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Daimon Legion
Die Stunden der Nacht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Das letzte Wort
Impressum neobooks
Zitat
Aus glühenden Augenhöhlen
und mit scharfen, blutverkrusteten Reißzähnen
starrte es mich voll verdorbenem Hohn an,
denn es wusste
um mein unausweichliches Ende.
H. P. Lovecraft
Der Hund
1
In der Nacht
Die Südvorstadt galt seit jeher als Kneipenmeile.
Es machte keinen Unterschied, ob es Samstag oder unterhalb der Woche war – auf den holprigen Pflastern, die noch aus grauer Vorzeit stammten, und in den Altbauten, welche nur noch durch groben Putz und Schichten aus Werbeplakaten zusammengehalten wurden, tobte das Leben. Hier jubelten Menschen der verschiedensten Klassen, denn für jeden Charakter von ihnen gab es den passenden Tresen. Restaurants lockten mit Burgern und dem American Way of Life, subkulturelle Punks tanzten wild zu einem Stubenkonzert, Biker parkten blinkende Kerosinkarossen vor ihrem Stammklub und in dunklen Kaschemmen versumpften die Niedergeschlagenen zu einem letzten Bier.
Wer an den offenen Eingangspforten vorbeimarschierte, stolperte von einer Geräuschkulisse in die nächste. Bald vermischten sich die Töne mit dem eigenwilligen Musikgeschmack der Passanten, die auf der Straße liefen und ihre Lieblingslieder von Rave bis Hip Hop lauthals über ihre Handys der Welt unaufgefordert präsentieren.
Als ob der Lärm von Straßenbahnen und Autos nicht genügen würde, dachte Issy genervt.
Mit kaltem Wind und einem neuen Besucher kam der ganze Krach zu ihr herein.
Schallend fiel die schwere Holztür kurz darauf wieder ins Schloss und die junge Bardame polierte weiter still konzentriert die Biergläser am Spülbecken hinter der Theke. Sie selber spielte lieber handfesten Rock in ihrer kleinen Schenke, um die lästigen Außengeräusche zu übertönen. Sacht nickte sie mit dem Kopf zu einem Song von Nirvana.
Einige Gäste grölten schon schief mit.
Ja, die Jungs dort drüben beim Darts waren gut unterwegs. Dass die überhaupt noch die Scheibe trafen, grenzte ihres Erachtens nach an ein Wunder. Die Happy Hour hatten die Burschen gut genutzt, um sich mit Bier einzudecken, und Issy hatte nichts dagegen – solange es nicht zum Streit kam.
Erst letzte Woche gab es einen Vorfall, drei Ecken weiter die Straße hinunter. Eine Messerstecherei zwischen verfeindeten Gruppen, ein Toter, drei Schwerverletzte. Auch wenn das Viertel allgemein Amüsement anbot, sollte doch niemand die Gefahr unterschätzen, die unter den Menschen brodelte. Wer bei einem solchen Konflikt in die Schussbahn geriet, hatte oft schlechte Karten. Die Bewohner dieser Stadt sind nichts für schwache oder sanfte Nerven, wusste sie nur zu gut.
Als Issy den Burschen eine Runde Korn vorbeibrachte, meinte einer glatt, mit ihr tanzen zu wollen. Sie wand sich freundlich aus der unangenehmen Situation, machte einen Scherz, der Anklang fand und begab sich zurück auf die sichere Seite der Bar.
Mit dem Sound der Foofighters ließ die überhitzte Studentenverbindung komplett ihr Spiel sein und genoss bloß noch das reiche Angebot an Getränken.
Die Wirtin mit dem braunen Lockenkopf schmunzelte und schaute auf ihrer Playlist nach, ob sie nicht noch etwas Siebzigerjahre-Rock in die ohnehin gelöste Stimmung der Gäste mischen konnte.
Gegen vier Uhr in der Frühe, da Iron Butterflys Groove entspannt die letzten Nachtgestalten nach Hause trieb, wischte Issy noch die Flecken vom schwarzen Holz der Anrichte, leerte die benutzten Aschenbecher und wollte durchfegen, um schlussendlich ihre eigene Wohnung über der Kneipe auszusuchen, damit sie im Bett verschwinden konnte – jedoch lag dort unter dem Tisch ein junger Mann, schon im delirierten Halbschlaf.
Schnaufend brachte sie dem Betrunkenen auf die schlaffen Beine und schüttelte ihn so weit wach, dass der Bursche wieder zur Besinnung kam, um peinlich berührt seine eigene Hilflosigkeit mitzubekommen. Mit roten Ohren und unsicherem Gang schwankte er zur Kommode und griff mehrmals ins Leere, statt nach seinem gefütterten Anorak.
Höflich, wie Issy nun mal erzogen worden war, half sie ihm in die Klamotte.
„Isch danke dir, mei’ Herzbladd“, nuschelte der grüne Student mit schwerer Zunge und zog sie überschwänglich in eine Umarmung. Bevor er ihr noch auf den Schultern im Stehen einschlief, löste sich die Wirtin von ihm, zog die Tür auf und die frostige Luft eines Januarmorgens blies dem Mann Schneeflocken ins milchbärtige Gesicht.
„Kann ich nich’ bei dir bleiben, Süße?“, liebäugelte er trunken mit ihr, aber Issy war keine, die sich von einem niedlichen Dackelblick um den Finger wickeln ließ.
„Komm doch einfach morgen wieder!“, grinste sie lässig und schob ihn etwas zur Tür hinaus.
„Okay“, feixte er schief (das stand ihm nicht mal schlecht, musste sie zugeben), „das is ’n Versprechen, Knuddelmaus …“, und stolperte die zwei Stufen hinunter auf den Bürgersteig. Seine Turnschuhe traten in eine nasskalte Schneewehe. Torkelnd, als bewegte er sich auf Wackelpudding, drehte der Junge eine Achse um sich selbst, um Issy nochmals laut zu grüßen: „Dann bis morgen! Ich heiß Mark! Wie heißt’n du eigentlich?“
„Isabel“, antwortete sie und zog mit einem Winken die Tür zu. „Bye, Mark!“
Das Schloss rastete ein.
Allein mit sich und der Musik, lächelte Issy vor sich hin, während sie Klarschiff machte.
Wäre der Typ nicht so sturzbesoffen gewesen, hätte sie vielleicht länger überlegt. Attraktiv ist er ja, dachte sie, die paar Jahre jünger stören mich wenig. Zumindest ist er über achtzehn … Und wenn er studiert, hat er ja vielleicht doch mehr als Saufen und Darts im Kopf. Was wohl sein Fach ist?
Interesse flammte in ihr auf. Sollte sie ihn morgen danach fragen, solange er nüchtern war?
Ein wenig tat es ihr leid, Mark in seinem bleiernen Zustand vor die Tür gejagt zu haben.
Hätte sie ein Taxi rufen sollen?
Na ja, zuckte sie die schlanken Schultern, geht schon alles gut. Um die Uhrzeit wird ihm sicher kein Mensch mehr auflauern.
Und ist ja nicht so, dass ein großer Junge wie Mark nicht auf sich aufpassen könnte …
Gerade als Issy so an ihn dachte, wurde Mark bewusst, dass alles vorbei war.
Die Vorlesung über plastische Chirurgie würde er verpassen.
Und auch das Examen würde er nicht schaffen.
Er würde niemals Arzt werden.
Oder gar Issy morgen Abend wiedersehen, um ihr zu sagen, dass er sie wunderschön fand.
Dies war das Ende.
Sein Ende.
Der Tod kreuzte ihm den Heimweg.
Mit Reißzähnen und Krallen.
2
Dani und Jules
„Hey, kleines Kätzchen! Heute schon miaut?“
Bei dieser plump-dreisten Anmache konnte Dani nur seufzend die Augen verdrehen.
Durfte sie nicht einmal den Weg durch die Stadt nehmen, ohne von hormongesteuerten Idioten belagert zu werden? Wie kamen die überhaupt auf den Gedanken – wenn diese Sorte Kerl denn dachte – dass sie auf ein solch billiges Angebot anspringen würde? Sagte ihre ganze Ausstrahlung nicht schon: „Mach mich dumm an und du wirst es bereuen“?
Offenbar nicht.
Ein leichtes Knurren entwich ihrer mit Spinnen tätowierten Kehle und das silberne Piercing in der rechten Braue zuckte, weil sich ihre Stirn in Falten legte. Mit einer leichten Handbewegung strich sie sich eine violett gefärbte Haarsträhne aus der Sicht und wandte ihr hübsches Gesicht diesem verhassten Macho zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr blauäugiger Blick aus den mit Mascara und Lidschatten dunkel geschminkten Augen sprach Bände.
Doch der Mann verstand immer noch nicht, dass der Ofen für ihn aus war.
„Na, haste mal Bock auf was Großes?“, fühlte der sich wohl in seinen lächerlichen Avancen bestätigt und grinste dämlich, die weißen Zähne zeigend. Er war viel größer als ihre eins siebzig und schien im Fitnessstudio heimisch zu sein. Dunkle Haare, braune Haut, bartloses Gesicht und gekleidet wie ein Yuppie – mit Polohemd, Wollmantel und Markenhose. Ein überheblicher Typ, der meinte, bei jeder Frau punkten zu können, wenn er mit einem Hunderter wedelte.
Fehlanzeige bei ihr, allein für seinen Stil.
Gegen seine geschniegelte Gestalt wirkte Dani für unwissende Normalbürger heruntergekommen. Ihre arg verbeulte schwarze Lederjacke mit Nieten und abgetragenem Skelettaufdruck schrie nach gesellschaftlicher Rebellion und ihre rot karierte Jeans hing Riss an Riss, dass ihre Blässe durch die losen Fasern blickte. Für ihren schlanken Körper trug sie zu wuchtige Stiefel mit geschraubten Sohlen.
Jene waren ihr stets von Nutzen gegen Feindschaften der penetranten Art. In dieser Stadt musste sie schließlich immer auf der Hut sein. Zu blöd, dass sie gut aussah … andernfalls hätte sie mehr Ruhe.
Die junge Frau ballte die Fäuste.
Sie war bereit. Ihr Gegenüber nicht.
Der Idiot kam sogar bereitwillig in ihre Reichweite, als er die Hand auf ihre linke Schulter legte und frech behauptete: „Komm schon, Puppe, du willst - !“
Hallo, mein Freifahrtschein zur Notwehr!
Dani packte den kräftigen Arm, verdrehte ihn, dass der Mann ihr noch näher kommen musste, und traf mit drei schnellen Schlägen seine rechte Niere. Keuchend kippte er nach vorn und sie riss ihr Knie hoch, um es gegen seinen Kiefer prallen zu lassen.
Tja, für ihn hieß das ein Gang zum Zahnarzt.
Und offiziell würde sie die Rechnung tragen. Aber wo sie schon mal dabei war …
Halbe Sachen lagen ihr nicht. Zum Abschluss trat sie ihm derb in die Weichteile. Ein eindeutiger Denkzettel, der ihn davon abhalten würde, je wieder eine Frau zu belästigen.
Die umstehenden Menschen blickten auf. Ihre kleine heile Winterwunderwelt war unverhofft von Gewalt durchbrochen worden. Sie passte so gar nicht zu der noch weihnachtlich geschmückten Fassade des allzeit beliebten Einkaufszentrums, in dessen belebter Fußgängerzone sie stattgefunden hatte. Während künstliche Tannenbäume und hohle Geschenke im Schaufenster glänzten, schimmerte nun Blutstropfen und Zähne wie Perlen auf dem Pflaster. Ein Kind begann zu heulen.
Die zwei Freunde des Aufschneiders hielten ihre Glühweintassen fest in der Hand und gafften doof. Wie auch der Verkäufer in seiner Marktholzbude, oder die dralle Dame am Zuckerwarenstand. Alle Gesichter, die Dani anstarrten, wirkten wie eingefroren vom Wind. Eigentlich hätte es in der Straße laut zugehen müssen von all dem Stimmengewirr und den zig Straßenmusikern, die trotz der verblassten Feiertage noch immer „Oh du Fröhliche“ anboten. Doch jetzt waren alle Geräusche verstummt. Allein ihretwegen.
Und nun?
Postwendend schossen ihr zwei Möglichkeiten durch den hübschen Kopf.
1 Sie könnte auf die Polizei warten und sich verteidigen gegen die mit Sicherheit aufkommenden Verleumdungen der Zeugen, die aussagen würden, der Macho hätte bloß einen Scherz versucht, bei dem die asoziale Trulla – natürlich sie – überreagiert hätte.
2 Sie könnte stiften gehen, volle Möhre, und demnächst die Innenstadt meiden. Praktischerweise war sie in aufgedonnerter Ausgehmontur unterwegs, dann würde sie mit schlichter Alltagskluft unter all den Menschen verschwinden. In ein paar Wochen wäre die Sache vergessen, die Polizei hatte bekanntlich andere Sorgen …
Was stand sie also hier rum?
„Tschüssili!“, feixte die Punkerin und huschte davon.
„Hey!“, rief ihr einer brüllend nach und sicher verfolgte derjenige sie auch durch den Strom der Passanten.
Dani aber würde nicht auf ihn warten. Wie ein Wiesel schlängelte sie sich an den Entgegenkommenden vorbei und verschwand im Schutz der Masse. Eine Gruppe der historischen Stadtführung gab ihr Deckung.
Es sollte zudem ihr Glück sein, dass an den Straßenbahnhaltestellen beim Platz der denkmalgeschützten Oper gerade die richtige Tram nach Hause einfuhr. Gleich einem jungen Reh sprang sie die eisernen Stufen hoch und ließ sich in eine der spärlich gepolsterten Plastikmuscheln fallen. Andere Fahrgäste nahmen ihre Sitze gelassener ein und keiner schenkte ihr ausreichend Beachtung.
Wie gut, dass sie mit ihrem extrovertierten Äußeren in dieser kunterbunten, so scheinheilig viel gepriesenen multikulturellen Studentenstadt nicht mehr auffiel als ein Grevy- unter Steppenzebras. Da erweckte der nach Patschuli riechende und mit Glöckchen klingelnde Goth oder der laut Musik hörende Rapper mehr Aufsehen. Der Oi-Skin mit Fliegerjacke und Hund an der Leine zog sowieso alle Blicke auf sich, weil er sein Bier tönend entkronte. Den kümmerten die Regeln noch weniger als sie …
Während die Bahn ratternd anfuhr und an meterhohen Geschäftsgebäuden, verstaubten Museen, lärmenden Baustellen und modernen Hotels vorbeirauschte, sackte das Erlebnis von eben in Dani nieder.
Sie hatte mal wieder zu impulsiv gehandelt, das stand fest. Irgendwann würde ihr dieses Verhalten noch große Schwierigkeiten einbringen. Aber sie musste sich ja auch nicht alles gefallen lassen, oder? Was kümmerte es sie, dass der Kerl morgen im Krankenhaus aufwachte und seine teure Mahlzeit püriert durch den Schlauch saugen musste? Und wenn es dann noch hieß, dass seine chauvinistischen Gene sich nicht mehr fortpflanzen konnten, war das nur die gerechte Strafe.
Gut, ihrem ehemaligen Budo-Lehrer erzählte sie besser nichts davon. Der predigte zwar zu Recht, dass Menschen mit Macht diese nicht nutzen sollten, um andere zu beherrschen – wohl aber, um ihnen eine zu verpassen, wenn sie es doch verdienten! Jedenfalls war das ihre Meinung.
Angreifen, bevor ich selbst angegriffen werde. Scheiß auf Jesus’ fromme Wangengeschichte. Scheiß auf Gewalt ist keine Lösung. Scheiß auf Vergeben und Vergessen, noch ist mein Hirn zu jung, um verkalkt zu sein. Selber schuld, wer mich provoziert.
Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie sich geschworen, niemals mehr wem unterlegen zu sein. Nie wieder wollte sie ein Opfer sein und kampflos aufgeben oder gar sterben.
Sie wollte nicht so enden wie ihre Eltern.
Nicht auf die Art …
Schnaufend biss sich Dani auf die Unterlippe. Die Wut stieg in ihr auf und sie wünschte sich irgendeinen elenden Drecksack, den sie ordentlich verprügeln konnte. Das wäre zwar keine Wiedergutmachung für ihre Probleme, täte aber Gewissen und Gemeindewohl gut. Sie war keine Heldin, dennoch forderte sie Gerechtigkeit. Wirkliche Gerechtigkeit, und kein ellenlanges Verfahren, welches am Ende nur im Sand verlief. So einige Verbrechen in dieser Stadt blieben leider zu oft ungesühnt.
Der Waggon hielt an der nächsten Station.
Menschen strömten heraus. Menschen strömten herein.
Hinter ihr nahm eine Mutter mit Kind Platz.
Wie würde es dem kleinen Jungen ergehen, wenn Mama plötzlich nicht mehr da wäre? Wenn seine Eltern aus heiterem Himmel getötet werden würden? Würde er von einem Kinderheim zum andern ziehen? Oder hätte er vielleicht ein Zuhause bei den Großeltern gefunden, die versuchen würden, ihn über seinen Schmerz hinwegzuhelfen? Würde er von dem Gefühl der Rache aufgezehrt werden? An seiner Trauer ersticken? Oder könnte er die Kraft seines Zorns nutzen, um stark zu werden? Und irgendwann wäre die Zeit gekommen, dass er Vergeltung einfordern konnte.
