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Von Dagmar Isabell Schmidbauer

Und dann kam das Wasser

Kriminalroman

Imprint

Und dann kam das Wasser

Dagmar Isabell Schmidbauer

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2013 Dagmar Isabell Schmidbauer

www.der-passau-krimi.de Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de

Prolog

Träge lag ihr Blick auf der Tür, die sich vor einer Ewigkeit hinter ihm geschlossen hatte.

Wie lange mochte es her sein? Stunden? Tage?

Iliana versuchte ihren Kopf zu drehen und sich im Raum umzusehen. Aber ihr Körper reagierte immer weniger auf das, was sie ihm befahl. Die Muskeln der Beine zuckten unkontrolliert, und ihr Herz schlug schnell, als könnte es damit noch irgendetwas erreichen. Als könnte es weglaufen vor dem, was ihm unmittelbar bevorstand.

Zunächst hatte sie gedacht, er würde gleich wiederkommen. Dann hatte sie vermutet, dass ihm etwas dazwischengekommen war.

Müde fiel ihr Kopf wieder auf die Brust zurück. Wie aus weiter Entfernung spürte sie die Wand in ihrem Rücken, ihre Arme waren längst taub.

Kurz stöhnte die Andere neben ihr auf, dann war wieder alles ruhig. Livia hieß sie. Sie kannten sich noch nicht lange, aber das Gesicht war ihr gleich bekannt vorgekommen. Vielleicht hatte sie sie schon einmal irgendwo gesehen. Vorher. Bevor sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatte.

Jetzt stöhnte auch Iliana. Aber nur leise. Sie hatte nicht mehr genug Kraft, um laut zu klagen oder gar zu schreien. „Hilfe! Hilfe!“, hatten sie am Anfang gerufen. Aber es war umsonst gewesen und hatte nur Kraft gekostet, die ihnen jetzt fehlte. Kraft, die sie in den nächsten Stunden brauchen würden.

Sie saßen auf dem nackten Fußboden. Doch inzwischen spürten sie auch das nicht mehr. Im Raum war es unerträglich heiß. Anfangs hatten sie geschwitzt, bis T-Shirts und Hosen klatschnass waren und unangenehm an ihrem Körper klebten. Der Hunger hatte an ihren Gedärmen gezerrt wie ein kläffender Hund an der Leine, und das Gefühl, pinkeln zu müssen, hatte sie fast umgebracht. Aber der Durst, der sich leise an sie heranschlich, hatte all diese Empfindungen zunichtegemacht. Er war das Schlimmste. Sie hatte förmlich gespürt, wie sie langsam austrocknete. Erst der Mund. Dann der Hals. Schließlich der ganze Körper. Ihr Magen fühlte sich wie ein harter Klumpen an, die Haut am ganzen Körper juckte. Spannte. Trocknete ein und riss auf. Sie gierte nach Wasser. Warum hatte er ihnen kein Wasser da gelassen?

Und warum kam er nicht wieder?

Ein Abenteuer hatte sie sich gewünscht, etwas, was ihr Leben lebenswerter machte. Und Geld. Wer träumte nicht davon, Geld zu haben? Und schöne Kleider. Ja, auch davon hatte sie geträumt.

„Livia. Hörst du mich?“, wollte sie fragen, aber ihr Mund war zu trocken und ihr Körper zu schwach, um klar zu sprechen.

Die Frau in der anderen Ecke stöhnte leise. Kein weiteres Geräusch verriet, dass sie am Leben war. Nur dieses schwache Keuchen.

„Livia! Wir dürfen nicht aufgeben“, formten Ilianas spröde Lippen tonlos.

Und dann hörte sie endlich das leise Klimpern der Handschellen, mit denen sie an den Heizungsrohren festgekettet waren.

„Livia?“

„Mama?“, stöhnte die andere, und im nächsten Moment hörte sie das Würgen und schließlich, wie die Flüssigkeit auf den Boden platschte.

O mein Gott, sie weiß schon gar nicht mehr, wo sie ist.

„Livia, ich bin‘s, Iliana“, versuchte sie richtigzustellen.

Aber die andere schien nicht zu begreifen.

„Mama. Du darfst nicht böse sein … Ich war das nicht“, lallte Livia mit brüchiger Stimme. Wie eine Betrunkene.

Vom Durst betrunken. Welch Ironie.

„Livia?“

Und kurz bevor der Schwindel in ihrem Kopf einsetzte und auch sie selbst nicht mehr wusste, wo sie sich befand und wie sie in diese missliche Lage gekommen war, wurde ihr bewusst, dass sie ja schon lange nicht mehr schwitzte und nicht mehr pinkeln musste, und dass das, was Livia gerade durchmachte, auch ihr bevorstand.

Da begriff sie, dass es bald vorbei war mit ihr. Dass sie kein Abenteuer mehr erleben würde. Dass man sie einfach vergessen hatte.


Wochen später

In der Regel ist der Mensch dankbar, wenn ihm genug Wasser zur Verfügung steht. Er liebt das Duschen am Morgen und das Rauschen eines wilden Bachlaufs in der Natur. Wenn aber der Boden nach tagelangem Starkregen den Segen von oben nicht mehr aufnehmen kann, wenn Bäche und Flüsse zu reißenden Strömen werden und schließlich über die Ufer treten, dann spricht man von sintflutartigen Regenfällen, von Klimawandel und Versäumnissen, und irgendwann sogar von einer Katastrophe. Dabei gehört Hochwasser, so schlimm es sich auswirken mag, zum natürlichen Wasserkreislauf und wird dem Menschen immer wieder die Grenzen seiner Macht aufzeigen.

Auch in Passau bahnte sich Anfang Juni für die Bevölkerung eine Katastrophe an. Zunächst regnete es einfach häufiger und ein bisschen als sonst. Dann, als jeder schon darauf wartete, dass es endlich genug war und der Sommer Einzug halten würde, kam er, der ganz große Regen. Tagelang schüttete es wie aus Kübeln. Die kleinen Zuläufe von Inn und Donau brachten immer mehr Wasser und ließen die großen Flüsse so weit anschwellen, dass sie an ihrem Zusammenfluss, an der Ortsspitze von Passau, einfach nicht mehr genug Platz in ihrem Bett fanden. Innerhalb kürzester Zeit traten sie über die Ufer. Das Wasserwirtschaftsamt hatte längst vor der drohenden Gefahr gewarnt, und die, die in Ufernähe wohnten, hatten sich auf das, was sie hier regelmäßig heimsuchte, gut vorbereitet. Die Keller waren ausgeräumt, die Türen mit Sandsäcken und speziellen Hochwasserschutzabdeckungen gesichert. Ruhig harrten die Anwohner aus und hofften darauf, mit einem blauen Auge davonzukommen. Genau wie die Mitglieder des Passauer Krisenmanagements. Wie immer hatten sie die längst fertigen Pläne aus den Schubladen geholt und sich für das Unvermeidliche gerüstet. Nur um kurz darauf festzustellen, dass man sich auf solch epochale Katastrophen einfach nicht vorbereiten konnte.

Doch zu dieser Zeit ahnte niemand, wie schrecklich die Ereignisse noch werden sollten, die die Stadt innerhalb weniger Tage heimsuchen würden.


Als Franziska Steinbacher, Oberkommissarin bei der Mordkommission in Passau, vor dem Haus, in dem sie lebte, aus dem Auto und direkt in eine tiefe Regenpfütze stieg, schickte sie einen mürrischen Fluch zum Himmel hinauf, bis sie sich selbst in Erinnerung rief, dass ein nasser Turnschuh angesichts dessen, was unten in der Altstadt vor sich ging, nur eine Lappalie war.

Nur wenige Augenblicke später huschte ihr ein Lächeln übers Gesicht, denn oben in der Wohnung wartete ihr Freund, der Bühnenkünstler Walter Froschhammer auf sie. Es war durchaus denkbar, dass er ihr bereits ein heißes Bad eingelassen, etwas Leckeres gekocht und eine gute Flasche Rotwein geöffnet hatte. Beim Gedanken an den gut gebauten Bühnenkünstler schwebte Franziska geradezu die Stufen hinauf, schloss die Wohnungstür auf und rief: „Walter, bist du da?“

Ihr Herz klopfte bis zum Hals, doch außer dem aufgeregten Pochen in ihrem Innenohr vernahm sie nichts.

„Walter?“, versuchte sie es erneut, aber auch dieses Mal bekam sie keine Antwort. Im Bad plätscherte kein Wasser in die Wanne, in der Küche brutzelte keine Köstlichkeit in der Pfanne, und in der ganzen Wohnung war es mucksmäuschenstill.

Enttäuscht zog sie die triefenden Schuhe und Socken und die regenbenetzte Jacke aus, schmiss die Tasche auf den Boden und patschte mit nassen Füßen und hängenden Schultern durch den Flur in Richtung Küche.

Am Nachmittag, als abzusehen gewesen war, dass sie später als verabredet nach Hause fahren musste, hatte sie ihm in aller Eile eine SMS geschrieben und ihn gebeten, in ihrer Wohnung auf sie zu warten. Kannst ja schon mal alles vorbereiten, hatte sie rasch getippt, einen Smiley drangehängt und sich gefreut. Auf ihn und darauf, dass es mit ihm nie langweilig wurde.

Tatsächlich war ihre Beziehung noch immer genauso aufregend wie vor gut einem Jahr, als sie sich kennengelernt hatten. Damals hatte Franziska mit ihrem Kollegen Hannes im Fürstbischöflichen Opernhaus im Fall einer ermordeten Sängerin ermittelt, und Walter hatte zu den Hauptverdächtigen gezählt. Zunächst. Nach und nach hatte sich nämlich herausgestellt, dass Walter die Tote zwar gekannt und wahrscheinlich auch begehrt, aber definitiv nicht erschlagen hatte.

Was dann aber passiert war, klang auch heute noch wie aus einem billigen Groschenroman. Kaum war die Kommissarin den Umgarnungen des Bühnenkünstlers erlegen, wurde er auch schon in einen weiteren Mordfall verwickelt. Diesmal im Fürstenkeller des Oberhauses, wo Walter von der Museumsdirektorin für die Gestaltung einer historischen Wand engagiert worden war. Glücklicherweise hatte er jedoch auch mit diesem Mordfall nichts zu tun, daher stand ihrer Liebe seit der ersten gemeinsamen Nacht in den Kulissen von „Frau Luna“ nichts mehr im Wege. Außer vielleicht, dass Walter als Mann völlig unberechenbar war und als Künstler andauernd nackte Frauen porträtierte, die er durch seine ganz eigene Art zum Leuchten brachte.

Gerade jetzt fand Franziska sein Benehmen allerdings weder reizvoll noch unberechenbar, sondern einfach nur unmöglich. Wie konnte er sie nur versetzen! Wo sie sich doch so auf ihn …

Mitten im Gedanken hielt Franziska inne. Aus dem Augenwinkel hatte sie ein Flackern wahrgenommen, und als sie den Kopf drehte, sah sie durch den Türspalt ein orangefarbenes Licht in den Flur scheinen. Das kam aus dem Wohnzimmer.

Alarmiert schoss sie herum. Hatte der Dauerregen vielleicht einen Kurzschluss ausgelöst und stand, während sie ihr Hirnschmalz an einen eitlen Hallodri verschwendete, vielleicht schon die halbe Wohnung in Flammen? Witternd hob sie die Nase, konnte aber keinen Rauch riechen.

Dann ein Einbrecher, war ihre nächste Vermutung und der Grund, warum sie mit geübtem Griff die Heckler & Koch aus dem Holster zog, die Waffe entsicherte und leise den Flur entlang schlich.

Sie hätte später nicht sagen können, womit sie eigentlich gerechnet hatte, aber es war sicher nicht das, was sich in diesem Moment vor ihren Augen abspielte: Der große Tisch, an dem sie normalerweise aß und arbeitete, war ganz an die Wand gerückt worden. Die beiden Korbstühle standen obendrauf, die anderen waren untergeschoben. Bücherregal und Fernseher wurden von einem großen Paravent verdeckt, den eine aufgemalte Hügellandschaft zierte. Die Vorhänge vor dem Fenster waren zugezogen, das Sofa umgekippt und mit einem grauen Stoff verhängt, sodass es an einen massiven Felsen erinnerte. Mitten im Zimmer stand ein Baum, der mit seinen blattlosen Ästen die Decke zu stützen schien. Auf dem Boden lagen dicke Tierfelle, daneben flackerte in einem Feuerkorb eben jenes künstliche Feuer, dessen Flammen sie schon im Flur wahrgenommen hatte. Mittendrin lag ein großer schöner Mann, splitterfasernackt, bis auf ein grobes Tuch, das er sich um die Mitte geschlungen hatte. Auffordernd hielt er ihr einen schweren, prunkvoll verzierten Kelch entgegen.

„Zur Strafe für dein Zuspätkommen musst du den Sühnetrunk zu dir nehmen“, erklärte er mit strenger Miene.

Ein Schauer lief Franziska den Rücken hinunter. Nicht wegen der Strafe; die hätte sie gern auf sich genommen. Es lag an Walters perfekt definiertem Oberkörper, von dem sie den Blick nicht wenden konnte und der sie sofort schwach werden ließ.

„Was ist das?“

Franziska steckte ihre Pistole wieder ins Holster und kniete sich neben Walter auf eines der Felle. Neugierig schnupperte sie an der Flüssigkeit in dem Kelch, den der Bühnenkünstler ihr in die Hand gedrückt hatte. Sie roch nach Wein und irgendwelchen fremdländischen Gewürzen.

„Trink!“, befahl Walter mit gespieltem Ernst. „Danach wirst du mir hemmungslos verfallen, und nichts wird mehr sein, wie es einmal war.“

Franziska grinste und rückte noch ein bisschen näher. „Sagt wer?“

„Tristan.“

„Isoldes Tristan?“

„Sehr gut.“ Walter sprach immer noch mit dieser gekünstelten tiefen Stimme. „Du kennst dich aus. Dann weißt du sicher auch, dass wir uns beeilen müssen, weil es sonst zu spät für uns ist.“

„Musst du weg?“ Franziska warf einen Blick auf die Uhr. Halb neun schon.

„Jetzt sei doch nicht so unromantisch“, mahnte Walter, mit gewohnter Stimme, und erhob sich, um sich ihr gegenüber zu knien. Dann räusperte er sich und veränderte seine Stimme erneut. „Du bist König Marke von Cornwall versprochen, meinem Onkel“, erklärte er voller Ernst, fasste sie bei den Schultern und schüttelte sie vorsichtig. „Nachdem ich deinen Verlobten im Kampf getötet habe, soll ich dich nun zum König bringen, damit er dich heiraten kann. So lautet die Vereinbarung.“

„Und, äh … will ich das?“ Franziska rutschte auf den Knien süffisant lächelnd auf Walter zu und berührte mit ihrer freien Hand zärtlich seine nackte Brust.

„Nicht mehr, wenn du diesen Trank zu dir genommen hast“, erklärte Walter grimmig und deutete mit dem Kopf auf den Kelch in ihrer anderen Hand. Dann grinste er lüstern und flüsterte: „In der Geschichte war es übrigens umgekehrt. Da sollte Tristan den Sühnetrunk nehmen, aber schließlich bist du ja zu spät gekommen.“

„Und du meinst, wenn ich das trinke, vergesse ich alles um mich herum?“ Franziska führte den Kelch zum Mund, trank aber nicht.

„Ja.“

„Das wäre ja wunderbar. Weißt du, bei uns war heute der Teufel …“

„Den wollen wir noch nicht rufen, der kommt später. Jetzt musst du trinken.“

Franziska nippte an der blutroten Flüssigkeit. „Hmmm! Das schmeckt ja lecker. Was ist da drin?“ „Ein Liebeselixier.“

„Uhh. Igitt.“ Franziska verzog das Gesicht. „Du meinst Schlangen, Nashornhoden und Yak-Penis?“

Walter lachte hell auf. „Warum musst du eigentlich immer alles so genau wissen? Nimm lieber noch einen Schluck.“

Franziska trank, bis ihr etwas einfiel. „Sag mal, hat nicht Isolde mit Tristan gemeinsam getrunken, weil sie mit ihm sterben wollte, und nur weil die Dienerin den Todestrunk gegen einen Liebestrunk ausgetauscht hat, haben sie sich verliebt statt tot umzufallen?“

Walter zuckte mit den Schultern. „Was du alles weißt.“

Franziska reichte ihm den Kelch und stand auf. „Du bist dran. Trink!“, hauchte sie, legte das Holster ab und begann sich schmunzelnd die Bluse aufzuknöpfen.

Aber Walter tat nichts dergleichen. Stattdessen starrte er sie an. „Merkst du denn schon, wie er wirkt?“, fragte er skeptisch.

Franziska schüttelte den Kopf und ließ die Bluse zu Boden gleiten. „Quatsch, so schnell wirkt das doch nicht“, sagte sie, obwohl sie überrascht bemerkte, dass der Trank ihre Stimmung zu heben schien. Sie öffnete ihre Jeans und schob sie sich langsam über die Hüften. „Na los, du musst auch trinken“, forderte sie und lächelte verführerisch.

Aber anscheinend war Walter noch nicht überzeugt. „Wie fühlst du dich?“, fragte er zögernd, als Franziska die Hose von den Beinen streifte und mit einem beherzten Schlenker des Fußes in die Zimmerecke schleuderte.

„Großartig.“ Sie trug nicht mehr als das sündige Set aus schwarzer Spitze, das mehr verriet als verbarg und das ihr Walter anlässlich ihres Halbjährigen geschenkt hatte. Er verschlang sie mit seinen Blicken, als sie sich auf die Knie sinken ließ und geschmeidig wie eine Wildkatze auf ihn zu kroch.

Walter grinste. „Hemmungslos?“

„Ja-haa!“ Franziska setzte sich rittlings auf seinen Schoß, führte ihm den Kelch an die Lippen und hob ihn an, bis er trinken musste. Erst als der Becher fast leer war, ließ sie von ihm ab, trank den Rest und leckte Walter einen Tropfen vom Mundwinkel.

„Was immer das war, es ist sehr gut dazu geeignet, eine müde Kommissarin allen Stress vergessen zu lassen“, schnurrte sie, bevor sie ihn erneut küsste, während sie die rechte Hand an ihren Rücken führte und den Verschluss des Büstenhalters aufschnappen ließ. Der transparente Stoff glitt ihr von den Schultern. Doch bevor sie Walter richtig zum Schwitzen bringen konnte, hob er sie von seinem Schoß, zurrte das Tuch um seine Lenden fester und drückte die Kommissarin auf die Felle nieder.

Lüstern grinsend begann Franziska, sich vor ihm auf dem Boden zu rekeln, und als er sie aufforderte, die Augen zu schließen, tat sie es nur zu gern.

„Kommt jetzt der Teufel?“, wollte sie kichernd wissen, doch Walter wiegelte ab.

„Noch nicht, aber bald“, versprach er großspurig.

„Muss ich mich fürchten?“

„Ein bisschen.“ Walter lachte. „Aber ich werde dir die Augen verbinden, damit du ihn nicht sehen musst.“

Unter dem Sofa zog er einen schwarzen Schal hervor und verband ihr die Augen. Dann küsste er sie zärtlich auf den Mund, schob ihre Arme nach oben und band auch diese an den Handgelenken zusammen.

„Tut mir leid, Süße, aber du bist dem König versprochen, und ich muss dich ihm jetzt ausliefern.“

„Was?“ Franziska versuchte sich aufzurichten, aber ihre Arme waren an irgendetwas festgebunden.

„Sch-sch! Ganz ruhig, der alte Zausel ist zwar ein Lustmolch, aber er wird dir kein Haar krümmen. Es sei denn, er findet mich nackt an deiner Seite …“

Franziska spürte, wie ihr Walter den Slip über das Gesäß zog und dabei die Innenseiten ihrer Oberschenkel berührte. Sie fröstelte. Dann bemerkte sie, dass ein Tuch über ihr ausgebreitet wurde, und begann mit den Füßen zu zappeln. Doch es war hoffnungslos. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Zudem war es um sie herum augenblicklich totenstill geworden.

„Walter!“

Kein Laut, keine Antwort.

Sie versuchte es auf die verführerische Tour. „Tristan?“

„Sch-sch!“, machte der nur. „Sei eine brave Isolde, ich muss jetzt gehen.“

Eine Sekunde später fiel die Wohnzimmertür zu, und Franziska lauschte verwirrt in die Stille ihrer Wohnung, die ihr auf einmal so fremd erschien. Sie war früh von zu Hause ausgezogen und hatte seither immer allein gelebt, aber das hier war etwas anderes. Sie war wehrlos, schutzlos, gefesselt. Würde Walter sie wirklich einem anderen Mann ausliefern? Oder war das nur ein Teil seines Spiels, eines Liebesspiels, das ihr ansonsten immer sehr viel Freude bereitete, weil Walter ein sehr kreativer Liebhaber war?

Schon mehrmals hatten sie sich in der Theaterwerkstatt in Maierhof geliebt, und nie hatten sie gewusst, ob nicht jeden Moment die Tür aufgehen und einer der Schauspieler oder Sänger hereinkommen würde, weil ihm etwas für die Proben fehlte. Doch da war Walter immer bei ihr gewesen, und das allein hatte sie mutig werden und ihre Bedenken vergessen lassen.

Aber hier, in ihrer Wohnung, war sie ja noch nicht einmal in der Lage, sich zu befreien, wenn wirklich …

Auf einmal hörte sie Schritte.

