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Horizonte der Psychiatrie und Psychotherapie – Karl Jaspers-Bibliothek

Herausgegeben von Matthias Bormuth, Andreas Heinz und Markus Jäger

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Die Autoren

Prof. Dr. Timo Storck, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin. Mitherausgeber der Zeitschriften »Forum der Psychoanalyse« und »Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung« sowie der Buchreihe »Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie«. Forschungsschwerpunkte: psychoanalytische Konzeptforschung und Methodologie, insbes. Verstehensprozesse, Filmpsychoanalyse, konzeptvergleichende Psychotherapieforschung.

Daniel Stegemann, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut, jahrelange Tätigkeit in der ambulanten und stationären gemeindepsychiatrischen Versorgung von Menschen mit psychotischen Erkrankungen.

Timo Storck Daniel Stegemann

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-032998-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-032999-7

epub: ISBN 978-3-17-033000-9

Vorwort zur Reihe

Psychiatrie und Psychotherapie nehmen im Kanon der medizinischen Fächer eine besondere Stellung ein, sind sie doch gleichermaßen auf natur- wie kulturwissenschaftliche Methoden und Konzepte angewiesen. Bereits vor hundert Jahren wies der Arzt und Philosoph Karl Jaspers darauf hin, dass man sich im psychopathologischen Zugang zum Menschen nicht auf eine einzige umfassende Theorie stützen könne. So warnte er entsprechend vor einseitigen Perspektiven einer Hirn- bzw. Psychomythologie. Viel mehr forderte Jaspers dazu auf, die verschiedenen möglichen Zugangswege begrifflich scharf zu fassen und einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Diese Mahnung zur kritischen Pluralität gilt heute ebenso, werden sowohl auf neurobiologischem als auch auf psychotherapeutischem bzw. sozialpsychiatrischem Gebiet nicht selten dogmatische Positionen vertreten, ohne dass andere Sichtweisen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ausreichend berücksichtigt würden.

Die Reihe »Horizonte der Psychiatrie und Psychotherapie – Karl Jaspers-Bibliothek« möchte die vielfältigen Zugangswege zum psychisch kranken Menschen in knappen Überblicken prägnant darstellen und die aktuelle Bedeutung der verschiedenen Ansätze für das psychiatrisch-psychotherapeutische Denken und Handeln aufzeigen. Dabei können viele Probleme im diagnostischen und therapeutischen Umgang mit den Menschen nur vor dem Hintergrund der zugrundeliegenden historischen Konzepte verstanden werden. Die »Karl Jaspers-Bibliothek « möchte den Leser dazu anregen, in solch pluralistischer und historisch weiter Horizontbildung den drängenden Fragen in Psychiatrie und Psychotherapie nachzugehen, wie sie die einzelnen Bandautoren entfalten werden. Ziel der Reihe ist hierbei auch, ein tieferes Bewusstsein für die begrifflichen Grundlagen unseres Wissens vom psychisch kranken Menschen zu entwickeln.

Oldenburg/Berlin/Kempten

Matthias Bormuth, Andreas Heinz, Markus Jäger

Inhalt

1  Vorwort zur Reihe

2  1 Einleitung

3  2 Zum konzeptuellen und methodischen Verständnis von Psychoanalyse

4  2.1 Skizze der psychoanalytischen Entwicklungs- und Persönlichkeitstheorie

5  2.1.1 Grundpfeiler der psychoanalytischen Theorie

6  2.1.2 Die psychoanalytische Entwicklungstheorie im Hinblick auf Körperlichkeit, Denken und Fühlen

7  2.2 Skizze des psychoanalytischen Verstehens und der Konzeptbildung

8  2.2.1 Die Kritik Jaspers’ am psychoanalytischen Verstehen

9  2.2.2 Klinisches Verstehen

10  2.2.3 Methodologie des Verstehens

11  2.2.4 Konzeptbildung

12  2.2.5 Fallbeispiel A.

13  2.3 Nosologie, Biologie, Psychopharmakologie, Psychotherapieforschung

14  2.3.1 Zu Nosologie und Diagnostik

15  2.3.2 Zum Ausdruck »psychotisch« in der Psychoanalyse

16  2.3.3 Genetische und neurobiologische Aspekte der Schizophrenie

17  2.3.4 Psychopharmaka

18  2.3.5 Forschungsergebnisse zur psychodynamischen Therapie psychotischer Störungen

19  3 Traditionslinien

20  3.1 Freud

21  3.1.1 Freuds Kommentar zum Fall Daniel Paul Schreber

22  3.1.2 Zu Freuds Annahme der verdrängten Homosexualität

23  3.1.3 Wort- und Sachvorstellungen

24  3.1.4 Weitere Bemerkungen zur Psychose

25  3.1.5 Das Problem der Übertragung in der »narzisstischen Neurose«

26  3.2 Nordamerika: Von der Ich-Psychologie zur Relationalität

27  3.2.1 Victor Tausk und der »Beeinflussungsapparat«

28  3.2.2 Paul Federn und die (Körper-)Ich-Grenzen

29  3.2.3 Harry Stack Sullivan und der interpersonelle Ansatz

30  3.2.4 Chestnut Lodge

31  3.2.5 Harold F. Searles: Gestörte Fähigkeit zur Integration und Differenzierung

32  3.3 Britische Objektbeziehungstheorie

33  3.3.1 Melanie Klein: Die paranoid-schizoide Position in der psychischen Entwicklung

34  3.3.2 Herbert Rosenfeld: Destruktiver Narzissmus und chronische Verwirrung

35  3.3.3 Wilfred R. Bion: Vom Hass auf die Realität zur Bildung bizarrer Objekte

36  3.3.4 Donald W. Winnicott: Vom Nutzen des überlebenden Objekts

37  3.3.5 Zusammenfassung und weitere Aspekte

38  3.4 Frankreich: strukturale Psychoanalyse und darüber hinaus

39  3.4.1 Jacques Lacan: Die Verwerfung der symbolischen Ordnung

40  3.4.2 Paul-Claude Racamier: Überlebensprinzip, Ursprungskonflikt und Anti-Ödipalität

41  3.4.3 André Green: Negative Halluzination, Desobjektalisierung und weiße Psychose

42  3.4.4 Zusammenfassung und weitere Aspekte

43  3.5 Weitere Linien

44  3.5.1 Gaetano Benedetti: Personalität und Ichdesorganisation als »Todeslandschaft«

45  3.5.2 Stavros Mentzos: Dilemmata und Funktion der Dysfunktionalität

46  3.5.3 Hermann Lang: Die strukturale Triade

47  3.5.4 Salomon Resnik: Traumlogik und Körperlichkeit

48  3.5.5 Yrjö O. Alanen: Familientherapeutischer und selbstpsychologischer Ansatz

49  3.5.6 Giuseppe Civitarese: Transformation in Halluzinose

50  3.5.7 Franco De Masi: Emotionales Unbewusstes und Befriedigung in der Wahnwelt

51  3.5.8 Die Mentalisierungstheorie

52  3.5.9 Joachim Küchenhoff: Psychodynamisches Faktorenmodell

53  4 Zu Entwicklung, Psychodynamik und Symptomatik psychotischer Störungen

54  4.1 Psychosoziale Entwicklung

55  4.1.1 Psychose als Ich-Störung

56  4.1.2 Psychose als narzisstische Störung

57  4.1.3 Psychose als Symbolisierungsstörung

58  4.2 Psychodynamik

59  4.2.1 Fallbeispiel B.

60  4.2.2 Unbewusstes

61  4.2.3 Narzissmus und Ich-Funktionen

62  4.2.4 Körpererleben

63  4.2.5 Negativität

64  4.2.6 Zeiterleben

65  4.2.7 Gestörte Fähigkeit zur Differenzierung und Integration

66  4.2.8 Dilemma statt Konflikt

67  4.3 Auslösende Situation

68  4.4 Symptomatik

69  4.4.1 Abwehr

70  4.4.2 Wahnbildungen

71  4.4.3 Halluzinationen

72  4.4.4 Negativsymptomatik

73  4.4.5 Weitere Äußerungsformen der Ich-Störung

74  5 Behandlung

75  5.1 Freuds Haltung zur Behandelbarkeit und die Frage nach der Übertragung

76  5.2 Die Übertragungspsychose

77  5.2.1 Ruth Mack Brunswick

78  5.2.2 Paul Federn

79  5.2.3 Herbert Rosenfeld

80  5.2.4 Harold Searles

81  5.2.5 Weitere Aspekte und Zusammenfassung

82  5.3 Haltung und Gegenübertragung

83  5.4 Zur Frage der Deutung

84  5.5 Manualisierungen

85  6 Psychoanalyse und Sozialpsychiatrie

86  6.1 Psychosoziale Aspekte einer psychiatrischen Behandlung

87  6.2 Sozialpsychiatrie und Psychoanalyse

88  6.3 Fallbeispiel E.

89  7 Psychoanalyse im Dialog mit Psychopathologie und phänomenologischer Psychiatrie: Grenzen und Horizonte

90  Literatur

1 Einleitung

Der 17-jährige Jonas K. gerät im Anschluss an den Suizid seines Vaters in eine ernste psychische Krise. In deren Verlauf sieht er sich zunehmend in der Verantwortung, eine atomare Katastrophe in seinem Heimatort zu verhindern. Dazu meint er, in der Zeit vor- und zurückreisen zu müssen, um Geschehnisse zu verhindern bzw. zu verändern, damit die Ereignisse einen anderen Verlauf nehmen. Er begegnet in diesen zeitlichen und räumlichen Parallelwelten anderen Versionen seines Ichs in verschiedenen Altersstufen. Auch reist Jonas einem seiner Freunde in die Vergangenheit nach, von dem er meint, dass dieser dort heranwachsen und sein Vater werden wird. Zunehmend entwickelt Jonas Misstrauen anderen Personen gegenüber, von denen er sich manipuliert fühlt und die mehr und mehr ihre eigenen Interessen zu vertreten scheinen. Die Erlebniswelt wird immer konfuser und undurchschaubarer: Eine Frau entpuppt sich als Tochter ihrer eigenen Tochter und verschiedene Figuren in Jonas Welt existieren mehrmals, in unterschiedlichen Altersstufen. Kinder werden entführt und zu Zeitexperimenten missbraucht, es gibt schwer durchschaubare Anklänge an Religiosität und Mystik; es wimmelt an Filiziden und Patriziden, Ereignissen können zeitlich zirkulär aufeinander wirken. Am Ende meint Jonas, die Welt gerettet und die Bedingungen für seine eigene Geburt geschaffen zu haben …

Bei dieser Schilderung handelt es sich nicht um die Vignette einer psychotischen Erkrankung, sondern um narrative Fragmente aus der TV-Serie »Dark« (2017-2020), die selbstverständlich nicht auf die Funktion, ein Störungsbild zu illustrieren und einfühlbar zu machen, reduziert werden kann und viele weitere Betrachtungsebenen zulässt, unter denen die Lesart der Darstellung einer psychotischen Dekompensation noch nicht einmal zu den naheliegenden gehören dürfte. Und doch zeigen sich im Gedankenexperiment, die gesamten Geschehnisse der Serie letztlich als eine Darstellung der krisenhaften, dekompensierten Verarbeitung des Suizids des Vaters durch Jonas zu betrachten, einige wichtige Merkmale psychotischen Erlebens: eine Verrückung des Erlebens von Raum und Zeit und der kausalen Verhältnisse darin (einschließlich der Generativität); fragmentierte, gespaltene und wieder vermischte Ich-Zustände; die Gewissheit, eine Katastrophe abwenden zu müssen; Verfolgungserleben und Misstrauen; religiöse Überhöhungen; Verlusterfahrungen; Gewalt und Bedrohung; das Erleben eigener Besonderheit für das Weltgeschehen …

Im vorliegenden Band geht es um die Erörterung psychoanalytischer Konzepte für ein Verständnis psychotischer Störungen und deren Behandlung, in erster Linie der Schizophrenie. Anthropologische oder phänomenologische Psychiatrie oder »klassische« Psychopathologie (vgl. Jäger 2016) auf der einen, Psychoanalyse auf der anderen Seite haben einander viel zu sagen. Der programmatische Ausdruck Blankenburgs (1971) zur Schizophrenie als eines »Verlusts der natürlichen Selbstverständlichkeit« kann das aufzeigen, geht es doch auch der Psychoanalyse um einen Blick auf den Zugang des Individuums zu sich selbst, mit samt aller Fallstricke, die dort zu finden sind. Aber es geht auch der Psychoanalyse darum, dass der Mensch gleichsam dazu prädisponiert ist, sich selbst zu verstehen – mit allen Grenzen, deren Ignorieren Jaspers (1946) der Psychoanalyse vorgeworfen hat, und auch unter Anerkennen des Relationalen, Bezogenen, in der das Selbstverstehen einzig zu finden ist. Die »natürliche« Selbstverständlichkeit als etwas, das dem Menschen möglich ist, aber verloren werden kann (bzw. in der psychischen Entwicklung verstellt ist), realisiert sich psychoanalytisch betrachtet als etwas, das in Beziehungen gefunden wird. Im Anderen, zu dem ich in eine Beziehung eintrete, erkenne ich erst, wer ich als derjenige, der in diese Beziehung eintritt und in dieser gesehen wird, überhaupt bin. Theunissen (1977) hat dies eindrücklich als »Veranderung« bezeichnet. Das heißt nun aber auch, dass die »Meinhaftigkeit«, die in der Psychose verloren wird, als etwas verstanden werden muss, das durch die Erfahrung von Alterität (wieder) gewonnen wird. Die Störung der »Selbstverständlichkeit« wie auch der »Meinhaftigkeit« ist also immer wesentlich eine Störung der Mitwelt, so auch bei Heinz (2014, bes. S. 251; vgl. a. Heinz 2018) im Anschluss an Plessner (1928).

Dabei ist für uns ein Blick auf die (Inter-)Personalität der Psychose und ihrer Behandlung leitend, so auch bei Küchenhoff (2012, S. 26ff), der dazu den Hinweis auf die Arbeit mit dem Fremden gibt. Es geht um eine »Konzeption personaler Identität« unter Beachtung der »Dialektik zwischen Affirmation und Andersheit, zwischen Ausschluss des Fremden und Zusammenwirken mit Fremdem«; a. a. O., S. 30), so dass es letztlich immer auch um ein Ringen um die Fremdverständlichkeit geht, wenn psychotisches Erleben konzeptualisiert und klinisch verstanden werden soll. Küchenhoff (2012, S. 99) meint, in Abwandlung des Diktums psychische Störungen seien Gehirnkrankheiten: »Psychotische Störungen sind Beziehungsstörungen« und das ist zu verstehen als Auseinandersetzung mit Verbindung und Alterität. Maldiney (2018) gebraucht Begriffe der »Transpassibilität« und der »Transpossibilität«, um zu beschreiben, wie in der Erfahrung eines Anderen ein Vermögen zur Wandlung und Entwicklung des Selbst steckt, die in der Psychose nicht möglich bzw. existenziell bedrohlich sind (Grohmann 2019, S. 137ff.).

Daher ist es unser Anliegen, diese relationale und alteritätslogische Perspektive in der Psychoanalyse herauszuarbeiten, der doch, und das nicht nur von Seiten der Psychopathologie, allzu oft der Vorwurf gemacht wird, komplexe psychische und intersubjektive Phänomene und Prozesse auf eine Libidoregression allein zurückzuführen (vgl. z. B. Heinz 2002). Wir wollen uns neben einer Darstellung unterschiedlicher Traditionslinien allerdings in erster Linie an einer Perspektive orientieren, in der psychodynamische Aspekte des Erlebens von Beziehungen und Affekten im Zentrum stehen.

