibt vieles, was in Swedenborgs Schriften gut und nützlich ist.” Der Fall wurde schließlich fallen gelassen und Dr. Beyer sowie Dr. Rosen konnten ihre Positionen behalten. Swedenborgs Ansichten verbreiteten sich daraufhin besonders im Umland Göteborgs, v.a. in Västergötland.115

Swedenborg schloss sein Werk Die wahre christliche Religion ab, das er teilweise als Antwort auf seine orthodoxen lutherischen Kritiker schrieb. In diesem Buch sprach er insbesondere Themen der lutherischen Theologie an und forderte ein Neudenken der orthodoxen Glaubensüberzeugungen, was diesen nicht notwendig widersprechen müsse, doch ein radikales Wahrnehmen von neuen Bedeutungen in vertrauten Worten erfordere.116

Im Juli 1770 bereitete sich der 82-jährige Swedenborg auf seine elfte und letzte Auslandsreise vor, wobei ihm offensichtlich klar war, dass es seine letzte sein würde. Er schrieb sorgfältig Abschiedsbriefe an seine Freunde, hinterließ seinem Agenten eine Liste seiner gesamten Besitztümer, stattete seinen Kollegen vom Bergwerksdirektorium einen letzten Besuch ab und richtete Pensionsfonds für seine Haushälterin und seinen Gärtner ein. Es gibt einen Bericht von seinem Besuch bei einem treuen Freund und Nachbarn, Carl Robsahm. Robsahm fragte, ob sie sich jemals wiedersehen würden. Swedenborg antwortete, dass er nicht wisse, ob er zurückkehren werde. Aber er wisse (der Herr habe es ihm versprochen), dass er nicht sterben werde, bevor er ein Exemplar von Die wahre christliche Religion vom Verleger in seinen Händen halten würde. Er versicherte Robsahm, dass sie sich in der nächsten Welt wiedersehen würden, wenn es in dieser nicht mehr sein sollte. Robsahm notierte, dass Swedenborg fröhlich und beschwingt gewesen sei, als er ging – als ob er auf dem Höhepunkt seines Lebens stehe.117

Swedenborg reiste zunächst nach Amsterdam und blieb dort acht Monate, während er Die wahre christliche Religion veröffentlichte. Dann ging er weiter nach London und wohnte bei seinem Freund Richard Shearsmith. Er setzte seine Schriftstellerei fort und arbeitete an einem Index für Die wahre christliche Religion. Kurz vor Weihnachten 1771 erlitt er einen Schlaganfall. Innerhalb eines Monats war er in der Lage, seine Schriftstellerei wieder aufzunehmen, obgleich sein Sprechen noch betroffen war. Es wurde ihm und den Freunden um ihn klar, dass Swedenborg sich dem Ende seines Lebens näherte. Tatsächlich teilte er Elizabeth Reynolds, der Magd Shearsmiths (sie wurde später dessen Ehefrau) mit, dass er am 29. März um fünf Uhr in die geistige Welt eintreten werde. Sie notierte, dass ihm diese Idee ganz angenehm erschiene, „[…] als ob er Urlaub machen würde.”118

Reynolds beschrieb, wie sie am Sonntag, 29. März 1772, am Bett Swedenborgs saß, als er die Glocke schlagen hörte und fragte, wie viel Uhr es sei. Als sie ihm sagte, es sei fünf Uhr, sagte er, das sei gut. Er dankte ihr, segnete sie und nach zehn Minuten verstarb er friedlich, nachdem er einen sanften Seufzer hatte hören lassen.119

Swedenborg Begräbnis fand in der schwedischen Kirche in London am Sonntag, 5. April 1772, statt. Der Gottesdienst war gut besucht, er füllte die kleine Kirche. In Schweden hielt der Konsistorialrat der Minen eine Lobrede in der Adelskammer. Emanuel Swedenborg hatte diese Welt verlassen, um gewiss selbst herauszufinden, was nach diesem irdischen Leben folgt.120

3. DARLEGUNG VON SWEDENBORGS SCHLÜSSELANSCHAUUNGEN
ÜBERBLICK

Swedenborg schrieb ausführlich über viele Themen. Seine theologischen Arbeiten umfassen über 40 Bände. Es ist eine Herausforderung, seine Überlegungen kurz zusammenzufassen. Sie werden tiefgehend, sehr verfeinert dargelegt und gelegentlich werden gewöhnliche Begriffe verwendet, um Besonderheiten zu bezeichnen, die von ihrer normalen Verwendung abweichen. Es gibt viele Versuche, seine Schlüsselanschauungen zusammenzufassen und jeder ist von anderer Struktur. Glücklicherweise war Swedenborg in seinen Betrachtungen, insbesondere seinen theologischen, außerordentlich konsistent. Mithin findet man, gleichgültig wo man beginnt, eine Gemeinsamkeit jeder seiner Überlegungen mit den übrigen vor. Swedenborg ist vorrangig für seine theologischen Anschauungen bekannt, obgleich seine wissenschaftlichen Ideen für diese Studie ebenfalls von Interesse sind.

Moderne Forscher neigen dazu, zwischen Swedenborgs früheren Werken und seinen späteren theologischen Schriften scharf zu unterscheiden. Im Stil besteht zwischen beiden Gruppen ein deutlicher Unterschied. Die wissenschaftlichen Werke Swedenborgs, insbesondere seine anatomischen Schriften, referieren gewöhnlich das bekannte Material zu einem Thema, aus dem Swedenborg dann seine ‚Induktionen’ entwickelt, die häufig ziemlich originell sind. Seine theologischen Bücher wiederum zitieren als Autoritäten bestimmte Bücher aus dem Alten und Neuen Testament, dazu seine eigenen spirituellen Einsichten und Erfahrungen. Gewöhnlich dienen spirituelle Erfahrungen und Einsichten dazu, seine Exegese der Bibel zu erklären und Konzepte daraus zu entwickeln.

Gleichwohl ließen sich viele seiner Konzepte und Paradigmen, die er in seinen wissenschaftlichen Werken entwickelt hatte, vollständig dem neuen Inhalt seiner theologischen Schriften anpassen. Die Erörterung der Konzepte in diesem Abschnitt erfolgt lediglich in Überblicken. Eine detaillierte Analyse folgt später, wenn sie mit den Anschauungen anderer Personen wie etwa A. T. Still oder W. G. Sutherland verglichen werden. Die Darlegung beginnt mit den theologischen Überlegungen und schließt mit einigen auf Anatomie beruhenden Konzepten.

THEOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN

Swedenborg beschreibt Gott als singuläre Wesenheit eines göttlichen Menschlichen, dem universellen Menschen, der nicht als liebender und weiser charakterisiert sei, sondern zugleich die Quelle aller Liebe und Weisheit selbst bilde, welche die Schöpfung durchdringe und erhalte. Swedenborg betrachtet den Schöpfer sowohl als intelligent als auch als liebend. Er habe das Universum geschaffen, damit es nach Gesetzen existiere, sowohl geistig wie natürlich. Gott transzendiere den gesamten Raum und die gesamte Zeit, doch funktioniere er auf der Ebene natürlicher Existenz entsprechend einer innewohnenden Ordnung, welche die Schöpfung durchdringe. Swedenborg beschreibt eher eine Drei-Einigkeit Gottes, seine Einheit in dreifacher Differenziertheit, denn eine Dreifaltigkeit. Die Einheit in dreifacher Differenziertheit zeige sich in der einen Person des Herrn. Entsprechend finde sie sich in jeder Person wieder, in dessen Seele, seinem Mentalen und seinem Körper, die zusammen ein einheitliches Ganzes bildeten. Sofern man dies angemessen betrachte, offenbare die gesamte Schöpfung die zugrunde liegende Liebe und Weisheit des Schöpfers. Swedenborg beschreibt weiter, dass aus Gott als einer Quelle göttliche Liebe und Weisheit ausfließe, um die gesamte Schöpfung zu erhalten. Diese göttliche Weisheit und Liebe erscheine in der geistigen Welt als eine geistige Sonne, aus der geistige Wärme und entsprechendes Licht strömten, welche der Wahrheit und der Liebe entsprächen. Dieses geistige Licht und die entsprechende Wärme erhielten die geistige Welt, die wiederum die natürliche Ebene der Existenz erhalte.121

Swedenborg betont, dass die gesamte Schöpfung universalen Gesetzen folgen müsse, wobei die natürliche Ebene der Existenz die höhere geistige Realität reflektiere und diese wiederum die Liebe und Weisheit des Schöpfers abbilde. Gott habe das physische Universum geschaffen, damit es als Matrix und Fundament der geistigen Ebene der Wirklichkeit diene. Daher vermöge das Studium der natürlichen Welt die höhere Wahrheit zu erschließen, sofern der eigene Verstand und die Aufmerksamkeit angemessen ausgerichtet würden. Jedoch ersetze die durch göttliche Offenbarung erschlossene Wahrheit nicht einfach jene, wie sie angemessen durch Swedenborgs biblische Exegese verstanden werde. Sowohl Gott als auch die Erfahrung stellten bedeutende Quellen des Lernens dar.122

Swedenborg stellte fest, dass Gott den Menschen nach seinem Bild vollständig mit Körper, Mentalem und Geist geschaffen habe. Der Herr habe uns mit einem Sinn zur Selbstwahrnehmung geschaffen und erhalte uns in der Freiheit, so zu leben, wie wir wollen, mit dem Ziel, dass wir seine Liebe freigiebig zurückgeben. Liebe und Weisheit seien in unserem Mentalen beheimatet bzw. im Willen (in der Intention) und im Verstehen (der Urteilskraft), woraus unser hauptsächliches Leben bestehe. Gott habe die Menschen als deutlich von ihm unterschiedene Wesen geschaffen, die aber empfänglich seien für seine Weisheit und Liebe in einer von den anderen Geschöpfen abweichenden Weise. Diese Freiheit und Selbstwahrnehmung ermöglichten es uns, eigene Entscheidungen zu treffen und geistig so zu wachsen, wie wir es wünschten. Swedenborg betrachtete die Liebe als die grundlegende Energie und Substanz aller menschlichen Lebewesen, wobei die Weisheit als Mittel dazu diene, die Liebe in ihrem Gebrauch auszudrücken. Die Menschen entwickelten sich folglich geistig durch ihre Lieben und durch deren Manifestationen im Gebrauch angewandter Weisheit. Das geistige Wachsen umfasse auch das tägliche Leben, welches das wahre Wissen in der Praxis umsetze. Das Leben werde als ein Leben im Gebrauch guter Intentionen gelebt, als Leben der Liebe. Swedenborg gibt diesem schrittweisen Wachstumsprozess einen Namen: Regeneration. Er proklamierte, dass die gesamte Religion lebendig sei und das religiöse Leben darin bestehe, Gutes in liebender Intention zu tun. Das dauere auch nach dem Tod an. Das Ziel des Herrn bei der Schaffung des Universums habe darin bestanden, einen Himmel aus der menschlichen Rasse zu errichten.123

Swedenborg schildert eine Hierarchie der Lieben, beginnend bei der Liebe zum Herrn, über die Nächstenliebe und die Liebe zur Welt bis hinunter zur Selbstliebe. Alle diese Formen seien notwendig und, sofern sie in angemessener Ordnung gehalten würden, gut. Sie führten zu einem Leben in Gesundheit und Glück, sowohl hier auf der Erde als auch im nächsten Leben in der Ewigkeit. Swedenborg erkannte, dass die echte Ehe der Liebe die größte Möglichkeit für geistiges Wachsen zwischen den Eheleuten bilde, sofern die Ehe geistig enger werde und die Partner ihre Identitäten aufrechterhielten. Sofern diese Liebe wahrhaftig sei und ihre Verpflichtung ernst, dauere die Liebe fort. Und das verheiratete Paar bleibe auch in der nächsten Welt auf seiner Reise immer zusammen.124

Swedenborg zufolge ist die menschliche Rasse zum Zweck eines ewigen himmlischen Lebens geschaffen, das universelle Erlösung für jedermann einschließt. Diejenigen, die an etwas Größeres als an ihr eigenes Selbst glaubten und eine Art Liebe gegenüber ihrem Nächsten übten, seien dem Himmel verpflichtet. Je besser sie die menschliche Natur, die Natur Gottes jedoch verstünden und entsprechend geistig wüchsen, desto stärker arbeiteten sie daran, dies tatsächlich auf ihr eigenes geistiges Wachstum anzuwenden. Je mehr sie Übel als Sünden gegen den Herrn vermieden, umso wirksamer werde der Prozess, der zur persönlichen Regeneration mit einer Verbesserung der Individuen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen führe. Da alle ihre Freiheit erhalten hätten, bestehe die Möglichkeit, die Selbstbezogenheit über alles zu setzen und sich vom Herrn abzuwenden hin zu einem Leben in der Hölle, sowohl in diesem als auch im kommenden Leben. Swedenborg stellte fest, dass, obgleich jeder zu einem Leben im Himmel bestimmt sei, jedes Individuum dennoch die Wahl habe, sich der Hölle zuzuwenden. Es handele sich dabei um eine Wahl, die alle durch die Entwicklung ihrer Liebe im gesamten Leben träfen, keineswegs komme es auf den Glauben alleine an.125

Swedenborg spricht von einer sehr aktiven spirituellen Realität. Obgleich eine direkte (unmittelbare) Verbindung zwischen jedem Menschen und dem Herrn existiere, gebe es auch eine indirekte (vermittelte) Verbindung durch die geistige Welt. Swedenborg versteht den Tod als Übergang von der Menschheit des irdischen Lebens zu der des geistigen. Die Seele sei im irdischen Leben gegenwärtig, sie stelle die belebende Kraft des Körpers dar, welcher sie bekleide. Der Tod bestehe im Sterben des Körpers und im Fortbestehen der Seele in der geistigen Welt. Swedenborg beschreibt in diesem Zusammenhang die Nahtoderfahrung sehr detailliert. Darin stimmt er in bemerkenswerter Weise mit den relativ jungen Beschreibungen von Nahtoderfahrungen durch Menschen, die von der modernen Medizin wiederbelebt wurden, überein. Er stellt zudem fest, dass nicht jeder von uns nur eine Seele besitze, die den Körper belebe, sondern sie sich zudem in Gestalt eines geistigen Körpers zeige, welcher der natürlichen Gestalt entspreche. Dieser geistige Aspekt lebe nach dem Tod vollständig weiter mit einer menschlichen Gestalt in der Form eines geistigen Körpers.126

Swedenborg beschreibt eine geistige Wirklichkeitsebene, die von Geisterwesen bevölkert werde, den Verstorbenen. Er stellt fest, dass die geistige Realität aus den Himmeln (mit drei Ebenen), den Höllen (ebenfalls mit drei Ebenen) und einer vermittelnden Ebene dazwischen bestehe, welche er als ‚die Welt der Geister’ bezeichnete. Beim Tod verlasse die Seele den Körper und betrete die Welt der Geister, wobei der betroffene Geist einen Reinigungsprozess durchlaufe, eine Selbstprüfung und ein Selbstverstehen der eigenen, alles außer Kraft setzenden, lenkenden Liebe. Swedenborg beschreibt ein Prinzip geistiger Assoziation, demzufolge jedes Individuum von anderen mit ähnlichen geistigen Qualitäten und Zuständen in diesem und im nächsten Leben angezogen werde. Alle Geisterwesen verfügten im nächsten Leben über eine sie umgebende Sphäre, die ihrem Charakter und der Liebe entspreche, die von jedem Individuum ausgehe, einem Geruch vergleichbar, der von den Geisterwesen wahrgenommen werden könne. Wie es eine endlose Variation von Affektionen und Charakteren gebe, so gebe es auch eine analoge Verschiedenheit der Sphären, welche die Einzigartigkeit des Einzelnen zum Ausdruck bringe. Diejenigen mit ähnlichen Charakteren und Sphären seien miteinander kompatibel und zögen einander an, während diejenigen mit entgegen gesetzten Sphären voneinander abgestoßen würden. Swedenborg erklärt, dass eine Person nach dem Tod allmählich zu dem Ort ziehe, welcher mit ihrer herrschenden Liebe zusammenpasse, zu einer Gesellschaft ähnlicher Menschen im Himmel oder in der Hölle. Swedenborg schildert den Himmel als angefüllt mit Gruppen von Engeln, die ähnliche Sphären teilen. Sie fänden es gut, für andere nützlich zu sein, und genössen das Leben mehr als irgendetwas anderes in ihrer früheren natürlichen Existenz. Die Hölle bestehe dagegen in einer inversen Spiegelung des Himmels. Sie sei durch die zerstörerische Kraft der negativen Lieben derjenigen verformt, die sich entschlossen hätten, dort zu leben. Gleichwohl gebe es eine Art Ordnung, um die Einwohner davon abzuhalten, einander zu verletzen. Und sie müssten etwas Nützliches tun. Swedenborg stellt zudem deutlich fest, dass, obgleich die geistige Existenzebene in die natürliche einfließe, die Interaktion beider Ebenen unbewusst erfolge.127

Swedenborg betrachtete sich selbst aufgrund göttlicher Vorhersehung bzw. sowohl durch seine Studien als auch durch sein geistiges Wachsen und seine spirituellen Erfahrungen in seinem gesamten Leben als vorbereitet, als ein besonderes Werkzeug zu dienen, der Welt neue Wahrheiten zu lehren und mitzuteilen. Er erklärte, dass es ihm ermöglicht worden sei, als Forschender nach Wahrheit bewusst in die geistige Welt einzutreten, um Einsichten zu bestätigen, die ihm vom Herrn eröffnet worden wären und die sich aus der Exegese des biblischen Buchstabens im Hinblick auf dessen innere Bedeutung ergeben hätten. Er stellte zudem fest, dass ihm mitgeteilt worden sei, dass kein anderer versuchen solle, Geisterwesen zu kontaktieren und die gleichen spirituellen Reisen zu unternehmen wie er, weil dies nicht der Ordnung entspreche. Er erläuterte, dass es durch ein Leben im Lichte der Selbstprüfung, der Reue und des geistigen Wachsens, welches auf der Anwendung der Wahrheiten auf das eigene Leben beruhe, von selbst zur Aufklärung käme. Dies beruhe auf der Beziehung jedes Individuums zum Herrn, insofern es in der geistigen Regeneration wachse. Swedenborg sah seine Mission darin, spirituellen Glauben zu vermitteln, indem er die verborgene Bedeutung im Alten und Neuen Testament erläuterte und so das Fundament für eine neue Kirche legte, der alle Menschen aller Zeiten angehören könnten. Entschieden riet er anderen davon ab, mit den Geisterwesen Kontakt aufzunehmen. Er erklärte, dass es zu unbewussten Verbindungen mit Geisterwesen kommen könne, sich diese jedoch nicht der Menschen dieses Lebens bewusst seien. Er stellte fest, dass der Versuch eines Kontakts mit den Geisterwesen einen unordentlichen Sachverhalt darstelle, denn dies fördere lediglich Kontakt mit bösartigen Geisterwesen, welche das Individuum täuschen und irreführen würden. Er erklärte, dass nichts Gutes aus bewusstem Kontakt mit Geisterwesen entstehen könne, wenn man davon absehe, dass großartige Sachverhalte offenbart und erfahren würden. Nur Verwirrung und Täuschung würden daraus resultieren.128

Zu Swedenborgs einzigartigen Konzepten sind diejenigen von Entsprechungen, unterschiedenen Graden und Einströmen zu zählen. Er erklärte, dass es Beziehungen zwischen verschiedenen, einander entsprechenden Ebenen unterschiedener Grade gebe. Diese fielen typischerweise unter ein dreigliedriges Muster von Zweck, Ursache und Wirkung. Der höchste Grad in einer Folge sei der ‚Zweck’ bzw. die Absicht, der mittlere die ‚Ursache’ und der unterste die ‚Wirkung’. Vom höchsten Grad aus flössen die höchsten, universellsten Anschauungen und Sachverhalte in die unteren Grade hinab. Die unteren Grade bildeten umgekehrt Repräsentationen der höheren Grade. Eine Veranschaulichung stellten Liebe, Weisheit und ihr Gebrauch dar, wie bereits dargestellt. Ein anderes Beispiel seien Seele, Mentales und Körper. Jeder Aspekt sei von den anderen unterschieden, doch zusammen bildeten sie eine Einheit. Der Seele komme der Grad des Zwecks bzw. der Absicht zu, das Mentale liege auf der Ebene der Ursache und die Wirkung werde vom Körper ausgeführt. Es bestehe eine Entsprechung dieser drei unterschiedenen Ebenen. Diese Entsprechung könne ebenso in anderen Bereichen gefunden werden. Insbesondere entdeckte Swedenborg die verborgene Wissenschaft der Entsprechungen für den Buchstaben in der Heiligen Schrift. Indem er den Worten entsprechende Bedeutungen zuordnete, erkannte er darin enthaltene höhere Konzepte und Wahrheiten, welche den eigentlichen inneren, geistigen Sinn des Wortes enthüllten. In seinen gesamten theologischen Werken stimmen diese Entsprechungen überein. Er beschrieb ebenfalls eine Entsprechung zwischen geistiger und natürlicher Ebene aufgrund eines Einströmens des geistigen in den natürlichen Aspekt. Dieses Einströmen komme direkt vom Herrn und indirekt (vermittelt) durch die Welt der Geisterwesen, obgleich es keine bewusste Interaktion zwischen natürlicher und geistiger Welt gebe.

Swedenborg war insbesondere am Einströmen der Seele in den Körper und an der Repräsentation des Körpers in der Seele interessiert.129

Eine der Entsprechungen, die Swedenborg am häufigsten beschreibt, ist diejenige des universellen Menschen (auch als ‚großes menschliches Wesen’ oder ‚großer Mensch’ übersetzt). Er zeigte, dass der Zweck aller Himmel darin bestehe, eine übergreifende menschliche Form auszubilden, den universellen Menschen, welcher den Schöpfer spiegele, den göttlichen Menschen. Wenn wir geistig wüchsen, helfe uns der Prozess der Regeneration dabei, die Gestalt des universellen Menschen zu spiegeln. Tatsächlich sei die gesamte Schöpfung, insbesondere die menschliche Gestalt, in vieler Hinsicht ein Mikrokosmos des Makrokosmos.130

Swedenborg präsentierte zahlreiche neue Interpretationen alter Ideen und viele neue Konzepte in seiner Theologie. Er beschrieb das zukünftige Wachstum einer neuen Spiritualität, welche die Welt einschließlich der bestehenden Kirchen durchdringen werde. Er empfand sich nicht an eine bestehende Gestalt des Christentums gebunden. Tatsächlich kritisierte er viele der Ansichten des Christentums seiner Zeit. Er nahm die schrittweise Ankunft eines neuen Zeitalters mit dem Anwachsen einer Neue Kirche voraus, welche die Krönung aller vorhergehenden Kirchen sein werde, die auf Erden existiert hätten, und die gesamte Menschheit durchdringen werde, sodass die Menschheit dem Herrn und einem Himmel auf Erden näher käme. Stets vertrat er eine optimistische Sicht auf die Zukunft des Menschengeschlechts.131

WISSENSCHAFTLICHE ANSCHAUUNGEN

Bevor Swedenborg seine theologische Berufslaufbahn einschlug, entwickelte er eine eigene Kosmologie, von einer Theorie der Teilchen bis hin zu einer Theorie des Sonnensystems und des ganzen Universums. Das spätere Werk konzentrierte sich jedoch auf eine Theorie des menschlichen Körpers. Swedenborg studierte die Anatomie intensiv und umfassend, wobei sein Interesse stets der Verbindung von Seele und Körper galt. Obgleich er seine wissenschaftlichen Unternehmungen zugunsten theologischer Studien fallen ließ, widersprechen seine theologischen Werke seinen wissenschaftlichen Anschauungen nicht. Sie ergänzen vielmehr sein wissenschaftliches Werk und dehnen es aus bzw. gehen darüber hinaus. Seine anatomischen Vorstellungen wurden bereits im biografischen Abschnitt berührt und weitere werden detaillierter beschreiben, wenn sie mit denjenigen von A. T. Still und W. G. Sutherland verglichen bzw. diesen gegenüber gestellt werden. Zunächst folgt jedoch ein Überblick über einige wissenschaftliche Schlüsselkonzepte.

Was das Studium des Gehirns angeht, war Swedenborg ein Pionier. Er beschrieb das Gehirn auf eine Weise, die erst Jahrhunderte später Wertschätzung fand. Er entwickelte eine exakte funktionelle Theorie des Kortex, wie sie erst im nachfolgenden Jahrhundert von der Neurowissenschaft ‚entdeckt’ wurde. Er beschrieb die im frontalen Bereich des Gehirns lokalisierten Funktionen ebenso wie die somatotopische Anordnung der Muskelkontrolle im Cerebrum. Er beschrieb Neuronen, die er als sphaerula bzw. cerebellula bezeichnete, und verfolgte deren Axone und Funktionen durch den gesamten Körper. Er beschrieb sogar die deutlich unterschiedenen Funktionen der Gehirnhälften, wobei Verstehen und Intellekt die linke Hemisphäre bestimmen. Diese Konzepte wurden vom naturwissenschaftlichen Mainstream ebenfalls erst ein Jahrhundert später ‚entdeckt’.132

Für die vorliegende Arbeit ist es jedoch seine Perspektive darauf wichtiger, welche Rolle das Gehirn als Vermittler zwischen Körper und Seele sowie als beseelender und vereinender Akteur im Körper spielt. Bereits in seinen anatomischen Werken skizzierte er eine frühe Theorie unterschiedlicher Grade und wendete diese auf Seele, Mentales und Körper an. Er erkannte das Gehirn als den Sitz des Mentalen und betrachtete es als Verbindungsglied zwischen Seele und Körper. Er entwickelte eine Theorie des Gehirns als belebendes bzw. beseelendes Organ des Körpers. Er unterstellte, dass diese Beseelung zwei Aspekte umfasse: einerseits, dass das Gehirn eine beseelende Kraft für den gesamten Körper zur Verfügung stelle, die durch eine geistige Flüssigkeit oder Essenz übermittelt werde und welche direkt die zerebrospinale Flüssigkeit und indirekt den übrigen Körper beseele. Und andererseits, dass das Gehirn sich in Expansion und Kontraktion bewege und so die beseelende Kraft mittels der zerebrospinalen und der geistigen Flüssigkeit sowie durch Verbindungen der Faszien und entsprechende mechanische Verbindungen bewege. Er erkannte das Gehirn als das größte Einzelorgan des Körpers, welches in bedeutender Weise an der Interaktion von Seele und Körper beteiligt sei, ein Organ des menschlichen Geistes selbst.133

Swedenborg schilderte ferner, dass die Bewegung des menschlichen Gehirns im ganzen Körper durch Flüssigkeit und Verbindungen der Faszien übermittelt werde. Dies wird sehr viel detaillierter in den Abschnitten besprochen, die Swedenborgs Anschauungen zum Gehirn mit Sutherlands kranialem Konzept vergleichen. Zusammenfassend erkannte Swedenborg, dass sich die Dura mater reziprok zum Gehirn bewege und die Gehirnbewegung direkt an die Schädelknochen weitergebe sowie indirekt über neurofasziale Verbindungen an Pleura, Peritoneum, alle Organe und den Körper als Ganzes. Er erörterte ebenfalls eine auf Flüssigkeit beruhende Verbindung im Körper, die von der geistigen Flüssigkeit bezeichnet werde. Diese belebe die zerebrospinale Flüssigkeit und affiziere umgekehrt rhythmisch den übrigen Körper, wodurch alle Bewegungen im Körper koordiniert und vereinigt würden, und die darüber hinaus auch noch das Blut beseele. Er beschrieb, dass diese rhythmische Bewegung oft mit der respiratorischen Bewegung der Lungen korreliere.134

Swedenborg beschrieb die Qualität und Verteilung des Bluts als Grundlage der Gesundheit. Er betrachtete das Blut als wichtigste Flüssigkeit, welche die Funktionen der Seele im Körper ausführe, jeden Teil des Körpers ernähre, dem ganzen Körper diene und diesen unterstützte. Er erforschte die Zirkulation des Blutes in Studien des Herzens und zur arteriellen und venösen Zirkulation, schrieb ebenfalls über die Lymphflüssigkeit und ihre Funktion sowie darüber, wie diese wechselseitig auf die gastrointestinale und zirkulatorische Funktion bezogen ist.135

Swedenborg entwickelte ein Flüssigkeitsmodell der Gesundheit, das mit der Beseelung des Gehirns beginnt, welches vitalisierte Flüssigkeit aussende, die durch das Nervensystem zum Rückenmark und zum Rest des Körpers fließe und sich strukturell und funktionell mit Blutgefäßen, Lymphbahnen und Faszien verbinde. Dadurch würden sämtliche Flüssigkeiten und Strukturen des Körpers belebt. Er betonte in diesem Zusammenhang stets die Rolle der Blutversorgung und -qualität und erkannte, dass das Leben des Körpers von einem balancierten Blutfluss abhängig ist.

Swedenborg schloss eine Einschätzung der Faszien in sein Paradigma ein, und er entwickelte eine holistische Perspektive ausgehend von der integrativen Bedeutung der Faszien, von der Dura mater über die Pleura und das Peritoneum bis hin zum gesamten Bindegewebe, durch das alle Organe des Körpers verbunden sind. Tatsächlich beschrieb er in seinen anatomischen Werken alle Organe des Körpers im Detail. Dazu gehört auch die Analyse, wie die intrinsische rhythmische Bewegung jedes Organs durch die Beziehungen zu den Faszien und Flüssigkeiten beeinflusst wird, sodass sich alle Bewegungen mit dem zugrunde liegenden, vereinigenden Rhythmus der Belebung durch das Gehirn mittels Flüssigkeit und Faszien harmonisieren und ein integrales Ganzes bilden. Swedenborg sprach besonders die zugrunde liegende belebende Funktion an, die sich in der Bewegung der folgenden Organe offenbare: Herz, Lungen, Ösophagus, Magen, Därme, Leber, Milz, Nebennieren, Nieren, Harnblase und ebenso der Lymphbahnen sowie der Sinnesorgane wie Augen, Nase und Haut. Diese Überlegungen stehen den Konzepten und Prinzipien der osteopathischen Philosophie sehr nahe, so wie sie im späten 19. Jahrhundert bekannt wurden. Das wird noch an späterer Stelle in dieser Studie zu untersuchen sein.136

Bereits während seiner anatomischen Studien hatte Swedenborg das Konzept des Körpers als Mikrokosmos entwickelt, ein kleines Universum, welches das größere Universum spiegele. Er hatte ebenfalls das Konzept der Entsprechung zwischen verschiedenen Graden der Aktivität entwickelt, sowohl innerhalb des Körpers als auch jenseits seiner in Gestalt der geistigen bzw. natürlichen Ebene der Existenz. Diese Ideen wurden in Swedenborgs theologischen Schriften in anspruchsvollerer Form erweitert.137

Swedenborg berührte in seinen wissenschaftlichen und theologischen Schriften Anschauungen zu Gesundheit und Krankheit, obwohl er diese niemals in einer einzelnen Abhandlung erörterte. In seinen wissenschaftlichen Schriften beschrieb er die gesundheitsfördernde Beziehung der Seele, sofern sie ungehindert in den Körper einfließe, wobei Körper und Geist durch das Mentale zu einem entsprechenden integrierten Ganzen vereinigt würden, zusammen gehalten über die Verbindung des Körpers durch die Matrix des Gehirns und des belebten Nervensystems – und sekundär durch den Blutkreislauf. Er schloss dieses Paradigma in seine theologischen Schriften ein, obgleich er sich stärker auf die Entsprechung der Verbindung der Lungen zu Körper, Mentalem und Geist mit den Gedanken, dem Verstehen und der Urteilskraft sowie des Herzens mit den Leidenschaften, dem Willen und der Intention konzentrierte.138

Swedenborg zufolge gibt es zwei Kategorien von Krankheitsursachen: innere und äußere. Äußere Ursachen entstünden auf Seiten des Körpers und der natürlichen Welt und beträfen Flüssigkeiten und Fasern, insbesondere die Nervenfasern und den Blutkreislauf des Körpers, die sich umgekehrt als Krankheit offenbarten. Krankheiten entstünden im Körper und flössen hin zum Gehirn und beeinflussten das Einströmen des Geistes in den Körper. Dies vermöge jedes Organ des Körpers und ebenso das muskuloskelettale System zu betreffen. Innere Ursachen entstünden auf der Seite von Mentalem und Geist. Sie flössen vom Geist zum Gehirn und in den Körper. Dies erstrecke sich von schwächeren oder mittleren Problemen wie Kummer, Ärger oder Fresssucht bis hin zu ernsteren Krankheiten, die sich auf geistige Krankheiten bezögen sowie auf deren ungesunde Offenbarungen. Swedenborg beschrieb ein beständiges Einströmen und die Entsprechung zwischen Geist und Mentalem. Fehlende Kommunikation zwischen ihnen verursache Disharmonie und Krankheit. Er verstand das geistige Wachsen als Verbesserung der Gesundheit auf allen Ebenen einschließlich des Körpers. Doch Krankheit könne auch durch externe Ursachen entstehen, die umgekehrt Disharmonie zwischen Körper, Mentalem und Geist auslösen könnten. Zusammengefasst: Swedenborg betrachtete die Gesundheit als balanciertes Einströmen des Geistes und des Mentalen in das entsprechende körperliche Gefäß. Krankheiten entstünden durch äußere Ursachen des Körpers oder innere Ursachen des Mentalen und des Geistes.139

4. DIE FRÜHE VERBREITUNG VON SWEDENBORGS IDEEN
DIE VERBREITUNG VON SWEDENBORGS IDEEN IM EUROPA DES SPÄTEN 18. JAHRHUNDERTS

Das Interesse an Swedenborgs Überlegungen endete nicht mit seinem Tod im Jahr 1772. Während der nächsten Jahrzehnte entwickelte sich in Schweden, Deutschland, Frankreich und Russland ein starkes Interesse an seinen Gedanken. Die Bewegungen in diesen Ländern zogen Nachfolger an, welche die Schriften Swedenborgs in ihre jeweiligen Sprachen übersetzten. Die Entwicklung dieser Bewegungen verlief unterschiedlich, einige blühten auf, andere gingen unter, manche konzentrierten sich ausschließlich auf Swedenborgs Ansichten, andere mischten sie mit anderen zeitgenössischen Bewegungen wie dem Magnetismus oder der Freimaurerei. Obgleich diese Bewegungen bedeutenden Einfluss in einigen Teilen der Welt hatten, galt dies im besonderen Maße für England.140

Swedenborg versuchte niemals, Nachfolger anzuziehen oder eine Organisation zu etablieren, die seine Anschauungen vermittelte. Er war der Ansicht, dass seine Ideen und Lehren allmählich die bestehenden Kirchen und die Gesellschaft von selbst durchdringen würden, insofern es zu großen Umdenkprozessen käme. Es würde sich eine Gesellschaft bilden, in der eine neue Spiritualität wachse. Er sagte voraus, dass eine ‚neue Kirche’ aus den alten Kirchen seiner Tage entstehen werde. Mit diesem Begriff bezeichnete er keine besondere Organisation, sondern er verstand die neue Kirche eher so, dass sie aus denjenigen bestehen werde, welche die Anschauungen, die in seinen Schriften enthalten waren, akzeptierten und sie in ihrem eigenen Leben anwendeten, indem sie eine geistige Beziehung zu ihrem Schöpfer entwickelten und geistig wüchsen. Swedenborg verbreitete seine theologischen Schriften an viele Kirchenführer und Universitäten in Europa. In England präsentierte er allen Bischöfen der anglikanischen Kirche und den Mitgliedern des Oberhauses Exemplare. Die anglikanische Kirche war sehr viel toleranter gegenüber abweichenden religiösen Ideen als die lutherischen Kirchen, die Schweden und Deutschland kontrollierten.141

