Читать книгу: «Imke - Abseitsfalle»
Veränderungen
Ein komplizierter Abend
Neuordnung
Ein tolles Angebot
Pläne
Gespräche
Gefühle
Neue Ideen
Einstand
Grenzüberschreitung
Geheimnisse
Dunkle Wolken
Davongelaufen
Festgehalten
Geheimnisse
Abgegrätscht
Ein Verdacht
Ein gefährlicher Besuch
Abschied
Impressum neobooks
Imke - Abseitsfalle
Fußballroman
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Corinna Behrens
Gaiglstr. 19
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Aus Deutschland: 0176 71972912
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4. Auflage, 2021
(Überarbeitete Neuauflage)
©Corinna Behrens
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat, Korrektorat: Daniela Höhne, Berlin
Bildmaterial: Getty Images (Sidorov-Stock / Canva)
Von den Imke-Romanen sind bisher erschienen:
- Imke und die gestohlenen Trikots
- Imke: Träume – Tränen – Meistercup
- Imke – Abseitsfalle
Buchbeschreibung:
Kurzbeschreibung
Für die junge Fußballerin Imke erfüllt sich ein Traum. Sie wird ins Auswahlteam berufen. Andere Vereine werden auf die talentierte Spielerin aufmerksam. Doch eigentlich möchte sie beim SV Winkelbach bleiben, denn dort spielen ihre Freundinnen Tanja und Tina. Außerdem gibt es noch die taffe Trainerin Hannah, in deren Nähe Imkes Gefühle Purzelbäume schlagen. Doch dunkle Wolken ziehen über Winkelbach. Da ist der neue Coach der Herrenmannschaft, der Hannah das Fußball-Leben auf der Anlage erschwert. Was ist mit Imkes Freundin Tina los, die sich immer mehr verschließt? Welches Geheimnis trägt ihre Trainerin mit sich herum? Imkes Spürnase nimmt Witterung auf und dabei gerät nicht nur sie in einen Strudel von verwirrten Gefühlen und Skrupellosigkeit.
Über die Autorin:
Corinna Behrens wurde in Wilhelmshaven geboren. 1989 zog sie nach München. Von Kindesbeinen an begleitete sie der Fußball. Lange Zeit spielte sie selbst aktiv und schaffte es sogar bis in die 2. Liga. Sie trainierte jahrelang Juniorinnen- und Frauenteams.
Die Schriftstellerei ist ihre zweite Leidenschaft.
Um in der Literatur dem Frauen- und Mädchenfußball eine Stimme zu geben, schuf sie diese Buchserie.
Veränderungen
»Die Kleine ist bärenstark!«
Friedhelm Meier, der Abteilungsleiter des weiblichen Fußballs bei den Sportfreunden Steinbrücken stellte sich zu Hannah. Er zündete sich eine Zigarette an und hielt ihr die Packung entgegen.
»Nein danke.« Hannah lehnte sich an die Werbebande, die um den Hauptplatz aufgestellt war.
Auf dem Gelände der Sportfreunde Steinbrücken trafen sich wöchentlich die talentiertesten Nachwuchs-Kickerinnen des Landkreises.
Eine Einladung zum Stützpunkttraining bedeutete einen wichtigen Schritt für die Fußballkarriere einer Spielerin.
Ein heftiger Hustenanfall schüttelte den Abteilungsleiter.
»Das klingt nicht gesund. Schon mal ans Aufhören gedacht?«
Friedhelm Meier winkte ab. Auf seiner Halbglatze bildete sich Schweiß.
»Für den nächsten Schritt sollte Imke zu uns kommen!«
Hannah atmete tief durch. »Es wird keine Überraschung für dich sein, dass du nicht allein mit deinem Interesse an Imke bist.«
Die Anfragen von Vereinen häuften sich. Manche sprachen Hannah an, andere wandten sich direkt an Imke und ihre Eltern. Hannah freute sich darüber, doch gleichzeitig erfasste sie Traurigkeit – ein Talent wie Imke würde sie nicht mehr häufig trainieren.