Dann ein Keuchen.

„Da bist du ja, mein schönes Kind“, krächzte eine völlig fremde Stimme in unmittelbarer Entfernung.

Franziska zuckte zusammen und spannte instinktiv den Körper an, um sich notfalls von den Fesseln loszureißen. Die Stimme über ihr war tief und … alt!

Kommt jetzt der Teufel?, hatte sie vor wenigen Minuten noch belustigt gefragt, und sie wäre niemals auf die Idee gekommen, dass Walter sie tatsächlich einem anderen Mann überlassen könnte.

Doch bevor sie sich fragen konnte, wer der fleischgewordene Antichrist war, zog dieser langsam das Tuch von ihrem Körper. Sie spürte seinen heißen Atem über ihre Haut wandern und hätte sich zu gern zur Wehr gesetzt. Doch statt wie vorhin wild mit den Beinen zu strampeln, blieb sie stocksteif liegen und atmete flach. Wenn sie doch wenigstens etwas sehen könnte …

„Verschwinde!“, keuchte sie atemlos.

„Du gehörst mir“, donnerte der Mann da in dramatischem Tonfall, und Franziska dachte: Es muss jemand vom Theater sein.

Vielleicht Carlos? Nein, niemals würde der charmante Sänger bei so etwas mitmachen – obwohl die Kommissarin einräumen musste, dass er sie immer schon ein bisschen angebaggert hatte.

Franziska wand sich unter den plötzlich einsetzenden Berührungen des Fremden, doch die Hände, die damit begannen, ihren Körper zu erkunden, drückten sie mit sanfter Gewalt auf die Felle zurück.

In Franziskas Kopf begann sich alles zu drehen. Walters Zärtlichkeit und seine verrückten Geschichten hatten ihr immer gut gefallen. Der Gedanke an Verbotenes erregte sie sehr. Aber zwischen der Vorstellung, es könnte jemand reinplatzen und sie beim Sex erwischen, und der Tatsache, dass jemand Wildfremdes ihren Körper berührte und … was hatte Walter gesagt? Ein Anrecht auf sie hatte?! Nein, das war zu viel. Nicht mit ihr!

Kraftvoll drückten die fremden Hände nun ihre Schenkel auseinander, und Franziska spürte, wie er sein Gewicht verlagerte, immer näher kam. Gleich würde er …

O Gott! Franziska zerrte an den Handfesseln und versuchte, die Knie zusammenzudrücken. Vergeblich. Das Keuchen wurde heftiger.

Endlich löste sich Franziska aus ihrer Schockstarre. „Runter von mir“, erklärte sie, ganz Oberkommissarin, in bestimmtem Ton, doch der Fremde legte ihr als Antwort nur eine Hand auf den Mund, sodass sie noch nicht einmal schreien konnte.

„Spinnst du?“, wollte sie rufen, doch ihre Frage drang nicht an der Handfläche vorbei, die sie völlig aus der Fassung brachte, und als der Unbekannte im gleichen Moment in sie eindrang, nahm ihr das vollends den Atem.

Denn nichts von dem, was er nun tat, passte zu dieser merkwürdigen Stimme und zu dem, was Franziska glauben sollte, dass es so eben mit ihr geschah. Das war Walter, der da gerade in ihr war, kein Fremder. Sie spürte es tief in ihrem Inneren, und mit jedem seiner Stöße wurde sie weicher, hingebungsvoller und entspannter, und endlich ließ sie sich in diese völlig verrückte Situation fallen. Ihre Nase begann ihn zu riechen, ihn, der versucht hatte, sich hinter einem fremden Parfüm zu verbergen. Ihre Haut fühlte seine Haut, die ihr inzwischen so vertraut war. Ein glückseliges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Noch wusste sie nicht, wie er es angestellt hatte, doch das absolut glaubwürdige Keuchen eines alten Mannes war in ein ihr wohlbekanntes Stöhnen übergegangen. Aus Angst war reine Lust und völlige Hingabe geworden. Vorsichtig schob sie die Zunge zwischen den Lippen hindurch und begann, die Hand auf ihrem Mund zu lecken, bis sie weggezogen wurde.

„Na, alter Mann? Wirst du es mir auch richtig besorgen?“, fragte sie leichthin und spornte ihn mit verführerischen Bewegungen ihres Beckens an. Da war sie wieder, die berauschende Leichtigkeit, die sie nach dem Genuss des Liebestranks gespürt hatte, und da sie ihn nicht allein getrunken hatte, wusste sie, dass ihr Geliebter ähnlich empfinden musste. Sie spürte, wie er vor Lust in ihr anschwoll, und musste unwillkürlich schmunzeln. Walter hatte sich wirklich viel Mühe mit seiner Inszenierung gegeben, aber manche Details konnte man einfach nicht verändern, und dieses wohlproportionierte Teilstück von Walter war gerade dabei, sie in den siebten Himmel zu katapultieren. Ob das nun an dem Liebestrank oder seiner ausgefeilten Technik lag, war ihr dabei völlig einerlei.


Die Passauer Altstadt liegt auf einer Landzunge, die nach Osten ragend in die sogenannte Ortsspitze mündet. Dort treffen Donau, Inn und Ilz zusammen. Normalerweise führt ein Weg direkt um diese Ortsspitze herum und lädt Besucher und Bewohner der Stadt zu einem interessanten Spaziergang ein. Für Kinder und Junggebliebene gibt es auf dem dortigen Spielplatz reichlich Gelegenheit zum Toben. Ein herrlicher Ort also, mit einer ganz besonderen Aussicht auf das Flusstal der Donau, die Wallfahrtskirche Maria Hilf und die Veste Oberhaus. Dass noch niemand auf die Idee gekommen war, dort ein Haus hinzubauen, lag wohl unter anderem daran, dass die Ortsspitze auch immer der erste Punkt war, der bei Hochwasser in den Fluten versank. Zumindest sah das in diesem Moment so aus. In Wirklichkeit stieg das Wasser über die gesamte Breite von Inn und Donau an, genauso, wie es in der Legende der biblischen Sintflut geschehen war.

Der Mann, der am Ende der Bräugasse stand und mit aufkeimender Verzweiflung versuchte, seine Zigarette zum Glühen zu bringen, dachte oft an diese und ähnliche Geschichten aus der Heiligen Schrift. Er liebte sie alle, weil sie schon seine Kindheit bevölkert hatten. Nach dem frühen Tod der Mutter konnte er sich mithilfe der christlichen Verse an ihre Stimme erinnern. Seine Mutter vermisste er sehr, auch wenn er wusste, dass sie inzwischen an einem besseren Ort war.

„Aber es gibt doch keinen besseren Ort als diesen“, flüsterte er dem Regen zu und sah sich vorsichtig um. Man durfte ihn weder hören noch sehen, sonst …

Er wusste nicht, was sonst geschehen würde, nur, dass ihn niemand sehen durfte. Seine Mutter hatte das immer gesagt. Und seine Mutter hatte nie gelogen. Basta. Das hatte zumindest immer seine Mutter gesagt, wenn sie keinen Widerspruch duldete.

Als er die Zigarette endlich angezündet hatte, beschattete er die Glut mit seiner freien Hand. Niemand durfte wissen, dass er hier war. Keiner ahnte, was er alles wusste, auch wenn es ihm manchmal herausrutschte. Seine Mutter hatte dann immer gesagt: Sei nicht so vorlaut! Nie hatte sie seinen Geschichten geglaubt. Hör auf mit den Lügen! Basta! Dabei musste man sich die verrücktesten Geschichten doch gar nicht ausdenken, das tat das Leben schon von ganz allein.

Als er sich sicher war, dass niemand ihn beobachtete, schlich er sich über die provisorischen Hochwasserstege, an der Nepomuk-Statue vorbei bis auf die Terrasse des griechischen Lokals und verbarg sich anschließend in dem kleinen höher gelegenen Gang, der hinter der ersten Häuserzeile verborgen lag. Er musste vorsichtig sein, denn seit das Wasser da war, nahmen die Bewohner diesen Weg, wenn sie die Häuser verlassen wollten.

Die Donau stand hier schon mehr als einen Meter hoch zwischen den Häusern und machte das Passieren unmöglich. Keiner wusste, wie lange es dauern würde, bis die Pegel wieder sanken, und jeder hoffte, dass es nicht höher stieg, als die Decken der Keller reichten.

Seit über vierzig Jahren lebte er im „Örtl“, wie die Menschen, die schon immer hier gewohnt hatten, ihre Gemeinde gern nannten. Er war auch einer von den Örtlern und wusste immer, wann das Wasser kam. Er hatte es im Gefühl. Er behielt die Flüsse, wie alles andere auch, im Auge. Angst aber hatte er nicht vor dem Wasser.

Er nahm einen letzten Zug, und weil er schon fast am Filter war, schnippte er die Kippe gleich darauf in den dunklen Gang hinein, wo sie augenblicklich in einer Pfütze verglühte. Dann wandte er die Aufmerksamkeit den beiden Männern zu, die, in wuchtige Stiefeln und dicke Jacken gekleidet, die Fenster und davor angebrachten Abdeckungen kontrollierten. Sie kamen vom Schloss Ort und mussten auf den Stegen direkt an ihm vorbei, sahen ihn aber nicht. Er war wie immer ein unsichtbarer Schatten. Wie das Gewissen vom Örtl.

Schließlich entdeckte einer der beiden Männer das offene Fenster, das zum alten Laden führte. Erst zögerte er noch, doch dann stieg er über den Steg hinein, schaltete seinen Strahler an und wartete, bis sein Kollege ihm gefolgt war.

Endlich, dachte er und lauschte auf ihre Unterhaltung. Er hatte seinen Platz verlassen und kauerte jetzt vor dem Fenster.

Der Laden stand seit einiger Zeit leer. Ein Grund dafür, warum er ihm immer wieder einen Besuch abstattete. Heute jedoch würde er nicht hineingehen, denn er hatte gehört, wie das Glas zu singen begann. Er wusste, was das hieß. Die Leute glaubten, er wäre dumm, aber da täuschten sie sich gewaltig.

Gerade spekulierten die Männer darüber, ob es in diesem Verschlag überhaupt etwas gab, was man retten sollte, und ob nicht einfach jemand vergessen hatte, das Fenster zu schließen. Das Patschen ihrer Schuhe zeigte, dass bereits Grundwasser eingedrungen war. Noch hielt der Sandsackverbau vor der Tür den steigenden Fluten stand, aber wenn der Druck auf die alten Fensterscheiben zu groß wurde, dann konnten sie leicht brechen, und dann …

Die Stimmen entfernten sich, drangen tiefer in das verlassene Haus ein, und er musste sich schon ein bisschen nach vorn beugen, um noch zuhören zu können. Doch auf einmal wusste er, dass sie am Ziel waren. Seine Finger kribbelten. Es war schön, wenn die Leute taten, wofür er sie vorgesehen hatte. Ohne das offene Fenster hätten sie nie nachgesehen, wären sie nie hineingegangen. Und hätten nie …

„O mein Gott!“, drang es urplötzlich aus den Tiefen des Hauses, und dieser Schrei kam dann doch so überraschend, dass er fast vom Steg gefallen wäre.


Unschlüssig stand Franziska im Bikini vor dem Kleiderschrank und fischte Sommerkleidchen, Shorts und Trägertops heraus, die dank des derzeitigen Passauer Schmuddelwetters und Temperaturen, die eher zum Winter passten, noch nicht zum Einsatz gekommen waren. Glücklich drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her und sah förmlich, in welchem Ausnahmezustand sich ihr Körper befand, angeheizt von zu vielen Hormonen und der Vorfreude auf den Plan, den sie schon in den nächsten Tagen in die Tat umsetzen würde.

Irgendwann in der vergangenen Nacht, nachdem nicht nur König Marke, sondern auch Tristan und vor allem Isolde alles bekommen hatten, wonach sie verlangten, waren die beiden Laiendarsteller ins Schlafzimmer umgezogen, wo sie am Morgen gemeinsam erwacht waren. Das passierte nicht häufig, denn jeder der beiden hatte seinen Beruf und seine eigene Wohnung, und vor allem Walter liebte diese Freiheit sehr.

Franziska dagegen hatte sich in den vergangenen Monaten oft gewünscht, Walter würde zu ihr ziehen und immer da sein, wenn sie sich nach ihm sehnte. Auch wenn sie wusste, dass so eine Beziehung Walters Sache nicht war. „Liebe braucht Freiheit!“, hatte er behauptet, als sie ihn eines Tages schüchtern in ihre Überlegungen einbezog, und ihr erklärt, dass sie als Paar nur so wachsen und gedeihen und für alle Zeit aufregend füreinander bleiben würden. Und Franziska hatte genickt. Was hätte sie auch darauf antworten sollen.

An diesem Morgen hatte Walter ihr erzählt, dass er vor ein paar Tagen ein kurzfristiges Engagement in Palermo angenommen hatte. Eine tolle Chance für ihn, wie er mit breitem Lächeln zugegeben hatte.

Sie war ein wenig eingeschnappt, weil er ihr nicht früher Bescheid gegeben hatte, hütete sich aber wie immer davor, ihre Besitzansprüche, die sie an ihn stellte, laut auszusprechen. Stattdessen fragte sie: „Wann geht’s denn los?“

„Heute noch“, antwortete Walter, und er klang sehr zufrieden dabei, wie Franziska mit flauem Gefühl im Bauch bemerkte. „Was um alles in der Welt zieht dich nach Sizilien?“, bohrte sie weiter und schmiegte sich an seine Brust, als könnte sie ihn damit umstimmen. Walter lachte, küsste sie auf den Scheitel wie ein kleines Mädchen und fragte sie dann, ob sie bei diesem Wetter nicht auch lieber in der sizilianischen Sonne als im Passauer Dauerregen hocken würde.

„Du meinst, ich soll mitkommen?“

„Warum nicht? Zumindest besuchen könntest du mich.“

Wenn sie ehrlich zu sich war, klang es nicht unbedingt wie eine Einladung, aber Franziska war entschlossen, das zu ignorieren. Sie würde tun, was Walter ihr vorgeschlagen hatte – selbst wenn es nicht unbedingt ernst gemeint war. Urlaub nehmen, Koffer packen und ab nach Sizilien.

Später, als sie noch immer in seinen Armen lag und ihre Finger über seinen Bauch streichelten, flüsterte sie ihm voller Sehnsucht ins Ohr: „Was meinst du? Wollen wir dann die Geschichte von Tristan und Isolde noch ein bisschen vertiefen?“

„Du weißt schon, dass es für die beiden am Ende schlecht ausging?“

„Wir könnten ja die Geschichte umschreiben“, entgegnete sie nachdenklich, aber Walter hatte nur den Kopf geschüttelt.

„Ohne Gefahr wird Liebe schnell langweilig“, hatte er verkündet und sie an sich gezogen, um mit seinen Lippen ihren Mund zu verschließen.

„Komm ein bisschen mit nach Italien“, sang sie nun den alten Schlager und trällerte so falsch, dass sie selbst darüber lachen musste. „Komm ein bisschen mit ans blaue Meer!“

Auf dem Bett wuchsen die Stapel mit den Sommersachen, und sie überlegte, ob sie nicht doch einen größeren Koffer besorgen sollte. Während des Packens hatte sie sich im Internet die Sonneninsel Sizilien und die Temperaturen, die dort gerade herrschten, angesehen, und immer wieder eine SMS an Walter getippt. Er sei gerade angekommen, schrieb er, und es sei wunderschön. Daraufhin hatte sie Flugpreise verglichen und sich gedanklich schon in luftiger Höhe im Anflug auf Palermo befunden.

Ein Problem gab es natürlich noch. Sie musste ihren Chef informieren. Andererseits gab es keinen Fall, sondern nur ein paar alte Akten, die aufgearbeitet werden mussten. Aber er würde sie schon nicht zur Büroarbeit verdonnern. Letztlich hatte er auch gar keinen Grund, sie mit einem Nein abzustrafen, dachte Franziska, als sie wieder im Schlafzimmer stand, und grinste ihr Spiegelbild frech an.

„Soll er doch lieber mal froh sein, dass er eine so gewissenhafte und pflichtbewusste Mitarbeiterin wie mich hat“, erklärte sie sich selbst. „Und wenn diese hervorragende Kraft verliebt ist und endlich auch mal an sich denkt, was sollte der Chef dann dagegen haben?“

Trällernd und tanzend wirbelte sie durch die Wohnung, streckte dem Regen, der unaufhörlich auf die Fliesen des Balkons prasselte, die Zunge raus und legte sich schließlich im Bikini auf das große Fell, das noch immer auf dem Wohnzimmerboden lag. Von dort blickte sie in die blattlosen Zweige des künstlichen Baums, den Walter am Abend zuvor mitten im Raum aufgestellt hatte, rüber zum umgekippten Sofa, und musste lächeln. Walter war ein Hauptgewinn, so einfallsreich, leidenschaftlich und hingebungsvoll wie er war, und einen Mann wie ihn durfte frau auf keinen Fall in die Flucht treiben, da war sie sich sicher. Auch, wenn sie sich manchmal mehr Nähe wünschte. Aber seit wann war sie eigentlich so eine fürchterliche Glucke?

Ihr kam in den Sinn, dass der Liebestrank vielleicht tatsächlich echt gewesen und an ihrem Verhalten schuld war. Bei ihr hatte er allemal gewirkt, denn sie verhielt sich wie ein schwer verliebter Teenager. Und bei ihm offensichtlich auch. Immerhin hatte er sie eingeladen, ihn auf Sizilien zu besuchen. So nahe waren sie sich noch nie gekommen. Bis auf die gelegentlichen Ausflüge ans Theater und einige Besuche im italienischen Lieblingsrestaurant Franziskas um die Ecke unternahmen sie ohnehin recht wenig. Irgendwie hatte immer einer von beiden zu tun. Wenn sie aber doch Zeit füreinander fanden, landeten sie meistens im Bett oder an Orten, die sie für ihre Liebesspiele auswählten.

Und jetzt eine gemeinsame Reise als Krönung ihrer Liebe und endlich ganz viel Zeit füreinander. Klang das nicht wunderbar?

Ob es wohl wirklich an dem Getränk lag? Er hatte ihr nicht verraten, woher es stammte, wer es gemixt hatte und aus welchen Ingredienzien es letztlich bestand. Würde die Wirkung bald nachlassen? Und was würde dann sein?

Unsinn! Franziska schalt sich eine Närrin. Letztlich war es doch egal, woran es lag. Wichtig war nur, dass sie sehr, sehr glücklich war.

„Ich komm ein bisschen mit nach Italien“, trällerte sie wieder schief, als das Telefon klingelte, und sie schon dachte, Walter würde sich endlich mit einem Anruf bei ihr melden.

„Franzi?“

„Ach, Obermüller, du bist‘s!“

Und dann schwieg sie, und während sie in den Hörer lauschte, verging ihr nicht nur das Singen von alten Schlagern. Denn ihre spontane Reise nach Bella Italia fiel gerade sprichwörtlich ins Wasser.


Gerade hatte sich Josef Schneidlinger ein Bier aus dem Kühlschrank geholt und sah jetzt zu, wie der Gerstensaft goldgelb in sein Glas floss und kleine Bläschen aufstiegen, und wie sich, quasi als Gipfel der Verlockung, eine herrliche Schaumblume bildete. Bei diesem Anblick lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Genüsslich nahm er den ersten und gleich darauf den zweiten Schluck, lehnte sich an die Küchentheke, schloss die Augen und seufzte leise. Vor ein paar Minuten hatte ihm Paulina eine SMS geschickt. Sie wollte wissen, ob er heute schon etwas vorhatte, und er hatte geantwortet: Ja … leider!

Und tatsächlich hatte er dieses „leider“ auch so gemeint. An Wochenenden wie diesem spürte er nur zu deutlich, wie schwierig das Familienleben im Hause Schneidlinger inzwischen geworden war.

Seit der Kriminalhauptkommissar von München nach Passau gewechselt und die Karriereleiter eine entscheidende Stufe hinaufgeklettert war, wohnte er wieder zu Hause, auf dem Bauernhof seiner Eltern im Rottal, während seine Gemahlin mit den vier Kindern in München geblieben war. Gabi war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die spielend Beruf und Kindererziehung unter einen Hut brachte und sich niemals von ihren Geschäften getrennt hätte, um als Hausfrau auf einem Bauernhof zu leben − und wenn er noch so herrschaftlich gewesen wäre.

Als sie am Freitag angerufen und ihm gesagt hatte, sie und die Kinder würden in zwei Stunden bei ihm sein, hatte sich Schneidlinger gefreut. Aber anscheinend hatte Gabi die Tristesse, die Land und Haus bei diesem Wetter versprühten, unterschätzt, und nun hing sie seit gestern Vormittag mit schlechter Laune auf dem Hof herum, streitsüchtig und ständig alles infrage stellend. Vermutlich wäre sie schon vor Stunden gefahren, hätte seine Mutter sie nicht alle zum Monopoly überredet. Die Kinder waren begeistert und wollten unbedingt die Runde zu Ende spielen, während die Eltern gute Miene zum nervigen Spiel machen mussten.

Zurück in der Stube versuchte sich Schneidlinger auf seine ihm entgleitenden Gesichtszüge zu konzentrieren, was ihm immer seltener gelang, wenn sich seine Gedanken, wie jetzt, an Paulina aufgehängt hatten. Sie war nicht wie andere Frauen, sie war etwas Besonderes. Je mehr die Anspannung daheim zunahm, desto mehr sehnte er sich nach ihr, auch wenn er sich und ihr das nie eingestanden hätte. Wobei so ein Geständnis ohnehin keinen Platz in ihrer Freundschaft hatte, die hauptsächlich daraus bestand, dass sie sich hin und wieder auf ein Glas Wein trafen und sich gegenseitig ihr Herz ausschütteten.