Unsere Darstellung wird dabei vor allem konzeptgeleitet und weniger klinisch sein. Ein konzeptprüfender Blick orientiert sich dabei an einer Rekonstruktion der Überlegungen einzelner Autoren1 sowie an einer Zugangsmöglichkeit zu klinischen Phänomenen. Wir greifen dabei auf Fallvignetten aus jugendpsychiatrischen Behandlungen zurück, die wir jeweils im Lichte einzelner Abschnitte kommentieren. Im Verhältnis von Konzepten und Fall soll beides wechselseitig Anschaulichkeit erfahren und ein Verstehen ermöglichen. Anders als in Jaspers’ Auffassung ( Kap. 2.2.1) soll so eine Verschränkung von klinischem (genetischem) Verstehen (inkl. eines Verstehen der Wahninhalte) und Theoriebildung möglich werden: Gerade die Theorie lässt verstehbar(er) werden, wie sich Seelisches aus Seelischem entwickelt, und zugleich ermöglicht das Fallverstehen die Theoriebildung, nicht in einem erklärenden, naturwissenschaftlichen Sinn, sondern in einer Perspektive darauf (vgl. Zepf 2006, S. 263), dass Theorie allgemein auf den Begriff bringt, wie sich ein Fall und Behandlungsverläufe im Besonderen darstellen (vgl. zur Diskussion von Halluzination bzw. psychotischem Zusammenbruch in der Adoleszenz z. B. Elzer 1992; Günter 2007; Zepf & Zepf 2018, oder Bronstein 2020).

Die vorliegende Arbeit selbst steht in verschiedenen Traditionslinien, so neben der im weitesten Sinn Freud’schen Psychoanalyse (vgl. Storck 2018a), insbesondere in der Linie einer Auffassung psychotischer Störungen in Richtung eines Dilemmas oder einer Bipolarität, wie sie Mentzos (2015, S. 215ff.; Kap. 3.5.2) oder Benedetti (1983; Kap. 3.5.1) formulieren. Auch das von Küchenhoff (2012) vorgeschlagene psychodynamische Faktorenmodell ( Kap. 3.5.9) ist für unsere eigenen Überlegungen leitend. In jüngster Zeit sind ferner einige differenzierte Arbeiten erschienen, die für die vorliegende Arbeit von grundlegender Bedeutung sind: Schwarz et al. (2006), Küchenhoff (2012), Hartwich (2016), Dümpelmann (2018), Matakas (2020) oder die konzeptuellen Grundlagen des Manuals von Lempa, von Haebler und Montag (2017) (Kurzzusammenfassung auf internationaler Ebene zuletzt Weiß 2020). Eine wichtige Brücke, die uns ein Nachdenken über Psychoanalyse und anthropologische/phänomenologische Psychiatrie bzw. Psychopathologie erleichtern, sind die Arbeiten von Fuchs (z. B. 2012) oder Heinz (z. B. 2014).

Im Anschluss an einige einleitende Bemerkungen zu unserem Verständnis psychoanalytischer Entwicklungstheorie, psychoanalytischen Verstehens und psychoanalytischer Konzeptbildung sowie zum zugrunde gelegten Blick auf Nosologie, biologische Faktoren, Pharmakotherapie und Psychotherapieforschung ( Kap. 2.1–2.3) werden wir den dritten Abschnitt den wichtigsten konzeptuellen Traditionslinien widmen; dabei gehen wir auf Freud gesondert ein und widmen uns dann dem Verständnis psychotischer Störungen in einer nordamerikanischen (in seinen Vorläufern: Federn; sowie dann v. a. der Chestnut Lodge-Gruppe, insbesondere bei Searles), britischen (Klein, H. Rosenfeld, Bion, Winnicott) und französischen (Lacan, Racamier, Green) Denkrichtung, bevor wir die Auffassungen weiterer Autoren darstellen (Benedetti, Mentzos, Lang, Resnik, Alanen, Civitarese, De Masi, Küchenhoff sowie die Konzeption der Mentalisierungstheorie). In Kapitel 4 werden wir unter einer kritisch-zusammenfassenden Perspektive die leitenden Aspekte der Entwicklungspsychopathologie und die Psychodynamik der Störung, der auslösenden Situation sowie der Symptomatik darstellen, wie sie in heutiger Perspektive verstanden werden können. Im Anschluss daran widmen wir uns in Kapitel 5 den für die Behandlungstechnik wichtigen Konzepten, mit besonderer Beachtung der Übertragungspsychose, außerdem gehen wir auf Fragen der analytischen Haltung und des Umgangs mit der Gegenübertragung sowie der Deutung ein. Den Abschluss des Kapitels liefern Überlegungen zu Modifikation und Manualisierung analytischer Behandlung psychotischer Störungen. Zwei kürzere Kapitel beschließend den Band: Zunächst gehen wir auf die Bedeutung der Psychoanalyse für die Sozialpsychiatrie ein ( Kap. 6), dann diskutieren wir abschließend Horizonte und Grenzen einer Begegnung zwischen Psychoanalyse und Psychopathologie ( Kap. 7).

Wir möchten uns bei Yonca İzat für die Möglichkeit der Kooperation bedanken sowie bei Maximilian Reisach für das Bereitstellen der Fallvignetten. Den Herausgebern der vorliegenden Buchreihe danken wir für die Einladung zur Beteiligung und die freundliche Begleitung des Prozesses. Außerdem danken wir Ruprecht Poensgen und Anita Brutler vom Kohlhammer Verlag für die gewohnt angenehme Zusammenarbeit.

Heidelberg und Bremen, im November 2021

Timo Storck und Daniel Stegemann

1 Wir werden im Wechsel über die Kapitel das generische Maskulinum und das generische Femininum verwenden. Damit sind jeweils alle Geschlechter gemeint.

2 Zum konzeptuellen und methodischen Verständnis von Psychoanalyse

Zunächst sind einige Positionsbestimmungen vorzunehmen. Das betrifft das zugrunde gelegte Verständnis der Psychoanalyse, insbesondere ihrer Entwicklungstheorie und ihrer Perspektive auf Körperlichkeit, Denken und Fühlen ( Kap. 2.1). Außerdem bedeutet eine Prüfung psychoanalytischen Denkens in Auseinandersetzung mit psychotischen Störungen zu klären, wie die Psychoanalyse in ihrem Bemühen um das Verstehen von (unbewussten) Bedeutungen klinisch vorgeht, wie sich dies methodologisch beschreiben lässt und welchen Weg die Psychoanalyse nimmt, um ihre Konzepte zu bilden ( Kap. 2.2). Schließlich ist es nötig, die Grenzen des hier gewählten Zugangs abzustecken: Wir blicken in erster Linie auf die Schizophrenie. Manie und psychotische Depression wären unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten (v. a. im Hinblick auf die »Wertigkeit« von Selbst und Objekt). Wir werden darlegen, von welchem Verständnis eines »psychotischen« Symptoms wir ausgehen, sowie eine neurobiologische oder genetische Betrachtungsebene nur knapp skizzieren. Damit soll nicht gesagt sein, dass diese nicht wichtig oder zentral wären, der psychoanalytische Zugang hat nichtsdestoweniger seine Stärken (und methodischen Möglichkeiten) im Bereich der psychosozialen Aspekte psychotischer Störungen. Nur knapp werden wir auf den Bereich der pharmakologischen Behandlung eingehen, indem wir die Bedeutung der Medikamentengabe und -einnahme unter der Perspektive der therapeutischen Beziehung und begleitender Vorstellungen und Gefühle betrachten. Abschließend wird es um Wirksamkeitsnachweise für psychodynamische Behandlungen der Schizophrenie gehen ( Kap. 2.3).

2.1 Skizze der psychoanalytischen Entwicklungs- und Persönlichkeitstheorie

In der Darstellung der psychoanalytischen Theorie geht es uns darum, ein zeitgenössisches Verständnis vorzulegen sowie zu kennzeichnen, welches der allgemeine Rahmen unserer Überlegungen sein soll (Storck 2018a). Zunächst erörtern wir die Grundpfeiler der psychoanalytischen Theorie, danach werden wir die Bereiche Körperlichkeit, Denken und Fühlen herausstellen.

2.1.1 Grundpfeiler der psychoanalytischen Theorie

Ein wesentliches Merkmal der psychoanalytischen Theorie ist der Einbezug eines dynamisch Unbewussten in die Theorie des Psychischen. Freuds Anliegen ist es, eine »Metapsychologie« zu formulieren, worunter er eine »hinter das Bewußtsein führende Psychologie« (Freud 1985, S. 329) versteht, also eine Psychologie, in der es konzeptuell ein Unbewusstes gibt, das nicht außer-psychisch ist. Freud will sich »achselzuckend über diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen« (Freud 1925d, S. 57) und das Unbewusste ins Psychische einbeziehen2. Freud hält es für »eine unhaltbare Anmaßung zu fordern, daß alles, was im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein bekannt werden müsse« (1915e, S. 265). Dabei geht es im Besonderen um ein dynamisch Unbewusstes, also um ein Unbewusstes, das mit einem innerpsychischen Kräftespiel aus drängenden und verdrängenden Kräften im Zusammenhang steht. Zunächst konzipiert er dazu das sogenannte topische Modell des Psychischen, in dem dieses aus »Systemen« (Bewusst, Vorbewusst, Unbewusst) zusammengesetzt gedacht wird, später das Instanzen-Modell aus Ich, Es und Über-Ich (vgl. z. B. J. Sandler et al. 1997). In diesen Modellen werden psychische Konflikte konzeptualisiert.

Freud postuliert das Lustprinzip als Kern menschlicher Motivation (neben dem Realitätsprinzip, das letztlich aber nur eine auch sozial ausgerichtete Sonderform des Lustprinzips ist; Freud 1911b): Lust wird gesucht, Unlust vermieden. Lust bzw. Befriedigung empfinden wir Freud (1915c, S. 214) zufolge bei der »Herabsetzung« der Intensität eines Reizes, Unlust bei deren Ansteigen bzw. anhaltend hohem Niveau. Nun kann es Erlebniszustände geben, in denen das Motiv, Lust zu suchen, und das Motiv, Unlust zu vermeiden, gegeneinanderstehen. Es entsteht ein psychischer Konflikt: Eine Handlung oder Handlungsvorstellung verspricht Lust, zugleich aber auch unlustvolle Folgen, zum Beispiel Scham angesichts eigener Wünsche. Infolgedessen setzen Abwehrmechanismen ein, die

• sich gegen einen inneren Reiz richten,

• die Vermeidung unlustvoller Gefühle (Angst, Scham, Schuldgefühle) als Ziel haben und

• unbewusst wirken müssen, um ihr Ziel zu erreichen.

Durch die Abwehr wird etwas, durch Verdrängung, vom bewussten Erleben ferngehalten, aufgrund dessen »lustversprechender« Eigenschaften drängt es jedoch weiter ins Bewusstsein, so dass eine Umarbeitung, zum Beispiel eine Verschiebung oder eine Projektion, hinzutreten muss, damit es eine bewusstseinsfähige, aber »entstellte« Form der Vorstellung geben kann.

Ein solches Verständnis des Wirkens psychischer Konflikte ist nicht auf eine Theorie psychischer Störungen beschränkt, sondern wird in der Psychoanalyse zum wesentlichen Teil der Theorie des Menschen und seiner Entwicklung. Im Konfliktbegriff findet die Psychoanalyse ihre Theorie der speziellen Motivation (Storck 2018c): Einzelne psychische Zustände und Prozesse sind wesentlich davon gekennzeichnet, psychische Konflikte zu bewältigen. Das geht zumindest bei Freud (1900a, S. 607) so weit, dass er das Denken als solches als einen »Umweg« bezeichnet: Zwischen aktueller Wahrnehmung und Motilität schalten sich Erinnerungsspuren als Niederschlag vorangegangener lustvoller und unlustvoller Wahrnehmungen ein und hemmen u. U. einen unmittelbaren, primärprozesshaften »Erregungsablauf«. Für diese Hemmung ist bei Freud das Ich zuständig: Für Lust/Befriedigung wird ein Weg gesucht, der wenig Unlust mit sich bringt. Ein solches sekundärprozesshaftes psychisches Funktionieren kennzeichnet das Denken in seinen Grundzügen.

Lust und Unlust sind die basalen Erlebnisqualitäten, die sich dann in weitere Affekte ausdifferenzieren. Zunächst handelt es sich bei beiden aber um die qualitativen Erscheinungsformen von Erregung im Psychischen. Dabei kommt das Triebkonzept ins Spiel, hier im Sinne der metapsychologischen Schriften der 1910er Jahre. Freud (1915c, S. 214) kennzeichnet »Trieb« als einen »Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem«. Als »Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle« (1905d, S. 67) stellt er in seiner Quantität (als Trieb-Drang) für das Psychische das »Maß an Arbeitsanforderung« (Freud 1915c, S. 214) dar. Aufgrund von Erregungszuständen, die unsere Körperlichkeit mit sich bringt, sind wir dazu getrieben, uns einen psychischen »Reim« darauf zu machen, was in uns vorgeht. So drängen sich uns erste psychische Erlebnisformen gleichsam auf, innere Bilder von Zuständen und Interaktionen. Im Wesentlichen ist »Trieb« dann ein psychosomatisches Konzept, denn es bezieht sich auf eine Vermittlungsfunktion zwischen Körperlichkeit und Erleben. Es ist aber auch sozialisatorisch, denn die Zustände von Erregung (und Beruhigung) sind immer eingebunden in sinnliche Erlebnisszenen mit anderen. Der Grundgedanke, dass sich Erregung (also eine Quantität, die größer oder kleiner wird) sich in qualitativ bestimmtes Erleben umsetzt, führt zur Kennzeichnung der Triebtheorie als einer Theorie der allgemeinen Motivation des Psychischen. Sie zeigt an, wie Psychisches als solches motiviert ist (Storck 2018b).

Die psychoanalytische Theorie erschöpft sich nicht in der Konzeption motivationaler Konflikte, sondern schließt auch repräsentationale ein (Storck 2021a). Es können nicht nur Lust und Unlust oder widerstreitende Affekte miteinander in Konflikt stehen, sondern auch verschiedene Aspekte des Erlebens von Selbst und anderen. In der Psychoanalyse taucht die psychische Repräsentanz anderer als »Objekt« auf. Damit ist keine Vergegenständlichung gemeint, sondern der Terminus entsteht aus der Triebtheorie, in welcher das (Trieb-)Objekt als »das variabelste am Triebe« (Freud 1915c, S. 215) auftaucht, als das am stärksten von der Erfahrung abhängige an ihm. Die andere der Interaktion ist selbst im Triebkonzept immer mitgedacht, ebenso wie in der psychoanalytischen Theorie der Sexualität. Dezidiert taucht hier in der Psychoanalyse ein erweiterter Begriff von Sexualität auf (Freud 1905d, S. 35): Sexualität meint dabei die Empfindung von Lust bzw. Befriedigung auf der Grundlage der Körperlichkeit. Dann ist folgerichtig von einer infantilen Sexualität zu sprechen und das Verständnis von Sexualität über den Bereich des Genitalen hinaus auszudehnen. Vor diesem Hintergrund steht die Theorie der psychosexuellen Entwicklungsphasen. Wie unten ( Kap. 2.1.2) genauer ausgeführt werden wird, beginnen diese nicht erst mit der oralen Phase, sondern mit begrifflich bei Freud ungenau gefassten Phasen von Autoerotismus und (primärem) Narzissmus (z. B. Freud 1914c, S. 142).