»Du weißt, dass ich keiner Spielerin Steine in den Weg lege«, sagte sie. »Aber Imke muss es selbst wollen. Im Moment sind für sie die Mannschaft und ihre Freundinnen wichtig.«
»Jaja und dich will sie auch als Trainerin behalten. Aber bei uns könnte sie auch noch nächste Saison in der C-Jugend spielen.«
»Ach, meine Person sollte dabei keine Rolle spielen. Imke wird sich durchsetzen, egal ob C- oder B-Jugend.«
»Aber du förderst Imke. Den Service, von der Trainerin zum Stützpunkttraining gefahren zu werden, bekommt nicht jede Spielerin.«
»Warum nicht? Imke wird von ihren Eltern super unterstützt. Die beiden haben aber nicht immer Zeit, die fünfzig Kilometer nach Steinbrücken zu fahren.«
»Und du hast die Zeit? Ich werde dir auf der Stelle ein erneutes Angebot unterbreiten. Wir könnten dich hier gebrauchen und Imke hättest du gleich im Gepäck mit dabei.« Meier zog genussvoll an der Zigarette und blies den Rauch in den Himmel.
»Wer weiß, was noch alles passiert. Ich nutze die Zeit hier auf der Anlage. Erst gehe ich joggen und danach sehe ich mir einige Trainingseinheiten von Sigrid an. Man lernt ja nie aus.« Sigrid Dämler war seit Sommer für die Mädchenauswahl zuständig.
»Du hättest selbst die Auswahl trainieren können. Warum hast du das Angebot vom Verband nicht angenommen?«
»Ich habe es mir lange überlegt.« Hannah fuhr sich mit der Hand durch die schulterlangen, dunkelblonden Haare. »Ich habe das Gefühl, beim SV Winkelbach noch etwas bewegen zu können.«
»Na ja, man hört ja auch so einiges von eurem Verein.« Meier drückte die Zigarette an der Werbebande aus und schnippte die Kippe direkt in den Mülleimer.
»So, was denn?« Hannah kreuzte die Arme vor der Brust.
»Na ja, in eurem Herrenbereich wird doch kräftig investiert, seit dieser Grohmann Trainer der ersten Mannschaft ist. Spielt ihr überhaupt noch eine Rolle im Verein?« Er zündete sich eine weitere Zigarette an.
Hannah verzog das Gesicht, denn Meier hatte ins Schwarze getroffen. »Ohne Frauen- und Mädchenfußball kann heute fast kein Verein mehr bestehen«, sagte sie jedoch betont lässig.
»Komm, erzähl mir nichts. Der SV Winkelbach benötigt Geld. Deswegen habt ihr doch eure Trainingsplätze vermietet.«
Hannah sah ihn an. Dieser Mann war bestens vernetzt und wusste über alles Bescheid. Sie sah den Spielerinnen zu. Imke ließ in diesem Moment zwei Gegnerinnen aussteigen und schoss den Ball unhaltbar in den Winkel. Sie drehte sich zu ihrer Trainerin um und lachte über das ganze Gesicht. Hannah hob den Daumen.
»Kennst du Grohmann?«, fragte sie.
»Ja, er ist ein Erfolgscoach«, sagte Meier.
»Weil er so gut ist?«
»Seine Qualitäten als Trainer will ich nicht abwerten. Aber er hat in der Vergangenheit immer nur die Mannschaften trainiert, in die der Verein investierte. Er hat doch auch einige Spieler mitgebracht, oder?«
Hannah nickte. »Ja. Du bist bestens informiert.«
»Denk über mein Angebot nach. Beim SV Winkelbach wirst du dich in Grabenkämpfen aufreiben. Mit deiner Trainerlizenz wirst du bei uns auch finanziell besser dastehen. Der SVW wird dir doch nur ein Taschengeld auszahlen.«
Hannah zwinkerte ihm zu: »Du weißt doch, dass ich gerne Herausforderungen annehme. Das Finanzielle könnte in der Tat rosiger aussehen. Trotzdem danke. Vielleicht kommen wir irgendwann mal zusammen.«
Ein komplizierter Abend
»Tanja, Lydia, Dani – hier bei mir spielt die Musik«, rief Hannah den drei Mädchen zu, die kichernd zusammenstanden. Sie sahen zur anderen Seite des Platzes, auf der zeitgleich die männliche B-Jugend des SV Winkelbach trainierte.
Hannah klatschte laut in die Hände: »Auch wenn es schwerfällt, wir haben noch einiges vor.«
»Kommt schon«, rief Karin, die vorbildliche Spielführerin der Mannschaft. »Ich will trainieren.«
»Ist ja gut«, sagte Dani. »Wir sind doch da.«
Die drei schlenderten, immer noch feixend, zu ihren Mitspielerinnen. Tina, die Torhüterin und mit Tanja zusammen Imkes beste Freundin, verdrehte die Augen. »Mensch, was ihr an diesen Bubis nur findet.«
Einige Mädchen lachten.