Sie fühlte, dass ihre Nägel sich in die Handballen gegraben hatten und lockerte den Griff.
Irgendwann …
Dani verließ die Bahn mit einem geübten Sprung von der obersten Stufe aus. Mochten die anderen Reisenden darüber denken, was sie wollten, es kümmerte die junge Frau nicht.
Jeder Mensch hat Macken. Ihr eure, ich meine.
Der Fußweg unter ihren dicken Sohlen war uneben, vom Schneematsch verkrustet und mit spärlich wachsendem Unkraut durchsetzt. Vertrocknetes Gras drang durch die Ritzen der offenen Mauerfugen von Hauswänden. Viele Gebäude waren baufällig, die grau-braunen Fassaden rissig und von Farbe beschmiert. Die Mieten – wenn denn für einen Bezug zumutbar – standen niedrig. Aus so manchem Fenster dröhnten lautes Grölen und Musik in allen Facetten. Doch die Nachbarschaft war der eigenwilligen Punkerin egal, solange sie einen guten Schlafplatz hatte.
In ihren Teenagerjahren war Dani viel umhergezogen. Häufig war sie bei Freunden und deren Freunden untergekommen und kannte daher die verschiedensten Lebensstile und Einrichtungsmethoden, von rustikalem Sperrmüll über Selbstgebasteltes bis hin zur Neuware. Die Schule hatte sie lustigerweise nie aus den Augen verloren, war ihr ja bewusst gewesen, dass eine gute Bildung schon mal die Hälfte ihres ganzen Planes ausmachte. Sie hatte sogar das Abitur geschafft, nur für ein Studium fehlte es ihr an Muße. Und selbstverständlich Geld.
Ein kleines Tattoo-Studio bot ihr heute einen Arbeitsplatz und Freiheit zugleich an. Der Lohn reicht für die nötigsten Dinge des geregelten Bürgerlebens, für alles Weitere sorgt sie selbst.
Oder Jules.
Sie bog in die Seitenstraße ein und betrachtete die chaotischen Graffitis an der Wellblechaußenwand der stillgelegten Lebensmittelfabrik. Es handelte sich um die üblichen Spinnersprüche und Gang-Logos. Die knalligen Farben waren an dem Geschmiere noch das Beste. Vielleicht sollte sie ein paar alte Kumpels fragen, ob die etwas Richtiges an die Umwallung bringen konnten. Schließlich sollte ihr Zuhause schon eine gewisse Persönlichkeit ausdrücken.
Wie wäre es mit den Ghostbusters?
… echt, das würde passen wie die Faust aufs Auge.
An der eisernen Zugangstür zog Dani ihren Schlüsselbund aus der Hosentasche und öffnete die Pforte zu einer riesigen Halle, wo früher Rollbänder, Walzen und Industrieöfen gestanden hatten. Diese ehemaligen Inhalte waren vor Jahren verschwunden und hinterließen eine gähnende Leere, die allein durch emporgesetzte Zugangswege und deren Treppenabgänge unterbrochen wurde.
Den zum Teil noch gekachelten Fabrikboden bedeckten nun Stücke von verschiedenen Auslegewaren und alte Perserteppiche, die sie zumeist im Müll gefunden hatte. Massige, mit Büchern vollgestopfte Schrankwände standen scheinbar willkürlich verstreut im Raum herum und gaben dem Ganzen den Eindruck einer fehlerhaften Bibliothek – doch jede der Abertausend Schriften hatte seinen festgelegten Stellplatz. Sitzmöglichkeiten boten ein roter Ledersessel und ein abgenutztes, dennoch ausgedehntes grünes Sofa.
Kabel lagen herum und versorgten beispielsweise einen Fernseher auf dem Sideboard und zwei Computer am großen Schreibtisch mit Strom. Kühlschrank und Gefrierbox summten in einer Küchenecke unterhalb der freien ersten Etage. Es gab auch eine angeschlossene Spüle und sogar eine Waschmaschine. Hinten in der Halle waren Kleiderschränke und ein großes Bett aufgebaut. Und es existierte ein mit grauen Sportmatten ausgelegter Trainingsbereich, wo sie ihre täglichen Übungen machen konnte, um fit zu bleiben. Ein viel gebrauchter Sandsack hing dort von einer der metallischen Brücken.
Es war kein gewöhnliches Zuhause. Vor allem jetzt, im Winter, war es auch nicht gerade gemütlich warm. Durch Lücken in den Fensterscheiben pfiff meistens der Wind. Bei Regen war das Dach stellenweise undicht, weshalb überall ein Eimer griffbereit stand. Vieles müsste dringend ausgebaut und erneuert werden. Doch trotz aller Mängel liebte Dani diesen Schuppen. Er gehörte ihr.
Und Jules.
Sehen konnte sie ihn nicht wirklich, doch hören. Sein Gemurmel drang durch das Metallgitter der Etage über ihr, wo er seine Denktafeln hatte – wie er sie nannte. Eigentlich waren es bloß einfache ausrangierte Schultafeln, auf denen er mit Kreide seine verworrenen Gedanken zurechtrücken konnte. Allerdings sollte man nie den Fehler machen, etwas eigenmächtig darauf zu verändern, wenn man nicht wollte, dass der Herr Professor komplett die Fassung verlor. Eine absteigende blaue Dunstwolke sagte ihr, dass er zu viel rauchte.
„Bin wieder da!“, kündigte Dani sich an und ihre Stimme hallte durch die Fabrik.
Rumpelnd und polternd sah sie ihn undeutlich vom Stuhl fallen. Das war typisch Jules. Wenn er in seiner Welt steckte, vergaß er alles außerhalb. Lächelnd ging Dani auf die Eisentreppe zu, die sie hoch auf die nächste Ebene führte, hinein in ein zerstreutes, kleines Zauberreich.
Jules’ „Büro/Labor“ bestand im Grunde aus alteingesessenem Chaos und spleeniger Kreativität. Ein Schreibtisch voller Aktenordner, Zettelwirtschaft und ein Gestell aus verschiedenen Gläsern für chemische Experimente; Pflanzenbehälter in jeder freien Ecke mit unzähligen Heilkräutern – die sicher längst vertrocknet wären, wenn Dani sie nicht ab und zu gießen würde – und Schränken, angefüllt mit Sammelsurium.
Hinter Glasscheiben lagerten hier Mineralien und Edelsteine, Muscheln und Schmuckgegenstände, Fossilien, Skelette von Kleintieren und steinerne wie hölzerne Artefakte von weltweiten Kulturen. Noch dazu Jules’ älteste und wertvollste Bücher, teils in Leder und Leinen gefasst, noch seltenere nur als Schriftrolle.
Der Professor richtete gerade seinen breitfüßigen Stuhl auf. Er pflegte beim Nachdenken auf dessen Lehne zu hocken, die Sohlen seiner weißen Sneakers auf dem Sitzpolster. Eine unsichere Haltung, wie sich ja zeigte, wenn man ihn aufschrecken ließ. Der metallische Gitterboden war übersät mit zerknülltem Papier und einigen, aus den Händen verlorenen Büchern. Meist balancierte er mehrere auf dem Arm wie ein Kellner Teller. Der Aschenbecher auf dem Tisch quoll über von Kippen.
„Oh, hi!“, grüßte er sie flatterhaft mit der aktuellen Zigarette zwischen den Zähnen. „Ich war gerade …“, aber er brauchte gar nicht weitersprechen. Hinter seiner rundrahmigen Brille las sie in den braunen Augen, dass er noch nicht ganz auf den Planeten Erde zurückgekehrt war. Was er sah, war nicht sie oder die Halle, sondern irgendetwas weit Entferntes. Sphären fern der menschlichen Überlieferungen. Dabei hatte sie ihn bloß ein paar Stunden allein gelassen.
Sein aschblondes, schulterlanges Haar hatte er fahrig zum Zopf gebunden und graue Kreideflecken bedeckten sein schwarzes Hemd und die ebenfalls schwarze Jeans. Die Finger seiner schlanken Hand waren gelb vom Nikotin. Über seine Studien hinweg hatte er natürlich wieder das Essen vergessen – dabei war er schon lang und dünn wie eine Bohnenstange. Wenn sie nicht aufpasste, würde er ihr noch vor den Büchern verhungern.
Beim Anblick der kleinen Schrift auf den dicht beschriebenen Tafeln wurde Dani erneut klar, warum Jules es schwer hatte, an der hiesigen Universität eine Dozentenstelle zu besetzen. Er war schlicht und ergreifend besessen von seinem Fachgebiet – auch wenn ihn das überall bloß Spott einbrachte. Würde er es seriöser angehen, hätte er noch die Kompetenz übrig. Jedoch erschien er allen Zuhörern mehr wie ein Irrer, wenn er einmal in Fahrt kam.
Das Manko eines jeden Genies.
„Beschäftigt?“, schmunzelte sie und lehnte sich an das Eisengerüst.
„Gnostik“, antwortete er beschämt, „ich könnt mich drin verbeißen. Am liebsten würde ich die ganze Bibel neu übersetzen und diese religiösen Ungereimtheiten -“
„Der Vatikan hat dich bereits verteufelt, mehr kannst du bei der Kirche nicht erreichen. Verbeiß dich lieber in die Lasagne, die im Kühlschrank liegt.“
„Ich hab keinen Hunger …“, winkte er ab und atmete Rauch aus.
„Jules“, klang sie leicht drohend, „die hab ich dir gestern Abend für heute Mittag gemacht. Soll ich mich etwa umsonst hingestellt haben? Der Doktor kriegt einen Anfall, wenn ich dich noch mal zu ihm schleifen muss und deine Werte jenseits von Somalia liegen …“
Offenbar zog die Schelte, denn er wurde recht klein. Obwohl er älter war als sie, hatte sie ihn besser im Griff. Blinzelnd sah Jules auf seine Armbanduhr und stöhnte lang. „Wo ist die ganze Zeit hin? Mir kommt es vor, als wärst du erst vor einer Stunde oder so gegangen!“
„Vor fünf Stunden“, korrigierte sie ihn bissig lächelnd. „Robert hat das Studio heute früher dicht gemacht, weil sein Junge Geburtstag feiert. Hab ich dir gestern gesagt.“
„Ach, sorry …“, seufzte er und rieb sich die Augen, „ich bin raus.“
„Dann lass die Gnostik Gnostik sein und wir essen zusammen, okay?“, schlug sie vor und setzte gleich an: „Ich hab auch Neuigkeiten erfahren, die dich interessieren werden.“
Jules hob eine dünne Braue. „So? Worum geht es?“
„Ich erzähl es dir nach dem Essen.“
„Mist.“
3
Lichtfänger
Jules rieb sich die geschlagene Schulter. Nachdem er unachtsam Dani gestanden hatte, dass er in den fünf Stunden auch nichts getrunken hatte, ließ sie mehrere Treffer auf ihn landen.
Seine junge Freundin war hart und manchmal sehr brutal, doch er wusste, sie war nur deshalb so grob zu ihm, weil sie ihn aufrichtig liebte und sich mehr als große Sorgen um ihn machte.
Er sah ja auch vollkommen ein, dass sie recht hatte.
Bevor er sie vor zwei Jahren kennengelernt hatte, brachte ihn seine damalige Freundin unter Wut und Tränen ins Krankenhaus, nachdem er über der Arbeit zusammengebrochen war und an Unterernährung litt, die schon als lebensbedrohlich galt. Kaum, dass er wieder stehen konnte und zu Stift und Zettel griff, verließ sie ihn und die Ärzte hielten es für ratsam, ihn weiter festzuhalten – in der psychiatrischen Abteilung.
Wenn seine französische Mutter und sein englischer Erzeuger sich jemals ernsthaft für ihn interessiert hätten, statt quer durch die heile weite Welt zu irgendwelchen diplomatischen Seminarsitzungen und archäologischen Ausgrabungen zu reisen, wären sie vielleicht sogar enttäuscht gewesen, dass ihr einst vielversprechender Junge nicht an einer Hochschule lehrte, sondern in der Klapse gelandet war. Welch ein Glück, dass der Kontakt seit Jahren miserabel verlief …
Bei einer albernen Gruppensitzung war ihm dort in der weißen Hölle dieser störrische Wirbelwind begegnet und ihr unbeugsames Temperament hatte ihn schlichtweg umgehauen. Von anderen Gemeinsamkeiten ganz zu schweigen, weswegen sie auch später noch miteinander sprachen und bald glücklich zusammenlebten.
Na ja, mehr oder weniger …
Ihre felsenfeste Haltung ließ ihn öfters an seine Grenzen stoßen und er war blöderweise ein unverbesserlicher Workaholic. Seinen selbstzerstörerischen Wissensdrang konnte er nie abschalten. Er musste einfach lesen. Denken. Forschen. Fragen beantworten, die andere als unlösbaren, unerklärlichen, unbegreiflichen Humbug abspeisten. An Langeweile würde er ebenso sterben wie an einem leeren Magen. Dazu wollte er es jedoch nicht kommen lassen – und Dani auch nicht. Es war schwer, aber nötig, dass sie ständig über ihm schwebte.
Es erschien irgendwo paradox, dass er, ein Genie mit einem IQ von über hundertachtzig, nicht in der Lage war, einen normalen Tagesablauf zu führen. Magister in allen Dingen, nur nicht im Kochen, Waschen, Pflegen.
In seinem Kopf war Platz für Medizin, Theologie und sonstige Wissenschaften, die ihn jedoch nur am Rande etwas bedeuteten – und dann gab es ja noch diese verbohrten Fakultätsaffen, die ihm widerwillig zwar Auszeichnungen und Urkunden aushändigen mussten, ihn doch hinterrücks als wahnwitzigen Narren für seinen Lebensinhalt abstempelten – ah! – Jules verstand sich manchmal selber nicht. In seinem Geist herrschte eben kein Stillstand und nun kam er von den eigenen Gedanken ab.
Wo war ich gerade gewesen?
Dass Dani das ganze Theater mit ihm so gut mitmachte, war für Jules ein achtes Weltwunder. Jede andere berufstätige Frau, die nach der Arbeit noch den Haushalt für ihren nutzlosen Kerl schmeißen musste, hätte ihm schon längst den Laufpass gegeben. Ein Riesentrottel, das war er …
„Tut mir wirklich leid“, meinte er es ehrlich, als er mit hängendem Kopf auf den Esstisch zuschlappte, wogegen Dani schon die Mikrowelle auf der Küchenzeile bediente. Eine schlichte Handhabung, eine kleine Bewegung nur – er würde bestimmt das Gerät in die Luft jagen! Mit technischen Geräten stand er auf Kriegsfuß.
„Schwamm drüber“, zuckte sie die Achseln.
„Nee!“, wischte er ihren Einwand energisch fort. „Ich hatte echt vor, mir was zu machen! Ich hätte hier auch mal was tun können! Wenn ich ein Handwerker wäre, hätte ich was Sinnvolleres mit meiner Zeit angefangen, das Dach geteert, Fenster repariert oder was … aber ich pack nichts an!“
„Außerdem hast du zwei linke Hände. Lass das lieber, bevor du dir wehtust.“
Er biss auf den Zigarettenfilter.
Wieder hatte sie recht. Das letzte Mal, als er den guten Hausmann spielen wollte, hätte er sich fast den Daumen abgesägt! Und davor war er von der Leiter gefallen und hatte sich das Kreuz verrenkt! Noch weiter gedacht – aber besser nicht, er war schon ganz unten.
Missmutig nahm er zwei Teller aus dem Küchenschrank und Besteck aus der Schublade, um beides auf den Tisch zu platzieren. Immerhin ging dabei nichts zu Bruch. Wenn er es nicht vergaß – und er wettete fast, dass das abermals der Fall sein würde – wollte er morgen zumindest den Abwasch machen.
Die Mikrowelle gab einen Ton von sich und Dani kam mit der dampfenden Lasagne zu ihm an den Esstisch, wo sie ihr Werk auf die Teller aufteilte. Wenn sie sich derart häuslich gab, vergaß er beinahe, was für eine charmante Art in ihrem Sturkopf vorherrschte.
„Wie war die Arbeit?“, fragte Jules entspannt, um etwas von ihrer Fürsorge zurückzugeben. Er wollte sich auch nicht mehr über seine eigene Unfähigkeit aufregen und Stille konnte er ohnehin schwer ertragen.
„Ganz okay“, gab sie eine blasse Auskunft und schaute ihn dabei an. Irgendwas liegt dem Mädchen auf der Seele – das sagte ihm nicht seine Menschenkenntnis, sondern das Psychologiestudium, welches er mal so nebenbei abgeschlossen hatte.
Dani erzählte von einem Kunden, der ein Cover-up über ein missglücktes Tattoo haben wollte, dann von einer Zwölfjährigen, die unbedingt ein Zungenpiercing forderte – was Robert als fürsorglicher Vater und ehrbarer Ladenführer natürlich abgelehnt hatte – und berichtete davon, dass ihre Kollegin Nancy wieder auf Solopfaden unterwegs war. Ihr Musiker-Freund schien ein kompletter Vollidiot gewesen zu sein. Hatte ja nur zwei Monate gedauert, um zu dieser (ihn nicht überraschenden) Erkenntnis zu kommen. Die Frau sollte ihre Ansprüche überdenken …
Jules stocherte mit der Gabel im Essen herum. Es schmeckte, keine Frage, aber sein Appetit war schwerlich zu finden. Lieber wollte er an den Tafeln sitzen.
„Und sonst?“, keuchte er nach einem viel zu großen Bissen, der ihm schmerzhaft den Hals runterrutschte.
