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Daniel V. Moser-Léchot

Geschichte der Kapverdischen Inseln

Vom 15. Jahrhundert bis heute

ISBN Print: 978-3-0355-1922-8

ISBN E-Book: 978-3-0355-1923-5

Umschlagbild: Ansicht von Praia. Aquatinta von Thomas Medland, nach John Barrow: A Voyage to Cochinchina in The Years 1792 & 1793. London 1806, Tafel 4.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 hep Verlag AG, Bern

hep-verlag.ch

Inhalt

Vorwort

Teil I: Allgemeine Geschichte des Archipels unter besonderer Berücksichtigung der Insel Santiago

1. Die Entdeckungsgeschichte der Kapverdischen Inseln im 15. Jahrhundert

1.1. Die portugiesischen Entdeckungsfahrten an der westafrikanischen Küste

1.2. Die Kapverdischen Inseln vor der portugiesischen Entdeckung

1.3. Die Entdeckungsberichte

Anmerkungen

2. Die Entwicklung der Kapverdischen Inseln im «Goldenen Zeitalter» des Sklavenhandels (1460–1650)

2.1. Die Anfänge der portugiesischen Verwaltung

2.2. Das Herkommen der frühen Bevölkerung auf Cabo Verde

2.3. Soziale Klassen auf Santiago im 16. Jahrhundert

2.4. Sklaven- und Warenhandel mit der Guineaküste

2.5. Der Handel mit Europa

2.6. Cabo Verde im atlantischen Schiffsverkehr, Piraten und Korsaren

2.7. Die innere Entwicklung von Cabo Verde

2.8. Das Crioulo als Befehls- und Missionssprache

2.9. Die Entwicklung von Ribeira Grande de Santiago

2.10. Die Rolle der Kirche

Anmerkungen

3. Die Zeit der Krisen im 17. und 18. Jahrhundert

3.1. Konflikte zwischen den europäischen Mächten und Cabo Verde

3.2. Die Piraten- und Korsarenüberfälle und ihre Folgen

3.3. Zur Bevölkerungsentwicklung auf Cabo Verde

3.4. Die Sklavenwirtschaft

3.5. Die Entwicklung der oberen Klassen in der Gesellschaft Cabo Verdes

3.6. Änderung der Handelsrouten und Monopolgesellschaften

3.7. Die politischen Institutionen

3.8. Ab- und Aufstieg der Städte auf Santiago

3.9. Klimatische Veränderungen

3.10. Die Krise der Sklavenwirtschaft

3.11. Probleme der Verwaltung

3.12. Die Landbevölkerung

3.13. Die Entwicklung der Kirche auf Cabo Verde

3.14. Hungersnöte des 18. Jahrhunderts

Anmerkungen

4. Die Zeit der politischen Umwälzungen (1800–1914)

4.1. Revolution und Bürgerkriege in Portugal, Unabhängigkeit Brasiliens – die Folgen für Cabo Verde

4.2. Die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei

4.3. Hungersnöte im 19. Jahrhundert und Bevölkerungsentwicklung

4.4. Die kulturelle Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

4.5. Zur wirtschaftlichen Situation Cabo Verdes

4.6. Soziale Verhältnisse und Epidemien auf Cabo Verde

4.7. Die Revolte der Pächter von Engenhos 1822 und ihre Hintergründe

4.8. Die portugiesische liberale Revolution von 1821 und ihre Auswirkungen auf Cabo Verde

4.9. Die Revolte der Pächter auf der Achada Falcão 1841

4.10. Die Revolte von Ribeirão Manuel 1910

4.11. Schlusserwägungen

Anmerkungen

5. Die Endphase des Kolonialismus auf Cabo Verde 1914–1975

5.1. Hungersnöte

5.2. Regen, Dürren und Krankheiten

5.3. Emigration nach Nordamerika

5.4. Emigration nach Westafrika

5.5. Die Zwangsemigration nach São Tomé

5.6. Zwangsarbeit im internationalen Vergleich

5.7. Emigration nach 1930

5.8. Zur Deportation von Portugiesen und Portugiesinnen nach Cabo Verde

5.9. Zur Bevölkerungsentwicklung im 20. Jahrhundert

5.10. Zur Entwicklung des Ackerbaus

5.11. Viehzucht und Fischerei

5.12. Zum Alltag der ländlichen Bevölkerung

5.13. Die Stadt Praia im 20. Jahrhundert

5.14. Postulate zur Entwicklung

5.15. Amílcar Cabral, die Gründung des PAIGC und der Kampf für die Unabhängigkeit

5.16. Der spätkoloniale Staat auf Cabo Verde

5.17. Von der Kolonie zum unabhängigen Staat Cabo Verde

Anmerkungen

6. Cabo Verde auf dem Weg zum unabhängigen Staat

6.1. Diskussionen um die Unabhängigkeit im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts

6.2. Crioulo und Portugiesisch

6.3. Zum Verhältnis Cabo Verde – Portugal im 20. Jahrhundert

6.4. Die Diktatur Salazars, der «Estado Novo» und Cabo Verde

6.5. Die Moderne und der koloniale Staat

6.6. Vom Einparteien- zum Mehrparteienstaat

6.7. Die Agrarreform von 1981/1982

6.8. Die Wahlen zur «Assembleia Nacional Popular» 1975–2016

6.9. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit

6.10. Die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten

Anmerkungen

Teil II: Die Inseln des Barlavento und des Sotavento

7. Die Barlavento-Inseln

7.1. São Vicente

7.2. Santo Antão

7.3. São Nicolau

7.4. Sal

7.5. Boa Vista

Anmerkungen

8. Die Sotavento-Inseln

8.1. Fogo

8.2. Brava

8.3. Maio

Anmerkungen

9. Literatur

9.1. Gedruckte Quellen

9.2. Wörterbücher, Bibliografien

9.3. Allgemeine Darstellungen

9.4. Thematische Einzelstudien

9.5. Publikationen zu einzelnen Inseln

9.6. Zeitschriftenartikel

10. Bildnachweis

Vorwort

Dieses Buch zur Geschichte der Kapverdischen Inseln ist im Zusammenhang mit meiner Arbeit in der Stiftung «Bildung für Kinder in Afrika» (heute «Cabo Verde Stiftung für Bildung») entstanden. Neben der eigentlichen Projektarbeit bot sich mir bei den zahlreichen Besuchen des Archipels auch immer wieder Gelegenheit, mich mit der Geschichte dieses Landes auseinanderzusetzen. Eine besondere Faszination ging von der Tatsache aus, dass sich diese Geschichte in jeder Hinsicht von der mitteleuropäischen Geschichte unterscheidet und damit den Weg zu völlig neuen Sichtweisen öffnet und ungewohnte Zusammenhänge aufzuzeigen vermag. Cabo Verde war – um den von Jürgen Osterhammel geprägten Begriffen zu folgen – sowohl eine frühe Siedlungskolonie mit vorerst durchaus mittelalterlichen politischen Strukturen wie auch eine Stützpunktkolonie, die vor allem dem Sklavinnen- und Sklavenhandel diente.

Um die Zeit vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zu verstehen, bildete die Lektüre der «História Geral de Cabo Verde» eine hervorragende Grundlage. Sie ist ein Musterbeispiel für eine moderne und differenzierte Historiografie eines afrikanischen Landes. Mit grösseren Schwierigkeiten war die Darstellung der Geschichte des Archipels im 19. und 20. Jahrhundert verbunden: Neben den auf Kap Verde und in Portugal eingekauften Publikationen erleichterte die Tatsache, dass viele neuere historische Dissertationen in Portugal über das Internet zugänglich sind, die Arbeiten an diesem Buch sehr. Der nationale und internationale Leihverkehr der Bibliotheken war zusätzlich eine grosse Hilfe. Auf Cabo Verde haben mich immer wieder Leute wie Victor Borges (früherer Koordinator der Schweizer Entwicklungsprojekte, Aussenminister des Landes 2004–2008) und António Leão Correia e Silva (Rektor der Universität Praia 2006–2010, Minister für höhere Bildung und Wissenschaft 2011–2016) bei der Recherche unterstützt, herzlichen Dank.

Ständige Begleiter beim Schreiben dieses Buches waren die positiven Erinnerungen an die vielen erfreulichen Begegnungen mit den Menschen auf Cabo Verde und in der Arbeit im Stiftungsrat in den letzten dreissig Jahren. Ich hoffe, das Buch vermöge zu einem vertieften Verständnis der Menschen auf dieser Inselgruppe beitragen.

Teil I: Allgemeine Geschichte des Archipels unter besonderer Berücksichtigung der Insel Santiago

1.Die Entdeckungsgeschichte der Kapverdischen Inseln im 15. Jahrhundert

1.1.Die portugiesischen Entdeckungsfahrten an der westafrikanischen Küste

Die Geschichte der Kapverdischen Inseln ist eng mit der Geschichte der Expansion Portugals verknüpft; nach dem heutigen Stand der Forschung war der Archipel vor den portugiesischen Entdeckungen nicht besiedelt. Es ist daher wichtig, kurz auf die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe der portugiesischen Entdeckungs- und Handelsfahrten entlang der westafrikanischen Küste einzugehen.

Im Fernhandel zwischen den wichtigen Wirtschaftszentren Oberitalien und den Niederlanden spielte Portugal während des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich (1339–1453) eine zunehmend wichtigere Rolle. Die Kriegshandlungen führten zu einer Verlagerung des Fernhandels vom Land- auf den Seeweg. Für die Galeeren und Rundschiffe der führenden Handelsstädte Venedig und Genua waren die portugiesischen Häfen wichtige Zwischenstationen auf dem langen Weg vom Mittelmeer zur Nordsee.

Um 1400 war Portugal ein für die damalige Zeit «moderner» Territorialstaat mit starken zentralistischen Tendenzen. Zwischen dem handeltreibenden städtischen Bürgertum und dem Adel bestanden keine grossen Gegensätze, beide waren in der Ständeversammlung (Cortes) vertreten. Die muslimischen Herrscher spielten in Portugal seit der Eroberung der Algarve um 1250 keine Rolle mehr – ganz im Gegensatz zu Spanien, wo die Herrschaft des Kalifats Granada erst 1492 endete. Die Erbmonarchie des Hauses Avis (1383–1580) sorgte für Stabilität an der Spitze des Staates, nicht zuletzt dank der engen politischen Zusammenarbeit der Angehörigen des Königshauses. Portugal verfügte über eine Verwaltung, ein Rechts- und ein Finanzwesen auf schriftlicher Grundlage. Königliche Kommissare kontrollierten die städtischen oder adeligen Gerichte. Das Steuerwesen war zentralisiert, ein neuer Amtsadel stützte das Königshaus.1

Der Friede von Alcácovas 1479 bereinigte die dynastischen und wirtschaftspolitischen Differenzen zwischen Kastilien und Portugal und legte die Staatsgrenzen für Jahrhunderte fest. Portugal erhielt dadurch einen weiten Spielraum für seine maritime Expansion.

Venezianische, genuesische und portugiesische Kaufleute beteiligten sich in den nordafrikanischen Häfen von Tunis, Bone, Alger, Oran, Ceuta, Tanger, Massa und Saffi am Handel mit dem Gold des Sudans, mit Gewürzen, sowie mit Sklavinnen und Sklaven aus Schwarzafrika. Zwei Drittel des europäischen Goldbedarfs wurden durch die Produktion im Sudan gedeckt. Die jährlichen Goldexporte von Afrika nach Europa betrugen etwa 6000 Kilogramm, während aus Südamerika später nur etwa 4000 Kilogramm stammten.

Neben Gold, Gewürzen, Sklavinnen und Sklaven war die Bekämpfung der Piraterie ein weiteres Motiv zur Eroberung der Hafenstadt Ceuta.2 Die Eroberung von Ceuta 1415 stellte den ersten Versuch Portugals dar, direkten Anschluss an den afrikanischen Goldhandel zu gewinnen. Wegen eines marokkanischen Bürgerkrieges war die militärische Lage günstig. An der Eroberung war auch Prinz Heinrich der Seefahrer beteiligt – eine der wenigen Seefahrten, die der Seefahrer tatsächlich unternommen hat. Neben Ceuta eroberten die Portugiesen später weitere Orte in Marokko, so Alcacer Ceguer (1458–1550), Arzila (1471–1550), Tanger (1471–1661) und im Süden Mazagão (1514–1769, arabisch El Jadida). Anfangs des 16. Jahrhunderts kamen noch fünf weitere Orte für wenige Jahrzehnte dazu.3

Die Anfänge der portugiesischen Eroberungen in Afrika gehen also nicht auf den Versuch zurück, einen Seeweg nach Indien zu finden – wie dies häufig in Schulbüchern dargestellt wird. Es ging um den Anschluss an den afrikanischen Goldhandel.

Auch der Sklavenhandel spielte eine gewisse Rolle: Die Sklaverei war in Europa bis ins Spätmittelalter nie ganz verschwunden. Sklavinnen und Sklaven arbeiteten in den Hafenstädten Venedig und Genua in den Haushalten; in der Algarve, in Südspanien, in Süditalien und auf Sizilien auch in der Landwirtschaft, vor allem auf den Zuckerrohrplantagen.4

Bereits nach 1422 begann Heinrich der Seefahrer Schiffe an die marokkanische Küste auszusenden und erreichte vorerst das Cabo Não (südlich des heutigen Agadir), 1434 das wegen seiner Untiefen, Strömungen und Stürmen gefürchtete Kap Bojador. Dies wurde erst mit vertieften Kenntnissen der Windsysteme und Strömungen zwischen dem afrikanischen Festland und den Kanarischen Inseln möglich. Zudem wurde in Portugal der Schiffstypus der Karavelle weiterentwickelt: Mit dem Lateinsegel konnte auch gegen den Wind gesegelt werden und das Steuerruder in der Mitte des Hecks erleichterte das Lenken des Schiffes. Da an der Atlantikküste des nördlichen Afrikas häufig ein Nordostpassat weht, waren diese technischen Voraussetzungen vor allem für die Rückfahrt nach Portugal wichtig.

1441 umfuhr Nuno Tristão das Cabo Branco (im heutigen Mauretanien, an der Grenze zur Westsahara) und nahm die ersten schwarzen Sklavinnen und Sklaven gefangen. 1444 erreichte er die Mündung des Senegalflusses.

Gomes Eanes de Azurara nannte 1448 in seiner «Chronik der Entdeckung und Eroberung von Guinea» fünf Gründe für die Entdeckungsfahrten der Portugiesen entlang der westafrikanischen Küste:

1) Um Kenntnisse über das Land hinter den Kanarischen Inseln und hinter Kap Bojador zu gewinnen;

2) um Handelsware aus diesen Ländern nach Portugal und Waren aus Portugal in jene Länder zu bringen, was den Bürgerinnen und Bürgern von Portugal grossen Gewinn bringen würde;

3) um Kenntnisse über die Stärke des Feindes zu gewinnen und zu erkunden, wie weit sein Einfluss ginge;

4) um Christen zu finden, die helfen würden, gegen den Feind zu kämpfen, wie auch

5) um den richtigen Glauben auszubreiten und Seelen zu retten.5

Azurara betonte bereits an zweiter Stelle die Chancen des Handels mit den neu entdeckten Ländern und ging erst an fünfter Stelle auf die christliche Mission ein. Bis zur Personalunion mit Spanien (1580–1640) waren für Portugal die Handelsbeziehungen stets wichtiger als die Mission.

Mit Punkt 4 nahm Azurara eine Idee auf, die seit der Zeit der Kreuzzüge durch das christliche Europa geisterte: In Afrika den sagenhaften Priesterkönig Johannes zu finden, um gemeinsam gegen die Muslime zu kämpfen.6

Um 1455 entstand in Arguim (arabisch Arguin, im heutigen Mauretanien) eine erste Festung mit einer Handelsfaktorei. Neben den Sklavinnen und Sklaven waren die Malagueta (eine Pfefferschote), Elfenbein, Moschus und Papageien wichtige Handelsgüter. In den nächsten Jahren fuhren Schiffskonvois der westafrikanischen Küste entlang nach Süden. 1444 entdeckte Dinis Dias die Insel Gorée beim heutigen Dakar. 1471 fuhren die Portugiesen bis zur Goldküste (heute Ghana) und errichteten 1482 die Festung São Jorge Elmina; damit hatten sie direkten Zugang zu den Goldminen der Ashanti.7

Die portugiesischen Entdeckungs- und Eroberungsfahrten entlang der westafrikanischen Küste sind in einem Gesamtzusammenhang zu sehen (s. Abb. 1).


Abb. 1: Die portugiesischen Handelsstützpunkte an der Westküste Afrikas. Die Eroberung Ceutas 1415 erbrachte nicht den gewünschten Anschluss an den Transsahara-Goldhandel. Die Portugiesen versuchten, die marokkanische Sperre zu umgehen und errichteten Handelsstützpunkte weiter südlich, so am Kap Bojador (1434), am Kap Branco (1441), am Kap Verde (1445, beim heutigen Dakar) und in Arguim (1448, heute in Mauretanien).

1.2.Die Kapverdischen Inseln vor der portugiesischen Entdeckung

Die «Naturalis Historia» (lib. 6, Kapitel 36) von Plinius dem Älteren (23–79 n. Chr.) erwähnt Inseln im Atlantik: Gorgonas und Hesperidas.8 Die Hesperiden oder die «Fortunatae Insulae» werden meist den Kanarischen Inseln zugeordnet, ebenso das «Atlantis» der Antike. Albuquerque verweist jedoch ebenfalls auf Sagen, nach denen bereits die Phönizier, die Karthager und andere Völker die Kapverdischen Inseln gekannt hätten. Diese Seefahrer unternahmen allerdings meist nur Küstenfahrten – die Kapverdischen Inseln liegen immerhin 500 Kilometer von der westafrikanischen Küste entfernt. Der Nordostpassat und der Kanarenstrom führten dazu, dass die Fahrt nach Süden verhältnismässig rasch vor sich ging, aber die Rückkehr nach Europa erst mit der Segeltechnik «gegen den Wind» möglich wurde.


Abb. 2: Nachbau 2008 einer portugiesischen Karavelle aus dem 15. Jahrhundert. Masse: 12–18 m Länge, 5 m Breite, 1,5 m Tiefe. Besatzung: 20–25 Männer. Das dreieckige Lateinsegel und das Steuerruder Backbord erlauben das Segeln gegen den Wind.

In der portugiesischen und kapverdischen Historiografie taucht immer wieder die Frage auf, ob die Inseln bereits vor ihrer Entdeckung besiedelt waren oder nicht. Auf den Inseln São Nicolau und Santo Antão findet man die sogenannten rotchas scribidas (beschriebene Felsen). Ihr Ursprung ist nach wie vor ungeklärt. Einzelne Autorinnen und Autoren sehen darin von Sklaven angebrachte berberische Schriftzeichen, andere interpretieren sie als Naturphänomene. Schlüssige Beweise für eine Besiedlung der Inseln vor der Ankunft der Portugiesen stellen sie nicht dar.

In Salamansa auf der Insel São Vicente fand man 2005 Siedlungsspuren mit afrikanischer Keramik und europäischen Gebäuderesten. Vorerst dachte man an eine kleine Siedlung aus der Zeit vor der Entdeckung durch die Portugiesen. Mithilfe von C14-Messungen wurden sie indessen ins 17. Jahrhundert datiert.9

1.3.Die Entdeckungsberichte

In der portugiesischen und kapverdischen Historiografie kam es zu einem «Historikerstreit» um die Entdeckung der Kapverdischen Inseln. Es stehen sich zwei Hauptthesen gegenüber: Entweder wird der Venezianer Cadamosto als Erstentdecker der Inseln 1456 betrachtet,10 oder die Entdeckung wird auf den Genuesen Antonio da Noli und den Portugiesen Diogo Gomes 1460 zurückgeführt.11 Einige vermuten auch, dass die Kapverdischen Inseln bereits 1445 durch den Portugiesen Vicente Dias entdeckt wurden und dass dieser Cadamosto 1456 möglicherweise begleitet hat.12

Luigi Alvise Cadamosto wurde vermutlich um 1432 in Venedig in eine patrizische Familie geboren. Als junger Handelsbeauftragter weilte Cadamosto später in Nordafrika und auf Kreta, seine Familie verarmte jedoch. 1454 verliess er zusammen mit seinem Bruder Venedig und wollte nach Brügge in Flandern fahren. Beim Kap São Vicente an der Südwestspitze Portugals wurden die venezianischen Schiffe durch Stürme tagelang festgehalten, nicht weit weg von Sagres, dem Aufenthaltsort von Prinz Heinrich dem Seefahrer. Agenten des Prinzen statteten den venezianischen Galeeren einen Besuch ab und versprachen den Venezianern hohe Gewinne aus dem afrikanischen Gewürzhandel. Venezianer – und auch Genuesen – besassen reiche Erfahrungen im Gewürzhandel und in der Hochseeschifffahrt. Sie erwiesen sich als ideale Partner der Portugiesen.

