Читать книгу: «Granate oder Granatapfel, was hat der Schwarze in der Hand»
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Buch wurde im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Titel der Originalausgabe:
Cette grenade dans la main du jeune Nègre est-elle une arme ou un fruit?
Zuerst erschienen 1993.
© 2015 Dany Laferrière
© 2016 Éditions Grasset & Fasquelle, Paris
© 2021 Verlag Das Wunderhorn GmbH
Rohrbacherstraße 18, D-69115 Heidelberg
www.wunderhorn.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Gestaltung und Satz: philotypen/Dortmund
eISBN: 9783884236604
Granate oder Granatapfel was hat der Schwarze in der Hand?
Dany Laferrière
Aus dem Französischen
übersetzt von Beate Thill.

Gewidmet
dem Romanautor James Baldwin,*
dem Musiker Miles Davis,
dem jungen Maler Jean-Michel Basquiat,
alle drei sind in Amerika gestorben.
In der Neuen Welt herrscht Krieg.
*Gewiss, Baldwin starb in Frankreich, aber die tödliche Wunde wurde ihm in Amerika zugefügt.
Ich verleugne meine Herkunft nicht, ich verstehe mich nur nicht mit den anderen Schwarzen.
Ich finde, Schwarzsein ist nicht alles im Leben.
Graffito in einer New Yorker U-Bahn.
Inhalt
SCHREIBEN IN NORDAMERIKA
DIE KUNST, BERÜHMT ZU WERDEN OHNE ZU ERMÜDEN
I. TEIL WO?
II. TEIL DIE REISE
III. TEIL AMERICANA
IV. TEIL WARUM?
V. TEIL WIE? (RÜCKBLENDE)
VI. TEIL DREI AMERIKANISCHE PAARE
VII. TEIL DAS MATERIELLE LEBEN
VIII. TEIL EIN PAAR REGELN, UM IN AMERIKA ZU ÜBERLEBEN
IX. TEIL AUCH DAS IST AMERIKA
X. TEIL DIE PARALLELWELT
XI. TEIL HALL OF FAME (ZEHN ZEITGENÖSSISCHE AFROAMERIKANISCHE HELDEN)
XII. TEIL AMERIKA IST EIN RIESIGER FERNSEHER MIT WIMMELBILDERN
XIII. TEIL DIE RÜCKKEHR
SCHREIBEN IN NORDAMERIKA
I
Dies ist kein Roman. Hier denke ich an Magritte, der eine Pfeife zeichnete und darunterschrieb „Dies ist keine Pfeife“.
Ich verfasse dieses Buch nach Notizen, die ich mir an vielen Orten in Nordamerika gemacht habe. Im Zug Richtung Vancouver, in dem eine dicke Frau mir gegenüber saß und mich während der ganzen Fahrt anstarrte, weil sie dachte, ich zeichnete ihr Porträt (was übrigens stimmte). Im Bus Richtung Süden (Key West) an einem sonnigen Freitag, mit der schrecklichen Bläue des Meers beiderseits der nicht endenden Brücke. Im vegetarischen Restaurant in San Francisco, wo ich nichts gegessen habe, wegen eines winzigen Fettkrümels im Mundwinkel der Langen, drei Tische links von mir. Im Taxi vor einem Nachtclub in Manhattan, um drei Uhr morgens (wir suchten verzweifelt nach Bagels). In der Toilette des Shade (eine modische Bar in Montréal, am Boulevard Saint-Laurent, angesagt bei jungen Schauspielerinnen mit metallischen Brüsten, die dir ihr Laserzwinkern zuwerfen), wo eine grünhaarige Frau heulte, weil sie die Vene nicht finden konnte, um sich den ganzen Dreck in den Leib zu fixen. In Amerika ist man pausenlos unterwegs. Der weite Raum Amerikas ruft nach Geschwindigkeit.
II
Ich habe den Auftrag, für ein hochangesehenes Magazin an der Ostküste eine große Reportage zu schreiben. Sie wollen offenbar eine Sondernummer über Amerika herausbringen.
„Was kümmert es mich, ob Amerika 500, 400 oder 600 Jahre alt ist!“
Das sagte ich dem Typen am Telefon, der mich in meiner Bude aufgespürt hatte.
„Fuck Amerika, Alter, hier ist das Geld, und zwar ein schönes Päckchen, nimm’s, sonst kriegt es ein Anderer.“
„Warum ich?“ (Wie lange man diese dämliche Frage schon stellt!) „Tja, vielleicht bist du ‚das Parfüm des Monats‘ für sie.“
„Wieso?“
„Sie haben dich anscheinend überall gesucht und jetzt …“
„Was ist mit dir?“
Kurzes Schweigen.
„Sagen wir mal, ich bin schon ‚das Parfüm des Monats‘ gewesen.“
„Lange?“
„Ja … gut drei, vier Monate.“
„Nur!“
„Hier geht das sehr schnell“, erwiderte er mit einem trockenen Lachen.
„Was wollen die genau?“
„Keine Ahnung … Ich nehme an, sie wollen einen Schwarzen, der nicht hier lebt, sich hier aber gut auskennt, du weißt, was ich meine …“
„Warum keinen schwarzen Amerikaner?“, fragte ich ganz unschuldig.
„Afroamerikaner heißt das jetzt, das hat sich auch geändert.“
„Wenn man seine Identität in den Wörtern sucht … Dennoch, warum keiner von denen?“
„Sie wollen wohl keine Schwierigkeiten … nicht jemanden, bei dem sich alles um den Gegensatz zwischen Weiß und Schwarz dreht, das interessiert sie nicht.“
„Dann ist es schon vorbei, denn es ist das Einzige, was mich an Amerika interessiert.“
„Bei dir“, sagte er lachend, „ist das eher der Zusammenprall der Weißen Frau mit dem Schwarzen Mann.“
„Auch eine Art, sich dem Problem zu nähern …“
„Möglich, aber das gehört in die Freizeit. Wenn nicht von Geld die Rede ist, fühlt sich der Weiße nicht angesprochen.“
„Du meinst, der Reiche.“
„Kein linkes Gewäsch, Alter, hier ist der Reiche weiß.“
„Ich hasse Auftragsarbeit.“
„Du entscheidest … Passt ‚das Parfüm des Monats‘ nicht zu dir? Du fährst auf ihre Kosten ein wenig herum und schreibst deine Eindrücke auf, und die zahlen verdammt gut, Alter … das ist Amerika!“, schloss er mit einem lauten, bitteren Lachen.
„Ach! Haben sie denn vor den Schriftstellern so viel Respekt?“
„Willst du mich auf den Arm nehmen?“
„Nein nein …“
„Ganz einfach“, behauptete er, „sie wollen ihre Sondernummer (die eigentlich vollständig von Ford, Getty, Mallon, Morgan, Rockefeller et cetera gesponsert wird, Alter, lediglich eine Methode, um Steuern zu sparen, aber das nur unter uns). Sie wollen was Großes hinterlassen und sind offenbar bereit, auch den Preis dafür zu zahlen.“
„Was soll ich also machen?“
„Du rufst einfach an und sagst, du bist einverstanden.“
„Klingt nach Callgirl.“
„Es ist das gleiche Prinzip.“
„Hey! Du hast mir noch gar nicht deinen Namen genannt!“
„Kunta!“, sagte er, dann legte er mit einem trockenen und bitteren Lachen auf. Es ist das Lachen eines jungen Schwarzen, der sich am starken Licht Amerikas bereits verbrannt hat.
III
Es passiert nicht alle Tage, dass ein schwarzer Schriftsteller einem anderen schwarzen Schriftsteller einen interessanten Tipp gibt, damit meine ich, der ein bisschen Geld einbringt. Ich rief an. Sie wollten tatsächlich jemanden, mit dem sie einen guten Deal abschließen konnten. Das ist ihre Philosophie auf allen Stufen der Karriereleiter: Der beste Deal heißt, es soll sie möglichst wenig kosten. Es gibt dafür nichts Besseres als einen jungen Schriftsteller, der soeben einen netten kleinen Erfolg geerntet hat. Das Parfüm des Monats. Bist du zu naiv, hast du schon verloren. Betont durchblicken! Betont zynisch sein! Alles diskutieren! Schon gab ich der Redaktionsleitung am Telefon bekannt, dass die Rassenfrage mir nach wie vor viel bedeutet.
„Inwiefern?“, fragte mich der Typ am anderen Ende der Leitung.
„In sexueller Hinsicht!“
Ich kenne keinen Weißen, dem schwarz-weißes Vögeln nicht den Mund wässrig macht, um die Sache höflich auszudrücken. Solange auch nur ein Abnehmer dafür bleibt, habe ich in Amerika zu tun.
„Warum dieses Thema?“
Der Heuchler!
„Erstens, weil mich an Nordamerika nur das interessiert …“
Der Spruch wurde schon zum Mantra.
„Wir arbeiten in ganz Amerika … Mittelamerika, Nord- und Südamerika, auch in der Karibik“, fügte er in diesem honigsüßen Ton hinzu.
„Hören Sie (unterbrach ich ihn scharf), wer Sie auch sein mögen … Wenn ich in Nordamerika leben will, dann weil mir die Mayas und Azteken egal sind. Für mich sind die toten Zivilisationen zu Recht ausgestorben.“
„Da Sie aus der Karibik kommen, dachten wir …“
Immer dieses „Wir“, sobald sie sich ein bisschen bedrängt fühlen!
„Die Karibik! Immer der gleiche Blödsinn! Die Leute sollen über die Ecke schreiben, aus der sie kommen! (Alle herhören: Da bin ich empfindlich.) Ich schreibe über Dinge, die passieren, wo ich lebe … Außerdem ist die Karibik heute in New York und Lateinamerika in Miami.“
„So habe ich das nicht gemeint …“
„Dann sagen Sie mir doch gleich, was ich schreiben soll!“, jetzt kläffte ich richtig.
Ich spürte, wie er am anderen Ende einen Satz zurück machte.
„Das war nur ein Vorschlag.“
„Ich habe mir die Unabhängigkeit in Amerika erkämpft, indem ich acht Stunden am Tag auf einer alten klapprigen Schreibmaschine getippt habe. Die Fabrik war die Alternative. Zuerst war es noch beides. Und ganz allmählich war es nur noch das. Wenn jetzt einer kommt und mir meine Remington 22 nehmen will, schieße ich ihm eine Kugel in den Kopf … Achtung, ich bin ein Spinner und kann zielen.“
Natürlich war das ziemlich übertrieben, aber ich hatte Spaß daran, in den etwas weichen aristokratischen Schädel dieses höflichen jungen Mannes einen Nagel reinzuhauen. Er kommt bestimmt gerade von Harvard oder einer anderen Spitzenuniversität, die junge WASPs so gut darauf vorbereiten, von der Wall Street aus die Dritte Welt verhungern zu lassen. Zum Glück beherrschten sie nicht den Kampf Mann gegen Mann, die bevorzugte Sportart der Hungerleider.
„Einverstanden“, stammelte er endlich.
Dabei hatte ich ihm meine Entscheidung noch gar nicht zu Ende erklärt.
„Was waren die Azteken eigentlich? Hä? Nichts als ein paar stinkreiche Degenerierte, dazu arrogant und pervers, die das Volk arbeiten ließen, damit sie selbst untätig bleiben konnten. Die aztekische Kunst? Geschaffen von mies bezahlten Leuten. Heute sind die Amerikaner an ihre Stelle gerückt und keinen Deut besser. Eines Tages sind die Schwarzen an der Reihe. Die Schwarzen werden die schlimmsten Imperialisten sein, denn sie haben zu viel gelitten. Man sollte das Schicksal des Planeten nicht in die Hände derer legen, die durch die Hölle gegangen sind.“
Kein Laut am anderen Ende. Ich hatte den Feind platt gemacht. Nun blieb mir nichts mehr übrig, als die Festung einzunehmen. Wirklich wahr, in der Neuen Welt herrscht Krieg.
IV
Ich bin also überall in Nordamerika hingefahren. Ich habe gesehen, wie die Schwarzen, die Weißen, die Roten und die Gelben leben. Also eigentlich alle. Und ich fand heraus, Alter, dass wahr ist, was man über Amerika sagt. Amerika schluckt alles. Es ist der weiche Bauch der Welt. Das letzte unschuldige Volk. Dagegen erscheinen die Buschleute wie listige Teufelchen. Sie werden sagen: Was? Er wiederholt das abgehalfterte Klischee des naiven Amerika, Alter, damit ist es doch längst vorbei! Im Gegenteil, Bruder! Es gilt immer noch. Die Mechanik läuft wie neu. Zweihundert Jahre sind im Vergleich zur Menschheitsgeschichte eben nicht mehr als ein Augenzwinkern, so viel wie nichts. Amerika ist wie eines der gut genährten Babys aus der Reklame. Und die Amerikaner leben miteinander, als gäbe es auf dem Kontinent niemanden sonst. Oder auf dem Planeten. An der Tankstelle, wo ich volltanke, meine ich gerade den Ansturm einer Horde eindrucksvoller Barbaren zu erleben. Studenten aus Indianapolis (jeder Staat hat ein eigenes Autokennzeichen) kicken einen Fußball zwischen den Autos und den Tanksäulen hindurch. Sie haben weite T-Shirts mit den Farben ihrer jeweiligen Unis an. Sie sind groß, blond, athletisch. (Trägst du da nicht ein bisschen dick auf? Nein, Bruder, sie sind wirklich so, wie man sie sich vorstellt.) Jede ihrer Bewegungen scheint wie neu, als hätten diese jungen Männer keine Verbindung zur übrigen Menschheit. Sie sind einzigartig. Sie verschlingen tonnenweise Hamburger, trinken Bäche von Coca Cola und verbringen die Hälfte ihres Lebens vor dem Fernseher. Sie beten alle möglichen Götter an und außerdem einen einzigen Gott. Sie töten auf alle erdenklichen Weisen. Sie kennen keine Reue. Die Welt ist ein Kinderspielzeug in ihren Händen. Sie machen es kaputt, reparieren es wieder und werfen es dann weg. Sie wissen nichts von der Vergangenheit und verachten die Zukunft. Sie kennen nur den gegenwärtigen Moment. Sie sind Götter. Und ihre Schwarzen sind Halbgötter.
V
In Amerika ist nur eines von Bedeutung: der Erfolg. Um jeden Preis. Egal mit welchen Mitteln er erreicht wird. Das Wort „Erfolg“ hat nur in Amerika einen Sinn. Es heißt, dass die Götter dich lieben. Dann kommen die anderen Menschen näher, schnuppern an dir (das betäubende Parfüm des Erfolgs), fassen dich an und beginnen um dich herum zu tanzen. Du bist ein Gott. Ein Gott unter den Herren der Welt. Weiter kannst du nicht aufsteigen. Das ist der Gipfel. Das Dach der Welt. Und vor allem: Jetzt sehen sie dich. Wer in Amerika schaut, ist immer der Unterlegene, bis ein anderer auf ihn schaut. Es ist nur ein verstohlener, kurzer Blick (nicht länger als fünfzehn Minuten, nicht wahr, Warhol!), denn in Amerika gibt es immer etwas Neues zu schnuppern. Eben, „das neue Parfüm“.
VI
Lange Zeit meinten die Schriftsteller, auf den Erfolg pfeifen zu können. Es galt schlicht als unmöglich, gleichzeitig ein guter und ein bekannter Schriftsteller zu sein. Die Autoren gaben sich mit mickrigen Auflagen zufrieden und waren deshalb von der Gunst der Verleger, Buchhändler und weiterer Mittelspersonen abhängig. Und doch wagten diese Autoren, anderen Ratschläge zu erteilen. Das Schlimmste an dem Zustand ist, dass sich bis heute nicht viel verändert hat. Welcher junge Schriftsteller hätte den Mut, die Veröffentlichung seines Romans bei Gallimard (ich wähle die beste Adresse in Frankreich) abzulehnen, nur weil die Vertragsbedingungen schlecht sind? Im Gegenteil, er ist glücklich, Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blut fast kostenlos zu opfern, denn so nenne ich das, wenn einer fünf Jahre hart geackert hat. Am Tag der Unterzeichnung lädt er sogar ein paar Freunde ein, um diesen Vertrag zu feiern. Man würde ihm gerne in aller Freundschaft erklären, dass Gallimard primär ein Geschäftsmann ist (aber ja doch) mit dem Hauptziel, Bücher zu verkaufen (hoffentlich), und zwar so viele wie möglich. Man würde ihm auch gerne erläutern, dass dieser mächtige Verlag eine Armee von Buchhaltern besitzt und äußerst nervöse Erben, die mehr Zeit verbringen, Geschäftsbücher zu wälzen als die Gedichte von René Char zu lesen. Aber nur eine Andeutung in diese Richtung, und er läuft schreiend davon. Dieser junge Autor schreibt nicht, um reich oder bekannt, sondern um bewundert zu werden (und das hält er bereits für ein Zugeständnis). Ich bin verblüfft, dass ein klar denkender und intelligenter junger Mann (das schreiben selbst die Kritiker), die enge Verbindung nicht sieht zwischen der Frage, ob man gelesen wird und der, ob man bekannt und reich ist. Je mehr du gelesen wirst, desto bekannter bist du und desto schneller wirst du reich. Und am Ende auch frei. Diese Gleichung hatte ich immer vor Augen.
