Читать книгу: «Lieben, leiten, leben»
Daniel Zindel & Käthi Zindel-Weber
Lieben, leiten, leben
Das Ehebuch für Führungskräfte

Zu diesem Buch
Ein Buch für Paare, die Verantwortung tragen:
•für Familienfrauen, die gerade den Anruf bekommen haben: „Schatz, es wird später; fangt doch mit dem Essen schon mal an!“;
•für Geschäftsleute, die sich soeben mit schlechtem Gewissen vom Abendessen abgemeldet haben;
•für Pastoren, Verkaufsleiterinnen, Schulleiter, Politikerinnen, Vereinspräsidenten, Pflegedienstleiterinnen, Haus- und Jugendkreisleiter ...
Unsere Ehe ist ein Trainingscamp für Führungsaufgaben. Und wer Leitungsverantwortung so wahrnimmt, wie Gott es sich gedacht hat, erwirbt sich Haltungen, die auch der Ehe zugute kommen. Wie aber werden wir zu Paaren, die ihre Aufgaben lustvoll miteinander gestalten; deren gemeinsame Verantwortung ihre Liebe vertieft und deren Paarkraft und Ausstrahlung andere inspiriert?
Kompetent und ehrlich schildern Daniel und Käthi Zindel-Weber die Chancen und Risiken von „Führungsehen“ und geben dabei auch Anteil an ihren eigenen Erfahrungen. Die Mischung aus praktischen Impulsen und tiefen Inspirationen fasziniert; verbunden mit der steten Einladung, Gott mit ins Boot zu nehmen.
Über die Autoren
Käthi Zindel-Weber, geboren 1959, ist Lehrerin/Seelsorgerin und leitet das Rhynerhus, eine Erziehungs- und Lebensberatungsstelle in Zizers/Graubünden. Sie ist verheiratet mit Daniel Zindel, geboren 1958. Er ist Theologe und leitet die Stiftung „Gott hilft“, ein christliches Sozialwerk in Graubünden, Schweiz. Daneben ist Daniel Zindel Autor von Büchern und Zeitschriften-Artikeln.
Zindels sind Eltern von vier erwachsenen Kindern und auch in der Beratung von Ehepaaren tätig.
Weitere Bücher von Daniel Zindel:
•Daniel Zindel, Gestillt – Nachtgespräche mit David (2. Auflage)
•Daniel Zindel, Geistesgegenwärtig führen – Spiritualität und Management (3. Auflage)
www.stiftung-gotthilft.ch
Impressum
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-715-7, Bestell-Nummer 588 789E
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-937896-89-2, Bestell-Nummer 588 789
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Bibelzitate sind, sofern nicht anders angegeben, der Zürcher Bibel entnommen. Zürcher Bibel 2007 © 2007 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: ShutterStock.com® Satz: Neufeld Verlag
2., überarbeitete Auflage 2012
© 2010 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages
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Inhalt
Zu diesem Buch
Über die Autoren
Impressum
Einleitung
Unser Weg
Keine Ideologie, sondern Gottes liebevolles Design für Ihre Ehe
Was dem Leben letztlich Sinn gibt
Trialog
Lösungen auf der Ebene der Haltungen
Ein Ehe-ABC und ein Führungsbuch
Für und vor wem lese ich dieses Buch?
Teil I: Ein Ehe-ABC
Abhängigkeit
Der Mythos der Unabhängigkeit
Auf Gott und den Mitmenschen bezogen
Dreierbeziehung
Beten
Beten stärkt die Selbstwahrnehmung
Beten ist Psychohygiene
Göttliche Supervision und Stillung im Gebet
Negative Gefühle abfließen lassen
Als Ehepaar gemeinsam beten
Konstruktiver Umgang mit Führungsfrust
Charakter
Ko-Evolution
Der Punkt der Anziehung wird zum Punkt des Konflikts
Tri-Evolution
Charakterentwicklung durch Leitungsverantwortung
Dialog
Mehr als Kommunikationstraining
Trialog: Gott öffnet uns das Herz und löst unsere Zunge
Keine Konfliktvermeidung
Führen ist Kommunizieren
Ehe
Dies Geheimnis ist groß
Das Geheimnis der Partnerwahl
Zwei unabhängige Jas
Entscheiden – eine Grundfertigkeit im Wahrnehmen der Führungsverantwortung
Einheit durch Ergänzung
Teamfähigkeit
Familie
Familiensystem – ein lebendiger, fragiler Organismus
Familie und Führungsverantwortung – gesteigerter Bedarf an Verfügbarkeit und Präsenz
Familie – Ort der Geborgenheit und Erholung
Familien- und Hausarbeit
Gesinnung
Veränderung vollzieht sich in unserer Grundhaltung
Unsere Gesinnungen bestimmen unser Tun
Halt
Grenzen setzt mein Herz im Zwiegespräch mit Gott
Unser Partner ist Wächter vor unserem Abgrund
Du stellst meine Füße auf weiten Raum – göttliche Grenzerweiterungen
Führen heißt strukturieren
Intimität
Intimität als göttliches Geschenk
Die Hingabe einer Liebenden
Übertriebene Selbst- und Fremdkontrolle verleiten zum Pharisäismus
Wachstum unserer Fähigkeit zur Intimität in der Hingabe an Gott
Behandle Persönliches sachlich und Sachliches persönlich
Jesus
Wahrer Mensch
Wahrer Gott
Der Weg zu Gott
Gemeinde – Großfamilie Gottes
Kinder
Was wir an unseren Kindern lernen
Dem eigenen Hause gut vorstehen
Liebe
Eros – lichterlohes Reisigfeuer
Agape – stille Glut
Gott – die Quelle der Agapeliebe
Und wenn ich keine Liebe mehr habe?
Euer Einfluss reicht so weit, wie eure Liebe reicht
Lieben Sie Ihre Mitarbeitenden?
Mutter
Ein Weg des Dankens und des Vergebens
Neu
Opfer
Opfer bringen als Wahl
Opfer bringen, ohne Opfer zu sein
Portemonnaie
Gott kann mehr Verantwortungsbewusstsein und mehr Unbekümmertheit schenken
Familiengeldbeutelkultur
Geld und Geist
Quelle
Die Qualität einer Quelle
Für Paare in Führungsverantwortung wird die Ressourcenfrage zur Schlüsselfrage
Regeln
Regulierungen im Unternehmen
Der Sinn von Abmachungen
Sexualität
Eins werden in der Ergänzung
Sexualität – unser ganz persönliches Projekt
Sex und Führungsverantwortung
Treue
Spiritualität und Treue
Ehebruch ist Lebensbruch
Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren nach dem Prinzip »Treu und Glauben«
Unterordnung
Wer ist in einer Ehe der Boss?
Wie lösen wir Meinungsverschiedenheiten?
Vater
Vaterschaft – eine Investition, die sich lohnt
Wir
Schatten spendende Terebinthe
Xylon
Wachstumsringe
Gottes Ressource in uns
Ysop
Vergebung gewähren
Vergebung empfangen
Vertrauen muss neu geschenkt, kann nicht verdient werden
Zusammenarbeit
Was geschieht in der Zusammenarbeit?
Zusammenarbeit – wir stellen uns Gott als Mitarbeitende zur Verfügung
Einheit und Freiheit
Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch: unser Ringen um einen gemeinsamen Stil
Vertrauen als Grundlage der Zusammenarbeit
Ehepaare in Verantwortung
Teil II: Ehepaare in Führungsverantwortung
1. Zwei unabhängige Jas zur Aufgabe
Zwei unabhängige Jas zu einer Verantwortung
Halbherzige Entscheidungen
Opfer – Täter – Verfolger
Wer Ja gesagt hat, übernimmt Verantwortung
Vier vertiefende Fragen
Wie kommt jeder von uns zu seiner Stellungnahme?
Was ist, wenn ich mich nie entschieden habe?
Muss eine Entscheidung erneuert werden?
Was, wenn ein Auftrag ausläuft?
Wachstum in der Entscheidungskompetenz als Ehepaar
Und wenn ich gar keine andere Wahl habe?
2. Ehe im Spannungsfeld von Liebesehe und Auftrag
Die Streiterehe des Grafen mit seiner Gräfin
ICHTHUS – Ich tu’s
Ehe im Horizont des Reiches Gottes
Die Verschiebung vom Geber zur Aufgabe
Wenn das christliche Projekt Christus ersetzt
Die »Eheperson« erleidet einen Burn-out
Totale Abgrenzung
Beide fühlen sich im Stich gelassen
Wege zu einem gesunden Gleichgewicht
Zurück zur Quelle
Ideale loslassen und sich von Gott ein Zielbild für die Ehe schenken lassen
Sich abgrenzen lernen – wie Gott es will
Zurück zu den Anfängen
Segensspuren der Vergangenheit als Wegweiser für die Zukunft entdecken
Machen Sie Feierabend
Gottes Gnade macht unsere Identität als Paar aus
»Dass wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit« (Epheser 1,12)
3. Seinen Platz einnehmen – das Ehe-Lebensstil-Modell
Seinen Familien-, Arbeits- und Lebensstil erkennen und planen
Gott
Identität/Kindschaft
Ehe
Elternschaft
Ein Einschub: Unterstützung und Abgrenzung
Gegenseitige Unterstützung und Abgrenzung in unseren Berufen
Weitere Plätze
Arbeit mit dem Ehe- und Lebensstil-Modell
4. Gelassenheit und Vertrauen – Leiterehepaare unter Belastung
Druck von außen
Mangelnde Ressourcen
Konflikte
Konflikte meines Ehepartners
Tragen von Geschäftsrisiken
Erwartungsdruck
Projektionsfläche
Kapazitätsgrenzen
Ratlosigkeit
Schweigen müssen – innere Spannungen aushalten
Geistlich angefochten
Druck von innen
Reaktivierung innerer Stressmuster
Wie Ehepartner mit Druck umgehen
Der Ehepartner als Druckventil
Zwei subjektive Realitäten
Wirken aus dem Hintergrund
Entlastende Angebote
Zwei unabhängige Jas
Keine Überidentifikation mit unserer Verantwortung
Inneren Druck abbauen
Trialogischer Druckabbau
Unsere Hilflosigkeit Gott hinhalten
Drucksituationen singularisieren
Gelassenheit empfangen
Gottes konkrete Ratschläge erbitten
Belastbarkeit als Frucht des Heiligen Geistes
Entlastung durch den Ehepartner
Entlastung durch andere Menschen
5. Flexibilität und Verlässlichkeit
Flexibilität
Verlässlichkeit
Schalom für Paare in Verantwortung
Von Gott Impulse für Flexibilität bzw. Verlässlichkeit empfangen
Flexibilität und Verlässlichkeit als Lebensstil
Als Paar Ergänzung leben
6. Autorität und Dienstbereitschaft
Autorität ausüben
Zepter oder Hirtenstab
Paarkraft verdoppelt die Autorität, ungelöste Ehekonflikte schwächen sie
Ungelöste Ehekonflikte untergraben Autorität
Heilung für das Ehepaar – Heilung für das Unternehmen
Was die Macht mit einem macht, wenn man nichts macht
Dienen
Der gute Hirte
Ergänzung als Paar
7. Genuss- und Leidensfähigkeit
Ganzheitlich genießen
Genuss für Leib und Seele
Verzweiflung hinter der Ästhetik
Wachsen in der Leidensfähigkeit
Das Beste aus der Realität machen
Genuss- und leidensfähige Leiterpaare
Genießende Leitende sind genießbare Vorgesetzte
Leidensfähige Leiterpaare
8. Segensreich scheitern
In allem versucht wie wir – doch ohne Sünde
Wir scheitern
Wie aus Scheitern Segen entsteht
»Weide meine Schafe«
Ehescheidung: Transparenz und Konsequenz
»Ich lasse sie in die Wüste gehen, und dann werde ich ihr zu Herzen reden«
Schluss: Da sein, wo Christus ist
Über den Verlag
Manfred und Fleurette Engeli-Méroc in dankbarer Verbundenheit
Einleitung
Wir schreiben dieses Buch für Ehepaare, die in irgendeiner Form Verantwortung tragen: für Familienfrauen, die eben einen Telefonanruf bekommen haben: »Schatz, es wird heute wieder später, fangt doch mit dem Essen schon mal an«, und für Geschäftsleute, die sich gerade mit schlechtem Gewissen vom Abendessen abgemeldet haben.1
In unserem Blickfeld sind Pastoren, Verkaufsleiterinnen, Schulleiter, Politikerinnen, Vereinspräsidenten, Pflegedienstleiterinnen, Haus- und Jugendkreisleiter.
