Читать книгу: «Unperfekt, aber echt»

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Miriam Gamper-Brühl, 3Kreativ, Essen

unter Verwendung eines Bildes von © shutterstock/Eugenio Marongiu

Lektorat: Anja Lerz, Moers

DTP: Breklumer Print-Service, breklumer-print-service.com

Verwendete Schriften: Scala Sans, FF Scala, Summer Festival

Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln

ISBN 978-3-7615-6791-3 (eBook)

www.neukirchener-verlage.de

Inhalt

Geleitwort 7

Teil I

Der lange Weg zur friedvollen Elternschaft 9

1. Bunte Steine 10

2. Oma Lisbeth– Liebe, die die Welt verändert 18

3. Der Blick aufs Kind– was sah Jesus, was siehst du? 34

4. Töchter wie Maria, Söhne wie Johannes– welche Kinder braucht die Welt? 46

5. Es gibt keine Verwöhnfalle– warum befriedigte Bedürfnisse stark machen 59

Teil II

Der neue Kompass– was uns trägt,

wenn alte Glaubenssätze wegfallen 69

6. Die Welt gesund lieben– wie wir Jesus in liebevoller Erziehung begegnen können 70

7. Bedürfnisorientierung– was ist das eigentlich? 78

8. Bauchfleisch mit Curryketchup 91

9. Keine Angst vor Fehlern 104

Teil III

Mal ganz praktisch– was Familien stark macht 115

10. Durch graue Herbst- und heiße Sommertage– Beziehungen im Alltag leben 116

11. Regeln, Grenzen, Strafen, Beziehung– wie finden wir im Alltag zusammen? 121

12. Rituale und Traditionen – Geborgenheit leben und Glaube vermitteln 137

13. Auch Eltern haben Bedürfnisse – Warum wir nur gut sein können, wenn wir gut zu uns sind 148

14. Das Beziehungskind darf nicht hungern – über die Bedürfnisse als Paar 157

15. Die Lauten, die Leisen, die Wilden, die Besonnenen – Gemeinde hat Platz für alle 163

16. Schlusswort 170

Quellen 177

Ein paar Worte über ein paar wichtige Menschen 183

Geleitwort

„Sei gnädig mit dir–Gott ist es auch!“ Ich weiß nicht mehr, wo ich diesen Gedanken aufgeschnappt habe. Aber er begleitet mich schon eine Weile und ist mir zu einem wichtigen Anker geworden. Und ich habe ihn für mich erweitert: „Sei gnädig mit dir und anderen–Gott ist es auch!“

Genau diesen Gedanken finde ich nun in Daniela Alberts Buch wieder: „Sei gnädig mit dir und deinen Kindern–Gott ist es auch!“ Dieser Grundgedanke zieht sich durch das ganze Buch. Er entlastet und entspannt: Wir dürfen Fehler machen. Wir müssen nicht perfekt sein. Und dieser Gedanke macht auch deutlich, wo wir Eltern unser Vorbild und unsere Kraft finden können: bei Gott, bei Jesus.

Wie Jesus mit Menschen umgeht, nimmt Daniela Albert als Schablone für unseren Umgang mit den Menschen, die uns am Herzen liegen: unsere Kinder. Sie sollen sich bedingungslos geliebt und angenommen fühlen. Sie sollen wissen, dass sie Fehler machen dürfen und dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. So werden sie zu starken und liebesfähigen Menschen.

Diese Grundhaltung prägt das Erziehungskonzept, das Daniela Albert uns Eltern empfiehlt: eine bedürfnisorientierte Erziehung, die dem Kind Nestwärme und Geborgenheit schenkt und es stark macht für die Welt, in der sie klarkommen müssen. Dabei geht es aber nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder. Auch wir Eltern werden in den Blick genommen: Selbstfürsorge ist ebenso essenziell wie die Sorge um die Partnerschaft, wenn wir als Eltern zu zweit unterwegs sind.

Und immer wieder macht Daniela Albert uns Eltern bewusst: Das, was wir an und mit unseren Kindern tun, ist unfassbar wertvoll. Sie lädt uns ein, „den Segen zu sehen, den du in die Welt trägst, wenn du scheinbar ‚nichts‘ tust.“ Wir Eltern bauen mit am Reich Gottes, wenn wir Zeit in unsere Familie investieren. Wenn wir am Küchentisch sitzen und zuhören. Wenn wir die siebte Runde Memory spielen. Wenn wir Lego bauen, vorlesen, Schlitten fahren oder Pizza backen…

Ich wünsche mir, dass viele Eltern–inspiriert von diesem Buch–eine gnädige Grundhaltung entwickeln können. Sich selbst und ihren Kindern gegenüber!

Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Bochum.

Teil I

Der lange Weg zur friedvollen Elternschaft

1. Bunte Steine

Die Zeit ist wie ein Bild von Mosaik, zu nah beschaut verwirrt es nur den Blick; willst du des Ganzen Art und Sinn verstehn, so mußt du‘s, Freund, aus rechter Ferne sehn.

Emanuel Geibel

Während ich an einem Märztag 2020 am späten Nachmittag anfing, den Hefeteig für unsere traditionelle Freitagspizza zu kneten, lief auf meinem Handy ein Livestream aus Wiesbaden. Eine Menge Journalisten wartete gespannt auf den hessischen Ministerpräsidenten. Und ich wartete auch, und das mit wachsender Unruhe. Meine beiden Schulkinder waren mittags schwer bepackt nach Hause gekommen. Ihre Schulranzen waren randvoll, und weil nicht alles hineingepasst hatte, hing an jedem Arm noch ein Beutel voller Hefte, Mappen und Zeichenblöcke. „Wir mussten alles mitnehmen“, erklärten sie mir, „falls wir am Montag nicht mehr wiederkommen dürfen.“ Ich hatte mit so etwas schon gerechnet. Und doch lief mir ein Schauer den Rücken hinunter, als ich sie so vor mir sah. Meine beiden kleinen Menschen. Voll bepackt und mit ernster Miene. Nicht ängstlich und doch gespannt. Der Wahnsinn namens Corona, den wir lange Zeit für ein Problem anderer Länder gehalten hatten, war mitten in unser aller Leben angekommen.

Ich hatte den Teig gerade zu einer Kugel geformt und in eine Schüssel gelegt, als sich auf meinem Handybildschirm etwas tat. Der Ministerpräsident und zwei seiner Minister betraten den Saal. Das leise Tuscheln wich dem Geräusch von Blitzlichtern. Dann erklärte der Ministerpräsident, was längst alle vermutet hatten: Die hessischen Schülerinnen und Schüler würden mindestens in den nächsten fünf Wochen nicht zur Schule gehen, und auch die Kindergartenkinder müssten zu Hause bleiben. Die Großeltern, fuhr er weiter aus, sollten erst einmal nicht die Betreuung der Kinder übernehmen. Sie zählten schließlich zu den Menschen, für die das neue Corona-Virus besonders gefährlich sei. Ich seufzte. Die Omas und der Opa sind eine wichtige Stütze unserer Familie. Dass unsere Kinder nicht nur die Schule, sondern auch sie lange nicht sehen sollten, stellte uns vor Herausforderungen.

Doch glücklicherweise bin ich geradezu zwanghaft hoffnungsvoll. Verzweifeln kam für mich bis jetzt noch nie infrage– zumindest nicht über kurze innere Drama-Queen-Momente hinaus. Ich habe einen starken Antrieb, aus jeder Situation das Beste zu machen. Manchmal stürzt mich dieser Antrieb in blinden Aktionismus, daher ersann ich beim Rühren der Tomatensoße einen neuen Alltagsplan. Mein Mann und ich würden in Schichten arbeiten und unsere Kinder betreuen. Die Schulkinder hätten ihre festen Zeiten, in denen sie ihre Schulaufgaben machen würden, und für das Kindergartenkind würde ich ganz viele Ausmalbilder und Bastelideen besorgen. Nachmittags würden wir uns dann endlich den Dingen widmen, die wir schon immer mal machen wollten: etwas über Japan lernen und Sushi selbst rollen. Pflanzen für den Garten auf der Fensterbank vorziehen. Und den großen Jungen ins Star-Trek-Universum einführen. Während ich Knoblauch zerhackte und Käse rieb, kritzelte ich meine Ideen auf ein Schmierblatt.

Als die Pizza im Ofen buk, tippte ich meinen fertigen Corona-Plan in den Computer, druckte ihn aus und legte ihn neben Chiliöl und Basilikum zur Pizza auf den Abendbrottisch. Meine Familie nahm die Pizza mit hoher, den Plan mit mäßiger Begeisterung auf.