In psychoanalytischer Betrachtung haben ödipale Konflikte eine wesentliche Funktion für die Entwicklung und Struktur des Psychischen. Für Freud (z. B. 1916/17, S. 342ff.) geht es dabei im Wesentlichen um die ins 5./6. Lebensjahr verortete Rivalität mit dem einen Elternteil um die Nähe zum anderen. Das wird gemäß der erweiterten Konzeption als sexuell bezeichnet, meint aber nur in seinen Abweichungen den Wunsch nach genitaler Sexualität. Freud beschreibt die Konstellation für Mädchen und Jungen bezüglich Vater und Mutter in allen Konstellationen (also auch die Wünsche des Jungen nach Nähe zum Vater und Rivalität mit der Mutter), allerdings findet es sich für den Jungen und dann in seiner »positiven« Form (also Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil um die Nähe zum gegengeschlechtlichen) deutlicher ausformuliert. Es geht dem Jungen darum, den Vater als Rivalen an der Seite der Mutter zu beseitigen. Konflikthaft ist das zum einen aufgrund der Straferwartung durch den Vater, zum anderen aufgrund der Tatsache, dass der erfüllte Wunsch, der Vater möge »weg« und beseitigt sein, eben nicht nur lustvoll ist, sondern auch schmerzhaft: Würde der Vater tatsächlich von der Bildfläche verschwinden, wäre es ein Verlust – der geliebte Vater wäre verloren und dies auch als jemand, der die Nähe zur Mutter zu regulieren helfen könnte. Darin besteht der eigentliche ödipale Konflikt im Psychischen. Die Erfüllung der lustvollen Wünsche gegenüber der Mutter und der aggressiven gegenüber dem Vater würde Unlust nach sich ziehen: Angst vor unregulierter Nähe zur Mutter, Schuldgefühle und Straferwartung angesichts der Aggression und Schmerz/Trauer angesichts des verlorenen, ebenfalls geliebten und ersehnten Vaters. Die Lösung im Freud’schen Sinn (1924d) besteht in der Identifizierung: So zu sein wie der Rivale kann heißen, dass jemand einen selbst einmal so lieben wird wie die Mutter den Vater liebt. Da ödipale Wünsche und Konflikte in verschiedenen Konstellationen auftauchen, geht es ebenso um Identifizierungen mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil.

Es liegt auf der Hand, dass ein Erleben und Empfinden in Dreier-Konstellationen nicht erst im 5. Lebensjahr beginnt. Klein (1928) beschreibt »Frühstadien des Ödipuskonfliktes«, und in einer solchen Sicht geht es bereits in den ersten Stadien der psychischen Entwicklung darum, dass Zustände von Frustration oder von passagerer Abwesenheit einer Bezugsperson eingebettet sind in ein Beziehungsangebot von mehr als einer Person. Exploration als die relative Entfernung von einer Bezugsperson ist dann möglich, wenn

• diese einen »sicheren Hafen« bereitstellt, zu dem man zurückkehren kann und

• das Sich-Entfernen von ihr bedeuten kann, zu jemand anderem in Beziehung zu treten.

Dabei ist entscheidend, die Erfahrung zu machen, dass die Personen, zu denen jemand in Beziehung steht, auch zueinander in Beziehung stehen (z. B. bei Green 1975). Das wäre eine zeitgenössische Lesart der Freud’schen Rede von der Urszene. Während diese bei Freud (z. B. 1900a, S. 590f.) noch sehr konkret darauf bezogen ist, dass das Kind Mutter und Vater beim Geschlechtsverkehr sieht, ist das Wesentliche darin, dass Mutter und Vater »hinter verschlossener Tür« etwas miteinander teilen, von dem das Kind passager ausgeschlossen ist (so z. B. bei Britton 1998, S. 157ff.). Dann ist es ein Sinnbild dafür, in der Welt nicht nur andere, sondern auch deren Beziehungen zueinander zu finden. Auf diese Weise lassen sich ödipale Konflikte allgemein auf die Auseinandersetzung mit Generationen- und Geschlechtsunterschieden beziehen sowie auf die Auseinandersetzung damit, dass es in der Welt Beziehungen gibt, die andere miteinander haben, also ein Beziehungsgeflecht, anstatt dass alle Beziehungen ausschließlich von einem selbst wie in einem Sonnensystem »wegstrahlen«. In dieser Betrachtungsweise werden ödipale Konflikte auch maßgeblich für Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern oder mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, denn auch dann wird das Kind mit der Erfahrung konfrontiert sein, dass eine Bezugsperson noch auf etwas oder jemand anderes bezogen ist.

2.1.2 Die psychoanalytische Entwicklungstheorie im Hinblick auf Körperlichkeit, Denken und Fühlen

Im Weiteren stellen wir die psychoanalytische Entwicklungstheorie im Hinblick auf Körperlichkeit, Denken und Fühlen dar. Diese drei Bereiche werden die Grundlage dafür liefern, im Kapitel 3 die Konzeptualisierungen psychotischer Störungen einordnen zu können.

Am Beginn der psychischen Entwicklung steht auch aus Sicht der Psychoanalyse die sinnlich-körperliche Interaktion mit anderen, mit Merleau-Pontys (1964) Ausdruck: »zwischenleiblich«. Dabei ist es der Wechsel von Berührung und Nicht-Berührung, eingebettet in eine Erlebnisszene von Geruch, Stimme, Bewegung u. a., durch die und mit der Bezugsperson, der erste Erfahrung von »Kontakt an einer Grenze« mit sich bringt. Wenn Freud (1923b, S. 253) schreibt, das »Ich« sei »vor allem ein körperliches« bzw. die »Projektion einer Oberfläche«, dann verweist das darauf, dass sich die innere Repräsentation einer Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst zunächst bezüglich des Verhältnisses zwischen Körper und Umwelt zeigt.

Bei Freud findet sich der Ausdruck »Ich« in wechselnder Bedeutung, mal in der hemmenden Wirkung des Ichs auf primärprozesshafte Erregungsabläufe (z. B. Freud 1950a, S. 417), mal als das, worauf sich die Libido nach dem Abzug von den Objekten richtet (»narzisstische« bzw. Ich-Libido) (Freud 1917e) und mal als eine der Instanzen des Psychischen, die sich über ihre Funktionen (die Ich-Funktionen) bestimmt (Freud 1923b). Nach Vorschlägen H. Hartmanns (1956, S. 278) wird vom Ich als einer Organisation im Psychischen gesprochen, die durch bestimmte Funktionen gekennzeichnet ist, z. B. Realitätsprüfung, Kontrolle der Motorik u. a., während »Selbst« die psychische Repräsentanz der eigenen Person meint.

Freuds Rede vom Ich als einem körperlichen wäre daher im Grunde umzuformulieren zu: Das Selbst ist vor allem ein zwischenleibliches. Es bleibt aber der Gedanke bestehen, dass es die körperbezogene Erfahrung von Berührung als Kontakt an einer Grenze ist, welche die beginnende Repräsentation eines In-Beziehung-Stehens möglich macht, denn nur die basale Repräsentation einer Grenze kann es ja erst mit sich bringen, sich und jemand anderen als bezogen aufeinander, als in einer Beziehung stehend, zu erleben. Das ist keine momenthafte, punktuelle Erfahrung, sondern das Resultat eines Prozesses bzw. eines »Eingespieltseins« von Kind und Bezugspersonen in der frühen Entwicklung. So wird bei förderlichen Entwicklungsbedingungen eine Körperkontur internalisiert.

Das zeigt auch, wie in diesen frühen Entwicklungsstadien das Verhältnis zwischen Individuum und Umwelt auf der einen, und zwischen Psyche und Soma auf der anderen Seite miteinander verbunden sind (vgl. den Ansatz von Ferrari 2004 dazu). Beide wirken aufeinander: Ist etwa die Grenze zwischen Individuum und Umwelt unklar, wird das Verhältnis zwischen Psyche und Soma gestört sein, in einer Unterbrechung einer wechselseitigen Durchdrungenheit (vgl. Lombardi 2019).

Diese frühen Internalisierungsprozesse führen dazu, Vorstellungen vom Selbst-in-Beziehung zu verinnerlichen (statt abgegrenzter, isolierbarer Vorstellung von Selbst und Objekten). Kestenberg (1971) spricht von Organ-Objekt-Einheiten im Erleben, Aulagnier (1975) von Zone-Objekt-Komplementen, Winnicott (1960a, S. 587) bemerkt pointiert, so etwas wie den Säugling gebe es nicht (und meint damit: nicht losgelöst von der Beziehung zur Mutter im subjektiven Erleben), und Bion (1963, S. 53) konzipiert frühes Erleben als »Präkonzeptionen«, die auf eine »Realisierung« treffen, etwa die Empfindung, gestillt zu werden, die erst repräsentierbar macht, welches das Bedürfnis und die Vorstellung waren. In diesen Ansätzen wird das Erleben von Getrenntheit nicht vorausgesetzt, sondern als sukzessive Entwicklungserrungenschaft begriffen. Freud (1914c) beschreibt einen primären Narzissmus, der vor der Objektbesetzung liege (vgl. Heinz 2002), also so etwas wie die Besetzung des Selbst, bevor sich der Außenwelt zugewandt wird. Das ist erstens als Annahme an sich diskutabel, aber auch zweitens in sich logisch problematisch (vgl. Zepf 2006, S. 105ff.): Wie sollte vor einer möglichen Besetzung der Außenwelt, weil diese noch nicht als unterschieden auftauchen kann, das Selbst als abgrenzbar erlebt und dann besetzt werden können? Daher scheint es sinnvoller, primären Narzissmus oder primäres Identifiziertsein als etwas zu begreifen, in dem das Individuum gleichsam in einem »Selbst-Universum« erlebt. Alles ist eins und alles ist zum eigenen Erleben untrennbar zugehörig. Neben dem primären Narzissmus beschreibt Freud für die ganz frühe Entwicklung überdies den Autoerotismus, auch hier geht es um die lustvolle Besetzung des eigenen Körpers, vor der Besetzung der Objekte. Zwar gibt es Bemerkungen Freuds, dass der Autoerotismus am Anfang stehe und über das Stadium des primären Narzissmus hinweg zur Objektbesetzung gelangt werden könne (Freud 1911b, S. 296), aber auch solche, in denen die autoerotische Besetzung des eigenen Körpers es ist, das seinerseits als Übergangsstadium vom primären Narzissmus zur Objektbeziehung steht. Nimmt man die Gedanken eines frühen Erlebens im (primär-narzisstischen) »Selbst-Universum« hinzu, dann wäre die Besetzung des eigenen Körpers die beginnende Unterscheidung zwischen dem, der besetzt, und dem, das besetzt wird.

Psychoanalytische Ansätze betonen in der Regel die Erfahrung von Verlust oder Mangel in ihrer Bedeutung für die Entwicklung psychischer Repräsentanzen bzw. der Symbolisierung von Erfahrung. In der psychischen Entwicklung realisiert sich kein beständiges Ineinanderfallen von Bedürfnis und Befriedigung und auch keine permanente Anwesenheit einer Bezugsperson. Vielmehr wird es Momente erregungsvoller Spannung geben, ebenso wie passagere Abwesenheit, sowohl von Befriedigung als auch von der wahrgenommenen Bezugsperson3.

Das Kind macht die Erfahrung der vorübergehenden Abwesenheit der Mutter. Dass es eine alternative Beziehung gibt, die zum Vater, hat zwei wichtige Funktionen aus Sicht der psychoanalytischen Entwicklungstheorie: Zum einen kann eine Entfernung von der Mutter bedeuten, den Weg zum Vater zu finden (sich aus einer Beziehung lösen, kann heißen, zu einer anderen, hinzutretenden zu gelangen), zum anderen gibt der Vater der Abwesenheit der Mutter eine (psychische) Bedeutung. Es kann sich das Erleben entwickeln, dass die Mutter nicht schlicht »weg« ist, sondern beim Vater. Es können Bilder davon entstehen, was die primäre Bezugsperson tut und mit wem, wenn sie gerade nicht wahrgenommen wird; sie ist auf etwas oder jemanden bezogen. Das ist nun kein kleiner Entwicklungsschritt, denn er besteht darin, dass hier Abwesenheit in der Wahrnehmung durch Anwesenheit in der Vorstellung angereichert wird, in einer Art von Negation der Negation: »Mama ist nicht da« wird zu »Mama ist nicht nicht da«, psychisch ist sie »da«. Es wird vorstellbar, dass sie weiterhin existiert, erst dann kann sie vermisst, ersehnt oder ihr nachgelaufen werden. Es ist die Grundlage für Erinnerung, Erwartung, Fantasie u. a.

Darin bestehen die Grundzüge der Symbolisierung von Erfahrung und diese ist bereits früh »ödipal« bzw. triangulierend vermittelt; es bedarf dazu verlässlicher Beziehungsangebote und zwar von mehr als einer Beziehung sowie des Findens von Beziehungen in der Welt, also der Bezogenheit der anderen aufeinander (Green 1975).

Im weiteren Verlauf sind es Austauschprozesse zwischen dem, was als »innen« und dem, was als »außen« erlebt wird, welche die Vorstellungen vom Selbst und von den Objekten weiter gestalten. Freud spricht hier von einem »purifizierten Lust-Ich« (1915c, S. 228) (auch hier ist das Selbst als Ausdruck treffender) und meint damit, dass in der frühen Entwicklung alles Angenehme, Lustvolle, alle positiven Affekte als zum Selbst zugehörig erlebt werden und alles Frustrierende, Unlustvolle »ausgestoßen« wird. Klein (1935; 1946) hat herausgestellt, dass sich auf diese Weise Spaltungszustände und Spaltungsprozesse realisieren: Gut und schlecht werden getrennt gehalten. Damit stehen Prozesse von Introjektion und Projektion im Zusammenhang, es geht um die Frage, was »hineingenommen« und was »hinausgeworfen« wird. Beide Prozesse bedingen einander: Gegen die Internalisierung dessen, was jemandem in der Interaktion begegnet, kann man sich psychisch kaum »wehren«, erst recht nicht in der frühen Entwicklung, so dass es immer auch darum geht, innerlich etwas aufzurichten und dann in einen wechselseitigen Prozess einzutreten, was als dem Selbst zugehörig und was dem Objekt zugehörig erlebt wird. Dabei liegt auf der Hand, dass auch das Objekt, denn es ist die subjektive Repräsentanz des Gegenübers in Erfahrungen, zur psychischen Welt des Individuums gehört. »Projektion« ist ein innerpsychischer Vorgang, im Zuge dessen etwas nicht mehr als dem Selbst, sondern dem Objekt zugehörig erlebt wird, also etwa ein Gefühl, verfolgt zu werden (das möglicherweise Ausdruck von eigenen als übermäßig erlebten Nähewünschen oder Affekten sein kann).