Schneidlinger war für sie ein Mann, der wusste, was er wollte, und dem sie einiges zu verdanken hatte. Mehr nicht. Paulina dagegen war eine Frau, die verdammt gut aussah und sich niemals so aufführen würde wie Gabi. Zumindest hatte Schneidlinger sie noch nie so erlebt. Aber sie waren ja auch nicht verheiratet.

Während die Würfel über den Tisch rollten, brach sein Sohn Tobias in Jubelgeschrei aus.

„Was ist?“, fragte Schneidlinger in die grinsende Runde, weil anscheinend jeder außer ihm Bescheid wusste.

„Du hast vergessen mich abzukassieren“, erklärte sein Jüngster altklug, doch bevor Schneidlinger richtig Zeit hatte, sich über dieses Versäumnis zu ärgern, klingelte in seiner Tasche das Handy.

In Gedanken ganz bei Paulina, zog er es heraus und ging in den Flur, um in Ruhe sprechen zu können.

„Ja? Ja, Obermüller, ich verstehe.“

Nachdem er aufgelegt hatte, wählte er aus seinem Speicher eine Nummer und lauschte auf das Freizeichen.

„Hollermann, sind Sie das? Tut mir leid, dass ich Sie stören muss, aber wir haben einen sehr eiligen Fall“, erklärte er, ganz Kriminalhauptkommissar, ohne sich lange mit einer Begrüßung aufzuhalten. „Halten Sie sich bitte bereit. Frau Steinbacher wird Sie gleich abholen. Und, ach ja: Ziehen Sie sich Gummistiefel an.“


Nur zwanzig Minuten später stieg Oberkommissarin Franziska Steinbacher an der Bräugasse auf den provisorischen Holzsteg, um zunächst vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen, bis sie sich an den ungewohnten Unterbau gewöhnt hatte. Denn da, wo das Kopfsteinpflaster auf dem Platzl den Füßen sonst Halt gab, hatte sich das Wasser von Donau und Inn zu einem einzigen braunen See vereint. Einen Meter hoch stand es zwischen dem Waisenhaus und der Nepomukstatue und ließ das Stadtbild mehr denn je an das im Wasser versinkende Venedig erinnern. Nur diese Stege und der unermüdliche Einsatz der Feuerwehr ermöglichten es den Bewohnern der Ortsspitze, auch in diesem Ausnahmezustand in ihre Häuser zu gelangen und ein halbwegs normales Leben zu führen.

Franziska blickte sich nach ihrem Kollegen Hannes Hollermann um, der direkt hinter ihr lief. „Ich glaube, da vorne ist es“, rief sie und zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf ein Haus, das direkt am Donaukai lag.

Der Steg, auf dem sie balancierten, führte bis zu einem höher gelegenen seitlichen Fenster, lag an dieser Stelle aber schon einige Zentimeter unter Wasser, und als sie näher kamen, gaben ihnen die wartenden Feuerwehrmänner ein Zeichen vorsichtig zu sein. Doch das Team der Passauer Mordkommission hatte sich inzwischen an den feuchten Untergrund gewöhnt und schritt zügig voran.

„Franziska Steinbacher“, stellte sich die Kommissarin kurz vor und reichte den beiden Männern nacheinander die Hand. „Wo müssen wir hin?“

Die Feuerwehrmänner waren gut ausgerüstet, trugen wasserfeste Jacken und Hosen, die in schwere Stiefel mündeten, und waren so zumindest teilweise vor der durchdringenden Nässe geschützt. Auf dem Kopf trugen sie Helme mit Stirnlampen, deren Schein Franziska blendete.

„Er liegt im Laden hinter dem Tresen“, erklärte der größere der Wehrmänner, der sich als Thomas Frömml vorgestellt hatte, und sah erst das schmale Fenster und dann die Kommissarin abschätzend an.

„Da drin?“, mischte sich Hannes ein, und als die beiden nickten, warf er seiner Kollegin einen skeptischen Blick zu.

„Gibt es keinen anderen Zugang?“, wollte die wissen, doch die beiden Feuerwehrmänner verneinten mit einem kurzen Kopfschütteln.

„Der eigentliche Eingang liegt vorn zur Donau hin, steht aber völlig unter Wasser“, erklärte der Kleinere, Michael Wieser, geduldig. „Aber wenn Sie lieber nicht … ich meine, das Fenster ist ja wirklich nicht sehr groß.“

„Ach was“, wischte Frömml die Bedenken der Umstehenden beiseite. „Wir haben von innen schon eine Leiter hingestellt, das ist gar kein Problem.“

Die Kommissarin nickte, klaubte ein paar Habseligkeiten aus ihrer Tasche und hängte sie dann an den außen angebrachten Fensterladen. Auf keinen Fall wollte sie hier vor der versammelten Männlichkeit als Angsthase gelten.

„Halt!“ Frömml hielt sie am Ärmel fest. „Ich mach den Anfang, dann können Sie mit Ihrem Kollegen folgen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, schob er Franziska zur Seite und kletterte auf das Fensterbrett. Nachdem er kurz im Inneren des Hauses verschwunden war, erschien er wieder im Fenster und reichte der Kommissarin die Hand. Unwillig griff Franziska zu. Sie war sich sicher, es auch ohne ihn zu schaffen. Genau wie Hannes, der ihr gleichmütig folgte – und ohne, dass ihm jemand eine helfende Hand anbot.

Drinnen herrschte eine diffuse Dunkelheit, und nur die Stirnlampe am Helm des Feuerwehrmannes spendete ein wenig Licht. Als auch sein Kollege durch das Fenster in den Raum gestiegen war, schalteten sie die mitgeführten Strahler an, und Frömml wies die beiden Kommissare darauf hin, auf das eindringende Wasser zu achten.

Franziska blieb stehen, zog eine kleine Taschenlampe aus der Hosentasche und begann, sich in deren Lichtstrahl zu orientieren. Sie waren in einen höher gelegenen Nebenraum eingestiegen, der in früheren Zeiten als Lager gedient haben musste, was sie daraus schloss, dass überall geräumige, teilweise rostige Metallregale herumstanden. Um in den eigentlichen Laden mit dem großen Verkaufstresen und dem breiten Schaufenster zu gelangen, mussten sie ein paar wenige Stufen in den Hauptraum hinuntergehen.

Am Ende der Treppe stand bereits das Wasser. Sie würden sich also beeilen müssen, dachte Franziska und registrierte im Vorbeigehen etliche Reihen mit Sandsäcken, die von außen Schaufenster und Ladentür sicherten. Dann fielen ihr zwei Metallpfeiler auf, die mit einer dicken quer geschobenen Bohle die Decke abstützten.

Kaum war die Kommissarin jedoch bei den Männern hinter dem großen Verkaufstresen angekommen, vergaß sie alles, was sie gerade gesehen hatte. Vor ihr auf dem gefliesten Boden lag ein Mann. Zumindest war aufgrund dessen, was man überhaupt erkennen konnte, davon auszugehen, dass der Tote männlich war. Kopf und Oberkörper steckten in einem blauen Müllsack, der in Hüfthöhe mit Paketklebeband umwickelt war. Beide Hände lagen eng an den Hosenbeinen an. Der leblose Körper war mit Jeans und schwarzen Männerhalbschuhen bekleidet, die Beine an mehreren Stellen mit Paketklebeband umwickelt.

Franziska leuchtete die Gestalt mit ihrer Lampe ab, bis ihr die linke Hand der Leiche ins Auge stach. Daumen und Zeigefinger der kräftigen und mit dunklen Haaren bewachsenen Männerhand wiesen an mehreren Stellen zackige, teils bogenförmige Wunden auf. Interessiert bückte sich die Kommissarin hinunter, musste sich aber bald schon eingestehen, dass sie eine solche Verletzung noch nie gesehen hatte.

„Sieht aus, als ob er gefoltert wurde“, überlegte sie laut und sah Hannes an.

Doch der zuckte nur mit den Schultern, bevor er vorschlug: „Wir sollten die Kriminaltechnik verständigen.“

„Ja“, willigte Franziska ein, doch schon im nächsten Moment drang ein Geräusch an ihr Ohr, dass ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Die Glasscheiben von Schaufenster und Ladentür begannen laut zu knirschen, was sich wie ein schauriges Singen anhörte. So als würde jemand mit einem Diamantring wild über eine Glasscheibe ritzen. Nervös wanderte der Blick der Kommissarin von den beiden Feuerwehrmännern zur maroden Ladentür und zum Schaufenster und streifte dabei auch die provisorische Abstützung der Decke, bei deren Anblick ihr noch mulmiger wurde.

„Wie sollten schauen, dass wir schleunigst hier rauskommen“, meinte Frömml nach einem Blick zur Fensterfront, und so, wie er es sagte, klang es kein bisschen wie ein freundlicher Ratschlag. „Das Wasser steigt in einem gewaltigen Tempo.“

Wir zur Bestätigung seiner Aussage knirschten erneut die Scheiben.

„Gut, dann lass uns loslegen“, beschloss Franziska mit fester Stimme, zog die Kamera aus der Jackentasche und fotografierte die verpackte Gestalt und einzelne Ausschnitte in der Detailansicht, vor allem die Spuren an der Hand. Anschließend wandte sie sich an Hannes, der bisher untätig herumgestanden und seiner Kollegin bei der Arbeit zugesehen hatte. „Hast du ein Taschenmesser dabei?“

Hannes zuckte mit den Schultern, kramte aber in seiner Hosentasche und zog schon bald darauf einen länglichen Gegenstand hervor, den er Franziska entgegenhielt.

„Halt mal.“ Sie gab ihm die Taschenlampe, nahm das Messer und wies ihn an: „Leuchte mal hier auf den Kopf!“

Hannes tat, wie ihm geheißen, und gleich darauf hatte Franziska den Müllsack an der Seite aufgeschnitten und das Gesicht des Toten freigelegt. Tatsächlich handelte es sich um einen Mann, Mitte vierzig, gut genährt, ohne sichtbare Gesichtsverletzungen. Seine trüben Augen blickten ins Leere. Wie bei den meisten toten Menschen sagte sein Gesichtsausdruck nichts darüber aus, was er hatte erleiden müssen, bevor ihm ein tiefer Schnitt auf der linken Halsseite zugefügt worden war.

Franziska hob die Kamera, um die Position des Kopfes und des Schnittes festzuhalten, doch noch bevor sie den Auslöser betätigen konnte, vernahm sie erneut das laute Knirschen des Glases. Sorgenvoll blickte die Kommissarin dorthin, wo die Donau vor dem Haus bereits weit oberhalb der Sandsäcke zu sehen war und auf einmal hatte sie das beunruhigende Gefühl, als stünde sie in einem übergroßen leeren Aquarium, dessen Scheiben jederzeit einbrechen konnten, um das Wasser der Donau und alles, was darin schwamm, zu ihr hereinzulassen.

„Wir müssen jetzt wirklich raus“, mahnte der größere Feuerwehrmann und durchbrach die ehrfurchtsvolle Stille im Raum. „Das hier ist alles schon ein bisschen älter, und keiner weiß, wie lange das Glas dem immensen Druck standhalten kann.“

„Gut, dann nehmen wir ihn mit“, entschied Franziska, aber das Glas der Ladentür sang inzwischen so laut, dass es ihre Stimme beinahe übertönte.

„Sie haben Ihre Anweisungen, und ich meine. Bei uns geht der Eigenschutz vor, und weil wir für ihn ohnehin nichts mehr tun können“, er zeigte zu dem Mann, dessen Körper halb im Müllsack steckte, „sage ich: Wir gehen. Jetzt!“

Frömml nickte seinem Kollegen zu, woraufhin beide um den Tresen herum in Richtung Lagerraum und Fensterausstieg stapften. Hannes wandte sich ebenfalls um, nur Franziska blieb zurück und fotografierte fluchend alles, was ihr wichtig schien.

„Wo bleiben Sie denn?“, rief Frömml vom höher gelegenen Nebenraum.

Hannes drehte sich wieder zur Kollegin um. „Komm jetzt!“, rief er und versuchte energisch, nach Franziskas Arm zu greifen. Doch so schnell wollte die nicht aufgeben.

„Lass mich wenigstens noch ein paar Fotos machen.“ Sie entzog sich seiner Hand und knipste, sobald der Blitz wieder bereit war, in den Raum hinein. Immer wieder erhellte das grelle Licht der kleinen Kamera für einen Moment den schaurigen Tatort, bevor er erneut in einer diffusen Dämmerung verschwamm. Akustisch wurde die Szene von dem technischen Sirren der Kamera, wenn sich der Blitz wieder auflud, und dem unheimlichen Knirschen des Glases beherrscht. Unermüdlich wechselte die Kommissarin die Perspektive, um auch alle anderen Teile des Raumes festzuhalten.

Während sie sich Schritt für Schritt voran arbeitete, orientierte sie sich an dem massiven Tresen, als könnte er ihr, wie ein Fels in der Brandung, Halt geben. Ohne auf die warnenden Stimmen der Feuerwehrmänner und die aufgeregten und besorgten Rufe von Hannes zu hören, machte sie weiter, bis es in einem ohrenbetäubenden Knall die Schaufensterscheiben und die Glaseinsätze der Ladentür zerriss.

Braune Wassermassen schossen herein und füllten den Raum in Sekunden aus. Alles, was sich ihnen entgegenstellte, wurde einfach umgeschmissen und dann mitgerissen, bis sich die nächste stabile Wand den Wassermassen entgegenstellte. So erging es auch Franziska. Unfähig, sich nach dem lauten Knall noch in Sicherheit zu bringen, wurde sie vom eiskalten Wasser erfasst, herumgewirbelt und schließlich gegen den Tresen geschleudert, der ihr jedoch keinen Halt bot. Ohne wirkliche Orientierung versuchte sie die Wasseroberfläche zu erreichen, und als es ihr tatsächlich gelang, wurde ihr klar, dass sie sich knapp unterhalb der Decke befand.

Ist das Wasser schon so hoch gestiegen?, dachte sie, und dann schnappte sie hastig nach Luft, denn schon wurde sie erneut hinunter in die kalte braune Donau gezogen. Ihre Kleidung hinderte sie an sinnvollen Schwimmbewegungen, und die Muskeln waren von der Kälte des Wassers innerhalb von Sekunden träge und beinahe nutzlos geworden.

Nachdem die Donau den Raum erst einmal eingenommen hatte, stieg das Wasser zunächst höher und höher, bis es sich dem Niveau draußen vor der Tür angepasst hatte und schließlich zur Ruhe kam. Für Franziska dauerte dieser Vorgang eine Ewigkeit. Bei ihrem zweiten Versuch, Luft zu schnappen, hatte sie einige Schluck Donauwasser erwischt und trieb jetzt würgend und hustend und erneut Wasser schluckend in der Brühe, die sie gefangen hielt, ohne sie wirklich festzuhalten. Immer wieder wurde sie von herumschwimmenden Gegenständen gestreift, und bei ihrem Versuch, sich an irgendetwas zu klammern, daran erinnert, wie glitschig Wasser war.

Längst hatte sie die Orientierung verloren und begann gerade, mit ihrem Leben abzuschließen, als sie in der Ferne ein ganz schwaches Licht ausmachte. Kurz dachte sie an Walter und Hannes und sogar an Obermüller und daran, ob sie sie vermissen würden. Seltsame Bilder kamen in ihr hoch. Sie glaubte sich in einem Tunnel, der sie immer tiefer in sich hinein sog, bis am Ende … War das das Ende? Sah sie gleich ihren Lebensfilm rückwärts ablaufen, und wenn sie wieder Kind war, dann war alles vorbei?

Mit letzter Kraft begann Franziska mit den Armen zu rudern und mit den Beinen wild ins Wasser zu treten, bis sie tatsächlich etwas berührte, von dem sie sich abstoßen konnte. Und dann wurde das Licht heller, und sie hörte eine Stimme, Hannes‘ Stimme, die nach ihr rief: „Franziska!“

Sie spürte eine Hand, die nach ihr griff, sie aber nicht fassen konnte. Mein Gott, Hannes war da, Hannes wollte sie retten. Mit aufgerissenen Augen versuchte sie die Stelle zu erreichen, von der das Licht und weitere Stimmen kamen, und als sie es endlich schaffte, erneut eine Hand spürte, die nach ihr griff und an ihr zog, als sie sich schon gerettet wähnte, bekam sie einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf und versank erneut in gnädiger Dunkelheit.


Wie ein geprügelter Hund stand Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger auf dem Holzsteg unterhalb des Einstiegsfensters und machte sich selbst die schwersten Vorwürfe.

Natürlich war die Kollegin Steinbacher erfahren, und der junge Hollermann war ja auch mit reingegangen, aber wie sich jetzt gezeigt hatte, war die junge Kommissarin vielleicht doch noch nicht so weit – zumindest, wenn es um die Einschätzung des Risikos ging.

Der Hauptkommissar beugte sich über das Fensterbrett und versuchte einen Blick auf das Geschehen im Haus zu werfen. Als er vor wenigen Minuten am Tatort eingetroffen war, hatte man ihn mit der Aussage konfrontiert, dass sie jetzt vermutlich eine zweite Wasserleiche hätten. Nun, das kommt vor, dachte der Hauptkommissar im ersten Moment, schließlich war die Sachlage insgesamt etwas undurchsichtig. Als die Kameraden von der Feuerwehr jedoch hinzufügten, der Kommissarin wäre ja auch nicht zu helfen gewesen, wurde ihm schlagartig flau im Magen. Sie habe die Warnung selbst dann noch ignoriert, als es schon nicht mehr zu überhören war, dass das Glas im nächsten Moment zerreißen würde, berichtete ein Mann, und der Rest, na ja, der sei dann einfach Pech gewesen. Ihr Kollege hätte sie ja schon fast gehabt, als die Stützkonstruktion der Decke umkippte und der Balken der lebensmüden Kommissarin direkt auf den Kopf donnerte.

Nachdem er die Haustür ins Schloss gezogen hatte, war er noch froh darüber gewesen, dass er der aufgeladenen Stimmung, die an diesem Wochenende in seinem Elternhaus herrschte, den Rücken kehren konnte. Ausgestattet mit Gummistiefeln und einer regenfesten Jacke war er in seinen Porsche Boxster gestiegen, in weiser Voraussicht, dass er zwar nicht auf dem Weg zu einer echten Alternative für einen anständigen Sonntagabend war, aber immerhin weg kam. Er hatte die Autobahn genommen, war in Passau-Süd abgefahren, weiter über die B12 und dann runter auf die Regensburger Straße bis zum Schanzl. An der Ludwigstraße war er in die Fußgängerzone eingebogen und folgte ihr, bis er über den Heuwinkel zum Rindermarkt kam. Über die Messergasse und den Steinweg hatte er schließlich den Residenzplatz erreicht, wo man ihn dann nichtmehrweiterfahren ließ. Hier parkten auch der Bus der KTU und der Wagen von Franziska Steinbacher. Die gesamte Fahrt war Schneidlinger endlos und beschwerlich erschienen. Starker Regen prasselte auf das Verdeck seines Wagens, wie ein unermüdliches Stakkato, oder, wie er jetzt wusste, wie der Countdown zu dem Moment, in dem er hier stehen musste, um sich einem wahren Albtraum zu stellen.

Seit einem guten Jahr war er der Leiter der Passauer Mordkommission, und inzwischen kannte er nicht nur alle schönen Winkel dieser Stadt, sondern auch die weniger beschaulichen Ecken. Gleichzeitig waren ihm die neuen Kollegen ans Herz gewachsen, jeder auf seine ganz eigene Art. Vor allem die engagierte Oberkommissarin Steinbacher, die so erfrischend ehrlich, aber, wie er sehr wohl beobachtet hatte, auch verletzlich war, mochte er sehr. Und jetzt? Kurz war Schneidlinger versucht gewesen selbst hineinzusteigen, um bei der Bergung zu helfen. Andererseits waren da drin schon genug Fachleute im Einsatz, und so blieb ihm nur das lange und zermürbende Warten.

Für einen Moment ließ der Hauptkommissar das Fenster außer Acht und sah sich um. Neben ihm auf dem Steg standen die Kollegen von der Kriminaltechnik, die gehofft hatten, den Tatort inspizieren zu können, bevor das Wasser alle Beweise vernichtete. Sie alle blickten bekümmert zu dem kleinen Fenster hin, durch das Franziska mit Hannes und den Männern von der Feuerwehr in das Ladenlokal gestiegen war. Niemand schien Schneidlinger und seine Sorgen zu beachten, bis er spürte, wie sich ihm ein Blick in dem Rücken bohrte. Neugierig wandte er den Kopf und stierte in die Dunkelheit, um den zu finden, der ihn so interessiert musterte, als er erschrocken zusammenfuhr, weil ihm jemand mit lauter Stimme zurief: „Weg da! Wir haben sie!“

Der Hauptkommissar reckte sich, um endlich zu sehen, was mit der Kollegin passiert war, doch statt Franziska erschien ein großer und kräftiger Feuerwehrmann im Fenster und kletterte heraus.

„Ist sie …?“ Schneidlinger traute sich nicht, seinen Satz zu beenden. Mit verzweifelter Miene sah er den Feuerwehrmann an.