Wie war ich doch glücklich unwissend an diesem Abend. Ich wusste noch nicht, dass mir dieser Plan innerhalb kürzester Zeit um die Ohren fliegen würde. Er weichte auf unter den Tränen frustrierter Kinder, die von den ständigen Wiederholungsaufgaben aus der Schule gelangweilt waren. Er wurde in Fetzen gerissen von wütenden kleinen Menschen, die sich in ihren Bedürfnissen nicht mehr gesehen fühlten. Er verschwamm vor meinen eigenen müden Augen. Kurzum– er bedurfte einer Überarbeitung. Wir mussten ihn gesundschrumpfen. Und mit ihm mussten dies meine eigenen Ansprüche tun.

Ohne dass ich es damals schon geahnt hätte, führte der Lockdown uns alle tief in die Thematik dieses Buchprojektes, über das ich schon so lange nachdachte.

Ein Brennglas für Stärken und Schwächen

Es lag mir auf dem Herz zu beschreiben, dass wir die Welt an unserem Küchentisch gesund lieben können, und dass unsere gewöhnlichen Alltagstätigkeiten einen Unterschied machen.

In der großen, weltweiten Krise wurde dieser Unterschied auf einmal greifbar. Denn für viele Wochen waren unsere Liebe, unser Einsatz und die Atmosphäre an unseren Tischen die einzigen Konstanten, die den Kindern blieben. Mehr denn je kam es darauf an, dass wir verlässlich bei ihnen waren. Dass wir ihnen einen Rahmen schafften, in dem sie wachsen und lernen konnten, und ihnen Halt gaben. Mehr denn je waren es die kleinen Dinge, die auf einmal zählten: Wir kommen an unserem Tisch zusammen und essen gemeinsam. Wir hören zu und nehmen einander ernst. Liebevoll begleiten wir die Gefühle unserer Kinder– die manchmal so heftig sind. Mehr denn je traten unsere Stärken im Familienleben zutage.

Doch auch der andere Teil, über den ich schreiben wollte, wurde in diesen herausfordernden Wochen greifbarer denn je: Nicht nur unsere Stärken traten besonders hervor, sondern auch die Dinge, die wir nicht so gut können, und mit ihnen die uns allen innewohnende Überforderung. Die Tatsache, dass unsere Herzensanliegen, unsere Prinzipien manchmal schier unmöglich umsetzbar sind.

Wenn wir ehrlich sind, braucht es doch oft genug nicht einmal eine weltweite Krise, damit wir an unseren eigenen ambitionierten Vorstellungen von unserer Rolle als Eltern kläglich scheitern. Wir möchten unseren Kindern wertschätzend begegnen– und wenn es anstrengend wird, brüllen wir sie doch manchmal an. Wir möchten mit ihnen zusammen und auf Augenhöhe Lösungen finden, wenn es Probleme gibt. Und manchmal verstecken wir stattdessen wütend ihre Handys im Schrank und erteilen Internetverbot. Wir wissen, dass Schläge nicht nur verboten sind, sondern auch extrem schmerzhaft für Körper und Seele, ein großer Vertrauensbruch und eine Demütigung, die ihre Spuren hinterlässt, und wollen unsere Kinder gewaltfrei ins Leben begleiten. Und doch– wenn wir ganz ehrlich sind, hatten viele von uns schon einmal eine Situation in ihrem Elternleben, in der die eigene Überforderung so groß war, dass es beinah passiert wäre– oder tatsächlich geschehen ist. Momente wie diese gehören zu den dunkelsten Stunden in unserem Dasein als Mütter oder Väter. Wir schieben sie weit weg und trauen uns kaum, darüber zu reden. Wir schämen uns, wenn wir entdecken, dass wir neben ganz viel Liebe auch unendlich viel Wut in uns tragen. Vielleicht gepaart mit Impulsen, wirklich grässliche Dinge zu sagen oder zu tun.

Doch auch von dieser Wahrheit möchte ich in diesem Buch erzählen. Es ist wichtig, dass wir diese dunklen Seiten des Elternseins akzeptieren und offen damit umgehen. Denn wenn wir nicht verstehen, dass Wut, Trauer, Überforderung, Scham und gewalttätige Impulse zu uns gehören und Teil unseres Seelenmosaiks sind, sind wir ihnen hilfloser ausgeliefert, als wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Deshalb werde ich gleich zu Beginn eine kleine Geschichte darüber erzählen, wie Gewalt sich vererbt und in uns weiterlebt, auch wenn wir sie nicht haben wollen.

Druck von allen Seiten

Eltern werden heute von zwei Seiten in die Mangel genommen. Autoritäre Kräfte werfen ihnen vor, zu weich zu sein und mit ihrer Art des Umgangs mit Kindern eine verwöhnte, verweichlichte, vielleicht sogar lebensuntaugliche Generation zu erziehen. Doch die Gegenbewegung– Befürworter eines bedürfnisorientierten Familienlebens, die sich für Bindung und Beziehung auf Augenhöhe einsetzen, fallen manchmal von der anderen Seite vom Pferd. Schaut man sich manches Profil in den sozialen Medien an, kommt man sich schnell ungenügend vor. Legt man die dort präsentierten Idealbilder an sein eigenes Familienleben an, kann man eigentlich nur verlieren.

Ich hege große Sympathie für alle, die sich für die Bedürfnisse von Kindern einsetzen und sich für einen bedürfnisorientierten Umgang mit Kindern starkmachen. Ich fühle mich ihnen zugehörig. Und gleichzeitig wünschte ich, meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter wären ehrlicher. Ehrlicher damit, dass theoretisches Ideal und praktische Umsetzung oft weiter auseinandergehen als man es gern hätte. Und ehrlicher damit, dass sichere Bindung und eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern viel buntere Gesichter haben als man meint. Ich werde daher versuchen, in diesem Buch ehrlich zu sein.

Zuwendung als lebendige Nachfolge

In diesem Buch geht es um die Kraft unvollkommener, lebendiger Zuwendung. Es geht um einen Umgang mit Kindern, der diese stark und liebesfähig macht. Ein Umgang, der Empathie fördert und gleichzeitig nachsichtig gegenüber Fehlern ist; denen der Kinder und vor allem den eigenen. Es geht um Zuwendung, die die Welt verändern kann.

Das ist jedoch noch nicht alles, denn ich glaube, dass diese unperfekte Zuwendung lebendige Nachfolge ist. Jesus kam auf die Welt, um diese zu verändern. Er kam, um unseren Blick auf den Nächsten und uns selbst klarer werden zu lassen. Und er kam, um diese Welt gesund zu lieben. Wir können ihm dabei dienen, indem wir unsere Kinder liebevoll ins Leben begleiten. Wir dürfen ihm hinterherstolpern, indem wir unsere alltäglichen Kleinigkeiten tun. Die Dinge, die uns oft so wenig besonders erscheinen. Bei ihm sind sie es. Die Gute-Nacht-Geschichten und gemeinsamen Mahlzeiten, die Pizza am Freitag (oder Mittwoch oder Samstag), das Pflaster auf dem aufgeschlagenen Knie, die kühle Hand auf der vom Fieber heißen Stirn und das warme Elternbett nach dem nächtlichen Albtraum. Der Familienausflug ins Grüne und der Duft von Weihnachtsplätzchen. Der Wäscheberg, der niemals schrumpft. All das sind bunte Steine, die wir, wie Reinhard Mey es in seinem wunderschönen Lied „Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit“ besingt, in das Seelenmosaik unserer Kinder legen. Und so wird manches, dem wir kaum Beachtung schenken prägen für ein ganzes Leben, weil es „... seinen bunten Stein als ein Andenken ins Mosaik unserer Seele trägt.“ Bei Jesus hat das alles seinen Wert. Es ist Teil seines Plans und ein Ausdruck seiner Liebe.

Doch bei ihm dürfen wir auch ehrlich werden. Er sieht unsere Fehler, unsere Verzweiflung. Unser Bemühen und unser Scheitern. Er kennt deine Wut und meine Ungeduld, hat dich weinend auf den kalten Badfliesen sitzen sehen und meinen viel zu lauten Schrei gehört. Er verurteilt uns dafür nicht, sondern spricht uns frei. Mit ihm können wir uns zu den Eltern entwickeln, die wir gern wären.

Und deshalb möchte ich dich ermutigen, gemeinsam mit Jesus und mir die Welt ein bisschen gesünder zu lieben.