Die erste Schiffsreise Cadamostos wurde nach dem üblichen Muster organisiert: Prinz Heinrich rüstete auf seine Kosten die Karavelle aus, Cadamosto kaufte auf Kredit Tauschwaren ein und die Gewinne sollten zwischen dem Prinzen und ihm geteilt werden. Am 22. März 1455 verliess Cadamosto das Kap São Vicente auf dem Schiff von Vicente Dias und nahm die «Normalroute» über Madeira, die Kanarischen Inseln (die erst 1479 definitiv spanisch wurden), zur Mündung des Senegalflusses und zum Cap Vert (heute ein Vorort von Dakar). Auf Cadamostos zweiter Reise gerieten die Schiffe in einen Sturm und wurden nach Westen abgetrieben; dabei entdeckten die Seefahrer die Kapverdischen Inseln Sal, Boa Vista und Santiago. Cadamosto fuhr weiter an den Gambia-Fluss, machte gute Geschäfte und kehrte nach Lissabon zurück. Als reicher Mann kam er in Venedig zu hohen Ehren.

Aus seinem Bericht entnehmen wir:

«Schließlich erreichten wir Kap Blanco, … und wandten uns ein wenig seewärts. In der folgenden Nacht kam ein Sturm aus SW auf. Um nicht zurückgetrieben zu werden, mußten wir WNW steuern … so hart als möglich am Wind. Dies dauerte zwei Nächte und drei Tage. Am dritten Tag sichteten wir Land, und jeder rief: ‹Land, Land!›, aber wir staunten sehr, denn uns war von einem Land in dieser Gegend nichts bekannt. Zwei Mann im Ausguck meldeten zwei große Inseln. Als wir das hörten, dankten wir Gott, der uns zu neuen Entdeckungen geleitet hatte. Wir wussten nämlich genau, dass bisher keine solchen Inseln in Iberien gemeldet worden waren.

Um uns zu vergewissern [ob diese Inseln unbewohnt waren], … segelten wir näher an eine von ihnen heran, … warfen Anker, und als das Wetter günstig war, ließen wir ein Boot ins Wasser. Gut bemannt wurde es an Land geschickt, um festzustellen, ob es dort irgendwelche Bewohner gab…. Aber wir fanden keine Spuren oder sonstigen Anzeichen, aus denen auf Menschen hätte geschlossen werden können. Nachdem mir dies gemeldet worden war, … sandte ich am folgenden Morgen zehn Männer aus. Sie waren wohl bewaffnet, mit Waffen und Armbrüsten, und hatten den Auftrag, eine höher gelegene Stelle der Insel zu besteigen, um festzustellen, was es sonst noch zu finden gäbe und nach Möglichkeit weitere Inseln zu sichten. Sie gingen hin und fanden nichts. Diese Insel schien lediglich von vielen Tauben bewohnt zu sein, die sich von Hand einfangen liessen; sie schienen die Gefahren, die von Menschen ausgingen, nicht zu kennen. Sie brachten viele von ihnen zu den Karavellen, die sie mit Stöcken und Keulen erschlagen hatten. Auf dem Gipfel der Insel sahen sie vom uns abgewandten Teil der Insel aus drei weitere Inseln, die wir bisher nicht entdeckt hatten, die eine weil sie auf der anderen Seite des Berges lag (Sal), die zwei anderen im Süden (Maio, Santiago). Indessen waren alle drei von unserem Wege aus sichtbar. …

Nachdem sich unsere Entdeckungen herumgesprochen hatten, kamen andere und entdeckten mindestens 10 Inseln, zwischen den grossen und den kleinen, auf denen sie nichts anderes fanden als Tauben und eine unbestimmbare Zahl von seltenen und fremden Vögeln und Fische aller Arten. Aber lassen wir das.

Ich verliess also diese Insel und verfolgte meinen Weg weiter und sah zwei neue Inseln. Als wir an der Küste von einer [der Inseln] entlang segelten, die uns gut mit Wald bestanden zu sein schien, entdeckten wir die Mündung eines Flusses, der dort entsprang. Da wir annahmen, dass das Wasser gut sein würde, ankerten wir, um unsere Vorräte zu ergänzen. Einige meiner Leute, die an Land gegangen waren, liefen am Strand entlang zur Mündung des Flusses. Dort fanden sie kleine Mengen von sehr weissem, reinem Salz. Sie brachten grosse Mengen und Wasser auf das Schiff zurück. Letzteres schien uns sehr gut zu sein und wir tranken soviel davon wie wir wollten. Außerdem sollte ich erwähnen, dass wir hier in der kleinen, seichten Bucht eine grosse Zahl von viereckigen Schlangen, d. h. Meeresschildkröten fanden, deren Schildpatten grösser als Schilde waren. Die Matrosen packten davon einige und schlachteten sie und erklärten, dass sie von diesen Tieren bereits im Golf von Arguim gegessen hätten, wo man sie auch finden könne. Ich kostete auch davon, weil ich neugierig war, unbekannte Speisen zu probieren. Ihr Fleisch schien mir nicht schlechter als dasjenige von Kälbern zu sein, so geschmackvoll schien es mir zu sein. Wir ergänzten damit unseren Lebensmittelvorrat. Wir pökelten viele von ihnen ein, denn sie bedeuteten eine gute Versorgung für die weitere Reise … Wir fischten auch an der Mündung des Flusses und im Fluss und fingen eine unglaublich grosse Menge Fische, die wir zum grössten Teil nicht kannten. Sie waren gut und gross.

Das Bett des Flusses war so gross, dass ein Schiff von 150 Tonnen und von einer Breite eines guten Armbrustschusses ohne Schwierigkeiten einfahren konnte. Wir blieben zwei Tage, um uns auszuruhen und erlabten uns an den Tauben, mit denen wir eine Schlächterei machten. Man nehme zur Kenntnis, dass wir die erste Insel, auf der wir landeten, Boa Vista nannten, weil es die erste war, die wir sahen. Die andere, die uns die grösste zu sein schien, nannten wir Santiago, weil wir sie am Tage des Heiligen Philipp und Jakob betraten.»13

Die Reisebeschreibungen Cadamostos sind lediglich in einer Abschrift erhalten, auf die sich die gedruckten Ausgaben aus Vicenza 1507 stützen. 1508 erschien eine erste deutsche Ausgabe, 1556 wurde das Buch ins Französische übersetzt. Die Herausgeber verbanden den Bericht von Cadamosto mit Darstellungen der Entdeckungsreisen von Kolumbus, was wesentlich zum publizistischen Erfolg beigetragen haben mag.

Die Urteile der Historiker zum ausführlichen Bericht fallen unterschiedlich aus: Brulez betont seine Qualität und Präzision; Crone unterstreicht ebenfalls die genauen Beschreibungen und die Popularität des Berichtes. Peres gesteht Cadamosto eine «minutiöse Beschreibung» zu und betont auch, dass seine Erzählung von grossem Interesse sei, aber er spricht auch von Fehlern in der Chronologie und von Prahlereien. Derselbe Autor nimmt in der Folge kritisch zu verschiedenen Themen in Cadamostos Bericht Stellung, so zu den verwendeten Längemassen, zu den Zahlen des Sklavenhandels in Arguim und zu den angegebenen Daten.14

In der Frage, wer nun die Kapverdischen Inseln entdeckt habe, spielte offensichtlich ein Streit zwischen Italienern eine Rolle; zwischen dem Venezianer Cadamosto und dem Genuesen Andrea da Noli. Letztlich lässt Peres die Frage des Erstentdeckers offen und plädiert für eine «doppelte Entdeckung».15

Cadamosto erzählt ausführlich von seinen Begegnungen mit den Menschen an der westafrikanischen Küste während seiner zwei Reisen und weist sich als guter Beobachter der Naturlandschaften aus. Was die Kapverdischen Inseln betrifft, so waren die Riesenmeeresschildkröten hier früher sehr zahlreich. Der Fischreichtum ist noch heute typisch für die Gewässer des Archipels. Eher erstaunlich ist der Befund von Cadamosto, im Norden von Boa Vista eine Insel gesehen zu haben (möglicherweise die Insel Sal) und im Süden zwei weitere Inseln, nämlich Maio und Santiago. Alle diese Inseln sind heute von Boa Vista aus nur bei sehr guten Wetterbedingungen zu sehen.

Hier stellt sich die Frage nach dem Klimawandel vom 15. Jahrhundert bis heute: Die Küstenwälder der Insel Santiago sind ebenso verschwunden wie grosse Flüsse. Die Insel Boa Vista ist weitgehend wüstenhaft, mit einigen Oasen. Nach den Forschungen zur Geschichte des Klimas im Sahel (dazu werden die Kapverdischen Inseln gezählt) ist es wahrscheinlich, dass in der Zeit der Entdeckung der Kapverdischen Inseln ein wesentlich feuchteres Klima geherrscht hat, als dies heute der Fall ist.16

Auch Kämmer vermutet, dass zwei Drittel der Kapverdischen Inseln um 1450 bewaldet waren.17 Der Rückgang des Waldes wird auf das Einwirken der Menschen zurückgeführt, namentlich auf die Abholzung für den Schiffsbau und die Überweidung durch Ziegen. Beim von Cadamosto beschriebenen Fluss könnte es sich um den Fluss von Ribeira Grande handeln, der auf späteren ikonografischen Quellen zu erkennen ist. Ein portugiesischer Seefahrer bestätigt in einem Bericht von 1550 die Existenz eines Flusses in Ribeira Grande.18 Heute zeugt bloss noch ein tief eingeschnittener Canyon von früheren grossen Wassermassen.

In der offiziellen portugiesischen Geschichtsschreibung wird die Entdeckung der Kapverdischen Inseln dem Genuesen Antonio da Noli und dem Portugiesen Diogo Gomes zugeschrieben und auf das Jahr 1460 datiert. Aus dem Bericht von Gomes sei zitiert:

«Ich und Antonio da Noli verliessen den Hafen von Zaya und segelten zwei Tage und zwei Nächte in der Richtung nach Portugal. Da sahen wir einige Inseln im Meer, und da meine Karavelle leichter war, erreichte ich als Erster die Insel und sah weissen Sand. Ich fand einen guten Ankerplatz und liess ankern, wie auch Antonio. Ich sagte ihm, dass ich als Erster das Land betreten wolle und so tat ich es auch. Wir sahen hier kein menschliches Zeichen und nannten die Insel Santiago: So wird sie noch heute genannt. Hier fanden wir Fische im Überfluss. Am Ufer sahen wir viele fremde Vögel und zahlreiche Bäche mit Süsswasser. Die Vögel waren so zahm, dass wir viele von ihnen mit Stöcken töteten; auch fanden wir eine grosse Zahl von Gänsen. Auch war hier eine Überfülle an Feigen, die allerdings nicht auf dieselbe Art wie bei uns an den Bäumen in der Nähe der Blätter wachsen, sondern am Stamm, von den Wurzeln bis zum Gipfel. Die Bäume wuchsen in grosser Zahl, auch gab es grosse Mengen an Gras.»19

Diogo Gomes (1420–1501) war Knappe (escudeiro) des portugiesischen Königs. Antonio da Noli (1415–1497) stammte aus Noli in der Region von Genua und diente unter dem Prinzen Heinrich dem Seefahrer in der portugiesischen Seefahrt. Er blieb auf den Kapverdischen Inseln und starb auf der Insel Santiago. Die Chronik von Diogo Gomes entstand um 1475. Sie wurde von Valentim Fernandez (eigentlich Valentin Ferdinand aus Mähren) für Konrad Peutinger ins Deutsche übersetzt und erschien als «Beschreibung der Westküste Afrika’s bis zum Senegal» erst 1860 im Druck.20 Auch Martin Behaim hat den Bericht gekannt. Es ist nicht überraschend, dass der Portugiese Gomes darauf drängte, als Erster an Land zu gehen, um die Inseln als Land der portugiesischen Krone in Anspruch zu nehmen.

Wie gesagt, der von Gomes beschriebene Fischreichtum der Gewässer um Cabo Verde besteht heute noch; viele Inseln zeigen Erosionsspuren und alte, jetzt ausgetrocknete Flussläufe sind zu erkennen. Bei den erwähnten Feigenbäumen könnte es sich um Ficus gnaphalocarpa gehandelt haben. Auch Gomes spricht in seinem Bericht von Bächen mit viel Wasser auf den Inseln. Heute kommt fliessendes Wasser auf den Kapverdischen Inseln in einer guten Regenzeit noch auf den gebirgigen Inseln Santiago und Santo Antão vor. Auf die klimatischen Veränderungen in den letzten Jahrhunderten auf dem Archipel soll später noch eingegangen werden.

Anmerkungen

1Ramos Rui, Vasconcelos e Sousa Bernardo, Monteiro Nuno Gonçalo: História de Portugal. Lissabon 2015, 148; Bernecker Walther R., Pietschmann Horst: Geschichte Portugals. München 2014, 20.

2Bernecker, op. cit. 2014, 21; Guillén Fabienne P., Trabelsi Salah: Les esclavages en Méditerranée. Espaces et dynamiques économiques. Madrid 2012, 201; Axelson Eric: Congo to Cape. Early Portuguese Explorers. London 1973, 21ff.

3https://historiasdeportugalemarrocos.com/2014/02/16/presenca-portuguesa-emmarrocos/#more-829; Frederico Mendes Paula, am 11.11.2019.

4Verlinden Charles: L’Esclavage dans l’Europe médiéval. Tome deux, Italie – Colonies italiennes du Levant – Levant latin – Empire byzantin. Gent 1977, 115.

5Azurara Gomes Eanes de: Crónica do Descobrimento e Conquista da Guiné. Mem Martins o. J., 56f.

6Wagner Bettina: Die «Epistolae presbiteri Johannis» lateinisch und deutsch. Überlieferung, Textgeschichte, Rezeption und Übertragungen im Mittelalter. Tübingen 2000, 24ff.; Trexler, Richard C.: The Journey of the Magi. Meanings in History of a Christian Story. Princeton 1997, 102f.

7Oliveira Marques A. H. de: Histoire du Portugal et de son empire colonial. Paris 1998, 119f.; Anquandar Kwesi J.: Castles & Forts of Ghana. Paris 1999; Buah F. K. A.: History of Ghana. London, Basingstoke 1995, 65ff.; Newitt Malyn: The Portuguese in West-Africa, 1415–1670, a Documentary History. New York 2010, 90ff. Der befestigte Handelsstützpunkt Arguim war gewissenermassen das Modell für die späteren portugiesischen Befestigungsanlagen und Stützpunkte entlang den afrikanischen Küsten, so in Gorée, der Ilha de Moçambique und Sansibar.

8Barcellos Christiano José de Senna: Subsídios para a História de Cabo Verde e Guiné I. Praia 2003, 21; Albuquerque Luís, Santos Maria Emília Madeira: História Geral de Cabo Verde, Vol. I. Lissabon, Praia 2001, 23.

9Cardoso, J. L., Monge Soares, A. M.: A estação arqueológica de Salamansa (Ilha de São Vicente, República de Cabo Verde). Rev. Port. Arqueol. 13, 2010, 167–214; Coquery Vidrovitch Catherine: Histoire des villes d’Afrique noire. Des origines à la colonisation. Paris 1993, 153. Coquery Vidrovitch schreibt, dass die Inseln bei ihrer Entdeckung dünn besiedelt gewesen waren. Soweit ich sehe, steht die Autorin mit dieser Feststellung allein da.

10Ramos Rui et al.: História de Portugal, Lissabon 2015, 25f.; Caddeo Rinaldo: Le navigazioni atlantiche di Alvise da Cà da Mosto, Antoniotto Usodimare e Niccoloso da Recco. Milano 1928, 91; Crone G. R. (Hrsg.): The Voyages of Cadamosto and Other Documents on Western Africa in the Second Half of the Fifteenth Century. London 1937, XXIII.

11Albuquerque, op. cit. 2001, 32; Peres Damião: Notas Históricas, in Viagens de Luís de Cadamosto e de Pedro de Sintra. Lissabon 1948, 185–196; Barros Victor: A escrita da história da «descoberta» de Cabo Verde, Fabulário cronográfico, história oficial ou fabricação do consentimento? Lissabon 2017, 75–113. Barros berichtet ausführlich zur Historiografie der Entdeckungsgeschichte und der politischen Hintergründe in der jeweiligen Darstellung; Carreira António: Formação e extinção de uma sociedade escravocrata (1460–1878). Praia 1983, 27ff.; Andrade Silva Elisa: As Ilhas de Cabo Verde da «Descoberta» à Independência Nacional (1460–1975). Paris 1996, 30.

12Ramos Rui et al.: História de Portugal. Lissabon 2015, 25f.; Caddeo Rinaldo: Le navigazioni atlantiche di Alvise da Cà da Mosto, Antoniotto Usodimare e Niccoloso da Recco. Milano 1928, 91; Crone G. R. (Hrsg.): The voyages of Cadamosto and other documents on Western Africa in the second half of the fifteenth century. London 1937, XXIII.

13Rossi Carlo: Navegações de Luís de Cadamosto. Lissabon 1944, 71–73; Meyn Matthias et al.: Die grossen Entdeckungen. München 1984, 66; Verrier Frédérique (Hrsg.): Voyages en Afrique Noir d’Alvise Cà da Mosto (1455 et 1456). Paris 2003, 96ff.

14Brulez W.: Cà da Mosto et le commerce guinéen au XVe siècle. Gent 1968, 312; Crone, op. cit. 1937, XX- XIII; Peres, op. cit. 1948, XIII.

15Peres, op. cit. 1948, XIII.

16Nash David J. et al.: African Hydroclimatic Variability During the Last 2000 Years. Quaternary Science Reviews 154, December 2016, 1–22.; Nicholson Sharon E.: Saharan Climates in Historic Times. In: Williams Martin M., Faure Hugue (Hrsg.): The Sahara and the Nile. Quaternary Environments and Prehistoric Occupation in Northern Africa. Rotterdam 1980, 173ff.

17Kämmer Franco: Beiträge zu einer kritischen Interpretation der rezenten und fossilen Gefässpflanzenflora und Wirbeltierfauna der Azoren, des Madeira-Archipels, der Ilhas Selvagens, der Kanarischen Inseln und der Kapverdischen Inseln, mit einem Ausblick auf die Probleme des Artenschwundes in Makaronesien. Freiburg im Breisgau 1982, 55.

18Albuquerque, op. cit. 2001, 33f.

19Zitiert nach Crone, op. cit. 1937, 101.

20Zu Valentim Fernandes vgl. auch: Hendrich Yvonne: Ein deutscher Buchdrucker in Portugal um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert und sein Umkreis. Frankfurt a.M., Bern 2007.

2.Die Entwicklung der Kapverdischen Inseln im «Goldenen Zeitalter» des Sklavenhandels (1460–1650)

2.1.Die Anfänge der portugiesischen Verwaltung

Nach der Entdeckung der Kapverdischen Inseln durch italienische und portugiesische Seefahrer ergriff das Königreich Portugal vom Archipel Besitz; offenbar erkannte man früh den Wert der Inselgruppe als Basis für den Ausbau des Handels mit Westafrika. Zur Bedeutung von Cabo Verde mögen auch die Meeresströmungen beigetragen haben: Die Fahrt von Portugal nach Süden wurde durch den Kanarenstrom und den Nordostpassat erleichtert, auf der Rückfahrt nach Portugal erleichterte der Golfstrom die Reise, was ein Ausholen nach Nordwesten notwendig machte.

Die Urkunde vom 3. Dezember 1460 des portugiesischen Königs Afonso V an seinen Bruder, den Infanten Fernando, übertrug diesem Machtbefugnisse als doação régia (wörtlich übersetzt eine königliche Schenkung, in der auch Abgaben an den König vorgesehen sind, also eigentlich ein Lehensvertrag) für die Inseln Madeira und Porto Santo, für die Inselgruppe der Azoren und für Cabo Verde für die Inseln Santiago (im Text der Urkunde als S. Jacobo nach dem Entdeckungstag benannt), São Filipe, Maio (Maias), Boa Vista (São Cristóvão) und Sal (Lhana).1 Die erst 1462 entdeckten Inseln Santo Antão, São Vicente und São Nicolau wurden in diesem Dokument nicht erwähnt. Die Übertragung des Lehens war verbunden mit dem Auftrag, das Gebiet zu verwalten, zu kolonisieren und die Ressourcen zu nutzen. In vielen Fällen wurde die doação erblich.

Dom Fernando trat damit das Erbe seines Onkels Dom Henrique o Navegador (Heinrich der Seefahrer) an, der am 13. November 1460 gestorben war.2 Mit der Schenkung übergab Dom Afonso V seinem Bruder die Rechte auf alle Flüsse, Ankerplätze, Wälder, Fischgründe, Korallen, Färberpflanzen, Mineralien und Muscheln der Gebiete. Ferner verfügte dieser damit über die Straf- und Zivilgerichtsbarkeit und zog die Abgaben der Bewohnerinnen und Bewohner des Archipels für den König ein. Dom Fernando besass also umfassende Wirtschafts-, Verwaltungs-, Gerichts- und Fiskalkompetenzen.3 Einzig die Todesstrafe blieb den königlichen Gerichten vorbehalten. Als Vorbild für diese Vorgehensweise dienten die Erfahrungen in der Besiedlung, Kolonisation und Administration der Azoren sowie von Madeira und Porto Santo.

