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Von Dagmar Isabell Schmidbauer

Der Tote vom Oberhaus

Kriminalroman

Imprint

Der Tote vom Oberhaus

Dagmar Isabell Schmidbauer

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: © 2012 Dagmar Isabell Schmidbauer

www.der-passau-krimi.de Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de

Prolog

Nach dem Tod der geliebten Großmutter hatte Sunny das kleine Häuschen am Anger kaum verändert. Es gab ihr das Gefühl von Geborgenheit und Liebe. Gefühle, die nur in ihrer Erinnerung existierten. Nach Jahren des Schmerzes symbolisierte die hölzerne Eingangstür mit ihrem blauen Farbanstrich, der an vielen Stellen bereits abblätterte, das Versprechen auf ein besseres Leben. Daran konnte nicht einmal die Feuchtigkeit, die von der Donau heraufstieg, um sich in allen Winkeln des Hauses auszubreiten und die verblichenen Tapeten von den Wänden zu lösen, etwas ändern. Sie hätte mehr aus dem Häuschen und seiner wunderbaren Lage, mit Blick direkt auf den Fluss und allem, was sich darauf bewegte, machen können. Aber für Sunny war es gut, so wie es war.

Ihr reichte der wackelige Küchenstuhl, auf dem sie saß, während sie mit den Händen zärtlich über ihren runden Bauch streichelte. Sie mochte es, wenn er sich soweit vorwölbte, und genoss es immer wieder, wenn die winzigen Fäustchen in ihrem Inneren sanft gegen die Bauchdecke drückten und die kleinen Füßchen strampelten, als könnten sie das Leben kaum erwarten. Beinahe schade, dass es schon bald vorbei sein sollte.

Während an diesem kalten Februartag im Garten der Schnee von einem eisigen Wind erfasst und durch die Luft gewirbelt wurde, sah sie sich in der aus Kindertagen vertrauten Küche um. Auf dem Tisch standen noch die Cornflakesschüsseln und die halb vollen Kakaobecher ihrer Kinder, an ihrer eigenen Tasse hatte sie bisher nur genippt. Die letzte Nacht sei die kälteste in diesem Jahr gewesen, hatte der Nachrichtensprecher am Morgen verkündet, und Sunny hatte sich gefragt, wie er das hatte wissen können. Schließlich war der Winter ja noch nicht vorbei, und man konnte den bevorstehenden Frühling wirklich nur erahnen. Dabei liebte Sunny nichts so sehr wie den Sommer und die Zeit, die sie mit ihren Buben im Garten verbringen konnte. Die Kinder spielten auf der alten verrosteten Schaukel oder in dem kleinen Sandkasten, in dem sie ständig alle möglichen Schätze fanden, während sie selbst zwischen Gemüse und Kräutern nach Unkraut suchte.

Über ihr Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln. Es gab nichts Wichtigeres in ihrem Leben. Das dachte sie jeden Abend, wenn sie im Kinderzimmer stand, die Kleinen im Schlaf betrachtete und den unschuldigen Geruch einer glücklichen Kindheit einatmete. Einer Kindheit, die sie nie erlebt hatte. Sunny hatte nicht viel zum Leben, aber ihr größter Reichtum war ohnehin das fröhliche Lachen, das schon am Morgen durch das kleine Häuschen schallte, und auch die vielen Fragen, die ihre Kinder an sie und das Leben stellten.

Sie bemühte sich, nicht an die Vergangenheit zu denken, und doch lag sie wie ein dunkler Schatten über ihrem Leben. Was passiert war, kam Sunny wie ein Film vor, der immer wieder zurückgespult und abgespielt wurde, und den sie einfach nicht löschen konnte.

Für einen Moment schloss sie die Augen. Ihre Wünsche waren so einfach, kitschig, rosarot. Nur hin und wieder erlaubte sie sich, an diesen Traum zu denken. Er war wie eine Droge: ohne Gestern, ohne Gewalt und ohne Schuld. Und während ihre Hände weiterhin beschützend auf ihrem Bauch lagen, begann Sunny zufrieden zu lächeln. Sie musste sich beruhigen – und das Kind. Sie musste ihm sagen, dass sie beide nichts dafür konnten.

Aber ihr fehlten die Worte, die ihr ungeborenes Kind glauben konnte. Ihr fehlten die Worte, die es am Ende verzeihen ließ.

Urplötzlich erstarb ihr Lächeln.

Die Wehen kamen jetzt alle drei Minuten.

Und sie taten weh. Sehr weh!

Doch letztlich war der Schmerz, der gerade so heftig ihren Bauch durchzuckte, nichts. Viel schlimmer waren das Gefühl der Hilflosigkeit und die Angst, ob sie es am Ende wirklich schaffen würde.

Dann, wenn es kein Zurück mehr gab.

Sunny begann, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Sie hatte gelernt, richtig zu atmen, und sie wusste, dass es ihr helfen würde. Zumindest gegen den Schmerz, den sie gerade fühlte. Tief und immer tiefer einatmen. Den Bauch ganz groß aufblasen. Den Schmerz von ihrem Ungeborenen wegführen, um ihm zu zeigen, dass sie es ihm leicht machen wollte.

Doch gegen ihre Angst half das alles wenig.

Als die Wehen ihr eine kurze Pause gönnten, erhob sich Sunny schwerfällig von ihrem Stuhl. Sie hatte noch so viel zu erledigen, und doch war sie froh, dass es so schnell voranging. Bis die nächste Wehe kam, blieben ihr nicht mehr als zwei Minuten. Entschlossen schob sie den Stuhl an seinen Platz.

Dann musste sie sich eben beeilen.

Das Kind kamfrüher als erwartet. Aber was hatte sie denn überhaupt erwartet? Jeden Tag hatte sie gehofft und gebangt. Und jetzt sah es so aus, als ob sie es wirklich geschafft hatte. Aber sie durfte sich nicht zu früh freuen, das Schlimmste lag ja noch vor ihr. Wer wusste schon, was noch passieren würde, nach allem, was sie zugelassen hatte?

Immer wieder …

Mit schweren Schritten schleppte sie sich die Treppe hinauf ins Badezimmer. Im Flur lagen die Schlafanzüge der Kinder, Hausschuhe und Spielsachen.

Es war eine schwere Entscheidung, aber sie hatte keine andere Wahl.

Schwerfällig sammelte sie die Wäsche ein und schob die Schuhe zur Seite.

Als sie sich wieder aufrichtete, spürte sie, dass es ernst wurde. Sunny suchte Halt am Treppengeländer, das unter ihrem Gewicht leise knarzte. Nach vorn gebeugt begann sie einzuatmen. Tief und immer tiefer, bis es nicht mehr ging. Sie musste die Luft wieder aus ihren Lungen hinaus lassen und den Schmerz empfangen. Und wirklich, als sie ausatmete,

griff er augenblicklich und grob nach ihrem prallen Leib, als wollte er die Mitte ihres Körpers einfach in zwei Teile reißen. Mühsam unterdrückte sie einen Schrei. Zwar würde sie ohnehin niemand hören, aber Sunny verbot sich diese Schwäche.

Sie hatte noch nie geschrien. Egal, was passiert war.

Als alle Luft aus ihrem Körper gewichen war, begann sie, wieder tief einzuatmen, sog die Luft in ihre Lungen, bis in ihren Bauch, bis sie meinte, sie müsste zerplatzen. Sie hielt den Atem an, wollte den Moment hinauszögern. Sie dachte, sie hätte alles im Griff.

Und dann schrie sie doch auf. Vor Schreck, vor Scham und vor Angst. Sie war einfach nicht so stark, wie sie es sich wünschte.

Das Wasser, das plötzlich an ihren Beinen hinunterlief, zeigte ihr, dass die Zeit gekommen war. Sunny betrachtete die kleine Pfütze zu ihren Füßen, sie war hell und klar. Es gab überhaupt keinen Grund zur Sorge.

Wie in Trance riss sie ein paar Handtücher aus dem Regal und zog die nasse Unterhose aus. Dann kniete sie sich hin, und als die nächste Wehe kam, gab sie dem Druck einfach nach, öffnete sich und entließ mit ihrer ganzen Kraft ihr Kind ins Leben.

Als er schließlich vor ihr lag, blutverschmiert und rosig, lächelte sie matt und nahm den Kleinen in ihre Arme. Er war ein bisschen zerknautscht, und die Strapazen der Geburt hatten seinen Gesichtszügen zugesetzt. Trotzdem konnte sie jetzt schon erahnen, wie er später einmal aussehen würde.


Wochen später

Das Gefühl, dass ihm jemand folgte, hatte ihn zum ersten Mal ergriffen, als er den letzten steinernen Torbogen passiert hatte und in den Burghof der Veste Oberhaus schritt. Natürlich war das blanker Unsinn, warum sollte ihn ausgerechnet hier jemand verfolgen? Und wenn doch, dann hätte er es sicher nicht bemerkt, schließlich wuselten hier oben, auf dem Oberhausberg, Hunderte von Menschen herum. Es war Mitte Juni, und um diese Jahreszeit war die Stadt voller Touristen. Die meisten Besucher, die auf die Burg kamen und in die Welt der Fürstbischöfe eintauchten, wollten in die Vergangenheit reisen, dem Mythos Mittelalter und allem, was davor und danach kam, begegnen. Natürlich gab es auch einige, die einfach nur einen besonders schönen Blick auf die Stadt werfen wollten. Doch die meisten, ob bewusst oder unbewusst, wollten von den Vorfahren lernen, um es in der Gegenwart vielleicht ein bisschen besser zu machen.

Auch Xaver Mautzenbacher suchte nach der Vergangenheit, oder besser gesagt: Sie suchte ihn.

Typisch für ihn war allerdings, dass er nichts davon ahnte. Vielleicht wollte er aber auch gar nicht begreifen, was er falsch gemacht hatte und warum er dafür leiden würde.

Es war früher Montagnachmittag. Mautzenbacher hatte eine Verabredung. Es ging um eine Angelegenheit, für die ihm dieser Ort hoch über der Stadt Passau zwar geeignet, aber höchst ungewöhnlich schien. In der Regel lag es an ihm, den richtigen Treffpunkt auszuwählen, aber in diesem Fall hatte er nicht kleinlich sein wollen.

Es stand zu viel auf dem Spiel.

Während er über den mit Kies bedeckten Hof schritt, warf er einen raschen Blick auf seine Uhr. Es war erst kurz vor zwei. Bis zu seiner Verabredung um drei hatte er noch viel Zeit. Er würde sich in aller Ruhe umsehen können.

Doch als er die Tür zum Empfang öffnete, sah er im Spiegel des Glases ein bekanntes Gesicht und wusste endlich, warum er das Gefühl, verfolgt zu werden, die ganze Zeit über nicht hatte abschütteln können.

Er löste sein Eintrittsticket, erkundigte sich nach dem Weg zum Rittersaal und stieg dann die Treppe hinauf. Mautzenbacher hatte nicht vor, sich die ganze Ausstellung anzusehen, es genügte, wenn er in der Mitte begann. Im ersten Stock angekommen wandte er sich nach links und blieb vor einer Installation stehen, die wiedergab, wie Passau und sein regierender Fürstbischof infolge der Napoleonischen Kriege ihre Selbstständigkeit verloren hatten und fortan zu Bayern gehörten. Im Grunde interessierte ihn das alles nicht. Er war ein Mann, dem es auf andere Sachen ankam. Wissen bedeutete für ihn nicht, die geschichtlichen Zahlen einer Stadt zu kennen. Er wollte nur sicher sein, dass ihn sein Verfolger nicht aus den Augen verlor.

Nichts liebte Mautzenbacher so sehr wie das Spiel, welches er in diesem Moment zu spielen begann. Es begeisterte ihn, dass ihn jemand beschattete – nein: Es erregte ihn. Er genoss, dass er sowohl den Weg als auch das Ziel selbst bestimmte. Er war Herr der Lage, der Gejagte, der zum Jäger wurde. Er fühlte sich nie besser als in diesen Situationen. Und er freute sich schon jetzt auf den Augenblick, in dem sein Verfolger bemerkte, dass er zum Opfer geworden war. So betrachtet waren die Ausstellungsräume also Nebensache. Für Mautzenbacher ging es ausschließlich darum, seinen Verfolger, ohne dass dieser es merkte, hinter sich herzulocken und den geeignetsten Ort für sein Vorhaben zu finden.

Er schlenderte durch den Arkadengang hinein in den Raum mit dem Wohnturm und den Werkzeugen vergangener Zeiten, durch die Kältekammer, die für seine Zwecke leider nicht infrage kam, und durch alle möglichen bunten Aufbauten. Schließlich erreichte er schon den Burghof und hatte noch immer nicht gefunden, was er suchte. Doch dann, er sah das Gesicht

seines Verfolgers schon erhitzt um die Ecke schauen, entdeckte er die Glastür, die ihn in den Fürstenkeller führte.

Dort, wo niemand die Schreie hören würde.

Durch die vergitterten Fenster wurde der Raum nur spärlich ausgeleuchtet, und seine Augen mussten sich erst an das Zwielicht gewöhnen. Doch rasch erkannte er, welch gute Wahler getroffen hatte. Mit zwei schnellen Schritten verschwand er hinter der Tür, in voller Spannung auf den nächsten Moment. Nicht einmal sein Atem hatte sich beschleunigt. Er war ein Mann, der Überraschungen liebte. Natürlich nur, wenn er sie selbst bestimmte, wenn seinem Gegenüber der Schock in die Glieder fuhr.

Schreckensschreie liebte er über alles.

Zögernd, wie nur ängstliche Menschen gehen, wenn sie nicht wissen, was auf sie zukommt, kamen die Schritte näher und tasteten sich schließlich in den Raum hinein. Xaver Mautzenbacher erwartete jeden Moment ein schüchternes „Hallo? Ist da jemand?“.

Als sein Verfolger den Raumbetreten hatte, schloss Mautzenbacher leise die Tür und baute sich in voller Körpergröße vor dem einzigen Fluchtweg auf. Dann begrüßte er seinen Gast, und als er den unterdrückten Schrei vernahm, begann sein ganzer Körper vor Erregung zu kribbeln.

Er musste lächeln. Ach, war das schön, wenn man sich auf etwas freuen konnte!

Zufrieden beobachtete er das Zurückweichen seines Verfolgers, und mit Genugtuung setzte er sich Schritt für Schritt in Bewegung, vorwärts, direkt auf seinen verängstigen Gast zu. Jetzt. Jetzt war es gleich so weit.


Andächtig beugte sich Samantha Halmgaard über ihre fast fertige Skizze und erschrak, als die alte Uhr, die neben dem Fenster hing, zur vollen Stunde schlug. Sie hatte sich von ihren Ideen in andere Welten tragen lassen und dabei vollkommen die Zeit vergessen. Hastig schob sie die Papiere zusammen und legte sie in eine Arbeitsmappe. Dann streckte sie sich, schob den schweren Stuhl zurück und stand auf. Dabei fiel ihr Blick erneut auf die Mappe, und ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war der Entwurf für eine Installation zur Kaiserhochzeit von Leopold I. und Eleonore von Pfalz-Neuburg. Nachdem das Museum dieses Jahr an den großen Stadtbrand von 1662 erinnert hatte, wollte Samantha als Nächstes das zweite große Ereignis, das Passau berühmt gemacht hatte, in den Mittelpunkt der Dauerausstellung rücken.

Neues zu ersinnen und Visionen in die Tat umzusetzen, das war es, was ihren Beruf als Direktorin des Oberhausmuseums für sie so einzigartig machte. In ihrer Fantasie war alles möglich. Sie konnte Pläne schmieden, ohne zu fragen, ob sie sich später wirklich realisieren ließen. Damit musste sie sich erst herumschlagen, wenn es ums leidige Geld ging.

Wenn sie mitten in den Planungen steckte, war ihr alles andere lästig. Jeder Anruf, jede Störung. Und so war sie durchaus froh darüber, dass ein überraschender Besucher, der sich für die Mittagszeit angekündigt hatte, nicht gekommen war.

Natürlich sprach sie wie alle Künstler gern über ihre Arbeit, und im Grunde liebte sie Abwechslung und kleine Überraschungen. Aber sie hatte gelernt, Privatangelegenheiten außerhalb des Museums zu lassen. Da war sie sehr streng mit sich, und letztlich hatte sich das ausgezahlt.

Mit einem wohligen Stöhnen dehnte sie ihre verspannten Muskeln und gähnte herzhaft. Seit drei Jahren war sie hier die Museumsdirektorin, und seither hatte sie nicht nur ihren Kleidungsstil verändert. Als sie ihren Kopf in den Nacken legte, wanderte ihr Blick über die hohe Decke und an den Wänden ihres großzügigen Büros entlang. Es war ein wunderschöner Raum, alt und geschichtsträchtig, untergebracht im ehemaligen Gästehaus – was von Unkundigen oft mit einem Lächeln quittiert wurde. Von einem der Fenster aus konnte man über ganz Passau blicken. Genau so wie einst die regierenden Fürstbischöfe.

Die zierliche Frau fuhr zusammen. Sie sah zur alten Biedermeieruhr, und erkannte erschrocken, dass es bereits kurz vor halb fünf war. In Kürze schloss das Museum, und sie wollte unbedingt noch eine Runde durch die Ausstellungsräume drehen und sich bei dieser Gelegenheit den ausgeräumten Raum im Fürstenkeller ansehen. Sie hatte es versprochen und es dann beinahe vergessen, vor lauter Kaiser Leopold I. und seiner jungen Frau, Eleonore Magdalena Theresia.

Samantha Halmgaard lächelte. Sie hatte viel vor mit den beiden. Kaiserglanz stand hoch im Kurs bei den Besuchern, und wenn Passau schon etwas so Einzigartiges zu bieten hatte, was ja letztlich auch nur dem besonderen Vertrauensverhältnis zu Fürstbischof Sebastian von Pötting geschuldet war, dann durfte sie diesem Umstand ruhig in einer Ausstellung huldigen.

Nur unwillig löste sie sich von ihren Plänen, holte den Schlüssel aus der Schublade ihres Schreibtisches und verließ das Büro. Sie schenkte sich den ganzen Rundgang durch die Ausstellung und überquerte den Hof, um in den gegenüberliegenden Keller hinunterzusteigen. Im Vorbeigehen grüßte sie wie immer die Bruderschaft der Salzhändler, zog den Kopf ein, als sie die fünf Stufen hinunterging, wandte sich nach links und studierte kurz den Zettel, der an der Tür angebracht worden war und darauf hinwies, dass hier umgebaut wurde. Dann streckte sie die Hand aus, um die Tür zu öffnen – doch im selben Moment fiel ihr Blick auf den Spalt unter der Tür. Verärgert bückte sie sich. Verdammt, was war denn das wieder? Warum begriffen manche Leute nicht, dass es Dinge gab, die so alt waren, dass man sie einfach schützen musste!


Kriminalhauptkommissar Schneidlinger saß an seinem Schreibtisch und massierte sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel. Das konzentrierte Lesen von Akten strengte ihn zunehmend an, und der Stapel vor ihm auf dem Schreibtisch verriet, dass Schneidlinger damit so schnell noch nicht fertig sein würde. Dabei konnte er sich noch nicht einmal bei jemandem beschweren. Josef Schneidlinger war der neue Chef im K1, zuständig für Kapitalverbrechen: Mord und Totschlag. Vier Wochen war es her, dass man ihn ins neue Amt eingeführt hatte, und doch war ihm das Bild vor dem Fenster seines Büros noch immer fremd.

Darum hatte er am frühen Nachmittag jeden, der nicht zwingend im Dezernat gebraucht wurde, nach Hause geschickt. „Zeit um Überstunden abzubauen!“, hatte er gesagt und auf seine ganz eigene Art gelächelt, denn das war natürlich nicht der wirkliche Grund.

Er brauchte endlich eine Gelegenheit, um sich einzugewöhnen. Er wollte wissen, wie die neuen Kollegen tickten, und er hatte keine Lust, mit jedem deswegen erst einmal einen trinken zu gehen!

In den ersten Tagen hatte man ihn herumgereicht, hatte von ihm wissen wollen, wie er seinen Job in der Mordkommission angehen wolle und, ja, man hatte ihn sogar gefragt, was ihm eigentlich die Ehre verschaffte, den alten Chef zu beerben. Natürlich waren diese Fragen durchaus berechtigt, zumindest aus Sicht der Kollegen. Denn Schneidlinger war in Passau ein unbeschriebenes Blatt, und alles, was man von ihm wusste, war, dass er verheiratet war, vier Kinder hatte und zurzeit wieder auf dem großen Bauernhof im Rottal lebte, auf dem er geboren worden war. Hinzu kam seine Leidenschaft für seinen Porsche Boxster, den er sommers wie winters fuhr.

In München hatte er sich den respektablen Ruf erarbeitet, ein harter Hund zu sein. Einer, der nicht nur seine Nase überall hineinsteckte, sondern, wenn es sein musste, auch tief graben konnte. Diese Eigenschaft und ein effektives Netzwerk wollte er jetzt einsetzen, um seine Position in Passau zu stärken, um zu beweisen, dass er die richtige Wahl für den freien Posten gewesen war.