Die erste englische Übersetzung wurde 1750 auf Swedenborgs eigene Kosten gedruckt. Er erkannte das religiös tolerante Klima Englands als möglicherweise fruchtbaren Boden, in dem die Pflanze seiner neuen theologischen Ideen gedeihen könnte. Während der 1760 er traf Swedenborg mehrere begeisterte Anhänger und korrespondierte mit ihnen. Er gab ihnen die Erlaubnis, weitere seiner Werke ins Englische zu übersetzen. Diese Nachfolger hatten unterschiedliche kirchliche Hintergründe, darunter die anglikanische Kirche und die Bewegung der Quäker.142

Während der 1770 er gab es in England zwei bedeutende swedenborgianische Gelehrte, die dort sehr aktiv wurden und zwei Typen des Swedenborgianismus repräsentierten. Der erste war Reverend John Clowes, MA, ein Priester der anglikanischen Kirche. Er konvertierte 1773 zu Swedenborgs Theologie und begründete 1778 die erste Gesellschaft der Neuen Kirche. Clowes und seine Nachfolger verließen die anglikanische Kirche jedoch nicht. Sie glaubten, dass die swedenborgianischen Ideen sich in der bestehenden Kirche verbreiten würden, sodass es keine Notwendigkeit gäbe, sich von ihr zu trennen. Sie glaubten, dass eine neue Kirche durch die Wiedergeburt der alten Kirche entstehen werde, da diese die neuen Lehren umfassen werde. Clowes blieb in der bestehenden Kirche, lehrte Swedenborgs Anschauungen und übersetzte seine Werke über 61 Jahre lang. Wurde er kritisiert, erhielt er vom Bischof Unterstützung und durfte seine Arbeit fortsetzen. Seine Gruppe wurde als nicht-separatististische Neue Kirche bekannt.143

Der bedeutendste Konvertit in England war jedoch ein enthusiastischer junger Mann außerhalb der Gruppe, Robert Hindmarsh. Hindmarsh war Sohn eines methodistischen Predigers und gewerblicher Drucker. 1782 lieh ihm ein Freund ein Exemplar von De coelo et ejus mirabilibus, wodurch er zu einem brennenden Anhänger und Unterstützer von Swedenborgs Ideen wurde. Bereits im folgenden Jahr gründete Hindmarsh eine kleine Londoner Lesegruppe, um Swedenborgs Schriften zu verbreiten. Sie wurde schnell größer und erklärte die Übersetzung und Veröffentlichung von Swedenborgs theologischen Schriften zu ihrer Aufgabe. Es wurden wöchentliche Treffen vereinbart, eine Studiengruppe gegründet und Hindmarsh fungierte über viele Jahre hinweg als Leiter dieser Gruppe.144

Der Ton der Londoner Gruppe Hindmarshs war anders als der von Clowes’ Gesellschaft in Manchester. Viele Nachfolger in Hindmarshs Londoner Versammlung hatten einen methodistischen oder baptistischen Hintergrund. Der methodistische und baptistische Klerus stand den Ideen Swedenborgs sehr kritisch gegenüber und tolerierte sie nicht, anders als dies bei der anglikanischen Kirche der Fall war. Einige der ersten Angriffe auf frühe Swedenborgianer gingen vom Gründer des Methodismus, John Wesley, selbst aus. Obgleich er anfänglich an Swedenborgs Anschauungen interessiert war, wurde er diesen gegenüber nach weiterem Studium kritischer. Er akzeptierte falsche Berichte über eine Geisteskrankheit Swedenborgs, darunter irreführende Geschichten über Swedenborgs erratisches Verhalten in London. Später zeigte sich, dass es für diese Geschichten keine Beweise gab und dass sie unwahr waren. Dennoch hielten sie sich über zehn Jahre in methodistischen Kreisen, bis sie öffentlich widerlegt werden konnten. Ihr Echo kann auch heute noch in manchen Geschichtsschreibungen gefunden werden. Wesley war also keineswegs glücklich, dass sechs seiner Prediger die junge methodistische Kirche verließen und zur entstehenden swedenborgianischen Versammlung konvertierten. Einer von ihnen war James Hindmarsh, der Vater von Robert Hindmarsh. Methodistische und baptistische Prediger, welche die Lehren Swedenborgs akzeptierten, wurden als Häretiker betrachtet und schnell aus ihren Positionen entfernt oder sie wurden nicht mehr entlohnt. Robert Hindmarsh und seine Gruppe beschlossen, dass sie nicht innerhalb einer der existierenden ‚alten Kirchen’ verbleiben konnten und sich daher separieren mussten, um eine neue Kirche zu bilden, die theologisch, philosophisch und politisch unabhängig von jeder anderen Organisation wäre. So gründeten sie 1788 ihre erste Gesellschaft als separatistische ‚Neue Kirche’.145

Obgleich es einigen Austausch zwischen den beiden neuen Gruppen, der nicht-separatistischen und der separatistischen Neuen Kirche gab, entfernten sie sich im Verlauf ihres weiteren Wachstums voneinander. Die Separatisten bildeten eine eigene Organisation mit eigener Priesterschaft und eigener Gottesdienstordnung und sie verhandelten über solche Fragen wie die Rolle der Priester und der Laien in der sich entwickelnden besonnenen Form der organisierten Neue Kirche. Obgleich beide Bewegungen die neue Welt beeinflussten – beide verfügten in Nordamerika über Priester und Laien –, hatten die Separatisten den größeren Einfluss, insbesondere durch eines ihrer Mitglieder unter den Pionieren, James Glen.146

DIE SWEDENBORGIANER DER NEUEN WELT IN DEN 1780ERN BIS 1840ERN

James Glen wurde in Glasgow geboren. Er erhielt seinen Abschluss an der dortigen Universität und hatte sich auf die Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch spezialisiert. Später studierte er außerdem Arabisch, Französisch, Niederländisch und Deutsch. Als junger Mann von 20 Jahren reiste er als Matrose auf einem Schiff nach Südamerika, wo er sich in eine Schönheit des Landes verliebte. Er kehrte nach England zurück, erhielt durch den Gouverneur eine große Landkonzession und begann, eine prosperierende Plantage aufzubauen. (Später fühlte er sich durch seine swedenborgianischen Überzeugungen dazu angehalten, seine Sklaven freizulassen.) Glen war Mitglied der Londoner Gesellschaft der Neuen Kirche und ein begeisterter Unterstützer von Swedenborgs Anschauungen. Er reiste 1784 nach Philadelphia, um dort eine neue Bewegung der Neuen Kirche zu begründen. Er schaltete hierzu in der Pennsylvania Gazette eine Notiz und bewarb darin einen Vortrag, den er in einer lokalen Buchhandlung über Swedenborgs Ideen halten wollte. Der Vortrag war ein Erfolg und zog bedeutendes Interesse in der gebildeten Klasse Philadelphias an. Glen hielt mehrere weitere Vorträge, vermehrte das Interesse für Swedenborgs Überlegungen vor Ort und entschloss sich zu einer Vortragsreise, auf der er nach Boston und in andere Gegenden von Pennsylvania, Virginia und Kentucky reiste. Viele zukünftige Führer der Neuen Kirche in Nordamerika waren bei diesen ersten Vorträgen anwesend.147

Kurz nachdem Glen wieder in seine Heimat Südamerika zurückgekehrt war, kam eine Schiffsladung mit englischen Übersetzungen von Swedenborgs Büchern in Philadelphia an, die von London auf Vermittlung Robert Hindmarshs geschickt worden war. Ein Lesezirkel, der sich bald mit enthusiastischen Konvertiten in der Stadt gebildet hatte, traf sich regelmäßig. Zu dieser Gruppe gehörte eine Reihe gut ausgebildeter Personen, darunter auch Francis Bailey, ein Drucker aus Pennsylvania. Er war der Herausgeber des Freeman’s Journal und Freund eines anderen Druckers aus Philadelphia, Benjamin Franklin. Die Swedenborgianer in Philadelphia beschlossen, der beste Weg, Swedenborgs Ideen zu verbreiten, sei derjenige der Publikation. 1787 begann Bailey damit, englische Übersetzungen von Swedenborgs Schriften zusammen mit John Clowes’ Buch, das Swedenborgs Anschauungen darstellte (Ein zusammenfassender Blick auf die himmlischen Lehren) zu verbreiten. Er brachte den ersten Band der Wahren christlichen Religion heraus, gedruckt für diejenigen, die ihn per Subskription unterstützten. Einer davon war Benjamin Franklin. Zwei andere Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung waren ebenfalls Subskribenten: Robert Morris und Thomas McKean. Bailey folgten weitere enthusiastische Drucker, die Swedenborgs Schriften über das Land verbreiteten. Ein reicher Kaufmann aus Philadelphia gründete zur Unterstützung einen Buchladen, um Swedenborgs Werke abzugeben und pflegte sie beim Verkauf seiner Stoffballen innerhalb des Landes und nach Übersee148 an seine Kunden kostenlos mitzuschicken.

1826 hatte sich die Gesellschaft in Philadelphia zu einer Kirche entwickelt, die ihren ersten Kirchenbau errichtete. Die Versammlung in Philadelphia verbreitete entsprechend der Tradition von Hindmarsh und der Londoner Gesellschaft die neue Lehre schnell weit und breit in Neuengland, in den mittleren Staaten am Atlantik und in westlicher Richtung über die Appalachen. Die Gruppe in Philadelphia bildete eine heterogene Mischung aus Presbyterianern, Quäkern und Hugenotten. Als andere Gesellschaften sprossen, hatte jede ihren eigenen Charakter und Hintergrund. Einige Mitglieder brachten lutherische, presbyterianische oder römisch-katholische Einflüsse mit, andere waren vorwiegend baptistisch geprägt und wieder andere episkopal oder methodistisch. Weitere englische Vertreter der Neuen Kirche, sowohl von der separatistischen als auch der nicht-separatistischen Bewegung, kamen im amerikanischen Nordosten an und trugen zu weiteren neuen Versammlungen bei, allen voran in Boston und New York.149

Wie andere junge Bewegungen war auch die swedenborgianische eine eklektische Mischung unterschiedlichster Menschen. Einige bildeten parallele Überlegungen und Aktivitäten aus, andere bewegten sich in sehr verschiedene Richtungen. Das Sprichwort, dass ‚Swedenborg für viele Leute vieles bedeutete’, hat sich immer wieder und an vielen Orten als wahr erwiesen. Die Swedenborgianer in England waren komplexer als der bloße Gegensatz von Separatisten und Nicht-Separatisten. Obwohl die Fraktionen klein waren, verfügten sie doch schon bald über eigene Untergruppen. Während die Differenzen in Hindmarshs Londoner Gruppe überwunden wurden und sich ein fairer Umfang in Einheit ausbildete, entwickelten sich die Ideen der Gruppe in Manchester in sehr verschiedene Richtungen. Einige hielten sich ebenso eng an Swedenborgs Anschauungen, wie es die Londoner Gruppe tat. Andere versuchten sich im Magnetismus und anderen populären Methoden und mischten diese mit der Lehre Swedenborgs. Eine dieser Bewegungen spaltete sich ab, was 1791 zu einem Schisma führte. Diese radikale neue Bewegung entstand in Clowes’ Gesellschaft. Sie wurde von einem Vikar von Clowes geleitet, dem Reverend William Cowherd. Entgegen Clowes’ Bitten, doch innerhalb der bestehenden Kirche zu verbleiben, verließ Cowherd mit seinen Anhängern die Neue Kirche, um seine eigene Version des Swedenborgianismus zu fördern, die Vegetarismus, gänzliche Alkoholabstinenz und andere Ideen enthielt, die im Konflikt zu den Anschauungen Swedenborgs standen (Swedenborgs Schriften schreiben weder Vegetarismus noch Alkoholabstinenz vor). Diese Fraktion spaltete sich schließlich vom bestehenden Swedenborgianismus ab und wählte den Namen ‚Bibelchristen’ als Eigenbezeichnung. Wahrscheinlich bestand die häretischste Anschauung Cowherds aus der Sicht der Swedenborgianer in der Ansicht, dass die Bibel weitere verborgene Wahrheiten enthalte, die nicht von Swedenborg entdeckt worden seien, die Cowherd aber für die Bibelchristen erschloss und es ihnen so ermöglichte, eine neue Lehre zu entwickeln.150

Ebenso wirkte der Swedenborgianismus auf viele Menschen, die an keine bekannte swedenborgianische Gruppe gebunden waren. Dies geschah oft durch künstlerische und literarische Einflüsse. Solche freien Denker halfen dabei, Swedenborgs Lehren in unterschiedlicher Ausprägung zu verbreiten, wobei auch sie gelegentlich seine Ideen mit denen anderer vermischten. Als Beispiele aus England lassen sich etwa William Blake und Samuel Taylor Coleridge nennen. Sie lasen und erörterten Swedenborgs Bücher. Dabei reklamierten sie das Recht, mit einigen seiner Anschauungen nicht übereinzustimmen, aber sie bauten viele von Swedenborgs Konzepten und Paradigmen in ihr eigenes Denken, in ihr Werk und ihren eigenen Einfluss ein.151

Solche Muster eines swedenborgianischen Einflusses setzten sich fort und traten erneut auf, als Swedenborgs Anschauungen sich nach Nordamerika verbreiteten. Es bestand weiter eine institutionelle separatistische Neue Kirche, die aus Mitgliedern bestand, die Swedenborgs Ideen eng anhingen. Sie betrachteten diese als bedeutender als andere. Manche gingen gar davon aus, dass seine theologischen Werke das Alte und Neue Testament der Bibel erklärten und gleiche Autorität wie diese besäßen. Der nicht-separatistische Impuls bildete daneben weiterhin einen bedeutenden Einfluss der Ideen Swedenborgs innerhalb anderer kirchlicher Traditionen und Gemeinschaften und bei Geistlichen, insofern sie diese Konzepte in ihren eigenen Zusammenhängen annahmen und anpassten. Die Ausprägung hierbei unterschied sich zwischen Quäkern, kongregationalistischen und universalistischen Gruppen stark. Einige Quäker und universalistische Kirchen sind seit 1848 im Wesentlich swedenborgianisch geworden.152

Ebenso gab es außerhalb der kirchlichen Traditionen stehende Menschen, die begeisterte Swedenborgianer wurden, sowie andere freie Denker, welche die obigen Unterschiede verwischten und dennoch eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Swedenborgs Anschauungen spielten. Diese Strömungen lassen sich etwa durch die Klassifikation in Separatisten, Nicht-Separatisten und Kirchenungebundene einordnen.153

Der Begriff ‚swedenborgianisch’ kann problematisch sein. Genauso, wie Swedenborg für viele Menschen vieles sein konnte, umfasst auch der Begriff ‚swedenborgianisch’ viele recht verschiedene Bedeutungen und Bezüge. Einige Autoren benutzten den Begriff, um sich auf die Anhänger der formalen separatistischen Versammlungen der Neuen Kirche zu beziehen, mithin Mitglieder der organisierten und institutionalisierten Neuen Kirche. Andere wendeten den Begriff auf diejenigen an, die weiter in ihren kirchlichen Traditionen verblieben, dabei Swedenborgs Ideen studierten und sie verbreiteten, so wie die Nicht-Separatisten (in vielen Ländern).

Eine weitere Gruppe bildete diejenige, die Scott Trego Swank als ‚Freie Geister’ bezeichnete. Bei diesen Swedenborgianern handelte es ich um Menschen, die in Swedenborgs Schriften sehr belesen waren, oft selbst Wissenschaftler und Geistliche, und die in dem einen oder anderen Punkt mit der organisierten Neuen Kirche nicht übereinstimmten. Die Gründe schwankten zwischen Kritik an einer organisierten Priesterschaft und theologischen Gründen, insofern sie weitere Ideen aufgefasst und integriert hatten, die von außerhalb des Swedenborgianismus kamen, wie etwa vom Magnetismus. Im Allgemeinen waren swedenborgianische ‚Freie Geister’ gegen Gruppenbildung, aber obgleich ihrer antiinstitutionellen Einstellung doch auch mit der Neuen Kirche verbunden. Wie Swank notierte, war ein entscheidendes Thema der Freien Geister die Neigung zum Schreiben, Herausgeben und Veröffentlichen von Zeitschriften, Broschüren und Büchern. In den 1840ern bis 1860ern war diese Eigenschaft der Freien Geister am offensichtlichsten.154

Eine letzte Gruppe von Swedenborgianern setzte sich aus Begeisterten von Swedenborgs Anschauungen zusammen, die an überhaupt keiner kirchlichen Organisation teil hatten. Diese nicht-konfessionellen Menschen wurden vom Historiker Robert C. Fuller als ‚kirchenfern’ bezeichnet. Er verstand Kirchenferne in Nordamerika als solche Menschen, die sich selbst persönlich als stark spirituell einstuften, aber keiner besonderen kirchlichen Gruppe angehörten. Während des 19. Jahrhunderts gab es viele kirchenferne Swedenborgianer. Dabei handelte es sich naturgemäß um eine eklektische Gruppe, die Swedenborgs Ideen in unterschiedlichem Grade aufnahm und dabei zwischen gründlichem Studium und umfassender Anwendung einerseits, gelegentlichem oder sehr begrenztem Gebrauch einiger weniger Konzepte unter Ausschluss des Restes andererseits oszillierte. Viele vermischten Swedenborgs Überlegungen in hohem Maße mit anderen Ideen. Einige dieser Personen vertraten auch sehr bunte Konzepte und bezeichneten noch solche Ansichten als swedenborgianisch, die doch tatsächlich im Widerspruch zu Swedenborgs Lehren standen. Dennoch wurden sie in einigen Geschichtsbüchern unter dem Begriff ‚swedenborgianisch’ geführt.155

Aus historischer Sicht stellt sich die Situation noch um einiges verwirrender dar. Viele Personen aus diesen identifizierbaren swedenborgianischen Strömungen (Separatisten, Nicht-Separatisten, freie Geister und Kirchenferne) interagierten und beeinflussten sich wechselseitig ebenso, wie sie auf die allgemeine Öffentlichkeit einwirkten. Die Leser seien bei der Erforschung der Geschichte des Swedenborgianismus also gewarnt: Der Begriff ‚Swedenborgianer’ wird in sehr breitem Kontext verwendet und auf eine heterogene Mischung von Personen bezogen, die verschiedenste Anschauungen und Aktivitäten repräsentieren. Die Schriften Swedenborgs umfassten einen derart weiten Skopus von Ideen, darunter in den Bereichen Wissenschaft, Philosophie, Kosmologie und allen Aspekten der Religion, dass es durchaus nachvollziehbar ist, wieso sein Werk ‚vieles für viele Geister’ wurde. Nicht zuletzt im Nordamerika des 19. Jahrhunderts war das der Fall.156

Ein Beispiel für den Austausch zwischen verschiedenen Gruppen fällt etwa ins Philadelphia des Jahres 1817. Die Neue Kirche in Philadelphia folgte dem separatistischen Pfad, der von Hindmarsh und der Londoner Gesellschaft begründet worden war und stand über Jahrzehnte mit Hindmarsh in Kontakt. Diese Gruppe in Philadelphia war nicht besonders glücklich, als eine Gruppe von 41 Bibelchristen unter Führung von Reverend William Metcalf, dem Nachfolger von Reverend William Cowherd aus dem nahen Manchester eintraf. Diese liberale Gruppe überlebte und wuchs unabhängig von der eher konservativen Neuen Kirche in Philadelphia. Metcalf lehrte den spirituellen Wert des Vegetarismus und der Abstinenz und schrieb ausführlich darüber. Schließlich wurde er in der Mäßigungsbewegung aktiv und ein homöopathischer Arzt sowie Gründungspräsident der Nordamerikanischen Vegetarischen Gesellschaft. Die Bibelchristen waren stärker als die Mitglieder der Neuen Kirche sozial aktiv. Sie unterstützten aktiv die Abschaffung des Kriegs, der Todesstrafe und der Sklaverei.157

Die Neue Kirche begann in den kultivierten Städten des Ostens, wo sie vor allem Intellektuelle ansprach. Diese Gemeinschaften bestanden hauptsächlich aus berufsbezogenen Gruppen wie Geistlichen, Ärzten, Lehrern, Rechtsanwälten und Literaten. Swedenborgs philosophischer Ansatz, seine übergreifende Kosmologie, seine der Wissenschaft entnommenen Veranschaulichungen (insbesondere aus der Anatomie) sowie seine menschenfreundliche und rationale Theologie mit der Betonung des persönlichen geistigen Wachsens und sein Bruch mit der Orthodoxie der ‚alten’ christlichen Kirchen erschien diesen Menschen als der Beginn eines neuen und aufgeklärten Zeitalters. Zudem waren viele seiner Schriften in lateinischer Sprache verfügbar, die viele gebildete Menschen aus diesen Berufen ohne Weiteres lesen konnten.158

In den 1820ern bestanden mehrere bedeutende Zentren eines institutionellen Swedenborgianismus in Nordamerika, insbesondere in Baltimore, Boston, Philadelphia und New York. Es existierten aber auch Gruppen weiter im Westen, etwa in Cincinnati. Im folgenden Jahrzehnt sollte sich in Chicago ein starkes Aktivitätszentrum der Neuen Kirche entwickeln. Obgleich es stets starke Bemühungen gegeben hatte, Swedenborgs Schriften zu veröffentlichen und auf dem Wege des gedruckten Wortes zu verbreiten, kam es in den 1820ern zu einer besonderen Anstrengung, seine Lehren nach Westen zu verbreiten. Geistliche wurden zu diesem Zweck nach Ohio, Indiana, Illinois, Missouri, Tennessee, Kentucky und West Virginia entsandt. Sie hatten Erfolg und bald hielt eine ‚Westliche Gemeinschaft der Kirche des neuen Jerusalem’ regelmäßige Treffen ab, um Gesellschaften in diesen Staaten zu unterstützen. Im Zusammenhang mit dieser Bewegung nach Westen nahm die Neue Kirche einen stärker evangelikalen und emotionalen Ton an, doch sie gründete noch immer auf derselben Lehrbasis wie die intellektuellere Neue Kirche der Oststaaten. Die grundlegenden Lehren blieben gewahrt. Die Neue Kirche dieser Zeit hielt auch an ihrem Schwerpunkt, der Veröffentlichung von Swedenborgs Schriften, fest. In den 1820ern war De coelo et ejus mirabilibus ein amerikanischer Bestseller, der im Blick auf Popularität und Verkaufszahlen mit James Fenimore Cooper und Walter Scott konkurrierte.159

Es gab einen unabhängigen Missionar der Neuen Kirche, ohne den keine Erörterung der Ausbreitung der Neuen Kirche nach Westen auskommen kann: Johnny Appleseed. Johnny Appleseed wurde als Jonathan Chapman 1775 in Boston geboren. Er entschloss sich zu einem Leben als wandernder Saatguthändler und brachte Apfelbäume zu den Grenzen Ohios und weiter in den Westen. Seine Apfelsamen bekam er von den Apfelpressen im Westen Pennsylvanias und er pflanzte sie in fruchtbaren, umfriedeten Flecken in den Grenzgegenden an. Später brachte er die kleinen Pflanzen direkt zu den Farmen der Siedler, verkaufte sie an diejenigen, die bezahlen konnten, und verschenkte sie an diejenigen, die es nicht konnten. Überraschenderweise machte er gute Geschäfte und hatte stets Geld für diejenigen, die in Not waren. Ein weiteres Projekt bestand darin, Pferde zu retten, die ermüdet und von den Pionieren auf ihrem schwierigen Weg nach Westen zurückgelassen worden waren. Er sammelte die Pferde in Einpferchungen in der Nähe ärmerer Siedlungen und bezahlte die Siedler dafür, dass sie die Pferde während seiner Abwesenheit pflegten. Er reiste im Kanu und auf Pferden, doch meistens ging er zu Fuß, oft ohne Schuhe. Anstelle eines Hutes trug er eine Blechpfanne und er hatte immer eine Ledertasche voll Apfelsamen bei sich. Die Siedler waren sich nicht sicher, was sie mit diesem schrägen Vogel anfangen sollten, die Kinder liebten ihn und die amerikanischen Ureinwohner verehrten ihn als einen mächtigen Medizinmann. Er liebte alle lebendigen Geschöpfe und war strenger Vegetarier. Unter dem Namen Johnny Appleseed wurde er weithin bekannt.160

Johnny Appleseed transportierte aber auch Setzlinge anderer Art. Stets hatte er Abschnitte aus Swedenborgs Schriften bei sich, die er an Familien im Grenzland verteilte. Richter Young aus Greensburg versorgte ihn mit Büchern für seine Missionsarbeit. Chapman teilte die Bücher in Kapitel, die er zu Broschüren heftete. Er trug sie auf seinen Wegen durch die Wildnis in seiner Ledertasche zusammen mit Saatpflanzen, wie eine ‚menschliche zirkulierende Bibliothek’. Er hinterließ Kapitel bei verschiedenen Holzhäusern, wenn er unterwegs war. Bei der Rückkehr sammelte er sie wieder ein und die Zirkulation ging weiter. Es war zweifellos eine unorthodoxe Methode, Swedenborgs Ideen zu verbreiten, und es war auf diese Weise auch eher schwierig, ein Buch von Kapitel zu Kapitel zu lesen. Er predigte und sprach zudem abends am Lagerplatz zu faszinierten Gruppen. Viele Familien des Grenzlands kamen so durch Johnny Appleseed in Kontakt mit Swedenborgs Gedanken und später auch mit der organisierten Neuen Kirche, deren Mitglieder sie häufig wurden, sobald sie sich in der Gegend entfaltete. Nachdem Ohio besiedelt war, zog Appleseed weiter nach Indiana, stets an der Spitze der Siedler. Er mochte es, über Swedenborgs Ideen vor jedermann zu predigen: von amerikanischen Ureinwohnern bis zu protestantischen Predigern. Er setzte seine Wanderarbeit bis zu seinem Tod mit 72 Jahren fort.161

In den 1830ern und 1840ern waren in den größeren Städten und auch in vielen kleineren Städten Gemeinschaften der Neuen Kirche bereits fest etabliert. Obgleich keine großen Gruppen, zogen sie doch immer wieder gut ausgebildete Anhänger an, die Swedenborgs Schriften ihrerseits kraftvoll verbreiteten und englische Übersetzungen verfügbar machten. Die primären institutionellen Zentren lagen dabei in Boston, Philadelphia, New York, Chicago, Cincinnati und Detroit, dazu kamen weitere, kleinere Gemeinschaften, die über die Oststaaten und den Mittleren Westen verbreitet waren. Obgleich es auch im Südosten in vielen Gegenden ein stärkeres Interesse an Swedenborg gab, entstanden dort keine organisierten Versammlungen und Gemeinschaften der Neuen Kirche.162

Mitte der 1840 er bestanden etablierte Gemeinschaften der Neuen Kirche im Osten und im Mittleren Westen Nordamerikas. Obgleich sie nicht groß genug waren, um die größeren Gruppen zu bedrohen, wuchs die Neue Kirche während der ersten vier Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Sie zog eine Reihe begabter Führungspersonen an, Menschen mit Talent, Ausdauer und Mitteln. Eine ihrer Hauptaufgaben bestand in der Verbreitung der Schriften Emanuel Swedenborgs. Dieses Ziel erreichten sie und sie verteilten seine Schriften über das Land, veröffentlichten weit verbreitete, periodisch erscheinende Zeitschriften und beeinflussten dadurch auch viele Menschen weit außerhalb der eigenen Gemeinschaften.163

5. EMERSON, DIE TRANSZENDENTALISTEN UND SWEDENBORG

Boston etablierte sich als ein Zentrum der Neuen Kirche, obwohl diese dort später als an anderen Orten entstanden war, denn obgleich es schon zuvor Interesse gegeben hatte, existierte die Bostoner Neue Kirche erst seit 1816, als sie mit der Familie Worcester begann. Das Haupt der Familie, Noah Worcester, DD, war ein Geistlicher der kongregationalistischen Kirche, und fiel dadurch auf, dass er die calvinistische Auffassung der Trinität ablehnte. Er war unabhängig im Denken und gab dies an seine Söhne weiter, die sich mit der Zeit zu Führungspersonen der Neuen Kirche in Neuengland entwickelten. Der ältere Bruder Samuel entdeckte die Lehren Swedenborgs 1815. Er hörte, dass Exemplare von Arcana Coelestia angeblich dem Harvard College übergeben worden waren, erzählte seinem dort studierenden jüngeren Bruder Thomas von den Büchern und reizte damit dessen Neugier, sich auf die Suche nach ihnen zu begeben. Thomas fand die Bücher in einem verstaubten Winkel. Er arbeitete sich durch die lateinischen Bände, wurde rasch zu einem begeisterten Student Swedenborgs und begründete schon bald darauf gemeinsam mit anderen interessierten Studenten, die ebenfalls eifriges Interesse an Swedenborgs Anschauungen entwickelten, eine Gruppe. Sie wurde vom College unterstützt, auch wenn die Mittel begrenzt waren, da es noch weitere Gruppen am College gab. Während Thomas in Harvard die Neugier schürte, begründete Samuel indes eine Gruppe der swedenborgianischen Neuen Kirche in Boston.164

Sampson Reed war ein wissensdurstiger Student der Harvard Divinity School und ein Kommilitone von Thomas Worcester. Er war der Sohn eines örtlichen unitarischen Geistlichen, der in Harvard einen Abschluss machen und selbst Geistlicher werden wollte. Als regelmäßiges Mitglied der Swedenborg-Studiengruppe in Harvard wurde er zugleich Gründungsmitglied der Bostoner swedenborgianischen Gemeinschaft. Worcester graduierte 1818 zusammen mit Reed und beide schrieben sich unmittelbar darauf an der theologischen Schule ein. Während Worcester dabei blieb und seinen Kurs beendete, schlug Reed einen anderen Weg ein. Er erkannte, dass es schwierig werden würde, mit seinen swedenborgianischen Überzeugungen als Geistlicher bei den örtlichen Versammlungen akzeptiert zu werden. Daher wechselte er die Studienrichtung, erwarb ebenfalls in Harvard einen Master of Arts und wurde Apotheker. Dennoch blieb er eine kraftvolle Stimme in der Gegend, sprach und schrieb über swedenborgianische Themen, arbeitete als Herausgeber des New Jerusalem Magazine und außerdem half er später dabei, die Zeitschrift The Swedenborg Messenger zu etablieren.165

Anlässlich seiner Abschlussfeier hielt er 1821 einen Vortrag mit dem Titel Rede über den Genius. Er sprach über swedenborgianische Themen, erkannte in der Liebe das wirkliche Leben des Menschen. Das geistige Wachsen des Individuums schließe eine Überwindung der Selbstbezogenheit ein und die Einschätzung, dass alle Wahrheit vom Herrn komme.

Er fuhr fort, die Wissenschaft zu beschreiben, deren festgelegte Gesetze Teil der Natur seien und von Gott stammten. Er stellte fest, dass nur dann, wenn das Herz von aller Selbstbezogenheit und Weltverhaftung gereinigt sei, der wahre Genius des Verstandes herabsteigen werde, um sich mit dem natürlichen Teil zu vereinigen. Und nur dann könne ein neues Zeitalter der Wissenschaft und des Geistes beginnen. An diesem Tag saß Ralph Waldo Emerson im Publikum; er erhielt seinen Bachelor of Arts und nahm als Klassendichter an derselben Zeremonie teil. Emerson war erstaunt. Er empfand, dass diese Rede eine der bedeutendsten sei, die er jemals gehört habe. Er beschrieb sie als ‚ursprünglich golden’. Er beschaffte sich umgehend eine Abschrift der Rede (von seinem Bruder, der Klassenkamerad von Reed war), die er wie einen Schatz betrachtete, auf die er sich oft in seinen Zeitschriften bezog und die er sogar in seiner Familie verbreitete. Reed sollte später ein Buch schreiben, welches auf dieser Rede aufbaute und 1826 als The Growth of the Mind veröffentlicht wurde.166 Emerson und Reed wurden persönlich miteinander bekannt und er las Reeds Essays, Artikel und insbesondere das Buch The Growth of the Mind. Emerson bejubelte das Buch als ‚Offenbarung’, was ihn 1827 dazu veranlasste, Sampson Reed als einen der ersten amerikanischen Vertreter des Transzendentalismus zu bezeichnen. Er las ferner Sampsons Artikel im Swedenborgian Messenger und erörterte persönlich mit ihm weitere Gedanken. Emerson lernte während dieser Zeit zudem Thomas Worcester und andere Swedenborgianer wie Reverend Dr. Artemas Stebbins kennen. Emerson führte selbst wiederum andere in Swedenborgs Schriften ein, darunter den zukünftigen Übersetzer und Gelehrten Dr. J. J. Wilkinson, der Swedenborgs wissenschaftliche Werke, darunter Regnum animale, später ins Englische übersetzen sollte. Über Wilkinson wurde ferner Henry James der Ältere mit Swedenborgs Werkes bekannt. Letzterer wurde in seinem ganz eigenen freigeistlichen Stil zu einem begeisterten Unterstützer Swedenborgs. Und er sollte Wilkinsons Übersetzungen als enger Freund Emersons unterstützen.167

Emerson machte ebenfalls seinen Abschluss an der Harvard Divinity School und wirkte für kurze Zeit als Geistlicher der unitarischen Kirche. Schon bald wurde ihm aber die Arbeit innerhalb der Grenzen einer organisierten Religion zu unbequem.168

1836 veröffentlichte Emerson sein erstes Buch mit dem Titel Nature, ein Buch, mit dem er ein Feuer religiöser Einbildungskraft bei seinen Zeitgenossen entfachte. Als dieses Buch gerade erschienen war, dachten viele, es sei ein swedenborgianisches Buch. Tatsächlich handelte es sich um Emersons Manifest des Transzendentalismus. Emerson rebellierte darin sowohl gegen den wissenschaftlichen Materialismus als auch gegen die auf die Bibel gegründete Religion seiner Tage. Seine Vision transzendierte die Orthodoxie. Er erkannte die Gegenwart Gottes in der Welt, nicht im Gegensatz zur Wissenschaft, sondern in einem erheblich weiteren Kontext als ihn die Wissenschaft erfassen konnte. Er erkannte die Heiligkeit der Natur und schrieb, dass der selbstlose Aufenthalt in der Natur die Wahrnehmung der Ströme des universalen Seins ermöglichen könne, die durch diese Welt flössen. Emerson zufolge sei der höchste Gebrauch der Natur die Offenlegung der verborgenen Energien der Seele, welche die Menschheit von ihrer Selbstliebe befreiten – das war sein Hauptthema. Er betrachtete die organisierte christliche Religion als unnütz und meinte, dass das moderne Christentum zu einer Störung in der Beziehung zwischen den Individuen und ihrem Schöpfer geworden sei und den spirituellen Aspekt blockiere, der in jedem Einzelnen und allen angelegt sei. Die organisierte Religion beiseite lassend stellte er eine neue, deutlich davon abweichende, amerikanische kirchenferne Spiritualität vor, eine metaphysische Bewegung, die viele gebildete Menschen im Neuengland des 19. Jahrhundert und schließlich im ganzen Land ansprach.169

Obgleich Emerson freimütig seine Bewunderung für Reed und Swedenborg erklärte, änderte sich seine Beziehung zu Swedenborgs Gedanken mit der Zeit. Auch wenn er stets eine enorme Bewunderung für die Weite und Tiefe seiner Ideen hegte und Swedenborgs Konzepte wie jene von Entsprechungen und Einströmen in seinem ganzen Leben weiter verwendete, betrachte er Swedenborg als inspiriert, doch nicht in der Weise, wie ihn Reed und die Neue Kirche sahen. Emerson trug von 1837 bis 1850 öffentlich über Swedenborg vor, und er schrieb einen bedeutenden Essay über ihn. 1850 fasste er seine öffentlichen Kommentare und Meinungen zu Swedenborg und dessen Ideen zusammen. Er hielt Kontakt zu anderen Swedenborgianern, darunter dem unabhängigen Freigeist Henry James der Ältere, der über mehrere Jahre ein begeisterter Unterstützer Swedenborgs war, obgleich er sich oft mit den orthodoxen, kirchenbezogenen Swedenborgianern im Streit befand. James half dabei, swedenborgianische Ideen innerhalb der wachsenden transzendentalistischen Bewegung durch seinen Kontakt zu Henry David Thoreau, Margeret Fuller und Theodore Parker zu verstärken. Viele andere Transzendentalisten waren im Hinblick auf Swedenborgs Anschauungen ebenfalls sehr belesen und durch sie beeinflusst, darunter etwa Bronson Alcott, James Freeman Clarke, James Elliot Cabot, Frederick Henry Hedge, Julia Ward Howe und Lydia Marie Child.170

Emerson hatte gemischte Gefühle bezüglich Swedenborg. Obwohl er ihn als einen der größten Geister ansah, die jemals gelebt hätten, und vieles im Hinblick auf dessen Philosophie und Kosmologie akzeptierte, konnte er Swedenborgs gesamte Theologie als solche dennoch nicht übernehmen.