Internalisiert werden nicht nur »Erlebnisbilder« von Beziehungen und anderen, mit dem Ergebnis internalisierter Repräsentanzen, sondern auch Prozesse, zum Beispiel die Affektregulierung. Hier wiederum kann statt vom Selbst vom Ich gesprochen werden, denn es geht um psychisches Vermögen, innere und äußere Wahrnehmungen zu regulieren, zu integrieren und sich zu vergegenwärtigen. Das lässt sich in seinen interpersonellen Wurzeln beschreiben, etwa über Bions (1959) Konzept der projektiven Identifizierung: Er geht davon aus, dass in der frühen Entwicklung diffuse, potenziell überwältigende Spannungs- bzw. Erregungszustände auftreten, die der Säugling bzw. das Kind sich im ganz eigentlichen Sinn »vom Leib halten« muss. In einer zugewandten frühen Beziehung können diese »projizierten« Zustände von der Bezugsperson wahrgenommen und aufgenommen sowie in der Folge reguliert werden. Bei Bion (1962) steht das im Kontext der sogenannten Alpha-Funktion, also des psychischen Vermögens, diffuses Material der körperlichen Erregung (»Beta-Elemente«) in Denkbares (»Alpha-Elemente«) umzuwandeln. Das Etwas-Loswerden-Wollen ist also immer auch Kommunikation eigener Zustände und die Suche nach Unterstützung bei der Bewältigung und Tolerierbarkeit. Gelingt dies nicht, wenn also die Bezugsperson sich nicht erreichen lässt oder keine Hilfe bei der Regulierung bietet, resultiert aus Sicht Bions (1959, S. 119) nicht Stillstand in der affektiven Kommunikation seitens des Säuglings oder Kindes, sondern ein immer »exzessiver« werdendes Bemühen darum, die Bezugsperson doch noch zu erreichen bzw. in diese einzudringen und sie zu kontrollieren (weil sie so sehr dafür gebraucht wird, das Überwältigende zu verdauen) (vgl. a. Frank & Weiß 2007) ( Kap. 3.1.3).

Bei Gelingen wird eine zunächst interpersonelle »Funktion«, nämlich die Regulierung von Spannungszuständen, sukzessive internalisiert (und zu einer »Ich-Funktion«). In anderer begrifflicher Sprache findet sich das Gemeinte in Kohuts (1971, S. 37ff.) Konzept des Selbstobjekts bzw. der Selbstobjekterfahrung ( Kap. 3.5.5). In bestimmten Phasen der psychischen Entwicklung wird das Gegenüber darüber erlebt, welche Funktion es für das Selbst hat. Beide Ansätze – Bions Gedanke der Alpha-Funktion und Kohuts Hinweis auf die Selbstobjekterfahrungen – weisen darauf hin, wie entscheidend die basale Unterscheidbarkeit zwischen Selbst und anderem ist, um auf psychische Funktionen zurückgreifen zu können.

Als letzten Bereich gehen wir auf einige Aspekte der Entwicklung des Affekterlebens ein (Überblick bei Zepf 2006). In Verbindung mit Säuglings- und Bindungsforschung sowie der auch nicht-psychoanalytischen Entwicklungspsychologie legen Arbeiten aus der Richtung der Mentalisierungstheorie (Fonagy et al., 2010; Taubner 2015; Kap. 3.5.8) den Akzent auf die markierte Affektspiegelung (Gergely & Watson 1996). Mit Mentalisieren ist gemeint, sich selbst und andere als getragen von inneren Zuständen (Affekte, Intentionen, Gedanken …) vorstellen bzw. sich selbst von außen und andere von innen betrachten zu können. Bei der markierten Affektspiegelung ist entscheidend, dass die Bezugsperson den Affekt des Kindes wahrnimmt, aufnimmt und »markiert« spiegelt. Das bedeutet, dass zum aufgenommenen Affekt, auch mimisch, etwas hinzugefügt wird, das kennzeichnet, dass die empathische Bezugsperson etwas mit dem Affekt des Kindes »anstellt«. So geschieht noch mehr als die interpersonelle Regulierung, denn es wird auch ein Modell dafür angeboten, wie man sich zu einem Affekt in Beziehung setzen kann. Andere zentrale Aspekte dieser Theorie betreffen die elterliche Feinfühligkeit, die neben der empathischen Beziehungsgestaltung auch einbezieht, sich das Baby und Kleinkind als Individuum mit inneren, psychischen Zuständen vorstellen zu können (»minding the baby«; Slade et al. 2005). Ebenfalls spielt das epistemische Vertrauen eine Rolle (Fonagy et al. 2019), das heißt die Erfahrung, dass der Weltsicht der Bezugspersonen grundlegend vertraut werden kann hinsichtlich deren Interpretation von Geschehnissen oder Beziehungen ( Kap. 3.5.8).

2.2 Skizze des psychoanalytischen Verstehens und der Konzeptbildung

In der Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Psychopathologie und Psychoanalyse ist es um Fragen des Verstehens und der Theoriebildung gegangen. Die Psychoanalyse ist gefordert, die Grundlagen ihrer Verstehensvollzüge (klinisch und methodologisch) sowie den Schritt in die Konzeptbildung zu begründen.

2.2.1 Die Kritik Jaspers’ am psychoanalytischen Verstehen

Für Jaspers (1946) gibt es zwei Formen subjektiver Methoden in der Psychopathologie: das statische und das genetische Verstehen (vgl. Heinz 2002, S. 38ff.; Jäger 2016, S. 23ff.; Bormuth 2018, S. 40ff.). Dabei gilt der vielzitierte Satz: »Durch Hineinversetzen in Seelisches verstehen wir genetisch, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht« (Jaspers 1946, S. 250). Kausales Erklären hingegen geschieht »[d]urch objektive Verknüpfung mehrerer Tatbestände zu Regelmäßigkeiten auf Grund wiederholter Erfahrungen« (a. a. O.). Im genetischen Verstehen können ein rationales Verstehen und ein einfühlendes Verstehen unterschieden werden. Letzteres führe »in seelische Zusammenhänge selbst« hinein (a. a. O., S. 253). Während die »Anerkennung der Wahrnehmungsrealität und Kausalität« die Voraussetzung der Naturwissenschaft sei, sei die Anerkennung der »Evidenz des genetischen Verstehens« – eine unmittelbare Evidenz, »die wir nicht weiter zurückführen können« und die »aus Anlaß der Erfahrung gegenüber menschlichen Persönlichkeiten gewonnen« werde – die »Voraussetzung der verstehenden Psychologie« (a. a. O., S. 252). Da allerdings eine Evidenz verständlicher Zusammenhänge nie beweise, dass ein Zusammenhang auch wirklich sei, sei Verstehen immer »mehr oder weniger ein Deuten«, so dass genetisches Verstehen »nicht zu Theorien« führe, sondern ein »Maßstab« sei, »an dem einzelne Vorgänge gemessen und als mehr oder weniger verständlich erkannt werden« (a. a. O.). Verstehende Psychologie führe daher nie zu »bewiesenen, sondern nur zu wahrscheinlichen Resultaten« (a. a. O., S. 260).

An der Psychoanalyse, in deren »Ursprung« für ihn bereits »der Teufel« steckt (in einem Brief an V. v. Weizsäcker von 1953; zit. n. Bormuth 2018, S. 15), kritisiert Jaspers zum einen deren Vorgehen als ein »Als-ob-Verstehen«, zum anderen hält er ihr vor, aus (pseudo-)verstandenen Zusammenhängen eine Theorie zu bilden, was nur durch kausales Erklären möglich wäre (vgl. zur Geschichte von Jaspers’ Psychoanalysekritik Bormuth 2018, dort auch zum historischen Verlauf zwischen 1913 und 1968; wir beschränken uns im vorliegenden Rahmen weitgehend auf die Kritik am Freud’schen Verstehensbegriff sowie der Theoriebildung).

Die Psychoanalyse ist für Jaspers ein »verwirrendes Durcheinander psychologischer Theorien« (Jaspers 1946, S. 299), als Lehre eine »Glaubensbewegung«, als Schule eine »Art von Sekte« (a. a. O., S. 646). Er wirft ihr vor, »Popularpsychologie« und ein »Massenphänomen« auf »dem tiefen Niveau der Durchschnittlichkeit« zu sein, die »mitschuldig« sei, »an der geistigen Niveausenkung der gesamten Psychopathologie« (a. a. O., S. 300). Zwar werde in ihr »verstehende Beobachtung« intensiviert (a. a. O., S. 300), jedoch in Form eines »als-ob-Verstehens« (a. a. O., S. 255). Es herrsche eine »entlarvende, negierende« »Grundstimmung des Dahinterkommens« und man werde »in eine Welt nicht nur unbewiesener, sondern nicht einmal wahrscheinlicher, ausgedachter, alle verstehbaren Erscheinungen hinter sich lassender Hypothesen geführt«. Die Psychoanalyse sei den Grenzen des Verstehens gegenüber blind geblieben: »Sie wollte alles verstehen« (a. a. O., S. 300ff.).

Jaspers (1946, S. 340) meint, man habe »vieles für verständlich erklärt, das es gar nicht ist« (vgl. zur psychiatrischen »Verständnislosigkeit« Schlimme 2008), und sein Vorwurf an die Psychoanalyse lautet, sie habe »durch Anwendung eines […] ins Grenzenlose führenden Verfahrens eigentlich beinahe alle Inhalte dieser Psychosen [Wahnideen bei Schizophrenen; d. Verf.] ›verstanden‹« (Jaspers 1946, S. 341). Dementsprechend scharf fällt sein Urteil aus. Die Schriften der Schüler Freuds seien dadurch, dass »ungefähr alles Seelische auf Sexualität in einem weiten Sinn« zurückgeführt werde«, »unerträglich langweilig«: »Man weiß immer schon vorher, daß in jeder Arbeit dasselbe steckt« (a. a. O., S. 453). Im Weiteren werden wir versuchen, Jaspers’ Kritik erkenntnistheoretisch aus der Perspektive psychoanalytischen Verstehens zu beantworten. Ein weiterer Aspekt ist in den kritischen Bemerkungen allerdings enthalten, den wir hier nur am Rande erwähnen können und der weniger leicht zu entkräften ist. Jaspers wendet sich deutlich gegen eine professions- oder institutionslogische Strategie des (vermeintlichen) Verstehens (vgl. ausführlich Bormuth 2018). In seinem Vorwurf an die Psychoanalyse ist nicht zuletzt enthalten, dass – berechtigterweise – der Eindruck entsteht, psychoanalytisches Verstehen bedeute, etwas einem Kanon von Lehrmeinungen einzugemeinden (Freuds eigene Auseinandersetzung mit möglichen Einwänden gegen seine These der verdrängten Homosexualität am Grund der Paranoia ist ein Beispiel dafür), erst recht durch Freuds »Schüler«. Eine »korrekte« Deutung sollte sich hingegen nicht darüber begründen, dass es proklamiertem Wissen entspricht, sondern sich am Erleben eines Patienten orientiert. Bis heute erscheint an Jaspers Kritik daher der Hinweis wichtig, dass der Referenzrahmen des Verstehens nicht die Autorität Freuds oder seiner Theorie als solche sein darf, erst recht nicht im Hinblick auf Berufspolitik oder Institutionalität der Psychoanalyse. Ein zentraler Bereich, in dem die Psychoanalyse bis heute aus der Kritik Jaspers’ lernen kann, ist daher neben einer Institutionalismuskritik (nicht zuletzt im Kontext psychoanalytischer Aus- und Weiterbildung und darin besonders der Lehranalyse), die im Zentrum von Jaspers’ Psychoanalyse-Kritik nach dem zweiten Weltkrieg steht (Bormuth 2018)4, das Verhältnis von Verstehen und Deutung (vgl. Storck in Vorb.) (vgl. allgemeiner zu Jaspers’ methodologischer Psychoanalysekritik Warsitz 1990; zu Versuchen der »Verständigung über Unverständliches« Warsitz 2010; zur Frage des Verstehens und Nicht-Verstehens Kadi 2012).

2.2.2 Klinisches Verstehen

Methodisch steht die Psychoanalyse dort vor ihrer größten erkenntnistheoretischen Schwierigkeit, wo es darum gehen soll, Unbewusstes zu verstehen, und zwar im Besonderen das dynamisch Unbewusste (das gerade nicht »außerbewusst« ist, wie Jaspers meint; Jaspers 1946, S. 452; dazu wäre kausales Erklären nötig; vgl. Jäger 2016, S. 23). Bei Jaspers heißt es allgemein: »Für den Inhalt der Vorgänge im Unbewußten können natürlich nur verstehbare Vorgänge im Bewußten die Anschauung geben« (Jaspers 1946, S. 451). Freud (1915e, S. 264) meint, man erkenne das Unbewusste »nur als Bewußtes, nachdem es seine Umsetzung oder Übersetzung in Bewußtes erfahren hat«.

Während es in Freuds Werk sehr prominent um (unbewusste) Bedeutungen geht, so finden sich doch nur wenige Bemerkungen zu einer Theorie oder Methodik des Verstehens. Freuds explizite Bemerkungen dazu beschränken sich im Grunde darauf, auf »symptomatische« Formen des Verstehen-Müssens in der Zwangsneurose oder im Wahn hinzuweisen oder herauszustellen, dass man nicht zu schnell verstehen, sondern ausreichend lang gleichschwebend aufmerksam bleiben solle (Freud 1916/17, S. 188). Eine eher versteckte Bemerkung Freuds (1950a, S. 457) weist auf das Verstehen als ein Zerlegen in einen verständlichen, »dem Ich aus eigener Erfahrung bekannten« Teil und einen übrigbleibenden, »unassimilierbaren« Rest hin.

Psychoanalytische Bedeutungstheorie hat ihre Stärke darin, sich an den Assoziationen zu orientieren statt an vorgefertigten, überindividuellen Bedeutungen. Das Wesentliche etwa an der Traumdeutung (für Freud 1900a, S. 613f.) immerhin via regia zum Unbewussten) ist nicht deren katalogisierbare Symbolik, sondern das, was der Träumenden in der analytischen Stunde dazu in den Sinn kommt. In der Tat hängt jede psychoanalytische Deutung in der Luft, solange sie nicht zwei Aspekte zentral berücksichtigt: erstens die assoziativen Verbindungen, zweitens die analytische Beziehung.

Freud (1910a, S. 30f.) benennt als Grundregel der Psychoanalyse als Behandlungsmethode, dass die Analysandin ihre freien Einfälle äußert, ohne eine Auswahl im Hinblick auf Sinn, Logik, Höflichkeit oder Kohärenz zu treffen. Diese so genannte freie Assoziation ist natürlich alles andere als frei, denn sie zeigt die Verbindungen innerhalb der Vorstellungswelt. Folgt die Analysandin der Regel der freien Assoziation, dann zeigen ihre Einfälle die Determiniertheit durch unbewusstes Material, dabei aber vielmehr die Ablenkungen und Zensurierungen als »das Unbewusste« als solches. Bedeutungspraktisch ist daran anknüpfend zu sagen, dass nicht einer Maßgabe von »A bedeutet B« gefolgt wird, sondern »Es ist bedeutsam, dass A auf B folgt« (d. h. dass beide miteinander in Verbindung stehen).

In einer analytischen Stunde soll der rationale Verstand relativ in den Hintergrund treten, so dass andere Aspekte deutlich werden, die das Erleben leiten. Meist wird das mit der Regressionsförderung in Verbindung gebracht und dies liefert die Begründung für das Couch-Setting in der Psychoanalyse, für die hohe Wochenstundenfrequenz und die abwartend-zuhörende Haltung der Analytikerin. All das soll es der Analysandin erleichtern, spontanen und u. U. irrationalen Erlebnisanteilen Raum zu geben sowie verinnerlichte Beziehungsmuster einzubringen (Storck 2021b).