Daher hatte er in den vergangenen Tagen, wann immer es seine Zeit erlaubte und er sich unbeobachtet fühlte, die alten Fälle gewälzt. Akten, die ihn Tag für Tag mehr gelangweilt hatten, bis er, vor zwei Stunden, auf den Fall der getöteten Sopranistin Sophia Weberknecht gestoßen war. Sofort hatte er erkannt, dass hier etwas nicht stimmte.

Sein Vorgänger, Kriminalhauptkommissar Berthold Brauser, hatte die junge Frau schon vor ihrem Tod gekannt und sich heimlich mit ihr getroffen. Natürlich stand das nicht so direkt in den Akten, und Brauser selbst war inzwischen in Pension und konnte zum derzeitigen Stand der Recherche nicht dazu befragt werden. Fest stand aber: Nachdem die junge Frau tot aufgefunden worden war, hatte Brauser den Fall an seine jungen Kollegen abgegeben.

Allerdings nicht, und das ging aus den Akten eindeutig hervor, aus Befangenheit, sondern weil er sich in Kombination mit dem zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls ungeklärten Mord an Klaus Wallenstein überfordert gefühlt hatte.

Während Schneidlinger die Zusammenhänge erfasste, stellten sich ihm die Nackenhaare auf – ein sicheres Vorzeichen für eine neue Fährte. Solchen Märchen hatte er noch nie Glauben geschenkt. Dafür hatte er selbst schon zu viel erlebt, und als er weiterlas, huschte ein kaum wahrnehmbares sardonisches Lächeln über sein Gesicht. Das also war das Geheimnis, das die Kollegen mit sich herumtrugen!

Jetzt war er nicht mehr zu halten. Seite für Seite las er die Berichte und fand schließlich den Hinweis auf eine Tonaufnahme, in welcher der Dreifachmörder Joachim Herlau den Kollegen Brauser des Mordes an Sophia Weberknecht bezichtigte.

Schneidlinger lächelte zufrieden, um im nächsten Moment irritiert festzustellen, dass dieses Band auf geheimnisvolle Weise verschwunden und Joachim Herlau tot war, und seine Beschuldigung somit auch nicht mehr wiederholen konnte.

Energisch klappte der Hauptkommissar die Akten zu und schob sie auf seinem Schreibtisch zusammen. Schluss für heute, dachte er und schüttelte über sich selbst den Kopf.

„Man könnte meinen, du hast nichts Besseres zu tun“, lästerte er über seine eigene Beflissenheit und griff nach seinem Handy. Schon als er dem Freizeichen lauschte, entspannten sich seine Züge, und als er die vertraute Stimme hörte, breitete sich ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Hallo Paulina, hier ist Josef!“


Mit einem scheuen Blick in den Rückspiegel überprüfte Franziska Steinbacher ihr Gesicht. Ihre Wangen glühten, was nicht nur an der Hitze lag, die seit Tagen die Passauer Bevölkerung zum Schwitzen brachte. Seit dem Mittag fuhren ihre Gefühle Karussell, schürten in ihr gleichermaßen Zweifel und sinnliches Verlangen und ließen ihr Gesicht von einem geheimnisvollen Lächeln erstrahlen. Heute war sie zu allem bereit. Verträumt zupfte sie sich eine Strähne ihrer langen Haare aus dem Gesicht, um ungehindert ihre Lippen mit Lipgloss bemalen zu können, bis ihr auffiel, dass man sie von der Straße und den Häusern rundum sehen konnte. Hastig riss sie sich von ihrem Spiegelbild los und stieg aus. Sie war ohnehin ein bisschen spät dran, was heute aber nicht an ihrem Job bei der Passauer Mordkommission, sondern nur an einer einzigen Frage lag: Was ziehe ich an?

Normalerweise hatte es Franziska nicht nötig, sich mit solchen Problemchen zu beschäftigen, schließlich gehörte sie zu den beneidenswerten Frauen, die es sich leisten konnten, fast alles zu tragen. Am heutigen Tag jedoch war nichts normal. Denn letztlich ging es nicht nur um die Auswahl der richtigen Garderobe, sondern vor allem um die Frage: Wie ziehe ich es nachher möglichst eindrucksvoll wieder aus?

Mit schnellen Schritten lief sie die Treppe zur Künstlerwerkstatt des städtischen Theaters im Maierhof hinauf und drückte zaghaft auf die Klingel. Sie hatte sich für ein leichtes Sommerkleid entschieden, und obwohl es nur aus einem Hauch von Stoff bestand, begann sie zu schwitzen.

Als endlich jemand die Tür öffnete, war es ausgerechnet Carlos Rodriguez, der junge Tenor mit dem weichen Gesicht und den wunderbaren Locken, bei dem sie nie wusste, ob er mit ihr flirtete oder einfach nur nett war. Ihn zu treffen war auf jeden Fall ein Vergnügen, wobei sein anzügliches Lächeln weniger ihrer gemeinsamen Vergangenheit galt, als vielmehr dem Grund, warum sie heute hier war.

„Ist Walter da?“, fragte Franziska nach einem Räuspern und spürte, wie eine leichte Hitze ihr Gesicht überzog.

„Ja, er ist oben.“ Mit dem Kopf zeigte Carlos die hinter ihm liegende Treppe hinauf und ließ sie dann, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, einfach stehen. Gleich darauf vernahm sie seine eindrucksvolle Stimme aus dem großen Malsaal, in dem die Ensembleproben stattfanden. Einen Moment blieb Franziska vor der Tür stehen und lauschte. Sie mochte ihn, würde seine Stimme unter tausend Sängern heraushören, aber in diesem Moment verzückte es sie nicht, ihn singen zu hören. Sie wollte Zeit schinden, denn sie war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob sie das Richtige tat.

Als sie schließlich das obere Stockwerk betrat, schlug ihr stickige Luft entgegen, und ihre Schritte hallten leise von den weißen Wänden wider, an denen hier und da einige Regale mit Bühnenbildmodellen vergangener Aufführungen standen. Zu beiden Seiten gingen Türen zu kleineren Proberäumen für die Musiker ab.

Endlich hatte Franziska die Wohnungstür am Ende des Flurs erreicht und wollte gerade auf den Klingelknopf drücken, als Walter öffnete und sie mit einem breiten Lächeln begrüßte.

„Hallo Frau Kommissarin! Schön, dass du gekommen bist.“

Bei seinem Anblick biss sich Franziska auf die Lippen. Walter sah so gut aus! Groß, durchtrainiert, gut gebaut und braun gebrannt. Die vollen dunklen Haare, die schon vereinzelt von einem silbernen Grau durchzogen wurden, hatte er im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Haut glänzte feucht, ob vom Duschen oder der Hitze, wagte Franziska sich nicht auszumalen. Er trug bunte Boxershorts, sonst nichts. Kein T-Shirt, keine Schuhe. Einfach nichts.

„Entschuldige, ich hab mich verspätet“, entfuhr es Franziska aufgeregt, und gleich darauf ärgerte sie sich, weil sie nichts Originelleres gesagt hatte, wie zum Beispiel: „Du siehst aber lecker aus!“, oder „Ganz schön heiß in deiner Gegenwart.“

„Auf schöne Frauen warte ich gern auch ein bisschen länger“, wiegelte Walter lächelnd ab, trat aus der Wohnung und zog sie an sich, um sie auf beide Wangen zu küssen.

Franziska spürte die Wärme seiner Haut, die Geborgenheit seiner Umarmung und schloss die Augen. Sie schnupperte an seinem Hals, bis ihr vor lauter Aftershave ganz schwindelig wurde, und sie wusste: Diesem Mann würde sie heute nichts abschlagen können.

„Wollen wir?“

Ohne auf ihre Antwort zu warten, schloss er hinter sich die Wohnungstür und nahm Franziska an der Hand. Er führte sie vorbei an den Proberäumen und zwei Praktikanten, die gerade über die verschiedenen Möglichkeiten, ein Modell zu bauen, philosophierten, die Treppe hinunter und bis in den kleinen Malsaal, in dem, im Vergleich zum großen Pendant, noch handwerklich gearbeitet wurde.

Franziska fand weder Zeit zum Luftholen noch um zu fragen, warum er sie ausgerechnet hierher brachte. Als sie aus dem Nebenraum die Stimme von Carlos hörte, der seine Partie jetzt in Begleitung des Klaviers sang, war sie erleichtert, dass Walter die Tür hinter ihnen schloss. Nie würde sie sich an die Freizügigkeit des Theaters gewöhnen, und bestimmt sah man ihr das in diesem Moment mal wieder an.

Doch Walter zeigte sich unbeeindruckt, wies mit einem Kopfnicken auf ein Podest, das mitten im Raum stand, und lud Franziska mit einer schwungvollen Geste ein näherzutreten. Als sie auf das kleine Treppchen steigen wollte, schüttelte er allerdings den Kopf. Sein Lächeln war breiter geworden, und mit sanfter Stimme sagte er: „Erst ausziehen.“

„Was?“

„Alles.“

„Walter, bitte!“, flüsterte Franziska und sah schnell zur Tür. „Was ist, wenn jemand hereinkommt?“

„Was machst du dir nur wieder für Gedanken? Jeder weiß, dass du dich ausziehen wirst!“

Franziska wurde rot. Dass das jeder wusste, hätte er nicht unbedingt sagen müssen.

Im Rahmen ihrer Ermittlungen im Fall Sophia Weberknecht hatte Franziska den Bühnenkünstler des Städtischen Theaters im vergangenen Herbst kennengelernt. Tatsächlich hatte es eine Weile so ausgesehen, als sei Walter Froschhammer in diesem Mordfall der Hauptverdächtige. Doch während Franziska damit beschäftigt gewesen war, ihm seine Tat nachzuweisen, waren sie sich näher gekommen – allerdings nicht zu nah, denn die Oberkommissarin hatte die Bekanntschaft mit Walter immer als einen Teil ihrer Ermittlungen betrachtet. Als dann der wahre Täter gefasst und der Fall abgeschlossen wurde, hatte Walter ihr eine SMS geschickt und sie gebeten, sich von ihm malen zu lassen. Monatelang hatte Franziska gezögert, ihn hingehalten und vertröstet. Und Walter hatte nicht lockergelassen, bis sie endlich zugesagt hatte. Doch das war nicht der einzige Grund, warum sie heute hier war.

Viel zu schnell hatte Franziska sich in den Bühnenkünstler verliebt, und eigentlich wäre Walter auch der Richtige für sie gewesen, wenn, ja wenn er nicht diesen speziellen Ruf gehabt hätte. In Theaterkreisen tuschelte man, dass er jede Frau, die er malen wollte, zuvor verführte. In diesem delikaten Umstand begründet lägen das Mysterium seiner wunderbaren Bilder und das Schönheitsgeheimnis einer jeden Frau, die er auf der Leinwand festhielt. Natürlich hätte Franziska das Ganze für ein Gerücht halten können. Verwirrend daran war nur, dass Walter sich nie davon distanzierte, nie das Gegenteil behauptet hatte.

Mit diesen Gedanken im Kopf öffnete Franziska der Reihe nach die Knöpfe ihres Sommerkleides, streifte die Träger über die Schultern und ließ den Stoff an ihrem Körper entlang zu Boden gleiten. Sie spürte seinen Blick auf ihrer Haut und sah auf.

„Weiter.“ Er schien völlig unbeeindruckt.

Franziska löste den Verschluss ihres Büstenhalters und streifte die Träger über die Schultern, um ihn dann, versucht gleichgültig, neben ihr Kleid fallen zu lassen. Während sie noch zögerte, trat Walter auf sie zu und schob ihr den Slip über die Hüften.

Als er sich wieder aufgerichtet hatte, ließ er seinen Blick prüfend von oben nach unten und wieder zurück wandern.

„Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“, fragte er und hob mit einer zarten Geste ihr Kinn in die Höhe, sodass sie ihn ansehen musste. Seine Augen fixierten die ihren, und Franziska wollte nur noch darin versinken, wollte vergessen, dass jeden Moment einer der Sänger hereinkommen konnte.

So standen sie dicht beieinander, die Sekunden zogen sich in die Länge, aber nichts geschah. Franziska wünschte sich, er würde endlich seinem Ruf gerecht werden, sie umarmen und küssen und was auch immer mit ihr tun, doch er sah sie nur an, mit diesem Blick, dem sie nichts entgegenzusetzen hatte. Wie ein hungriger Löwe, der beschlossen hatte, künftig als Vegetarier zu leben.

Mühsam versuchte sie, sich zu beruhigen, nahm ihren Blick von dem Mann, den sie so sehr begehrte, und ließ ihn stattdessen durch den Raum schweifen. Sie registrierte den großen Tisch, auf dem neben unzähligen Malutensilien Skizzenbücher lagen. Unter Tüchern entdeckte sie einen Stuhl, in der Ecke einen Kleiderständer und an der Wand unter dem Fenster eine Werkbank mit allerlei Gerätschaften darauf. Daneben lehnten Bilder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und Größen, und in einem Regal lagerten Papiere, Pappe, Dosen und Schachteln. Am auffälligsten aber waren die großen Holzplatten, die im hinteren Teil der Werkstatt darauf warteten, bearbeitet zu werden.

Während sie sich noch überlegte, was er wohl daraus bauen wollte, umfasste Walter auf einmal ihre Taille und hob sie wie eine Schaufensterpuppe auf das Podest.

„Entspann dich, du siehst wirklich ganz bezaubernd aus“, schnurrte er und ließ seine Hände auf ihrer Hüfte ruhen. Franziska stand ganz still, versuchte zu nicken, doch ihre Gedanken überschlugen sich, und ihr sonst so vernünftig denkendes Gehirn versagte seinen Dienst.

„Mit deinen Armen müssen wir allerdings noch etwas machen.“

Franziska sah ihn an und musste lachen. Die ganze Situation war einfach zu verrückt! Da stand sie nun, nackt und erregt vor einem Mann, der vorgab, sie zu begehren, und über dessen Verführungskünste die halbe Stadt sprach, und alles, was ihm wichtig schien, waren ihre Arme! Walter deutete ihr Lachen falsch.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Es kommt bestimmt niemand rein. Die sind doch alle mit ihrer Probe beschäftigt.“

Beim letzten Satz war seine Stimme zu einem sanften Flüstern geworden, das ihr wie ein sommerlicher Regenschauer über den nackten Körper lief.

Franziska nickte, genoss seine Worte, die langsam über ihre Haut perlten, und fühlte sich sehr sexy, als Walter seine Hände in einer sanften Bewegung so weit nach oben schob, dass sie ganz automatisch ihre Arme hob und eine weitere Welle der Erregung Franziskas Körper überflutete.

Sie schloss die Augen. Gleich würde er sie küssen. Ihre Lippen bebten in heißem Verlangen. Sie konnte sich nicht rühren, war betört von seinem Duft, dieser berauschenden Komposition aus männlichem Aftershave und seinem eigenen Körpergeruch. Sie wusste, dass er ganz nah vor ihr stand, konnte seinen Atem spüren. Sie beugte sich ein wenig vor und verging dabei fast vor Sehnsucht.

Als sie die Augen schließlich öffnete, sah er sie zufrieden an. „Das ist perfekt, bleib so, wie du bist.“

Er drehte sich von ihr weg und ging zu einem Stuhl, auf dem ein Stapel zusammengefalteter Tücher lag.

„Ich hab noch was für dich“, rief Walter, und als er zurückkam, hielt er ein großes, helles Seidentuch in der Hand und lächelte geheimnisvoll. „Sonst fühlst du dich vielleicht ein bisschen nackt …“

„Oh, ich fühle mich großartig!“, log Franziska und versuchte, wieder Herrin der Lage zu werden.

„Dann lass auch schön die Arme oben“, forderte er, und sie gehorchte.

„Ich habe heute etwas ganz Besonderes mit dir vor. Eine neue Kunstrichtung sozusagen. Es wird dir gefallen!“

„Okay“, antwortete Franziska zögerlich, und für einen Moment beschlich sie der Verdacht, es ginge ihm wirklich nur um Kunst. Doch dann wanderten seine Hände mit dem Tuch über ihren nackten Körper und brachten mit seinen Berührungen ihre Haut erneut zum Brennen. Während er den Stoff in Falten legte und mit einer Spange an der Schulter zusammenhielt, stöhnte sie leise auf und biss sich gleich darauf auf die Lippen, bis sie zu kichern begann. Sie wusste selbst nicht warum, aber auf einmal fand sie alles überhaupt nicht mehr peinlich, sondern einfach nur schön und erregend. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er nie wieder von ihr lassen dürfen.

Entsprechend enttäuscht war sie, als er sie plötzlich stehen ließ und zu seinem Arbeitstisch ging, um einen dicken Pinsel, ein Glas mit Wasser und eine Farbpalette zu holen.

Ohne ein Wort zu verlieren, stellte er das Wasser auf einen kleinen Tisch, der neben ihrem Podest stand, tunkte den Pinsel hinein und blickte auf die Farben, als gäbe es in diesem Augenblick nichts Wichtigeres zu entscheiden.

Dann sah er sie an und murmelte: „Rot. Rot wie die Liebe.“ Mit dem Pinsel nahm er Farbe auf, hob die rechte Hand und hielt einen Moment inne, bevor er sehr konzentriert begann, den Seidenstoff direkt über ihren Brustwarzen damit zu betupfen. Überrascht von der Kälte der Farbe wich Franziska ein wenig zurück, musste lachen und nahm dabei die Arme etwas herunter.

Mit einem unschuldigen Blick fragte Walter: „Warum lachst du?“

Franziska zuckte mit den Schultern, sie wusste es selbst nicht, konnte aber auch nicht aufhören. Die ganze Situation war so unwirklich. So ganz anders, als sie es erwartet hatte.

„Du musst schon stillhalten, sonst wird das nichts“, ermahnte er sie streng.

„Ja“, seufzte sie und richtete sich erneut auf. Aber auf ihrem Gesicht lag jetzt ein laszives Lächeln. Sie hatte sein verräterisches Grinsen gesehen, nur ganz kurz, aber es reichte, um seine Masche zu durchschauen.

Als Walter beim nächsten Mal den Pinsel hob, klebte ein sattes Orange an den Borsten. Damit zeichnete er die Erhebung ihrer Brüste, die Konturen der Taille und den Venushügel nach.

Von Bodypainting hatte Franziska schon gehört. Dass man ein Seidentuch direkt auf dem Körper seines Models bemalte, war ihr jedoch nicht geläufig gewesen.

„Ich hatte mir das heute irgendwie anders vorgestellt“, gestand sie kleinlaut, vielleicht, um einfach etwas zu sagen.

„So? Wie denn?“

„Na ja, ich dachte mehr an Papier oder eine Leinwand.“

„Würde dich das anmachen?“

Bei dieser Frage sah Walter sie an, doch keine Regung verriet seine Gedanken.

Franziska schüttelte fast unmerklich den Kopf. „Nein. Aber du scheinst ja auch nicht erregt zu sein.“

Das war jetzt wieder ein typischer Franziskaspruch! Immer, wenn es am schönsten war, musste sie so etwas sagen. Trotzdem war sie gespannt, wie er darauf reagieren würde.

„Woher willst du das wissen?“, fragte er lässig, aber das Grinsen, das in diesem Moment über sein Gesicht huschte, verriet ihn. Franziska konnte nicht antworten. Noch nie hatte ein Mann mit einem einzigen Blick ihren ganzen Körper so in Aufruhr versetzt.

„Na, siehst du! Und jetzt lass schön die Arme oben und sei ein braves Mädchen.“

Doch sie wollte kein braves Mädchen sein und sie wollte schon gar nicht länger die Arme über dem Kopf halten, sie wollte …

„Fertig!“ Walter legte Palette und Pinsel zur Seite und stieg zu ihr auf das Podest. Dann nahm er ihre Arme, die langsam taub wurden, und bettete sie auf seine Schultern. „Das muss jetzt noch ein bisschen trocknen, aber gleich hast du es geschafft.“ Er lächelte, beugte sich nach vorn und streifte mit seinen Lippen ihren Mund. Einmal, zweimal.

Jetzt hielt es Franziska nicht mehr aus. Stürmisch schlang sie ihre Arme um seinen Nacken, Farbe hin oder her, und zog ihn an sich. Sie wollte sich nicht länger mit diesem flüchtigen Darüberhuschen, diesem lustvollen Knabbern zufriedengeben! Es war so schön mit ihm. Nie wieder wollte sie etwas anderes, als ihn zu riechen, zu schmecken und seine Haut auf ihrer zu fühlen. Endlich ließ sie sich fallen, in ein Spiel, das nur aus Lust und Nacktheit, aus Begehren und dem Wunsch bestand, es möge niemals zu Ende gehen.

Doch schon beim ersten Klingelton wusste sie, dass es vorbei war. Für besondere Anrufer hatte sie besondere Anrufsignale, und dieses hier gehörte eindeutig zu ihrem Kollegen Hannes Hollermann.