1850 verfasste er Representative Men, Seven Lectures – einen Tribut an die Menschen, von denen er meinte, dass sie die bedeutendsten waren, die jemals gelebt hätten. Darin schrieb er auch ein langes Kapitel über Swedenborg. Emerson sah in der Moderne niemanden, der es Swedenborg gleich tun könne, und meinte, dass seine Ideen sich „[…] in den Verstand Tausender […]” verbreitet hätten. Er beschrieb Swedenborg als eine

„[…] gewaltige Seele, er liegt weit ab von seiner Zeit, von ihr unbegriffen und benötigte einen langen Zeitabstand, um verstanden zu werden.”171

Emerson bewunderte Swedenborgs wissenschaftliche und theologische Arbeiten und stellte fest, dass

„[…] The Economy of the Animal Kingdom eines jener Bücher darstellt, das bei erhaltener Würde des Denkens eine Ehre für das Menschengeschlecht […]” sei, 172 und weiter: „[…] The Animal Kingdom wurde zu dem hohen Zweck geschrieben, Wissenschaft und Seele, die lange voneinander entfremdet waren, wieder zusammenzubringen. Es behandelt den Zugang eines Anatomen zum Körper, wobei er den höchsten Stil der Poesie verwendet. Nichts vermag seine kühne und brillante Abhandlung bei einem derart trockenen und widerständigen Thema zu übertreffen.”173

Emerson akzeptierte viele von Swedenborgs theologischen Ideen und erkannte, dass Swedenborg sein eigenes Selbst zurückgestellt habe, um eine erheblich‚ feinsinnigere Wissenschaft’ zu betreiben, die Raum und Zeit überschreiten könne und sich in den Bereich des Geistes wage. Dabei habe er eine neue Religion in der Welt errichtet, die alle Hochschulen der gewöhnlichen Wissenschaften überböte. Emerson lobte Swedenborgs Konzepte der Anwendung, der Abfolge unterschiedener Grade, des Menschen als Mikrokosmos des Himmels, des geistigen Wachsens bzw. der Regeneration, der ethischen Gesetze des natürlichen und geistigen Universums, der Verbindung von Geistigem und Natürlichem in jedem einzelnen Menschen, die Verbindung von Seele und Körper sowie insbesondere die Lehren von Korrespondenz und Einströmen. Die Lehre der Korrespondenz erkläre die Interaktion zwischen geistiger und materieller Dimension des Lebens, wobei sie gleichzeitig zeige, auf welche Weise jedes Individuum einen Kern göttlicher Empfänglichkeit umfasse. Emerson stellte zudem Swedenborgs Erklärung des göttlichen Gesetzes heraus, welches das physische und geistige Universum durchdringe: Dabei glaubte er, dass das Studium der ordnenden Gesetze eines Teils des Universums dabei helfe, selbiges als Ganzes zu erfassen. Daraus entspringe wiederum Swedenborgs Konzept von Einströmen und Regeneration. Es bestehe ein beständiges, von Gott ausgehendes Einströmen, das durch den geistigen in den natürlichen Aspekt hinein verlaufe und das Leben erhalte. Sofern jemand stärker auf die geistige Realität durch einen Prozess geistigen Wachsens eingestimmt sei, entwickele sich eine innere Harmonie zwischen der Ebene des Individuums und der höheren geistigen Existenzebene. Die Konzepte der Korrespondenz und des Einströmens waren zentral für Emersons metaphysische Vision.174

Emerson beschrieb Swedenborg als einen ‚Gesetzgeber der Menschheit’. Er betrachtete ihn als den letzten legitimen Fackelträger der echten Religion innerhalb der christlichen Tradition.175

„Swedenborgs stilisiert sich selbst auf der Titelseite seiner Bücher als ‚Knecht des Herrn Jesus Christus’ und die Kraft seines Intellekts sowie seine Wirkung machen ihn zum letzten Kirchenvater – und es ist nicht wahrscheinlich, dass er einen Nachfolger haben wird. Kein Wunder, dass die Tiefe seiner ethischen Weisheit ihm als Lehrer Einfluss verschaffen sollte. Im Blick auf die vertrocknete traditionelle Kirche, die lediglich einen trockenen Katechismus einbringt, fügt er wieder die Natur hinzu – und der Ehrfürchtige ist überrascht, wieder ein Teil des Ganzen seiner Religion zu sein. Seine Religion denkt für ihn und ist allgemein anwendbar. Er betrachtet sie aus sämtlichen Blickwinkeln. Sie passt zu jedem Teil des Lebens, interpretiert und ehrt alle Umstände.”176

Auf der anderen Seite hatte Emerson jedoch auch Probleme mit Swedenborgs Lehren. Emerson konnte niemals die Auffassung akzeptieren, dass es eine oder mehrere Höllen gebe und er lehnte die Lehre ab, dass es diese den Himmeln gegenüber stünden. Emerson war demgegenüber davon überzeugt, dass die gesamte Menschheit sich in einem ständigen Zustand ewigen Fortschreitens befinde, und dass sich alles auf das Gute und Wahre hinbewege. Er konnte die Lehre nicht akzeptieren, dass ein Teil der Menschheit das Böse für die Ewigkeit wählen würde – und war daher überzeugt, dass es keine Hölle geben könne. In dieser Haltung nahm er die spiritistische Überzeugung vorweg, dass der Geist kontinuierlich fortschreite. Emerson spielte die Bedeutung der Aktivität der Engel herunter, insofern er sich ganz auf die Verbindung zwischen Gott und dem Individuum konzentrierte, wobei er Swedenborgs Botschaft betonte, dass man ‚Gott innen finden’ müsse. Er beschwerte sich ebenso vehement über Swedenborgs Stil und verglich diesen mit dem eines nicht besonders aufregenden wissenschaftlichen Vortrags, die der Darstellung höchst aufregender Einsichten in die Welt des Geistes und die innere Verfassung der Menschheit nicht entspreche.177

Emerson meinte, dass Swedenborg, wie er selbst, ein Interesse für den Weg einer neuen Spiritualität entzündet habe, welche die kodifizierten, leblosen Wege der ‚alten Kirche’ überschreite, und er sagte voraus, dass wirkliche und allgemeingültige Ideen ihre ersten Anhänger überschreiten und in den „[…] gemeinsamen Schatz der Weisen und rechtschaffend Denkenden […]” übergehen würden – in die Gesellschaft insgesamt.178

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Emerson Swedenborgs Philosophie, Wissenschaft, Kosmologie und viel von seiner Theologie bewunderte – aber keineswegs alles. Emerson akzeptierte Swedenborgs Konzepte der Unsterblichkeit der Seele und sein Modell der Interaktion von Seele und Körper, ebenso die Möglichkeit ewigen Fortschreitens des Geistes und die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen. Er wurde insbesondere durch Swedenborgs Konzepte der Korrespondenz und des Einströmens angezogen und schätzte auch Swedenborgs anatomische Werke, insbesondere seinen Versuch, die Verbindung von Seele und Körper zu erforschen. Dagegen lehnte er die Konzepte einer fixierten göttlichen Offenbarung und der Hölle ab. Letztlich konzentrierte sich Emerson auf die Rolle des Individuums, welche eine ihm eigene Suche nach spiritueller Wahrheit entwickele, wobei es zu tieferen Begegnungen mit dem eigenen inneren Selbst und der Natur, weniger aber mit dem christlichen Dogma komme.179

Im Allgemeinen lobte Emerson Swedenborg. Er bezog viele swedenborgianische Anschauungen in den Transzendentalismus mit ein und gab sie an die übrigen Mitgliedern der sich entwickelnden transzendentalistischen Bewegung weiter, die ihrerseits Swedenborgs Ideen begierig aufnahmen und ihren individuellen Zwecken anpassten.180

Die transzendentalistische Bewegung war eine spezifisch amerikanische metaphysische Bewegung, die im gesamten Land maßgeblich wirkte. Dadurch wurde nicht nur der Name Swedenborg bekannt, die amerikanische Kultur wurde auch mit swedenborgianischen Ideen durchtränkt. So schrieb der Historiker J. S. Judah:

„Der Einfluss von Emanuel Swedenborg darf als eine Quelle für die Saat des Idealismus nicht unterschätzt werden, die im Transzendentalismus und in den metaphysischen Bewegungen erblühte.”

Obgleich der Name Swedenborgs heute nicht so bekannt sein mag wie im frühen 19. Jahrhundert, hatten seine Anschauungen über die transzendentalistische Bewegung hinaus doch einen bedeutenden Einfluss auf die bis heute bestehende amerikanische Kultur.181 Das wird gut im folgenden Zitat beschrieben:

„Durch einen Prozess, der als Einbürgerung von Ideen bezeichnet werden kann, in dem bestimmte intellektuelle Einflüsse zu einem Teil des Flusses einer gemeinsamen Kultur geworden sind, überlebten sowohl das swedenborgianische als auch das transzendentalistische Denken, obgleich verborgen, als Fäden jenes Stoffes, welches das Volksbewusstsein Nordamerikas heute bestimmt.” 182

6. PHRENOLOGIE

Die Phrenologie war eine Bewegung, die in den 1820ern bis 1840ern über Nordamerika hinweg fegte und die Bühne für zukünftige Bewegungen bereitete, insbesondere für den Mesmerismus. Obgleich die Phrenologie selbst keine bedeutende Rolle im Swedenborgianismus und der Osteopathie spielte, so wirkte sie dennoch indirekt, indem sie einen Bruch mit der Vergangenheit und eine Plattform sowie ein Netzwerk für zukünftige Bewegungen bereitete, für den Mesmerismus, aber auch für das magnetische Heilen. Umgekehrt spielten der Mesmerismus und das magnetische Heilen insofern eine bedeutende Rolle, als sie mit swedenborgianischen Ideen kombiniert wurden und sich im Spiritismus, einer weiteren metaphysischen Bewegung, ausdrückten.

Die Theorie der Phrenologie wurde von dem deutschen Arzt, Franz Joseph Gall (1758 – 1818), entwickelt. Gall promovierte 1785 in Wien und unterhielt schon bald eine große und erfolgreiche Praxis. 1797 entwarf er eine Theorie zerebraler Lokalisationen und entwickelte ein Modell 37 unterschiedener Gehirnareale, die Charakter und Intellekt einer Person bestimmten. Sie trugen Bezeichnungen wie Wohlwollen, Verehrung, Selbstachtung und Idealität, Nervöses, Reizbares, Heiterkeit und Sprache. Gall fuhr fort, den Charakter eines Menschen methodisch zu analysieren, indem er die Schädelform in Bezug auf diese verschiedenen Bereiche betrachtete. Er lehrte zudem, dass die Fähigkeiten, die diesen Bereichen innewohnten, durch physische und mentale Übung, ferner durch Ernährung und Umgebung entwickelt und verbessert werden könnten.183

Gall verließ Wien 1802, nachdem die Regierung seine Ideen als umstürzlerisch verbot. Dabei wurde er von seinem Schüler und Kollegen Johann Gaspar Spurzheim (1776 – 1832) begleitet, der in den nächsten Jahren vortragend und lehrend durch Deutschland, die Schweiz und die Niederlande zog. Galls Ideen wurden sehr populär und 1807 ließen er und Spurzheim sich in Paris nieder. Dort veröffentlichte Gall zahlreiche Bände mit seinen Anschauungen. Beide führten anatomische Sektionen durch und erklärten ihre Sichtweise anderen Ärzten und Wissenschaftlern.

Der charismatische Spurzheim begann schließlich seine eigenen Schriften zu veröffentlichen und einige Konzepte Galls zu verändern, was zu Unstimmigkeiten zwischen den beiden Männern führte. Spurzheim prägte den Ausdruck ‚Phrenologie’ (Wissenschaft von den mentalen Zuständen), welchen der ihm methodisch vorangehende Gall ablehnte. Spurzheim beseitigte Galls Konzept der Gehirnbereiche, insoweit sie schlechte Funktionen beschrieben. Spurzheim war der Ansicht, dass die Menschen intrinsisch gut geschaffen seien und Böses sich ausschließlich durch Missbrauch der Fähigkeiten ergeben könne. Er sah die Vollendung der menschlichen Rasse durch die Anwendung der Wissenschaft der Phrenologie voraus, wobei er über Bildung, Strafsysteme und sogar Religion spekulierte. In dieser neuen Perspektive auf die Phrenologie konvergierten Wissenschaft und Religion und offenbarten die zugrunde liegenden Gesetze Gottes.184

Der umtriebige Spurzheim entwickelte missionarischen Eifer, um die frohe Botschaft der Phrenologie zu verbreiten. Er reiste nach Großbritannien und referierte 1814 – 1817 in England und Schottland, ehe er nach Paris zurückkehrte. Eines der bedeutendsten Ergebnisse war die Konversion eines jungen schottischen Anwalts mit Namen George Combe. Obgleich medizinisch ungebildet, warf Combe rasch seine calvinistische Erziehung ab und beschloss, sein Leben dem Studium und der Fortentwicklung der Phrenologie zu widmen. Er lernte Gehirne nach Spurzheims Anweisungen zu sezieren und gründete mit seinem Bruder Andrew eine begeisterte phrenologische Gemeinschaft in Edinburgh, die sehr erfolgreich war und über lange Zeit bestand. 1823 veröffentlichte diese Gruppe einen 500-seitigen Band und begann eine Zeitschrift zu phrenologischen Themen herauszugeben, welche 24 Jahre lang bestehen sollte. Die Schriften der Brüder Combe wirkten nachhaltig und beeinflussten sowohl medizinische als auch literarische Kreise. (Man kann sogar Spuren davon in den populären Schriften von Sir Arthur Conan Doyle und seinen Geschichten über Sherlock Holmes finden.) Spurzheim kehrte 1825 nach Großbritannien zurück und hielt Reden vor vollen Sälen. In den 1830ern existierten bereits zwölf phrenologische Gesellschaften und über 60 Veröffentlichungen zum Thema; eine der bekanntesten davon war The Constitution of Man aus dem Jahr 1828. Phrenologie wurde mehr als bloß eine medizinische Wissenschaft. Sie wurde zu einer Gesellschaftsphilosophie und eine populäre Bewegung.185

Die Phrenologie überquerte in den frühen 1820ern den Atlantik und schlug zunächst Wurzeln im medizinischen Berufsstand und in verschiedenen medizinischen Ausbildungsstätten, bevor sie in den gebildeten Klassen recht populär wurde. Die Werke der Combes verbreiteten sich ebenso schnell wie die ‚anspruchsvolleren’ Werke Galls und Spurzheims. Von engagierten Swedenborgianern in Boston aufs Neue publiziert, verbreitete sich insbesondere Combes The Constitution of Man sehr weit. Selbst Emerson schrieb eine wohlwollende Rezension über dieses führende phrenologische Buch.186 Obgleich sich die Phrenologie zunächst nur in den gebildeten medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen Nordamerikas verbreitete, transformierte sie bald zu einer populären Bewegung. Das wurde auch während einer Reise Spurzheims 1832 nach Neuengland verkündet. Der mittlerweile sehr angesehene Spurzheim wurde zur Abschlussfeier nach Yale eingeladen und machte dort großen Eindruck. Er wurde rasch der Liebling vieler Professoren und bald war auch die medizinische Profession Neuenglands gleichermaßen beeindruckt von seinen Gehirnsektionen und den entsprechenden Konzepten. Spurzheim reiste weiter nach Boston, wo er wiederum engagiert dozierte. Im großen Freimaurertempel des Harvard College in Cambridge hielt er insgesamt 18 öffentliche Vorträge, worauf eine Vortragsreihe über Gehirnanatomie bei der Bostoner Medizinischen Gesellschaft folgen sollte. Unglücklicherweise forderte diese Arbeit ihren Tribut. Während seines letzten Vortrags fiel Spurzheim einem Fieber zum Opfer und starb im November des gleichen Jahres, keine drei Monate nach seiner Ankunft in Nordamerika. Sein Begräbnis wurde zu einem großen öffentlichen Ereignis, bei dem die Glocken der Stadt läuteten. 3.000 Bürger marschierten zum Old South Meeting House, darunter die gesamte Medizinische Gesellschaft Bostons. Spurzheims Persönlichkeit, die Vorträge und sein dramatischer Tod entfachten umso stärker das amerikanische Interesses für die Phrenologie, die sich weiter als populäre Bewegung verbreiten sollte.187

In den folgenden zwölf Jahren wurde George Combe als der bedeutendste Phrenologe der Welt bekannt. 1838 begab er sich auf eine 18-monatige Vortragstour durch Nordamerika und sprach vor großen Auditorien in den meisten Städten an der Ostküste. Combe wurde als legitimer Träger der Mission Spurzheims anerkannt. Er war ein ausgezeichneter öffentlicher Redner und „[…] bewegte sich [ebenso] mit Leichtigkeit und Anmut in der besten Gesellschaft.” So war er schon bald mit politischen und intellektuellen Führungspersönlichkeiten, Philosophen und Schriftstellern sowie mit dem medizinischen Establishment freundschaftlich bekannt. Seine große Zuhörerschaft war gebildet, zu ihr gehörte die intellektuelle Elite des Landes. Seine Reden umfassten 16 zweistündige Erörterungen zu Psychologie und Anatomie, wozu vieles in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt wurde. Combe wurde auf seiner Vortragstour freundlich empfangen und so blühte die Phrenologie während dieser Zeit in Nordamerika auf und phrenologische Gesellschaften schossen im ganzen Land aus dem Boden.188

Die Phrenologie blieb aber nicht lange eine elitäre intellektuelle Bewegung. Ein Mann spielte bei ihrer Popularisierung eine bedeutendste Rolle: Orson Fowler. Fowler war 1833 Student der Lane Theological School in Massachusetts, als er sein Interesse an der Phrenologie entwickelte. Er begann über das Thema vorzutragen und bot seinen Studienkollegen Charakterbeurteilungen gegen Honorar. Er hielt weitere Reden in nahe gelegenen Städten und führte viele weitere Charakterbeurteilungen durch. Nach kurzer Überlegung entschloss sich Fowler, einen Wechsel des Berufsfeldes zu vollziehen, vom Geistlichen hin zum Phrenologen, und er überredete seinen Bruder Lorenzo Niles Fowler kurzerhand bei einer Vortragsreise im Nordosten mitzumachen. Damit brach er nicht nur mit der intellektuellen medizinischen Tradition von Gall, Spurzheim und Combe; es begann auch eine lebenslange Berufslaufbahn der Brüder Fowler, die sich durch Schreiben, Vorträge und honorierte Untersuchungen auszeichnete. Viele andere folgten ihrem Weg. Einige darunter waren gut ausgebildet, andere nicht und alle wurden sie Teil der Vortragsreisen –es war ein blühendes Geschäft. Der Historiker Davies beschreibt die Situation:189

„Während der 1830 er und 1840 er gab es wahrscheinlich kein Dorf im Land, das nicht mindestens einen Besuch eines wandernden praktischen Phrenologen erlebte. Es war eine ungewöhnliche Profession, die oft sehr lukrativ war. Sie war in Neuengland initiiert worden und wurde zuerst von Neuengländern dominiert. Mit anderen Worten: Es handelte sich um eine Kombination aus Yankee-Missionar und Yankee-Hausierer. Jedem, der es hören wollte, wurde anspornender Eifer präsentiert und ebenso nützliche Waren für alle, die kaufen wollten.” 190

Die populäre Bewegung der Phrenologie verlor viel von ihrer früheren wissenschaftlichen Konzentration und entwickelte sich bald zu einer erheblich schlichteren und unterhaltsamen Form populärer Vorträge über Phrenologie, mit Angeboten, die Köpfe von Freiwilligen aus dem Publikum einzuschätzen und ihren Charakter vorauszusagen und zu analysieren. Danach folgten einige Tage lang private Konsultationen gegen Honorar. Diese entwickelten sich bald zu einer Art von wissenschaftlichem Schicksalsgespräch.

Die Phrenologie-Vorträge der 1840 er durch die Brüder Fowler und die große Zahl derjenigen, die sich ihnen anschlossen, zogen ebenso große Zuhörerzahlen an, wie dies zuvor bei Spurzheim und Combe in den 1830ern der Fall gewesen war. Die spätere populäre Phrenologie-Bewegung erfasste Städte ebenso wie ländliche Gebiete und dehnte sich westwärts über das gesamte Land aus. Gleichwohl hatte sich der Charakter, wie bereits erwähnt, deutlich verändert: Sie war nun stark populistisch und unterhaltungsorientiert. Menschen aus allen Bildungs- und Gesellschaftsschichten nahmen daran teil, vom einfachen Landmann bis hin zum Städter, vom Professor bis zum Arbeiter, und so wurde die Phrenologie zu einem gängigen Verfahren in der amerikanischen Gesellschaft der 1840er. In jenen Zeiten war es en vogue, phrenologisch beurteilt zu werden.191

Zu jener Zeit spaltete sich die Phrenologie in zwei Richtungen: in die Wissenschaft und Philosophie von Gall und Spurzheim und in ihre praktische Anwendung bei den Charakterbeurteilungen Fowlers und anderer amerikanischer Phrenologen. Spurzheim hingegen hatte es abgelehnt, sich mit individueller Charakteranalyse zu befassen, ebenso Combe, der bestritt, etwas mit Fowler zu tun zu haben. Dennoch blühte der Fowler’sche Ansatz und wurde populärer als jener von Gall und Spurzheim. Um aber fair zu sein: Fowler schien wirklich zu glauben, dass sein praktischer Zugang die Popularität der Phrenologie befördere. Und diese wiederum würde das Fundament für eine dringend nötige Sozialreform legen, die ebenso nützlich wie lang andauernd sein würde. Unglücklicherweise – insofern die Bewegung ihren populistischen Weg für lange Zeit weiterging – nahmen die Differenzen unter den Praktikern zu. Deren mehr und mehr sinkende Qualität führte schließlich dazu, dass die Phrenologie als durchsetzt von Betrug und Täuschung wahrgenommen wurde.192

Orson und Lorenzo Fowler eröffneten 1835 ein Büro in New York City. Das Geschäft wuchs so schnell, dass sie ihre Schwester Charlotte hinzuholten, die später aus eigener Kraft ebenfalls zu einer sehr bekannten Phrenologin wurde. 1843 schloss sich ein Medizinstudent namens Samuel R. Wells dem Geschäft an, er heiratete im darauf folgenden Jahr Charlotte und wurde Geschäftspartner; der Geschäftsname wurde in Fowler & Wells geändert. Die Fowlers waren die ersten und blieben die führenden praktischen Phrenologen in Nordamerika. Ihr Geschäft blühte in den nächsten Jahrzehnten auf und avancierte zu einem Zentrum, was die Verbreitung und den Verkauf phrenologischer Materialien in den Vereinigten Staaten betraf: Bücher, Broschüren, Tabellen zur Aufzeichnung von Charakterbeurteilungen, Gipsköpfe berühmter Menschen, Skelette, Lehrhilfen aller Art – eigentlich alles, was ein Phrenologe zum Studium und zum Praktizieren seines Berufes gebrauchen konnte. Das Hauptbüro beheimatete ebenso ein berühmtes phrenologisches Kabinett, ein phrenologisches Museum, das Zehntausende von Besuchern aus New York und von anderswo anzog.193

1837 etablierten die Fowlers eine monatlich erscheinende Zeitschrift, das American Phrenological Journal. Obgleich die Veröffentlichung zunächst dem Modell der phrenologischen Zeitschriften in Edinburgh folgte, änderte sie bald ihre Richtung und konzentrierte sich auf Artikel, welche die Bedürfnisse der praktischen Phrenologen berücksichtigte. Wissenschaftliche Themen rückten gegenüber praktischen Untersuchungsmethoden in den Hintergrund. Das American Phrenological Journal wurde sehr erfolgreich und hatte 1847 eine Auflage von 20.000 Exemplaren, es war damit im Lande führend bei monatlichen Periodika. 1851 änderten Fowlers & Wells den Namen der Zeitschrift in American Phrenological Journal and Miscellany. Zur selben Zeit änderten sie auch das Format der Zeitschrift und brachten Artikel zu einer Vielzahl von Themen, die reformistische und aktuelle populäre Bewegungen ebenso wie die Phrenologie behandelten. Die Auflage stieg immer weiter und erreichte im folgenden Jahrzehnt den Spitzenwert von 50.000 Lesern monatlich.194

Obgleich die Theorie der Phrenologie auf einer materiellen Basis ruhte, prädestinierte dies nicht dazu, alles durch die Bestandteile des Gehirns zu offenbaren. Die Phrenologie lehrte darüber hinaus eine Form optimistischer Verhaltenspsychologie. Der phrenologischen Lehre zufolge vermochte ein Individuum seine Tugenden zu kultivieren und unerwünschte Tendenzen zu hemmen. Ebenso ließen sich diese durch die Lebensumstände eines Individuums beeinflussen. Auf diesen Ideen beruhte eine Sozialphilosophie, die insbesondere Reformer ansprach – auch wenn die Menschen eine Reihe ererbter individueller Tendenzen mit sich trügen, könnten diese verändert und verbessert werden. Die Phrenologie lehrte, dass der menschliche Verstand durch scheinbar alltägliche Sachverhalte wie körperliche Bewegung, angemessene Ernährung und Kleidung, gesunde Gewohnheiten und ein Leben an der frischen Luft beeinflusst werden könne. Die Phrenologie wurde zu einem Werkzeug, um Reformen zu befördern; dies galt allen voran für die Bereiche Bildung, Strafvollzug, Gesundheit, Literatur und Medizin.195

Die von der phrenologischen Bewegung geförderten Reformen waren sehr wirkungsreich, insbesondere im Bildungssektor. Die Phrenologie lehrte, dass Bildung von höchster Bedeutung sei, denn ein unerwünschter Bürger sei schlicht ein solcher, dessen mentale Organe nicht angemessen entwickelt worden seien. Vorsorge sei viel besser als Heilung. Und man nahm an, die beste Zeit, um diese Prinzipien anzuwenden, seien die prägenden Jahre des Schulbesuchs. Diese Anschauungen stimmten in wissenschaftlicher wie populärer Hinsicht mit der Phrenologie überein, und sie wurden von Spurzheim, Combe und Fowler unterstützt. Alle waren sie der Ansicht, der Verstand sei im Gehirn beheimatet. Und das Gehirn sei eng mit dem Rest des Körpers verbunden. Daher sei ein gesunder Körper integraler Bestandteil einer angemessenen mentalen Gesundheit. Folglich unterstützte die Phrenologie bildungsreformerische Vorschläge wie einen kürzeren Schultag, welcher durch mehr physische Bewegung und Spiel (insbesondere an der frischen Luft) angefüllt werden sollte, dazu wechselnde Themen, um Langeweile zu vermeiden. Anstelle von Abrichtung und strenger Konzentration auf ein Thema wie Latein sollten die Lehrer die Schüler mit Fragen und Antworten sowie weiteren Aktivitäten am Unterricht beteiligen, um weitere Funktionen des Gehirns zu verwenden, und dies immer im Zusammenhang mit Bewegung. Man ermutigte die Lehrer, die Stärken der Schüler zu berücksichtigen und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Aufgabe sei es, die Schüler besser zu verstehen, nicht bloß Verhalten zu bestrafen, welches nicht genau zum Status quo passe. Diese Anschauungen unterschieden sich deutlich von der zeitgenössischen Bildung.196

Die Beschreibung weiterer Reformbereiche würde den Rahmen des vorliegenden Buches sprengen. Daher muss es genügen, darauf hinzuweisen, dass es eine ausgiebige Reformliteratur gab, insbesondere zu den Themen Bildung, Kleidung (etwa gegen zu enge Kleidung bei Frauen, welche die Atmung behinderte), Strafvollzug, Gesundheit, Pflege von Geisteskranken und Medizin. Das American Phrenological Journal der Fowlers unterstützte dabei viele dieser reformistischen Themen. Die Zeitschrift publizierte zudem Ideen anderer populärer Bewegungen und wurde dadurch zu einer Quelle für die Verbreitung neuer Konzepte, etwa für die Kombination von Phrenologie und Mesmerismus, die als Phrenomagnetismus bezeichnet wurde. Die Zeitschrift fuhr fort, das Werk anderer bedeutender Führer metaphysischer Bewegungen zu vermitteln, wie etwa das von Phineas Parkhurst Quimby (dem einflussreichen Vorläufer der Neugeist-Bewegung) oder jenes von Davis (dem offiziellen Philosophen des frühen Spiritismus).197

Die Phrenologie der 1830 er und 1840 er war eine Mischung aus Psychologie und Philosophie mit einem Spritzer Wissenschaft. Sie verortete den Menschen in der Wissenschaft und behauptete, dass mentale Phänomene objektiv studiert und durch natürliche Ursachen erklärt werden könnten – zugleich aber auch, dass der Mensch sich verbessern könne. Sie unterstützte eine Gesellschaftsphilosophie voller Reformideen. Zum Ende der 1850 er erlebte die Phrenologie jedoch ihren Niedergang, als andere Bewegungen populärer und von der nachfolgenden Generation aufgegriffen wurden. Gleichwohl entwickelte sie während der 1830 er und 1840 er ein großes Netzwerk von Vortragenden und Praktikern sowie einen erfolgreichen Verlag. All dies diente als Plattform, um neue Ideen auf denselben Kanälen zu verbreiten. Dies galt insbesondere für zwei weitere interessante Bewegungen: den Mesmerismus und den Magnetismus.198

7. MESMERISMUS UND MAGNETISCHES HEILEN IN NORDAMERIKA

Nordamerika unterlag in der Mitte des 19. Jahrhunderts in vieler Hinsicht enormen Veränderungen. Von den 1830ern bis in die Zeit nach dem Bürgerkrieg vollzogen sich große kulturelle Umwälzungen, die durch Urbanisierung, rasche Industrialisierung und autonome intellektuelle Bestrebungen ausgelöst wurden. Die strenge religiöse Weltsicht der puritanischen Vorväter dominierte nicht länger über eine sich zunehmend säkularisierende Gesellschaft. Viele Nordamerikaner empfanden sich als orientierungslos dahintreibend, ohne Sinn innerhalb eines sich schnell verändernden Lebens. Die Medizin befand sich in schrecklicher Unordnung und verfügte über keine zusammenhängende Theorie; ihre Eingriffe führten oft zu mehr Unglück, als dass sie Hilfe erbrachten. Die Probleme, vor denen die Nordamerikaner des 19. Jahrhunderts standen, wurden weder von der Medizin noch von den zeitgenössisch dominierenden religiösen Lehren angesprochen. Es war eine Zeit, in der neue Ideen zur Erläuterung neuer Weltsichten gesucht wurden. Die Zeit war reif, um eine neue Psychologie auszuprobieren.

Der Mesmerismus erfüllte diese Bedürfnisse. Er bot eben diese neue Psychologie und darüber hinaus eine neue Form des Heilens in einer Zeit, da die Öffentlichkeit nach genau solchen Angeboten dürstete. Obgleich der Mesmerismus keine Religion war, wandelte er entlang der Grenze zwischen Religion und Wissenschaft, spielte verschiedene Rollen und befriedigte zugleich verschiedene Bedürfnisse. Er ebnete außerdem den Weg für eine kommende, noch größere Bewegung, zu deren Teil er dann wurde – für den Spiritismus. Dies geschah – wie später noch ausführlicher erläutert – auf verschiedene Arten und Weisen. Der Mesmerismus trug nicht nur direkt zum Spiritismus bei (in Form einer Mischung aus Mesmerismus und Swedenborgianismus), sondern er diente auch dazu, den Swedenborgianismus zu popularisieren. Der Historiker Whitney R. Cross notierte die Chronologie des öffentlichen Interesses wie folgt: „Mesmerismus führte zum Swedenborgianismus – und der Swedenborgianismus zum Spiritismus.”199

Der Begründer des Mesmerismus war Franz Anton Mesmer. Mesmer erhielt 1766 seinen medizinischen Doktortitel von der Universität Wien. Anfänglich war er in Analogie zu Newtons Theorie der Schwerkraft am Transfer der Energie himmlischer Körper an die menschliche Form interessiert. Dabei argumentierte er zugunsten einer universalen Kraft, die auch der planetarischen Schwerkraft zugrunde liege. Er bezeichnete sie als ‚animalische Schwerkraft’. Mit der Zeit wandelten sich allerdings seine Anschauungen und er begann, einen harmonischen Energietransfer von einem Körper zum anderen zu erkennen, wobei das Mentale diesen Transfer antreiben sollte.200

Mesmer wendete seine neuen Theorien in neuen Heilungsverfahren an, die er entwickelte. Sie umfassten Eisenspäne und Magnete. Zunächst ließ er einen Patienten eine Eisenlösung trinken und wendete dann Magnete an ihm an, um ihn zu therapieren.