Ein Buch für dich und mich

Ich habe das Buch für dich geschrieben, die du so gern zugewandt und wertschätzend bist– und manchmal ganz schön kratzbürstig und ungerecht.

Ich habe es für dich geschrieben, weil ich weiß, dass du letztens geweint hast, als du gemerkt hast, dass du dein Kind gerade vor lauter Wut schlagen wolltest.

Ich habe es für dich geschrieben, die du seit Jahren zu Hause sitzt und glaubst, dein Beitrag sei nichts wert, weil du „nur“ Familienarbeit machst– oder die du arbeitest und dafür verurteilt wirst.

Ich habe es für dich geschrieben, die du dir so viele Gedanken darüber machst, wie du dein Kind gut begleiten kannst und manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst.

Ich habe es für dich geschrieben, die du auf der Suche nach Rat oft im Internet suchst und dich danach einfach nur ungenügend fühlst, zwischen all den perfekten Supereltern, die es scheinbar so viel besser können als du.

Ich habe es für dich geschrieben, die du oft glaubst, alles falsch zu machen.

Und natürlich habe ich es für dich geschrieben, wenn du nicht die bist, die das alles so empfindet, sondern der.

Und ich habe dieses Buch für mich geschrieben– denn ich bin eine von euch.

2. Oma Lisbeth– Liebe, die die Welt verändert

Dass es sich lohnt, seine Kinder liebevoll zu betrachten und wertschätzend ins Leben zu begleiten, dafür gibt es mittlerweile viele Belege. Der Sozialwissenschafter Lloyd de Mause schrieb einmal:

„Die Geschichte der Kindheit ist ein Albtraum, aus dem wir gerade erst erwachen.“ 1

Damit beschrieb er die Tatsache, dass es Kindern historisch gesehen, je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, immer schlechter ging.

Umgekehrt bedeutet das, dass es Kindern von Generation zu Generation ein Stück besser geht. Diese Entwicklung verändert die Welt. Wir wissen heute, dass sich Gewaltbereitschaft auf Gewalterfahrungen gründet. Und zwar besonders auf die, die Menschen in ihrer Kindheit gemacht haben. So ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen stetig abnimmt. Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht hier einen direkten Zusammenhang zum Wandel in der Erziehung.2 Kinder müssen heute in ihren Familien weniger Gewalterfahrungen machen und erfahren mehr Zuwendung. Diese ist ein Geschenk– für die Kinder, aber auch für uns als gesamte Gesellschaft.

Was Oma nie vergessen konnte

Meine Oma Lisbeth wurde 1911 geboren. Ihre Mutter starb nur wenige Jahre später bei der Geburt ihrer jüngsten Schwester, und auch ihr Vater konnte sie nicht ins Erwachsenenleben begleiten. Sie war ein Waisenkind, und wie ihre fünf anderen Geschwister unter der Obhut des ältesten Bruders, bis sie alt genug war, sich eine Stellung zu suchen und ihr eigenes Leben zu beginnen.

In den letzten Jahren dieses Lebens litt sie unter Demenz. Sie vergaß viel von dem, was ihre zweite Lebenshälfte ausgemacht hatte. Sie vergaß die Namen ihrer Nachbarn. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wie wir Enkel hießen. Irgendwann wusste sie nicht einmal mehr, dass sie überhaupt Enkelkinder hatte. Stattdessen suchte sie an manchem Abend verzweifelt nach ihren eigenen kleinen Jungs, die ihrer Wahrnehmung nach doch schon längst hätten nach Hause kommen müssen. Sie hatte vergessen, dass ihr Mann schon vor Jahren gestorben war, und auch die vielen Geschichten, die sie früher zu erzählen wusste, kannte sie nicht mehr. Nur eine verfolgte sie bis an ihr Lebensende. Sie erzählte sie mir immer wieder. Fast jeden Mittag, wenn ich sie in ihrem Haus, in dem sie trotz zunehmender Verwirrtheit blieb, besuchte und darauf achtete, dass sie ihr Mittagessen nicht vergaß, erinnerte sie sich an dieselbe Szene aus ihrer Kindheit:

Ihr Vater, ein Bauer, dessen Leben aus harter Arbeit und viel Sorge um seine große Kinderschar bestand, lebte damals noch. Als sie eines Abends zu Tisch saßen, kam ein Mann aus der Nachbarschaft vorbei. Der Vater bat ihn dazu und lud ihn ein, einen Teller mitzuessen. Doch der Gast lehnte dankend ab. Der Vater bedachte seine Kinder vorsichtshalber mit strengen Blicken, denn der Nachbar hatte in der Vergangenheit schon oft Anlass für unerwünschte, kindliche Lachkrämpfe gegeben. Irgendetwas an ihm muss ziemlich schrullig gewesen sein. Eine ganz schön große Herausforderung für eine so große Schar kleiner Menschen. Doch vielleicht wäre es gut gegangen, vielleicht hätten die Kinder tatsächlich das an den Tag gelegt, was damals als gutes Benehmen galt, hätte der Nachbar an diesem Abend nicht in seiner Schrulligkeit eins draufgesetzt. Denn nachdem er zehn Minuten über dies und das mit dem Vater geredet hatte, sah er über den gedeckten Tisch und rief offensichtlich total erstaunt aus: „Oh, ihr esst gerade? Kann ich dann einen Teller mitessen?“

Das war zu viel für die sieben kleinen Menschen, die wahrscheinlich schon minutenlang um Contenance gekämpft hatten. Das erste Kind versuchte noch mühsam, sein Lachen zu unterdrücken, doch dann stimmten die anderen ein, und schon konnte sich keins der sieben Kinder mehr halten. Da kam jedes Machtwort zu spät. Peinlich berührt schmiss mein Urgroßvater sie aus dem Raum. Er rief sie erst wieder zurück, als der Besucher gegangen war. Was die Kinder dann über sich ergehen lassen mussten, würden wir heute als schwere Kindesmisshandlung bezeichnen. Doch damals war es ein normaler, akzeptierter und sogar gewünschter Teil der Erziehung. Denn wer die Rute schonte, so hatte es mein Urgroßvater gelernt und verinnerlicht, der hasste seine Kinder.3

Ich erzähle diese Geschichte nicht nur, weil sie meine Oma zeit ihres Lebens nie losgelassen hat. Ich erzähle sie auch, weil die Kindheit meiner Oma bis in mein Leben und das meiner Kinder fortwirkt. Genau wie die Kindheit deiner Großeltern in deinem Leben eine Rolle spielt. Kindheit ist nichts, was ein Mensch auszieht wie die alte Flickenhose, aus der er irgendwann rausgewachsen ist. Was wir in jungen Jahren erlebt haben, begleitet uns auch weiter. Besonders, wenn wir selbst Eltern werden, kommt vieles wieder zum Vorschein. Wir erinnern uns auf einmal daran, was uns Geborgenheit und Wärme gegeben hat. Wir greifen Rituale wieder auf, die uns in unserer Kindheit wichtig waren. Andere schmeißen wir über Bord.

Kindheit ist nichts, was ein Mensch auszieht wie die alte Flickenhose, aus der er irgendwann rausgewachsen ist.

Alte Muster prägen sich ein

Wir erinnern uns aber auch an Dinge, die weniger schön waren und die wir auf jeden Fall anders machen wollen. Nicht immer gelingt uns das. Denn diese alten Muster sind stärker und prägender als wir glauben. Wenn die natürliche Reaktion von Erwachsenen bei Konflikten mit uns Gewalt war, ist diese Erfahrung in uns Menschen abgespeichert. Kinder, deren Eltern aus Wut und Überforderung Ohrfeigen verteilt haben, tragen diese Reaktion wie einen Reflex in sich. Oft sind sie, sobald sie selbst Eltern sind, sehr verzweifelt darüber, wenn sie zum ersten Mal den Impuls verspüren, ihre Kinder zu schlagen. Dazu kommt, dass es eine enorme Kraftanstrengung bedeutet, dem nicht nachzugeben. Oft entlädt sich diese gewaltige Energie dann anders: durch Brüllen, Beleidigungen, Aggressionen gegen Dinge– oder sich selbst.