VII
Ich habe acht Hefte mit Szenen mitten aus dem Leben vollgeschrieben und Hunderte Fotos geknipst. Amerika ist ein Berg fertiger Bilder. Für diese Reportage habe ich das Muster der Städte nachgezeichnet. Die großen Städte verbindet nichts, was eine Gesamtheit, ein Land ergeben würde. Die Städte sind über die Landschaft verteilt (New York, Miami, Chicago, Dallas, Washington, Baltimore, Los Angeles, Boston, San Francisco), jede bewahrt ihre Persönlichkeit, ihre Unabhängigkeit, ihre Stimmung, ihren Stil, aber alle streben mit wildem Verlangen danach, eine amerikanische Stadt zu sein. Dagegen sind die Kleinstädte echte Rattenlöcher, mit den immer gleichen Läden, den gleichen Banken, dem gleichen halben Dutzend Fast-Food-Restaurants, mit den gleichen Redneck-Bullen, die nur am Samstagabend abgehen, mit dem gleichen bescheuerten Lokalfernsehen (neulich erzählte ein Schriftsteller, in dem kleinen Fernsehsender einer Stadt im Mittleren Westen habe man ihm am frühen Morgen die Frage gestellt: „Dann handelt Ihr Buch vom Wesen des Menschen?“), dem gleichen tendenziösen Provinzblatt und den gleichen verblödeten Jugendlichen. Was ist eine amerikanische Stadt? Die amerikanische Realität (der Raum, die Zeit, die Leute und vor allem die Dinge) erscheint mir näher am Film als am Roman zu sein, näher am schnellen Schnitt als an langen Einstellungen, die Szenen schieben sich ineinander statt aufeinander zu folgen, diese Realität scheint mir näher an der Wut als am Mut, näher am Instinkt als am Verstand. Wenn die amerikanische Realität einem Spielfilm gleicht, ist das Leben eines Amerikaners ein Videoclip.
Aus allen diesen Gründen haben die amerikanischen Schriftsteller (ich rede nicht von Leuten, die ihre Wälzer in den Supermärkten losschlagen) Probleme mit dem Roman und zeichnen sich so sehr mit ihren Kurzgeschichten aus. Der zeitgenössische amerikanische Roman ist in der Regel eine Sammlung kurzer Texte, die ein fester, aber dehnbarer Faden verbindet (das Gefühl, amerikanisch zu sein). Dagegen ist das Leben eines Amerikaners eine Sammlung von Fakten (daher der Eindruck der Leere). Auch dieses Buch folgt der Regel des amerikanischen Romans.
DIE KUNST, BERÜHMT ZU WERDEN OHNE ZU ERMÜDEN
Ich hatte Erfolg mit dem Titel meines ersten Romans. Auch Leute, die das Buch nie gelesen haben und, vor allem, auch nie lesen wollten, kennen den Titel. Ihn zu finden hat genau fünf Minuten meines Lebens gekostet. Für das Schreiben des Buchs brauchte ich drei Jahre. Wenn ich das gewusst hätte … Unnötig, Hunderte von Seiten vollzuschreiben, neun Wörter hätten genügt. DIE KUNST, EINEN SCHWARZEN ZU LIEBEN OHNE ZU ERMÜDEN.
Ich habe mir etwa zwanzig Reaktionen genau notiert, die sich nur auf den Titel bezogen:
1.Auf einer Cocktailparty in Outremont (Quebec):
„Sind Sie der Autor des Romans mit diesem Titel?“
„Ja, leider.“
„Warum leider? Er ist wunderbar! Sie sind enorm talentiert!“
„Danke.“ (Meine einzige Frage: Soll ich sie flachlegen oder nicht?) Sie schaut mich weiter mit diesem blödsinnigen Lächeln auf den Lippen an. Ihr Mann lächelt ebenfalls. Die beiden sind Kunstsammler und besitzen eine Kette von Bekleidungsgeschäften.
„Mein Mann hat das Buch nicht gelesen, aber über den Titel hat er sehr lachen müssen (erzählt sie und lacht dabei ebenfalls), das kann ich Ihnen sagen. Der Titel ist so witzig!“
„In unseren Geschäften in der Provinz verkaufen wir auch Dessous …“ (Bemerkt er ein wenig verlegen.) „Ich sagte zu meiner Frau, Ihr Titel würde gut in unseren Katalog passen …“
„Hören Sie nicht auf ihn“, redet die üppige Rothaarige sofort dazwischen, „er denkt nur ans Geschäft …“
„Aber nein“, werfe ich ein, „ich finde das eine gute Idee …“
Sie lacht lauthals und klatscht (ein wenig krampfhaft) Beifall.
„Sie würden das machen! Wundervoll! Zu allem ist er überhaupt nicht eingebildet! Wirklich, Sie muss ich unbedingt treffen …“
„Hören Sie mal“, der Mann spricht nun wieder im harten Ton des Geschäftsmanns, „wir probieren das im Frühjahrskatalog mal aus. Wenn es gut läuft, bekommen Sie einen Vertrag … Ich selbst bin überhaupt kein Rassist, aber ich muss abwarten, wie die Kundschaft reagiert. Keine Sorge, ich bin fast sicher, dass das laufen wird …“
„Was erzählst du da, Schatz? Das läuft bestimmt …“, wendet sie sich mit einem bereits verständnisinnigen Lächeln an mich. „Es ehrt uns, Ihren Namen in unserem Katalog zu haben.“
Er zieht seine Frau weg in Richtung Bar.
„Vergessen Sie nicht, wir müssen uns unbedingt treffen. Ich bestehe darauf …“, wirft sie mir mit einem gehauchten Kuss zu.
2.In Madrid (Spanien) ruft mir eine junge Feministin entgegen: „Ich habe deinen Titel nur ein bisschen verändert, willst du wissen, was rauskommt?“
„Klar.“
„Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne IHN zu ermüden.“
3.Zuvor hatte ich schon beim Filmfestival in Leeds (England) einem jungen Mädchen auf die Frage geantwortet, warum ich diesen Titel gewählt hätte: „Junge Dame, ohne diesen Titel wären Sie vielleicht heute Abend nicht hier.“ Gelächter im Saal.
4.In New York (USA) kam ein junges Mädchen (noch eines!) bei der Premiere des Films, der nach dem Buch gedreht wurde, auf mich zu:
„Sind Sie der Autor des Romans?“
„Ja.“
„Schämen Sie sich nicht wegen dieses Titels?“
„Nein.“
Da schleuderte sie mir den Inhalt ihres Weinglases ins Gesicht.
5.In London (England) lädt mich ein sehr langer, hagerer Typ ein, mit ihm ein Glas zu trinken.
„Soeben habe ich meinen Roman beendet. Der Verleger meint, der wird einschlagen, nur gefällt ihm der Titel noch nicht.“
„Das ist immer das Problem mit den Verlegern.“
„Nun, es ist wohl das erste Mal“, sagt er mit einem leisen Lächeln, „dass ein Weißer darüber schreibt, wie sehr er sich zu schwarzen Männern hingezogen fühlt.“
„Ach ja …“
„Der Verleger sagt, das gibt einen Skandal … Ich möchte Sie etwas fragen (plötzlich in verändertem Ton). Es ist sehr persönlich … Natürlich können Sie ablehnen. (Herrgott!, denke ich. Ich soll ihm einen blasen, hier, in diesem Pub. Die Engländer sind wirklich schräg.)
„Leihen Sie mir Ihren Titel?“
„Was?“
Ein sehr breites Lächeln.
„Nicht wahr, das gab es noch nie! Jedenfalls noch nie mit der Zustimmung des Autors. Der Verleger sagt, wenn Sie es erlauben, ist das juristisch abgesichert. Zu meinem Thema passt nur Ihr Titel. Solange ich darüber nachdenke, es kommt nur Ihr Titel in Frage.“
„Wenn nur er in Frage kommt, wie Sie sagen, nehmen Sie ihn, aber ich warne Sie, er bringt kein Glück! Man wird ihn nicht so einfach los …“
„Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden, von John Ferguson. Wissen Sie, mein Verleger ist ein enger Freund des Verlegers von Salman Rushdie.“
6.In Paris (Frankreich) gesteht mir eine junge, etwas flippige Frau bei einem Glas Wein im Café Flore: „Weißt du, ich habe dein Buch nicht zum Lesen gekauft. Es liegt auf meinem Nachttisch, das hält mir die Aufschneider vom Leib.“
7.Ein junger Weißer aus Chicago fand den Titel beleidigend. Ein junger Schwarzer aus Los Angeles fand den Titel rassistisch. Eine junge Frau aus Montréal fand ihn sexistisch. BANCO! Ich nehme es mit allen auf!
8.In Toronto (Kanada) las ein junges Mädchen den Roman im Bus, bis sie merkte, wie alle sie neugierig anschauten.
„Ich hatte nicht daran gedacht, dass sie den Titel auf dem Buch lesen konnten.“
„Und weiter?“
„Noch nie im Leben war mir etwas so peinlich.“
9.In Tokio (Japan) wurde der Titel komplett ausgetauscht. Der Mann vom Vertrieb sagte zur Begründung: „Im Japanischen haben wir diese Wörter nicht.“
10.In Pretoria (Südafrika) lädt mich eine etwa fünfzigjährige Weiße zu einem Glas ein, in einer Bar in der Nähe der Alliance Française, wo ich gerade einen Vortrag gehalten habe.
„Sie können sich nicht vorstellen, welchen Effekt Ihr Titel auf mich hat.“
Schweigen.
„Mein ganzes Leben hatte ich an diese Möglichkeit gar nicht gedacht. Und plötzlich lese ich im Schaufenster einer Buchhandlung diese schrecklichen Worte.“
„Welche Worte?“
„Ihr Titel, Monsieur … Eine Woche lang bin ich jeden Tag zu dem Buchladen gegangen, nur um diesen Titel zu sehen. Und jedes Mal hatte er die gleiche Wirkung auf mich. Es gibt keine Worte, um auszudrücken, was ich dabei empfinde. Wie wenn heißes Blei in meinen Adern fließt. Ich ging nach Hause und musste mich sofort ins Bett legen, so erschöpft war ich. Als hätte ein Güterzug mich überrollt. Worte können schlimmer sein als Taten, wissen Sie.“
11.In Rom (Italien) flüsterte eine kleine, magere Frau (wirklich nur Haut und Knochen) eines gewissen Alters von der Sorte Baronin Soundso mir direkt ins Ohr:
„Sie werden nie erraten, wo ich mir Ihren Titel habe hin tätowieren lassen.“
„Nein.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, ließ sie geheimnisvoll fallen, während sie in der Menge des mondänen Empfangs bei Gräfin Soundso entschwand.
Wohin hatte sie sich auf diesen spargeldünnen Leib nur diesen langen Titel tätowieren lassen?
12.In Port-au-Prince (Haiti) raunte mir ein blasierter Freund zu: „An deinem Buch ist nur der Titel interessant.“
13.In Brüssel (Belgien) brüllte mich ein afrikanischer Schriftsteller an:
„Merk dir gut, was ich dir jetzt sage, Bruder, in drei Wochen redet keiner mehr von deinem Buch.“
14.In Antwerpen (Belgien) hat die Übersetzerin den Titel noch verbessert, auf Flämisch heißt er: „Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne schwarz zu werden.“
15.In den USA haben alle großen Zeitungen den Titel zensiert: die New York Times, die Washington Post, der Miami Herald, die Los Angeles Times, die Chicago Tribune, die Daily News, der Boston Globe, die New York Post, alle.
Ich wurde gebeten, den Titel zu ändern. Darauf erwiderte ich, Amerika müsse sich ändern.
16.In San Francisco (Kalifornien) fanden sie den Titel gut, aber San Francisco zählt nicht.
17.In Sydney (Australien) hat mich eine Frau ziemlich frech aufgefordert, den Beweis meines Titels anzutreten.
Es gibt auch solche Tage.
18. In Stockholm (Schweden) hat mir eine blonde junge Frau (was für ein Zufall, Alter!) lachend ihren Schwarzen Freund vorgestellt.
„Frag mal Seko, wer als erster müde wird.“
„Bestimmt Seko“, antwortete ich.
Seko brach in ein schallendes guineisches Lachen aus.
„Die Kunst, zwei Schwarze zu lieben ohne zu ermüden“, murmelte sie mit Schlafzimmerblick.
Seko lachte nicht mehr.
19.In Amsterdam (Niederlande) verlangte eine junge Sekretärin Antwort auf die schwerwiegende Frage:
„Was ist die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden?“
„Man muss es IHM überlassen.“
20.Überall auf der Welt hat man mir die gleiche Frage gestellt: Warum dieser Titel? Warum nicht! Eines ist sicher: Ich will nichts mehr davon hören! Ich hatte eine Überdosis. Jetzt löst er bei mir Brechreiz aus. Ich verrate Ihnen mal, wie er zustande kam. Bouba hat ihn gefunden. Ich erinnere mich, wir gingen in Montréal die Rue Saint-Denis hinunter. Es regnete. Ein Sommerregen. Da sagte Bouba (wie in einer Traumszene) sehr langsam: „Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben, wenn es regnet und man nichts anderes zu tun hat.“ Sein Titel war länger, aber noch witziger.
Mein erster Roman. Die Götter hätten wenigstens den dritten abwarten können, bevor sie mich straften. Beim ersten Schuss ins Schwarze. Nicht einmal mit dem ersten Roman. Nur mit dem Titel.
I. TEIL
WO?
ICH BIN EIN SCHWARZER SCHRIFTSTELLER
Eine junge Frau sprach mich mitten im Verkehr auf der Straße an.
„Sind Sie der Schriftsteller?“
„Manchmal.“
„Kann ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Nur zu.“
„Ist das Ihre Geschichte?“
„Was meinen Sie?“
„Ich habe Sie neulich im Fernsehen gesehen und frage mich, ob Sie das wirklich alles erlebt haben.“
„Teils, teils.“
Sie schien weder überrascht noch verblüfft zu sein. Sie wollte einfach eine Erklärung.
„Ist das alles?“
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll … Keiner kann eine Geschichte genau so erzählen, wie sie sich zugetragen hat. Man probiert herum. Man versucht, die Empfindung des Moments wiederzufinden. Am Ende wird man nostalgisch. Und wenn es etwas gibt, was fern jeder Wahrheit liegt, ist es die Nostalgie.“
„Dann ist es also nicht Ihre Geschichte.“
„Ich möchte Ihnen auch eine Frage stellen.“
„Wieso mir!“, wehrte sie errötend ab, „Ich habe doch kein Buch geschrieben.“
„Ja, aber Sie lesen.“
„Stimmt, ich lese gern.“
„Warum ist es Ihnen so wichtig zu wissen, ob die Geschichte so passiert ist?“
Kurze Pause.
„Ich möchte wissen, ob der Autor das alles echt erlebt hat.“
„Ja … aber warum?“
„Ich weiß nicht …“, sagte sie mit ihrem empfindsamen Lächeln.
„… man fühlt sich ihm dann näher.“
„Und wenn er Sie anlügt?“
„Wieso?“
„Wenn er behauptet, er hätte das erlebt und es ist nicht wahr?“
„Dann bin ich enttäuscht …“ (sie lachte etwas geniert.) „Man wird die Wahrheit wohl nie erfahren.“
„Warum also?“
„Nur so eine Idee.“ Und lachend: „Wollen Sie etwas verbergen?“
„Vielleicht, aber ich weiß nicht, was …“
Sie lächelte wieder.
Ich fragte sie völlig unvermittelt: „Wie lesen Sie?“
„Überall.“
„In der U-Bahn?“
„Auch in der U-Bahn.“
Nichts ist für mich faszinierender als ein junges Mädchen, das in der U-Bahn liest. Ich weiß nicht warum, aber Tolstoi ist in der U-Bahn mit Abstand der Sieger, mit Anna Karenina, natürlich.
„Es gibt Leute, die überall lesen, aber nicht irgendwas“, sagte ich, um irgendwas zu sagen.
„Ich lese alles mögliche.“
„Dann sind Sie die perfekte Leserin.“
Ein Wagen fuhr dicht an uns vorbei. Sie sprang zur Seite.
„Ich bin sicher, Sie lesen die Bücher nicht zu Ende.“
„Entschuldigen Sie, das habe ich nicht richtig verstanden“, sagte sie, während sie sich mit Mühe wieder fing.
„Wenn Sie ein Buch beginnen, lesen Sie es bis ans Ende?“
„Immer.“
Sie war wieder da.
„Irgendwo stimmt was nicht“, behauptete ich mit einem Lächeln.
Sie lachte leise.
„Vielleicht, dass ich mir nichts merke.“
„Was heißt das, nichts.“
„Ich meine, weder den Namen des Autors …“
Es gab mir einen kleinen Stich ins Herz.
„… noch den Titel“ fügte sie hinzu.
„Eigentlich ist das nicht schlimm, denn wichtig ist nur das Buch.“ Ein leiser Seufzer.
„Ich kann mir auch nicht merken, worum es geht … Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich noch nie ein Buch gelesen.“
„Das ist unglaublich … Sie lesen etwas und im nächsten Augenblick haben Sie es vergessen?“
„Genau.“
Ein längeres Schweigen.
„Warum lesen Sie überhaupt?“
„Zum Zeitvertreib.“
„Ach so … Macht es Ihnen etwas aus, dass Sie alles vergessen?“
„Oh ja!“
Jetzt wurde ihr offenbar peinlich bewusst, dass ich ihr eine sehr persönliche Frage gestellt hatte.
„Doch in Ihrem Alltag stört Sie dieses Handicap nicht?“
„Nein, denn es geht mir nur mit den Büchern so. Sie meinen, mir fehlt etwas? Bestimmt nicht, ich arbeite in einem Büro ganz in der Nähe und ich schwöre Ihnen, da brauche ich ein gutes Gedächtnis … Ich bin Anwaltsgehilfin.“
„Wie kommt es, dass Sie mich einfach auf der Straße angesprochen haben? Ich merke doch, dass Sie eigentlich schüchtern sind …“
Sie schenkte mir ihr schönes kehliges Lachen.
„Ja, ich bin schüchtern. Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich Sie schon im Fernsehen gesehen habe.“
„Vielleicht haben Sie auch schon eines meiner Bücher gelesen.“
„Nein, das glaube ich nicht.“
Kurze Pause.
„Oder doch … Vielleicht habe ich eines Ihrer Bücher gelesen.“
„Sie geben einem wirklich keinen Anlass, stolz zu sein.“
Wieder dieses kleine schüchterne Lachen.
„Entschuldigen Sie …“
„Ich möchte Sie gerne etwas fragen …“
„Ja“, hauchte sie und legt den Kopf zur Seite.
„Sind Sie verliebt?“
Diesmal war ihr Lachen heiser:
„Sie sind aber neugierig … Es ist wahr, Sie sind ein echter Schriftsteller.“
„Ein Schwarzer Schriftsteller“, ergänzte ich lachend.