Später ließ er die Magnete fort und setzte die Patienten in speziell eingerichtete Räume. Dabei saßen die Patienten um Bottiche herum, die Eisenspäne und ‚mesmerisiertes’ Wasser enthielten. Sie waren alle verbunden, indem sich ihre Hände mit Zeigefinger und Daumen berührten, um die vitale Energie fließen zu lassen. Mesmer hatte ein starkes Selbstbewusstsein. Er trat in violetten Roben auf, spielte sanfte Musik und übermittelte mit seinen Händen, seinem ‚kaiserlichen Auge’ und einem mesmerisierten Stab fluidale Energie an seine Patienten. Diese Erfahrung löste bei seinen Patienten häufig eine Heilungskrisis aus.201

Mesmer führte seine Leistungen nicht ausschließlich auf die direkte Magnetkraft zurück, sondern auch auf die unsichtbare fluidale Energie des animalischen Magnetismus. Er glaubte, dass er ein ätherisches Medium entdeckt habe, welches alle Energie – Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität – von einem Objekt zu anderen übermittle. Er erklärte, dass diese kosmische Essenz selbst im gesunden menschlichen Körper verteilt werde. Mesmer war der Überzeugung, dass Krankheit das Ergebnis eines gestörten Gleichgewichts im animalischen Magnetismus sei, was zu einer anormalen Funktion der einzelnen Organe führe und somit Krankheit erzeuge. Er lehnte Medikamente ab und stellte deutlich fest, dass es eine Ursache für Krankheit gebe: die fehlende Balance des animalischen Magnetismus. Und es gebe auch eine Heilung: die erneute Balancierung dieser fluidalen Energie mithilfe seiner Technik. Er erklärte, dass die Balancierung der fluidalen Energie des animalischen Magnetismus sämtliche Erkrankungen der Nerven unmittelbar heile und indirekt auch alle anderen Krankheiten. Mesmer lehrte, dass ein Praktiker mit geeigneter Konzentration und Willenskraft Heilungsenergien sammeln, speichern und sie anschließend von sich zum Patienten übermitteln könne. Er wies die medizinische Theorie seiner Zeit zurück und proklamierte: „Es gibt nur eine Krankheit und nur eine Heilung.” 202

Mesmer wurde 1777 ob dieses unorthodoxen Heilungsansatzes vom medizinischen und politischen Establishment gezwungen, Wien zu verlassen. Doch das hemmte ihn nicht. Der elegante und flamboyante Mesmer zog weiter nach Paris, wo er schnell eine große Zahl an Aristokraten anzog. Er etablierte eine Gesellschaft der Harmonie mit seinen wohlhabendsten Patienten, die sich ihr zu einem hohen Preis anschlossen. Die Mitglieder mussten einen Loyalitätseid auf Mesmer und die Gesellschaft leisten. Erst dann wurden sie mit Mesmers Methode in ihrer Komplexität vertraut gemacht. Nachdem ihre Einführung abgeschlossen war, durften sie allein praktizieren.203

Obgleich Mesmer eine bedeutende Anhängerschaft und öffentlichen Erfolg hatte, wurde er vom medizinischen Establishment kritisiert und kam niemals zu professioneller Anerkennung. 1784 wurde eine königliche Kommission der französischen medizinischen Gesellschaft eingesetzt, um die Behauptungen seiner Heilmethode zu evaluieren. Sie entschlossen sich dazu, ihr Urteil auf die Beweiskraft jenes unterstellten animalischen Magnetismus zu gründen. Dazu beobachteten sie Behandlungen, die von einem der angesehensten Schüler Mesmers durchgeführt wurden und stellten Messungen mit unterschiedlichsten Geräten an. Da sie keine objektiven Messergebnisse zu der proklamierten Kraft feststellen konnten, lehnten sie Mesmers Ergebnisse ab. Allerdings berücksichtigten sie dabei die behaupteten Heilungen von Patienten nicht.204

Mesmers Reputation sank bald, nachdem das medizinische Establishment ihn abgelehnt hatte. Offensichtlich egozentrisch, launisch und äußerst arrogant, gelang es ihm, jedermann um sich herum zu verletzen. So zog er sich schon bald aus Paris in ein kleines Landhaus zurück, wo er bis zu seinem Tod 1815 in Abgeschiedenheit lebte.

Mesmers Praxis und seine Ideen verschwanden jedoch nicht mit seinem Rückzug und seinem Tod. Sein bekanntester Student Armand Marie Jacques de Chastenet, Marquis de Puységur trug die Fackel des animalischen Magnetismus weiter – freilich in eine neue Richtung. Puységur versetzte die Personen beim ‚Mesmeriseren’ in einem ungewöhnlichen schlafähnlichen Bewusstseinszustand. Er entdeckte, dass die Patienten in diesem Trancezustand oft ‚klarer’ wirkten und dazu fähig seien, Einsichten in ihre medizinischen Probleme und die anderer zu äußern. Ein paar gerieten in einen tieferen Trancezustand ‚außerordentlicher Luzidität’ und vollbrachten dabei Leistungen wie Telepathie, Hellsichtigkeit und Präkognition. Puységur schloss daraus, dass der animalische Magnetismus nicht auf eine fluidale Kraft zurückgehe, die von Körper zu Körper übertragen werde; vielmehr liege ihm eine Aktion des ‚Verstandes’ aufgrund des ‚vitalen Prinzips’ des Körpers zugrunde. Es handele sich dabei also nicht um eine Zurückweisung des fluidalen Konzepts, sondern vielmehr um dessen Reformation. Puységur wendete die öffentliche Aufmerksamkeit von den physikalischen Flüssigkeiten ab; dafür lenkte er das Interesse auf das besondere Verhältnis zwischen Magnetiseur und Magnetisiertem innerhalb eines sonambulischen Trancezustandes. Der Mesmerismus transformierte dadurch und wurde erneut sehr populär.205

Puységurs Arbeit stimulierte das Interesse in Europa und bald wurde der somnambulische Zustand von vielen neugierigen Personen erzeugt und studiert. Wenigstens neun Zeitschriften zum Thema erschienen zwischen 1835 und 1850 in Europa. Mit der Zeit entwickelte sich die Arbeit und vermischte sich mit dem neuen Gebiet der dynamischen Psychiatrie zur Hypnose. Gleichwohl wurden die europäischen Mesmeristen nicht von der Mainstream-Wissenschaft und der Medizin ihrer Zeit akzeptiert. Obgleich Puységur und die Mesmeristen den Schwerpunkt des Mesmerismus auf die Beziehung zwischen Patient und Mesmerist sowie auf die wichtige Rolle von Patienteneigenschaften wie Suggestionsfähigkeit, Wille und Erwartungen verlegten, verzichteten die Mesmeristen niemals vollständig auf die Hypothese einer unsichtbaren Substanz, welche das menschliche Bewusstsein mit einer höheren psychischen Realitätsebene verbinde.206

Der amerikanische Mesmerismus nahm 1836 durch einen Besuch von Charles Poyen seinen Anfang. Poyen war ein französischer Anhänger Puységurs. Er bezeichnete sich selbst als Professor des animalischen Magnetismus und unternahm 1836 eine Vortragsreise durch Neuengland. Poyen war überrascht, dass die Zuhörer kaum etwas über Mesmerismus wussten und das Thema eher geringschätzig behandelten. Diese Einstellung änderte sich rasch, als er damit begann, den magnetischen Bewusstseinszustand zunächst an einem professionellen Somnambulen und dann an Freiwilligen aus dem Publikum zu demonstrieren. Das Publikum war plötzlich wie elektrisiert. Viele Menschen kamen nach vorne und sahen, wie ihre Freunde und Bekannten vor ihren Augen in den magnetisch erzeugten Schlaf fielen und danach wieder normal wurden. Die magnetisch behandelten Freiwilligen erschienen als der physischen Welt entzogen. Sie reagierten nicht auf lautes Händeklatschen, Nadelstiche und nicht einmal auf Gläser voll Ammoniak, die unter ihren Nasen vorbeigeführt wurden. Poyens Art von Vortrags-Unterhaltung traf den Nerv des Publikums seiner Zeit und seine Vortragsreihe trug erfolgreich zur Ausbreitung des populären Mesmerismus bei.207

Poyen verwendete seine Technik auch im medizinischen Kontext. Viele der Freiwilligen auf seiner Vortragsreise durch Neuengland kamen zu ihm in der Hoffnung, eine Heilung spezifischer medizinischer Probleme zu erlangen. Er behandelte sie während ihrer Hypnose, indem er mit seinen Händen ‚Vorbeigänge’ an den betroffenen Teilen vollzog, um einen gesunden Fluss des animalischen Magnetismus zu erreichen und auf diese Weise die mangelnde Balance bei seinen Patienten wiederherzustellen, damit die Krankheit beseitigt würde. Viele dieser Menschen erwachten aus ihrem Trancezustand und behaupteten deutliche Verbesserung ihrer Zustände, von Rheumatismus und Rückenproblemen bis hin zu Nervosität und Leberleiden, zu verspüren.208

Poyen zufolge erfuhren etwa zehn Prozent der Magnetisierten einen tieferen Zustand ‚höchsten Grades’. Dieser Zustand war durch eine stärkere Beziehung zwischen dem Magnetiseur und dem Magnetisierten charakterisiert, der als eine höhere Rezeptivität für den animalischen Magnetismus empfunden wurde. Personen in diesem Zustand behaupteten, sie könnten telepathisch unausgesprochene Gedanken wahrnehmen. Sie erfuhren oft physische Sinnesempfindungen des animalischen Magnetismus, wie ein Stechen, das ihren Körper herauf und herunter liefe, oder sie sahen blendende helle Lichter oder führten Leistungen von ‚außerordentlicher Luzidität’ aus, wie sie Puységur bereits vor Jahren beschrieben hatte.209

Die Botschaft von Poyens Heilungen mithilfe des Magnetismus verbreitete sich durch Neuengland. Zeitungen in vielen Staaten druckten Artikel über seine Erfolge und er wurde in den verschiedensten Teilen der Gesellschaft bekannt. Während der Mesmerismus in Europa eine Angelegenheit der aristokratischen Elite gewesen war und auf sie beschränkt blieb, wurde er in Nordamerika auch in der Mittel- und Oberschicht bekannt und populär. Poyen hatte einen aktivistischen und evangelikalen Hintergrund. Nun nutzte er seine Überredungskünste, um die öffentliche Akzeptanz des Mesmerismus als Teil eines wissenschaftlichen Zugangs zur Beförderung der Humanität zu verstärken. Er prophezeite, wenn die amerikanische Gesellschaft den Magnetismus akzeptiere, dann könne Nordamerika ‚die vollkommenste Nation auf Erden’ werden. Er behauptete außerdem, dass der Mesmerismus auf wissenschaftlicher Beobachtung beruhe und auf einer Grundlage jahrelanger erfolgreicher Praxis stehe. Der Gedanke des Mesmerismus als einer Technik zur Verjüngung und Verbesserung des Menschen verband sich auf diese Weise mit dem amerikanischen Konzept einer offenbaren Bestimmung der Nation und fungierte wie ein Appell an viele Menschen dieser Zeit.210

1839 kehrte Poyen nach Frankreich zurück. Seine ‚Hauptmänner’ verbreiteten den populären Magnetismus auf dem Lande, indem sie seine Methoden demonstrierten und förderten. Als die Vortragenden damit auch in Klein- und schließlich Großstädte kamen, begegneten sie oft reisenden Phrenologen. Und obgleich beide Bewegungen unterschiedlichen Ursprungs waren, übernahmen viele Phrenologen den Mesmerismus.211

1839 kam ein ärztlicher Vortragsreisender aus England nach Nordamerika, Robert H. Collyer. Er war ein Student des Phrenologen Spurzheim gewesen und hatte zudem Interesse am Mesmerismus entwickelt. Mit einer Reihe von Vorträgen wollte er über die Fähigkeiten der Phrenologie berichten. Gleichwohl war er bei seiner Ankunft in Nordamerika bestürzt über das kulturelle Chaos und den Mangel an wirksamer medizinischer Praxis. Er betrachtete den Mesmerismus als natürliche Erweiterung einer nützlichen Phrenologie und sprach diese Verbindung auch an. Als sein Enthusiasmus und die Anwendungsbereiche des Mesmerismus zunahmen, änderte er seine Vorträge jedoch und wurde nun ein sehr bekannter und viel umherreisender Förderer des Mesmerismus. Collyer ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie Vortragende zum Thema Magnetismus schnell den Vorteil des bereits etablierten Netzwerks nutzten, in welchem der Mesmerismus die Phrenologie in den Hintergrund drängte.212

1842 ‚entdeckten’ mehrere Phrenologen zur gleichen Zeit den ‚Phrenomagnetismus’ und Collyer galt als einer seiner bekannteren Entdecker. 1842 publizierte er The Mesmeric Magazine und noch im selben Jahr begannen er und andere damit, bestimmte Bereiche des menschlichen Kopfes zu stimulieren, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Für eine gewisse Zeit wurden die Begriffe ‚Mesmerismus’ und ‚Phrenologie’ nahezu synonym gebraucht. Gleichwohl wurde der Phrenomagnetismus durch den an Mesmer orientierten Ansatz verdunkelt. Die Nordamerikaner interessierten sich mehr für Mesmers Heilungsansatz durch Magnetismus als für die Phrenologie. So mutierten viele Phrenologen zu Vortragenden über magnetisches Heilen. Der aktive mentale Zustand der Magnetisierten wurde als dynamischer und stärker veränderungsfähig wahrgenommen als derjenige, der auf der Psychologie der Phrenologen beruhte. In den späten 1840ern hatte der Magnetismus die Phrenologie an Popularität überholt, wobei die Mesmeristen und die magnetischen Heiler entlang der früheren Pfade der Phrenologie erblühten. Über den Mesmerismus wurde in den vormals phrenologischen Zeitschriften und der entsprechenden Literatur geschrieben. Magnetische Heiler waren damit überall im Land präsent.213

Der Mesmerismus wurde nicht zuletzt deshalb in Nordamerika integriert, weil er als auf Erfahrung beruhendes Verbindungsglied zwischen Körper und Geist fungierte. Die Nordamerikaner waren in dieser Zeit durch eine religiöse Revitalisierung gegangen, die viel von jenem Enthusiasmus in sich trug, welcher die Bewegungen des 19. Jahrhunderts allgemein begleitet hatte, und sie glaubten, dass der Mesmerismus den ganzen Menschen behandle. Auch wenn der Mesmerismus keine Religion verkörperte, gingen einige doch davon aus, dass er einen religiösen Aspekt besitze, und sie waren der festen Überzeugung, er unterstütze swedenborgianische Ideen. Aber obgleich manche swedenborgianische Vorstellungen innerhalb dieser Bewegung durch Zeitschriften wie The Magnet verbreitet wurden, wurde der Mesmerismus niemals wirklich swedenborgianisch. Er schien einige Individuen in intensive Erfahrungssituationen und zu einer stärkeren inneren Harmonie mit unsichtbaren Kräften zu bringen. Zudem umfasste er eine Verbindung von bisher unerforschten Bereichen und Fähigkeiten des Mentalen sowie deren Einfluss auf den Körper. Wie auch immer man zu seinen fluidalen Erklärungsmodellen stand, der Magnetismus schien eine Art Einströmen zwischen Geist und Körper zu implizieren, was eine neue Wissenschaft vom Geist nahelegte. Man glaubte, im Trancezustand könnten Körper und Seele sich mittels einer magnetischen Flüssigkeit wechselseitig beeinflussen. Man meinte außerdem, die hypnotisierte Person befinde sich in diesem Zustand in einem harmonischeren und friedlicheren Kontakt mit einer geistigen Kraft214.

Einige Vertreter des institutionellen Swedenborgianismus betrachteten den Mesmerismus als Beweis für Swedenborgs Ausführungen über Körper, Mentales und Geist. Sie sahen in den mesmerischen Phänomenen den Nachweis für Swedenborgs Paradigma des Menschen als duale Geist-Körper-Natur sowie für die Existenz einer parallelen geistigen Wirklichkeitsebene, die mit dieser materiellen Welt koexistiere. Andere institutionelle Swedenborgianer standen dem Mesmerismus hingegen skeptisch gegenüber oder verhielten sich ihm gegenüber indifferent. Die mesmerische Bewegung entzündete großes Interesse im Swedenborgianismus aller Spielarten, in der institutionellen Neue Kirche ebenso wie bei nicht-separatistischen, kirchlichen gebundenen und bei kirchenfernen Swedenborgianern. Die Hellsichtigkeit wurde zu einer neuen Wissenschaft, zur ‚wahren Philosophie’ des Zeitalters, worin ‚das Geistige’ einen Bereich von Ursachen bildete – und die ‚Welten der Materie und des Verstandes’ vereint wären. Ende der 1840 er ließ sich ein plötzlicher Anstieg im allgemeinen Interesse am Swedenborgianismus beobachten, oft aufgrund seiner Verbindung mit dem populären Mesmerismus und dem magnetischen Heilen. Fowler & Wells halfen dabei, Material zu diesen Themen im Land zu verbreiten.215

Die 1840 er und frühen 1850 er wurden von einer enormen Popularität des Mesmerismus begleitet, der sich wie bereits erwähnt über viele Wege verbreitete, die von der Phrenologie bereits erschlossen worden waren. Dies korrelierte mit einem zunehmenden Interesse an swedenborgianischen Überlegungen, das sich wiederum durch die Neugier am Mesmerismus verstärkte. Viele Menschen schrieben dem Mesmerismus die Wiedereinführung swedenborgianischer Ideen zu und umgekehrt diente die Kosmologie Swedenborgs als eine Erklärung für die Phänomene des Mesmerismus. Obgleich sie anfänglich verschiedene Bewegungen bildeten, so koinzidierten sie doch im Nordamerika jener Zeit. Ein wichtiger Vertreter dieser Verschmelzung von Mesmerismus und Swedenborgianismus war Professor George Bush. Das Zusammenspiel von Mesmerismus und Swedenborgianismus bereitete zudem die Bühne für Andrew Jackson Davis, den wichtigsten Philosophen der nächsten bedeutenden Bewegung: des Spiritismus. Dies soll aber erst im Anschluss an einen Überblick über die swedenborgianischen Impulse der 1840 er und 1850 er erörtert werden.

8. SWEDENBORGIANISCHE IMPULSE IN DEN 1840ER UND 1850ERN

In den 1840ern lies sich ein Anstieg des Interesses der Nordamerikaner an Swedenborg beobachten, wie es ihn zuvor nicht gegeben hatte und seither auch nicht mehr geben sollte. Obgleich die Ideen Swedenborgs seit über 50 Jahren in der Neuen Welt präsent waren, schien es in jener Zeit eine kritische Masse zu geben, die von verschiedenen Auslösern entzündet wurde, letztlich zu flammender Begeisterung führte und sich rasch über Neuengland und den Rest des Landes ausbreitete. Im Nordosten des Landes, insbesondere im westlichen Teil des Bundesstaates New Yorks, hatte es verschiedene Wellen enthusiastischer und Erweckungsbewegungen gegeben, die diesem Bereich des Bundesstaates seinen Spitznamen gaben: ‚Burned-over District’.29* Die swedenborgianische Welle schwappte im Kielwasser der Phrenologie und in Verbindung mit dem Mesmerismus über New York und den Nordosten. Umgekehrt sollte diese swedenborgianische Welle ihrerseits eine weitere Bewegung befeuern: den Spiritismus.216

Der Mesmerismus half dabei, ein populäres Interesse an der Erforschung von Körper, Mentalem und Geist zu wecken. Zu dieser Zeit gab es kein dominierendes Paradigma, welches die neuen psychischen Phänomene des Mesmerismus erklärte. Viele Suchende fanden plötzlich Antworten in den Anschauungen Swedenborgs. Viele Unitarier, Universalisten, Quäker und andere aus den fortschrittlichen Traditionen studierten den animalischen Magnetismus und gingen davon aus, dass er auf höhere Sachverhalte verweise. Sie betrachteten die mesmerischen Phänomene als Zeichen einer neuen Wissenschaft des Geistes. Die Welten der Materie und des Mentalen würden sich verbinden, wobei der Geist als Ursache und die Natur als Wirkung fungierten. Es schien, als sei „[…] der Mesmerismus in dieser Zeit als Ausdruck einer Bestätigung der Botschaft Swedenborgs entwickelt worden.” Das Interesse an Swedenborg stieg innerhalb der universalistischen, unitarischen und der Kirchen der Quäker während der 1840 er stark an.217 Obgleich sich der Mesmerismus also nicht unmittelbar auf den Swedenborgianismus bezog, half er dabei, eine swedenborgianische ‚Mode’ ins Leben zu rufen. So entwickelten sich die Anschauungen Swedenborgs in den 1840ern zu einer enthusiastischen Bewegung, „[…] so greifbar und bedeutungsschwer wie jene der Adventisten oder der frühen Erweckungsbewegung.”218 Der Historiker Whitney Cross beschrieb den swedenborgianischen Impuls folgendermaßen:

„Der Swedenborgianismus drang tiefer in die Herzen der Menschen als jene Reformbewegung, die ihm den Weg bereitete, denn es handelte sich um eine Religion. Die Bibel und die Erwecker hatten die Menschen hungrig nach etwas gemacht, das mehr als soziale Versöhnung bedeutete. Swedenborgs Angebot eines neuen Himmels und einer neuen Erde traf dieses Bedürfnis optimal […] Die wissenschaftlich orientierten Menschen waren entzückt, denn er war primär ein Mann der Wissenschaft und schien das Universum auf eine wissenschaftliche Ordnung zurückzuführen. Die Mystiker waren entzückt, denn er führte sie kühn ein in die Mysterien der Intuition und einer unsichtbaren Welt. Die Unitarier mochten ihn, weil er, während er erklärte, Christus sei ‚Jehovah’ selbst, die orthodoxen Ideen der Gottessohnschaft und der Tripersonalität ablehnte. […] Sogar die Ungläubigen mochten ihn, weil er die halbe Bibel verwarf. […] Seine gewaltigen Imaginationen und großartigen Versprechungen passten haargenau zum Geist der sie begleitenden Reformlehren.”219

Obgleich Swedenborgs Anschauungen rationale Erklärungen zur geistigen und natürlichen Existenzebene sowie zum geistigen Wachsen umfassten, stellten sie zugleich die Grundlage einer Religion dar. Dabei ging es nicht um schlichte Neugier angesichts eines neuen Phänomens wie im Falle des Mesmerismus, denn der Swedenborgianismus appellierte zugleich an den wissenschaftlich orientierten wie auch an den religiösen Menschen. Swedenborg schrieb: „Jetzt ist es erlaubt, die Glaubensmysterien intellektuell zu betreten.” Seine Überlegungen appellierten an die Dissenter der etablierten Denominationen, die nach einer spirituellen, religiösen Weltsicht suchten, welche sich vom orthodoxen Mainstream unterschied. Swedenborg machte das gesamte Universum religiös intelligibel, behandelte nahezu jedes einzelne historische dogmatische Thema und erfreute dennoch auch diejenigen, die sich Freiheit von alten Dogmen wünschten. Er postulierte eine zugrunde liegende Liebe Gottes, welche Freiheit und möglichen menschlichen Fortschritt sowohl in dieser als auch in der nächsten Welt sicherstellte – und er bot eine neue Interpretation der Bibel, die höhere Bedeutungen erschloss.220 Der Historiker Sydney Ahlstrohm schrieb dazu:

„Daher fand damals jedes der Hauptthemen der Sektierer – Vollkommenheit, Millenarismus, Universalismus, Illuminismus – einen Platz in seiner Botschaft. Kurz: Seine Popularität schuf in Nordamerikas großer Periode religiöser Erneuerung viel Neues.” 221

Während der 1840 er hielt Emerson Vorträge über Swedenborg und die Transzendentalisten suchten in seinen Werken nach Inspiration. Emersons erstes Buch Nature (1836) wurde fälschlicherweise sogar als swedenborgianisch eingeschätzt. Die Führer der nicht-separatistischen Neuen Kirche lehrten die swedenborgianische Lehre innerhalb der kirchlichen Traditionen, u. a. bei den Universalisten, Quäkern und Episkopalkirchen. Die Versammlungen der separatistischen Neuen Kirche institutionalisierten sich; sie wurden aufgrund ihrer Kontakte und wohl noch mehr durch energische Publikation und Verbreitung von swedenborgianischem Material sehr einflussreich. Die Freien Geister der swedenborgianischen Bewegungen waren zugleich die am stärksten reformorientierten und prüften Ideen wie den Mesmerismus als Beweisgrundlage zur Unterstützung der Paradigmen Swedenborgs. Einer der bekanntesten unter diesen Freien Geistern war der bereits erwähnte George Bush aus New York City.222

Die Neue Kirche in Nordamerika maß während der 1840 er und 1850 er gemeinsamen Überzeugungen ebenso besondere Bedeutung zu wie Individualität. Damit widersprach sie dem allgemeinen ideologischen Trend der Gesellschaft jener Zeit, ohne sich dabei jedoch von der Außenwelt zurückzuziehen. Mitglieder der Neuen Kirche waren auf allen Ebenen der Gesellschaft aktiv, insbesondere in ihren Berufen und auf intellektueller Ebene. Die Neue Kirche verstand Swedenborgs Schriften als anderen überlegen und erfasste seine Theologie, Kosmologie und Philosophie. Gleichwohl war sie offen für verschiedene Anwendungen dieser Anschauungen und respektierte Individualität. Die Attraktivität der Weltsicht der Neuen Kirche bestand in einer einzigartigen Versöhnung von Religion, Wissenschaft und Spiritualität, die sich besonders an Gebildete wendete.223

Swedenborgianer hatten das Einfließen von mehr Spiritualität in die amerikanische Gesellschaft, Ökonomie und Politik im Blick. Sie erhofften eine allmähliche Reform der irdischen Gesellschaft in Richtung einer himmlischen. Dies sollten ein kontinuierlicher, schrittweiser Prozess sowie mutige Reformen in Bereichen wie Bildung, Ehe und Medizin erreichen. Der Gruppe zufolge sollte sich dies nicht in Gestalt einer revolutionären oder radikalen Veränderung in einem isolierten Bereich vollziehen. Obgleich die Bewegung sich als ganze weniger Aktivitäten, sondern vielmehr dem mündlichen und schriftlichen Diskurs über Reformen verpflichtet sah, „[…] konnte man vor 1860 dennoch einige Swedenborgianer an allen Frontlinien der Reformbewegungen jener Zeit finden.”224

Die damaligen Swedenborgianer standen der Medizin des frühen 19. Jahrhunderts kritisch gegenüber und erkannten deren wichtigste theoretischen und therapeutischen Irrtümer. Die Mainstream-Medizin in jenen Tagen war die sogenannte allopathische Medizin. Sie verfügte über keine einheitliche Theorie der Gesundheit oder einen wirklich vernünftigen Behandlungsansatz. Tatsächlich galten ihre Behandlungsmethoden als nicht hilfreich und sogar gefährlich. Viele Mitglieder der Neuen Kirche waren Ärzte oder Angehörige vergleichbarer Berufe. Doch sie hatten kein schlechtes Gewissen, wenn sie den beklagenswerten Zustand der Medizin in Nordamerika kritisierten. Tatsächlich verließen viele die allopathische Medizin, um Alternativen auszuprobieren, insbesondere die Homöopathie, die bei ihrer Entwicklung in Nordamerika nachhaltig durch Swedenborgianer beeinflusst wurde.225

Eine weniger formelle Form des Swedenborgianismus verbreitete sich auch unter jenen Kirchenfernen, die sich nicht als Teil einer organisierten religiösen Denomination betrachteten, sich aber dennoch nach einer intellektuell ansprechenden Spiritualität sehnten. Swedenborgs Überlegungen, wie die der einander entsprechenden geistigen und natürlichen Wirklichkeitsebenen und die eines liebenden, nicht richtenden Schöpfers, der die Schöpfung nach ihr zugrunde liegenden und verständlichen Gesetzen geschaffen habe, sprach manche an, die auf der Suche nach einer Einheit von Wissenschaft und Geist waren. Swedenborgs Anschauungen durchdrangen die metaphysischen Bewegungen dieser Zeit. Der Historiker Robert C. Fuller schreibt:

„Swedenborgs Einfluss kann in nahezu jeder Philosophie oder Bewegung des 19. Jahrhunderts wahrgenommen worden.” Im selben Abschnitt schließt er: „Der Grund für Swedenborgs Einfluss auf eine derart uneinheitliche Gruppe von Individuen und Sachverhalten ist schlicht, dass seine Schriften eine Vision artikulierten, die unsere wissenschaftlichen und spirituellen Bestrebungen versöhnte.”226

Einige Historiker bemerkten, dass Swedenborg zu einem bedeutenden Symbol der alternativen religiösen Szene wurde. Dies ist ein Beispiel dafür, wie Swedenborg verschiedene Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen ansprach. Obgleich alle Gruppen, die in diesem Kapitel erwähnt wurden, swedenborgianisch geprägt waren, variierten sie von institutionell gebundenen bis hin zu freigeistigen und kirchenfernen Menschen. Die 1840 er und 1850 er wurden deshalb auch als ‚swedenborgianische Renaissance in den Vereinigten Staaten’ bezeichnet.227

Es ist allerdings wahrscheinlich, dass die Tiefe im Verständnis für Swedenborgs Gedanken stark variierte. Weil der genuine Swedenborgianismus eine komplexe Theorie darstellt, die viele Anschauungen in sich einschließt, wurde sie nicht immer vollständig rezipiert. Häufig sprachen bestimmte Aspekte einzelne Menschen mehr an als andere. Viele Gruppen gebrauchten Swedenborgs Anschauungen auf verschiedene Weise, obschon sie alle in seinen Werken eine gemeinsame Basis fanden.228

Die 1840 er waren eine Zeit neuer Ideen und philosophischer sowie metaphysischer Bewegungen. Drei der bedeutendsten waren der Mesmerismus, der Transzendentalismus und der Swedenborgianismus. Die swedenborgianischen Ideen wurden sehr populär und innerhalb wie außerhalb der institutionalisierten swedenborgianischen Kirchen verbreitet. Viele von Swedenborgs Gedanken wurden durch den Transzendentalismus einbezogen und popularisiert. Mehr noch aber wurden sie durch eine folgende, noch größere metaphysische Bewegung transportiert, die auf einer Mischung aus Magnetismus und Swedenborgianismus beruhte und die 1850ern dominieren sollte: den Spiritismus. Wie es Whitney Cross bereits formulierte:

„Der Mesmerismus führte zum Swedenborgianismus – und der Swedenborgianismus zum Spiritismus.” 229

9. DIE BEWEGUNG DER NEUEN ÄRA

Seit Jahrtausenden wurden Versuche unternommen, Kontakt mit den Geistern der Verstorbenen aufzunehmen. Die Neue Kirche war empfänglich für dieses Thema, denn eine Gruppe früher Swedenborgianer in Schweden hatte in den 1780ern bestimmte Anstrengungen in diese Richtung unternommen und stand im Kontakt zu den frühen Nachfolgern Mesmers in Kontinentaleuropa. Doch sie versiegte schnell, weil sie keine andauernden Wirkungen auf die swedenborgianischen Bewegungen ausüben konnte, wenn man von dem Rest an Empfänglichkeit absieht, der mit Blick auf die unerwünschten Praxis des Kontakts mit Geisterwesen in der Neuen Kirche zurückblieb. Dieser war unerwünscht, da Swedenborg in seinen theologischen Schriften sehr deutlich geäußert hatte, dass jeder Versuch von anderen, Kontakt mit der Geisterwelt aufzunehmen, nur zu Störung und Verwirrung führen werde. Er erklärte, dass er selbst vom Herrn besonders darauf vorbereitet worden sei, als Botschafter der Wahrheit zu dienen – eine singuläre Rolle. Er durfte gleichzeitig sowohl in der geistigen wie in der natürlichen Welt sein. Swedenborg stellte fest, dass er nur dasjenige berichtet habe, was der Herr abgesegnet habe, und dass er es vermeide, dasjenige zu schreiben, was von ihm selbst oder Geisterwesen komme. Er schrieb ferner, dass der Kontakt mit Geisterwesen möglich sei, doch ein gewollter Kontakt könne nur mit missgünstigen Geisterwesen stattfinden, welche die Individuen nur darin täuschen würden, sie seien vom Heiligen Geist erfüllt oder erführen große Wahrheiten – was dann aber gar nicht der Fall sei. Swedenborg untersagte es, in absichtsvoll geplanten Versuchen Kontakt mit den Geistern aufzunehmen.230

Bis in die1840 er hatten spiritistische Bestrebungen, Kontakt mit den Geistern Verstorbener aufzunehmen, innerhalb der Neuen Kirche keine Schwierigkeiten verursacht. Das änderte sich mit einer kleinen, aber bedeutenden Splittergruppe: der Bewegung des Neuen Ära. Sie nahm ihren Ausgang 1844 mit Samuel H. Worcester in New York City. Tatsächlich waren die Ereignisse, die hierzu führten, in den 1830ern von seinem Vater Samuel Worcester, der aus einer Bostoner Geistlichenfamilie stammte, innerhalb der Neuen Kirche in Bewegung gesetzt worden. Samuel Worcester der Ältere hatte Boston in den 1820ern verlassen und wurde Geistlicher in Brigdewater, Massachusetts. 1835 starb seine Tochter Anna mit 17 Jahren. Kurz darauf hatte seine Ehefrau eine Erfahrung, in der sie den Geist ihrer Tochter sah, wie er friedlich ruhte. Samuel Worcester erfuhr zudem zwischen 1835 und seinem Tod im Jahr 1844 eigene Offenbarungen mit Geisterkontakt. Er hielt diese bis wenige Monate vor seinem Tod geheim, als er einen Brief an die Neue Kirche schrieb, in welchem er verkündete, er habe nicht nur mit Geisterwesen kommuniziert, sondern auch Kontakt mit dem Geist Swedenborgs aufgenommen und ebenso zu anderen aus der Neuen Kirche. Und er werde als Swedenborgs Vertreter auf Erden dienen, um Offenbarungen zu übermitteln und das Kommen einer ‚Neuen Ära’ zu proklamieren. Sein Sohn Samuel H. Worcester veröffentlichte diese Texte seines Vaters bald nach dessen Tod 1844.231

Samuel H. Worcester behauptete, in die Fußspuren seines Vaters zu treten, und bildete umgehend eine Gruppe sympathisierender Swedenborgianer in New York City, die sich als ‚Bewegung der Neuen Ära’ bezeichnete. Er behauptete, Swedenborg selbst habe ihn zum Nachfolger seines Vaters als Priester ordiniert. Seine Aufzeichnungen über Geisterkommunikationen zeigen, dass er sich nur mit frühen Vertretern der Neuen Kirche und mit Swedenborg selbst unterhielt. In der kleinen Gruppe befanden sich seine Mutter, seine Schwester, Silas Jones sowie Mr. und Mrs. Douglas.232

Die Bewegung der Neuen Ära bestand also aus Swedenborgianern, die behaupteten, direkten Zugang zu Swedenborg, zum Herrn und zu spiritueller Wahrheit zu besitzen. Sie missbilligten die ‚bloße menschliche Ordination’, was konsequenterweise zum unmittelbaren Bruch mit der etablierten Neuen Kirche führte. John Douglas stritt heftig mit dem Pastor der New Yorker Gemeinschaft, Benjamin F. Barrett, und wurde schließlich aus dieser ausgeschlossen.233

Silas Jones hatte zuvor über Phrenologie und dann über Mesmerismus vorgetragen. Er war aktiver Swedenborgianer in der New Yorker Gemeinschaft geworden, und er repräsentierte einen derjenigen Neulinge in der Neuen Kirche mit mesmerischem Hintergrund, bei denen es wahrscheinlicher war, dass sie Kontakt mit Geistern pflegten. Er unterstützte Douglas während seiner Konfrontation mit Barrett und fuhr darin fort, dessen systematische Lehren über die Bewegung der Neuen Ära in den späten 1840ern fortzusetzen, wobei er öffentlich die Lehren der Neuen Ära verteidigte und die institutionelle Neue Kirche scharf angriff. 1850 wurde er durch einen Geistlichen seinerseits als Geistlicher der Neuen Kirche ordiniert, was aber von der New Yorker Gemeinschaft oder der Generalversammlung der Neuen Kirche nicht anerkannt wurde.

Jones suchte eindeutig die Herausforderung der Neuen Kirche durch die Bewegung der Neuen Ära. Dies sollte als ein Mittel zur Reform und zur Vitalisierung der Neuen Kirche dienen und ihren Geistlichen helfen, göttliche Inspiration und Ordination zu finden. Die Gruppe der Neuen Ära förderte aktiv Kommunikation mit Geisterwesen innerhalb des swedenborgianischen Kontextes als ein Mittel für geistiges Wachstum. Sie gaben zu, dass dabei ein Risiko bestehe, aber sie gingen auch davon aus, dass sie gute Geister an deren ordnungsgemäßem Verhalten und ihrer Übereinstimmung mit Swedenborgs Schriften erkennen könnten.234

Jones und die Anhänger der Neuen Ära erzürnten die etablierte Neue Kirche insbesondere mit ihren Behauptungen, diese neue Wahrheit exklusiv zu kennen. Sie erinnerten sie dabei an die Bibelchristen, die vor zwei Jahrzehnten in Manchester, England, entstanden und nach Philadelphia ausgewandert waren. Die Einstellung der institutionellen Neuen Kirche lautete: Obgleich der Geisterkontakt möglich ist, etwa während einer mesmerischen Trance in einem anormalen psychischen Zustand, so ist er dennoch nicht nützlich oder wünschenswert. Dies führe ausschließlich gefährliche oder irreführende Ergebnisse herbei.235

Es gab viele der Neuen Ära vergleichbare Aktivitäten innerhalb der Neuen Kirche, insbesondere in Michigan unter der Führung von Henry Weller. Er veröffentlichte die Zeitschrift The Crisis, welche die Sache der Neuen Ära ab 1852 unterstützte. Die Zeitschrift wurde von 1852 bis 1865 publiziert, anschließend in New Church Independent umbenannt und bis zu seinem Tod 1868 von Weller geleitet.