„Unkraut vergeht nicht“, versicherte der Mann grob, überließ Schneidlinger die weitere Deutung und stapfte davon.

„Chef?“

Der Hauptkommissar wandte den Kopf, und sofort huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Franziska …äh, Frau Steinbacher! Bin ich froh, Sie zu sehen.“

Schnell sprang er zwei Schritte auf den Fensterausschnitt zu, um ihr beim Heraussteigen behilflich zu sein. Haare und Kleidung klebten an ihrem Körper, und ihr Gesicht sah mitgenommen aus. Trotzdem gelang ihr ein kleines Lächeln, als Schneidlinger sie vorsichtig vom Fensterbrett hob.

„Wir bringen sie zum Krankenwagen“, mischte sich die herbeieilende Mona von der Kriminaltechnik ein, bevor die Stimmung zu rührselig werden konnte. „Sie muss ins Warme, und ihr Kopf muss untersucht werden.“

Schneidlinger nickte. „Ja. Danke. Ich mache mir nur noch ein Bild der Lage und komme dann nach.“


Am Krankenwagen, der vor der Theologischen Hochschule stationiert war, empfing der Notarzt Dr. Franz Buchner den kleinen Trupp. Schnell hatte die Nachricht von Franziskas unfreiwilligem Bad in der Donau und dem anschließenden die Runde gemacht, und alle hatten so besorgt reagiert wie der Hauptkommissar; schließlich kannte man sich von verschiedenen Einsätzen.

„Meiner Meinung nach haben Sie eine Gehirnerschütterung“, erklärte der Notarzt im gleichen Ton, in dem er sonst an einem Tatort über die Todesursache spekulierte, nachdem er Puls und Blutdruck gemessen und Franziskas Schädel auf eine mögliche Verletzung hin abgetastet hatte. „Näheres kann ich erst nach weiteren Untersuchungen im Klinikum sagen. Ich würde Sie gern für ein paar Tage zur Beobachtung aufnehmen“, schlug Dr. Buchner vor.

Doch schon während er diesen Satz vortrug, schüttelte Franziska den schmerzenden Kopf und zog die Decke enger um den zitternden Körper.

„Tatsächlich habe ich nicht erwartet, dass Sie zustimmen“, gab sich der Notarzt sofort geschlagen und lächelte die Kommissarin aufmunternd an. „Aber dann nehmen Sie zu Hause wenigstens ein warmes Bad und legen sich ins Bett. Haben Sie jemand, der sich um Sie kümmert?“

Bevor Franziska darauf antworten konnte, sagte Schneidlinger: „Natürlich, wir werden sie nicht aus den Augen lassen.“ Er schien ernsthaft besorgt.

„Schon okay, Chef. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Mir ist nur so schrecklich kalt.“

„Jemand sollte sie heimbringen“, begann Dr. Buchner erneut.

„Gut.“ Schneidlinger warf einen Blick zu Hannes. „Herr Hollermann hat mir bereits von den Verletzungen des Toten berichtet. Frau Steinbacher kann bedenkenlos nach Hause gehen und sich auskurieren.“

Franziska nickte. „Wann werden sie den Toten herausholen können?“, fragte sie.

Schneidlinger zuckte mit den Schultern.

„Ich habe Fotos gemacht. Vielleicht … Ich hoffe, sie sind nicht beschädigt worden, als die Kamera nass geworden ist“, fügte sie hinzu, doch Schneidlinger wiegelte sofort ab.

„Jetzt machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Erholen Sie sich, und den Rest sehen wir dann schon.“

„Aber …“

„Kein Aber. Es war schon unverantwortlich von Ihnen, nicht auf die Mahnung der Rettungskräfte zu hören.“ Der Hauptkommissar atmete tief aus und wechselte einen kurzen Blick mit Hannes bevor, er in versöhnlichem Tonfall weitersprach. „Natürlich kann es sein, dass wir im Laufe der Ermittlungen noch sehr froh über Ihre Unterstützung sein werden. Wo ist denn die Kamera eigentlich?“

Mit einem kleinen Lächeln zeigte Franziska auf die nassen Sachen, die auf einem Haufen neben der Trage lagen, auf der sie saß. Obenauf lag die Kamera.

„Gut, dann gebe ich sie der Kriminaltechnik, damit die sich darum kümmern. Wie haben Sie das eigentlich geschafft, dass sie die Kamera im Wasser nicht verloren haben?“

„Ich weiß auch nicht“, gestand Franziska. „Ich glaube, ich habe mich einfach an ihr festgehalten.“


Längst hatte er den Beobachtungsplatz aufgegeben und ruderte mit seiner Zille, die er am Ende der kleinen Fluchtgasse stationiert hatte, an der Stadtmauer und am Hotel Schloß Ort vorbei. Das Fahren mit der Zille lernten die Kinder im Örtl früh, schließlich nutzte man dieses wendige Boot nicht nur beim jährlichen Hochwasser, sondern auch für kleine Ausflüge auf Inn und Donau. Manche hatten sogar einen Motor und wurden von den Anwohnern wie ein Wassermofa benutzt. Im Hochwassergebiet war es allerdings besser zu rudern, und auf Donau oder Inn würden heute nur Lebensmüde hinausfahren.

Vor dem Hotel machte er eine Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden. Es war seine letzte, und er musste zusehen, dass er neue bekam. Hunger hatte er auch. Leider war durch diesen ganzen Trubel sein Zeitplan durcheinandergeraten. Während er rauchte, blickte er zu Fassade des Hotels hinauf, das, wie alle Häuser im Örtl, schon tief im Wasser des Inn stand. Trotzdem strotzte es seit Jahrhunderten allem Unbill, und so ein Hochwasser würde es schon gar nicht umreißen. Um das Jahr 1200 hatte man es schon in einer Urkunde erwähnt, hatte ihm seine Mutter einmal erzählt, weil damals gerade Bischof Berthold von Salzburg kam, um die Stadt von den bayerischen Besatzern zu befreien, die sich genau hier, in der Veste Ort, eingenistet hatten. Damals war das hier die wichtigste Schutzfestung von Passau gewesen. Kann man heute kaum noch glauben, hatte seine Mutter immer gesagt. Fünfzig Jahre später wurde die Veste Ort dann sowieso nicht mehr gebraucht, weil sie jetzt die Veste Niederhaus auf der anderen Seite der Donau hatten. So wurde das Schloss halt zum Gefängnis, und der Bannrichter wohnte auch mal hier.

Er lauschte. Waren das eben Schreie gewesen? Aus dem alten Gemäuer? Vom Wasser herausgespült?

Red nicht so einen Unsinn, würde seine Mutter jetzt sagen. Und jetzt mach, dass du nach Hause kommst, und basta.

Sie hatte recht, denn schließlich gab es Wichtigeres als dieses Haus, das ja erst einmal zu dem hatte werden müssen, was es heute war. 1873 war es zum Hotel umgebaut worden, weil es schön war, wenn man auf der Terrasse saß und auf den Inn blicken konnte. Seine Mutter hatte immer davon geträumt, dort mal zu sitzen. Aber es sollte halt nicht sein, und damit basta.

Inzwischen war er klatschnass und fror fürchterlich. Selten war die Donau im Juni noch so kalt wie in diesem Sommer. Während er weiterruderte, setzte er das Paddel voller Aufmerksamkeit ein, schließlich wusste man nie, was einem unter Wasser so alles begegnete. Einmal war ihm sogar ein Auto entgegengeschwommen, allerdings war das am Rathausplatz gewesen, und damals hatte das Wasser auch viel höher gestanden. Aber wer weiß, noch hatten sie das Schlimmste ja nicht hinter sich.

Als er das Platzl erreichte, warf er einen Blick zum alten Laden. Das Fenster hatten sie zugenagelt, damit niemand mehr auf die Idee kam einzusteigen. Den Toten hatten sie noch immer nicht herausgeholt, das hatte er genau beobachtet, und er hatte gehört, wie sie davon sprachen, dass sie ihn so schnell auch nicht bergen konnten, weil der Stützpfeiler, der die einsturzgefährdete Decke sichern sollte, umgefallen war. Eine Tussi von der Polizei hätte es auch fast erwischt. Wie konnte man auch nur so dumm sein und nicht auf das Glas hören?

Der Chef war als Letzter gekommen, auch nicht schön, man ging als Chef doch voran, aber irgendwie auch schlau, so war ihm das Bad in der Donau erspart geblieben. Als der so da gestanden und auf das Fenster geschaut hatte, hatte er für einen Moment befürchtet, er habe ihn entdeckt, doch dann hatten sie die Polizistin rausgeholt und wie einen nassen Sack durch das kleine Fenster des Häuschens hinaus ins Freie gezogen, und das hatte ihn gerettet. Aber so wie es schien, wussten sie noch immer nichts über den Toten. Er hätte ihnen sagen können, was das für einer gewesen war, aber bestimmt würde ihm dann wieder keiner glauben. So war das schon immer gewesen, und so würde es immer bleiben.


Ein wenig verlegen stand Franziska vor der Badewanne und schaute zu, wie sich an der Stelle, an der der Wasserstrahl auf die Oberfläche traf, immer mehr Schaum bildete. Als ihr klar geworden war, dass Hannes sie nicht nur zu Hause abliefern, sondern bei ihr bleiben und sich um sie kümmern würde, hatte sie eine Extraportion Badeschaum in die Wanne gegossen.

Hannes hatte ihre Absicht sofort durchschaut und frech gegrinst. „Keine Angst, ich schau dir schon nichts ab!“

„Ich hab keine Angst“, hatte Franziska erklärt, aber ein wenig nervös an ihrem Shirt herumgezupft. Nachdem Schneidlinger zu Hannes gesagt hatte, er solle sie nach Hause fahren, hatte Mona ihre Sportsachen aus dem Auto geholt und sie ihr für den Heimweg angeboten. Die Trainingshose und das Shirt waren zwar schön trocken, aber leider auch viel zu kurz.

„Ich mach dir mal einen schönen Tee“, hatte Hannes die Situation überspielt und war hinausgegangen, wobei er die Tür angelehnt ließ. Rasch zog Franziska sich nun aus, legte ein großes Handtuch bereit und setzte sich in die Wanne. Sofort begannen ihre Beine und ihr Po zu kribbeln. Dr. Buchner hatte sie ermahnt, sie solle nicht gleich komplett ins heiße Wasser steigen, ihr Köper müsse langsam erwärmt werden − aber wie langsam, hatte er nicht gesagt.

Nach einer Weile ließ sich Franziska tiefer ins Wasser gleiten, bedeckte ihren Oberkörper gewissenhaft mit Schaum und schloss die Augen. Schnell gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft, und natürlich landeten sie wieder in dem Haus an der Ortsspitze, wo jetzt die Leiche des unbekannten Mannes und die eingestürzte Deckenabstützung im trüben Donauwasser schwammen.

„Tee ist fertig“, rief Hannes endlich durch die angelehnte Tür, und Franziska hatte gerade noch genug Zeit, eine große Portion Schaum auf ihrem Busen zu verteilen, als er auch schon vor ihr stand. In den Händen hielt er ein beladenes Tablett. „Eine schöne Wohnung hast du.“ Hannes zwinkerte ihr zu, und Franziska war sich sicher, dass er, auf der Suche nach der Küche und den richtigen Utensilien, einen Rundgang durch alle Räume gemacht hatte.

„Ich glaube, so etwas hat es noch nie gegeben. Wir finden eine Leiche, schauen sie uns an und müssen den Tatort verlassen, ohne sie bergen zu können.“

Franziska warf ihm einen kurzen Blick zu und versuchte dann, das Bild von den braunen Wassermassen aus dem Kopf zu verbannen, die sie wieder und wieder unter sich begruben. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Wasserhahn, an dem ihre Zehen herumspielten.

„Hey. Zerbrich dir nicht den Kopf. Seit wann geht in unserem Beruf immer alles rund, hm?“, versuchte Hannes die Kollegin zu trösten, als er sah, wie sie sich quälte. „Immerhin haben wir die Fotos.“

Doch Franziska ließ sich nicht aufmuntern. „Wir müssen den Hausbesitzer verständigen und ihn fragen, ob es nicht doch noch eine andere Möglichkeit gibt, um die Leiche sicher zu bergen.“ Auf einmal sah sie auf und Hannes an, als wäre er soeben erst hereingekommen. „Hol doch bitte mal meinen Laptop. Steht auf dem Tisch im Wohnzimmer. Dann können wir …“

„Auf keinen Fall! Das hat alles Zeit bis morgen“, unterbrach sie Hannes und stellte endlich das Tablett auf den Hocker mit dem Handtuch. Als Franziska sah, was er alles mitgebracht hatte, musste sie unwillkürlich lächeln. Neben einer Teekanne und zwei Tassen standen eine Zuckerdose, ein brennendes Teelicht, ein kleiner Blumentopf, den er vom Fensterbrett in der Küche genommen hatte, und einen sorgsam auf einem Teller drapierten Müsliriegel. Vermutlich das einzig Nahrhafte, das er in ihrer Küche gefunden hatte. „Süß!“, entfuhr es ihr.

Hannes lächelte zufrieden, reichte ihr einen Becher Tee mit viel Zucker und erklärte: „Auf dein zweites Leben!“

Franziska war gerührt, doch bevor Hannes noch mehr Sentimentalitäten über sie und ihr Glück von sich geben konnte, fragte sie: „Warum fährst du eigentlich nicht mehr Auto? Ich meine, du kannst es doch, und zwar nicht mal schlecht – hast es ja eben bewiesen.“

Geistesabwesend schaute Hannes in seine Tasse, von der er immer wieder einen Schluck nahm, schwieg aber in den folgenden Augenblicken, bis Franziska schon fürchtete, er würde sich wieder einmal vor einer Antwort drücken, wie er es immer tat, wenn ihm etwas unangenehm war.

„Weißt du, du kanntest sie ja nicht … aber Mira war etwas ganz Besonderes.“ Hannes hatte seine Tasse abgestellt und starrte jetzt ein wenig abwesend aufs Badewasser. „Sie hatte eine ganz feste Vorstellung von dem, wie ihr Leben einmal verlaufen sollte. Nach dem Abitur studierte sie und suchte sich nebenbei schon die richtige Firma aus, um anschließend dort zu arbeiten. Es war klar, dass sie einmal viel Geld verdienen würde. Trotzdem störte es sie nicht, dass ich zur Polizei gehen wollte. Sie sagte, jeder müsse das tun, was ihn glücklich mache.“ Hannes ließ seine Hand gedankenverloren über die Wasseroberfläche gleiten und begann, mit dem Schaum zu spielen.

Franziska sah ihm zu und ließ ihn gewähren.

„An jenem Abend waren wir bei meinen Kollegen eingeladen“, fuhr Hannes fort. „Und obwohl ich ihre Idee von der Gleichberechtigung mochte, bestand ich darauf, das Auto nach Hause zu fahren. Wir hatten sogar einen kleinen Streit deswegen, aber ich sagte: ‚Nein, ich fahre‘, und sie nahm es dann einfach hin. Ich habe mich anschließend oft gefragt, warum sie wohl so schnell nachgegeben hat. Das war so gar nicht ihre Art.“

Hannes holte einen Berg Schaum aus dem Wasser und pustete vorsichtig hinein.

„Kurz bevor wir die Kreuzung erreichten, meinte Mira: ‚Weißt du, Hannes, ich finde es schade, dass du manchmal so kleinlich bist. Aber ich liebe dich trotzdem.‘ Ich kam nicht einmal mehr dazu, ihr zu antworten.“

Hannes starrte auf seine Hand und sah dann ganz plötzlich Franziska an, die aber nichts sagte, um ihn nicht zu unterbrechen.

„Der andere Wagen kam so schnell. Sie war sofort tot. Die Kollegen haben später festgestellt, dass der Fahrer 2,4 Promille hatte und eigentlich unzurechnungsfähig war. Das Stoppschild hat ihn überhaupt nicht interessiert, er ist einfach auf die Kreuzung zugefahren.“

„Aber du konntest doch nichts dafür“, versuchte Franziska ihren Kollegen mit sanfter Stimme zu trösten.

„Doch, denn wenn ich nicht darauf bestanden hätte zu fahren, dann wäre sie jetzt noch am Leben. Verstehst du?“

„Ja, aber dann du wärst tot. Glaub mir, es war dir nicht bestimmt.“

„Ihr etwa?“, begehrte Hannes auf und ließ seine Hand kraftlos ins Wasser sinken.

„Vielleicht“, gab Franziska sehr vorsichtig zu bedenken. Dann zuckte sie hilflos mit den Schultern. „Wir wissen doch gar nicht, was das Schicksal mit uns vorhat.“


„Na bitte“, lobte Hannes sich selbst und legte zufrieden das Mobilteil auf die Station zurück. Dann machte er einen Strich unter die letzte Aussage, als wollte er damit bekräftigen, dass er alles erledigt hatte. Während er sich genüsslich in seinem Schreibtischstuhl ausstreckte, dachte er an den gestrigen Abend zurück und daran, wie er Franziska alles über den schrecklichsten Tag in seinem Leben erzählt hatte.

Nachdem er geendet hatte, war es im Badezimmer lange still gewesen, bis er die Kollegin darauf aufmerksam machte, dass sich ihr Schutzschaum aufgelöst hatte. Doch Franziska hatte nur gelacht und gesagt, sie wolle jetzt ohnehin rauskommen, und ob er ihr nicht das Handtuch reichen könne.

Franziska war eine wirklich schöne Frau, hatte Hannes mal wieder feststellen dürfen, denn natürlich hatte er sich ihren nackten Anblick nicht entgehen lassen. Wenn auch nur aus dem Augenwinkel.

Gleichzeitig hatte ihn aber auch der Stachel der Eifersucht gekitzelt. Bei dem Rundgang durch ihre Wohnung war ihm nämlich sehr wohl aufgefallen, dass sich der Bühnenkünstler, mit dem sie vor einiger Zeit eine Liaison eingegangen war, in ihrem Leben schon ganz schön breit gemacht hatte. Das Wohnzimmer hatte ausgesehen, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, und dann erst dieser Feuerkorb, mit dem Plastikholz, aus dem künstliche Flammen loderten, sobald man es einschaltete und das kitschige Fell davor … Mehr Klischee ging ja fast gar nicht!

Doch auch über einen schnippischen Kommentar von seiner Seite hatte Franziska nur gelacht und gemeint, es wäre doch schön, und wenn das Feuer echt wäre, dann könnten sie sich davorlegen und Geschichten von früher erzählen. Und dann hatte sie beschlossen, eine Flasche Rotwein aufzumachen, um ihr geschenktes Leben zu feiern. So ließ Hannes, als er zwei Stunden später aufbrach, Franziska mit einem kleinen Schwips zurück.

In seiner eigenen Wohnung wartete Susi, seine Katze, das Einzige, was ihm von Mira geblieben war und ihn mit ihrem unberechenbaren Wesen manchmal zur Weißglut trieb. An diesem Abend schlief sie friedlich auf der Couch, und als er endlich selbst im Bett lag, grübelte er lange über das Schicksal und das, was Franziska dazu gesagt hatte. Vielleicht hatte ihm die Vorsehung wirklich zugewinkt und gab ihm jetzt die Möglichkeit das, was ihn so lange gequält hatte, wiedergutzumachen. Franziska hatte gestern ihr Leben riskiert und ihn damit zum Handeln animiert, und von jetzt an würde er allen zeigen, dass mehr in ihm steckte als nur der liebe Kollege, der noch vieles lernen musste.

Genau das war der Grund, warum er sich heute schon so früh ins Büro gequält und sich mit unerbittlichem Arbeitseifer ans Werk gemacht hatte. Zufrieden mit sich und seinen Ergebnissen, stand er auf und ging hinaus, um zu sehen, ob Ramona Meier, die Sekretärin des Dezernats, schon anwesend war. Tatsächlich saß sie am Schreibtisch und blätterte in einer Zeitung herum.

„Ach, Hannes, ich hab gar nicht gesehen, dass ihr schon da seid.“ Nachlässig klappte sie die Zeitung zu und legte sie beiseite.

„Steht was drin?“, fragte Hannes neugierig.

„Wie immer wenig, oder suchst du was Besonderes?“

„Na ja, vielleicht etwas über unseren gestrigen Einsatz?“ Hannes zuckte unschlüssig mit den Schultern.

„Was für einen Einsatz?“, fragte Ramona überrascht. „Ich weiß nichts von einem Einsatz!“ „Na, nun erzähl es ihr schon“, schlug da eine Stimme hinter ihnen belustigt vor, und Hannes wunderte sich, weil er nicht gehört hatte, wie Franziska hereingekommen war.

„Na ja“, Hannes wand sich ein wenig, denn er wollte nicht derjenige sein, der im Beisein der Kollegin über ihren Fauxpas plauderte.

„Wir hatten gestern einen Einsatz im Hochwassergebiet an der Ortsspitze, und dabei bin ich baden gegangen“, gab Franziska unumwunden zu.

„Um ein Haar hätte es sie erwischt“, ergänzte Hannes, und Ramona ließ einen kleinen Schrei los.

„Hey, ich lebe noch. Siehst du?“ Franziska drehte sich im Kreis, wie um zu beweisen, dass noch alles dran war.

„Willst du vielleicht einen Tee?“, fragte Ramona in der für sie typischen mütterlichen Sorge, sprang vom Stuhl auf und machte sich sofort am Wasserkocher zu schaffen.