Die Kapverdischen Inseln waren offensichtlich zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung unbewohnt. Zur ökonomischen Inwertsetzung des Archipels war deshalb ihre Besiedlung das vordringlichste Problem. Es war nun die Aufgabe Dom Fernandos, diesen Prozess zu finanzieren, das heisst Karavellen, Haustiere, Saatgut und Werkzeuge für den Hausbau und die Landwirtschaft zugunsten der Siedlerinnen und Siedler zu beschaffen.

Im Falle von Cabo Verde zeigten sich früh einige Schwierigkeiten der Kolonisation: Der Archipel lag geografisch wesentlich weiter weg von Portugal als Madeira oder die Azoren, das Klima unterschied sich vom Klima Portugals und der nördlicheren Inseln wesentlich, was die Kultivierung anderer landwirtschaftlicher Produkte erforderte.

Die königliche Urkunde vom 19. September 1462 bestätigte Dom Fernandos Privilegien von 1460 und teilte die Insel Santiago in zwei Kapitanate (capitanerias) auf.4 In dieser Urkunde wurden nun auch die Inseln São Nicolau, São Vicente und Santo Antão sowie Brava erwähnt.5 Für König Afonso V waren weniger die Inseln selbst von Bedeutung als vielmehr ihre geografische Position gegenüber der westafrikanischen Küste. Die Urkunde von 1462 ging jedoch sehr viel weiter als diejenige von 1460 und spiegelte die Schwierigkeiten der Portugiesen in der Besiedlung der Inseln wider. Dom Fernando erklärte denn auch im selben Jahr, dass er nicht fähig sei, die Inseln zu besiedeln.

König Afonso V stattete die Bewohnerinnen und Bewohner Cabo Verdes bereits 1466 mit neuen Privilegien aus, so mit einer Zehnten- und Zollbefreiung – eine wichtige Erleichterung. Der Archipel gewann dadurch an Attraktivität für die Siedlerinnen und Siedler.6 Die Urkunde von 1466 sicherte ihnen weiter den freien Handel mit der westafrikanischen Küste (ohne den portugiesischen Handelsstützpunkt Arguim an der mauretanischen Küste) sowie den Export nach Europa zu. Zu diesem Handel gehörte ausdrücklich auch der Sklavenhandel, für den die Verkürzung des Transportweges zur See – von der afrikanischen Küste nach Cabo Verde sind es rund 500 Kilometer, nach Portugal rund 3000 Kilometer – eine wesentliche Kosteneinsparung war. Die Privilegien für die Siedlerinnen und Siedler zeigen, mit welchen Schwierigkeiten die Besiedlung in den ersten Jahren nach der Entdeckung verbunden war. In der erwähnten Urkunde wird ausdrücklich erwähnt, dass die Gerichtsbarkeit für alle gelte, also für Mauren, Schwarze und Weisse. Folglich musste es bereits in den ersten Jahren der Besiedlung der Inseln afrikanische Sklaven und Sklavinnen gegeben haben.

Ein Viertel der Handelswaren ging an den König. 1472 erfolgte dann eine schwerwiegende Einschränkung: Das Handelsprivileg mit der afrikanischen Westküste galt nur noch für die Produkte aus Cabo Verde.7 Wie bereits erwähnt, wurde die Insel Santiago in zwei Kapitanate eingeteilt, eines davon im Süden mit der Hauptstadt Ribeira Grande (heute Ribeira Grande de Santiago, zur Unterscheidung von Ribeira Grande auf Santo Antão, in der älteren Literatur auch Cidade Velha genannt). Der Genuese Antonio da Noli, der den Anspruch erhob, zusammen mit Diogo Gomes die Inseln 1460 entdeckt zu haben, erhielt dieses Kapitanat, zusammen mit seinem Bruder Bartolomeus und seinem Neffen Rafael.8 Das Kapitanat von Alcatrazes im Norden lag in der heutigen Kirchgemeinde Maria da Luz, in der Gemeinde São Domingo im Zentrum der Insel. Es wurde Diogo Afonso zugesprochen, der zuvor die Steuern auf der Insel Madeira eingezogen hatte. Alcatrazes war durch die gotische Kirchenruine Nossa Senhora da Luz aus dem Jahre 1472 bekannt; erste Ausgrabungen fanden nach 2011 statt. Etwa 1000 Tote wurden in der Kirche beerdigt, sowohl Afrikaner wie auch Europäer. Die Grabbeigaben bestanden aus Perlen, Glasscherben, unglasierten Tonscherben und portugiesische Münzen aus den Jahren 1481 bis 1495. Pollenanalysen zeigten Spuren von Gras und Klee, aber nicht von Bäumen – entgegen den Entdeckungsberichten, die von Wäldern sprachen. Die Leute von Alcatrazes zogen um 1500 nach Praia.9

Die Verwaltung von Cabo Verde richtete sich an den Erfahrungen aus Madeira und den Azoren aus; die atlantischen Inseln wurden in mittelalterlicher Art und Weise vom König als Lehen an verdiente Adelige vergeben.10 Der capitão-donatário (der Empfänger eines Lehens) verfügte über das Mühlen- und Backofenrecht, das Salzmonopol, den Zehnten der landwirtschaftlichen Produktion, über Zuckermühlen, das Recht, zwei Bretter wöchentlich aus den Sägereien zu beziehen, und das Recht, Land zu verteilen.11

Unter König Manuel I (Regierungszeit 1495–1521) gingen die verschiedenen Inseln als Lehen an bestimmte Familien, so beispielsweise die Insel Santo Antão an João da Fonseca, Fogo an Fernão Gomes und Sal, Brava sowie die heute unbesiedelten Inseln Santa Luzia, Branco und Raso an Francisco da Fonseca und seine Nachfolger. Die Fonseca hatten sich in den Kriegen in Marokko und als Festungskommandanten in Diu (Indien) ausgezeichnet.12 An die Krone hatten sie den Zehnten des Ertrages der Ausfuhr von Ziegenhäuten, Seife und Fleisch abzugeben.

1550 ernannte König João III einen Kapitän für Santiago, der die administrativen Funktionen der bisherigen Lehens-Kapitäne übernahm. Unter König Philipp I. von Portugal (1580–1598; identisch mit König Philipp II. von Spanien) entstand auf Cabo Verde der Posten eines Generalkapitäns, der sowohl im zivilen wie im militärischen Bereich über alle Inseln regierte. Er leitete auch die Justiz, selbst über die Lehensherren. 1600 wurde schliesslich der erste Generalgouverneur der Inseln ernannt. Es zeigt sich hier deutlich, wie sich der portugiesische Staat aus der mittelalterlichen Tradition zum Absolutismus und modernen Verwaltungsstaat entwickelt hat.

2.2.Das Herkommen der frühen Bevölkerung auf Cabo Verde

Mit den ersten Entdeckern kamen auch die ersten Siedlerinnen und Siedler auf die Inseln, so mit Antonio da Noli Genuesinnen und Genuesen, mit Diogo Gomes Leute aus Nordportugal und Kastilien. Den Leuten aus Kastilien war an sich der Zutritt zu den Inseln verboten, doch fragte angesichts der zögerlichen Besiedlung der Inseln kaum jemand nach der Herkunft.13 Es handelte sich dabei mehrheitlich um Männer, sowohl Fidalgos (Ritter, vor allem zweitgeborene ohne Erbansprüche in Portugal) wie auch kleine Händler, Handwerker, niedrige Beamte und Matrosen. Über die Herkunft des afrikanischen Bevölkerungsanteils der Sklavinnen und Sklaven im 15. Jahrhundert ist wenig bekannt. Die meisten dürften von der Guineaküste gestammt haben, die sich nach den damaligen geografischen Begriffen vom heutigen Senegal bis nach Sierra Leone erstreckte.

Gewisse Sklavinnen und Sklaven blieben nur für kurze Zeit auf der Insel und wurden dann weiter verschifft, vorerst nach Sevilla, später direkt in die Karibik. Andere blieben auf den Inseln. Die meisten dieser Sklavinnen und Sklaven waren in der Landwirtschaft tätig, aber man fand sie auch in anderen Sektoren der Wirtschaft, so im Handwerk und im Handel. Der Haussklave beziehungsweise die Haussklavin war in der Regel in einer besseren Position als der Landwirtschaftssklave. Es war möglich, dass ein Haussklave für seinen Herrn nach Guinea zum Einkauf von Sklaven und Sklavinnen ging, was er mittels seiner afrikanischen Sprache gut erledigen konnte, zumindest aber begleitete er seinen Herrn in diesem Geschäft. Schon vor 1500 bildeten die schwarzen Sklavinnen und Sklaven die Bevölkerungsmehrheit auf Cabo Verde.14

Zwischen den weissen Freien und den Sklavinnen und Sklaven gab es die Gruppe der Freigelassenen. Unter den Freigelassenen fanden sich wenige Schwarze und zahlreiche Mestizen und Mestizinnen, Kinder von weissen Vätern und schwarzen Müttern. Häufig wurden sie nach den Testamenten ihrer Väter freigelassen, ja legitimiert. Das betraf aber längst nicht alle Mestizinnen und Mestizen, viele blieben Sklavinnen und Sklaven.

Der Handel mit der Guineaküste lag in den Händen einer schmalen Oberschicht. Von den 70 Grosskaufleuten der Insel Santiago nach 1500 gehörten 22 dem hohen und niedrigen Adel an. Wie in anderen Monarchien war an sich auch dem portugiesischen Adel die Arbeit im Handel verboten, was aber nie durchgesetzt wurde. Für Fidalgos und Cavaleiros (Edelleute und Ritter) bestanden auf Cabo Verde in dieser Zeit durchaus Chancen, reich zu werden. Im Portugal des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit waren die Übergänge zwischen dem Dritten Stand (Bürgertum) und dem Zweiten Stand (Adel) fliessend. In der portugiesischen Ständevertretung, den Cortes, wurden die escudeiros (Knappen) zusammen mit den Kaufleuten zu einer Kategorie zusammengefasst.15

António Carreira unterscheidet drei Phasen der Bevölkerungsentwicklung auf Cabo Verde: In einer ersten Phase im 15. Jahrhundert wurden die Inseln Santiago und Fogo von einer geringen Zahl von Leuten aus Portugal, Spanien, Genua und anderen europäischen Ländern besiedelt, es gab kaum Mestizen und Mestizinnen.

In einer zweiten Phase im 16. Jahrhundert blieb es bei einer geringen Zahl von Europäerinnen und Europäern, wobei es sich sowohl um freie wie erzwungene Migration handelte. Dazu kam eine kleine Zahl von nicht identifizierten europäischen Einwanderinnen und Einwanderern. Nun gab es auch Weisse, die auf der Insel geboren worden waren, sowie Mestizen und Mestizinnen als Söhne und Töchter aus Beziehungen zwischen europäischen Männern und freien oder unfreien afrikanischen Frauen. Es kamen nur wenige weisse Frauen auf die Inseln. Die freien und unfreien Schwarzen und Mestizen waren bald zahlreicher als die Weissen. Die Zahl der auf Cabo Verde lebenden Adeligen nahm ab.

In einer dritten Phase im 17. und 18. Jahrhundert nahm die Zahl der freiwilligen weissen Einwanderinnen und Einwanderer weiter ab, während diejenige der deportierten Weissen, der auf der Insel geborenen Weissen, der Mestizen und der Schwarzen zunahm. Die freien Mulattinnen und Mulatten und die freien Schwarzen waren nun zahlreicher als die Sklavinnen und Sklaven. Im 18. und 19. Jahrhundert stieg die Zahl der Freien, der Freigelassenen und der Entflohenen immer stärker an, während diejenige der Sklaven und Sklavinnen weiter sank. Mit dem Verbot des Sklavenhandels nördlich des Äquators 1815 sank auch die Zahl der eingeführten Sklaven und Sklavinnen, obwohl der illegale Sklavenhandel noch einige Jahrzehnte weiterging.16

Iva Cabral unterscheidet in der Frühgeschichte von Cabo Verde zwei Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung: Eine erste Phase des prosperierenden Handels mit der Guineaküste zwischen 1473 und 1549 und eine zweite Phase der beginnenden Krise zwischen 1549 und 1599, bedingt durch die immer stärker werdende Konkurrenz von Frankreich, England und den Niederlanden sowie deren Korsaren. Die Autorin beschreibt detailliert die Zusammensetzung der Elite von Santiago im 15. und 16. Jahrhundert und stellt fest, dass sich die Adeligen allmählich aus dem Handel mit der Guineaküste zurückzogen und vermehrt in der intensiven Landwirtschaft aktiv wurden.17

Bereits im 16. Jahrhundert flohen viele Sklavinnen und Sklaven in die schwer zugänglichen Gebirgsregionen der Serra Malagueta auf der Insel Santiago oder in die höheren Regionen der Insel Fogo. Sie lebten am Rande der Gesellschaft, rechtlich gesehen waren sie nach wie vor versklavt, faktisch aber frei. Sie waren den anderen Klassen der Gesellschaft feindlich gesinnt und unternahmen immer wieder Überfälle auf die Höfe der Gutsherren. Das Refugium der Serra war für sie relativ sicher.18

Die Lançados waren meist ursprünglich Männer aus Portugal, die nach Cabo Verde verbannt wurden (sie wurden auch tangomaos genannt, weil sie sich afrikanische Tattoos anbringen liessen). Sie spielten in Guinea in der Vermittlung von Handelsbeziehungen zwischen Portugal und den Einheimischen eine wichtige Rolle, obwohl sie dazu keine königliche Erlaubnis besassen. Für die Zeitgenossen galten die Lançados als Abenteurer und Halbwilde, die unter den Afrikanerinnen und Afrikanern wohnten, sich mit afrikanischen Frauen verbanden und eigene Dörfer gründeten. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Santiago trieben ebenfalls Handel mit den Lançados. Die portugiesischen Könige versuchten, die Tätigkeiten dieser unkontrollierbaren Männer zu verhindern, da sie den königlichen Handel und den Handel der königlichen Vertragspartner (contratadores) in Guinea konkurrenzierten.19 Im 17. Jahrhundert wurden die Lançados immer stärker von der Geistlichkeit kritisiert: Sie würden Götzen anbeten und Fetische verehren, seien Mörder, Verräter, Leute ohne Recht mit Appetit auf die Hölle, so Padre Manuel Álvares von der Societas Jesu 1609.20

2.3.Soziale Klassen auf Santiago im 16. Jahrhundert

Das portugiesische Recht unterschied zwischen morador (Bewohner) und vizinho (Nachbar). Der Morador war ein Einwohner, der mindestens vier Jahre am selben Ort wohnte, der Vizinho war ein Morador, der ein Haus und ein Grundstück besass. In Ribeira Grande (Santiago), Alcatrazes und in São Filipe auf Fogo wurden zu Beginn des 16. Jahrhunderts die ersten Gemeinden (câmaras) mit den Institutionen eines Gemeinderates und einer Gemeindeversammlung gebildet – wobei sich diese Gremien nicht im Sinne einer Gewaltentrennung unterschieden. Der Morador hatte das Recht, an der Gemeindeversammlung teilzunehmen und sich an den Wahlen der lokalen Behörden zu beteiligen. Die vizinhos negros – freie Schwarze – erhielten diese politischen Rechte erst nach 1546.21 Die Munizipalisierung des politischen Raumes neben dem König und dem Adel war ein neues Element. Gleichzeitig fand in Portugal eine weitgehende Verschriftlichung der Verwaltung statt, unter anderem auch mit genauen Regelungen der Kompetenzen der Gemeinden.22

Vor allem reiche Vizinhos profitierten vom Handel mit Guinea, da sie die nötigen finanziellen Mittel für die Investitionen besassen. Die Gruppe der Schiffsreeder und Kaufleute (armadores-mercadores) beherrschte die Câmara (Verwaltung) von Ribeira Grande, leitete die sozial wichtigen religiösen Bruderschaften, bildete unter sich geschäftliche Partnerschaften (auch mit ausländischen Kaufleuten), baute mehrstöckige Häuser (sobrados) aus Stein und Kalk, unterhielt Obst- und Gemüsegärten. Sie verfügte über Tausende von Sklavinnen und Sklaven für die Arbeiten in der Landwirtschaft und der Viehzucht. Als Reeder und Grossgrundbesitzer bildeten sie die wirtschaftliche und politische Elite von Cabo Verde, die meisten gehörten dem niedrigen Adel (Fidalgos) an. Wer keine Schiffe hatte, wurde von den Ämtern ausgeschlossen. Zuweilen betrieb die Elite auch Piraterie und Schmuggel, beispielsweise der Reeder, Abenteurer und Ritter des Königshauses Fernão de Melo. Er machte weite Handelsfahrten bis zum Kongo und wurde später Kapitän der Insel São Tomé. Seine Frau Dona Brígida Gouveia führte unterdessen die Landwirtschaft in São Martinho (Santiago) weiter und betätigte sich ebenfalls als Reederin. In der Kirche von Santa Maria do Rósario in Ribeira Grande (Santiago) liegt der reich geschmückte Grabstein von Fernão de Melo.23

Die «filhos da terra»: Mestizen und Mestizinnen und Freigelassene

Die Mestizenkinder hatten einen unterschiedlichen Status: Wenn der weisse Vater das Kind der schwarzen Mutter anerkannte, wurde es frei gelassen, wenn nicht, blieb es Sklave oder Sklavin. Die Legitimierung der Kinder war eine der wenigen Chancen für den sozialen Aufstieg, um beispielsweise in Ämter oder in Klöster zu gelangen.24 Die Mehrzahl der illegitimen Kinder wurde indes nicht anerkannt und blieb folglich Sklave oder Sklavin. In den Quellen tauchen die freigelassenen Mestizen und Mestizinnen selten auf, da sie nicht im Verkehr mit der Verwaltung standen und deshalb in den Registern nicht genannt wurden. Sie zahlten keine Steuern und besassen kein ländliches Eigentum. Die Lage der Freigelassenen war oft schwierig, da es kaum freie Lohnarbeit gab.

Im Verkehr zwischen Cabo Verde und Guinea wurden die Freigelassenen als Matrosen und Übersetzer eingesetzt. Schwarze waren auch im Sklavenhandel tätig, sei es selbstständig oder im Auftrag eines Herrn. Nach 1546 konnten Schwarze und Mestizen in die Verwaltung eintreten. Da unter den Portugiesen eine Versetzung nach Cabo Verde nicht besonders beliebt war, erhielten Freigelassene mit der Zeit Aufstiegsmöglichkeiten in der Verwaltung.

In Ribeira Grande gab es auch eine Reihe von Ausländerinnen und Ausländern (forasteiros), die sich nur für eine bestimmte Zeit auf Cabo Verde aufhielten.

Über die Bewohnerinnen Ribeira Grandes ist wenig bekannt: In den Berichten der portugiesischen Verwalter wurden zwar die alleinstehenden Frauen erwähnt, nicht aber die Verheirateten und die Witwen. In den Akten erscheinen einzelne Frauen im Zusammenhang mit Straffällen und Beziehungsgeschichten.

Für die Sklavinnen und Sklaven war die Ankunft auf Cabo Verde traumatisch. Es lassen sich hierbei drei Gruppen unterscheiden:

•Die Mehrzahl wurde in den Häfen der Insel ausgeladen und wartete auf den Transport nach Amerika. In den Urkunden erschienen sie als peças (Stücke). Sie trugen keine Namen.

•Die zweite Gruppe bildeten diejenigen, die auf der Insel für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt werden sollten. Auch sie trugen vorerst keine Namen.

•Die dritte Gruppe bildeten die Haussklavinnen und -sklaven sowie Spezialisten und Spezialistinnen des Handwerks. In den Urkunden trugen sie Namen, im Gegensatz zu den peças.25

Haussklavinnen und -sklaven hatten am ehesten Chancen, nach den Testamenten des Sklavenhalters freigelassen zu werden. Ihre Lage war aber prekär: Bei Ungehorsam konnten sie auf die Landgüter gebracht oder im Hafen verkauft werden.

Es war wohl eher selten, dass Sklaven als Handwerker in Ribeira Grande lebten. Die wenigen weissen Handwerker auf der Insel begannen, Sklaven in handwerklichen Berufen auszubilden; Sklaven mit handwerklichen Fähigkeiten erzielten auf dem Markt hohe Preise. Die wichtigsten Sklaven waren, wie bereits erwähnt, die Händler-Sklaven: Sie reisten selbstständig an die afrikanische Küste, kauften Sklavinnen und Sklaven ein und brachten sie nach Cabo Verde.26

Die Verbannten

Verschiedene Begnadigungsurkunden zeigen, dass die Kapverdischen Inseln offenbar schon ab 1472 als Verbannungsort benutzt wurden. Seit dem 17. Jahrhundert stieg die Zahl der Deportierten stark an, im 18. und 19. Jahrhundert noch in höherem Ausmasse. Auch Sinti und Roma sowie Menschen jüdischer Herkunft gehörten häufig zu den Verbannten. Diese Praxis der Verbannung war unter den Kolonialmächten Grossbritannien, Frankreich und Spanien allgemein üblich.

