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DANIEL BADRAUN

RHEINFALL

Roman


Für Daniela

EINS

Es dämmert bereits über dem See von St. Moritz. Am grossen Fenster einer luxuriösen Suite im Palace Hotel steht eine Frau in einem langen schwarzen Kleid und schaut gedankenverloren zu, wie die letzten sonnenbeschienenen Flecken die Berge hochsteigen.

«Willst du etwas trinken?»

Sie zuckt zusammen, langsam dreht sie sich um, wie eben aus einem Traum erwacht. «Was hast du gesagt?»

«Ob du etwas trinken willst. Wir müssen reden!»

«Einen Prosecco, bitte!» Während er die Minibar öffnet, ein Fläschchen hervorzieht und die perlende Flüssigkeit in zwei Glä ser füllt, setzt sie sich seufzend auf den Diwan. «Jean-Pierre! Kann das nicht bis morgen warten?»

«Wir haben der Presse eine Mitteilung für achtzehn Uhr versprochen.»

Sie nimmt ihr Glas, schaut den Luftbläschen zu, die nach oben steigen. «Und was soll ich deiner Meinung nach tun?»

«Ich bin dein Freund, das weisst du.» Er nimmt einen Schluck. «Und als dein Freund würde ich dir raten, für eine Weile unterzutauchen.»

«Soll ich etwa weglaufen?» Sie stellt ihr Glas heftig auf den Tisch. «Niemals!»

«Ach, Marguerite!» Er schüttelt den Kopf. «Hör mir bitte einmal zu!»

«Ich habe dich nicht als Freund engagiert, Jean-Pierre, sondern als Manager. Du musst dafür sorgen, dass das Produkt ‹Marguerite Duval› gut ankommt, nicht, dass Marguerite Duval verschwindet, verstehst du?»

Der Mann, der Jean-Pierre heisst, steckt sich einen dünnen Zigarillo an. «Die Marke ‹Marguerite Duval› läuft gut, mein Schatz, und das weisst du. Und warum? Weil du im Gespräch bleibst. Weil du Skandale, Intrigen und Machtmissbrauch aufdeckst. Aber jetzt hast du übertrieben. Jetzt bist du in Gefahr!»

«Das glaubst du doch selber nicht!» Sie steht auf, unsicher, steuert auf das Fenster zu, lehnt die Stirn gegen das kühle Glas. «Ich schreibe, ich schreibe gut, sehr gut sogar, schneidend – wie die Presse meint –, bösartig auch, das Wort ist meine Waffe. Vielleicht habe ich an der Macht gekratzt. Doch bis jetzt habe ich niemanden ernsthaft gefährdet.»

«Ich fürchte, dass es diesmal anders ist.» Jean-Pierre zieht den Rauch tief hinunter. «Du bist die erste Schriftstellerin in der Schweiz, die wegen ihrer Texte bedroht wird.»

«Sag der Presse», sie dreht sich langsam um, «sag, dass ich lesen werde.»

Jean-Pierre lächelt dünn. «Das habe ich befürchtet, Marguerite! Und darum habe ich mir etwas einfallen lassen, damit du dich erholen kannst, es wird dir gefallen. Ich habe Freunde, die …»

«Ich muss mich nicht erholen!», ruft Marguerite. Ihre Stimme klingt seltsam schrill.

Er dreht sich um, geht zur Tür.

«Wo willst du hin?»

Er macht eine wegwerfende Handbewegung. «Die Presse. Die Aasgeier wollen ihr Futter!»

«Jean-Pierre! Hast du mir etwas mitgebracht?» Sie streckt die Hand aus.

Er kommt zurück, zieht eine Tablettenpackung aus der Tasche des Jacketts und drückt ihr eine gelbe Kapsel in die Hand. «Das wird dich beruhigen, Kleines!» Gedankenverloren legt er die Packung auf den Tisch und geht hinaus.

Langsam schreitet Jean-Pierre Murat die breite Treppe hinunter. Er liebt dieses würdevolle Gehen auf den roten weichen Teppichen des «Palace». Marguerites Erfolg ermöglicht ihm dies alles.

Der Concierge macht ihm ein Zeichen. «Guten Abend, Monsieur Murat. Die Presse ist drüben im kleinen Salon. Ich habe Getränke aufstellen lassen, wie Sie es gewünscht haben.»

Jean-Pierre nickt ihm freundlich zu, während eine Note diskret den Besitzer wechselt.

«Übrigens, Madame Duval hat Hunger, könnte man ihr einen Salat aufs Zimmer bringen?»

Der Concierge nickt und macht sich eine Notiz.

«Dann wollen wir mal.» Murat stösst die Türe des kleinen Salons auf, bleibt kurz stehen und blickt sich um. Wunderbar. Dicht gedrängt sitzt die hechelnde Meute, bewaffnet mit Mikrofonen. Erwartungsvoll richten die versammelten Medienleute Blicke und Kameras auf den Manager der Schriftstellerin.

Jean-Pierre geht zwischen ihnen durch nach vorne und stellt sich ans Rednerpult.

«Meine Damen und Herren, herzlich willkommen hier im Palace Hotel!» Er schenkt sich ein Glas Mineralwasser ein. «Danke, dass Sie so zahlreich erschienen sind.»

«Eigentlich haben wir Madame Duval erwartet!», ruft ein blonder Lockenkopf von der Lokalzeitung.

«Marguerite Duval fühlt sich nicht gut, die ganze Aufregung der letzten Tage war zu viel für sie, das verstehen Sie sicher!» Sein freundliches Lächeln streift alle Anwesenden. «Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass Sie von mir alle nötigen Informationen bekommen werden.»

Ein leises Murmeln breitet sich aus.

Jean-Pierre hebt besänftigend die Arme. «Ich glaube, Sie sind nicht umsonst gekommen. Madame Duval hat sich entschieden.» Er macht eine kurze Pause und schaut sich um, die Spannung steigt. «Sie wird in Schaffhausen lesen!»

Blitzlichter, aufgeregtes Getuschel. Einige der Presseleute zücken ihre Handys und wählen aufgeregt die Nummern ihrer Redaktionsbüros. Jean-Pierre schaut dem Rummel teilnahmslos zu, trinkt einen Schluck. «Sie lässt sich nicht einschüchtern. Von niemandem!»

«Aber sie nimmt die Morddrohungen ernst, oder?», fragt der Redaktor des «Bündner Tagblatts».

«Wir nehmen die Drohungen sehr ernst, das ist richtig. Aber Madame Duval lässt sich nicht verbieten, wo und was sie lesen will.»

«Haben Sie eine Ahnung, wer Madame Duval bedroht?», will die Dame von der «Glücks-Fee» wissen und streicht sich einige blonde Strähnen aus dem Gesicht.

«Wir wissen genau so viel wie Sie, meine Dame, falls wir mehr wüssten, wäre die Polizei schon längst aktiv geworden.»

«Und was wird Madame in Schaffhausen lesen?», hakt die Dame von der «Glücks-Fee» nach und schaut Murat bittend an.

Jean-Pierre macht eine Pause, alle Blicke sind auf ihn gerichtet. «Sie wird ihr neues unveröffentlichtes Manuskript mit dem Titel ‹Ein unsichtbarer Schatten› vorstellen.»

«Können Sie uns etwas über den Inhalt sagen?», fragt ein Journalist der «Schaffhauser Nachrichten» interessiert.

«Eigentlich darf ich Ihnen noch nichts über den Text erzählen. Als Vorausinformation vielleicht nur so viel: Es geht um die unerhörten Machenschaften einer grösseren Firma im Raume Schaffhausen.»

«Der Name dieser Firma?», lässt der Journalist nicht locker.

Jean-Pierre hebt lächelnd die Hände. «Kein Kommentar!»

«Wie sieht es mit den Sicherheitsvorkehrungen für Mada me aus?» Die Videojournalistin von «Tele Top» fuchtelt furchterregend mit ihrem Mikrofon herum.

«Sie werden sicher verstehen, dass wir diese Massnahmen für uns behalten.»

Mit einem Knall öffnet sich die Tür des Salons. Alle Köpfe drehen sich in die gleiche Richtung. Im Türrahmen steht ein Zimmermädchen, kreideweiss, die Augen weit aufgerissen vor Schreck. «Monsieur! Ich wollte Madame den Salat bringen, aber … Die Zimmertür stand weit offen, Möbel waren umgeworfen, Schubladen herausgezerrt und der Inhalt war im Zimmer verstreut und … Madame Duval ist verschwunden!»