„Sonst“, überlegte sie gespielt und nuschelte dann etwas Unverständliches.
„Wie war das?“, musste er nachfragen.
Sie stöhnte genervt auf und gestand: „Ich hab so einem Arsch die Fresse poliert.“
Mit großen Augen blickte Jules sie an. „Schon wieder? Dani, das neue Jahr ist noch keine Woche alt!“
„Was kann ich dafür, wenn solche Typen ständig mich anquatschen?! Hab ich ein Schild um den Hals hängen, das mich als Nutte kennzeichnet? Nein! Also gibt’s eine drauf!“
„Na ja … Du bist ziemlich süß“, gestand er ihr offen.
„Das darfst du zu mir sagen, doch nicht jeder Dritte von der Straße!“
„Ich fühle mich geehrt.“
Schmollend aß Dani einen Happen und sagte kauend: „Na, jetzt ist es sowieso zu spät. Ich werde mir dann erst mal wieder die Haare färben und geh irgendwann zum Friseur für einen Kurzhaarschnitt. Ich denke kaum, dass wegen dem Penner hier die Bullen auf der Matte stehen werden.“
„Dein Wort im Ohr eines jeden Gottes.“
„Die Polizei hat dringendere Probleme als mich“, nahm sie das Geschehene leicht auf.
Jules zwang sich zu einem weiteren Stück Lasagne, ehe er fragte: „Zum Beispiel? Sind etwa noch mehr Leute verschwunden? Gut, im Winter geht so einiges um, aber dieses Jahr sind es auffällig viele …“
„Ich sage nichts, bevor du nicht aufgegessen hast“, tadelte Dani ihn wie eine Mutter.
„Bin satt, Schatz.“
„Jules.“
Wie sie seinen Namen aussprach … Tief durchatmend machte er sich daran, seinen Teller zu leeren.
„Ich bin an der Uni vorbeigelaufen“, fing Dani an zu erzählen, da er das letzte Stück Tofu-Hackfleisch in den Mund steckte. „Hab dort den alten Reinert am Rande gesehen.“
Bissig zischte Jules ein fremdländisches Schimpfwort beim bloßen Gedanken an den verhassten Dozenten, mit dem er sich bereits angelegt hatte, als er noch Student war. Selbstverständlich leuchtete ihm ein, dass dies nicht die Neuigkeit war, auf die seine Freundin es anlegen wollte. Trotzdem musste er sich konzentrieren, den Mistkerl aus seiner Gedankenwelt wegzuschieben und das eigentliche Thema zu erfassen.
„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „hab ich dabei gehört, dass ein Student vermisst wird …“
„Bei den Betonköpfen im Lehrstuhl keine Überraschung“, konnte er sich den Spott nicht verkneifen.
„… das war vor zwei Tagen. Er war mit Freunden Darts spielen und das ging bis tief in die Nacht hinein. In seiner WG ist er nie angekommen und es gibt keinerlei Hinweise, was mit ihm geschehen sein könnte.
Auf Arbeit habe ich außerdem im Radio gehört, wie die Polizei eine Leiche gefunden hat. Oder zumindest das, was von ihr übrig war. Vielleicht ist es der Student, vielleicht auch jemand von den anderen, die verschwunden sind – wird sich zeigen, doch es hieß, die Knochenteile sahen aus, als hätte ein Hund oder Wolf daran genagt. Ein ziemlich großer noch dazu, größer als die bekannten Rassen.
Was würdest du also vermuten?“
Jules fingerte nach einer neuen Zigarette und sog den Rauch in seine Lunge. Seine ersten Gedanken zum Thema äußerte er sachlich: „Die allgemeinen Gottheiten in Wolfsgestalt schließe ich komplett aus. Die hätten wenig Interesse an einem simplen Menschenleben und erst recht keines am Fleisch ihrer Opfer. Solange sie keinen festen Leib besitzen, verzehren Geisterwesen auch nur geistige Nahrung.
Wenn Ragnarök nicht gerade bevorsteht, fallen Garm und Fenrir auch aus und für Anubis, einen Inugami, Barguest, Crocotas, Diwo, Wendigo und die ganzen ausländischen hundeartigen Dämonen ist hier kein übliches Jagdgebiet. Beschränken wir uns also auf die heimischen oder umherziehenden Arten.
Klushund, Welthund, Roggenwolf, Bärenwolf, Kludde, Eisengrind – die Liste ist lang. Allerdings sind viele dieser Wesen in ländlichen Regionen zu Hause und meiden die Großstädte, die ihnen mit ihren hellen Nächten zuwider sind. Schwer zu glauben, dass auch Kreaturen der Hölle etwas abscheulich finden, wie?
Nur wenige Dämonenhunde suchen bewusst die Nähe vieler Menschen auf, scheuen das künstliche Licht nicht und fressen bevorzugt viel im Winter, wenn die Nächte lang sind, um dem Sonnenlicht zu entgehen.
Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber in Anbetracht der in kurzer Zeit gestiegenen Zahl an Vermissten, der abgenagten Knochen und der partiell auftretenden Versorgungsprobleme der Stromwerke, rechne ich damit, dass diese Stadt aktuell von einem Rudel Lichtfänger heimgesucht wird.“
Jeder andere hätte nach diesem Vortrag gelacht und die Ambulanz angerufen. Für kluge, rationale Ohren war das, was Jules erzählte, ein Fall für die Anstalt. Wie oft hatte man ihn für seine Theorien verhöhnt und sein Wissen als Fantasie abgetan? Ammenmärchen, Gruselgeschichten und wilde Spekulationen – zu mehr genügte den Leuten „sein kleines Hobby“ nicht. Er sollte lieber Romane schreiben als wissenschaftliche Texte zu verfassen. Dann würde er zumindest was daran verdienen.
Dani jedoch lachte nicht. Er wusste, dass für sie diese Vermutung alles änderte. Siebzehn Jahre hatte sie fieberhaft darauf gewartet, dass diese Geschöpfe auf ihrer Route zurückkehrten. Die Zeit für ihre lang ersehnte Rache war gekommen.
Lichtfänger. Canis lucis flagrare. Dämonen in der Gestalt großer Hunde oder Wölfe. Überaus gefährlich für jeden Menschen, der sich des Nachts auf die Straße wagt. Ihre Krallen sind hart und scharf wie Damaszenerstahl und ihre Zähne machen auch vor einer Eisenrüstung nicht Halt. Sie leben in kleinen Gruppen, ihre Territorien sind weltweite Landstriche und sie wandern stets umher, immer auf der Suche nach Nahrung. Dabei fressen sie nicht nur Menschenfleisch, sondern auch Energie, was oft zu Stromausfällen führt. Stromzehrer werden sie deswegen auch genannt. Kurokiba oder der Schwarze Wolf, der mit Blitz und Donner erscheint und seine Opfer verschlingt. Der böse Meister Isegrim bei Rotkäppchen ist kein Märchen. Unaufgeklärt ist der Fall der mörderischen Bestie von Cévaudan. Meneur des Loups nannten die Franzosen eine Bestie, die mit Menschenzunge sprach …
Unzählige Berichte aus jedem Buch, dass er zum Thema Monster gelesen hatte, fluteten Jules’ Hirn. Wissen aus Jahrhunderten, Tausende von Volkssagen und Millionen von Gerüchten.
Sollten Kleingeister wie Immanuel Reinert denken, bei ihm seien zig Schrauben locker. Es gab Titel, die die stumpfsinnige Universität ihm nicht verleihen konnte.
Jules war Professor für paranormale Erscheinungen, Dämonologie, Kryptozoologie und Metaphysik. Rein „hobbymäßig“.
Und Dani glaubte ihm.
Sie hatte ihm auch schon bedingungslos geglaubt, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten.
War es doch ein Lichtfänger gewesen, der ihre Eltern tötete.
4
Kindheitserinnerungen
Zur Weihnachtszeit putzte sich die Innenstadt festlich heraus mit goldenen Schleifen und riesigen roten Schmuckkugeln. Überall roch es nach Zuckerwatte, Gewürz und Glühwein. Menschenmassen trafen auf dem Markt zusammen, während auf der Schaubühne ein Kinderchor Lieder vom Heiligen Christ sang und ein verkleideter Mann den Nikolaus mimte.
Die siebenjährige Dani verfolgte mit offenem Mund die wackelnden Holzspielzeuge in einer Bude, derweil ihre Eltern Grog tranken. Ihre Mutter hatte Kerzen zum Verschenken gekauft. Sie war eine schöne, schlanke Frau mit langen blonden Haaren, die ihre Tochter geerbt hatte.
Auch wenn kein Schnee lag, ließ ein kalter Luftzug das Mädchen frösteln. Allmählich wurde es spät. Die Ziegen bei der aufgestellten Krippe hatte man bereits in den provisorischen Stall gesperrt und die hiesige Großstadtjugend begann laut auf ihre Art die Festtage zu genießen.
„Lass uns heimgehen, Daniela“, sagte ihr Vater. Wenn sie ihn so in seiner dicken Winterjacke betrachtete, erinnerte er sie an einen großen Teddybären mit dunklem Fell. Mit Leichtigkeit hob er sie in die Höhe und nahm sie auf die breiten Schultern, um sie unbeschadet durch das Gedränge führen zu können.
Die Straßenbahnen waren auch voll. Ihr Vater beschützte sie und ihre Mutter vor betrunkenen Fahrgästen und überließ ihnen den sicheren Sitzplatz. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Dani, dass ihr Vater der stärkste Mann der Welt war. Er schien nichts und niemanden zu fürchten.
Auf dem Heimweg gähnte das Mädchen und ihre Mutter flüsterte beruhigend: „Wir sind gleich zu Hause.“
Die Nacht war still. Alle Menschen waren wohl in der Stadt auf dem Weihnachtsmarkt. Schwibbögen und Abendsterne leuchteten in den schwarzen Fenstern.
Aus heiterem Himmel hörte sie plötzlich ihren Vater fluchen: „Was zum Teufel …“ Erstarrt blieb er auf dem Weg stehen. Auch ihre Mutter rührte sich nicht mehr. Dani sah müde in ihre Blickrichtung.
Ein Stromkasten stand seitlich des Pfades. Das Plastikgehäuse war aufgebrochen und etwas riss mit kräftigen Zähnen an den elektrischen Kabeln, dass gelb-blaue Funken sprühten. Ein Mensch hätte sich einen Schlag geholt, doch dieses Wesen schien die austretende Energie wie einen Saft zu trinken. Hätte es das nicht getan, würde Dani denken, dort stände bloß ein riesiger, pechschwarzer Hund vor ihnen.
Kaum dass dieser seine Beobachter bemerkte, ließ er von seiner Strommahlzeit ab. Mit hochgezogenen Lefzen zeigte er ihnen seinen mächtigen Kiefer und knurrte aus tiefer Kehle. Die gewaltigen Tatzen traten näher an die Menschen heran.
Vater stellte sich vor Mutter und Tochter und sprach: „Lauft! Ich werde das Biest aufhalten!“
Danis Mutter wollte protestieren, doch das Monster griff an. Es sprang mit ungeheurer Schnelligkeit vorwärts und verbiss sich im Hals des Mannes, dass er nur noch gurgelnd schreien konnte von all dem Blut in seinem Rachen. Es drückte ihn zu Boden und schlug erneut zu, bis der Körper aufhörte zu zucken.
Mit triefendem Maul hob der Dämon den Schädel und lachte heiser. Ja, er lachte so schadenfroh und furchtbar, dass die Mutter Dani von sich stieß und brüllte: „Lauf weg!“, bevor er auch sie anfiel. Aber er tötete sein unterlegenes Opfer nicht sofort wie ihren Mann. Das Kind wankte zitternd einige Schritte zurück und sah mit tränenden Augen, wie der Wolf die Frau gierig betrachtete. Sein widerliches Grinsen wurde breiter, als sie von Angst zerfressen um Worte rang.
„Lauf weg!“, hörte Dani sie schluchzen, ehe das Ungeheuer seine Krallen an ihr schärfte.
Und sie rannte. Blind rannte das kleine Mädchen die Straße zurück, vorbei an der Haltestelle, immer weiter. Sie rannte, bis ihr alles schmerzte, und hörte nicht auf, denn sie wusste, er war direkt hinter ihr. Seine Pfoten hörte sie wie Hufschläge auf dem Asphalt trommeln.
Ihre Kräfte ließen nach. Ein schwarzer Schatten zog an ihr vorbei und riss ihr den Arm zu einer klaffenden Wunde auf. Dani taumelte, stürzte, blieb keuchend am Boden liegen. Es war aus mit ihr. Jetzt würde sie sterben. Das Letzte, was sie auf Erden sehen würde, waren die Zähne dieser grausamen Kreatur, die um sie her ihre Kreise enger zog.
Furchtsam blickte sie den Wolf in die eisengrauen Augen, die sie hungrig besahen. Er trat ihr auf den verletzten Arm, um sie unten zu halten. Etwas an dieser Pelzpranke war merkwürdig. Unvollständig …
Dani wimmerte.
Ihr war ganz schlecht vor nackter Angst.
Sie wusste, sie würde sterben.
Aufgefressen.
Gerade wollte ihr Bezwinger seinen dunklen Rachen öffnen, da stoppte er abrupt. Den Kopf gen Himmel erhoben, erschnüffelte das Wesen etwas in der kalten Abendluft. Ein Heulen kam mit dem Wind.
„Kaarn … Du hast diese Nacht noch Glück“, raunte er ihr Menschenlaute kalt ins Ohr und seine kratzige Stimme sollte sie noch Nächte lang verfolgen. „Pass gut auf dich auf. Ich werde in der Dunkelheit auf dich warten, um dich zu verschlingen.“ Dann ließ er von ihr ab. Als sich das Mädchen aufrichtete, war der Wolfsdämon in der Finsternis verschwunden. Und Dani konnte die Scherben ihres zerstörten Lebens einsammeln.
Der Sandsack musste so einiges einstecken. Die erwachsene Dani schlug und trat in ihrer Wut gegen das gefüllte Leder, dass die haltende Gliederkette schwer ächzte. Beinahe wollte man befürchten, die Halterung könnte brechen.
„Und was jetzt?“, wollte Jules von ihr wissen, während sie weiterdrosch. „Willst du raus in die Nacht und den Einen finden? Du weißt doch nicht mal, ob es dasselbe Rudel ist. Es ist eine lange Zeit vergangen, vielleicht ist der Kerl schon gar nicht mehr mit dabei …
Abgesehen davon ist es gefährlich. Wenn sie nur halbwegs wie Wölfe handeln, jagen sie sicher auch in der Gemeinschaft. Das heißt, du hättest nicht bloß diesen einen Gegner. Die zerfetzen dich, Dani, und du bist tot. Du kannst noch so trainiert sein, du bist nicht Buffy!“
Bei dem Vergleich stoppte die junge Frau für einen Moment und lachte leicht außer Atem. „Buffy? Mich kümmern doch keine Vampire! Außerdem wäre die Vorstellung, dass du die Rolle von Giles innehättest, absurd!“
Ihm fröstelte es bei dem Gedanken. Er war Mitte dreißig, keine fünfzig … Okay, im Gegensatz zu ihr, war er vielleicht so was wie alt, aber nicht so alt!
„Wenn es Vampire wären, wäre ich nur halb so besorgt!“, gab er schließlich zu. „Ich mach hier keine Scherze. Wenn du derart unvernünftig bist und dem Tod ins Maul rennst, bereue ich es zutiefst, die Lichtfänger überhaupt erwähnt zu haben!“
„Du kennst sie doch!“, argumentierte sie und trat kräftig gegen den Sack. „Du kennst ihre Schwachpunkte!“
„Einen Schwachpunkt: Sonnenlicht! Das ist aber keine Garantie für einen erfolgreichen Kampf gegen ein ganzes Rudel! Du hast eine kleine UV-Lampe, nichts weiter. Und ob die hilft, kann ich nicht beweisen.
Wir gehen davon aus, dass sie durch die Strahlung eben wie die Blutsauger zu Staub zerfallen. Es ist aber nur eine Vermutung, weil ich niemals gehört habe, dass sie jemanden bei Tage angriffen. Die Köter vertreten voll die dunkle Seite der Macht. Trotzdem weiß ich nicht, liegt es am UV oder an etwas völlig anderem?
Ich habe mein ganzes Leben lang schon Monster und Ungeheuer, Dämonen und Götter studiert, dennoch kann ich dich allein theoretisch beraten! Ist ja nicht so, dass ich bereits einem Dämon gegenübergestanden habe, um ihn auszufragen! Mir fehlt es schlicht an Praxiserfahrung!“
„Schon klar!“, rief Dani und boxte eine Salve von Schlägen ab. Allmählich bekam er mit ihren Knöcheln Mitleid. Schnaufend kam sie zum Schluss und atmete durch.
„Den Punkt hab ich dir voraus!“, sprach sie verbittert. „Ich stand ihm gegenüber.“
„Aber der gefährliche Wolfsmann hat dich laufen lassen“, warf Jules ein.
„Gezwungenermaßen, wie mir scheint“, erinnerte sie ihn und wies auf ihren rechten Oberarm. Unter ihren bunten Tätowierungen konnte er die Narbe von damals noch deutlich erkennen. Die Bissspuren einer Bestie, die keiner außer ihr gesehen und für die es nie Zeugen gegeben hatte. „Ihm kam was Wichtigeres dazwischen, als mir den Hals zu zerfetzen!