Zwischen 1802 und 1882 wurden 2433 Männer und 81 Frauen nach Cabo Verde verbannt, also durchschnittlich etwa 38 Personen pro Jahr. Die Gouverneure versuchten, die Verbannten auf alle Inseln zu verteilen, doch lebten viele auf Santiago. Da es sich bei den Verbannten vor allem um Männer handelte, stieg die Zahl der Mestizen und Mestizinnen an.27

2.4.Sklaven- und Warenhandel mit der Guineaküste

Der Grund für das Interesse von Portugal am Archipel von Cabo Verde beruhte im 15. und 16. Jahrhundert in erster Linie auf dessen geografischer Lage: Die Inseln bildeten eine günstige Ausgangsposition für den Handel mit der rund 500 Kilometer entfernten Guineaküste – eine sichere Distanz zu den afrikanischen Königreichen Wolof, Cayor, Baol, Sine, Saloum und weiteren.28 Nach 1500 wurde Cabo Verde zur Zwischenstation für den Indienhandel und für den europäischen Handel mit Südamerika.

Im 15. Jahrhundert waren die wichtigsten Handelsgüter im Export Gold, Sklavinnen und Sklaven, Elfenbein, Malagueta (eine rote Pfefferschote), Hirse und Reis (für die Ernährung der Sklavinnen und Sklaven) – also Handelswaren, die bereits früher für den portugiesischen Afrikahandel von Bedeutung gewesen waren. Nach Schätzungen gelangten jährlich etwa 1400 Sklavinnen und Sklaven von der westafrikanischen Küste nach Cabo Verde. Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts stiegen ihre Preise stark an.29

1473 bewilligte König Afonso V in einer Urkunde ausdrücklich das Privileg, auf den Inseln Sklavinnen und Sklaven («escravos, escravas, machos e fêmeas») zu halten. Die Urkunde sicherte zudem die Rechte der Einwohnerinnen und Einwohner (moradores) zum Sklavinnen- und Sklavenhandel gegenüber den Lançados. Dieser Handel bildete die wichtigste Einnahmequelle der Bewohnerinnen und Bewohner von Cabo Verde. Für den König hatte der Handel mit dem afrikanischen Kontinent Priorität, nicht die Entwicklung der Landwirtschaft auf den Inseln.

Portugiesische Kaufleute besassen im Handel mit der Guineaküste dank Verträgen mit dem portugiesischen König eine zeitlich befristete Monopolstellung. Sie kamen in Konflikt mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Cabo Verde, die ihren bisherigen Handelsverkehr fortsetzten.30

Um den Sklavenhandel zwischen Guinea, den Inseln von Cabo Verde und Portugal entwickelte sich nach 1512 ein weiterer Konflikt: Der König befahl, dass die Sklavinnen und Sklaven direkt von Guinea nach Lissabon gebracht würden, also kein Zwischenhalt auf den Inseln stattfinden sollte – zum Schaden der Siedler und Siedlerinnen auf Cabo Verde. Diese verdächtigten unter anderem die cristãos novos (neu zum Christentum konvertierte Juden und Jüdinnen), das Königshaus schlecht informiert zu haben. König Manuel I verfolgte die jüdische Gemeinschaft im gesamten portugiesischen Herrschaftsgebiet seit 1496, verbot aber die Diskriminierung der cristãos novos 1512. 1536 setzte mit der päpstlichen Bulle «Cum ad nihil magis» der Kampf der Inquisition gegen die Juden und Jüdinnen in Spanien und Portugal ein.31

Von der Massnahme des direkten Transports waren viele Händler, Escudeiros, Cavaleiros und Fidalgos betroffen. Schliesslich wurden die direkten Sklaventransporte von Guinea nach Portugal (und nicht indirekt über die Kapverdischen Inseln) doch nicht durchgeführt, nicht zuletzt auch wegen der Gefährdung des Schiffsverkehrs zwischen Guinea und Portugal durch Stürme und französische Piraten.

Portugiesische Händler beklagten sich über die hohen Preise – vor allem für Brot und Wein sowie für Tuch und Eisen auf Cabo Verde.

Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts veränderte sich der portugiesische Handel mit der Guineaküste. Mit der Erschliessung von Spanischamerika stieg der Bedarf an Arbeitskräften, das heisst von Sklavinnen und Sklaven aus Afrika, entsprechend erhöhten die Sklavenhändler die Preise und ihre Gewinne stiegen. Die Sklavinnen und Sklaven wurden in erster Linie auf die Insel Santo Domingo gebracht, später nach Honduras und Peru.32

Die Mehrzahl der Sklavinnen und Sklaven auf Cabo Verde stammten von der Guineaküste, verwaltungsmässig waren Häfen in Guinea wie Cacheu und Bissau den Kapitanaten in Cabo Verde unterstellt– eine administrative Trennung erfolgte erst im Jahre 1879.

Da sich die Franzosen in Senegal immer stärker durchsetzten, verschob sich der portugiesische Sklavenhandel weiter nach Süden. Andere Exportgüter von der Guineaküste blieben Hirse, Reis und Wachs sowie Elfenbein, das nach Europa weitertransportiert wurde.33

Der Erwerb von Sklavinnen und Sklaven

Die Portugiesen unternahmen bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts Sklavenjagden unter der einheimischen Bevölkerung in Nordafrika, so auf den Kanaren unter den Guanches und auf Arguim unter den Mauren. Heinrich der Seefahrer erkannte früh, dass die Sklavenjagden für die Entwicklung des Handels an der afrikanischen Küste schädlich waren und die guten Beziehungen zu den afrikanischen Völkern störten. Anstatt Raub schlug er Warentausch vor; zeitweise fanden offenbar beide Methoden nebeneinander Anwendung. Nach 1470 setzte sich der Warentausch durch: Waren aus Europa und Asien (wie Textilien aus Indien) gegen Sklaven und Sklavinnen, Gold und Elfenbein sowie Bernstein (ambar) und Wachs. Nur sporadisch spielte Geld als direktes Zahlungsmittel eine Rolle. Silbermünzen wurden erst sehr spät angenommen, und zwar eher als Schmuck denn als Geld, da Silber in Afrika rar war. Als Währung galten bis ins 19. Jahrhundert auch die Gehäuse der Kaurischnecken aus dem Indischen Ozean.34

Der Warentausch fand meist auf Märkten in bekannten Ortschaften statt; dasselbe Verfahren des Handels wird auch von Cadamosto und von Fernandes beschrieben (in Wolof, Cantor, Gambia und Guinea). Zwischen 1484 und 1562 waren es etwa hundert Bewohnerinnen und Bewohner von Cabo Verde, die Schiffe nach Guinea ausrüsteten, ein Teil davon beteiligte sich aktiv als Kapitäne an den Reisen. Vor der Abfahrt nach Guinea erhielten die Reeder üblicherweise die Bestellungen der Bewohner und Bewohnerinnen von Santiago: Sklaven und Sklavinnen, Reis, Hirse, Elfenbein, Wachs. João Vidão rüstete zusammen mit Dona Brígida de Gouveia zwei Schiffe aus: Zum einen die «Santa Maria do Cabo», die am 13. Oktober 1513 in Santiago ankam, mit 13 Sklaven an Bord, die an die Besteller gingen. Im Februar 1514 traf die «Santa Maria de Vitória» ein, mit 168 Sklavinnen und Sklaven sowie mit Hirse. Der gleiche Unternehmer transportierte 1528 auf der «São Marçal» 144 Sklaven, zusammen mit Hirse und 1335 Kilogramm Elfenbein. Später brachte er mit dem gleichen Schiff weitere 34 Sklaven. Im selben Jahr legte die «Santa Maria do Pardal» mit 75 Sklaven sowie mit Hirse und Elfenbein an.

Importe nach der Guineaküste

Die bereits erwähnten Einschränkungen der Handelsprivilegien im königlichen Brief vom 8. Februar 147235 führten unter anderem zu einem verstärkten illegalen Handel. Die Krone beanspruchte in gewissen Bereichen ein Monopol, so im Handel mit Malagueta und anderen Gewürzen, mit Zibetkatzen (ihr Sekret der Perianaldrüsen, das Zibet, wurde zur Herstellung von Parfum verwendet), Elfenbein, Edelsteinen und Siegellack. Wer gegen die königlichen Vorschriften verstiess, dessen Schiffsladung und beweglichen Güter wurden beschlagnahmt. Im Verlaufe des 15. Jahrhunderts erweiterte die Krone sukzessive die Liste der Waren, die nicht frei gehandelt werden durften. Später kamen zum Beispiel besondere Muscheln dazu, die es auf Cabo Verde gab und die an der afrikanischen Küste besonders gefragt waren. Am 13. September 1497 hielt ein königlicher Brief fest, dass der Handel mit Eisen ebenfalls zum königlichen Monopol gehöre. Dies wurde damit begründet, dass sich die Mauren und die Schwarzen damit Waffen schmieden würden. Zu direkten Handelswaren von Europa nach Afrika (also ohne Zwischenhalt auf Cabo Verde) gehörten seit 1497 auch Tücher aus Indien, Brokat aus Flandern, Seidenhemden, rote und gelbe Tücher, Kupferwaren, Zinn und Edelsteine.

Wer gegen die königlichen Handelsbeschränkungen verstiess, wurde für fünf Jahre nach São Tomé (seit 1493 portugiesisch) oder Sankt Helena (1502–1600 portugiesisch) verbannt. Die Verbote wurden immer wieder erneuert, offenbar wurden sie kaum beachtet.

Bereits 1481 schickte König João II einen Gesandten nach Cabo Verde, der das Problem des illegalen Handels untersuchen und die Schuldigen bestrafen sollte – ohne grossen Erfolg.

Die Bewohner und Bewohnerinnen von Cabo Verde handelten sowohl in verbotenen Gebieten (wie dem heutigen Sierra Leone) wie auch mit verbotenen Produkten. Es sind zahlreiche Fälle von illegalem Handel dokumentiert.36 Grundsätzlich war mit illegalem Handel wesentlich mehr Geld zu verdienen als mit legalem. König Manuel I versuchte 1517 erneut, mit strengeren Strafandrohungen den illegalen Handel zu unterdrücken – wiederum mit wenig Erfolg.

Zu den aus Cabo Verde nach dem afrikanischen Kontinent exportierten Waren gehörten unter anderem Tücher (panos), die aus der auf Cabo Verde angepflanzten Baumwolle (seit 1517 nachgewiesen) hergestellt wurden. Sie bestanden aus Streifen von 12 bis 15 Zentimetern Breite, die zusammengenäht wurden.


Abb. 3: Beispiel eines «panos» (20. Jahrhundert).

Auf dem afrikanischen Kontinent waren ausserdem Pferde aus Cabo Verde besonders begehrt, da sie als Zeichen eines hohen gesellschaftlichen Standes galten.37 Die Bewohnerinnen und Bewohner der Inseln hatten gegenüber den Kaufleuten mit Vertrag aus Lissabon oder auch aus Spanien den Vorteil, dass sie die Guineaküste viel häufiger besuchen konnten, da sie wesentlich kürzere Schifffahrtswege zurückzulegen hatten. Schliesslich wurde auch Salz von den Inseln Maio, Boa Vista und Sal an die afrikanische Küste exportiert, da es als besonders sauber galt.

Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts verschoben sich die Gewichte der Güter, die an die afrikanische Küste exportiert wurden: Während die Baumwolle und die Baumwolltücher wichtiger wurden, nahm die Zahl der exportierten Pferde ab.38

Die Bewohnerinnen und Bewohner von Cabo Verde gegen den königlichen Handel und die Monopolgesellschaften

Die «Casa de Guiné» war eine erste Monopolgesellschaft unter der Leitung von Heinrich dem Seefahrer mit Sitz in Lagos, später in Lissabon. 1482 bis 1483 hiess sie «Casa de Guiné e da Mina» (Elmina im heutigen Ghana), dann «Casa da Índia e da Guiné» (1499) und schliesslich nur noch «Casa da Índia», blieb aber in Guinea tätig. Die Veränderungen im Namen zeigen deutlich den Wechsel der Destinationen und deren Bedeutung im portugiesischen Überseehandel.

Der portugiesische König Afonso V schloss bereits 1469 mit dem Kaufmann und Ritter Fernão Gomes aus Lissabon einen Vertrag über fünf Jahre ab, worin dieser für den Handel mit Guinea und Sierra Leone ein Monopol erhielt und dafür neben Geldzahlungen an die Krone auch die Pflicht hatte, jährlich 100 Meilen afrikanische Küste zu erforschen. Schliesslich wurde im Vertrag festgelegt, dass dem König alles Elfenbein zukomme. Dieses spielte in der sakralen Kunst in Europa eine wichtige Rolle.39 Solche Monopolverträge wurden in den folgenden Jahrzehnten üblich und schmälerten die Handelsrechte der Siedler auf Cabo Verde.

Zum Sklavenhandel gibt ein 1510 auf drei Jahre abgeschlossener Vertrag zwischen dem portugiesischen König Manuel I und António Rodrigues Mascarenhas Auskunft. Mascarenhas hatte für dieses Privileg Sklavinnen und Sklaven im Wert von 900 000 Réis an das Königshaus abzugeben, was ungefähr 130 Sklavinnen und Sklaven entsprach.40

Der hohe Justizbeamte (corregedor) und Finanzverwalter (contador) der Krone auf Santiago, Rui Gomes, stellte 1517 fest, dass Bewohnerinnen und Bewohner der Insel Santiago mit Sierra Leone Handel trieben, namentlich mit Elfenbein, Wachs, Eisen und anderen verbotenen Waren. Sklavinnen und Sklaven konnten die Bewohner und Bewohnerinnen der Insel nur zum eigenen Gebrauch erwerben. Schliesslich wurde angedroht, dass bei Übertretung dieser Verbote die Schiffe der Handelnden beschlagnahmt würden. Zudem klagte Rui Gomes 1518 über die geringen Gewinne aus dem Guineahandel.41 Im selben Jahr hob der portugiesische König alle Privilegien und Monopole im Guineahandel auf und erklärte diesen als Sache des Königs. Die Lançados wurden aufgefordert, ihre Niederlassungen an den Flüssen Guineas aufzugeben und an den König zu transferieren, was indessen kaum erfolgte. Der Schwarzhandel mit Sklavinnen und Sklaven von der Küste nach den Inseln dauerte offensichtlich an. Der Handel mit der auf den Inseln Santiago und Fogo produzierten Baumwolle ging an die königliche Monopolgesellschaft der «Casa Real». Der König vergab auch später zeitlich beschränkte Handelsmonopole an einzelne Herren, so 1560 und 1566 an António Gonçalves de Gumão bis 1574. Konflikte mit den Kaufleuten von Santiago waren vorprogrammiert. Der Guineahandel lief nun nicht mehr von Guinea nach Santiago und von dort nach Lissabon, sondern vermehrt von Guinea direkt nach Lissabon.

Nach 1530 verlor Cabo Verde seine zentrale Stellung im atlantischen Sklavenhandel. Anfangs des 17. Jahrhunderts legten am Zoll in Santiago nur noch wenige Sklavenschiffe an, so beispielsweise in den Jahren 1611 bis 1613 bloss noch sieben. Die Schiffe, die Sklavinnen und Sklaven schmuggelten, waren auf den Zolllisten nicht verzeichnet.42 Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts gingen die Zahlen der auf Cabo Verde nach Amerika verschifften Sklaven und Sklavinnen weiterhin deutlich zurück: Während es zwischen 1601 und 1640 noch rund 1600 waren, sanken die Zahlen zwischen 1671 und 1700 auf bloss noch 250.

Der «Restaurationskrieg» von 1640 bis 1668 zwischen Spanien und Portugal hatte auf den Sklavenhandel nach Amerika kaum Auswirkungen: Spanische Sklavenschiffe landeten auf dem portugiesischen Cabo Verde und portugiesische Schiffe verkauften ihre Sklavinnen und Sklaven in Cartagena im spanischen Neugranada.43

Versuch zur Kontrolle des Handels: Die feitoria régia

Nach dem Verbot des Handels mit Guinea für Privatpersonen 1580 – es ging um den Schutz des königlichen Monopols beziehungsweise der Vertragspartner des Königs – setzte König Manuel I 1520 Afonso de Avila als Verwalter (feitor régio) auf der Insel Santiago ein. Die schriftlichen Dokumente dazu sind allerdings rudimentär und sagen über den Handel wenig aus.

Immerhin umschrieb eine Urkunde von 1518 die Tätigkeiten des Feitors: Er bestimmte die Abfahrtszeiten der Schiffe nach Guinea mit dem Ziel zu verhindern, dass zu viele gleichzeitig an die afrikanische Küste fuhren. Weiter kontrollierte er die Waren auf den Schiffen und versuchte zu verhindern, dass die gleiche Ware zu unterschiedlichen Preisen verkauft wurde. Zudem organisierte der Feitor die Sendungen von Waren und Sklavinnen und Sklaven nach Lissabon, wobei die dem König gehörenden Sklavinnen und Sklaven entsprechend markiert wurden. Ein Schreiber führte Buch über alle Schiffe, die nach Guinea abgingen. Schliesslich war der Feitor auch dafür verantwortlich, dass genügend Baumwolle für den Handel mit Guinea bereitstand.44

2.5.Der Handel mit Europa

Importe aus Europa

Neben dem Handel zwischen Cabo Verde und dem afrikanischen Kontinent fand selbstverständlich auch ein Austausch von Gütern zwischen Europa und den Inseln statt. Im 15. Jahrhundert wurden aus Europa Kleider und Eisenwaren sowie Weizen aus Kastilien zur Herstellung von Brot importiert, weiter Wein, Werkzeuge, Olivenöl, Rosinen, Mandeln, Feigen, Saubohnen, Nüsse, Essig, Käse und Safran.45 Die aus Europa importierten Biskuits dienten in erster Linie als Proviant für die Schiffsbesatzungen.

Im Sklavenhandel spielte Eisen als Tauschware die wichtigste Rolle. Nach den Verträgen des portugiesischen Königs war der Handel mit Eisen an sich den Inhabern der Monopole vorbehalten, doch hielten sich viele Handeltreibendende nicht an diese Bestimmungen. Da das Angebot an Eisen ständig wuchs, sanken die Preise für die Sklavinnen und Sklaven. Wichtige Handelsgüter waren schliesslich Wein (aus den Kanaren und aus Cabo Verde) sowie Zuckerrohrschnaps; Getränke, die auch von den muslimischen Afrikanern sehr geschätzt wurden.46

Neben Lebensmitteln spielten Textilien eine Rolle, so Leinen aus der Bretagne, Stoffe aus den Niederlanden, Luxustücher wie Damast, gefärbte Tücher, Satin und Samt. Dies zeigt, dass zu diesem Zeitpunkt auf Cabo Verde ein gewisser Reichtum herrschte. Die Kirche benötigte ebenfalls solche Tücher. Auf den Schiffslisten finden sich auch Waren, die für den Handel mit Guinea verboten waren, wie etwa Eisen und Waffen. Unter «Varia» sind Güter des täglichen Gebrauchs zu finden, wie Hemden, Schuhe, Hüte, Mützen, aber auch Rosenwasser und Seifen oder Produkte für die Ausstattung von Schiffen wie Seile, Hacken, Segeltücher und Kupferkessel. Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts wurden verstärkt Gewürze wie Safran, Pfeffer und Ingwer sowie Hemden, Hosen, Schuhe, Stiefel, Pantoffeln, Knöpfe und viele Hüte gehandelt. Diese Waren wurden in Ribeira Grande zu guten Preisen verkauft. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation auf den Inseln.

Exporte nach Europa

Von den Inseln mit extensiver Viehzucht wurden schon früh grosse Mengen an Leder und Fellen nach Europa exportiert, so bereits 1504 über 20 000 Stück Felle von den noch kaum besiedelten Inseln des Barlavento (Santo Antão, São Vicente, São Nicolau, Sal, Boa Vista).

Um den direkten Export von Sklavinnen und Sklaven aus Guinea nach Portugal zu fördern, verbot die königliche Urkunde von 1472 den Export von Sklavinnen und Sklaven aus Cabo Verde nach Portugal. Trotzdem wurden zwischen 1513 und 1517 auf sieben Schiffen 517 Sklavinnen und Sklaven von Cabo Verde nach Europa transportiert, meist zusammen mit Lederwaren.47

In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts ist eine allmähliche Umstrukturierung des Sklavenhandels festzustellen: Die kastilischen Sklavenhändler kauften nicht mehr auf den Sklavenmärkten in Lissabon, der Algarve oder Sevilla ein, sondern direkt auf der Insel Santiago. Damit verkürzten sie die Reisezeiten und die Sterblichkeit auf den Schiffen nahm ab. Die Verluste an Sklavinnen und Sklaven auf dem Transport von Cabo Verde nach Amerika gingen zulasten des spanischen Königs, die Verluste zwischen Afrika und Portugal zulasten des portugiesischen Königs. Portugal hatte folglich ein Interesse an einem direkten Sklaventransport von Westafrika über Cabo Verde nach Amerika.