In einem dunklen Büro in Schaffhausen stehen zwei junge Männer am Fenster. Sie tragen grüne Overalls mit der Aufschrift «Multitel». Hinter einem massigen Schreibtisch aus dunklem Holz sitzt ein älterer Herr mit Glatze und Bauch. Das Brummen des Verkehrs dringt gedämpft von der Strasse herauf.

Das Telefon läutet. Einmal, zweimal. Dann hört es auf. Einer der Männer am Fenster schaut auf die Uhr. «Eine Minute.» Wieder klingelt das Telefon. Einmal, zweimal, dreimal.

Peter Hofer hinter dem Schreibtisch räuspert sich. «Sie wird also lesen.»

Die beiden jungen Männer schauen auf die Strasse hinunter.

«Dann wollen wir uns mal reinhängen, Jungs!»

Hofer öffnet ein Mäppchen und legt ein eng beschriebenes Blatt vor sich auf die lederne Schreibunterlage.

«Findet heraus, in welchem Hotel sie wohnen wird, welche Zimmernummer sie hat, einfach alles. Du, Manuel, wirst im Hotel arbeiten. Du, Steff, wirst ihr auf Schritt und Tritt folgen. Habt ihr noch Fragen?»

Als die beiden draussen sind, tupft sich Hofer den Schweiss von der Stirn.

Ein kalter Wind weht vom Berg hinunter. Sie fröstelt ohne Jacke. Langsam folgt sie der Passstrasse oberhalb von Silvaplana.

«Nur weg von den Lichtern», denkt sie, «nur weg.»

Um Viertel vor sechs hatte sie eine der Tabletten genommen, die ihr Jean-Pierre hingelegt hatte. Sofort fühlte sie sich schwer, in ihrem Kopf öffnete sich ein schwarzes Loch.

«Das wird dich beruhigen», hatte Jean-Pierre geflüstert.

Sie nahm noch wahr, wie er die Tür schloss, dann fiel sie rückwärts in die tiefe Leere. Doch diesmal dauerte es nur kurze Zeit. Viel zu schnell tauchte sie wieder auf, und da war diese Übelkeit. Sie würgte, irgendwie kam sie bis ins Badezimmer, dort erbrach sie sich. Keuchend blieb sie neben der stinkenden Kloschüssel liegen, unfähig sich zu rühren.

Dann hörte sie, wie der Zimmerschlüssel umgedreht wurde, sie wollte nach Jean-Pierre rufen, brachte aber nur ein Krächzen über die Lippen. Durch die halb geöffnete Türe sah sie zwei Paar Beine vorbeigehen, hörte das Knarren des Diwans, dann wurde die Tür der Minibar geöffnet. Vorsichtig richtete Marguerite sich auf.

«Mann, die ist aber gut gefüllt!»

«Lass das, Robert!»

«Für einen Drink aus der Bar wird die Zeit doch reichen, denke ich.»

«Vielleicht sollten wir erst nachschauen, ob sie wirklich schläft.»

«Die hat was genommen, die ist hinüber.»

Zwei Männerstimmen, die sie noch nie gehört hatte. Was suchten zwei Deutsche in ihrer Suite? Und woher hatten sie den Schlüssel?

Marguerite Duval war plötzlich hellwach. Die Morddrohung! Die beiden Männer waren hier, um sie zu töten!

Vorsichtig schob sie die Tür des Badezimmers auf, tastete sich durchs Entree zur Tür der Suite, nahm den Schlüssel, der innen steckte, mit und schloss von aussen ab. Sie hastete zum Lift am Ende des Flurs, dort überlegte sie es sich anders und öffnete die Tür zur Treppe, die wohl nur von den Angestellten benutzt wurde. Sie stieg hinunter, landete in der Küche, dann in einem langen, dunklen Gang. Immer wieder hörte sie Rufe, das Echo von Schritten hinter sich. Endlich fand sie eine Tür, die ins Freie führte, sie lief den Hang hinunter, bis sie ausser Atem die Strasse am See erreichte.

Dort blieb sie stehen und winkte den vorbeifahrenden Autos, bis endlich ein kleiner Fiat mit italienischen Nummernschildern anhielt.

Der Mann hatte ununterbrochen geplaudert, er erzählte, dass er als Schreiner arbeite und am Feierabend zurück nach Italien zu seiner Familie fahre. Marguerite schaute in die Nacht hinaus, unfähig, irgendetwas zu entscheiden.

Dann sah sie in Silvaplana das Strassenschild. Julierpass, Chur. «Hier können Sie mich rauslassen, herzlichen Dank fürs Mitnehmen.»

Sie ging auf die Häuser zu, durchquerte eilig das Dorf.

Und nun hastet sie durch das Dunkel den Pass hinauf, viel zu leicht gekleidet für diesen kühlen Abend im Engadin.

Später hört sie zwei Kurven unter sich quietschende Reifen. Ein Auto nähert sich mit hoher Geschwindigkeit. Marguerite Duval versteckt sich hinter einem Baum und wartet. Ein olivfarbener Landrover rast vorbei.

ZWEI

Der milde Abend legt sich über Schaffhausen, kaum jemand arbeitet noch. Langsam schlendert sie über den Fronwagplatz, nimmt hier ein Auge Schaufenster auf, streift dort flüchtig eine Gruppe Passanten. Dann taucht sie ab in eine enge Gasse, wendet sich nach links, dann wieder nach rechts.

Das «Adria» ist ziemlich voll. Sie schaut sich um, niemand da, den sie kennt, so setzt sie sich an die Bar, mustert kurz ihren Nachbarn rechts, bestellt dann bei Giancarlo einen Tee.

«Na, gut gearbeitet?»

Über den Rand des Glases fixiert sie den Mann mit den kurzen schwarzen Haaren neben sich. «Wie man’s nimmt.»

«Und? Wie nimmst du’s?» Er lächelt gewinnend, ohne eine Antwort zu erwarten.

«Ich bin Freddy, eigentlich heisse ich Alfred», er macht eine Pause und schaut in die Höhe, es sieht aus, als habe er lange geübt dafür, «aber ich bitte dich – Alfred!» Dann ein heiseres Lachen. «Und du?»

Bevor sie etwas sagen kann, haut er die flache Hand auf den Tresen. «Warte, lass mich raten!»

Sie wartet gespannt. «Wenn ich dich so anschaue … Sally oder Jasmine?»

Kopfschütteln.

«Deine Haare … Jessica oder Sarah?»

«Kalt!»

«Und dein Gesicht … Madonna? Laura? Tatjana? Steffi?»

«Eiskalt!»

Er bestellt sich einen weiteren Espresso, sie hebt ihr Teeglas. «Zum Wohl, Freddy!»

«Zum Wohl, Mona Lisa! Nun sag schon …»

«Margrittli!»

Er macht eine Grimasse. «Margrittli? Du willst mich auf den Arm nehmen …»

«Wie tönt Margrit?»

«Streng. Wie eine Blockflötenlehrerin!»

«Vielleicht Margarethe?»

«Eine Heilige!»

Sie schmunzelt. «Andere Möglichkeiten?»

«Mägi?»

«Ich bitte dich, da war ich siebzehn, zündete am Abend Räucherstäbchen an und machte Musik zusammen mit Mike, der eigentlich Michael hiess!»

«Aber Margrittli? Ich meine, das ist wie …»

«Sag schon, ich lebe schliesslich schon eine Weile mit diesem Namen!»

«Das ist wie … eine Blumenwiese, Landwirtschaft.»

«Meine Eltern sind …, das heisst waren Weinbauern. Sonst noch etwas, Alfred?»

In dem Moment wird die Tür des «Adria» aufgerissen und ein junger Mann mit zerzausten Haaren betritt das Lokal. Ganz kurz nur bleibt er stehen und schaut sich um. Dann winkt er Freddy aufgeregt zu.

«Du entschuldigst mich?» Ohne eine Antwort abzuwarten, hastet Freddy hinter dem jungen Mann aus dem Lokal.

«Ich entschuldige gar nichts, Freddy!», flüstert sie und lächelt.

Margrittli hat ihren Tee ausgetrunken, ohne dass Freddy zurückgekommen wäre. So winkt sie Giancarlo zu sich, bezahlt ihren Tee, bezahlt auch den Kaffee für Freddy, «das wird dich noch teuer zu stehen kommen!», zieht ihre Jeansjacke an und taucht in die Gasse ein.

Sie geht nach links, nach rechts und auch geradeaus. Hinter einer Hausecke bleibt sie stehen und blickt auf den Platz hinaus.

Da stehen sie. Freddy und sein Begleiter. Freddy zeigt auf ein Plakat, schüttelt den Kopf. Der junge Mann neben ihm tippt mit dem Finger darauf, immer wieder auf das gleiche Foto.