Mit den 1860ern dünnte sich die Bewegung der Neuen Ära aus. 1850 hatte Samuel H. Worcester die Bewegung verlassen und war zur Neuen Kirche zurückgekehrt, in der er ein anerkannter ordinierter Geistlicher werden sollte. Bald folgten weitere seinem Beispiel. Viele, die an dieser kleinen, aber bedeutenden Bewegung beteiligt waren, schlossen sich wieder dem Hauptstrom der Neuen Kirche an, wobei einige, die das nicht taten, ausgeschlossen wurden. Auch wenn sie Teil einer eklektischen Gruppe waren, teilten diese Individuen gemeinsame Eigenschaften, die in der Tradition der swedenborgianischen Neuen Kirche wurzelten. Sie betonten die innere Kommunikation mit der Welt der Geisterwesen und spielten die äußeren Probleme, welche die Nicht-Swedenborgianer aufregten, herunter. Ihre Wirkung auf die Neue Kirche als Ganze bestand darin, dass jede Veränderung oder Wiedereinführung im Sinne spiritistischer Tendenzen zurückgewiesen wurde.236

Die Bewegung der Neuen Ära war aber nicht nur wegen ihrer Wirkung auf die etablierte Neue Kirche von Bedeutung, sondern auch aufgrund der Interaktion ihrer Mitglieder mit der frühen spiritistischen Bewegung. Dies wird noch an einer späteren Stelle in diesem Buch untersucht.

10. DER MESMERISMUS, DIE NEUE KIRCHE, GEORGE BUSH UND DER JUNGE ANDREW JACKSON DAVIS

Der Mesmerismus hatte eine bedeutende Wirkung auf die Neue Kirche. Obgleich es bereits in den frühen 1830ern einiges Interesse am animalischen Magnetismus gab, so wuchs dieses gegen Ende der 1830 er noch erheblich an. Artikel in der Zeitschrift der Neuen Kirche, dem New Jerusalem Magazine, in den frühen 1830ern erörterten das magnetische Heilen und legten verschiedene Meinungen über das Thema in der Kirche dar. Einige betrachteten das System des magnetischen Heilens als das erste, welches mit Swedenborgs Lehren harmoniere, und verbanden damit den Gedanken der geistigen Verursachung von Krankheit. Andere Mitglieder der Neuen Kirche waren damit nicht einverstanden, da der Mesmerismus deutlich in der Gefahr gesehen wurde, den Kontakt zu bösen Geistern zu ermöglichen – und dies müsse vermieden werden. Unabhängig davon wuchs die Neue Kirche in den späten 1840ern mit der wachsenden Popularität des Mesmerismus im Land.237

Einige von jenen, die von reisenden magnetischen Heilern hypnotisiert worden waren, suchten nach einer Erklärung der erfahrenen Phänomene und glaubten, sie fänden sie in den Schriften Swedenborgs. Es war nirgends eine attraktivere und verständlichere christliche Darlegung dafür zu finden als eben in diesen Schriften. So trug der Mesmerismus beachtlich zur Ausbreitung der Neuen Kirche in den späten 1830ern und in den 1840ern bei. Die einflussreichste Person, die Verbindungen zwischen Swedenborgianern und Mesmerismus entfaltete, war der bereits mehrfach erwähnte Professor George Bush.238

Bush wurde im Juni 1796 in Norwich, Vermont geboren. Trotz des Todes seines Vaters, als Bush vier Jahre alt war, überstand er dies gut und erlangte sogar eine beachtliche Ausbildung. 1818 schloss er seine akademische Ausbildung an der Alma Mater seines Vaters, dem Dartmouth College, ab und studierte in Princeton, um presbyterianischer Geistlicher zu werden. Nach seiner Ordination wurde er 1824 als Missionar nach Indiana gesandt, wo er drei Jahre lang arbeitete, dazu heiratete und Vater eines Sohnes wurde. Unglücklicherweise starb 1827 seine Frau und er entschloss sich, nach New York zu ziehen, auch weil er dort seinen intellektuellen Neigungen besser nachgehen konnte. In New York heiratete er erneut, Mary Fisher, und bekam bald darauf zwei weitere Söhne und eine Tochter. Er wurde zudem an der heutigen New York University Professor für Hebräisch und orientalische Literatur. In intellektuellen presbyterianischen Kreisen kannte man ihn gut, denn er verfasste verschiedene Bücher und eine Kommentarreihe zum Alten Testament, die ihm einigen Respekt als Hebraist einbrachten. Darüber hinaus strebte er aber auch nach internationaler Anerkennung als Religionswissenschaftler. (George Bush war im Übrigen der Bruder von Timothy Bush, dem Urgroßvater des ehemaligen Präsidenten George H. W. Bush.)239

Während seiner Zeit in Indiana, befand Bush sich im Streit mit der presbyterianischen Orthodoxie über die Form der Kirchenleitung. Er war nicht der Meinung, dass jede Kirchenleitung beanspruchen könne, die einzige auf der Schrift beruhende Instanz zu sein, setzte seine unabhängigen intellektuellen Forschungen fort und tauchte in die Gedankenströme New York Citys jener Tage ein. In den frühen 1840ern schrieb er kritische Arbeiten über die presbyterianische Auffassung der Auferweckung Christi, 1845 erklärte er offen seine Wertschätzung für die Schriften Swedenborgs und verkündete seinen Austritt aus der presbyterianischen Kirche sowie seine Entscheidung, sich der Neuen Kirche anzuschließen.240

Bushs Entscheidung, sich der Neuen Kirche anzuschließen wirkte auf die intellektuelle Gemeinschaft New Yorks und andernorts wie ein Schock. Sie führte sogar zu einer Gegenbewegung seitens der protestantischen Gemeinschaft, welche sich gegen die Neue Kirche richtete. Wenn ein Wissenschaftler und Geistlicher von solcher Reputation sich dieser kleinen Gruppe anschloss, schien das eine Bedrohung für die anderen Kirchen der Gegend darzustellen.

Trotz finanzieller Probleme, die dadurch entstanden, dass die Verleger seiner früheren Bücher die Tantiemen nicht mehr zahlten, begann Bush ohne Zögern für das kleinere, aber sehr anspruchsvolle Publikum der Neuen Kirche zu schreiben. Er lehrte weiter an der Universität, bis er diese 1847 verließ, um erneut zu studieren, damit er Geistlicher der Neuen Kirche werden konnte. 1848 wurde er schließlich ordiniert und seine erste Pastorenstelle befand sich in einer New Yorker Gemeinschaft, wo es u. a. zur Begegnung mit der Bewegung der Neuen Ära kam. Seit 1845 war er weitreichend aktiv; er besuchte Boston und trug dort vor, wobei er dortige Mitglieder der Neuen Kirche wie Sampson Reed beeindruckte. Zudem übersetzte er Teile von Swedenborgs wissenschaftlichen und religiösen Werken.241

Diese Sympathien wurden jedoch belastet, als die Bostoner Swedenborgianer erkannten, dass Bush am Mesmerismus interessiert war und plante, ein Buch über Mesmerismus und Swedenborgianismus zu schreiben. Obgleich er ein brennender Swedenborgianer war und die Neue Kirche im Allgemeinen unterstützte, war Bush durch und durch ein Freigeist. Er behielt seine kritische Position gegenüber jeder Kirchenleitung und akzeptierte Ideen und Bewegungen außerhalb der Kirche wie den Magnetismus. Bush befürwortete mit dieser Haltung die Bewegung der Neuen Ära zwar nicht, doch er tolerierte sie und war bestrebt, sie nicht entschieden zu unterdrücken.242

Wie bereits erwähnt war er bereits vor seiner Ordination 1848 innerhalb der Neuen Kirche sehr aktiv gewesen. Als er die Pastorenstelle in New York antrat, war er tatsächlich eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte der Neuen Kirche. Unglücklicherweise hatte er viele Anführer der Neuen Kirche sowie andere freie Geister dieser Zeit befremdet. Gleichzeitig jedoch gewann er zahlreiche Unterstützer in der Neuen Kirche, die auch Interesse am Mesmerismus hatten und brachte wieder andere über ihr Interesse am Magnetismus auf den Weg in die swedenborgianische Gemeinde. 1845 bildete er eine Gruppe interessierter Menschen aus dem Einzugsgebiet um und in New York City, die mit ihm sympathisierten, da er eine ‚amerikanische Formulierung’ und ein entsprechendes Verständnis des Swedenborgianismus darlegte. Bush führte wahrscheinlich mehr Menschen als jeder andere in die Neue Kirche.243

Obgleich die Namen der Beteiligten an George Bushs Gruppe nicht bekannt sind, geht man davon aus, dass er die Gruppe auch anführte. Man weiß, dass er in jener Zeit Vorträge von Davis besuchte, an denen auch Thomas Lake Harris und Woodbury Fernald teilnahmen.244

Im Januar 1847 veröffentlichte Bush sein Buch Mesmer and Swedenborg: or the Relation of the Developments of Mesmerism to the Doctrines and Disclosures of Swedenborg. Dabei handelte es sich um eine wissenschaftliche Verteidigung seiner Überzeugungen vor dem Hintergrund, dass sie durch jüngste wissenschaftliche Entdeckungen verifiziert worden seien. Bush erkannte die Autorität der Schriften Swedenborgs als fraglos an. Gleichwohl sah er viele Parallelen zwischen Swedenborgs Erfahrungen und den Phänomenen des Mesmerismus. Er erkannte darin „[…] ein neues Kapitel in der Philosophie der mentalen Phänomene und der Beziehung des Menschen zur höheren Sphäre.” Er betrachtete den Mesmerismus als Beleg, welcher Swedenborgs Paradigmen von Körper und Seele bzw. des natürlichen und des geistigen Aspekts unterstützten. Das Buch ermutigte viele Menschen, die am Mesmerismus interessiert waren, den Swedenborgianismus zu erforschen und einige wurden dadurch zu aktiven Mitgliedern der Neuen Kirche.245

Bush argumentierte, dass bei faktischer Richtigkeit der Behauptungen des Mesmerismus damit Swedenborgs Schriften bestätigt seien, das Gegenteil allerdings nicht zuträfe. Erwiese sich der Mesmerismus als falsch, sei die Validität der Schriften Swedenborgs davon nicht betroffen. Bush bemerkte, dass 10.000 konträre Berichte von Hellsichtigen nicht ein Jota seines Vertrauens in die Schriften Swedenborgs erschüttern würden. Er anerkannte auch Swedenborgs Warnungen vor dem Kontakt mit Geisterwesen, der zur Kommunikation mit missgünstigen, tückischen Geisterwesen führen könne, und war der Ansicht, dass Swedenborgs Rang weit über dem des Mesmerismus liege; daher könne nur er den geistlichen Sinn des Wortes enthüllen. Doch da Swedenborg ähnliche Phänomene wie diejenigen magnetisierter Hellsichtiger beschrieben habe, scheine der Mesmerismus Swedenborgs Anschauungen wieder zu erneuern. Bush erschien es daher möglich, dass im großen Entwurf aller Dinge eine der Vorsehung entsprechende Entwicklung des Mesmerismus dazu dienen werde, den Weg für eine universale Anerkennung der Behauptungen Swedenborgs zu bahnen.

Mesmer and Swedenborg provozierte unterschiedlichste Reaktionen in der Neuen Kirche, die zwischen Unterstützung und heftiger negativer Kritik schwankten. Das Buch erreichte auch ein breites Publikum jenseits der Neuen Kirche und diente so als Zugangspunkt für diejenigen, welche die Ideen Swedenborgs erforschen wollten.246

Bush fügte Mesmer and Swedenborg einen Anhang A bei. Dabei handelte sich um eine längere Schilderung eines Mesmeristen namens Andrew Jackson Davis, der Bush zuvor beeindruckt hatte. Bush glaubte aufrichtig an die Authentizität dieses jungen Manns. Durch die Erwähnung in seinem Buch führte Bush diesen jungen Magnetiseur beim intellektuellen Publikum ein. So verschaffte er ihm einiges an Reputation, Unterstützung und Präsenz, die dieser sonst nicht gehabt hätte. Es ergibt sich von selbst, dass Davis und ebenso seine Bekannten viel Zeit mit Professor Bush verbrachten.247

Andrew Jackson Davis wurde 1826 in Bloomington Groove, New York, als Sohn eines ungebildeten Farmers, Webers und Schuhmachers geboren. Er wuchs in gestörten Familienverhältnissen auf, der Vater war starker Trinker und bezahlte seine Rechnungen nicht. Als die unvermeidbaren Probleme unüberwindlich wurden, zog die Familie um und begann woanders von Neuem. Davis behauptete, dass er in der Familie wenig formale Bildung erhalten habe, weil sie, bis er sich mit 13 Jahren von ihr abwandte, fünfmal umgezogen wären. Dann ging er bei einem anderen Schuhmacher in die Lehre und besuchte presbyterianische und später methodistische Kirchen, die ihn aber nicht zufrieden stellten. Als er älter wurde, neigte er dem Universalismus zu, doch auch mit dessen Theologie war er nicht ganz einverstanden.248

1843 änderte sich sein Leben, als er im Alter von 17 Jahren dem bekannten reisenden Mesmeristen J. Stanley Grimes begegnete, der durch seine Heimatstadt Poughkeepsie kam, Vorträge hielt und animalischen Magnetismus demonstrierte. Davis war davon fasziniert. Als Grimes wieder weitergezogen war, verbrachte er über ein Jahr bei einem örtlichen Schneider, der ihn magnetisierte und in Trance versetzte. Als er sich im magnetischen Zustand befand, stellte Davis fest, dass er über Fähigkeiten zu Telepathie, Hellsichtigkeit und Geistreisen verfügte. Und er war der Überzeugung, ein fachkundiger Mesmerist zu sein. Davis experimentierte mit Levingstone, um seine Fähigkeiten zu verbessern, ehe er eine neue Berufslaufbahn als professioneller Magnetist einschlug. Er mietete sich bei anderen Mesmeristen ein, reiste durch Neuengland und stellte seine neu entdeckten mentalen Kräfte vor. Er gewann einige Reputation als magnetischer Heiler und diagnostizierte eine Reihe von Krankheiten und verschrieb passende Heilverfahren, womit er viele Menschen nach Poughkeepsie anzog.249

Nachdem er als professioneller Magnetist und magnetischer Heiler umher gereist war, behauptete Davis, er habe einen Wandel durchschritten und nun Zugang zu höheren Ebenen der geistigen Realität, welche größere Einsichten gewähre, um zu echter Wahrheit zu gelangen. Er behauptete zudem, er könne das alles unabhängig vom Mesmerismus erreichen. Er sei fähig, sich selbst in Trance zu versetzen und in diesem Zustand vorzutragen. Davis beschrieb dies mit Begriffen der ‚Korrespondenz’ und des ‚Einströmens’. Er sagte, dass er zwei Geistern begegnet sei, als er zum ersten Mal in diesen Zustand geraten sei. Diese hätten ihm Aufträge gegeben, wie er sein weiteres Leben gestalten solle. Der erste sei der Geist Galens gewesen, der ihm einen magischen Stab gereicht und ihn mit der Geistheilung beauftragt habe. Dies bezog Davis in sein magnetisches Heilen ein.

Der zweite und bedeutendere sei der mutmaßliche Geist Swedenborgs gewesen, welcher versprochen habe, Davis auf seinem Weg der spirituellen Aufklärung zu instruieren und zu führen. Von diesem Zeitpunkt an bräuchte Davis keine mesmerischen Mechanismen mehr, um in den Trancezustand einzutreten, denn „[…] er wurde von Swedenborg geleitet, um die großen Geheimnisse des Universums zu entdecken.” Davis war nicht länger auf magnetische Mechanismen angewiesen und popularisierte die Praxis eines selbstständigen Eintritts in den Trancezustand.250

1845 zog Davis mit einem Team von zwei Managern und einem Assistenten nach New York City. In den beiden folgenden Jahren diktierte er Vorträge aus dem selbstinduzierten mesmerischen Trancezustand. Bei den beiden Managern handelte es sich um den universalistischen Geistlichen und Verleger Samuel Brittan und dessen Schwager Dr. Silas Lyon, einen am Mesmerismus interessierten Arzt. Zu seinem Team gehörte später auch Rev. William Fishbourg, ein weiterer universalistischer Geistlicher. Dieser besaß eklektische philosophische Interessen und zeichnete die Vorträge zur späteren Veröffentlichung auf. Alle drei waren an Mesmerismus, Hellsichtigkeit und Swedenborg interessiert. Durch Davis’ Einkünfte als medizinischer Hellsichtiger und magnetischer Heiler konnte sich die Gruppe selbst finanzieren.251

Bei der Ankunft in New York City sandte der 19-jährige Davis einen Brief an Professor George Bush, in dem er behauptete, er habe eine Botschaft vom Geist Swedenborgs erhalten, welche lange diktierte Abhandlungen und die Buchstaben ‚AC’ enthalte, gefolgt von einer Zahlenfolge. Bush erkannte darin schnell einen Bezug auf nummerierte Abschnitte aus Arcana Coelestia. Das Diktat stimmte damit ebenso überein. Bush besuchte Davis und nahm an dessen Diktaten im Trancezustand teil, und obgleich er sich über die Identität des Geistes nicht sicher war, mit dem Davis Kontakt hatte, war er doch beeindruckt davon, wie viele swedenborgianische Ideen dieser ungebildete Mann aussprach. Bush untersuchte das. Während Davis im Trancezustand war, zitierte er viele Seiten von Swedenborgs Schriften offenbar nahezu wörtlich. Bush war sehr beeindruckt, dass der ungebildete Davis in seinen Trancezuständen Hebräisch, Griechisch und Latein sprach, Sprachen, die er im bewussten Leben nicht beherrschte. Diesen Vorträgen wohnten unter anderem auch Edgar Allen Poe, Woodbury Fernald und Thomas Lake Harris bei.252

1847 veröffentlichte Davis, der ‚Seher aus Poughkeepsie’, 57 dieser Vorträge unter dem Titel The Principles of Nature, Her Divine Revelations, and a Voice to Mankind. Diese Veröffentlichung wurde aufgrund des Zeugnisses von Bush, der Davis inzwischen förderte, weitgehend akzeptiert. Das Buch umfasste auch die swedenborgianischen Lehren vom Großen Menschen, von der Wissenschaft der Entsprechungen, das Konzept des Einströmens sowie vom Verhältnis zwischen der Welt der Materie und der Welt der Geister – alles in swedenborgianischer Begrifflichkeit. Enthalten waren sogar wissenschaftliche Ideen Swedenborgs, wie etwa seine Teilchentheorie und die Sternennebel-Hypothese. Einige Passagen entsprachen nahezu wörtlich Swedenborgs Arcana Coelestia.

Verständlicherweise glaubten zuerst viele, es handle sich um ein swedenborgianisches Buch. Gleichwohl zeigten sich nach dem ersten Hinsehen offensichtlich erhebliche Differenzen zu Swedenborgs Anschauungen. Davis nahm einige bedeutende Veränderungen vor, so leugnete er etwa die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift, die Göttlichkeit Christi und die Existenz der Hölle. Einige Historiker meinten später, es handle sich um einen ‚amerikanisierten’ Swedenborg. So beschrieb ihn etwa die Historikerin Catherine Albanese ironisch als den ‚amerikanischen Swedenborg’. Sie sagte von Davis, „[…] dass der amerikanische Swedenborg den schwedischen unbekümmert korrigiert […]”, wobei sie sich darauf bezog, dass [der schwedische] Swedenborg mit seinen drei Stufen der Hölle daneben gelegen habe. Die Bezeichnung ‚Hölle’ sei nicht absolut, sondern bloß relativ wahr. Offenbar galt für Davis, dass die drei unteren Ebenen der geistigen Realität von Geisterwesen bevölkert wären, die nicht voll entwickelt, doch nicht böse seien. Davis schloss, obgleich es sieben Stufen der geistigen Welt gebe, wie es Swedenborg beschrieben habe, dass deren Reihe von den unentwickelten aufwärts bis zu verfeinerten und himmlischen reiche – kurz, dass es keine Hölle gebe. Obgleich Davis von vielen Historikern als Swedenborgianer bezeichnet wurde, waren die Swedenborgianer der Neuen Kirche damit gar nicht einverstanden. Dennoch vermittelte er vieles von Swedenborgs Philosophie, Kosmologie, Theologie und sogar seiner Naturwissenschaft in den öffentlichen Raum, manches davon nahezu wörtlich, anderes bedeutend verändert.253

Bush distanzierte sich schnell von Davis’ Werk. Er beklagte sich über die Veränderungen an Swedenborgs Lehre und war ausdrücklich anderer Meinung als Davis. Bush antwortete mit einem Buch Davis’ Revelations Revealed und griff darin Davis’ The Principles of Nature an, sie seien nicht würdig, mit Swedenborg assoziiert zu werden. Die Zeitschrift der Neuen Kirche The New Church Magazine erklärte sofort, Davis’ Buch sei unerträglich und Davis befinde sich im Irrtum. Die Zeitschrift freute sich auch über Professor Bushs Rückkehr in die Gemeinde:

„[…] Professor Bush hatte nicht nur offene Augen für Davis’ monströse Irrtümer, sondern er zögerte auch nicht zu äußern, dass das Buch keines Vertrauens würdig sei.”

Obgleich Bush die Kommunikation mit Geistern für möglich hielt, schloss er doch, dass vitale Wahrheit durch diesen Kontakt nicht vermittelt würden. Er erkannte, dass Swedenborgs Schriften weit oberhalb jenes Bereiches angesiedelt seien, welcher durch Wahrheiten moderner Geisteroffenbarungen übermittelt würde.254

Bush richtete seine Energien auf lohnenswertere Aktivitäten innerhalb der New Yorker swedenborgianischen Kirche und nahm Abstand von Davis und der aufkommenden spiritistischen Bewegung. 1852 zog er sich von seiner Pastorenstelle in New York City zurück. Trotz seiner antiklerikalen Position blieb er intellektuell und politisch noch bis zu seinem Tod innerhalb der Neuen Kirche aktiv. Er führte eine lebhafte Korrespondenz mit Mitgliedern der Neuen Kirche weltweit, darunter in England, Schottland, Frankreich, Deutschland und natürlich in Nordamerika.255

Man kann sicher sagen, dass Bush ein Freier Geist war, der viele Anschauungen, die außerhalb der organisierten Neue Kirche standen, wie etwa den Mesmerismus, akzeptierte und es anderen radikalen Ideen ermöglichte, in der Neuen Kirche zu bestehen. Die Bewegung der Neuen Ära ist hierfür ein Beispiel. Bush war wahrscheinlich der einflussreichste Freie Geist, der mit der Neuen Kirche verbunden war. Seine Bedeutung für den Spiritismus ist ebenfalls bemerkenswert. Er verstärkte den Einfluss der Anschauungen Swedenborgs auf Davis (und ebenso auf diejenigen in Davis’ Umgebung) und verlieh dem jungen und ungebildeten Davis Glaubwürdigkeit in einer für dessen Berufslaufbahn entscheidenden Zeit. Bushs Verteidigung und Unterstützung für Davis’ erstes größeres Buch The Principles of Nature, Her Divine Revelations, and a Voice to Mankind verhalf diesem zu Ruhm innerhalb der gebildeten Schicht. Und es ermöglichte Davis, aufzublühen und seine produktive Schriftstellerei und Vortragstätigkeit fortzusetzen, was zu einer revisionistischen Version von Swedenborgs Ideen führte, die wiederum zur Leitphilosophie der neuen Bewegung des amerikanischen Spiritismus werden sollte.

11. DIE PHILOSOPHIE DER HARMONIE UND DER FRÜHE SPIRITISMUS
DIE PHILOSOPHEN DER HARMONIE

Die kleine Gruppe, welche sich in New York von 1845 bis 1847 um Davis bildete, ist als die der ‚Philosophen der Harmonie’ bekannt. Seit Beginn von Davis’ Berufslaufbahn war ‚Harmonie’ eines seiner Kernthemen. Weil sein eigenes Leben durch Streit geprägt war, entwarf er ein Utopia, das entstehe, wenn die Menschheit sich spirituell in einer universalen Harmonie mit dem Nächsten, mit der Natur und Gott entwickelte. Davis formulierte seine eigene Version swedenborgianischer Kosmologie und Philosophie, grab ganze Abschnitte der wissenschaftlichen und theologischen Ideen Swedenborgs (etwa von der Bewegung des Gehirns) aus und bezog sie in seine Paradigmen mit ein, die auf Swedenborgs Anschauungen beruhten; das Ganze bezeichnete er als ‚Philosophie der Harmonie’.256

Wie schon zuvor erwähnt, waren seine drei frühen Mitstreiter in New York der universalistische Geistliche und Verleger Samuel Brittan, dessen Schwager Silas Lyon, ein Arzt, sowie Rev. William Fishbough, ebenfalls ein universalistischer Geistlicher, der 1845 – 1847 Davis’ Trance-Vorträge aufzeichnete. In den universalistischen Kirchen der Gegend um New York gab es viele Menschen, die an Swedenborg sehr interessiert waren; die Gegend bildete gleichsam einen Brennpunkt der swedenborgianischen Bewegung in den 1840ern. Obgleich sie wahrscheinlich keine echten Swedenborgianer waren, hatten sie doch Interesse an Swedenborg. Auch der bekannte swedenborgianische Professor Bush besuchte die Vorträge von Davis und stand im Kontakt mit anderen Besuchern. 1847 wurden diese Vorträge als The Principles of Nature, Her Divine Revelations, and a Voice to Mankind veröffentlicht. Es handelte sich um Davis’ erstes Buch und es erschien, nachdem Davis Bushs öffentliche Unterstützung gewonnen hatte, was zu maßgeblich seinem anschließenden Erfolg beitragen sollte. Das Buch beruhte offensichtlich auf Swedenborgs Kosmologie und Theologie. Dem Historiker Frank Podmore zufolge geht es in The Principles of Nature inhaltlich um Folgendes:

„Das Buch verkörpert philosophische und theologische Sichtweisen, die in der Luft lagen. Die Lehre vom Großen Menschen, die Wissenschaft der Entsprechungen, die Beziehungen zwischen der Welt der Materie und der Welt des Geistes – mit einem Wort der größere Teil seines theologischen Schemas – stammen von Swedenborg.”

Andere Menschen traten in Verbindung zu dieser frühen Gruppe, darunter die Swedenborgianer Joel Tiffany, W. S. Courtney und W. M. Fernald, ferner Thomas Lake Harris, der einen universalistischen Hintergrund hatte und später als Swedenborgianer, wenn auch als sehr Freier Geist, verortet wurde.257

W. M. Fernald verteidigte Davis früh und besuchte seine Sitzungen, in denen dieser um 1845 im Trancezustand diktierte Texte vortrug. Er war bereits sehr versiert in den Ideen und Prinzipien der ‚Theologie, der reinen Theosophie und des rationalen Spiritismus’. Bei einer dieser Sitzungen traf er auch Professor Bush. Sie wurden gute Freunde, wobei Bush Fernald über Swedenborgs Ideen ins Bild setzte. Dies führte dazu, dass Fernald zum Swedenborgianismus konvertierte und am Ende des Jahrzehnts als Geistlicher der Neuen Kirche ordiniert wurde. Fernald blieb ein enger Freund Bushs und schrieb nach dessen Tod eine Gedenkschrift. Er unterstützte außerdem Thomas Lake Harris nach Kräften. Fernald lässt sich gewissermaßen als Inbegriff eines Freien Geistes verstehen.

Die Philosophie der Harmonie war also nachweislich und in erheblichem Maße von Swedenborgs Ideen geprägt. Das lag nicht nur an Davis’ revisionistischer Version der Schriften Swedenborgs, sondern ebenso am engen Kontakt ihrer Vertreter zu Swedenborgianern und ihr reges Interesse am Swedenborgianismus. Das Spektrum ihrer Anhänger reichte von neugierigen Lesern von Swedenborgs Schriften über ebenso begeisterte wie kreative Denker bis hin zu regulären Mitgliedern der Neuen Kirche. Letztere verfügten über ein breites und tiefes Verständnis von Swedenborgs Gedanken. Die daraus erwachsende und von der Gruppe verbreitete Philosophie der Harmonie bestand also zum guten Teil aus Swedenborgs Gedankengut, allerdings mit gewissen Modifikationen. Die hauptsächliche Differenz zum Swedenborgianismus bestand darin, dass die Philosophie der Harmonie davon ausging, der Kontakt mit Geistern könne ein gutes und hilfreiches Werkzeug sein, um eine tiefere Einsicht in die und ein Verständnis für die Realität zu gewinnen. Konservative Swedenborgianer der Neuen Kirche zitierten hingegen Swedenborgs Warnungen vor dem willentlich herbeigeführten Kontakt mit Geisterwesen und sie distanzierten sich davon – mit der bemerkenswerten Ausnahme der Swedenborgianer der Neuen Ära, welche ihre spiritistischen Praktiken in den 1850ern fortsetzten, wobei sie stark mit den Philosophen der Harmonie und der frühen spiritistischen Bewegung interagierten.258

Die öffentliche Reaktion auf Davis’ Principles of Nature variierte erheblich. Einige Menschen glaubten, dass Davis wirklich mit Geisterwesen kommuniziere. Er sei vom Geist Swedenborgs über eine neue harmonische Vision instruiert worden, die den Beginn eines Neuen Zeitalters bedeute und welche auch einen Kontakt mit dem Reich der Geisterwesen umfasse. Andere wie Bush waren der Ansicht, obgleich Davis in der Tat Kontakt mit Geisterwesen gehabt haben möge, seien dies nicht diejenigen gewesen, von denen Davis angenommen habe, dass sie es gewesen wären. Seine Lehren hätten nichts von der Autorität Swedenborgs an sich. Obgleich auch die Reaktion innerhalb der Neuen Kirche selbst variierte, war ihre offizielle Reaktion doch darüber verdrossen, dass jemand Swedenborgs Werke im Namen eines angeblichen Geistes Swedenborgs plagiierte. Wieder andere äußerten in der Öffentlichkeit, dass Davis wirklich geglaubt habe, was er sagte und schrieb. Doch habe er sehr wahrscheinlich ein ausgezeichnetes Gedächtnis und sich an große Teile seiner eifrigen Lektüre Swedenborgs und anderer Autoren erinnert. Das sei dann in seinem System unter Hypnose bzw., als er im Trancezustand diese Gedanken wieder aufgerufen habe, durcheinander geraten. Einige der Textpassagen stimmen nahezu oder vollständig mit Swedenborgs Werken überein. Die größten Skeptiker meinten, dass Davis schlicht ein Opportunist mit exzellenter Erinnerung an seine Lektüren sei, der sein Fähnchen nach den Winden der öffentlichen Meinung ausrichte. Es handele sich um einen Scharlatan, der „[…] seine weit gebildeteren und unendlich leichtgläubigeren Brüder […]” hereingelegt habe.259

So unwahrscheinlich es auch klingt, Davis behauptete, dass er Swedenborgs Überlegungen und Texte weder gekannt habe, noch seien ihm überhaupt irgendwelche größeren Bücher vor seinen Trance-Vorträgen bekannt gewesen. Er behauptete, sein ganzes Wissen komme aus der Geisterwelt. Davis erklärte, dass er in seinem Leben nur fünf Monate Schulbildung genossen und nur ein einziges Buch gelesen habe, den Groschenroman The Three Spaniards. Ein früherer Freund, Rev. A. Bartlett, widersprach. Bartlett kannte Davis aus seinen frühen Jahren 1842 – 1845 und beschrieb ihn als eifrigen Leser, der:

„[…] einen forschenden Geist besaß, Bücher liebte, insbesondere umstrittene religiöse Werke, die er stets bevorzugte, wenn er sie ausleihen konnte. Und er hatte die Muße, sie durchzulesen. Demzufolge schuldet er diesen Bemühungen einige achtbare Fortschritte in seinen Kenntnissen.”260

Eine andere Quelle bemerkte, dass Davis den Schriften Swedenborgs begegnet sei, als er nach dem Tod seiner Mutter 1841 bei einem Schuhmacher arbeitete.261

Wie auch immer der Entstehungsvorgang und die Quelle seiner von Swedenborg beeinflussten Ideen einzuschätzen sind, in jedem Fall wurde seine Philosophie der Harmonie äußerst populär und spielte bald eine bedeutende Rolle für die sich bereits ankündigende spiritistische Bewegung. Davis’ Principles of Nature erlebte 17 Auflagen und wurde bis in die Zeit nach dem Bürgerkrieg hinein veröffentlicht. Davis schrieb ununterbrochen über die Philosophie der Harmonie und entwickelte sie in den folgenden 30 Büchern weiter.262

Kurz nach der Veröffentlichung der Principles of Nature begründete Samuel Brittan die Zeitschrift The Univercoelum and Spiritual Philosopher, deren Erstausgabe Dezember 1847 erschien. Brittan arbeitete als Herausgeber mit Silas Lyon und William Fishbough zusammen, Thomas Lake Harris stieß später zu der Gruppe und sie alle und weitere Autoren verfassten Artikel. Darin begleiteten sie zahlreiche Vorträge über mannigfache Themen, welche sich auf die Philosophie der Harmonie bezogen. Die meisten Autoren waren ehemalige universalistische Geistliche oder Swedenborgianer der einen oder anderen Art. Die Zeitschrift förderte Davis’ Ideen, widmete sich aber auch direkt denen Swedenborgs und gleichgesinnten aus dem Universalismus und dem Transzendentalismus. Dadurch entstand eine ausgeglichene Mischung von Denksystemen mit vielen Übereinstimmungen. Die Mitarbeiter des Univercoelum förderten naturgemäß die Philosophie der Harmonie und hier insbesondere die Idee, dass Harmonie allen voran die Einheit von Wissenschaft und Theologie bedeute. Man erreiche größere Harmonie durch ein besseres Verständnis der Beziehungen zwischen geistiger und materieller Welt sowie der Prinzipien der Naturgesetze, welche beide ebenso leiteten, wie die Interaktion zwischen ihnen.