Wir denken an Mütter, deren Ehemänner nach Hause kommen, sich in den Sessel fläzen und sich wie ein defekter Lastwagenreifen gebärden, dessen Luft mit lautem Zischen ausströmt. Zum Beispiel Karin: Mit der Firma ihres Mannes, der eine Druckerei mit vierzehn Angestellten führt, will sie auf jeden Fall nichts mehr zu tun haben: »Ich grenze mich konsequent ab«, sagt sie überaus bestimmt, »ich will nicht einmal wissen, was dort läuft. Sonst werde ich wieder in alles hineingezogen.« Karin ist permanent bemüht, zwischen sich und dem Geschäft ihres Mannes eine Brandmauer hochzuziehen, und sie baut an ihrer eigenen Welt. Doch was kühlt sich dabei in ihrer Beziehung noch weiter ab?
Wir denken an ausgepumpte Geschäftsführer, die, spätabends heimkommend, in den Kühlschrank langen, sich nach dem zweiten Bierchen ins Schlafzimmer schleichen, die Ehefrau eindeutig zweideutig berühren und darauf unmissverständlich zu verstehen bekommen, dass heute nichts mehr geht.
In den Sinn kommt uns auch Bea, die lange auf einen Termin in ihrem Unternehmen hingearbeitet hat, um ein ausgereiftes Projekt zu präsentieren. Ausgerechnet jetzt ist der Jüngste krank und ihr Mann kann seine Praxis unmöglich verlassen.
Und dann sehen wir eindrückliche Paare vor uns, die ihre Aufgaben lustvoll miteinander gestalten, deren gemeinsame Verantwortung ihre Liebe vertieft und verfeinert, deren Paarkraft und Ausstrahlung andere Menschen ebenso wie ein gesegnetes Projekt inspiriert. – Dies ist ein Ehe- und zugleich ein Führungsbuch.
Unser Weg
Ich (Käthi) war ursprünglich Lehrerin, dann Familien- und Pfarrfrau. Nach einer persönlichen Klärungs- und Ausbildungsphase, wo ich in einem schmerzlichen Prozess immer wieder meinen Platz suchte, habe ich die Leitung einer Erziehungs- und Lebensberatungsstelle übernommen. Ich (Daniel) war ursprünglich Gemeindepfarrer und leite jetzt ein christliches Sozialunternehmen mit 300 Mitarbeitenden.
Am Anfang unserer Ehe kämpften wir mit manchen Schwierigkeiten. Das hat uns dazu bewegt, professionelle Hilfe zu suchen. Zuerst psychologische: Hier lernten wir, fair zu streiten, Vereinbarungen auszuhandeln und unsere Bedürfnisse zu erkennen. Mehrere Jahre später entdeckten wir für unsere Ehe einen seelsorgerlichen Ansatz: Hier erfuhren wir, wie Gott unsere große Unterschiedlichkeit zu einem neuen Ganzen koordinierte. Wir erlebten uns immer mehr als »Einheit in der Ergänzung«.2
Unser Fokus liegt heute nicht mehr so sehr auf zwei unabhängigen Persönlichkeiten, sondern auf dem Geheimnis des Miteinanders in der Ehe. (Gerade diese Haltung trug zur weiteren Entfaltung unserer eigenen Persönlichkeiten bei.) Wir lernten zudem, unsere Bedürfnisse immer besser bei Gott stillen zu lassen und das Gegenüber aus unseren Forderungen zu entlassen. Das hatte zur Folge, dass wir unsere inneren Buchhaltungen abschafften, wo wir gegenseitig Liebesdienste aufgerechnet hatten. Das hat uns eine große Freiheit gegeben. Damit ist auch unsere Liebe zueinander weiter gewachsen. In der Verantwortung vor Gott können wir beide auch immer besser unseren eigenen Platz ausfüllen. Heute sind wir nebenberuflich gemeinsam in der Eheseelsorge tätig.
Keine Ideologie, sondern Gottes liebevolles Design für Ihre Ehe
Wir sind beide berufstätig und tragen Führungsverantwortung. Dieses Arbeitsmodell ist für uns in unserer jetzigen Lebensphase richtig. Kopieren Sie es bitte nicht! Lassen Sie sich auch nicht von einer progressiven oder konservativen Ehe- und Familienideologie leiten: Gott hält sein liebevoll einmaliges Projekt Ihrer Ehe in Führungsverantwortung bereit und wird Sie dabei mit Ihren Ideen und Fragen mit einbeziehen. Dazu soll dieses Buch eine Hilfestellung sein.
Unser Eheleben, wie Gott es sich gedacht hat, ist ein Trainingscamp für unsere Führungsaufgaben. Umgekehrt gilt: Wer Führungsverantwortung so wahrnimmt, wie Gott es sich gedacht hat, erwirbt sich Haltungen, die auch der Ehe zugute kommen. Das war bei Reinhold so: In seinem Betrieb war für ihn Durchsetzungsfähigkeit kein Problem; er sagte klar, wo es lang ging. Zuhause war er eine Mischung aus Giftzwerg und Pantoffelheld. »Sagen Sie mir, warum es überall funktioniert, nur nicht zuhause in meiner Familie!«, meinte er einmal verzweifelt. Wir schauten zusammen genau hin, ob es in seinem Führungsalltag denn wirklich so gut funktionierte. Reinhold erkannte, dass er sich als Führungskraft durch seine Weisungsbefugnis zwar »Autorität« verschaffte. Diese war aber rein formaler Natur, leitete sich bloß von seiner hierarchischen Machtposition ab. Allmählich lernte er dann, sein Führungsmandat als Mensch mit Stärken und Schwächen in der Autorität, die ihm von Gott zugesprochen wurde, wahrzunehmen. Seine wachsende natürliche Autorität veränderte dann nicht nur seinen Führungsstil im Beruf, sondern zunehmend auch seine Ehebeziehung. Er nahm seinen Platz als Vater und Ehemann bewusster, profilierter ein. Reinhold wurde zugleich kantiger, stärker und zärtlicher, weicher. Zunächst gab es mehr Konflikte, aber aus dem Zusammenstoß von ehelichen Gegnern wurde zunehmend echte Begegnung, die die Ehe markant vertiefte.
Was dem Leben letztlich Sinn gibt
Wir schreiben auf einem christlichen Hintergrund. Unser Ehe- und Führungsverständnis wurzelt in der Bibel; seine Mitte ist Jesus Christus. Allerdings ist persönlicher Glaube nicht Voraussetzung dafür, dass man dieses Buch mit Gewinn liest. Jeder Mensch trägt ja in sich die Sehnsucht nach dem, was dem Leben letztlich Sinn gibt. Wenn Sie nicht von Gott sprechen können, setzen Sie an dessen Stelle das, was Ihnen absolut heilig ist, etwa die Quelle allen Lebens, möglicherweise die Liebe, der Sie sich verpflichtet wissen.
Trialog
Wir werden Ehe- und Führungsthemen immer wieder in ihrer Beziehung zu dieser übergeordneten, geistlichen Ebene bewegen. Wie kann die Ressource »Gott« für Führung und Ehe fruchtbar gemacht werden?
Lösungen auf der Ebene der Haltungen
Wir weisen dabei konsequent darauf hin, dass heilsame Veränderungen und Lösungen immer zuerst im Herzen geschehen. Gott verändert uns von innen her. Der Ansatz zu Veränderungen in unserer Ehe geschieht in unseren Gesinnungen und nicht in der Veränderung äußerer Faktoren. So war es bei Björn: Wie hat er sich doch mit seinem Zeitmanagement abgemüht! Doch selbst ein Seminar zum Thema und die Umstellung auf einen digitalen Kalender, der mit seinem Laptop verknüpft war, hat kaum etwas gebracht. Eines Tages hat er sich gefragt: Wem gehört eigentlich meine Zeit? Meinem Unternehmen? Mir selbst? Meinen Kindern? Meiner Frau? »Ich verfüge über meine Zeit, sie gehört mir«, war sein Schluss. Diese Sichtweise wurde ihm mit der Zeit jedoch immer fragwürdiger. Welchem Teil von mir gehört die Zeit? Meinem Ehrgeiz, meiner genießerischen Ader, meinem schlechten Gewissen, meinem Verantwortungsgefühl, meiner Angst vor den Mitbewerbern, meiner Bequemlichkeit? »Können sie sich vorstellen, dass ihre ganze Zeit Gott gehört?«, fragte ich ihn im Gespräch. »›Meine Zeit steht in deinen Händen‹, meinen sie das so?« »Ungefähr«, sagte ich. »Aber dann würde ja Gott mitmischen, wenn es darum geht, wie ich meine Zeit einsetze.« »Was wäre dabei so schlimm? Er liebt sowohl sie als auch ihre Frau, sogar ihr Unternehmen ist ihm nicht egal.« »Also gut, meine Zeit gehört Gott und er darf mir Impulse geben, wie ich diese einteile«, Björn wirkte dabei entschlossen und neugierig zugleich. »Das ist eine neue Überzeugung.« »Ja, das will ich, aber was heißt das konkret?« »Wichtig ist, dass sie erst einmal in diese neue Gesinnung eintreten. Und dann werden wir sehen, wie sie darin laufen können.« – Erstaunlich war, dass sich sein verändertes Zeitmanagement nicht nur auf seinen Berufsalltag, sondern auch auf die Paarbeziehung auswirkte. Nein, es ist eigentlich nicht verwunderlich: Veränderungen in unserer Gesinnung wirken sich auch auf andere Lebensbereiche aus.