„Oh, das wäre schön“, stimmte Franziska zu und sah Hannes an. „Und wir beide machen uns sofort an die Recherche. Das soll ja nicht alles umsonst gewesen sein, oder?“ Ohne auf seine Antwort zu warten, ging sie in das gemeinsame Büro, hängte ihre Regenjacke auf und verstaute die Tasche neben dem Schreibtisch. Als sie gerade den Rechner hochfahren wollte, setzte sich Hannes auf ihre Schreibtischkante und sah sie mit schief gelegtem Kopf an.

„Haus und Laden gehören seit Generationen der Familie Beinhuber. Emmi Beinhuber hat den Laden bis vor drei Jahren betrieben. Als sie starb, fiel das ganze Haus an eine Erbengemeinschaft, die aus ihren vier Neffen besteht. Die Tante konnte sich für keinen ihrer Neffen entscheiden und vererbte es ihnen zu gleichen Teilen. Jetzt besteht das Problem, dass drei verkaufen wollen und einer sich weigert. Christian Beinhuber möchte den Laden nämlich behalten, seine Brüder dagegen wollen Geld sehen“, berichtete Hannes ohne einmal Luft zu holen, während Franziska ihm mit offenen Mund lauschte. „Der eine ist Internist am Klinikum, der nächste Lehrer und der dritte Maschinenbauingenieur“, ergänzte Hannes, bevor Franziska etwas sagen konnte.

„Und was hat dieser Christian Beinhuber gelernt?“

„Irgendetwas Alternatives“, erinnerte sich Hannes.

„Und woher weißt du das alles so genau?“ Ehrfurcht lag in Franziskas Stimme.

„Wozu gibt es das Internet?“

Franziska erhob sich plötzlich und legte ihrem Kollegen die Arme um die mageren Schultern. Ihr Blick bohrte sich tief in seine Augen: „Mein lieber Hannes, das glaub ich dir nicht.“

Hannes nahm ihre Arme herunter, ließ sie aber nicht los. „Du hast recht. Das war alles reiner Zufall.“ Hannes sah sie zerknirscht an. „Als ich heute Morgen die Treppe heraufkam, hörte ich, wie sich zwei Kolleginnen von der Streife übers Wetter unterhielten. Auf einmal sagte die eine: ‚Du hast es ja noch gut getroffen in deinem Heining, aber an der Ortsspitze steht die Donau schon im ersten Stock, und das ist dann wirklich kein Spaß mehr.“

„Lass mich raten“, frotzelte Franziska gut gelaunt.

„Brauchst du nicht.“ Hannes ließ die Hände der Kollegin los und setzte sich an seinen Schreibtisch. „Sie wohnt nur drei Häuser neben unserem Leichenhaus. Und sie weiß alles über die Nachbarn.“

„Hast du ihr von der Leiche im Laden erzählt, oder hat sie es von der Straße mitbekommen?“ Franziska sah ihn skeptisch an.

„Wofür hältst du mich? Ich plaudere nicht. Aber es scheint sich tatsächlich noch nicht herumgesprochen zu haben. Zumindest wusste sie nichts davon.“

„Sehr gut“, lobte Franziska diesen Umstand, doch Hannes fuhr lächelnd mit seinem Bericht fort.

„Ich habe mich einfach sehr interessiert gezeigt und ihr ein bisschen zugehört. Menschen in ihrer besonderen Situation brauchen ein bisschen Aufmerksamkeit.“ Hannes grinste noch breiter und fügte dann schmunzelnd hinzu: „Ich könnte natürlich darüber berichten, dass es ihr schon jetzt davor graust, den ganzen Schlamm wieder aus dem Keller herauszuschaufeln, aber das hat ja nicht unbedingt mit unserem Fall zu tun.“

„Nein“, antwortete Franziska abwesend, weil sie gerade die verschiedenen Möglichkeiten durchging, wie dieses erbschaftliche Besitzverhältnis zum Leichenfund passen würde.

„Ach ja, eines ist vielleicht noch interessant“, unterbrach Hannes ihre Überlegung. „Sie meinte, mit dem Lehrer sei sie mal zusammen gewesen. Der sei ein Riesenarschloch. Na ja, muss ja nichts heißen. Alle Männer, mit denen eine Frau mal zusammen war, sind im Nachhinein Arschlöcher.“

„Hat sie vielleicht auch etwas erzählt, was uns wirklich helfen kann?“ Die Kommissarin war aufgestanden und lief im Zimmer auf und ab. Sie war jetzt vollends in ihrem Element.

Hannes zuckte mit den Schultern. „Nein. Aber ich weiß, wie der Anwalt heißt, der die Erbengemeinschaft vertritt und das Haus jetzt verwaltet.“

„Und?“ Franziska blieb stehen und sah Hannes erwartungsvoll an.

„Viktor Mooslechner.“

„Mooslechner? Nie gehört.“

„Ich auch nicht, aber ich habe seine Adresse.“

„Gut. Dann würde ich sagen, bevor wir uns vier verschiedene Versionen anhören, besuchen wir Viktor Mooslechner und fragen ihn, ob er eine Idee hat, wie die Leiche des Mannes in den Laden gekommen sein könnte.“ Franziska bückte sich nach ihrer Tasche und sah Hannes auffordernd an. „Wenn er das Haus verwaltet, dann weiß der auch, wer Zugang hat.“

Sie nahm die Regenjacke vom Haken, setzte sich eine Baseballkappe auf und hängte sich die Tasche über die Schulter. Als sie fertig war, sah sie Hannes ungeduldig an. „Ist noch was?“

„Du hältst das mit den Brüdern für unwichtig?“

„Nein, nein“, beeilte sich Franziska zu sagen. „Wir werden das alles noch brauchen, aber wir wollen unsere Ermittlungen doch nicht auf Hörensagen aufbauen, oder?“

Als Hannes noch immer nicht reagierte, drehte sie sich um, nahm auch seine Jacke vom Haken und hielt sie ihm hin. „Jetzt spiel hier nicht den Beleidigten. Du hast das alles sehr gut recherchiert. Komm jetzt!“


Dicht aneinandergedrängt standen die beiden Kommissare kurz darauf unter einem verwitterten Plastikvordach und warteten darauf, dass jemand auf ihr Klingeln reagierte. Rechtsanwalt Mooslechners Haus lag in der alten Villengegend rund um das Klinikum, jedoch weit genug vom Inn entfernt, um nicht wie die Häuser der Altstadt, wo im Übrigen auch seine Kanzlei lag, baden zu gehen. Neben dem Haus gab es eine Doppelgarage, deren Tore geschlossen waren, und dahinter erstreckte sich vermutlich ein weitläufiger Garten.

„Immerhin kommt der Regen hier nur von oben“, versuchte Franziska die Situation mit einem Scherz aufzulockern und drückte erneut und auch etwas länger auf den in die Hauswand eingelassenen Klingelknopf.

Die Fassade des Hauses war so grau wie das Wetter, Fenster und Türen hätten dringend einen neuen Anstrich vertragen, obwohl der Gesamteindruck nicht ungepflegt wirkte, sondern einfach nur altmodisch. Vor den Fenstern hingen dichte Spitzengardinen, die keinen Blick ins Innere des Hauses gestatteten.

Endlich öffnete eine dunkelhaarige Frau Mitte dreißig mit einer figurbetonenden Schürze um die Mitte und Resten von Mehl im Gesicht. „Ja?“

„Guten Tag, mein Name ist Steinbacher, und das ist mein Kollege Hollermann. Wir sind von der Kripo Passau.“

Die Frau verzog das Gesicht und wedelte mit den mit Teigresten verschmierten Händen, die sie wie ein Chirurg in die Höhe hielt. „Das jetzt ganz schlecht“, sagte sie mit starkem osteuropäischem Akzent.

„Wir sind vom Morddezernat“, setzte Franziska nach. „Wir würden gerne mit Herrn Mooslechner sprechen.“

„Nix möglich.“

„Aha. Nun …“ Franziska atmete tief durch und sagte dann: „Wie ist bitte Ihr Name?“

Die Frau sah sie skeptisch an und sagte dann: „Macarescu.“

„Frau Macarescu, dürfen wir vielleicht kurz reinkommen?“ Die Kommissarin zeigte mit einer unbestimmten Handbewegung in Richtung des Regens, dass es hier draußen ein bisschen ungemütlich war. Dann zog sie ihren Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn der Frau unter die Nase. Mit einem Seitenblick gab sie Hannes zu verstehen dasselbe zu tun.

Ohne auf Franziskas Bitte einzugehen, studierte Frau Macarescu mit zusammengekniffenen Augen beide Ausweise und fragte dann schroff: „Was Sie wollen?“

„Wir müssen mit Herrn Mooslechner sprechen“, erklärte Hannes. „Es ist dringend.“

„Tut mir leid, Herr Viktor nix zu Hause.“ Abweisend stellte sie sich in die Haustür.

„Aber dann können Sie uns doch bestimmt sagen, wo wir ihn finden können?“, hakte Franziska munter nach. Sie hatte nicht vor, sich so ohne Weiteres abservieren zu lassen.

„Ich nix wissen, ich nur Putzfrau.“

„Hat er denn nicht gesagt, wohin er geht?“

„Nein. Nix sagen.“

„Hören Sie, Frau Macarescu, es ist wirklich sehr dringend“, versuchte es Hannes noch einmal.

„Tut mir leid, aber ich nix helfen können“, antwortete die Putzfrau bestimmt, und als im gleichen Moment eine krächzende Stimme aus den Tiefen des Hauses nach ihr rief, ergänzte sie hastig: „Ich jetzt kümmern um alte Herrn Mooslechner. Auf Wiedersehen.“

Danach drückte sie die Tür unsanft ins Schloss und ließ die abgewiesenen Besucher verdutzt im Regen stehen.

„Was war das denn?“ Hannes fasste sich als Erster.

„Ihr gutes Recht“, erklärte Franziska und holte aus ihrem Notizbuch einen Vordruck für eine Vorladung, die sie mit den persönlichen Angaben des Anwalts ergänzte und in den Briefkasten warf. „Na komm, mehr können wir nicht tun.“

Nachdem sie im trockenen Auto Zuflucht gefunden hatten, fragte Hannes: „Und jetzt? In die Kanzlei? Vielleicht finden wir diesen Mooslechner ja da.“

„Nein. Das Büro ist in der Altstadt, da ist alles überflutet. Ich glaube, ich habe erst mal genug vom Wasser.“ Sie grinste.

„Wollen wir dann einfach mal bei einem von den Beinhubers vorbeifahren?“

Ganz in Gedanken vertieft, schrieb Franziska einige Stichwörter in ihr grünes Notizbuch, bevor sie es in die Tasche zurückschob. Dann schaltete sie den Scheibenwischer ein und sah ihm schweigend bei der monotonen Arbeit zu.

„Ja, gute Idee“, stellte sie auf einmal fest und blickte zu Hannes hinüber. „Aber zuerst muss ich mit Mona sprechen. Ich will wissen, ob meine Fotos was geworden sind.“ Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Hannes die Augen verdrehte, aber da hatte sie den Motor schon angelassen und die Handbremse gelöst.

Erst als sie eine Viertelstunde später auf dem Parkplatz der Inspektion anhielten, schob Franziska eine Erklärung nach. „Wie sollen wir denn eine vernünftige Befragung durchführen, wenn wir noch immer nicht wissen, wer der Tote ist und wann er getötet wurde?“

„Und wie willst du das ohne Leiche herausfinden?“

„Ich hoffe, Mona hat was rausgekriegt. Sonst wäre mein Tauchgang am Tatort ja vollkommen umsonst gewesen“, erklärte Franziska bemüht fröhlich und nahm die wenigen Meter bis zur Eingangstür der Inspektion im Laufschritt.

Hannes folgte ihr mit eingezogenem Kopf und rief ihr durch den immer noch strömenden Regen zu: „Ich glaube übrigens, dass er schon vor dem Hochwasser dort lag.“

Kaum im Trockenen, blieb die Kommissarin stehen und wartete voller Interesse, bis Hannes sie erreicht hatte. „Wie kommst du darauf?“

„Er war angezogen wie jemand, der mal eben Zigaretten holen geht, und nicht wie jemand, der sich auf so ein Wetter eingestellt hat.“ Hannes blickte an sich hinunter, und Franziska wusste sofort, was er meinte.

„Stimmt. Dann liegt er aber mindestens seit Donnerstag letzter Woche in dem Haus, vielleicht auch viel länger. Bei den Temperaturen, die wir in den letzten Wochen hatten, muss der Laden ein Kühlschrank gewesen sein.“

„Donnerstag?“, erkundigte sich Hannes.

„Ja, Donnerstag war es relativ trocken.“

Hannes guckte sie zweifelnd an. „Und das weiß du so genau?“

„Ich war da … ach egal. Auf jeden Fall brauchte man sich am Donnerstag nicht so regenfest anzuziehen.“ Franziska warf einen Blick auf die Armbanduhr und begann hektisch in ihrer Tasche zu wühlen, bis sie einen etwas mit genommenen Müsliriegel herausfischte. Ungeduldig riss sie die Verpackung auf und biss hinein.

„Wir müssen noch einmal mit der Feuerwehr sprechen“, sagte sie mit vollem Mund. „Ich muss wissen, wie lange die Sandsäcke dort schon liegen, und den Wetterbericht brauchen wir auch.“ Kauend blickte sie Hannes an. „Seltsam, es ist wie bei der Uhr. Man schaut drauf, aber wenn man kurz darauf gefragt wird, wie spät es ist, kann man sich nicht mehr dran erinnern. Mit dem Wetterbericht ist es ähnlich – am Abend vorher ist er wichtig, aber dann vergisst man ihn. Und dabei sollten wir Passauer es doch besser wissen.“

„Ach, du stammst aus Passau?“

„Nicht direkt, und bei Hochwasser hab ich immer einen großen Bogen um die Altstadt gemacht. Ich hab noch nie zu denen gehört, die zusehen, wie andere ihr Hab und Gut an die Fluten verlieren“, erklärte sie und steckte sich das letzte Stückchen des Riegels in den Mund.

„Na, immerhin weißt du jetzt, was es heißt, baden zu gehen.“ Hannes konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Haha.“ Die Kommissarin zerknüllte die Verpackung des Riegels, steckte das Papier in ihre Tasche und wandte sich zur Tür um. „Komm, vielleicht sehen wir ja was auf den Fotos, was wir am Tatort übersehen haben.“


„Gut, dass du dein Geld nicht als Fotografin verdienen musst“, begrüßte Mona die Kollegin, lächelte sie dabei aber freundlich an.

„Ich will ja nicht undankbar sein, immerhin hast du mir deine Sportsachen geliehen, aber selbst du hättest in dem überschwemmten Ladenlokal ziemlich schnell den Überblick verloren“, revanchierte sich Franziska und lachte ebenfalls.

„Ich hätte tatsächlich nicht mit dir tauschen wollen“, erwiderte Mona, als sich Hannes ins Gespräch einmischte.

„Was ist denn jetzt mit den Fotos?“, drängelte er.

Die Kriminaltechnikerin stellte den Beamer an und klickte im Computerprogramm auf das erste Bild, das prompt auf der gegenüberliegenden Wand erschien. „Hier sehen wir die noch verpackte Leiche, wobei weder der Müllsack noch das Klebeband besondere Hinweise liefern.“

Mona klickte schon auf das nächste Foto, als Hannes einwarf: „Seltsam, dass die Leiche überhaupt eingepackt wurde.“

„Stimmt. Zuerst dachte ich, der Mann sei lebend mit dem Klebeband gefesselt worden, aber seit ich dieses Foto gesehen habe“, sie zeigte das Bild, das entstanden war, nachdem Franziska den Sack aufgeschnitten hatte, „gehe ich davon aus, dass die Verpackung erst postmortal angebracht wurde.“ Sie klickte das nächste Foto an. „Nach einem so tiefen Halsschnitt spritzt das Blut, und da sein Hemd nicht besonders stark vom Blut getränkt wurde, gehe ich davon aus, dass er stehend verletzt wurde. Und zwar“, sie klickte erneut weiter, „hier.“ Das neue Foto zeigte den Tresen von vorn mit einer großen Menge heruntergelaufenen Blutes.

„Wahnsinn, auf dem Foto ist mehr zu sehen, als mir am Tatort aufgefallen ist“, wunderte sich Franziska, woraufhin sie von Mona belehrt wurde: „Na ja, ein bisschen nachhelfen musste ich mit der Bildbearbeitung schon, aber dann …“

„Der Blutspur zufolge hat der Täter den Ermordeten vor dem Verkaufstresen getötet, dann nach hinten geschleift und verpackt“, fasste Franziska zusammen.

„Also ein Täter, der überlegt und planmäßig vorgeht“, fügte Hannes hinzu.

„Ob planmäßig, weiß ich jetzt nicht.“ Mona klickte ein Foto weiter. „Die Müllsäcke lagen zumindest, wie hier schön zu sehen ist, im Regal auf der Rückseite des Tresens.“

Hannes folgte Monas Blick auf einen vergrößerten Ausschnitt auf den hinteren Bereich des Lagerraums und schüttelte den Kopf. „Das ist mir nicht aufgefallen.“ Anerkennend sah er Mona an.

„Mir auch nicht“, gab Franziska zu, „deshalb hab ich ja wie verrückt fotografiert. Ich dachte, es wird schon was Brauchbares dabei sein.“

Mona nickte. „Seltsam finde ich auch diese Punkte auf der Wange des Toten. Eine merkwürdige Anordnung von Hautmalen, findet ihr nicht?“

Hannes ging näher an die Wand heran, um die vermeintlichen Hautmale besser betrachten zu können. „Könnte aber auch nur Dreck sein“, sagte er schließlich.

„Und wofür hältst du die Verletzung an der Hand?“, fragte Mona an Hannes gerichtet.

„Tja“, er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wurde er ja gefoltert.“

„Ich weiß nicht.“ Mona schien unschlüssig. „Für mich sieht das mehr nach einer postmortalen Verletzung aus. Wie wenn jemand eine große Gewebeprobe genommen hat.“

„Wofür?“

„Keine Ahnung, das ist euer Job.“

Als das nächste Bild kam, lachte Mona plötzlich herzlich: „Keine Ahnung, was der Künstler uns damit sagen wollte, aber hier hast du eindeutig den Boden fotografiert.“ Mona schüttelte den Kopf. „Eine lose Fliese. Soll wohl abstrakte Kunst sein.“

„Das war, als mich das eindringende Wasser umgerissen hat“, verteidigte sich die Kommissarin und fügte dann mit einem Lächeln hinzu: „Ich hätte aber gerne mal gesehen, wie du unter diesen Bedingungen professionelle Fotos gemacht hättest.“

„Der Mann wurde also vor dem Tresen angegriffen und tödlich verletzt. Danach wurde er nach hinten geschleift und verpackt“, überlegte Hannes laut und beendete damit das Geplänkel. „Dafür muss es einen Grund gegeben haben. Niemand verpackt eine Leiche so aufwendig, wenn er damit nicht ein Ziel verfolgt.“

„Was vor allem für einen Mann als Täter spricht.“ Franziska blickte von einem zum anderen. „Wie groß schätzt du den Toten?“ Sie sah Hannes an.

„Eins achtzig, eins neunzig, keine Ahnung. Aber ich weiß, was du meinst. Er wog mindestens achtzig Kilo, die verpackt man nicht so einfach, und damit eben auch nicht ohne Grund.“

„Ganz genau. Und damit wissen wir, dass es sich wohl um einen männlichen kräftigen Täter handelt. Eventuell sogar um zwei. Und die haben die Leiche verpackt, weil sie sie mitnehmen wollten.“ Franziska zuckte mit den Schultern. „Was nicht ging, weil …“

„Sie von irgendjemand gestört wurden“, schlug Hannes vor. „Weil jemand zum Beispiel vor der Ladentür Sandsäcke aufgeschichtet hat.“

„Wäre logisch. Sie lassen die Leiche zurück und verschwinden durchs Fenster – müssen sie, das war der einzige Weg nach draußen. Und sie hoffen, dass am Ende das Wasser alle Spuren verwischt.“

„Ich werde mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr telefonieren“, kündigte Hannes an, aber Franziska verfolgte bereits einen anderen Gedanken.

„Der oder die Täter geben sich also viel Mühe, die Leiche zu verpacken. Und dann steigen sie aus dem kleinen Fenster und lassen es einladend offenstehen, damit die Feuerwehr unweigerlich darauf aufmerksam werden muss. Blöd, oder?“

„Ja, stimmt“, bemerkte Hannes. „Die beiden Feuerwehrmänner gaben an, sie seien nur hingegangen, weil das Fenster offenstand. Schneidlinger hat sie danach gefragt.“

Die Kommissarin nickte nachdenklich.

„Wirklich seltsam. Genauso wie die Sache mit der Gewebeprobe an der Hand.“

„Ja, denn wofür braucht man die Gewebeprobe einer Leiche?“, mischte sich Mona in die Spekulationen ein.

„Um zu beweisen, dass man den Richtigen getötet hat“, überlegte Hannes.

„Ein Auftragsmord? Aber hätte der Täter dann nicht zum Beispiel einen Finger abgeschnitten? Oder ein Ohr? Ich meine, so eine Gewebeprobe bringt doch nichts.“ Franziska hielt sich mit beiden Händen den Kopf, der ihr immer noch ein bisschen wehtat, seit der Deckenbalken auf sie gefallen war. Zu allem Überfluss wurde ihr von dem ganzen Stochern im Nebel auch noch schwindelig. „Also wissen wir jetzt, dass wir nichts wissen, außer dass es ein Mann war.“

„Sag das nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass es auch mehrere gewesen sein könnten, dann kämen doch auch vier Frauen infrage“, gab Hannes zu bedenken.