«Euch muss ich wohl auf die Sprünge helfen!» Sie zieht ein Haarband aus ihrer Tasche, ordnet mit wenigen Handgriffen ihre Frisur neu, wie dies nur Frauen können, kommt zwischen den Häusern hervor, eine Frau, die zufällig über einen Platz geht, auf dem Weg nach Hause, dann stehen bleibt, einen Bekannten sieht, diesem zuwinkt und ihre Schritte beschleunigt.

Freddy sieht sie kommen, stösst seinen Begleiter an, sagt: «Kein Wort, Felix, hörst du?» Er schaut Margrittli entgegen.

Sie geht auf die beiden zu, lächelt Freddy an. «Das nächste Mal lasse ich dich sitzen und du bezahlst!»

Freddy ringt nach Luft, japst eine Entschuldigung, da wendet sie sich bereits Felix zu. «Muss ja wahnsinnig wichtig sein, eure Verabredung, dass Freddy mich vergisst!»

«Vielleicht erzähle ich es dir bei Gelegenheit. Übrigens, ich bin Felix. Kannst du mir einen Gefallen tun?» Er schaut sie neugierig an.

«Muss ich auch dich einladen?»

Freddy schweigt.

Felix zeigt auf das Plakat. «Kannst du dich bitte hier hinstellen, ja, hier neben dieses Bild.»

«Wie komme ich dazu?» Sie schaut flüchtig auf das Plakat, Stadttheater, eine Dame in Blautönen, überschrieben mit: «Marguerite Duval liest in Schaffhausen».

«Bitte!» Felix zeigt mit dem Kinn auf Freddy. «Ich möchte ihm etwas beweisen. Es ist eine Art Wette!»

«Na gut!» Sie macht zwei Schritte auf das Plakat zu, «wenn ich dir helfen kann zu gewinnen …» Sie dreht sich um. «Na? Was ist?»

Felix stösst einen bewundernden Pfiff aus, Freddy lässt sich von Felix’ Begeisterung anstecken. Geht zwei Schritte zur Seite, hält den Kopf schief, lächelt dann zufrieden.

«Was habe ich dir gesagt? Diese Ähnlichkeit!» Felix boxt Freddy in die Seite. «Das Geschäft ist perfekt!»

«Darf ich fragen, ob ich mit den Geschäften der beiden Herren etwas zu tun habe?» Margrittli hat ihr Haarband wieder abgenommen und wartet, bis sich die Begeisterung etwas legt. «Und wenn ja, müsstet ihr mich nicht fragen, ob ich mitmachen will?»

«Hör zu!» Freddy kratzt sich hinter dem Ohr. «Wenn du dabei bist, schaut für uns alle eine hübsche Summe heraus.»

«Ich kenne euch nicht. Wie soll ich euch vertrauen? Und worum geht es überhaupt?»

«Margrittli, es ist ein Spiel!» Freddy schaut sie flehend an.

Sie dreht sich einmal um die eigene Achse. «Na gut! Aber es wird nicht billig.»

Margrittli, Freddy und Felix sitzen vor dem Restaurant Falken in breiten Korbsesseln.

«Es ist alles ganz einfach», erklärt Freddy und nimmt ein paar Bierteller in die Hand.

«Warum macht ihr es nicht selber, wenn es so einfach ist?» Sie schaut ihn spöttisch an.

«Es ist eine Frage der Gene.» Felix fischt sich eine Zigarette aus seinem Päckchen. «Wir zwei gehen nicht gut als Frauen durch.»

«Ihr braucht also eine Frau?» Sie zieht die Augenbrauen hoch,

Freddy grinst.

«Brauchen ist vielleicht das falsche Wort.» Felix nimmt langsam ein Streichholz aus der Schachtel. «Es ist so: Wir haben einen Freund, der in der Klemme steckt, dem würden wir gerne einen Gefallen tun.»

«Dann braucht euer Freund eine Frau?»

«Es geht eigentlich um die Freundin unseres Freundes.» Endlich brennt die Zigarette. Felix betrachtet nachdenklich die glühende Spitze. «Die Freundin unseres Freundes hat eine anstrengende Zeit hinter sich und eine noch anstrengendere Zeit vor sich. Sie würde sich zwischendurch gerne ausruhen, doch dazu ist sie zu prominent.»

«Und da haben wir uns gedacht, du könntest, weil du ihr doch so ähnlich siehst …» Freddy sieht Margrittli fragend an.

«Was soll ich können, lieber Freddy?»

«Die Frau ist echt im Stress. Sie muss von Medienauftritt zu Medienauftritt. Sie kommt kaum zur Ruhe. Und du siehst ihr zum Verwechseln ähnlich. Wir haben uns gedacht, du könntest sie vielleicht entlasten.»

«Als Doppelgängerin sozusagen?»

«Genau, das ist die richtige Bezeichnung.» Felix drückt die Zigarette aus.

«Und was schaut dabei für mich heraus?»

Freddy legt einen Briefumschlag auf den Tisch.

Margrittli steckt ihn ein. «Ihr werdet von mir hören.»

«Nein, wir werden uns melden, wenn es losgeht. Gib uns deine Handynummer.»

«Ich habe kein Handy», Margrittli lacht, «ich bin ein freier Mensch.»

DREI

Es ist Nacht. Langsam geht Margrittli den Hang hinauf. Rechts die dunklen Umrisse von liegenden Kühen. Dahinter der Waldrand. Sie schaut sich um und verschwindet zwischen den Bäumen. Der Weg ist schmal und in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Immer wieder bleibt sie stehen, um zu verschnaufen. Einmal hört sie den klagenden Ruf eines Käuzchens.

Felix und Freddy wollten, dass sie in Schaffhausen blieb. «Du musst immer erreichbar sein, klar?»

Sie hatte lachend den Kopf geschüttelt. «Nein, meine Herren, ich werde meinen Auftrag erfüllen, doch bis dahin brauche ich meine Ruhe.»

Und ihre Ruhe findet sie nur hier in ihrem Haus auf dem Randen. Bereits ihr Grossvater hatte das kleine Haus auf einem der kalkigen Hügelzüge hinter der Stadt erbaut. Als Kinder hatten sie manches Wochenende in den Wäldern verbracht oder mit den Eltern nach versteinerten Schnecken und anderen Fossilien gesucht.

Felix hatte sie streng angeschaut. «Deine Ortsabwesenheit braucht einen triftigen Grund.»

«Heute ist Vollmond, da muss ich raus aus der Stadt.»

Felix blätterte in seiner Agenda, dann erschien ein breites Grinsen auf seinem schlecht rasierten Gesicht. «15. September, Vollmond. Ausgang genehmigt!»

«Und wenn wir dich brauchen?», fragte Freddy.

«Hinterlasst eine Nachricht bei Giancarlo im ‹Adria›. Ich werde kommen.»

Sicher würde sie kommen, schon morgen will sie in die Stadt zurückkehren, sie will bereit sein.

Nach einer halben Stunde erreicht Margrittli die Lichtung. Sie bleibt stehen und horcht in die Dunkelheit. Es ist still, kein Laut zu hören. Irgendetwas stimmt hier nicht, es ist zu ruhig. Die Nachttiere fehlen, das Rascheln im Gebüsch und die äsenden Rehe am Rande der Lichtung. Statt die Wiese zu überqueren und das Haus aufzuschliessen, wie sie es gewöhnlich tut, bleibt sie im Schatten der Bäume und geht langsam um die Wiese herum, immer im Schatten der Bäume.

Dann riecht sie es. Zigaretten. Jemand muss hier vor Kurzem geraucht haben.

Sie könnte sich ganz leise davonstehlen, in der Dunkelheit verschwinden und unten im Tal bei Rita und Jonas übernachten. Beim Haus an der Kreuzstrasse liegt immer ein Schlüssel unter dem Kaktustopf für sie bereit, so dass sie zu jeder Tagesund Nachtzeit ein zweites Zuhause findet.

Doch dann siegt die Neugier. Zu gerne möchte sie erfahren, wer ihre nächtlichen Besucher sind. Vorsichtig zieht sie sich in den Wald zurück und umgeht die Lichtung in einem grossen Bogen. Wer den steilen Weg hier hinauf nicht kennt, muss die Fahrstrasse nehmen und lässt den Wagen beim Bodenacker auf der anderen Seite des Waldes stehen.

Bald hat sie den weissen Opel am Waldrand entdeckt. Auf dem Weg geht ein Mann hin und her.

«Wissen Sie nicht, dass hier Fahrverbot ist? Haben Sie eine Genehmigung?»

Er zuckt zusammen, dreht sich um und starrt Margrittli an, die aus dem Wald auf die Fahrstrasse getreten ist.