Dazu gehört das, was sich »in der Übertragung« zeigt. Im Freud’schen Werk lassen sich zwei Bedeutungsebenen des Übertragungskonzepts unterscheiden (Storck 2020a): eine weiter gefasste und eine engere. In der weiter gefassten Konzeption (vgl. a. Bollas 2006) meint Freud (1900a, S. 568) mit Übertragung allgemein die Übertragung/Verschiebung der Intensität einer Vorstellung auf eine andere, »harmlosere«. Er vergleicht das mit dem »Tagesrest« im Traum, also denjenigen aktuellen Wahrnehmungen und Erlebnisbildern, die im Traum gleichsam die Bühne oder Kostümierung für andere Themen liefern. Übertragung ist hier das Mittel für ein entstelltes, verkleidetes Bewusstwerden. In der engeren Begriffsfassung (z. B. in Freud 1905e, S. 279f.) geht es dann konkreter um die Übertragung von Aspekten einer früheren Beziehung auf eine aktuelle, vor allem, aber nicht allein, die Beziehung zur Analytikerin. Das Konzept zeigt, wie sich der Niederschlag vorangegangener Beziehungserfahrungen immer im aktuellen Erleben von Beziehungen äußert. Dies wird in analytischen Behandlungen besonders genutzt und vertieft. Die Regressionsförderung soll es auf den Weg bringen, die Analytikerin im Lichte früher, internalisierter Beziehungserfahrungen zu erleben. Freud (1914g, S. 134f.) nennt diese Vertiefung der Übertragung in der Psychoanalyse das Herstellen einer Übertragungsneurose (den Begriff verwendet er mal, wie hier gemeint, behandlungstechnisch, mal nosologisch). Mit der Übertragungsneurose ist die Zentrierung der (neurotischen) Symptome auf die Analytikerin gemeint, was zum einen die weiteren Beziehungen der Analysandin vor entsprechenden Inszenierungen schützt, zum anderen erst dafür sorgen kann, dass in der Analyse etwas verändert werden kann: nämlich, weil es affektiv präsent und verstehbar wird (vgl. zur Übertragungspsychose Kap. 5.2).

Das klinische Verstehen in der Psychoanalyse ist dabei ein beziehungshaftes. Es wird nicht abstrakt verstanden, was bei einer Analysandin anderswo passiert, sondern das, was sich zwischen beiden Beteiligten zeigt – Übertragungsfiguren ebenso wie Aspekte der Gegenübertragung auf Seiten der Analytikerin. Übertragung und Gegenübertragung stehen dabei einander nicht gegenüber, logisch oder zeitlich, sondern sind Teil von Beziehungsszenen. Argelander (1967) oder Lorenzer (1970) haben das psychoanalytische Verstehen daher, dem logischen und psychologischen Verstehen zur Seite stehend, als szenisches Verstehen konzipiert. Während logisch verstanden wird, was eine Analysandin sagt, und psychologisch, wie sie es sagt und was es für sie bedeutet, wird szenisch verstanden, welche Art von Beziehung sich zwischen Analytikerin und Analysandin in Szene setzt.

Das ist die wichtigste Antwort auf die Frage danach, wie die Psychoanalyse das Problem des Verstehens von (dynamisch) Unbewusstem bewerkstelligen will. Es wird davon ausgegangen, dass eine Analysandin verschiedene »Szenen« in die Analyse hineinbringt: Szenen, über die sie aus ihrer Biografie, besonders der Kindheit, spricht, Szenen, die in ihrem aktuellen Leben eine Rolle spielen und letztlich auch Szenen, die sich zwischen ihr und der Analytikerin ereignen. Lorenzer (1970) geht davon aus, dass in diesen jeweils partikularen Szenen eine »Situation« oder »situative Gestalt« erkannt werden kann, eine Art von gemeinsamem Grundgerüst, das die jeweils einzelnen Szenen, zumal im Fall der Einengung des Erlebens im Rahmen einer psychischen Störung, trägt. Da die Analytikerin Teil einiger Szenen der Analysandin ist, kann sie ihre (Selbst-)Beobachtung (in) dieser Szene dazu nutzen, Verstehenshypothesen zu entwickeln, die dann, hypothetisch, etwas davon zeigen, was auch zwischen der Analysandin und anderen eine Rolle spielt.

So können nicht-triviale und nicht-beliebige Verstehenshypothesen gebildet werden. Teilt die Analytikerin sie ihrer Analysandin verbal mit, kann von einer Deutung gesprochen werden, deren Wert in der zeitgenössischen Psychoanalyse in allererster Linie darin liegt, dass und wie sich der gemeinsame Verstehensprozess danach weiterentwickelt. Psychoanalytisches Verstehen ist dabei also immer unabgeschlossen.

2.2.3 Methodologie des Verstehens

Damit ist auch die Grenze des Verstehens und des Verstehbaren berührt. Für Jaspers habe die Psychoanalyse grenzenlos alles als verstehbar erachtet. Auch von innerhalb der Psychoanalyse wurde Kritik geäußert, so etwa von Thomä und Kächele (1973), die das Evidenzerleben, das auch von Lorenzer (1970) für das psychoanalytische Verstehen herangezogen wird, als unzureichend betrachten. Es müsste »extraklinisch« validiert werden. Mit anderen Argumenten spricht Bion (1991, S. 578) vom Verstehen als größtem Schreckgespenst, Lacan (1964, S. 14) von einer »hermeneutischen Vindizierung« (er gibt auch, gerade im Zusammenhang der Psychosen, den Hinweis, sich vor dem Verstehen zu hüten; Lacan 1955/56; Kap. 3.4.1), Fink (2010) ruft einen »Wider den Verstehenszwang« aus und Laplanche (1995, S. 617) postuliert »Hände weg von der Hermeneutik«. Dabei geht es darum, dass die Psycho-Analyse zerlegend versteht (also die Zusammensetzungen und Ablenkungen) statt Bedeutungen einzusetzen.

Hier allerdings die Psychoanalyse der Hermeneutik schlicht entgegenzustellen, greift zu kurz, denn es übersieht Positionen innerhalb der philosophischen Hermeneutik, von der die Psychoanalyse profitieren kann. Zunächst einmal liefert das »kanonische« Werk der philosophischen Hermeneutik des 20. Jahrhunderts, Gadamers (1960) Wahrheit und Methode, Anknüpfungspunkte, etwa wenn es darin heißt, dass Verstehen immer ein Andersverstehen sei, was neben der Kontextualität auch die Perspektivität des Verstehens unterstreicht. »[I]n jedem Augenblick, d. h. in jeder konkreten Situation« müsse »neu und anders verstanden werden« (a. a. O., S. 292). Ebenso wie Jaspers auf die Grenze des Verstehens hinweist, entwickelt Angehrn (2010) in umfassender Weise eine Art von Taxonomie des Nicht-Verstehens, indem er die Grenzen des Sinnverstehens diskutiert.

Der Gedanke des Negativen in der Hermeneutik wird psychoanalytisch von Küchenhoff & Warsitz (2017) aufgenommen, die betonen, dass psychoanalytisches Verstehen im Wesentlichen darin besteht, den Spuren des Abwesenden nachzugehen, also das zu verstehen, was in der Rede umkreist und nicht gesagt wird, sich aber gerade darin einem möglichen Zugang zeigt. Das Subjekt artikuliert sich nur »über den Selbstentzug der Worte, in denen es sich auszudrücken versucht« (a. a. O., S. 206). Ähnlich heißt es bei Lacan (1955/56, S. 137): »Der Zustand der Sprache zeichnet sich ebensowohl durch das, was in ihr abwesend ist wie durch das, was in ihr anwesend ist, aus.«

Das kann dazu führen, für psychoanalytisches Verstehen methodologisch (und klinisch) ein Zusammenwirken von Verstehen und Nicht-Verstehen in einer negativen Hermeneutik zu formulieren (Storck 2016). Methodologisch würde es zum einen um die Grenzen des Verstehens gehen, dann um das Entzogensein des zu verstehenden Sinns und schließlich um die Differenz derjenigen, die in der Analyse etwas verstehen wollen. Klinisch geht es um die Beachtung des Nicht-Verstehens oder Missverstehens, welches die Grundlage dafür liefert, über das wechselseitige Andersverstehen zu einem Veränderungsprozess zu gelangen, in dem eine Analysandin in ihrem Erleben die Möglichkeit erwirbt, alternative Formen des Selbstverstehens zu erlangen als die im Symptom erstarrten.

2.2.4 Konzeptbildung

Der nächste Kritikpunkt Jaspers’ gegenüber der Psychoanalyse richtet sich darauf, dass Freud meint, durch Verstehen zu einer Theorie gelangen zu können. Er habe unrichtigerweise angenommen, »daß alles im Seelenleben […] verständlich (sinnvolldeterminiert)« sei (allerdings auf »als-ob«-hafte Weise), und noch dazu »aus verständlichen Zusammenhängen Theorien über die Ursachen des gesamten seelischen Ablaufs« gemacht, »während Verstehen seinem Wesen nach nie zu Theorien führen kann« (a. a. O., S. 452). In der Psychoanalyse würden daher aus Sicht Jaspers’ »verständliche Zusammenhänge mit kausalen Erklärungen verwechselt«, wenn »aus verständlichen Zusammenhängen Theorien konstruiert« würden (Jäger 2016, S. 37; vgl. Heinz 2002, S. 40; Bormuth 2018, S. 54ff.). Auch die Kritik Grünbaums (1984) hebt Freuds Verwechslung von Verstehen und Kausalität hervor, vor allem demonstriert an der vermeintlichen Verbindung zwischen Paranoia und verdrängter Homosexualität ( Kap. 3.1.2).

Freud ging es immer wieder um eine Abgrenzung von ihm als spekulativ erscheinender Philosophie. Stattdessen versuchte er, die Psychoanalyse und ihre Erkenntnisse sprachlich (und professionspolitisch) in die Nähe von Naturwissenschaftlichkeit zu bringen. Habermas (1968, S. 301) hat das als »szientistisches Selbstmissverständnis« bezeichnet. Das Ringen zwischen der Novellenartigkeit der Falldarstellungen (Freud 1895d, S. 227), dem klinisch-verstehenden Vorgehen und dem Anspruch auf Naturwissenschaftlichkeit hat Freud selbst nicht in einer erkenntnistheoretisch schlüssigen Sicht auf die Psychoanalyse auflösen können. Andere haben später das Zusammenwirken von »Kraft« und »Sinn« oder von »Verstehen« und »Erklären« unterstrichen (Ricœur 1965; Lorenzer 1986; Warsitz 1997).

Nimmt man die methodischen und methodologischen Bemerkungen ernst, dann gewinnt die Analytikerin Erkenntnisse durch ein reflektierendes In-Beziehung-Stehen zur Analysandin. Die Erkenntnismethode ist dabei angewiesen auf die relationale Beziehungserfahrung – die Psychoanalyse nimmt also den Ausgang vom Einzelfall einer Beziehung. Darin findet das Verstehen im oben beschriebenen Sinn statt, aber es geschieht noch mehr: Es wird auf Konzepte rekurriert (und diese gelegentlich modifiziert), um Phänomene im Zusammenhang des Einzelfalls begreiflich zu machen. Das findet sich in der Freud’schen Theoriebildung, etwa zur unbewussten Fantasie oder zur Übertragung, beides sind ja konzeptbildende Antworten auf Vorgänge in einzelnen Behandlungen gewesen. Es geschieht keine Verallgemeinerung oder Prognose für viele andere genügend ähnliche Fälle, sondern die Verallgemeinerung liegt auf der Ebene der Konzeptbildung. Es wird nicht, um eine Formulierung Zepfs (Zepf 2006, S. 263) aufzugreifen, theoretisch gesagt, wie Behandlungen (und Erkrankungen) allgemein verlaufen, sondern es wird theoretisch allgemein gesagt, wie besondere Behandlungen (und Erkrankungen) verlaufen. Es wird dabei also ein klinisches Phänomen methodisch geleitet auf den Begriff gebracht. Zum Verstehen tritt ein Begreifen hinzu (Zepf & S. Hartmann 1989), und auf diese Weise geschieht eine Art von Modellbildung, die dabei helfen kann, weitere Einzelfälle und die Phänomene darin zu verstehen.

2.2.5 Fallbeispiel A.

Der 17-jährige A. wird auf die geschlossene Station einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen, nachdem er in der Innenstadt Passanten scheinbar grundlos angegriffen hat. Er ist voller Überzeugung, diese hätten schlecht über ihn gesprochen. Auch den hinzugerufenen Polizisten gegenüber sei er sehr provokant aufgetreten. Im Aufnahmegespräch zeigen sich bei ihm eine deutlich eingeschränkte Auffassung sowie stark eingeschränkte mnestische und Aufmerksamkeitsfunktionen. Sein formales Denken ist in Form von Verlangsamung, Umständlichkeit, Weitschweifigkeit, Neologismen und Inkohärenzen stark beeinträchtigt. A. ist im Affekt gereizt-disphor sowie wiederholt parathym. Seine Mimik ist verflacht, seine Körperhaltung wirkt bizarr und manieristisch, insgesamt ist er psychomotorisch verlangsamt. Er berichtet von Größenideen: »Ich bin der Auserwählte. Auf der Straße erkennen manche mich.« A. meint, von den Ärzten würden Informationen über ihn an die Polizei weitergegeben, und er deutet Gesten und Bewegungen der Behandelnden als »Zeichen« für ihn. Aussagen von Mitpatienten erlebt er bezogen auf sich bzw. seine Biografie.

Während der ersten Tage und Wochen entsteht der Eindruck von Ich-Störungen in Form von Gedankeneingebungen. A. meint, er könne andere Personen durch seine eigenen Gedanken beeinflussen und steuern, beispielsweise zu vereinbarten Treffpunkten bewegen. Ebenso kristallisiert sich deutlich ein ausgeprägtes, systematisiertes und nicht korrigierbares Wahnerleben heraus: A. meint, er sei ein respektiertes Mitglied eines Geheimbundes, dessen Handzeichen eines dauerhaft gebeugten Ringfingers als Zeichen von Loyalität und Zugehörigkeit gilt. Sein Geheimbund rivalisiert mit anderen Organisationen und hat Deutschland in verschiedene Territorien aufgeteilt.

Mit seinem muskulösen Körperbau, seiner hohen Anspannung, seinem paranoid wirkenden und starren Blick sowie einem häufig parathym erscheinenden Grinsen erscheint A. seinem Behandler unberechenbar und löst in der Gegenübertragung Angst aus sowie die Fantasie, von ihm spontan physisch angegriffen zu werden. Dies weitet sich aus zur Fantasie, A. könnte ihn nach Entlassung aufsuchen und bedrohen. Nach einiger Zeit der Behandlung findet sich bei A. eine aus einer Zahnbürste gebaute Stichwaffe.

Seine Eltern berichten von einer schleichenden Wesensveränderung seit Beginn der Pubertät. A. habe sich immer mehr im familiären Kontext zurückgezogen, sei im Affekt starr geworden und habe unter einer gedrückten Stimmung gelitten. Seine Konzentrationsfähigkeit lasse nach, er habe kürzlich zwei Mal den Herd in der Wohnung angelassen. Im Vergleich zur Kindheit sei er weniger empathisch. Sie würden ihren Sohn im Gespräch zunehmend skurril erleben. A. räume sein Zimmer nicht mehr auf, verweigere die Annahme von Essen, das seine Eltern zubereitet hätten, und nehme auch keine Gegenstände von ihnen an. Er falle zunehmend durch provozierende und sachaggressive Handlungen auf. So habe er kürzlich eine Tür eingetreten sowie einen Motorradspiegel zerschlagen. Seit dem 13. Lebensjahr konsumiere A. regelmäßig Cannabis.