Auch Walter ahnte, dass das Liebesspiel urplötzlich ein unerwartetes Ende fand, und ließ Franziska los, um ihre Tasche zu holen und sie ihr zu reichen. Wenn Walter sie auch noch nie so nah gespürt hatte wie an diesem Abend, so kannte er sie doch lange genug, um zu wissen, dass jetzt nicht der Moment für Verhandlungen war.

„Was gibt’s?“, fragte Franziska in ihr Handy, und ihrer Stimme haftete noch immer etwas von dem vorangegangenen Zauber an.

„Wir haben einen Toten im Oberhaus“, erklärte Hannes nüchtern. „Kommst du?“

Franziska zögerte. Was, wenn sie nicht kommen würde? Was, wenn sie einfach hier bliebe und mit Walter weitermachte? Wenn sie einfach so tat, als gäbe es kein Oberhaus, keinen Toten, keine Polizei, keine Kollegen – keine anderen?

„Ähm …“

„Wo bist du?“, fragte Hannes, weil es bei Franziska eigentlich nie ein Zögern gab.

„Wo ich bin?“ Franziska schaute sich suchend um. Wo sie war, wollte sie Hannes nicht sagen. Das ging einfach nicht.

„In einer Ausstellung“, soufflierte Walter leise.

„In einer Ausstellung“, erklärte Franziska.

„Und wo?“

„Wo?“, wiederholte Franziska verzweifelt, weil ihr Gehirn offensichtlich noch immer von zu vielen Hormonen am korrekten Arbeiten gehindert wurde.

„Auf dem Mond“, kam es diesmal von Walter.

„Auf dem Mo … Moderne Kunst. Museum für Moderne Kunst“, stotterte Franziska, verdrehte die Augen und war doch froh, dass sie noch einmal die Kurve bekommen hatte. Walter grinste und löste vorsichtig die Spange an ihrer Schulter, um sie von dem feuchten Seidentuch zu befreien.

„Na, dann hast du es ja nicht weit. Bis gleich also!“

Hannes hatte aufgelegt.

„Was sollte denn das eben mit dem Mond?“, fragte sie und schaute an sich hinunter.

„Du schienst mir so weit weg, als wärst du auf dem Mond. Das ist alles.“

Ja, dachte Franziska, aber dieser Moment musste Lichtjahre her sein. Walter brachte ihr ein Handtuch und begann, sie damit von den Farbresten zu säubern.

Doch Franziska wandte sich ab. „Ich hab keine Zeit mehr, sonst fällt es auf.“ Während sie hastig Slip, Büstenhalter und Kleid anzog, versuchte Walter immer wieder, den einen oder

anderen Fleck zu erwischen. Schließlich gab er auf, stellte sich vor sie hin und zog sie ohne zu fragen in seine Arme, und bevor sie protestieren konnte, küsste er sie mit einer solchen Leidenschaft, dass ihre Knie so weich wurden wie Butter in der Sonne. Genauso plötzlich ließ er sie wieder los, reichte ihr die Tasche und drehte sie in Richtung Tür. Dann gab er ihr einen kleinen Schubs, als wollte er nicht, dass sie sich noch einmal umsah.

„So, und jetzt erledigst du brav deinen Job, und wenn du fertig bist, machen wir genau hier weiter!“


Als Franziska auf der Straße stand und in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel kramte, war sie aufgewühlt von Walters Berührungen, verärgert über die Störung durch den Anruf, aber auch neugierig auf den neuen Fall.

Jahrelang hatte sie geglaubt, berufliches Fortkommen und der Mann fürs Leben ließen sich einfach nicht miteinander vereinbaren. Doch dann war der Bühnenbildner in ihr Leben getreten, hatte sie umworben und nicht mehr locker gelassen, bis sie endlich einem Treffen zugestimmt hatte.

Per SMS hatte er ihr damals eine gute Nacht gewünscht und dann mit seiner Schilderung aller möglichen Liebesszenen dafür gesorgt, dass sie nicht einschlafen konnte. Er hatte sich nach ihrem Beruf erkundigt, um lakonisch festzustellen, dass sie viel zu schade für diesen Job war und doch endlich seine Muse werden sollte. Als mögliche Treffpunkte hatte er die verrücktesten Orte vorgeschlagen, und wenn sie dann absagen musste, hatte er geseufzt und gemeint, er würde, wenn das so weiter ginge, noch impotent werden. Franziska hatte diese Zeit genossen und langsam eingesehen, dass sie für ihn keine schnelle Eroberung war, sondern eine Frau, für die er sich etwas einfallen ließ. Schließlich hatte sie ihr Herz in die Hände genommen und sich weich und voller Hormone auf das Abenteuer Walter Froschhammer eingelassen.

Und dann musste, ausgerechnet im allerschönsten Moment, dieses verdammte Handy klingeln. Als ob man ihr diesen Abend nicht gönnen wollte. Als ob das alles, verdammt noch mal, nicht warten konnte!

Aber natürlich konnte sie sich nicht drücken. Sie liebte ihren Job und sie musste sich beeilen, denn Hannes dachte ja, sie sei im Museum für Moderne Kunst. Von der Veste Oberhaus, die weit über der Stadt Passau emporragte, war das Museum praktisch einsehbar, und dieser Umstand sorgte dafür, dass Franziska noch einen Zahn zulegte. Versuchte sie selbst auch das Gerede der Leute zu ignorieren, so wollte sie auf gar keinen Fall, dass Hannes erfuhr, wo sie bei seinem Anruf gewesen war. Er war mehr als nur ihr Kollege. Aber das mit Walter war privat, und Privates ging Hannes nun mal nichts an, beschloss sie, während sie auf der Angerstraße an der Donau entlang fuhr. Zum Glück hatte sich der Berufsverkehr bereits beruhigt, und so kam sie relativ schnell voran, bog nach dem Tunnel zweimal links, dann scharf rechts in die Ferdinand-Wagner-Straße ein und gelangte über die Versorgungsstraße auf den Burghof, wo sie hinter dem Fahrzeug der Kriminaltechnik parkte. Der Porsche vom Chef war noch nirgends zu sehen.

Erst als sie über den Burghof ging, erkannte sie, dass sie, nach allem, was sie für diesen Abend geplant hatte, nicht für die Begehung eines Tatortes angezogen war. Das musste auch der Streifenbeamte am Eingangstor bemerkt haben, denn er musterte sie ungeniert und schenkte ihr dann ein süffisantes Lächeln.

„Durch das nächste Tor in den inneren Burghof und dann am Brunnen vorbei. Dort wartet Ihr Kollege Obermüller.“

Franziska nickte und ging in die Richtung, in die sein Finger zeigte. Im Burghof parkten ein weiteres Fahrzeug der Kriminaltechnik und ein Rettungswagen. Als sie durch die Fensterscheibe ins Fahrzeuginnere des Kriminaltechnikwagens blickte, erkannte sie an ihrem Spiegelbild, dass ihr Kleid nicht richtig geschlossen war.

„Tut mir leid, aber Sie können nicht …“ Obermüller tat, als habe er sie nicht gleich erkannt, und grinste anzüglich. „Wird in deinem Kleid vielleicht ein bisschen kalt da unten“, gab er schließlich zu bedenken und reichte Franziska die Hand.

„Danke für den Tipp!“ Franziska versuchte es mit einem Lächeln. „Wo liegt er?“

„Komm mit, ich zeig‘s dir.“Mit schnellen Schritten stürmte Obermüller die Stufen hinunter, und Franziska hatte Mühe, ihm zu folgen.

„Franziska ist da“, rief Obermüller übertrieben geschäftig, woraufhin Hannes im Türrahmen erschien und sie abschätzend betrachtete.

„Du hast da was“, sagte der statt einer Begrüßung trocken und wischte mit dem Finger über einen Punkt unterhalb ihres Schlüsselbeines.

Franziska versuchte seinem Blick zu folgen.

„Farbe“, entschied Hannes, nachdem er seinen Finger inspiziert hatte. „Hast du nicht gesagt, du warst bei einer Ausstellung?“

„Ja. War ich auch.“

„Komisch. Ich dachte immer, bei einer Ausstellung sind die Bilder bereits fertig.“ Der junge Kommissar machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Nicht immer“, wich Franziska aus und versuchte es mit einem gewinnenden Lächeln. „Bist du schon lange hier?“

„Seit einer dreiviertel Stunde.“

„Aha. Dann kannst du mir doch bestimmt schon etwas über den Toten sagen?“ „Ähm, ja.“ Hannes schaute ein letztes Mal irritiert auf ihr Schlüsselbein und wandte sich dann abrupt ab, um mit einem großen Schritt über die Blutlache zu steigen, die sich von der Mitte des Raums bis zum Türrahmen gebildet hatte. Franziska betrachtete den bereits geronnenen, dunkel verfärbten Fleck, der sich auf dem Eichenholzparkett gebildet hatte, und tat es Hannes gleich.

An einer Wand des Raums stand ein Gerüst für die bereits anskizzierten Malerarbeiten, auf dem Boden lagen einige verpackte Gegenstände, die Franziska nicht gleich erkannte. Das kann warten, dachte sie, denn erst wollte sie die Kollegen begrüßen und Näheres von ihnen erfahren. Sie schickte eine Begrüßung in den Raum und drehte sich dann zu Hannes um, der vor dem Toten stehen geblieben war.

„Der Mann heißt Xaver Mautzenbacher und ist zweiundvierzig Jahre alt. Als er gefunden wurde, hatte er seinen Ausweis, eine Kreditkarte, zwanzigtausend Euro Bargeld sowie eine Rolex und einen Schlüsselbund bei sich“, begann Hannes die wichtigsten Fakten aufzuzählen, während Franziska erstmals in das bleiche Gesicht des toten Mannes blickte.

Seine Augen waren geschlossen, der Mund dagegen geöffnet, wie bei jemandem, der auf einer langen Busfahrt eingeschlafen ist. Die Haut schien bereits ein wenig wächsern. Er lag in einer Embryo ähnlichen Stellung ein Stück von der Wand entfernt, wobei die Blutspur zeigte, dass er nicht von Anfang an dort gelegen haben konnte. Neben ihm auf dem Boden lag ein zur Hose passendes dunkles Jackett. Der Tote trug ein Hemd, das einmal weiß gewesen war, eine Krawatte und schwarze Schuhe. Das Hemd war blutgetränkt und so weit aufgerissen, dass Franziska die klaffende Wunde am Bauch mühelos sehen konnte.

„Er muss halb sitzend hinter der Tür gekauert haben“, erklärte Hannes die Position und Lage der Leiche und fing Franziskas fragenden Blick auf. „Die Kollegen mussten ihn zur Seite schieben, um die Tür zu öffnen. Anni hat auch schon eine Theorie.“

Als Annemarie Michl, die Chefin der Kriminaltechnik, ihren Namen hörte, sah sie vom Boden auf, und als sie Franziska erkannte, ließ sie von ihren Fundstücken ab, erhob sich und kam auf sie zu.

„Den Blutspuren zufolge muss er sich an der Tür angelehnt haben, daraus schließe ich, dass er ursprünglich davor saß.“ Franziska fixierte die Blutlache, über die sie beim Eintreten gestiegen war, anschließend den Toten. So wie er jetzt dalag, hätte sie sich nie bilden können.

„Hast du schon eine Vorstellung davon, wie es passiert ist?“, fragte sie die Kollegin und sah sich weiter im Raum um.

„Mit dieser Prunkpartisane.“ Annemarie ging zurück zu der Stelle, an der sie gerade gearbeitet hatte, bückte sich und hob eine in Plastikfolie gewickelte altertümliche Waffe in die Höhe. „Hier!“ Sie reichte Franziska eine Lanze, die diese an der langen dunklen Holzstange, an der eine Blattklinge befestigt war, ergriff. „Er muss sie sich aus dem Bauch gerissen haben und ist dann auf allen Vieren zur Tür gekrochen, konnte sie aber nicht öffnen.“

Franziska betrachtete die Waffe näher und blickte dann fragend Annemarie an.

„Wie sagtest du, heißt das Ding?“

„Prunkpartisane. Stammt aus dem Jahre 1689. Im Mittelalter nannte man die Dinger auch Stoßlanze, und als solche muss sie der Täter auch verwendet haben. Geführt wurden sie von der Leibgarde des Fürstbischofs.“

Die Kommissarin nickte anerkennend. „Was du alles weißt, Anni!“

„Da drüben hängt noch eine alte Tafel mit einer Abbildung der Partisane und einer Beschreibung“, gab Annemarie unumwunden zu. Mit der Waffe in der Hand beugte sich Franziska über den Toten. Sein Gesicht war entspannt, und wenn sie nicht besser über diesen Umstand Bescheid gewusst hätte, hätte sie gedacht, er habe im Sterben noch genug Zeit gefunden, um einen letzten zufriedenen Blick auf sein Leben zu werfen.

Als sie wieder aufsah, stand der Notarzt neben ihr. Er hatte seinen Koffer gepackt, seine Arbeit war getan.

„Ah, Dr. Buchner. Sagen sie, woran ist der Mann Ihrer Meinung nach gestorben?“ Konzentriert fokussierte sie den Mediziner. Buchner war ein routinierter Notarzt, der schon viel gesehen und erlebt hatte. Manches hatte Spuren in seinem gütigen Gesicht hinterlassen. Ihr gefiel seine bedachtsame, freundliche Art, die er niemals ablegte, auch dann nicht, wenn es richtig schlimm wurde. Die Kommissarin vertraute ihm und seinem Urteil vollkommen.

„Ich denke, er ist verblutet. Zumindest sieht es danach aus. Aber Näheres können …“

„… die Kollegen in der Rechtsmedizin in München besser beurteilen. Ich weiß.“ Franziska nickte. „Trotzdem wüsste ich gern, was Sie darüber denken. Sie wissen doch, ich schätze Ihre Meinung.“ Sie schenkte ihm ein aufforderndes Lächeln und fügte verschwörerisch hinzu: „Bis die in München fertig sind …“ Sie beendete den Satz absichtlich nicht. Mit Erfolg: Geschmeichelt erwiderte Buchner ihr Lächeln und setzte zu einer Erklärung an.

„Ich würde Folgendes vermuten: Die Blattspitze ist oberhalb des Nabels in den Bauch eingedrungen und hat spätestens beim Herausziehen die Aorta aufgerissen.“

„Was soll das heißen, die Lanze ist in den Bauch eingedrungen? War es vielleicht Suizid?“

In Franziskas Stimme lag die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Ermittlungen.

„Also, das will ich jetzt wirklich nicht entscheiden“, druckste er herum und sah Hilfe suchend zu Annemarie.

„Zumindest weist nichts auf einen Kampf hin. Die Unordnung hier scheint von den bevorstehenden Umbaumaßnahmen zu kommen. So wie der Staub, in dem sich zahlreiche Fußabdrücke verewigt haben.“ Annemarie kratzte sich müde am Kopf und stöhnte. „Nichts Eindeutiges, und vor morgen läuft da gar nichts.“

„Na, das ist doch prima“, fiel Franziska ein. „Dann können wir alle so schnell wie möglich wieder nach Hause auf unser gemütliches Sofa.“

„Ich dachte, du warst in einer Ausstellung?“, wunderte sich Hannes.

„Äh, ja, das sagt man doch so, oder?“, Franziska war genervt. Sie wollte nichts weiter als einen freien Abend für alle herausschlagen.

„Wie auch immer, vergiss deinen freien Abend!“ Annemaries Stimme duldete keinen Widerspruch.

Ohne auf Hannes und Franziska zu achten, beugte sie sich über eine Asservatenkiste und holte ein in Folie gewickeltes Handy heraus. „Sein Telefon lag direkt neben ihm, und die letzte gespeicherte Nummer ist die 110. Das war übrigens um 14 Uhr 33.“

„Er könnte es sich anders überlegt haben und wollte Hilfe holen“, spekulierte Franziska, bis ihr langsam dämmerte, dass etwas nicht stimmte. „Um 14 Uhr 33, sagst du. Und warum sind wir erst jetzt hier?“

„Er hatte keinen Empfang.“ Annemarie zeigte mit dem Kopf zur Wand. „Wir sind im Keller.“

„Trotzdem, das spricht noch nicht für einen Mord“, beharrte Franziska. Sie beugte sich über die Körpermitte des Toten, um sich dessen Bauchwunde genauer ansehen zu können. „Was ist mit dem Gürtel? War der schon offen, oder habt ihr ihn geöffnet?“

Annemarie zuckte die Schultern und schaute Buchner an, der nach der Streife als Erster am Tatort angekommen war. Er nickte. „Das Hemd musste ich aufreißen. Der Gürtel dagegen war offen“, sagte er, ohne darüber zu spekulieren, welchen Sinn das machen könnte.

Franziska stöhnte resigniert und hielt die eingepackte Partisane dicht vor die klaffende Wunde. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie in den Bauch des Toten eingedrungen war, und bat Mona, die Szene mit der Kamera festzuhalten.

„Möchtest du mit drauf sein?“, fragte Mona und hob die Kamera weit über ihren Kopf. Mithilfe des drehbaren Displays richtete sie das Objektiv aus.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Franziska verwundert und sah die Kriminaltechnikerin, die gut einen Kopf kleiner als sie war, streng an.

„Gut, du hast da nämlich was.“Mona lächelte verschmitzt und deutete auf die Stelle unterhalb von Franziskas Schlüsselbein, die Hannes schon zuvor bemerkt hatte.

Als Mona mit dem Fotografieren fertig war, sah Franziska in die Runde und fragte erneut: „Also, was ist jetzt? Mord oder Suizid?“

Als niemand reagierte, mutmaßte sie weiter und merkte gar nicht, dass sie sich dabei immer weiter vom gewünschten Resultat entfernte. „Wenn ich mich töten will, indem ich mir diese Blattklinge in den Bauch stoße, dann muss ich die Holzstange ganz nah an der Metallklinge greifen.“ Sie zeigte mit leeren Händen, was sie meinte. „Und sie mir dann mit voller Wucht durch das Hemd in den Bauch stoßen.“ Sie hielt kurz inne, weil das passende Bild vor ihrem inneren Auge nicht entstehen wollte. „Wir wissen, dass Suizidenten oft davor zurückschrecken, die eigene Kleidung zu ruinieren. Warum aber öffnete er die Hose und nicht das Hemd?“

Sie sah sich um, doch keiner hatte eine Erklärung dafür.

„Und ich frage mich, wie du das machen willst. Die Holzstange ist fast zwei Meter lang und so schwer, dass du die Waffe kaum waagrecht halten kannst.“ Annemarie grinste sie frech an.

Franziska warf einen Blick auf die Statur des Toten und meinte lapidar: „Er hatte sicher mehr Kraft als ich.“

„Vielleicht hat er sie zwischen Boden und Wand geklemmt und sich dann hineingestürzt“, versuchte Hannes, eine Erklärung zu liefern. Man spürte aber, dass ihm bei dieser Überlegung nicht wohl war.

„Ja, das könnte sein“, nickte Franziska. „Aber, ob ein Mensch so kaltblütig sein kann?“

„Letztendlich wird uns diese Frage die Rechtsmedizin beantworten müssen. Nur die können anhand des Winkels sagen, ob die Spitze von unten oder von vorn eingedrungen ist. Wobei“, Anni wog die Tatwaffe erneut abschätzend in der Hand und sah sie prüfend an, „wenn er sich hineingestürzt hätte, dann müsste sich viel mehr Blut am Schaft befinden. Und“, sie zögerte, bevor sie ihre Einsicht kundtat, „wäre er dann mit der Waffe im Bauch bis zur Mitte des Raumes gegangen, hätte sie sich dort herausgerissen, auf den Boden geworfen, wäre zusammengebrochen und schließlich auf allen Vieren bis zur Tür gekrochen, nur um festzustellen, dass die verschlossen war?“

Es lag nicht unbedingt an der Schilderung, die allen den Atem verschlug. Vielmehr war es die Tatsache, dass die Tür verschlossen war. Von außen verschlossen.

Vom Täter verschlossen?

„Warum sagst du das nicht gleich?“, fragte Franziska nicht unfreundlich.

Entschuldigend hob Annemarie die Hände.

„Abwehrspuren gibt es jedenfalls nicht“, ergänzte Dr. Buchner, der mit seiner Tasche in der Hand das Gespräch verfolgt hatte.

Franziska überlegte, was diese zwei neuen Erkenntnisse zu bedeuten haben könnten. „Er hat den Täter gekannt und ist von dessen Angriff wahrscheinlich völlig überrumpelt worden.“ Sie hielt einen Moment inne. „Es könnte sogar sein, dass er sich arglos mit ihm hier getroffen hat, während der Täter alles geplant hatte und die Kaltblütigkeit besaß, sein blutendes Opfer eingesperrt zurückzulassen.“

„Vielleicht ging der Täter davon aus, dass sein Opfer Hilfe holen könnte“, versuchte es Hannes mit einer anderen Version, bis ihm auffiel, dass es noch viel perfider gewesen sein musste. „Der Täter wusste, dass es hier keinen Empfang gab. Er kannte sich aus, schließlich hatte er einen Schlüssel.“

„Wer hat ihn eigentlich gefunden?“, fragte Franziska. Sie wollte herausfinden, ob derjenige auch als Täter infrage kam.