«Guten Abend. Ich wollte …, das heisst …, heute Mittag habe ich hier meinen Hund verloren und nun habe ich gedacht …, vielleicht …»

«Soll ich Ihnen beim Suchen helfen? Nicht dass der Hund noch wildert. Da bekommen Sie Probleme mit dem Wildhüter. Der ist nachts öfters hier anzutreffen.»

«Der Wildhüter?» Der Mann hüstelt verlegen. «Es ist eher ein kleiner Hund.»

«Wie heisst er denn?»

«Der Hund? Hmmm … Lucky, ja, Lucky heisst er.»

«Na, dann wollen wir ihn mal rufen.» Sie formt mit den Händen einen Trichter vor dem Mund und verschwindet, «Lucky, Lucky!» brüllend, im Unterholz. Nach wenigen Metern bleibt sie stehen, bewegt sich dann lautlos seitwärts durch den Wald, bis sie die Fahrstrasse hinter dem Opel erreicht. Dort setzt sie sich unter ein Gebüsch und beobachtet den Mann beim Wagen.

Wenig später hört sie Schritte im Wald. «Was ist los? Wer schreit denn so?»

«Sie war hier!», zischt der Mann beim Opel.

«Und wo ist sie jetzt?» Der zweite Mann tritt aus dem Wald.

Der erste Mann lacht. «Sie sucht meinen Hund. Ich habe ihr gesagt, dass ich meinen Hund vermisse. Wenigstens wissen wir, dass sie hier ist.»

«Komm, wir fahren, bevor sie wieder auftaucht!»

Die Türen werden zugeschlagen, dann verschwindet der Opel ohne Licht in der Nacht.

Margrittli steht auf. Bisher hat sie sich hier auf dem Randen immer sicher gefühlt. Nie wurde sie im Haus belästigt oder gestört. Es scheint, als ob sich nun einiges ändern könnte. Wenigstens ist sie gewarnt.

Mit einem roten Alfa kommt sie bis Tiefencastel. Der Fahrer will sie noch ausführen, in eine Disco auf die Lenzerheide oder so. Doch mit der ihr eigenen eiskalten Art bringt sie ihn schnell zum Schweigen. «Hören Sie», zischt sie, «Sie mögen ein netter Kerl sein, der auch ganz passabel aussieht, doch Ihre Hand auf meinem Knie, die eigentlich ans Steuer gehört, fühlt sich an wie ein durchgekauter Waschlappen, der schon zu stinken begonnen hat.»

«Aber Schätzchen …»

«Sie fahren von A nach B. Ich muss auch von A nach B. Das ist das Gemeinsame zwischen uns zwei. Sonst aber …» Sie lächelt bösartig. «Wollen Sie es hören?»

Er zieht die Hand zurück, schüttelt den Kopf und schweigt.

Sie schläft in einer Telefonkabine beim Bahnhof. Frühmorgens wird sie von einem orange gekleideten Mann wachgeschüttelt. «Was machen Sie hier?»

«Was denken Sie?» Marguerite schaut ihn fragend an. «Na, kommen Sie, raten Sie! Das dürfte doch nicht so schwer sein, oder?»

Er schultert kopfschüttelnd seinen Besen. «Die Leute aus der Stadt …»

«… die müssen auch irgendwo schlafen, Mann! Rechnen Sie mal: In der Stadt wohnen viele tausend Menschen. Können Sie mir folgen? Na gut. Wenn die jetzt alle hier in Tiefencastel schlafen wollen, dann hat es doch nicht für alle Platz im Hotel. Richtig?»

«Richtig», murmelt er und zündet sich eine Brissago an.

«Und darum habe ich eben in der Telefonkabine übernachtet. So einfach ist das.»

Der erste Zug nach Chur fährt ein, Marguerite steigt ein, winkt aus dem Fenster dem Mann zu, er winkt paffend zurück. «Die Leute aus der Stadt …»

Knapp eine Stunde später sitzt Marguerite in einem Büro des Churer Bahnhofs einem älteren Beamten gegenüber.

«Sie fahren ohne gültigen Fahrausweis, weigern sich, mir Ihren Namen anzugeben, und behaupten obendrein, bedroht zu werden. Und das soll ich Ihnen glauben?»

«Kann ich einen Kaffee haben? Wenn Sie auch noch ein Croissant hätten – ich hatte keine Gelegenheit zu frühstücken.»

«Auf unsere Kosten vielleicht?» Der Bahnbeamte hämmert auf sein Pult. «Dies ist nicht der städtische Sozialdienst, dies ist die Rhätische Bahn.»

«Und ich habe gedacht, es sei die Heilsarmee.» Sie lächelt müde. «Wegen der Uniform, wissen Sie …»

Er starrt sie an und wartet. Wartet schweigend. Ihre Worte verlieren an Schärfe, ihr Gesicht wird immer grauer, ihre Bewegungen fahriger. Sie hat gedacht, dass sie es schaffen könnte, dass sie wegkommt irgendwie, irgendwohin. Doch ihr fehlt die Kraft. Sie braucht etwas, muss sich beruhigen, muss vergessen können. Der Mann vor ihr sieht aus wie ihr Vater, streng, aber keinesfalls böse.

Endlich bricht es aus ihr heraus. «Mein Name ist Marguerite Duval.»

Er schaut sie erstaunt an. «Marguerite Duval?» Dann öffnet er die Zeitung auf seinem Schreibtisch, vergleicht ihr Gesicht mit dem Foto, das vor ihm liegt. «Marguerite Duval wird trotz Morddrohungen lesen», steht in grossen roten Buchstaben neben einem grob gerasterten Bild.

«Ja, ich bin Marguerite Duval, die Schriftstellerin. Mein Manager Jean-Pierre Murat ist im Palace Hotel in St. Moritz. Sagen Sie …, sagen Sie ihm bitte, er soll mich hier abholen, ich bin …» Marguerite Duval bricht bewusstlos zusammen.

In St. Moritz besteigt Jean-Pierre Murat um zehn Uhr morgens zusammen mit Linda Steiner, der Journalistin von der «Glücks-Fee», einen Mietwagen.

Zur gleichen Zeit sitzen Freddy und Felix in Schaffhausen bei einem Kaffee auf dem Fronwagplatz und warten auf einen Telefonanruf.

Zwei Strassen weiter hockt ein dicker Mann mit Glatze hinter seinem grossen Schreibtisch und gibt zwei jungen Männern letzte Anweisungen.

Und genau um zehn Uhr fährt beim Hotel Chlosterhof in Stein am Rhein ein himmelblauer Porsche vor. Ein Mann steigt aus, sportlich gekleidet, eine dunkle Sonnenbrille auf der Nase. Er nimmt eine kleine Reisetasche vom Hintersitz des Wagens und betritt das Hotel.

«Kann ich Ihnen behilflich sein?»

«Ich habe heute Morgen angerufen und ein Zimmer reserviert. Soldini ist mein Name, Pietro Soldini.»

Der Portier blättert in einem Buch, das vor ihm liegt. «Genau, da haben wir es. Sie bekommen ein Zimmer im dritten Stock. Südbalkon, wie Sie gewünscht haben.»

Soldini nickt zufrieden. «Darf ich Sie bitten, meinen Wagen noch wegzustellen? Er steht draussen im Halteverbot.» Und er schiebt dem Portier den Schlüssel und eine Banknote zu.

Der Portier deutet eine Verbeugung an, kommt hinter seiner Theke hervor und geht hinaus.

Soldini wartet, bis der andere verschwunden ist, zieht das Buch mit den Reservationen zu sich herüber, blättert und schaut sich die verschiedenen Einträge an.

Dann lächelt er zufrieden.

«Wenn Jean-Pierre nicht anruft, haben wir heute frei.» Felix blinzelt in die Sonne.

Freddy spielt mit dem leeren Zuckerbeutel. «Wir könnten uns den Rheinfall anschauen.»

«Den Rheinfall. Ich bitte dich. Sind wir Japaner?»

«Wann warst du das letzte Mal dort?»

«Spielt es eine Rolle?» Felix setzt die Sonnenbrille auf und beobachtet eine Gruppe fotografierender Touristen.

«Sag schon!»

«In der ersten Klasse. Auf der Schulreise.»

Ein Lächeln breitet sich auf Freddys Gesicht aus. «Siehst du? Dann ist es wirklich höchste Zeit!»

«Lass mich in Ruhe mit deinem blöden Rheinfall. Die Schulreise hat mir gereicht.»

Eine Melodie ertönt, das Telefon auf dem Tisch vibriert.

«Ja?» Freddy hört eine Weile zu, nickt, sagt «In Ordnung» und «Das werden wir uns überlegen» und legt das Handy auf den Tisch zurück.

«Na, was ist?»