Der lange Weg zu mehr Liebe

Doch wie kommt es dann, dass wir heute trotzdem in der Masse sehr viel liebevollere Eltern sind als noch ein paar Generationen vorher? Das liegt zum einen an Gesetzen, die Kindern heute ein gewaltfreies Aufwachsen sichern sollen. Sicher hat auch die 68er-Bewegung ihren Teil dazu beigetragen, die allgemeinen Ansichten über Erziehung zu hinterfragen. Diese Nachkriegskinder, von denen selbst viele den Kochlöffel oder den Teppichklopfer als normalen Teil der Erziehung kannten, rüttelten die pädagogische Landschaft in Deutschland ordentlich durch. Dass dies aber tatsächlich funktioniert hat, liegt auch noch an etwas anderem: Nämlich daran, dass sich schon lange vorher viele Eltern auf den Weg machten, um Kindheit zu verändern. Manche gingen nur kleine Tippelschritte. Andere taten riesige Sprünge.

Meine Oma erlebte zwei Weltkriege. Den ersten als Kind. Und den zweiten als junge Mutter– allein mit ihren drei Söhnen, während ihr Mann im Krieg war. Die Erziehungsansichten der 1930er- und 1940er-Jahre unterschieden sich wenig von denen, die sie selbst erlebt hatte, waren aber zusätzlich von der Ideologie des Nationalsozialismus eingefärbt. Es wäre meiner Oma ein Leichtes gewesen, auch ihre Söhne so zu erziehen, wie sie es erlebt hatte. Und doch machte sie sich in kleinen Schritten auf den Weg. Das Kind, das selbst wenig Geborgenheit und Wärme erfahren hatte, entschied sich, ihren Söhnen ein Zuhause zu schaffen, in dem warmer Brei gegessen und Lieder gesungen wurden. Inmitten des Wahnsinns ihrer Zeit legte sie kleine bunte Steinchen in das Seelenmosaik ihrer Jungs, wenn sie diese entgegen der damaligen Empfehlungen in den Schlaf sang, in all der Hungersnot für meinen Vater– den Kleinsten und Dünnsten ihrer Kinder– eine Extraportion Haferbrei aufhob oder sich später, als er als Erster in der Familie eine höhere Schule besuchte, bis spät in der Nacht zu ihm setzte, wenn er lernen musste.

Ich möchte meine Großmutter nicht glorifizieren. Sie war keine Heilige, genauso wenig wie ich oder meine Eltern. Sie war ein Kind ihrer Zeit. Eine Frau, die in der größten Zerbrochenheit lebte, die unser Land je gesehen hat. Eine Frau, die einen schweren Rucksack mit ins Leben trug. Und ganz sicher eine Frau, die bei der Erziehung ihrer Jungs Fehler machte und zu den bunten Steinchen einige pechschwarze legte. Aber sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass jede Generation aufs Neue bewusst entscheiden kann, ein kleines Stückchen über das hinauszugehen, was sie selbst gekannt und erlebt hatte.

Dunkle Steine im Seelenmosaik

Irgendwann sind wir dann dort angekommen, wo wir heute stehen. Im Gepäck haben wir all die Momente, die unsere Vorfahren für uns mit Liebe gefüllt haben– und natürlich auch die anderen. Ihre dunklen Stunden haben ebenfalls ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen. Sie haben die Atmosphäre in unseren Herkunftsfamilien genauso geprägt wie die schönen Erinnerungen. Es gibt Stellen in unserer Biografie, in denen wir die Zerbrochenheit unserer Eltern gespürt haben und in denen ihre Narben zu unseren wurden. Bei dem einen war das mehr, bei dem anderen weniger ausgeprägt der Fall. Manches verstehen wir heute besser, weil unsere Eltern es uns erklären konnten. Doch vieles lief auf tieferen Ebenen ab und ist nur schwer zu greifen. Einiges erscheint uns irgendwann plötzlich in einem neuen Licht, anderes bleibt für immer dunkel und unverständlich. Und manchmal ist man überrascht, welche Dinge sich übertragen– im Guten wie im Schlechten. So habe ich mich bei den Planungen für dieses Buch daran erinnert, dass das Thema Lachanfälle am Esstisch in meiner Kindheit ziemlich viel Konfliktpotenzial in sich trug. Und um ehrlich zu sein, finde ich meine Kinder, wenn sie sich beim Abendessen vor Lachen nicht mehr einkriegen, auch nicht immer nur süß.

Wir können die dunklen Steine nicht aus unserem Seelenmosaik entfernen. Sie sind da, genau wie die bunten. Und leider können wir wohl auch nicht ganz verhindern, dass wir selbst dunkle Steine an unsere Kinder weitergeben, auch wenn wir uns das alle noch so sehr wünschen.

Ich kenne sie, diese Momente, in denen man am liebsten die Zeit zurückdrehen würde. Diese Augenblicke, in denen man alles dafür geben würde, die Uhr nur um ein paar Sekunden zu verstellen, damit wir etwas ungeschehen machen könnten. Das bitterböse Wort. Den Schrei, der viel zu laut und viel zu aggressiv war und dafür gesorgt hat, dass unser Kind nun weinend vor uns steht. Den zornigen und viel zu festen Griff unserer Hand, der mit Sicherheit wehgetan hat. Oder vielleicht doch die Ohrfeige? Wenn Eltern zu mir in die Praxis kommen und von solchen Erfahrungen erzählen, sind sie meistens verzweifelt. Und natürlich schämen sie sich in Grund und Boden.

Gewalt lebt weiter– besonders im Affekt

Die Zahl der Eltern, die psychische oder körperliche Gewalt anwendet, weil sie es für eine angebrachte Form der Erziehung hält, ist in Deutschland zwischen 2000 und 2016 deutlich gesunken, die Zustimmung zu Gewaltverzicht in der Erziehung dementsprechend gestiegen. Dies ist erst einmal eine gute Nachricht. Doch gleichzeitig zeigen neuere Studien, dass die Einstellungen in der gesamten Bevölkerung hier in den letzten Jahren stagnieren. Dazu kommt, dass es noch immer nicht genügend Aufklärung darüber gibt, was körperliche Gewalt eigentlich ist. So hielten es auch 2020 noch knapp die Hälfte aller Befragten in Deutschland für angebracht, Kindern „einen Klaps auf den Hintern“ zu geben.4 Dass auch dieser jedoch unter körperliche Gewalt fällt– und darüber hinaus für Kinder extrem demütigend und psychisch belastend ist, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. Hier braucht es weiterhin viel Aufklärung.

Doch auch diejenigen Eltern, die über die negativen Folgen von Gewalt in der Erziehung wissen und sie ablehnen, sind nicht immer davor gefeit, im Affekt gewaltvoll zu reagieren. Die meisten Eltern bereuen es in derselben Minute, in der sie es getan haben. Es nagt an ihnen und an ihren Kindern. Und sie zweifeln an sich selbst.

Ungeschehen machen kann ich solche Momente nicht. Doch vielleicht hat der kleine Blick in die Erziehungsgeschichte dir geholfen, ein bisschen besser zu verstehen, warum wir manchmal so anders fühlen und reagieren, als wir gern würden.

Wichtig ist, hier nicht stehen bleiben zu müssen. Wir sind keine hilflosen Opfer unserer eigenen Erfahrungen! Wenn wir vorgeben, solche zu sein, treten wir den Weg mit Füßen, den schon die Generationen vor uns gegangen sind. Unser Ideal– einen friedvollen, liebenden und wertschätzenden Umgang mit unseren Kindern zu leben– ist richtig. Wir dürfen uns nicht von den Momenten einschüchtern lassen, in denen wir das nicht so gut hinbekommen. Wenn uns eine Situation mit unseren Kindern entglitten ist, tut das weh. Den Kindern allen voran, aber auch uns, die wir uns doch so gern anders verhalten würden. Wie tief und nachhaltig diese Wunde wird, haben wir aber immer noch in der Hand. Denn wir können die Verantwortung übernehmen für das, was schiefgelaufen ist. Dazu gehört, um Vergebung zu bitten und dem Kind jegliches Schuldgefühl zu nehmen. Eine Erfahrung aus meiner Arbeit als Familienberaterin, aber vor allem auch als Mutter ist, dass auch aus dunklen Momenten sehr viel Nähe entstehen kann– wenn wir dies zulassen.

Unser Ideal– einen friedvollen, liebenden und wertschätzenden Umgang mit unseren Kindern zu leben– ist richtig.

Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen

Nach einem Vortrag, den ich über Gewalt gegen Kinder in der Nachkriegszeit hielt, kam einmal eine Frau auf mich zu. Sie habe all das selbst erfahren, erzählte sie mir. Ihre Mutter, eine Kriegswitwe, hatte sie und ihre drei Geschwister häufig geschlagen, im Keller eingeschlossen oder allein ohne Essen ins Bett geschickt. Als die Frau selbst Mutter wurde, ging sie mit dem festen Vorsatz los, alles anders zu machen, und sie erzog ihre Kinder viel liebevoller– aber oft verlor sie dann doch wegen vermeintlichen Kleinigkeiten die Nerven. Ihre eigene Mutter registrierte das. Und eines Tages suchte sie das Gespräch mit ihrer Tochter. Sie erklärte ihr, dass sie heute weiß, dass ihr Verhalten ihren Kindern gegenüber falsch war. Damals jedoch, da hätte sie es für richtig gehalten– weil sie es nicht besser gewusst habe. Sie übernahm die Verantwortung für ihre Taten und nahm ihrer Tochter die Last der Schuldgefühle von den Schultern. Meine Teilnehmerin konnte nach diesem Gespräch Frieden finden. Die Nervosität, die sie im Umgang mit ihren eigenen Kindern empfand, wurde kleiner und ihr Verhältnis zu ihrer Mutter enger.

Wenn selbst nach so vielen Jahren noch Vergebung und Veränderung möglich ist, wie viel besser können wir die dunklen Momente dann einbetten, wenn wir sofort zu unseren Fehlern stehen und die Verantwortung übernehmen?

Diese Verantwortung zu übernehmen bedeutet zuerst, sie sofort zu übernehmen, und sich diesem Moment zu stellen. Die schon angesprochene Entschuldigung ist der erste Schritt. Unsere Kinder mit ihrem Schmerz über unser Tun nicht allein zu lassen, gehört ebenfalls dazu. Denn dieses Alleinsein mit dem, was einem widerfahren ist, seien es böse Worte, ungerechtfertigte Strafen oder gar körperliche Gewalt, verstärkt den Schmerz. Doch die Verantwortungsübernahme geht noch einen Schritt weiter: Denn wir alle wissen, dass Entschuldigungen für schwieriges Verhalten oft ihren Wert verlieren, wenn sich diese Handlung immer und immer wieder wiederholt. Als erwachsene Menschen tragen wir auch die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Veränderung stattfinden kann. Bei nicht wenigen Familien, mit denen ich arbeite, reicht es, dass sich die Eltern darüber bewusst werden, was in ihnen abläuft. Wenn sie zusätzlich noch an ein paar Stellschrauben in ihrem Alltag drehen, um Situationen der Überforderung zu vermeiden, fällt ihnen der Ausstieg aus problematischen Mustern leicht.

Manche alten Muster haben sich aber tief in unsere Seele eingegraben, und manchmal braucht es mehr als nur den guten Vorsatz, etwas nie wieder zu tun. Oft haben Wut und gewalttätige Impulse uns zu sehr im Griff. Und an solchen Stellen heißt Verantwortung übernehmen, sich Hilfe zu suchen. Die gute Nachricht ist: Es war wohl zu keiner Zeit in der Geschichte von Eltern und Kindern einfacher, diese Hilfe zu bekommen. Wir haben heute einen niedrigschwelligen Zugang zu Beraterinnen und Beratern, Seelsorge, Therapien oder Selbsthilfegruppen. Im Weg stehen wir uns dabei oft eher selbst. Zuzugeben, dass man etwas nicht allein schafft, dass man Schwächen hat und Unterstützung benötigt, ist nicht leicht. Nicht selten schämen wir uns darüber hinaus dafür, dass wir im Umgang mit unseren Kindern an unsere Grenzen kommen und Situationen eskalieren.

Aus der Spirale von Schuld und Scham aussteigen

Doch Scham ist vielleicht das giftigste Gefühl überhaupt. Denn sie ist nicht nur oft die Folge unserer Wut und unserer gewalttätigen Impulse, sie ist nicht selten der Grund, warum es uns immer wieder passiert. Die schwedische Trainerin für gewaltfreie Kommunikation, Liv Larsson, schreibt dazu:

„Wenn wir untersuchen würden, in welchem Ausmaß Gewalt zwischen Menschen mit Ärger beginnt, wären die meisten Menschen über das Ergebnis erstaunt. Sie würden nämlich entdecken, dass Wut trotz ihrer innewohnenden Explosivität und entgegen aller Vermutungen gar nicht der Gefühlszustand ist, der am häufigsten zu Gewalt führt. […] Wir wissen nicht, wie wir die Scham und die Demütigung aushalten sollen, sodass sogar Gewalt zur Option wird.“5

Wir schämen uns, wenn wir im Umgang mit unseren Kindern eine Grenze überschritten haben. Das unterscheidet uns von vielen Generationen vor uns, die, wie mein Urgroßvater, mit dem Gedanken lebten, dass man die Rute nicht schonen dürfe. Das könnte eigentlich ein gutes Zeichen sein, hätten wir zu Scham nicht insgesamt ein so schwieriges Verhältnis. Menschen empfinden Scham, wenn sie das Gefühl haben, etwas in ihrem Umfeld Inakzeptables getan zu haben. Genau wie Wut ist Scham eigentlich eine nützliche Reaktion unseres Körpers, zeigt sie uns doch, dass wir dabei sind, die Standards unserer sozialen Gruppe zu verletzen. Das wäre menschheitsgeschichtlich lange Zeit sehr gefährlich gewesen, denn ein Ausschluss aus der sozialen Gruppe hätte zu anderen Zeiten unseren sicheren Tod bedeutet. Kein Wunder, dass Scham zu so heftigen Reaktionen in uns führen kann– und unser gewalttätiges Potenzial somit paradoxerweise noch verstärkt.

Heute ist Scham oft ein Zeichen dafür, dass wir nicht nach unserem eigenen inneren Kompass leben oder nach dem der Gruppe, zu der wir gern gehören würden– meistens beides. Was die Scham in uns auslöst, bleibt jedoch gleich: Sie sorgt dafür, dass wir unsere dunklen Seiten nicht offenlegen und uns nicht mit ihnen auseinandersetzen. Sie bleiben in uns und können gären, und wenn wir das nächste Mal an unsere Grenzen kommen, bricht sich der Giftcocktail aus Scham, Wut und erlernten Mustern Bahn. Es sei denn, wir entscheiden uns, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Ein erster Weg zur Veränderung ist Offenheit. Kürzlich war ich Teil eines interessanten Austauschs in einem sozialen Netzwerk. Inspiriert von der Ehrlichkeit einer Mutter darüber, was die Corona-Krise mit ihr macht, begannen andere, die Momente in ihrem Elternleben zu teilen, die nicht der liebevollen Bullerbü-Welt entsprechen, die dort sonst gern gezeigt wird. Am besten hat mir gefallen, dass sich auch Frauen daran beteiligten, die als sehr prominente Vertreterinnen von neuen Wegen des Elternseins gelten. Ich habe oft laut und herzhaft gelacht beim Lesen ihrer Geschichten. Nicht, weil sie wirklich lustig gewesen wären, im Gegenteil– viele waren natürlich in dem Moment, in dem sie sich ereigneten, sehr schwer für alle Beteiligten. Aber mein lautes Lachen kennst du bestimmt auch– es war das Lachen von einer, die unfassbar erleichtert war. Unfassbar erleichtert darüber, dass ich nicht allein bin mit all meinen dunklen und schwierigen Momenten. Und ich denke, einige dieser Frauen haben auch über meine Geschichte gelacht: Sie handelte von einer Barbiepuppe, die ich tags vorher aus Wut in hohem Bogen aus dem Badfenster geworfen hatte.

Eine meiner dunkelsten Stunden habe ich da allerdings nicht geteilt, und sie hätte wohl auch nicht für Lacher gesorgt. Meine Nerven lagen damals blank. Wir hatten als Familien innerhalb kürzester Zeit so viele traurige, angsteinflößende, stressige und schwierige Momente erlebt, dass wir mit dem Verarbeiten kaum nachkamen. Eines der Kinder war in dieser Zeit besonders herausfordernd und mein Akku gleichzeitig komplett leer. Dieses Kind stand eines Tages mit hochrotem Kopf vor mir. Sein ganzer kleiner Körper bebte vor Wut, und dann brach sich diese Wut Bahn, indem das Kind mir wehtat. Ein heftiger körperlicher Schmerz schoss durch mich hindurch, und die Reaktion darauf kam ganz tief aus dem Inneren. Und sie kam prompt. Sie schien in diesem Moment so natürlich, als gehöre sie da hin und wäre in dieser Form schon viele Male abgelaufen. Dass meine Hand an diesem Nachmittag nicht ungebremst auf das zarte Gesicht meines Kindes knallte, hat nichts mit mir innewohnender Selbstbeherrschung zu tun. Eher mit etwas, das genauso unbewusst und instinktiv in mir erwachte wie der Impuls zu schlagen. Vielleicht war es ein flüchtiger Blick in die angstgeweiteten Kinderaugen. Ein Sekundenbruchteil. Ein Wunder. Doch was blieb, war das zuckende Kind, der Ausdruck des Schreckens, sein Weinen, das noch heftiger wurde. Und meine Scham. Das Entsetzen über mich selbst.