Ein Ehe-ABC und ein Führungsbuch
Ehepaare, die Verantwortung tragen, sind ganz gewöhnliche Paare. Sie müssen alle Herausforderungen durchbuchstabieren und können alle Wachstumsschritte vollziehen wie jedes andere Paar auch. (Unsere Grundkonflikte als Paar liegen nie in der Tatsache begründet, dass wir Leitungsverantwortung wahrnehmen. Sie werden aber durch den Druck und die Herausforderungen, die mit diesen Aufgaben verbunden sind, manifest und verstärkt.) Deshalb bildet ein Ehe-ABC den ersten Teil dieses Buches. Immer wieder weisen wir dabei darauf hin, wie diese Erfahrungen auch für den Führungsalltag fruchtbar gemacht werden können.
Im zweiten Teil beschreiben wir Wachstumsschritte, die jedes Paar in Führungsverantwortung lernen kann. Dieses Buch ist aus der Beratung von Paaren entstanden. Wir berichten darin auch von unserem eigenen Weg. Die anderen Beispiele sind im Kern wahr, wir haben sie aber so abgeändert, dass die jeweiligen Personen nicht erkennbar sind.
Für und vor wem lese ich dieses Buch?
Noch etwas zu Ihrer Haltung beim Lesen: Sie können das Buch gewissermaßen für Ihren Ehepartner lesen und dabei für alles eine Bestätigung finden, was Sie Ihrem Mann, Ihrer Frau schon immer vorgeworfen haben. Endlich bringt es jemand auf den Punkt!
Wir schlagen Ihnen eine etwas andere Haltung vor. Fragen Sie sich beim Lesen immer wieder betend: Gott, wo redest du zu mir? Welches Angebot machst du mir damit? Wie kommst du mir zur Hilfe? Was nimmst du mir damit ab? Wo möchtest du es uns leicht machen? Wo stellst du mich heilsam in Frage? Sie merken, aus der Lektüre dieses Buches sollen weder Waffen geschmiedet werden, noch soll es Ihnen (neue) Lasten auflegen. Stattdessen möchten wir Ihnen auf jeder Seite die große Einladung unseres ehe- und unternehmerfreundlichen Gottes mitteilen:
»Kommt zu mir, all ihr Geplagten und Beladenen: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanft und demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele« (Matthäus 11,28/29).
Wir danken für die unkomplizierte, zielführende Zusammenarbeit mit David Neufeld, der uns als Verleger ermutigt hat, ein Buch zum Thema Ehe und Verantwortung zu schreiben. Er hat auch, zusammen mit Dr. Walter Lerch (Schiers/Schweiz), das Lektorat übernommen. Wir danken dem Kirchenrat der Evangelischen Landeskirche Graubünden und der Stiftung Jacques Bischofberger für die Druckkostenzuschüsse.
Daniel Zindel und Käthi Zindel-Weber
1Wir haben die Themen dieses Buches Abschnitt um Abschnitt durchdiskutiert und dabei miteinander gerungen, gelegentlich gestritten, gelacht und auch für das werdende Buch gebetet. Ich (Daniel) habe das Manuskript im Entwurf aufgesetzt, gemeinsam sind wir es nochmals durchgegangen, und zwar während eines Sommermonats in Südwestengland. Einigen cornischen Impressionen werden Sie im Verlauf der Lektüre begegnen.
2Manfred Engeli, Finale Eheseelsorge – Konzepte und Praxis, Scesaplana, Seewis 32011. Dr. Manfred Engeli ist Ehe- und Familientherapeut, sein Eheverständnis und der von ihm entwickelte Ansatz der Finalen Eheseelsorge haben uns maßgeblich geprägt.
Teil I: Ein Ehe-ABC
Abhängigkeit
Es war für mich (Daniel) eine der größten Entlastungen, als mir bewusst wurde, dass ich nicht für das Glück meiner Frau zuständig bin. Unabhängigkeit von Menschen lässt einen atmen. Freiheit in der Ehe ist eine Voraussetzung, damit die Liebe gedeiht. Fehlt die Freiheit, wird die Ehe zum Gefängnis. Anfangs fühlte ich mich für das Wohlergehen meiner Frau verantwortlich. Ich hatte ein inneres Pflichtgefühl, sie zufrieden stellen zu müssen. Wenn ihr eine Wanderung, die ich geplant hatte, nicht gefiel, fühlte ich mich schuldig. Wenn sie mir ein Problem präsentierte, meinte ich, es sofort lösen zu müssen. Die große Erleichterung trat dann ein, als ich merkte: Ich bin in erster Linie Gott gegenüber für mein eigenes Tun und Ergehen verantwortlich. Die Beziehung zu ihm hat erste Priorität. Er stillt letztlich meine Bedürfnisse und auch die meiner Frau. Ihr Job ist es nicht, mich zu befriedigen. Wunderschön, wenn sie es tut, aber ein Anrecht darauf habe ich nicht.
Das war auch meine (Käthis) Entdeckung, dass mein Mann letztlich nicht für mein Glück zuständig ist. Wir lernten Schritt für Schritt, die durch den Partner unbeantworteten Wünsche und Sehnsüchte zwar weiter wach zu halten, sie aber bei Gott zu deponieren und uns von ihm beschenken zu lassen oder auch eine gewisse Zeit der Leere auszuhalten. Wir wurden so abhängig von Gott und in einer guten Art unabhängig voneinander. Gerade aus dieser neu gewonnenen Freiheit heraus konnten wir uns einander echt zuwenden.
Der Mythos der Unabhängigkeit
Abhängig zu sein, ist für uns moderne Menschen sehr herausfordernd. Seit dem Zeitalter der Aufklärung heißt es: Wage es doch, aus deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit auszusteigen. Gebrauche dazu deine Vernunft! Was leierst du bei einem heraufziehenden Gewitter zu deinem Schutz den Rosenkranz herunter oder liest im Bibelbuch? Lies das Buch der Natur und ziehe daraus die richtigen Schlüsse. Entdecke das Naturphänomen der Elektrizität und baue einen Blitzableiter. – Der autonome Mensch, der sich so von »Gott« befreit, wird säkular und mündig. Was hat seine »Mündigkeit« hervorgebracht? An der Oberfläche enorm viel. Wir Menschen haben auf der Ebene der Naturwissenschaften und der Technik Erstaunliches geleistet, im Bereich des Machbaren (des Verhaltens) ist uns viel gelungen.
In der Beziehung zu uns selbst, in Paar-und Familienbeziehungen, als Gemeinschaft sind wir nicht weiter gekommen. Im Gegenteil. Hier, wo es um tiefere Schichten unseres Seins geht, um das, was sich in unserer Gesinnung abspielt, scheinen wir aufgeklärten Menschen zu verkümmern: Nachhaltige, verlässliche und glückliche Beziehungen sind selten geworden und die Emanzipation von der vertrauenden Abhängigkeit von Gott hat uns in neue Verstrickungen geführt: Entweder ist an ihre Stelle die Abhängigkeit von Menschen getreten oder wir leben ganz auf uns selbst fixiert. Unser Gott sind jetzt die eigenen Lust- und Unlustimpulse: Sie steuern unser Verhalten. Die zwölf Gebote sind auf zwei reduziert worden: Lustgewinn und Schmerzvermeidung. Damit wird das Individuum, losgelöst von Gott und der Gemeinschaft, Sklave seiner selbst.
Auf Gott und den Mitmenschen bezogen
Wir können also nicht nicht abhängig sein, so wie wir nicht nicht kommunizieren können. Wir sind es immer, entweder von Gott, von anderen Menschen oder unserem Ego. Warum? Weil wir von unserem Wesen her auf Beziehung angelegt sind. Wir sind als Säuglinge am Gegenüber unserer engsten Bezugspersonen erst richtig Mensch geworden. Jemand hat uns das Leben geschenkt, uns gesäugt und genährt, beschützt und gereinigt, uns das Sprechen und den aufrechten Gang gelehrt. Wir sind als Empfangende und Schenkende geschaffen. Mensch sein heißt, Beziehung zu leben. Dies umfasst neben der horizontalen, zwischenmenschlichen Ebene auch eine vertikale: Wir sind auf ein höheres Du hin angelegt: »Und Gott schuf den Menschen als sein Bild; als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie« (1. Mose 1,27). In diesem Satz aus dem ersten Kapitel der Bibel kommen die menschliche und die göttliche Beziehungsdimension zusammen.
Dreierbeziehung
Diese Tatsache hat große Bedeutung für die Ehe. Wir sind der Überzeugung, dass unsere Ehebeziehung in unserer Spiritualität aufgehoben sein muss. Es muss in unserem Leben etwas Höheres und Heiligeres geben als unseren Partner. Die Quelle, aus der alle Qualität, Liebe und tiefe Freude fließt, entdecke ich nicht in meinem Partner. Wir erleben das als sehr entlastend und ermutigend. Die Beziehung zu Gott, der Quelle des Lebens, hat für uns beide erste Priorität. Ob wir miteinander alt werden, wissen wir nicht. Aber dass der ewig junge, lebendige Gott uns treu zur Seite stehen wird, davon sind wir überzeugt.
Damit wird unsere Ehe zur Dreierbeziehung, unser Dialog erweitert zum Trialog. Mann und Frau leben sowohl die Beziehung miteinander als auch die Beziehung zu Gott. Es entsteht damit ein Beziehungsdreieck.3 Von der göttlichen Quelle her werden Mann und Frau genährt, geliebt, ermutigt. Sie werden korrigiert und empfangen Vergebung. Diese göttlichen Ressourcen machen Mann und Frau für eine tragfähige Liebes- und Lebensbeziehung bereit.
Was gewinnen wir als Paar durch diesen Ansatz für unser Amt in der Verantwortung? In der Ehe können wir lernen, uns aus Verstrickung oder gar unguter Verschmelzung mit dem Partner zu lösen und in die Freiheit vor Gott hineinzuwachsen. Wir entdeckten dabei immer mehr, dass wir dem anderen Zuwendung schenken können, ohne etwas zu erwarten. Unabhängigkeit ist für Leitende unerlässlich. Wer an Menschen gebunden ist, weil er sie zufrieden stellen möchte, gar ihre Anerkennung braucht oder sogar Angst vor ihnen hat, kann nicht wirklich führen. Die Abhängigkeit von Gott und damit die Freiheit von Menschen verleihen uns den unbestechlichen Blick für unsere Verantwortung, ein klares, sachbezogenes Urteil und freie Handlungsfähigkeit.
3Manfred Engeli, a. a. O., 14. Dieses Beziehungsdreieck entfaltet er in seinem Buch: Makarios – Der Weg, ein glücklicher Mensch zu werden, Neufeld, Schwarzenfeld 32014.