»Wieso, wir beobachten doch nur«, sagte Dani. »Die wollen ja was von uns.«
»Das könnt ihr nach dem Training ausdiskutieren.« Hannah schüttelte den Kopf. »Auf meinem Trainingsplan stehen noch ein paar Torschussübungen und ein kleines Abschlussspielchen. Am Wochenende wartet schließlich ein schweres Spiel auf uns.«
»Oh, cool«, rief Dani. Torschüsse und Abschlussspiel waren für alle die Highlights einer Trainingseinheit.
Entsprechend motiviert bestritten sie den Rest der Trainings.
Am Ende rief Hannah die Spielerinnen zusammen: »Ich habe noch eine tolle Nachricht.« Erwartungsvoll sahen die Mädchen die Trainerin an.

Imke stürzte in die Küche. Ihre Eltern saßen beim Abendessen und schauten verdutzt auf ihre aufgeregte Tochter. Ihre kurzen schwarzen Haare standen ungekämmt in alle Himmelsrichtungen, das Gesicht war knallrot vor Aufregung und die graublauen Augen strahlten vor Freude.
»Imke, was ist passiert?«, fragte ihre Mutter. »Du hast immer noch deine dreckigen Trainingsklamotten an«, stellte sie tadelnd fest. »Warum duscht ihr Mädchen nie nach dem Training?«
»Das ist doch jetzt egal, Mama.« Atemlos stützte sich Imke am Tisch ab. »Ich gehöre zum Auswahlkader und spiele bei einem Kreisauswahl-Vergleichsturnier mit!«
Martin Strobel zog die Augenbrauen hoch: »Auswahlkader? Turnier?«
»Hannah hat mir die Einladung gezeigt. Ich gehöre dazu!« Ihre Augen glänzten. »Stellt euch das vor. Die besten Spielerinnen haben dabei die Chance, in den Landesauswahlkader zu kommen.«
Imkes Eltern schauten sich verschmitzt an.
»Kleine, das ist ja super.« Ihre Mutter und nahm sie in den Arm. »Ich bin stolz auf dich.«
Martin Strobel biss herzhaft in sein Wurstbrot und lächelte vor sich hin. «Jetzt ist die Nationalelf also nicht mehr weit weg?«
»Ach, Papa, das ist das nächste Ziel!« Imke setzte sich auf einen Stuhl und nahm sich ein Stück Käse.
»Imke, mit deinem dreckigen Zeug am Tisch … Also ehrlich.« Irene Strobel schüttelte verständnislos den Kopf.
»Mama, jetzt schimpf mich nicht. Ich freue mich doch so auf das Turnier!«
»Wo und wann findet es denn statt?«, fragte ihr Vater.
»Auf der Anlage von Mainstetten. Im Oktober! Ich glaube, am ersten Wochenende«, entgegnete Imke kauend.
Es wurde still. Ihre Eltern schauten sich an.
»Ist was?«, fragte Imke.
»Na ja, nun, Imke …«
Frau Strobel sah ihren Mann kopfschüttelnd an. »Also, bis du zum Punkt kommst. Imke, du weißt doch, dass Oma sechzig Jahre alt wird und wir zu ihr fahren. Das ist doch längst alles ausgemacht!«
Imkes Herzschlag setzte für einen Moment aus. »Nein, Mama, das geht nicht! Ich muss spielen!«
Auf der Stirn von Frau Strobel bildeten sich tiefe Falten. »Mein liebes Fräulein! Wir respektieren nicht nur deinen Sport, wir fiebern fast jedes Wochenende am Spielfeldrand mit dir mit. Aber meiner Mutter werde ich bestimmt nicht wegen eines Fußballturniers absagen und schon gar nicht ihre Feier zum sechzigsten Geburtstag!«
Imkes Lippen verzogen sich schmollend. Tränen tropften aus ihren Augen. »Ihr könnt ja fahren. Ich bleibe zu Hause!«
»Also, Imke!« Kopfschüttelnd sah Irene Strobel ihre Tochter an. »Oma würde dich sowieso lieber im Ballettkleidchen Schwanensee tanzen sehen als in kurzen Hosen auf der Fußballbühne. Du brichst ihr das Herz, wenn du ein Fußballturnier ihr vorziehst! Das kann nicht dein Ernst sein!«
Imke sah in Gedanken ihre Oma vor sich. Eigentlich war Oma das falsche Wort. Sie wirkte wie die ältere Schwester ihrer Mutter: chic, modern und unternehmungslustig. Sie arbeitete halbtags in einer Bibliothek. Doch in Bezug auf Imkes Hobby war sie äußerst konservativ.