A. ist das einzige Kind von Mutter (+39) und Vater (+41). Die kindliche Entwicklung erscheint in den Berichten der Eltern altersgerecht, sie beschreiben einen gesteigerten Bewegungsdrang und eine geringe Frustrationstoleranz im Kleinkindalter. A. habe sich immer gern in Gruppen aufgehalten, aber bis heute keine engen Freundschaften mit anderen Kindern aufgebaut; auch habe er außerhalb der Primärfamilie kein enges Verhältnis zu Familienangehörigen. Seine schulischen Noten seien gut gewesen, aber er leide an einer Dyskalkulie und sei phasenweise leicht ablenkbar gewesen. Ab dem 12./13. Lebensjahr hätten die Konflikte zwischen A. und seinen Eltern zugenommen, er sei zunehmend oppositionell aufgetreten und habe sich immer mehr verschlossen und entzogen. Gegen Ende der achten Klasse auf dem Gymnasium seien leichte Notenverschlechterungen beobachtbar gewesen, mit Abschluss der zehnten Klasse habe A. aber mit einer Durchschnittsnote von 1,6 seinen mittleren Schulabschluss erreicht. Ab der elften Klasse habe er zunehmend unentschuldigt gefehlt und sich schlechter konzentrieren können. Nach einem wiederholten Schuljahr sei er wegen unentschuldigter Fehlzeiten schließlich der Schule verwiesen worden.

In den Elterngesprächen zeigt sich für den Hauptbehandler die Auffälligkeit, dass die Eltern von A. oft auf rein somatische Aspekte der Behandlung zu sprechen kommen, es ihnen schwerfällt, eine emotionale Perspektive auf die Erkrankung einzunehmen und sie kaum wie ein glückliches Paar wirken. Die Mutter wirkt subsyndromal depressiv, der Vater tritt mit einer passiv-aggressiven Grundhaltung auf. In der emotionalen Reaktion in den Elterngesprächen wechseln sich für den Behandler Mitgefühl und Ärger ab, er fühlt sich von Seiten der Eltern wiederholt idealisiert. Auffällig erscheint auch, dass angemessene Autonomie- und Loslösungsschritte A. im späteren Verlauf der Behandlung von den Eltern tendenziell als drohende Verschlechterung der psychotischen Symptomatik wahrgenommen werden.

Nach einiger Zeit der insgesamt fast sechs Monate andauernden multimodalen Behandlung erscheint A. »berechenbarer« und absprachefähig und er wirkt in Mimik und Körperhaltung »menschlicher« auf seinen Behandler. Sein Misstrauen nimmt deutlich ab und er teilt sich seinem Behandler persönlicher mit. Im Zuge dessen wird es leichter, Wahninhalte gemeinsam zu hinterfragen, auch da A. zugewandter und schwingungsfähiger wird und sich bei ihm eine beginnende Krankheitseinsicht entwickelt. A. selbst thematisiert nun adäquater altersgerechte aktuelle und vergangene Konflikte zwischen ihm und den Eltern. Er kann realitätsgerechter über »Überwachung« oder »übertriebene Angst« um ihn seitens der Eltern sprechen. Im Gegenübertragungserleben wird die Angst durch Sympathie ersetzt, einschließlich einer Fantasie, sich mit A. gegenüber den Eltern solidarisieren zu wollen.

Anhand der kurzen Vignette können zwei Aspekte beginnend diskutiert werden: zum einen allgemein eine Perspektive auf psychotische Symptome als Ausdruck einer Störung des Denkens und des Ichs, zum anderen die Frage nach der Sinnhaftigkeit und der Verstehbarkeit.

In erster Linie zeigt sich im Blick auf die Erkrankung A.s die Störung des inhaltlichen und des formalen Denkens. Er entwirft ein überwertiges Wahn-»System«, in dem es um Bedrohung, Überwachung und Besonderheit geht. In dieses fügen sich alle Beobachtungen ein, etwa Gesten von Menschen, denen er begegnet. Sein Denken ist verlangsamt oder umschweifig, Aggression ist unintegriert, Affekte allgemein parathym. Hinsichtlich der Ich-Störung zeigt sich, wie wenig »Inneres« umgrenzt ist: A. kann durch seine Gedanken andere Menschen steuern.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit spielt in zweierlei Weise eine Rolle. Zum einen ist das Wahnsystem hochkohärent, alles ist darin eingefügt. Für A. ist verständlich, warum andere Menschen bestimmte Gesten machen und auch alles andere, was er denkt, fühlt und wahrnimmt. Sinnverstehen ist hier auf die Spitze getrieben, es wird alles verstehbar und ist gegenüber den Wahnideen und Ängsten sinnvoll. Zum anderen wirft das die Frage danach auf, in welcher Weise A.s Wahnerleben seinerseits verstehbar ist. (Psychoanalytisches) Verstehen sollte hinsichtlich seiner logischen Struktur nicht in überwertiger Weise in die Nähe eines Wahnsystems rücken, in dem sich einer bestimmten Verstehenshypothese alles unterordnet. Der Weg psychoanalytischen Verstehens sollte daher den Weg vom Beziehungserleben aus nehmen – hier das eigene Bedrohtheitserleben des Behandlers. Das ist, was einfühlbar ist bzw. sogar etwas, gegen dessen Einfühlen man sich kaum wehren kann. Verstehbar sind dann: Angst, das Gefühl von Bedrohtheit oder der Eindruck einer (relational) unberechenbaren Welt. Hinzu kommt u. U. die Vorstellung, überwacht zu werden oder keinen Schritt tun zu können, ohne sanktioniert oder gar liquidiert zu werden. Das ist es, worin sich der Behandler einfühlen kann. Erst hierüber kann ein Begreifen erfolgen, nämlich dass der Wahn A.s sekundär eine Systematisierung einer primär unberechenbaren Welt schafft, in der die Elemente von Überwachung, Enge und verhinderter Autonomie auf Elemente der Primärbeziehungen verweisen könnten (ebenso wie der Kontext einer Behandlung auf einer »geschlossenen« Station es tut).

2.3 Nosologie, Biologie, Psychopharmakologie, Psychotherapieforschung

Es sind einige »Positionsbestimmungen« bezüglich des Gegenstandsbereichs der vorliegenden Arbeit erforderlich. Die Bereiche Nosologie/Diagnostik, Neurobiologie, Pharmakotherapie oder Wirksamkeitsforschung stehen nicht im Zentrum, sondern werden hier nur kurz berührt.

2.3.1 Zu Nosologie und Diagnostik

Konzepte von Krankheit (Heinz 2014) oder Gesundheit (Heinz 2016) lassen sich umfangreich diskutieren. Eine Krankheit wird darüber definiert, dass sich pathologische/abweichende Veränderungen zeigen, die auf Krankheitsursachen zurückgeführt werden können und in Beeinträchtigungen in der Lebensführung und Teilhabe (beruflich, sozial, körperlich) führen. In der Regel ist dies verbunden mit einem subjektiv erlebten Leidensdruck. Für psychische Störungen entsteht die Besonderheit, dass in nosologischer Hinsicht bestimmte Phänomene als die Krankheit verstanden werden (vgl. Benecke 2019, S. 394), etwa das Zusammentreffen bestimmter vegetativer Phänomene mit dem Erleben von Panikgefühlen als Panikstörung. Während beispielsweise der grippale Infekt, der sich z. B. in Fieber zeigt, sich bestimmen und definieren lässt, ist die Panikstörung »nur« der Name für eine Gruppe von Symptomen und wirkt nicht ursächlich, so dass Krankheitserscheinungen entstünden.

Für Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit aus Sicht der Psychoanalyse (vgl. a. Heinz 2016, S. 63ff.) kann gesagt werden, dass weder das Fehlen von psychischen Konflikten noch das Fehlen unbewusster Erlebnisanteile als Kennzeichen von Gesundheit gelten kann. Vielmehr sind es die Möglichkeiten, interpersonelle und intrapsychische Konflikte auf adaptiv jeweils geeignete Weise zu bewältigen (statt in immergleiche, dysfunktionale Automatismen zu geraten), die psychische Gesundheit kennzeichnen. Während Freud die Möglichkeit, Einsicht in unbewusst konflikthafte Bedeutungen nehmen zu können, als wesentliches Ziel von Behandlungen formuliert hat, ist in heutiger Perspektive von Gesundheit als der Fähigkeit zu sprechen, sich das eigene Erleben innerer und äußerer (d. h. sozialer, interpersoneller) Zustände und Vorgänge mental vor Augen führen zu können (dafür also Erlebnisformen zu finden; Sprache, Bilder, Gefühle). Krankheit wäre dann eine Einschränkung dessen samt der Folgen für Verhalten und Lebensgestaltung, also eine Einschränkung im Erleben und/oder Handeln. Bezüglich des Leidensdrucks ist eine Perspektive sinnvoll, in der psychopathologische Symptome, so dysfunktional und mit schmerzlichen Folgen verbunden sie sein können, letztlich immer gegenüber etwas anderem (meist: einer intensiveren Angst) »das kleinere Übel« sind. Selbst die psychotische Angst, dass alles, was sich in der Welt wahrnehmen lässt, verfolgend-bedrohlich auf die eigene Person gerichtet ist, ist weniger ängstigend als das Erleben vollkommener Unverbundenheit, Inkohärenz und Bedeutungslosigkeit. In diesem Sinn sind psychische Störungen (und ihre Symptome) die Beantwortung eines »Leidensdruck«, sie sind durch diesen hervorgerufen und stellen eine Form der versuchten (»relativen«) Linderung dar – ohne dass damit in Abrede gestellt werden soll, dass psychopathologische Symptome jemanden »leiden« lassen. Die Störung besteht darin, für einen darunter liegenden Leidensdruck keine geeigneteren Formen der Bewältigung zu finden.

Für eine klassifikatorische Diagnostik ist auf die Hinweise der Behandlungsleitlinie einschließlich des SCID-5-CV-Interviews zu verweisen sowie auf die Bedeutung der desintegrierten Struktur in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (Arbeitskreis OPD 2006). Psychoanalytisch spielt auch bezüglich der Psychose ergänzend dazu das szenische Verstehen und die Reflexion der Gegenübertragung (vgl. z. B. Matejek 1999) eine wichtige (aber nicht für sich stehende) Rolle in der Diagnostik sowie Indikationsstellung. Ein dreidimensionales Modell der Psychodynamik der Psychose in diagnostischer Hinsicht wird ferner von Mentzos (1999) vorgeschlagen. Auf einer ersten Dimension liegen Selbstpol und Objektpol. Auf einer zweiten Dimension verortet er eine Linie zwischen der dilemmatischen Konstellation der Schizophrenie (Selbstidentität) und der dilemmatischen Konstellation der affektiven Psychose (Selbstwert). Schließlich wird eine dritte Dimension zwischen den Polen Überstimulation und Unterstimulation aufgespannt. Jede psychotische Störung wird so psychodynamisch einordbar, zum Beispiel die von Überstimulation auf Seiten des Selbstpols gekennzeichnete schizophrene Störung eines Größenwahns (vgl. zur Rolle der psychodynamischen Perspektive in der psychiatrischen Diagnostik Küchenhoff 2006).

Fuchs (2015a) macht den Vorschlag, zwischen drei Aspekten psychiatrischer Diagnostik zu unterscheiden: einer positivistischen (3. Person), einer phänomenologischen (1. Person) sowie einer hermeneutisch-intersubjektiven (2. Person). Kürzlich haben ferner Sell et al. (2020) ein Studiendesign zur Entwicklung einer Typologie psychotischer Störungen auf psychoanalytischer Grundlage vorgelegt.

2.3.2 Zum Ausdruck »psychotisch« in der Psychoanalyse

In psychoanalytischen Arbeiten zur Psychose ist oft Unterschiedliches gemeint, wenn etwas als »psychotisch« bezeichnet wird. Zum einen geht es um psychotische Störungen im nosologisch-klassifikatorischen Sinn. Zum anderen aber um eine »psychotische« Struktur des Subjekts (vgl. z. B. Ruhs 2012), womit die Schwierigkeit verbunden ist, dass jemand, der in diesem Sinn psychotisch genannt wird, durchaus symptomfrei im deskriptiven, nosologischen Sinn sein kann. Schließlich ist auch gelegentlich von einem psychotischen Funktions- oder Verarbeitungsmodus die Rede. Hier ist dann eine Art von punktuell psychotischer Weise des Erlebens gemeint, wie es sich beispielsweise in der psychotischen Übertragung ( Kap. 5.2) zeigt, die sich auch bei Patientinnen mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung zeigen kann. »Psychotisch«, so kann zusammengefasst werden, kann in der Psychoanalyse eine Krankheit, eine Art der psychischen Struktur und ein Funktionsmodus sein.

2.3.3 Genetische und neurobiologische Aspekte der Schizophrenie

Ein biopsychosozialer Blick auf psychotische Störungen ist unverzichtbar und damit auch der Einbezug neurobiologischer und -chemischer, populations- und molekulargenetischer Aspekte sowie prä- und perinataler Risikofaktoren (vgl. z. B. die S3-Leitlinie der DGPPN 2019 oder die evidenzbasierte Leitlinie der DGPs Lincoln et al. 2019, S. 30f.) Einen Überblick über biochemische bzw. neurophysiologische und -psychologische Befunde in der Schizophrenieforschung im historischen Verlauf gibt z. B. Rey (2011, S. 823ff.); vgl. aktuell auch Schlagenhauf und Sterzer (2020) für einen allgemeinen Überblick oder Heinz et al. (2018) zur Diskussion von predictive coding/processing unter kognitiver und neurowissenschaftlicher Perspektive, sowie Tebartz van Elst (2021) zu einer kritischen Revision des Konzepts Schizophrenie in neuropsychiatrischer Betrachtung.

Einigkeit dürfte hinsichtlich des neurobiologischen Befundes einer gestörten Erregungs-Hemmungs-Balance bestehen, der Befunde zur Rolle unterschiedlicher Neurotransmittersysteme (Dopamin, GABA, Glutamat) integriert (vgl. für den Einfluss von Glutamat z. B. von Haebler & Gallinat 2008) und eine Antwort auf das Auftreten von Positiv- und Negativsymptomatik der Schizophrenie ermöglicht (vgl. zur Diskussion einer gestörten Balance auf sowohl neuropsychologischer als auch psychoanalytischer Ebene z. B. Mentzos 2008). Ebenso wird die Theorie der aberranten Salienz herangezogen, um die subjektiv erlebte überwertige Bedeutungszuschreibung und die daraus gezogenen Schlüsse verständlich zu machen (Heinz & Schlagenhauf 2010), oder das Modell des predictive coding/processing, um Vorhersagefehler auf der Grundlage sensorischer Daten im Zusammenhang der Schizophrenie zu erklären (Sterzer et al. 2018). Es liegt eine Schwächung der konzeptualisierenden Komponente im Verhältnis zur sensualistischen vor.