„Was heißt das? Ist es besser?“
„Leider nicht.“
„Das heißt?“
„Es ist nicht besser.“
„Ach so.“
„Ja.“
„Schade.“
„Es hat auch Vorteile …“
„Nämlich?“
„Wir sind weniger … Es fällt leichter, der größte lebende Schwarze zu werden.“
„Und dann?“, fragte sie mit einem verschmitzten Lächeln.
„Dann stirbt man.“
Mein Blick war kurz von einem Mädchen abgelenkt, das auf der anderen Straßenseite entlangging. Sie hatte einen wirklich kurzen grünen Rock (ein Taschentuch) und Beine, die wohl noch etwas teurer waren als eine Brosche bei Tiffany’s. Als ich mich wieder umwandte, um das Gespräch fortzusetzen, war meine Gesprächspartnerin weg. Woher kam sie? Wohin ging sie? Was wollte sie? Das sind Fragen, die man in Nordamerika nicht stellt.
IN DER BADEWANNE
Damals wohnte ich in der Rue Saint-Hubert, hinter dem Busbahnhof von Montréal. Die Autobusse starteten pausenlos zu Zielorten (Shawinigan, Rimouski, Gaspé), die für mich damals exotisch klangen. Von meinem Fenster beobachtete ich noch mit einem Gefühl der Überlegenheit (da waren Passagierdampfer was anderes), wie sie losfuhren. Ich wohnte allein, in einem Zimmer im dritten Stock. Eine kleine Küche, ein aufgeplatzter Sessel, ein Sofa und überall Bücher. Dazu meine Remington 22. Es war nicht schwierig, an der Ecke frisches Gemüse zu kaufen und bei dem winzigen Dépanneur gleich nebenan fand ich billigen Wein bis in die Nacht. Wenn ich mich einsam fühlte, brauchte ich nur die U-Bahn zu nehmen und konnte mit einer Fahrkarte mir den ganzen Tag meinen Weg durch diesen Dschungel aus Leibern, Hintern und Sprachen bahnen und vor allem den fremden Geruch dieser Menschen schnuppern. Die meisten Leute fahren im Sommer lieber mit dem Bus. Ich steige gern in die Erde hinab, auf der Suche nach dem Minotaurus. In der U-Bahn auf die Jagd zu gehen, ist wie Angeln in einem Aquarium. Du musst nur hineinlangen und den schönen prallen rosa Fisch herausholen. Man kann es sich leisten, wählerisch zu sein. An diesem Fisch ist mir nicht genug Fleisch, ich glaube, ich lasse ihn weiterschwimmen. Einfach so. Aus Lust und Laune. Es gibt ja noch andere. In der U-Bahn herrscht kein Mangel an Mädchen. Sie fahren weg, sie kommen an. Und das alles nur drei Minuten zu Fuß von meiner Bude entfernt. Geil! Es kommt manchmal vor, dass ich ein Mädchen mit zu mir nehme, ohne sie überhaupt nach dem Namen gefragt zu haben. Umgekehrt gilt das wohl auch. Ihr ist mein Name ebenfalls völlig egal. Heute höre ich häufig, die Männer dächten nur an den Akt, während die Frauen mehr auf Zärtlichkeit Wert legten. Bullshit! Ich glaube, es sind stets dieselben Gefühle (Zärtlichkeit und sexuelles Verlangen), die alle empfinden, nur gehen manche Menschen mehr aus sich heraus. Ich kenne sehr starke lautlose Orgasmen. Ich sehe ganz genau die junge Chinesin mir gegenüber an, wie sie ein Buch liest, mit ihren feingliedrigen Fingern. Welches? Ich lehne mich nach vorn. Hemingway. Der berühmte kubanische Schwertfischangler, Ernest, der Rohling. Was sucht er denn in der U-Bahn von Montréal? Noch als Toter richtet er bei den stillen jungen Mädchen Verheerungen an. Seltsam, wie sehr die schüchternsten Frauen sich von Ungeheuern angezogen fühlen. Aber heute Morgen möchte ich es nicht mit Papa aufnehmen. Meine Stimmung ist eher beschaulich. Sie liest also Paris ist ein Fest auf Französisch, das kleine hübsche Büchlein, das Hemingway seiner Lieblingsstadt und Hardley widmete, einer Frau, die er noch als junger linkischer Provinzler aus Illinois kennengelernt hatte. Ich betrachte die sorgenvolle Stirn und den winzigen Mund des jungen Mädchens, der sich bewegt, ohne dass ich einen Laut höre. Stilles Lesen. Ein ganzes Netz von Sprachen. Zuerst Chinesisch (woher ich weiß, dass sie Chinesin ist? Sie ist an der Station Place d’Armes eingestiegen, die mitten im Chinesischen Viertel liegt), dann Englisch (die Sprache Hemingways), schließlich das Französische (der Übersetzung). Gehen wir davon aus, dass mein Blick kreolisch ist (meine Muttersprache). Alles spielt sich ab, während die U-Bahn blind ihre Fahrt durch den Tunnel fortsetzt. Irgendwann, an der Station Bonaventure, ist ein Mann mit einer Kamera eingestiegen und hat die Leute zum Sommer befragt. Was sie an dieser Jahreszeit mögen. Mit ihrer Mimik hat die junge Chinesin so getan, als könne sie kein Französisch, um nicht antworten zu müssen. Eine gut gekleidete Dame hat viel von den Nachteilen erzählt, die der Sommer bringt. Diese unerträgliche Hitze, zumal Montréal auch noch so feucht ist. Den anderen Fahrgästen schienen ihre Äußerungen nicht zu gefallen. Ein Mann sagte sogar, die Leute seien nie zufrieden: Den ganzen Winter über riefen sie nach dem Sommer, und sei er endlich da, kritisierten sie ihn. Der Mann mit der Kamera wollte mir die Frage lieber nicht stellen, aber ich habe trotzdem ein wenig darüber nachgedacht. Ich bleibe im Sommer am liebsten in der Stadt. Und da alle genau dann wegfahren aufs Land, teile ich Montréal mit der glitzernden Schar der Liebhaber des Jazz, des Feierns und des Kinos. Die Leute reisen aus ganz Amerika hierher. Eine anregende Truppe. Wenn ich sie sehe, habe ich Ameisen im Hirn. Echt aufregend. Eine neue Energie. Mädchen in kurzen Röcken mit einem Programm des Jazzfestivals in der Hand, das ist vielversprechend. Ich setze mich gern auf die Bank am Eingang des Pariser Kinos, um mir die erleuchteten Gesichter der Leute anzusehen, die aus den verdunkelten Sälen kommen. Ich flaniere auch gerne über die Rue Saint-Denis, wo die Jazzliebhaber herumstehen mit ihrem sehr speziellen Aussehen. So viel ist klar, ich schaue lieber, als tätig zu werden. Am besten wäre es, ich könnte all das erleben, ohne meine Bude zu verlassen … Diesen Sommer habe ich keine Lust, aus meiner Badewanne zu steigen. Aber sich nicht zu rühren, ist kostspielig. Ich habe wahrscheinlich nicht genügend Geld, um mir diesen Luxus zu leisten. Kaum beginnt der Sommer, stürzen die Leute in die Läden, um sich irgendein Buch zu kaufen, Hauptsache es hat mindesten 600 Seiten, der Autor ist Amerikaner oder die Farben auf dem Titelbild passen einigermaßen zu ihrem Badeanzug. Und ach! Fast hätt’ ich’s vergessen, der Titel muss möglichst blödsinnig sein. Anschließend rennen sie ins Reisebüro, um schleunigst den Mexikanern auf den Keks zu gehen. Jeden Sommer ertappe ich mich bei dem Traum, sie mögen nie mehr zurückkehren. Was für ein Träumer ich bin, sie kommen jedes Mal zurück und haben Handtuch, Buch und Hund am Strand vergessen.
Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich in meinem Briefkasten wie immer Rechnungen, die ich sofort zerriss (ich weiß, viele Hausfrauen würden das auch gerne tun, ich kann es mir leisten, weil ich nichts besitze, was der Gerichtsvollzieher bekleben könnte: nur ein paar Bücher und eine alte Schreibmaschine, trotz meines erfolgreichen Romanerstlings. In den Augen der anderen sehr erfolgreich, privat weiterhin arm). Doch was sehe ich ganz unten im Kasten? Einen kleinen gelben Umschlag. Ich öffnete ihn so gierig, dass ich fast den Scheck zerrissen hätte (ein saftiger Vorschuss für die Reportage über Nordamerika, schon klar, hauptsächlich über die Vereinigten Staaten, denn daher kommt mein Geld. Wie beim Kino, wo das Filmland von der Herkunft des Geldes abhängt. So vermeidet man die lächerlichen Identitätsdebatten, die den Professoren für Postkoloniale Literatur so viel bedeuten). Dieses Geld ist für die Reisekosten vorgesehen: die Flugtickets, die Zugfahrkarten, die Busfahrkarten, die Mahlzeiten, Hotels et cetera. Diese Typen sind wirklich schnell. Bei mir ist es das Gegenteil. Ich bin sehr langsam. Ich werde mich einen guten Monat ausruhen müssen, bevor ich meine Erforschung Amerikas unternehme. Am besten fange ich damit an, diesen Scheck auf den Kopf zu hauen. Nachdem ich die Miete für den gesamten Sommer auf die Seite gelegt hatte (obwohl man nicht da ist, muss man die Miete, das Telefon, den Strom et cetera bezahlen), ging ich und kaufte mir das Gesamtwerk von Walt Whitman, dazu alle Romane von Dostojewski aus dem Verlag La Boëtie, eine Reiseerzählung von Naipaul und einen wunderschönen Brieföffner. Da Heißwasser mich nichts kostet, verbringe ich den ganzen Tag in der Badewanne. Nur nachts gehe ich vor die Tür. Ich lege mich in die randvolle Badewanne, nachdem ich auf einen Stuhl in Reichweite die Bücher und dazu ein Frottiertuch gelegt habe, um die Hände abzutrocknen. Dieses Abenteuer unternehme ich zum allerersten Mal. Einen ganzen Monat einen einzigen Autor zu lesen (Whitman spare ich mir für die Reise auf). Ich glaubte, so ein snobistisches Verhalten legten nur Proustleser an den Tag. In dieser Badewanne, die ich nur verließ, um mir mittags einen Obstsalat und abends Spaghetti mit Tomatensoße zuzubereiten, habe ich dann die aufregendste Reise meines Lebens unternommen. Zum einen durch das riesige zumeist vereiste Russland, zum anderen durch eine noch mysteriösere Gegend, das Herz von Dostojewski. Mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein.
Dann kommt immer der Moment der Entscheidung, wenn meine Nachbarin, und zwar die, die jeden Sommer fast nackt auf ihrem Balkon sonnenbadet, bei mir klopft, damit ich ihr helfe, eine Flasche Rotwein zu öffnen (Wein ist für mich nur der rote). Ich komme ins Schwimmen. Ich bin schon derart beschäftigt mit der schrecklichen Gruschenka, wegen der sich die beiden Brüder Karamasov in Verlangen und Eifersucht verzehren werden. Mörderischer Liebeswahn. Aber diesmal hat sie einen anderen Vorwand, sie will von mir eine Zitrone. Sogleich und vor meinen Augen nimmt Sonia, so heißt die Nachbarin, die Züge von Gruschenka an. Ist dieser Schriftsteller so stark? Warum waren mir bisher die hohen Wangenknochen, die vollen Lippen und die Augen einer Tartarenprinzessin bei meiner Nachbarin nie aufgefallen? Dass sie immer so viel trinkt, bis sie am Boden liegt. Ihr strahlendes Lächeln, das mit finsteren Blicken wechselt. Ich sehe wieder, wie sie mir an manchen Tagen mit verschlossener, wütender, finsterer Miene begegnet. Die schwarze Flagge der Depression. Wenn ich die Treppe heraufkam, hatte ich häufig ein lautes Gebrüll aus ihrer Wohnung gehört und das immer auf die Einsamkeit der Ehefrauen zurückgeführt, wenn der Mann auf den Baustellen von Saint James-Bay arbeitet. Die Traurigkeit der Verlassenen. Ich fülle heißes Wasser nach (gerade heiß genug, dass es mir angenehm ist) und tauche wieder in das dostojewskische Universum. Dieser Fjodor Michailowitsch ist ein echter Teufel! Nach drei Abschnitten hat er mich wieder am Haken.
Da kommt die schreckliche Sonia schon wieder. Ich höre auf der Treppe ihre entschiedenen Schritte. Sie hat sich umgezogen und trägt jetzt ein leichtes gelbes Kleid, aber keine Schuhe, und eine Fußkette (eine Schlange) an einer der Fesseln. Sie bringt Austern, Zitrone, Salz, zwei Flaschen Wein und zwei Gläser. Ich schließe die Augen und sie setzt sich voll angezogen zu mir in die Wanne.
„Ich komme, um mit dir den Sommer zu feiern“, sagt sie nur.
AMERIKA, WIR KOMMEN!
Damals versuchte ich (keine Ahnung, wie dieser Ehrgeiz von mir Besitz ergreifen konnte) einen Roman zu schreiben und in Amerika zu überleben. Eines davon war zu viel. Du musst dich entscheiden, Alter. Doch ich wollte alles. Der beste Weg in den Untergang. Ich wollte den Roman, die Mädchen (die es seit der Moderne und der Erfindung der Schlankheitsdiäten gibt und auf die Männer reiferen Alters so scharf sind), den Alkohol und den Spaß. Alles, was mir zustand. Alles, was Amerika mir versprochen hatte. Ich weiß, Amerika hat einer Masse von Leuten sehr viel versprochen, aber mir sollte es alles einlösen. Ich war zornig, denn ich will mich nicht an der Nase herumführen lassen. Damals, Anfang der Achtzigerjahre (so lang ist das schon her!) wimmelten die Bars jeder nordamerikanischen Stadt von alten Hippies ohne Plan, schon ohne Plan, bevor sie Hippies wurden, von Afrikanern mit leerem Blick und immer einer Trommel am Ärmel – sie werden sich nie ändern, unabhängig von Ort und Zeit –, die Bars wimmelten von identitätssuchenden Antillanern, hungernden Dichterinnen, die sich von Luzernesamen und indischen Mythen ernährten, von hochaggressiven jungen Schwarzen Frauen, weil sie bei diesem verrückten Poker keine Chance hatten, denn die Schwarzen Männer interessierten sich nur für die Weißen Frauen und die Weißen Männer nur für Geld und Macht. Ich irrte spätnachts durch diese Mondlandschaft, wo die körperliche Begierde vollends jedes Gefühl ersetzt hat. Ich notierte alles. Ich schrieb in den Toiletten dieser schäbigen Bars. Ich führte bis in die frühen Morgenstunden Gespräche mit am Hungertuch nagenden Intellektuellen, arbeitslosen Schauspielerinnen, machtlosen Philosophen, schwindsüchtigen Dichterinnen, kurz, mit dem ganzen Gesocks der Underdogs. Zuweilen sprang ich auch ins kalte Wasser und wachte dann in einem unbekannten Bett neben einem Mädchen auf, das ich meiner Erinnerung nach nie getroffen hatte (gestern bin ich mit einem gelbhaarigen Feger nachhause gegangen und jetzt ist da diese gefärbte Blondine mit grünen Fingernägeln). Dabei nahm ich niemals Drogen. Gott hatte mir eine schallende, wohltönende, fröhliche und dazu ansteckende Lache geschenkt, ein Kinderlachen, das die Mädchen kirre machte. Sie wollten so gerne lachen und hatten damals so selten Gelegenheit dazu. Als ich nach Nordamerika auswanderte, hatte ich nichts in meinem alten Blechkoffer als diese Lache. Ein uraltes Erbstück. Bei mir zuhause wurde immer gelacht. Unser Haus bebte vom Lachen meines Großvaters. Nun lachte ich, trank Wein, vögelte mit der Wonne eines Kindes, das aus Versehen in einen Süßwarenladen eingesperrt wurde, und schrieb alles auf. Sobald das Mädchen auf die Toilette ging, kritzelte ich meine Notizen, auf der Bettkante, auf einer Ecke des Tischs, überall. Ich notierte mir einen Spruch, eine sinnliche Geste, ein schmerzliches Lächeln, irgendeine Einzelheit. Alles erregte mich. Ich notierte alles, was sich bewegte, und das hörte nie auf, glaube mir. Alles um mich herum, die Welt (das Mädchen, das Kleid auf dem Boden, mein zwischen dem Bettzeug versteckter Slip, der lange nackte Rücken auf dem Weg zur Stereoanlage, die Musik von Bob Marley), ich will sagen, mein Universum drehte sich in rasanter Geschwindigkeit. Warum sollte ich die fliehende Zeit, die wechselnden Mädchen, das immer wieder neue Begehren mit Worten festhalten? Ich stellte mir oft, den Kopf gegen die alte Remington 22 gepresst, diese quälenden Fragen. Bin ich der Griot dieses schäbigen Amerika, immer am Rande einer Überdosis, mit dem Gesicht an der Wand, in Handschellen und dazu zwei Polizisten im steifen Nacken? Dieses Amerika, das beim Leben noch einen Rabatt herausschlägt, das immer sein Geld zählt, das Amerika der Einwanderer, der Schwarzen, der völlig plan- und mittellosen Weißen Frauen? Das Amerika der leeren Blicke und des fahlen Morgengrauens? Am Ende schrieb ich den verfluchten Roman und Amerika war gezwungen, was mich betraf, wenigstens einen Teil seiner Versprechungen zu halten. Ich weiß, einigen gibt Amerika im Überfluss, wohingegen den übrigen auch noch das letzte Stückchen Schwarzbrot aus der verkrampften Faust gerissen wird, mir wurde immerhin ein Drittel der Schulden zurückgezahlt. Viele werden diese Naivität belächeln, aber ich schwöre, für meine Gemütsverfassung ist es sehr wichtig, an diesen Sieg zu glauben und sei er noch so klein. Ein Drittelsieg. So vielen anderen bleibt Amerika alles schuldig. Beispielsweise bei der Jugend aus der Dritten Welt hat Amerika eine immense Rechnung offen. Hier ist nicht die Rede von den historischen Schulden (die Sklaverei, die Plünderung der Humanressourcen, die Verschuldung der armen Länder et cetera), sondern von den sexuellen Schulden. Was uns die Zeitschriften, Plakate, Film und Fernsehen nicht alles versprochen haben … Amerika, das sind reiche Jagdgründe, hämmerten sie uns ein, kommt und jagt die verlockendste Beute (die jungen Amerikanerinnen mit den langen Beinen, rosa Mündern und dem verächtlichen Lächeln), kommt, pflückt die wilden Früchte des Gelobten Landes. Amerika, eine Hündin, deren Fell unter euren Liebkosungen zittert, sie wartet nur auf euch, ihr jungen Männer aus der Dritten Welt. Diese Rufe wurden bis in die hintersten Winkel des Planeten vernommen, bis zu den Blauen Reitern in der Wüste. Das globale Dorf. Amerikanisches Fern sehen mitten in der Sahara. Alle machten sich auf nach Westen. Und jedes Mal mussten sich die Neuankömmlinge anhören: „Tut uns leid, das Fest ist gerade vorbei.“ Ich sah das traurige Lächeln des alten, noch wackeren Beduinen (erinnert euch, Brüder, an die alten Böcke im Alten Testament), der sein Kamel verkauft hatte, um beim Fest dabei zu sein. In der winzigen Bar an der Avenue du Parc traf ich sie alle. Bis zum Beginn der nächsten Fiesta, das sagte der Arbeitsvermittler unerschütterlich, müssen Sie arbeiten. In Amerika gibt es Arbeit für alle (noch so ein Lockmittel, Bruder). Schön reingefallen. Arbeit? Dafür war der Beduine nicht hergekommen. Er war durch die Wüste gewandert und über das Meer gereist, weil man ihm gesagt hatte, in Amerika sei Vögeln gratis und reichlich. Da haben Sie was falsch verstanden! Was denn? In allen Liedern, Romanen, amerikanischen Filmen der Fünfzigerjahre geht es nur um Sex und Sie behaupten, wir hätten was falsch verstanden? Was war an dieser reißerischen Sexualität, an dieser Masse nackter Leiber denn misszuverstehen, an diesem Beharren auf dem Intimsten, an dieser Hitze von Hollywood? Auch bei uns in der Wüste haben wir modernste Fernsehgeräte … Wir empfangen Amerika. Glückwunsch zur Qualität der Bilder! Auch in der Sahara ohne Störung. Abends setzen wir uns in unser von der Mattscheibe erleuchtetes Zelt und schauen euch zu. Zuzusehen, was ihr so treibt, bereitet uns Freude. Immer ist da ein lachendes junges Mädchen an einem Strand. Gleich darauf überfällt es ein blonder Kerl. Das Mädchen entwindet sich, er verfolgt sie ins Wasser. Sie wehrt sich. Er umarmt sie leidenschaftlich und sie gehen senkrecht unter. Jeden Abend dasselbe Menü, mit leichten Verbesserungen. Das Meer ist noch blauer, das Mädchen noch blonder und der junge Mann noch muskulöser. Es wird ein Leben dargestellt, das uns leichter vorkommt. Das ist es: ein leichtes Leben. All diese Brüste, diese Hintern, diese Zähne, dieses Lachen wirken sich am Ende auf unsere Libido aus. Leuchtet Ihnen das ein? Deshalb sind wir nach Amerika gekommen und ihr wagt zu behaupten, wir hätten was falsch verstanden? Ich wiederhole die Frage, was sollten wir denn verstehen? Nachdem ihr uns verrückt gemacht habt vor Begierde, seht ihr jetzt vor euch die lange Schlange von Männern (bei uns gehen nur die Männer auf Abenteuer) mit einem Ständer, unersättlichem Appetit, bereit zum Krieg der Geschlechter und der Rassen. Wir gehen bis ans Ende, America.