Die erste Ausgabe von The Univercoelum verkündete, dass sich eine notwendige und unausweichliche Veränderung in den religiösen Systemen der Welt nähere, welche antiquierte Ideen zum Verschwinden bringen werde. Diese würden durch eine neue Theologie der harmonischen Bewegung ersetzt, die jene intrinsische Intelligenz erforsche, welche die gesamte Schöpfung durchdringe und von die von der Höchsten Gottheit abstamme. Eine Zeit neuer Befreiung sei gekommen. Die Zeitschrift erschien bis Juli 1849. Brittan setzte seine Herausgebertätigkeit mit der spiritistischen Zeitschrift Shekinah und ab 1852 mit der Zeitung Spiritual Telegraph fort, die bis 1860 bestehen sollte.263

1848 wurden die Beziehungen zwischen Davis und seinen Kollegen der Philosophie der Harmonie auf die Probe gestellt. Es entwickelten sich unauflösliche Meinungsdifferenzen – insbesondere im Blick auf Davis’ Ablehnung des Christentums. Brittan, Fernald und mehrere andere, insbesondere Thomas Lake Harris, waren desillusioniert von Davis’ ‚naturalistischem’ Ansatz, der die Göttlichkeit Jesu und die Unfehlbarkeit des Alten und Neuen Testaments leugnete. Ebenso waren sie über Davis’ Verhalten verstört. Er lebte eine Beziehung zu einer ‚geistigen Schwester’, Catherine De Wolf Dodge, die 20 Jahre lang seine Betreuerin gewesen war und dabei half, The Principles of Nature zu finanzieren. Zum Skandal kam es, als die anderen Philosophen der Harmonie entdeckten, dass die beiden zusammen im Haus Brittans lebten. Davis heiratete Dodge bald darauf, doch der Vorfall hatte den bereits bestehenden Riss in der Gruppe nur ausgeweitet. Es ist anzunehmen, dass der Bruch auch auf andere Weise entstanden wäre. Brittan, Fernald und Harris betrachteten sich als christliche Spiritisten. Sie stimmten mit großen Teilen von Davis’ harmonischer Philosophie überein, doch hatten sie Schwierigkeiten, Davis’ Behauptungen als neue Autoritätsquelle zu akzeptieren. Davis hatte seinerseits ein ebenso starkes Selbstbewusstsein wie Harris und es war sehr deutlich, dass eine Konfrontation unvermeidlich sein würde.264

Thomas Lake Harris ist einer der rätselhaftesten Charaktere jener Zeit. Zu verschiedenen Zeiten seines Lebens war er universalistischer Pastor, führender Philosoph der Harmonie, Swedenborgianer der Neuen Ära, christlicher Spiritist, Begründer von verschiedenen spiritistischen utopischen Gemeinschaften sowie seiner eigenen Kirche des Guten Hirten – ferner Autor zahlreicher Artikel und Bücher. Obgleich er oft als Swedenborgianer bezeichnet wird (zu einer Zeit war er tief und bis in Einzelheiten mit Swedenborgs Anschauungen befasst), ging er durch so viele Phasen und Veränderungen, dass vieles, was von ihm bekannt ist, entweder eine Mischung aus swedenborgianischen und anderen populären Reformideen darstellt oder gar nicht wirklich swedenborgianisch ist. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie verwirrend der Begriff ‚swedenborgianisch’ für Historiker sein kann.265

Nach Davis wurde Harris zum zweiten bekannten Philosophen der Harmonie. Während Davis als der eigentliche Philosoph der Bewegung galt, fungierte Harris als ihr Dichter. Er wurde 1823 in Utica nahe London in England geboren, wuchs dort auf und wurde von calvinistisch-baptistischen Eltern aufgezogen. Er lehnte diese Religion aber ab und wurde Geistlicher der universalistischen Kirche, in der er 1844/​45 als Pastor einer universalistischen Gemeinschaft in New York 1844/​1845 diente. Dies war die Zeit, in der er mit Davis bekannt wurde und seine ersten Trance-Vorträge zusammen mit Bush und Fernald besuchte. Im Jahr 1847 war er entzückt von den Ideen der harmonischen Philosophie und gab seine Stelle als universalistischer Geistlicher zugunsten von Davis und der Philosophie der Harmonie auf, um in ihrem Sinne Vorträge zu halten. Daneben verfasste er Artikel für The Univercoelum und er bildete eine eigene, unabhängige christliche Versammlung.266

T. L. Harris war zunehmend enttäuscht von Davis und folgte 1848 Brittans Vorbild, indem er eine eigene, christlich-spritistische Form der harmonischen Philosophie vorantrieb. Er sah Defizite in Davis’ Schriften, insbesondere eine mangelnde Anerkennung der göttlichen Offenbarung und das Fehlen eines personalen Gottes. Harris offenbarte in Wort und Schrift eine poetische ‚Begabung’, die Brittan enorm beeindruckte. Brittan erklärte Harris, dass seine Fähigkeit das Werk von Geisterwesen darstelle. Harris kultivierte seinen poetischen Sinn, bis er im Jahr 1850 drei Visionen hatte, die ihm versprachen, seinen inneren Sinn der spirituellen Erleuchtung zu öffnen. Seine Geschichte soll an späterer Stelle fortgesetzt werden.267

DIE GEBURT DES SPIRITISMUS 30*

Im März 1848 ereignete sich schließlich etwas, das eine populäre Bewegung entzünden und die religiöse Landkarte Nordamerikas im 19. Jahrhundert verändern sollte: das Klopfen von Hydesville (auch als Klopfen von Rochester bekannt). 1847 zog der methodistische Farmer Fox mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in ein kleines Haus in Hydesville, New York. Man sagte, in dem Haus spuke es; angeblich hatte es der letzte Bewohner wegen merkwürdiger, unerklärlicher Geräusche verlassen. Die Familie Fox hatte bis zum März 1848 keine Probleme damit, als dann doch plötzlich einige starke Klopftöne zu hören waren. Da die unheimlichen Geräusche andauerten, begann Fox die Vorhänge zu schütteln. Während er das tat, bemerkte seine elfjährige und jüngste Tochter Kate, dass die Zahl der Klopftöne der Zahl entsprach, wie oft ihr Vater die Vorhänge schüttelte. „Herr Klumpfuß, machen Sie es so wie ich!”, rief sie und klatschte in die Hände. Zur Überraschung aller folgten die Klopftöne ihrem Klatschen. Kate und Margaretta, ihre 14-jährige Schwester, überlegten, ob es sich um einen Geist handeln könne. Sie gaben die Anweisung, je zweimal für ‚Ja’ zu klopfen, wenn es sich so verhielte. Zwei Klopftöne folgten. Kate und Margaretta etablierten dann einen Code für Ja- bzw. Nein-Antworten, wonach ‚Ja’ zwei Klopftöne auslösen sollte, ‚Nein’ nur einen. Mithilfe dieses Codes befragten sie den Geist und stellten fest, dass es sich angeblich um ein Bettler handelte, der in diesem Haus früher ermordet worden war. Nachbarn und andere wurden in das Haus geladen und bezeugten weitere Klopfgeräusche.268

Die Nachricht dieser übernatürlichen Ereignisse verbreitete sich rasch. Horace Greely, der Herausgeber der New York Times, erforschte journalistisch die Kindererzählungen und bestätigte ihre Behauptungen. Bald gewann die Geschichte der beiden Fox-Kinder bedeutende Öffentlichkeitswirksamkeit, was zu einem stetigen Besucherstrom von nah und fern führte, wobei sich die Phänomene aufs Neue bestätigten. Die Familie zog bald nach Rochester, New York, wo sich die Klopftöne fortsetzten und andere Geister einbezogen wurden. Eine ältere Schwester, Ann Leah Fox-Fish, entdeckte, dass sie ebenfalls die Fähigkeit besaß, als Medium für den Kontakt mit Geisterwesen zu dienen und so wurden die Fox-Schwestern zu Berühmtheiten.269

Als er von den Klopftönen hörte, lud Davis die Fox-Schwestern in sein Haus nach New York City ein und untersuchte selbst die mediale Kompetenz der Schwestern. Er erklärte, dass diese authentisch sei, und begann, die Geisterkontakte mit Begriffen der Philosophie der Harmonie gegenüber der Öffentlichkeit zu erklären. Dazu verfasste er den Band Philosophy of Spiritual Intercourse (1850). Darin gab Davis nicht nur einen Überblick über seine Philosophie und Kosmologie und wendete sie auf die Interaktion mit Geistern an, sondern er gab zudem Anweisungen für die Bildung von Kreisen, die zur Grundlage vieler spiritistische Zirkel wurden.270

Ab 1850 gab es in ganz Nordamerika Medien und spiritistische Zirkel. Der Zeitgeist und die intellektuelle Umgebung brauchten nun keine weiteren Spukhaus-Geschichten. Die Klopftöne der Fox-Schwestern und ihre Begleitung durch Davis’ Philosophie der Harmonie genügten vollauf, um eine Art Buschfeuer zu entflammen. Der ‚Burned-over District’ raste erneut und verbreitete wieder einmal eine Bewegung über das Land. Bis zu dieser Zeit wuchs die Philosophie der Harmonie nur langsam. Die Zeitschrift der Philosophen der Harmonie, The Univercoelum, bestand lange genug, um die geheimnisvollen Klopftöne der Fox-Schwestern als Beleg für die Wahrheit von Davis’ Voraussage, es beginne ein Neues Zeitalter, welches die Kommunikation mit Geistern einschließe, zu feiern.

Als Davis und seine Anhänger ihre Sache mit der Geisteroffenbarung verbanden, gewann die Philosophie der Harmonie große Popularität. Der Funke der Faszination sprang angesichts der Erregung und der Neuheit des Geisterkontakts auch zu denen über, die sonst keine Gelegenheit oder kein Interesse hatten, sich mit der Philosophie der Harmonie zu beschäftigen. Gleichwohl: Nachdem die Menschen sich mit dem Spiritismus beschäftigt hatten, suchten sie eifrig nach philosophischen Erklärungen für das, was sie gesehen hatten oder zu sehen hofften.

Diese neue amerikanische Bewegung wurde als ‚Spiritismus’ bekannt und obgleich sie niemals durch ein strenges Glaubensbekenntnis organisiert war, erkannten die Spiritisten weithin Davis’ Werk als Leitphilosophie ihrer Bewegung an und akzeptierten ihn als ihren zentralen Führer. Viele andere Autoren schrieben über metaphysische Themen, doch Davis behielt den Status als der Philosoph des Spiritismus. Die Spiritisten bezogen sich auf Davis auch als ‚Johannes den Täufer’, der die Ankunft des modernen Spiritismus ankündige.271

Obgleich die Spiritisten Davis als den führenden Philosophen des Spiritismus anerkannten, verstanden sie Swedenborg als einen Vorläufer des Spiritismus und den „[…] ersten, der die Welt der Geister als Reich des Gesetzes […]” verstanden habe. Viele Spiritisten sahen in Swedenborg einen Vorläufer und er wurde für sie zu einem kulturellen Symbol. Davis’ Philosophie der Harmonie hingegen bildete die Basis für den religiösen Aspekt des Spiritismus, denn sie erklärte die Kosmologie und den phänomenalen Aspekt des Geisterkontaktes. Der amerikanische Spiritismus, obgleich er eine neuartige und eigenständige Bewegung war, diente dazu, im Laufe der 1850 er bis 1870ern, insbesondere in den Jahren vor dem Bürgerkrieg, swedenborgianische Ideen sowohl in reiner als auch deutlich modifizierter Form zu vermitteln.272

12. DER AMERIKANISCHE SPIRITISMUS
DER SPIRITISMUS ALS METAPHYSISCHE ANTWORT AUF DAS NORDAMERIKA DER 1840ER

Der Glauben an die Möglichkeit und Wirklichkeit von Geisterkontakten existierte in vielen Gesellschaften an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten. Man bezeichnet ihn als Spiritismus. Eine davon deutlich abzugrenzende Bewegung, die als Spiritismus (oder moderner Spiritismus) bekannt war, nahm im Nordamerika der 1840er und 1850er, noch vor dem Bürgerkrieg, ihren Ausgang, verbreitete sich rasch nach Europa und war in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Wie bereits erwähnt, wurde der Spiritismus zu einer populären Bewegung, die den Geisterkontakt mit einer ihr zugrunde liegenden Philosophie der Harmonie verband, welche ihrerseits einer Kombination aus Mesmerismus und swedenborgianischen Ideen entsprang. Man sah im amerikanischen Spiritismus jedoch mehr als nur eine Bewegung, denn viele Menschen betrachteten ihn als eine metaphysische Religion. Viele ihrer Anhänger machten den Glauben in Gemeinschaft mit den Geistern der Verstorbenen zum Teil eines um Geisterwesen zentrierten Systems religiöser Glaubensüberzeugungen und Praktiken, die eine Alternative zur traditionellen orthodoxen Religion bot. Dies galt insbesondere für die 1850 er bis 1870 er273.

Um den Spiritismus besser zu verstehen, muss man seinen Kontext besser verstehen. Der Spiritismus war sowohl eine populäres phänomenal orientierte als auch eine metaphysische religiöse Bewegung, welche die spirituellen und emotionalen Bedürfnisse vieler Menschen befriedigte. Unglücklicherweise war die Bewegung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer hauptsächlich an öffentlichkeitswirksamen Sensationen interessierten Bewegung verkommen, in der viele mehr Unterhaltung denn Religion sahen. Obgleich in der Geschichte des Spiritismus religiöse und populäre Themen stets miteinander verbunden waren, hatten in den späten 1870ern sensationalistische Medien die Führung übernommen und so lag der Schwerpunkt nicht länger auf theologischen, philosophischen und kosmologischen Aspekten, so wie er noch vor dem Bürgerkrieg existierte. Zudem verließen in den späten 1870ern zahlreiche spiritistische Leitfiguren die Bewegung und es wurde eine Welle betrügerischer Séancen bekannt. Beides führte zum Niedergang und zur Diskreditierung der Bewegung, ein Vorgang, der sich bis zum Ende des Jahrhunderts noch verstärkten sollte.

Heutzutage herrscht in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr Kenntnis über jene Zeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Gesellschaft sehr viel einfacher war und Séancen, die man als eine Mischung aus Leichtgläubigkeit und Betrug betrachtete, populär waren. Gleichwohl bildete die historische Bewegung, auf die man sich unter dem Begriff Spiritismus bezieht, einen lebendigen, farbigen und faszinierenden Teil einer Kultur, die von religiösen, sozialreformerischen und wissenschaftlichen Innovationen erfüllt war. Er faszinierte intelligente, neugierige und spirituell aufgeschlossene Menschen, die in einer Zeit großen Wandels der amerikanischen Gesellschaft nach Antworten suchten – deshalb ist ihre Geschichte einer näheren Untersuchung wert.274

Der amerikanische Spiritismus kann als Antwort auf eine spirituelle Krise betrachtet werden, die sich seit den 1840ern entwickelt hatte. Die Veränderungen, die dazu führten, ereigneten sich über Generationen hinweg. Das religiöse Denken der Aufklärung hatte einen rationalen Zugang zum Leben, den Bereich der Religion eingeschlossen, befördert, die darauf folgende Romantik wiederum konzentrierte sich ganz auf das subjektive Gefühl und religiöse Einsicht. Beide Impulse existierten nun im Nordamerika des frühen 19. Jahrhunderts nebeneinander, als der naturwissenschaftliche Materialismus (welcher geistige Angelegenheiten ignorierte) zu dominieren begann, und das, obschon sich die religiöse Erfahrung des Protestantismus von der liturgischen Orientierung fort zur evangelikalen bewegte, vom Äußeren ins Innere, und sich auf subjektive und intuitive Erfahrungen des einzelnen Individuums konzentrierte. Dies führte zu einer Multiplikation von Ideologien und Sekten, die miteinander um Zuspruch und religiöse Wahrheit konkurrierten, wodurch sich die Wirklichkeit zunehmend als relativ und unsicher darstellte. Diese Umgebung religiöser Unsicherheit verstärkte sich noch durch bedeutende Veränderungen des amerikanischen Lebens im sozialen, ökonomischen und politischen Bereich Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts und hier besonders im Nordosten und im Mittleren Westen. Verstädterung, Industrialisierung, verstärkte Einwanderung und kommerzieller Kapitalismus begünstigten die Pluralisierung und Verunsicherung vieler Protestanten der Mittelklasse, wobei sich die Einsicht breit machte, dass soziale Ordnung und Kontrolle verloren gegangen seien. Die rasante technologische Entwicklung, etwa durch Elektrizität, Telegrafie, Eisenbahnen und Fabriken, sowie politische Veränderungen und die Bewegung hin zu einer eher materialistischen Kultur hinterließen ein weit verbreitetes Gefühl, dass etwas fehle. Die Generation der Revolution verschwand und hinterließ die Empfindung, dass Helden verloren gingen und Werte sich veränderten. Dem entsprachen zunehmende Unzufriedenheit, empfundene spirituelle Leere und sogar Verzweiflung, welche weite Bereiche der Gesellschaft durchzog.275

Viele unter der wachsenden Zahl religiös unzufriedener Nordamerikaner fühlten sich allerdings in keiner der beiden vorherrschenden religiösen Formen des frühen 19. Jahrhunderts wohl – weder mit liturgischem noch mit evangelikalem Schwerpunkt. Die formale liturgische Tradition des Katholizismus und die etablierten protestantischen Gemeinschaften stellten immer mehr Nordamerikaner aus der Mittelschicht nicht zufrieden. Die evangelikalen Traditionen der Baptisten, Methodisten und konservativer Protestanten erlebten dagegen einen Schub neuer Aktivität durch die ‚Zweite Große Erweckungsbewegung’ einige Jahrzehnte zuvor. Sie jedoch konzentrierte sich auf das innere Bekehrungserlebnis und verlangte glühenden Glauben, mit dem sich jedoch nicht alle identifizieren konnten. In dieser Zeit entstand ein drittes Modell der Spiritualität: das metaphysische Modell.276

Der Begriff ‚metaphysisch’ bezieht sich auf eine Reihe von Ansichten, welchen die Überzeugung gemeinsam ist, dass mehr als nur die physische Wirklichkeit des alltäglichen Lebens existiert. Die metaphysischen Religionen gedeihen irgendwo zwischen der konventionellen Religion und der Naturwissenschaft, oft konzentrieren sie sich auf den Verstand und das Herz. Einige Formen metaphysischer Spiritualität legen ihren Schwerpunkt auf mystische Verbindungen zwischen geistigem und natürlichem Aspekt, während andere mehr damit befasst sind, ‚objektive’ Beweise für die Existenz einer nicht-materiellen Wirklichkeit zu präsentieren, die naturgemäß von der konventionellen Naturwissenschaft nicht anerkannt wird. Ein gewöhnliches Ziel der metaphysischen Sichtweisen besteht darin, jene umfassenden geistigen Kräfte zu verstehen, die das Leben auf der natürlichen Existenzebene beeinflussen. Beide Seiten werden oft als einander entsprechend verstanden und in Begriffen von Bewegung und Energie zum Ausdruck gebracht, die allen interessierten Menschen zugänglich sind. Dieses Verständnis fördert eine harmonische Spiritualität, Überzeugung und Praxis, welche geistiges Wachsen und Balance unterstützen und dadurch wiederum ein ordnungsgemäßes Einströmen der geistigen in die natürliche Ebene verstärken und sogar körperliches Wohlbefinden und Heilung befördern sollen.

Anfangs und in der Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden die metaphysischen Gruppen in Nordamerika tendenziell aus einzelnen unabhängigen Denkern, die – obgleich sie in vielen Prinzipien übereinstimmten –, sich nicht auf dauerhafte Institutionen einlassen wollten, so wie es die konventionell-religiöse Gegenseite tat. Daher haben sie auch keine kohärenten Aufzeichnungen zurückgelassen, an denen sich ein Historiker orientieren könnte. Gleichwohl haben Historiker in den vergangenen Jahrzehnten die enorme Bedeutung metaphysischer Religionen anerkannt, welche diese bei der Ausbildung der religiösen und intellektuellen Landschaft gespielt hat. Vor dem Bürgerkrieg bestanden in Nordamerika drei bedeutende Bewegungen, in deren Fokus metaphysische Spiritualität stand: der Swedenborgianismus, der Transzendentalismus und der Spiritismus. Swedenborgs Paradigmen waren so breit angelegt, dass die swedenborgianische Neue Kirche dabei sowohl als konventionelle als auch als metaphysische Religion bezeichnet werden kann. Die Transzendentalisten nahmen viel von Swedenborgs Metaphysik in ihr eigenes metaphysisches System auf. Die religiösen Spiritisten wiederum nahmen beim Bau des Fundaments ihrer metaphysischen Bewegung bei Swedenborgs Metaphysik Anleihen.277

DIE RASANTE VERBREITUNG DES SPIRITISMUS

Der Spiritismus explodierte in der amerikanischen religiösen Szene aus mehreren Gründen. Wie schon erwähnt, dürstete die Öffentlichkeit nach neuen religiösen Konzepten, allen voran nach einer aus der Tradition erwachsenen metaphysischen Lösung. Die spiritistische Bewegung bestand von Anfang an aus Elementen, die auf Philosophie und Erscheinungen beruhten. Sie entstand aus den Aktivitäten der Fox-Schwestern, die mithilfe der Philosophie der Harmonie erklärt wurden. Ihre Verbindung von mesmerischen und swedenborgianischen Anteilen ermöglichte es ihr, sich schnell entlang der schon geebneten Wege mesmerischer und phrenomagnetischer Vortragsreisender zu verbreiten. Die Aufregung über den Kontakt mit Geisterwesen, kombiniert mit der intellektuellen Metaphysik, welche der spiritistischen Philosophie zugrunde lag, beschritt die Pfade des Mesmerismus, sobald das öffentliche Interesse den anfänglichen Funken der Bewegung zu einer mächtigen Flamme entfacht hatte.278

Die Fowlers hatten angeblich persönlich spiritistische Erfahrungen und durch ihre Veröffentlichungen bestätigten sie diese gegenüber ihren Lesern. Die Familie Fowler half sogar dabei, in New York City einen spiritistischen Zirkel zu etablieren, in dem zwei Familienmitglieder als Medien dienten. Sie zogen große Nachfolgerschaft an und förderten den Spiritismus mit missionarischem Eifer. Wie viele frühe Spiritisten waren sie in spiritistische Ereignisse einbezogen, doch blieb ihr Fokus deutlich religiös. Sie sahen sich dennoch zu „[…] weiteren und ruhmreicheren Entwicklungen der Wahrheit” verpflichtet.

Die Publikationen der Fowlers trafen sich mit anderen Zeitungen und Zeitschriften in der Förderung der metaphysischen Bewegung und machten den Spiritismus damit zu einem Hauptthema der familiären Kommunikation. Rasch etablierten sich viele spiritistische Zirkel. Samuel Brittan war als Vertreter der Philosophie der Harmonie an einem solchen New Yorker Kreis beteiligt und gab die monatlich erscheinende Shekinah heraus, aus der schließlich der Spiritual Telegraph wurde und die zu einer der populärsten und am weitesten verbreiteten spiritistischen Publikationen der 1850 er wurde.

Die Phrenologie hatte die Bühne bereitet, auf die der Mesmerismus trat, im Zusammenhang des phrenologischen Netzwerks erblühte und wiederum den Weg für den Spiritismus vorbereitete, der nun rasch die beiden früheren Bewegungen übertraf. In der Tat war der Kontakt mit Phrenologie oder Mesmerismus einer jener durchgängigen Pfade, welche zum Spiritismus führten.279

Es ist unmöglich, die Anzahl der Menschen sicher zu bestimmen, die an der spiritistischen Bewegung beteiligt waren. Nach allen Berichten war ihre Zahl groß und ihre Mitglieder kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Die Bewegung war zu keiner Zeit zentralisiert und die Teilnahme schwankte zwischen gelegentlichem Interesse und lebensveränderndem Engagement. Spiritistische Vorträge und Séancen fanden schon bald in ganz Nordamerika, in Großstädten und in Kleinstädten und insbesondere im Nordosten und im Mittleren Westen statt. Diese Kreise erfüllten eine religiöse Funktion jenseits der organisierten Kirchen. Die Spiritisten ersetzten ältere Religionsformen durch neuere, etwa Gruppenerfahrungen und andere organisierte Aktivitäten. So entfaltete diese metaphysische Religion bei ihren Anhängern einen ebenso großen Enthusiasmus, wie sie einige Vertreter der religiösen Orthodoxie jener Zeit beängstigte. Die Schätzungen der Anhängerzahl variieren unter den Autoren der 1850 er enorm: von zwei bis drei Millionen bis hin zu einer römisch-katholischen Schätzung, die von elf Millionen sprach und dies mit „[…] einem Drittel der Bevölkerung der Vereinigten Staaten […]” gleichsetzte. Heutige Historiker stimmen darin überein, dass deutlich über eine Million Menschen ernsthaft am Spiritismus der 1850 er beteiligt waren. 280

Spiritistische Zirkel zogen die unterschiedlichsten Menschen an, was vor allem an den verschiedenen Aspekten der Bewegung lag. Grundlegend war dabei jedoch, dass die spiritistischen Zirkel und Séancen eine religiöse Funktion erfüllten. Die phänomenalen und philosophischen Aspekte waren Teil eines Ganzen. Sicher gab es viele, die jene Zirkel gelegentlich aus Neugier besuchten und nicht dabei blieben. Auch besuchten viele die Kreise, um eine wissenschaftliche Verifikation der geistigen Realität zu erleben. Andere wurden von der Möglichkeit des Kontakts mit verstorbenen, geliebten Personen angezogen (die Sterblichkeitsrate war in der Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich höher als heute), aber viele, welche die Zirkel besuchten, blieben auch dabei. Séancen wurden zu einem Mittel für den engen spirituellen Kontakt von Fremden und Freunden, die nach Wahrheit und Spiritualität im Kontext tatsächlicher Phänomene suchten. Unter den Anhängern des Spiritismus befanden sich zahlreiche intelligente und neugierige Menschen, die hofften, in dieser neuen Bewegung eine Vereinigung von Wissenschaft und Geist zu finden. Sie kamen aus ganz verschiedenen Hintergründen und Berufen, waren Farmer und Rechtsanwälte, Hilfsarbeiter und Ärzte, Fabrikarbeiter oder sogar Richter am Obersten Gerichtshof bzw. Senatoren.

Die Zahl prominenter Menschen, die in den 1850ern spiritistische Treffen besuchten, ist beeindruckend. Unter ihnen waren u. a. Harriet Beecher Stowe, Horace Greeley, William Lloyd Garrison, George Ripley, Benjamin Wade, Lydia Marie Child, David Ames Wells, Nathaniel Willis, James Fenimore Cooper und William Cullen Bryant. Dazu zu rechnen ist auch der berühmte britische Wissenschaftler Alfred Russel Wallace, der zusammen mit Charles Darwin die Theorie der natürlichen Selektion und des Überlebens des Bestangepassten begründete. Der Spiritismus wurde, wenn auch nicht von allen, so doch von einer Mehrheit als Religion anerkannt.281

Wie der Historiker J. S. Judah schreibt:

„Kaum ein anderes kulturelles Phänomen bewegte so viele Menschen oder stimulierte solches Interesse, wie es beim Spiritismus in den zehn Jahren vor dem Bürgerkrieg der Fall war und bis in die folgenden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts reichte.”282

DER ‚PHILOSOPH’ DES SPIRITISMUS– ANDREW JACKSON DAVIS

Davis blieb der anerkanntermaßen führende Philosoph des Spiritismus und wurde von den meisten Spiritisten auch als ihr führender Philosoph propagiert. Er betätigte sich über mehrere Jahrzehnte hinweg publizistisch, wobei sich sein Spätwerk eng an die in seinen Principles of Nature eingeführten Gedanken anlehnte. Seine zahlreichen Bücher entsprachen dabei der revisionistischen swedenborgianischen Kosmologie, Philosophie und Metaphysik. Obgleich seine Ideen sehr respektiert wurden, war der Spiritismus zu unabhängig, um das Werk irgendeines Autors als Offenbarung zu akzeptieren, und obgleich seine Anhänger Davis’ Bücher intensiv studierten und viele von ihnen Swedenborg lasen, betrachteten sie keinen als einzige Inspirationsquelle und schon gar nicht als Grundlage eines Glaubensbekenntnisses. Ohne Frage waren Davis’ Bücher jedoch unglaublich populär, manche von ihnen erlebten Dutzende Neuauflagen, und sie alle schlossen auch weiterhin die religiösen und wissenschaftlichen Anschauungen Swedenborgs mit ein. Sie umfassten Erörterungen, die auf Swedenborgs Ideen zur Struktur der geistigen Welt und des Lebens nach dem Tod eingingen, auf das göttliche Naturgesetz, welches entsprechend die geistige und materielle Wirklichkeitsebene lenke, die menschliche Gestalt, ihre Anatomie und Physiologie, darunter auch die Anschauungen zu den aufeinander bezogenen Funktionen von Herz, Lungen und Gehirnbewegungen, auf den Mensch als Mikrokosmos des Universums, auf geistiges Wachsen als Regeneration, den Himmel als Zweck des Menschengeschlechts, wahre Liebe in der Ehe, Ziel, Ursache und Wirkung sowie die ihnen zugrunde liegende Korrespondenz und den Gebrauch von Körper und Seele. Davis bezeichnete Gott in seinem Gesamtwerk mit vielerlei Namen: Gottheit, Göttlicher Architekt, Göttlicher Verstand, Allmächtiger Verstand, Höchste Intelligenz, Natur und Göttliche Harmonie.283

Er integrierte seine Erfahrung des magnetischen Heilens in seine Philosophie und seine Schriften und lehrte verschiedene Aspekte des Heilens aus seiner metaphysischen Perspektive. Eines seiner populärsten Werke war The Great Harmonia, das aus fünf Bänden bestand und deren erster Titel The Physician trug. In allen seinen Werken schloss Davis Swedenborgs Paradigmen der Anatomie und Physiologie in seine Sichtweise von Gesundheit und Heilung ein, darunter auch solche Ideen wie die Zirkulation eines geistigen Prinzips, das im Gehirn entspringe, von den systolischen und diastolischen Bewegungen des Cerebrum und Cerebellum angetrieben werde und aus den Zellen des Kortex stamme. Er betrachtete die Zirkulation dieses geistigen Prinzips als fundamental für die Gesundheit und die Störung seiner Zirkulation als unmittelbare Krankheitsursache. Er integrierte diese Anschauung in seinen magnetisch inspirierten Hintergrund und beschrieb Krankheit als etwas, das nicht entfernt werden müsse, sondern bloß einen Zustand repräsentiere, der zu verändern sei – eine Notwendigkeit, um das Fließgleichgewicht des geistigen Prinzips wiederherzustellen. Seine Beschreibungen des geistigen Prinzips spiegeln Swedenborgs Beschreibungen einer geistigen flüssigen Essenz wider, und auch sein Paradigma der Gehirnaktivität und des Fließens des geistigen Prinzips sind in ihrem Kern klar swedenborgianisch.284

Davis, der ‚Philosoph des Spiritismus’, war zunehmend frustriert vom seines Erachtens nach inflationären Auftreten spiritistischer Phänomene. Obgleich er zweifellos der Auffassung war, dass solche Phänomene möglich waren, die auf Kontakt zu Geisterwesen zurückgingen, empfand er auf der anderen Seite, dass sie das Bewusstsein nicht sehr höben und das geistige Wachsen nicht förderten. Davis legte besonderen Wert auf die Anwendung der Philosophie des Spiritismus und weniger auf dessen Erscheinungen. Er betonte auch die Verbindungen, die man in Bezug auf die eigenen geistigen und natürlichen Aspekte der Existenz kultivieren könne und dabei nach geistiger Wahrheit und Aufklärung suchen solle. Er empfand, dass der religiöse Hintergrund des Spiritismus allmählich zugunsten der populären Hervorhebung spiritistischer Phänomene verloren gehe.

Spektakuläre Medien ähnelten zunehmend Entertainern und riefen mehr und mehr Argwohn beim Publikum und auch bei den Anführern der spiritistischen Bewegung hervor. Dies kündigte sich an, als in den 1870ern eine Reihe betrügerischer Séancen aufgedeckt wurden. Um 1870 erklärte Davis, dass seine Philosophie der Harmonie den wahren Spiritismus darstelle, und er kritisierte vehement die wachsende, nach Sensationen gierende populäre Bewegung, die nurmehr an spiritistischen Erscheinungen interessiert war. 1878 verließ er formell die organisierte spiritistische Bewegung und machte mit seiner ‚Ersten Harmonischen Gesellschaft’ weiter. Der frühere Philosoph der Harmonie und christliche Spiritist S. B. Brittan war zum gleichen Schluss gekommen und hatte die spiritistische Bewegung bereits um 1870 verlassen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fühlten sich diese Männer und andere vergleichbare Führungspersonen eher in den neuen metaphysischen Strömungen wie der Theosophie, der Geistheilungs- und der Neugeist-Bewegung zu Hause.285

DER ‚DICHTER’ DES SPIRITISMUS – T. L. HARRIS UND DIE SWEDENBORGIANER DER NEUEN KIRCHE

Thomas Lake Harris war eine weitere prominente Figur der spiritistischen Bewegung in Nordamerika vor dem Bürgerkrieg, auf den man oft als den Dichter der Philosophie der Harmonie und des Spiritismus Bezug nimmt. Entsprechend seiner poetischen Natur besaß er eine Neigung zu wandern, sowohl im philosophischen als auch im geografischen Sinn. Kurz nachdem er sich 1850 von Davis getrennt hatte, schloss er sich der Apostolischen Bewegung von Rev. James Scott aus Auburn, New York an. Scott war ein ehemaliger Baptist, der behauptete, in Trance als Sprecher des Geistes des heiligen Johannes aufzutreten. 1851 etablierte er eine spiritistische Ackerbausiedlung in Mountain Cove, Virginia (jetzt West Virginia) und über 100 Spiritisten zogen von Auburn, New York in die dortige Kolonie. Dies war ein Versuch, sich von den Séance-Zirkeln hin zu einer strukturierten religiösen Gemeinschaft zu entwickeln, die auf spiritistischen Überzeugungen beruhte.

Die Gemeinschaft kämpfte mit einer Reihe von Problemen, einschließlich Differenzen in der Führung. 1853 trennten sich die Wege der beiden Führer und Harris kehrte nach New York City zurück, wo er regelmäßig Poesie im Trancezustand diktierte. Daraus entstand sein Buch An Epic of the Starry Heaven. Die Gemeinde von Mountain Cove löste sich im selben Jahr auf. Während dieser Zeit war Harris in New York City der Leiter der ‚christlichen Spiritisten’ der Kirche des Guten Hirten. Obgleich diese Gruppe keine Verbindungen zur Neue Kirche hatte, vertrat sie eine Theologie, die auf Swedenborg beruhte – abgesehen von spiritistischen Variationen. 1855 heiratete er Emily Isabella Waters aus New Orleans, eine inbrünstige Spiritistin.286

Mitte des Jahrzehnts zog Harris nach New Orleans. Dort organisierte er eine spiritistische Gesellschaft, die schon swedenborgianische Obertöne hatte und gründete schließlich die Christliche Kirche des Neuen Jerusalem. Diese Gruppe setzte auf ‚innere Kommunikation’ im Unterschied zu den äußerlichen Formen, die in traditionellen spiritistischen Zirkeln festgelegt wurden. Harris grub tiefer in den Schriften Swedenborgs und bis 1857 wurde er mindestens so sehr Swedenborgianer, wie er Spiritist war – mit der bemerkenswerten Ausnahme, dass er eher eine innere Form des Geisterkontaktes befürwortete.

Er war der Überzeugung, dass Davis von der Wahrheit abgewichen sei, die in Swedenborgs Schriften offenbart würde, und wollte den christlichen Aspekt der Lehren Swedenborgs in den Spiritismus wieder einführen. So kehrte er nach New York City zurück, gab die Zeitschrift The Herald of the Light heraus, behauptete, Teil einer nicht-konfessionellen Neuen Kirche zu sein, die alle anderen Kirchen durchdringen und ein neues Zeitalter der Aufklärung begründen werde. 1857 publizierte er zudem ein Buch mit dem Titel Arcana of Christianity, das seine Mischung aus swedenborgianischen und spiritistischen Ideen propagierte.287

Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Neue Kirche weder Harris noch seiner Botschaft oder seiner Kirche zustimmte. Ein Leitartikel im Messenger vermeldete, obgleich viele spiritistische Führungspersonen mit Swedenborgs Schriften vertraut seien und insbesondere Harris darin sehr belesen zu sein scheine, seine Befürwortung von Geisterkontakten dennoch zeige, dass er Swedenborgs Schriften nicht vollständig akzeptiere, insofern Swedenborg den absichtlichen Geisterkontakt verboten habe. Die Führung der Neuen Kirche machte klar, dass die Neue Kirche keine Verbindung zu Harris, seiner Kirche oder seinen spiritistischen Überzeugungen habe.