Aus psychoanalytischer Richtung ist vor allem die Kennzeichnung der Psychose als »Psychosomatose des Gehirns« (Mentzos 2000) zu erwähnen. In neuerer Perspektive diskutieren Böker, Hartwich & Northoff (2016) systematisch eine »neuropsychodynamische« Perspektive in der Psychiatrie. Unter Rückgriff auf eine Reformulierung des Freud’schen Begriffs der Besetzung/Kathexis durch Northoff (2011) unterscheidet Hartwich (2016, S. 206ff.) verschiedene Formen der Besetzung. Dies wird explizit als ein neuropsychodynamisches Modell ausgewiesen, in dem das klassische Abwehrkonzept der Psychoanalyse (vgl. a. Hartwich & Grube 2015, S. 87ff.; Kap. 4.4.1) in Richtung von »Parakonstruktionen« reformuliert wird. Es soll zum Ausdruck kommen, dass das »kreative Wiederherstellungsprinzip« der Parakonstruktion »nicht nur auf psychodynamischer Ebene, sondern gleichzeitig auch auf somatischer (genetischer, neuronaler) Ebene aufzufassen ist«, wenngleich es nur zu »Partialkohärenzen« komme (Hartwich 2016, S. 210).

2.3.4 Psychopharmaka

Hinsichtlich der Wirkung von antipsychotischer Medikation können hier nur einige Hinweise gegeben werden (vgl. z. B. Schwarz et al. 2006, S. 283ff.; Martini 2019; Aderhold 2014). Mit Küchenhoff (2016) kann die Medikamentengabe als »kommunikativer Akt« betrachtet werden (a. a. O., S. 14). Auch wenn insbesondere in der Vergangenheit der Eindruck einer »pharmakotrope[n] psychoanalytische[n] Scham« erweckt worden ist (a. a. O., S. 15) kann heute in fruchtbarer Weise auf die Verschränkung von therapeutischer Beziehung und Psychopharmaka geblickt werden. Das bedeutet die Auseinandersetzung mit der Verschreibung, Einnahme und Wirkung eines Medikaments im Hinblick auf die Beziehung.

Zunächst einmal ist dabei zu unterscheiden, ob es die Behandlerin ist, die ein Medikament verschreibt, oder eine an der psychotherapeutischen Behandlung beteiligte Psychiaterin (vgl. a. Münch 2016; zur Gefahr der Spaltung z. B. Hartwich & Grube 2015, S. 214). Zwischen (ärztlicher) Behandlerin und Patientin wird das Medikament zu etwas Drittem und es taucht ein »Diskurswechsel« (Küchenhoff 2016) auf: Die Entscheidung über eine Medikamentengabe wird nicht aus der Perspektive der Gegenübertragung heraus gegeben, auch wenn diese nicht unreflektiert bleiben darf. Eine Psychopharmakaverschreibung wirkt in jedem Fall »beziehungsdynamisch« und damit über die psychopharmakologische Wirkung hinaus. Küchenhoff (2016) plädiert daher für eine integrative (statt einer additiven) Betrachtung des psychotherapeutischen und pharmakotherapeutischen Prozesses unter Beachtung von »pharmakotropen« Übertragungen und Gegenübertragungen (vgl. a. Hartwich & Grube 2015).

Eine integrative Perspektive bezieht zwei Richtungen ein: Zum einen ist eine »respektvolle, die Persönlichkeit der Patientin würdigende Beziehungsarbeit […] die Voraussetzung dafür, dass die Medikation als Zunahme an Selbstwirksamkeit erlebt wird« (Küchenhoff 2016, S. 20), sie fördert die Medikamentencompliance und verändert den Blick auf den Nutzen der Medikamentenwirkung. Zum anderen schafft die Wirkung des Medikaments wichtige Voraussetzungen für die psychotherapeutische Beziehungsarbeit im Hinblick auf einen Reizschutz und Angstlinderung (a. a. O., S. 21). McCabe et al. (2012) zeigen den Einfluss der therapeutischen Beziehung auf die Adhärenz bezüglich der Gabe von Psychopharmaka.

Neben der Bedeutung und den Fantasien gegenüber der Gabe von Psychopharmaka geht es auch psychoanalytisch um eine Betrachtung von deren Wirkung. Küchenhoff (2016, S. 24ff.) stellt in einem kurzen Abriss dar, wie von psychoanalytischer Seite die Frage diskutiert wurde, ob Psychopharmaka auf Triebenergie und/oder Ich-Stärke wirkten, ob und wie sie die Abwehrfähigkeit beeinflussen sowie ob und in welcher Weise sie sich »auf die basale, psychophysisch fundierte Erfahrung von fusionären zwischenmenschlichen Erfahrungen« beziehen (a. a. O., S. 25). Solche Betrachtungen sind nur im integrativen Modell sinnvoll: Ein Neuroleptikum wirkt nicht auf den Trieb, die Abwehr oder die Objekte; zum einen deshalb nicht, weil es sich bei diesen um Konzepte handelt, zum anderen muss einem Kategorienfehler entgangen werden. Neuroleptika wirken auf Hirnprozesse. Diese stehen mit Erlebnisvorgängen in einem bedeutsamen Zusammenhang, so dass auch gesagt werden kann, dass jene diese verändern – allerdings kann das dann nur in einer integrativen Betrachtung thematisiert werden. Die Wirkung eines Neuroleptikums hilft, Erregungszustände zu regulieren, so dass in der Folge in der Tat »Abwehr« zurücktreten kann oder Beziehungen leichter hinsichtlich Nähe und Distanz ertragen werden können.

Küchenhoff benennt daher drei Ebenen, in denen eine »psychodynamische Psychopharmakologie« von Nutzen sein kann (a. a. O., S. 26ff.):

• Psychoanalyse kann dabei helfen, bestimmte Ebenen der Medikamentenwirkung (oder deren Ausbleiben) zu erfassen und zu verstehen (Compliance, Veränderung des Erlebens unter Psychopharmaka).

• Psychoanalytische Diagnostik im Besonderen kann dabei helfen, die Wirkung von Psychopharmaka auf verschiedene Bereiche (Konflikt, Struktur, Beziehungserleben) zu erfassen und somit auch die psychopharmakologische Indikationsstellung bereichern.

• Die strukturdynamische und pragmatische Betrachtung ermöglicht eine Betrachtung dessen, wie eine Veränderung jenseits der Linderung von Symptomen möglich wird.

2.3.5 Forschungsergebnisse zur psychodynamischen Therapie psychotischer Störungen

In der aktuellen evidenzbasierten Behandlungsleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie zur Behandlung der Schizophrenie und anderer psychotischer Störungen (Lincoln et al. 2019) sowie der S3-Leitlinie Schizophrenie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN 2019) spielen psychodynamische Behandlungsverfahren eine untergeordnete Rolle.

Lincoln et al. (2019) berichten von zwei Metaanalysen (Malmberg, Fenton & Rathbone 2001; NCCMH 2014; vgl. a. Gottdiener & Haslam 2007): In beiden zeigt sich kein bedeutsamer Effekt der psychodynamischen Behandlungen im Hinblick auf Rehospitalisierung bzw. Funktionsniveau. Einzelne weitere RCT-Ergebnisse liegen vor, zum Beispiel aus der Arbeitsgruppe um Rosenbaum et al. (2012), die in ihren Studien zur Supportive Psychodynamic Psychotherapy eine Verbesserung im Hinblick auf Funktionsniveau sowie Positiv- und Negativsymptomatik finden, in Langzeit-Follow-Up-Untersuchungen blieben diese Effekte nicht bestehen. So kann gesagt werden, dass sich einzig für das Funktionsniveau als Outcome-Maß ein Evidenzgrad (2a für eine RCT) ergibt. Deshalb wird keine Behandlungsempfehlung ausgesprochen. Ähnlich gibt die S3-Leitlinie (DGPPN 2019) unter alleinigem Rückgriff auf die Studie von Rosenbaum et al. (2012) einen Empfehlungsgrad 0 zum Anbieten einer psychodynamisch orientierten Psychotherapie bei Schizophrenie-Erkrankungen zur Verbesserung des globalen Funktionsniveaus an.

Die NICE-Guidelines (NCCMH 2014) geben eine Empfehlung zur psychotherapeutischen Behandlung bei psychotischen Störungen ohne Verfahrenseinschränkung (von Haebler 2015), ferner gibt es laufende RCT zur Wirksamkeit der Mentalisierungsbasierten Therapie (Weijers et al. 2016) oder der psychodynamischen Psychotherapie der Schizophrenie (Lempa, von Haebler & Montag 2017) ( Kap. 5.6).

2 In Brentanos deskriptiver, methodisch naturwissenschaftlicher Psychologie der Aktintentionalität beispielsweise geht es um Bewusstsein als Bewusstsein von etwas, als immer schon gerichtet und auf einen Gegenstand bezogen. Darin ist die Unbewusstheit von etwas widersinnig, es wäre das gerichtete Fehlen von etwas, das es aber nur geben könnte, wenn man wüsste, worauf sich das Bewusstsein nicht richtet.

3 In solchen allgemeinen Entwicklungsmodellen kann von »Mutter« oder »Vater« als Positionen die Rede sein, die nicht zwangsläufig von weiblichen oder männlichen Personen oder den leiblichen Elternteilen eingenommen werden müssen (vgl. z. B. Lang 2011).

4 Wie Bormuth (2018) zeigt, ist Jaspers’ Psychoanalysekritik daher nicht zuletzt im Blick auf die Selbstreflexion in der Lebensführung begründet. Eine in schlechter Weise institutionalisierte Psychoanalyse, die alles zu verstehen meint und noch dazu ein richtiges Verstehen deutungsautoritär nicht nur Patienten, sondern auch Auszubildenden und nicht zuletzt der gesellschaftlichen Sphäre vorgeben zu können meint, droht gerade den Weg einer existenzphilosophischen Reflexion des jeweiligen innerlichen Selbstverständnisses zu verstellen, den der auch gesellschaftspolitisch denkende Jaspers zentral setzt. Jaspers’ Kritik, auch an Mitscherlich und der institutionalisierten Psychosomatik, mag einseitig sein oder statt der prinzipiellen Struktur psychoanalytischen Verstehens vielmehr die Gefahren von dessen totalitärer Entgleisung betreffen, allerdings weist sie auch auf Fragen hin, die damit einhergehen, dass ärztlich-therapeutische Tätigkeit (wie auch sozialpolitischer Aufklärung) mit dem Paradox einer Anleitung zur Emanzipation konfrontiert ist, das sich im Feld der Psychosenbehandlung besonders deutlich zeigt: Wie kann professionelle Verantwortung dafür übernommen werden, dass jemandem eine mündige Lebensführung (wieder) möglich(er) wird?

3 Traditionslinien

Wir werden im Hinblick auf die Darstellung der Traditionslinien psychoanalytischer Psychosentheorie (Überblick auch bei Warsitz 2014) im Anschluss an die Erörterung der Freud’schen Perspektive ( Kap. 3.1) zum einen »historisch-regional« vorgehen, zum anderen weitere Ansätze für sich stehend erörtern. Eine Perspektive auf Psychosentheorien in Nordamerika ( Kap. 3.2), Großbritannien ( Kap. 3.3) und Frankreich ( Kap. 3.4) erscheint insbesondere für die 1950er bis 1970er Jahre nützlich, denn die Entwicklungen stehen im Kontext der verschiedenen Richtungen, in die sich psychoanalytisches Denken entwickelt hat. Dies soll nicht den Blick darauf verstellen, dass zwischen den »Traditionslinien« Austausch und Bezugnahme stattfindet. Eine solche eher regionale Darstellung der Positionen lässt sich u.E. für Ansätze ab den 1970er Jahre nur noch sehr viel schwerer weiterführen, daher erfolgt in Abschnitt 3.5 die Darstellung entlang einzelner Autoren (mit Ausnahme der Mentalisierungstheorie, die als Denkrichtung erörtert wird).

3.1 Freud

In Freuds Nosologie herrscht Uneinheitlichkeit: Mal scheint er der Bleuler’schen Unterscheidung zwischen manisch-depressivem Irresein und Paranoia/Schizophrenie zu folgen, mal (mit Kraepelin) zwischen Paranoia und Schizophrenie (als Dementia Praecox) zu differenzieren, mal wiederum argumentiert er psychoanalytisch in der Kennzeichnung der Psychose als »narzisstischer Neurose«. Wir werden für das Freud’sche Denken daher von »Psychose« sprechen als einem allgemeinen Oberbegriff, wenn Freud sich mit Wahn, Halluzination oder Ich-Störung auseinandersetzt (vgl. zum Wandel seines Psychose-Verständnis im Werkverlauf außerdem Müller 2008b).

Leitend für Freuds Auseinandersetzung mit der Psychose ist sein Kommentar zum Fall Daniel Paul Schreber (Freud 1911c; vgl. Niederland 1978; Lang 2011, S. 93ff.; Küchenhoff 2012, S. 32ff.), in dem er seine Auffassung von einer Libidoregression, die Grundlage für die wenige Jahre später aufgestellte Theorie des Narzissmus (1914g) sowie die Konzeption des Bewussten als Zusammentreffen von Wort- und Sachvorstellung (1915e), entwickelt. Es handelt sich bei Freuds Schreber-Arbeit um ein Werk in einer Umbruchsphase, sowohl im psychiatrischen Verständnis der Schizophrenie als auch in der konzeptuellen, metapsychologischen Entwicklung der Psychoanalyse.

Einleitend ist eine knappe Bemerkung zur »Libidoregression« zu machen. Das Konzept der Regression ist in der Psychoanalyse schillernd (vgl. Körner 2014), in verschiedenen Akzentuierungen ist die Figur des »Zurückgehens« gemeint, u. a. zu früheren – ontogenetischen – Entwicklungsstufen bzw. Verarbeitungsformen. Daran kann das implizierte, allzu lineare Modell von »Reifung« psychischer Funktionen kritisiert werden. Im Kontext der »klassischen« psychoanalytischen Psychosentheorie und deren Akzent auf einem Rückzug der Libido ist zudem zu bemerken, dass bei Freud und anderen gelegentlich impliziert wird, die regressionsbedingte Veränderung der Erlebnisweisen stehe »stammesgeschichtlich« vermeintlich »weniger entwickelten« Teilen der Weltbevölkerung nahe. Der Psychotiker wird hier mit dem Kind oder – phylogenetisch regredierend – mit dem »Wilden« in Verbindung gebracht. Neben der wenig differenzierten, weil linearen Perspektive auf individuelle Entwicklung ist hier auf eine rassistisch gefärbte Tönung hinzuweisen (vgl. a. Heinz 2002), die sich in zeitgenössischen psychoanalytischen Arbeiten zur Psychose nicht mehr findet. Es ist allerdings (nicht nur) seitens der Psychoanalyse erforderlich, die Gefahren eines »kulturalistischen« Blicks zu kennen und ihnen entgegenzuwirken, beispielsweise in Ansätzen einer »interkulturellen« Psychotherapie, insbesondere in der Psychosenbehandlung, aber nicht darauf beschränkt.

Wir gehen dem Freud’schen Zugang im Folgenden anhand von vier Elementen nach:

1. Freuds (1911b) Kommentar zu den Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken von Daniel Paul Schreber (1903) ( Kap. 3.1.1 samt einem Exkurs zum Verhältnis von Paranoia und verdrängter Homosexualität, Kap. 3.1.2),

2. die Auffassung einer Verbindung von Wort- und Sachvorstellungen und deren Auseinanderfallen in der Psychose (Freud 1915e) ( Kap. 3.1.3),

3. weitere verstreute Bemerkungen Freuds zur »narzisstischen Neurose« ( Kap. 3.1.4) und

4. das Problem der Übertragung ( Kap. 3.1.5).