Voller Verzweiflung blickte Imke zu ihrem Vater, der aber sofort wegsah und sich auf sein Essen konzentrierte. Sie drehte sich um, rannte aus dem Zimmer und hörte weder ihre Mutter rufen noch die beruhigende Stimme des Vaters.
Tränen liefen über Imkes Gesicht. Sie schwang sich auf das Fahrrad und trat in die Pedale. Leere erfüllte sie, gepaart mit Wut und Verzweiflung. Vorhin schien ihre Welt perfekt. Hannah hatte vor der Mannschaft verkündet, dass sie für das Kreisauswahlturnier nominiert worden war. Doch dieser Traum zerfiel gerade wie ein Kartenhaus.

Automatisch fuhr sie zum Fußballplatz, der nur zehn Fahrradminuten entfernt lag. Sie stellte ihr Fahrrad ab und eilte auf die Anlage. Es war inzwischen kurz nach acht Uhr. Sie beobachtete, dass die Frauen- und Herrenteams ihre Trainings beendeten und die Bälle zusammensuchten. Mit schnellen Schritten lief sie zum Trainingsplatz. Einige Frauen und Männer kamen ihr entgegen.
»Hallo«, sagte Lisa Wimmer. »Was machst du denn noch auf der Anlage?« Lisa war die Mutter von Tina und spielte Fußball in der Frauenmannschaft.
»Ich muss noch kurz mit Hannah reden.« Sie hoffte, dass niemand bemerkte, wie aufgelöst sie war.
»Siehst du Samstag bei uns zu?«, fragte Julia, die stämmige Verteidigerin.
»Klar«, antwortete Imke im Vorbeilaufen.
Mit den Ballnetzen in der Hand kam ihr Christian Weber entgegen, der seit dieser Saison Hannahs Co-Trainer war. »Hey, Kleine, was machst du denn noch hier?«
Imke blieb stehen. »Ich muss noch mit Hannah reden.«
»Was ist los? Bist du traurig? Das war doch heute so eine tolle Nachricht für dich.«
Imkes Augen füllten sich mit Tränen. Christian legte die Bälle ab, um sie tröstend in den Arm zu nehmen, doch Imke wich ihm aus.
»Wo ist Hannah?«, fragte sie.
Er zeigte in Richtung des Trainingsplatzes. »Sie unterhält sich mit Grohmann.«
Imke lief weiter. Sie sah, dass nur noch Hannah und Günter Grohmann auf dem Platz standen.
Ihre Trainerin hatte die Hände in die Hüfte gestimmt.
»Wir brauchen eine Lösung! Wir haben dasselbe Recht zu trainieren wie ihr!« Hannahs Stimme klang ungewohnt aggressiv.
Imke suchte Schutz hinter einem Strauch. Sie hoffte, dass der Herrentrainer nicht mehr lange blieb.
Grohmann schob seine Hände in die Trainingshose. »Frauen sollten ihre Männer auf dem Fußballplatz anfeuern, zu Hause verwöhnen und ein leckeres Essen kochen. Stattdessen wollt ihr Fußball spielen und nehmt dabei den Jungs die Plätze weg.«
Der spinnt ja! Imke biss sich auf die Lippe. Es fiel ihr schwer, dem eingebildeten Grohmann nicht eine passende Antwort zuzurufen.
Sie hörte Hannah auflachen. »Also wirklich. Aus welchem Zeitfenster bist du denn entsprungen?«
Imke grinste. Das hätte gesessen, denn Grohmann schwieg. Dann trat er einen Schritt auf Hannah zu.
Er zog sie an sich.
»Was wird das?«, fragte Hannah. »Kommst du mit deinen Argumenten nicht weiter und versuchst es auf die harte Tour?«
»Hart bin ich nur zu meinen Jungs, aber nicht zu schönen Frauen.«
Imke verzog den Mund. Was für ein Geschwurbel.
»Okay, jetzt hattest du deinen Spaß. Lass mich …« den Satz konnte Hannah nicht beenden, denn Grohmann drückte seine Lippen auf ihren Mund. Seine Hände glitten über ihren Rücken und ihr Gesäß.
Imke war wie erstarrt. Ein tiefer Stich bohrte sich in ihre Brust. Tränen schossen aus ihren Augen. Sie wollte nur weg von dieser Szene, von Hannah. Kopflos trat sie aus dem Schutz des Gebüschs.
»Imke, was machst du hier?«, hörte sie ihre Trainerin sagen.
Sie hob den Kopf. Hannah schob Grohmann von sich.
»Du hast uns doch nicht heimlich beobachtet?« Günter Grohmann hob tadelnd den Finger und grinste.