2.6.Cabo Verde im atlantischen Schiffsverkehr, Piraten und Korsaren

Die günstige geografische Lage der Kapverdischen Inseln für den atlantischen Schiffsverkehr nach Indien und nach Südamerika zu Beginn des 16. Jahrhunderts machten sie zu einer bedeutenden Zwischenstation für die Verpflegung und Ausbesserung der portugiesischen Schiffe, besonders auch derjenigen der Monopolgesellschaft «Casa da Mina e Índia». Der Aufenthalt in Cabo Verde diente ferner zur Erholung der Schiffsmannschaften. Grosse Entdecker wie Vasco da Gama, Christoph Kolumbus und Fernão de Magalhães machten hier einen Zwischenhalt.48

Die portugiesischen Archive enthalten relativ genaue Dokumentationen zu den Lieferungen von Lebensmitteln wie Olivenöl, eingesalzenem Rindfleisch, Biskuits, Wein und Wasser, wie auch zum Reparaturmaterial für die Schiffe auf der Fahrt nach der westafrikanischen Küste, nach Brasilien und nach Indien, wie Talg, Harz, Drähte, Nägel, Keile, Federkeile, Ringe, Holzteile, Werg, Seile, Eisenstücke, Stifte, Knoten, Planken und Leinwand. Die meisten dieser Produkte stammten aus Iberien.

In Ribeira Grande ist ausserdem die Anwesenheit zahlreicher Spezialhandwerker für Schiffsreparaturen belegt: Harz- und Talgarbeiter, Schreiner, Schmiede, Kalfakter.

Verschiedene Autoren des 16. Jahrhunderts – wie Duarte Pacheco Pereira (1505–1507), Valentim Fernandes (1506–1508), Francisco de Andrade (1582) und Álvares de Andrade (1594) – beschrieben den Handel zwischen Cabo Verde und der afrikanischen Küste.49

Auch im 17. Jahrhundert war Cabo Verde eine Zwischenstation für den Seeverkehr nach Afrika, Indien und Südamerika, sowohl für portugiesische wie auch für Schiffe anderer Nationen. Der Handel zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern der Insel und den Schiffsbesatzungen wickelte sich auf informelle Art und Weise ab. Die Ankunft von Schiffen wurde durch Kanonenschüsse von den Festungen an der Küste angekündigt, was gleichzeitig die Verteidigungsbereitschaft demonstrieren sollte. Wenn die Bewohner und Bewohnerinnen diese Kanonenschüsse hörten, gingen sie mit Hühnern, Schweinen, Ziegen, Kühen, Früchten und Baumwolltüchern ans Meer, zum Verkauf oder zum Tausch gegen alte Kleider, Hüte, Messer, Leergut, Weizen, Olivenöl, Leinen, Seide, Taft und Kleinwaren. An den Stränden entwickelte sich dann ein lebhafter, wenig geordneter Markt, der von der Verwaltung nicht zu besteuern und zu kontrollieren war.50

In der Literatur werden die Begriffe «Pirat» und «Korsar» häufig synonym verwendet; im Falle der Region Cabo Verde und Guinea waren wahrscheinlich die meisten Überfälle den Korsaren zuzurechnen, also staatlich autorisierten Freibeutern. Dies zeigte sich vor allem im 16. und 17. Jahrhundert während der spanisch-englischen Kriege (Portugal und Spanien waren in einer königlichen Personalunion zwischen 1580 und 1640 verbunden). Im Atlantik kam es zu grossen Veränderungen: Spanien und Portugal teilten sich seit dem Vertrag von Tortesillas 1494 den Atlantik. Es galt die Doktrin des mare clausum (der Atlantik ist allein für Spanien und Portugal zugänglich, für alle anderen Staaten geschlossen), wie sie durch eine Bulle «Inter caetera» des Papstes Alexander VI. bereits 1493 bestätigt worden war.

Diese Doktrin wurde durch Frankreich und durch die protestantischen Staaten infrage gestellt. Nach 1530 waren französische Piraten und Korsaren im Atlantik aktiv. Sie hatten es vor allem auf die Malaguetaküste (Küste des heutigen Liberia) abgesehen. Die französischen Piraten stammten häufig aus der Normandie und der Bretagne. Unter König João III versuchten portugiesische Spione die Ziele der französischen Korsaren in ihren Heimathäfen herauszufinden, doch die Korsaren machten Täuschungsmanöver und griffen Schiffe vor Brasilien an und nicht vor Afrika. Die Franzosen begannen nun auch direkten Handel mit der afrikanischen Bevölkerung zu treiben, was Portugal – unter Berufung auf den Vertrag von Tordesillas – als illegal ansah. In Westafrika versuchten sich die Franzosen vor allem im Handel mit Produkten, die der portugiesische König gesperrt hatte, beziehungsweise die dem königlichen Handel vorbehalten blieben wie Eisen, Kupfer, Schwerter, Äxte, Armreifen, Perlen und Messer.


Abb. 4: Mapa dito Cantino 1502, entstanden im Zusammenhang mit dem Vertrag von Tortesillas 1494. Die portugiesischen Stützpunkte sind durch portugiesische Fahnen gekennzeichnet, so Tanger (1474–1661), Arguim (1448–1638), Gorée (1444– 1617) und ganz links die Kapverdischen Inseln (1456–1975). Mit einem Löwen ist Serra Leão (Sierra Leone) mit ihren portugiesischen Handelsplätzen gezeichnet; schliesslich folgt die wichtige Festung von Elmina (Castello damina), Ausgangspunkt für den Goldhandel mit dem Königreich der Ashanti um das heutige Kumasi in Ghana.

König João III versuchte mit diplomatischen und anderen Mitteln mit Leuten aus Frankreich ins Gespräch zu kommen. Er etablierte «Vertrauensmänner» in den Häfen der Bretagne und der Normandie, deren Hauptaufgabe es war, den Seeverkehr zu beobachten. So informierte sich der König über die Abfahrt von Schiffen, über die Anzahl der Männer auf den Schiffen, ihre Artillerie und Munition und über die Ziele dieser Expeditionen, aber auch über die geladenen Waren. Portugal wollte so die eigenen Schiffe schützen oder Kriegsschiffe bereitstellen. Viel Erfolg hatte Portugal mit diesen Spionageaufträgen indessen nicht. 1531 ging eine diplomatische Mission des Königs von Portugal nach Fontainebleau, die 1536 schliesslich den Vertrag von Lyon abschloss. Dieser Vertrag gab Frankreich die Möglichkeit, an der afrikanischen Westküste Handel zu treiben, verbot aber Angriffe auf portugiesische Schiffe und sah im Falle eines Korsarenüberfalls ein paritätisches Gerichtsverfahren in Bayonne vor. Der Vertrag hatte allerdings kaum Auswirkungen: Die Piraten- und Korsarenüberfälle vor Westafrika und vor Brasilien gingen ungebrochen weiter, wobei auch Schiffe von kapverdischen Besitzern gekapert oder versenkt wurden.51 Diese verlangten nun einen stärkeren militärischen Schutz der Häfen durch Festungsartillerie und durch Kriegsschiffe. Tatsächlich reorganisierte Portugal nun seine Kriegsflotte (bestehend aus Galeeren, Naus und Karavellen) und teilte sie fünf Gebieten zu: der portugiesischen Westküste, der Algarve, den Azoren sowie den Gebieten vor Guinea und Brasilien.

2.7.Die innere Entwicklung von Cabo Verde

Die intensive Landwirtschaft

Nach 1466 nahm die Besiedlung der Inseln kontinuierlich zu, besonders auf Santiago und Fogo. Es kam zum Anbau von Weizen und Hirse, aber auch von Früchten, Gemüse und Indigo. Eine besonders wichtige Rolle spielte bald darauf der Anbau der bereits in Afrika und Südspanien bekannten Baumwolle. Sie soll durch die Genuesen nach Santiago gebracht worden sein und wurde dort sowohl auf trockenen (sequeiro) wie auf bewässerten Böden (regadio) angebaut. Es waren zwei Ernten im Jahr möglich: im Dezember/Januar und im Mai/Juni. Vor allem im 16. Jahrhundert wurde auf Santiago der Baumwollanbau intensiviert, ja, man sprach gar von einer Monokultur. Auch auf Fogo war der Anbau von Baumwolle bedeutend. Der Anbau, die Ernte und die Verarbeitung der Baumwolle erforderten wesentlich mehr Arbeitskräfte als die extensive Viehwirtschaft, womit der Bedarf an Sklavinnen und Sklaven in der Landwirtschaft stieg.

Wie bereits festgestellt, spielte die Pferdezucht auf Cabo Verde für den Handel mit der Guineaküste eine besonders wichtige Rolle. Die Portugiesen hatten schon früher von Portugal aus einen gewinnbringenden Pferdehandel mit der Oberschicht der westafrikanischen Königreiche getrieben; die wesentlich kürzeren Seewege von Cabo Verde an die Küste sparten deutlich Kosten. Pferde waren ein gefragtes Tauschmittel gegen Sklaven und Sklavinnen. So bekam man für ein Pferd zwischen 10 und 30 Sklavinnen und Sklaven, wobei Schimmel Höchstpreise erzielten.52 Im Laufe des 16. Jahrhunderts sanken allerdings die Preise stark, gab es doch nach 1505 für ein Pferd bloss noch ein bis vier Sklavinnen oder Sklaven. Das Pferd galt in Westafrika als Luxustier für den Adel und als Statussymbol der Vornehmen, weiter war es Hilfsmittel für den Krieg.

Eine besondere Rolle in Handel und Wirtschaft spielten bald das Sammeln und die Kommerzialisierung der Urzelaflechten zu Färbzwecken, die Salzgewinnung und das Schlachten der Ziegen für den Schiffsproviant. Die Ziegenzucht blühte vor allem auf den Inseln Boa Vista und Maio, da hier die Bestände nicht bedroht waren und eine minimale Pflege der Tiere ausreichte. 1485 erhielten die Bewohnerinnen und Bewohner von Santiago das Recht, auf den Inseln Maio und Boa Vista Ziegen zu halten – gegen ein Entgelt an den König.53

Autoren des 16. Jahrhunderts wie Valentim Fernandes und Francisco Andrade beschreiben auch die Produktion von Zuckerrohr, Mais (!), Gemüse, Reis, Feigen, Melonen und Trauben. Mais gelangte offensichtlich sehr früh nach Cabo Verde: Bei der Untersuchung des Kraters im Tal von Paúl auf der Insel Santo Antão wurden Maispollen für die Zeit zwischen 1500 und 1550 datiert.54

Der Weizenanbau auf Cabo Verde gelang nicht; Weizen wurde in Körnern oder gemahlen aus Europa importiert und diente zur Produktion von Broten für die portugiesische Oberschicht. Auf den Inseln wurde hingegen zur Ernährung der Sklavinnen und Sklaven der milho zaburro, eine Hirseart, angepflanzt.55

Im 16. Jahrhundert bildete sich ein auf der Arbeit der Sklavinnen und Sklaven beruhender Grossgrundbesitz heraus.56 So verfügte beispielsweise die Fazenda von Fernão Fiel de Lugo über 200 Kühe sowie grosse Zuckerrohrplantagen. Zur Bewirtschaftung des Zuckerrohrs besass die Fazenda «industrielle» Einrichtungen, wie etwa Zuckerpressen, Destillationsgeräte und ein Wasserreservoir. Der Grossgrundbesitz in der rechtlichen Form der Morgadios war nach den gesetzlichen Vorgaben an sich nicht aufteilbar; wie es dem feudalen Erbrecht entsprach, wollte man die Zersplitterung in kleine Grundstücke vermeiden. Das Gut ging gemäss dem Ältestenrecht an den Erstgeborenen; dieser Grundsatz wurde aber offensichtlich nicht immer durchgesetzt. Gleichzeitig war auch der Verkauf des Gutes oder von Teilen davon untersagt. Das Verbot des Verkaufs machte den Bodenbesitz immobil und verhinderte dessen Zirkulation. So kam das Land der Verarmten nicht an die Vermögenden. Einige wenige reiche Familien besassen das Landmonopol und zogen sich aus dem Liegenschaftsmarkt zurück. Wenn einem Gutsbesitzer die Sklaven und Sklavinnen fehlten, war es ihm nicht möglich, ein Stück Land zu verkaufen, um zu Geld zu kommen oder seinen Betrieb zu redimensionieren. Die exportorientierte Sklavenwirtschaft auf feudalistischer Grundlage war demnach nicht in der Lage, rechtzeitig auf die Entwicklung des Marktes zu reagieren.

Die extensive Landwirtschaft

Sowohl auf den relativ trockenen Inseln Maio und Boa Vista wie auch auf den gebirgigen und deshalb feuchteren Inseln von Santo Antão, São Nicolau und Brava entwickelte sich gegen Ende des 16. und vor allem im 17. und 18. Jahrhundert eine extensive Viehwirtschaft. Valentim Fernandes umschrieb 1505 in knappen Worten die Besiedlung, die Vegetation, das Vorkommen von Nutztieren und die Topografie der Inseln.57

Diese Inseln waren alle Lehen portugiesischer Adeliger, wobei die Lehensherren meist nicht auf den Inseln wohnten. Sie waren an einer Nutzung des Landes interessiert, die mit möglichst wenig Aufwand verbunden war. Die Anfangsinvestitionen der Viehzucht waren kleiner als diejenigen im Ackerbau. Für das Hüten des Viehs brauchte es nur wenige Sklavinnen und Sklaven; einzig das Schlachten und die Verarbeitung des Fleisches und der Häute erforderten dann eine intensive, fachlich qualifizierte Arbeit, wozu Lohnarbeiterinnen und -arbeiter eingestellt wurden.

Die Viehwirtschaft von Cabo Verde exportierte Felle, Leder und Talg nach Europa. Frisches oder eingesalzenes Fleisch wurde als Schiffsproviant verkauft, wobei nach der Mitte des 17. Jahrhunderts die Konservierungstechniken verbessert wurden.

Auf den «trockenen Inseln» – wie Maio und Boa Vista – entwickelte sich die Ziegenpopulation sehr rasch. Dies zum Schaden des Pflanzen- und Graswuchses, was unter anderem die Bodenerosion förderte. Die ökologische Problematik des Überbestandes von Ziegen (overgrazing) wurde allerdings von den Zeitgenossen kaum erkannt.

Bodenbesitz auf Cabo Verde

Die königliche Urkunde von 1472 brachte einen Kurswechsel im portugiesischen Kolonialmodell: Die Menschen auf Cabo Verde sollten nun selbst Produkte für den Handel mit der Guineaküste herstellen und nicht bloss Handel treiben. Das brachte eine Aufwertung des Bodens mit sich. Aus den Sklaven und Sklavinnen, die früher lediglich eine Handelsware waren, wurden nun Produktivkräfte auf den Inseln.58

Die Urkunde setzte den Akzent auf den Agrarhandel. Das Land war aber nicht einfach frei nutzbar, sondern der König formulierte die Regeln der Besitznahme in Form der «Sesmaria». Die Sesmaria war ein königliches portugiesisches Gesetz aus dem Jahre 1375: Adelige, aber auch Bürgerinnen und Bürger, konnten vom König Land geschenkt bekommen, mussten sich jedoch verpflichten, das Land während mindestens fünf oder zehn Jahren zu nutzen. Mit dem geschenkten Boden allein war allerdings noch keine produktive Landwirtschaft zu betreiben, nun brauchte es neben den Investitionen in Werkzeuge solche in Arbeitskräfte, das heisst in Sklaven und Sklavinnen.

Die Sesmaria schaffte Allodialbesitz, also Eigengüter. Die Inseln im kapverdischen Archipel können in zwei Kategorien unterteilt werden:

•Die östlichen und nördlichen Inseln Santo Antão, São Nicolau, Sal, Boa Vista, Maio und Brava gehörten einem Herrn, die Bewohner waren von ihm abhängig (monopropiedade).

•Santiago und Fogo gehörten verschiedenen Herren (pluripropiedade) und waren wirtschaftlich weit dynamischer als die anderen Inseln. Die Herren dieser Inseln verfolgten die Tendenz, die Erträge ihres Landes nach Portugal zu transferieren und nicht im Lande zu reinvestieren.

2.8.Das Crioulo als Befehls- und Missionssprache

Zur Entstehungsgeschichte des kapverdischen Crioulo gibt es drei Theorien: Entstehung aus den europäischen Sprachen, aus afrikanischen Sprachen abgeleitet oder schliesslich die Entwicklung aus den besonderen lokalen Verhältnissen auf Cabo Verde. Heute wird die Auffassung vertreten, dass es aus einem Pidgin, einer Befehlssprache der Sklavenhalter gegenüber den Sklavinnen und Sklaven, entstanden sei. Aus dem Pidgin entwickelte sich in der Folge das Crioulo, das als eigene Sprache anzusehen ist. Zwar basiert der Wortschatz des Crioulo zu 80 Prozent auf einem älteren Portugiesisch, aber es ist für die Menschen portugiesischer Muttersprache nicht verständlich. Die Crioulo-Varietäten der verschiedenen Inseln unterscheiden sich zudem deutlich.59

Das Crioulo wurde von den Geistlichen auch im Unterricht der Sklavinnen und Sklaven in der christlichen Religion angewendet. Die Interessen der Kirche und diejenigen der Sklavenhändler standen in einem gewissen Widerspruch: Während die Kirche zugunsten des Seelenheils der Sklavinnen und Sklaven auf eine rasche Taufe drängte, wollten die Sklavenhändler einen möglichst raschen Transport von Afrika nach Amerika, da die Sterberate mit der Dauer der Reise deutlich anstieg. Ein zentrales Thema für die Kirche war die Taufe der Sklavinnen und Sklaven: Die Jesuiten empfahlen eine erste Massentaufe und später – nach einer gewissen Unterweisung – eine zweite Taufe mit dem Sakrament und dem christlichen Namen.

Der kirchliche Unterricht führte zu längeren Aufenthalten in den Verschiffungshäfen und verzögerte damit die Überfahrt nach Amerika. Die Kirche setzte schliesslich 1580 die Regelung durch, dass die Sklavinnen und Sklaven vor der Überfahrt unterwiesen und getauft werden mussten. Die Institution der Sklaverei wurde im 16. und 17. Jahrhundert von der Kirche nicht in Zweifel gezogen. Padre Barreira meinte, dass es ohne Sklaverei nicht gehe; Weisse könnten unter den klimatischen Bedingungen der Tropen nicht arbeiten. Doch solle man Sklavinnen und Sklaven freilassen, wenn sie während einigen Jahren gute Dienste geleistet hätten. Da die Sklavinnen und Sklaven auf Cabo Verde verschiedenen Ethnien Westafrikas angehörten (Wolof, Mandingua, Serer, Lebus, Peul, Jule, Malinke, Balanta, Bambara, Soninke, Tukulor usw.; keine dieser Ethnien war dominant), die sich untereinander nicht verstanden, war eine allgemein verständliche Sprache zur Kommunikation notwendig. Die einzelnen Sklavenhalter versuchten daher, Sklavinnen und Sklaven aus der gleichen Sprachgruppe aufzukaufen; Portugiesisch oder Kreol sprechende Sklavinnen und Sklaven erzielten zudem auf den Märkten höhere Preise.

Padre Alonso de Sandoval beschrieb 1600 bis 1613 die Missionierung von Sklavinnen und Sklaven auf Cabo Verde, die aus Guinea stammten und weiter nach Cartagena in Südamerika verschickt wurden. Diese Sklavinnen und Sklaven würden teilweise Portugiesisch oder Crioulo sprechen, da sie auf Cabo Verde geboren und als Kinder getauft worden waren.60

In der Regel wurden zwei Gruppen von Sklaven und Sklavinnen unterschieden: Die boçais stammten direkt aus Guinea, die ladinos waren Kinder von Sklavinnen und Sklaven aus Kap Verde. Padre Fernão Guerreiro berichtete über Massentaufen von 300 bis 700 boçais auf den Kapverden, die meisten wurden weiter nach Brasilien oder Sevilla verschickt. Schon vor der Taufe erhielten sie christliche Vornamen. Francisco de Moura, Gouverneur zwischen 1620 und 1622, wollte gewisse Regeln einführen: Die Sklavinnen und Sklaven sollten sofort getauft werden, spätestens auf Cabo Verde, und zwar vor der Verschiffung nach Amerika, da sie sonst möglicherweise auf der Überfahrt ungetauft starben. Zuweilen wurden die Taufen bereits an der Guineaküste, in Cacheu, durchgeführt. Sie dienten der Legitimation des Sklavenhandels als Weg zur Rettung der Seelen.

Man versprach sich mit dem Sprach- und Religionsunterricht offensichtlich auch eine gewisse Domestizierung der Sklavinnen und Sklaven. Mit ihrer zahlenmässigen Überlegenheit auf den Inseln wuchs die Angst der weissen Siedler und Siedlerinnen vor Revolten und Überfällen auf die Herrenhäuser. Neben dem offiziellen Sklavenhandel mit Gebühren und Taufen gab es auch einen illegalen Sklavenhandel ohne Gebühren und ohne Taufen. Noch 1699 verbot der portugiesische König die Verschiffung von ungetauften Sklavinnen und Sklaven nach Amerika – ohne dies allerdings auch wirklich durchsetzen zu können.