Beten
Eine Beziehung lebt vom gegenseitigen Austausch. Sie ist Nehmen und Geben, Empfangen und Schenken, Geliebt werden und Lieben. Gebet ist Gesprächsaustausch mit Gott. Beten ist Beziehung, keine religiöse Pflichtübung. Beten ist das Empfangen göttlicher Liebe und meine Antwort auf seine Liebe. Beten ist Ausdruck davon, dass der christliche Glaube keine Buchreligion, sondern ein Beziehungsglaube ist. Wir haben hier nicht den Raum, das Geheimnis, den Reichtum und die facettenreiche Fülle des Gebetes zu entfalten. Doch möchten wir einige Punkte herausgreifen.
Beten stärkt die Selbstwahrnehmung
Ein Ehepartner, der im Zwiegespräch mit Gott lebt, bekommt neben der Möglichkeit zum ehelichen Beziehungsaustausch die Beziehungsmöglichkeit mit Gott. Zu den menschlichen Ressourcen, die uns als Paar gegeben sind, treten die göttlichen Möglichkeiten und Lösungen hinzu. Wer sich im Gebet Gott zuwendet und sich von ihm lieben lässt, lernt sich mit seinen Stärken und Schwächen besser kennen. Das Gebet stärkt unsere Selbstwahrnehmung. Wer betet, ist besser in sich zu Hause, wird wacher und liebender. Warum? Weil er die göttliche Quelle kennt und lernt, sich daraus stillen zu lassen. Er wird damit weniger anspruchsvoll, weniger fordernder. Wie das konkret aussieht?
Beten ist Psychohygiene
Manchmal lasse ich (Daniel) mich, wenn es mir nicht so gut geht, auf unserem Sofa fallen, bitte Gott um Ermutigung oder Vertrauen. Ich gebe ihm meine Ängste ab, etwa die, dass ich oder ein Angehöriger an Krebs erkranke. Oder ich lasse meinen Frust darüber abfließen, dass meine Frau eine Abmachung nicht eingehalten hat. Möglicherweise bekenne ich ihm eine Schuld, die mir bewusst geworden ist. (Es war nicht in Ordnung, den Termin für den Einkauf eines Snowboards, den ich mit meinem Sohn vereinbart hatte, zum zweiten Mal wegen eines Geschäftstermins zu verschieben.) »Schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist unsere Zuflucht« (Psalm 62,9). Alle seelischen Inhalte können wir vor Gott ausbreiten. Gott ärgert sich nicht grün und blau. Er wird auch nie rot vor Scham. Nie wird er gelb vor Neid, weil er nur das Beste für mich will. Er ist ja verstehende und schenkende Liebe. Er ist ja Wahrhaftigkeit, die uns in die guten Ordnungen zurückführen will.
Manchmal erzähle ich (Käthi) meinem Mann etwas aus der Tiefe meines Herzens. Doch was mich so berührt hat, nimmt er vielleicht gar nicht auf. Er geht einfach darüber hinweg. Dann fühle ich mich unverstanden. Es schmerzt mich, dass wir das nicht teilen können. Doch ich habe gelernt, diesen Schmerz im Gebet Gott zu bringen und dabei zu erfahren, dass er mich in der Tiefe versteht. Das erfüllt mich mit Frieden und der Gewissheit, dass ich nicht zu kurz komme. Das ist für mich und für uns beide effizienter, als wenn ich aus meiner Verletzung heraus Streit beginne.
Göttliche Supervision und Stillung im Gebet
Wenn ich (Daniel) so meine seelischen Inhalte vor Gott ausgebreitet und bei ihm losgelassen habe, beginne ich innerlich zu hören: Gott, was hast du auf dem Herzen für mich? Wie beurteilst du diesen Streit? Ermutige mich doch durch ein Wort von dir! Weise mich zurecht, wo ich daneben liege! Was mir in solchen Zeiten der Stille und Stillung zufällt, hat unterschiedliche Qualität.4 Manches erkenne ich als eigene Gedanken und Gefühlsinhalte. Anderes wieder hat eine Klarheit und Feinheit, die ich als göttliche Impulse deute. Die betende Zweisamkeit mit Gott baut innerlich auf. Sie stillt unsere tiefsten Bedürfnisse in einem Maße, wie es unser Partner nie geben kann. Die Lektüre in der Bibel ist mir dabei eine große Unterstützung. (Gott spricht viele Sprachen, seine Muttersprache ist die der Bibel.) Gerade dem Lesen der Psalmen, des Gebetbuches Jesu, kommt eine große Bedeutung zu, weil darin alle Emotionen vor Gott zur Aussprache kommen, wenn Eheleute »Krieg und Frieden« ihrer Beziehung durchleben.
Negative Gefühle abfließen lassen
Betende Ehepaare lernen, negative Gefühle und Gedanken bei Gott abfließen zu lassen. Sie erbitten im Gebet Geduld, Barmherzigkeit, Humor, Liebe und Verständnis. Sie empfangen von Gott neue Gefühle, entscheiden sich dafür und versuchen, darin zu laufen. Wo in einer Ehe gebetet wird, findet eine Entschlackung zwischenmenschlicher Verletzungs- und Abnutzungsgefühle statt. Das ist die Sauerstoffzufuhr göttlicher Liebe.
Betende Ehepartner sind Frauen und Männer, die die Verantwortung für ihre Gedanken und Gefühle übernommen haben und so Psychohygiene vor Gott betreiben. Sie haben aufgehört, den anderen für das eigene Ergehen verantwortlich zu machen. Das Gebet, in dem jeder Partner für sich vor Gott ungute Dinge bereinigen kann, ist die Alternative zu unseren unfruchtbaren ehelichen Interaktionszirkeln, wo wir Schuld verschieben: »Weil du …, habe ich halt …« »Wenn du nicht …, hätte ich auch nicht …«
Als Ehepaar gemeinsam beten
Es liegt eine große Chance darin, wenn wir gemeinsam beten. Wir sind darin allerdings erst Anfänger. Das hat manche Gründe: Wir mussten uns zu Beginn unserer Ehe von einer christlichen Prägung lösen, wo man im gemeinsamen Gebet indirekt kommunizierte: Die Stimme an Gott richtend und dabei auf den anderen zielend, sagte man Sachen, die man sonst, in einem offenen Gespräch, verschwieg. Wir misstrauten daher dem gemeinsamen Gebet. Wir wollten direkte Kommunikation, eine faire Streitkultur. Das war damals gut so. Vermischt damit war bei mir (Daniel) eine große Zurückhaltung – wir können es auch Behinderung nennen –, Intimität in meinen Gefühlen zuzulassen. (Und echtes gemeinsames Gebet schafft ja gerade eine große Nähe.) Heute merken wir, wie es uns verbindet und gut tut, wenn wir Gott gemeinsam danken oder eine Not vor ihn bringen können. Oder es macht uns wieder frei, wenn wir im Gebet unsere festgefahrenen Positionen abgeben und ihn um Rat bitten können.
Ich (Käthi) erlebe das gemeinsame Gebet kraftvoller, als wenn ich alleine bete. Es ist ein Zeuge dabei. Und wir sprechen laut. Mir scheint, dass mehr Kraft und Zielgerichtetheit in unserem Beten ist. Wir machen im Gebet das gemeinsam Erkannte fest. Im gemeinsamen Gebet leben wir unsere Ehe als Beziehungsdreieck exemplarisch, der Trialog wird ganz konkret.
Konstruktiver Umgang mit Führungsfrust
Und wie wirkt sich Beten auf Führungsverantwortliche aus? Wer gelernt hat, seinen »Ehefrust« mit Gott zu bearbeiten – und zwar unabhängig von seinem Partner –, der wird auch fähig sein, seinen »Führungsfrust« mit Gott zu bewältigen. Wir werden später sehen, wie das Beten zu einer guten »Work-Life-Balance« beiträgt. Zudem sind Leitende, die gelernt haben, sich in der Stille vor Gott stillen zu lassen, weniger anfällig dafür, ihr durstiges Selbst durch Position, Macht, Leistung und Anerkennung durch Menschen zu stillen. Wer betet, ist nicht mehr der Nabel der Welt, sondern steht vor dem, der das Universum in Händen hält. Demut ist eine Voraussetzung für gutes Führen. Es ist irritierend, peinlich und für das Unternehmen gefährlich, wenn Führungsverantwortliche dauernd um ihr eigenes Ich kreisen und ihre Entscheidungen aus der Befangenheit ihrer »Egorotation« heraus fällen.
4Siehe auch: Daniel Zindel, Gestillt – Nachtgespräche mit David, Neufeld, Schwarzenfeld 22014.
Charakter
Damit bezeichnen wir unsere Art oder Unart. Jeder von uns hat seinen Charakter, ist eine Persönlichkeit. Wir sind originale Geschöpfe Gottes. Wir haben unsere genetischen Vorgaben. Wir sind in gesunden oder kranken Familien groß geworden. Wir haben an Modellen gelernt, was ein Mann oder eine Frau ist, wie ein Paar zusammenlebt, wie Kinder erzogen werden. Wir haben unsere Vorbilder – gute, schlechte, meist irgendwo dazwischen. Was wir geworden sind, ist die Folge unserer Erziehung, das Resultat unserer Selbsterziehung, die Auswirkung unserer Lernfelder, die Frucht von Gottes einmaliger Geschichte mit jedem von uns.
Unser Charakter ist noch nicht voll ausgebildet. Wir sind weiter formbar. Wenn Gott in der biblischen Symbolgeschichte den Menschen aus Erde macht, wird damit nicht nur gesagt, dass wir Erde (lateinisch humus) sind und wieder zu Erde werden. Der Mensch bleibt immer formbar wie Lehm. Plastizität, Formbarkeit gehört zu unserer Grundstruktur. – Und wer weiß, vielleicht werden wir älter und dabei sogar ein bisschen weiser (lateinisch homo sapiens)!
Ko-Evolution
Eines der größten Abenteuer unserer Charakterveränderung beginnt mit der nachhaltigen Bindung an einen Ehepartner. Bei der Partnerwahl haben unbewusste Kräfte eine Rolle gespielt: Gemeinsamkeiten haben uns fasziniert, unsere Gegensätzlichkeit zog uns an. In gewissen Bereichen passen wir zusammen wie Topf und Deckel. Es entwickelte sich ein Zusammenspiel und gemeinsame Muster entstanden. Wir können uns zu unserem Schaden in einer unguten »Kollusion« verzahnen (damit ist in diesem Zusammenhang das unbewusste Zusammenspiel eines Paares in unausgesprochenem Einvernehmen gemeint, sozusagen ein »geheimes Einverständnis«),5 zum Beispiel als Opfertyp, der sich mit einem gewalttätigen Grobian verbindet. Wir können uns im Guten optimal ergänzen und aneinander entwickeln.