„Die Direktorin des Museums entdeckte Blut auf dem Boden unter der Tür und rief uns an, weil sie sie nicht öffnen konnte“, wusste Hannes von den Streifenbeamten.

„Und wo ist sie jetzt?“

„In ihrem Büro. Im Gästehaus. Sie war dabei, als unsere Kollegen die Tür aufgeschoben und den Toten gefunden haben, und das ging ihr ziemlich nah.“

„Wo ist das Gästehaus?“

„Wenn du die Treppe raufgehst rechts, und dann gleich gegenüber.“

„Dann werde ich sie dort mal besuchen, vielleicht ist ihr ja sonst noch was aufgefallen“, entschied Franziska und sah Hannes an. „Wo bleibt eigentlich der Chef?“

Hannes schaute auf seine Uhr. „Er wollte so gegen acht kommen.“ Franziska versuchte, auf seine Uhr zu schielen. „Noch gut fünfzehn Minuten“, ergänzte Hannes.

Super, dachte Franziska und vergaß für einen Moment den Tatort, ich lass alles stehen und liegen und der Chef sagt einfach: Ich komme gegen acht.

„Was ist eigentlich mit dem Geld?“

Hannes nickte Annemarie zu, die den Beutel mit den zwanzigtausend Euro aus der Asservatenkiste holte und ihn in die Höhe hob. „Alles da!“

Franziska schmunzelte, als sie den überkorrekten Eifer der beiden sah. „Mich interessiert lediglich, wo ihr den gefunden habt.“ Kopfschüttelnd grinste Franziska die beiden an.

„Es war in seinem Sakko, in der Innentasche“, sagte Hannes. Franziska blickte auf das Jackett, das in einem Plastikbeutel neben dem Toten lag, und Annemarie beeilte sich zu versichern, dass das bei ihrem Eintreffen an der Stelle gelegen habe, wo die Blutspur begann, und dass Mona alles im Originalzustand fotografiert habe.

Franziska schüttelte den Kopf und stöhnte. Sie hätte gern

tief durchgeatmet, doch die Luft in diesem Raum war einfach zu stickig. Es roch nach süßem, schwerem Tod. Nichts, was sie besonders verlockend fand.

„Mir schwirrt schon der Kopf.“ Zum Zeichen, dass sie es ernst meinte, verdrehte sie die Augen.

„Wie sagtest du, heißt die Direktorin?“

„Halmgaard, Samantha Halmgaard“, las Hannes von seinen Notizen ab. Zum Dank klopfte Franziska ihm auf die Schulter und verließ den Tatort.


Kaum hatte die Kommissarin den Burghof überquert, stand sie auch schon vor einer der hölzernen Eingangstüren, die zum ehemaligen Gästehaus führten. Die Tür war versperrt, weshalb Franziska klingelte, und die Zeit, in der sie auf die Museumsdirektorin wartete, dazu nutzte, um den viel beachteten Farbfleck unterhalb ihres Schlüsselbeines zu entfernen. Dann hörte sie auch schon das leise Knarzen der Tür, die sich nur schwerfällig in den Angeln bewegte, und erblickte schließlich eine zierliche Frau, die sie mit großen Augen fragend ansah.

„Ja, bitte?“

„Oberkommissarin Franziska Steinbacher von der Mordkommission Passau.“ Sie zückte ihren Ausweis. „Sie sind Frau Halmgaard?“

Die Museumsdirektorin nickte, während sie Franziskas Papiere studierte, und gab der Kommissarin damit Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Ihr Kostüm saß perfekt, die braunen Haare waren zu einer raffinierten Hochsteckfrisur arrangiert, das Make-up war dezent.

„Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen.“

„Ja, natürlich. Kommen Sie doch rein.“ Samantha Halmgaards Stimme war angenehm, der Händedruck fest.

Während sie nacheinander die ausgetretenen Steinstufen hinaufstiegen, fiel hinter ihnen die Eingangstür geräuschvoll ins Schloss. Franziska erschrak ein wenig, weil sie gerade fasziniert die hohen zweifarbigen Lackpumps Samantha Halmgaards inspiziert hatte. Solche Schuhe trugen nur wenige Frauen, vor allem, wenn sie tagtäglich über Pflaster und Kies gehen mussten.

„Wissen Sie denn schon, wie es passiert ist?“, fragte Samantha Halmgaard, nachdem sie die Tür zu ihrem Büro geschlossen hatte.

„Allem Anschein nach wurde der Mann erstochen“, erklärte Franziska und beobachtete das Gesicht der Direktorin.

„Erstochen, sagen Sie?“ Die zierliche Frau erschauderte.

„Ja, mit einer Partisane.“

„Doch nicht mit einer der historischen Prunkpartisanen?“

Die Kommissarin nickte.

„Oh, mein Gott, das ist ja furchtbar!“ Samantha Halmgaards Gesicht zeigte blankes Entsetzen. Franziska sah ihr an, dass sie wusste, von welcher Waffe die Kommissarin sprach. Doch eine Sekunde später hatte die Direktorin ihre Emotionen wieder unter Kontrolle. Mit einer einladenden Handbewegung zeigte sie zu einer kleinen Tischgruppe. „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“

Franziska wählte den Sessel, von dem aus sie den ganzen Raum im Blick hatte, und setzte sich. Ungefragt schenkte die Hausherrin Wasser in zwei Gläser ein und setzte sich ebenfalls.

„Wer tut so etwas?“

„Ich hoffe, dass Sie mir bei der Beantwortung dieser Frage helfen können.“ Franziska lächelte kurz und konzentrierte sich auf das Gesicht ihres Gegenübers.

„Ja, natürlich. Wenn Sie mir sagen, wie …“

„Zunächst einmal müsste ich wissen, wer alles einen Schlüssel zu der Tür hatte, hinter welcher der Tote gefunden wurde.“

Die Direktorin nickte, als habe sie schon die ganze Zeit auf diese Frage gewartet. „Normalerweise ist dieser Raum ja nicht abgeschlossen. Aber soweit ich weiß, gibt es zwei Schlüssel.“ Sie hielt kurz inne, schloss die Augen und massierte sich mit den Fingerspitzen beider Hände die Schläfen. Dabei blitzte ein funkelnder Diamantring im Licht der Deckenlampe auf. Fasziniert sah Franziska dem Lichtspiel zu.

„Bitte entschuldigen Sie, aber das war heute alles ein bisschen viel. Wie war noch einmal Ihre Frage?“

Franziska lächelte nachsichtig. „Ich wollte wissen, wer alles einen Schlüssel hatte.“

„Ah ja, natürlich.“ Samantha Halmgaard ließ die Hände in den Schoß sinken und richtete sich auf. „Einen Schlüssel habe natürlich ich, er liegt immer in meinem Schreibtisch, und den zweiten habe ich dem Maler gegeben, der den Raum gerade umgestaltet.“

„Das heißt nur Sie und der Maler hatten Zugang zu dem Raum?“, kombinierte die Kommissarin.

„Im Moment. Ja, das ist richtig.“

Franziska gab sich mit dieser Antwort zufrieden undwechselte das Thema. „Wie kam es eigentlich, dass Sie den Toten gefunden haben?“

„Ich … Es war purer Zufall. Ich wollte mir die Skizzen des Malers ansehen, bevor morgen die Ausmalarbeiten beginnen.“ Samantha Halmgaard rückte ihre Brille zurecht und versuchte, sich zu konzentrieren. „Als ich auf die Tür zuging, sah ich die Blutlache. Das heißt, zunächst dachte ich, es sei verschüttete Farbe, und ich ärgerte mich, weil ich fürchtete, dass das schöne Parkett ruiniert sei.“

„Und?“

„Ich schloss die Tür auf und stellte fest, dass sie sich nicht öffnen ließ. Es war ganz merkwürdig. Ich spürte ja, dass sie offen war, aber sie wollte einfach nicht nachgeben. Da bückte ich mich noch einmal, um mir die Flüssigkeit genauer anzusehen, und stellte fest, dass es Blut war.“ Samantha Halmgaard schaute auf den Zeigefinger ihrer rechten Hand, als haftete noch immer das Blut des Toten daran.

„Sie können sich bestimmt vorstellen, wie entsetzt ich war, als die Polizei die Tür schließlich aufdrückte und wir diesen Mann auf dem Boden entdeckten.“

„Haben Sie den Mann schon einmal hier gesehen?“

Die Direktorin schüttelte gedankenverloren den Kopf und schloss erschöpft die Augen. „Es war einfach grotesk, er sah so friedlich aus, und dann das viele Blut auf dem Boden. Ich glaube, das war alles ein bisschen viel für meine Nerven.“

Müde öffnete sie die Augen und sah die Kommissarin an. „Aber wissen Sie, was wirklich seltsam war? Mir ist erst später aufgefallen, dass ich gar nicht mit meinem Schlüssel aufgeschlossen habe, sondern mit dem, der die ganze Zeit über im Schloss steckte.“

Zur Bekräftigung ging sie zu ihrem Schreibtisch und holte einen weiteren großen Schlüssel heraus, der genau wie der aussah, der bereits am Tatort sichergestellt worden war.

„Gut, dann spreche ich mit dem Mann, der den zweiten Schlüssel hatte. Wenn Sie mir bitte seinen Namen und die Adresse geben, unter der ich ihn erreichen kann.“

„Sie glauben doch nicht, dass Froschhammer …“ Die Direktorin schien zu überlegen und zuckte dann unentschieden mit den Schultern, was Franziska jedoch kaum noch beachtete.

„Froschhammer“, wiederholte sie tonlos und dachte für einen Moment, der Boden gäbe unter ihren Füßen nach. Soweit sie wusste, gab es nur einen Maler, der Froschhammer hieß. Walter Froschhammer.

„Ja“, bestätigte die Direktorin inzwischen überzeugter und sprach weiter. „Ich suche Ihnen die Adresse heraus, sie muss hier irgendwo stehen.“

Erleichtert registrierte Franziska, dass die Direktorin aufstand, zu ihrem Schreibtisch ging und in einem Adressbuch blätterte. Bestimmt war ihr Gesicht so bleich wie das blutleere Antlitz des Toten! Sie stand auf und ging zum Fenster, als interessierte sie sich urplötzlich für das Altstadt-Panorama, das sich dem Betrachter von hier aus bot.

Dabei schien die Direktorin ihre Nervosität gar nicht zu bemerken. „Hier ist die Adresse, es ist eigentlich ganz einfach zu finden, Sie müssen nur …“

„Kann es denn sein, dass jemand diesen Schlüssel ohne Ihr Wissen nachmachen ließ?“, fiel Franziska ihr ins Wort. Alles, nur nicht Walter, dachte sie und bemerkte selbst, dass sie bereits auf der Suche nach einer Entschuldigung für Walter war.

„Ich wüsste offen gestanden nicht, welchen Grund es dafür geben sollte. Der Raum ist ja normalerweise immer zugänglich.“

„Und seit wann hatte Froschhammer den Schlüssel?“, überging Franziska ihre Erklärung und spürte, wie ihr die Stimme entglitt.

„Seit Freitag.“

Die Kommissarin wandte sich vom Fenster ab. „War Froschhammer heute im Haus?“ Sie hielt die Luft an und schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

„Ja. Das weiß ich zufällig, weil er kurz bei mir vorbeischaute.“ Samantha Halmgaard lächelte, als sei sie mit dem Verlauf des Gespräches sehr zufrieden, während Franziska verzweifelt versuchte, ihre Betroffenheit nicht allzu offensichtlich zu zeigen.

„Und wissen Sie auch noch, wann das war?“

„Es muss so gegen zwei gewesen sein. Er sagte, er wäre mit den Vorarbeiten fertig und fange morgen mit dem Ausmalen an. Wenn ich wollte, könnten wir es uns gemeinsam ansehen. Ich sagte, jetzt wäre es schlecht, aber ich würde es mir auf jeden Fall heute noch anschauen. Dann ist er gegangen.“

„Und wie lange blieb er bei Ihnen?“

„Nicht lange. Er schien es eilig zu haben.“

„Eilig wegzukommen?“

„Also, das ist jetzt nur eine Vermutung von mir, aber ich denke, er hatte noch etwas vor. Er schien irgendwie … aufgeregt zu sein.“

„Hat er Ihnen etwas erzählt?“

Samantha Halmgaard überlegte, schüttelte aber den Kopf und fragte dann mit aufgebrachter Stimme: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Walter Froschhammer den Mann getötet hat?“

Franziska zuckte die Schultern. Was sie glaubte, war in diesem Fall völlig unwichtig.

„Wir müssen alles in Betracht ziehen“, antwortete sie schließlich. Es war ein Automatismus. Sie hatte diesen Satz schon hunderte Male, in hunderten von Situationen gesagt, aber nie, nie vorher, war er ihr so grausam vorgekommen, wie in diesem Moment.


Kaum hatte er sich am Telefon gemeldet, da blaffte ihn auch schon eine wütende Stimme an. „Hey, du kleiner Wichser, was sollte die Scheiße heute?“

„Was?“ Er musste sich verhört haben. Seit Stunden wartete er auf eine Nachricht. Hoffte, dass alles gut gegangen war. Und jetzt dieser bizarre Satz.

„Sie müssen sich verwählt haben!“, sagte er schließlich mit fester Stimme und hoffte, dass das eine angemessene Reaktion war. Während er sich krampfhaft überlegte, wie er das Gespräch zügig beenden konnte, versuchte er gleichzeitig, die auflodernde Erinnerung zurückzudrängen. Als er gerade auflegen wollte, begann der Anrufer zu schreien. „Verarsch mich nicht, du weißt genau, wer ich bin und was ich will!“

„Nein“, antwortete er gedehnt, und es fiel ihm endlich wie Schuppen von den Augen, zu wem die Stimme gehörte.

„Wir waren verabredet. Du wolltest mir etwas geben!“, mahnte der Anrufer. Der Satz klang nach einer weiteren Chance. Und auf einmal, von einer Sekunde auf die andere, kamen ihm die Bilder seiner schlimmsten Erfahrung in den Sinn. Niemals würde er diesen Abend vergessen.

„Aber … aber ich dachte …“ Er fühlte sich auf einmal so hilflos. Was war nur schief gegangen?

„Du dachtest? Sieh einmal an, und ich dachte, du nimmst immer nur!“

Ein höhnisches Lachen löste die Beschimpfung ab, woraufhin er den Hörer in die andere Hand nahm, um sich die verschwitzte Hand an seiner Hose abzuwischen. Er war sich jetzt ganz sicher. Die Stimme gehörte zu Samstagabend. Angst floss wie schwarzer Teer durch seine Brust. Er brauchte Zeit. Er musste nachdenken! Aber Zeit gab ihm der andere nicht.

„Wenn du also denken kannst, dann solltest du dir ganz schnell einfallen lassen, wie du deinen Kopf retten willst. Oder hast du gedacht“, er spuckte das Wort förmlich in den Hörer, „du könntest mich hintergehen? Seit heute Nachmittag bist du vogelfrei! Hörst du? Jeder, der Bock darauf hat, kann dich jetzt abknallen. Gefällt dir die Aussicht?“

„Wie?“, fragte er kleinlaut und schwitzte noch mehr. Er war sich jetzt ganz sicher, dass etwas schief gegangen war.

„Dich zu finden wird eine Kleinigkeit sein. Was sie mit dir machen? Keine Ahnung! Aber es sind ziemlich viele, und sie sind ziemlich sauer auf dich. Denen wird schon was einfallen. Wut ist die Tochter der Enttäuschung, und deren Kind heißt Vergeltung“, erklärte der Mann und fügte fast mitleidig hinzu: „Wie bist du nur auf die Idee gekommen, bei einer so beschissenen Nummer mitzumachen?“

Angestrengt lauschte er in den Hörer, aber es klang tatsächlich so, als wolle der andere seine Erklärung hören. Erneut schöpfte er Hoffnung.

„Das verstehe ich auch nicht“, versuchte er den Anrufer zu beschwichtigen.

„Wie bitte?!“, schrie der Mann am anderen Ende der Leitung, und es klang jetzt überhaupt nicht mehr freundlich.

„Ich weiß es doch auch nicht …“, antwortete er mit weinerlicher Stimme.

„Du willst mich tatsächlich verarschen!“

„Nein. Nein!“

„Nein, was?“

„Nein, ich will dich nicht verarschen.“

„Das würde ich dir auch nicht raten …“ Die Stimme des Anrufers war jetzt wieder zuckersüß. „Du hast exakt noch eine Chance: Du lieferst, und zwar mit Zins und Zinseszins, weil sonst …“ Sein Lachen klang hämisch. „Wir sehen uns wieder!“

Vor Schreck fiel dem Mann der Telefonhörer aus der Hand. Rasch bückte er sich, konnte aber nur noch die letzten Worte des Anderen hören: „Ich melde mich!“

Apathisch blieb er sitzen und starrte auf den Hörer, bevor er ihn vorsichtig auf die Station zurücklegte und sich vergewisserte, dass die Verbindung auch wirklich unterbrochen war. Seine Hände zitterten. Sein Körper bebte. Er war noch nie mutig gewesen. Er hatte sich einfach darauf verlassen, dass alles gut gehen würde! Dabei hätte er doch wissen müssen, dass es in jedem Spiel Gewinner und Verlierer gab. Geben musste. Wann war er eigentlich auf die Idee gekommen, von jetzt an zu den Gewinnern zu zählen?

Als er aufsah, hatte er das Gefühl, draußen einen Schatten vorbeihuschen zu sehen. Hastig sprang er auf und ließ die Rollos herunter. Aber sicher fühlte er sich deshalb noch lange nicht. Er wusste ja noch nicht einmal, wie viele es waren.


„Machen Sie sich schon mal ein Bild von der Lage“, hatte der Chef am Telefon zu Hannes gesagt, nachdem ihn dieser über den Leichenfund im Oberhaus informiert hatte. „Ich übernehme dann.“

Zuerst hatte Hannes sich darüber geärgert, wie sein Chef ihn behandelte. Frei nach dem Motto: Der kleine Hannes macht die Vorarbeit, und der große Schneidlinger übernimmt, wenn es interessant wird. Doch dann hatte er die Chance erkannt und Franziska angerufen, um sie mit ins Boot zu holen. Wenn Schneidlinger später kam, könnten sie beide, als eingespieltes Team, zeigen, dass auf sie Verlass war.

Doch Franziska war an diesem Abend eine große Enttäuschung. Und sie hatte ihn angelogen. Nichts Dramatisches, aber es hatte ihn geärgert. Was sollte das mit der Ausstellung und der ganzen Farbe an ihrem Dekolleté? Sie hatte ein Date gehabt und wollte nicht darüber reden. Nun, sollte sie doch, aber musste sie ihn deshalb mit so einer billigen Ausrede abspeisen?

„Kommissar Johannes Hollermann“, so hatte er sich schon als kleiner Bub beim Spielen mit seinen Freunden vorgestellt und gewusst, wenn er erst einmal groß war, dann würde er zur Polizei gehen. Und groß war er geworden, fast ein bisschen lang, und dank seiner Gene und dem ständigen Radeln sehr schlank. Beruflich gesehen hatte in seinem Leben bisher alles ganz gut geklappt. Nur der Tod seiner Freundin Mira hing ihm noch immer nach. Wegen ihr war er vor einem guten Jahr zur Mordkommission gewechselt. Den Grund hatte er niemandem genannt, und inzwischen war es auch egal. Er mochte den Job und seine Kollegin Franziska, und so war er auch an diesem Abend voll bei der Sache. Trotz oder vielleicht gerade weil sie so taten, als sei er noch immer der kleine Bub, der davon träumte, ein großer Held zu sein.

In der letzten halben Stunde hatte sich Hannes um die wenigen Besucher gekümmert, die zum Zeitpunkt des Leichenfundes noch auf dem weitläufigen Burggelände gewesen waren und vielleicht etwas von der Tat mitbekommen hatten. Wie zu erwarten, war seine magere Ausbeute nicht dazu geeignet, um seine Stimmung zu heben.

Das änderte sich erst, als er zurück zum Tatort kam. Schon von draußen hörte er Schneidlingers Stimme, und als er durch die alte Eichenholztür in den Kellerraum trat, sah er

ihn mit der Chefin der Kriminaltechnik neben dem Toten stehen. Der ‚neue‘ Chef, wie er von den Kollegen betitelt wurde, bis er sich seinen endgültigen Spitznamen verdient hatte, trug auch an diesem heißen Juniabend einen tadellos sitzenden Anzug, eine Krawatte und schwarze Lackschuhe, und Hannes musste zugeben, dass ihm dieser Aufzug sehr gut stand.

Als Annemarie ihn sah, lächelte sie ihn an und rief ihm zu: „Ah, Hannes, gut, dass du kommst, der Chef ist jetzt auch endlich da!“

So eine Spitze konnte sich nur Annemarie leisten. Sie hatte weder Mann noch Kind und war es nicht gewohnt, sich von irgendjemandem Vorschriften machen zu lassen.