„Du meinst, weil die Täter zu blöd waren, das Fenster zu schließen, müssen es Frauen gewesen sein?“, spottete Mona. „Wie nett.“


Josch saß auf einer alten umgedrehten Holzkiste, die Beine fest in den Boden gestemmt, den trainierten Oberkörper nach vorn gebeugt. Er war mit einer Markenjeans und einem T-Shirt bekleidet, wie man sie im Westen kaufen konnte. An den Füßen trug er Turnschuhe, die nicht sauber, aber teuer waren. Zu Beginn eines jeden Tages lief er mehrere Runden und machte anschließend einige Klimmzüge in der kühlen Morgenluft. Es war ein gutes Gefühl. Sein Körper war stark, und er fühlte sich, als könnte er alles schaffen.

An diesem Morgen hatte er sich richtig ausgeschlafen und war nach seinem Fitnessprogramm erst einmal zum Imbiss gefahren, um sich ein anständiges Frühstück zu gönnen. Jetzt hielt er den ersten Burger in den Händen und stopfte ihn in sich hinein. Er schmeckte nichts. Erst als er den zweiten aus der Schachtel nahm, reagierten seine Geschmacksknospen und signalisierten, dass das Essen gut war. Echtes Rindfleisch, saftig und zart. Auch wenn er sich diese Köstlichkeit inzwischen öfter leisten konnte, war es jedes Mal etwas ganz Besonderes. Es war wie ein Ritual. Das Verschlingen der Burger war für ihn das Zeichen dafür, dass er es geschafft hatte.

Allerdings machte sich Josch über solche Dinge nie Gedanken. Seine Welt war einfach. Wenn er beim Essen war, dann wollte er seine Ruhe haben und nicht ständig denken müssen. Das musste dann warten. Es sei denn, er hatte einen Auftrag. Der ging zu jeder Zeit vor. Überhaupt war der Job für ihn das Wichtigste, denn nur durch ihn hatte er eine Chance, irgendwann einmal aus diesem Loch herauszukommen. Er grinste zufrieden, denn er wusste, dass er in dem, was er tat, gut war, sonst würde er ja gar keine Aufträge bekommen.

Als auch der zweite Burger verspeist war, leckte er sich der Reihe nach den Fleischsaft von den Fingern. Dann erst stand er auf, warf die Burgerschachtel in eine Ecke der Halle, die ihm als Unterschlupf diente, und lief ein paar Schritte, um sein Lager zu inspizieren. Bis zum Abend wollte er aufräumen und sauber machen − Aufgaben, die zu seinem Job gehörten, auch wenn sie ihn langweilten. In der vergangenen Woche war er viel unterwegs gewesen, um neue Ware zu ordern. Er war jetzt Einkäufer. Beim Gedanken daran, wie wichtig er dadurch geworden war, huschte ein entwaffnendes Lächeln über sein gebräuntes Gesicht. Es war sein Markenzeichen, etwas, das ihm Türen öffnete und half, wenn er unterwegs war.

Am Anfang hatte er sich und seine Fähigkeiten noch nicht richtig einschätzen können, und da war ihm auch mal ein Geschäft durch die Lappen gegangen, aber jetzt – er lachte selbstgefällig – war er richtig gut geworden. Heute konnte er problemlos gute und sehr gute Ware voneinander unterscheiden. Und schlechte Ware kam ihm schon gar nicht mehr ins Lager. Schlechte Ware bedeutete nur Ärger, und wer ständig Ärger hatte, gehörte zu den Verlierern. Das hatte er früh lernen müssen.

Über sein Leben hatte er sich noch nie beschwert, brachte ja doch nichts. Man kriegt, was man verdient, hatten sie ihm früher immer gesagt, und er hatte als Konsequenz daraus gezogen, dass man sich dann einfach nehmen musste, was man haben wollte.


Franziska fuhr die Spitalhofstraße entlang und reihte sich schließlich auf der Linksabbiegerspur vor der roten Ampel ein. Straßen, Häuser und Menschen, die hastig bis zum nächsten schützenden Dach eilten, waren tropfnass. Der Regen fiel ununterbrochen vom Himmel herab, Fußgänger wie Autofahrer schauten missmutig drein. Dieses Wetter machte niemandem Freude.

Als die Ampel auf Grün sprang, folgte die Kommissarin dem Berufsverkehr die Danziger Straße hinauf. Die Häuser, die hier standen, waren in den Siebzigerjahren aus viel Beton und dunklem Holz gebaut worden. Doch was damals schick gewesen war, sah heute, vor allem bei Regen, eher trostlos aus.

Da Franziska und Hannes immer noch darauf warteten, dass sich Rechtsanwalt Viktor Mooslechner, der Verwalter der Erbengemeinschaft, bei ihnen melden würde, waren sie im Internet selbst auf über das Haus der Familie Beinhuber gegangen.

Sie hatten herausgefunden, dass es vier Beinhuber-Brüder gab, von denen drei allem Anschein nach gut situiert waren. Bernhard Beinhuber war Internist am Klinikum, Josef Oberstudienrat am Adalbert-Stifter-Gymnasium und Franz Maschinenbauingenieur in der Zahnradfabrik. Diese drei, so hatte die Kollegin Hoffmann Hannes erzählt, wollten Haus und Laden verkaufen, das Geld aufteilen und ihre Ruhe haben. Anders sah es bei Christian, dem jüngsten Beinhuber aus, der, laut der Erzählung der Kollegin, noch zu Hause wohnte, irgendetwas Alternatives machte und das Haus nicht veräußern wollte. Aus diesem Grund hatten ihn die Kommissare für eine erste Befragung ausgewählt, wenn sie den Rechtsanwalt schon nicht erreichen konnten. Sie rechneten damit, dass der, der das Haus behalten mochte, auch am ehesten wusste, was dort vor sich ging.

Die Wohnungstür öffnete ihnen eine blond gesträhnte Frau in kariertem Wollrock und unifarbenem Rollkragenpullover. An den Füßen trug sie Ballerinas, die ihrer zierlichen Statur etwas Mädchenhaftes verliehen. Den Recherchen nach musste Martha Beinhuber Ende sechzig sein, doch so wie sie jetzt vor ihnen stand, erschien sie viel jünger. Während Hannes die Vorstellung übernahm, musterte Franziska Mutter Beinhuber interessiert.

„Der Christian ist nicht zu Hause“, erklärte sie freundlich und bat die beiden Kommissare, ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Nachdem alle Platz genommen hatten, veränderte sich auf einmal der Gesichtsausdruck der alten Dame, und wie von einer düsteren Ahnung überkommen, fragte sie: „Ist dem Bub was passiert?“

„Nein, nein, wir möchten mit ihm nur einen Sachverhalt abklären“, beeilte sich Franziska zu versichern.

Sie saßen am oberen Ende des großen Esstisches. Gleich daneben führte eine Tür auf die Dachterrasse, die jedoch, still und grau und ohne Blumenschmuck, wenig Beachtung fand.

„Ach so.“ Die Mutter schien beruhigt.

„Sagen Sie, können wir Ihren Sohn irgendwie erreichen?“, wollte Hannes wissen.

„Ja, also, ich weiß auch nicht. Er ist ja bei diesem Seminar, aber anrufen kann man ihn dort nicht, hat er gesagt.“

„Wo findet das Seminar denn statt?“ Hannes blickte Mutter Beinhuber freundlich interessiert an.

„Also, das hat er nicht gesagt, nur dass er Ende der Woche wiederkommt.“ Franziska gab sich zufrieden. „Sagen Sie, Frau Beinhuber, was macht der Christian eigentlich beruflich?“

„Ja, also, der Christian, der hat eine Gabe. Er kann Menschen heilen, indem er ihnen die Hand auflegt.“ Frau Beinhubers Gesicht erstrahlte, als sie das sagte.

„Ein Geistheiler?“, hakte Hannes nach.

„Ja, ein Geistheiler!“, rief sie lebhaft aus.

„Äh“, Franziska stutzte.

„Was bitte ist ein Geistheiler?“

„Geistheiler nennt man diejenigen, die mithilfe esoterischer, religiöser oder magischer Behandlungsmethoden heilen“, erklärte Hannes beflissen.

Also Spinner, dachte Franziska, hielt aber den Mund und nickte stattdessen verständnisvoll.

„Wissen Sie, als der Christian klein war, da hatte er schon diese besonderen Hände“, fuhr Mutter Beinhuber aufgeregt fort. „Ich sagte dann immer zu ihm: „Christian, gib mir deine Hand, das tut mir so gut!“

„Und davon kann man leben?“ Franziska war skeptisch.

„Ja. Naja, er lebt ja noch bei mir, aber er hat Pläne, und er sagt oft: „Wenn das klappt, dann werde ich reich.“

Nachdenklich nickte Franziska vor sich hin. Was ihr nicht klar werden wollte, war, wie ein Mann mit heilenden Händen in dem alten Haus an der Donau Geld verdienen wollte. Aber vielleicht hatte er ja auch ganz andere Pläne, und an dem Gerücht von den vier zerstrittenen Brüdern, das Hannes aufgetischt bekommen hatte, war gar nichts dran.

„Das Haus gehörte der Schwester Ihres Mannes, Ihrer Schwägerin Emmi, die vor drei Jahren gestorben ist?“, fragte Hannes gerade in ihre Überlegung hinein.

„Ja, das stimmt. Es kam fast ein bisschen plötzlich für uns. Wobei sie wohl schon länger Bescheid wusste, uns aber nichts gesagt hat. Sie wollte uns nicht beunruhigen. Sie dachte bis zuletzt, dass sie wieder gesund wird. Christian hat sie damals sehr oft besucht, aber er konnte ihr leider auch nicht helfen.“

„Trotz Christians Besuchen und seinem offensichtlichen Interesse an der Immobilie hat sie es aber an alle Neffen vererbt“, stellte Hannes klar.

Ein Schatten legte sich auf das Gesicht der Mutter, und zum ersten Mal konnte man ihr wahres Alter erahnen. „Ach, dieses leidige Thema. Ich kann es schon nicht mehr hören. Glauben Sie mir, ich mochte meine Schwägerin sehr, aber ihre Hoffnung, dass sie durch diese Entscheidung die Brüder enger zusammenschweißen könnte, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Wenn es nach mir ginge, würde Christian das Haus bekommen, und es wäre wieder Ruhe in der Familie. Aber nach dem Tod meines Mannes gehörte das Haus Emmi, und sie konnte damit machen, was sie wollte. Vielleicht hat sie es ja sogar gut gemeint. Aber wie sagt man so schön: Gut gemeint, ist nicht gut gemacht!“

„Die drei anderen sind dagegen, dass Christian das Haus übernimmt?“, ließ sich Hannes die Erzählung der Kollegin Hoffmann bestätigen.

„Ja, das stimmt. Das heißt, sie würden ihm ihre Anteile verkaufen, aber der Christian hat ja kein Geld.“

„Und warum will der Christian unbedingt dieses Haus haben? Hat das etwas mit seiner Geschäftsidee zu tun?“

Mit jedem weiteren Vordringen in die Familie fürchtete die Kommissarin, Frau Beinhuber werde sie jetzt gleich fragen, warum sie das alles wissen wolle.

„Na ja.“ Mutter Beinhuber lächelte, und Franziska meinte, einen Hauch von Stolz in den Augen aufglimmen zu sehen. „In dem alten Haus gibt es eine Stelle mit besonders positiver Energie. Genau dort will er seinen Behandlungsplatz einrichten. Zusammen mit seiner Gabe wäre das für seine Klienten wie ein Jungbrunnen.“

„Positive Energie auf einer Stelle gebündelt?“, fragte Franziska ungläubig nach.

„Ja. Glauben Sie mir, die Kraft ist so stark, dass sich sogar eine Bodenfliese gelöst hat. Direkt vor dem alten Verkaufstresen.“

Vor dem Tresen … Franziska überlegte. Sie hatte die lockere Fliese gesehen, bevor das Wasser kam und sie von den Füßen riss. Sie hatte sie aus Versehen sogar fotografiert, als sie umgefallen war. Mona hatte sie noch damit aufgezogen. Vielleicht …

Mama Beinhuber riss sie energisch aus ihren Spekulationen. „Jetzt sagen Sie schon, was mit dem Christian passiert ist.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ihm etwas passiert sein könnte?“, wich Franziska aus.

„Weil ich mir sicher bin, dass Sie nicht ohne Grund nach all dem fragen.“

Franziska fühlte sich ertappt. Sie hatte tatsächlich gehofft, mit ihrer Geschichte durchzukommen. „Solange wir Ihren Sohn nicht gesprochen haben, darf ich Ihnen leider keine Auskunft über unsere Ermittlungen geben“, erklärte sie und hoffte, dass diese Auskunft Frau Beinhuber beruhigen würde.


„Hast du das gehört?“, erklärte Franziska feierlich, nachdem sie wieder im Auto saßen. „Ich stand auf einem Punkt mit besonderer positiver Energie, als ich umgerissen wurde.“

„Was beweisen würde?“, erkundigte sich Hannes skeptisch.

„Dass ich außerordentliches Glück hatte, nicht auf einem Punkt mit negativer Energie gelandet zu sein“, feixte Franziska mit einem schiefen Lächeln und griff nach ihrem Handy.

Irgendwann am gestrigen Abend, nachdem Hannes gegangen war und der Rotwein sie endlich an etwas anderes als ihr Beinahe-Ertrinken denken ließ, hatte sie Walter eine SMS geschickt, in der sie ihm, wohl etwas umständlich, von ihrem schlimmen Erlebnis erzählt hatte. Keine zwei Minuten später hatte das Handy geklingelt. Besorgt hatte Walter gefragt, wie so etwas denn passieren könne und ob es ihr auch wirklich gut gehe. Am liebsten wäre sie in ihr Handy hineingekrochen, so gut tat ihr seine Stimme und seine Besorgnis, die nur noch von der Ankündigung „Ich komme sofort zu dir“ hätte getoppt werden können. Was natürlich nicht ging, wie er ihr versicherte, und auch, dass er voller Sehnsucht darauf warte, dass sie den Fall abschloss, um endlich zu ihm nach Palermo zu kommen. „Ich vermisse dich sooo!“, hatte er ihr gestanden.

Selbst jetzt, allein bei der Erinnerung daran, wurde ihr ganz warm ums Herz, und ihr Körper begann vor Sehnsucht zu kribbeln. So einen Satz hatte sie von Walter noch nie gehört. Wehmütig schloss Franziska die Augen, doch kaum begann sie vor sich hin zu träumen, da holte Hannes sie auch schon wieder ins unfreundliche Passauer Regenwetter zurück.

„Ich frage mich, wie oft die drei Brüder überhaupt in dem Haus waren, und ob sie wussten, in welchem Zustand es war.“ Hannes sah sie so eindringlich an, als könnte er ihre Gedanken lesen, blieb aber bei der Sache. „Ich hab mich übrigens bei der Feuerwehr erkundigt, wer die Hochwasservorkehrungen bei der Beinhuber-Immobilie getroffen hat“, erklärte er. „Die Sandsäcke hat auf jeden Fall die Feuerwehr vor die Tür geschichtet. Das machen die, sobald die Warnung des Wasserwirtschaftsamts kommt. In der Regel helfen die Anwohner natürlich mit, ist ja in ihrem Interesse, dass ihre Häuser möglichst gut geschützt werden. Von den Beinhubers war allerdings keine Rede.“

Franziska nickte nachdenklich, warf einen letzten Blick auf ihr Handy und schob es in ihre Tasche zurück.

„Also, wenn ich dieser Christian wäre und dafür gekämpft hätte, dass ich das Haus bekomme, dann hätte ich auch dafür gesorgt, dass es gut geschützt wird“, überlegte Hannes weiter.

„Kann doch sein, dass das einfach so ein Spinner ist und seiner Mutter mit seinen Plänen nur was vorgemacht hat“, stieg Franziska in die Überlegung ein. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie es bei einem Geistheiler zugeht?“

„Du meinst wohl, ich probier alles aus, was?“, lachte Hannes.

Franziska grinste frech. „Würde ich dir zutrauen.“

„Nein, leider, aber wenn du wissen willst, wie das so ist: Ich habe einen Freund, der schon mal bei einem Geistheiler war.“ Hannes warf einen Blick auf die Uhr. „Wir könnten vorbeifahren und ihn fragen.“

Franziska sah ihn an. „Hat er dir denn nichts von dem Erlebnis erzählt?“

„Nur, dass es auf einmal ganz hell wurde, als der Typ ihm die Hände aufgelegt hat, und dass es ein unbeschreibliches Gefühl gewesen ist.“

„Weißt du was? Die Märchenstunde heben wir uns noch ein bisschen auf.“ Franziska wollte lieber wieder mit Walter telefonieren. „Ich glaube, ich bin doch noch nicht so ganz auf dem Damm und würde jetzt lieber langsam Feierabend machen. Und Hunger hab ich auch.“

Die Kommissarin startete den Motor, parkte aus und reihte sich in den Feierabendverkehr ein.

„Ich glaube, ich hab nicht mal mehr eine Scheibe Brot zu Hause“, sagte Hannes mit starrem Blick durch die Heckscheibe, während der Regen auf Dach und Scheiben trommelte.

Franziska schluckte und sagte nichts. Ihr war bewusst, dass Hannes sie indirekt fragte, ob sie sich gemeinsam etwas kochen wollten. Womöglich in Franziskas Küche. Womöglich bei einigen Gläsern Rotwein. Aber das konnte und wollte sie nicht. Gestern das war eine Ausnahme gewesen, da war es gut, dass Hannes da gewesen war und sie ablenkte, Heute würde sie sich auf die Felle legen, die Augen schließen und Walters Stimme lauschen und sich dabei vorstellen, er wäre bei ihr oder käme zumindest gleich herein.

Sie mochte Hannes, und gerade aus diesem Grund wollte sie nicht, dass ihr Verhältnis jemals ein anderes als ein kollegiales war. Da war es besser, einen großen Bogen um Rotwein und Kaminfeuer zu machen. Deswegen schlug sie vor: „Was ist denn mit der Kollegin Hoffmann, willst du nicht mit der den Kochlöffel schwingen?“

Kopfschüttelnd betrachtete Hannes die Kollegin. „Ach Franzi, manchmal bist du wirklich unmöglich!“


Zwei Stunden später lag Franziska, von duftendem Schaum umgeben, wieder einmal in ihrer Wanne und dachte über das Leben und seine seltsamen Fügungen nach. Einem Mann wird genau zu der Zeit, wo die Passauer Altstadt vom Hochwasser überschwemmt wird, in einem leer stehenden Haus an der Ortsspitze der Hals aufgeschnitten. War die Flut nur ein Zufall, oder gehörte sie zum Plan des Täters? Hatte er tatsächlich die Prognosen des Wasserwirtschaftsamtes richtig gedeutet und sich zu eigen gemacht? Und welchen Nutzen hatte das Wasser für ihn überhaupt? Bedeutete es einen Zeitgewinn? Aber wofür brauchte er dann eine Gewebeprobe vom Toten? Vor allem, warum nur Haut- und Fleischstücke, warum nicht gleich einen Finger? Franziska schloss die Augen, weil ihr schon wieder schwindlig wurde. Trotzdem kamen ihre Gedanken nicht zur Ruhe.

Wie passte diese ganze Konstellation zu den vier Beinhuber-Brüdern, von denen einer unbedingt Haus und Laden erben wollte, während die anderen das Ganze nur als schöne Möglichkeit sahen, an Geld zu kommen? Hatte die alte Tante den Wunsch des jüngsten Neffen wirklich ignoriert und stattdessen versucht, mit ihrem Letzten Willen die Brüder zusammenzuschweißen? Glaubte sie, dass das gelingen konnte? Oder war das Ergebnis der verunglückten Familienzusammenführung eben jener unbekannte Tote? Hatte Christian Beinhuber, der angeblich bei einem Seminar war und dort nicht erreicht werden konnte, etwas damit zu tun? Oder war das alles doch nur ein Zufall, und es nutzte ein Fremder die Gelegenheit, das verlassene Haus als Tatort und später als praktische Entsorgungsstätte für den Toten zu verwenden? Aber wie waren Täter und Opfer überhaupt zusammengekommen? Hatte der Täter sein Opfer in den Laden bestellt? Oder war der, der das Treffen vorgeschlagen hatte, am Ende das Opfer, das nicht mit einem Übergriff des Täters gerechnet hatte? Und war das planmäßig passiert oder eine Affekthandlung? Etwa, weil das Opfer den Täter provoziert hatte?

Nachdem sie Hannes unterwegs abgesetzt hatte, war sie nach Hause gefahren und hatte sich an den Laptop gesetzt, um mehr über die Gabe eines Geistheilers zu recherchieren. Tatsächlich gab es Geistheilerseminare in nahezu allen Großstädten, und jeder schwor darauf, dass man die Fähigkeit des Handauflegens jederzeit erlernen könne. Als letztes Insignie der Geistheiler macht öffnete der Seminarleiter, so wurde es beschrieben, bei der ersten Geistheiler-Klient- Berührung die mentale Schleuse und machte somit jede Heilung möglich.

Kichernd richtete sich Franziska im Wasser auf und nahm das Rotweinglas von dem Hocker daneben. Als ihr der Wein fruchtigherb durch die Kehle rann, breitete sich ein wehmütiges Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Wenn nicht all diese Fragen im Raum stehen würden, wäre sie vielleicht schon auf dem Weg nach Sizilien und würde schon morgen in Walters Armen erwachen. Bestimmt würde es ihr auf dieser von der Sonne verwöhnten Insel schnell besser gehen.