«Sie kommen. Bereits heute Nachmittag. Es hat Scherereien gegeben, Jean-Pierre hat gesagt, wir sollten uns einen geeigneten Ort suchen, der sehr belebt ist. Dort erledigen wir die Sache.»

«Komm, gehen wir.» Felix legt das Geld auf den Tisch und zieht Freddy mit sich fort.

«Was hast du vor?»

«Wir schauen uns den Rheinfall an!»

VIER

Gegen Mittag trifft Jean-Pierre in Chur ein. Er parkt vor dem Stationsgebäude.

«Weisst du, was das ist, Linda?» Er zeigt auf die Halteverbotstafel neben dem Wagen.

«Eine Verbotstafel, fahr weiter, schnell.» Die Journalistin der «Glücks-Fee», die Murat seit der Pressekonferenz gestern Abend nicht mehr von der Seite gewichen ist, zeigt auf ein Parkfeld weiter drüben.

Jean-Pierre öffnet die Wagentür. «Das ist keine Verbotstafel, das ist Luxus, verstehst du?» Dann verschwindet er im Gebäude.

Die Journalistin nimmt die Kamera, steigt aus und setzt sich im Schatten auf eine Parkbank.

Wenig später fährt der Stadtbus vor, ein grelles Hupen, Linda Steiner hebt die Kamera, ein erstes Bild zeigt, wie der Bus knapp am grossen Audi vorbeimanövriert, ein zweites, wie der Chauffeur aussteigt und den Wagen betrachtet, ein drittes, wie er sein Handy zückt und telefoniert. Dann fährt der Bus weiter. Linda wartet.

Kaum drei Minuten später fährt ein Streifenwagen vor, durch die Linse sieht die Journalistin, wie ein Beamter umständlich einen Bussenzettel ausfüllt und ihn unter die Windschutzscheibe klemmt. Dann geht die Türe des Stationsgebäudes auf. Jean-Pierre erscheint. Neben ihm bleich und mit unsicherem Gang die Schriftstellerin Marguerite Duval. Linda hat sie noch nie so gesehen, ungeschminkt, zerzaustes Haar, zerknitterte Kleidung. Immer wieder drückt sie ab, fotografiert, wie die beiden sich dem Wagen nähern, wie Jean-Pierre Marguerite die Tür öffnet und ihr beim Einsteigen hilft, ohne den Polizisten zu beachten, der sich nun dem Wagen nähert, auf das Halteverbotsschild deutet und mit dem Bussenzettel vor Jean-Pierres Gesicht herumwedelt. Dann noch eine letzte Aufnahme, Jean-Pierre zückt seine Brieftasche, zieht eine Note heraus, lächelt. Dann winkt er Linda zu, wartet, bis sie beim Audi ist, und öffnet ihr galant die Türe.

«Schade um dein Geld.»

«Du bist eben zu kleinlich. Ausserdem gibt das doch eine prima Story für dein Blatt, oder nicht?»

«Glaubst du, dass so etwas meine Leserinnen interessiert?»

«Sonst hättest du wohl nicht so oft abgedrückt.»

Murat startet den Motor und lenkt den Wagen durch die Stadt. «Und du wirst noch einiges mehr zu sehen bekommen, das deinen Leserinnen gefallen wird.»

Auf der Rückbank ist Marguerite in sich zusammengesunken, sie murmelt unverständliches Zeug.

«Will sie so in Schaffhausen lesen?»

Jean-Pierre hält vor einer Ampel. «Sie hat eben ein Beruhigungsmittel geschluckt. Morgen wird sie wieder auf den Beinen sein.»

«Ein guter Platz, findest du nicht?» Felix kneift die Augen zusammen, beobachtet die Wassermassen, die einer Lawine gleich über die Felsen ins Rheinfallbecken hinunterstürzen.

«Nicht gut genug.» Freddy schaut sich um, eine Gruppe Japaner überquert die Brücke beim Restaurant, um zur Bootsanlegestelle zu gelangen, zwei Schweizer Familien folgen ihnen.

«Und was passt dir nicht, wenn ich fragen darf?»

«Zu wenig Leute, wir brauchen ein grosses Gedränge, wenn es unbemerkt passieren soll.»

«Komm mit.» Felix folgt den Japanern über die Brücke, mischt sich unter sie, geht lächelnd hin und her und verlässt die Gruppe bei den Booten.

«Na? Ist das nicht Gedränge genug?»

Freddy schüttelt den Kopf. «Deine blonden Haare waren immer zu sehen. Und wenn einer hier oben steht, kann er genau beobachten, was in der Gruppe passiert. So wird das nie klappen.»

Ein Boot legt an. Leute kommen an Land, schnatternd gehen die Japaner an Bord.

Felix stellt sich ans Geländer, schaut zu, wie das Boot ablegt, und zündet sich eine Zigarette an. Er sieht, wie das Boot durch die Strömung Kurs auf den Felsen hält, der mitten im tosenden Wasser des Rheinfalls steht. «Dann machen wir es dort drüben, dort ganz oben.»

Freddy schaut hinauf zur Schweizerfahne auf dem Felsen. «Wenn jemand hinter Marguerite Duval her ist und sieht, dass sie zum Aussichtspunkt hinüberfährt …»

«… dann kann er es sich leisten, hier zu warten und einen Kaffee zu trinken, denn es ist nicht anzunehmen, dass sie wegschwimmt!»

«Genau. Komm mit!»

Und dann erzählt Freddy bei einem Kaffee am Panoramafenster des Restaurants, wie er sich das Ganze vorstellt.

Margrittli sitzt an der Bar und trinkt einen Tee, als der Anruf kommt.

«Bar Adria, Giancarlo!»

Der Kellner hört kurz zu. Dann schaut er Margrittli fragend an. Diese schüttelt den Kopf.

«Nein, tut mir leid, sie war heute noch nicht hier …! Gut, ich werde es ihr ausrichten …! Genau, auf Wiederhören.»

«Danke, Giancarlo. Was hat er gesagt?»

Der Kellner nimmt einen gelben Lappen und wischt über die Theke. «Ich soll dir, wenn du kommst, ausrichten, dass du unbedingt hier bleiben und auf einen gewissen Freddy warten musst. Es sei dringend, hat er gesagt.»

«Das geht schneller, als ich gedacht habe.»

Giancarlo reibt weiter auf der gleichen Stelle herum.

«Kannst du nicht aufhören? Diese Putzerei macht mich nervös!»

«Ich mache mir Sorgen um dich, Margrittli. Diese Typen sind nichts für dich. Das habe ich schon gestern Abend gedacht. Die sind vielleicht gefährlich. Ich hab das so in der Nase, verstehst du? Ich bin doch dein Freund, ich an deiner Stelle würde …»

Margrittli steht auf. «… aussteigen, wolltest du das sagen?» Sie legt das Geld für den Tee auf die Theke.

«Genau!» Giancarlo lächelt erleichtert.

«Dazu ist es zu spät. Ich will doch nur …» Margrittli schüttelt den Kopf.

«Du bist ganz schön starrköpfig, weisst du das?»

«Das hat mein Vater auch immer gesagt.» Sie lächelt. «Dann verschwinde ich jetzt am besten.»

Giancarlo hat mit Putzen aufgehört. «Und was sage ich diesem Freddy, wenn er kommt?»

Margrittli öffnet die Türe der Bar. «Sag ihm, dass ich angerufen habe und ihm ausrichten lasse, ich sei beim Einkaufen, werde aber bald kommen, klar?»

Giancarlo nickt, trocknet sich die Hände und steckt das Geld ein.

Während Jean-Pierre Murat nachmittags um zwei den Walensee entlangfährt, Pietro Soldini zur gleichen Zeit in einem Strassencafé in Stein am Rhein sitzt und die Zeitung liest, Felix und Freddy den Rheinfall verlassen und Margrittli zum Einkaufen geht, betritt ein junger Mann das Hotel Chlosterhof in Stein am Rhein. Er schaut sich in der leeren Halle um, geht dann hinüber zum Portier.

«Ich habe angerufen. Maier ist mein Name, Manuel Maier.»

Der Portier blättert eifrig in seinem Buch, schüttelt dann bedauernd den Kopf. «Tut mir leid, Herr Maier, hier ist keine Reservation unter diesem Namen eingetragen.»

Wieder schaut sich der junge Mann um. «Ich habe kein Zimmer reserviert, ich bin der neue Mitarbeiter. Herr Direktor Bucher hat gesagt …»

«Ach so, genau, der Herr Direktor hat mir von Ihnen erzählt.» Der Portier zieht die Brauen zusammen, macht sich gross, winkt dann den jungen Mann nahe zu sich heran. «Eines müssen Sie zuerst lernen, Maier, der Personaleingang ist hinter dem Gebäude. Aber wenn Sie nun schon mal hier sind, können Sie gleich mitkommen.»