Ich hätte diese Situation gern unter den Teppich gekehrt. Nie wieder darüber gesprochen. Gehofft und gebetet, dass auch das Kind sie vergisst. Doch ich entschied mich anders. Zuerst habe ich mit meinem Mann darüber gesprochen, später mit einem Freund und schließlich auch mit einem Therapeuten. Wir können uns nicht von Scham befreien, wenn wir den oder die Auslöser der Scham für uns behalten. Und gleichzeitig müssen wir natürlich Menschen finden, bei denen unsere dunkelsten Stunden gut aufgehoben sind. Keiner, mit dem ich über diesen Moment gesprochen habe, hat mich verurteilt. Schöner noch– es war nicht mal der Anflug von Wertung in den Gesichtern dieser Menschen zu sehen. Stattdessen ehrliches Interesse, Mitgefühl und Hilfsangebote.

Die US-Amerikanerin Brené Brown hat viele Jahre zum Thema Scham geforscht. Eine ihrer Erkenntnisse fasst sie in einem Vortrag so zusammen: „Wenn man Scham in eine Petrischale gibt, braucht es drei Dinge, damit sie exponentiell wächst: Heimlichkeit, Schweigen und Verurteilung.“ Wenn wir also mit der Scham allein bleiben, wird sie größer. Sie belastet uns und damit auch die Beziehung zu unseren Kindern. Wenn wir uns hingegen verletzlich machen und unsere Überforderung offen aussprechen und teilen, ist das ein erster Schritt zur Heilung. Natürlich kommt es dann auch auf die Gegenüber an. Was wir brauchen, wenn wir zu uns und unseren Fehlern stehen, ist Mitgefühl. Brené Brown sagt dazu, dass die Scham nicht überleben kann, wenn man Empathie mit in die Petrischale gibt.6

Dieses Mitgefühl darfst du dir als Erstes selbst schenken. Mir hat geholfen, einen ehrlichen Blick auf mich selbst in besagter Situation zu werfen und mir einzugestehen, wie schlecht es mir ging und wie überfordernd die Umstände waren– und auch welche Härte ich von mir selbst abverlangt hatte. Als ich mir gegenüber weicher werden konnte, konnte ich auch die Verbindung zu meinem Kind wiederherstellen. Vergebung wurde möglich.

Jesus als mächtiger Verbündeter

Mit Mut und Ehrlichkeit können selbst die dunkelsten Stunden zum Segen werden. Aber nur, wenn wir akzeptieren, dass sie Teil von uns sind. Mir hilft es, neben all den freundschaftlichen und therapeutischen Gesprächen, die ich von Zeit zu Zeit bewusst suche, dass meine Dunkelheit bei Jesus gesehen und aufgehoben ist. Den Frieden, den wir finden, indem wir Jesus auch in unsere dunklen Seiten mit hineinnehmen, beschreibt der amerikanische Autor Brennan Manning folgendermaßen: „When we accept the truth of what we really are and surrender it to Jesus Christ, we are enveloped in peace, whether or not we feel ourselves to be at peace.“ 7

Wenn wir mit unserer Dunkelheit und Zerbrochenheit ehrlich sind, können wir uns von Jesus Frieden schenken lassen– sogar, wenn wir uns gerade vom Sturm durchgerüttelt fühlen. Ich finde, da haben wir als Christen einen großen Vorteil, denn in Jesus haben wir einen zusätzlichen Verbündeten, wenn es darum geht, alte Muster und Spiralen aus Wut, Schuld und Scham zu durchbrechen.

Die Kraft der Veränderung

Dass der Weg raus aus alten Mustern und hin zum Frieden sich immer lohnt– egal wo wir stehen –, zeigt die Geschichte, die mir einmal eine Frau erzählte: Ihre Eltern schlugen sie und ihre Geschwister zur Strafe, wenn sie eine Familienregel gebrochen hatten. Sie taten es sogar dann, wenn sie sich selbst dabei schlecht fühlten. Einmal, so erzählte sie mir, weinte ihr Vater, während er sie bestrafte. Er meinte jedoch, er müsse es tun. „Wer die Rute schont, hasst sein Kind“, das war tief in ihm verankert. Bis die Eltern der jungen Frau eines Tages auf ein Buch stießen, das sie von dieser Haltung abbrachte. Sie entschieden sich für Veränderung. Diese Entscheidung trafen sie nicht nur im Stillen für sich, sondern teilten sie mit ihren Kindern. Sie riefen alle zusammen, baten um Vergebung, erklärten, dass sie einen großen Fehler gemacht hatten, und schlugen von diesem Tag an nie mehr. Ich habe die junge Frau gefragt, ob sie selbst jemals den Impuls hatte, eins ihrer Kinder zu schlagen. Nein, war die Antwort, nicht ein einziges Mal in all den Jahren.

In der bewussten Entscheidung, etwas zu verändern, und dem Mut, dem Geschehenen ins Auge zu sehen, liegt eine ungeheure Kraft. Eine Kraft, die– wie wir schon gesehen haben– die Welt verändern kann.

Es gab übrigens noch eine Geschichte, die meine Oma Lisbeth früher oft erzählte. Mein Vater und mein Onkel sprechen bis heute darüber. In einsamen Kriegsnächten, wenn die Sirenen einen Fliegeralarm ankündigten, musste meine Oma sich entscheiden: Schaffte sie es noch mit den drei Kindern in den Luftschutzbunker oder war der Weg dahin schon zu gefährlich? In mancher Nacht blieb ihr nichts anderes übrig, als in ihrem Haus zu warten und zu beten. Sie setzte sich dazu immer auf einen Schemel in ihrer Küche. Auf ihren Knien saßen ihre drei Söhne, und wenn der Lärm der Flugzeuge ertönte, schützte sie sie mit ihrem Körper, bis es draußen wieder ruhig wurde. Aus dem Mädchen, das kaum Mutterliebe erlebt hatte, war eine Löwenmutter geworden.

3. Der Blick aufs Kind– was sah Jesus, was siehst du?

„Einige Leute brachten Kinder zu Jesus. Er sollte sie segnen. Aber die Jünger wiesen sie schroff zurück. Als Jesus das merkte, wurde er zornig und sagte zu ihnen: „Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran. Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da.“8

Wo auch immer Jesus auftauchte, folgten die Menschen ihm. Massen strömten dorthin, wo er war. Die Nachricht, dass er in der Stadt war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Menschen hörten es, ließen alles stehen und liegen und rannten los. Auf dem Weg zu Jesus riefen sie noch ihren Nachbarn und ihren Freunden zu, dass sie mitkommen sollten. Gemeinsam liefen sie durch die staubigen Straßen, vergaßen sogar Wasser oder etwas zu essen mitzunehmen, nur um ihn einmal zu sehen.

Ich habe so etwas Ähnliches erlebt. Vor einigen Jahren saß ich mit meinen kleinen Kindern zu Hause, als mein Handy im Sekundentakt vibrierte. Alle Kanäle leuchteten auf: WhatsApp, Facebook, Push-Nachrichten der lokalen Tagespresse. Alle berichteten, dass er da war. Völlig überraschend, ohne Vorankündigung war er in unsere Stadt gekommen. Hier zu uns nach Kassel. Sofort machten sich viele meiner Freunde auf den Weg. Er kam allerdings nicht, um sich unsere Stadt anzusehen und schon gar nicht, um die Menschen zu segnen– höchstens, um Geld auszugeben, falls er sich entscheiden würde, ein Documenta-Kunstwerk zu kaufen. Er war „nur“ gekommen, um sich die weltweit bedeutendste Ausstellung für moderne Kunst anzusehen. Und dabei hätte er eigentlich gern so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich auf sich gezogen.

Doch was schon einem Wanderprediger in der Antike nicht gelang, vermochte Brad Pitt im Zeitalter der Smartphones erst recht nicht. Innerhalb von wenigen Minuten wusste jeder, der nicht gerade im Funkloch von Söhrewald lebte, dass er in der Stadt war. Seine Fans strömten zusammen, und angesichts der Menschentrauben mussten die Verantwortlichen im Kasseler Rathaus reagieren. Mister Pitt bekam ein paar Mitarbeiter der örtlichen Sicherheitsfirma an die Seite gestellt und besuchte die Ausstellung dann mit einem gewissen Abstand zu Blitzlichtern und kreischenden Fans.