DER BAUM VON AMERIKA
Ich war nicht mal zum Trinken in die Bar gegangen. Ich wollte nur nachsehen, was aus der Bar du Parc geworden ist, die ich in meiner schwärzesten Zeit regelmäßig aufgesucht hatte, als es mit mir immer weiter nach unten ging und ich dachte, ich würde nie den Grund erreichen. Wenn du untergehst, Alter, schluckst du zwangsläufig einiges an Wasser. Ich hätte den ganzen Fluss austrinken können, keiner hätte mir eine helfende Hand gereicht. Dabei hörte ich ihr Lachen, ihre Spiele, ihre Liebe. Die hellen Stimmen der kleinen Mädchen, die starken Stimmen der Männer und die sinnlichen der Frauen. Der Grund des Flusses ist ein wunderbarer Schallraum. Man hört alles, was oben gesagt wird. Die ganze Musik des Lebens. Den Gesang der Pflanzen, der Luft, des Winds. So geht es selbst den Föten. Sie verlassen die Welt des Wassers für die tödliche der Luft. Ich schlief zwölf bis achtzehn Stunden am Tag und den Rest schaute ich fern. Ich klebte unablösbar vor den Fernsehshows und wusste den Preis jedes beliebigen Putzmittels. Ich kannte den genauen Preis von allem, was Amerika verkaufte. THE PRICE IS RIGHT. Ich schluckte alles. Die wirkungsvollste Propagandamaschine, die Menschen je hervorgebracht haben. Dieses Amerika schrie unaufhörlich heraus, das Leben sei ein Fest und die Bäume dieses Gelobten Landes beugten sich unter wilden, schweren, köstlichen Früchten. Leider trägt der Baum auch bittere Früchte. Um erstere zu pflücken, muss man die Leiter der jüdischchristlichen Gesellschaft erklimmen, hingegen sind die bitteren Früchte für jeden in Reichweite.
EIN ZIMMER IN DER STADT
Ich schrieb gerade am offenen Fenster über dem Lärm der Straße, als Sonia ohne anzuklopfen hereinkam.
„Was machst du?“
„Ich beginne mit der Reportage.“
„Was? Ich dachte, für eine Reportage recherchiert man vor Ort?“
„Die Reise hat schon begonnen.“
„Du schreibst also über Dinge, die du nicht gesehen hast.“
„Aber ich schaue mir seit über zwanzig Jahren Amerika an. Meinst du, ein oder zwei Monate einer Touristenreise würden an dem Bild etwas ändern?“
„Ich finde es trotzdem komisch, was ist das für ein Reporter, der seine Bude nicht verlässt?“
„Das kommt häufiger vor als du denkst … Außerdem bin ich kein Reporter. Ich bin Schriftsteller. Sie verlangen nicht von mir, die Wahrheit zu schreiben. Sie wollen viel mehr. Eine Fotografie der amerikanischen Sensibilität. Was ich besichtigen könnte, ist viel weniger wichtig, als was ich empfinde.“
Sie bewegte sich lautlos durch das Zimmer. Ich spüre gern eine Frau in der Nähe, wenn ich schreibe. Schreiben und Begehren. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass sie tanzte. Ihre Füße glitten über den Holzboden. Ich beobachtete sie aus dem linken Augenwinkel. Ihre Bewegungen erschienen natürlich, aber hinter dieser Leichtigkeit spürte man eine ständige Anstrengung und stahlharte, wenn auch geschmeidige Muskeln. Der Tanz ist eine seltsame Kunst, die direkt dem Traum zu entspringen scheint. In meinen Träumen tanze ich häufig. Ich habe noch nie verstanden, warum der Tanz unbedingt mit Musik verbunden sein muss. Daher kommt der falsche Eindruck einer parasitären Kunst. Man hört schließlich Musik, ohne zu tanzen, warum soll man nicht tanzen ohne Musik? Manche Gepflogenheiten sind nur schlechte Angewohnheiten. Sie stellte sich leicht schwitzend hinter mich.
„Ich verstehe … Diese Leute haben dich schon bezahlt, deshalb brauchst du dir nicht mehr den Arsch aufzureißen …“
„Das war nur ein Vorschuss, für die Reisekosten. Den Rest bekomme ich bei Abgabe.“
„Langsam lerne ich dich kennen …“, bemerkte sie mit einem kurzen ironischen Lachen. „Hauptsache du kannst deine Miete bezahlen und hast Zeit zum Lesen …“
„Was kann sich ein Mann noch wünschen?“
Ihre Tartarenaugen verengen sich. Sie lässt sich in den Sessel fallen. Während sie mich ansieht, streift sie ganz nebenbei ihr Kleid hoch, so dass ich den Ansatz ihrer Schenkel sehe. Als ob plötzlich eine lange Nadel in meinen Nacken gestochen würde. Ich versichere Ihnen, das tut weh.
„Schau mal“, ruft sie wie ein kleines Mädchen.
Der rote Kreis der Abendsonne taucht das Zimmer in heißes Licht. Fast wie auf einer Kinderzeichnung. Ich habe plötzlich Lust auf ein gut gekühltes Bier. Sie läuft tänzelnd los und holt mir ein Carlsberg aus dem Kühlschrank. Sie tanzt ihr Leben.
„Was fängst du nur mit deiner Zeit an?“, fragt sie mich kopfschüttelnd, als wüsste sie schon, dass ihr die Antwort nicht gefiel.
„Viel zu viel“, antworte ich und trinke einen großen Schluck von dem kalten Bier. Langsam bekomme ich wieder Luft.
„Was zum Beispiel?“, hakte sie nach.
„Erstens lese ich …“
„Ja, immer Dostojewski …“
„Nein, heute morgen habe ich Walt Whitman angefangen.“
„Wirklich mal was anderes!“, spöttelte sie.
„Ich finde es ungerecht, Whitman hat schon alles Wichtige geschrieben, es ist ungerecht, wenn ich in der Zeit von ein oder zwei Monaten eine bestimmte Energie aufnehmen will, während Whitman sein ganzes Leben dafür eingesetzt hat. Das wird ein schrecklicher Kampf zwischen Walt Whitman und mir. Bin ich stark genug, um in einem Monat den Lebensodem dieser Naturgewalt zu empfangen, die Walt Whitman aus Manhattan besaß? Vorhin habe ich ihn ganz ruhig gelesen, da spürte ich ihn plötzlich direkt in meinem Plexus. Er ist mit solcher Wucht in mich eingefahren, dass ich aufgeschrien habe. Hör dir das an:
Walt Whitman, ein Kosmos, von Manhattan der Sohn,
Ungestüm, fleischlich, sinnlich essend, trinkend und zeugend,
Kein Empfindsamer, keiner, der sich über Männer und Weiber oder abseits von ihnen stellt,
Nicht bescheiden noch unbescheiden.*
Schweigen im Raum.
„So ein Mensch muss dir zum Freund werden.“
„Wie war das mit Dostojewski?“, fragte sie in ziemlich gewichtigem Ton, als wollte sie einen sehr aufwendigen Cocktail in einer Bar an der Rue Crescent bestellen. „War das anders?“
„Eigentlich sollte man nicht vergleichen. Ein Vergleich wirkt immer lächerlich. Dostojewski ist heimtückischer, er klebt an deiner Haut wie ein schlechter Geruch. Whitman ist direkt, erdverbunden, aber nicht wirklich, denn er ist schlau und glaub mir, der Alte hat eine harte Faust. Whitman zum Mittagessen, das muss man verdauen. Du hast den Eindruck, ganz Amerika dringt mit einem Schlag in dich ein …“
Ein letzter langer Schluck und ich rollte die Flasche über den Holzboden.
„Trotzdem“, fuhr sie fort, ohne sich von meiner kleinen Predigt beeindrucken zu lassen, „kann man doch nicht seine Tage nur mit Lesen verbringen …“
„Ach! Du willst einen genauen Bericht, wie ich meine Tage verbringe. Sag das doch gleich. Von Anfang an? Also ich stehe gegen zehn Uhr morgens auf, lese ein wenig, wie andere beten, bis ich wieder einschlafe – dabei ist zu unterstreichen, ich suche den Schlaf nicht, er soll mich finden. Die Geschichten, die ich gerade gelesen habe, bilden manchmal den Stoff meiner Träume. Das liebe ich. Später, viel später, wasche ich mich, ziehe mich an und mache etwas zu essen. Danach setze ich mich ans Fenster und schaue, wie die Leute unten vorübergehen. Sie haben es alle so eilig, dass ich nach einer Weile erschöpft bin. Ich schenke mir ein Glas Wein ein und lese weiter in meinem Buch. Dann ist schon Zeit für den Mittagsschlaf. Nach dem Mittagsschlaf (von einem Mann, der keinen hält, kann nichts Gutes kommen) gehe ich eine Runde durch den Park, aber nur kurz. Diese Mädchen in Sommerröcken würden mir sonst den letzten Nerv rauben. Auf dem Rückweg kaufe ich manchmal bei dem Dépanneur Obst, Gemüse und ein wenig Bier. Ich koche das Abendessen. Schon trudeln die Freunde ein, angelockt vom Geruch der Gewürze. Die Gewürzroute.“
„Deine Freunde? Aber ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals Besuch hattest.“
„Das war früher. Jetzt empfange ich niemanden mehr.“
„Warum? Ist was passiert?“
„Nein, ich habe mich nur für eine Zeit verabschiedet. Ich kann monatelang so leben. Ich bin unter Wasser. Meine Freunde wissen, dass sie mich dann nicht aufsuchen dürfen.“
Noch eine Flasche Bier. Sonia hatte schon verstanden, dass sich heute nichts abspielt. Ich bin woanders. Im Winter sind die Mädchen so schwer zu haben. Aber im Sommer, wenn es für alles zu heiß ist, fallen sie geradezu über dich her. Wenn man selbst erregt ist, sendet man offenbar Vibrationen aus, die sie abschrecken. Mir wurde jetzt klar, um sie anzuziehen, muss man nur mit seinen Gedanken woanders sein.
„Ich sehe schon“, sagt sie, „du willst arbeiten.“
„Ich arbeite nicht, Sonia. Ich reise in meinem Kopf. Ich sitze im Augenblick in einem Bus, der in den tiefen Süden der USA hinunterfährt.“
„Ich verstehe nicht, wie du das tun kannst … Es ist nicht ehrlich.“
„Was ist daran nicht ehrlich? Die Tatsache, zu schreiben man sitze in einem Bus, während man sich nicht aus der Bude gerührt hat? Weißt du, das Wort ‚Autobus‘ ist für mich so wirklicher als der echte Bus. Wohlgemerkt, die beste Reportage über Amerika, die je geschrieben wurde, stammt von einem Mann, der fast nie das Haus verlassen hat.“
„Und dafür hat er, genau wie du, eine Stange Geld eingestrichen.“
„Nein. Zu jener Zeit kannten sich die Dichter noch nicht gut mit dem Geld aus. Allerdings konnte Whitman das Gemüse aus seinem Garten essen. Ich muss alles kaufen.“
„Bin dann mal weg …“
Und sie ging tanzend hinaus. So, wenn der Tanz zum alltäglichen Leben gehört, wird er für mich erträglich. Tanzaufführungen hingegen langweilen mich. Wie auch alle anderen Aufführungen. Whitman hatte mich auf den Geschmack gebracht. Ich setzte mich wieder an meine alte Schreibmaschine, um einen neuen Kontinent zu erfinden.
JENSEITS DIESER GRENZE GIBT ES KEIN ZURÜCK
Eine dunkle verrauchte Bar. Reggae-Musik. Marley. Alle Verdammten dieser Erde. Indianer, Südamerikaner, Asiaten, Schwarze. Nur die Frauen sind weiß. Ein Maximum menschlicher Farben. Die Tanzfläche kaum doppelt so groß wie eine Tischtennisplatte. Das Geräusch aneinanderreibender Körper. Wie reißendes Papier. Gerüche aus aller Herren Länder. Die Wucht des Verlangens. Kannibalismus als die extreme Form der Zärtlichkeit. Krude Liebe. Ich esse dich auf. Versprechen. Siehst du, ich hatte dich gewarnt. Wie Frauen schmecken. Ein wenig salzig vom Schweiß. Salsa. Miteinander verschweißte Leiber. Trockene Zunge. Träume vom tropischen Regen. Alles hier, in dieser Bar an der Avenue du Parc. Nichts hat sich in der Zwischenzeit verändert. Auch wenn ich in fünfzig Jahren wiederkäme, wäre alles noch genauso. Die Gesetze sexueller Attraktion bleiben gleich. Die Welt der Nacht. Das älteste Ritual. Man tritt ein, steigt die steile Treppe hinauf, gibt seinen Mantel an der Garderobe ab (vergiss das Trinkgeld nicht, Bruder, wenn du wiederkommen willst), man setzt sich, schaut sich um, die Bedienung kommt, man wirft ihr einen erstaunten Blick zu, sie zieht ein wenig verschämt ab, man begrüßt die Freunde, wieder die Bedienung, man stellt sich unauffällig woanders hin. Hier wackelt ein Mädchen auf der Piste mit den Hüften. Nicht schlecht. Du fragst nach ihr. Sie ist neu. Du versuchst dein Glück. Sie sagt nicht nein. Wir tanzen. Merengue. Salsa. Reggae. Sie will nicht mehr. Du gehst weiter. Warum nicht mal pissen. In der Toilette triffst du einen Typen. Man unterhält sich ein wenig. Beim Herauskommen triffst du auf die Bedienung. Du bestellst ein Bier, zugleich siehst du ein Mädchen ganz hinten (wie ein flackerndes Licht am Ende des Tunnels), das du gut kennst, aber es unterhält sich mit einem Typen, den du hasst, zum Glück geht er, du kommst auf das Mädchen zu, ach! Dieses strahlende Lächeln, als hätte es schon immer auf dich gewartet. Die Bedienung tippt dir auf die Schulter. Du zahlst das Bier, nimmst einen einzigen Schluck und dann forderst du das Mädchen zum Tanzen auf. Du reibst dich an ihrem kühlen Körper. Musik aus Zaire. Sinnliche Rhythmen. Das ist cool, trotz allem. Es läuft wie nach Plan. Du hast es drauf !