Ohne auf den verbalen Seitenhieb einzugehen, beendete Schneidlinger das Gespräch mit Annemarie. „Na, wie ist es gelaufen?“, raunte er Hannes zu und sah ihn komplizenhaft an. Fehlte nur noch, dass er ihm vertrauensvoll den Arm um die Schultern legte, dachte Hannes.

„Der Mann heißt Xaver Mautzenbacher, ist zweiundvierzig Jahre alt …“ Gewissenhaft zählte Hannes erst die Fakten und dann ihre Schlussfolgerungen auf.

Schneidlinger, der seine Hände so aneinandergelegt hatte, dass sich die Fingerspitzen berührten, wippte, während er seinem Mitarbeiter aufmerksam zuhörte, mit dem Oberkörper sanft vor und zurück.

„Gute Arbeit, Kollege“, sagte er, als Hannes seinen Bericht beendet hatte und aus dem Augenwinkel heraus Franziska kommen sah.

„Ach, Frau Steinbacher, wie schön!“

Franziska nickte zum Gruß, und Hannes sah den Ärger in ihrem Gesicht. Schneidlingers Begrüßung hörte sich an, als habe er eine Stunde auf sie gewartet und nicht sie auf ihn.

„Der Tote wurde übrigens von der Museumdirektorin gefunden“, verkündete Hannes, um seinen Bericht zu beenden und an Franziska abzugeben.

„Ja“, bestätigte diese und nahm den Faden auf, „und Frau Halmgaard sagt, es gibt zwei Schlüssel, einen hat sie und einen …“

„Samantha Halmgaard?“

„Ja“, bestätigte Franziska irritiert und verstand offensichtlich nicht, was daran so wichtig war.

„Das gibt’s ja nicht! Wie klein ist denn diese Welt?“ Schneidlinger beugte sich ein wenig vor und fügte erklärend hinzu: „Wir haben während des Studiums zusammengewohnt. Also, in einer WG natürlich. Sie studierte Geschichte. Eine sehr ehrgeizige Frau. Ich wusste schon damals: Sie wird es einmal zu etwas bringen.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander und begann wieder zu wippen, bis er grinsend hervorstieß: „Direktorin des Oberhausmuseums. Nicht schlecht!“

„Könnte man sagen“, ging auch die Kommissarin auf seinen Ton ein und erklärte dann etwas sachlicher: „Ich habe gerade mit ihr gesprochen.“

„Und? Wie sieht sie aus? Immer noch sehr hübsch?“

Franziska sah ihn ungläubig an, dann nickte sie. „Äh … ja!“

„Das dachte ich mir.“ Mit einem kurzen Kopfschütteln schloss Schneidlinger das Thema ab. „Sie sagten, es gibt zwei Schlüssel zu diesem Raum. Dann müssen wir natürlich mit denen reden, die den Schlüssel haben.“

Schneidlinger sah Hannes an, doch bevor der etwas sagen konnte, stimmte Franziska zu. „Natürlich. Allerdings würde ich mir vorher gern die Wohnung des Toten ansehen und abklären, in welchem Umfeld er lebte.“

„Ja, machen Sie das, und nehmen Sie Herrn Hollermann mit.“ Er schenkte Franziska und Hannes ein joviales Lächeln und entließ sie mit einer entschlossenen Kehrtwende aus dem Gespräch.


Es war kurz nach halb neun Uhr abends, als Franziska mit ihrem Auto direkt auf dem niedergetrampelten Grünstreifen vor der Eingangstür von Wohnblock Nr. 7 der Böhmerwaldsiedlung parkte. Seit sie den inneren Burghof der Veste Oberhaus verlassen hatten, war kein Wort mehr zwischen ihr und Hannes gefallen.

Franziska hatte beschlossen, die Tatsache, dass Hannes auf einmal so dick mit Schneidlinger war, zu ignorieren. Bestimmt hatte er seine Gründe. Dennoch wunderte sie sich, wie schnell sich das Verhalten zwischen zwei Menschen verändern konnte.

„Wir sind da“, erklärte sie mit aufgesetzter Munterkeit, riss die Autotür auf und wäre um ein Haar mit ihren Riemchensandalen in einem Haufen Hundekot gelandet.

Scheiße, fluchte sie innerlich und wusste, dass sie sich besser konzentrieren musste. Aber es war ja nicht nur Hannes, der sich so anders benahm. Wirklich zu schaffen machte ihr die Tatsache, dass Walter allem Anschein nach in den Fall verwickelt war und sie nicht wusste, wie sie, nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, damit umgehen sollte.

Als sie endlich auf dem geteerten Eingangsweg stand, wanderte ihr Blick zur Haustür, wo Fahrräder und ein paar Mofas, bei deren Anblick sie bezweifelte, ob die eine Verkehrsüberprüfung überstanden hätten, aufgereiht waren. Weiter drüben, bei einer Baumgruppe, lümmelten ein paar Jugendliche und schauten neugierig zu ihnen herüber. Zwei Mädchen trugen kurze Hosen, die lediglich den Po bedeckten und knappe Shirts. Die Jungs schien das nicht zu beeindrucken, und Franziska sah keinen Grund, das Grüppchen mit den Ereignissen zu behelligen.

Die Klingelschilder verrieten, dass Mautzenbacher im obersten Stock wohnte, und da die Haustür nur angelehnt war, gingen die beiden Kommissare zügig zum Aufzug, der sich, sobald sie eingestiegen waren, rumpelnd in Bewegung setzte.

Auf dem Weg nach oben mutmaßte Franziska insgeheim, dass so ein Haus vielleicht ein besonders schönes Penthouse hatte, ein Schmuckstück, das man von unten nicht erahnen konnte, aber der Grund dafür war, warum ein Mann wie Mautzenbacher, der eine Rolex trug und an dessen Schlüsselbund sich ein BMW-Schlüssel befunden hatte, in so eine Wohnanlage zog. Doch schon die Wohnungstür belehrte sie eines Besseren, und als die Kommissare das schäbige Appartement betreten hatten, staunten sie nicht schlecht.

„Kaputt!“, meinte Hannes, nachdem er mehrmals vergeblich den Lichtschalter betätigt hatte, und blickte skeptisch zu Franziska hinüber, doch die zuckte nur mit den Schultern.

„Warum suchen wir eigentlich, seit wir wissen, dass er in dieser Siedlung wohnt, nach Gründen, warum das alles nicht so sein kann, wie es aussieht?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging Franziska den kurzen Flur entlang bis ins Wohnzimmer, drückte auf den Lichtschalter und blieb im abendlichen Dämmerlicht stehen.

„Weil wir uns von seinem feinen Anzug und zwanzigtausend Euro täuschen ließen“, vervollständigte Hannes, der der Kollegin gefolgt war und zusah, wie diese angewidert vor der fleckigen Couch zurückwich. „Dabei hatte er noch nicht einmal Geld, um sich neue Glühbirnen zu kaufen.“

Mit aufgerissenen Augen inspizierte Franziska die kleine Bücherreihe, die in einem wackeligen Regal stand, während Hannes den Uraltfernseher begutachtete. „Der braucht vielleicht gar keinen Strom, sondern läuft noch mit Holzkohle“, amüsierte er sich gerade, als mit einem Schlag Licht und Fernseher angingen.

„Was hast du gemacht?“, rief Franziska erschrocken und fixierte entsetzt das Buch, das sie gerade aus dem Regal genommen hatte. Es war falsch herum einsortiert gewesen, und Franziska musste es drehen, um den Titel lesen zu können.

„Nichts“, entgegnete Hannes, schaute aber vorsichtshalber auf seine Hände.

Nachdem die Lampen auch nach mehrmaligem Ein- und Ausschalten konstant leuchteten, machten sich die beiden Kommissare mit geübtem Griff an die Durchsuchung des Wohnzimmers.

„Immerhin liest er“, bemerkte Franziska, schüttelte ein Buch nach dem anderen aus und stellte sie dann wieder ins Regal zurück.

„Wonach genau suchen wir?“, fragte Hannes und hob die Kissen an, um anschließend unter der vergilbten Wolldecke nachzusehen.

Ein wenig hilflos blickte Franziska in den kleinen Raum. „Keine Ahnung. Nach etwas, was uns von dem Mann erzählen kann, den wir heute tot im Oberhaus gesehen haben.“

Hannes öffnete die Balkontür und ließ frische Luft herein. Dann zeigte er mit der rechten Hand auf die Jugendlichen, die immer noch vor dem Wohnblock lümmelten. „Vielleicht können die uns etwas über Mautzenbacher erzählen.“

Franziska folgte seinem Blick, sah ein paar Zigaretten aufglimmen und spürte selbst über die große Distanz, wie die Musik, mit der sich die Clique aus einem unsichtbaren Gerät beschallen ließ, in ihrem Inneren vibrierte. „Hartz IV als Zukunftsperspektive“, murmelte sie, ging in die Wohnung zurück und schloss die Balkontür, um mit der frischen Luft auch den Lärm wieder auszusperren. „Nein, glaub mir, die interessieren sich nicht für einen wie den Mautzenbacher.“

Allerdings gab auch seine Wohnung praktisch nichts über ihren Mieter preis. Es gab keine Fotos, keine Rechnungen und keine Urlaubserinnerungen. Nichts.

„Sieht so aus, als hätte er kein Leben gehabt“, stellte die Kommissarin fest, bevor sie aus der Schublade einer Kommode doch noch ein Foto von ihm herausfischte. Sie zeigte es Hannes.

„Der Mann auf dem Bild sieht tatsächlich aus wie die Leiche.“

Franziska wechselte ins Schlafzimmer. Als sie den Kleiderschrank öffnete, hatte sie Angst, er würde jeden Moment auseinanderfallen. Vorsichtshalber hielt sie die Türen fest und sah erst dann genauer hin. Es gab zwei Anzüge, vier Hemden und eine Krawatte. Auf einem Regalbrett lagen eine einfache Trainingshose, zwei ausgeblichene T-Shirts, Unterhosen und Socken, auf dem Boden stand eine Sporttasche mit Werbeaufschrift. Nichts von Wert. Skeptisch sah sie auf die Sachen im Schrank. Etwas fehlte. Sie schloss die Türen und blickte zum Bett. Es war schmal und mit einer fadenscheinigen Bettwäsche bezogen. Auf dem Nachttischchen standen ein Wecker und eine kleine Lampe. Sie zog die einzige Schublade des Möbels auf und stellte fest, dass sie leer war.

Sie wollte gerade nach Hannes rufen, als ihr dieser im Schlafzimmer entgegenkam.

„Schau dir das mal an! Der hat doch tatsächlich den Sicherungskasten mit einer Zeitschaltuhr versehen.“

„Was?“ Franziska verließ das Schlafzimmer und folgte Hannes. „Wie kommt man auf so was?“

Statt zu antworten, las Hannes die Einstellungen ab. „Von sieben Uhr morgens bis um halb neun, und dann wieder von neun bis elf Uhr abends.“

„Vielleicht hat er öfter mal vergessen, das Licht auszuschalten, und wollte auf Nummer sicher gehen“, versuchte es Franziska mit einer möglichen Erklärung. Dann wusste sie, was ihr im Schlafzimmer gefehlt hatte. Es gab weder Bettwäsche zum Wechseln noch Handtücher. „Hier stimmt was nicht“, entschied sie und setzte ihre Suche in Küche und Bad fort.

„Ja, fragt sich nur was …“

Franziska öffnete den Kühlschrank. „Schlecht geworden wäre zumindest nichts“, berichtete sie Hannes, der noch immer vor dem Sicherungskasten stand. „Er hat nur Bier, H-Milch und Fischdosen gelagert.“

„Er sparte halt, wo er konnte.“ Hannes stand jetzt hinter ihr, zeigte aber mit dem Kopf in Richtung Flur und Sicherungskasten.

„An Bettzeug und Handtüchern? Ich weiß nicht. Und stattdessen leistet er sich teure Anzüge und läuft mit zwanzigtausend Euro in der Tasche in der Gegend herum?“

„Vielleicht hat er geklaut.“

„Weißt du, was mich wundert?“, fragte Franziska, ohne auf Hannes einzugehen. „Hier gibt es nichts, was auch nur im Entferntesten an einen Beruf erinnert. Noch nicht einmal einen Hartz IV-Bescheid.“

„Was schlägst du vor?“

„Wir befragen die Nachbarn. Irgendjemand muss doch was über den Mann wissen. Der war einfach zu jung, um sich so konsequent vor dem Leben zu verstecken!“


Als Hannes auf den Klingelknopf der Nachbarwohnung drückte, erklärte ihm Franziska betont beiläufig: „Machst du hier bitte alleine weiter? Ich hab noch was zu erledigen.“

Dann ließ sie ihn stehen und verschwand, ohne auf seine Zustimmung zu warten, im Aufzug. Hannes rief ihr gerade nach, was das zu bedeuten habe, als die Wohnungstür aufging und er von einem Mann in Feinrippunterhemd und mit einer Flasche Bier in der Hand argwöhnisch gemustert wurde. Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen. Die besten Jahre lagen aber eindeutig hinter ihm.

„Willi Geiler?“, fragte Hannes, holte seinen Ausweis aus der Hemdtasche und stellte sich und sein Anliegen kurz vor. Er hatte Mühe, seinen Unmut über Franziskas Verhalten zu verbergen.

„Kennen? Den Mautzenbacher? Na ja. Ich war mal oben. Auf ein Bier halt. Weiß gar nicht mehr, warum.“

Geiler hatte den jungen Kommissar in seine Wohnung gebeten, sich aufs Sofa gesetzt und es Hannes überlassen, sich ebenfalls einen Platz zu suchen. Jetzt kratzte er sich nachdenklich an der Stelle auf seiner Brust, wo die langen grauen Haare aus dem Unterhemd hervorlugten. Ohne etwas zu sagen, nahm er einen tiefen Schluck aus seiner Flasche, den Kommissar schien er vergessen zu haben.

„Wann waren Sie denn bei ihm oben?“

Obwohl die Balkontür weit offen stand, war es im Zimmer ziemlich warm. Abgestanden, geradezu ekelhaft, wie Hannes fand. Bierdunst mischte sich mit Schweiß und altem Bratenfett, und er überlegte, ob er dem Nachbarn nicht lieber die Bierflasche wegnehmen sollte. Immerhin stand auf dem Tisch schon eine ganze Reihe geleerter Flaschen, und man wusste ja nie, wann der eine Schluck zu viel jede Aussage unmöglich machte.

Schließlich verkündete Geiler, der noch immer seine Brust bearbeitete: „Der Xaver war ‘ne richtig arme Sau. Der hatte ja gar nix mehr. Der hatte noch nicht mal ’ne Alte, die was von ihm wollte.“

Hannes konnte nicht sagen, ob der Blick des Mannes ausdruckslos war oder einfach durch ihn hindurchging.

„Der Xaver, der war dauernd auf Jobsuche. Aber der hat ja nichts gekriegt! Den wollte einfach keiner“, fügte der Nachbar hinzu und hob erneut seine Flasche. „Unqualifiziert war der Xaver! Ja, das hat der gesagt.“

„Was war er denn eigentlich von Beruf?“, fragte Hannes schnell, und tatsächlich ließ Geiler die Flasche im letzten Moment sinken. Dann sah er ihn überrascht an.

„Keine Ahnung!“ Geiler schüttelte den Kopf. „Aber der Xaver, der hatte so’n Auto, rot und rostig.“ Geiler lachte kurz auf. „Wir haben uns mal darüber gekabbelt, weil ich sagte: Ist das deine Firma, Rot & Rostig? Das war lustig.“ Geiler trank und stellte nach zwei Schlucken fest, dass seine Flasche leer war.

„Wollen Sie auch eins?“, fragte er Hannes, der tatsächlich Lust auf ein Bier hatte. Vor allem auf ein kaltes.

„Danke“, antwortete er und schüttelte höflich den Kopf. „Wir haben es ohnehin gleich, vielleicht könnten Sie so lange …“

„Na klar, Herr Kommissar. Sie müssen ja weiter, stimmt’s? Immer im Einsatz!“ Seine Sprache wurde zunehmend schleppender.

„Ja, genau. Aber vorher müsste ich noch wissen, was das für ein Auto war?“

„Na, so ein kleiner Flitzer halt. Ein Fiat? Keine Ahnung. Irgendwas Billiges.“

„Kein BMW?“

Geiler wieherte vor Lachen. „Naa, wo denken Sie hin? Wie soll sich denn unsereins einen BMW leisten, Herr Kommissar?“

Er griff wieder nach der Bierflasche und merkte, dass sie noch immer leer war. Dann tippte er sich auf einmal an die Stirn. Er beugte sich so weit nach vorn, dass Hannes schon fürchtete, mit ihm und einem der Kaffeeflecken auf seinem Unterhemd zusammenzustoßen.

„Ich weiß schon, was Sie meinen. Sie haben den Schlüssel gefunden.“ Den letzten Satz flüsterte Geiler mit verschwörerischer Stimme. „Und haben Sie auch die Uhr gefunden? Eine echte Rolex. Oder? Sie haben es geglaubt, stimmt’s?“ Er lehnte sich wieder zurück, stellte die Bierflasche auf den Tisch zu den anderen und kratzte sich weiter sein Brusthaar. „Der Xaver, der wusste, wie es geht. Meinte: Mehr Sein als Schein, darauf käme es an. Oder war das jetzt anders herum? Ach, egal! Ich hab mich ja nur gefragt, warum der keinen Job kriegt, wo der doch so schlau ist.“ Geiler klang nachdenklich.

„Und was sollte das mit dem Schlüssel?“ Hannes wurde aus dem ganzen Gefasel nicht schlau, vielleicht fehlte ihm einfach der Alkoholpegel von Geiler, um das alles zu verstehen.

„Na, ist doch klar“, setzte der prompt zu einer Erklärung an. „Der Xaver, der gab damit an. Der tat so, als könne der sich eine echte Rolex und einen echten BMW leisten. Vielleicht haben ihm die Weiber das ja sogar geglaubt!“ Wieder beugte er sich bedenklich weit nach vorn, sodass Hannes seinen abgestandenen Bieratem roch. „Die glauben nämlich viel, wenn du es ihnen erzählst. Ich würd so was allerdings nicht machen. Weil dann wollen die nämlich immer, dass du bezahlst. Und wenn sie nicht selber zahlen müssen, dann saufen die Weiber wie die Löcher!“ Geiler schlug sich mit der flachen Hand auf den nackten Oberschenkel und freute sich wie ein kleines Kind über seinen Witz.

Hannes stand auf. Er wusste noch nicht, ob ihn das alles wirklich weiter gebracht hatte, auf jeden Fall verstand er jetzt die Sache mit den Anzügen und der Wohnung. Xaver Mautzenbacher war ein Blender gewesen. Das erklärte allerdings noch nicht, woher er zwanzigtausend Euro hatte und warum die Handtücher fehlten.

„Kennen Sie zufällig das Kennzeichen von dem roten Flitzer?“

„Nee! Tut mir leid, Herr Kommissar. Das müssen Sie schon selber herausfinden. Ha, haha!“ Wieder schlug sich der Nachbar auf den nackten Oberschenkel, dann stand er auf und ging zur Küche. Als er die Tür erreicht hatte, drehte er sich noch einmal um und zwinkerte Hannes verschwörerisch zu. „Sie entschuldigen mich, aber ich habe eine Verabredung! Mit einer kühlen Blonden“, erklärte er mit schwerer Zunge und zwinkerte Hannes zu, bevor er in der Küche verschwand.


„Ist Walter noch da?“, fragte Franziska und hoffte dass Carlos sie auch zum zweiten Mal an diesem Tag kommentarlos einlassen würde. Doch die Proben waren beendet, und Carlos war in Plauderstimmung.

„Schon wieder Walter! Warum besuchst du nicht mal mich?“

Er nahm eine Pose ein, die Franziska beeindrucken sollte, und bedachte sie dann mit einem zweideutigen Blick.

Franziska verkniff sich zu sagen: Es ist nicht so, wie du denkst. Denn dieser Satz war absolut verbraucht. Sie selbst konnte sich an Dutzende Situationen erinnern, in denen ein Zeuge zu ihr gesagt hatte: „Es war nicht so, wie Sie denken, Frau Kommissarin!“

„Ich muss ihn sprechen. Es ist wichtig“, gab Franziska patziger als beabsichtigt zurück.

„Na klar, war ja auch nur ein Versuch. Komm rein!“ Carlos schenkte ihr ein beschwichtigendes Lächeln und gab die Tür frei. Mit dem Kopf zeigte er nach nebenan. „Er ist in der Werkstatt, zumindest hab ich ihn dort noch vor ein paar Minuten gesehen.“

Franziska ging den kurzen Gang entlang, blieb vor den beiden Türen stehen und lauschte. Hinter der rechten glaubte sie den Mezzosopran der Katharina Eschenbacher zu hören, war sich aber nicht ganz sicher. Die linke Tür stand einen Spalt offen. Ohne zu zögern, drückte sie die Tür zur Werkstatt auf, schlüpfte hinein und schloss sie sorgfältig hinter sich.