Die Gleichwürdigkeit der Kinder

Auch die Jünger versuchten von Zeit zu Zeit, Security für Jesus zu spielen. So selektierten sie zum Beispiel, wer es wert war, zu ihm kommen zu dürfen. Kinder gehörten in ihren Augen nicht dazu. Als Jesus das mitbekam, wurde er zornig, wie es im Markus-Evangelium überliefert ist. Das finde ich ziemlich bemerkenswert, weil wir das nur selten bei ihm erleben. Jeder kennt die Geschichte, dass er Tische und Stühle in der Synagoge vor Wut umgeworfen hat. Doch da würde ihm wahrscheinlich jeder zustimmen, immerhin war ein heiliger Ort entweiht worden. Doch wegen ein paar abgewiesener Kinder?

Ja– offensichtlich war es Jesus wichtig genug, hier etwas klarzustellen. Das Reich Gottes gehört nicht in erster Linie den Erwachsenen. Er schenkt es den Kindern, die es mit ihren offenen Herzen viel besser annehmen können als diejenigen, die sich über sie gerade noch erheben wollten.

„Und er nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.“9

Nun ist es nicht außergewöhnlich, dass Jesus sich denen zuwandte, die dieser Zuwendung in der damaligen Gesellschaft nicht für wert erachtet wurden. Das passt zu ihm. Und doch gibt es hier eine Besonderheit: Jesus beschäftigte sich nicht mit einer einzelnen Person und sprach ihr Wert zu, sondern mit einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe. Er traf eine allgemeine Aussage über Kinder, die für ihn Gültigkeit besitzt. Jesus spricht Kindern hier denselben Wert zu wie den Erwachsenen. Er erklärt sie für gleichwürdig.

Der moderne Begriff der Gleichwürdigkeit wurde vor allem von dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul geprägt, für den diese ein Grundprinzip für die Beziehung von Kindern und Erwachsenen war. Er verstand darunter, dass eine andere Person die gleiche Würde besitzt wie auch wir selbst, und dass sie auch den gleichen Respekt verdient, den wir uns wünschen. Auch ihre Wünsche, Bedürfnisse und Werte verdienen die gleiche Beachtung. Kindliche Bedürfnisse sind demnach also nicht weniger wert als die der Erwachsenen.

Juuls Blick auf Kinder rüttelte die pädagogische Landschaft Europas Anfang der 2000er ordentlich durch. Die Gleichwürdigkeit des Kindes spielte zuvor selbst in demokratischen Erziehungsansätzen noch keine große Rolle. Dabei hatte Jesus sie den Kindern bereits 2000 Jahre früher zugesprochen.

Unser Blick auf Kinder ist entscheidend

Ich frage mich, was Jesus Worte mit den Herzen der Eltern machten, die sie damals hörten. War ihr Blick auf ihre Kinder noch der gleiche, als sie sich wieder auf den Heimweg machten? Was für kleine Menschen sahen sie neben sich, als sie zurück in ihr Leben gingen– gesegnet von dem Einen? Und wie gingen sie fortan mit ihren Kindern um– also mit denen, für die das Reich Gottes schon da war?

Diese Fragen sind für mich zentral, denn die Geschichte könnte für uns Christen auch nur eine dieser Geschichten sein, in denen Jesus etwas völlig Unerwartetes getan hat. Doch in ihr steckt viel mehr.

Wenn wir uns nämlich über die Frage klar werden wollen, wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten, ist unser Blick auf sie und ihr Verhalten entscheidend. Was oder wen sehen wir, wenn wir unsere Kinder sehen? Welchen Stellenwert sprechen wir ihren Bedürfnissen zu? Wie bewerten wir sie in Situationen, die für uns schwierig sind?

Wenn wir uns nämlich über die Frage klar werden wollen, wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten, ist unser Blick auf sie und ihr Verhalten entscheidend. Was oder wen sehen wir, wenn wir unsere Kinder sehen? Welchen Stellenwert sprechen wir ihren Bedürfnissen zu? Wie bewerten wir sie in Situationen, die für uns schwierig sind?

Sehen wir in einem Kleinkind, das sich schreiend auf dem Bürgersteig rollt und um sich schlägt, einen bösen Tyrannen– oder einen kleinen Menschen, der seine liebe Not mit starken Gefühlen hat? Die Antwort darauf entscheidet, wie wir diese Situation lösen. Gehen wir von Ersterem aus, müssen wir hart durchgreifen. Das schreiende Kind hochheben, wegtragen, schimpfen, zur Raison bringen, es vielleicht sogar bestrafen, damit es lernt, dass dieses Verhalten unerwünscht ist. Sehen wir jedoch in dem schreienden Kind einen kleinen Menschen in höchsten emotionalen Nöten, können wir uns danebensetzen. Den Sturm aushalten. Beim Ertragen der schweren Gefühle helfen.

Was sehen wir in einem Zehnjährigen, der heimlich mit seinem Freund Star Wars Episode 9 geschaut hat, obwohl wir es verboten hatten? Jemanden, der uns arglistig getäuscht hat und respektlos über unsere Regeln getrampelt ist, oder aber einen Pre-Teen, der sich auf diese Art sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit in einer sozialen Gruppe erfüllt hat, die unser Verbot ihm bisher verwehrte? Die Sichtweise entscheidet auch hier, ob wir das Verhalten bloß sanktionieren und für das nächste Mal noch besser dafür sorgen, dass unsere Regeln eingehalten werden, oder ob wir ins Gespräch gehen und in Zukunft nach Kompromissen suchen, die den Bedürfnissen beider Seiten gerecht werden.

Sind wir ehrlich: Wir sind oft schnell dabei mit negativen Urteilen, wenn das Verhalten von Kindern für uns schwierig wird. Sie ist zickig, er macht Theater, sie sind bockig und wollen uns manipulieren. Wir alle haben diese Sätze in unserem Sprachgebrauch, und allzu oft kommen sie uns über die Lippen. Wir tun uns schwer, hinter kindliches Verhalten zu schauen und die dadurch erfüllten Bedürfnisse wahrzunehmen.

Auch ich habe da meine Achillesfersen. In kindlichen Wutanfällen den Ausdruck von Hilfslosigkeit und emotionalen Nöten zu sehen– dazu muss ich mich jedes Mal wieder neu bewusst entscheiden! In meinem Kopf entstehen andere Bilder, wenn kleine Menschen vor mir stehen und vor Wut beben, die Fäuste ballen und laut brüllen. Trotzig– denke ich dann oft. Dickköpfig und verzogen. Und ich denke, dass es nicht so sein darf. Kinder, die so wütend werden, sind sicher irgendwie gefährlich. Potenzielle Terroristen. Zukünftige Haustyrannen. Und auf jeden Fall lebenslang gewalttätig. Wenn dieser kleine, gerade fünfjährige Wutzwerg erst dreizehn sein wird, habe ich keine Chance mehr, wenn ich den geballten Fäusten jetzt nicht sofort Einhalt gebiete.

Halt! Stopp! Tief durchatmen und zwei Schritte zurück– das sind die Worte, die ich solchen Situationen dann meistens entgegensetze, wenn ich mich dabei erwische, dass ich in wenig hilfreiche Gedankenspiralen abgleite. Manchmal muss ich auch kurz aus dem Raum. Fünf Minuten bei geschlossener Klotür atmen. Kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen lassen. Mich in die Küche flüchten und mir ein Stück Schokolade in den Mund schieben. Oder laut und herzhaft fluchen. Auf jeden Fall irgendwas tun, das die Anspannung senkt und mich wieder in Kontakt mit meinem rationalen Denken bringt.

Tief durchatmen und zwei Schritte zurück

Verdorben von Jugend an?

Doch woher kommt das? Warum müssen wir uns überhaupt bewusst zu einem anderen Blick überreden? Warum schwingen so oft Katastrophenszenarien mit, wenn wir in Konflikte mit unseren Kindern geraten? Und das, obwohl wir meistens selbst wissen, dass sie nicht zutreffen?

Mit dieser Frage sind wir wieder beim Thema des vorherigen Kapitels und der kleinen Lisbeth, deren kindliches Einstimmen in das Lachen ihrer Geschwister über eine bizarre Situation als boshaftes Verspotten fehlgedeutet wurde. Die Warnung vor der Boshaftigkeit unserer Kinder ist sehr alt. Sie dominierte viele Erziehungsschriften des 18., 19. und 20. Jahrhunderts.