„Dieses Mädchen ist nichts für dich, Alter.“
Ich drehe mich um. Ein langer Kerl lächelt mich an. Ihm fehlen vier Schneidezähne. So viel ich in meinem Gedächtnis suche, ich kann ihn nicht einordnen.
„Was hast du gesagt?“
Er lächelt wieder.
„Dieses Mädchen gehört jemand anderem.“
„Was soll der Blödsinn? Wird hier mit Weißen Frauen gehandelt?“
„Ich gebe dir den guten Rat … Du solltest besser sofort gehen.“
„Hör mal, keiner gehört keinem … wir sind hier in Amerika.“
Ein finsteres Kopfschütteln.
„Wir sind hier nicht in Amerika. Hier ist Schutzgebiet. Ich schwöre dir, diese Typen machen, was sie wollen. Und zwar alles. Verstanden?“
Ich schaue ihn schweigend an.
„Diese Typen halten sich an keine Gesetze. Der Polizei ist das egal, solange sie die Mädchen nicht zusammenschlagen.“
„Was redest du da? Hier ist doch kein Bordell!“
„Schau dich mal um … Wen kennst du hier noch? Schau dir die Mädchen genau an …“
Tatsächlich sahen sie anders aus als die Mädchen, die ich früher hier traf. Jetzt kamen sie immer zu zweit oder dritt in dicken Mafiaschlitten. Die Frauen, die früher in dieser Bar verkehrten, waren viel älter, stärker geschminkt, weniger sexy, dafür wild entschlossen, sich einen Abend zu amüsieren. Sie zogen dich recht bald mit auf die Toilette, um dann buchstäblich über dich herzufallen. Alles musste sich vor Mitternacht abspielen. Um Mitternacht stiegen sie die Treppe wieder hinunter zu ihren Familien in den hübschen blauen oder weißen Häuschen, in schöner Lage am Flussufer. Danach kamen die Mädchen mit den grünen, roten oder gelben Haaren. Sie verzogen sich auch schnell auf die Toiletten, aber allein. Und kamen mit diesem befriedigten Gesichtsausdruck wieder heraus. Die Älteren waren mir entschieden lieber. Aber heute waren da weder die älteren Vorstadtfrauen, die es am Wochenende krachen ließen, noch die Mädchen, die eigentlich nur eine Toilette suchten, um sich einen Schuss zu setzen, sondern wunderschöne Mädchen, die echt sexy waren. Ich hatte so sehr in meiner eigenen Welt gelebt, dass ich diesen radikalen Wandel gar nicht bemerkt hatte. Mir genügte es, die Bedienungen und ein oder zwei der Mädchen an der Bar zu erkennen, um mich zuhause zu fühlen.
„Wo kommen die her?“, frage ich den Mann hinter der Bar.
„Tja … das sind Mädchen aus der Vorstadt …“
„Unfassbar … Als ob diese Mädchen ihre Mütter rausgeschmissen hätten.“
„Eher ihre Großmütter“, raunt er mir mit einem honigsüßen Lächeln zu.
Ich schaue kurz hin. Tatsächlich.
„Was wollen die hier?“
„Sie gehören diesen Typen …“
An der Treppe standen schwarzgekleidete Männer, die mir beim Hereinkommen nicht aufgefallen waren, weil sie aussahen wie Türsteher. Sie hatten alle Sonnenbrillen.
„Und wo sind die anderen? Die von früher? Ich bin höchstens drei Jahre nicht hier gewesen.“
„Ich weiß nicht … keine Ahnung“, murmelte er, ohne mich anzusehen. „Sie waren hier und von einem Tag auf den anderen nicht mehr. So ist das.“
„Wie im Fernsehen.“
„Jemand hat die Spülung gedrückt. Und sie sind runtergespült worden.“
„Eine ganz andere Sorte …“
Er schaute mich eine Weile an, dann senkte er den Blick.
„Früher war es mehr handwerklich, sag ich mal“, fügte ich hinzu.
„Ja, alles ändert sich …“
Er wirkte müde, als er zu einem Kunden am anderen Ende der Theke hinüberging.
FÜR DIE BERUFSEHRE
Hier im Paradiso spielt sich alles ab: Krieg, Leben und Tod, Liebes- und Geschlechtskrankheiten, Gewalt, brutale Trennungen und verhängnisvolle Affären. Auf dieser winzigen Fläche. Jeden Abend. Die Einheit von Zeit (von 23 Uhr abends bis 3 Uhr morgens) und Ort (die Tanzfläche). Jedes Mal die selben Charaktere (Jenny, Charlie, Adam, Cham und früher ich). Man braucht sich nur in eine Ecke zu setzen (so wie ich heute Abend), um zuzusehen, wie das große Schauspiel unserer Zeit sich langsam entfaltet. Rassen, Geschlechter, Klassen, Religionen, alles vermischt, zu dem einzigen Ziel, uns zu unterhalten. Denn der Mensch spielt perverse Spiele und praktiziert Rituale ohne Sinn und Zweck. Nur, um uns zu unterhalten, bekommt Jenny jeden Abend einen Eifersuchtsanfall, schließt sich in der Toilette ein und droht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Und auch, um uns zu unterhalten, lässt sich Cham von Charlie jedes Mal seine Neue ausspannen und sich anschließend von ihm vermöbeln, weil er versucht hat, sie zurückzuholen, als Charlie weg war, um sich seine Dosis zu spritzen. Und ebenfalls, um uns zu unterhalten, kriegen sich Jenny und die Neue von Charlie (die Ex von Cham) auf der Treppe in die Haare, während Charlie sich oben ausschüttet vor Lachen. Wenn du in fünfzig Jahren wiederkommst, ist es immer noch das gleiche Schauspiel. Wie in der Messe gibt es die Darbietung der Hostie (wenn Charlie auf das Mädchen von Cham aufmerksam wird), das Evangelium (wenn Charlie seinen blödsinnigen Sermon loslässt, wie scharf Blondinen auf Schwarze sind) und die Wandlung (alle senken den Kopf, um das Mysterium der Eucharistie nicht zu schauen), wenn das Mädchen hingeht als würde sie schreien: „Seht her, dies ist mein Leib, esset ihn, und dies ist mein Blut, trinket es.“ Dann nimmt Charlie sie mit auf die Toilette und zwei gute Stunden darf keiner pissen gehen. Manchmal drei. Ite missa est. Warum gewinnt immer der größte Depp? Ganz einfach, Alter, weil er der größte Depp und kein durchschnittlicher Depp ist. In Amerika geht es immer um Superlative. Suche dir einen Bereich, egal welchen, und werde darin der Größte. Das ist alles. Zum Beispiel: Du bist Schriftsteller, nicht wahr? Nun … Du bist Schriftsteller, ja oder nein? Du musst wissen, was du willst. Wir sind nicht in Europa. Bist du Schriftsteller? Ja, ich glaube. Schon ein bisschen besser. Entscheide dich, Alter. Stell dir vor, man stellt die gleiche Frage einem Klempner. Bist du Klempner? Nun … Den Mann lässt du doch nicht in dein Badezimmer.
Ich hing noch diesen wenig schlüssigen Gedanken nach, als sich ein kräftiger Arm um meinen Hals schlingt.
„Da ist ja unser Star!“
Ich weiß, wer es ist.
„Hallo Charlie.“
Er drückt mir den Hals weiter zu.
„Hallo, Alter.“
Langsam geht mir die Luft aus.
„Warum besuchst du uns?“
„Ich wollte nur was trinken, Charlie.“
Charlie drückt nochmal zu.
„Was meinst du mit ‚nur was trinken‘?“
„Nichts weiter, Charlie.“
Ich bringe kaum einen Ton heraus.
„Deine Freunde sind dir wohl nicht mehr wichtig?“
„Natürlich sind sie mir wichtig.“
„Es sieht nicht so aus.“
Er stößt mich weg und ich werfe den Tisch um, einem Mädchen mit einer Tonne Ketten um den Hals auf die Füße. Sie beginnt zu schreien.
„Scheiße, hör auf mit dem Blödsinn, Charlie, ich wollte nur in aller Ruhe was trinken.“
Er geht mir wieder an die Gurgel.
„Sag das nicht nochmal!“
Wir rollen über den Boden, ich hole mir von einer dort liegenden Glasscherbe eine Schnittwunde am Arm. Das Blut bildet einen Fleck auf Charlies Hemd und er denkt, er sei verletzt. Ich kann ihn endlich wegstoßen und auf die Toilette rennen. Mein ganzer linker Arm ist voll Blut, aber eigentlich ist es nur ein kleiner Schnitt. Ich weiß nicht, warum Charlie denkt, ich hätte ihn in meinem Roman beschrieben. Tatsächlich habe ich für eine Figur ein paar Züge von ihm geklaut, aber diese Figur ist nicht nur er. Ich wiederhole es, diese Figur hat nicht mehr von Charlie als von Adam, der damals auch gerade an einem Roman schrieb (der später nie wieder erwähnt wurde) oder von Cham oder sogar von mir selbst (mindestens dreiunddreißig Prozent). Gut ein Drittel dieses verfluchten Romans stellt mich dar. Außerdem habe ich ihn geschrieben. Aber das alles ist Charlie egal. Er meint, ich brauchte nur ihn und sein Leben zu betrachten, um dieses Buch zu verfassen. Tatsächlich habe ich einige seiner Sprüche wörtlich übernommen. Er hatte zu einem Mädchen, dem er den Laufpass gab, gesagt: „Es ist für alle eine harte Zeit, Alte.“ Jeder in der Bar weiß, dass ich den Spruch Charlie verdanke, aber so gehen die Schriftsteller eben vor. Sie verschlingen Menschen, um Wörter auszuscheißen. Ich wette, Charlie hat das Buch nicht mal gelesen. Er gibt sogar damit an, dass er noch nie im Leben ein Buch gelesen hat. Aber warum sind die anderen auch seiner Meinung? Verrückt, in meiner Naivität dachte ich, sie würden mich wie einen Helden begrüßen. Seitdem ich das Buch veröffentlicht habe, sind die Schwarzen plötzlich in Mode. Noch nie war so viel von ihnen die Rede. Endlich kam einer, der so über uns schreibt, wie wir es gerne hätten. Ich sagte mir: Die Schwarzen werden sich vor mir verneigen. Sie werden sagen: „Schau dir den kleinen Witzbold an, er hat den Weißen abgeschaut, wie man es macht. Von Musikern und Sportlern ist das bekannt, mit den Wörtern fällt es uns noch etwas schwer, aber dieser junge Schlaukopf hat sich einen Weg bis ins Innere des Alphabets gebahnt. Und er ist sogar gesund und munter zu uns zurückgekehrt, unter dem Beifall von vielen Weißen Liberalen. Alles, was wir wollen ist, dass er sich möglichst viel Kohle von den Weißen geholt hat. Natürlich interessieren sich nur Yuppies und alte weiße Squaws für seine Rezepte. Wir Schwarzen können nichts mit einem Buch anfangen, das Tricks anbietet, wie man besser vögelt, da wir bei unserer Geburt schon in den Zaubertrank gefallen sind (oh ja!). Wir geben keinen Cent für ein ziemlich einfältiges Werk aus, das erzählt, wie ein Schwarzer sich durch diesen Dschungel kämpft. Wir beklatschen nur den gelungenen Coup und Schluss.“ Ich hatte ziemlich sicher so ein langes Palaver unter dem Baobab erwartet, nicht mehr und nicht weniger. Aber ich habe mich gründlich getäuscht. Ich erinnere mich an die Zeit, als Cham und ich junge Schwarze ohne Geld waren, die vorhatten, die Welt zu verändern, um ein größeres Stück vom Kuchen zu bekommen. Wir sagten immer, die Bücher, die die Weißen über die Schwarzen schrieben, seien alle zu zahm vor lauter Rücksichtnahme. Eingeschmiert mit der ganzen Vaseline des jüdisch-christlichen Schuldgefühls, gingen diese Bücher den Dingen nie auf den Grund, in einem Wort, diese Bücher waren MistMistMistMistMistMistMistMistMistMist. Die von Schwarzen geschriebenen waren noch schlimmer. Immer dieser alte Blödsinn von der „Verteidigung und Darstellung der Rasse“. „Und das, Alter“, sagte Cham immer mit seiner dünnen, hohen Stimme, „hat nichts mit Literatur zu tun, rein gar nichts … Literatur ist Enthüllung und sonst nichts. Sagen, was nicht gesagt werden darf.“ Jedenfalls sprachen wir damals so, Cham und ich, als es für uns nicht immer gut lief. Wir unterhielten uns ein bisschen darüber (mit Eleganz und Coolness, du weißt schon), bis ein Mädchen (ich glaube Jenny) eines Abends verkündete, Adam sei dabei, ein Buch zu schreiben. Sie habe ein Kapitel gelesen und es sei eine Bombe. Keiner hat einen einzigen Moment geglaubt, dass Adam etwas Explosives schreiben könnte. Das Mädchen (ich bin nicht mehr sicher, ob es Jenny war) ließ durchblicken, dass wir von Adam keine Ahnung hätten, dass sie sich mit Männern ganz gut auskannte und dass sie Adam für den Typ Mann hielt, der das Zeug zum Serienmörder hatte. Er sei ein frustrierter Träumer. Schweigen um den Tisch. (Ach ja! Wir waren bei Jenny, aber ich weiß nicht mehr, wer dieses Mädchen war.) Für sie war Adam jedenfalls der Prototyp des Schriftstellers. Ein Perverser, der im Trüben fischt. Ein Impotenter. Ein Voyeur. Ein armseliger Träumer. So beurteilte sie also Autoren. Es hatte mir einen harten Schlag versetzt. Schriftsteller? Impotente Spanner, bereit, sich selbst zu verkaufen, nachdem sie ihre Freunde schon drangegeben haben. Eigentlich müssten sie büßen für die Schläge und Verletzungen, für die Erniedrigungen, die sie ihren Figuren zufügten, für die Gerüchte, die sie verbreiteten oder für die alten Klischees, die sie unter der Asche wieder aufrührten. Die Leser sahen in den Schriftstellern feige, lüsterne und gemeine Menschen, obwohl sie ihnen zuvor für dieselbe Bespitzelung und denselben Verrat Beifall gespendet hatten. Unbewusst war das vielleicht auch ein Grund, weshalb ich an diesen Ort zurückgekehrt war. Ich wollte mich von denen beurteilen lassen, die in meiner Vorstellung zu Figuren geworden sind, nachdem sie meine Freunde waren. Auch deshalb hatte ich mich mit Charlie geprügelt. Für die Berufsehre.
EIN CARL LEWIS AUF DER SCHREIBMASCHINE
Ich wusste nicht, dass es so schwer werden würde. Von weitem sah ich die anderen oben auf dem Gipfel. Wo die Luft kühler ist. Schön cool. Wie Götter! Ich beneidete sie mit allem, was ich im Bauch hatte. Ich musste um jeden Preis dort hinauf. Wo die Früchte nie fade schmecken, wo das Gemüse grüner ist als anderswo (diese Information habe ich von Truman Capote, der lange mit den Reichen verkehrte), wo die Mädchen immer blutjung sind (jedes alte Ekel über sechzig mit einem sechsstelligen Bankkonto wird es dir bestätigen), wo alles zum Besten steht in der besten aller Welten. Sollen die anderen doch unten bleiben und schauen, wie sie durchkommen in dem Morast. Keine Reue. Keine Nostalgie. Die Armut hat es nie gut mit mir gemeint. Wenn Leute dort oben sind, kommt man irgendwie hinauf, warum also nicht auch ich? Das Einzige, was du wissen musst: Um dort hinaufzugelangen, muss man sehr leicht, sehr, sehr leicht werden. Oben schwimmen, Alter. Alles hinter dir lassen, was dich belastet: die Ängste, die falschen Probleme (vor allem die echten Probleme!), die Jugendträume, die Gewissensbisse, schlicht alles, was dich an den Füßen festhält und so hindert, mit frischem Mut die jüdisch-christliche Gesellschaftsleiter hinaufzuklettern. Vor allem musst du daran denken, dass du unbedingt mit der Form eines Profiathleten oben ankommst. Ein Carl Lewis auf der Schreibmaschine. Schlank, biegsam, mit Nerven wie Stahl und brennend vor Ehrgeiz. Der schnellste lebende Schriftsteller, wenn man schon nicht der beste sein kann. Ein Buch in weniger als zehn Sekunden. Das ist eine echte Herausforderung. Da musst du schuften wie ein Neger. Mit einer guten Stoppuhr. Genau wie die Champions, Bruder. Alle Berufe sind bemüht, bei unserer schnelllebigen Zeit mitzuhalten. Nur bei den Schriftstellern trifft das noch auf taube Ohren. Dann wundern sie sich, wenn die Rockmusiker oder die Hockeyspieler die Hitparaden erobern. Selbst Journalisten tun heutzutage, was sie können. Nur die Schriftsteller stricken weiter an ihren kleinen Intrigen aus dem letzten Jahrhundert, ohne sich um die Gegenwart zu kümmern. Sie hinken völlig hinterher, dicht gefolgt von den Bildhauern. Aber die Zeit rast, Bruder. Eigentlich hätten wir das als erste begreifen müssen, denn Schreiben bedeutet angeblich, über die Zeit zu herrschen. Dass ich nicht lache! Die Zeit steht auf unseren weißen Blättern ganz still. Eine tote Zeit. Denn die echte läuft weiter. Schaut euch die Athleten da draußen an. So selbstsicher, lebenslustig, fiebrig, das linke Auge immer auf die Stoppuhr geheftet. Sie wissen, was sie wollen und was sie wert sind, auf die Zehntelsekunde genau. Habt ihr den Kopf von Carl Lewis gesehen? Diesen Kopf eines Prinzen trüge ich gerne auf meinen Schultern. Lewis ist es gewohnt, an den Start zu gehen, um zu messen, was er wert ist. Ohne Wehleidigkeit. Die Stoppuhr in der Hand. So häufig wie du zum Wäschewaschen gehst. Die Schriftsteller schwimmen dagegen im künstlerischen Ungefähr. Manchmal löst das bei mir einen Brechreiz aus. Nur sehr wenige Schriftsteller können genau angeben, wo sie gerade stehen. Es ist der letzte Berufsstand, der so bedingungslos an der Bescheidenheit festhält, dieser tugendhaften Form der Heuchelei. Dazu die Behauptung, man schreibe, um sich selbst besser kennenzulernen. Natürlich würde keiner sagen, Carl Lewis und Hemingway übten denselben Beruf aus. Doch bin ich mir nicht mal sicher, ob Hemingway das auch so gesehen hätte. Denn er wollte den Sport und das Schreiben näher zusammenbringen. Kein schlechter Versuch, übrigens. Dabei verdienten die Sportler damals praktisch nichts. Heute verdient Carl Lewis Millionen, für nicht mal zehn Sekunden. Das ist ein Beruf, der es wirklich weit gebracht hat. Die Sprünge, die er macht! Warum meint man immer noch, die Energie des Hirns sei besser als die Energie der Muskeln? Was lässt uns glauben, ein Schriftsteller sei intelligenter als ein Athlet? Der eine benutzt sein Gehirn, sagen Sie. Welcher von beiden? Der sich drei Jahre mit einem Roman abmüht, der ihm alles in allem 5000 Dollar einbringt, oder dagegen Carl Lewis? Ja, aber … Aber was? Ein Schriftsteller hat mehr Prestige. Selbstverständlich, wenn dir das hilft, weiterzuschreiben, Bruder.