Harris übte bittere Vergeltung, indem er behauptete, dass trotz der Befreiung der Wahrheit durch Swedenborg die Neue Kirche in die Muster der alten Kirche zurückgefallen und zu einer starren, konservativen Einheit geworden sei und es ihr an der inneren Vision seiner Neuen Himmlischen Kirche mangele. Harris’ Neue Himmlische Kirche gründete drei Gemeinden, doch sie erblühte niemals.288

Obgleich Harris von der Führung der Neuen Kirche zurückgewiesen worden war, hatte er Unterstützer in der Neuen Kirche; insbesondere Woodbury Fernald ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Fernald war wie Harris ein Philosoph der Harmonie. Als ordinierter Geistlicher war er sehr versiert in den swedenborgianischen Ideen. Er distanzierte sich zur selben Zeit wie Brittan von Davis und befürwortete einen eher christlichen Spiritismus. Fernald unterstützte Harris und verfasste 1860 den Band A New Age for the New Church. Freundschaften mit christlichen Spiritisten, Universalisten und Unitariern setzte er fort und wie Bush stand er dem Klerus in jeder Kirche, so auch in der Neuen Kirche, kritisch gegenüber.

1860 reagierte er auf andauernde Kritik aus der Neuen Kirche wegen seiner Unterstützung für Harris im Besonderen und den Spiritismus im Allgemeinen und darüber hinaus aufgrund seiner antiklerikalen Haltung mit dem Rücktritt als Geistlicher der Neuen Kirche.

Harris stand in den 1850ern außerdem in Kontakt mit Swedenborgianern der Neuen Ära. Obgleich er gewiss nicht Mitglied der eigentlichen Neue Kirche war, hatte T. L. Harris vielfache bedeutende Verbindungen zu Swedenborgianern dieser Bewegung sowie zu den Freien Geistern und manche meinten sogar, er sei selbst ein Swedenborgianer der Neuen Ära. Tatsächlich bezog sich das aber nur auf eine begrenzte, allerdings wichtige Phase in Harris’ religiöser Laufbahn.289

Die New Yorker Gesellschaft der Neuen Kirche atmete kollektiv erleichtert auf, als Harris 1859 New York verließ und nach England ging. Dort wurde er zuerst von den englischen Swedenborgianern willkommen geheißen, insbesondere durch den bekannten Dr. James John Garth Wilkinson, der viel publizierte (er fertigte auch die einzige englische Übersetzung von The Animal Kingdom an). Das Willkommen für Harris war jedoch nur von kurzer Dauer, denn bald erkannten die englischen Swedenborgianer, dass er seine eigenen spiritistischen Überzeugungen und eine persönliche Deutung von Swedenborgs Ideen vertrat. Harris bildete eine eigene Nachfolgerschaft, die im Gegensatz zu den etablierten Swedenborgianern stand und einmal sogar die Londoner Buchhandlung der Neuen Kirche besetzte, um eine Ungleichbehandlung im Verkauf von Harris’ Büchern zu beklagen. Ein Gerichtsurteil entschied jedoch gegen Harris’ Anhänger.

Da er mit Swedenborgianern auf beiden Seiten des Atlantik im Streit lag, entwickelte Harris seine eigenen Ideen innerer Respiration und innerer Kommunikation mit Geisterwesen weiter und bewegte sich damit immer weiter hinaus aus der swedenborgianischen Welt. Er begründete neue utopische Gemeinschaften in New York und andernorts und hatte danach keine weiteren nennenswerten Kontakte mit der Neuen Kirche mehr.290

T. L. Harris ist ein gutes Beispiel kontinuierlichen Interesses an Swedenborg, wie es die spiritistische Bewegung prägte. Swedenborgianischen Ideen flossen nicht nur über Davis, sondern aus mehreren Quellen in die spiritistische Bewegung ein. Viele Anführer des Spiritismus, darunter die Philosophen der Harmonie, betrachteten Swedenborg als ihren Vorläufer und erkundeten seine Schriften. Es gab zudem die kleine, aber durch Publikationen sehr präsente Bewegung der Neuen Ära, die mit den Spiritisten bestimmte Ideen und Praktiken teilte, während sie jedoch Swedenborgs Gedanken über alles setzte. Sowohl die Swedenborgianer der Neuen Ära als auch die Spiritisten verfügten über vergleichbar gespannte Beziehungen zur Führung der Neuen Kirche und kommunizierten untereinander. Harris ist also ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Historiker ist, genau zu identifizieren, was als wahrhaft swedenborgianisch einzuschätzen ist und nicht bloß so genannt wird. Einige Historiker charakterisieren irrtümlich alle seine Ideen als swedenborgianisch, obwohl einige sich gerade gegen das richteten, was in Swedenborgs Schriften niedergelegt war und entsprechend von der Neuen Kirche verurteilt wurde. Gleichwohl bildete Harris ebenfalls eine Quelle swedenborgianischer Ideen, wie sie in die spiritistische Bewegung einflossen.291

SPIRITISMUS UND REFORM IN GESELLSCHAFTLICHER UND MEDIZINISCHER HINSICHT

Der Spiritismus war nicht nur eine religiöse und auf Erscheinungen bezogene Bewegung. Er strebte zugleich nach gesellschaftlichen Reformen und besaß damit alle Elemente einer sozialen Reformbewegung. Davis hatte seit dem Aufkommen des Spiritismus soziale Reformideen energisch befördert. Beginnend mit The Principles of Nature, Her Divine Revelations, and a Voice to Mankind hatte er in seinem über die Jahrzehnte wachsenden Werk nahezu jedes aktuelle Reformthema berücksichtigt, darunter Frauenrechte, Mäßigung, Abschaffung der Sklaverei, Bildungsreform, Reform der Religion, öffentliche Bildung, Freiheit der Rede und Reform der Medizin.292

Die Spiritisten teilten Swedenborgs Ansicht eines geordneten Fortschritts im Universum hin zu einer gottgeleiteten Verbesserung der Menschheit. Jedoch wichen sie in der Anwendung dieser Ideen von der Neuen Kirche ab. Während deren Anhänger im 19. Jahrhundert erwarteten, dass sich mit der Zeit eine schrittweise Reform der Gesellschaft ergeben werde, und solchen Reformbemühungen in vielen Bereichen sympathisierend gegenüberstanden, lehnten sie radikale Reformen oder revolutionäre Ideen ab. Demgegenüber befürworteten die Spiritisten unter Davis’ Führung sowohl schrittweise als auch radikale Reformen. Sie bildeten zwar eine heterogene Gruppe, aber der gesamte Spiritismus vor dem Bürgerkrieg stand in irgendeiner Beziehung zu den Reformbewegungen jener Zeit. Nach dem Bürgerkrieg wurde der reformistische Aspekt bei manchen schwächer, in der gesamten Bewegung blieb er allerdings weiterhin präsent. Die Evolutionstheorie, wenn auch nicht in ihrer darwinistischen Form, wurde zu einer Metapher für entschiedenere, schrittweise Reformen nach dem Bürgerkrieg. Alfred Russel Wallace, der Mitentdecker der Evolutionstheorie, wurde bekennender Spiritist und schrieb bemüht sowohl über den Spiritismus als auch über seine Version der Evolution.293

Der Spiritismus bearbeitete Themen wie Demokratie und Republikanismus, das Individuum und eine geordnete Gesellschaft oder das Verhältnis des Einzelnen zur Menge. Er erkannte in jedem Einzelnen ein Zentrum persönlicher Entwicklung. Das schloss die Möglichkeit geistigen Wachsens und die Möglichkeit, an spiritistischen Erscheinungen teilzuhaben, ein. Diese demokratisierende Tendenz stand in Balance zur spiritistischen Auffassung einer geordneten Gesellschaft, die das Ziel einer höheren Ordnung der geistigen Welt reflektieren sollte und die derjenigen Ordnung der Gesellschaften und ihrer Ebenen ähnelte, wie sie von Swedenborg und Davis beschrieben worden waren. Die Spiritisten waren der Ansicht, dass die göttliche Vorsehung sie in ihren Aktivitäten in Richtung einer verbesserten Welt in diesem Leben leite. Mit dieser Anschauung sympathisierten sie mit den aktuellen Reformbewegungen ihrer Zeit, welche ähnliche Ziele zur Verbesserung der Gesellschaft anstrebten.

Davis lehrte nicht, dass dies ein langwieriger Prozess sein werde. Tatsächlich ermutigte er die Spiritisten, umgehend ein genuin spirituelles Leben zu leben und sich bei den Reformen zu engagieren. Er unterstützte die spiritistische Idee einer sich innerhalb dieser Welt in Richtung auf die spiritistische Republik der nächsten Welt entwickelnden Gesellschaft. Jedem Individuum komme in einer organisierten Gesellschaft eine Rolle zu, in welcher es besser dem großen Ganzen diene. Im Spiritismus herrschte eine Ausgewogenheit zwischen Individuum und Gesellschaft, die vor dem Bürgerkrieg eine reformistische Stellung zu den meisten Themen in Nordamerika einnahm. Das setzte sich in den 1870ern gleichermaßen fort. Die spiritistischen Zeitschriften wie Shekinah, The Spiritual Telegraph und Banner of Light verfochten von den 1850ern bis in die 1890 er Reformthemen gemeinsam mit spiritistischen und religiösen Ideen.294

Viele führenden Spiritisten betrachteten das Kommen eines neuen Zeitalters als Rechtfertigung für ihre Reformideen und -bewegungen. Um die spiritistische Bewegung entwickelte sich langsam eine größere populäre Bewegung, die etabliertes Denken grundsätzlich infrage stellte und neue, reformistische Themen unterstützte. Diese Mischung führte wiederum zu einer Infragestellung von Autorität allgemein und ermutigte Überlegungen mit dem Ziel einer Veränderung und Verbesserung der Gesellschaft. Bestimmte Reformideen traten in dieser spiritistischen populären Kultur in den Vordergrund, insbesondere die Themen Frauenrechte, Mäßigung und Medizin, aber auch eine Ablehnung der Sklaverei. Die Frauen spielten im Spiritismus vor allem als Medien eine große Rolle; diese erlaubte es ihnen, zu reisen, und bot ihnen ganz allgemein wesentlich größere Freiheiten, als dies im Rahmen der traditionellen Gesellschaft der Fall war. Viele traten für die Sache der Frauen ein und das Thema wurde bald im größeren Zusammenhang der Rolle der Frauen innerhalb von Gesellschaft und Religion gesehen. Die Spiritisten argumentierten, dass Frauen von ihren Bildungsbeschränkungen, rechtlichen Ungleichheiten und ökonomischen Restriktionen befreit werden müssten – und wie Männer behandelt und diesen nicht mehr unterworfen sein sollten. Sie förderten die Ausbildung von Frauen in der Medizin und in anderen Bereichen jenseits ihrer konventionellen Rollen.295

Die Spiritisten unterstützten außerdem die Mäßigungs-Bewegung und die Gesundheitsreform. Sie betrachteten sowohl Alkohol als auch Narkotika als ungesunde und unnötige Substanzen. Die zeitgenössische konventionelle Medizin ermutigte Praktiken, die heute unter dem Begriff der ‚heroischen’ Medizin subsummiert werden, darunter Aderlass, Einläufe und die Verschreibung von Medikamenten, die Quecksilber, Narkotika und Alkohol enthielten – mit oft drastischen Folgen. Obgleich einige dieser Praktiken in den späten 1860ern zurückgingen, behandelten Ärzte auch noch nach dem Bürgerkrieg weiterhin mit Opium, Alkohol und toxischen Quecksilberdosen sowohl Erwachsene als auch Kinder.

Die Spiritisten prangerten den Gebrauch und Missbrauch dieser Substanzen an, lehnten Alkohol und Narkotika kategorisch ab und standen der konventionellen Medizin insgesamt sehr kritisch gegenüber. Sie betrachteten den Körper als Haus des Geistes und waren gegen die Aufnahme schädigender oder betäubender Substanzen. Sie ermutigten demgegenüber zu alternativen Heilmethoden und praktizierten diese auch. Der Spiritismus übernahm vom Mesmerismus die Idee der Heilung im Trancezustand. Diese Praxis wurde von ‚medizinischen Medien’ und ‚hellsichtigen Ärzte’ angewendet, die ihre Patienten auf verschiedenste Arten und Weisen behandelten, wobei die Untersuchung der Patienten oder die Verabreichung von Heilmitteln auch im Trancezustand erfolgte. Unter diesen Mitteln waren keinerlei Emetika, Stimulanzien, Narkotika oder Lösungen auf Alkoholbasis, wie sie die allopathischen Mediziner verschrieben. Die spiritistischen Heiler praktizierten auch, indem sie Hände auflegten, um fehlende innere Balancen zu korrigieren und ein freies, unbehindertes ‚Geistprinzip’ oder eine entsprechende ‚Vitalflüssigkeit’ im ganzen Körper zu unterstützen. Davis wendete eine Technik an, bei der er kräftig am Rückenmark entlang rieb, um die Erholung von Asthma zu erleichtern. Obgleich dies nur einen kleinen Teil seines therapeutischen Zugangs als magnetischer und spiritistischer Heiler ausmachte, orientierten sich ihm nachfolgende spiritistische Heiler stark daran. Ein weiterer philosophischer Unterschied zwischen Spiritisten und regulären Medizinern bestand außerdem darin, dass letztere sich auf Verschreibungen als Grundlage der Behandlung verließen, während die Spiritisten ihr Vertrauen ganz in die Naturgesetze als hauptsächlichen therapeutischen Agenten setzen. Dies machte sie bei der orthodoxen Medizin nicht eben beliebt. Die spiritistische Zeitschrift Banner of Light veröffentlichte ausführliche Geschichten über solche Animositäten.296

Die Spiritisten wandten sich entsprechend ihrer Reformorientierung auch gegen die Sklaverei und als Abolitionisten verteidigten sie deren Abschaffung leidenschaftlich. Sie glaubten, dass jeder Mensch dazu bestimmt sei, in dieser und in der nächsten Welt fortzuschreiten. Sie betrachteten die Sklaverei als gottlose Institution und kritisierten die christlichen Kirchen, vor dem Bürgerkrieg nicht ernstlich genug dagegen Stellung zu nehmen; sie waren für diese abolitionistische Einstellung gegenüber der Sklaverei in den 1850ern auch weithin bekannt, wie ein Autor 1859 notierte:

„Zweifellos haben die Spiritisten im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl zehnmal mehr kritische Stimmen gegen Sklaverei und für Mäßigung aufgebracht als andere.”

Der spiritistische Gedanke des fortschreitenden Individuums war für die Bewegung gegen Sklaverei derart attraktiv, dass eine große Mehrheit der prominenten Sklavereigegner vom Spiritismus angezogen wurde, darunter ihre Anführer William Lloyd Garrison, Joshua Giddings, Benjamin Wade, Henry Wright und Thomas Wentworth Higginson.297

Die Spiritisten entwickelten ein Zusammengehörigkeitsgefühl im Sinne von ‚Außenseitern’ innerhalb der Mainstream-Gesellschaft, die reformistische Ideen oft und mit Begeisterung unterstützten. Dieser Gemeinschaftssinn wurde noch verstärkt durch die Tatsache, dass viele der Spiritisten ihre organisierten Religionsgemeinschaften verließen und ihre religiöse Unabhängigkeit erklärten.298

SPIRITISTISCHES SELBSTVERSTÄNDNIS UND DIE ERKLÄRUNG RELIGIÖSER UNABHÄNGIGKEIT

Viele Spiritisten entschieden sich dafür, die mit ihnen verbundenen religiösen Denominationen bzw. Sekten formal zu verlassen, als sie sich stärker in ihrer neuen Religion engagierten. Wie der Historiker Bret Caroll notiert, durchliefen Spiritisten eine Autoritätskrise. Sie waren der Überzeugung, dass ihre bestehenden Kirchen, Institutionen und religiösen Führer an Vitalität verloren hätten und keine Loyalität mehr verdienten. Die Spiritisten betrachteten sich selbst als aus anderen religiösen Traditionen hervorgehend, um an der spiritistischen religiösen Bewegung zu partizipieren und ein tieferes Verständnis der Wahrheit, breiteren Raum für das Gewissen und weniger formale Strukturen als in den institutionellen Kirchen zu entfalten. Sie beschrieben sich selbst als ihrer jeweiligen Tradition entwachsen und „[…] bereit, eine rationalere, spirituellere und praktischere Religion anzunehmen.”

Einige dieser Erklärungen klangen ziemlich eloquent, emotional oder dringlich. Ein Beispiel ist John S. Adams, der sich 1854 aus seiner kongregationalistischen Kirche in Chelsea, Massachusetts zurückzog und in Carolls Spiritualism in Antebellum America folgendermaßen zitiert wird:

„Sie [die Spiritisten] verlangen von mir meine eigene Freiheit zu leben. Ich muss meinen freien Willen anwenden, ganz im Gegensatz zur kirchlichen Autorität. Ich erkenne keine andere Autorität an als die Gottes [und würde] niemals Gottes Wahrheit aufgeben […] nein, niemals.”299

Nicht alle Spiritisten brachen die Verbindung zu ihren Kirchen ab. Das galt insbesondere für die Universalisten, die ihre spiritistischen Ideen mit dem ökumenischen Ansatz des Universalismus verbinden konnten. Viele Universalisten wurden so zwar Spiritisten, blieben aber zugleich bei ihren Gemeinschaften. An einigen Orten blühte der Spiritismus sogar innerhalb der universalistischen Gruppen auf. Das war beim Unitarismus zu einem geringeren Grad zwar auch der Fall, aber für die meisten Denominationen und Sekten galt es nicht. Die Mehrheit der Spiritisten ließ ihre ursprünglichen Traditionen hinter sich, sobald sie sich dem Spiritismus zuwandten.300

Für die Spiritisten bedeutete das nicht eine gänzliche Zurückweisung jeglicher Autorität. Vielmehr ging es ihnen um eine wichtige Unabhängigkeitserklärung, um nach religiöser Autorität in neuen und erfüllenderen Formen zu suchen. Sie interpretierten es so, dass sie das Joch der organisierten Religion abschüttelten, um religiöse Freiheit und eine neue religiöse Ordnung zu erleben. Sie stimmten darin überein, dass ein religiöses Glaubensbekenntnis wesentlich sei; doch sie akzeptierten nicht mehr die von ihnen als alt und starr wahrgenommenen Glaubensbekenntnisse und Praktiken der nicht-inspirierten Tradition.

Als Gruppe standen sie einem organisierten Klerus kritisch gegenüber und betrachteten das Priestertum als einen Versuch, Spiritualität zu monopolisieren. Sie behaupteten weiterhin, dieses Amt sei zur bloßen Routine degeneriert – entfernt von einer lebendigen Inspiration durch Gott. Viele Spiritisten wiederholten die antiklerikalen Sichtweisen von Davis und betrachteten einen formalen Klerus als Hindernis für geistiges Wachsen. Das führte – wie bereits erwähnt – zu einer großen Bewegung von ‚Kirchenfernen’, die nicht geneigt war, sich während der ersten Jahrzehnte der spiritistischen Bewegung an größere, dauerhafte Institutionen zu bilden. Erst Jahrzehnte später entstanden während des Niedergangs der Bewegung diverse Organisationen.301

SPIRITISTISCHE ZEITSCHRIFTEN UND ZEITUNGEN

Die spiritistische Bewegung wurde durch Zeitschriften und Zeitungen repräsentiert. Da Printmedien die primären Massenmedien Mitte des 19. Jahrhunderts waren, war es naheliegend, dass eine populäre Bewegung wie der Spiritismus in starkem Maße in Printmedien zum Ausdruck kam. Aber die spiritistischen Zeitschriften und Zeitungen boten mehr als bloße Übermittlung von Perspektiven sympathisierender Autoren zu spiritistischen Themen. Sie halfen auch dabei, die spiritistische Lehre zu verbreiten und die Spiritisten im Land zu vereinen. Wie schon erwähnt, war der Spiritismus eine weit verbreitete, diffuse Bewegung ohne zentrale Hierarchie und Organisation. Doch das gedruckte Wort erfüllte eine vitale Funktion, indem es die Beteiligten dieser verbreiteten Bewegung kommunikativ verband.302

Von Beginn an konzentrierten sich besagte Printmedien auf den religiösen Aspekt des Spiritismus. Die erste spiritistische Zeitschrift, die anspruchsvolle Monatszeitschrift Shekinah des Philosophen der Harmonie S. B. Brittan, wurde 1851 gegründet. Ihr Titel entstammte dem Hebräischen und bedeutet ‚Gegenwart Gottes’, was auf den jüdisch-christlichen Hintergrund des Spiritismus hindeuten sollte. Bereits 1852 folgte, ebenfalls von Brittan herausgegeben, die wöchentlich erscheinende Zeitung The Spiritual Telegraph, welche zum reichweitenstärksten und langlebigsten spiritistischen Periodikum der 1850 er werden sollte und bis 1860 erschien.

Neben zahlreichen kurzlebigen Periodika gab es eines, das zur bedeutendsten spiritistischen Veröffentlichung nach 1860 avancierte: Banner of Light. 1857 gegründet übertraf sie schon bald The Spiritual Telegraph und galt schon als einflussreichste und meistgelesene spiritistische Zeitung des späten 19. Jahrhunderts. Sie erschien bis in das Jahr 1907.303

Shekinah, The Spiritual Telegraph und Banner of Light verbreiteten jeweils ausführlich die Schriften von Davis. Sie tendierten alle dazu, sich auf den religiösen Aspekt des Spiritismus zu konzentrieren und banden dabei vieles von der swedenborgianischen Lehre mit ein, was Davis von Swedenborg übernommen hatte. Sie bezogen sich auch auf Swedenborg und publizierten einiges aus seinen Schriften. Banner of Light war sogar bekannt dafür, dass es den Swedenborgianismus zusammen mit Davis’ Werk und der magnetischen Heilung verfocht und die Gesundheitsreform verteidigte. Die drei bedeutenden Zeitschriften sprachen zudem auch andere Reformgedanken und Themen von öffentlichem Interesse an, wie etwa das Alltagsleben spiritistischer Medien.304

Spiritistische Printmedien spielten also eine Schlüsselrolle bei der Vereinigung der amerikanischen Spiritisten – ob sie nun in einer Großstadt oder in einer Kleinstadt lebten, vom Nordosten bis tief in den Mittleren Westen, von den großen Zentren spiritistischer Aktivität bis hin zu den abgelegenen, isolierten Zirkeln. Zwischen 1850 bis 1860 dominierte The Spiritual Telegraph als wichtigste und am weitesten verbreitete spiritistische Zeitung, danach bis 1890 Banner of Light. Auf diesen Pfaden gelangten spiritistische (und swedenborgianische) Ideen zu interessierten Lesern im ganzen Land. Sie zogen auch das Interesse all jener an, „[…] die sich aus der Fessel der Glaubensbekenntnisse zu lösen […]” begannen und dienten dazu, alle zu verbinden, die schon am Spiritismus beteiligt waren.305

DIE GEOGRAFISCHE VERBREITUNG DES SPIRITISMUS

Der Spiritismus entstand im Bundesstaat New York und New York sollte auch der Hochburgen spiritistischer Aktivität bleiben, von wo aus sich der Spiritismus über das Land verbreitete. Die Bevölkerung im westlichen Teil des Bundesstaates New York war bereits bekannt für ihre Begeisterung für neue Ideen, weshalb die Gegend später auch den Spitznamen ‚Burned-over District’ bekam, da mehrere Wellen spiritueller Bewegungen, einem rasenden Waldbrand vergleichbar, über sie hinweg fegten. Phrenologie, Mesmerismus und Swedenborgianismus waren dort vor der Ankunft des Spiritismus bereits populär gewesen. Ende der 1840 er hatten dort die Ideen Swedenborgs eine begeisterte Anhängerschaft gefunden und der Swedenborgianismus war sehr gefragt.306

Nachdem Bush Davis unterstützt hatte, welcher seinerseits die Glaubwürdigkeit die Fox-Schwestern verbürgte und diese Ereignisse mithilfe der Philosophie der Harmonie interpretierte, akzeptierten New York und seine Umgebung den Spiritismus sehr schnell. New York im Besonderen und der Nordosten im Allgemeinen standen dem liberalen Denken dieser Richtung aufgeschlossen gegenüber und dies sollte sich auch über viele Jahre nicht ändern. Viele der Neulinge im Swedenborgianismus mit mesmerischem Hintergrund akzeptierten den Spiritismus als eine Erweiterung ihrer mesmerischen und swedenborgianischen Überzeugungen und verbreiteten seinen Einfluss rasch über den gesamten Nordosten der Vereinigten Staaten.307

1849 und 1850 reisten die Fox-Schwestern durch den Nordosten und schürten ihrerseits ein wachsendes Interesse für die neue spiritistische Bewegung. Es gab zudem eine bedeutende Anzahl durch Swedenborg beeinflusster universalistischer Geistlicher in dieser Region und viele von ihnen änderten Ihre Ansicht, um den Spiritismus als Befürworter der neuen Sache zu fördern. Die spiritistischen Zeitschriften Shekinah und The Spiritual Telegraph entstanden in New York und so breitete sich die spiritistische Bewegung rasch über den Nordosten und von dort aus weiter in westlicher und südlicher Richtung der Vereinigten Staaten sowie bis nach England und Europa aus. Gleichwohl gab es in den ersten Jahrzehnten der Bewegung im Burned-over District mehr Spiritisten als in anderen Gegenden des Landes. Man kann mit Sicherheit sagen, dass neugierige, aufgeschlossene Intellektuelle in den 1850ern aus diesem Teil des Landes gut mit den Ideen Swedenborgs und des Spiritismus versorgt wurden.308

SPIRITISTISCHE ÜBERZEUGUNGEN

Die Spiritisten vertraten detaillierte und komplexe Überzeugungen über ein sehr strukturiertes Leben nach dem Tod, die stark auf den Beschreibungen in Swedenborgs Schriften beruhten. Obgleich sie nicht die gesamte Theologie Swedenborgs übernahmen, standen sie der revidierten Version von Swedenborgs Sichtweise der geistigen Welt nahe, wie etwa die Philosophen der Harmonie. Die Spiritisten vertraten ihre spiritistische Ideologie sehr differenziert und dennoch blieben sie bezüglich ihrer metaphysischen Perspektive auf die geistige bzw. die natürliche Wirklichkeitsebene erstaunlich konsistent. Sie sahen darin einen ‚großen harmonischen Bereich’ bzw. ein geistiges Universum, welches von Gott geschaffen worden sei, um dieser natürlichen Existenzebene zu entsprechen. Der Tod war in ihren Augen lediglich ein Übergang, den jedes Individuum zum Verlassen der natürlichen Welt zu vollziehen habe, um als Geistwesen weiter zu existieren – mit derselben Identität wie im natürlichen Leben und dazu fähig, in Ewigkeit kontinuierlich fortzuschreiten.309

Den Spiritisten zufolge gab es sieben Grade oder Ebenen (auch ‚Sphären’ genannt) der Geisterwelt, die über eine Hierarchie hin zur Vollkommenheit reichten und die Gott im Zentrum und als Quelle allen geistigen Lebens und aller entsprechenden Kraft verorteten. Auf ihn nahmen sie durch Begriffe wie ‚Gottheit’ bzw. ‚Göttlicher Verstand’ Bezug, und es war auch nur von himmlischen Graden die Rede; eine Hölle schien es nicht zu geben.

Die Spiritisten gingen davon aus, dass die Lebenskraft Gottes ausstrahle und durch die höheren hin zu niederen, eher peripheren Ebenen verlaufe, wobei jede höhere Ebene als Einström-Quelle für die nächstniedrigere Ebene fungiere, wobei zwischen den Ebenen ein System korrespondierender Ursache und Wirkung bestehe, welches schließlich von der geistigen in die natürliche, materielle Ebene übergehe. Jedes Geistwesen durchschreite graduell verschiedene Ebenen, wobei seine Individualität unverändert bleibe. Dies gelte auch für Kleinkinder und ältere Menschen. Diese Lehre eines Lebens als Engel nach dem Tod, die mit universaler Erlösung verbunden war, tröstete viele, deren Kinder oder Geliebte bereits in jungen Jahren verstorben waren. Das spiritistische Modell beschrieb eine Kontinuität zwischen geistigem und natürlichem Aspekt als Entsprechung, wobei der geistige Aspekt in den natürlichen nicht nur einfließe, sondern ihn dadurch auch belebe. Es gab also eine Kette von der Gottheit hinab bis zur Menschheit. Ein Spiritist beschrieb dies als einen „[…] verbundenen Kanal des Einströmens – ein allgemeines Prinzip des Gebens und Nehmens vom höchsten zum niedrigsten Aspekt.”310

Der Kontakt mit Geisterwesen war das verbindende Element des Spiritismus, doch seine Bedeutung variierte bei den einzelnen Spiritisten beträchtlich. Alle Spiritisten stimmten jedoch darin überein, dass der Mensch ein grundsätzlich geistiges, in einem natürlichen Körper beheimatetes Wesen sei, dass dieser Geist nach dem Tod fortbestehe und dass die Geister der Verstorbenen mit in der natürlichen Welt lebenden Menschen kommunizieren könnten. Gleichwohl bestanden Differenzen über den Stellenwert dieser Kommunikationen. Einige Spiritisten empfanden, dass sich aus diesen Kommunikationen vieles ergeben könne, was gut und wahr sei, andere hingegen meinten, man solle diese Kommunikationen nicht als Selbstzweck betrachten, auch wenn sie als Beleg für eine höhere geistige Realität dienen könnten sowie dafür, dass Personen an sich selbst arbeiten sollten, um zu einem höheren Zustand der Güte zu gelangen – im persönlichen Bereich ebenso wie gegenüber der gesamten Menschheit.

Die Spanne der Spiritisten reichte von Medien, die ihre Geisterkontakte zur Unterstützung liberaler christlicher Überzeugungen nutzten, bis hin zu konfessionell gänzlich ungebundenen und nichtkirchlichen Praktikern, die ihre eigene göttliche Inspiration und Wahrheit ohne die Verwendung eines Mediums proklamierten. Es gab auch Spiritisten, die sich hauptsächlich auf Séancen und Geisterkontakte konzentrierten und keine höhere philosophische oder religiöse Deutung verfolgten. Gleichwohl vertraten die meisten Spiritisten eine Mischung aus all diesen Richtungen, wobei eine religiös-philosophische Interpretation des Phänomens des Geisterkontakts üblich war, und das unabhängig davon, ob der Kontakt durch ein Medium erfolgte oder durch eigene innere Erfahrung. Sie waren darüber hinaus der Überzeugung, dass ein angemessenes Urteilsvermögen gegeben sein müsse, um einen echten von einem nicht authentischen Kontakt zu unterscheiden. Die Spiritisten setzten sich intensiv damit auseinander, zu beurteilen, was ein bloßer psychischer Eindruck und was eine authentische spiritistische Offenbarung war. Auf diese Art und Weise betrachteten sie sich selbst, aber auch ihre Vorgänger.311

Swedenborg war als Person bei den Spiritisten aller Couleur einer der favorisierten Vorläufer. Er galt Davis als leitende geistige Instanz, dessen Schriften belegten klar seine Variationen swedenborgianischer Ideen. Viele Spiritisten wurden durch Swedenborgs lebendige Beschreibungen des Lebens nach dem Tod inspiriert und betrachteten ihn als Vorläufer ihrer Bewegung und als ein Beispiel für jemanden, der zum Geisterkontakt fähig gewesen sei. Einige Spiritisten benutzten Swedenborgs Lehren allerdings kaum und konzentrierten sich stärker auf ihn als Beispiel im Kontext des Geisterkontakts, mit einem nur flüchtigen Blick auf die höhere kosmische Ordnung. Obgleich sie einige swedenborgianische Ideen in ihre Paradigmen einschlossen, richtete sich die Aufmerksamkeit dieser Spiritisten deutlich stärker auf seine Beschreibungen spiritueller Erfahrungen als auf seine Lehren; folglich ignorierten sie seine Anweisungen, absichtlichen Geisterkontakt zu unterlassen. Letztlich suchten aber tatsächlich alle Spiritisten die Kommunikation mit der geistigen Welt auf eine Art und Weise, wie sie Swedenborg niemals gut geheißen hätte.312

Die Spiritisten glaubten an die Einheit von Wissenschaft und Geist und sie hofften, dass die Fortschritte in der Wissenschaft die Existenz des Geistes verifizieren würden. Dann werde eine geistige Wissenschaft entstehen und im Verständnis der Interaktion von Geist und Körper fortschreiten, zu mehr Einsichten in die menschliche Entwicklung gelangen sowie eine Verbesserung von Individuum und Gesellschaft ermöglichen, da diese Wissenschaft Gottes Gesetze beleuchten könne. Sie betrachteten diesen neuen Glauben als eine neue Wissenschaft, welche die geistige Realität erkennen und ein Überzeugungssystem mit wissenschaftlicher Beweiskraft aufbauen werde, welches sie stütze. Die Spiritisten betrachteten die geistige Welt so, dass diese einem allgemeinen Gesetz folge, das dem Naturgesetz des materiellen Universums entspreche und einer ‚universalen Vorhersehung’ folge. Sie behaupteten weiter, dass alles einer göttlichen Ordnung folge und sie „[…] begriffen eine einzige Natur, deren geistige und physische Dimension vermischt sind und entsprechend derselben Prinzipien des Naturgesetzes operierten.” Damit sind sie nicht den Anhängern des ‚Übernatürlichen’ zuzuordnen, denn sie folgten Swedenborgs Bemühungen, Religion und Wissenschaft miteinander zu harmonisieren. Allerdings bewegten sie sich jenseits eines rein auf physischer Sinnlichkeit beruhenden Studiums der materiellen Welt und favorisierten eine Wissenschaft des Geistes, welche die Natur der Seele erhellen sollte. Sie waren der Überzeugung, dass in der geistig-sinnlichen Erfahrung eine Wissensquelle liege und trachteten danach, Trance und innere Erfahrung als valide Forschungswerkzeuge für den Geist zu etablieren.313

Die Spiritisten rebellierten gegen das Konzept einer irdischen Geistlichkeit. Manche sahen sich dabei zwar von Geistern geleitet, aber alle weigerten sich, die Autorität kirchlicher Geistlicher anzuerkennen. Sie waren der Ansicht, dass der Spiritismus von

„[…] der religiösen Bigotterie befreit [ist], frei von den Ketten des Glaubensbekenntnisses und der Sekten, von den Fesseln konfessioneller Dogmen entbunden und in eine Sphäre des Lichts versetzt, in der sich die Seele entfalten kann.”