Er führt den neuen Angestellten in ein Nebenzimmer und schiebt ihm ein Formular zu. «Wenn Sie dieses Blatt hier bitte ausfüllen würden. Die üblichen Formalitäten. Ich werde Sie dann in Ihre Tätigkeit einführen.»

Margrittli steht im Warenhaus Schwanen und beobachtet die Leute. Ausverkauf! Ständig dröhnen neue Sonderangebote auf die Kaufwilligen ein. Im Rausch wühlen sie sich durch Kisten, stürzen sich auf neue Ständer, die herbeigekarrt werden, klammern sich an Kleiderbügeln fest, damit sich niemand an ihren Schnäppchen vergreifen kann.

«Turnschuhe für den Herrn, nur in dieser Stunde für die Hälfte des angeschriebenen Preises, ab sofort in unserer Sportartikelabteilung!»

Einige Männer setzen sich in Bewegung, laufen an Margrittli vorbei, die sich für lange Mäntel interessiert. Sie hat schon mehrere probiert, doch scheinen ihr alle etwas zu eng. Endlich findet sie etwas, ein auffälliges gelbes Exemplar, das an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist. Sie schlüpft hinein, das Ding passt, dann wühlt sie sich durch einen Stapel Kopftücher, die wohl kaum jemand mit gesundem Farbempfinden kaufen würde, fischt sich ein giftgrünes quadratisches Exemplar heraus, packt noch eine grosse Sonnenbrille dazu und geht zur Kasse.

Auch hier herrscht ein unglaubliches Gedränge, und so reagiert Margrittli kaum, als sie angerempelt wird. Erst als der Mann neben ihr seinen Kopf hinunterneigt und zu flüstern beginnt, zuckt sie zusammen.

«Ich muss dringend mit Ihnen sprechen, schauen Sie bitte geradeaus, es muss niemand merken, dass wir uns kennen.»

Auch Margrittlis Stimme ist kaum hörbar: «Meine Mutter hat mir verboten, mit fremden Männern zu sprechen, gerade im Ausverkauf sei das sehr gefährlich.»

«Wir kennen uns, Frau Durrer.»

Margrittli dreht den Kopf zur Seite, starrt dann wieder geradeaus. «Hallo! Sie sind der nette Hundebesitzer von gestern Abend. Haben Sie Ihren Lucky inzwischen gefunden?»

«Das erzähle ich Ihnen später. Bezahlen Sie Ihre Waren, dann treffen wir uns in der Multimediaabteilung, es ist wichtig.»

«Und wenn ich nicht komme?»

«Denken Sie an Marguerite Duval.»

Doch bevor Margrittli etwas antworten kann, ist der Fremde bereits in der Menge verschwunden.

FÜNF

Marguerite Duval erwacht. Ihr Kopf ist angenehm leer. Von diesem Zustand kann sie nicht genug bekommen. So schwebend und leicht. Die Augen, die sie fast geschlossen hält, lassen nur schmale Lichtstreifen eindringen, nur Licht, keine Bilder. Sie weiss, dass sie nichts muss, dass man sie in Ruhe lassen wird.

Es ist wie früher, sie ist krank, die Rollläden sind heruntergelassen, im Kinderzimmer ist es dämmrig, gemütlich, ab und zu kommt die Mutter herein, wechselt die Essigumschläge an den Beinen oder bringt ihr etwas zu trinken ans Bett, ohne viel zu fragen, ohne etwas von ihr zu wollen. Am Abend tritt der Vater ins Zimmer, sie spürt seine rissige Hand auf ihrer Stirn, hört seine warme Stimme, hinter ihm die Schwester, die ungeduldig wartet, bis sie wider mit ihr spielen kann.

Die Mutter ist tot, der Vater auch, nur die Schwester lebt irgendwo da draussen in dieser lauten Welt. Früher sind sie zusammen in den Himmel hinaufgeschaukelt, bis ganz hinauf zu den Wolken und wieder zurück. Dann sind sie auseinander gegangen, sie hat begonnen zu schreiben, erst Gedichte, dann Kurzgeschichten und jetzt diese grossen Reportagen in Buchform. Sie hat Preise gewonnen, neue Freunde gefunden, sich Feinde geschaffen. Damit hat sie sich immer mehr vom Dorf und ihrer alten Welt entfernt.

Mit jeder Seite, die sie schrieb, wurde sie besser. Jede neue Geschichte wurde noch mehr gelobt, die Zeitschriften überboten sich, um etwas von ihr abdrucken zu können. Nächtelang sass sie träumend an ihrer Schreibmaschine und flog durch Geschichten, die am nächsten Morgen sauber getippt auf dem Schreibtisch lagen.

Die Schwester, die im Dorf geblieben war, hatte immer mal wieder angerufen, kam zu den Lesungen in der Stadt. Sie erzählte von den Eltern und bat Marguerite, doch bei ihnen vorbeizuschauen. Irgendwie ist die Zeit im Rausch vorbeigezogen, erst starb Mutter, dann der Vater. Nie hat sie sich im Dorf blicken lassen, auch nicht an der Beerdigung. Sie hat sich zu sehr geschämt. Nach dem Tod der Eltern und vor allem seit sie mit Jean-Pierre zusammen ist, hat Marguerite nichts mehr von der kleinen Schwester gehört.

Sie lächelt leise, wenn sie an damals denkt. Jean-Pierre wollte sie gross machen, ihren Namen über alle Grenzen hinaustragen, nur – sie müsse angriffiger werden, dürfe keinen Skandal auslassen. So hatte sie begonnen, den Leuten mit ihren Reportagen auf den Zehen herumzutreten, Jean-Pierre recherchierte die Geschichten und sie verpackte diese in ihrem unverwechselbaren Stil. Pressekonferenzen jagten sich, erste Anklagen wurden eingereicht, Prozesse gewonnen, sie galt als Verfechterin der Meinungsfreiheit, und die Verkaufszahlen ihrer Bücher schnellten in die Höhe. Der Name Marguerite Duval prangte in grossen Buchstaben auf der Frontseite der grossen Zeitschriften.

Doch als sie keine Ruhe mehr finden konnte, brauchte sie etwas, um weiterzuarbeiten, sie trank, damit sie schlafen konnte, nahm irgendwelche Mittel, um sich am Laptop konzentrieren zu können. Kaffee reichte schon lange nicht mehr. «Meine Apotheke» nannte sie ihre Begleitung in den schweren Stunden, die sie immer wieder mit neuen Mitteln versorgte, die sie aus den Löchern ihrer Seele holten und sie schweben liessen so wie jetzt im Wagen kurz vor Zürich.

Zuerst schaut sich Margrittli bei der italienischen Musik um, wählt eine CD aus und schlendert dann hinüber zum deutschen Schlager. Wahllos greift sie sich einen Tonträger heraus und geht damit zur Theke.

«Können Sie mir diese hier abspielen?»

Die Verkäuferin öffnet die Verpackung, legt die CD auf und gibt Margrittli die Hülle.

Sie stülpt sich den Kopfhörer über die Ohren und blättert im weissen Textbuch auf der Suche nach dem ersten Lied.

«Sie wollten mit mir über Marguerite Duval sprechen?»

Der Mann neben ihr dreht sich langsam um, schiebt den Kopfhörer leicht zur Seite und dreht die Musik leiser. «Marguerite Duval ist in Gefahr.»

Margrittli summt ein paar Takte mit. «Ich habe die Zeitung auch gelesen. Irgendwelchen Spinnern gefällt nicht, was sie schreibt. Sie wird bedroht. Ein gefundenes Fressen für die Journalisten, oder nicht?»

Der Mann dreht sich um, sein Blick wandert über die Regale. «Diesmal ist es mehr, glauben Sie mir, diesmal ist es viel mehr. Denn diesmal wird man versuchen, sie umzubringen.»

Das weisse Textbuch fällt auf den Boden. Margrittli erstarrt für einen Moment. Da bückt sich der Fremde und hebt es für sie auf.

«Warum erzählen Sie mir das alles? Was wollen Sie von mir?»

«Ich will Sie warnen.»

Margrittli nimmt das Textbuch. «Warnen?»