Was hat meine Frau nicht alles aus mir hervorgelockt? Ich (Daniel) entwickelte an ihr Charaktereigenschaften wie Häuslichkeit, Freude am Kochen, Konfliktfähigkeit und Ehrlichkeit. In wievielen Gebieten ist sie meine Entwicklungshelferin gewesen! Ich (Käthi) habe Ausdauer und Mut entwickelt, weil mein Mann mich im Sommer wie im Winter auf alle Berge schleppte.
Unser Charakter erfährt durch die Ehe eine »Ko-Evolution«.6 Wir verändern uns an dem, durch das und mit dem Gegenüber. Jeder Wachstumsschritt, jede Veränderung eines Partners erfordert eine Anpassung des anderen. Es gibt kein größeres Flexibilitätstraining als eine dynamisch gelebte Ehebeziehung. Das überfordert uns oft, weil Charakterveränderungen Zeit brauchen, mit Leiden verbunden sind und wir es lieber gemütlich und bequem hätten.
Der Punkt der Anziehung wird zum Punkt des Konflikts
Unsere Not entsteht oft dort, wo eine Charaktereigenschaft unseres Partners, die uns zunächst fasziniert hat, uns zu stören beginnt, bis sich daran sogar eigenes Leiden entzündet. Ausgerechnet der Punkt der Anziehung wird jetzt zum Konfliktpunkt. Der tiefgründige, stille Denker entpuppt sich als »stummer Bock«. Die filigrane, zerbrechliche Sensible wird zur unberührbaren Mimose. Also beginnt sie zu bohren: »Hast du mir denn nichts zu sagen?« Darauf hin wird er noch bockiger. Er sagt kopfschüttelnd: »Du musst doch nicht immer so überempfindlich reagieren!« Was wiederum ihre Robustheit nicht gerade stärkt.
Was uns am Charakter des anderen stört, beginnen wir zu bearbeiten. Unsere Ehe verwandelt sich zuerst in eine ichbefangene Töpferei: Am Charakter des Gegenübers wird mit sanftem Fingerdruck subtil modelliert. »Schatz, meinst du nicht auch, du solltest es nicht immer so persönlich nehmen?« Natürlich verhärtet uns die gegenseitige Nörgelei, wir bilden Abwehrpanzer. Die Töpferei wird nun in ein Bildhaueratelier verwandelt und Mann oder Frau greifen zu Meißel und Vorschlaghammer. (»Wenn das noch einmal vorkommt, gehe ich«). – Unter Druck und Manipulation ändern wir unseren Charakter nie, wir passen uns nur vordergründig an. Der Humus für Charakterveränderungen besteht aus Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Geduld und Liebe. In einer Töpferei gedeiht eheliche Liebe schlecht, und Hammer und Meißel führen meistens zu ihrem Tod.
Tri-Evolution
Es war für uns ein echter Qualitätssprung in unserer Beziehung, als wir aufzuhören begannen (sic!), aneinander herum zu schrauben. Da war meinerseits viel Vertrauen notwendig, dass Gott den Charakter meiner Frau weiter ausgestalten wird. Aber wird Gott, der ja unsere Einheit baut, es zu meinen Ungunsten tun? Es war für mich (Käthi) ermutigend, zu sehen, dass mein Mann sich mir mehr zuwandte, mit mir freiwillig mehr unternahm und sich mir in seiner Tiefe mehr öffnete, nachdem ich aufgehört hatte, ihn unter Druck zu setzen und an ihm herum zu nörgeln.
Was wir hier beschreiben, ist mehr als die Dynamik einer »Ko-Evolution«. Es ist eine »Tri-Evolution«, weil Gott als Dritter im Bunde die Ehepartner einerseits in einer guten Art trennt und entflicht. Er verhilft jedem einzelnen zu seiner Entfaltung. Andererseits ist er ein Gott, der zusammenfügt. Er koordiniert und verbindet von höherer Warte aus die Ehepartner: Wir gestehen einander heute viel Freiheit zu und gehen davon aus, dass jeder von uns eigenverantwortlich mit Gott in ganz persönlichen Lernprozessen steht, die letztlich auch dem Gegenüber zugute kommen. Die Fokussierung auf Gott (und nicht auf die eigenen Bedürfnisse oder die Wünsche des Partners) ermöglicht Ehe- und Persönlichkeitswachstum. Das ist nicht nur sehr entlastend, sondern auch abenteuerlich, weil Gott radikaler verändert, als wir es uns gedacht haben.
Charakterentwicklung durch Leitungsverantwortung
Was bedeutet das für unsere Leitungsverantwortung, die unsere Charakterentwicklung mehr prägt, als wir denken? Wir werden zwar nicht immer etwas aus unserem Posten machen können, in jedem Fall wird jedoch der Posten etwas aus uns machen. Im Guten oder im Schlechten: Wir wachsen an unserer Verantwortung und können dabei unsere besten Kräfte und Gaben entwickeln. Wir sind unter Umständen aber auch dem Druck und der Deformation durch unsere Führungsaufgabe ausgesetzt. Uns umgibt vielleicht eine Führungs- und Geschäftskultur, die beziehungsfeindlich, gar eheschädigend ist. Zudem verlangt unser Führungsalltag Haltungen wie Schnelligkeit, Effizienz und Durchsetzungsfähigkeit um jeden Preis. Wir sind in einem Umfeld tätig, wo wir sachlich sein müssen, uns ja keine Blöße geben dürfen und immer Stärke demonstrieren müssen.
Diese Gesinnungen, die wir jeden Tag stundenlang trainieren, verbessern nicht gerade unsere Ehe- und Familientauglichkeit. Im Gegenteil, in der Ehebeziehung ist vielleicht Geduld gefragt, Nachgeben, Emotionalität, Verletzlichkeit. In der Ehe lasse ich die eigene Bedürftigkeit zu und nehme die Schwäche des Partners an. Je mehr wir im Führungsalltag solchen für die Ehe wenig hilfreichen charakterlichen Prägekräften ausgesetzt sind, desto wichtiger ist es, dass der Heilige Geist unseren Charakter prägt und umformt. (Je größer die »déformation professionelle«, um so wichtiger ist die »formation spirituelle«.) Durch Stille vor Gott, durch Bibellesen, durch das Zwiegespräch mit unserem Schöpfer und die Gemeinschaft mit anderen Christen bauen wir ehetaugliche Gesinnungen auf.
Auch wenn die Organisation, in der wir arbeiten, anders »tickt« als das Zusammenleben in Ehe und Familie, können wir anfangen, Selbst- und Sozialkompetenzen, die wir in der Ehe entdecken, auch im Unternehmen punktuell einzubringen. Als Leitende können wir sogar eine ganze Kultur umprägen. Eigentlich sind diese »weichen Faktoren«, die wir in einer Ehe lernen, auch für ein Unternehmen unerlässlich: Ich (Daniel) denke an einen unserer Mitarbeiter, der heikle Konflikte klar und ehrlich anspricht und dabei seinen Mitarbeitenden liebevoll zugewandt bleiben kann. Das hat er im Trainingscamp seiner Ehe gelernt.
5Jürg Willi, Die Zweierbeziehung – Spannungsursachen – Störungsmuster – Klärungsprozesse – Lösungsmodelle. Analyse des unbewussten Zusammenspiels in Partnerwahl und Paarkonflikt: das Kollusionskonzept, Rowohlt, Reinbek 162004.
6Jürg Willi, Die Kunst gemeinsamen Wachsens – Ko-Evolution in Partnerschaft, Familie und Kultur, Herder, Freiburg 2007.
Dialog
Die Ehe lebt vom Zwiegespräch, vom Wort (griechisch logos), das zwischen (griechisch dia) den Ehepartnern gewechselt wird. Tendenziell lässt sich sagen: »Männer reden mit ihren Frauen, um mit ihnen zu schlafen. Frauen schlafen mit ihren Männern, um mit ihnen zu reden.«7 Frauen sind versucht, ihre Männer im Dialog unter Druck zu setzen, während Männer die Tendenz haben, ihre Frauen in der Sexualität zu bedrängen. Druck und Forderung zeigen vielleicht durchaus Wirkung, machen aber aus einer Liebesbeziehung Arrangements: Jeder erfüllt willig bis widerwillig seine Plicht. Eine Zweierbeziehung lebt zwar vom Austausch, wo aber die Beziehung zum Tauschgeschäft einschließlich einer inneren Buchhaltung wird, stirbt die Liebe. Wie kommen wir von ehelichen Dienstleistungsabsprachen zu freiwilligen Geschenken? Wie entsteht ein Fluss von Rede und Gegenrede, wo wir uns als Paar in der Tiefe begegnen?
Vorhin ging es ums Beten. Der Apostel Paulus hat viel darüber nachgedacht und ist zu dem Schluss gekommen: »Wir wissen nicht, was wir eigentlich beten sollen« (Römer 8,26). Ähnlich ist es mit dem ehelichen Zwiegespräch, wenn es über den Austausch von Alltagsinformationen, organisatorische Absprachen und eingeschliffene Wortwechsel hinausgehen soll. Wir wissen es immer wieder nicht, wie wir uns als Ehepartnerin und Ehepartner durch Dialog in der Tiefe begegnen können.
Mehr als Kommunikationstraining
Wir ahnen, es braucht mehr als Kommunikationstraining. Aktives Zuhören lernen ist nützlich. Ebenso ist es hilfreich, wenn man in einer Unterhaltung zwischen Sach- und Beziehungsebene zu unterscheiden vermag. Und zwar beim Reden wie beim Zuhören. Ferner nimmt es im Gespräch Druck, wenn ich konstant von mir rede und mein Gegenüber nicht mit Du-Botschaften festnagle. Zudem ist es entlastend, wenn ich permanent davon ausgehe, dass der andere das, was er sagt, wirklich so erlebt, auch wenn meine Wahrnehmung völlig anders ist. Wir leben nun mal als Paar in zwei subjektiven Realitäten. Meine Frau trägt einen dicken Wollpullover und ich ein T-Shirt im selben Wohnzimmer. Sollen wir jetzt darüber zu streiten beginnen, ob es in der guten Stube zu warm oder zu kalt ist? (Die Hälfte aller ehelichen Reibereien entsteht genau über solchen sinnlosen Konflikten.) Schließlich soll jedes Paar sich auf die Spur kommen, wann und wo Ehegespräche mit Tiefgang am leichtesten entstehen. Spazieren, Spargelessen, Spielzeug aufräumen …
Trialog: Gott öffnet uns das Herz und löst unsere Zunge
Es kommt vor, dass wir das alles wissen und trainieren, aber das Zwiegespräch der Herzen gelingt doch nicht. Wir geben uns zwar auf der Verhaltensebene Mühe, aber auf einer tieferen Ebene stimmt etwas nicht. Einer von uns oder gar wir beide sind blockiert. Der eheliche Dialog kann damit beginnen, dass ich mein Unvermögen erkenne, mich wirklich zu öffnen – und damit auch angreifbar und verletzlich zu werden. Ja, so ist es, ich blockiere mich immer wieder. Ich bringe dieses Unvermögen vor Gott. »Gott, du siehst, wie ich mich eigentlich nach dem Austausch im Gespräch sehne und zugleich Angst davor habe. Ich möchte mehr Nähe und fürchte mich doch davor. Ich gebe dir jetzt mein Ungenügen und meine Angst ab. Gott, ich bringe dir auch meine Unlust zum Gespräch. Berühre mein Herz, löse meine Zunge, wecke mein Ohr.« Die innere Veränderung zur Gesprächsbereitschaft, für die jeder Ehepartner selbst verantwortlich ist und die nicht eingefordert werden kann, ist wie ein Vorspiel. Es weckt Lust auf das Gespräch. Gute Ehegespräche sind sexy. Es hat mit einer Wahl zu tun: Ich lasse mich jetzt auf den Partner, die Partnerin ein. Es kann auch sein, dass die Zeit noch nicht reif ist: »Nein, jetzt nicht, ich lese den Artikel fertig. In zwanzig Minuten machen wir uns einen Tee und nehmen uns Zeit füreinander.« Mir (Käthi) fällt es leicht, das mitzuteilen, was mir auf dem Herzen ist. Ich kann in Gesprächen leichter den Anfang machen. Also mache ich es. Warum soll ich warten, bis mein Mann beginnt? Ich beginne, er kommt dann schon.