»Ich muss mit dir reden«, flüsterte Imke.
»Du siehst doch, dass du störst«, sagte Grohmann.
Imke drehte sich um und rannte davon.
»Imke«, hörte sie Hannah rufen. »Bleib stehen!«
Doch Imke lief weiter.

Weinend saß Imke auf ihrem Fahrrad. Neben ihren Eltern, Tina und Tanja gehörte Hannah zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Eine schreckliche Einsamkeit breitete sich in ihr aus. Warum hatte Hannah sie nicht aufgehalten? Aber die flirtete lieber mit diesem blöden Typen rum.
Imke stellte das Fahrrad in die Garage und schloss die Haustür auf. Ihr Vater kam ihr entgegen. »Wo warst du denn?«
Imke drängte sich an ihm vorbei und rannte wortlos die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Sie knallte die Tür hinter sich zu und schloss sie ab. Ohnmächtig vor Enttäuschung, Wut und Traurigkeit fiel sie in ihr Bett. Sie war weder fähig, ihre Trainingskleidung auszuziehen, noch sich zu waschen und ihre Zähne zu putzen. Sie lag nur da und verspürte einen heftigen Schmerz.
Neuordnung
Am Donnerstag fuhr Imke zeitgleich mit Hannah auf die Anlage.
»Was wolltest du am Dienstagabend mit mir besprechen?«, fragte ihre Trainerin.
»Nichts«, sagte Imke kurz angebunden, während sie an Hannah vorbeisah.
»Moment. Du wolltest mit mir reden. Lisa hat mich in der Kabine gefragt, ob ich mit dir gesprochen hätte. Sie hat sich Sorgen gemacht, weil du so aufgeregt an ihr vorbeigelaufen wärst.«
»Hat sich erledigt.« Ihre Stimme zitterte und am liebsten hätte sie sich in Hannahs Arme geworfen und ihr alles erzählt. Aber die Enttäuschung über ihre Trainerin war zu groß. Die Worte des Herrentrainers Grohmann klangen ihr noch in den Ohren. Er hatte sich über sie lustig gemacht. Warum hatte Hannah das zugelassen?
Einen Augenblick zögerte Hannah. »Okay«, sagte sie. »Du weißt ja, dass du mit mir reden kannst.«
Imke nickte und schob sich an ihr vorbei auf das Trainingsgelände.

Hannah gestaltete jedes Training abwechslungsreich, dabei kam der Spaß nicht zu kurz. Seit einigen Wochen übte sie mit der Mädchenmannschaft die Viererkette und Raumdeckung.
Die Mannschaft sah das Spiel ohne Libero zunächst skeptisch, aber sie lernten schnell. Inzwischen hatten sie die Umstellung nicht nur akzeptiert, sondern sie zahlte sich auch in Punkten aus.
Es war kurz vor Ende des Trainings, als Lisa aufgeregt auf Hannah zustürmte. »Ich muss dir dringend etwas sagen«, rief sie atemlos.
Tinas Mutter war seit dieser Saison Abteilungsleiterin für den weiblichen Fußball des SV Winkelbachs.
»Weißt du, was mit deiner Mutter los ist?«, fragte Karin.
Tina hob die Schultern. »Keine Ahnung.«
Die beiden Frauen diskutierten leise miteinander.
Die Mädchen standen mit gespitzten Ohren herum.
Hannah dreht sich nach einer Weile zu ihnen um und rief ihren Co-Trainer Christian und die Mädchen zu sich zusammen.
»Was ist denn los, Mama?«, fragte Tina.
»Es ist alles in Ordnung. Ich muss nur mit Hannah etwas besprechen.« Ihre Mutter versuchte zu lächeln. Es misslang ihr gründlich, denn sie wirkte aufgebracht.
»Okay, Mädels«, erklang Hannahs beruhigende Stimme. »Wir treffen uns Samstag hier um zehn Uhr. Bitte wie immer pünktlich sein.«
Die Mädchen entfernten sich nur zögernd, um das Gespräch zwischen den Frauen und Christian mitzubekommen. Aber Lisa zog die beiden einige Meter weg.
»Wir sollten in die Kabine gehen«, sagte Karin. »Wir bekommen noch früh genug mit, worum es geht!«
Murrend bewegten sich die Spielerinnen vom Ort des Geschehens. Dabei sahen sie sich immer wieder um.
Günter Grohmann und ein paar Spieler kamen den Mädchen entgegen. »Na, Mädel, hast du dich beruhigt?« Er grinste und zwinkerte Imke dabei zu. Imke wandte sich schweigend ab.