MIT WUT IM HERZEN
AIDS kommt nicht vom Sex, sondern vom Ekel vor dem Sex im Westen. Und wer zahlt heute die Zeche? Wieder die Dritte Welt. Die Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt, dass Sex die einzige sinnvolle Freizeitbeschäftigung der Armen ist. Auch in Nordamerika gibt es die Dritte Welt. Es sind die Ghettos, wie Ameisenhaufen, wo es von armen, analphabetischen Schwarzen wimmelt und wo die schwangeren Teenager manchmal Kokain (oder eher Crack!) mit Milchpulver verwechseln. Das Kind kommt blind, drogenabhängig und krank auf die Welt. Doch das bringt es nicht um, sondern eine Kugel in seinem Kopf an der Ecke 125. Straße und Broadway. In diesen Verhältnissen ist der Rap entstanden.
„Aber Rap ist doch Scheiße!“, sagte mir Kunta am Telefon.
„Nicht so schnell, Bruder.“
„Was denn sonst?“
„Der Rap hat den Zeitgeschmack auf die Dichtung gebracht … Seitdem die Typen aus dem Ghetto rappen, haben alle Kids aus den Armenvierteln weltweit angefangen, Reime zu schmieden.“
„Das nennst du Dichtung! Das ist doch eine vorübergehende Mode …“
„Das hat man schon beim Jazz gesagt.“
„Jazz ist was anderes …“
„So heißt es immer … Sobald etwas zum Klassiker wird, vergisst man, wie weit der Weg dahin war.“
„Was findest du selbst denn am Rap?“
„Ich persönlich gar nichts. Aber ich frage mich, warum diese Kids plötzlich anfangen, mit den Wörtern zu spielen.“
Stille am Ende der Leitung. Ein Punkt für mich. Aber nur einer.
„Mit dieser Wut“, fügte ich hinzu.
„Aber die ist doch nur gespielt. Sobald sie eine Platte haben, sind sie raus aus dem Elend.“
Wir lachten beide.
„Ich meine nicht die, sondern die Kids, die in überhitzten Kellern auftreten, auf Autofriedhöfen oder unbebautem Gelände … Früher drückten sie sich eher darin aus, dass sie das Auto des Nachbarn kaputtschlugen, etwas in Brand steckten oder einen Überfall auf den Eckladen verübten (nie weit genug von ihrem Zuhause, die Deppen!). Heute brandstiften sie mit Worten … Vielleicht ist das kein Fortschritt, aber mir gefällt es zu sehen, wie sie nach der treffendsten Beleidigung suchen …“
„Das ist doch hauptsächlich frauenfeindlicher Mist“, hielt mir Kunta entgegen. „Klar, wollen sie alle Bullen umbringen, aber was bringt das für sie? Es kommen doch immer wieder neue … Außerdem sind wir nicht mehr in den Sechzigerjahren. Der echte Feind ist nicht mehr der Bulle, sondern es sind die Banker von der Wall Street, die von ihren Glastürmen aus ein Land der Dritten Welt ins Elend stürzen können.“
„Stopp, Kunta, was soll ich dir antworten, wenn du mir meine eigenen Argumente entgegenhältst? Als würde ich mit mir selbst diskutieren.“
„Vielleicht stimmt das sogar …“
Er legte lachend auf.
Diskutiere ich mit mir selbst? Habe ich den Mann erfunden, um nicht allein zu sein? Der Scheck ist aber echt. Ehrlich gesagt, kommt mir die ganze Angelegenheit plötzlich verdächtig vor. Leute, von denen ich keine Ahnung hatte, rufen mich ausgerechnet in dem Moment an, als ich in einer schweren wirtschaftlichen Depression versinke, und bieten mir eine große Reportage über Amerika an. Ein Typ, den ich nicht kenne, hat meine Adressdaten an Leute gegeben, die ich noch weniger kenne. Norman Mailer haben sie auf Schritt und Tritt verfolgt. James Baldwin hing an der Abhöranlage. Die FBI-Akte von William Styron war ziemlich dick. Man muss aufpassen. Wie soll ich mich verhalten? Damit sie einen nicht erwischen, muss man unauffällig bleiben. Schlicht der sein, der man ist. Sie wollen immer deine Geheimnisse herausfinden. Schreib sie alle hin. Keine Geheimnisse, das ist mein intimstes Geheimnis. In jedem Fall haben wir in unserem Inneren einen verschlossenen Bereich, den auch der klügste Geheimagent (dieses Wort gefiel mir als Jugendlicher so sehr: Geheimagent!) niemals knacken wird. Und wenn ich beschließe, mich nicht in diese Höhle zu begeben? Sie unberührt zu lassen? Was ist mit einem Geheimnis, das keiner kennt? Wenn ich diesem Hang zum Zen weiter nachgebe, werde ich am Ende noch wie Salinger. Vielleicht lag eben darin seine Beziehung zu Amerika. In seiner Beziehung zum Geheimnis. Salinger enthüllt uns seine unsichtbare Seele und verbirgt das Sichtbare, den Körper. Im Grunde nur eine andere Art und Weise, seine Seele zu schützen. Er führt uns auf eine falsche Fährte. Und Amerika? Macht es vielleicht wie Salinger: zeigt eher den Körper als die Seele … Ich wehre mich gegen die Idee, diese Überlegungen kämen nur vom Bier. Ich halte sie für das Ergebnis einer langen, metaphysischen Suche.
NUR IM DUNKELN DENKT DER SCHWARZE WIRKLICH NACH
Du brauchst einen langen Atem, Alter. Das Gute ist, sobald du durch die Ozonschicht bist und den freien Raum erreichst, hast du ausgesorgt. Von da an läuft alles von selbst. Die Frauen kommen auf dich zu. Von sich aus. Ohne dass du sie begehrst. Aber bevor du diese Stufe erreichst, wirst du enorm hart schuften müssen! Immer wieder zeigt sich ein ziemlich schwieriger Knoten und du meinst, den wirst du nie aufkriegen. Gerade dann musst du dich mit aller Geduld wappnen und ihn ganz langsam, Äderchen für Äderchen, aufdröseln. Dann hast du es allerdings immer noch nicht geschafft. Ein weiterer, noch schwierigerer Knoten stellt sich ein und du brauchst noch mehr Geduld und so bist du über sechzig, bevor du alle Knoten gelöst hast, und musst zugeben, dass du gefickt bist. Alles auswischen, bitte. Noch mal von vorne, Bruder. Du musst einfach aufhören daran zu denken und es tritt von selbst ein, wie ein ununterbrochener Orgasmus. Einfach geil! Du stehst eines Morgens auf und fängst an, wie ein Verrückter den kurzen Roman zu schreiben, den die ganze Welt voll Ungeduld erwartet hat. Du sagst dir: „Das ist nicht wahr, das kann nicht so leicht sein, irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich bin nicht ganz ich selbst. Wer ist der kleine Witzbold in mir, der mir diesen üblen Streich spielt?“ Trotzdem geht es weiter und du tippst wie ein Verrückter. Du hast keinen Hunger, keinen Durst, nicht mal Lust zu vögeln. Du bist schlicht in einem anderen Zustand und überzeugt, wenn du jetzt aufhörst, kommt das nie wieder. Deshalb machst du weiter. Du weißt nicht mehr genau, was du schreibst, aber du spürst, es geht über deine Kräfte, es ist noch jemand anderes im Zimmer, gleich hinter dir. Der Hauch des Bösen in deinem Nacken. Am Ende senkst du den Kopf und murmelst etwas dir völlig Unverständliches. Du bist besessen, Alter. Das Böse wohnt in dir. Leider passiert so etwas nie im normalen Leben. Jedenfalls nicht in meinem. Du irrst dich, Alter, das ist schon vorgekommen. Bei wem? Schau dich um. Nein, nicht aus dem Fenster. Auf dein kleines Bücherregal. Genau, Der kleine Prinz. Was! Gerade mal fünfzig Schreibmaschinenseiten. Und hopp! Für die Ewigkeit! Mir nichts dir nichts. Nur um die Amerikaner zu ärgern, mit ihren dicken Wälzern von nicht unter 600 eng bedruckten Schreibmaschinenseiten. Jede Seite vollgestopft mit genauen Angaben über die Figuren (was sie essen, trinken, anhaben und wo sie hingehen, auch der Name der Bar, wo sie was trinken, dazu der Name des Getränks, mit dem Rezept für den Cocktail et cetera). Auf diese Weise schafft man 600 Seiten in weniger als einem Monat. Warum keine 10 000 Seiten? Es ist nie genug, bis die ganze Erde damit zugemüllt ist. Diese Leute haben nichts zu sagen und um das auszudrücken, brauchen sie drei Bände. Und das Publikum? Mein Herr, das Publikum ist beeindruckt von dem Gewicht (fünf Kilo) und kauft sich den Wälzer mit gut verpacktem Quark, ohne auf die Qualität zu achten: „Geben Sie mir noch zwei dazu, Madame, auch den dicken, der sich klammheimlich hinter dem Michener versteckt, nein nein, auf keinen Fall Stephen King, den kann ich wirklich nicht ausstehen. Offenbar lässt er seine Bücher von Außerirdischen schreiben, seine Neger kommen vom Mars. Das habe ich in World News gelesen. Wenn er aber diese dicken Bücher selbst schreibt, tut er das eindeutig zu oft, das gefällt mir nicht. Dahinter muss sich etwas verbergen, irgendein Laster, wissen Sie, der Typ schreibt so schnell, kaum habe ich eines von ihm angefangen, kommt bereits ein neues heraus. Finden Sie das normal? Nein, ich nehme noch eins von Irving, ich mag Bären und hoffe, dass in dem wieder einer vorkommt … Für heute ist es genug, wissen Sie, es ist ein langes Wochenende und wir fahren alle nach Disneyland …“ Dabei hat jeder von diesen Typen, Bruder, ich meine Irving, Michener und King (ich lasse absichtlich die unter den Tisch fallen, die unlesbar und unbekannt sind) einen Abschluss von einer der ältesten amerikanischen Universitäten. Sie sind es gewohnt, schwer zu schuften, detailreiche Studien anzufertigen, ausufernde Aufsätze zu verfassen, das passt auch gut zu dem Stil ihrer Kleidung, wie sie tanzen, sich lieben … Dieser Glaube … dieses Durchhaltevermögen … dieser Sinn für das Arbeiten mit langem Atem … dieser schlechte Atem … All das brauchen sie, um Tonnen von Papier mit sinnentleerten Wörtern vollzuschreiben. Eine Geschichte ohne Inhalt und Perspektive. Währenddessen liegt Der kleine Prinz da, schläft stehend im Regal, wartet geduldig wie ein braves Kind auf die künftigen Jahrhunderte. Was für eine süße Rache wäre es, so etwas gegen diese Umweltverschmutzer zu Papier zu bringen, etwas so Sanftes, so Rundes, so Reines wie dieses Meisterwerk von Saint-Exupéry und sich vom Erlös einen Jaguar zu kaufen. Wenn der Heilige Geist existiert, wäre jetzt der Moment, in dem er sich zeigen müsste. Es ist seine letzte Chance. Warum rege ich mich derart auf? Was soll ich denn sonst tun, während ich im Dunkeln liege unter dem offenen Fenster und diesem riesigen amerikanischen Himmel?
DIE ABREISE
Ich glaube, es ist Zeit für die Abreise. Ich hole die alte braune Ledertasche hervor, stopfe ein paar T-Shirts, drei Jeans, Unterwäsche, ein Paar Tennisschuhe, zwei Paar Sandalen, einen Elektrorasierer, einen billigen Fotoapparat, Trockenfrüchte, Seife, eine Zahnbürste, Zahnpasta, ein paar Bücher (Dostojewski, Naipaul, Salinger, Kerouac und vor allem Walt Whitman), Stifte, einen Anspitzer und ein Dutzend bei Pilon gekaufte Hefte hinein.
Mit dieser Ausrüstung habe ich vor, die Durchquerung Amerikas zu unternehmen.
UNTER WASSER
Am Busbahnhof traf ich Bouba, in der Nähe der Greyhounds, die viele Ziele in den USA ansteuern. Bouba ist mein alter Gefährte in guten, vor allem aber schlechten Tagen. Der einzige Mensch, mit dem ich Stunden verbringen kann, ohne zu reden. Bei Bouba brauche ich keine Worte. Sein Inneres erfasst alles. Ich glaube, es gibt niemanden, der freier ist als Bouba. Er macht einfach genau das, was er will. Er schläft zu jeder Tageszeit, isst was er will, kleidet sich, wie er will. Seine Gedanken sind wirklich frei. Oft ändert er seine Meinung mitten im Satz. Ich hatte ihn seit drei Wochen nicht gesehen. Mitunter verschwindet er einfach spurlos.
„Ja“, sagte er, „ich gehe wieder unter Wasser.“
„Für wie lange?“
„Ich weiß nicht.“
„Verstehe.“
„Ich habe Lust zu verschwinden … Und du?“
„Ich mache eine Reportage. Ich muss durch die ganzen Vereinigten Staaten reisen.“
„Verstehe“, sagte er mit einem dünnen Lächeln.
Eine Pause.
„Hast du eine Adresse?“, fragte ich.
„Nein … ich muss los …“
Bouba von hinten. Die junge Frau, die ich gerade in einer Bar getroffen hatte, ist von diesem Bouba bereits schwer beeindruckt. Schon ist er weg und wieder hängt an meinem Arm eine leblose Frau. Er hat es noch nicht einmal bemerkt.
*Walt Whitman: Grashalme. Nachdichtung von Hans Reisiger, Zürich (Diogenes) 1985, S. 71.
II. TEIL
DIE REISE
EIN REISEGEFÄHRTE
Abends schlüpfe ich in mein Hotelbett (ein Day’s Inn in der Nähe der Autobahn), darauf liegt aufgeschlagen wie eine Generalstabskarte das großartige Buch von Walt Whitman: Leaves of Grass*.
Gerade bin ich mitten in der Nacht aufgewacht und weiß nicht, wo ich bin. Vollkommen verloren in dieser mir so fremden Banalität. Oh nimm meine Hand, Walt Whitman!
Er schreibt Worte, die ich gerne an ihn richten würde. Das tut er, damit ich nicht meine, ich bäte ihn um Hilfe. Ich möchte nur seine Gegenwart in diesem Zimmer. Was suche ich hier? Was geschieht mit mir? Was hat dieses Spiel für einen Sinn? Ich weiß es nicht. Da schenkt mir Whitman diese überzeugende Betrachtung der Zeit. Einfach so, aus Großmut. Wie stets hat er den Preis von seinem Geschenk entfernt.
Voll Leben jetzt, greifbar, sichtbar,
Vierzig Jahre alt im dreiundzwanzigsten Jahr der Staaten,
Sende ich einem, der ein Jahrhundert oder viele Jahrhunderte später lebt,
Sende ich dir diese Gedichte, und suche dich.
Wenn du sie liest, bin ich, der sichtbar war, unsichtbar geworden, Du bist es nun, der, greifbar, sichtbar, meine Gedichte lebendig macht, und der mich sucht.**
DIE FAHRT IN DEN SÜDEN
Gestern Abend bin ich in den Greyhoundbus gestiegen. Wir fuhren die ganze Nacht. Ich las ein wenig. Schließlich hat der Bus in einer winzigen Stadt in den Südstaaten angehalten, die den Namen einer europäischen Hauptstadt (Rom, Paris oder Berlin) hat.
Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Die Tankstelle erfasst einen großen Bereich mit ihrer seltsam farblosen Beleuchtung. Ein Hund heult durch die Nacht. Diese Szene kenne ich aus schlechten deutschen expressionistischen Filmen. Dies muss Berlin, USA, sein. Plötzlich geht die Bustür auf. Der Fahrer hat dafür einen Hebel neben dem Lenkrad. Alles stürzt nach draußen, um sich die Beine zu vertreten. Ich bleibe auf meinem Sitz, blättere in dem Buch von Naipaul (In den alten Sklavenstaaten), das ich schon seit einiger Zeit mitschleppe. Meine Meinung zu Naipaul ist gespalten. Ich halte ihn für einen Meister der ruhigen, gediegenen, ausgewogenen Prosa, durchaus mit dem Feuerchen der Ironie, das er zwischen den Zeilen der Erzählung unterhält, und gleichzeitig kann ich mich gegen das Gas der Langeweile nicht wehren, die seine bedeutungsschwangeren Sätze unaufhörlich abgeben. Um ihn zu lesen, braucht man manchmal eine Gasmaske.