Jules, ich hatte jahrelang Albträume und Nachtangst wegen dem verdammten Vieh! Wegen dem Flohfänger habe ich meine Zeit mit nutzlosen Therapien vergeuden müssen und durfte mir von sogenannten Experten anhören, wie verrückt, selbstverletzend und armselig ich angeblich sei! Schon deshalb werde ich ihm nie verzeihen, dass er mir mein Leben versaut hat! Jetzt bin ich nämlich stark und werde diesen Dämon jagen, damit der mal selber lernt, was Angst ist!“
Resigniert stöhnte er auf. „Deine Kraft ist beeindruckend, ja, aber er ist kein Mensch. Er ist keiner von den Machos, die du immer verprügelst. Er wird sein Versprechen halten und dich töten. Das lasse ich nicht zu.“
Mit einem Handtuch wischte sie sich den Schweiß von der Haut.
„Ich werde mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich hab keinen Bock, noch mal siebzehn Jahre zu warten. Schließlich werde ich nicht jünger.“
„Dani“, nutzte er jetzt ihren üblichen Tonfall der Belehrung, „willst du dir seinetwegen die Nächte um die Ohren schlagen? Was ist dann mit deinem Job? Und mit mir? Willst du mich einfach zurücklassen?“
„Du würdest es verstehen, wenn du Ähnliches erlebt hättest“, sagte sie entschlossen. „Zur Not mach ich halt im Job Kasse. Und du wusstest, wie ich mich entscheiden würde, schon als wir uns begegnet sind. Das ist mein Ziel, Jules. Rache für meine Familie und dafür, dass er mir eine normale Jugend verwehrt hat! Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesem Dämon! Ich will Vergeltung!
Danach kann ich endlich abschließen.“
Ja, weil du dann tot bist, traute er sich nicht, die Worte laut auszusprechen.
5
Nächtlicher Jäger
Dani traf ihre Vorbereitungen.
Ihre frisch cyanblau gefärbten Haare band sie zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammen, die silbernen Piercings nahm sie aus Ohren und Augenbraue, um nicht daran hängen zu bleiben, und die Fingernägel wurden verschnitten. Zwar konnte sie damit niemandem mehr die Augen auskratzen, doch ihr Gegner hatte ohnehin schärfere Krallen. Beim Nahkampf waren zu lange Spaten sowieso hinderlich.
Bei der Kleidung setzte sie auf unscheinbare Farben, robusten Stoff und gute Bewegungsfreiheit als auf Stil. Die Wahl fiel daher bescheiden aus, auf schwarze Hosen, Schuhe, Winterjacke, Wollmütze und Handschuhe. Inständig hoffte sie, dass keine Polizei sie anhalten würde, weil sie ausschaute wie für einen Bankraub bereit.
Schweigsam sah Jules ihr beim Anziehen zu.
Ihr Streit stand nicht mehr zur Debatte. Die junge Frau hatte sich einmal entschieden und er wusste, dass er sie nicht aufhalten konnte. Somit ließ er sie gewähren.
Die kleine Taschenlampe mit der UV-Birne steckte Dani wie eine Schusswaffe in ein am Gürtel befestigtes Holster. Wer gegen Ungeheuer ins Feld zog, brauchte keine Messer oder Stahlkugeln. Diese Geschöpfe kämpften mit anderen Bandagen und Jules gab ihr zur Unterstützung ein Säckchen getrockneter Kräuter mit. Dill, Mohn und Johanniskraut sollten laut seinen Büchern nützlich sein gegen die meisten hundeartigen Dämonen. Dill würde ihren Geruchssinn betäuben, der Mohn ihren Blick trüben und Johanniskraut ihre Haut reizen – es klang immerhin sehr nach einer Hilfe. Selbst ein Mensch wäre von der Mischung nicht sehr angetan, wenn er sie in die Nase bekäme.
Mit einer liebevollen Umarmung entließ er sie in die Dunkelheit.
Es war schon nach Mitternacht, da Dani meinte, über leere Fußwege, verwinkelte Gassen und stillgelegte Werkhöfe wie auch Gleisanlagen zu marschieren. Der Wind trieb kleine Eiskristalle frostig vor sich her. Wenn man die Geräusche aus den Häusern ausblendete, konnte man vermuten, die äußeren Viertel der Stadt seien ausgestorben. Ratten und Katzen jagten kreischend durch die Finsternis. Von irgendeinem der kahlen Bäume rief ein Käuzchen daher.
Zuerst lief Dani durch die Straßen ihres Gebiets. Und nichts passierte.
Hier und dort standen ein paar Menschen herum, rauchten vor einem Klub oder warteten auf die Straßenbahn oder einen Zug. Aber sehen konnte sie nichts Verdächtiges. Sie hörte auch keine seltsamen Geräusche oder irgendwoher einen Schrei.
Also ging sie weiter.
In Nachbarviertel war vor zwei Wochen ein Mädchen verschwunden, dreizehn Jahre alt. Am Abend hatte sie sich mit Freunden bei einem Spielplatz getroffen, ganz in der Nähe ihres Elternhauses. Trotzdem kehrte sie von dort nicht mehr zurück. Ihr Anorak wurde gefunden, zerrissen wie von einem wilden Tier. Mehr jedoch nicht.
Die Polizei ging von den üblichen Gewaltverbrechen aus. Diebe, Mörder, Vergewaltiger – Menschen. Die Herrn Beamten würden Dani oder Jules niemals glauben, wenn sie ihnen gesagt hätten, dass riesige Wölfe die Täter waren.
Bei besagtem Spielplatz sah die junge Frau sich noch mal um. Natürlich gab es keine Indizien mehr für das Geschehene, dennoch hätte sie vermutet, dass die Dämonen vielleicht alte Jagdrouten verfolgen könnten. Allerdings Fehlanzeige. Beim Tischtennisspiel trafen sich weiterhin Jugendliche, um Alkohol zu trinken und Gras zu rauchen. Eine Freiheit fern ihrer Familien, die sie ja bloß bremsten und bemutterten.
Ich Glückspilz, dachte Dani ironisch, weil ihre Eltern definitiv von keiner ihrer Eskapaden je erfahren hatten. Diese idiotischen Kinder hatten keine Ahnung, wie schwer das Leben sein konnte, wenn man keinen sicheren Hafen wie bei Mutter und Vater besaß.
Weiter.
In einer schmuddeligen Bahnunterführung kam es ebenfalls zu einem tragischen Zwischenfall. Er hatte sich direkt in der Silvesternacht ereignet. Zwei erwachsene Männer, Familienväter von durchaus wehrhafter Gestalt, verschwanden spurlos. Auf dem verschwommenen Film der Sicherheitskameras hatte sie etwas Großes gepackt und weggezerrt – wohin auch immer. Wie bei vielen Opfern würde ihr Tod ungelöst bleiben. In welcher Gruft wohl ihre Knochen verrotteten?
Seufzend lief Dani durch den weiß gestrichenen, doch mit Graffiti beschmierten Gang, um auf der anderen Seite sicher nach oben zu gelangen.
Nicht jedem ist dieser Erfolg vergönnt …
Die Zeit schritt voran und die Nacht blieb ereignislos.
Obwohl es bereits fünf Uhr morgens war, tönte aus manchem Fenster noch immer der Fernseher. Oder die lauten Stimmen von Menschen, die stritten, lachten, weinten, sich liebten.
Die Lampe schwang ungenutzt in Danis Hand mit.
Sie gähnte vor Langeweile.
Vielleicht war das Rudel diesmal nicht in der Gegend. Wenn in der Zeitung bald eine neue Vermisstenanzeige stünde, wüsste sie möglicherweise besser Bescheid über deren Gepflogenheiten bei der Menschenjagd. Sie sollte die ihr bekannten Fälle noch mal gründlich studieren.
Schnaufend trat sie eine leere Dose vor sich her.
Ein Marder schreckte auf und verschwand unter einem Auto.
Umsonst, dachte sie resigniert und peilte den Rückzug an. Alles umsonst.
Müde schlenderte sie den Heimweg entlang.
Ein alter Flaschensammler, ein zitterndes Muttchen und eine Gruppe betrunkener Halbstarker kamen ihr entgegen. Ohne Probleme zogen sie vorüber.
Ein ruhiger, kalter Tag kündigte sich langsam an. Krähen krächzten in verschiedenen Oktaven.
Bei einem Bäcker brannte bereits Licht und Dani überlegte ernsthaft, ob sie sich frische Brötchen leisten sollte. Quasi auch als Wiedergutmachung für Jules. In ihren Jackentaschen suchte sie nach ein paar Euros, als ihre Ohren unverhofft doch etwas vernahmen.
Ein kurzes, schnell erstickendes … Weinen? Ein Kind hatte geschrien, ein sehr kleines noch, und jemand hatte ihm rasch den Mund verboten, ehe es lauter werden konnte.
In einer Großstadt war diese verstohlene Geräuschkombination nie gut. Ein Täter wollte Aufmerksamkeit vermeiden. Egal ob von Mensch oder Dämon, ein Leben wurde bedroht. Es hoffte auf Hilfe.
Wie angewurzelt blieb Dani stehen.
Sie stand vor einem hohen Torbogen, dem Zugang zum unbeleuchteten Hinterhof eines Wohnhauses, welches bestimmt bessere Tage gesehen hatte, und dennoch in Benutzung schien. Die raue Fassade bröckelte und die hölzernen Fensterrahmen benötigten eine umfassende Renovierung. Hinter keiner Scheibe glimmte ein Licht, folglich mussten die etwaigen Bewohner schlafen.
Entschlossen, im Falle einer möglichen Gewalttat dem Opfer zu helfen, nahm Dani die Spur auf. Mit wachsamer Vorsicht trat sie unter den Bogen in den Schatten der Straßenlaternen ein.
Die seitlich angebrachte Haustür war verriegelt.
Ihr Licht einschaltend, ging die Frau nach hinten, auf den holprig gepflasterten Platz mit Rasenfläche, wo im Sommer bestimmt die Hausgemeinschaft unter einem weißen Plastikpavillon Steaks zu grillen pflegte. Jetzt im Winter wirkte das Gelände grau und schmucklos. Jemand hatte versucht, aus dem Eismatsch einen Schneemann zu brauen.
Vorsichtig beleuchtete der bläulich-weiße Lichtkegel die Rückwand des Hauses. Zu beiden Seiten des Türbogens gab es je eine Balkonreihe aus Holz, deren Körbe unterschiedlich gestaltet waren. Einige der moosgrünen Gestelle trugen leere Pflanzkübel, wurden mit Wäscheleinen bespannt oder als großer Katzenkäfig genutzt.
Alles schien still und friedlich.
Doch ihre Ohren hatten sich nicht getäuscht, also …
Ein Windstoß ließ ein weit offenes Fenster zuschlagen und Dani fuhr erschrocken zusammen. Suchend fand sie die Geräuschquelle und der Lichtschein tanzte über -
Etwas huschte in den Schatten.
Na bitte.
Dani schwenkte zurück und wieder wich es ihr aus. Fast lautlos sprang es von einem Balkon zum anderen und verbarg sich vor dem grässlichen kalten Licht. Rötliche Punkte funkelten auf.
Fangfrage, schmunzelte Dani in sich hinein, was ist schwarz und hat rote Augen?
„Ich weiß, dass du hier bist, Dämon“, sprach sie das fremde Wesen mit Bedacht an, „und glaube nicht, dass ich Angst vor dir habe. Du warst auf Beute aus, oder? Traust du dich jetzt schon zu den Menschen in die Wohnung hinein? Ganz schön frech von dir …“
Das fremdartige Geschöpf bewegte sich in seinem gezwungenen Versteck. Es war unruhig und knurrte.
Hastig versuchte Dani, es mit dem Licht zu erwischen, doch abermals huschte die Kreatur davon. Fort von den Balkonen, hüpfte diese auf das Blechdach des provisorischen Schuppens, unter dem die Mülltonnen und einige Hausmeistergerätschaften wie Eimer und Kehrbesen aufbewahrt wurden, und verschwand eilig in deren Schatten.
Es ist ein Wolf, wusste sie die schemenhafte Gestalt zu deuten. Nicht der grauäugige Wolf, doch mit Sicherheit ein Lichtfänger. Und er trägt etwas mit sich herum.
Ganz langsam kam Dani näher, die Lampe auf die Plastiktonnen gerichtet. Sie machte sich darauf gefasst, notfalls mit diesem Biest auf Fellfühlung zu gehen, um ihm die Beute zu entreißen. Eine alte Abneigung ließ ihre Nackenhaare zu Berge stehen, weil sie sich noch gut daran erinnern konnte, wie damals dieser andere Wolf gestunken hatte. Nach Blut und Speichel, nach brackiger, schimmliger Kanalisation. Wahrscheinlich schliefen diese Ungeheuer dort, um sicher vor dem Tageslicht zu sein …
„Lass das Kind frei!“, befahl Dani drohend.
Knurren antwortete ihr.
„Ich wiederhole mich ungern, Lichtfänger! Ich weiß ganz genau, was du dir da geschnappt hast!“
Das Knurren wurde bösartiger. Der Dämon fürchtete und verfluchte das Licht gleichermaßen und duckte sich tiefer davor weg. Ein rotes Auge hatte die Kontrahentin durch einen Spalt fest im Blick.
Dani konnte eine Bewegung erahnen. Durch die Lücke zwischen den Abfallbehältern schob er ihr tatsächlich etwas zu. Ein Bündel, eingewickelt in eine weiche rosafarbene Babydecke, die mit lächelnden Bärchen und Kätzchen bestickt war. Die Tiere glänzten jedoch blutbefleckt. Das kleine Leben darin rührte sich nicht mehr. Der Wolf hatte es getötet.
Bitter schmeckte Dani Galle auf ihrer Zunge vor Wut sowie Übelkeit. Unbewusst ließ sie die Hand sinken und das schützende Licht verlor einen winzigen Moment lang sein Ziel aus dem Visier.
Als hätte der Dämon dies beabsichtigt.
Mit einem Satz sprang er aus seiner Deckung hervor. Laut donnernd fielen die Tonnen zu beiden Seiten um und das schwarze Monster prallte kräftig gegen Danis Körper, dass sie unweigerlich zurückstraucheln musste und dabei die Taschenlampe aus der Hand verlor. Diese kullerte davon und kam mehrere Meter ab von der Frau zur Ruhe.
Das kalte Leuchten erhellte weiterhin den Hof.
Aus voller Kehle grollend stand der mörderische Wolf vor Dani und war gewillt, seine geschlagene Beute zurückzuerlangen. Mit gefletschten Zähnen, tropfend vor Geifer, ging er in Angriffsposition, bereit für einen zweiten Sprung, wenn sie es denn auf einen Kampf anlegte. Die Pupillen seiner rubinroten Augen waren eng geschlitzt und die Krallen seiner tellergroßen Tatzen kratzten über den Stein.
Ihre nächsten Schritte überlegend, musterte Dani ihren zotteligen Feind.
In ihrer Erinnerung war der Lichtfänger eigentlich so groß wie ihr Vater gewesen. Doch dieser hier war im Vergleich dazu winzig. Auf den ersten Blick konnte man ihn einfach mit einem schwarzen Schäferhund oder Neufundländer verwechseln. Fast hätte sie selbst geglaubt, einem Irrtum zu unterliegen, wenn nicht die verräterischen Augen wären.
„Du bist zwar nur eine halbe Portion, aber trotzdem ein Monster“, provozierte sie ihn bewusst mit ihrer Verachtung. „Du hast ja nicht mal Skrupel davor, ein wehrloses Baby zu töten.“
Mit der Pranke schlug er abschreckend nach ihr aus.
Die Drohgebärde schüchterte sie nicht ein. „Du verdammte Promenadenmischung!“
Sein einsetzendes Bellen hallte rau von den Mauern wider.
Wachsam sah sich Dani nach den Fenstern um, die den Hof auf der Innenseite umgaben. Sie fürchtete, das laute Gekläffe könnte die Anwohner aufwecken und ihr zusätzliche Schwierigkeiten bereiten. Das Letzte, was sie bei einem Kampf mit Teufeln brauchte, waren ungläubige Zeugen.
„Sei gefälligst still, die Leute schlafen noch!“, rügte sie ihn zwischen Spiel und Ernst.
Der Wolf sprang mutig einen Satz vor und schnappte.
Sofort wich Dani aus, griff geschickt in ihre Jackentasche, in das Kräutersäckchen, und pustete eine Handvoll davon dem Lichtfänger mitten ins pelzige Gesicht. Die Wirkung setzte prompt ein. Überrascht und verwirrt schreckte der schmale Bursche zurück und stieß zeitgleich ein grelles Heulen aus, als Nase und Augen begannen zu brennen. Er schnaubte, bockte, stolperte gegen die umgeworfenen Tonnen, kratzte und putzte sich mit den Vorderpfoten, nieste und winselte.
Weil er sich rollend über den Boden wand, nahm sich Dani vor, das Zeug bald säckeweise bei Jules zu bestellen. Vielleicht verkaufte sie es auch gewinnbringend als erprobten Dämonenschreck im Internet …
„Tja, unterschätze das liebe Rotkäppchen mal nicht, Wölfchen!“, konnte sie es nicht lassen, ihn zu verspotten. Dass die erste Runde an sie ging, stimmte die frisch getaufte Jägerin euphorisch.
Da hörte sie den Wolf jammern.