»Was meint der?« Tina blieb stehen und hielt Imke am Arm fest.
»Ach.« Imke versuchte mühsam, die Tränen zurückzuhalten.
»Was ist denn los?« Tanja legte den Arm um Imke. »Du müsstest doch der glücklichste Mensch auf der Welt sein.«
»Jetzt sag schon, was du hast.« Tina boxte Imke in den Oberarm.
Imke erzählte von dem Gespräch mit ihren Eltern und dem Geburtstag ihrer Oma.
»Meine Eltern lassen mich deswegen nicht zum Turnier!« Imke wischte sich Tränen aus den Augen.
»Nee, oder?«, stöhnte Tina.
»Das gibt es doch nicht! Deine Eltern stehen doch sonst immer hinter dir.« Tanja schüttelte den Kopf.
»Diesmal eben nicht. Omas Geburtstag ist wichtiger.« Imkes Stimme klang brüchig.
»Hast du es Hannah erzählt? Vielleicht kann sie deine Eltern überzeugen.«
»Ich wollte ja, aber ich konnte nicht.« Sie berichtete von ihrem Erlebnis am Dienstagabend.
»Mit dem Grohmann? Der ist doch viel zu alt«, sagte Tina.
»Wo die Liebe halt hinfällt.« Tanja grinste. »Aber Hannah und Grohmann? Das geht gar nicht.«
»Aber du und Marcel.« Tina hielt Tanja am Arm fest. »Seit wir mit der B-Jugend zusammen trainieren, schaut der dich doch ständig an und du ihn auch.«
»Stimmt nicht«, sagte Tanja und wurde rot im Gesicht. »Ich beobachte nur, was die so trainieren.«
»Soso! Und warum wirst du immer verlegen, wenn Marcel dich anspricht?« Freundschaftlich boxte Tina sie an den Oberarm. »Uns kannst du nichts vormachen.«

Lisa hatte die Hände in die Hüfte gestemmt. »Der Vorstand hat beschlossen, dass der ersten Herrenmannschaft ab sofort der gesamte Platz zur Verfügung steht.«
»Und wo sollen wir trainieren?«, fragte Christian.
»Wir müssen mit der zweiten Mannschaft auf den roten Aschenplatz ausweichen.« Lisas Augen blitzten.
»Das gibt es doch nicht!« Hannah schüttelte den Kopf.
»Wie bitte? Die können uns doch nicht einfach abschieben!«, rief Christian erzürnt.
»Das hängt mit Grohmann zusammen. Er will unbedingt aufsteigen und hat deswegen Druck beim Vorstand gemacht.«
»Hat Willi Janssen dem etwa auch zugestimmt?« Dieser war der erste Vorsitzende des SV Winkelbach.
»Hannah, er ist eine Marionette in diesem Spiel.« Lisa platzte fast vor Wut. »Aber das war ja noch nicht alles. Die Spiele der Frauen und Mädchen finden nicht mehr auf dem Hauptplatz statt. Auch der ist nur noch für die Herrenmannschaft vorgesehen. Unsere Spiele dürfen wir nur noch auf dem Trainingsplatz oder auf roter Erde austragen.«
»Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen«, sagte Christian. »Soll ich mal mit Grohmann sprechen?«
Hannah überlegte kurz. »Nein, ich stelle ihn zur Rede.«
»Geh nicht hin«, rief Lisa und hielt Hannah am Arm fest. »Grohmann ist doch im Moment derjenige, der das Sagen hat. Jede Minute, die du mit ihm diskutierst, ist verschwendet. Glaub mir!«
Die beiden Frauen sahen sich an. Sie waren fast gleich groß.
»Aber ich kann eventuell etwas bei ihm ausrichten. Er scheint eine Schwäche für mich zu haben.«
»So?« Christian sah Hannah überrascht an. »Das ist ja interessant. Dann setz doch deine Waffen gegen ihn ein.«
»Das bringt bei dem Kerl nichts.« Lisa hielt Hannah am Arm. »Der sieht nur seinen Vorteil, etwas anderes interessiert ihn nicht.«
»Ich versuche es trotzdem.«
Lisa zuckte mit den Schultern.
Hannah drehte sich um und lief mit festen Schritten auf Grohmann zu. Dieser steckte einige Felder ab.
»Ich muss mit dir reden.« Hannah stellte sich neben ihn.
»Nach dem Training, schöne Frau.« Ohne sie anzusehen, stellte er Markierungshütchen auf den Rasen.