„Das ging aber schnell.“

Walter kam auf sie zu, lächelte erfreut und wollte sie gerade umarmen, als Franziska ihn anfauchte: „Warum hast du mir nichts davon gesagt?“

Verwirrt zog er seine Hände zurück und schaute sie fragend an. „Von was hab ich dir nichts gesagt?“

„Dass du im Oberhausmuseum arbeitest!“

„Hätte es dich interessiert?“Walter wich einen Schritt zurück. Er lächelte unsicher.

„Ja!“

„Warum?“ Der Bühnenkünstler schüttelte verwirrt den Kopf.

„Weil dort heute ein Mann erstochen wurde und du in den Fall verwickelt bist!“

„Spinnst du?“, keuchte Walter und sah Franziska ungläubig an.

Dann drehte er sich weg und begann, einige Dinge auf der Werkbank hin und her zu rücken. Franziska beobachtete ihn bei dieser nutzlosen Tätigkeit, wartete aber, bis er sich wieder zu ihr umdrehte.

„Ein Toter im Oberhaus. Und du glaubst, dass ich etwas damit zu tun habe?“, fragte er schließlich.

„Du hattest einen Schlüssel zu der Tür, hinter der er gefunden wurde“, erklärte sie und versuchte, ihre Emotionen herauszuhalten.

Walter nickte, schob seine Hände in die Taschen seiner Shorts und holte sie verwundert wieder heraus – sie waren leer.

„Und was soll das beweisen?“

„Erst einmal nichts“, lenkte Franziska ein. „Aber nur, wenn du ein Alibi hast!“

„Dich.“ Walter lächelte unsicher.

„Hast du vielleicht noch ein besseres?“ Franziska fand das alles überhaupt nicht spaßig.

„Ein besseres als dich? Die Oberkommissarin?“Walter grinste anzüglich, gerade so, als habe sie nur einen Spaß gemacht. Dennoch lehnte er sich unsicher an der Werkbank an.

„Ganze zwei Stunden nach der Tat“, fuhr sie ihn genervt an, weil jetzt einfach nicht die richtige Zeit für seine Spielchen war.

„Du hast mich in der Hand.“ Er lächelte bitter, und als sie noch immer nichts sagte, fragte er: „Macht dir das wenigstens Spaß?“

„Nein, es macht mir überhaupt keinen Spaß!“, rief Franziska enttäuscht. „Aber vielleicht machst du das ja mit Absicht! Vielleicht ist es dir gar nicht ernst, und du bist heilfroh, wenn du dich nicht auf mich einlassen musst!“

Walter löste sich von der Werkbank und kam auf Franziska zu. Er nahm ihre Hände in die seinen und schaute sie ruhig an. „Also gut. Ja, ich habe ein Alibi. Ich war hier.“

Er schenkte ihr eines seiner bezaubernden Lächeln und wartete darauf, dass sie sich damit zufriedengab.

„Kann das jemand bezeugen?“ Franziska schluckte schwer an ihren Gefühlen für ihn.

„Carlos, Katharina, Nina … Ich weiß nicht, wer noch alles bei der Probe war.“

„Und haben die dich auch alle gesehen?“

„Das musst du sie schon selber fragen.“ Er ließ ihre Hände so plötzlich los, dass sie wie bei einer Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hatte, nach unten fielen. „Aber sag mir eines: Warum hätte ich so etwas tun sollen? Warum sollte ich jemanden erstechen? Und womit überhaupt – mit meinem Langhaarpinsel?!“

„Mit einer Partisane!“

„Mit einer was?“

„Er wurde mit einer Art Stoßlanze getötet.“ Franziska wusste, dass sie Walter mit Informationen versorgte, die sie ihm in dieser Situation nie hätte geben dürfen.

„Das ist doch vollkommen absurd“, begehrte Walter auf.

„Sie lag in dem Raum, in dem du die Skizze gemacht hast. Vielleicht hat dich das Opfer bei deiner Arbeit gestört? Du bist erschrocken, hast die Waffe ergriffen und ihn aus Versehen getötet.“

„Aus Versehen?“, fragte Walter höhnisch.

„Ja“, bestätigte Franziska und hoffte inbrünstig, dass alles nur ein Missverständnis war, dass der Mann, der sie noch vor ein paar Stunden auf so wunderbare Weise verführt hatte, nichts, aber auch gar nichts mit dem Mord an Xaver Mautzenbacher zu tun hatte.

„Nein!“, schrie Walter so laut in ihre Gedanken hinein, dass Franziska zusammenzuckte. Für einen Moment fürchtete sie, die ganze Sängerschar würde zur Tür herein kommen, um nachzusehen, was hier los war.

„Schrei doch bitte nicht so“, bat sie flüsternd und schaute ihn hilflos an. „Ich kann doch auch nichts dafür. Warum musst auch ausgerechnet du einen der beiden Schlüssel haben? Und warum hast du ihn überhaupt stecken lassen? Es ist doch deiner, oder?“

Sie dachte an die leeren Hosentaschen, die Walter ihr vor wenigen Minuten noch gezeigt hatte.

„Ja, es ist meiner. Ich habe ihn stecken lassen, weil ich es eilig hatte, ob du es glaubst oder nicht! Ich habe mich auf den Nachmittag mit dir gefreut. Da kann man schon mal vergessen, einen Schlüssel abzuziehen!“

Franziska wollte ihn sanft am Arm streicheln, aber Walter schüttelte ihre Hand ab.

„Auf was wollen wir uns denn jetzt einigen?“, fragte sie und unterbrach damit das eisige Schweigen.

„Einigen?“, fragte Walter mit ausdruckslosem Blick, bis sich sein Gesicht plötzlich erhellte. „Ach, ich verstehe. Du willst nicht, dass dein Kollege weiß, dass du hier warst!“ Sein gequältes Lächeln klang bitter. „Du fürchtest dich vor seiner Eifersucht.“

„Hannes ist doch nicht eifersüchtig!“

Überrascht lachte Walter auf. „Ach, Franziska, ich hab doch gesehen, wie er dich anschaut!“

„So ein Quatsch!“ Franziska schüttelte kurz den Kopf. „Hannes ist mein Kollege, mehr nicht.“

Walter nickte resigniert. „Franziska, du würdest es doch gar nicht merken, wenn sich ein Mann nach dir verzehrt.“

In diesem Moment kam Franziska ihr ehemaliger Chef in den Sinn. Der war von einer schönen Frau angebaggert worden, weil sie von ihm wissen wollte, wie seine Ermittlungen liefen.

Was, wenn Walter sie auch nur benutzte?

Was, wenn ihr das Gleiche passierte, wie Berthold Brauser?

„Willst du unsere Freundschaft beenden?“, fragte Walter in die Stille hinein.

Franziska schloss die Augen. Es fiel ihr sehr schwer zu sagen, was sie sagen musste. Aber Walter hatte ein Recht darauf, dass sie ehrlich zu ihm war.

„Nein, natürlich nicht. Aber wir sollten uns nicht mehr treffen, bis ich weiß …“ Sie brach mitten im Satz ab, um die richtigen Worte zu finden.

„Bis meine Unschuld erwiesen ist?“

„Ja. Nein. So ein Blödsinn. Aber versteh mich doch!“

„Ich versteh schon. Du willst deine Karriere nicht ruinieren.“ Walter nickte. Und sah dabei unheimlich traurig aus.

Franziska gab sich einen Ruck und wandte sich zur Tür. Kurz davor blieb sie noch einmal stehen und sah sich um.

„Ich will das alles nicht. Aber ich muss es einfach tun. Verstehst du das?“

Dann ging sie, ohne Walter Gelegenheit zu geben, sich noch irgendwie von ihr zu verabschieden.


Das Gespräch mit Walter setzte Franziska schwer zu. Wie hatte sie ihm nur sagen können, dass sie ihn nicht mehr sehen wollte? Wo sie doch schon jetzt unter dieser übereilten Entscheidung litt … Wütend schlug sie auf ihr Lenkrad ein und kämpfte die aufsteigenden Tränen nieder. Sie hatte einen Fall zu klären, den Tod eines Menschen, und sie war es Hannes schuldig, ganz bei der Sache zu sein. Sie musste ihre Gefühle in den Griff bekommen! Doch die kurze Fahrt von der Künstlerwerkstatt bis zur Böhmerwaldsiedlung reichte dafür kaum aus.

Als sie den Kollegen vor der Eingangstür entdeckte, das aufgeschlagene Notizbuch in der Hand und hoch konzentriert am Lesen, überkam sie eine Welle der Zuneigung. Sie mochte Hannes, er hatte immer zu ihr gestanden und ihr bei einer Schießerei sogar einmal das Leben gerettet. Aber sie hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, ob er vielleicht mehr in ihr sah, als nur eine Kollegin. Ob Walter am Ende doch recht hatte?

„Und, hat es sich gelohnt?“, fragte sie und schob alle Bedenken beiseite, kaum dass Hannes auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.

Er verstaute sein Notizbuch und schaute sie prüfend an. Dann erhellte ein Lächeln sein Gesicht. „Erzähl mir lieber, was mit Froschhammer ist!“

Franziska verschluckte sich beinahe an ihrem künstlichen Getue. „Wie kommst du jetzt auf den?“

„Ich weiß ja nicht, was zwischen dir und dem Typ läuft. Und das geht mich auch nichts an. Aber ich weiß, dass er etwas mit dem Mord zu tun hat, und deshalb will ich wissen, was er gesagt hat. Sonst frag ich ihn nämlich selbst!“

Auf einmal fand Franziska sein Grinsen widerlich.

„Nichts“, erwiderte sie daher scharf.

„Wie, nichts?“ Nur mühsam beherrscht stöhnte Hannes auf. „Er war in dem Raum, das weiß ich zufällig, also erzähl mir nichts von Nichts!“

Franziska räusperte sich. „Woher weißt du das?“

„Hast du vergessen, dass ich eine Dreiviertelstunde vor dir am Tatort war?“

„Samantha Halmgaard?“

„Richtig.“

„Okay. Ja, ich war bei ihm und habe ihn genau danach gefragt.“

„Und?“

Unwillkürlich ließ sie den Blick auf ihre Hände sinken. „Er war in Maierhof bei den Proben.“

„Franziska, du bist so eine schlechte Lügnerin!“

„Ich lüge nicht, er war wirklich da.“

„Ja, klar! Bist du in ihn verknallt?“

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Der Kerl ist verdächtig.“

„Denkst du, das weiß ich nicht?“

„Er könnte der Mörder sein. Er hatte einen Schlüssel.“

„Und hat ihn stecken lassen!“

„Um von sich abzulenken.“

„Oder weil er es eilig hatte!“

„Das hätte ich auch, wenn ich gerade einen Mann erstochen hätte.“

„Er hatte was vor!“

„Ach! Und was?“

„Er hatte einen Termin. Du weißt schon, es ging um ein Gemälde.“

„Na, da bin ich ja mal gespannt, wer diesmal sein Alibi ist …“ Der junge Kommissar warf seiner Kollegin einen skeptischen Blick zu.

„Hör mal, Hannes. Ich möchte wirklich erst dann mit solchen Verdächtigungen anfangen, wenn die Beweise das auch rechtfertigen. Zudem hat Froschhammer kein Motiv.“

„Sagst du.“

„Sagt er.“

„Na gut. Aber wenn wir irgendwo seine Fingerabdrücke finden, dann hol ich ihn mir.“ Hannes grinste noch breiter.

„Hannes, wir werden seine Fingerabdrücke überall finden. Er hatte den Schlüssel, und er hat vielleicht sogar die Lanze angefasst. Immerhin hat er bei den Umräumarbeiten mitgeholfen“, fasste Franziska mit sanfter Stimme zusammen.

„Wie willst du ihn dann entlasten?“

„Mit einem Zeugen für sein Alibi.“

„Und der wäre?“

„Jetzt warte halt einfach mal ab!“, gab Franziska schnippisch zurück. Und um sich nicht länger rechtfertigen zu müssen, konzentrierte sie sich aufs Autofahren.

„Bedeutet dein Schweigen, dass wir für heute Nacht aufhören?“ Hannes warf einen Blick auf seine Uhr und gähnte ausgiebig.

„Nein, natürlich nicht. Wir fahren jetzt ins Präsidium und lesen uns in die Geschichte der Veste Oberhaus ein“, antwortete Franziska lachend. „Vielleicht hat die Tat ja Symbolcharakter.“

„Okay, das kannst du ja gern machen, aber mich lässt du bitte am Gampertsteig raus, da steht nämlich mein Fahrrad.“

Franziska nickte und setzte den Blinker, um in den Anger einzubiegen. „Gut. Und jetzt erzähl mir endlich, was du von den Nachbarn erfahren hast.“


Als Franziska am Dienstagmorgen die Glastür zum Flur der Mordkommission aufstieß, trug sie eine enge Jeans, bequeme Sandalen und ein ärmelloses Shirt. Über der linken Schulter hing ihre braune Wildledertasche, in der sie stets alles bereithielt, was sie während ihrer Ermittlungsarbeiten brauchte. Zusätzlich hatte sie eine Tasche mit zwei Flaschen Mineralwasser und einem Vorrat an Müsliriegeln dabei. Am gestrigen Abend hatte sie alle wesentlichen Informationen im Fall Mautzenbacher in ihr grünes Notizbuch eingetragen und war nun bereit, sich in die Ermittlungen zu stürzen.

„Guten Morgen Ramona!“, rief sie der Sekretärin zu, als sie gerade an deren Schreibtisch vorbeilief. „Na, womit beschäftigst du dich denn schon in aller Herrgottsfrühe?“

„Das sind die Zeugen, die ich vorladen soll“, erklärte sie und sah von ihrer Liste auf. „Der Chef ist auch schon da.“

„Und Hannes?“

„Stell dir vor, sogar Hannes war heute pünktlich!“

Franziska nickte verschwörerisch und ging in ihr Büro.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Steht eigentlich schon was in der Zeitung?“

„Nein.“

„Sehr schön.“

Als sie gerade die Bürotür öffnen wollte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief.

„Ach, Frau Steinbacher, kommen Sie doch bitte mal in mein Büro!“

Franziska drehte sich um, sah den neuen Chef im Flur stehen, lächelte und versprach: „Ja, natürlich. Sofort.“

Gleich darauf schloss Franziska die Tür zum Chefzimmer und nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz. Während sie darauf wartete, dass Schneidlinger das Gespräch eröffnete, schaute sie sich kurz um. Es war Berthold Brausers ehemaliges Büro, auch wenn nichts mehr an den alten Chef erinnerte. Statt der schäbigen Möbel, wie sie im ganzen Haus als Einrichtung dienten, gab es einen modernen Schreibtisch aus Buchenholz und Edelstahl. In einer Ecke des Raumes stand ein Tischchen mit zwei zierlichen Sesseln, neben dem Waschbecken ein moderner Kaffeeautomat. Schneidlinger hatte eine Tasse vor sich stehen, der Kaffee darin roch köstlich. Trotzdem lehnte Franziska sein Angebot ab. Er würde irgendwann schon noch begreifen, dass sie nur Tee trank.

„Sie haben sich bereits in den Fall eingearbeitet?“, begann Schneidlinger endlich.

Franziska nickte, ohne weiter darauf einzugehen.

„Gut. Ich möchte eine Sache von Anfang an klarstellen.“

Schneidlinger rührte eine Weile in seinem Kaffee, und Franziska befürchtete schon, er habe den Faden verloren.

„Egal, worauf Sie in diesem Fall stoßen, egal, welche Zeugen Sie vernehmen und egal, welche Beweise Sie sichern“, ohne auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen, blickte er Franziska fest in die Augen, „ich will über alles genauestens informiert werden. Ich erwarte von Ihnen ausführliche Berichte. Ist das klar?“

Franziska nickte. Und fühlte sich ertappt. Hatte Hannes ihm von Walter Froschhammer erzählt? Vielleicht die Kollegen oder Samantha Halmgaard? Franziska rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn, wollte gerade zu einer Beichte ansetzen, als Schneidlinger zu lächeln begann und hinzufügte: „Ja, dann - fangen Sie an! Man muss die Spuren auswerten, solange sie frisch sind.“

„Ja, natürlich“, antwortete Franziska verunsichert und erhob sich. Sie hielt das Gespräch für beendet.

„Ist ja wirklich zu schade, dass Sie keinen Kaffee mögen. Ich könnte ohne meinen Koffeinkick überhaupt nicht mehr arbeiten.“ Dann warf er einen Blick auf die Uhr. „Wir treffen uns um zehn zu einer Besprechung. Ich möchte, dass Sie und Hollermann die Kollegen mit allen Fakten vertraut machen.“

Franziska stand auf und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken und fühlte sich durchschaut. Hatte Hannes etwas mit dieser Belehrung zu tun? Egal, mit diesem Gespräch hatte sich Schneidlinger bei ihr viele Sympathiepunkte verspielt, und sie beschloss, dass dieser neue Chef von ihr immer nur hieb- und stichfeste Beweise und ausnahmslos Dienstliches erfahren würde.


Die kleine Sunny war in eine übersättigte Welt hineingeboren worden. Der letzte Weltkrieg war lange her, und die Bedrohungen kamen jetzt aus ganz anderen Ecken. Es reichte nicht mehr, satt zu werden, man musste sich auch gesund ernähren und die Umwelt im Auge behalten. Es genügte nicht, ein warmes Haus zu haben, jetzt musste man sich damit auseinandersetzen, wo Strom und Heizöl herkamen. Eine neue Generation Mensch war herangewachsen und hatte gelernt, Fragen zu stellen, ohne Angst vor den Antworten zu haben. Sie fragten, weil die Folgen für andere unbequem waren. Damit machten sie denen das Leben schwer, die dafür sorgten, dass sie so bequem leben konnten. Sie fragten und nahmen sich das Recht, selbst die Antworten zu hinterfragen.

Ausdauernd trugen sie ihre Fragen auf die Straße. Sie demonstrierten und waren erst einmal gegen alles. Doch sie warfen nicht mehr mit Steinen, trugen keine Waffen, sie schmückten sich mit Sonnenblumen und erfanden eine neue Maßeinheit für Liebe.

Sunnys Eltern gehörten zu den besonders Berufenen. Sie waren gegen alles, was ihnen nicht richtig erschien, und das war eine ganze Menge und der Grund, warum sie fast das ganze Jahr über in irgendwelchen Camps lebten, die verhindern sollten, dass an dieser Stelle etwas gebaut wurde, was die Gesellschaft ihrer Meinung nach nicht brauchte. Nebenbei studierten sie ein wenig und vergaßen dabei völlig, ihre kleine Tochter auf das Leben vorzubereiten.

Sunny war ein auffallend hübsches Kind mit ihren langen dunklen Haaren und den großen Augen, die alles so unschuldig betrachteten. Alle liebten das kleine Mädchen, das jeder nur Sunny nannte, und schon bald hatte sie viele Mütter und Väter. Es war eine treue Gemeinschaft, die da zusammenlebte und in gewisser Weise auch auf Gott baute. Denn sie säten nicht, und sie ernteten nicht, und der himmlische Vater Staat ernährte sie doch. So viele Träume hatten sie im Kopf, so viele Parolen und Ideale im Herzen. Und auch in Sunnys Kopf war kaum Platz für die Schule, die sie nur sehr nachlässig besuchte, weil es niemandem wirklich wichtig schien.

Sie war ein so glücklicher Mensch, was gab es Schöneres auf dieser Welt?

Eines Tages fand man ihre Eltern friedlich nebeneinander liegend in einem Zelt. Sie hatten gekifft und wer weiß was eingeworfen. Niemand wusste etwas Genaues, und nachdem sie tot waren, wollte es auch niemand genauer wissen. Die anderen sagten, es wäre doch schön für die beiden, weil sie gemeinsam gestorben wären, und Sunny solle sich doch für sie freuen. Aber Sunny konnte sich nicht freuen. Sie hatten sie im Stich gelassen, waren ohne ein Wort, ohne einen Abschied gegangen. Im Grunde waren sie einfach nur feige gewesen, denn sie hatten sich davor gedrückt, Sunny durchs Leben zu begleiten. Das musste jetzt die Gesellschaft übernehmen, die Sunnys Eltern so verabscheut hatten, und die hatte wenig übrig für die Lebensphilosophie der Dauerdemonstranten und steckte Sunny in ein Heim.

Hatte das Mädchen bis dahin nur miterlebt, was aus einem Menschen werden konnte, wenn er nicht mehr Herr seiner Sinne war, so musste sie diese Erfahrung nun schmerzlich am eigenen Körper erleiden. Sie musste lernen, die Zähne zusammenzubeißen und hinzunehmen, was nicht zu ändern war. Von jetzt an wurde Protest nicht mehr geduldet. Protest machte alles nur noch schlimmer.

Als sie in dem kleinen Häuschen am Anger ankam, hatte sie schon fast vergessen, dass es die Großmutter gab. Doch die nahm sie auf und fütterte sie von ihrer bescheidenen Rente durch. Ob sie sich darüber freute, Sunny bei sich zu haben, das Kind ihrer Tochter, das so wenig Ähnlichkeit mit ihr hatte und wohl absichtlich diesen Namen trug, erfuhr Sunny nie.