Paulus, der nicht wusste, was er eigentlich beten sollte, schreibt dann weiter: »der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit wortlosen Seufzern« (Römer 8,26). Gehen Sie auch davon aus, dass Ihnen jemand zu Hilfe kommt, wenn Sie sich ehrlich auf ein Gespräch einlassen. Der Heilige Geist, der Meister der Kommunikation, will Sie im Gespräch unterstützen. Im Verlauf des Redens wird es ja manche Klippen geben. Sie werden nicht verstanden. Ihr Gegenüber geht nicht auf das ein, was Sie gesagt haben, oder verdreht Ihre Worte. Es gibt unzählige Momente, wo Sie sich übergangen, unverstanden fühlen könnten. Deponieren Sie diese Irritation oder Verletzung mit einem Stoßseufzer bei Gott. Lassen Sie sich von ihm Verständnis, Humor und Barmherzigkeit für Ihr Gegenüber zufließen. Gott ist auch Ihr Schutz, Sie müssen nicht sofort den Rückzug antreten.
Eigentlich ist der Dialog dann ein »Trialog«. Ich kann während des Redens mit meiner Ehepartnerin Ärger oder Frust bei Gott abfließen lassen oder mir von Gott Wachheit und Frische für die Begegnung erbitten und empfangen. Gott inspiriert, schärft und heilt mein Reden und Hören. »Gott, der Herr, hat mir die Zunge eines Schülers gegeben, damit ich den Müden zu helfen weiß mit einem Wort. Er weckt auf, Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre wie ein Schüler« (Jesaja 50,4).
Keine Konfliktvermeidung
Es könnte der Eindruck entstehen, dass wir uns einander nicht mehr zu stellen brauchen, wenn wir Gott auf diese Art und Weise in unsere Gespräche einbeziehen. Doch wir reden hier nicht frömmlerischer Konfliktvermeidung das Wort! Im Gegenteil: Gerade wenn wir die göttliche Dimension in unsere Dialoge einbeziehen, schaffen wir ein konstruktives Klima für harte und faire Auseinandersetzungen. Streitgespräche machen für uns nur Sinn, wenn aus dem Gespräch mit dem »Gegner« eine gute Begegnung entsteht, bei der kein Stachel zurückbleibt. Durch den »Trialog«, wo ich immer wieder zuerst selbst dafür sorge, dass ich mit mir im Reinen bin, wo beide Partner die Verantwortung für klares, wahres Reden in Achtung und Liebe für den anderen übernehmen, entsteht konstruktives Ringen. Dann gehen wir Konflikte ziel- und lösungsorientiert an und überschütten uns nicht gegenseitig mit unseren miesen Gefühlen.
Führen ist Kommunizieren
Kommunizieren ist ein wesentlicher und wichtiger Teil unserer Führungsverantwortung. »Hätte ich das doch lieber nicht gesagt«, so haben schon manche Leitende nach einem schwierigen Mitarbeitergespräch gedacht. Aber gesagt ist gesagt, jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung. »Warum habe ich nichts gesagt, gedacht habe ich es, ich Feigling.«
Reden hat seine Zeit und Schweigen hat seine Zeit (Prediger 3,7). Führen ist kommunizieren. Wir müssen das Richtige richtig sagen und am rechten Ort schweigen lernen. Ist es nicht eine ungeheure Chance, im Schonraum einer Ehe, wo man Fehler machen darf, in der eigenen Kommunikationsfähigkeit zu wachsen? Die einen lernen, im richtigen Moment zu schweigen und ihre Aggression Gott abzugeben. Andere lassen sich ermutigen, endlich einmal etwas zu sagen und Klartext zu reden. Eheliche »Trialoge« sind Trainingscamps für unsere Führungsgespräche.
7Jürg Willi, Psychologie der Liebe – Persönliche Entwicklung durch Partnerbeziehungen, KlettCotta, Stuttgart 52002.
Ehe
Was ist die Ehe? Eine Liebesbeziehung, in der Mann und Frau magisch voneinander angezogen und zueinander gedrängt werden? Das ist ein Teil von ihr, und doch wird zu zeigen sein, dass sich die Form und Qualität der Liebe im Verlauf der Ehe stetig wandelt. (Wo sind die Schmetterlinge im Bauch des Fünfundzwanzigjährigen ohne Bauch beim Fünfundfünfzigjährigen mit Bauch geblieben?) Eine Verbindung von Mann und Frau, die in der sexuellen Vereinigung das Einswerden leibhaftig (er)leben? Auch das ist die Ehe und man kann nur ahnen, wie gerade in dieser emotional-sexuellen Intimität, wo jeder Partner ekstatisch über sich hinaustritt, Mann und Frau sich gegenseitig Anteil an ihrem Wesen geben. Sie werden ein Fleisch. Ihre Persönlichkeitsanteile fließen ineinander. Ist die Ehe ein zivilrechtlich geregelter verbindlicher Zusammenschluss von einem Mann und einer Frau, die ihre Entscheidung mit ihrer Unterschrift dokumentieren? Auch das ist sie, mit allen juristisch geregelten Rechten und Pflichten, die damit verbunden sind. Ist die Ehe ein Zweckbündnis, um Nachkommenschaft und damit das Überleben zu sichern? Auch das ist sie; wir werden später noch über Kinder und Familie nachdenken. Ist die Ehe ein Angebot Gottes, eine unverwüstliche Schöpfungsordnung, von allem Anfang an schöpfungsmäßig angelegt, so wie Tag und Nacht, Sommer und Winter, Hitze und Frost es sind? Das ist sie auch, und Christinnen und Christen treten in diese göttliche Schöpfungsordnung ein, indem Mann und Frau ihr Jawort vor Gott und mit Gott geben. Diese Schöpfungsordnung verspricht Glück und Segen, aber auch Wachstumsschmerzen und Verzicht. Mit dem Schließen dieses Treuebündnisses wird die Zweierbeziehung als etwas Exklusives proklamiert. Wir stecken uns gegenseitig einen Ring an den Finger und drücken damit aus, dass wir einander treu sein wollen. Ehe wird so per Definition zur Langzeitehe, welche Außenbeziehungen ausschließt. Die »offene Ehe« ist ein Widerspruch in sich.
Dies Geheimnis ist groß
»Darum wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen und die zwei werden ein Leib sein« (Markus 10,7). Jesus nimmt die Aussage aus dem Alten Testament (2. Mose 2,24) bestätigend auf und kommentiert das Geheimnis der Ehe: »Somit sind sie nicht mehr zwei, sondern sie sind ein Leib. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden« (Markus 10,8–9). Man könnte davon sprechen, dass Mann und Frau sich zu einer »Eheperson«8 verbinden. Es entsteht eine neue »Person«, die immer mehr ihre Gestalt gewinnt. Paulus meditiert die gleiche alttestamentliche Aussage und kann nur staunend feststellen: »Dies Geheimnis ist groß« (Epheser 5,32). Wir meinen, dass alle diese Elemente zusammen die Ehe ausmachen. Es ist für uns müßig zu fragen, ob nun das erste Mal Sex, die Unterschrift vor dem Standesamt oder das Jawort vor dem Traualtar die Ehe konstituiere. Alle Elemente gehören wesentlich zusammen wie Wurzel, Stamm und Krone bei einem Baum.
Das Geheimnis der Partnerwahl
Das Geheimnis ist wirklich groß. Geheimnisvoll ist schon die Wahl des Ehepartners. Entscheidendes läuft unbewusst. Es geschieht mit uns. Vordergründig gibt es vielleicht viel Verbindendes, das uns anzieht. Wir haben ähnliche Interessen und gemeinsame Werte. Uns verbinden ähnliche Verletzungen aus der Vergangenheit. In der Tiefe aber halten wir unbewusst nach unserer Ergänzung Ausschau: Der Risikofreudige sucht die Sichere; die kreativ Chaotische ruft nach dem systematischen Ordnungsliebhaber; die Tempofreudige verknallt sich in den bedächtig Langsamen; der schweigsame Denker ist fasziniert vom warmen Wortwasserfall seiner Zukünftigen. Und umgekehrt! Und dann geschieht eine merkwürdige Entwicklung: Das ganz Andere, das mich einst an meinem Ehepartner fasziniert und angezogen hat, nervt jetzt plötzlich. Der Punkt der Anziehung ist gerade zum Punkt des Konfliktes geworden, der schmerzt. Im Abschnitt zur Charakterentwicklung (»Ko-Evolution«) ging es darum, wie wir darin reifen können, unsere Verschiedenheit anzunehmen und als Ergänzung zu betrachten.
Zwei unabhängige Jas
Wir werden diese unbewussten Prozesse der Partnerwahl nie ganz verstehen. Das Geheimnis ist groß. Jedoch ist es für eine reife Basis für eine gesunde Ehe wichtig, dass die Eheschließung auf zwei unabhängigen Jas gründet. Deren Zustandekommen ist ein Prozess, bei dem jeder Ehepartner einen individuellen Weg zurücklegt: Jeder Partner ist dabei in seinem Tempo prüfend, abwägend, fragend und betend unterwegs. Er horcht auf die Stimme seines Herzens und auf die Stimme Gottes. Er lernt, den Stimmen von Freunden und Verwandten oder der Gemeinde den angemessenen Stellenwert zu geben. Er macht die Erfahrung, unabhängig wählen zu müssen. (Und wenn er es jetzt nicht lernt, wird er diese verpasste Lektion irgendwann nachholen müssen.) Wollen wir frei bleiben, können wir unser Ja nicht vom Ja des anderen abhängig machen.