»Nein, jetzt. Hast du das mit dem Platz veranlasst?«
Grohmann fuhr sich mit der Hand über das kurz geschnittene Haar und seufzte: »Ich habe dir doch gesagt, dass wir eine Lösung finden müssen.«
»Wir? Das scheint aber deine Lösung zu sein!«
»Nein, die des Vorstandes. Es geht im Moment nur um die erste Mannschaft, und zwar die erste Herrenmannschaft, die hat absoluten Vorrang.«
»Aber das kann doch nicht zu Lasten des Frauen- und Mädchenfußballs gehen. Auch wir gehören zum SV Winkelbach!«
»Ach, Hannah«, er lachte leise. »Der SV Winkelbach benötigt Sponsoren. Deshalb müssen wir aufsteigen! Dabei ist völlig egal, ob die Frauen Kreisklasse, Kreisliga oder in einer Hausfrauenliga kicken. Das Ziel ist klar und die Entscheidung des Vorstandes steht!«
»Na klar, die Sponsoren werden Schlange stehen, wenn ihr in die Kreisliga aufsteigt.« Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Ich weiß, was im Herrenfußball los ist, aber du hast keine Ahnung vom Frauen- und Mädchenfußball. Du unterschätzt uns.«
Grohmann fuhr mit seiner Hand über ihre Wange. »Ich habe genug Ahnung von Frauen. Den Fußball sollten wir zwischen uns ausklammern.«
Hannah hielt seine Hand fest. »Mag sein, dass du andere Frauen mit diesen Sprüchen beeindrucken kannst. Bei mir zieht das nicht. Ich stehe vor dir als Trainerkollegin, ob es dir passt oder nicht.«
Falten bildeten sich auf seiner Stirn. »Du bist eine echte Herausforderung.«
»Fordere mich nicht heraus«, knurrte die Trainerin, »denn du wirst das Duell nicht gewinnen.«
»Trainer, brauchst du Hilfe?«, rief jemand. Andere lachten, die Spieler der ersten Mannschaft sahen zu ihnen herüber.
Hannah ließ Großmanns Hand los. »Damit kommst du nicht durch!« Sie drehte sich um und lief zurück zu ihren Spielerinnen, die sie erwartungsvoll ansahen.
»Nehmt die Bälle und die Hütchen. Wir gehen auf den roten Platz.«
Hannah begegnete Lisas Blick. Ihre Miene schien zu sagen: Hättest du mal auf mich gehört!
»Wir sollen auf roter Erde trainieren«, empörte sich Julia. »Was soll das?«
»Der Vorstand hat das so beschlossen«, sagte Lisa.
»Und wir akzeptieren das einfach?«, fragte Marion und schüttelte den Kopf. »Das kann man uns auf Dauer nicht zumuten.«
Die anderen Spielerinnen murrten ebenfalls.
»Beruhigt euch«, rief Hannah. »Wir werden das natürlich nicht so einfach akzeptieren. Aber jetzt trainieren wir auf dem Aschenplatz und bereiten uns auf das schwere Spiel am Samstag vor. Auf geht’s!«
Ein tolles Angebot
Imke packte den Rucksack für das Fußballspiel. Hoffentlich habe ich nichts vergessen!
»I-m-k-e«, die Stimme ihrer Mutter unterbrach ihre Gedanken.
»Wird schon alles drin sein«, murmelte sie vor sich hin und verschloss den Rucksack. Sie öffnete die Tür und rief: «Ja, was ist? «
»Fährst du mit dem Fahrrad zum Spiel?«
Imke hüpfte die Treppenstufen herunter. »Klar, wie immer.« Imkes Stimme klang distanziert. Mutter und Tochter standen sich gegenüber.
»Wir kommen später nach.«
»Braucht ihr heute nicht!«, sagte Imke mürrisch. »Eigentlich will ich gar nicht, dass ihr zuschaut.«
»Das sind ja ganz neue Töne«, mischte sich ihr Vater ein, der aus seinem Arbeitszimmer herauskam. Er arbeitete in einer Anwaltskanzlei und brachte oft Akten mit nach Hause.
»Bist du sauer auf uns?«, fragte er arglos.
»Nein, ich bin total happy. Mir geht es super und ihr macht sowieso, was ihr wollt.«
»Imke, treib es nicht auf die Spitze!« Ihre Mutter hob mahnend den Finger. »Es wird noch viele Spiele und Turniere in deinem Leben geben. Aber dieses Auswahlturnier wirst du auslassen!«
Imkes Augen füllten sich einmal mehr mit Tränen. »Ich hab’s verstanden«, sagte sie mit leiser, zittriger Stimme.