2.9.Die Entwicklung von Ribeira Grande de Santiago

Bereits die Entdecker Luigi Alvise Cadamosto 1456 und Diogo Gomes 1460 beschrieben die besondere topografische Situation des Ortes, an dem später die Siedlung von Ribeira Grande auf der Insel Santiago entstand. Der heutzutage ausgetrocknete Fluss müsste gemäss Cadamosto selbst mit grossen Schiffen befahrbar gewesen sein. Die Stadt des 15. Jahrhunderts konzentrierte sich auf das kleine Flussdelta und die weniger steile rechte Talseite.

1513 gab es in Ribeira Grande (Santiago) bloss 58 weisse und 17 schwarze Vizinhos (Nachbarn) neben 58 Auswärtigen aus Portugal, 17 Kleriker, vier weisse Witwen und zehn freie schwarze Frauen. Die verheirateten Frauen und die Kinder wurden in dieser Statistik nicht erfasst. Im 16. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung von Ribeira Grande stark an: 1582 waren es bereits 508 Freie und rund 5700 Sklavinnen und Sklaven; insgesamt zählte die Stadt 6208 Einwohner und Einwohnerinnen, ähnlich wie die Stadt Bern zu dieser Zeit. Ribeira Grande war eine Männerstadt. Im 18. Jahrhundert ging die Bevölkerungszahl stark zurück: 1731 zählte die Stadt nur noch 733 Einwohner und Einwohnerinnen.61

1533 wurde Ribeira Grande als cidade, also als Stadt qualifiziert, während Praia bloss als vila (Siedlung) galt. Der pelourinho (Gerichtsstätte, Pranger) war Symbol der Gemeindeautonomie, Ort der lokalen Rechtsprechung und Zentrum des Sklavenmarktes (der Stein des heute noch bestehenden Pelourinho stammt aus Portugal). Ribeira Grande verfügte nun über eine câmara municipal (Stadtverwaltung) und einen von der örtlichen Elite gewählten Gemeinderat.62

Die königliche carta de foral (Stadtrecht) regelte die Beziehungen zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern einer Siedlung und zwischen diesen und der Herrschaft (König, Adeliger oder Kleriker). Reformen betreffend Verwaltung und Regierung der Stadt gab es unter König Manuel I (1504–1520). Sie regelten dann auch die Verwaltung und Regierung der Stadt. Die Institutionen einer Cidade (mit Gemeinderäten, Richtern und Versammlungen) und einer Vila sind nicht grundsätzlich verschieden. Mit der steigenden wirtschaftlichen Bedeutung der Städte mischten sich König und Hochadel immer stärker in die Belange der Gemeinden ein.63

Die spätgotische Kirche Nossa Senhora do Rósario ist die älteste Pfarrkirche südlich der Sahara und wurde kurz vor 1500 vollendet. Inner- und ausserhalb der Kirche findet man zahlreiche Grabplatten von Fidalgos aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Noch heute ist die Pfarrkirche mit den traditionellen portugiesischen Keramikplatten (azulejos) ausgestattet. In erhöhter Lage stehen die Kirche der Nossa Senhora de Conceição der Franziskaner und die Ruinen ihres Klosters aus dem Jahre 1640.64


Abb. 5: Nossa Senhora do Rósario in Ribeira Grande de Santiago. Diese Kirche war auch Sitz einer religiösen Bruderschaft, der ausschliesslich Afrikaner angehörten. Die Kirche wurde 2020 vollständig renoviert.


Abb. 6: Ribeira Grande de Santiago im frühen 16. Jahrhundert: Rechts unten der Bischofspalast (Palácio Episcopal, 1574) und die Kathedrale (Sé Catedral), die zwischen 1558 und 1700 gebaut wurde. Über der Stadt auf der rechten Anhöhe ist das Projekt der Festung São Filipe (1587–1593) mit ihren Bastionen eingetragen, die gegen Angriffe von der Landseite ausgerichtet sind. Links: die älteste, heute noch bestehende Kirche Santa Maria do Rósario; hinten: Kirche Nossa Senhora de Conceição (erste Kapelle 1470). In der Mitte die bis auf wenige Reste verschwundene Spitalkirche Miserícorida (1556). Auf dem Largo ist der «Pelourinho» (Gerichtsstätte, Pranger) zu erkennen.

Mit der Erhebung zur Cidade 1533 wurde Ribeira Grande auch Bischofssitz und man plante früh den Bau einer Kathedrale. Nach grossen finanziellen Schwierigkeiten begann man 1558 mit dem Bau und schloss ihn kurz vor 1700 ab. Laut einem Beschluss des Königs von 1564 sollten alle Geldbussen der Bewohner von Santiago und Fogo für den Bau der Kathedrale verwendet werden. Bereits 1712 wurde die Kathedrale durch den französischen Korsaren Cassard zur Ruine gemacht und blieb es bis heute.65

Als Antwort auf die Korsarenangriffe erfolgte in den Jahren 1587 bis 1593 der Bau umfangreicher Festungen, so die Fortaleza Real São Filipe auf der Anhöhe über der Stadt. Verteidigt wurde sie von 20 Artilleriesoldaten und von etwa 250 schlecht bewaffneten Milizsoldaten. Neben der Hauptfestung sollten verschiedene kleine Festungen an der Küste die Seeseite sichern.


Abb. 7: Der Baubestand von Ribeira Grande auf seinem Höhepunkt im 17. Jahrhundert. Es sind neue Quartiere entstanden, so S. Sebastião bei der Kathedrale und S. Brás im Westen, ältere Quartiere expandierten ins Tal hinein (S. Pedro). Bei der Kirche Nossa Senhora de Conçeição entstand ein Franziskanerkloster. Am Ufer des Meeres wurden die Festungen S. Verissimo, S. Brás und S. Lourenço zur Abwehr von Angriffen feindlicher Schiffe gebaut.


Abb. 8: Die Stadt Ribeira Grande nach de Beauchesne 1699.


A. Zitadelle (Fortaleza S. Filipe) F. Haus des Gouverneurs
B. Franziskanerkloster (Cordeliers) G. Artillerie Batterie
C. Festung H. Fluss, an dem man Wasser holt
D. Bischofspalast I. Eingang zur Stadt
E. Kirche Santa Maria do Rósario K. Kapelle Santa Luzia

Zum Niedergang Ribeira Grandes haben verschiedene Faktoren beigetragen. Neben den bereits erwähnten Überfällen und Zerstörungen französischer, englischer und niederländischer Korsaren und Piraten spielten auch die merkantilistischen Handels- und Monopolgesellschaften (wie die Companhia de Grão-Pará e Maranhão) und der direkte Sklavenhandel von Westafrika nach Südamerika eine Rolle. Schliesslich haben klimatische Veränderungen zum Niedergang beigetragen, häuften sich doch die Dürreperioden und damit die Hungersnöte im 17. und vor allem im 18. und 19. Jahrhundert.

Neben diesen externen Faktoren für den Niedergang gab es auch interne: Ribeira Grande galt wegen der häufigen blutigen Fehden unter den Familien der Elite als unsicher. Der Bischof zog ins Innere der Insel, später auf die Inseln São Nicolau und Santo Antão. Die Verwaltung verlegte ihren Sitz in das leichter zu verteidigende Praia.

2.10.Die Rolle der Kirche

Mit den ersten Schiffen der Entdecker waren auch bereits Missionare unterwegs, so 1466 mit Antonio da Noli drei Franziskanermönche und später Vertreter des Christusordens. Dieser Orden war 1319 gegründet worden, um den 1312 aufgelösten Templerorden zu ersetzen. Hauptsitz des Ordens war der Convente de Cristo in Tomar in Portugal. 1495 kamen die Dominikaner nach Kap Verde. Der militärische Christusorden erhielt von König Afonso V den Auftrag zur Mission, die ein wichtiger Teil der Ideologie des portugiesischen Staates war. Zwischen 1420 und 1460 war Heinrich der Seefahrer Generaladministrator des Christusordens, der von den Bistümern exemt war. Die kirchliche Gerichtsbarkeit für die entdeckten und zu entdeckenden Gebiete lag vorerst bei Heinrich, nach 1454 beim Christusorden. Der Christusorden erhielt aus dem Guineahandel fünf Prozent des Ertrages aus aller Waren. Ab 1497 begann sich der Christusorden stärker für die Kapverden zu interessieren.66 Bau und Unterhalt der Kirchen wurden aus den Zöllen und aus den Zehnten der landwirtschaftlichen Produktion sowie aus den Vergabungen in Testamenten finanziert; Erbschaften, zu denen kein Testament vorlag, fielen an die Kirche. Es war Aufgabe der Zöllner, die Abgaben für die Kirche einzuziehen. Auch hier zeigt sich, wie eng Kirche und Staat miteinander verflochten waren: Der portugiesische König hatte bei Bischofswahlen ein Vorschlagsrecht an den Papst und die drei Militärorden (Christus, Avis und Santiago) waren dem König unterstellt. Manuel I, König von Portugal von 1495 bis 1521, war gleichzeitig Grossmeister des Christusordens. 50 Jahre nach ihrer Entdeckung waren die Kapverdischen Inseln in kirchlichen Dingen bereits gut ausgerüstet.67

1514 wurde Cabo Verde dem Bistum von Funchal auf Madeira unterstellt, ein bischöflicher Vikar wirkte auf Cabo Verde. 1533 wurde mit der Bulle «Pro excellenti praeminentia» durch Papst Clemens VII. das Bistum Cabo Verde geschaffen. Zum Bistum gehörten nominell auch die Gebiete vom Gambiafluss bis zur Côte d’Yvoire (Costa do Marfim). Die Errichtung neuer Bistümer wurde mit dem Kampf gegen die Ungläubigen begründet. Die Bischöfe von Cabo Verde weilten allerdings häufig nicht auf den Inseln, sondern lebten, trotz der vom Konzil von Trient 1547 vorgeschriebenen Residenzpflicht, weiterhin in Portugal. Cabo Verde war offensichtlich kein attraktives Bistum. Aus diesen Gründen regierte vor Ort meist das Domkapitel. Der Bischof wurde übrigens durch den König besoldet, auf Cabo Verde übernahm die fazenda régia (königliche Finanzverwaltung) mit ihren Erträgen aus Zöllen und Abgaben die Besoldung der Geistlichen sowie den Bau und Unterhalt der Kirchen.

1570 wurde in Ribeira Grande ein erstes Priesterseminar gegründet, in dem die Fächer Latein, Grammatik und Moraltheologie unterrichtet wurden. Hier sollten vor allem auf den Inseln geborene Männer ausgebildet werden. Zwischen der örtlichen weltlichen Elite und den Bischöfen kam es immer wieder zu Konflikten, unter anderem auch, weil sich der Bischof als Konkurrent am Sklavenhandel beteiligte.

Erst der dritte Bischof von Cabo Verde, der Augustinermönch Francisco da Cruz (Amtszeit 1550–1574), versuchte, die Kirche zu reorganisieren, namentlich für die Vergrösserung der Einkünfte für den Bau der Kathedrale. 1604 kamen Vertreter der «Gesellschaft Jesu» nach Cabo Verde. Ihre Berichte über die Zustände auf den Inseln sind eine wichtige Informationsquelle für die Geschichtsforschung. Allerdings bestand zwischen dem lokalen Klerus, den örtlichen Behörden und dem Jesuitenorden stets ein gespanntes Verhältnis, vor allem weil die Jesuiten das Verhalten vieler Kleriker hart kritisierten. Die Kleriker gerieten aber auch mit der Câmara wegen der Besoldung in Streit, sodass sie 1619 mit einem Streik drohten.68

Schliesslich bestanden Konflikte zwischen den Jesuiten und den Franziskanern. Die Mission der Jesuiten auf Cabo Verde endete 1642, in erster Linie aus finanziellen Gründen. Eigentlich war das Ziel der Jesuiten nicht die Mission auf Cabo Verde, sondern der Kampf gegen den auf dem afrikanischen Kontinent vordringenden Islam. Zwischen 1630 und 1640 gelangten Mitglieder des Kapuzinerordens aus Nantes und aus Andalusien nach Cabo Verde, worauf der König die Ausweisung der ausländischen Missionare verlangte, da diese bloss auf den Inseln seien, um Handelsbeziehungen zu Frankreich und Spanien aufzubauen.

In einer grossmehrheitlich aus Analphabeten bestehenden Gesellschaft war das in der lokalen Kirchgemeinde mündlich vermittelte Wort von grosser Bedeutung. Die Kirche begleitete den Menschen mit den Sakramenten bei Taufe, Heirat und Tod durch das Leben. Die Gemeinschaft der Gläubigen partizipierte am Kirchenleben, wie auch am Bau und Unterhalt der Kirchen auf Santiago. Durch fromme Spenden war der Schmuck der Kirchen möglich, der allerdings heute weitgehend verschwunden ist.

Die Pfarrer hatten nach den Beschlüssen des Konzils von Trient die christliche Doktrin zu lehren. Sie gehörten zu den wenigen Leuten auf Cabo Verde, die lesen und schreiben konnten. Viele Pfarrer stammten aus der lokalen, sklavenhaltenden Elite, entsprechend verhielten sie sich auch gegenüber den Sklavinnen und Sklaven und vertraten die Interessen der Sklavenhalter. Die Jesuiten stellten fest, dass ein grosser Teil der Sklavinnen und Sklaven noch zu unterrichten sei, hätten sie doch nur diffuse Kenntnisse der katholischen Religion, vermittelt durch die Pfarrer und die Herren.

Die Sklavenhalter nahmen die Sklavinnen und Sklaven aus Gründen des Sozialprestiges in die Kirche mit. Die Kirche trug insofern zur sozialen Kohäsion bei, als sich hier Weisse, Mestizinnen und Mestizen, Herren, Freigelassene sowie Sklavinnen und Sklaven zur Liturgie und zu den christlichen Festen trafen. Nach den Vorgaben des Tridentinums erfolgte eine Verschriftlichung der wichtigen kirchlichen Ereignisse, wie Taufen, Heiraten und Beerdigungen.

Die Mission auf Cabo Verde unterschied sich stark von anderen missionarischen Aktivitäten in Afrika. Die Bevölkerung auf Cabo Verde war sehr mobil und die Aufenthalte vieler waren nur von kurzer Dauer. Eine gewisse Stabilisierung trat erst nach 1620 ein. Die Bevölkerung entstand aus freiwilliger europäischer und erzwungener afrikanischer Immigration. Diese beiden Migrationsgruppen hatten komplett unterschiedliche materielle, kulturelle und religiöse Hintergründe, wobei die Europäer und Europäerinnen unter den neuen Bedingungen nicht völlig entwurzelt wurden. Sie hielten relativ leicht an der «Nabelschnur» zu ihren Ursprüngen fest, durch die sozialen Bindungen und durch die materiellen und geistigen Güter, wie auch durch die Präsenz der Kirche.

Den Sklaven und Sklavinnen aus den verschiedenen Regionen Westafrikas blieben bloss ihr Körper und ihre Erinnerungen. Alle Verbindungen zur Heimat wurden abgebrochen – obwohl diese in den afrikanischen Gesellschaften wichtig sind. Für sie war alles anders: die Menschen, das Land, die Ernährung, die Arbeit, die Lebensbedingungen und die Religion.

Auf Cabo Verde gab es zwei Stufen der Missionierung: vorerst die Städte, danach das Land. In der Stadt war die Religion wesentlich besser verankert als auf dem Lande. Die Gegenwart der Geistlichen wurde allgemein von Sklaven und Freigelassenen begrüsst. Die katholische Religion war zwar die Religion der Mächtigen, der Herren, der Sklavenhalter, aber man versprach sich von ihr Balsam gegen die Brutalität, Vergewaltigung und Ausbeutung durch die Herren.69 Über das moralische Verhalten des Klerus gibt es seit dem 17. Jahrhundert zahlreiche Hinweise, so in Begnadigungsschreiben für illegitime Kinder. Schon das Konzil von Trient hatte festgestellt, dass die Einhaltung des Keuschheitsgebotes in den Tropen schwierig sei.70 Bis ins 20. Jahrhundert gibt es viele Geschichten über Pfarrer, die Väter zahlreicher Kinder waren.

Die verschiedenen Bruderschaften spielten im religiösen Leben von Ribeira Grande eine wichtige Rolle, beispielsweise die «Confraria de Misericórdia». Sie war der Confraria in Lissabon nachgebildet und erhielt 1594 die gleichen Privilegien. Es ging darum, gute Werke zu tun, das heisst den Hungrigen Essen zu geben, den Obdachlosen ein Dach anzubieten, die Nackten zu kleiden, die Kranken zu besuchen, die Toten zu begraben und die Waisen zu erziehen und bei sich wohnen zu lassen. Die Bruderschaft der Misericórdia engagierte sich vor allem auch im Spital gleichen Namens in Ribeira Grande. Zu diesem Spital gehörten eine Apotheke und Pflegepersonal sowie ein Arzt. Während der Hungersnot von 1610 kaufte die Bruderschaft in Guinea Hirse ein, ein Getreide, das in normalen Zeiten nur Sklavinnen und Sklaven als Nahrungsmittel diente. Die Misericórdia war auch Empfängerin von reichen Spenden und Vergabungen. Die Wirtschaftskrise führte jedoch auch sie in finanzielle Schwierigkeiten.

1612 bestanden in Ribeira Grande sieben Bruderschaften, so zur Dreieinigkeit, zum Namen Jesu, zum Heiligen Jâcome und zur Nossa Senhora do Rosário. Ferner bestanden die Bruderschaften zum Heiligen Jacinto, zum Heiligen Kreuz und zum Fegefeuer. Die Mitglieder der Bruderschaften waren verpflichtet, an den Prozessionen und den Begräbnissen teilzunehmen. Wiederholt gab es aktenkundige Streitigkeiten um die Sitzordnung in der Kirche: Die Mitglieder höherer Stände beanspruchten, besonders nahe am Altar zu sitzen.

Die religiösen Feste wurden ausgiebig mit Umzügen, Kanonenschüssen und Essen gefeiert, an Fronleichnam wurde getanzt, der Heilige Georg ritt samt Drachen durch die Gassen.71

Der Klerus auf Cabo Verde setzte sich zwischen 1460 und 1560 fast ausschliesslich aus Portugiesen zusammen. Nach 1570 mehrten sich die Bemühungen, einheimische Männer für das Priesteramt zu gewinnen. Cabo Verde war nun als Auswanderungsland nicht mehr interessant. Die Jesuiten trauten den Afrikanern das Priesteramt ohne weiteres zu, nach 1600 erfolgte eine allmähliche Afrikanisierung der Priesterschaft. Die Jesuiten kritisierten allerdings den Bildungsstand der einheimischen Priester.

Der Klerus beteiligte sich am Sklavenhandel und hielt als Landeigentümer selber Sklavinnen und Sklaven. Die Jesuiten diskutierten über die Rechtmässigkeit der Versklavung von Menschen und kamen zum Schluss, dass die Sklaverei in den meisten Fällen unrechtmässig sei.72 Diese Feststellung wurde allerdings nicht praktisch umgesetzt: Der Orden selbst hielt Sklavinnen und Sklaven. Die römisch-katholische Kirche weist eine lange Tradition auf Kap Verde auf und übt noch heute einen grossen Einfluss auf Gesellschaft und Staat aus.

Anmerkungen

1Zum Lehen vgl. Bernecker Walther R., Herbers Klaus: Geschichte Portugals. Stuttgart 2013, 111; Albuquerque Luís de, Santos Maria Emília Madeira: História Geral de Cabo Verde, Vol. I. Lissabon, Praia 2001, 15f.

2Albuquerque Luís de, Santos Maria Emília Madeira, op. cit. 2001, 30f.; Barcellos de Senna Christiano José de: Subsídios para a história de Cabo Verde e Guiné, Vol. I. Praia 2003, 25ff.

3Vgl. dazu auch Boxer C. R.: The Portuguese Seaborn Empire 1415–1825. London 1969, 87. Boxer beschreibt die doação als Mischung zwischen feudalistischen und kapitalistischen Elementen.

4Albuquerque Luís, Santos Maria Emília Madeira: História Geral de Cabo Verde, Corpo documental I. Lissabon, Praia 1988, 17f.

5Carreira António: Cabo Verde: Formação e extinção de uma sociedade escravocrata (1460–1878). Praia 1983, 28; Silva António Leão Correia e: Histórias de um Sahel insular. Praia 1996, 15.

6Carreira, op. cit. 1983, 29ff.; Albuquerque et al., op. cit. 1988, , 19ff; Silva, op.cit 1996, 17; Cabral de Ataíde Iva Maria: A Primeira Elite colonial Atlântica. Dos «homens honrados brancos» de Santiago à «Nobreza da terra». Finais do Séc. XV–Início do Séc. XVII. Praia 2015.

7Albuquerque et al., op. cit. 1988, 25ff.

8Barcellos, op. cit. 2003, 38ff.

9Evans C., Sørensen M., Allen M., Appleby J., Casimiro T., French C., Scaife R.: Finding Alcatrazes and early Luso-African settlement on Santiago Island, Cape Verde. Antiquity, 91(358), E8, 2017, 104. doi:10.15184/aqy.,

10Young Crawford: The African Colonial State in Comparative Perspective. New Haven, London 1994, 53.

11Domingues Ângela: Administração e instituições: transplante, adaptação, funcionamento, in: Albuquerque et al., op. cit. 2001, 48.