«Sie lassen sich mit den falschen Leuten ein. Sie sind daran, ein sehr einsames Spiel zu spielen. Sie brauchen Freunde, wenn es gefährlich wird, ich wollte …»

«Sie ein Freund? Jemand, der in der Nacht um mein Haus schleicht, mich anlügt mit einer halbschlauen Hundegeschichte, jemand, der mich im Ausverkauf belästigt …»

Margrittli ist laut geworden, der Fremde legt seinen Kopfhörer auf die Theke und wendet sich zum Gehen. «Seien Sie ruhig», zischt er wütend, «es ist vielleicht jemand hier, der uns beobachtet! Nehmen Sie die Rolltreppe ins Erdgeschoss, gehen Sie zum Kiosk und kaufen Sie die hinterste ‹Glücks-Fee›. Meine Karte wird dort drin sein. Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen …»

Wie gelähmt steht Margrittli an der Theke. Was hat der Fremde gesagt? Dass sie jemand beobachten könnte? Langsam dreht sie sich um. Ausser ein paar Schülern steht niemand zwischen den Verkaufsregalen. Eben verschwindet der Mann von vorhin bei den Fernsehern. Aber da – folgt ihm nicht jemand? Dieser kräftig gebaute Kerl mit den kurz geschnittenen Haaren?

Margrittli schüttelt den Kopf. Sieht sie schon Gespenster? Dankend legt sie den Kopfhörer auf die Theke und fährt mit der Rolltreppe ins Erdgeschoss hinunter.

Dort wendet sie sich nach rechts zum Kiosk.

«Wo finde ich die ‹Glücks-Fee›?»

«Tut mir leid.» Die Verkäuferin schüttelt den Kopf. «Eben war ein Herr hier, der hat alle vorhandenen Exemplare gekauft.»

Manuel Maier steht an der Rezeption im Hotel Chlosterhof in Stein am Rhein und blättert in den herumliegenden Papieren. Der Portier hatte sich an einem Brötchen eine Plombe herausgebissen und war auf dem Weg zum Zahnarzt, um sich ein Provisorium einsetzen zu lassen. Manuel hatte beteuert, über genug Hotelerfahrung zu verfügen, um in der Zwischenzeit die Stellung zu halten.

Als Pietro Soldini das Hotel betritt und auf die Rezeption zugeht, beginnt das Telefon zu läuten.

«Hotel Chlosterhof, Maier … Guten Tag, Herr Murat. Ich schaue nach …» Manuel wirft einen Blick in ein Buch. «Ja, Ihre Reservation ist in Ordnung. Wann dürfen wir mit Ihrem Eintreffen rechnen?»

Pietro Soldini geht hinüber zu einem Ständer mit Prospekten und nimmt einen heraus.

«Das ist in Ordnung, dann wünsche ich Ihnen viel Spass, auf Wiederhören, Herr Murat.»

Manuel schaut sich kurz in der Halle um, geht dann zu den Toiletten, vergewissert sich, dass sie leer sind, schliesst sich in einer Kabine ein und zieht das Handy aus der Tasche.

«Hier Manuel, hallo Steff. Sie sind unterwegs. Eben hat Murat angerufen. Er wird am Abend hier eintreffen, will aber vorher noch den Rheinfall besuchen und …» Manuel stockt der Atem. Was ist das? Sind da nicht Schritte zu hören? Dazu dieses leise Knirschen von teuren Schuhen …

Er steckt das Handy in die Tasche, entriegelt die Tür seiner wc-Kabine, im gleichen Augenblick geht das Licht aus. Manuel horcht in die Dunkelheit, seine Augen suchen im Schwarz, das ihn umhüllt, einen Anhaltspunkt. Da, drüben bei den Lavabos ist wieder dieses Geräusch von Lederschuhen zu hören. Langsam bewegt sich Manuel vorwärts.

Zu seiner Linken hört er, wie ein Wasserhahn aufgedreht wird, er ballt die Fäuste, springt auf das Geräusch zu und schlägt ins Leere, unsanft wird er von der Seite gepackt und gegen die Wand gestossen. Als er sich benommen aufrappelt, hört er die Türe der Toiletten ins Schloss fallen.

Dann ist er alleine. Erleichtert atmet er aus, steht auf und macht Licht. Er nimmt das Handy aus der Tasche.

«Bist du noch dran? Nein, es war nichts, ein Witzbold hat das Licht im wc gelöscht. Hör zu: Sie sind jetzt in Zürich, mach dich auf den Weg.»

Manuel wäscht sich die Hände und wischt sich den Schweiss von der Stirn.

Freddy steckt eben sein Handy weg, Felix zündet sich eine nächste Zigarette an und Giancarlo leert demonstrativ ein weiteres Mal den Aschenbecher, da betritt Margrittli die Bar Adria.

«Endlich, wir haben schon gedacht …»

«Einen Tee bitte, Giancarlo.»

Der Kellner macht sich an seiner Maschine zu schaffen. Zischend fliesst das dampfende Wasser ins Teeglas.

«Wann und wo?»

«Zwischen vier und fünf. Auf dem Rheinfallfelsen. Wir haben einen sicheren Plan, Freddy meint, du solltest …»

Giancarlo stellt den Tee auf die Theke, wischt mit seinem Lappen über die Maschine und schaut interessiert zu seinen Gästen hinüber. «Na, Margrittli, willst du mir deine Freunde nicht vorstellen?»

Sie schaut den Kellner grimmig an. «Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten, ja?» Dann zerrt sie den erstaunten Giancarlo nach hinten.

«Was ist los mit dir?»

«Entschuldige, ich wollte mich nicht einmischen, aber deine neuen Freunde gefallen mir wirklich nicht!»

«Mir auch nicht.» Margrittli lacht. «Kannst du mir einen Gefallen tun?»

Der Kellner nickt.

Sie drückt Giancarlo den Schlüssel ihres Randenhauses in die Hand.

«Kann ich mich auf dich verlassen?»

Wenig später sitzt sie wieder an der Theke, nippt an ihrem Tee und lässt sich von Freddy den Plan erklären.

«Noch Fragen?»

Sie schüttelt den Kopf.

«Gehen wir!» Felix legt das Geld auf die Theke.

Giancarlo hält Margrittli am Handgelenk fest. «Wenn du jetzt gehst, kannst du nicht mehr zurück.»

Sie lächelt. «Das will ich auch nicht!»

SECHS

Margrittli, Freddy und Felix schlendern über den Fronwagplatz. Margrittli gönnt sich unterwegs ein Eis. «Wenn ich nervös bin, brauche ich etwas Süsses!»

Zur gleichen Zeit steigt Pietro Soldini in Stein am Rhein in seinen himmelblauen Porsche und braust los. Auf dem Beifahrersitz liegen eine Strassenkarte der Gegend und ein Prospekt des Rheinfalls.

Der grosse weisse Audi mit der schlafenden Marguerite Duval auf dem Rücksitz und einem gutgelaunten Jean-Pierre Murat am Steuer nährt sich langsam Winterthur. Auf dem Beifahrersitz setzt Linda Steiner, die Journalistin der «Glücks-Fee», einen neuen Chip in ihre Kamera ein.

Bei der Tankstelle in Andelfingen steht ein weisser vw Golf, am Steuer wartet der junge Steff Rohrer, der seinen Multitel- Overall gegen ein hellblaues Lacoste-Hemd getauscht hat und eine auffällige Romano-Monti-Sonnenbrille trägt, und beobachtet die vorbeifahrenden Wagen.

Obwohl es erst gegen vier geht, löscht Giancarlo die Lichter in der Bar Adria. «Geschlossen wegen Krankheit!», steht auf einem umgedrehten Tischset, das er von innen an die Tür klebt. Dann geht er zum Bahnhof, holt etwas in der Apotheke und besteigt den Bus nach Neuhausen.

Eine Frau in einem schwarzen Kleid steigt ganz hinten in den gleichen Bus ein, öffnet eine Gratiszeitung, lässt dabei aber den italienischen Kellner nicht aus den Augen.

«Was hast du eigentlich vor?» Linda Steiner packt ihre Kamera in die Tasche. «Du hast mir einen Knüller für die ‹Glücks-Fee› versprochen.»

Jean-Pierre Murat betätigt den Blinker und lenkt den Audi auf die Einspurstrecke in Richtung Schaffhausen. «Du kriegst deinen Knüller. Allerdings musst du mir etwas versprechen. Du musst vorläufig schweigen, der Zustand von Marguerite soll im Moment geheim bleiben.»

«Eine Journalistin kann nicht schweigen! Ich bin meinen Leserinnen verpflichtet.»

«Wenn du schreibst, was ich dir sage, bekommen deine Leserinnen die beste Story des Jahres, exklusiv natürlich.»

Linda lächelt leise. «Und wenn ich nicht schweigen kann?»

Murat tritt hart auf die Bremse, der Audi schlingert, ein Lastwagen hinter ihnen hupt, dann kommt der Wagen auf dem Pannenstreifen zum Stehen. Murat stellt den Motor ab.

«Bist du verrückt geworden?»