„Kaarn! Am kaarak far!“
Verwundert hob Dani die Brauen.
Das klang nicht nach der Stimme eines Mannes.
Was auch immer er eben in seinem aufkommenden Zorn reden mochte – der Wolfsdämon war noch sehr jung. Er hatte nicht mal leichten Stimmbruch! War er in Wirklichkeit nichts weiter als ein halbwüchsiger Welpe? Trotz seiner gefährlichen Drohungen sollte er selbst noch ein Kind sein?
Demnach hatte sie sich in ihrer Erinnerung nicht getäuscht. Ein erwachsener Lichtfänger war wesentlich größer. Tödlicher.
Und wie zum Beweis tauchte gleich neben ihr einer auf.
6
Konfrontation
Der riesige Schädel stieß sie fort wie ein stählerner Rammbock und Dani fiel keuchend auf den Rücken zu Boden. Dennoch rappelte sie sich hurtig wieder in der Hocke auf und strafte sich für ihre eigene Unachtsamkeit.
Nie die Umgebung aus den Augen verlieren, lautete ein einfacher Leitsatz, wenn man in Gefahr geriet. Und sie hatte in ihrer dummen Verwunderung vergessen, dass der Torbogen bisher frei durchgängig war für alle Arten von Geschöpfen. Nun jedoch war der Ausgang blockiert von drei übermannsgroßen Wolfsdämonen, die sicher auf das Jaulen des Welpen reagiert hatten.
Zumindest schien dem, der sie unerwartet angegriffen hatte, viel an dem jüngsten Rudelmitglied zu liegen. Beinahe fürsorglich beschnüffelte er den kleineren Wolf und leckte ihm die bitteren Kräuter aus dem Pelz, selbst wenn diese ihn nicht schmeckten. Als er bemerkte, wie Dani ihren Körper langsam aufrichtete, stellte er sich, zu beachtlicher Höhe erhebend, schützend vor dem Jungen auf.
Der Erwachsene schien fast doppelt groß, doppelt schwer und viermal mehr gefährlicher zu sein. Das schwarze Fell war lang und wild zerzaust, die Zähne glichen ebenholzfarbenen Hauern, auf die ein Eber neidisch gewesen wäre. Furchtlos blickte er sie an und lockerte die muskulösen Schultern, bereit zum Kampf. Seine Pranken wetzten die Krallen am Stein, dass sie Funken sprühten.
Dani verharrte regungslos.
Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet.
Das war der Lichtfänger mit den eisengrauen Augen. Sie erkannte ihn eindeutig am linken Vorderlauf, dem eine Klaue fehlte. Ein winziger Makel, aber er war ihr im Gedächtnis geblieben. Sie konnte noch fühlen, wie er sie in der damaligen Nacht niedergedrückt hatte.
Auf diesen Bastard hatte sie lange gewartet.
Bevor sie allerdings Gelegenheit hatte, sich an den Grauäugigen zu rächen, lenkte sie ein Lachen ab, das ihr schrecklich durch Mark und Bein ging.
Der zweite ausgewachsene Wolfsdämon war ein drahtiger, langgliedriger Rüde, der beim Laufen fast zu tänzeln schien. Er hatte nicht die breiten Schultern des Grauen, löste aber durch seine beleckte, hämische Fratze ein tiefes Gefühl der Angst aus. Die Urangst vor dem großen bösen Wolf. Und an den glänzenden, weit aufgerissenen blauen Augen erkannte Dani, dass mit dem Kerl zusätzlich etwas nicht stimmte.
„Ei, ei, ei“, kicherte der Blaue höhnisch, „ooka seśnar te saor, Orosar?“
Der Welpe duckte sich schuldbewusst hinter seinem großen Beschützer. Dieser knurrte für ihn den Blauen an, der wiederum grimmig den Grauen anbellte. Zwischen beiden Wölfen knisterte die Luft vor gereizter Spannung, doch der dritte und letzte Wolf machte dem Streit stumm ein Ende. Es genügte ein fester Blick aus seinen flammenroten Augen und schon wichen die niederen Wölfe gesenkten Hauptes zurück.
Demnach ist das der Alpha, vermutete Dani ganz stark.
Ein Irren war bei seiner Ausstrahlung sowieso unmöglich. Weder setzte er auf Drohung noch auf Angst, um sich seinen Platz an der Spitze zu behaupten. Er brauchte bloß zugegen zu sein und jeder wusste sofort, dass dieser Dämon absolute Macht besaß und sie auch mit Gewalt einfordern würde. Widerworte standen nicht zur Diskussion. Er war ein Anführer, ein König, ein Tyrann mit einem Geburtsrecht, die Schwachen zu beherrschen.
Von seinem Rudel war er der größte, der stärkste, der tödlichste Wolf. Und ein kleiner Mensch wie Dani hatte ihm bestimmt nichts entgegenzusetzen.
Während er majestätisch wie ein Löwe auf die junge Frau zuschritt, knurrte er die dunklen Worte seiner Art: „Eo iorna am te iśkaé, sar?“ Es klang nicht sehr freundlich. Geschweige denn erfreulich.
„Śi rorśk, saiǩo, śi ooka morwar rorśk!“, jammerte der Welpe und rieb seine entzündete Nase.
Dani verstand nichts von dem, was zwischen den Wölfen gesagt wurde. Nicht mal Jules hätte etwas von dieser Sprache verstanden. Wahrscheinlich war sie überhaupt der erste Mensch, der die Lichtfänger sprechen hörte – und noch immer lebte. Abgesehen davon war ihr sehr wohl klar, dass der riesige Alpha ihr bedrohlich nahe kam. Mit seiner Tatze musste er bloß kurz scharf ausholen und sie könnte noch im Himmelreich ihre Knochen sortieren. Obwohl sie sich nicht zu den Schwachen zählen wollte, musste Dani sich eingestehen, dass ihre ganze Kraft, ihr Wille und ihre Halsstarrigkeit gegen dieses schwarze Wesen nichts auszurichten vermochten.
Zähneknirschend musste sie Jules Befürchtungen teilen.
„Ein Mensch, der weiß …“, sagte der Alpha plötzlich in ihrer Sprache. Er hatte einen einschneidenden, heißeren Akzent, den Dani keinem Volk der Welt zuordnen konnte (oder wollte?), und sein interessierter Blick musterte sie von oben bis unten wie ein saftiges Stück besten Fleisches.
Fast wirkte er belustigt.
Was denkst du von mir, du gieriges Biest?, wurden ihr die intensiven Feueraugen unangenehm.
Doch dann – als wäre sie es plötzlich doch nicht mehr wert, von ihm beachtet zu werden – wandte der Wolf sich eiskalt von ihr ab.
Die sonst so standfeste Punkerin atmete tief durch vor Erleichterung. Vorerst hatte sie die offene Konfrontation mit dem Lichtfänger überlebt.
Die Augen des Alphas richteten sich nun auf das umwickelte Bündel, welches noch immer bei den umgeworfenen Tonnen lag und die Babydecke langsam mit Blut tränkte. Mit seiner breiten Schnauze schnüffelte er daran herum und schnaufte derb aus, dass weiße Dunstwölkchen aus seinen Nasenlöchern stiegen.
Aber anstatt es zu fressen, wie Dani es vermutet hätte, schleuderte er es mit einem gnadenlosen Hieb fort. Gleich einem nassen Sack klatschte das Bündel hart gegen die nächstbeste Hauswand und die Frau glaubte zu hören, wie die zarten Knochen zu Splittern zerbrachen.
Dem Blauen schien das markerschütternde Geräusch zu gefallen. Tropfend ließ er die schwarze Zunge aus dem langen Kiefer hängen und beleckte sich die Zähne.
„Am ooka aǩwir. Ni eśara rie“, zürnte der Alpha dem Welpen in einem herb enttäuschten Tonfall, weshalb der sich ängstlich hinter dem Grauen versteckte.
Jener ergriff abermals kühn für den Jungen das Wort: „Ni far ooka iark! Śi ooka iark te aǩwir ni saor!“, und mit seiner vernarbten Pfote wies er empört auf Dani, die sich langsam inständig wünschte, die Wölfe würden mit ihrem unverständlichen Kauderwelsch aufhören.
„Ketar, Oros ooka krś -“
„Krśkoro nor, ketari!“, fletschte der Alpha jäh die bedrohlichen Zähne und sein bärenhaftes Brüllen schallte von den Wänden. Schreckhaft beugte sich der Graue seinem Urteilsspruch, legte reumütig die Ohren an und blickte schweigsam zur Seite, während der Blaue gluckste. Den amüsierte die Schelte, wenngleich der Alpha auch ihn für seine offensichtliche Gehässigkeit derb anschnauzte: „Emr, Tao!“
Nachdem er wieder für Ruhe und Respekt gesorgt hatte, richteten der Alpha die Feueraugen erneut auf Dani.
„Iśkaé! Nicht jede Frau trägt Dill und Johanniskraut mit sich herum“, knurrte der Wolfsdämon tief und stellte sich ihr ein weiteres Mal nah und unheildrohend entgegen, dass sie den penetranten Gestank seines Fells deutlich riechen konnte. „Wieso weiß ein schwächlicher Mensch, was uns Wölfe schmerzt? Woher hast du dieses Wissen, verdammtes Weib? Wie hast du von uns erfahren?“
Ein sicheres Lächeln rutschte Dani über die Lippen und das schien dem gewohnten Despoten gar nicht zu passen. Offenbar irritierte ihn ihr maßloses Selbstvertrauen gegenüber seiner Person. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie aufgrund seiner Worte rasch einen Plan gefasst hatte.
„Ich kenne euch schon ewig“, pokerte sie hoch und zuckte gespielt leichtfertig die Schultern. „Lichtfänger, Stromfresser, Donnerwölfe. Ich habe Jahre damit zugebracht, mich vorzubereiten, um euch im passenden Moment gefährlich werden zu können. Von meiner Kräutermischung kannst du auch gern eine Nase voll bekommen, also trete mal schön etwas von mir auf Abstand, du stinkender Riesenkläffer!“
Die roten Augen weiteten sich.
„Na, komm!“, forderte sie ihn heraus. „Mach brav Platz, Fiffi!“
Daraufhin fing der Blaue grell wie eine Hyäne an zu lachen. Er hielt sich krampfhaft das hässliche Maul zu, als sein Anführer ihn zur Raison brüllte. Danis erster Eindruck von ihm war anscheinend richtig: Der hat nicht alle Latten am Zaun …
In der wiederkehrenden Stille hörte sie den starken Kiefer vor sich knacken, so hart biss der Alpha ihn zusammen. Von ihr brüskiert zu werden, kratzte sein stolzes Ego – erst recht vor versammelter Mannschaft. Doch er bezwang seinen Zorn schnell und gab sich keine Blöße. Mehr grinste auch er dreist über die Lefzen, was furchtbar ausschaute, aber Dani konnte sich keine Angst leisten.
„Gut“, sprach er finster und trat wirklich einen Schritt von ihr zurück, „du bist ein mutiges Ding. Normalerweise würde ich dir die Kehle durchbeißen und das Problem wäre aus der Welt. Doch hier mein Vorschlag an dich, Mädchen: Ich lasse dich heute Nacht ziehen, wenn du mir sagst, wer uns verraten hat … Soll sein Kopf den deinen retten.“
Er hat angebissen, dachte die Frau triumphierend und fragte: „Pfote drauf?“
„Bei meinem Wort“, knurrte er, als hätte sie ihn mit ihrer Skepsis beleidigt.
Ob das so viel wert war, konnte Dani natürlich nicht einschätzen.
Fest stand jedoch, dass sie ihr Leben verlor, wenn sie weglaufen oder einen Kampf mit dem Alpha und seiner tödlichen Meute riskieren würde. Deshalb dachte sie ja daran, diese ihr an Kraft überlegenen Geschöpfe gegeneinander auszuspielen, und hatte auf die Weise sogar die Chance erhalten, entkommen zu dürfen. Das Angebot sollte sie nutzen. Ein zweites würde es nicht geben.
Mit erstaunlich kühlem Verstand hob sie weisend den Arm.
Der Alpha folgte ihr mit Blicken und sah auf den grauäugigen Lichtfänger.
Dieser stutzte. Nervös wich er dem entlarvenden Fingerzeig aus, wurde jedoch weiter von ihm verfolgt. Die wortlose Anklage machte ihn unruhig.
„Amon?“, grollte ihm der Alpha fragend.
Der Angesprochene wurde immer unsicherer und trat von einer Tatze auf die andere.
„Ich weiß nicht, was die meint!“, gab er sich ehrlich unwissend und grimmte dem Menschen bärbeißig. „Ich kenne das Weib nicht! Keine Ahnung, was die da redet!“
Der blauäugige Wolf musste wieder laut auflachen, was den Grauen nur noch wütender macht. „Tok nam emr, Tao!“, bellte er ihn kämpferisch an und sein Fell sträubte sich.
„Es wäre besser, du erklärst dich, kaarak far!“, fauchte auch der gebieterische Alpha Dani böse an. An seinem lodernden Blick erkannte sie, dass ihm diese Nachricht doch stark zusetzte. Na, kein Wunder, immerhin klagte sie einen seiner Stammesbrüder des Verrats an.
„Verständlich, dass er mich nicht erkennt. Vor siebzehn Jahren war ich noch ein Kind und er hätte mich fast getötet“, klärte sie ihm wahrheitsgemäß auf und Dani öffnete ihre gefütterte Jacke, um dem Wolf die Narbe an ihrem Oberarm zu zeigen. „Er hat mich verletzt, doch ließ mich gehen. Seitdem weiß ich, dass es euch im Dunkeln gibt. Und das die Erzählungen vom bösen schwarzen Wolf nicht nur Märchen sind.“
Während der Graue vor Entsetzen große Augen bekam, platzte ein irres Lachen aus dem Blauen heraus, dass beide ausgewachsenen Wölfe ihn eilig ankläfften: „Emr, Tao!“
Der war bemüht, sich von seinem unpassenden Lachanfall zu beruhigen und als es geschafft schien, trat er grinsend auf seinen Anführer zu. „Kowin, Re“, feixte der Blaue mit gedehnten Worten und legte seinen Kopf schief, „aber es war köstlich zu sehen, wie Amon das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Die Kleine scheint nicht zu lügen, ihre Geschichte hat Hand und Fuß, das weißt du wie ich … Wir können uns wohl alle an diese eine Nacht erinnern, nicht wahr?“
„Sie könnte mich auch ebenso gut mit dir verwechseln“, äußerte sich der Grauäugige beleidigt.
„Ich habe damals kein kleines Mädchen verfolgt …“, erinnerte ihn der blaue Dämon singend und grinste überheblich. Er genoss es, im Recht zu sein.
„Ich lasse mir keine Schuld aufbinden! Und was glaubt ihr einem dummen Menschenbalg?“, appellierte er weiter an seine Unschuld, obwohl der gehetzte Ausdruck in seinen Augen der Behauptung widersprach. „Nie habe ich einer Beute erlaubt zu entkommen!“
„Scheinbar doch“, zog ihn sein Gegenüber spitz auf.
„Tok aé kaarak emr!“, unterbrach erneut der Alpha laut ihren infantilen Streit. Er sprang zwischen die beiden Fronten und gab beiden einen gewaltigen Schlag hinter die Ohren, dass sie auseinanderstürzten. Die rangniederen Wölfe schüttelten ihre Köpfe und Mähnen. Schweigsam akzeptierten sie die Bestrafung, doch funkelten sie sich nach wie vor böse an.
„Wakmé!“, nannte der Alpha die zwei abwertend und schnaufte. Über die breite Schulter hinweg, zischte er Dani zu: „Wir haben untereinander ein paar Angelegenheiten zu klären. Du solltest jetzt besser gehen, kleines Mädchen. Halte dich in Zukunft von der Dunkelheit fern. Ein nächstes Mal werde ich nicht so gnädig mit dir sein.“
Das ließ sich Dani sicher nicht noch mal sagen.
Die Dämonen nicht außer Acht lassend, bewegte sie sich langsam auf das Tor zu. Im bösen Spaß versuchte der Blaue, dem sie nahe kam, nach ihr zu schnappen, und er lachte boshaft über ihr überraschtes Gesicht.
„Tao“, ermahnte ihn der Alpha kalt, „ich gab ihr mein Wort!“
„Für diese Nacht, Re …“, zischte er bissig.
Zumindest besitzt der Anführer so etwas wie Ehre, beruhigte Dani ihr schlagendes Herz und schritt mit Bedacht rückwärts durch den Bogen hinaus.
„Krś tśkoro, Amon …“, hörte sie leise den roten Wolf noch knurren, dann verschwand der Hinterhof in der Biegung und Dani trat wieder auf die offene Straße hinaus.
Der Morgen kroch über den Himmel. Krähen kündigten ihn an. Die nachtschwärzliche Dunkelheit wich einem im Osten stetig heller werdendem Blauton. Die berufstätigen Menschen der Stadt erwachten und der Verkehr nahm zu. Eine Straßenbahn zog donnernd in einer Nebenstraße vorbei.
Ihre Knie wurden plötzlich weich. Erschöpft wie nach einem anstrengenden Training ließ sich die junge Frau auf den Asphalt sinken und zog tief die kühle Luft ein. Atmete Staub, Abgase und Fäulnis, roch Teer, Benzin und Schnee. Alles würde sie nicht mehr wahrnehmen können, wenn …
Es hätte schlimmer ausgehen können.
Überlebt. Ich habe überlebt. Wieder.