12Albuquerque et al., op. cit. 1988, 183ff.; Domingues, op. cit. 2001, 52; über die einzelnen Lehensherren vgl. 53: Fogo; 55: Maio mit Afonso, Coelho und da Cunha; 56: Santo Antão mit Fonseca und Sousa; 57: Brava, Sal, Santa Luzia, Branco und Raso mit da Fonseca und Pereira.

13Baleno Ilídio Cabral: Povoamento e formação da sociedade, in: Albuquerque et al., op. cit. 2001, 148ff.

14Baleno, op. cit. 2001, 158ff.; Cahen Michel (Hrsg.): Bourgs et villes en Afrique Lusophone. Paris 1989, 25ff.

15Der Fidalgo entsprach dem spanischen Hidalgo und bezeichnete ursprünglich den freien Mann: Er konnte Ämter bekleiden, sein Domizil war unverletzlich, er konnte nur von Gleichrangigen vor Gericht verurteilt werden, sein Titel vererbte sich auf seine Söhne. In Portugal besetzten die Fidalgos die Richter- und Gemeinderatsämter und andere Verwaltungsstellen. Wie fast überall in Europa wurden in Portugal im 15. Jahrhundert die drei Stände Klerus, Adel und Bürgertum unterschieden. Aber die Übergänge zwischen dem Zweiten und dem Dritten Stand waren fliessend: Die Kaufleute wurden beispielsweise in den Cortes von 1472 unter den «Escudeiros» (Knappen) eingestuft; 1481 erhielten qualifizierte Männer wie Schiffsbauer und Steuermänner die Privilegien eines Cavaleiros. In den Verzeichnissen von 1571 und 1586 waren die meisten Kaufleute Fidalgos. Schliesslich erfolgte unter König Sebastião (1557–1578) eine systematische Hierarchisierung der Titel. In der 1. Ordnung standen der Fidalgo Cavaleiro, dann der Fidalgo Escudeiro und schliesslich der Moço Fidalgo; in der zweiten Ordnung waren der Cavaleiro Fidalgo, der Escudeiro Fidalgo und der Moço da Câmara zu finden. Vgl. Godinho Vitorino Magalhães: A Estrutura na antiga sociedade portuguesa. Lissabon 1971, 83ff. Hierzu auch: Osterhammel Jürgen: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen. München 2017. Osterhammel definiert: «Ein dritter Typ der Siedlungskolonisation regelt die Versorgung mit Arbeitskräften…durch Zwangsimport von Sklaven und deren Beschäftigung in einer mittel- bis grossbetrieblich organisierten Plantagenökonomie.» (S. 12) Dies trifft auf Cabo Verde bis ins 17. Jahrhundert zu, dessen erste Kolonisation vielfach mit der Karibik verglichen worden ist. Der Klassifikation von Osterhammel folgend (S. 17 f.) war Cabo Verde sowohl Stützpunktkolonie (für den Sklavenhandel mit Westafrika, später auch für die Schifffahrt nach Brasilien) wie (in beschränktem Masse) Siedlungskolonie. Cabral Iva Maria de Ataíde Vilhena: A Primeira Elite Colonial Atlântica. Dos «homens honrados brancos» de Santiago à «nobreza da terra». Finais do Séc. XV–Início do Séc. XVII. 2015, S. 59 ff. unterscheidet: Fidalgo: Freiherr; Cavalheiro: Ritter; Escudeiro: Edler (Schildhalter); Moço: Knappe. Innerhalb dieser Kategorien ist weiter zu unterscheiden: 1. Ordnung: 1. Grad: Fidalgo Cavaleiro, 2. Grad: Fidalgo Escudeiro, 3. Grad: Moço Fidalgo, 4. Grad: Fidalgo Capelão (Kirche) 2. Ordnung: 1. Grad: Cavaleiro Fidalgo, 2. Grad: Escudeiro Fidalgo; 3. Grad: Moço de Câmara.

16Brunner Samuel: Reise nach Senegambien und den Inseln des grünen Vorgebürgs im Jahre 1838. Bern 1840; Moser Daniel V.: Von Bern nach den Kapverdischen Inseln – Samuel Brunners Reise nach Senegambien und den Inseln des grünen Vorgebürgs. Berner Zeitschrift für Geschichte Nr.3/2013, 28ff.

17Cabral, op. cit. 2015, 85ff.

18Baleno, op. cit. 2001, 164ff.; Ascher Françoise: Les Rabelados du Cap-Vert. L’histoire d’une révolte. Paris 2010.

19Garcia José Manuel: Dicionário História de Portugal. Lissabon 2010, 173; Disney A. R.: A History of Portugal and the Portuguese Empire. Cambridge 2009, 52ff.

20Mark Peter, Horta José da Silva: The Forgotten Diaspora: Jewish Communities in West Africa and the Making of the Atlantic World. Cambridge 2011, 137.

21Cabral, op.cit 2015, 35f., 39ff.; Carreira, op. cit. 1983, 295; Silva António Correia e: Espaço, ecologia e economia interna, in: Albuquerque et al., op. cit. 2001, 231ff.; Santos Maria Emília Madeira: História Geral de Cabo Verde, Vol. II. Lissabon, Praia 2001, 515ff. enthält eine Liste der Vizinhos von Ribeira Grande (Autorin: Iva Cabral). Diese Liste enthält ausschliesslich Männer.

22Ramos Rui et al.: História de Portugal. Lissabon 2015, 228ff.; vgl. dazu die Ordenações Afonsinas 1404– 1446 und die Ordenações Manuelinas 1512, 1521 und 1539 (www1.ci.uc.pt/ihti/proj/manuelinas/).

23Ebd. Zu Fernão de Melo insbesondere: Cabral Iva: A Primeira Elite Colonial Atlântica. Dos homens honrados brancos de Santiago à nobreza da terra. o.O. 2015, 56ff.

24Cabral Iva Maria de Ataíde Vilhena: Ribeira Grande, Vida Urbana, in: Albuquerque et al., op. cit. 2001, 240ff.

25Ebd., 256ff.

26Barreira Baltasar: Cartório dos Jesuítas, in Brásio António: Monumenta missionária africana, Vol. IV. Lissabon 1906, 357.; vgl. auch Boxer C. R.: The Portuguese Seaborn Empire 1415–1825. London 1969, 88.

27Albuquerque et al., op. cit. 2001, 29ff.; Carreira, op. cit. 1983, 300f.

28Catchpole Brian, Akinjogbin I. A: A History of West Africa in Maps and Diagrams. London, o. J.

29Torrão Maria Manuel Ferraz: Actividade comercial de Cabo Verde, in: Albuequerque et al., op. cit. 2001, 274f.

30Carreira, op. cit. 1983, 38f.

31Boxer, op. cit. 1969, 281; Bethencourt Francisco: L’inquisition à l’époque moderne, Espagne, Italie. Portugal XVe–XIXe siècle. Paris 1995, 25 ff. Die starke Stellung des Königs von Portugal zeigt sich auch in der Organisation der Inquisition. Zur Verfolgung der Juden in Portugal und Spanien vgl. auch: Geiss Imanuel: Geschichte des Rassismus. Frankfurt a. M. 1988, 119ff.

32Silva, op. cit. 1996, 55ff.

33Torrão, op. cit. 2001, 273f., 332ff.; Varela Odair Bartolomeu: Cabo Verde: A Máquina Burocrática Estatal da Modernidade, in: Sarmento Montalvão Cristina, Costa Suzano (Hrsg.) Entre Africa e a Europa: Nação, Estado e Democracia em Cabo Verde. Coimbra 2013, 173–208.

34Carreira, op. cit. 1983, 79ff.

35Albuquerque et al., op. cit. 1988, 25ff.; Carreira, op.cit. 1983, 37f.

36Torrão, op. cit. 2001, 246ff.

37Silva, op. cit. 1996, 149ff.

38Torrão, op. cit. 2001, 336f.

39Carreira, op. cit. 1983, 32f.; Silva, op. cit. 1996, 27f. Zum Elfenbein vgl. auch: Williamson Paul, Medieval Ivory Carvings: Early Christian to Romanesque. Victoria and Albert Museum. London 2010.

40Sounders A. C. de C. M.: A Social History of black Slaves and Freedmen 1441–1555. Cambridge N.Y. 2010, 37. Für eine Liste der Verträge zwischen dem König und den portugiesischen Sklavenhändlern vgl. auch: Pinto Françoise Latour da Veiga, Carreira António: La participation du Portugal à la traite négrière, in: Histoire Générale de l’Afrique. Études et documents 2. La traite négrière du XVe au XIXe siècle. Documents de travail et compte rendu de la Réunion d’experts organisée par l’Unesco à Port-au-Prince, Haiti, 31 janvier–4 février 1978. Paris 1985, 136f.

41Silva, op. cit. 1996, 48f.

42Duncan T. Bentley: Atlantic Islands. Madeira, the Acores and the Cape Verdes in Seventeenth-Century Commerce and Navigation. Chicago, London 1972, 204ff.

43Torrão Maria Manuel Ferraz: Rotas comerciais, agentes económicos, meios de pagamento, in: Santos Maria Emilia Madeira (Hrsg.): História Geral de Cabo Verde, Vol. II. Lissabon, Praia 2001, 98.

44Silva, op. cit. 2001, 255ff.

45Ebd., 288; Silva, op. cit. 1996, 21.

46Torrão, op. cit. in: Santos 2001, 99ff.

47Silva António Correia e: A sociedade agrária, in: Albuquerque et al., op. cit. 2001, 294ff.; Albuquerque et al., op. cit. 1988, Doc. 6, 8 de Fevereiro de 1472, 25ff.

48Neves Aguas: Roteiro da primeira viagem de Vasco da Gama. Mem Martins 1987, 20; Varela Consuelo: Colón Cristóbal: Textos y documentos completos. Relaciones de viajes, cartas y memoriales. Madrid 1969, 222f.; Pigafetta Antonio: Relazione del primo Viaggio intorno al mondo. Milano 1929, 80.

49Torrão, op. cit. in: Albuquerque et al. 2001, 261f.; zu Duarte Pacheco Pereira vgl. Garcia José Manuel: Dicionário essencial de história de Portugal, Lissabon 2010, 234f.; zu Valentim Fernandes: 124; zu Francisco de Andrade: 36.

50Baleno Ilídio Cabral: Reconversão do comércio, in: Santos et.al., História Geral de Cabo Verde III. Lissabon, Praia 2002,178f.

51Torrão, op. cit. in: Albuquerque et al. 2001, 320ff.

52Carreira, op. cit. 1983, 93; über den Pferdehandel allgemein ebd., 43ff., 85ff.

53Domingues, op. cit. 2001, 51.

54Vgl. Castilla-Beltrán Alvaro et al.: Late Holocene Environmental Change and the Anthropization of the Highlands of Santo Antão Island, Cabo Verde. Paleogeography, Paleoclimatology, Paleoecology 524 (2019), 101–117. Auch: Silva, op. cit. 2001, 189.

55Torrão, op. cit. in: Albuquerque et al. 2001, 288; Da Mota A. Teixeira, Carreira António: Milho Zaburro and Milho Maçaroca in Guinea and in the Islands of Cabo Verde, Journal of the International African Institute, Vol. 36, No.1 (Jan. 1966), 73–84.

56Silva, op.cit. 1996, 72. Zuvor hatten die Portugiesen bereits Zuckerrohr in der Algarve, auf Madeira und auf den Azoren angebaut, vgl. dazu Pinto et al., op. cit. 1985, 131. Der Anbau von Zuckerrohr stand stets in enger Verbindung mit Sklavenarbeit; das war zuvor bereits auf den Azoren, Madeira und den Kanarischen Inseln der Fall gewesen.

57Costa José Pereira da: Códice Valentim Fernandes, Lissabon 1997, 154ff.

58Silva, op. cit. 2001, 198ff.; Albuquerque Luís et al., op. cit. 1988, Doc. 6, 8 de Fevereiro de 1472, 25ff.

59Vgl. z. B. Cardoso Eduardo Augusto: O Crioulo da Ilha de S. Nicolau de Cabo Verde. Lissabon, Praia 1989; Silva da T. V.: Ña gida Mendi. Simenti di onti na com di manan. Rakója, organizason y prizentason. Praia 1987; Scotti-Rosin Michael: Kreolische Sprache und Kulturen in der Lusophonie. kapverde-journal.de, 12.02.2005.

60Carreira, op. cit. 1983, 276ff.

61Albuquerque Luís de: O descobrimento das Ilhas de Cabo Verde, in: Albuquerque et al., op. cit. 2001; Cabral, op. cit. 2001, 39ff.; Silva, op. cit. 1996, 40.

62Cohen Zelinda: Administração das Ilhas de Cabo Verde seu Distrito no segundo Século de colonização (1560–1640), in: Santos, op. cit. 2001. Vgl. auch Domingues José: As Ordenações Afonsinas – Três Séculos de Direito Medieval (1211–1512). Porto 2008.

63Marques A. H. de Oliveira: Portugal na Crise dos Séculos XIV e XV. Nova História de Portugal. Vol. IV. Lissabon 1987, 181ff.

64Pires Fernando: Da Cidade da Ribeira Grande à Cidade Velha em Cabo Verde. Praia 2007, 108; Pires Fernando, Cohen Zelinda: www.monumentos.gov.pt/site/app_pagesuser/sipa.aspx?id=7336 (14.06.2020).

65Pereira Daniel A.: A Importância histórica da Cidade Velha. Praia 2004; Pires Fernando, op. cit. 2007. Der Ort nennt sich heute wieder Ribeira Grande de Santiago und nicht mehr Cidade Velha.

66Urkunde vom 3.3.1493 mit Schenkungen auf Santiago und Fogo, vgl. Albuquerque et al., op. cit. 1988, 81f.

67Santos Maria Emília Madeira, Soares Maria João: Igreja, Missionação e sociedade, in: Santos et al., op. cit. 2001, 370 f.

68Santos et al., op. cit. 2001, 406 ff.

69Zur Religion der Sklavinnen und Sklaven vgl. Thornton John: Africa and Africans in the Making of the Atlantic World, 1400–1800. Cambridge 1999, 235–242

70Silva, op. cit. 2014, 93.

71Brasio António: Monumenta Missionaria Africana, Vol. IV. Lissabon 1964, 528–531, Oktober 1613.

72Ebd., 190–99, 1606. Dazu auch: Pinto et al., op. cit., 1985, 149. Während die Jesuiten erfolgreich gegen die Versklavung der Indianer agierten, war dies bei der Versklavung der Afrikanerinnen und Afrikaner nicht der Fall.

3.Die Zeit der Krisen im 17. und 18. Jahrhundert

3.1.Konflikte zwischen den europäischen Mächten und Cabo Verde


Abb. 9: Ribeira Grande de Santiago. Die alte Hauptstadt von Cabo Verde ist in ihrem baulichen Bestand bereits stark reduziert. Die 1712 zerstörte Kathedrale ist gut erkennbar und der heute ausgetrocknete Fluss deutlich zu sehen (nach Carlos Andreis, 1778).

Für das Verständnis der Entwicklungen auf Cabo Verde am Ende des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist die königliche Personalunion von Spanien und Portugal von 1580 bis 1640 ein wichtiger aussenpolitischer und militärischer Faktor: Die spanischen Könige Philipp II. (1580–1598), Philipp III. (1598–1621) und Philipp IV. (1621–1665) waren jeweils auch Könige von Portugal (als Philipp I., Philipp II. und Philipp III. von 1580 bis 1640). Diese Personalunion war durch Ehen zwischen dem portugiesischen Königsgeschlecht der Avis und den spanischen Habsburgern vorbereitet worden. Sebastião I, der letzte portugiesische König aus dem Hause Avis, kam in der Schlacht von Alcácer Quibir in Marokko 1578 ums Leben und hatte keinen Sohn.1 Die Personalunion zwischen dem König von Spanien und dem König von Portugal war nicht unumstritten: In Portugal erhob António, Prior von Crato, Anspruch auf den portugiesischen Thron und wurde dabei von Frankreich und England unterstützt.

Mit der Personalunion der Kronen von Spanien und Portugal wurden die Kapverdischen Inseln in die Konflikte der europäischen Grossmächte hineingezogen, da sich diese militärisch auch in Übersee abspielten: Der Korsar Manuel Serrada stellte sich mit seinen Männern auf die Seite des Priors von Crato, eroberte die portugiesische Festung Arguim und landete mit 180 Mann (darunter viele Franzosen) bei Praia. Er marschierte auf Ribeira Grande und plünderte die Stadt tagelang. Später zog Serrada mit seiner Truppe nach Fogo. Im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen England und Spanien (mit der Seeschlacht der Grossen Armada von 1588) stehen auch die Korsarenüberfälle eines Francis Drake von 1582 und 1585 auf Ribeira Grande.

Auch die Niederlande standen zwischen 1568 und 1648 im Krieg mit Spanien. Sie griffen die spanische Kolonie der Philippinen an und eroberten 1638 das portugiesische Ceylon (heute Sri Lanka), 1602 Südafrika und 1630 Nordbrasilien. 1598 landeten die Niederländer in Praia und plünderten den Ort zehn Tage lang.2 An der Goldküste eroberten sie ebenfalls verschiedene portugiesische Festungen, so Elmina 1637 (und damit den Zugang zum Goldhandel der Ashanti), 1638 das Fort São Sebastião in Shama und 1642 das Fort Santo António in Axim.3 Während des Spanischen Erbfolgekrieges (1702–1713) schlug sich Portugal auf die Seite der Grossen Allianz von Habsburg, der Niederlande und England gegen Frankreich.4

Während der Personalunion von Portugal und Spanien geschahen auf Cabo Verde keine radikalen Veränderungen. Immerhin bemühte sich Philipp I. um eine bessere Verteidigung der Inseln durch den Ausbau der Kriegsflotte und durch Festungsbau, so mit dem Fort von São Filipe in Ribeira Grande. Die Bewohner und Bewohnerinnen von Cabo Verde waren der Verbindung mit Spanien nicht abgeneigt, versprachen sie sich doch Vorteile im Sklavenhandel mit Südamerika. Der Aufstand Serradas verursachte in Ribeira Grande grosse Schäden, namentlich an den Bauten der religiösen Bruderschaften und der Misericórdia.5

Die Personalunion zwischen dem portugiesischen und dem spanischen Königsthron wurde 1640 durch einen Aufstand der Portugiesen aufgelöst, die darauffolgende Phase wird in der portugiesischen Geschichtsschreibung mit dem Begriff «Restauração» bezeichnet. In einer längeren militärischen Auseinandersetzung wurde schliesslich das Haus Bragança 1641 auf den Königsthron gesetzt und regierte bis zur republikanischen Revolution von 1910.6

3.2.Die Piraten- und Korsarenüberfälle und ihre Folgen

Nach den französischen und niederländischen Piraten führten zwischen 1562 und 1568 vor allem die Engländer unter John Hawkins und dessen Cousin James Lovell Angriffe auf die Kapverdischen Inseln aus; die beiden Kapitäne erbeuteten dreissig Schiffe. Viele Überfälle sind quellenmässig nicht dokumentiert, im Gegensatz zu den zwei schweren Angriffen auf Ribeira Grande von Francis Drake: 1582 griff der englische Korsar mit 600 Soldaten die Stadt an. 1585 zählte seine Flotte 25 Schiffe und 2300 Mann; mit 1000 Mann landete er in Praia oder San Martinho (zwischen Praia und Ribeira Grande) und marschierte auf das verlassene Ribeira Grande, das er rücksichtslos plünderte.7


Abb. 10: Angriff von Francis Drake auf Ribeira Grande de Santiago 1585 (von Giovanni Battista Boazio 1589).