Nachdenklich streckte sie ein Bein in die Höhe und wackelte mit den pink lackierten Zehen. Dabei fühlte sie sich wie ein verliebtes Schulmädchen. Vor allem, wenn sie da weitermachen würden, wo sie vor seiner Abreise aufgehört hatten.

Seufzend ließ sie das Bein ins Wasser zurückgleiten und reckte das andere in die Höhe. In Palermo musste es jetzt schön sein, und bestimmt konnte man ganz in der Nähe im Meer baden und dann …

Bevor sie sich von wilden Sexfantasien davontragen ließ, nahm sie das Glas am Stiel und schwenkte den Wein vorsichtig im Kreis. Es war ein sattes volles Rot, und mit jedem Schluck, den sie davon trank, wurden ihre Kopfschmerzen besänftigt und ihre Gedanken mutiger - fordernder.

Walter war von Anfang an anders gewesen als die Männer, die sie vor ihm gekannt hatte. Allerdings hatte sie sich ihm auch noch nie so nahe gefühlt wie nach der Nacht, in der sie in ihrem um dekorierten Wohnzimmer Was-auch-immer aus einem Kelch getrunken hatten. Vor allem, weil auch Walter seither wie verändert war.

Gut, dass er heute nicht erreichbar gewesen war, hatte sie schon geärgert. Aber gerade, als sie anfing, sich wirklich darüber aufzuregen, hatte sie eine supersüße SMS von ihm bekommen, die all ihre Wut schlagartig verpuffen ließ. Schon immer hatte er sie mit den wunderbarsten Nachrichten beglückt, aber noch nie hatte er sich so verliebt angehört wie heute:

Hallo Frau Kommissarin,

komm, so schnell du kannst.

Ich vermisse dich wie

verrückt und würde zu

gerne noch ein bisschen

von dir und vom Kelch

der liebe trinken.

Heiße Küsse und zärtliche

Umarmungen dein Walter

Ein Kribbeln, das ihren ganzen Körper aufwühlte und sich dann als pulsierende Wärme in ihrem Schoß niederließ, war die Antwort auf seine Zeilen. Ach, es ist so schade, dass er ausgerechnet jetzt weggefahren ist, dachte sie und zog einen Schmollmund.

Und während sie darüber nachdachte, was sie in dieser Wanne alles mit Walter anstellen könnte, wenn er jetzt hier bei ihr wäre, sie sich nackt an seinen Körper schmiegen, seine Lust erkunden und ihre eigene damit steigern würde, wurde sie auf einmal richtig sauer. Denn sie könnte ja bei ihm sein und ihr Glück auskosten, wenn nicht ausgerechnet jetzt dieser dämliche Mord dazwischen gekommen wäre.

Beim nächsten Schluck Rotwein war ihr alles klar. Der Täter betrog sie um Stunden voller Lust und Liebe. Um zarte Berührungen und Küsse, die in ihren Schoß kribbelten und sie dazu animierten, alles zu tun, was Walter ihr vorschlug. Einfach so, weil es in diesem Moment das Schönste war, was sie sich vorstellen konnte. Aber das würde er büßen müssen. Selbst wenn der Gedanke vielleicht etwas weit hergeholt war, nahm es Franziska dem Täter durchaus übel, dass er sie wegen einer im braunen Wasser treibenden Leiche in einem verlassenen Haus um diesen wundervollen Liebesurlaub mit Walter gebracht hatte. Als kleiner Nebeneffekt war ihre Wut sehr gut dazu geeignet, um sie zu Höchstleistungen anzuspornen. Noch hatten sie dem Täter keinen Fehler in seinem Vorgehen nachweisen können, einen hatte er aber auf jeden Fall bereits gemacht: Er hatte sich mir ihr ganz persönlich angelegt. Und das war sein größter Fehler, wie sie nach dem nächsten Schluck Rotwein grimmig befand.


Fröstelnd legte sich Natalia ein warmes Tuch um die Schultern, nahm den Schlüssel vom Haken und verließ leise die Wohnung. Im Treppenhaus blieb sie einen Moment stehen und lauschte, doch alles war ganz ruhig.

Trotzdem setzte sie die Schritte mit Bedacht, als sie die Holztreppe hinunterging, zwei Stockwerke, bis sie die Tür zum Keller erreicht hatte. Es war eine schlichte Tür, und von außen konnte niemand ahnen, was sich seit Jahrhunderten dahinter verbarg. Als sie die Tür durchschritten und wieder hinter sich geschlossen hatte, stand sie in einem schmalen Gang, der im Dunkeln lag. Damit war die schwierigste Etappe ihres Weges geschafft.

Wie gewöhnlich fanden ihre Finger den Kippschalter. Nach wenigen Momenten wurde der Raum in ein dämmriges Licht getaucht und ihr Blick auf die wunderschöne zweiflügelige Eichenholztür gelenkt. Ehrfürchtig ging Natalia auf sie zu, öffnete einen Flügel und schlüpfte hinein.

Als sie diesen Raum zum ersten Mal betreten hatte, war er für sie, wie für alle anderen im Haus, nur ein Keller gewesen. Sie hatte ihren Koffer in die eine Ecke gestellt, und mit ihm all das, was sie nicht für jeden sichtbar in ihrem Zimmer aufbewahren wollte.

Nach und nach war sie immer öfter heruntergekommen, denn sie hatte gespürt, dass dieser Raum förmlich nach ihr rief. Im Laufe der Wochen hatte sie damit begonnen, ihn aufzuräumen und sauber zu machen, wobei sie irgendwann endlich auf sein Geheimnis gestoßen war. Sie befand sich nicht nur in einem Keller, sondern in einer verlassenen Kirche, und als sie dann auch noch ein Bildnis der Jungfrau Maria gefunden hatte, war sie sich sicher, dass es ein Gotteshaus zu ihren Ehren sein musste. Eine Kirche der Heiligen Jungfrau Maria. Unter der Erde.

Auch jetzt holte Natalia das kleine Bild hervor, lehnte es in einen Mauervorsprung, zündete die beiden links und rechts davon stehenden dicken Kerzen an und sank auf die Knie. „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnaden“, flüsterte sie dem Bild zu und wartete darauf, dass die Jungfrau sie anlächeln würde.

Die Gottesmutter ließ sich Zeit, erst nach der fünften Ansprache erhellte ihr sanftes Lächeln den ganzen Raum. Sofort beruhigte sich Natalia. Dann faltete sie die Hände und begann zu beten: „Der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“

Schon als Kind hatte Natalia viel gebetet, mit der Großmutter, der Mutter und den Schwestern, und immer war es die Jungfrau Maria, die sie um Schutz und Hilfe anflehten. In der Heimat waren sie als Christen eine Minderheit, toleriert, aber nie wirklich dazugehörig. Jetzt war sie hier und zählte doch schon wieder zu denen, die nicht dazugehörten. Zu denen, die keine Rechte hatten.

„Du kannst mir ja helfen, o Mächtigste. Du willst mir ja helfen, o Gütigste. Du musst mir nun helfen, o Treueste. Du wirst mir auch helfen, Barmherzigste.“

Immer sehnsüchtiger wurde Natalia in ihrem Flehen, immer inniger wurden ihr Wunsch, ihre Hoffnung, ihre Sehnsucht nach Erlösung.

„Mutter, auf dich hoff und baue ich, Mutter, zu dir ruf und seufze ich, Mutter, du Gütigste, steh mir bei, Mutter, du Mächtigste, Schutz mir leih!“

Kaum jemand wusste, wie es in ihrem Innersten aussah, ahnte, wie verzweifelt der Schmerz in ihr brannte, und niemand konnte ihr helfen. Nur die Heilige Maria, denn sie wusste: „Maria hilft immer in jeglicher Not!“

Tief versunken in das Gebet zur Gottesmutter flog die Zeit dahin. Mahnte nicht und zählte nicht. Ließ die beiden sich berühren und entfernen und gönnte es ihnen, sich dabei immer näher zu kommen. Bis die Jungfrau selbst aus dem Bildnis trat und Natalia die Hand auf den Kopf legte, um sie zu trösten und zu segnen. Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir, und wo ich bin, da ist kein Platz für Furcht, versprach sie mit fester Stimme und zog Natalia in eine innige Umarmung.

Natalia begann zu weinen, doch unter Tränen flehte sie weiter: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!“

Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschah nach seinem Wort, und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, sprach Maria, und Natalia antwortete: „Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes erkannt. Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen, darum bitten wir dich, durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

Nur ganz langsam, aber mit sanfter Beharrlichkeit, nahm die Angst, die Natalia schon so lange zum ständigen Begleiter geworden war und in den vergangenen Tagen noch zugenommen hatte, wieder ab. An ihre Stelle legte sich ein Vertrauen in das Wort der mächtigsten Frau, der größten Fürbitterin, der Zierde des Himmels.

Erst als draußen der Regen innehielt, um dem seltenen Besuch der Junisonne einen Auftritt am Himmel zu gönnen, verließ Natalia, ruhig und gefasst, die kleine versteckte Kirche unter der Erde. Das Bild der Heiligen Jungfrau Maria ließ sie stehen, der Rahmen war ohnehin leer und verlassen. Denn die Gottesmutter stieg neben ihr die Stufen hinauf, um sie zu begleiten. Es war kein leichter Weg, aber Natalia musste tun, was ihr vorbestimmt war.


Inzwischen stand das ganze Örtl unter Wasser. Der Inn traf die Donau jetzt auf dem Platzl, im Hirschwirtsgaßl und im Klosterwinkel. Selbst bei den Nonnen in Niedernburg war Land unter, und als Dank dafür, dass er dabei geholfen hatte, die Heizung auszubauen und in Sicherheit zu bringen, hatten sie ihn zum Essen eingeladen und ein Nachtlager für ihn errichtet. Das Essen bei den Nonnen war wirklich gut. Nur Zigaretten hatten sie eben keine. Dafür meinten sie, er solle ein Bad nehmen und mal seine Sachen wechseln. So ein Quatsch. Er war doch eh gleich wieder draußen. Aber dann hatte die Oberin sich vor ihn gestellt, die Arme in die Hüften gestemmt und gesagt: „Jetzt wird gebadet!“ Fehlte nur noch ein ‚Basta!‘. Doch darauf hatte er nicht gewartet. Bevor sie seiner habhaft werden konnte, war er entschlüpft und zu seiner Zille gelaufen.

Was dachten sich diese frommen Weiber eigentlich? Glaubten sie, er habe nichts Besseres zu tun, als ein heißes Bad zu nehmen? Ein richtiger Mann war bei einer solchen Katastrophe im Einsatz. Feuerwehr, THW, Wasserwacht und die Krankenhilfsdienste brauchten jeden Mann, jedes Boot, jede zupackende Hand. Alte und Kranke mussten versorgt, Einkäufe ausgeliefert, Menschen zur Arbeit und abends wieder nach Hause gebracht werden. Hochwasser war keine Idylle. Hochwasser war ein einziger Kampf gegen die Naturgewalten.

Das Wasser habe schon fast elf Meter erreicht, hatte es heute Morgen geheißen und es stieg unaufhaltsam weiter. Wer, außer ihm, sollte da auf den Toten aufpassen?

Als er das Platzl vor dem Waisenhaus erreichte, stattete er der Statue des heiligen Johannes von Nepomuk einen Besuch ab, um zu sehen, ob der Brückenheilige vielleicht schon zu trinken begann. Das war auch so eine Geschichte, die ihm seine Mutter oft erzählt hatte. Als er dann aber vor dem Heiligen Haltmachte, war er froh darüber, dass das Wasser noch nicht einmal bis zu dessen Bauch reichte. Nicht auszudenken, wie es im Örtl aussehen würde, wenn das Wasser noch höher stieg.

Derart beruhigt lenkte er seine Zille um die inzwischen vom Wasser verschlungenen Holzstege herum und ruderte dann bis zu dem zugenagelten Fenster von der Beinhuber Emmi ihrem Lager. Das Wasser stand jetzt knapp unter dem Fensterbrett. Jetzt wäre es ein Leichtes, es aufzudrücken und hineinzuschlüpfen. Nur, mit der Zille konnte er nicht hinein, dafür war das Fenster zu schmal und drinnen war alles zu eng, und schwimmen wollte er nun wirklich nicht. Das Wasser hatte gerade mal sechs Grad. Zumindest hatten das die Gaffer und Hochwassertouristen erzählt, die nur noch aus sicherer Entfernung auf die ihnen entgegenkommenden Bäche, die in die Gassen der Altstadt drangen, glotzten.

Vorsichtig blickte er sich nach allen Seiten um. Doch so wie es aussah, war er gerade ganz allein mit seiner Zille. Dabei hieß es doch immer, der Täter komme an den Ort des Verbrechens zurück. Nur, was sollte er hier machen? Rausholen konnte der den ja genauso wenig wie die von der Polizei. Interessant wäre ja nur zu wissen, warum der Täter den erst eingepackt und dann doch nicht mitgenommen hatte.

Er drückte sich von der Wand ab und ruderte langsam bis zum Hauseck, von wo aus er in Richtung Ortsspitze blickte. Es sah aus, als ständen die Häuser direkt im Fluss. Nur der Landungssteg schwamm noch im Wasser, wie von Geisterhand an seinem Platz festgehalten. Die Ladentür und die Schaufenster mit dem eingedrückten Glas lagen jetzt ebenfalls unter der Wasserlinie, und irgendwo dahinter schwamm der Tote in seiner Mülltüte herum. Bei diesem Gedanken begann er sich dann doch zu gruseln. Für nichts und niemand würde er da noch einmal reingehen. Nicht mal für eine ganze Stange Zigaretten.


An manchen Tagen saß Oberstleutnant Strebmann in seiner Wohnung und dachte zurück an seine erste Liebe. Er hatte sie bei einem dieser Volksfeste, die es in jeder Stadt gab, kennengelernt und ihr mit seinen Schießkünsten zu imponieren versucht. Er war damals Anfang zwanzig gewesen und sie so schüchtern, wie ein Mädchen nur sein konnte. In den folgenden Wochen hatte er ihr ganz altmodisch den Hof gemacht, sich in ihrer Nähe schwindelig vor Glück und Leidenschaft gefühlt, auch wenn es nie zum Äußersten gekommen war. Allein in seinem Zimmer hatte er sich vorgestellt, sie zu küssen und zu umarmen und irgendwann auch mit ihr zu schlafen, und hatte sich doch stets damit begnügt, froh darüber zu sein, dass er sie überhaupt kennen durfte. Zusammen kam er mit Röschen, wie er sie im Stillen nannte, auch, weil er nicht wusste, wie sie wirklich hieß, nie, und Jahre später heiratete er dann eine andere Frau. Eine, die das Herz im Himmel und den Kopf auf der Erde hatte. Louise.

Die Hochzeitsfeier war schlicht, und die Flitterwochen entfielen, weil er am nächsten Tag zum Einsatz musste. In ihrer jungen Ehe schrieb sie ihm zahllose Briefe, die ewig unterwegs waren, und versuchte die Angst vor dem Tag, an dem er vielleicht nicht zurückkam, aus dem Alltag zu verbannen. Wenn er gerade nicht im Ausland war, wechselten sie alle naslang den Wohnort, die Freunde, die Bekannten und die Bäckerin an der Ecke.

Irgendwann wurden die Briefe seltener, und als Louise das Schreiben ganz einstellte, wunderte er sich zwar, dachte aber auch, dass das eben der Lauf der Dinge sei, und zerbrach sich nicht weiter den Kopf.

Als er eines Tages die Wohnung betrat, war Louise ausgezogen. Sie habe jetzt einen anderen Mann, schrieb sie ihm in ihrem kurzen Abschiedsbrief, und bat ihn, sie zu vergessen. Sie könne das alles einfach nicht mehr ertragen. Sie wolle nicht mehr jeden Tag Angst um ihn haben.

Erst hatte er geweint, zum ersten Mal in seinem Leben. Dann hatte er versucht sie zurückzugewinnen, indem er ihr sagte, was für ein Waschlappen der Neue doch sei und warum sie ausgerechnet mit so jemandem leben wollte. Aber dann war ihm klar geworden, dass sie sich genau nach so einem Mann gesehnt hatte. Sie wollte nicht mehr im Schatten eines Helden stehen, sie wollte einen Mann, der auch mal verlieren konnte, einen, neben dem sie selbst groß war. Und ihm, dem Helden, dem Draufgänger, dem Mann, der alles im Griff hatte und der weder Tod noch Teufel fürchtete, blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. So viele Schlachten hatte er geschlagen, jetzt nagte die größte Niederlage an ihm. Er war zu Hause, und Louise war weg.

Doch dann hatte es das Schicksal noch einmal gut mit ihm gemeint und ihn sein Röschen wiedertreffen lassen. Nicht, dass sie es wirklich war, nein, das nicht, aber sie sah aus wie sie, und sie benahm sich genauso schüchtern, und weil er auch dieses Mal ihren Namen nicht wusste, nannte er sie für sich erneut :Röschen.

Schon bald war die Frau mit den wunderbaren Rundungen, dem mädchenhaften Gang und dem gütigen Gesicht seine heimliche Liebe. Ständig lauschte er auf ihre Schritte, folgte ihrem Weg und malte sich aus, wie es wäre, wenn er sich ihr endlich offenbaren würde.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte er sich schon in sie verliebt, und da es keine andere Frau in seinem Leben gab, für die er schwärmen konnte, tat er es künftig für Röschen. Allein in seiner Wohnung wünschte er sich, mit ihr zusammen zu sein, und wenn sie im Hausflur an ihm vorbeieilte, nahm er sich vor, sie beim nächsten Mal zu fragen, ob sie nicht mit ihm essen oder gar ausgehen wolle.

An diesem Tag hatte er, was sonst nie vorkam, verschlafen, weil er am Abend zuvor zu lange die Katastrophenberichte im Fernsehen verfolgt hatte. Ausgerechnet heute, schimpfte er sich, verzichtete auf das Frühstück, überprüfte seinen kleinen Koffer, zog seine Uniform an und rief ein Taxi. Einmal im Jahr nahm er an einer Wehrübung für Reservisten teil, und diese eine Übung begann heute.

Als er die Treppe hinuntergehen wollte, kam ihm Röschen entgegen, und als er sie sah, war die Welt eine andere. Trotz der Eile und des drängenden Hupens des Taxifahrers stellte er den Koffer ab und ließ sie vorbei. Sie sah so müde aus an diesem Morgen. Ihre Schritte waren schwer, und sie brauchte auf einmal Platz für zwei auf dem Gang, warum er sich ganz an die Wand drückte. Und als sie an ihm vorbeiging, grußlos wie immer, da sah er ein geheimnisvolles Leuchten in ihren Augen. Es war wie ein Versprechen, er wusste nur nicht, ob es gut oder schlecht war.

„Einen wunderschönen guten Morgen“, grüßte er und schlug im Eifer des Gefechts die Hacken zusammen. Und tatsächlich sah es so aus, als würde sie ihn anlächeln und ihm vorsichtig zunicken.

Beschwingt eilte er mit seinem Koffer die Treppen hinunter und stieg in sein wartendes Taxi. „Zum Bahnhof, bitte“, sang er mehr, als er es sagte. Und dann lehnte er sich zurück, schloss die Augen und wusste, dass er in den nächsten Tagen noch sehr viel an sein Röschen denken würde.


Während die Kommissarin im Büro auf den vorgeladenen Anwalt der Erbengemeinschaft wartete, klickte sie sich wie eine Besessene durch die Tatortfotos, so als könnte sie, wenn sie nur oft genug hinblicken würde, etwas entdecken, was den Täter offenbarte. Einen Täter, der sich immerhin mit ihr ganz persönlich angelegt hatte.

Als es an der Tür klopfte, zaghaft, beinah lautlos, stierte die Kommissarin gerade mal wieder auf die Hand mit den tiefen Verletzungen darin. Etwas, das sie einfach nicht verstehen konnte.

„Ja“, rief sie dementsprechend mürrisch und blickte genervt auf, als eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und in Uniform den Kopf zu Tür hineinstreckte.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung“, setzte sie an, als sie Franziska entdeckte. Doch dann wanderte ihr Blick zu Hannes, und ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Hallo“, hauchte sie jetzt nur an ihn gewandt und trat näher.

„Ah, hallo, komm doch rein!“ Hannes sprang auf und zeigte, an Franziska gewandt, auf die Besucherin. „Darf ich vorstellen? Kollegin Hoffmann.“

„Franziska Steinbacher, freut mich“, entgegnete Franziska tonlos.

„Ja, mich auch.“ Die junge Frau lächelte ein wenig unsicher. Dann hielt sie den Umschlag in die Höhe, den sie die ganze Zeit hinter dem Rücken gehalten hatte. „Ich hab etwas, was euch vielleicht interessieren könnte.“

„Komm, Sabrina, setz dich doch!“ Hannes rückte den Besucherstuhl für sie zurecht, und als sie Platz genommen hatte, schaute er ebenfalls auf den Umschlag.

„Ja, Sabrina, was haben Sie denn für uns?“, fragte Franziska in einem sehr freundlichen Ton – aber leider fiel dieser weder Sabrina noch Hannes auf, die viel zu sehr damit beschäftigt waren, einander mit funkelnden Augen anzustarren.