Ich hab echt mehr Glück als Verstand, schüttelte sie über diese Nacht den Kopf.
7
Vom Boden aufgelesen
Nachdem sie sich etwas gesammelt hatte, fand sie doch noch in der Hosentasche einen zerknüllten Fünfer-Schein. Von diesem kaufte Dani beim Bäcker Brötchen und einen heißen Kaffee. Zu heiß, als dass sie ihn tragen konnte, nahm sie Unmengen Zuckertütchen zur Hand und setzte sich in den beheizten Vorraum, um dort darüber nachzudenken, wie sie es nur fertiggebracht hatte, dem Tod von der Schippe zu springen.
Unter welchem Stern war sie geboren worden, dass die Lichtfänger sie abermals verschonten?
Kaum einer konnte das von sich sagen.
Ja, eigentlich gar keiner.
In dieser Nacht war ein Kind gestorben. Ein so kleines, junges Leben, das noch alles vor sich hatte. Es starb schwach, unbedeutend und sinnlos; wie eine Fliege, die von einer höheren Macht zerquetscht wurde. Einfach, weil diese Macht über Leben und Tod entscheiden konnte. Das Kind starb, während Dani überlebte.
Seufzend dachte sie daran, wie die Eltern sich fühlen mochten. Zerrissen zwischen Wut und Trauer, wie sie vor vielen Jahren. Es war niemals schön, einen geliebten Menschen zu verlieren. Waren Vater und Mutter bereits wach? Hatten sie bemerkt, dass jemand bei ihnen eingebrochen war, um ihr Baby zu stehlen? Nicht mal, um es zu fressen, nein. Es lag verrottend im Hof und würde von Ratten angenagt werden, ehe es jemand finden konnte.
Würde es heißen, es sei ein bedauerlicher Unfall? Würde man es so auslegen, dass das Kind nachts aus dem Bett – gar aus dem Fenster gefallen wäre? Würden die Eltern das glauben?
Wahrscheinlich wäre der Gedanke noch immer vernünftiger als die Existenz der Lichtfänger.
Warum haben sie es nicht gefressen?, dachte sie ernsthaft nach. Der Welpe hätte es sicher getan. Der Blaue auch. Was hatte der Alpha daran auszusetzen?
Wenn sie nur wüsste, worum es bei ihren Gesprächen gegangen war …
Gedankenverloren rieb Dani ihre kalten Oberschenkel. Zu Hause wartete ein warmes Bett auf sie. Und sie musste noch Robert anrufen, um … Moment.
Sie tastete sich ab. Noch mal zur Sicherheit. Tastete an ihren Gürtel.
Ups.
Augenblicklich verfiel sie in Panik.
Hastig stopfte sie sich die Brötchen in die Jackentaschen und trank den heißen Kaffee, auch wenn sie sich die Zunge verbrühte. Dann stürmte sie aus dem Geschäft, dass die Verkäuferin ihr nur verwirrt nachschauen konnte.
Ich bin so ein Idiot!, schimpfte Dani mit sich und rannte zurück zum Torbogen.
Die Taschenlampe! Die hab ich voll vergessen!
In einem Hof, der mit einer Leiche aussieht wie ein Schlachtfeld! Kann man so dumm sein?
Na ja, gab sie sich besser keine Antwort.
Zumindest um die Lichtfänger musste sie sich nicht mehr sorgen.
In der knappen halben Stunde, die sie beim Bäcker verbracht, ihre Wiedergeburt gefeiert und die Toten betrauert hatte, war die eintretende Dämmerung vorangerückt zu einem weißen Streifen am Horizont über der Stadt, der sicher alle Kreaturen der Nacht vor der brennenden Morgensonne warnte. Demnach war der Hinterhof wie leer gefegt, da Dani ihn beinahe stürzend erreichte. Sie war auf irgendetwas am Boden ausgeglitten und verzerrte sich das Bein.
Egal, ignorierte sie den dumpfen Schmerz und sah sich händeringend um.
Ihre Taschenlampe lag nicht dort, wo sie sie hatte fallen lassen. Das, was sie von ihr noch fand, waren kleine Plastikteile, zertreten, zerquetscht und verteilt über das dunkle Pflaster, welches im Schatten der Häuser lag.
Irgendwie erleichtert beruhigte sich Dani wieder. Unter den Umständen wären Fingerabdrücke und Ähnliches schwer zu gebrauchen. Die losen Splitter fänden nicht mal als Beweismaterial Beachtung … Bedauerlich war es dennoch. Das bedeutete nämlich, sie musste Geld für eine neue Leuchte zurücklegen. Die Garantie griff sicher nicht bei Dämonenschaden.
Sie hockte sich nieder und hob die Fassung der winzigen Glühbirne auf. An ihren Fingern klebte dabei noch etwas anderes.
„Was zum Geier …“, murmelte sie für sich und fühlte. Es war eine Flüssigkeit, schwarz und zähflüssig wie Öl oder Zuckerrübensirup. Vorsichtig roch sie daran. Es stank nicht nach Treibstoff oder sonst wie chemisch. Es erinnerte sie an einen Geruch wie … Erde. Nein, Moos. Das Zeug roch nach feuchtem Moos.
Jetzt schaute Dani genauer hin. Das war das Geschmiere, auf dem sie vorhin ausgerutscht war. Die Pflastersteine waren nicht nur wegen des Nachtschattens so schwarz. Sie waren beschmutzt, bekleckst mit diesem … Noch einmal strich die junge Frau mit dem Finger über den nassen Boden.
Ist das vielleicht …
Voller Abscheu schüttete sie es von sich ab.
Der Hof war getränkt mit Dämonenblut!
„Scheiße!“, fluchte Dani deftig und blicke sich suchend um. Liegt jetzt mehr als eine Leiche hier herum? Noch besser, eine Dämonenleiche! Wenn die Polizei die findet, sind die Nachrichten heute klar!
Nervös und mit bebendem Herzen versuchte sie, den Verlauf des Kampfes zurückzuverfolgen, der hier eindeutig vor wenigen Minuten stattgefunden hatte. Wie auch immer die Wölfe untereinander gewütet haben mussten, das Opfer ihrer Wut schien regelrecht zerfetzt worden zu sein. Große Blutlachen sammelten sich überall in der nahen Umgebung an. Ein Fleck an der Wand könnte bedeuten, dass der Graue mit aller Macht dagegen geschleudert wurde. Schleifspuren zogen sich über Mauern und Grund. Sie glaubte sogar, Fell- oder gar Fleischfetzen im Halbdunkel zu erkennen. Die frischeste Fährte aus schwarzen Blutstropfen führte ihre Aufmerksamkeit zu den Schatten unter dem linken Balkon vom Erdgeschoss. Mit letzter Kraft musste sich der Verwundete in den schmalen Spalt zurückgezogen haben. Anscheinend war er noch klar genug bei Verstand, um zu wissen, dass er dort sicher war vor dem schnell heraneilenden Morgenlicht.
Oder er suchte bloß einen ruhigen, unbehelligten Ort zum Sterben.
Geistesgegenwärtig nahm Dani den alten Kehrbesen zur Hand, der quer beim Schuppen lag und schlich sich an den mit Holz verkleideten Korb heran. Sie musste auf dem besudelten Boden in die Knie gehen und sich bückten, um unter das Balkongestell zu sehen. Erschrocken wich sie für einen Moment zurück. Der Anblick, der sich ihr bot, verstörte die junge Frau ungeahnt heftig.
Tatsächlich lag dort die schwarze Kreatur, zu einer riesigen Pelzkugel zusammengekrümmt im schützenden Dunkel. Unmengen von Spinnweben, Rattendreck, welkes Laub und Abfall verklebte das zottige, stinkende Fell, das die Gestalt umwickelte wie ein altmodischer Flokatimantel.
Nachdem sie sich beruhigt hatte, musste Dani auch stutzen. Das, was sie von dem Monster erkannte, sah irgendwie verändert aus. Noch konnte sie nicht mal sagen, woran sie das festmachte, doch der Lichtfänger wirkte auf sie … dünner als vorher. Groß war er geblieben, natürlich, jedoch auch … anders. Schmaler. Tapfer atmete sie durch, packte den Besenstiel fester und stieß den Körper mit dem Borstenkopf an.
Eine Reaktion blieb aus.
Von dem Berg aus Fell ging offenbar keine Bedrohung mehr aus.
Lebt er noch?, schätzte sie die Situation ab. Der Alpha sagte ja, sie hätten etwas unter sich zu klären. Die Strafe des Verräters? Hat er mit seinem Leben bezahlt, weil er mich damals nicht getötet hat?
Noch einmal stieß sie zu, doch der Dämon rührte sich wieder nicht. Unter dem gerollten Leib hatte sich eine Pfütze aus schwarzem Blut gebildet.
Wie viel muss er davon verlieren, um zu sterben?, stellte sie sich die Frage und sah diesen Giganten aus Knochen, Fleisch und Haaren mit gemischten Gefühlen an. Sie konnte hören, wie die Wunden tropften.
Er ist tot. Der grauäugige Teufel, der meine Familie zerstört hat, ist tot. Elendig verreckt am Blutverlust.
Wieso stimmte sie das nicht fröhlich? Müsste sie sich nicht freuen? Ihr Plan hatte doch wie erhofft funktioniert und der Lichtfänger wurde von seinem eigenen Rudel zerfleischt. Er hatte gebüßt. Die gerechte Strafe erhalten.
Aber Dani war damit nicht glücklich.
Ein drittes Mal stach sie das Fellbündel an und rief: „Hey!“
Als keine noch so geringe Antwort kam, kroch sie ebenfalls unter den Balkon. Das zähflüssige Blut weichte ihre Kleider durch, ließ den Stoff an der Haut kleben. Auf den Unterarmen robbte sie sich näher an den Körper heran und streckte die Hand nach dem Monster aus. Ihre Finger fassten in die dichten, glitschig-nassen Haare hinein. Sie unterdrückte ihren aufsteigenden Ekel, bis sie etwas Greifbares fand und kraftvoll daran zog. Das Geschöpf geriet unweigerlich in Bewegung, willenlos gleich einer kaputten Puppe.
Mit einmal hielt Dani ein nacktes Handgelenk fest. Irritiert musterten ihre Augen die erstaunlich menschlich wirkende Gliedmaße.
Eine blasse, grauhäutige, blutverschmierte Hand. Mit scharfen Krallen statt Nägel an den schlaffen, einstmals starken Fingern. Der Ringfinger fehlte. Wo er mal war, gab es nur einen vernarbten Stumpf.
Angewidert ließ sie die Hand auf den dreckigen Boden fallen.
Ein leises Röcheln kroch aus dem Fell. Der Wolf atmete flach und ein plötzlicher Hustenanfall schüttelte den ganzen Leib. Die Geräusche aus seinem Brustkorb klangen, als würden Samen in einer Kapsel rasseln.
Er lebt also.
Noch.
Einen Moment lang dachte Dani daran, dem ein Ende zu setzen. Diese verfluchte Bestie hätte bei der Entscheidung sicher nicht gezögert. Monster töteten schließlich ohne Gnade oder Moral. Sie würden nicht mal denjenigen schonen, dem sie etwas schuldig wären.
Leben und Leben lassen kennen die Typen nicht.
Sie jedoch war ein Mensch.
Und ein Mensch handelte nicht wie ein Ungeheuer.
8
Schuldtilgung
Jules fiel fast aus dem Bett, als er Danis Schläge gegen die Metalltür hörte. Umgehend zog er sich seinen alten grauen Bademantel über den ausgeleierten Schlafanzug und fuhr mit den Füßen in die Großvater-Pantoffeln. Einen kurzen Augenblick hielt er inne und dachte mit Schaudern daran, wie steil es mit seiner Jugend bergab ging, bis das donnernde Hämmern der Tür ihn wieder an seine Freundin erinnerte.
„Hast du den Schlüssel verloren?“, gähnte er, während er ihr öffnete und schreckte sogleich zurück.
Schweißgebadet, mit rotem Kopf und knirschenden Zähnen stand Dani vor ihm im schwachen Licht des neuen Tages und er musste keinen Abschluss in nonverbaler Kommunikation haben, um ihre Verbitterung und Erschöpfung zu verstehen. Was ihn aber noch mehr entsetzte, war die schwarze Schmiere, die ihr Gesicht und ihre Kleidung besudelte. Und das riesige Geschöpf, welches sie schulterte. Zuerst sah er nur langen Pelz, pechschwarz und zerlumpt. Schließlich eine Art Maske … ein Wolf?
„Bei allen Göttern!“, entfuhr es ihm augenblicklich und er schlug die Hände über seinem Kopf zusammen.
„Die kannst du später noch anrufen!“, keuchte Dani gereizt. „Hilf mir, den Mistkerl reinzutragen! Der ist verdammt schwer!“
Obwohl er lieber eine Erklärung von ihr gehört hätte, ging Jules schnell ihrem Wunsch nach, trat ihr zur Seite und nahm den anderen Arm des Dämons auf seine schmalen Schultern. Wieso sah der Lichtfänger eigentlich aus wie ein Mensch? Ein Mensch mit Wolfsmantel und Wolfsmaske, als wäre er unterwegs zu einer Faschingsparty! Hinter der leer erscheinenden Schädelhülle des noch immer mit Zähnen gespickten Mauls erblickte er einen schmallippigen Menschenmund. Dazu klebte dieses schwarze Zeug an ihm wie … Blut! Schwer war der außerdem wirklich! Jules schätzte das Gewicht auf gut hundert Kilo – und das bestand sicher nicht aus Körperfett.
Als beide den Wolfsmann schwer atmend durch die Tür in den Wohnbereich hievten, konnte Jules sich den Spott an der Situation irgendwie nicht verkneifen und scherzte: „Kannst du nicht wie jede andere Frau eine Katze auflesen? Oder einen kleinen Streuner? Aber nein, du schleppst um sieben Uhr in der Frühe ein hünenhaftes Monster an! Echt mal, Dani, wir sollten darüber reden …“
„Das kann warten!“, stöhnte sie genervt und steuerte das grüne Sofa an.
Jules allerdings stoppte ihr Vorhaben mit dem Argument: „Willst du etwa das gute Polster mit den Flecken versauen?“
„Fein, ist mir auch recht! Hauptsache ist ja, ich bin mit dem raus aus der Sonne!“ Und an Ort und Stelle ließ sie den Verwundeten gleich einem nassen Sack lieblos auf den ramponierten Perserteppich fallen. Weil Jules ihn nicht allein tragen konnte, musste er ebenfalls loslassen.
Nun lag ein ausgewachsener Dämon regungslos zu ihren Füßen.
„Was zur Hölle ist dort draußen passiert?“, wollte Jules laut werdend endlich wissen. „Ich dachte, du wolltest so einen umbringen! Stattdessen schleppst du den Werwolf hier an! Lebt der noch? Hast du den derart zugerichtet? Mädchen, wir sollten deine Aggressionen besprechen! Was denkst du dir eigentlich dabei? Abgesehen davon, wieso ist der ein Mensch -“
Stöhnend zog Dani mit angeekelter Miene die beschmierte Jacke aus und warf diese von sich.
„Ach, was weiß ich denn?“, maulte sie barsch und stampfte wütend auf. „Ich hab das Rudel aufgespürt, hab den Kerl gefunden, der meine Eltern gekillt hat und dafür gesorgt, dass er das Fell gegerbt bekommt! Und doch kann ich irgendwie den Typen nicht verrecken lassen!“
„Nicht -“, leuchteten Jules ihre Worte ein. „Der lebt also?!“
„Vielleicht, ein wenig.“ Sie zuckte kaltherzig die Achseln. „Schau doch selber nach, du bist hier der Arzt!“
„Doch nicht für Dämonen! Die haben möglicherweise eine ganz andere Anatomie!“
„Und ist das mein Problem oder seines?“, wurde Dani bösartig. „Ich wollte nicht, dass die Polizei ihn findet, darum hab ich ihn mitgenommen! Und ja, ein bisschen leid tat er mir auch! Ich hab ihn ans Messer geliefert und fühl mich schlecht deswegen! Dabei sollte es mich nicht kümmern, was mit dem Drecksack ist! Wenn er stirbt, kannst du ihn ja aufschneiden! Verflucht, ich hab eine Scheiß-Nacht hinter mir, Jules! Ich hab diesen Köter meterweit hierher getragen und bin fertig! Mach das Beste draus!“
Schon hob er abwehrend die Hände und gab still klein bei. Es musste nicht sein, dass er sie noch mehr auf die Palme brachte, sonst würde sie ihren Zorn doch nur wieder an dem armen Teufel auslassen.
Somit ließ Jules von ihr ab und beugte sich zu dem verletzten Körper hinunter. Das dunkle Fell tropfte nass den Boden voll, roch erbärmlich und war teilweise schon verkrustet von dem schwarzen Blut. Wie ein Mantel bedeckte es den Leib, Hände und Füße blieben nackt, und die Nägel waren Krallen, die der Wolf scheinbar wie eine Katze etwas einziehen konnten. Das würde er sich später noch mal genauer ansehen …
Er drehte das fremde Wesen auf den Rücken und untersuchte die riesige Schädelmaske. Zähne, Schnauze, Ohren, Haare – die Verkleidung musste zum Leben erwachen, wenn er zum Tier wurde. Ein Formwechsel, Metamorphose – selbstverständlich hatte Jules an so was bereits gedacht. Zögerlich griff er nach dem Kiefer und zog die Maske wie eine Kapuze vom Kopf des Mannes.