Auch die Niederländer griffen Santiago wiederholt an. Im Achtzigjährigen Krieg der Niederlande gegen Spanien (1568–1648) waren Portugal und seine Kolonien das Hauptziel der niederländischen Angriffe, nicht Spanien. Es ging in erster Linie um Handelsgut: Nelken und Muskatnuss von den Molukken, Zimt aus Ceylon, Pfeffer aus Malabar, Silber aus Mexiko, Peru und Japan, Gold aus Guinea, Zucker aus Brasilien und Sklavinnen und Sklaven aus Westafrika.8

1699 – kurz vor dem Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges – besuchte eine französische Flotte Cabo Verde und hinterliess zahlreiche Aufzeichnungen, namentlich über die Festungsanlagen sowie die Artillerie- und Mannschaftsbestände. Aus den Quellen geht nicht hervor, ob es sich hier um einen Spionageauftrag gehandelt hat.9

Am 4. Mai 1712 landeten 800 französische Soldaten unter dem Kommando von Jacques Cassard mit zwölf Schiffen in Praia und stiessen auf keinerlei Widerstand vonseiten der portugiesischen Miliz. Von Praia aus zogen die Franzosen auf dem Landweg nach Ribeira Grande; die etwa 200 Milizsoldaten, die Bewohner und der Gouverneur hatten sich vorher ins Innere der Insel abgesetzt. Der Gouverneur führte Kapitulationsverhandlungen mit den Franzosen: Die Gefangenen sollten freigelassen werden, Frauen geschont und die Kirchen nicht geplündert werden. Die Franzosen hielten sich nicht an diese Abmachungen, plünderten die Stadt mit der Kathedrale, nahmen Frauen und Kinder als Geiseln. Der Bischof hatte sich ebenfalls ins Innere der Insel zurückgezogen und organisierte in Santa Catarina den militärischen Widerstand mit einer Kompanie Infanterie und einer Kompanie Kavallerie. Als diese Truppen in Ribeira Grande ankamen, waren die Franzosen bereits wieder weg. Kleinere und grössere Korsarenüberfälle fanden weiterhin während des gesamten 18. Jahrhunderts statt und hörten erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf.10

Die Flucht in die Berge

Eine wichtige Folge der Korsarenüberfälle war der Wegzug der Bevölkerung aus den Städten an der Küste ins Innere der Inseln. Wenn sich Piraten näherten, flohen Sklavinnen und Sklaven in die Berge und viele kehrten nicht mehr zurück. Neben den Sklavenhaltern waren auch die freien Schwarzen über die Flucht der Sklaven in die Berge beunruhigt. In schwer zugänglichen Gebieten bauten sich die ehemaligen Sklavinnen und Sklaven einfache mit Stroh bedeckte Steinhütten. Die Geflohenen stellten aber auch einen Unsicherheitsfaktor dar, unternahmen sie doch Überfälle auf Herrengüter. Der brasilianische Autor João da Silva Feijó kritisierte diese Zustände 1797, ebenso Gouverneur Pusich 1810.11

1710 wurde die Zahl der entflohenen Sklaven auf 600 geschätzt. Sie schlossen sich in der Serra Malagueta oft mit Freigelassenen zu Banden zusammen – ein Phänomen, das auch aus anderen Sklavengesellschaften bekannt ist. In Brasilien bildeten die entflohenen Sklavinnen und Sklaven die Dörfer der Quilombos, in den französischen Antillen waren es die Marrons, in den spanischen Kolonien die Palenques. Für die Herren und ihre Ehefrauen galt die Flucht als ein Bruch der «natürlichen Ordnung»: Nach ihnen profitierte die ganze Gesellschaft von der Arbeit der Sklaven, die Flucht wurde als Attentat auf die gute Ordnung verstanden.

In den Bergen vereinigten sich die Geflüchteten, um überleben zu können, und es entstanden neue Solidaritäten und gesellschaftliche Formen. Die Frage des Überlebens in einer eher kargen Landschaft wurde virulenter und damit war auch Gewalt gegen die Einwohnerinnen und Einwohner und den Besitz der Kirche verbunden. In diesem Rahmen störten die Geflüchteten den Frieden und begannen, die landwirtschaftlichen Güter anzugreifen. Dies verschärfte sich in Dürrejahren zusätzlich. So wurden die Geflüchteten ein zunehmend zentrales Problem für grosse und kleine Grundbesitzer. Verschiedene Gegenmassnahmen erzielten keine Wirkung.

Die Verfolgung und Gefangennahme der Geflüchteten war ein gemeinsames Unternehmen der Grundbesitzer und der königlichen Beamten – Gruppen, die auch die Milizen kontrollierten. Dabei ging es auch darum, die Flucht für weitere Sklaven und Sklavinnen unattraktiv zu machen. Für die Sklavenbesitzer bedeutete eine flüchtige Sklavin auf jeden Fall einen Geldaufwand, sei es für den Ankauf einer neuen Sklavin oder für das Einfangen der Flüchtigen. Diese Fluchten gefährdeten mithin das ganze System der Sklavenwirtschaft. Die Bodenbesitzerinnen und -besitzer verfügten nicht über einen genügenden Repressionsapparat; die Miliz war zur Verfolgung der Sklavinnen und Sklaven wenig geeignet, setzte sie sich doch vor allem aus ehemaligen Sklaven zusammen, die nicht sehr motiviert waren, gegen die Flüchtigen vorzugehen.

Präventionsmassnahmen gegen die Korsaren

Die portugiesische Regierung versuchte mit drei Massnahmen gegen die Korsarenüberfälle zu wirken: mit einer Einschränkung des Informationsflusses über die Schifffahrt, mit der Aufrüstung und Reorganisation der Kriegsmarine und mit dem Bau von Festungen an den wichtigsten Häfen. Das Stoppen des Informationsflusses erwies sich als schwierig, waren doch viele Portugiesen in spanischen, englischen oder französischen Diensten als Fachleute der Navigation tätig. Portugal unterhielt in Frankreich und England Netze mit Spionen, die in den Häfen die von den Korsaren geplanten Fahrten in Erfahrung bringen sollten. So weilte Francisco Mesquita 1565 als Beauftragter der portugiesischen Krone in London mit dem Auftrag «… mit besonderer Aufmerksamkeit zu wissen über die Schiffe, die ausgerüstet werden, die Namen und die Eigenschaften der Personen, die Reisen, die sie zu unternehmen gedenken, die Wege, die sie einschlagen wollen und welche Häfen sie anlaufen, Munition und Artillerie, die sie laden, die Zeit der Abreise …» Nach 1600 war Portugal über englische und niederländische Angriffspläne in Übersee recht gut informiert, was das Treffen von Vorkehrungen erleichterte.12

Die portugiesische Krone versuchte es auch mit diplomatischen Offensiven in London und Paris, so vergeblich um die Anerkennung des Vertrages von Tordesillas. Mit Frankreich schloss Portugal 1536 den Vertrag von Lyon zur Einschränkung des Piratentums – ohne grossen Erfolg. Auch mit England wollte man einen ähnlichen Vertrag abschliessen, doch die englische Regierung erkannte den Vertrag von Tordesillas nicht an.

Die militärische Aufrüstung umfasste die Kriegsmarine zur See und den Festungsbau auf dem Lande. Die Angriffe auf Städte in Übersee erfolgten häufig auf dem Landweg und nicht direkt von der See her, so auch bei den Überfällen von Francis Drake und Jacques Cassard auf Ribeira Grande. Die Flotte hatte den Patrouillendienst an der Küste auszuüben, Handelsschiffe zu begleiten, Piraten und Korsaren anzugreifen.

Die portugiesische Flotte war in acht Gruppen aufgeteilt, die verschiedene Küstenabschnitte zu beschützen hatten, so die Algarve, die westliche Atlantikküste Portugals, die Azoren, Madeira, Brasilien, Elmina, Nordafrika (Ceuta, Tanger) und Kongo – eine sehr weite Aufsplitterung mit häufig nur kleinen Schiffs- und Mannschaftsbeständen. Die Azoren und Elmina galten als besonders schützenswert. Aus ökonomischen Gründen waren der portugiesischen Krone diese Gebiete wichtiger als Cabo Verde.13

Auf Cabo Verde beschränkte sich die Krone auf vorwiegend defensive Massnahmen wie den Ausbau der Festungen. Vorerst ging es um den besseren Schutz des Hauptortes Ribeira Grande auf der Insel Santiago. Kleinere Küstenfestungen an der Bucht bestanden bereits seit Beginn des 16. Jahrhunderts, doch das grosse Festungswerk von São Filipe im Osten der Siedlung wurde erst nach den Überfällen von Francis Drake zwischen 1588 und 1590 erbaut, wobei man offensichtlich Angriffe von der Landseite her erwartete, wie es ja bei Drake der Fall gewesen war.14


Abb. 11: Die Festung Saõ Filipe in Ribeira Grande de Santiago, erbaut 1587–1593. Die Landseite ist oben, die Meerseite unten.


A. Halb-Bollwerk nach Norden G. Zisterne
B. Bollwerk S. Gonçalo (Osten) H. Wohnung des Gouverneurs
C. Halb-Bollwerk nach Süden I. Unterkunft der Garnison
E. Haupteingang L. Pulvermagazin, Munition
F. Kapelle S. Gonçalo M. Steinmauer auf der Seite der Felsen
N. Lagerraum des Halb-Bollwerks Süden

Der Militärapparat

Das Militär blieb vorerst noch nach mittelalterlichen Prinzipien organisiert: Die Adeligen hatten die Kontingente zu stellen, der Staat mischte sich nicht ein. Für die Adeligen war es billiger, einheimische Milizen einzustellen als Söldner zu bezahlen. Die Truppe der adeligen Gefolgsleute war schlecht ausgebildet, der Militärdienst war vorerst nicht obligatorisch. Erst nach 1570 bestand ein Obligatorium für alle Bürger zwischen 20 und 60 Jahren im Falle eines Angriffs jederzeit mit Waffen bereit zu sein. Periodisch wurden auch militärische Übungen durchgeführt, die militärische Hierarchie entsprach der sozialen. Die Waffen und Pferde waren auf eigene Kosten anzuschaffen, wobei der grösste Teil der Truppen nun aus Sklaven bestand, die von ihren Herren ausgerüstet wurden.

Zwischen 1586 und 1606 leitete João Rebelo, ein Italiener, die Artillerieschule auf der Insel Santiago. Die Artillerie war für die Abwehr der Piraten und Korsaren von Bedeutung. Daneben bestand ein Alarmsystem mit Signalfeuern von Insel zu Insel, so etwa zwischen Santiago und Maio.15

3.3.Zur Bevölkerungsentwicklung auf Cabo Verde

António Leão Correia e Silva unterscheidet drei Phasen der Bevölkerungsentwicklung auf Cabo Verde.16 Ein erster Zyklus der Besiedlung begann mit der Entdeckung der Inseln um 1460 und betraf die südlichen Inseln von Santiago und Fogo. Der Motor dieser Besiedlung war der Sklavenhandel und ab 1500 eine exportorientierte Landwirtschaft, die wiederum auf der Sklavenarbeit beruhte. Es sind zwei Gruppen von Einwanderern zu unterscheiden: die freiwilligen Einwanderer aus Portugal (unter ihnen viele Fidalgos) und die unfreiwilligen Sklaven und Sklavinnen aus dem kontinentalen Afrika. Mit den ersten Hungersnöten von 1580 und 1590 bis 1594 erlebten die Inseln empfindliche Einschnitte in der Entwicklung: Die europäische Einwanderung und der Sklavenhandel über Cabo Verde verloren an Bedeutung, Sklavenhändler und Grossgrundbesitzer kehrten nach Portugal zurück. Während der Krise wanderten Leute nach dem weniger stark betroffenen Guinea aus. Quellenmässig ist über diese ersten Hungerkrisen nur wenig zu erfahren.17

Ein zweiter Zyklus der Besiedlung setzte um 1650 ein und dauerte bis etwa 1780. Nun wurden die gebirgigen Inseln des Nordens (Barlavento) wie São Nicolau und Santo Antão sowie Brava im Westen stärker besiedelt. 1727 nannte Ouvidor (Richter) Sebastião Bravo Botelho 4000 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 500 Sklavinnen und Sklaven für Santo Antão. Für die Vila von Ribeira Grande (Santo Antão) zählte er 360 Feuerstätten und verwies auf die Existenz einer Câmara. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts gab es auf allen Inseln die Institutionen der Câmaras und der Milizen.18 Unter der Bevölkerung seien wenige Weisse zu finden, dafür zahlreiche Mulatten und Mulattinnen.

Die Inseln des Barlavento gehörten ursprünglich den Donatarios – den Feudalherren, die in Portugal blieben –, später der Fazenda Real (königliche Finanzverwaltung). Auf diesen Inseln gab es daher keine Herrenhäuser wie auf Santiago und Fogo. 1732 gab es auf Santo Antão 650 Feuerstätten, auf São Nicolau wurden 3564 zinspflichtige Bauern im Jahr 1753 gezählt. Die Anteile der Sklaven und Sklavinnen an der Wohnbevölkerung lagen 1731 auf diesen Inseln recht tief: Auf Brava waren es bloss 5,63 Prozent, auf São Nicolau 10,8 Prozent und auf Santo Antão 25 Prozent. Die Situation der Sklavinnen und Sklaven auf Santo Antão entsprach praktisch derjenigen der Freigelassenen auf Santiago. Mit der Auflösung der Lehen 1777 erhielten die meisten Sklaven und Sklavinnen dieser Inseln den Status von Freigelassenen. Die grosse Hungersnot zwischen 1773 und 1775 trug auf der Insel Santo Antão zu einer Bevölkerungsreduktion von 5700 auf 4200 Menschen bei.

Ein dritter Zyklus der Besiedlung lässt sich für die Zeit nach 1780 bestimmen. Die Dürren- und Hungerkatastrophen wurden im 18. und 19. Jahrhundert immer zahlreicher und führten teilweise zu einem Rückgang der Bevölkerung sowie zur erhöhten Emigration nach Afrika, Europa und Amerika. Gleichzeitig vollzog sich auch ein Strukturwandel in der Landwirtschaft der nördlichen Inseln, ging doch die extensive Viehzucht zugunsten einer intensiven Landwirtschaft, insbesondere mit Zuckerrohr, deutlich zurück.19

3.4.Die Sklavenwirtschaft

Die wirtschaftliche Blüte der Kapverdischen Inseln im 16. und anfangs des 17. Jahrhunderts beruhte weitgehend auf dem Handel mit Sklavinnen und Sklaven und auf deren Arbeit in der Landwirtschaft. In mittleren Betrieben arbeiteten etwa 27 Sklaven oder Sklavinnen, zuweilen auch mehr – wie etwa bei Diogo da Fonseca auf Fogo 1597, der 42 Sklavinnen und Sklaven beschäftigte. Wie aus den Testamenten hervorgeht, gab es auch grosse Betriebe mit über 100 Sklavinnen und Sklaven. Ohne sie funktionierte in der Landwirtschaft nichts, wie folgendes Beispiel zeigt: Baltasar Leitão besass eine Fazenda in Santa Cruz (Santiago); die Sklavinnen und Sklaven liefen ihm davon, weshalb er sein Gut um die Hälfte des Kaufpreises wieder verkaufen musste.

Die Wirtschaftsweise auf den Fazendas in Cabo Verde war den afrikanischen Sklaven und Sklavinnen völlig fremd: Zuerst mussten sie die portugiesische Sprache (bzw. das Crioulo) lernen und als Sklavinnen und Sklaven hatten sie sich absolut unterzuordnen und neue Arbeitstechniken zu lernen. Dazu kam noch eine erste Einführung in den katholischen Glauben durch die Kirche der Herren und ihrer Helfer und Helferinnen, wie ältere Sklavinnen und Kreolen. Diese meist informellen Akkulturationsprozesse wurden bisher in der Geschichtsschreibung mangels Schriftzeugnissen wenig beachtet. Die Fazenda ersetzte nun das afrikanische Dorf mit seinen Arbeiten, dem Wohnen und Zusammenleben, Festen, Geburt und Tod.

Kirchenmänner waren zuweilen überrascht, wie schnell sich die Akkulturation vollzog, wie schnell die «animistischen» oder muslimischen Sklavinnen und Sklaven zu Christinnen und Christen wurden, zumindest oberflächlich. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts kamen immer weniger neue Sklaven und Sklavinnen dazu und wurden deshalb leicht integriert. Das einheimische Brauchtum aus dem kontinentalen Afrika verschwand bis auf einige Reste. Überhaupt gab es «den Afrikaner» oder «die Afrikanerin» im Denken der Sklavinnen und Sklaven nicht, aber es gab Mandingas, Wolof, Banhus, Buramos, Bjîjagos, Bramos, Serer und weitere, mit ihren Sprachen und ihren Traditionen. Die Sklaven und Sklavinnen bildeten keinen einheitlichen Bevölkerungsblock, was die Herrschaft im Sinne des «divide et impera» über sie erleichterte und die Kreolisierung förderte.

Als Beispiel der ethnischen Zusammensetzung von Sklavengruppen sei die Fazenda von Diogo Calado, Singmeister (chantre) an der Kathedrale in Ribeira Grande genannt: Er besass 36 Sklaven aus westafrikanischen Ethnien, elf waren neu auf die Insel gekommen und nach ihren Vornamen zu schliessen, waren vier davon Beafares und jeweils ein Sklave Mandingo, Balanta, Falupo, Sape, Bijago, Brame und Banhú.

Die christliche Taufe war der Eintrittsritus von Sklavinnen und Sklaven in die neue Gesellschaft. Nach dem Erlass von König Manuel I musste die Taufe innerhalb von sechs Monaten obligatorisch durchgeführt werden, unter Androhung des Verlustes des Sklaven. Sie bedeutete aber auch den Bruch mit der Vergangenheit; mit dem christlichen Namen wurde die Sklavin nun registriert und benannt.

Die Taufe war eine Strategie der Sklavengesellschaft und diente der Unterwerfung in die neue Gesellschaftsordnung. Die meistverwendeten Namen für Sklavinnen waren Catarina, Maria, Brázia, Joana, Andreza, Izabel, Estàzia, Ursella. Für die Sklaven waren es João, Simão, Bastião, Braz, Ventura, Joane, Cristóvão. Die Sklavinnen und Sklaven besassen keine eigenen Familiennamen, nur Vornamen. In Testamenten der Sklavenhalter wurde festgelegt, dass sie den Namen des Erblassers weiterführen mussten.

Zur Bewirtschaftung waren für das bewässerte Land wesentlich mehr Sklavinnen und Sklaven nötig als für das trockene Land. Eine Untersuchung aus dem Jahre 1780 teilte die Nutzflächen der Inseln wie folgt ein.20

Tab. 1: Nutzflächen der Inseln in Légua (1 Légua = 6174,43 m) und anteilsmässig.


Tabelle 1 veranschaulicht im Total die unterschiedlichen Grössen der Inseln (die kaum besiedelte Insel Sal fehlt). Das bewässerte Land (regadio) ist besonders wertvoll; wir finden die höchsten Anteile auf den Inseln Santiago und Brava. Die Anteile des lediglich in der Regenzeit genutzten Landes (sementeira oder sequeiro) sind auf vielen Inseln ähnlich, mit Ausnahme der trockenen Inseln Boa Vista und Maio, auf denen auch die nichtbewirtschafteten Flächen fast die ganze Insel bedecken.

Die Welt der Sklavenarbeit

Der Sklave war ein Bauer oder Handwerker, der seine Arbeit nicht selbst bestimmte. Der Herr bestimmte den Kalender und Rhythmus der Arbeit, die Optionen der Produktion und der Werkzeuge. Die Sklavin war nicht Akteurin, sondern wurde in den schriftlichen Dokumenten als peça – «Stück» – bezeichnet. In der Tat: Sklavinnen und Sklaven waren Werkzeuge, das Eigentum eines anderen Menschen.

Die Arbeitsprozesse in der Sklaverei waren stark hierarchisiert und einer rigiden Kontrolle sowie einem gesellschaftlichen und technischen Tempo unterworfen. Die weissen Aufseher (feitores) waren für die Besitzerinnen und Besitzer der Fazendas unentbehrlich. Der Jesuit Baltasar Barreira (1538–1612) beschrieb die Fazenda von Constantino de Meneses am Ribeira de San Martinho auf der Insel Santiago mit ihren vielfältigen Kulturen: Hier wurden Zuckerrohr, Hirse, Bohnen, Weiden, Bäume und andere Pflanzen aus Europa gepflanzt. Der Besitzer wollte indessen sein Gut verkaufen, da es ihm an guten feitores fehlte und die Fazenda praktisch in den Händen der Sklaven und Sklavinnen lag.

Zwang und Gewalt gegenüber den Sklavinnen und Sklaven waren an der Tagesordnung. Nachlässigkeit, Bremsen oder gar Sabotage gehörten zum Repertoire des Widerstandes der Sklavinnen und Sklaven.

Sebastião Gomes stellte fest, dass die Sklavenhaltung dazu führe, dass die Afrikaner und Afrikanerinnen in den Weissen ihre Feinde sähen. Neben den Drohungen und Strafen der Sklavenhaltenden würden jedoch auch Möglichkeiten bestehen, die Sklavinnen und Sklaven zu überzeugen, sich «freiwillig» in den Arbeitsprozess einspannen zu lassen. Die körperliche Gewalt erwies sich als wenig wirksames Mittel, um die Sklaven zu besserer Arbeit zu bringen. In der Fazenda wechselten Repression und Kontrolle mit gewissen Momenten der Freiheit ab, um bei den Sklavinnen das Gefühl von Eigentum zu bewirken. In der Ambivalenz von Kontrolle und Autonomie lag eine der wichtigsten Stützen in der Gestaltung der sozialen Spannungen im Prozess der Sklavenarbeit. In vielen Fazendas gab es kleine Stücke Land, die der Sklave für sich bearbeiten konnte und er bekam Zeit – meistens am Samstag –, um dieses Land zu kultivieren.

Der Sklavenhalter entlastete mit dieser Abgabe von Land an die Sklaven und Sklavinnen seine Unterhaltskosten für diese und gab ihnen die Illusion von Eigentum. Diese Strategie sollte auch gegen Rebellion, Flucht und Selbstmord wirken. Damit arbeitete die Sklavin am Samstag wie am Sonntag (trotz der vom Christentum geforderten Sonntagsruhe) ausserhalb der herrschaftlichen Fazenda. In den Perioden der Aussaat und der Ernte hatte allerdings der Sklave sechs Tage in der Woche auf der Fazenda zu arbeiten – einzig der Sonntag blieb ihm für die Arbeiten auf dem eigenen Gütlein frei.

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