«Wenn du nicht schweigen kannst, meine Liebe, gehst du zu Fuss nach Schaffhausen, klar?»

Die Journalistin wischt sich den Schweiss von der Stirn. Dann räuspert sie sich. «Das ist ein Argument. Ich gehe nicht besonders gerne zu Fuss.»

«Versprochen?» Jean-Pierre hält ihr die Hand hin.

«Versprochen!» Die Journalistin nimmt die Hand des Managers der angriffslustigsten Schriftstellerin des Landes, beugt sich zu ihm hinüber und küsst ihn lange und ausgiebig auf den Mund.

Murat dreht zufrieden den Zündschlüssel und fädelt sich wieder in den Verkehr ein.

«Du schreibst Folgendes, liebe Linda. Marguerite Duval hat ihren Urlaub in St. Moritz genossen und kommt voller Tatendrang nach Schaffhausen. Dort besichtigt sie den Rheinfallfelsen und fährt danach nach Stein am Rhein, wo sie im Hotel Chlosterhof logiert. Damit du alles genau beobachten kannst, bekommst du ein Zimmer neben uns und darfst uns auf allen Ausflügen begleiten. Du machst Fotos, die zeigen, wie sich Marguerite Duval amüsiert. Dieser Artikel kommt dann in der ‹Glücks-Fee›.»

«Aber das ist gelogen», die Journalistin zeigt auf den Rücksitz, «ihr geht es doch miserabel!»

«Richtig.» Murat legt ihr die Hand auf den Arm. «Darum wollen wir sie auch eine Weile schonen, Marguerite Duval wird heute auf dem Rheinfallfelsen durch eine Doppelgängerin ersetzt.»

«Und diese Story, ich meine, das ist …»

«Das ist dein Knüller, Linda. Exklusiv für die nächste ‹Glücks-Fee›!»

Die Journalistin zückt ihr Handy und tippt geschickt eine SMS ein. «Dann reserviere ich schon einmal die Seiten für meine Story!»

Eine kalte Hand packt Jean-Pierre an der Schulter. Beinahe hätte er die Beherrschung über das Fahrzeug verloren. «Marguerite, wie geht es dir?»

«Miserabel, wenn ich euch zuhöre! Du kannst doch nicht einfach …, und ohne mich zu fragen!»

«Es ging dir nicht gut, du bist in Chur zusammengebrochen, weisst du das nicht mehr?»

«Jetzt geht es mir besser. Und was macht die hier?» Die Schriftstellerin wirft Linda einen wütenden Blick zu.

«Darf ich vorstellen, das ist die Journalistin Linda Steiner von der ‹Glücks-Fee›, sie wird über dich schreiben.» Linda dreht den Kopf und nickt Marguerite lächelnd zu.

«‹Glücks-Fee›? Das ist doch kein Journalismus!», zischt sie böse. «Das sind doch bloss verdünnte Träume für zickige Weiber in den Wechseljahren!»

Jean-Pierre lacht laut. «Es geht dir wirklich besser! Angriffslustig und direkt wie immer!»

«Wenn ich nur nicht so müde wäre …» Langsam rutscht ihre Hand von seiner Schulter, und sie sinkt auf das Polster des Rücksitzes zurück.

«Es wird alles gut, meine Liebe, du musst nur machen, was ich dir sage!»

Während der Fahrt nach Neuhausen zieht sich Margrittli auf der schmalen Rückbank des Mini Cooper von Felix den gelben Mantel an und schlingt sich das giftgrüne Kopftuch um die Haare. «Na, wie sehe ich aus?»

Felix grinst. «Wie jemand, der an der Wahl zur ‹Miss Geschmacklos› teilnimmt.»

«So kannst du unmöglich an den Rheinfall!» Freddy mustert sie im Rückspiegel. «So fällst du allen Leuten auf.»

«Das wollen wir doch, oder nicht?»

Felix fischt sich eine Zigarette aus seiner Packung und zündet sie an. «Nein, wir wollen dich unauffällig mit Marguerite Duval vertauschen. So geht das nicht!»

Freddy hüstelt. «Musst du unbedingt im Wagen rauchen?»

«Ich bin nervös. Und wenn ich nervös bin, muss ich rauchen.»

«Dann dreh das Fenster herunter. Und du, Margrittli, ziehst jetzt augenblicklich dieses Fastnachtskostüm aus.»

«Ich denke nicht daran!»

«Margrittli!», brüllt Freddy wütend, «du bekommst gutes Geld, damit du dich mit Marguerite Duval vertauschen lässt. Und wir sagen dir, wie die Aktion ablaufen soll! Ist das klar genug?»

Margrittli lehnt sich zurück. «Ist es verboten, wenn man mitdenkt? Stellt euch mal die folgende Situation vor: Jemand steht bei der Anlegestelle der Boote und beobachtet, was vor sich geht. Er sieht eine junge Dame mit etwas auffälligen Kleidern, richtig?»

«Eine Vogelscheuche, wolltest du sagen!»

«Von mir aus eine Vogelscheuche. Er schaut sie an, und was denkt er?»

Felix nimmt einen tiefen Zug. «Er denkt: die armen Kerle, die mit ihr ausgehen müssen.»

«Genau. Er schaut sie sich genau an und denkt sich seinen Teil. Dann kommt die Duval, und die Vogelscheuche ist vergessen. Und wenn dann die Vogelscheuche wieder vom Rheinfallfelsen zurückkommt, dann …»

«Genial!» Freddy hält an einem Lichtsignal hinter einem himmelblauen Porsche. «Wenn du wieder vom Rheinfallfelsen kommst, denkt er: Schon wieder die Vogelscheuche, und die Sache ist gegessen.»

«Und das Gute, Freddy, ist, dass die Vogelscheuche, die vom Rheinfallfelsen kommt, nicht irgendwer sein wird, sondern die gejagte Schriftstellerin Marguerite Duval.»

Pietro Soldini parkt seinen Porsche etwas abseits, schaut dann auf die Uhr. Zwanzig vor fünf. Er setzt eine Sonnenbrille auf, nimmt die Tasche mit der Videokamera und schliesst den Wagen ab. Er braucht ein paar Minuten, bis er sich an das Tosen der Wassermassen gewöhnt hat. Langsam geht er auf das monumentale Schauspiel zu. Er will jetzt schauen und geniessen, nachher würde er keine Zeit mehr dazu haben.

Immer wieder hebt er die Kamera, sucht sich einen lohnenden Ausschnitt, zoomt die brausende Wasserwand zu sich heran, bis nur noch Wasser sichtbar ist, keine Felsen, keine Häuser, kein Himmel, nur die rohe Kraft des Elements.

Dann atmet Soldini tief durch. Nun würde er den Wasserfall vergessen. Ihn in den Hintergrund schieben und sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf die Menschen, die sich hier befinden, und auf diejenigen, die noch kommen würden.

Er ist nicht der Einzige, der sich für Marguerite Duval interessiert, auch der Mann an der Rezeption im Hotel Chlosterhof wollte etwas von ihr, wie viele würden es noch sein? Er weiss es nicht, doch er wird sich vorsehen. Nur wer mit allem rechnet, hat Erfolg!

Als Erstes nimmt er sich alle Anwesenden vor: ein älteres Ehepaar, das sich zu streiten scheint, die zwei jungen Männer mit der bunt gekleideten Frau («Eine richtige Vogelscheuche!», und er grinst, als er das denkt), die Familie mit den drei Kindern, die Eis essen, der Mann auf der Bank, der wie ein arbeitsloser Kellner aussieht, die Frau im schwarzen Kleid mit der Gratiszeitung weiter drüben (wer liest denn schon bei einer solchen Kulisse?), dann die Frau mit dem Kinderwagen, die, wie es aussieht, auf jemanden wartet. Sie alle filmt er, später würde er sich die Bilder in Ruhe noch einmal anschauen.

Als Marguerite Duval in ihrem beigen Mantel vom Parkplatz zum Rheinfall hinunterschreitet, auf Jean-Pierre und Linda gestützt, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Pietro Soldini dreht sich langsam um und lässt die Kamera sinken, der Kellner Giancarlo auf der Bank hebt den Kopf, die Frau im schwarzen Kleid lässt ihre Gratiszeitung sinken, Steff, der von den Parkplätzen kommt, bleibt stehen, und Margrittli, Freddy und Felix erstarren.

Nur kurz dauert dieser Moment, höchstens so lange wie der Flügelschlag einer Schwalbe.

Dann ist es vorbei. «Kommst du?» Jean-Pierre drückt den Unterarm von Marguerite, und sie gehen auf die Brücke zu, die zum Restaurant und zur Bootsanlegestelle führt.

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