Welche Bilder wir uns von Kindern machen, hängt eng damit zusammen, wie wir die Welt und die darin lebenden Menschen als solche wahrnehmen. Erleben wir die Welt als vertrauenswürdigen Ort, an dem wir von Gottes Gnade umgeben und von IHM beschenkt sind, dann fällt es uns leichter, auch in die Entwicklung unserer Kinder zu vertrauen und uns auf das zu fokussieren, was gut ist. Je mehr die Welt uns aber als dunkler, gefährlicher und feindseliger Ort erscheint, desto eher glauben wir, diese Seiten auch schon in kleinen Menschen zu erkennen. Auch ein Blick in die Geschichte unserer Vorfahren zeigt das.

Der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster schreibt dazu: „Hatten Gesellschaften oder bestimmte Schichten Aufwind, so folgten sie in der Erziehung auch bald einem ‚helleren‘ Kinderbild […]. Umgekehrt wurde es auch für Kinder eng, wenn Gesellschaften in Not gerieten.“10

Die Welt unserer Großeltern und Urgroßeltern war voller Nöte und Feindbilder. Das 20. Jahrhundert war geprägt von zwei fürchterlichen Kriegen. Mit dem Holocaust verübten Menschen in unserem Land das schlimmste Verbrechen, das es jemals gegeben hat. Es darf nicht wundern, dass eine Gesellschaft, die zu solcher Grausamkeit in der Lage war, auch ein Bild vom Kind verinnerlicht hatte, das diesem nur das Schlechte unterstellte. So warnte die NS-Ärztin und Autorin Johanna Haarer Mütter davor, außerhalb der von ihr vorgesehenen Fütterungsintervalle auf das Weinen ihrer Babys zu reagieren.

„Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird– und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!“11

Dass sich solche Gedanken bis heute verbreiten konnten, liegt nicht nur daran, dass sie sich tief in die Köpfe unserer Vorfahren eingepflanzt hatten. Vielmehr wurden sie auch weiterhin ordentlich bewässert. Die Schriften der NS-Autorin Johanna Haarer wurden nach Kriegsende von ihrem ideologischen Einschlag befreit. Doch die grundsätzlichen Erziehungsgedanken blieben stehen, und bis in die 1980er-Jahre hinein wurden sie in Westdeutschland als Erziehungsratgeber verkauft und von jungen Eltern gelesen.

Bis in die 1980er-Jahre hinein– das bedeutet für viele von uns: Bis in unsere Kindheit. Ganz sicher aber bis in die Kindheit unserer Eltern, Tanten, Onkels, Lehrer oder Erzieher. Mit einer großen Wahrscheinlichkeit bist auch du ein Kind, das auf keinen Fall „tyrannisch“ werden sollte, und selbst wenn deine Eltern sich bewusst für einen anderen Blick auf dich entschieden haben, so haben sie es sicherlich einmal gehört. Vielleicht vom Nachbarn, der nicht ertragen konnte, dass es bei euch daheim anders zuging als bei ihm. Vielleicht von Lehrern, die sich über dich geärgert haben, oder im Konflikt mit den Großeltern.

Auch aus christlicher Sicht müssen wir uns hier einige kritische Fragen stellen. Denn die biblische Perspektive auf den Menschen als Sünder, dessen Dichten und Trachten böse von Jugend an ist,12 hat ihren Teil zu der negativen Sicht auf Kinder beigetragen. Für nicht wenige Erziehungsschriften vergangener Jahrhunderte war sie der Ausgangspunkt. Das Sündhafte von Jugend an wurde vor allem als eine Aussage über Kinder gewertet, und Erwachsene haben sich selbst über sie erhoben und es sich zur höchsten Aufgabe gemacht, das scheinbar Sündhafte im Kind zu erkennen und im Keim zu ersticken. Fürchterliche Fehldeutungen kindlichen Verhaltens und ein grausamer Umgang damit waren die Folge. Doch in der christlichen Erziehung galten sie über Jahrhunderte als alternativlos.

Der Theologe Thorsten Dietz sieht in dieser Sicht auf Kinder jedoch ein Missverständnis. „Entgegen einem weitverbreiteten Missverständnis gibt es in der Bibel nicht das Bild des bösen Kindes“, schreibt er. „Es gibt bis heute Christen, die meinen, der Bibel die Sicht entnehmen zu dürfen, dass Kinder vor der Bekehrung sündhaft und verdorben sind. Aber die Bibel geht nicht von der völligen Bosheit der Kinder aus, sondern von der Ambivalenz des Menschen und seinen Anlagen zum Guten und zum Bösen (vgl. auch Lukas 11,13).“13

Dietz führt weiter aus, dass von kleinen Kindern sogar als Inbegriff der Unschuld gesprochen werden kann und dass sie von Jesus als besonders achtenswert und schutzbedürftig angesehen wurden.14

Wir dürfen uns daher heute darauf konzentrieren, dass die kleinen Menschen, die wir beim Erwachsenwerden begleiten dürfen, uns in ihrer Würde gleichgestellt sind. Auch wenn es um Fragen der Sündhaftigkeit geht, gibt es keinerlei Grund, uns über Kinder zu erheben– im Gegenteil, da sollten wir kleine Brötchen backen. Letztlich leben wir alle– und gerade wir großen Menschen!– aus der unverdienten Gnade heraus, die Jesus uns geschenkt hat. Deswegen sollte sie unser Leitwert sein, wenn wir uns unseren Kindern zuwenden.

Letztlich leben wir alle– und gerade wir großen Menschen!– aus der unverdienten Gnade heraus, die Jesus uns geschenkt hat. Deswegen sollte sie unser Leitwert sein, wenn wir uns unseren Kindern zuwenden.

Doch so oder so hat der negative Blick auf das kindliche Verhalten seinen Weg in unsere Köpfe und leider auch in unsere Herzen gefunden– und es gibt auch heute noch Autoren, die ihn stärken und die der Angst, Kinder zu „verziehen“, neuen Aufwind geben.

Viele gute Nachrichten

Sich dem entgegenzustellen und einen Blick auf kindliches Verhalten zu entwickeln, der verstehen will statt abzuwerten, ist daher schon fast revolutionär. Zum einen ist das Meckern über die Jugend schon immer sehr salonfähig gewesen, und zum anderen verkaufen sich schlechte Nachrichten immer besser als gute.

Doch es gibt sie, die guten Nachrichten. Wir müssen sie nur zur Kenntnis nehmen. Wir finden sie zum Beispiel bei Christian Pfeiffer, dem prominenten Kriminologen aus Hannover. In seinem Buch „Gegen die Gewalt. Warum Liebe und Gerechtigkeit unsere besten Waffen sind“ stellt er die Frage, ob es sich bei den heute unter 25-Jährigen vielleicht in vielerlei Hinsicht um die beste Jugend handelt, die wir je gehabt haben. Er beantwortet sie anhand von Kriminalitätszahlen, die sein Institut über viele Jahrzehnte hinweg erhoben hat. Die Ergebnisse sind selbst für eine Berufsoptimistin wie mich ziemlich beeindruckend: Die Jugendkriminalität ist insgesamt zwischen 2000 und 2018 um fast 30 Prozent zurückgegangen. Gewalttaten Jugendlicher sogar um mehr als 40 Prozent und Sachbeschädigung um mehr als 50 Prozent. Doch das ist noch nicht alles: Auch der Alkoholkonsum von Jugendlichen hat um ein Viertel abgenommen, Ähnliches gilt für den Konsum von Cannabis, und noch größer ist der Rückgang beim Rauchen. Die Zahl der von Jugendlichen begangenen Suizide ist ebenfalls um ein Drittel gesunken.15

Die Journalistin Julia Dibbern hat ein ganzes Buch geschrieben, in dem sie die negativen Sichtweisen auf heutige Kinder und Jugendliche in ihre Einzelteile zerlegt und empirisch widerlegt, und sie hat einen Rat an alle Eltern: „Mit Skandalmeldungen und Katastrophenszenarien lässt sich trefflich Geld verdienen, das sei unbenommen, aber wir Eltern sollten uns davon nicht irre machen lassen. Wir dürfen das Feld nicht den am lautesten schreienden, alten Männern überlassen, denn die wahren Experten für unsere Kinder sind nicht die, die den Wald vor lauter Bäumen(…), die vielen fitten Kinder zwischen all den Problemfällen ihrer Praxis nicht mehr sehen können. Die wahren Experten sind wir!“16

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
25 июня 2025
Объем:
182 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783761567913
Правообладатель:
Bookwire
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