Noch lange nach dem Tod der Großmutter baute Sunny das Gemüse im Garten an und erntete Erdbeeren, so wie die Großmutter ihr das beigebracht hatte. Für einen kurzen Moment war das Haus ein Ort des ungetrübten Glücks.

Als die Großmutter starb, war Sunny achtzehn Jahre alt und ganz allein. Niemand stand ihr bei, und sie erstickte fast an der Einsamkeit, die sich in ihrem schmalen Körper breitmachte. Die Beerdigung war schlicht, denn die alte Frau hatte keine Zeit gehabt, um Freundschaften zu pflegen, hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet, und als sie ging, war nur Sunny bei ihr. Sie versprach, gut auf das Häuschen und den Garten aufzupassen. Über ihr eigenes Schicksal verlor sie aber kein Wort.

Als sie sich einige Wochen später wieder aus dem Haus traute, traf sie ganz zufällig einen Mann, den sie, wenn er auch viel älter als sie war, in ihrer jugendlichen Verliebtheit bald schon anhimmelte. Von jetzt an schlug ihr Herz nur noch für ihn. Für die Nächte, die sie mit ihm verbrachte, und für die Tage, an denen sie sich nach ihm verzehrte.

Nach einiger Zeit zog er bei ihr ein und zeigte ihr, was Liebe wirklich bedeutete, wie sie sich anfühlte und wie sie wuchs und immer größer wurde. Bald darauf war Sunny zum ersten Mal schwanger. Jetzt schien ihr Glück perfekt, und sie dachte, es gäbe keine Möglichkeit mehr, um ihre Freude noch einmal zu vergrößern. Sie brauchte lange, bis sie erkannte, dass die Welt nicht besser war, nur weil man als Kind an die Kraft der Sonnenblume geglaubt hatte.


„Du hast mich bei Schneidlinger verpetzt!“, keifte Franziska, endlich im Büro angekommen.

„Was hab ich?“ Hannes sah von seinem Notizbuch auf.

„Die Sache mit Froschhammer!“ Franziska stand jetzt neben seinem Schreibtisch. Musste ja nicht jeder mitbekommen, was sie mit dem Maler zu schaffen hatte.

„Traust du mir das wirklich zu?“, entgegnete Hannes und sah zu ihr auf. Sein Blick spiegelte eher Trauer denn Entrüstung wider.

Franziska wurde unsicher. Doch dann dachte sie an Walters Vermutung, dass Hannes eifersüchtig sei, und begann zu nicken, bevor sie energisch den Kopf schüttelte. „Sag du es mir!“

„Franziska, wir sind ein Team.“

Abschätzig verzog Franziska den Mund. Das konnte alles heißen.

„Also gut“, versicherte er. „Nein, ich habe natürlich nichts gesagt. Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Ich war beim Chef. Und der meinte: Er wolle über alles, was wir ermitteln, Bescheid wissen, alle Fakten kennen und saubere Berichte erhalten!“ Franziska schob einige Unterlagen zur Seite und setzte sich mit der halben Pobacke auf den Schreibtisch. Nachdenklich atmete sie mehrmals tief ein und aus und zog dann einen Schmollmund. Hannes beobachtete die Kollegin amüsiert.

„Was ist dein Problem?“ Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. „So arbeitet man halt bei der Kripo.“

„Für mich hat sich das nicht nach Arbeitsmoral angehört“, entgegnete Franziska. „Ich glaube, er wollte auf etwas hinaus.“

„Vielleicht will er uns ja tatsächlich etwas unterstellen.“ Hannes stand auf und setzte sich neben Franziska auf die Schreibtischkante. Dann erklärte er ihr in verschwörerischem Ton: „Ramona hat mir heute Morgen erzählt, dass er die alten Berichte liest.“

„Du meinst, daher weht der Wind?“ Franziska passte ihre Stimme an.

Hannes zuckte mit den Schultern und schwieg. Franziska wusste, dass es ihm letztendlich egal sein konnte, wenn sie Ärger mit dem Chef bekam, und dass er sich ohnehin lieber an die Vorschriften hielt. Wenn, dann war sie es, die ihn zu unkonventionellen Praktiken anstiftete.

Auf einmal rutschte Franziska vom Schreibtisch, stellte sich vor ihn und legte ihm die Hände auf die mageren Schultern, so als wollte sie gleich seinen Kopf zu sich herunter ziehen.

„Tut mir leid“, lächelte sie ihn entschuldigend an. „Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Es ist ja nur wegen …“

Hannes löste ihre Hände von seinen Schultern und stand ebenfalls auf. „Kein Wort mehr über deinen Nacktmaler, hörst du! Außer, du willst dich beim nächsten Mal hier in unserem Büro malen lassen. Bildunterschrift: Die Kommissarin nackt bei ihren Ermittlungen!“

Hannes stand auf und holte sich ein frisches Glas vom Regal, dann nahm er eine von Franziskas Flaschen und schenkte sich ungefragt ein. Franziska sah ihm verunsichert zu. „Wie kommst du jetzt darauf?“

Hannes trank einen großen Schluck Mineralwasser, zog die Augenbrauen hoch und lächelte. „Wir sind ein Team. Denkst du, ich merke es nicht, wenn du was vorhast? So, und jetzt lass uns unser Wissen teilen. Je schneller wir den Fall Mautzenbacher aufgeklärt haben, desto schneller kannst du zu deinem Lover zurück.“

Franziska verzog das Gesicht. Genau das hatte sie vermeiden wollen, und jetzt steckte sie mitten in einer Kollegenkampagne! ‚Wisst ihr schon das Neuste über Franziska und ihren Nacktmaler?‘ Und am schlimmsten würde es werden, wenn Gruber und Obermüller dahinter kamen.


Die vergrößerten Fotos von Xaver Mautzenbacher, einmal freundlich in die Kamera blickend, und ein anderes Mal als Leiche mit fahlem Gesicht, Bilder von seiner Bauchwunde sowie von der Partisane waren bisher das Einzige, was an der großen Tafel befestigt worden war. Die Kriminaltechnik hatte etliche Fußabdrücke aus dem Bereich gesichert, wo der Kampf stattgefunden haben musste, saß aber noch an der Auswertung der Spuren. Und das würde, wie Annemarie gleich festgestellt hatte, auch noch ein paar Tage dauern.

„Wir sind ja hier nicht beim Fernsehen, wo die Auswertung der DNA-Spuren nach ein paar Stunden vorliegt“, verkündete sie, und Franziska schmunzelte, weil sie wusste, wie sehr Annemarie diese Filme mit der Alles-ist-möglich-Aufklärung liebte.

Hannes begann, Schneidlingers Wunsch entsprechend,

für alle, die nicht am Tatort gewesen waren, die Fakten zusammenzufassen. „Xaver Mautzenbacher, zweiundvierzig Jahre alt, Beruf unbekannt, wohnhaft in der Böhmerwaldsiedlung. In einer sehr bescheidenen Wohnung.“ Er zeigte auf die vor ihm liegenden Päckchen auf dem Tisch. „Er hatte zwanzigtausend Euro, einen Ausweis und eine Kreditkarte bei sich, außerdem eine Uhr und einen Schlüsselbund.“ Hannes gab die Schale herum. Die Beweisstücke waren alle sauber eingetütet.

Franziska ergriff das Wort. „Der Mann trug einen teuren Anzug …“

„Hey, das ist ja eine echte Rolex!“, rief Obermüller auf einmal dazwischen und drehte die Uhr aus der Schale, die gerade bei ihm Station machte, hin und her.

Hannes lachte amüsiert auf. „Tja, Obermüller, da bist du wohl auf einen Betrug hereingefallen. Diese Uhr ist nur ein billiges Imitat.“

Doch Obermüller ließ nicht locker. „Das hier ist doch kein Imitat! Das ist eine echte Rolex.“

„Nein“, lächelte Hannes noch immer. „Mautzenbacher selbst hat seinem Nachbarn gegenüber behauptet, dass es ein Fake ist. Vielleicht ist sie ja einfach nur gut gemacht.“

„Kennst du dich damit aus?“, fragte Obermüller seinen Nachbarn Gruber und reichte ihm die Uhr, ohne auf Hannes einzugehen. Aber der schüttelte nur den Kopf und gab sie Schneidlinger. Dieser drehte sie hin und her und verkündete siegessicher: „Liebe Kollegen, da gibt es überhaupt keinen Zweifel, die Uhr ist echt!“

Hannes wollte schon aufbegehren, als Hauptkommissar Schneidlinger mit der Uhr in der Hand aufstand und zu ihm nach vorne, an die Kopfseite des Tisches kam. Mit einem Stift zeigte er auf eine Stelle auf der Rückseite der Uhr, genau zwischen den Bandanstößen.

„Herr Hollermann, sehen Sie die Rolexkrone über der schwarzen Referenznummer? Sie ist immer mit einem 3-DHologramm versehen. Und sehen Sie auch, wie sich das Muster darunter verändert, wenn ich die Uhr hin und her bewege und damit den Blickwinkel verändere?“

Hannes nickte stumm, woraufhin Schneidlinger die Uhr wieder umdrehte.

„So wie bei diesem Modell wird bei jeder Rolex die Identifikationsnummer im Gehäuse auf sechs Uhr eingraviert, und zwar kreisförmig und mit sauber abgegrenzten Ziffern. Fälscher können heutzutage viel, aber nicht die Nummern sauber eingravieren“, erklärte der Chef weiter, bevor er hinzufügte: „Das ist übrigens eine Datejust 36 MM. Ein wunderbares Stück aus Edelstahl und Everose-Gold.“

Ohne ein Wort der Bewunderung über das Wissen seines Chefs abzugeben, stammelte Hannes: „Dann verstehe ich aber nicht, warum er seinem Nachbarn erzählt hat, es handle

sich dabei nur um ein Imitat.“

„Vielleicht hat er sie geklaut und wollte keine Begehrlichkeit wecken“, gab Obermüller zu bedenken. „Wobei, wenn sie eine Identifikationsnummer hat, ist das ja leicht rauszukriegen.“

Gruber nickte seinem Kollegen zu. Bei solchen Angelegenheiten waren die beiden Ermittler Spezialisten.

„Findet das mal für mich heraus“, forderte Franziska Obermüller auf und schenkte ihm ein Lächeln. Sie mochte den Kollegen. Denn der war zwar ein Kerl wie ein Schrank, aber trotzdem nicht auf den Kopf gefallen. „Ich habe ohnehin das Gefühl, dass bei diesem Mautzenbacher etwas nicht stimmt. Die Wohnung ist billig eingerichtet: Fernseher, Schränke, Sofa. Sogar die Bücher sind alt und abgegriffen. Man könnte meinen, er habe alles zusammengetragen, was nichts kostet. Und dann hängen im Kleiderschrank teure Anzüge.“

Franziska zuckte mit den Schultern. Sie wollte es jedem Einzelnen überlassen, das Geschilderte zu bewerten.

Als niemand etwas einwandte, fuhr sie fort: „Dass die Uhr echt ist, ändert natürlich einiges. Das heißt, wir müssen auch das gefundene Bargeld neu bewerten. Mautzenbacher lebte wie jemand, der nur vollkommen wertlose Dinge besitzt. Doch als er gefunden wurde, hatte er zwanzigtausend Euro bei sich. In druckfrischen Fünfhundertern. Also sicher nicht zusammengespart.“ Wieder machte sie eine Pause. „Ich denke, wir müssen klären, woher er das Geld hatte beziehungsweise wofür es bestimmt war. Auf der Suche nach dem Täter müssen wir beachten, warum er das Geld, das in der Innentasche seines Sakkos steckte, nicht gefunden beziehungsweise nicht an sich genommen hat. Wenn er davon überhaupt wusste …“

„Wir gehen davon aus, dass es im Keller der Burg zu einem Streit kam und Mautzenbacher dabei getötet wurde“, warf Schneidlinger ein.

„Bei der gegebenen Fundsituation drängte sich auch dieser Verdacht auf. Trotzdem muss es ja nicht ums Geld gegangen sein“, überlegte Franziska laut.

Der Chef nickte. „Ja, ja das stimmt. Gibt es denn schon Zeugen, die einen möglichen Täter gesehen oder etwas von einem Streit mitbekommen haben?“

„Nein.“ Franziska lächelte nachsichtig. „Aber wir werden uns heute noch einmal im Oberhaus umhören.“

„Gut, dann werden Sie“, er blickte abwechselnd zu Gruber und zu Obermüller, „alles über Xaver Mautzenbacher herausfinden. Drehen Sie in seiner Wohnung jedes Blatt Papier um, fragen Sie die Nachbarn, Arbeitskollegen …“

„Laut seinem Nachbarn Willi Geiler war er ständig auf Jobsuche“, warf Hannes ein und wartete, bis der Chef ihn ansah.

„Ein guter Hinweis. Haben Sie sonst noch etwas?“

„Ja. Das Auto. Es soll rot und rostig gewesen sein. Vielleicht ein Fiat.“

„In der Wohnung gab es absolut nichts Aussagekräftiges über Mautzenbacher. Am Ende fuhr er sein Leben im Auto spazieren“, gab nun auch Franziska zu bedenken.

„Sehr guter Ansatz“, lobte Schneidlinger. „Wäre doch gelacht, wenn wir nicht ein bisschen Licht in die alten Gemäuer der Burg bringen würden.“

Unsicher sahen sich alle am Tisch des Besprechungszimmers an. Noch wussten sie nicht viel über den neuen Chef. Doch eines war allen klar: Bei diesem Fall würde er sich bewähren

müssen, und das mussten sie alle mittragen.


„Glaubst du mir jetzt, dass du nur Gespenster gesehen hast?“

Franziska und Hannes hatten ihren Wagen auf dem Besucherparkplatz abgestellt und gingen zu Fuß durch die weitläufige Burganlage.

„Immerhin passen die gut zu diesen alten Gemäuern.“ Franziska zeigte auf das erste Burgtor und den dahinter liegenden Durchgang.

„Ja, aber irgendwie nicht zu Schneidlinger. Er ist bemüht. Er will ein gutes Klima. Ich kann eigentlich nichts an ihm aussetzen.“

„Schon gut, schon gut“, wiegelte Franziska ab und konzentrierte sich auf das kommende Gespräch. Sie hatten den Eingangsbereich und mit ihm den Kassentresen erreicht.

„Frau Meisel?“, sprach die Kommissarin eine schlanke ältere Dame an, die trotz der Hitze in einem dunklen Leinenkostüm hinter der Kasse saß. Franziska zeigte ihren Ausweis. „Franziska Steinbacher von der Mordkommission Passau. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.“

„Oh, ja, natürlich. Einen Moment bitte, ich muss nur noch schnell die nächste Gruppe abkassieren!“

Franziska nickte und stellte sich, um Platz zu machen, zu einem Tisch, auf dem Prospekte ausgelegt waren. Hannes folgte ihr. „Wahnsinn, was man in Passau alles anschauen kann. Wusste gar nicht, dass wir in einer so interessanten Stadt leben.“

Franziska sah Hannes prüfend an. Doch er schien es ernst zu meinen.

„Man nimmt sich einfach zu wenig Zeit …“

„So, ich wäre jetzt so weit.“ Mit federnden Schritten kam Petra Meisel zu ihnen herüber. „Heute ist hier die Hölle los.“ Franziska nickte. Obwohl noch nichts in der Zeitung stand, hatte sich die Nachricht von einem Toten in der Burg natürlich blitzschnell herumgesprochen.

„Sie saßen gestern Nachmittag an der Kasse?“, begann Franziska mit ihren Fragen.

„Ja, von eins bis fünf!“

„Und erinnern Sie sich auch an diesen Mann?“ Franziska hielt der Kassiererin das Foto aus Mautzenbachers Wohnung entgegen.

„Ja, sicher“, bestätigte die Frau. „Sehr gut sogar. Ein ganz außergewöhnlicher Mann.“

Franziska straffte die Schultern. Es wurde spannend. „Wie meinen Sie das?“

„Nun, es war ein Mann ohne Seele!“

Die beiden Kommissare wechselten einen schnellen Blick und sahen dann wieder zu Petra Meisel.

„Ist Ihnen das noch nie aufgefallen?“, fragte diese ganz selbstbewusst und lieferte gleich darauf die Erklärung. „Wenn Sie einen Menschen anschauen, ich meine so richtig anschauen – nicht nur ins Gesicht, sondern in die Augen und durch die Augen hindurch, bis in die Seele … dann erst wissen Sie, wen Sie vor sich haben!“

Sie ließ den Kommissaren Zeit, um ihre Ansicht zu verinnerlichen.

„Nicht jeder Mensch ist gleich. Es gibt Menschen, die haben eine junge“, sie lächelte, „beinahe verspielte Seele. Die müssen noch viel durchmachen, um zu reifen. Und dann gibt es Menschen, die haben eine alte Seele, eine, die schon viele Leben hinter sich hat. Sie ist voller Weisheit und Erfahrung, und man merkt das den Menschen mit so einer alten Seele auch an. Ja, und dann gibt es noch die ohne Seele, ohne Gewissen. Die sind zu allem fähig. Wenn ich solche Leute treffe, dann schaudert es mich, aber es ist auch sehr interessant, sie zu beobachten.“

„Gibt es viele solcher … Seelenlosen?“, fragte Franziska und merkte zu spät, worauf sie sich da gerade eingelassen hatte.

„Oh ja! Aber es ist mir selten so sehr aufgefallen wie bei diesem Mann!“ Petra Meisel zeigte auf das Foto, das Franziska noch immer in der Hand hielt. Sie sah nun selbst darauf, suchte in seinem Blick nach einem Merkmal, um künftig Menschen ohne Seele erkennen zu können, als Hannes sich räusperte.

„War der Mann allein, oder war er in Begleitung?“, fragte er, um wieder auf ihr eigentliches Anliegen zurückzukommen. Im Vergleich zu seiner Kollegin hatte sich Hannes nämlich überlegt, wie sich die Exkursion in die Seelenvariationen der Menschheit in ihrem späteren Bericht machen würde.

„Er war allein. Zumindest kaufte er sich nur ein Einzelticket.“

„Ihnen ist also niemand aufgefallen, der sich für Herrn Mautzenbacher interessiert hätte?“, fragte Hannes eindringlicher.

„Nein, offen gestanden nicht.“

„Dann eine andere Frage: Kennen Sie diesen Mann?“ Hannes zog ein Foto von Walter Froschhammer aus seinem Notizbuch, und als Franziska erkannte, um wen es sich handelte,

sog sie hörbar die Luft ein. Hannes stieß sie mit dem Ellenbogen unauffällig in die Seite.

„Aber das ist doch der Künstler, der die neuen Räume gestaltet, dieser …“, sie überlegte, schien aber nicht auf seinen Namen zu kommen. Dann huschte ein feines Lächeln über ihr Gesicht. „Dieser Mann hat zum Beispiel eine alte Seele, sehen sie!“ Sie zeigte auf seine Augen.

„Können Sie das auf einem Foto erkennen?“, fragte Franziska ungläubig.

Petra Meisel lachte. „Nein, natürlich nicht. Aber ich habe mich schon ein paar Mal mit ihm unterhalten. Er geht ja hier ein und aus. Und er ist einfach faszinierend, wenn ich das so sagen darf.“

Um ein Haar hätte Franziska sie gefragt, ob der Künstler sie am Ende schon gemalt hatte, als Hannes die beiden Frauen wieder auf Kurs brachte.

„Walter Froschhammer war gestern Nachmittag in der Burg. Haben Sie ihn gesehen?“

„Walter Froschhammer, genau, so heißt er.“ Frau Meisel sah Hannes an und nickte. „Ja. Er kam, als ich gerade anfing.“

Hannes ließ nicht locker. „Und wann ging er wieder?“

„Hm, lassen Sie mich mal überlegen. Vielleicht so gegen zwei? Zumindest glaube ich, dass ich ihn da gesehen habe. Da kam ein Geschichtskurs aus dem Adalbert-Stifter-Gymnasium, die hatten sich für die Führung ‚Von der mittelalterlichen Burg zur barocken Festung‘ angemeldet. Gestern war ganz schön was los“, fügte sie erklärend hinzu.

„Das heißt, Sie wissen nicht mit Sicherheit, ob Walter Froschhammer um zwei Uhr das Oberhaus verlassen hat?“, versuchte Hannes die Aussage von Petra Meisel zu präzisieren.

„Nein. Sicher bin ich mir nicht.“


Hauptkommissar Josef Schneidlinger saß an seinem neuen Schreibtisch und kratzte mit dem Löffel den letzten Rest Milchschaum aus seiner Tasse. Dann stand er auf, ging zur Spüle und begann, das Geschirr sorgsam abzuwaschen. Er liebte diese Art der Beschäftigung, gab sich voller Eifer dem Bürsten und Durchspülen hin. Für ihn war Abwasch keine Arbeit, sondern eine Möglichkeit, um in Ruhe nachzudenken.