Das Gesicht darunter hatte sehr menschliche Züge. Der Dämon wirkte relativ jung, human gedacht irgendwo in den Ende Zwanzigern oder Anfang Dreißigern. Er besaß kantige Wangenknochen und ein starkes Kinn, eine gerade Nase und seine Augen hatte eine exotische Form, wie er sie maximal den Asiaten zugeschrieben hätte, wenn überhaupt. Das Kopfhaar war rund sieben Zentimeter lang, struppig und schwarz wie sein Pelz. Die Hautfarbe ging mehr ins gräuliche und seine dünnen Lippen, die leicht geöffnet waren, dass er die Reißzähne und das schwarze Zahnfleisch sehen konnte, erinnerten an dunkle Bleistiftstriche.
„Interessant“, verkündete Jules seine ersten Erkenntnisse laut, „sein Blut ist schwarz. Darum ist die Haut grau und alles weitere, was unser rotes Blut rot oder rosa färbt, ist auch schwarz – beziehungsweise grau. Das ist faszinierend.“
„Und wie sieht es sonst mit ihm aus? Hat ja einiges abbekommen“, meinte Dani gefasst und beschaute sich das zerschlagene Gesicht. Es war übersät von Krallenspuren und Prellungen. Blut rann aus dem Mundwinkel und ließ innere Wunden vermuten.
Jules öffnete den knopflosen Kragen des Fellmantels. Der Hals war aufgebissen, die Kehle lag frei und zuckte leicht. Die blutigen Risse gingen tief und lang durch das graue Muskelfleisch, das von dunklen Adern und weißen Sehnen durchzogen war.
„Dass der echt noch leben soll – igitt!“, zischte der Professor überraschend und schüttelte die Hand aus. An den Fingern klebte nicht nur der flüssige Teer, sondern auch ein klares, sehr schleimiges Sekret, das vom Fell abgesondert wurde und furchtbar nach Raubtier stank.
„Was ist das?“, wollte Dani trotz allen Widerwillens wissen.
„Keine Ahnung“, grummelte er verstimmt, aber als er das Fell weiter von der Haut abzog, glibberte das Zeug erneut an ihm. „Scheint eine Art … Klebstoff oder … Schutzschicht zu sein. Hält vielleicht in dieser Form das Fell fest, ich weiß es nicht …“
Harte Krallenhiebe zierten die durchtrainierten Brustmuskeln, sodass die Menschen direkt auf gebrochene Rippenknochen sehen konnten. Darunter lagen die schwarzen Organe, die schwach pulsierten und glänzten wie geölte Zahnräder in einer Uhr.
Im Studium hatte Jules ein Unfallopfer obduziert. Die Person war von einem LKW gerammt worden und nichts war im Körper dabei heil geblieben. Irgendwie musste er bei diesen Verletzungen daran denken. Mit dem Unterschied, dass dieses Geschöpf hier noch atmete.
Vorsichtig tastete er den zertrümmerten Brustkorb ab und zuckte positiv verwundert zusammen.
„Was?“, reagierte seine Freundin eher ungehalten.
„Fühl mal hier, Dani!“, lud er sie freudig ein, es ihm gleich zu tun.
Sie tat ihm den Gefallen, wenn ihr auch nicht klar war, was er damit bezwecken wollte. Die fahle Haut des Lichtfängers fühlte sich kalt und straff über den Knochen gespannt an. Am liebsten hätte sie die Hand von diesem schmutzigen, stinkenden … sie stutzte.
„Das … das ist ein Herzschlag“, stellte sie fest.
„Ja“, nickte er mit einem breiten Grinsen ihr zu, „dieser Dämon hat ein Herz. Ein sehr starkes dazu, denn trotz dieser Wunden ist er nicht totzukriegen.“
Angewidert nahm sie die Hand von der glitschigen Brust und beteuerte griesgrämig: „Viele Mörder und Vergewaltiger haben ein Herz. Das gehört nun mal zum Leben dazu. Es macht ihn zu keinem Heiligen.“
„Aber vielleicht zu einem fühlenden Dämon. Weißt du, ich denke eigentlich nicht, dass seine und die menschliche Mentalität sich groß voneinander unterscheiden. Bestimmt lässt er mit sich reden und ihr beide könnt einen Kompromiss finden. Vorerst sollten wir ihn klar zusammenflicken“, gab er sich hoffnungsvoll und wies sie an: „Hol mir bitte die kleine Autobatterie von Luke. Ein Stromstoß wird ihm sicher guttun …“
Gerade wollte Dani sich aufmachen, da bemerkte sie, wie die verstümmelte Wolfsklaue sich bewegte. Die Krallen fuhren sich aus und der wunden Kehle entwich ein leises Stöhnen. Die Augenlider flatterten.
Krampfhaft hustete der Dämon Blut.
„Hey“, sprach Jules ihn ruhig an, „keine Sorge. Es wird alles gut.“
Die grauen Raubtieraugen rissen auf.
Mit einem Satz sprang der Lichtfänger vom Boden hoch, jedoch konnte er sich wegen der Schwere seiner Wunden nur schlecht aufrecht halten. Trotzdem stürzte er auf allen vieren in Sekundenschnelle viele Meter von den Menschen fort. Taumelnd stieß er gegen einen Schrank, gegen den Sessel, und fühlte mit einem Knurren, wie durch die hohen Fensterscheiben frühes Sonnenlicht auf ihn fiel. Sofort hastete er ins Dunkel, kam hechelnd vor Verwirrung zum Stehen und hob drohend die linke Pranke den Fremden entgegen. Er würde nach jedem ausschlagen, der ihm zu nahe käme. Blut und Speichel tropfte aus seinem Zähne zeigenden, schwer atmenden Maul.
Erstarrt verharrten die Menschen ihm gegenüber.
„Ganz ruhig“, versuchte Jules es erneut mit sanften Worten und trat einen leichten Schritt vor. Der Wolf knurrte gurgelnd und die Krallenhand stieg höher, auch wenn er Probleme hatte, sie und sein Gleichgewicht zu halten. Schnaufend witterte er den Geruch ihres Fleisches. Sein trüber Blick flog ziellos umher.
„Jules“, machte Dani ihn auf etwas aufmerksam, jedoch hatte der Professor bereits den kritischen Zustand der Kreatur erfasst.
Der Wolfsmann stand kurz vor dem Black-out. Wahrscheinlich konnte er nicht mehr richtig sehen, riechen oder hören. Allein seine zutiefst animalischen Instinkte sagten ihm, dass er nicht allein war. Den wankenden Bewegungen nach, kostete es ihm alle Kraft, einigermaßen aufrecht zu stehen. Das schwarze Leben floss aus seinem Fell, als sei er in den Regen gekommen. Das linke Bein schien gebrochen. Und mit Sicherheit sein rechter Unterarm. Er drückte die verletzte Gliedmaße an sich wie ein Kind sein Lieblingsstofftier.
„Keine Angst, wir können dir helfen“, versuchte Jules weiter, zu ihm durchzudringen. Ratsuchend fragte er seine Freundin: „Hast du seinen Namen gehört?“
Dani dachte kurz nach und antwortete: „Amon.“
„Amon“, wiederholte er den Namen und sprach zu dem Lichtfänger, „wir werden dir nichts tun.“
Dieser knurrte nur lauter, obwohl sein zerfetzter Hals dafür gar nicht mehr geeignet war. Es ließ nur eine weitere Ader in der Wunde platzen. Die Schmerzen mussten unvorstellbar sein …
„Lass dir helfen, Amon.“
Schwankend versuchte der nach Jules zu schlagen, jedoch war der Mann zu weit von ihm entfernt. Sein Handeln führte bloß dazu, dass er endgültig den Halt verlor und zu Boden ging. Keuchend unternahm er noch einen letzten Versuch, aufzustehen. Er krampfte, hustete und spuckte einen säuerlich riechenden Klumpen auf den Perserteppich. Dann fielen ihm die Augen zu.
„Ist er jetzt tot?“, war Danis berechtigte Frage.
Langsam trat Jules näher an den Wolfsmann heran. Dieser rührte sich zwar nicht mehr, doch er befürchtete weiterhin, dass der Kerl abermals wie ein infernales Schachtelmännchen aufspringen und sich zusätzlich schaden könnte. Aber der Wolf blieb liegen und zum Glück fand sich bald ein schwacher Herzschlag.
Sichtlich erleichtert atmete Jules durch und wollte seiner Freundin die Nachricht gerade zukommen lassen – als er Rauch roch.
„Dani!“, rief er und zeigte panisch hinter sie.
Diese sah gerade noch, wie ihre so arglos beiseite geworfene Winterjacke zu schwelen begann und dann mit einem Zischen gleich Feuer fing! Hektisch griff die junge Frau nach einem Sofakissen und versuchte, die Flammen zu ersticken. Doch als sie den Lichteinfall betrat, in dem das Kleidungsstück badete, fühlte sie, dass ihrer Haut, ihr Haar, ihre Hosen ebenfalls warm wurden und dampften. Nein, nicht direkt sie. Es war das Blut des Dämons, welches sich ähnlich Kerosin entzündete. Es verbrannte, sobald Sonnenlicht es berührte.
Dani sprang zurück in den Schatten. Jules warf seinen Bademantel auf ihre Jacke, zog beides aus dem Licht und gemeinsam löschten sie den Brand.
„Alles okay?“, japste er aufgeregt. Einen solchen Start in den Tag hatte er nicht für möglich gehalten. Ein aufgelesener Dämon mit hochentzündlichem Blut war der krasseste Wecker, den er je erlebt hatte.
„Alles okay? Quatsch!“, schimpfte Dani aufgebracht. „Hier ist gar nichts okay, Jules! Ich bin voll mit Blut, das in der Sonne explodiert, und dieser Dreckskerl -“
„Aber du bist sicher!“, durchfuhr er ihre Anschuldigungen. „Dir passiert nichts, solange du nicht im Licht bist. Damit hast du selbst gespürt, wieso diese Wesen das Tageslicht fürchten. Es ist nicht ihre Haut, die brennt. Es ist ihr Blut! Es verbrennt sie von innen heraus! Ist das nicht Wahnsinn?“
Seine wissenschaftliche Euphorie konnte Dani nicht teilen. Zornig betrachtete sie den Mantel, unter dem es noch nach verkohltem Stoff stank und fluchte: „Ja, es ist Wahnsinn! Wahnsinn, was ich mir dabei gedacht habe, dieses Arschloch hier anzuschleppen! Wieso hatte ich nur mit dem Kerl Mitleid? Der hatte schließlich auch keins mit mir!“
„Na ja, du fühlst dich halt schuldig, soweit hab ich verstanden. Sieh es positiv!“, sagte Jules grinsend und tätschelte ihr die Schultern. „Zumindest musst du dir keine Gedanken um Spuren machen. Dort draußen wird jeder Tropfen Blut, den er bis hierher verloren hat, bis zur Mittagsstunde verschmort sein.“
Beim Gedanken an den verschmutzten Hof war ihr das tatsächlich ganz recht.
„Was wir jetzt erst mal brauchen, ist eine Menge Verbandszeug“, schmiedete der Professor Pläne und blickte zu dem Dämon hinüber, der bewusstlos liegen geblieben war. „Und ich würde jetzt endlich gern erfahren, in was für ein Chaos du mich hier geritten hast, Dani.“
9
Der dämonische Patient
Zu der Wand unter der Gitteretage, wo die Küchenzeile stand, gehörten auch zwei Türen, welche in die ehemaligen Personalbereiche der Fabrik führten. Die hinterste brachte den Besucher in die Mitarbeiterkantine. Neben verbeulten, aufgebrochenen und verstaubten Spinden, waren hier auch Duschen und Toiletten zu finden, die ein Freund von Dani glücklicherweise wieder an das Netzwerk der Stadt anschließen konnte, sodass Kalt- und Warmwasser flossen und die Heizung funktionierte.
Sollte der Winter einmal kälter ausfallen als gewöhnlich, konnte das Paar in die Kantine umziehen, ohne Sorge zu haben, erfrieren zu müssen. Da die Räume aber noch baufälliger waren als der Arbeitsbereich, blieb es bisher nur bei einer Notlösung, statt gänzlich darin zu hausen. Es würde nach wie vor viel Arbeit und Geld nötig sein, wenn das Gebäude den Bewohnern ein gemütliches Heim werden sollte.
Die vorderste Tür war ein außer Betrieb genommener Kühlraum für die hier einmal fabrizierten Lebensmittel. Heute diente er größtenteils als Lager für Kartoffeln, Zwiebeln und Ähnliches, was sich halten ließ. Auch Konserven in Regalen, schwere Farbeimer, Tapeten, ein metallischer Tapeziertisch, verschiedene Werkzeuge wie Pinsel und Zangen, allerlei gefundener Krimskrams, der sich noch irgendwie verwerten ließ, und Holzplatten zum Verbauen standen herum.
Jules wählte diesen Raum als provisorisches Krankenzimmer aus zwei Gründen.
Erstens war die Außentür sehr massiv und ließ sich nicht von drinnen öffnen.
Und zweitens gab es im kargen Inneren keine Fenster, durch die eventuell Sonnenlicht einfallen und dem Verletzten Verbrennungen zufügen konnte. Die einzigen Lichtquellen waren demnach die Neonröhren an der grob verputzten Zimmerdecke.
Eine solch beachtliche Fürsorge um das kümmerliche Leben des Mörders ihrer Eltern, bereitete Dani Bauchschmerzen. Die Rache in ihr nagte am schlechten Gewissen. Beide Emotionen lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch. Einerseits wollte sie den Wolf leiden und sterben sehen – andererseits fühlte sie sich nicht gut dabei, einen ohnehin geschwächten Teufel noch leiden und sterben zu lassen.
Ihren Freund hatte sie schließlich weitestgehend von den Ereignissen der Nacht unterrichtet, während sie eine Nachricht an Robert schickte, dass sie sich nicht wohlfühle und heute im Bett bleiben würde. Was nicht ganz gelogen war, dennoch störte es sie persönlich, wegen diesem zerlumpten Flohteppich einen guten Freund und Chef zu belügen.
„Ganz schön clever von dir“, lobte Jules, der inzwischen die Isolierplane auf dem Kachelboden neben dem Niedergestreckten auslegte, „in einer solchen Situation dermaßen die Nerven zu behalten, dass sogar noch ein Vorteil für dich bei rausspringt.“
„Na ja“, teilte sie nicht ganz seine Meinung und packte den Lichtfänger unter den Armen, um ihn auf die Plane zu ziehen. Zusammen zerrten sie den Körper auf dem improvisierten Schlitten an den Lichteinfällen vorbei in die alte Kühlkammer. Die Anstrengung ließ Dani schwitzen, da sie schnaufend gestand: „Ich hatte schon Angst! Dieser Alphawolf war echt nicht ohne! Hätte er nicht selbst den Vorschlag gemacht, mich laufen zu lassen, wäre ich jetzt sicher ähnlich zugerichtet wie der hier!“
„Tja“, ächzte der schmächtige Jules, „und du wärst tot! So hat der allein seinen Kopf für dich hinhalten müssen. Macht euch das nicht irgendwie quitt?“
„Träum mal weiter!“, grimmte sie und ließ die Plane los, kaum dass sie die Raumgrenze überschritten hatten.
„Nicht?“
„Als wenn ich einem Killer je verzeihen könnte!“ Wütend stapfte sie in die Küche, um einen Plastikeimer mit warmem Wasser zu füllen, den sie neben den Wolfsdämon abstellte. Dani half ihm nicht seinetwegen, sondern weil Jules sie darum gebeten hatte. Der suchte währenddessen unter dem gemeinsamen Bett seine etwas in Vergessenheit geratene Arzttasche aus Zeiten des Studiums und kam mit dieser zurück.
Er lächelte scheu und begann vorsichtig damit, diesem Amon das dreckige Fell komplett wie einen Overall abzuziehen. Derweil holte Dani die gewünschte Autobatterie. Ihr Kumpel Luke hatte ihnen diese überlassen, nachdem er seinen alten Seat zum Schrotthändler gebracht hatte. Er selber konnte wenig mit dem Ding anfangen und hätte sicher nicht gedacht, dass sie mal nützlich wäre, um einem Dämon zu retten.
Mit dem Wasser wischte Jules das Blut und den übel riechenden Schleimfilm vom grauen Leib seines Patienten und desinfizierte die klaffenden Wunden mit einem brennenden Spray, was aber der Ohnmächtige nicht spürte. Mit Skalpell und Zange wurden die geborstenen Knochen gerichtet und die zerrissene Haut mit Nadel und Faden wieder zusammengezogen, ehe Mull Rolle um Rolle alles sauber verband.
In der Zwischenzeit wühlte Dani das klappbare Gästebett hervor und stellte es auf.
Ab und an sah sie zu dem Professor hinüber, der äußerst rücksichtsvoll für das furchtbare Monster sorgte. Gerade wickelte er den verarzteten Oberschenkelknochen und eine grob stabilisierende Stange mit mehreren Schichten Gaze-Bandagen ein. Seine ganze Faszination widmete sich danach (aus rein wissenschaftlicher Neugier, wie er ihr versicherte) den Pfoten des Wolfsmannes und er untersuchte die Schärfe sowie den Funktionsmechanismus der Krallen. Wie ein kleiner Junge kam er ihr vor, der ein lang ersehntes Spielzeug endlich erhalten hatte.