Auf dem Weg zu einer reifen Entscheidung begegnen wir möglicherweise unserer Angst, einen Fehler zu machen und später als Paar zu scheitern. Wir lernen dann vielleicht, Angst loszulassen und unser Grundvertrauen bei Gott zu stärken. Wir müssen uns auf eine Option unter vielen endgültig festlegen und entwickeln dabei den Mut, eine Entscheidung mit lebenslangen Konsequenzen zu treffen. Wir müssen alle Hintertürchen schließen; wer einen Bund schließt, bindet sich. Dabei wächst unsere Gesinnung auf dem Gebiet der Eindeutigkeit und Klarheit. Wir ahnen in diesem Entscheidungsprozess instinktiv, dass mit der Eheschließung Erfüllung und Lust, aber auch Verzicht und Leiden verbunden sind. Ich wähle also die Freude an einer verbindlichen Lebens- und Liebesbeziehung und den Schmerz, der ebenso damit verbunden ist. Diese Erkenntnis blitzt beim jungen Paar – wenn überhaupt – nur für einige Augenblicke auf. Meist erkennen wir die Trageweite unserer Entscheidungen erst viel später.
Entscheiden – eine Grundfertigkeit im Wahrnehmen der Führungsverantwortung
Entschiedenheit, die wir im Vorfeld einer Eheschließung gewinnen, wo wir prüfen, abwägen und endgültig beschließen, ist bedeutsam auch im Hinblick auf die Übernahme von Führungsverantwortung. Wir haben Mut und Vertrauen entwickelt, uns endgültig festzulegen und alle Notausgänge zu schließen. Wir haben gewählt und uns definitiv festgelegt. Punkt.
In einer multioptionalen Gesellschaft, in der man sich permanent mehrere Möglichkeiten offen lässt, ist dieser Schritt in die völlige Verbindlichkeit eine enorme Leistung. In einer Leitungsaufgabe müssen wir Entscheidungen treffen. Oft »makes or breaks« eine schwerwiegende Entscheidung einen Verantwortlichen. Wohl den Leitenden, die schon früh Mut und Vertrauen einüben konnten.
Einheit durch Ergänzung
Das Geheimnis der Ehe besteht darin, dass zwei eins werden und zugleich ganz sie selbst bleiben. Wie entsteht Einheit? Viele Ehepaare versuchen – besonders in der Anfangsphase –, Einheit herzustellen, indem sie die persönliche Eigenart und Originalität zugunsten der gemeinsamen Harmonie zurückstellen. Der seltenere Fall: Er gibt alle sportlichen Hobbys auf und wird vom wilden Mann zum gezähmten Häuslichen. Schon häufiger: Sie passt sich den Wünschen und der Dynamik ihres Mannes an und stellt eigene Anteile zurück.
Sollen wir wesentliche Teile von uns selbst zugunsten der Eheharmonie aufgeben? Geschieht dann unsere Paarentwicklung und die Stärkung unserer Einheit nicht auf Kosten unserer persönlichen Entwicklung? Unsere menschliche Lösung mit dem Ziel der Einheit ist Anpassung, Gleichmacherei, Uniformität. Oft weiß dabei einer von beiden nicht genau, was er letztlich will, und passt sich dem anderen einfach an.
Nach biblischem Denken entsteht Einheit ganz anders, nämlich durch das Zusammenführen von Gegensätzen im Sinne der Ergänzung. Unser Gott schuf den Kosmos in Polaritäten: Er schuf Tag und Nacht, Sommer und Winter, Mann und Frau. Dabei koordinierte Gott diese Gegensätzlichkeiten. Was für unsere große Welt gilt, gilt auch für die kleine Welt unserer Ehe: Paulus gebraucht für das Prinzip »Einheit durch Ergänzung« das Bild vom Körper, dessen verschiedenste Körperteile vom Kopf her koordiniert und zusammengefügt werden. Christus ist der Kopf der Eheleute, Koordination höherer Ordnung für ihr Miteinander, liebendes Gegenüber, das sie als Mann und Frau in ihrer Originalität aufeinander abstimmt.
Eigentlich geht es darum, dass sich Mann und Frau Christus zur Verfügung stellen und ihm sagen: »Da hast du mich! Ich möchte der Mann, die Frau für meinen Partner werden, wie du es dir gedacht hast; mache mich zu einem Geschenk. Baue du an unserer Einheit, wir können das nicht selber.«
Im praktischen Alltag stehen wir ja immer wieder vor ganz konkreten Fragen: Soll ich verzichten oder mich durchsetzen? Soll ich ein Bedürfnis zugunsten unseres Miteinanders zurückstellen? In diesen Fragen ist mein Blick in erster Linie auf Gott gerichtet und nicht auf meine Bedürfnisse oder die Forderungen des Ehepartners. Und so verzichtet die Frau auf den Gospelbrunch, den sie gemeinsam besuchen wollten, und entlässt ihren Mann zu seiner Biketour. Oder die Frau merkt, dass sie es ihrem Mann zumuten kann, mit den Kindern zwei Tage allein zu sein, und verreist mit ihrer Freundin zum Wellness-Wochenende. Wenn beide Ehepartner in Freiheit vor Christus ihr Tun und Lassen verantworten, wird das nicht nur ihre Einheit als Paar bauen, sondern auch ihre persönliche Entfaltung vorantreiben.
Teamfähigkeit
Team- und Ergänzungsfähigkeit sind angesichts von immer komplexeren Sachverhalten, die wir in unseren Organisationen zu bewältigen haben, eine Schlüsselkompetenz für Führende. Immer mehr wird Leitung von einem Gremium wahrgenommen. Der einsame, abgehobene Kapitän auf der Kommandobrücke ist nicht mehr die Symbolfigur des Leitens. Und wo kann Teamfähigkeit besser trainiert werden als in der Ehe?
Hier lerne ich, mich einzubringen oder zurückzunehmen, mich durchzusetzen oder zu verzichten. Was für ein inspirierender Führungsstil wird sich ergeben, wenn sich Führungskräfte als ergänzungsbedürftig und ergänzungsfähig erleben!
8»Was mit der Eheperson gemeint ist, ist nicht logisch erklärbar, aber intuitiv erfassbar und erlebbar, und viele Ehepaare können übereinstimmend antworten, wenn ich sie frage, wie es ihrer Eheperson gehe. Es ist hilfreich, die Merkmale einer Person auf sie zu übertragen: Sie wird von Gott geschaffen, und sie ›stirbt‹ beim Tod eines Partners; sie trägt einmalige, individuelle Züge; sie kann unentfaltet oder voll entwickelt sein; sie kann gesund oder krank sein; es kann ihr gut gehen, sie kann aber auch leiden.« Manfred Engeli, Finale Eheseelsorge – Konzepte und Praxis, 17.
Familie
Ehepaare, die Kinder haben, führen ein menschlich, fachlich, finanziell und geistlich anspruchsvolles Unternehmen. Bei Patchworkfamilien erhöht sich der Komplexitätsgrad noch erheblich. Aber beginnen wir von vorne: Durch die Geburt eines gemeinsamen Kindes wird ein Paar erweitert zu einer Familie. Es entsteht ein Familiensystem mit neuen Beziehungsmöglichkeiten. Alle Beteiligten bekommen neue Plätze. Die Liebhaberin und Ehefrau wird jetzt auch Mutter. Der Liebhaber und Ehemann wird jetzt auch Vater. Die Ehebeziehung bleibt zwar als die grundlegende Beziehung erhalten, sie prägt nachhaltig die Architektur, das Klima, die Qualität des Familiensystems. Zur Zweierbeziehung tritt indessen mit einem Kind eine weitere Quelle des Glücks und der Freude hinzu; Kinder sind wahrhaftig eine Gabe Gottes (Psalm 127,3; Luther).
Mit der Gabe eines Kindes entsteht andererseits aber auch zugleich eine neue Aufgabe: Grundlegende Bedürfnisse des ganz auf die Eltern angewiesenen Säuglings werden lauthals angemeldet und sollen gestillt werden. Der Säugling, der mit seinem Rhythmus den des inzwischen eingespielten Ehepaars durcheinanderbringt, braucht Schutz, Sorgfalt, Zuwendung, Liebe. Nicht nur ein größeres Geldkonto, auch ein größeres Liebes-, Gedulds- und Verzichtkonto wird für das Elternpaar notwendig. Das bringt viel inneres Wachstum der Eltern mit sich.
Familiensystem – ein lebendiger, fragiler Organismus
Mit jedem weiteren Kind verändert sich die Familie, sie wird reicher, vielschichtiger. Die Familie ist als System ständig in Bewegung, sie verändert sich von Monat zu Monat, Jahr zu Jahr. Wenn die Kinder älter und selbständiger werden, gar das Nest verlassen, wird das System wieder einfacher und durch die Familienarbeit werden weniger Kräfte gebunden. Wie viele »Stellenprozente« braucht es für eine ausreichende Abdeckung der Familienbedürfnisse? Reicht eine 50-Prozent-Stelle? Oder braucht es 120 Prozent? Jede Familie stellt ein originales Projekt dar, und jedes Ehepaar muss je nach Familienphase immer wieder miteinander vor Gott die Lösung auf folgende Fragen finden: Was braucht unsere Familie jetzt? Was ist unseren Kindern zuzumuten? Wo überfordern wir sie? Wo und wie stärkt unsere Zumutung an sie ihre Belastbarkeit? Was brauchen wir als Ehepaar, damit unsere Beziehung weiter wächst?
Warum gibt es in diesen Fragen keine Faustregel? Weil jede Familie ihr eigenes Maß an elterlichem Input braucht. Zudem stehen jeder Familie unterschiedliche Unterstützungssysteme zur Verfügung. Es macht einen Unterschied, ob eine Vollblutoma, ein Kindermädchen, eine Reinigungsfrau, ein Chauffeur und ein Gärtner verfügbar sind oder ob wir mutterseelenallein mit unseren drei Kindern in einer uns fremden Stadt Wurzeln schlagen müssen. Die Zahl der erforderlichen »Stellenprozente« ändert sich auch deswegen dauernd, weil die Familie ein lebendiger, zerbrechlicher Organismus und keine Maschine ist: Da erkrankt ein Kind ernsthaft; es treten unvorhergesehen schulische Schwierigkeiten ein; das Betreuungsangebot durch die Großmutter fällt weg; man erfährt plötzlich, dass man ungeplant ein weiteres Mal schwanger ist; der Arbeitgeber erhöht das wöchentliche Arbeitspensum; der Älteste kifft und hat die Berufsausbildung geschmissen.