Nachdem Obermüller und Gruber gerade alle sozialen Netzwerke und Internetforen durchforsteten, um vielleicht auf diesem Wege etwas über Xaver Mautzenbacher herauszufinden, hatte es Schneidlinger auf dem altmodischen Weg versucht und seine Kontakte spielen lassen. Einer seiner Informanten war Acarbay Özdemir. Der kleine korpulente Mann mit dem großen Namen betrieb im Münchner Bahnhofsviertel ein florierendes Import-Exportgeschäft, wobei die meisten seiner Geschäfte legal waren. Er holte Früchte und Textilien aus der Türkei und lieferte Elektrogeräte und Computer nach Istanbul. Nebenbei, um seine lauteren Geschäfte finanziell abzusichern, war er Teil eines großen illegalen Netzwerkes. Eine Sache, der Schneidlinger einst auf die Schliche gekommen war, sie nicht weiter verfolgt hatte und dafür immer noch ausnutzen konnte. So wie jetzt im Fall Mautzenbacher, als es darum ging, die Herkunft der Rolex zu überprüfen, die, wie Obermüller herausgefunden hatte, nirgends gestohlen gemeldet war.

Vor einer Stunde hatte Schneidlinger mit Acarbay telefoniert, und der hatte ihm versichert, er werde sich umhören.

Mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen räumte der Hauptkommissar sein Geschirr zurück in den kleinen Schrank unter dem Kaffeeautomaten und bemerkte nicht, dass seine Gedanken sich nicht mit dem Fall Mautzenbacher beschäftigten, sondern von seinem Freund Acarbay zu einer anderen Münchner Bekanntschaft gewandert waren.

Denn auch Paulina hatte er während Ermittlungen kennengelernt, allerdings auf eine ganz andere Art als Acarbay.

Die junge Frau jobbte neben ihrem Studium für einen Escortservice, und im Rahmen dieser Tätigkeit wurde sie zum Alibi eines Hauptverdächtigen, der in einen großen Wirtschaftsbetrug verwickelt war. Als alles vorbei war, trafen sich Schneidlinger und Paulina zufällig in der Stadt, und nachdem Paulina ihr Studium beendet und ihren verruchten Job an den Nagel gehängt hatte, entstand eine solide Freundschaft zwischen den beiden.

Ein weiterer Zufall wollte es, dass erst Paulina und nun auch Schneidlinger in Passau landeten und er somit eine vertraute Ratgeberin in seiner Nähe hatte. Natürlich war ihm bewusst, dass niemand, der die Vorgeschichte zu dieser Freundschaft kannte, ihm glauben würde, dass sie wirklich nur gute Freunde waren.

Darum war Schneidlinger immer besonders vorsichtig, wenn er zu Paulina ging, um Fragen nach der Art ihrer Beziehung gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Nachdem er am gestrigen Abend mit ihr telefoniert hatte, hatte er seinen Porsche Boxster wenig später in der Heilig-Geist-Gasse geparkt und war zu Fuß zu ihrer Altbauwohnung hoch über der Passauer Fußgängerzone gegangen, wo sie ihn schon vor der Wohnungstür erwartete.

Barfuß, in einem weißen Sommerkleid, die Haut sanft gebräunt, die langen schwarzen Haare zu einem lockeren Zopf geflochten, die Fußnägel rot lackiert. Wie immer war Schneidlinger von ihrer Schönheit fasziniert, und wie immer stellte er sich vor, was wäre, wenn es nicht bei einer freundschaftlichen Umarmung bliebe.

Doch dann hatten sie über seine Entdeckung im Fall Sophia Weberknecht gesprochen, Wein getrunken und überlegt, was Schneidlinger in dieser Sache unternehmen sollte und konnte, ohne sich unbeliebt zu machen.

„Gib dem Hollermann eine Chance“, hatte Paulina schließlich vorgeschlagen, weil sie wusste, wozu Männer um ihrer Karriere willen imstande waren.

Schneidlinger hatte sich die Möglichkeit bei einem Schluck Wein durch den Kopf gehen lassen, und als kurz darauf die Meldung kam, dass im Oberhaus ein toter Mann gefunden worden war, hatte er es als Zeichen des Himmels gedeutet, gelächelt und beschlossen: Hollermann würde seine Chance bekommen.

Ein letztes Mal wischte Schneidlinger mit dem Spüllappen das Becken aus und ging dann zu seinem Schreibtisch. Er hatte einen Termin im Heinrichsbau bei Oberstaatsanwalt Schwertfeger, weil der am Vormittag wegen einer Gerichtsverhandlung nicht an der Besprechung hatte teilnehmen können und jetzt einen mündlichen Bericht einforderte. Eine gute Gelegenheit, wie Schneidlinger fand, um mal über das eine oder andere zu sprechen.

Kurze Zeit später klaubte der neue Chef des K1 seine Wagenschlüssel vom Schreibtisch, zog sein Jackett über und ging mit einem knappen Nicken an Ramona vorbei. Auf dem Gang stieß er auf den Kollegen Gruber, der sich gerade seine langen Haare zu einem Zopf band und in der Spiegelung der Glastür seinen eingezogenen Bauch bewunderte. Als er Schneidlinger entdeckte, ließ er verlegen von Bauch und Mähne ab und rief freudig: „Ah, Chef! Wir haben das Kennzeichen von Mautzenbachers Auto. Ich habe es zur Fahndung rausgegeben.“

Schneidlinger nickte anerkennend. „Gut. Sehr gut.“ Dabei klopfte er Gruber auf die Schulter.

Gruber warf seine Haare nach hinten und lächelte dann unsicher. „Ja, dann will ich mal wieder.“ Er schob das Gummiband in die Hosentasche und sah zu Schneidlinger, doch der steuerte schon die Tür an. Er hatte es eilig. Er legte Wert auf Pünktlichkeit, bei anderen und natürlich auch bei sich selbst.

Als er mit seinem Auto vom Polizeiparkplatz rollte und sich in Richtung Haitzinger Brücke in den allabendlichen Berufsverkehr einreihte, sah er auf seinem Display den eingehenden Anruf von Franziska Steinbacher. Na, bitte, da geht doch was, dachte er und nahm ab.

„Tut mir leid, Chef, aber wir kommen hier nicht weiter. Von den Mitarbeitern hat niemand etwas gesehen, und ohne Zeugen können wir weder einen Täter finden noch einen Unschuldigen entlasten“, keuchte sie etwas kurzatmig, und Schneidlinger hatte das Gefühl, als habe sie das Ganze auswendig gelernt.

„Immer mit der Ruhe, Frau Steinbacher. Ich habe bereits mit der Journalistin Kathrin Selig gesprochen. Sie wird einen Artikel über unseren Mord schreiben. Sie arbeitet sehr professionell, ich glaube das wird uns weiterhelfen.“ Schneidlinger lauschte in sein Handy und versuchte gleichzeitig, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. „Sind Sie noch dran?“

„Ja, aber der Empfang ist hier oben sehr schlecht“, sagte Franziska, was ihr Schneidlinger aber nicht glaubte. Er hatte gehört, dass sie eine Hand auf die Sprechmuschel gelegt und mit jemandem gedämpft gesprochen hatte. Wahrscheinlich Kollege Hollermann, dachte Schneidlinger.

„Kathrin Selig“, fuhr er unbeirrt fort, „die kennen Sie doch vom Fall Weberknecht. Das ist die Journalistin, die Sie nach dem Tod von Hajo Felbermann über dessen Arbeit für die Zeitung befragt haben.“

„Das ist gut!“, erklärte Franziska aufs Geratewohl und fügte hinzu, dass man in so einem Fall auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen sei.

Schneidlinger passierte die Zufahrt zum Innenhof der Staatsanwaltschaft und fuhr auf einen der wenigen freien Parkplätze zu. Kurz berichtete er der jüngeren Kollegin von Grubers Entdeckung und beendete das Gespräch mit den Worten: „Ich muss jetzt aufhören, ich habe einen Termin.“

Ohne Hast stieg der Hauptkommissar die breite Steintreppe empor und gelangte schließlich zum Büro des leitenden Oberstaatsanwalts, der ihn bereits erwartete. Nach einem Blick auf die Uhr ließ der den Single Malt stehen und bat stattdessen bei seiner Sekretärin um Kaffee. Schneidlinger nickte zustimmend und setzte sich auf den angebotenen Platz dem Oberstaatsanwalt gegenüber.

„Was können Sie mir denn über den neuen Fall berichten?“ Schwertfeger beugte sich ein wenig über seine gefalteten Hände und lächelte den Hauptkommissar auffordernd an.

„Nun“, eröffnete Schneidlinger, las von seinem vorläufigen Bericht die wichtigsten Informationen ab und ergänzte dann: „Interessant ist die Wohnsituation, die völlig gegensätzlich zu der Art und Weise steht, wie sich der Tote am späteren Tatort präsentierte.“

Der Oberstaatsanwalt legte nachdenklich die Stirn in Falten.

„Mautzenbacher trug zum Beispiel eine echte Rolex, sagte dem Nachbarn aber, sie sei nur ein Imitat. Warum? Ebenso rätselhaft sind die gefundenen zwanzigtausend Euro. Woher hatte Mautzenbacher die, und warum trug er sie bei einem Besuch der Veste Oberhaus bei sich? Weil er mit dem Täter verabredet war und sie dem geben wollte? Oder musste? Aber warum nahm sie der Täter dann nicht an sich? Oder ahnte der Täter nicht, dass er sein Opfer treffen würde, und wusste somit auch nichts von dem Geld? Sie sehen, der Fall wirft viele Fragen auf.“

Schneidlinger sah Schwertfeger erwartungsvoll an, dann zur Tür, die sich gerade öffnete. Die Sekretärin des Oberstaatsanwalts betrat mit einem Tablett in der Hand den Raum.

„Was werden Sie also unternehmen?“, fragte Schwertfeger.

„Nach der Pleite in der Wohnung haben wir Mautzenbachers Auto zur Fahndung ausgeschrieben, und ich habe einen Zeugenaufruf an die Presse rausgegeben. Vielleicht kann uns ja bald schon jemand etwas zu diesen Widersprüchen sagen.“

Der Oberstaatsanwalt nickte und schwieg, bis seine Sekretärin die Kaffeetassen verteilt hatte. „Und bei Facebook sind Sie auch nicht fündig geworden?“

Der Hauptkommissar lachte kurz auf. Zuhause erklärte er seinen Kindern, sie sollten sich genau überlegen, was sie in dieser Community von sich preisgaben, und im Beruf griff er immer wieder gern und erfolgreich auf genau diese kostenlose Datensammlung zurück. „Nein, zumindest nicht unter seinem richtigen Namen.“

„Was sagt die Gerichtsmedizin?“

Schwertfeger dachte an alles. Doch damit hatte Schneidlinger gerechnet und wiegelte dessen Erwartung sofort ab.

„Oh, das kann dauern. Die Ärzteschaft streikt doch mal wieder, und diesmal machen sie noch nicht einmal vor den Toten halt.“

Schwertfeger rührte in seiner Kaffeetasse und blieb stumm. Er überlegte, was sein ehemaliger Studienfreund und früherer Hauptkommissar Berthold Brauser in diesem Fall getan hätte.

„Ich habe ein paar meiner früheren Kontakte genutzt und versucht, auf diesem Weg etwas über die Rolex in Erfahrung zu bringen“, erklärte Schneidlinger mit Stolz in der Stimme. „Vielleicht gibt es ja eine Verbindung zwischen der Herkunft der Uhr und dem Täter.“

„Letzten Endes müssen Sie jedes Mittel nutzen, solange es legal ist“, erklärte Schwertfeger.

„Natürlich“, gab Schneidlinger zurück und lächelte provozierend. Er trank seinen Kaffee aus und erhob sich, während Schwertfeger ihm für seinen Besuch dankte.

„Und halten Sie mich bitte auf dem Laufenden!“

„Ja, das mache ich doch gern. Aber was ich Sie noch fragen wollte …“, Schneidlinger trat einen Schritt auf Schwertfeger zu und senkte seine Stimme. „Im vergangenen Herbst hatten Sie doch in diesem spektakulären Fall zu ermitteln.“

Der Oberstaatsanwalt wich ein wenig zurück. „Was meinen Sie?“

„Na, den Fall Weberknecht. Die Zeitungen waren damals voll davon, selbst in München, und ich …“

„Was bitte haben Sie mit dem Fall Weberknecht zu tun? Der Fall ist abgeschlossen“ Schwertfeger straffte die Schultern.

„Nun ja. Um mich einzuarbeiten, habe ich mir die alten Akten angesehen und dabei ist mir aufgefallen, dass … Also gut, ich glaube, es wurde etwas übersehen!“

Schwertfeger sah den Hauptkommissar so lange schweigend an, dass dieser schon dachte, er würde gar nichts mehr sagen.

„Herr Schneidlinger, es ist durchaus bewundernswert, dass Sie sich trotz des neuen Falles – dem Sie im Übrigen Ihre gesamte Energie widmen sollten – für die alten Berichte interessieren. Trotzdem möchte ich Sie daran erinnert, dass in diesem Fall eingehend ermittelt wurde. Es gibt wirklich keinen weiteren Handlungsbedarf.“

Beim letzten Satz hatte Schwertfeger jedes einzelne Wort betont, fast als wolle er dem Hauptkommissar ein für alle Mal eintrichtern, sich aus der Sache rauszuhalten.


Mit einem Korb voller Einkäufe betrat Franziska ihre Wohnung, stellte ihn in der Küche auf die Anrichte und ging ins Bad, um sich ihre verschwitzen Jeans und das Shirt auszuziehen. Nur noch in Unterwäsche gekleidet kam sie zurück, schenkte sich ein großes Glas Eistee ein und trank gierig, bevor sie begann, die Lebensmittel in Kühl- und Vorratsschrank zu räumen. Als sie fertig war, öffnete sie ihre Balkontür, die direkt auf eine kleine Dachterrasse führte, und ließ sich auf den Liegestuhl fallen. Seufzend blinzelte sie in die Abendsonne und schloss die Augen, bis ihr knurrender Magen sie daran erinnerte, dass sie noch nichts gegessen hatte. Es gab Tage, da konnte sie nach dem Dienst stundenlang in der Küche stehen, Gemüse schnippeln und Fleisch anbraten. Heute jedoch hatte sie sich eine Fertiglasagne mitgebracht. Sie nahm ihr Glas mit hinein, schob die Lasagne in die Mikrowelle, schaltete den Laptop ein und stellte sich unter die Dusche. Als sie zurückkam und das Essen noch immer nicht fertig war, überprüfte sie ihr Handy und seufzte: kein Wort von Walter.

Franziska klickte auf die Startseite seiner Homepage, und zumindest von dort aus lächelte er sie genauso an, wie sie sich das von ihm wünschte. Mit einem weiteren Klick wechselte sie zu seinem Blog und wusste im selben Moment nicht, ob sie sich freuen oder ärgern sollte.

Er hatte ihr Bild eingestellt. Nicht ihr Gesicht, das nicht! Zu sehen war das Seidentuch mit ihrem Körper darauf. Die Dokumentation ihrer Lust. Ungebändigte Schöne lautete der Titel, und nachdem Franziska den kurzen Text über die genaue Herstellung des einzigartigen Werks gelesen hatte, war sie froh, dass ihr Name darin nicht auftauchte. Unfähig ihren Blick zu lösen, starrte sie auf die Farben, bis sie vor ihrem Auge verschwammen, bis sie nur noch rote, gelbe und orangefarbene Kreise und Striche sah. Bis sie die Augen schloss, sich zurücklehnte und an den Abend dachte, an dem das Werk entstanden war. In Gedanken stellte sie sich vor, wie das Treffen hätte verlaufen können, wenn nicht dieser alberne Mord dazwischengekommen wäre …

Sie parkte ihr Auto vor der Künstlerwerkstatt. Kaum hatte sie die erste Stufe der Metalltreppe erklommen, da öffnete ihr Walter auch schon die Tür.

„Hallo, Frau Kommissarin, wie schön, dass du endlich kommst!“ Mit seinem hinreißenden Lächeln und nichts auf dem Leib, außer den Boxershorts, kam er ihr entgegen und küsste sie voller Verlangen auf den Mund.

„Bist du allein?“, fragte sie.

Walter antwortete mit schmeichelnder Stimme:

„Ja. Die anderen haben heute Generalprobe im Theater. Wir sind ganz für uns.“ Seine linke Augenbraue zuckte kurz nach oben und ließ Franziska erschaudern.

Er nahm ihre Hand und zog sie die Stufen hinauf, an verschiedenen Türen vorbei, bis zum kleinen Malsaal. Während Walter die Tür schloss, begann Franziska, die Knöpfe ihres Sommerkleides zu öffnen, und als er sich zu ihr umdrehte, stand sie nur noch in Slip und Büstenhalter vor ihm.

„Wow!“, kommentierte er anerkennend, und Franziska sah, dass auch dem Inneren seiner Boxershorts ihr Auftritt gefiel. Verführerisch fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, öffnete den Verschluss ihres BHs und schob dann langsam und ohne ihren Blick von ihm und seiner Lust zu wenden, die Träger über die Schultern nach unten.

„Warte, lass mich das machen“, rief Walter und kam auf sie zu, um sich an dem wenigen Stoff, den sie jetzt noch auf dem Leib trug, zu schaffen zu machen. Als er niederkniete, um ihren Slip über die Hüften nach unten zu schieben, küsste er ihren Bauchnabel, und als er sich noch weiter nach unten bewegte, fröstelte Franziska trotz der Hitze im Raum. Doch dann schloss sie die Augen, um sich ganz diesem herrlichen Gefühl, diesem weiteren Auflodern ihrer Lust hinzugeben. Beim Aufrichten wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund, als habe er gerade ein köstliches Mahl verspeist und freue sich nun auf den Nachtisch.

„Bist du so weit?“, fragte er und reichte ihr die Hand.

Franziska lächelte. „Oh ja!“

Walter führte sie zu dem Podest, das mitten im Raum stand, und hob sie vorsichtig hinauf. Dann holte er ein Seidentuch und legte es um ihren Körper. Während er die Falten drapierte und versuchte, sie gleichmäßig auf ihrem Körper zu verteilen, schlang er immer wieder seine Arme um sie, was Franziska zusehends erregte.

„Das gefällt dir, was?“

Franziska nickte. „Ja.“

Es war mehr ein Hauch, als eine Antwort.

„Dann warte mal ab, wie dir das gefällt.“ In der einen Hand hielt er jetzt ein großes Glas Wasser, in der anderen einen dicken Pinsel. „Ist ein bisschen kalt, aber ich glaube, du kannst eine Abkühlung vertragen.“

„Ja“, hauchte Franziska erneut und nahm die Arme nach oben, zum Zeichen, dass er alles mit ihr tun konnte. Zuerst fuhr er ihr mit dem Pinsel über die leicht geöffneten Lippen, dann den Hals hinunter, und schließlich die Arminnenseiten wieder hinauf. Franziska musste lachen, weil es schrecklich kitzelte, aber sie blieb in ihrer Position.

„Hältst du das aus?“, fragte Walter, und Franziska nickte. Da tauchte er den Pinsel erneut in das Wasserglas ein und fuhr damit ihren anderen Arm entlang, bis er auf dem Seidenstoff, direkt über ihren Brustwarzen landete. Sie waren hart und aufgerichtet und ausgesprochen begeistert. So bemalte er ihren Körper mit kaltem Wasser, bis das Seidentuch durchnässt war und Franziska hörbar aufstöhnte.

„Ich halt es nicht mehr aus“, gestand sie ihm, und sofort stellte er das Glas beiseite.

„Aber du warst sehr tapfer“, lobte Walter und zog sie in seine Arme. Das Seidentuch klebte nun an ihrem und seinem Körper, und Franziska spürte die Hitze seiner Haut und das Verlangen, dem er bisher nicht nachgegeben hatte. Hastig löste Walter die Spange, mit der er das Seidentuch auf Franziskas Schulter zusammengehalten hatte, zerrte den Stoff von ihrer Haut und schob sie dann, nackt wie sie war, durch den Raum bis zur Werkbank. Dort wischte er mit einer Handbewegung alles, was im Weg war, zur Seite, drehte sie um und drückte ihren Oberkörper mit sanfter Gewalt auf die Arbeitsfläche. Während sie sich mit ihren Armen abstützte, küsste er ihren Rücken vom Nacken bis zum Po, drückte ihre Beine auseinander und drang mit einem kräftigen Stoß tief in sie ein. Franziska schrie so laut auf, dass ihr die Luft wegblieb. Dann jedoch drückte sie den Rücken durch und sich ihm entgegen. Sie stöhnte und schrie vor Erregung und sehnte jeden weiteren Stoß herbei. Ihr Körper wurde von einer einzigen Welle heißer Lust durchströmt.

Als sie den Kopf drehte, um ihn anzuschauen, umfasste er ihre Brüste und drehte sie zu sich, um sie zu küssen. Während seine Lippen immer gieriger wurden, wanderten seine Hände an ihrem Körper entlang, streichelten und liebkosten sie und ließen erst von ihr ab, als sie erneut aufschrie. Als die Lust sie aufbäumte und die Erlösung sie zusammensinken ließ. Als auch er, mit wenigen Stößen, zum Ziel und zur Ruhe kam.


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405 стр. 10 иллюстраций
ISBN:
9783745015089
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Bookwire
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