„Ich, ähm, hab ein bisschen in meinen Fotoalben gesucht und dann etwas gefunden, was vielleicht interessant sein könnte. Wegen den Beinhuber-Brüdern“, fügte sie für Franziska hinzu.

Die nickte auffordernd.

„Ja, also, ich habe hier ein Foto von den Brüdern und ihrer Tante Emmi.“ Sie zog ein Foto aus dem Umschlag und hielt es Hannes entgegen. „Und ich bin auch drauf. Noch ganz klein, siehst du?“

Hannes lächelte verzückt. „Süß, wirklich.“

Franziska stand auf und ging zu den beiden hinüber, um ebenfalls einen Blick auf die Aufnahme zu werfen. „Ja, wirklich, sehr süß“, erklärte sie und blickte Hannes mit hochgezogener Braue an, der daraufhin die Augen verdrehte.

Franziska wandte sich feixend von ihm ab und fragte: „Wer ist denn jetzt wer?“

„Der große ist Bernhard, der hier Franz, das ist der kleine Christian, und das hier ist Josef“, erklärte die Kollegin Hoffmann. „Ja, und das ist die alte Emmi.“

„Hm, das ist aber schon ein bisschen her. Haben Sie nicht vielleicht ein Foto, auf dem die Brüder schon erwachsen sind?“, wollte Franziska, inzwischen doch neugierig geworden, wissen.

„Doch, hab ich.“ Wieder zog Sabrina Hoffmann ein Foto heraus.

Franziska schnappte es sich sofort, schaute auf die vier Männer und fragte gespannt: „Der hier ist Bernhard, und der Franz. Richtig?“

Kollegin Hoffmann nickte. „Und das hier ist Josef.“

„Dann ist das Christian?“, fragte Franziska unsicher, weil der vierte Mann auf dem Bild nicht zu den anderen passen wollte.

„Nein. Das ist Andreas, aber der gehörte irgendwie auch immer dazu.“

„Noch ein Beinhuber-Bruder?“

„Nein. Andi ist, ja, wie soll ich sagen … Er ist nach dem Tod seiner Mutter im Waisenhaus aufgewachsen und war irgendwie immer dabei, wenn wir was unternommen haben.“

„Schade, mich hätte vor allem Christian interessiert“, stellte die Kommissarin nüchtern fest. „Ich kann ja nach Dienstschluss noch mal schauen, vielleicht finde ich eins von ihm. Wenn ich bis dahin überhaupt noch nach Hause komme. Der Pegel ist mal wieder gestiegen“, fügte sie nachdenklich hinzu.

„Ja, tun Sie das, das wäre wirklich hilfreich“, erklärte Franziska und lächelte sie aufmunternd an.

„Wenn du nicht mehr in deine Wohnung darfst, wo kommt du dann unter?“, hakte Hannes, mit mehr Interesse an der Kollegin als an den Fotos, nach.

„Dann zieh ich ins Notquartier. Die Stadt hat inzwischen einige eingerichtet. Ich kann es mir aussuchen: Dreiländerhalle oder Jahnturnhalle. Aber ich glaube, ich nehme die Dreiländerhalle − wobei, dort sind ja auch die ganzen auswärtigen Hilfskräfte untergekommen …“

„Also, wenn du Hilfe brauchst, dann melde dich“, bot Hannes an und erntete dafür einen weiteren skeptischen Seitenblick von Franziska.

„Blöde Situation“, gab sie zu, nachdem Sabrina den Raum verlassen hatte, blickte auf ihr Handy und fluchte lauter als nötig: „Verdammt! Jetzt ist es schon zehn Uhr durch, und Rechtsanwalt Mooslechner ist immer noch nicht aufgetaucht.“

Hannes grinste. „Was hast du eigentlich gegen die Kollegin Hoffmann?“

„Sabrina?“, entgegnete Franziska spöttisch.

„Ja, so heißt sie.“

„Nichts. Ich hab nur was dagegen, dass wir einen Zeugen vorladen und der einfach nicht kommt.“ Franziska stöhnte. „Nein, stimmt nicht. Ich hab vor allem was dagegen, eine Leiche zu haben und doch irgendwie auch nicht. Und da das schon so nervig ist, wüsste ich wenigstens gern, ob Mutter Beinhuber uns die Wahrheit gesagt hat, ob das mit dem Erbe wirklich so gestimmt hat, ob der Christian ein Netter war oder einer, der über Leichen ging, ob es am Ende jemanden gab, der Interesse an dem Haus hatte und, und, und. Und stattdessen kommt das Fräulein Sabrina und zeigt uns Kinderfotos.“ Franziska lächelte bitter. „Süße Kinderfotos.“

„Hey, bei euch ist ja 'ne Bombenstimmung“, unterbrach Kollege Obermüller, der sich ohne anzuklopfen ins Zimmer geschoben hatte, Franziskas Gekeife.

„Ah, gut, dass du kommst. Sag mal, Obermüller, hat sich unser Zeuge Viktor Mooslechner bei dir gemeldet?“

Matthias Obermüller war ein Schrank von einem Mann, sehr verlässlich, aber auch für jeden Ratsch und Tratsch zu haben. Gemeinsam mit Ludwig Gruber unterstützte er das Team der Passauer Mordkommission bei kniffligen Fällen. Als akribische Ermittler waren die beiden unschlagbar, was Franziska nur zu gern ausnutzte.

„Nee, tut mir leid, den Namen höre ich zum ersten Mal. Aber da ihr anscheinend die Einzigen seid, die bei dem Sauwetter hier rumsitzen und sich Gedanken über einen Zeugen machen, den sie nicht befragen können, hätte ich ein wenig Abwechslung für euch.“


Als Natalia die Wohnung erst einmal verlassen hatte und mit kleinen unauffälligen Schritten immer mehr Distanz zwischen sich und ihr Martyrium brachte, fühlte sie sich zunehmend erleichtert. Sie hatte einen Entschluss gefasst und ihren Weg gefunden.

In ihrem Inneren trug sie heute ein Licht und eine Wärme, die sie noch nie gespürt hatte und die sie unempfänglich für alles um sie herum machte. So achtete sie nicht auf die vielen Menschen, die mit schreckgeweiteten Augen auf das blickten, was einmal ihr Zuhause gewesen war, oder die, die mit Schirmen und Kameras ausgerüstet auf der Jagd nach den besten, den ungeheuerlichsten Fotos unterwegs waren. Natalia hielt den Blick gesenkt, das Gebet zur Jungfrau Maria im Herzen.

Auf der langen Reise nach Passau hatte sie oft von schönen Sachen geträumt, die sie sich kaufen wollte, sobald sie ihr erstes Geld verdient hatte. Doch jetzt, Monate später, war es nicht mehr wichtig, welches Kleid oder welchen Mantel sie trug. Und auch der Regen, der schon wieder in Sturzbächen vom Himmel fiel, störte sie nicht.

Fast die gesamte Altstadt war vom Hochwasser heimgesucht worden. Sie hatte die Bilder in den Nachrichten gesehen, doch es hatte sie nicht berührt. In ihrer Heimat wäre so etwas eine fürchterliche Katastrophe gewesen, aber hier gab es für alles und jeden eine Hilfe vom Staat und Unterstützung – zumindest, wenn man einen Anspruch darauf hatte.

Unwillkürlich zuckte sie beim Gehen mit den Schultern. Mitleid war nicht ihre Stärke. Mitleid musste man sich erst einmal leisten können.

Fest drückte Natalia die aufwendig bestickte schwarze Samttasche, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, an sich. Sie war wie ein Schatz für sie, ein Stück Heimat. Als sie klein gewesen war, hatte ihr die Großmutter erzählt, dass sie sehr wertvoll wäre, weil sie sie im Wald von einer Elfe bekommen habe. Mit den Jahren hatte die Großmutter diese Geschichte immer weiter ausgeschmückt, und Natalia hatte sie geliebt. Daran änderte sich auch nichts, als ihre Mutter ihr erzählte, in Wirklichkeit sei sie von einem Mann, der sich damit ihre Unschuld erkauft habe. Das war aber ein Geheimnis, und Natalia durfte es niemandem verraten.

Mit einem Mal wurde Natalia unsanft aus ihren Erinnerungen gerissen. Ein Auto fuhr mit hohem Tempo an ihr vorbei und donnerte mitten durch eine tiefe Pfütze hindurch. Natalia sprang noch zur Seite, aber es war aussichtslos: Sie war von oben bis unten vollkommen nass gespritzt. Doch anstatt sich zu ärgern, wischte sie nur kraftlos mit dem Ärmel über ihr nasses Gesicht und ging weiter. Wozu sich aufregen, der Fahrer war längst weg. Lieber dachte sie noch ein bisschen an die Großmutter, die in ihrem Leben so viel gearbeitet hatte, wie alle im Dorf, und die doch immer da gewesen war, wenn Natalia sie brauchte. Als Kind und auch später noch. Zu ihr war sie gelaufen, wenn sie Trost und Wärme brauchte. Nach dem Tod des Vaters ging die Mutter arbeiten, und die Großmutter kümmerte sich um sie. Vor ein paar Jahren war die alte Frau dann friedlich eingeschlafen. Ein schöner Tod, wie sie heute nicht zum ersten Mal dachte.

Tief in Gedanken versunken, hatte sie die Nibelungenstraße erreicht. Nicht mehr lange, dann würde sie das Viertel betreten, wo man alles bekam, wenn man nur genug Geld hatte. Natalia hatte nicht viel Geld, aber seit sie hier war, hatte sie auch keine Zeit es auszugeben.

Vor ihr lag der ZOB, der Zentrale Omnibusbahnhof. Sie war erst einmal hier gewesen, ganz spät am Abend, und dann panikartig geflohen. Denn hier traf man die Menschen, denen sie schon in der Heimat besser aus dem Weg gegangen wäre.

Ein Schatten legte sich auf das Gesicht der Frau. In der Nacht hatte die Jungfrau sie aufgerichtet und ihr Kraft gegeben, um das zu tun, was sie tun musste. Aber jetzt sah sie, wie einfach es war, wenn sie einfach tat, wie sie wollte.

Trostlos blickte sie zum Turm hinauf. Er war das höchste Gebäude von Passau, wenn es auch weit schönere gab. In den vielen Stockwerken waren Ärzte, Steuerberater, Anwälte und Firmen untergebracht. Ganz oben gab es ein Café. Bei ihrer Ankunft hatte sie beschlossen, dass sie im Sommer dort sitzen wollte, Kaffee trinken, dazu ein Stück Torte essen und hinunterschauen auf die Stadt, die so schön und aufgeräumt war, wie sie sie vor ihrer Abreise auf Fotos gesehen hatte. Das alles stellte sie sich damals wunderbar vor.

Von ihrer Großmutter hatte sie nicht nur die samtene Tasche geerbt, sondern auch die deutsche Sprache gelernt, was letztlich der Grund dafür gewesen war, warum man sie ausgewählt hatte. Täglich las sie die Zeitung, um zu üben, aber auch um mehr über das Land und die Region, in der sie lebte, zu erfahren. Doch manchmal war es besser, nicht alles zu verstehen. Seit sie wusste, was vor sich ging, hatte sie noch mehr Angst, und diese Angst war langsam in ihre Seele gesickert, bis sie wie ein mottenzerfressener löchriger Lappen in ihr hing. Völlig verstört. Doch in der Nacht, da hatte die Jungfrau zu ihr gesprochen und ihr versichert, dass es überhaupt keinen Grund gab, sich zu ängstigen: Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir, und wo ich bin, da ist kein Platz für Furcht, hatte sie gesagt, und sie wollte ihr so gern glauben.

Fest drückte Natalia die Tasche an sich, denn sie enthielt alles, was ihr lieb war. Dann überquerte sie mit ein paar schnellen Schritten den Platz und erreichte die Eingangstür zum Turm. Als habe sie kein Recht darauf hier zu sein, blickte sie sich vor dem Hineingehen vorsichtig um. Dabei erblickte sie ihr Spiegelbild mit den nassen Haaren und erschrak. Sie sah schlimm aus. Während sie auf den Aufzug wartete, hob sie den Arm und wischte mit einer weit ausholenden Bewegung ihres Ärmels über die Haare, um sie aus dem Gesicht zu streichen. Mehr konnte sie im Moment nicht tun.

„Achtes Stockwerk“, berichtete die Computerstimme teilnahmslos, als sich die Türen nach der kurzen Fahrt wieder öffneten. Unten hatte sie sich orientiert, bevor sie den Knopf gedrückt hatte. Jetzt ging sie zielstrebig nach rechts, öffnete die vor ihr liegende Eingangstür und sah sich gleich darauf in einem hell erleuchteten Flur um. Ihr gegenüber saß eine Frau hinter einem Schreibtisch und telefonierte. Ohne sie weiter zu beachten, wandte sie sich nach links und betrat das große Chefzimmer. Sie wusste nicht, was sie sich vorgestellt hatte, aber irgendwie passte alles sehr gut.

Natalia war jetzt ganz ruhig und konzentrierte sich nur noch auf die Stimme, die sie, tief verborgen in ihrem Inneren, weiterlockte . Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir, und wo ich bin, da ist kein Platz für Furcht, wiederholte die Jungfrau Maria ihr Versprechen nun immer wieder.

Ohne auf den Mann zu achten, der neben einem wuchtigen Schreibtisch stand und aufsah, sie unschlüssig betrachtete, ging Natalia schließlich zum Fenster und öffnete es. Die Aussicht war schlecht. Die Wolken hingen fast bis zu ihr herunter, und der Regen fiel ohne Unterlass. Langsam beugte sie sich hinaus. Auf dem Platz unter ihr eilten die Menschen mit gesenkten Köpfen vorbei. Hier und da erspähte sie einige aufgespannte Regenschirme. Doch Natalia war jetzt ganz bei sich und dem Grund, warum sie hierhergekommen war. Sie hatte ihren Frieden gefunden. Ihren Frieden mit ihrem Schicksal. Ihren Frieden mit Gott.

Mit einem Lächeln auf den Lippen klemmte sie die Tasche fest unter den Arm und ergriff die Hand, die ihr die Jungfrau Maria entgegenstreckte.

„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!“

Und tatsächlich war die Jungfrau noch immer bei ihr und hielt sie fest im Arm, bis es endlich vorbei war.


In dieser Nacht hatte Adina schlecht geschlafen, und sie wusste nicht, ob es am Regen lag, der unaufhörlich auf das Kupferdach über ihrem Zimmer prasselte, oder daran, dass sie sich Sorgen machte.

Als sie es gar nicht mehr im Bett aushalten konnte, stand sie auf, zog sich an und ging in die Küche hinunter, um einen Hefeteig anzusetzen. Die Männer liebten es, wenn es im ganzen Haus nach frischem Brot und deftigem Gulasch roch. Überhaupt waren sie leicht zu beeindrucken. Das hatte sie sofort gespürt. Und Adina kochte gern, vor allem für Männer, die ihre Kochkünste zu schätzen wussten und sagten, was sie wollten. Einen saftigen Rinderbraten in Rahmsoße zum Beispiel, und dazu Böhmische Knödel, die Leibspeise des Vaters. Und als Nachtisch: Marillenknödel, die sie mit Zimt und Zucker und einer aufgeschäumten Vanillesoße servierte. Oder ein knuspriges Grillhendl mit Kartoffelsalat. Sehr beliebt war auch ihr Schweinebraten mit frischen Reiberknödeln und Krautsalat. Pes‚tele cel mai bun, tot porcul rˇamâne, lautete ein Sprichwort aus ihrer Heimat. Der beste Fisch ist immer das Schwein.

Allerdings war Adina nicht nur sehr geschickt, was das Kochen anging, sie war auch berechnend. Nachdem sie den Teig auf den warmen Ofen gestellt hatte, sah sie nach dem Mann, den im Haus alle nur „Vater“ nannten, und als sie feststellte, dass er bereits wach war, zog sie die Vorhänge auf und wünschte ihm einen guten Morgen.

Der Vater frühstückte wie immer im Bett, warum ihm Adina die Tasse mit dem Milchkaffee, den er um diese Zeit zu sich nahm, nur halb füllte. Sein Leben lang hatte er Wert auf Etikette und gute Manieren gelegt, ein Prinzip, das mit dem zunehmenden Zittern seiner Hände immer schwieriger umzusetzen war.

„Möchten Sie essen?“, fragte Adina wie jeden Morgen, und der Vater antwortete genauso regelmäßig: „Ach, Kind, du weißt doch, dass ich um diese Zeit nichts runterbringe.“

Adina lächelte, dann nahm sie ihm die leere Tasse ab und half ihm aus dem Bett.

„Hast du schon etwas von meinem Sohn gehört?“, fragte er, als er gewaschen und angezogen in seinem Sessel saß, und sah sie mit seinen traurigen Augen, um eine positive Antwort bettelnd, an.

Bedauernd schüttelte Adina den Kopf, und damit er nicht weiter bohrte, reichte sie ihm die Zeitung.

„Danke, Kind. Was willst du uns heute kochen?“

„Gulasch mit frische Brot“, antwortete Adina und sah, wie ihm schon jetzt das Wasser im Mund zusammenlief.

„Sein Leibgericht! Na, vielleicht kommt er ja heute.“

Adina fragte, ob der Vater noch etwas brauche, doch der schüttelte nur den Kopf, bis ihm einfiel, dass sie ihm ein Buch besorgen könne.

Ja, nickte Adina erfreut, weil dieser Auftrag sehr gut zu ihrem heutigen Plan passte.

Als sie zwei Stunden später das Haus verließ, war das Brot gebacken, und das Gulasch köchelte auf kleiner Flamme vor sich hin. Um für das Wetter gerüstet zu sein, trug sie Gummistiefel und eine warme Steppjacke, deren Kapuze sie sich weit ins Gesicht gezogen hatte. Entschlossen überquerte sie die Straße und stellte sich an der Bushaltestelle unter das schmale Dach. Tagelang hatte sie auf eine Nachricht gewartet, jetzt wollte sie selbst aktiv werden. Nach einer kurzen Wartezeit stieg sie in den Bus, der sie zum Busbahnhof in der Innenstadt und damit zum Turm und den Büros, die sich dort befanden, brachte. Von dort wollte sie weiter in die Altstadt gehen, dorthin, wo die Kanzlei lag. Der Bus fuhr wegen des Hochwassers nur bis zum Busbahnhof, den restlichen Weg musste sie zu Fuß gehen, wenn es ihr überhaupt noch gelang.

Tief in Gedanken versunken, machte sie sich zum Ausstieg bereit, als sie durch die Scheibe Natalia entdeckte, die auf den Eingang zum Turm zuhielt. Den Kopf wie immer gesenkt, aber mit einem unheimlichen Lächeln im Gesicht. Adina erschauderte und begann zu drängeln, doch bis es ihr gelungen war, den Bus zu verlassen, war Natalia bereits durch die Schiebetür im Turm verschwunden.

Nachdenklich überquerte Adina den Platz und beschloss, vor dem Buchladen, der sich im Foyer des hohen Turms befand, auf die Freundin zu warten. Vertieft in die Auslagen, ließ sie die Zeit verstreichen, bis ihr einfiel, dass sie dem Vater ein Buch mitbringen sollte. Sie löste den Blick vom Schaufenster, doch bevor sie sich zur Tür wenden konnte um hineinzugehen, sah sie im Spiegel der Scheibe, wie etwas Großes, etwas Unheimliches vom Himmel stürzte. Sie fühlte den Luftzug und spürte gleich darauf den harten Aufschlag, der das Pflaster zum Beben brachte und sie herumriss. Das alles passierte in nur wenigen Sekunden, aber in ihrem Kopf würde es später immer und immer wieder ablaufen und sich so in eine gefühlte Unendlichkeit ausdehnen. Nie mehr sollte sie diesen Anblick vergessen.

Was wie ein riesiger vom Sturm gebeutelter Vogel vom Himmel herunter geschossen kam, der Mantel flatternd, die Haare grotesk nach oben gerissen, mit den Händen rudernd und einen schrillen Ton ausstoßend, war in Wirklichkeit Natalia. In einer grotesk verdrehten Körperhaltung blieb sie stumm, keine drei Meter entfernt von der Eingangstür zum Buchladen, mit dem Gesicht nach unten liegen. Nur der Regen tropfte unaufhörlich auf ihren Mantel und auf ihre Haare und vermischte sich mit der Blutlache, die sich zügig um ihren Kopf herum ausbreitete.

Wie auf Knopfdruck ließ Adina alles, was sie bei sich hatte, fallen und rannte zu der so schlimm zu gerichteten Freundin. Doch nach dem Puls suchte sie vergebens. Die Jungfrau hatte ihr Versprechen gehalten, und Natalia war bereits auf dem Weg in eine bessere Welt.

Endlich verstand Adina, was passiert war, und weil sich die Erkenntnis so rasant in ihrem Körper ausbreitete, biss sie sich heftig in die linke Hand, um nicht laut aufzuschreien. Sie musste hier weg, sofort, sie durfte keine Zeit mehr verlieren. Natalia war tot, sie konnte nichts mehr für sie tun, außer zu beten.

Weit zog Adina die Kapuze ins Gesicht und hoffte so, von oben, aus dem Stockwerk der Kanzlei, nicht erkannt zu werden. Als die ersten Schaulustigen näher kamen, verschwand Adina unauffällig im Foyer des Kinos, wo sie sich wenig später auf einer der Toiletten einschloss. Sie musste in Ruhe nachdenken. Denn mit dem Tod der Freundin waren auch ihre Pläne zunichtegemacht worden.


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9783745015102
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