„Acht Zehen“, hörte sie Jules murmeln, „zehn Finger. Gut, er hat neun …“, bedachte er den Stumpf.
„Hatte er schon damals“, seufzte sie verstimmt und ließ sich aufs Bett fallen, dessen Federn hell quietschten, „deswegen war eine Verwechslung auch ausgeschlossen. Früher konnte ich halt nur nicht sagen, was mir an dieser Pfote so seltsam auffiel.“
„Vielleicht ist er mal in eine Falle getreten“, stellte er eine Vermutung auf.
„Dann hätte der Jäger ihn besser aufs Korn nehmen und abknallen sollen …“
Als er daraufhin vielsagend durchatmete, platzte ihr der Kragen.
„Jules, das Ding dort ist nicht unser neues Haustier! Bestenfalls ist er unser Gefangener! Dieser Wolf hat meine Eltern grausam getötet und es hat ihm auch noch Spaß gemacht! Wer weiß, wie viele Menschen er schon gerissen hat – Männer, Frauen und Kinder! Er ist eine brutale, gewissenlose Tötungsmaschine, ebenso wie der Rest seiner verdammten Art! Die haben heute Nacht ein Baby getötet, einfach so! Für einen Dämon ist ein Menschenleben nichts von Wert, vergiss das mal nicht!“
„Tu ich doch gar nicht!“, gab er sich entrüstet. „Ich habe es nicht vergessen! Aber vielleicht hat er ja auch seine Gründe, warum -“
„Warum er kleine Kinder tötet, ja? Vielleicht ist er ein Gourmet und steht mehr auf zartes Fleisch!“, war sie zornig, sprang auf und trat mit ihrem Stiefel gegen das Bettgestell, um es gegen die Wand scheppern zu lassen. Dann stampfte sie mit energischen Schritten aus dem Raum und schimpfte: „Pflege mal schön dein mörderisches Hündchen weiter! Ich geh duschen! Ich will diese stinkende Brennpaste loswerden, die der verdammte Mistsack mit sich rumschleppt!“
„Dani, ich hab es doch nicht böse gemein-, na, jetzt warte mal kurz!“, hielt er sie auf und traute sich wiederum kaum, seine nachkommenden Worte vorzubringen, so aufgebracht, wie sie ihn anblickte. Zögerlich hob er den schwarzen Fellmantel vom Boden auf und reichte ihn ihr zu.
„Könntest du das Teil bitte auswaschen? Ich denke nicht, dass es ein Fall für die Waschmaschine ist und wenn es weiter hier rumliegt, stinkt es auch nur …“
Die Punkerin brüllte laut auf, um ihrer Frustration Luft zu machen. Trotzdem entriss sie ihm den Mantel mit einer rabiaten Bewegung und fluchte: „Fein! Ich hoffe, der Kaftan geht ein!“
Der Flokati stank wahrlich wie nasser Hund, als sie ihn unter einen Duschstrahl legte. Mit nackten Füßen trat sie darauf herum, um das Fell zu walken und schwarzes Wasser verschwand im Abfluss. Es fühlte sich widerlich unter ihren Sohlen an. Genervt hockte sie sich nieder und benutzte doch die Hände.
Die Innenseite des schwarzen Fells war von einer dünnen Membran bezogen, die sich glatt, elastisch und weich anfühlte, als darüber das Wasser lief. Die Haare selber stachen darin wie in einer zweiten Haut. Kein Reißverschluss, keine Knöpfe. Schon vorhin hatte sie sich gewundert, wie Jules den Mantel hatte öffnen können. Zog er sich einfach auf?
Ach, wen juckt’s?, schimpfte sie stumm, rang das Bündel aus und schleuderte es fort. Es rutschte über die olivgrünen Fliesen, in den hinteren Teil des Duschraums. Dort wollte sie es auf einer Leine aufhängen, die für diesen Zweck zwischen den ungenutzten Armaturen gespannt war. Zu mehr waren die hiesigen Sanitäranlagen nicht zu gebrauchen. Verkalkt, verrostet und/oder undicht. Sollte sie irgendwann im Lotto gewinnen, fiel der Startschuss zum Ausbau der Fabrik.
Seifenschaum und Wasser spülten den Schmutz der Nacht von ihrem Körper fort.
Immer wieder fuhren ihre Finger über die raue Narbe.
Jules wünschte sich Vergebung …
Sie wusste keinen Weg dahin.
Gekleidet in ihren eigenen roten Bademantel und ein Handtuch um die nassen Haare gewickelt, ging Dani zurück zum Kühlraum. Ihr Freund war gerade mit der Arbeit fertig geworden. Sein teuflischer Patient glich inzwischen einer Mumie mit all den Bandagen und Pflastern. Eine fast zwei Meter große, drahtig gebaute, muskelbepackte, bald wieder zum Leben erwachende Mumie mit gefährlichen Reißzähnen und Klauen.
Hallo, Doktor Frankenstein, Igor ist zur Stelle, scherzte sie für sich ironisch.
„Kannst du mir bitte helfen, ihn aufs Bett zu legen? Mir allein ist er zu schwer …“, sprach Jules betroffen. Seiner eigenen Schwäche war er sich schmerzhaft bewusst, wie sie an seiner Stimme hörte.
Weil sie keinen neuen Streit heraufbeschwören wollte, tat Dani ihm den Gefallen, fasste die breiten Schultern Amons, während der Professor die leichteren Füße nahm. Im Gegensatz zu ihm ließ sie den Wolfsdämon unsanft auf das gespannte Laken fallen. Die Federn ächzten weit mehr unter seinem Gewicht als dem ihren.
Ihrer Grobheit nahm Jules nichtssagend hin. Zum Abschluss seiner medizinischen Leistung klemmte er die Anschlüsse der Autobatterie gleich einer Infusionskanüle an den freiliegenden Handrücken fest und schaltete den Strom ein. Nachdem sich keine negativen Anzeichen bemerkbar machten, ging er davon aus, dass alles seine Richtigkeit hatte. Er zog die raue, braune Zudecke über den Körper und atmete aus.
„Zufrieden?“, wollte Dani pikiert von ihm wissen.
„Ich hoffe, er schafft es“, meinte er ehrlich. „Wie gesagt, es kann ja sein, dass ich einen anatomischen Fehler gemacht habe. Allerdings muss ich auch sagen, dass das, was ich von seiner Struktur erfahren habe, einem Menschen in vielerlei Hinsicht ähnelt. Ein paar kleine Unterschiede in Farbe und Form, ja, aber so …“
„Der ist kein Mensch.“
„Weiß ich doch“, schmollte er halblaut.
Kurz standen sie schweigend nebeneinander und sahen auf ihren unwillkommenen Gast herab. Dessen Atmung wirkte jetzt etwas gleichmäßiger. Die geschlossenen Augenlider waren dunkel unterlaufen, weswegen der Kopf mehr an einen bleichen Schädelknochen erinnerte. Das wahre Gesicht des Todes.
Gähnend streckte Dani sich aus.
„Ich bin müde. Ich werde mich jetzt hinlegen.“
Jules nickte und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Und du passt solange auf ihn auf?“, fragte sie unsicher.
„Das krieg ich schon hin. Er rührt sich ja nicht. Ich werde später noch die Verbände wechseln, das schaffe ich aber allein.“
Von seiner ungewohnten Selbstständigkeit überrascht, hob Dani zwar die Brauen, dachte sich jedoch nichts dabei. Zu erschöpft von der Nacht, wankte sie Richtung Bett.
Jules wartete, bis sie eingeschlafen war. Dann zog er sich rasch Straßenkleidung an, griff nach seiner Börse und verließ schnellen Fußes die Fabrik.
Kalt und sonnig begrüßte ihn der Januarmorgen und eilig rannte er über drei Straßen, um eine Kaufhalle zu betreten. Schnurstracks suchte er die sonst so verschmähten Fleischwaren auf. Nicht für sich, sondern für den Dämon.
Ihm war klar, dass Amon einige Zeit bei ihnen verbringen würde. Und ein so großer Wolf gäbe sich bestimmt nicht mit Tofu oder Spiegelei zufrieden. Hungern lassen wollte er ihn auch nicht, weswegen er versorgt werden müsste. Dem Haushund servierte man ja auch keinen Brokkoli …
Sein schweifender Blick fiel auf Schnitzel, Rouladen und Rollbraten mit Zwiebel. In seinem jetzigen Zustand wäre Amon das Reißen und Beißen zu anstrengend. Jules entschied sich für Schweinehack, auch weil Schwein dem Geschmack eines Menschen vielleicht recht nahe kommen sollte. Als er mit dreimal Ein-Kilo-Paketen auf dem Arm zur Kasse ging, fühlte er sich wie ein Betrüger Dani gegenüber.
Wenn sie das Fleisch sah, würde sie kotzen. Wenn sie erfuhr, dass er den verhassten Mörder ihrer Familie fütterte, würde sie ausrasten!
Seufzend legte er die Ware auf das Band und sagte sich immer wieder im Kopf: Was sein muss, muss sein. Doch plötzlich spielten ihm die Augen einen Streich; dass er gerade im Begriff stand, ein totes Kleinkind – fein säuberlich abgepackt in Plastik – mit nach Hause zu nehmen. Morgen würde es in der Zeitung stehen. Viele Menschen hatten in diesem kalten Winter Angehörige verloren …
Und er beherbergte den Täter.
„Alles in Ordnung?“, fragte ihn die Verkäuferin und er schreckte aus seiner Gedankenwelt auf. Jules hatte gar nicht bemerkt, dass er an die Reihe gekommen war. Hinter ihm tuschelten die Rentner, die ebenfalls ihre Einkäufe früh erledigten, was er für ein seltsamer Vogel sei, weil er stocksteif mit offenen Augen träumte.
So zappelig, dass er die Hälfte seines Geldes verlor, bezahlte Jules das Fleisch und machte sich hastig davon. Kopfschütteln und verwirrte Blicke folgten ihm. Die hielten ihn jetzt bestimmt für den größten aller Freaks.
Mit zitternden Fingern vor Aufregung stopfte er das Hackfleisch in den Kühlschrank. Dani schlief weiter seelenruhig und auch Amon hatte sich keinen Zentimeter auf seiner Liege bewegt.
So weit alles gut.
Jules steckte sich endlich eine erste Zigarette an und sog den Rauch tief in die Lunge ein. Seine flatternden Nerven kamen langsam zum Stillstand. Er war die Außenwelt einfach nicht mehr gewohnt. Nichtsdestotrotz rannte er wie der geölte Blitz nach oben zu seinen Schreibtafeln, drehte die Notizen zur Gnostik um hundertachtzig Grad, wischte ein altes Thema fort (Drachen in Europa und Asien im Vergleich) und setzte die urbanen Wolfsdämonen mit Kreide darauf fest.
Fiebrig beschrieb er die zwei Formen, die ein Lichtfänger annehmen konnte, den riesigen Wolf und den nicht weniger riesigen Menschen mit schwarzem Blut. Größe, Geruch, Gewicht – er dokumentierte, was seine Freundin versucht hatte, ihm zu erzählen. Was war mit der Sprache der Wolfsdämonen? Dazu wusste Dani leider nicht viel zu sagen und Jules wünschte sich so sehr, dabei gewesen zu sein. „Wie ein Knurren“, wurden ihm die Worte beschrieben, mit vielen Vokalen. Die Menschensprache beherrschten sie auch bestens, selbst wenn sie irgendwie gebrochen klang. Was ihn ebenso interessierte, waren die anderen Rudelmitglieder. Der gebieterische Alpha, der grinsende Irre, der halbwüchsige Welpe. Was bedeutete das Kind? War er ein Schüler? Dani hatte diesen stimmlich auf circa zwölf Jahre geschätzt. Wer waren seine Eltern – seine Mutter, wenn das Rudel nur aus Rüden bestand? Wie bekamen Lichtfänger Kinder, im Wurf oder einzeln wie Menschen? Hatte der Welpe Geschwister? In welcher Beziehung stand Amon zu ihm, wenn er sich um ihn zu kümmern schien? War er der Vater oder der Bruder des Jungen? Außerdem fragte sich Jules, wie diese Dämonen alterten. Wenn Amon es war, der vor siebzehn Jahren Dani angegriffen hatte, hätte er nach menschlichen Maßstäben das Alter und die Größe des Welpen besessen. Gut, sie war ein Kind gewesen und ihre Erinnerungen vage hinsichtlich einer Größe, da Kinder diese anders wahrnahmen als Erwachsene. Trotzdem hatte er laut Dani damals nicht wie ein Welpe geklungen und gehandelt. Also war er älter, ausgewachsen. Alterten Lichtfänger in umgekehrten Hundejahren? Dann wäre er fast … zweihundert Jahre alt!
Neben den theoretischen Überlegungen versuchte sich der Professor an kleineren Experimenten. Er stoppte die Zeit, weil er wissen wollte, wie lang ein Tropfen Blut brauchte, um Asche zu werden, und inwieweit sich dieser brennbare Umstand auf andere Stoffe auswirkte. Dass Danis Jacke Feuer gefangen hatte, war ein erster Schock gewesen, doch bei näherer Betrachtung sah er, dass wirklich nur das Blut verbrannt war und der Stoff bis auf kleine Brandspuren unangetastet blieb. Natürlich, wenn das Feuer länger gebrannt hätte, wäre auch von der Jacke bald nichts mehr übrig geblieben.
Seine Forschungen und Spekulationen, Vergleiche zu artverwandten Dämonen und die Verstrickung von Wahrheit und Legende, führten ihn durch zig Bücher der Mythologie und Monsterkunde bis die Uhr zwölf zum Mittagessen schlug und ihn daran erinnerte, nach seinem Patienten zu sehen.
Aus dem Kühlschrank nahm er eine Packung Hackfleisch, ging damit zur Lagertür und schaltete das Neonlicht ein. Durch das kleine Schaufenster bemerkte Jules keine Reaktion des Insassen darauf. Amon war noch immer nicht zu sich gekommen. Zumindest schlief der Wolfsmann ruhig.
Als der Professor eintrat, roch er einen derben, hundeartigen Geruch, der ihm unangenehm war. Dennoch hockte er sich zu dem Dämon nieder, entfernte die Stromkabel und nahm die Verbände in Augenschein.
Die kleinen Kratzer und Schwellungen schienen bereits verheilt zu sein. Mehrere der Pflaster konnte er guten Gewissens entfernen. Was die offenen Brüche an Bein, Arm und Brustkorb anbelangte, so war die Blutung gestillt und stellenweise wuchs das Fleisch schon zusammen. Am Hals trat noch Wundflüssigkeit aus, aber an der Kehle bildete sich neue Haut. In den wenigen Stunden Bettruhe hatte sich der Zustand des Lichtfängers gebessert wie bei einem Menschen nach zwei oder gar vier Tagen.
Er besitzt starke Selbstheilungskräfte, dachte Jules und fühlte den Puls, der gleichmäßig schlug. Kein Wunder. Er ist ein übermenschliches Wesen. Gesteigerte Körperkraft, gesteigerter Wille, gesteigerte Energie. Er ist ein Kämpfer. Ein unbeugsamer wilder Wolf.
Wie beneidenswert.
Ja, er war neidisch auf diese Kreatur. Gerade in ihrer menschlichen Form.
Amon war als Mann das blanke Gegenteil von ihm. Ein Hüne, ein gefährlicher, todbringender Feind der Menschheit. Ein furchteinflößender Charakter, den man besser respektieren sollte, als sich gegen ihn zu stellen. Über ihn würde niemand spotten oder den Kopf schütteln. Eine Frau wäre von seinem maskulinen Äußeren mehr als angetan. Mit dem breiten Kreuz, den durchtrainierten Muskeln und seinem Hauch der Andersartigkeit würde er die Schönheiten magisch anziehen …
Im Vergleich zu ihm war Jules eine halbe Portion. Er könnte ihn durchbrechen wie einen Strohhalm. In einem dieser amerikanischen Teenager-Filme wäre Amon einer der coolen Typen vom College, denen alles gelang und jedes Mädchen nachsah. Und Jules mimte den unscheinbaren Bücherwurm in der Ecke, der von Frauen nicht einmal realisiert wurde.
„Fast schon ironisch, dass der starke Krieger jetzt auf die Hilfe des schwachen Intellektuellen angewiesen ist,“ schmunzelte er mehr für sich selbst, „die Hausaufgaben mach ich aber nicht für dich.“
Er riss die Fleischpackung auf und nahm etwas von der kalten, wurmartigen Glibbermasse auf die Finger, rollte diese zu einer kleinen Kugel und versuchte, sie dem Lichtfänger in den schlaffen Mund zu stopfen. Der Schluckreflex setzte mit etwas Überredung ein.
„Na, bitte“, grinste Jules, „wir kriegen dich doch hin“, und nahm das nächste Klümpchen Schweinehack aus der Plastikschale.
„… farmi …“
Vor Schreck ließ er fast alles fallen.
Sein Patient träumte. Unter den Lidern rollten Amons Augen schwach hin und her. Von den leicht geöffneten dunklen Lippen schlichen sich gemurmelte Worte.
„… farmi … saiǩo …“
Der Traum fiel von ihm ab und der Wolf sank zurück in die Bewusstlosigkeit. Schweiß glänzte auf der fahlen Stirn und ein Tropfen lief über die Schläfe.
Schweigend wartete Jules ab.
Er hätte zu gern alles gewusst.
Бесплатный фрагмент закончился.