Sie lehnten den konventionellen Klerus also rundweg ab und fokussierten auf ihre eigenen spirituellen Erfahrungen und diejenigen ihrer Medien: Somit bestand keine Notwendigkeit mehr für Geistliche, die sie auf dem Weg zur individuellen und sozialen Wiedergeburt hilfreich leiten hätten können.314

DAS ANWACHSEN EINES AN PHÄNOMENEN UND SENSATIONEN ORIENTIERTEN SPIRITISMUS

Obgleich die religiösen und philosophischen Anschauungen der Spiritisten die Bewegung leiteten und prägten, war der auf Phänomene bzw. Erscheinungen bezogene Aspekt von ebenso großer Bedeutung. Viele Menschen hatten ihren ersten Kontakt mit dem Spiritismus aufgrund ihrer Neugier auf Geisterkontakte. Sobald sie von der Realität des Geisterkontakts überzeugt waren, begannen sie sich mit den religiösen und philosophischen Aspekten der Bewegung zu beschäftigen.315

Unglücklicherweise gewann dieser auf Phänomene bezogene sensationalistische Aspekt am Spiritismus nach dem Bürgerkrieg deutlich an Popularität und er wurde zunehmend als Betrügerei abgestempelt. Am Ende des Jahrhunderts waren diese sensationalistischen Aspekte vorherrschend und führten mehr und mehr zu bühnenreifen ‚Offenbarungen’, von denen viele öffentlich als Betrug entlarvt wurden. Auch einige Reformideen wurden ins Extrem getrieben und das Verhalten der Medien wurde immer mehr infrage gestellt. Obgleich die spiritistische Ideologie fortbestand, machte die Entlarvung spiritistischer Aktivitäten die Bewegung in der Öffentlichkeit zunehmend unglaubwürdig. Wie zuvor erwähnt, verließen Davis und andere spiritistische Führer die Bewegung und Ende des 19. Jahrhunderts bemühten sich einige Spiritisten, sich so zu organisierten, dass die betrügerischen, sensationalistischen Entertainer ausgesondert wurden. Der Spiritismus als religiöse Bewegung bestand bis ins 20. Jahrhundert fort. Er wurde erstmals 1893 mit der National Association of Spiritualists institutionalisiert, woraufhin weitere Gruppierungen entstanden. Gleichwohl wurde der Spiritismus in der öffentlichen Wahrnehmungen eher mit den betrügerischen Praktiken assoziiert, die im Verlauf des Spiritismus eher spät auftraten, als mit einer dynamischen, sehr populären intellektuell-religiösen Bewegung, die bestehende Paradigmen herausforderte.316

Eine weitere Bedrohung des Spiritismus entstand durch das Auftreten neuer metaphysischer Bewegungen in den 1870ern, wie etwa der Neugeist-Bewegung, der Theosophie und der Christian Science. Wie der Spiritismus beruhten auch diese auf Gedanken Swedenborgs, aus denen sie neue Ideen kreierten, welche innere Spiritualität und inneres Wachstum als Alternativen zum konventionellen Christentum eröffneten. Dies wird in späteren Abschnitten noch erörtert.317

SPIRITISMUS, TRANSZENDENTALISMUS UND DIE NEUE KIRCHE ALS VERBREITUNGSMEDIEN FÜR SWEDENBORGS ANSCHAUUNGEN IM 19. JAHRHUNDERT

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Spiritismus eine populäre, religiöse und philosophische Bewegung darstellte und zugleich als Medium zur Verbreitung der Ideen Swedenborg diente. Er war damit eine von drei Gruppen – neben dem Transzendentalismus und der Neuen Kirche –, die sich im Nordamerika der Zeit vor dem Bürgerkrieg durch Swedenborgs Anschauungen infizieren ließen. Alle drei Bewegungen markierten unterschiedliche Wege, wie Menschen jener Zeit die Ideen Swedenborgs verwendeten, um religiöse Ideologien zu bilden, aber als Basis diente stets Swedenborg, auf den sie sich bezogen.318

Die Swedenborgianer der Neuen Kirche begründeten ihre Lehre und Weltsicht gänzlich auf Swedenborgs Schriften mit ihren kosmologischen, metaphysischen und theologischen Ideen. Diese Schriften betrachteten sie als autoritatives Interpretationsmedium zur Erklärung des Christentums. Obgleich viele Mitglieder intellektuell liberal eingestellt waren und zu fortschrittlichen Sozialreformen neigten, war die Neue Kirche sicherlich das konservativste swedenborgianische Element in Nordamerika. Ihre Mitglieder stimmten mit den Spiritisten darin überein, dass die Beschreibung der geistigen Realität in Swedenborgs Schriften zutreffe. Allerdings kritisierten sie die Bemühungen der Spiritisten heftig, bewusst Geisterkontakt aufzunehmen. Interessanterweise gab es aber darüber hinaus noch eine Splittergruppe der Neuen Kirche, die Swedenborgianer der Neuen Ära, welche Geisterkontakt befürwortete und in bedeutender Weise mit den Spiritisten interagierte. Allerdings sprach die Neue Ära nicht für die Neue Kirche – und auch sie stellten die Autorität der Schriften Swedenborgs über alle anderen Medien.319

Die Transzendentalisten unterschieden sich von den Swedenborgianern der Neuen Kirche und den Spiritisten, insofern sie keinen Wert auf eine Kosmologie der geistigen Welt legten, sondern sich eher auf die eigene innere Spiritualität konzentrierten. Obgleich sie diese Betonung des persönlichen geistigen Wachsens (Regeneration) mit der Neuen Kirche teilten, akzeptierten die Transzendentalisten nicht die gesamte Theologie Swedenborgs. Der Transzendentalismus unterschied sich allerdings auch deutlich vom Spiritismus. Die Transzendentalisten im Allgemeinen und Emerson insbesondere lehnten die Bemühung der Spiritisten um Geisterkontakte ab und meinten, dass diese keinen Nutzen einbrächten. Emerson und die Transzendentalisten betrachteten die Schriften Swedenborgs als inspiriert, doch hatten sie für sie nicht die gleiche Autorität wie im Falle der Neuen Kirche.

Obgleich die Transzendentalisten ähnlich wie die Neue Kirche den Geisterkontakt ablehnten, begründeten sie dies nicht mit den entsprechenden Warnungen Swedenborgs. Wie die Spiritisten akzeptierten die Transzendentalisten die Vorstellung der Hölle nicht. Mehr konzentrierten sie sich auf swedenborgianische Konzepte des Lebens nach dem Tod und das ewige Fortschreiten des Individuums. Die Transzendentalisten teilten mit den Spiritisten die Erhebung Swedenborgs „[…] zu einem Vorläufer einer individuellen, demokratischen und erfahrungsbezogenen Religion, die dem 19. Jahrhundert in Nordamerika angemessen ist.” Und obgleich Transzendentalisten und Spiritisten auf die religiösen Ideen Swedenborgs fokussierten, schlossen sie doch auch dessen wissenschaftliche Anschauungen mit ein.320

Der ‚Trialog’ zwischen der Neuen Kirche, dem Transzendentalismus und dem Spiritismus hinsichtlich swedenborgianischer Ideen war dabei behilflich, das Interesse an Swedenborgs Arbeiten auszuweiten. Sowohl Emersons erstes Buch über die transzendentalistische Philosophie, Nature (1836), als auch Davis erstes Buch über die Philosophie der Harmonie, Pricniples of Nature (1847), wurden zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung als swedenborgianisch verstanden. Beide Bücher beinhalteten viel von Swedenborgs Metaphysik und Wissenschaft. Beide Autoren verwiesen auf wissenschaftliche Werke Swedenborgs wie die Oeconomia regni animalis sowie auf seine theologischen Schriften. Obgleich sie politisch und ideologisch zum Teil deutlich differierten, teilten die Transzendentalisten und die Spiritisten swedenborgianische Konzepte wie geistiges Wachsen und Regeneration, dass übergreifende Gesetze das natürliche und geistige Universum leiteten, dass die Verbindung von Geist und Natur in jedem Menschen als Seele-Körper-Verbindung vorhanden sei – und insbesondere die Lehren von Korrespondenz und Einströmen.321

Der Spiritismus hatte bezüglich der drei Gruppierungen im Nordamerika in der Mitte des 19. Jahrhunderts die bei weitem meisten Anhänger. Ihre Vertreter intensivierten die Beziehungen zu Swedenborg bei anderen metaphysischen Religionen in Nordamerika und machten diese für eine große Anzahl von Menschen verfügbar. So schreibt der Historiker Brett Carrol:

„Die Spiritisten halfen dabei, Swedenborg im religiösen Leben der Nordamerikaner zu etablieren, und ihre weit verbreitete Bewegung half dabei, seinen Einfluss weit zu streuen. Dies insbesondere in Bezug auf seine Ideen der Geisterkommunikation und Medienvermittlung – weit über jenen kleinen Kreis liberaler Intellektueller hinaus, die sich dem Transzendentalismus und der Neuen Kirche zugehörig fühlten.” 322

13. ALFRED RUSSEL WALLACE: EVOLUTION, SPIRITISMUS UND SWEDENBORG

1858 verkündete Charles Darwin die Evolutionstheorie und bemerkte, dass diese Theorie, welche die Variation der Arten und das Überleben des Bestangepassten umfasste, zeitgleich und unabhängig voneinander durch ihn selbst und Alfred Russel Wallace entwickelt worden sei. Die Evolutionstheorie hatte enorme Konsequenzen und Auswirkungen auf das intellektuelle und religiöse Denken der europäischen und amerikanischen Gesellschaften.

Interessanterweise bauten die Spiritisten, die sich selbst als sowohl naturwissenschaftlich wie religiös verstanden, das Konzept der Evolution in ihre Sicht des Universums ein. Die spiritistische Idee einer Gottheit mit göttlicher Intelligenz, welche das Universum zum Zweck des Himmels für das Menschengeschlecht führt und bei der es ein Leben nach dem Tod gibt, adaptierte die Evolution als ein vergleichbar geleitetes Fortschreiten hier auf der Erde. Allerdings gefiel den Spiritisten Wallaces Perspektive dabei wesentlich besser, da sie eher zu ihren Überzeugungen passte als diejenige Darwins, und sie benutzten das Konzept der ‚Evolution’ als eine wichtige Metapher für soziale Verbesserung.

Wallace war der von A. T. Still präferierte Biologe – und er war Spiritist und auch mit Swedenborgs Schriften vertraut. Die Evolutionstheorie hatte vermutlich erheblichen Einfluss auf Still, was mit ihrem spiritistisch orientierten Mitbegründer zu tun hatte. Wallaces Perspektive auf die Evolution beinhaltete swedenborgianische Elemente, wodurch wiederum swedenborgianische Konzepte bestärkt wurden, die Still in seine eigene Weltsicht und Philosophie einbaute.323

Swedenborg sprach nicht wörtlich von der Evolutionstheorie, da er 100 Jahre vor der Einführung des Begriffs lebte. Er schrieb allerdings ausführlich über Themen wie die Natur der materiellen und der geistigen Welt, die Natur der göttlichen Weisheit, welche die göttliche Vorsehung leite, und die Interaktion des Herrn mit seiner Schöpfung. Wallace baute viele dieser Ideen in seine Sichtweise der Evolutionstheorie ein.

Die Geschichte von Wallace und Darwin, den beiden brillanten und voneinander unabhängigen gemeinsamen Entwicklern der Evolutionstheorie veranschaulicht zwei unterschiedliche Zugänge zu diesem Thema. Durch das Verständnis ihrer Sichtweisen sowie aufgrund von Stills Vorliebe für Wallaces Ideen lassen sich seine Perspektive und Philosophie besser einschätzen.

Alfred Russel Wallace wurde 1823 nahe der Kleinstadt Usk in Monmouthshire, England, geboren. In jungen Jahren ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, etwa als Landvermesser und Schullehrer. Er hatte eine Vorliebe für Naturgeschichte und wurde ein sehr engagierter autodidaktischer Naturforscher. Aus eigenem Interesse las er in der Stadtbibliothek von Leicester, wo er als Lehrer tätig war, eifrig alle bekannten Bücher über Naturwissenschaft, philosophische Biologie und über Entdeckungen exotischer Orte, die er finden konnte. Viele dieser Bücher las Darwin ebenfalls begeistert, sodass beide auf ihren Berufswegen dadurch gleichermaßen geprägt wurden.324

In jener Zeit entwickelte Wallace auch weitere Interessen. Er las ausgiebig über Phrenologie und entwickelte ein reges Interesse am Mesmerismus. 1844 in Leicester las er George Combes The Constitution of Man und erkundete auch dessen andere Werke. Neugierig wie er war, unternahm er einige phrenologische Aktivitäten und war begeistert von seinen Forschungsergebnissen. Er besuchte mit einigen seiner älteren Schüler Demonstrationen und Vorträge von Spencer Hall, der sowohl Mesmerismus als auch Phrenologie lehrte. Wie in Nordamerika hatte auch in England der Weg von der Phrenologie hin zum Mesmerismus geführt; es gab Vortragsreisende, die als Phrenomagnetiseure zu beiden Themen sprachen. Hall versetzte Wallace in einen magnetisierten Zustand und beeindruckte ihn damit so sehr, dass er, zurück auf dem Campus, einige Schüler in einen ähnlichen Zustand versetzte. Wallace versuchte sich im folgenden Jahrzehnt weiter am Mesmerismus und dies wiederum bereitete die Bühne für sein späteres Interesse am Spiritismus.325

Im Alter von 25 Jahren brach Wallace 1848 zum Amazonas nach Brasilien auf und verbrachte dort drei Jahre als naturwissenschaftlicher Feldforscher im Regenwald, wobei er Proben sammelte und diese nach Europa schickte. 1851 kehrte er nach England zurück und begann ab 1854 in mehreren angesehenen britischen naturwissenschaftlichen Gesellschaften aktiv zu werden und sich ausreichend Unterstützung für seine nächste Expedition zu verschaffen, die ihn zum malaiischen Archipel (heute Indonesien) führte. Die Reise wuchs sich zu einer langen Expedition aus, die schließlich von 1854 bis 1862 dauern sollte. Während dieser Zeit sammelte er nicht nur Proben und beobachtete Menschen und Orte, sondern er entwickelte auch seine eigenen Theorien der Naturgeschichte, wozu auch die Theorie der natürlichen Selektion gehörte. Wallace war ein unabhängiger Naturforscher, neugierig, brillant, aber nicht sehr weltläufig und kaum vernetzt.326

Darwin lebte zu jener Zeit in England und verwendete die Informationen, die von naturwissenschaftlichen Feldforschern wie Wallace gesammelt wurden, um seine eigenen Theorien abzuschließen, wozu auch als Basis der Evolutionstheorie die Idee natürlicher Selektion gehörte. Er hatte die Mittel und den Forschungszugang, um seine eigenen Theorien zu entwickeln. Dabei war er äußerst genau und benötigte daher einige Zeit, bis er sein erstes Buch schrieb, welches seine ursprünglichen Ideen entfaltete.327

Darwin und Wallace begannen eine Korrespondenz, während sich Wallace im malaiischen Archipel aufhielt, und diese Verbindung hielten sie über mehrere Jahre hinweg aufrecht. Im Juni 1858 erhielt Darwin einen Brief von Wallace, der im Zusammenhang seiner malaiischen Abenteuer entstanden war. Dieser Brief enthielt Wallaces eigene Theorien der natürlichen Selektion und des Überlebens des Bestangepassten. Darwin war überrascht und bestürzt. Es machte den Eindruck, als handele es sich um eine von Wallace abgefasste Zusammenfassung von Darwins eigener Theorie, eine Art Zusammenfassung des Buchs, an dem Darwin gerade schrieb: Natural Selection. Er war verzweifelt und schrieb an einen vertrauten Kollegen, den er um Rat bat:

„Nie habe ich genauere Übereinstimmung gesehen. Hätte Wallace meine handschriftliche Skizze von 1842, hätte er keine bessere kurze Zusammenfassung schreiben können. Selbst seine Begriffe stehen jetzt als Überschriften über meinen Kapiteln!” 328

Darwin fragte sich, wie er ethisch korrekt vorgehen solle. Er wollte zwar den Vorrang nicht verlieren, der erste gewesen zu sein, welcher die Theorie der natürlichen Selektion entwickelt hatte, aber er konnte Wallaces Brief auch nicht einfach außer Acht lassen, da dieser unabhängig von ihm die gleiche Theorie formulierte. Nach Diskussion mit mehreren seiner Kollegen wurde die Entscheidung getroffen, dass Darwins und Wallaces Ideen zur selben Zeit und in dieser Reihenfolge präsentiert werden sollten. So geschah es in der Linné-Gesellschaft 1858. Darwin verfasste anschließend eine Kurzfassung seines Buchs und veröffentlichte diese Abhandlung 1859 unter dem Titel Origin of the Species.329

Nach weiteren Abenteuern auf seinen Reisen, auf denen er während acht Jahren über 22.000 Kilometer zurückgelegt hatte, kam Wallace 1862 schließlich nach England zurück, um dort zu bleiben. Kaum angekommen, wurde er zum Fellow der Zoologischen Gesellschaft gewählt, eine sehr exklusive und hoch angesehene Auszeichnung. Der Gedanke der Evolution wurde anfänglich nicht von allen Wissenschaftlern mit offenen Armen aufgenommen. Wallace hingegen verteidigte nicht nur seine Evolutionstheorie, sondern auch Darwin gegen seine Kritiker. Darwin erkannte in Wallace seinen größten Verbündeten und war erstaunt über dessen fehlende Erbitterung, denn schließlich hatte er mit Origin of the Species einen wesentlich größeren Bekanntheitsgrad erlangt. Aber das schien Wallace überhaupt nicht zu bekümmern. Schließlich wurde er mit den Jahren auch selbst als bedeutender Naturforscher und Theoretiker bekannt. Darwin und er wurden gute Freunde und Wallace wohnte sogar 1862 in Darwins Haus. 1864 fügte er der Theorie der natürlichen Selektion, sofern sie auf den Menschen angewendet wurde, einige Verfeinerungen hinzu. So betonte er den Unterschied zwischen dem Körper des Menschen und seinem Gehirn bzw. seinem Mentalen. Darwin lobte das als „[…] großartig und sehr eloquent vorgetragen.”330

Wallace baute seinen eigenen Zugang zur natürlichen Selektion und zur Evolution des Menschen weiter aus. Er argumentierte, dass weder die natürliche Selektion noch irgendein Element der Evolutionstheorie das Entstehen bewussten Lebens im Menschen erklären könne. Er führte weiter aus, dass es bestimmte Aspekte des Menschen gebe, die nicht durch die Theorie der natürlichen Variation und des Überlebens des Bestangepassten erklärt würden. Vor allem das menschliche Gehirn sei ein Organ, welches weiter entwickelter sei, als es für das bloße Überleben erforderlich sei; jedoch erachtete er es als notwendig zur Schaffung der menschlichen Kultur.331

Während dieser Zeit gab es bedeutende Veränderungen in Wallaces persönlichem Leben. Im Frühjahr 1845 hegte er große Zuneigung für Annie Witten, der Tochter eines Apothekers und Wissenschaftlers, der sich mit Pflanzen befasste. Russel und Annie heirateten 1866 und zu jener Zeit tauchte er auch in den Spiritismus ein. Er hatte das orthodoxe Christentum viele Jahre zuvor abgelegt, wobei er seinen starken Glauben an die Existenz eines spirituellen Aspektes im Menschen behielt. Er wandte sich dem Spiritismus mit ganzem Herzen zu, „[…] seine Begeisterung hatte die Intensität einer Konversion.” Rasch machte er sich mit der Bewegung vertraut und wurde ihr standhafter Anwalt: eine Position, die er für den Rest seines langen Lebens behalten sollte. Zudem war er aufgrund seiner früheren Kontakte zweifellos auch gut vertraut mit Mesmerismus und Phrenologie.

In jener Zeit hatte sich der Spiritismus gerade von Nordamerika nach Großbritannien verbreitet und war dort ziemlich populär geworden. Sogar einer von Darwins Cousins, Hensleigh Wedgwood, wurde ein enthusiastischer Spiritist und besuchte zusammen mit Wallace in London Séancen. Obgleich viele andere Wissenschaftler Versuche mit dem Spiritismus unternahmen und einige ihn still unterstützten, bekannte sich kein derartig bekannter Wissenschaftler wie Wallace öffentlich mit Unterstützung und Verteidigung der Bewegung zu ihr. Wallace wurde auch mit den Werken des swedenborgianischen Theologen Professor George Bush sowie unmittelbar mit den Schriften Swedenborgs vertraut und verteidigte diese gegen zeitgenössische Kritik.332

1867 bekamen Wallace und seine Frau ihr erstes Kind. In diesem Jahr bearbeitete er seine Reisenotizen und veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Aufsätze und Zeitschriftenartikel. Dazu begann er die Arbeit an einem Buch, das seine Reisen beschrieb. Es waren drei Jahre nötig, bis es im Januar 1869 schließlich in zwei Bänden und unter dem Titel The Malay Archipegalo veröffentlicht wurden. Wallace widmete das Buch Charles Darwin, der es wohlwollend beurteilte; auch die übrigen Rezensionen waren sehr positiv. Zu dieser Zeit war Wallace als erfolgreicher und angesehener Naturforscher und Wissenschaftler bekannt. Ihm wurde auch die renommierte Königliche Medaille der Royal Geographical Society verliehen.333

Im Jahr der Veröffentlichung bezogen beide, Darwin und Wallace, die Evolutionstheorie explizit auf den Menschen. Wallace unterschied sich darin jedoch von Darwin insofern, indem er feststellte, dass der Mensch auf einen höheren Status der Vollkommenheit zustrebe – und dies sei nicht zufällig. Er war zwar auch der Ansicht, dass die Gesetze der Variation und des Überlebens des Bestangepassten auf die Menschheit anwendbar seien, allerdings würden Belege zeigen, dass es

„[…] eine Macht gebe, […] welche das Handeln dieser Gesetze in eine bestimmte Richtung und auf besondere Ziele hin geleitet habe – und […] dass eine Höhere Intelligenz bei der Entwicklung des Menschengeschlechts dieselben Gesetze zu Erfüllung eines edleren Ziels angewendet hat.”334

Wallace schrieb weiter:

„Doch lasst uns die Augen nicht vor der Evidenz verschließen, dass eine übergeordnete Intelligenz über die Ausübung dieser Gesetze gewacht hat, um so ihre Variationen zu leiten und ihre Akkumulation zu bestimmen. So wird schließlich eine Organisation geschaffen, die ausreichend vollkommen ist, um den unbestimmten mentalen und moralischen Fortschritt zu ermöglichen und diesen sogar zu unterstützen.”335

Darwin stimmte dieser Idee gar nicht zu und war vielmehr traurig darüber, dass Wallace sich von seiner eigenen Einschätzung der Evolutionstheorie verabschiedete. Er glaubte wiederum, dass die physische, intellektuelle und psychische Natur des Menschen evolutionär von den Tieren abstamme und betrachtete diese Einbeziehung einer höheren Macht folglich als Kapitulation vor dem orthodoxen Christentum.

Tatsächlich lehnte Wallace das Konzept der Evolution als Teil des Naturgesetzes niemals ab. Und obgleich er eine übergeordnete Intelligenz, welche die Schöpfung zu bestimmten Zielen lenke, anerkannte, hatte er sich bereits klar vom Christentum distanziert. Vielmehr hatte er nun den Spiritismus mit seinem Konzept einer Gottheit akzeptiert, die aus einer göttlichen Weisheit bestehe, welche das Universum durch göttliche Vorsehung leite und auf natürlicher wie geistiger Ebene durch ein allgemeines Gesetz agiere – ähnlich wie es Swedenborg beschrieben hatte.336

Beispiele aus Swedenborgs Schriften belegen, dass darin ähnliche Auffassungen enthalten sind:

„Wir sehen ein Bild des Unendlichen und Ewigen in der Variation von allem in der Tatsache, dass nichts genau gleich mit etwas anderem ist und nichts in Ewigkeit existieren kann. […] Dies zeigt, dass die Variation unendlich und ewig ist.”337

„Wenn man auf das geschaffene Universum schaut und dabei seinen Entwurf betrachtet, erscheint es so voller in Liebe gründender Weisheit, dass man sagen wird, alles mit allem zusammen genommen sei die Weisheit selbst.” 338

„Der Herr hat das Universum nicht um seiner selbst willen geschaffen, sondern wegen der Menschen, von denen er wollte, dass sie im Himmel sind. […] Es folgt dann, dass die göttliche Liebe (und daher die göttliche Vorsehung) das Ziel eines Himmels hat, der aus Menschen besteht, die zu Engeln geworden sind und Engel werden.”339

„Diese Gesetze befähigen uns dazu, die Natur der Vorhersehung zu kennen und Menschen, die ihre Natur kennen, müssen sie anerkennen, weil sie diese tatsächlich sehen.” 340

Wallace veränderte seinen Standpunkt nicht mehr. In seinem langen Leben entwickelte er seine Ideen weiter, wobei er den Menschen als duales Wesen aus natürlichen und geistigen Aspekten betrachtete, wobei der geistige Aspekt nach dem Tod fortbestehe. Er argumentierte, dass die geistige Natur des Menschen kein einfaches Nebenprodukt der Evolution sei, dass der Menschen mehr sei, als ein Materialist erklären könne, und dass der Geist in Ewigkeit fortschreite.341

„Der Mensch ist ein duales Wesen und besteht aus einer organisierten geistigen Form, die sich zugleich mit dem physischen Körper herausbildet und ihn durchdringt – beide besitzen einander entsprechende Organe und Entwicklungsschritte. Der Tod ist die Trennung dieser Dualität und bewirkt keine moralische oder intellektuelle Veränderung im Geist. Die fortschreitende Evolution der intellektuellen und moralischen Natur entspricht dabei der persönlichen Bestimmung. Das Wissen, die Errungenschaften und die Erfahrungen des irdischen Lebens bilden die Basis des Lebens als Geisterwesen.” 342

In der Tat könnten Wallaces Ansichten so zusammengefasst werden: Überleben des Bestangepassten und Fortschreiten des Geistes.

Swedenborg hatte im Jahrhundert davor geschrieben:

„Die Seele ist die universale Essenz des menschlichen Mikrokosmos oder Körpers. Sie ist universell präsent, mächtig, aktiv, bewusst und vorsehend im ganzen Körpers und allen seinen Organen.” 343

„Damit der Mensch für immer leben möge, wird das Sterbliche von ihm weggenommen. Sein sterblicher Teil ist der materielle Körper, der bei seinem Tod entfernt wird. Sein unsterblicher Teil, der sein Mentales umfasst, ist so unverhüllt, und wird dann ein Geist in menschlicher Form; sein Mentales ist dieser Geist.” 344

„Jedem wird nach dem Tod die Möglichkeit gewährt, sein Leben zu ändern – sofern dies überhaupt möglich ist.” 345

Wallace sah drei wichtige Übergänge in der Geschichte der Evolution, die nicht von der Evolutionstheorie erklärt würden: der Übergang vom anorganischen zum organischen Aspekt, jener von der Pflanze zum Tier und der Übergang vom Tier zum beseelten Menschen. Er war der Überzeugung, dass bei allen drei Übergängen ein Einströmen stattfinde, ein Einströmen von Seiten der Gottheit, einer schöpferischen Macht mit lenkendem Verstand, der einen letzten, die Evolution lenkenden Zweck führe. Dieser Zweck bestehe in „[…] der Entwicklung des Menschen, jener einen, krönenden Hervorbringung des gesamten kosmischen Prozesses der Entwicklung des Lebens.” Er stellte fest, dass es an einem Punkt der Evolutionsgeschichte ein ‚Einströmen’ bzw. ‚ein Einhauchen des Geistes’ gegeben habe, was den Menschen in der Natur auszeichne. Dies bezeichnete den wesentlichen Unterschied zu Darwins Standpunkt, dass nämlich die gesamte mentale, moralische und spirituelle Natur des Menschen sich aus den niederen Tieren durch denselben Prozess entwickelt habe, aus der auch die physische Struktur des Menschen entstanden sei. Doch trotz ihrer unterschiedlichen Betrachtungsweise der Evolution blieben Darwin und Wallace bis an ihr Lebensende Freunde.346

Wallace stellte wiederholt fest, dass der Zweck der Existenz des Menschen in dieser materiellen Welt darin bestehe, dass sich menschliche Geister in menschlichen Körpern entwickelten und auch nach dem Tod des natürlichen Körpers fortbestünden. Dieses Leben nach dem Tod diene ebenfalls der geistigen Entwicklung, welche auf einem in dieser Welt gelegten Fundament aufbaue, doch im ewigen Wachstum und in der Vollkommenheit in der spirituellen Welt fortdauere.

„Schauen wir auf den Menschen, dessen eigentlicher Zweck es hier ist, ein Andersals-Andere-Sein, eine Individualität auszubilden, um im zukünftigen Leben weiter entwickelt zu werden, erkennen wir viel deutlicher, wie unser ganzes irdisches Leben eine Vorbereitung darauf darstellt. In dieser Welt haben wir das Maximum an Anders-als-Andere-Sein geschaffen. Dabei hat uns ein Potential für individuelle Bildungsmöglichkeiten geholfen und, insofern ein jeder Geist von der Gottheit abstammt, sind diese nur durch die Zeit, die jedem von uns zur Verfügung steht, begrenzt. In der Welt der Geister verkürzt der Tod die Phase des Bildungsfortschrittes nicht. Die besten Bedingungen und Möglichkeiten werden geboten für den kontinuierlichen Fortschritt zu einem höheren Status, obgleich das gesamte Anders-als-Andere-Sein hier zu einer unendlichen Variation, zu Liebreiz und Gebrauch führt, der wahrscheinlich auf keine andere Weise hätte zustande kommen können.” 347

Vergleichen Sie dies mit einem Auszug aus Swedenborgs Buch Divine Providence:

„Im Blick auf die Variationen selbst, die im Kontext jener Sachverhalte stattfinden, die konstant, fixiert und beständig sind, gilt: Sie erstrecken sich zur Unendlichkeit und besitzen keine Grenze. Doch es gibt niemals einen, der genau einem anderen im Universum oder einem seiner kleinsten Teile gleicht. Das kann im Gang der Zeit zur Ewigkeit nicht anders sein. Sofern diese Variationen zur Unendlichkeit und Ewigkeit reichen, wer kann sie so anordnen, dass sie eine Ordnung bilden? Wohl nur der Eine, der die Konstanten geschaffen hat, sodass die Veränderungen in ihm stattfinden können. Und wer kann die unendlichen Verschiedenheiten des Lebens im Menschen angemessen behandeln, wenn nicht der Eine, der das Lebens selbst ist? Also derjenige, der die Liebe und die Weisheit selbst ist.” 348

„Da der Himmel vom Menschengeschlecht kommt und da der Himmel mit dem Herrn für immer besteht, folgt, dass dies das Ziel des Herrn bei der Schöpfung war. Weiter, da dies das Ziel der Schöpfung war, ist es auch das Ziel der göttlichen Vorsehung.” 349

Wie kam Wallace zu dieser grundlegend anderen Betrachtungsweise der Evolution? Die Antwort scheint zu lauten: durch seinen Kontakt mit dem Spiritismus und mit Swedenborg. Als ihn ein Interviewer fragte, wie er zu einem die Schöpfung leitenden Gottesgefühl gekommen sei, antwortete Wallace: „Teilweise durch meinen Kontakt mit dem modernen Spiritismus.” Wallace war mit den Schriften des Spiritismus und Swedenborgs vertraut. Er erwähnt Swedenborg mehrere Male und an einem Punkt verteidigte er einige Werke Swedenborgs gegen Kritik. Gleichwohl ist es wahrscheinlich, dass die meisten seiner Überlegungen aus seinem Studium des Spiritismus stammen, denn Wallace zeigte sich als offener Verfechter des Spiritismus und schrieb ausgiebig über das Thema.350

Für ihn gab es materielle und geistige Konflikte in der Evolutionstheorie. Er glaubte, dass sein Konzept des Überlebens des Bestangepassten und des Fortschreitens des Geistes, das von einer übergeordneten Intelligenz geleitet wird, sowohl mit der Evolutionstheorie als auch mit den Ideen des modernen Spiritismus kompatibel seien. Dagegen sah er die rein materialistische Interpretation der Evolutionstheorie problematisch, sobald sie sich auf etwas bezog, wo dies nicht angemessen erschien. Wallace kannte als großer Naturforscher seiner Zeit und Mitbegründer der Evolutionstheorie die Kraft und die Grenzen dieser Theorie deutlicher als die meisten. Daher glaubte er auch, dass eine übergeordnete Intelligenz Ereignisse durch geistige und natürliche Gesetze leite und dass die Evolutionstheorie einen Teil jener natürlichen Gesetze beschreibe – aber nicht alles. Das wird gut durch die folgenden Äußerungen veranschaulicht:

„Jede neue Entdeckung in der Natur bekräftigt die ursprüngliche Hypothese [der Evolution]. Doch das ist die vernünftige und ehrliche Evolution, die sich überhaupt nicht mit Anfängen beschäftigt und bloß ein paar Verbindungsglieder in einer ziemlich offensichtlichen Kette folgt. Über die Kette sagt die Evolution nichts aus. Ich bin selbst davon überzeugt, dass es in einer Phase der Erdgeschichte einen bestimmten Akt der Schöpfung gab. Von diesem Moment an war die Evolution an der Arbeit, es wurde Führung ausgeübt.”351

„Es mag uns unmöglich erscheinen, genau zu sagen, wie diese Führung ausgeübt wurde und mit welchen Kräften das genau geschah. Doch für diejenigen, die Augen haben, um zu sehen, und Verstandeswesen sind, die gewöhnt darin sind, zu reflektieren, [ist es deutlich:] in den winzigsten Zellen, im Blut, in der gesamten Erde und überall im Universum der Sterne – in unserem kleinen Universum, wie man sagen könnte – gibt es eine intelligente und bewusste Richtung. Mit einem Wort: Es gibt einen übergeordneten Verstand.”352

Vergleichen Sie dies mit einem weiteren Zitat aus Swedenborgs Divine Providence:

„Die Menschen, die aufgrund ihrer Erkenntnis Gottes spirituell geworden sind und weise dadurch, dass sie ihr Streben nach eigener Bedeutung aufgegeben haben, erkennen die göttliche Vorsehung in der gesamten Welt und jedem ihrer kleinsten Teile.” 353

Wallace behielt sein großes Interessen an der Evolutionstheorie und am Spiritismus während seines langen Lebens. Ebenso verfolgte er Interessen in anderen Bereichen, die er als beständig und kohärent mit anderen Ideen ansah. Er interessierte sich für neue Ideen der Landreform und für Sozialreformen, blieb dabei stets seinen spiritistischen Überzeugungen treu und bekam dennoch als anerkannter Naturforscher und moderner Philosoph höchste Anerkennung. Viele weitere Auszeichnungen wurden ihm verliehen, darunter einen Ehrendoktor der Universität Oxford, die Darwin-Medaille der Royal Society, die Gründer-Medaille der Royal Geographic Society, die Königliche Medaille der Linné-Gesellschaft und sogar der Verdienstorden des englischen Königs. Wallace publizierte weiter zu vielen Themen und die Rezensionen waren durchweg wohlwollend.354

Schließlich ging er wieder auf Reisen, diesmal nicht als Forscher, sondern als Redner. Dazu arrangierte er 1886 eine Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten. Lange Reden waren zwar nicht seine Lieblingsbeschäftigung, aber er war hoch interessiert an der Möglichkeit, amerikanische Spiritisten zu besuchen. So begann er seine Tour in Neuengland. An seinem ersten Wochenende in Boston besuchte er den Herausgeber der spiritistischen Zeitschrift Banner of Light, der Wallace mit örtlichen Spiritisten bekannt machte. Wallaces jüngster Aufsatz Are the Phenomena of Spiritualism in Harmony with Science? war in Bostoner Zeitschriften nachgedruckt worden. Daher traf er sofort auf interessierte Intellektuelle und Spiritisten. Wallace setzte seine Reise durch die Oststaaten, den Mittleren Westen und weiter nach Kalifornien fort und schrieb währenddessen für Banner of Light. Er besuchte Gegenden, die für einen Naturforscher von Interesse waren und traf sich mit Spiritisten im ganzen Land. Zuletzt erfüllte er sich noch einen Traum: Den Besuch der gigantischen Mammutbaum-Wälder an der amerikanischen Westküste.355

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23 декабря 2023
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9783941523395
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