Nach einer halben Stunde sind sie wieder zurück, ich höre etwas erfrischte Körper, endende Gespräche, etwas lebhaftere Schritte. Die Herde ist wieder im Stall. Der Fahrer hat zehn neue Fahrgäste aufgenommen, die er hier und dort platziert. In dieser Finsternis bringt das recht viel Bewegung mit sich. Außer der grell erleuchteten Tankstelle liegt der Ort in tiefschwarzer Nacht. Mit Mühe erkenne ich ein paar Häuser mit einem schwachen Lichtschein. Die Leute schlafen bei eingeschaltetem Fernseher. Der Fahrer weist einem jungen Mädchen den freien Platz neben mir zu. Auf dem Rückweg nach vorn schickt er mir ein Augenzwinkern. Sie verstaut in aller Ruhe ihren Koffer unter dem Sitz. Ich schaue ihr dabei zu. Sie lächelt mich an, während sie ein Buch aus ihrer Tasche holt. Einen dieser entsetzlichen Bestseller. Nach dem Titelbild zu schließen handelt es sich ein weiteres Mal um eine dieser Südstaaten-Romanzen. Wenn man Vom Winde verweht gelesen hat, kennt man sie alle. Ich greife wieder zu meinem Heft und beginne mit ein paar raschen Notizen. Der Bus, die Nacht. Der Süden. Ich denke an Styron, der die schrecklichen Südstaaten von Amerika recht gut verteidigt hat. Styron ist aufrichtig und ein bewundernswerter Autor. Ich respektiere seine Angst. Ich denke auch an Faulkner. Er träumt immer noch von der Farm seiner Vorväter. Von der gesegneten Zeit der Sklaverei im guten alten Süden. Der arme Faulkner ist in dieser Zeit stecken geblieben. Schwarze, die auf den Baumwollfeldern schwitzen. Ich sehe Baldwins Zorn. Ich kann Baldwin verstehen. Baldwin gegen Faulkner. Dieser Faulkner meinte, die Schwarzen sollten sich weiter in Geduld üben, um die angeschlagene Psyche der Weißen aus dem Süden nicht noch mehr aufzuwühlen. Baldwin dagegen spürte, dass alles direkt vor den Augen dieses unbekümmerten Amerika explodieren würde. Faulkner und Baldwin, Auge in Auge. Der große Autor des Südens, Nobelpreisträger, Gentleman-Farmer mit seinen ungehobelten Manieren, daneben dieses geniale Bürschchen aus Harlem. Faulkner ist ein großartiger Schriftsteller, aber er konnte sich nicht in die Haut eines Schwarzen aus dem Süden versetzen. Er blieb blind gegenüber dem allergrößten Skandal: der Sklaverei. Blind, taub und stumm. Amerikas größter Dichter. Wir alle haben unsere Grenzen. Baldwin ist der junge Prophet, der die Apokalypse vorhersagt. Das nächste Mal kommt das Feuer. Was empfinde ich dabei, neben einem Mädchen aus dem Süden zu sitzen? Nur die Ruhe, wir sind schließlich nicht in Südafrika. Ich mag Leute nicht leiden, die außer sich geraten, wenn von der kleinsten rassistischen Geste die Rede ist, oder denen bei jedem Provinzdiktator gleich Hitler einfällt. Immer mit Maß, Bruder. Genau in diesem Moment spricht meine Nachbarin mich an. Sie möchte wissen, ob es mich stören würde, ihr meinen Platz am Fenster zu überlassen. Sie hat ein bisschen Platzangst. Was soll ich von so einem empfindlichen jungen Mädchen halten? Dazu muss man nur die Schwarzen aus dem Süden befragen. Da ist dieses nette, unpässliche Mädchen, es hat sicher sympathische Eltern, aufmerksame Freunde, warmherzige Nachbarn (nach der guten alten Sitte der Südstaaten). Alle gehen jeden Sonntag zur Kirche, mühen sich für eine Wohltätigkeitseinrichtung, arbeiten ehrenamtlich in einem Krankenhaus, Waisenhaus oder Hospiz. Ich bin ehrlich überzeugt, im Süden leben sehr viele Heilige. Doch was läuft schief? Wie ist es möglich, dass die gleichen Leute Mitglied im Ku-Klux-Klan sind, demonstrativ den Gedenktag von Martin Luther King nicht feiern, die Integration der Schwarzen in den Schulen bekämpfen (das ist noch nicht so lange her, Bruder) und die Flucht ergreifen, sobald eine anständige schwarze Familie in ihre Nachbarschaft zieht? Natürlich lässt es sich aus der Historie erklären, zusammengesetzt aus einer Vielzahl von kleinen, individuellen Geschichten, die sich in ihren großen Strom ergießen wie Bäche … Die Mehrheit der Leute in den Südstaaten sind keine Rassisten und doch ist der Süden weiterhin zutiefst rassistisch. Wie soll man das verstehen? Ein rassistisches Land, wo keiner Rassist ist, das ist für mich ein bleibendes Mysterium. Wenn ich jemanden aus den Südstaaten begegne, ist es mir schlicht unmöglich, in ihm ein Individuum wie jedes andere zu sehen. Die Geschichte läuft jedes Mal im Zeitraffer vor mir ab. Diese Übung finde ich ermüdend. Was bringt es, immer an diese Dinge zu denken? Nichts wird dadurch besser, dass ich mir böses Blut mache. Ich schlafe ein wenig. Ich kann in jeder beliebigen Situation schlafen und sogar träumen. Eine echte Gabe, Bruder. Ich erwache, als der Bus in einer Stadt hält, die genauso aussieht wie die vorige und wahrscheinlich ähnlich wie die folgende. Die Menge stürzt sich wieder aus dem Bus hinaus, giert erneut nach frischer Luft. Noch eine grell erleuchtete Tankstelle. Der Hintergrund für einen Albtraum. Millers Albtraum, nur klimatisiert. Ich rühre mich wieder nicht von meinem Sitz. Die amerikanischen Kleinstädte bekommen mir nicht. Jedes Mal dieselbe dumme Frage: Wie ist es möglich, dass jemand freiwillig in diesem Loch lebt? Doch in Afrika oder Südamerika drängt sich mir die Frage nie auf. Diese kleinen Städte in Amerika sind geruch- und farblos, es fehlen sogar die Krankheitserreger (außer die der Dummheit). Die Kleinstädte sind ein einziger an mich gerichteter Vorwurf. Sie sagen: „In einer Viertelstunde fahren Sie wieder weg und ich weiß, Sie kommen nie wieder.“ Wie recht sie haben! Genau das bricht mir das Herz. In Amerika besuche ich nur die Großstädte. Ich kann einfach nicht akzeptieren, dass Leute nicht den geringsten Anspruch haben. Was die Intellektuellen von Harvard Americana nennen, löst bei mir Brechreiz aus. Nur bei Erskine Caldwell kann man dafür ein gewisses Interesse aufbringen. Aber Erskine Caldwell ist nicht unbedarft, sein Universum ist weder folkloristisch noch touristisch. Schau an, sie steigt zusammen mit den anderen aus. Der Bus ist mit einem Schlag leer. Sie ist streng gekleidet, aber ein geübtes Auge (also meines, Bruder) könnte leicht ihren Körper unter dem geblümten Kleid erraten. Ein an strenge Regeln gewöhnter Körper. Der Körper einer jungen WASP, deren Inneres vom schlimmsten Ungeziefer zerfressen ist: der sexuellen Heuchelei. Ich stelle mir vor, wie sie im gemischten Chor singt (im Süden bezeichnet „gemischt“ die Mischung der Rassen). Fast augenblicklich wird mein Glied steif. Die Menge steigt wieder ein. Kaum zehn Minuten, um sich die Beine zu vertreten und ein völlig belangloses Gespräch zu beginnen. Die Leute setzen sich. Ihr Platz bleibt leer. Der Autobus braust durch die Nacht bis zur nächsten schäbigen Kleinstadt der Südstaaten. Ich nehme das Buch von Naipaul wieder auf und schlafe nach etwa zehn Sätzen ein.
AM KALTEN BÜFETT
Wir stellten uns in einer Reihe auf vor dem kalten Büfett in einer Kleinstadt des Mittleren Westens (ich hatte nicht auf den Namen geachtet, obwohl das Ortsschild groß und breit mitten in ein hübsches Blumenbeet gepflanzt war). Vor mir eine junge Studentin von der Universität Chicago (das las ich auf ihrem T-Shirt). Ihr Nacken schüchterte mich ein. Sie war gut einen Kopf größer als ich. Schultern einer Wasserpolospielerin. Muskeln, die offenbar ganz ihrem Willen gehorchten. Riesige feste Brüste wie zwei Basketballbälle (wie trifft man bei ihr in den Korb? Ganz schön gefährlich). Ich suchte an ihr etwas Weibliches im landläufigen Sinne. Wie ein Fenster mit einem Zugang zu ihr. Aber eine junge amerikanische Studentin war ziemlich das Gegenteil einer Geisha. Eine andere Spezies. Wenn ich es wagte, sie auch nur zu streifen, würde sie mich mühelos zu Boden strecken mit ihrer breiten Rückhand. Wie sprach man ein solches Mastodon an? Vielleicht auf die einfachste Art der Welt.
„Guten Tag …“
Langes Schweigen. Ich wartete geduldig. Endlich wandte sie sich sehr langsam zu mir um und schaute mir direkt in die Augen. Bisher dachte ich ganz naiv, ein „Guten Tag“ sei die harmloseste Äußerung in einer Sprache. Ein unschuldiger Wunsch, dazu klar eingegrenzt in der Zeit. Ich wünschte ihr keine gute Woche und auch kein gutes Jahr. Dieser Gruß war weltweit üblich. Meine Stimme ohne jede Spur von Aggressivität. Ich hatte die Krallen eingezogen, bevor ich sie ansprach. Sie schaute mich fragend an, ich sollte wiederholen, was ich gerade gesagt hatte. Für meinen Geschmack wurde das viel zu ernst. Wie sollte ich ein einfaches Guten Tag wiederholen, ohne blöde dazustehen? Allmählich fühlte ich mich lächerlich. Dann sah ich ihr eckiges Kinn. Dagegen kam ich nicht an.
„Ich habe Ihnen nur Guten Tag gesagt …“
Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf. Buchstäblich. Was für ein strahlendes Lächeln! Ich hatte einen errötenden Teenager in einem Riesenkörper vor mir. Sie stotterte:
„Ggguten Tag …“
Sie neigte mir unwillkürlich ihren Busen entgegen (mein Gott!), hielt sich aber im letzten Moment zurück und gab mir die Hand.
„Ich heiße Andrea Parker. Ich komme aus Georgia, studiere aber in Ann Arbor. Gerade fahre ich zu meiner Tante nach Muskogee in Oklahoma. Ich liebe dieses Restaurant. Sie haben einen guten Russischen Salat. Und das Hühnchen ist einfach köstlich. Ich darf nicht zu viel davon essen. Am Anfang versuche ich mich immer zu zügeln, aber es schmeckt so gut, dass ich mich wieder gehen lasse. Danach muss ich mindestens eine Woche Diät machen. Die ganze Zeit denke ich nur an das nächste Mal. Ich bin kein Vielfraß, aber es schmeckt wirklich zu gut. Du wirst es sehen … Bist du zum ersten Mal hier?“
Sie schenkte mir ihr offenes Lächeln. Kräftige, hellgelbe Zähne.
„Hier in dieser Stadt oder hier in diesem Restaurant?“
Sie lachte.
„Ok, in diesem Restaurant, nicht in der Stadt.“
„Es gehört also zu einer Kette?“
Heftiges Nicken.
„Ja.“
„Und es schmeckt wirklich überall gleich?“
Sie brüllte fast: „Genau!“
„Ich dachte, jeder Koch hat eine eigene Weise zu kochen, die Gewürze zu mischen, unterschiedliche Garzeiten, deshalb schmeckt das Gericht anders, je nach dem Temperament des Kochs. Und die es mögen, stellen Vergleiche an.“
Auf meinen Einwand reagierte sie begeistert:
„Hier ist es genauso, nur übernimmt die Kette diese Rolle … Siehst du, wir mussten nicht zu lange warten. Ich führe dich ein. Fangen wir mit dem Russischen Salat an?“
„Einverstanden.“
Sie drehte sich plötzlich nach mir um.
„Woher kommst du?“
„Das ist ein bisschen kompliziert …“
Ein stechender Blick.
„In welcher Stadt bist du in den Bus gestiegen?“, fragte sie mit ihrem warmen Lächeln.
Obwohl die Amerikaner in einem Land leben, das Leute aus aller Welt besuchen, fällt es ihnen immer noch schwer zu verstehen, dass man die Frage nach dem Woher, die ihnen so einfach erscheint, nicht ohne Zögern beantwortet. Jeder, den sie auf ihrem Staatsgebiet treffen, kann für sie nur ein Amerikaner sein, außer den Japanern, die an der Kamera um ihren Hals erkennbar sind. Das Land ist so riesig, außerdem würde es in ihren Augen jeder Mensch verdienen, Amerikaner zu sein. Nicht etwa aus einer Arroganz heraus, die man ihnen zu Unrecht unterstellt, sondern eher aus Bescheidenheit: in ihren Augen gehört dieses Land nicht dem, der zuerst da ist. Sie sind, glaube ich, die Einzigen, die einem zugestehen, Amerikaner zu sein, selbst wenn man kein Wort der Landessprache kennt. (Ist ein Franzose vorstellbar, der kein Französisch kann?) Die amerikanische Studentin wollte also wissen, aus welcher Stadt ich kam. In Europa ist das anders, dort musst du die Frage: „Woher kommen Sie?“ übersetzen in „Zu welcher Rasse gehören Sie?“, während es in Afrika eher bedeutet: „Zu welchem Clan oder Stamm gehören Sie?“
„Ich bin in Montréal in den Bus gestiegen.“
Das wollte sie wissen. Diese harmlose Frage erfordert so viele komplizierte Überlegungen, dass ich hinterher immer müde bin.
„Montréal! Ich war noch nie dort, aber meine beste Freundin Pat ist letzten Sommer zum Jazzfestival hingefahren. Sie war völlig begeistert. Willst du noch etwas mehr Salat? Du kannst so viel nehmen, wie du willst.“
Das ist die letzte Erfindung Amerikas, um die Armen schneller loszuwerden: Sie mit schlechtem Essen zu mästen, bis sie platzen. Früher ernährten sich die Armen von den Krümeln, die von dem Tisch der Reichen fielen. Man aß nicht genug, aber die Lebensmittel waren von guter Qualität. Die Ernährungswissenschaftler bemerkten, dass gewisse Krankheiten die Armen nicht trafen, eben weil sie weniger Fett aßen als die Reichen. Aber seitdem dieser glatte Trennstrich zwischen dem Fraß der Armen und der Ernährung der Reichen gezogen wurde (ein deutlicher Unterschied in der Qualität), hat sich die Lage dramatisch verändert. Die Armen essen viel mehr (das schlechte Essen ist billiger, der Genuß liegt in der Quantität) und viel mehr Fett. Sie bevorzugen inzwischen fette Speisen.
„Es ist schwer, sich bei diesen guten Sachen zurückzuhalten“, äußerte sie mit einem zerknirschten Lächeln.
Je mehr man isst, desto abhängiger wird man von dieser Ernährung. Ich glaube, es ist die gefährlichste Droge unserer Zeit (Kokain ist verboten; Alkohol gerade noch erlaubt; als Raucher wirst du verfolgt).
„Ich habe einen Trick“, flüsterte sie mir zu, „ich lade mir ganz viel auf den Teller und das widersteht mir so sehr, dass ich am Ende nur wenig esse. Früher nahm ich ein klein wenig, holte dann aber noch drei- oder viermal Nachschlag. Das ergab eine richtig große Portion. Seit einiger Zeit merke ich, dass es mir genügt den vollen Teller anzusehen. Vielleicht wird man davon auch dick.“
„Tja, ich glaube, mein Bus fährt gleich ab.“
Diesmal warf sie sich mir in die Arme. Aufprall der Brüste. Welcher Schwung! Ich wünschte ihr einen Mann, der seine ganze Zeit ihr widmen konnte. Jemanden, der es wirklich nicht eilig hatte. Ich könnte Tage verbringen, sie leise seufzen zu hören. Eine Psalmodie. Diese Besessenheit vom Essen mit Sex beruhigen.
KLEINE POLITISCHE GESCHICHTE DES KÖRPERS
Der genaue Moment, an dem diese Veränderung eintrat, ist schwer einzuschätzen, aber er gehört bestimmt zu den wichtigsten Daten der Menschheitsgeschichte. Denn nie zuvor hat der Magere den Dicken mit einem solchen Vorsprung besiegt. Natürlich bildet sich darin ein uralter Kampf ab. Der Magere gegen den Dicken. Im Vergleich zu seinen Verheerungen ist das jüngste Gefecht der Nichtraucher gegen die Raucher, obwohl es so viel Medienaufmerksamkeit genießt, nur ein müder Scherz. Seit Anbeginn der Zeiten kämpft der Magere gegen den Dicken. Jahrhundertelang stand der Magere für den Menschen, der nicht genug Nahrung hat. Der Dicke hingegen symbolisierte das Wohlleben, den Reichtum, das Glück. Im Römischen Reich regierte der Dickwanst. Die römischen Senatoren gaben für alle Zeiten die männliche Körperform vor. Sie konnte sich unter der Toga ungehindert entfalten. Doch kehrte Amerika jüngst die Verhältnisse dieses Kampfs einfach um. Man ist nicht mehr mager, weil die Nahrung fehlt, sondern weil es einem gelingt, die tierischen Begierden zu zügeln. Der Magere hat Geist, der Dicke nur einen Körper. Das Gewicht hält ihn am Boden, während der Magere in die höheren Sphären des Denkens schwebt. Hollywood gegen das schwarze Ghetto. In Hollywood gilt jede Frau mit einer Größe über 36 als dick. Wenn Sie im Ghetto ohne Schwierigkeiten durch die Tür des örtlichen McDonald’s passen, gelten Sie als mager. Im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit hat die Menschheit stets davon geträumt, dass irgendwann jeder satt wird. Jetzt bricht bei diesem Gedanken Panik aus, weil Amerika diese neue Massenvernichtungswaffe erfunden hat: eine Ernährung, die tötet.