3.1.1 Freuds Kommentar zum Fall Daniel Paul Schreber

Daniel Paul Schrebers Selbstbericht Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken wurde 1903 veröffentlicht. Der 1842 geborene Schreber war im Jahr 1884 erstmalig und nach zunächst erfolgter Remission erneut 1893 erkrankt (zunächst unter dem diagnostischen Bild einer schweren Hypochondrie, später dem einer paranoid-halluzinatorischen Psychose) und berichtet in seinem Buch über sein Erleben während verschiedener Klinikaufenthalte ab 1893. Seine Krankheitsepisoden standen im Zusammenhang mit beruflichen Ereignissen oder Wechseln (sowie seiner Kinderlosigkeit): Vor der Erstmanifestation hatte er erfolglos für den Reichstag kandidiert, vor der zweiten war er zum Senatspräsidenten des Oberlandesgerichts in Dresden ernannt worden.

Schreber schildert die Überzeugung, sein Psychiater Paul Flechsig habe an ihm »Seelenmord« begangen. Flechsig habe ihn durch Strahlen beeinflusst, zwischen den beiden Männern (oder Teilen von ihnen) habe es eine Nervenverbindung gegeben. Schreber bettet dies ein in bestimmte Vorstellungen eines Gottes, der ihn entmannen will bzw. Flechsig, der dies tut, denn »[d]aß ein göttlicher Nervenanhang gerade einer Person gewährt wurde, die sich mit Ausübung der Nervenheilkunde befaßte, erscheint sehr naheliegend« (Schreber 1903, S. 18). Diese paranoide Idee ist durchsetzt mit Größenvorstellungen: Schreber müsse sich »entmannt« Gott als dessen Weib anbieten (»die Preisgabe meines Körpers als weibliche Dirne«; a. a. O., S. 44), damit durch diese geschlechtliche Vereinigung die »Seligkeit« der Menschen überhaupt ermöglicht werde. Zentral ist dabei die Gewissheit, mit der Schreber seine Schlussfolgerungen innerhalb eines in seiner Verrücktheit hoch kohärenten Systems zieht: »Nurmehr aber wurde mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung, mochte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch verlange und daß mir daher aus Vernunftsgründen gar nichts Anderes übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib zu befreunden. Als weitere Folge der Entmannung konnte natürlich nur eine Befruchtung durch göttliche Strahlen zum Zwecke der Erschaffung neuer Menschen in Betracht kommen« (a. a. O., S. 129).

Freud (1911c) sieht in der Ätiologie und Dynamik der Erkrankung Schrebers einen »Vorstoß« (a. a. O., S. 277f.) oder »Ausbruch homosexueller Libido« (a. a. O., S. 281). Als Grundlage dafür dienen ihm die Bemerkungen Schrebers über seine Feminisierung (und auch die Erwähnung, kurz vor der zweiten Manifestation der Krankheit habe er sich mit der Vorstellung beschäftigt, im Beischlaf die Position der Frau inne zu haben) – es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass Freud in seiner Darstellung unterschlägt, dass Flechsig selbst ihm in einem Brief mitgeteilt hatte, zur Zeit von Schrebers Aufenthalt in der Leipziger Klinik »Kastrationsexperimente« mit Patienten durchgeführt zu haben.

Freuds Auffassung ist recht einfach: In Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater, dessen schwarz-pädagogische und sadistische Erziehungspraktiken und Einstellungen Freud unerwähnt lässt (vgl. dazu z. B. Lang 2011, S. 96ff.) und der nicht ungeeignet gewesen sei, »zum Gotte verklärt zu werden« (Freud 1911c, S. 287), hat Schreber einen »Vaterkomplex« (a. a. O., S. 291) entwickelt. Dieser ist für Freud geprägt durch eine Fixierung auf die Übergangsphase zwischen dem Autoerotismus und der Objektliebe (a. a. O., S. 297), in der es um die »Wahl eines Objekts mit ähnlichen Genitalien« (a. a. O.) geht, also um homosexuelle Wünsche und Fantasien. In der nicht durch Fixierungen gehemmten Entwicklung gehen diese Strebungen in die Konstituierung der »sozialen Triebe« ein »und stellen so den Beitrag der Erotik zur Freundschaft, Kameradschaft, zum Gemeinsinn und zur allgemeinen Menschenliebe dar« (a. a. O., S. 297). Die Fixierung Schrebers auf diese Zeit der homosexuellen Objektwahl (als Übergang zwischen der Selbst- und der Objektliebe) führt nun zu einer bestimmten Erlebnisstruktur von Kastration und Kastrationsdrohung. Eine »homosexuelle Wunschphantasie« (a. a. O., S. 295) bzw. »unbewußt verstärkte[.] Homosexualität« (a. a. O., S. 296) vermittelt sich in einem »Übertragungsvorgang« (a. a. O., S. 282) in die Beziehung zu Flechsig, allerdings in der »Eigenart der Paranoia« (a. a. O., S. 295). Nicht der (Vater-)Komplex als solcher ist krankheitsspezifisch, sondern die »Erscheinungsform der Symptome« (a. a. O.). Die homosexuellen Wünsche erfahren einen »Widerstand« im Psychischen und werden durch die Abwehr umgearbeitet.

Zum einen kommt es zu einem »Entzug der Libidobesetzung«, einem »Untergang der subjektiven Welt« (a. a. O., S. 307), was Freud an dieser Stelle mit dem Verdrängungsvorgang in Verbindung bringt5, sich aber konsequenterweise als Verwerfung (Freud 1894a, S. 27) charakterisieren lässt ( Kap. 4.4.1), in der »das Ich die unerträgliche Vorstellung mitsamt ihrem Affekt verwirft und sich so benimmt, als ob die Vorstellung nie an das Ich herangetreten wäre. Allein in dem Moment, in dem dies gelungen ist, befindet sich die Person in einer Psychose«. Das zeigt sich in Schrebers Erleben Anderer als »flüchtig hingemachte[…] Männer« (Schreber 1903, S. 40): Es sind Objektvorstellungen, die sich beständig verflüchtigen, nicht greifbar, konturiert oder verlässlich sind. Die Objektvorstellung wird aus dem Psychischen ausgeschlossen bzw. auf die Worte reduziert: »[D]er eigentliche Verdrängungsvorgang besteht in einer Ablösung der Libido von vorher geliebten Personen« (Freud 1911c, S. 308) und die »abgezogene« Libido wird (in der Paranoia) zu einer »Ichvergrößerung« verwendet (a. a. O., S. 309) (so begründet sich die Terminologie einer »narzisstischen Neurose«). Dies erklärt für Freud die Größenideen Schrebers, ein besonders ausgewählter Mensch mit besonderen Möglichkeiten und Pflichten zu sein. Ebenso ist hier angelegt, weshalb es zu Neologismen kommen kann ( Kap. 3.1.3 zum Verhältnis von Sach- und Wortvorstellungen).

Soweit werden also die besondere Form der Objektbeziehung und die Größenideen konzeptualisiert. Allerdings kommt es in einem zweiten Schritt der Symptombildung zum Versuch eines »Wiederaufbau[s]« (a. a. O., S. 308) in der Bildung neuer (Objekt-)Vorstellungen. Um der Katastrophe der Beziehungslosigkeit zur inneren und äußeren Welt zu entfliehen, die durch den »Weltuntergang« der durch die Verwerfung resultierenden Beziehungslosigkeit, den Verlust der Verbindung zwischen Ich und Welt, entstanden ist, versucht der Psychotiker, seine Welt mit Hilfe eines Wahnsystems zu restrukturieren: »Was wir für die Krankheitsproduktion halten, die Wahnbildung ist in Wirklichkeit der Heilungsversuch, die Rekonstruktion« (a. a. O.). Durch den Wahn wird es möglich, wieder einen Bezug zwischen dem Ich und den Objekten herzustellen, »oft eine intensive, wenn sie auch feindlich sein mag, die früher erwartungsvoll zärtlich war« (a. a. O.). Der Wahn, der die Beziehungen wiederherstellt, wird durch den Mechanismus der Projektion geschaffen.

Hier taucht auch die ätiologische Annahme der homosexuellen Wünsche wieder auf. Freuds Konzeption paranoider Symptome beruht auf dem Mechanismus der Projektion: Die innere Welt ist von den Objekten entleert und es werden neue, von außen kommende Vorstellungen gebildet, allerdings nicht auf der Grundlage des Erlebens der Außenwelt, sondern als Zerrbilder innerer Zustände, die als von außen verfolgend erlebt werden. Freud geht davon aus, dass aus der Vorstellung »Ich liebe ihn« abwehrbedingt/projektiv die Vorstellung »Er liebt mich« (Projektion) und dann »Er hasst mich« (»Affektverwandlung«) (a. a. O., S. 299) wird. Zwar wird dann der Andere als Verfolger erlebt, darin zeigen sich aber die eigenen Wünsche – und letztlich auch, inwiefern diese es sind, die als bedrohlich/verfolgend erlebt werden. Mentzos (2015, S. 222) betont dabei die »Umkehr der gefährlichen Anziehung in die feindliche Verfolgung« und Küchenhoff (2012, S. 35) spricht davon, dass das »Verhältnis Subjekt – Prädikat – Objekt […] durcheinandergewirbelt« werde.

Auf der Grundlage der Annahme einer Fixierung in der psychosexuellen Entwicklung, welche dazu führt, dass homosexuelle Strebungen nicht, wie es Freud für die förderliche psychische Entwicklung annimmt, in soziales Handeln und Fühlen eingebunden sind, tauchen die Leitsymptome Schrebers in folgender Weise in der Konzeption auf:

• Die Verfolgungsideen sind Ausdruck abgewehrter homosexueller Wünsche (Projektion).

• Die Größenideen entstammen dem Abzug der Libido (»Regression«) von geliebten Personen bzw. einem Rückzug der Libido ins Ich, einer »Ichvergrößerung« bzw. Besetzung der eigenen Person; auch Neologismen entstehen als Folge dieses Abzugs.

• Die besondere Form des Objekterlebens entsteht durch das Zusammenspiel von Verwerfung und Projektion: Innere Objekte werden aus dem Psychischen ausgestoßen, aber es gibt den Versuch einer »Heilung« der subjektiven inneren Welt, allerdings mit dem Resultat, »flüchtiger« oder verfolgender Objekte, die relativ abgelöst sind von der Realitätswahrnehmung.

3.1.2 Zu Freuds Annahme der verdrängten Homosexualität

Freud zieht eine Linie zwischen dem bewussten Erleben, vom Anderen (gewaltvoll) bedrängt zu werden, und den unbewussten Wünschen nach homosexueller Nähe (»Ich liebe ihn« wird zu »Er hasst mich«). Es wird also deutlich, dass es um das Gefühl der Verfolgung durch eine gleichgeschlechtliche Person und letztlich durch die eigenen Wünsche geht. Neben den Bemerkungen aus der Schreber-Arbeit von 1911 ist hier Freuds (1915f) »Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia« maßgeblich. Darin geht er von seiner früheren Annahme aus, »daß der Paranoiker gegen eine Verstärkung seiner homosexuellen Strebungen ankämpft, was im Grunde auf eine narzißtische Objektwahl zurückweist« (a. a. O., S. 237). Freud erkennt nun, in für ihn unüblicher Sprache, an, dass »ich und meine Freunde« (a. a. O.) zwar einige Fälle beobachtet hätten, die diese Annahme stützen, jedoch der beschriebene Fall einer jungen Frau, die Sorge hat, ihr Liebhaber habe sie während des Geschlechtsaktes fotografieren lassen, dem zu widersprechen scheine. Die genauere Analyse des Falls lässt ihn dann aber die Bedeutung einer Mutter-Figur, der Verfolgung durch diese und die dahinterstehenden Wünsche nach Zärtlichkeit erkennen (a. a. O., S. 243).

Freuds Homosexualitätsannahme lässt sich einerseits aus erkenntnistheoretischer Sicht kritisieren. Am prominentesten ist dies durch die Arbeit Grünbaums (1984, S. 182ff.) geschehen, der eine Entkräftigung von Freuds Kausalitätsverständnis am Beispiel des Zusammenhangs zwischen verdrängter Homosexualität und Paranoia vornimmt (vgl. zur Kritik der Kritik Kettner 1998). Wichtig ist in Grünbaums Argument, dass Freud einen Fall anführt, der seine Theorie zunächst zu widerlegen scheint (die junge Frau fühlt sich von einem Mann verfolgt, statt von einer Frau), dann aber weitere Informationen und Interpretationen heranzieht, die dazu führen, dass die ursprüngliche Theorie bestätigt wird.

So unausgereift Freuds Konzeptualisierungsversuch auch scheinen mag, so problematisch ist auch Grünbaums Kritik, wenn er Freud die Annahme unterstellt, verdrängte Homosexualität sei kausal notwendig für das Entstehen einer Paranoia (Freud schreibt – inhaltlich diskutabel – davon, dass bei Paranoia verdrängte Homosexualität vorliegt, aber nicht, dass verdrängte Homosexualität zur Paranoia führt). Erst so hat Grünbaum Grund zur Annahme, dass es bei einer weniger tabuisierenden gesellschaftlichen Bewertung von Homosexualität auch weniger paranoide Symptomatiken geben müsste bzw. es keine offen homosexuell lebenden Paranoiker geben dürfte (vgl. a. Fisher & Greenberg 1977, S. 259). Vernachlässigt wird in dieser Kritik ferner, dass es Freud nicht um die Unterdrückung homosexueller Handlungen geht, sondern um einen konflikthaften und in Fixierungen führenden erlebnismäßigen Umgang mit homoerotischen Wünschen aus der frühen psychosexuellen Entwicklung.

Andererseits lässt sich Freuds Annahme auf einer inhaltlichen Ebene zugleich ausweiten und präzisieren. In Langs (2011, S. 52) Auffassung geht es um einen Kollaps der »strukturalen Triade« dahingehend, dass nur symbiotische Beziehungen erlebt werden, und dann die Sehnsucht nach einer Alternative dazu, also einem Dritten, umso stärker wird, die sich auch als »sexueller« Wunsch zeigen kann ( Kap. 3.5.3). In dem, was Freud bei Schreber als eine »Sehnsucht« nach dem Vater (und dem Bruder!) zu erkennen meint, zeigen sich womöglich Nähewünsche oder Wünsche danach, vom anderen (Mann) geliebt zu werden. Für Schreber mag das viel mit dem konkreten Vater und dessen wenig liebevollem oder liebesfähigem Umgang mit seinen Söhnen gelegen haben. Es ist allerdings denkbar, dass sich darin der allgemeine Umstand einer belasteten familiären Struktur zeigt, in der Sehnsüchte immer auch den Wunsch nach einer Öffnung und einem Ausweg aus einer dyadischen, konkretistischen oder narzisstischen Nähe bedeuten.

Dann zeigen sich skizzenhaft Eckpfeiler einer allgemeinen ätiologischen Theorie ( Kap. 4.1): Am Grund der Paranoia liegt eine Verunsicherung über Grenzen und Berührungspunkte von Selbst und Anderem und eine familiale Struktur, in der es schwerfällt, ein wirkliches Gegenüber zu finden, zu dem in eine Beziehung eingetreten werden kann, in der beide voneinander getrennt sind und dadurch potenziell aufeinander bezogen sein können.

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19 декабря 2025
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