Familie und Führungsverantwortung – gesteigerter Bedarf an Verfügbarkeit und Präsenz
Wir deuten es an dieser Stelle nur an: Einer der Konfliktpunkte bei der Übernahme von Leitungsverantwortung besteht für Ehepaare mit Kindern darin, dass zur bereits anspruchsvollen Erziehungs- und Familienarbeit eine Aufgabe (eigenes Unternehmen, Leitung einer Gemeinde etc.) hinzutritt, die in ihrer Dynamik einer Familie gleicht. Auch diese Aufgabe ist nur zum Teil planbar und mit viel Unvorhergesehenem verbunden: Ein verantwortlicher Mitarbeiter wechselt die Stelle; ein Konflikt im Team verlangt enge Begleitung, die wirtschaftliche Entwicklung erfordert die Anpassung des Businessplanes mit einschneidenden Maßnahmen, Wochenendklausursitzungen sind angesagt (während zuhause ein überforderter Ehepartner zu überleben versucht). Eine Familie zu haben, heißt, verfügbar und präsent zu sein. Leitungsverantwortung zu übernehmen, heißt, verfügbar und präsent zu sein. Beides zusammen verlangt einen gesteigerten Bedarf an Verfügbarkeit und Präsenz!
Familie – Ort der Geborgenheit und Erholung
Eine Familie setzt aber auch viele Kräfte frei und ist ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Natürlich, Familien- und Hausarbeit ist Arbeit; wir können uns, wenn wir aus dem Geschäft kommen, nicht einfach fallen lassen. Aber wir ziehen Schlips und Anzug aus, stülpen uns ein ausgewaschenes Shirt über und steigen in kurze Hosen, laufen barfuß über den Rasen.
In der Kleinkinderphase gab es für mich (Daniel) kein effizienteres Mittel zum Abschalten, als die Badewanne voll laufen zu lassen, mich mit zwei bis drei Kindern reinzusetzen und rumzuplantschen. Dabei generierte ich Geschichten – als Nebenprodukt regenerierte ich mich selbst. Das ganze Badezimmer stand in der Folge unter Wasser. (Wenn Sie mehr über die eheliche Dynamik infolge dieser jeweiligen Flutung eines Wohnungsteils erfahren wollen, blättern Sie zum Stichwort »Zusammenarbeit« …)
Familien- und Hausarbeit
Doch nochmals: die Familie ist auch ein Arbeitsplatz. Dafür müssen einigen von uns Männern erst einmal die Augen aufgehen. Derjenige, der auswärts einer Erwerbsarbeit nachgeht, sieht bei seiner Rückkehr in die Familie zunächst eher den Erholungs- und Regenerationsort. Fröhlich checkt er – seltener sie – ins Familienhotel ein, erwartet gar einen Willkommensdrink. Dabei stößt er aber auf eine Ertrinkende. Es knallt. (Die Explosion ist tatsächlich einem Cocktail entsprungen, allerdings nach dem Rezept Molotows. Das explosive Gemisch des Cocktails setzt sich aus zwei Bedürfnissen und zwei verschiedenen Ansprüchen zusammensetzt, geschüttelt und gerührt durch drei vitale Kinder.)
Bevor Sie sich nun beide hinsetzen und einen Plan aufsetzen, wie Sie Familien- und Hausarbeit neu aufteilen wollen, lesen Sie doch noch den nächsten Abschnitt. Ein Plan, der die Zuständigkeiten für erzieherische Aufgaben und die Arbeit im Haushalt verbindlich regelt, greift nur, wenn Sie beide in Ihrer Grundhaltung die Verantwortung auch für diesen Bereich des Zusammenlebens übernommen haben. Und zwar ganz. Von Herzen.
Gesinnung
Wir unterscheiden zwischen Verhalten im Sinne des konkreten Tuns und der Gesinnung, welche eine innere Haltung zum Ausdruck bringt. Das Tun ist sichtbar, die Gesinnung ist unsichtbar, verborgen im Herzen. Beides ist wichtig, die Früchte und die verborgene Wurzel, die sie hervorbringt.
Veränderung vollzieht sich in unserer Grundhaltung
Wir gehen davon aus, dass Gottes Ressourcen vor allem in der Stärkung und Veränderung unserer inneren Haltung zum Tragen kommen. Auf der Ebene des Verhaltens kommen wir mit unserem Training und unserer Disziplin selber recht weit. Unser Ansatz setzt nicht dort an, wo wir uns neue Verhaltensweisen antrainieren. Nicht dass das schlecht wäre, durchaus nicht. Wir sehen unseren Ansatz jedoch darin, dass wir lernen, wie Gott uns ungute Haltungen abnehmen und uns seine Gesinnung ins Herz legen kann. Gott ist primär ein Herzenstherapeut und »Gesinnungsveränderer«, erst sekundär ein Verhaltenstherapeut. Paulus drückt das so aus: »Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes« (Römer 12,2).
»Einmal im Monat bringe ich meiner Frau einen Blumenstrauß mit.« Harald trifft diese Entscheidung und trägt diese Maßnahme der Verbesserung seiner Zuwendung an Eleonore auch gleich in seinen Terminplaner ein, immer am fünfzehnten des Monats. Wir freuen uns über Harald, denn: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«. Es gibt aber auch den etwas anderen Weg, der bei der Gesinnung ansetzt: »Gott, ich weiß kaum, was Liebe ist. Lehre mich. Stärke in mir, Gott, meine Liebesfähigkeit.« So bittet jemand um eine Gesinnungs- und Herzensveränderung. Als Folge davon geht er wacher und empfänglicher durch den Tag. Er macht zum Beispiel die Erfahrung, dass ihm bewusst wird: »Das war jetzt lieblos vor dir, kommentarlos und ohne Dank vom Tisch aufzustehen und sich vor den Fernseher zu setzen.« Oder er bekommt den Impuls, seine Frau in die Arme zu nehmen. Gute Haltungen münden immer in gute Handlungen: »Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir an meinen Werken den Glauben zeigen« (Jakobus 2,18).
Unsere Gesinnungen bestimmen unser Tun
Warum legen wir so viel Wert auf die Veränderung von Haltungen? Erstens weil Gott uns dazu einlädt, ungute Gesinnungen abzulegen und mit seiner Hilfe neue Haltungen »anzuziehen«. »Jetzt aber legt auch ihr dies alles ab: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerrede und üble Nachrede, die aus eurem Mund kommt. – So bekleidet euch nun mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld« (Kolosser 3,8.12).
Zweitens hat eine Veränderung in unserer Gesinnung den Vorteil, dass sie auf andere Lebensgebiete übertragbar wird. Wenn jemand barmherziger wird, wirkt sich das nicht nur in seiner Ehe aus, sondern auch in seinem Führungsverhalten oder in der Art und Weise, wie er Politikerinnen und Politiker beurteilt. Wenn Sie in Ihrer Ehe wahrhaftiger werden, gehen Sie auch im Führungsalltag Ihre Konflikte wahrhaftiger an.
Und der dritte Grund: Die in unseren Tiefenschichten wirksame Gesinnung ist letztlich mächtiger als unsere guten Vorsätze und theoretischen Erkenntnisse. In Stresssituationen übernehmen die tief in uns verankerten Haltungen die Führung, nicht unser Kopfwissen: »Das haben wir doch schon tausendmal diskutiert und klare Abmachungen getroffen, nichts hat sich geändert.« Sollten diese oder ähnliche Sätze bei Ihnen fallen, sollten Sie die Haltungen überprüfen, die dahinter stecken, allenfalls sabotieren diese aus dem Untergrund heraus die abgemachten Schritte zur Veränderung.
Halt
Ein »Halt!« gibt Halt. Das ist nicht nur in der Erziehung so. Klare Grenzen geben Sicherheit. Man weiß, woran man ist: Gute Zäune machen gute Nachbarn.
Wir haben auch als Person unsere Grenzen. Sie sind klar markiert, wie das Ufer einen See begrenzt: Innerhalb dieser klaren Grenzen verfügen die Wellen gleichwohl über einen gewissen Spielraum. (Das ist wichtig!) Die Grenzen betreffen unseren Leib, unsere Seele und unseren Geist.
Da sind die Grenzen meines Körpers: Wenn du mir weh tust, mich verwundest, besonders im Bereich des Geschlechts meine Grenze übertrittst, dann fühle ich mich verletzt, übergangen, missbraucht. Als Kind musste Theresa mit den Eltern immer nackt baden gehen; für sie war das eine Grenzüberschreitung.
Unsere Seele hat ihre Grenzen: Da ist mein Empfinden und da ist dein Empfinden. Seelische Grenzverletzungen passieren, wenn echte, für die Person und die Situation stimmige Gefühle übergangen, abgewürgt werden. Wir fühlen uns dann überfahren. Oder jemand versucht, unsere Gefühle zu manipulieren: »Schämt euch! Wie könnt ihr nur so laut lachen, wo doch Opa gestorben und noch nicht einmal begraben ist?«, schilt die trauernde Mutter ihre fröhlich spielenden Söhne.
Auch unser Geist, die Gott zugewandte Seite in uns, kann verletzt werden. Wir werden im Glauben zu Entscheidungen angehalten, bei denen wir uns selbst übergehen. Uns wird Angst eingejagt: Da möchte ein junger Bursche Bluejeans kaufen, aber für die Eltern, die zu einer sehr engen christlichen Gemeinschaft gehören, ist das »Teufelsstoff«. »Wenn du so weiter machst«, sagen sie ihrem »rebellischen« Sohn, »wirst du einmal bei der Entrückung aller Gläubigen von der Schule nach Hause kommen und keinen mehr von unserer Familie vorfinden, du bleibst allein zurück!« Ein geistlicher Übergriff.
Wir alle haben Grenzüberschreitungen erlebt. Leichte. Massive. Das Leben verletzt. (Wir bagatellisieren damit leiblich, seelische und geistliche Übergriffe nicht. Wir unterstützen aber auch deren Dramatisierung nicht. Wir haben kein Anrecht auf ein störungs- und verletzungsfreies Heranwachsen.) Grenzverletzungen verunsichern uns: Wo genau verläuft die Grenze um unsere Person? Wir haben auch Mühe, die Grenzen der anderen Personen zu erkennen und zu respektieren. Es scheint, der natürliche Instinkt dafür ist uns abhanden gekommen.
Cornwall I
Direkt unter meinem Fenster beobachte ich drei junge Möwen. Fliegen können sie noch nicht, sie laufen, rennen, hüpfen. Manchmal absolvieren sie eine »Bodenflugübung«, indem sie einen oder gar beide Flügel strecken. Jetzt hören sie von weitem den Schrei der Mutter. Alle drei beginnen aufgeregt zu piepsen. Die Mutter senkt sich im Steilflug zu Boden, die Jungen drängen sich um sie. Wer erlangt die beste Position, das rare Futter zu ergattern? Da, die Mutter öffnet ihren Schnabel, sie lässt einen Fisch zu Boden fallen, auf den sich die drei stürzen. Die Schnellste von ihnen verschlingt den Fisch im Nu. Dann hackt es auf seine langsameren Geschwister ein. Erst jetzt fällt mir auf, dass diese beiden etwas kleiner und schwächlicher sind. – Das Leben ist einfach ungerecht!
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