SEIFENOPER
Sie saß neben mir im Bus. Ihr Gesicht wirkte ziemlich asiatisch, aber ich war mir nicht sicher. Sie hatte nicht die besondere Art, sich zu bewegen, wie die Chinesinnen (vielleicht war sie Vietnamesin?). Ach ja, sie konnte auch Kubanerin oder Jamaikanerin sein. Wie der kubanische Maler Wifredo Lam. Es ist immer überraschend, einer Frau mit asiatischen Gesichtszügen und einer karibischen Gestik zu begegnen. Aber jetzt bewegte sie sich nicht mehr. Sie hatte die Augen geschlossen und hörte bestimmt Musik auf ihrem Walkman. Der Bus folgte weiter seiner Route. Ich holte meinen Whitman heraus wie andere ihren Revolver. Sie werden es nicht glauben, kaum hatte ich ihn aufgeschlagen, traf ich auf folgendes Gedicht:
Fremdling, der du vorbeigehst! du weißt nicht, wie sehnsüchtig ich nach dir blicke,
Du musst der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es kommt mir wie aus einem Traum).
Vielleicht phantasierte ich, aber ich hatte den Eindruck, Walt Whitman beschrieb jede Etappe meiner Reise. Er reiste also mit. Gleich neben mir. Meine Begleitung. Was für ein Reisegefährte!
Die Frau hatte eben die Augen geöffnet. Sie schaltete ihren Walkman aus und lächelte mich an.
„Mögen Sie Musik?“
„Nein“, sagte sie mit melodischer Stimme, „ich habe eine Fernsehsendung gehört …“
„Ach so …“
Sie lächelte.
„Eine Seifenoper … Ich kann sie im Radio hören, wenn ich nicht zuhause bin.“
„Was ist eine Seifenoper?“
Sie lachte.
„Wollen Sie das wirklich wissen? Das ist eine Fernsehsendung mit Fortsetzungen, die tagsüber ausgestrahlt wird, damit sich Hausfrauen wie ich nicht zu sehr langweilen. Es gibt täglich mehrere davon. Ich verfolge diese Serie seit 1965, als ich in die Vereinigten Staaten kam.“
Sie bemerkte meine Überraschung.
„Das ist eine ganze Weile, was? Anfangs interessierte ich mich nicht dafür. Ich studierte an der Universität Pharmazie. Man muss sich bei diesem Fach sehr auf das Studium konzentrieren. Ich suchte etwas zur Entspannung, war aber zu schüchtern, mich in Abenteuer zu stürzen. Ich ging fast nie aus. Eines Tages kam eine Freundin zu mir. Während wir uns unterhielten, wurde sie immer angespannter. Ich fragte mich, was wohl los sei. Irgendwann bat sie mich, fernsehen zu dürfen. Mir war ihre Besessenheit fremd. Ich schaute nur Nachrichten, um die Bilder zu sehen, zur Information las ich die New York Times. Die Sendung fing gerade an. Das ist schon so lange her, aber ich sehe es noch vor mir. Meine Freundin setzte sich im Schneidersitz auf den Fußboden und schaute sich die Serie so gebannt an, wie ich es selten gesehen habe, außer bei Forschern in der Biologie.“
„Und als Sie das mit ihr zusammen sahen …“
„Aber nein“, entgegnete sie lachend, „es gefiel mir überhaupt nicht. Ich fand, das passte nicht zu einer Studentin an der Universität. Damals war ich sehr streng. Ich hatte Kitschromane nie gemocht. Das alles lag mir fern. Aber ich sagte nichts, es ist nicht meine Art, Bemerkungen über die Vorlieben anderer Leute zu machen. Doch es gefiel mir nicht …“
„Wie kam es also dazu, dass sich das änderte …?“
„An einem Tag, als ich sehr deprimiert war“, sagte sie mit einem angedeuteten Lächeln, „schaltete ich den Fernseher ein und da lief die gleiche Serie. Da ich sie mit meiner Freundin einmal gesehen hatte, kamen mir die Figuren schon ein wenig bekannt vor, etwa wie wenn man Leuten im Aufzug begegnet ist, aber nicht mehr. Wissen Sie, die Wirkung ist wie bei Heroin. Als Apothekerin kenne ich mich aus in Drogen- und Suchtfragen. Ich habe wirklich den Eindruck, sie mixen diese Geschichten so zusammen, dass die Zuschauer völlig abhängig werden. Und wie bei Heroin braucht man nur einmal zu probieren und schon ist man süchtig. Ich schaue diese Serie seit über dreißig Jahren. Die Geschichten wiederholen sich: Ehebruch, Eifersucht, Verrat, Begehren, Hochzeit, Verlobung, Trennung … Jeden Tag. Und wenn ich nicht zuhause bin, höre ich sie auf dem Walkman. Ich weiß bis ins kleinste Detail, was bei diesen Leuten passiert. In diesem Land sind wir alle zu Voyeuren geworden.“
„Es ist die legale Droge!“
Ein trauriges Lächeln.
„Unbedingt, Sie haben recht, und dazu bekommt sie noch viel Unterstützung. Sie wird speziell zusammengebraut für Hausfrauen wie mich oder für Rentnerinnen. Hier schauen sich alle Frauen die Seifenopern an: Reiche wie Arme, Intellektuelle wie Analphabetinnen. Natürlich würden das manche nie zugeben, aber Sie brauchen nur Ihre Meinung über eine der Figuren zu äußern, zum Beispiel über Erica, und jede Frau beteiligt sich leidenschaftlich an der Diskussion.“
„Und man kann diese Serien überall schauen.“
„Überall … Auch im Supermarkt. Deshalb stehen überall in diesem Land Fernseher. Die Frauen erledigen die Einkäufe, sie sind in den Geschäften unterwegs. Daher werden überall Fernseher aufgestellt. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Beim Krieg gegen den Irak dachte der Präsident der Vereinigten Staaten, diese Nachricht habe eine gewisse Bedeutung, na und da ließ er die Seifenopern für die offizielle Durchsage unterbrechen, dass wir gerade in einen Krieg eingetreten waren. Stellen Sie sich vor, die Fernsehgesellschaften haben nie so viele aufgebrachte Anrufe von Vorstadthausfrauen erhalten wie an diesem Tag. Bush hatte dem Irak den Krieg erklärt, die amerikanischen Frauen erklärten Bush den Krieg. Woher nahm er das Recht, ihre Lieblingssendung zu unterbrechen?“
„Im Grunde verteidigte jeder sein Terrain. Man darf Amerika bei seiner Seifenoper nicht stören: Es ist das Terrain der Frauen. Daran darf man nicht rühren. Der Krieg ist Männersache. Die Gefühle sind Frauensache.“
Ein helles Mädchenlachen.
„Ganz genau so ist es …“
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und schaltete eilig den Walkman wieder ein, dazu schenkte sie mir ein verschmitztes Lächeln.
DIE SCHÖNEN KLEINEN UNIVERSITÄTEN
Junge Amerikaner haben keine Angst davor, wegzuziehen (häufig weit entfernt von ihrem Wohnort), um an einer Universität zu studieren. Ihre einzige Chance, dieses riesige Land kennenzulernen. Man sieht, wie sie mit ihrem Rucksack aufbrechen. Mom und Dad begleiten sie zum Bahnhof. Häufig besucht die Mutter die Tochter, um ihr bei der Einrichtung des Zimmers behilflich zu sein. Dad erkundigt sich, ob es dort eine gute Football-Mannschaft gibt. Mom sucht, wo sich das nächstgelegene Krankenhaus, der Supermarkt oder die Apotheke befindet. Während ihres Besuchs untersucht Mom hektisch alle Schränke in dem winzigen Zimmer. Dad hat schnell einen anderen Vater auf dem Korridor entdeckt, mit dem er mal wieder die Chancen der Football-Mannschaft in diesem Jahr diskutieren kann. Das gilt vor allem für die kleinen Universitäten des Mittleren Westens. Der Bus fuhr gerade an der Hillsdale Universität vorbei, mit ihrer makellosen Fassade. Eine Festung der protestantischen Moral. Im Jahr 1844 erbaut, ist sie eine der ältesten amerikanischen Universitäten und sehr stolz auf ihre liberale Vergangenheit. Tatsächlich hat Hillsdale schon lange vor dem Sezessionskrieg Frauen und Schwarze aufgenommen. Aber als die Regierung allen Universitäten, die von der Bundesregierung Geld bekamen, eine Quote für Schwarze und Frauen vorschrieb, zog sich Hillsdale merkwürdigerweise plötzlich von allen staatlich geförderten Programmen zurück. Wieder mal der Stolz der WASP*. Eine Universität zu unterhalten, und sei sie noch so klein, kostet ein Vermögen. Es erforderte einen jungen, energischen, charismatischen und gutaussehenden Mann (noch so einen Klon von JFK), um genügend Geld zu sammeln, damit Hillsdale seinen Rang halten konnte. Da erschien George Roche, der 35-Jährige setzte sich gegen 130 Kandidaten durch, die in einem heftigen Wettstreit alle Präsident der Hillsdale Universität werden wollten. Er drängte alle beiseite, und zwar auf seine Art (ein starker Cocktail aus Grobheit, Verführung und Hinterlist). Krasser ausgedrückt: ein Faustschlag gefolgt von einer Streicheleinheit. Er kommt so gut an, dass die Verwaltung ihm einen wunderschönen silbermetallic Porsche schenkt und ein Jahreseinkommen von über einer halben Million Dollar einräumt. Mit seinem dynamischen Vorgehen bringt er der Universität jährlich 325 Millionen Dollar (allein durch Fundraising) ein. In kürzester Zeit wird die kleine verschlafene Universität zu einem der aktivsten intellektuellen Zentren der USA. Zwar ist sie immer noch ziemlich konservativ, aber die Geschäftsführung bemüht sich, bisweilen Intellektuelle von nationaler Bedeutung einzuladen. Und die sind nicht alle konservativ. Diese Neuerungen tragen auch ihre Früchte. Von überall aus den Vereinigten Staaten strömen Studenten nach Hillsdale, obwohl die Universität nicht die angesehenste dieser Größe ist. Sie wird sogar „Harvard des Mittleren Westens“ genannt. Schnell sind auch die Bonzen der republikanischen Partei auf diesen jungen Universitätspräsidenten aufmerksam geworden, der sich dem Zug der Zeit nicht anpassen will. Reagan gefällt diese Politik des radical academic an George Roche. Die Bildung ist das Wichtigste. Hillsdale möchte starke, selbstbewusste, aufrechte junge Menschen formen. Diese selbstgewählte Mission der Leitung von Hillsdale trifft genau das Herz der amerikanischen Familien, die der ungebremste Liberalismus in Columbia, Yale, Princton und Harvard abgeschreckt hat. Sie sehen in den kleinen Universitäten von menschlichem Maßstab (Hillsdale hat man in einer halben Stunde umrundet) die Lösung. Eine junge Idealistin von siebzehn Jahren namens Lissa Jackson fühlt sich von der jansenistischen Philosophie angezogen. Zuvor hatte sie an dem Modellversuch in den USA teilgenommen (Flint School), wo auf einem Schiff unterrichtet wurde. Das Gefühl, sich außerhalb der Welt zu befinden (unter dem sternenübersäten Himmel auf hoher See), kam den romantischen Vorstellungen dieser jungen Protestantinnen entgegen. Dazu gehört auch die Lektüre von Ayn Rand, einer Lehrmeisterin der amerikanischen Rechten. In ihren Romanen wie in ihren Essays verbreitet sie eine explosive Mischung von extremer Aggressivität, zwanghaftem Egoismus und wildwüchsigem Kapitalismus. Ihr Hauptwerk, Atlas Shrugged, ein dicker Klotz von 1000 Seiten, ist bis heute die Bibel der jungen amerikanischen Konservativen. Für Ayn Rand (sie war sehr früh vor dem Stalinismus in die USA geflohen) ist das Ideal der Frau, den herausragenden Mann zu finden, dem sie blind dienen kann. Man muss sich diese jungen Mädchen aus den reichen Familien in der Provinz auf der Suche vorstellen, nicht nach einem Ehemann wie ihre Mütter, sondern nach einem Mann mit einer Sendung. Lissa Jackson fand recht schnell den Richtigen: George Roche. Da er schon verheiratet war, ehelicht sie seinen Sohn George IV, den alle nur IV nennen. Aber IV ist nicht wie sein Vater, in dem gleichen Maß wie George Roche herrisch und charismatisch ist, ist sein Sohn schüchtern und in sich gekehrt. Lissa will von IV nichts wissen, George Roche ist der Mann ihres Lebens. Sie sagt es häufig, sogar in Anwesenheit ihres Ehemanns, und die Gäste sind peinlich berührt. Lissa widmet ihre gesamte Energie dem Erfolg von Hillsdale und opfert sich ganz für George Roche auf. Sie wird nach kurzer Zeit seine Geliebte und ab diesem Moment versucht sie, möglichst viel Raum einzunehmen (gleichzeitig nimmt sie an Körpergewicht zu), indem sie June Roche, Georges Gattin, buchstäblich in den Hintergrund drängt. Zu ihrer Entschuldigung ist vorzubringen, dass sie eine harte Arbeiterin ist, die alles im Blick hat. Wenn einflussreiche Männer an der Universität Vorträge halten, steht sie an der Tür zum Saal und versorgt die Studenten mit klugen Fragen, um diese Mächtigen zu beeindrucken, damit sie die frohe Botschaft von Hillsdale als dem neuen intellektuellen Mekka von Amerika weiterverbreiten. Lissa kümmert sich um das intellektuelle Niveau der Universität und der Zeitung, um das Fundraising (ein Großteil ihrer Arbeit) ebenso wie um den gesamten Verwaltungskram und tut dies, ohne dass ihr je ein Fehler unterläuft. Eine gute Schülerin von Ayn Rand. George Roche hat nun mehr Zeit zu verreisen, gewisse ehrenvolle Ämter in der Regierung Reagan zu übernehmen oder ganze Nachmittage lang mit Größen der Republikanischen Partei über die moralische Zukunft der Jugend zu diskutieren. Die Drecksarbeit bleibt Lissa überlassen. Über die Jahre wird Roche strenger, sein Ton wird zunehmend moralisierend. Egal wer sein Büro betritt, er muss sich eine Predigt anhören. Roche ist nicht mehr der „progressive Konservative“, wie er früher behauptete, sondern immer mehr ein alter Langweiler. Lissa beginnt hinter den Kulissen zu toben. Sie verlangt Rechenschaft von ihm. Es geht nicht mehr um die Universität oder die Moral, sondern um die intime Beziehung eines Mannes zu einer Frau, die er seit Jahren ausnutzt. Mit dem Rücken zur Wand, erklärt er sich bereit, seine Frau zu verlassen. June Roche berichtet, wie er eines Morgens in die Küche gekommen sei und verkündet habe, er lasse sich scheiden. Zwei Stunden später lagen die Scheidungspapiere auf dem Tisch. Natürlich an einem Samstag. Samstags findet man auf einem Campus niemanden, mit dem man reden kann, und auch keinen Anwalt. June leidet, doch nun ist endlich Lissas Zeit gekommen. Man würde erwarten, George lässt sich scheiden, um seine Mätresse zu heiraten, aber das wäre zu einfach. Dazu ist George zu macchiavellistisch. Am Ende lässt er die Katze aus dem Sack: Er will eine Frau heiraten, die keiner aus seiner Umgebung kennt. Dabei ist Hillsdale wie eine große Familie. Diesmal bricht Lissa zusammen, sie fährt zur Schwester nach Los Angeles, um ihre Wunden zu lecken, und hinterlässt einen ergreifenden Abschiedsbrief. Doch später kehrt Lissa zurück, um bei der Hochzeit von George Roche mit seiner neuen Frau zugegen zu sein. Warum? Weil George Roche sie darum gebeten hat. Stoff für eine gute Seifenoper. Man hatte gesehen, wie eine völlig gebrochene Lissa zu ihrer Schwester fuhr, schon ist sie wieder zurück, heiter und mit einem Funkeln in den Augen. Was geht hier vor? Es wird gemunkelt, George verlässt seine neue Frau. Eine strahlende Lissa läuft im Sturmschritt über den Campus. Doch es ist noch nicht so weit. Bei George muss man auf alles gefasst sein. Eines Abends hat George einen Diabetesanfall. Sein Sohn besucht ihn im Krankenhaus. Bei seiner Rückkehr erzählt er seiner Frau treuherzig, dass sein Vater wieder mit seiner Frau zusammen ist. Jetzt rastet Lissa aus. Diesen langen Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung hatte sie über Jahre unterdrückt. Nichts und niemand kann sie zurückhalten, auch nicht ihr großer Meister George Roche. Sie zwingt IV, mit ihr ins Krankenhaus zurückzukehren, dort stellt sie sich erstmals gegen George. In brutaler Offenheit enthüllt sie ihrem Ehemann und Georges Roches Frau, dass sie seit neunzehn Jahren dessen Mätresse ist. Obwohl Lissa ihre große Zuneigung für ihren Schwiegervater stets öffentlich gezeigt hatte, schlägt die Nachricht wie eine Bombe ein. Von diesem Augenblick an bewegt sich alles rasch auf ein Ende zu: Lissas Selbstmord. In ihrem hübschen Einfamilienhaus in der Mitte des Campus jagt sich diese intelligente Frau eine Kugel in den Kopf. Und der mächtige und mysteriöse George Roche wird zum Rücktritt gezwungen. June Roche, seine erste Frau, sagt dazu: „Lissas Selbstmord war ein Akt der Wut und der Rache. Es war ihre einzige Möglichkeit, sich bei ihm Gehör zu verschaffen.“
Wenn man durch diese kleinen Städte der Americana fährt, mit ihren hochangesehenen kleinen Universitäten (Amherst, Swarthmore, Carleton), kann man sich gar nicht vorstellen, was hinter der efeuumrankten Fassade dieser roten Backsteingebäude, dem Symbol der angelsächsischen intellektuellen Respektabilität, vorgeht. Der Kampf der Egos treibt idealistisch Gesinnte im besten Fall in die Depression wie Holden Caulfield, die Hauptfigur aus Salingers Der Fänger im Roggen, und im schlechtesten in den Selbstmord wie Lissa Jackson.
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