»Aber deswegen lieben wir dich doch trotzdem und wollen dich weiter beim Fußball anfeuern.« Ihre Mutter strich ihr über das Haar.
»Ich habe noch niemandem gesagt, dass ich nicht mitkomme«, flüsterte Imke. »Und wenn ihr da seid …«
»… werden uns Hannah, Tinas Mama und Tanjas Eltern fragen, ob wir mitfahren. Dann werden wir erzählen, dass du nicht teilnimmst.« Martin Strobel nickte verständnisvoll. »Okay, Kleine, regle das allein. Wir sind das nächste Mal wieder dabei!«
»Danke.« Imke wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann nahm sie ihren Rucksack und lief zur Tür hinaus.

Als Imke die Anlage betrat, standen die meisten Mitspielerinnen und auch Christian vor der Kabine.
»Unser Star ist da«, rief Christian.
»Jep«, rief Dani. »Wir gründen jetzt den Imke-Fanclub.«
»Oh ja«, rief Laura. Sie war ein riesiger Fan von Imke, weil diese in einer schwierigen Anfangszeit im Verein zu ihr gehalten hatte. »Dann fahren wir zu jedem Auswahlspiel von Imke mit.«
Christian lachte und streichelte Imke über den Kopf. »Du bist der Stolz der Kompanie.«
»Ach ihr.« Imke lächelte verlegen. »Vielleicht bin ich morgen schon nicht mehr dabei.«
»Ich dachte, du wärst inzwischen selbstbewusster«, sagte Karin. »Wenn es jemand packt, dann bestimmt du.«
Christian legte den Arm um Imke und drückte sie an sich. »Was hast du nur für Gedanken?«
Imkes Herz wurde immer schwerer. Sie musste endlich sagen, dass sie nicht am Turnier teilnahm.
Die Spielerinnen schlenderten laut plaudern und kichernd in die Kabine. Hannah stand an der Taktiktafel und stellte die Magnete auf.
»Füllst du den Spielberichtsbogen aus?«, bat sie Christian. »Zur Besprechung kommst du mit rein.«
Imke hatte neben der Taktiktafel ihren Stammplatz in der Kabine. Sie zog sich das Trikot an und band sich die Fußballschuhe zu. Hannah beugte sich zu ihr herunter. »Was haben deine Eltern dazu gesagt, dass du beim Turnier dabei bist?«
Imkes Herz schlug schneller. »Ja, sie sind mächtig stolz.«
»Fahren sie mit?«
Imke hob die Schultern. »Weiß noch nicht.«
»Ach, das werden sich die beiden doch nicht entgehen lassen«, sagte Hannah lächelnd.
Na, du wirst es ja wissen. Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich intensiv mit den Schnürsenkeln der Schuhe.
Nachdem alle Mädchen umgezogen waren, kam Christian in die Kabine und stellte sich neben Hannah.
Diese gab die Aufstellung für das Spiel bekannt. An der Taktiktafel erklärte sie den Spielerinnen ihre Aufgaben und zeigte die Stärken der Gegnerinnen aus Langstetten auf.
»Das Spiel findet auf dem Trainingsplatz statt«, beendete sie ihre Ansprache.
»Warum das denn?«, fragte Karin. »Das ist ein Trainingsplatz, wir wollen auf dem Hauptplatz spielen.«
»Dafür kennen wir ihn bestens und das ist durchaus ein Vorteil.« Christian versuchte, das Positive aus der Situation herauszuholen.
»Wir spielen immer auf dem Hauptplatz.« Lydia stapfte mit dem Fuß auf. »Dafür ist er doch da.«
»Dem Grohmann und dem Vorstand verdanken wir das.« Tina plauderte aus dem Nähkästchen. Lisa, ihre Mutter, hatte ihr das erzählt.
»Wieso?«, fragte Dani. »Was haben die damit zu tun?«
»Der Grohmann will aufsteigen und deshalb darf keine andere Mannschaft mehr den heiligen Rasen betreten«, schimpfte Tina weiter. »Die Frauen dürfen nicht mehr auf dem Rasenplatz trainieren.« Bei dieser Nachricht waren die Mädchen völlig außer sich.
»Das dürft ihr euch nicht gefallen lassen!«, rief Karin.
»Genau«, stimmte Dani zu. »Warum können die das überhaupt einfach bestimmen?«
»Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.« Christian versuchte, die Mädchen zu beruhigen.
»Warum kannst du denn nichts ausrichten?«, fragte Imke und sah die Trainerin mit blitzenden Augen an. »Du hast doch so eine innige Beziehung zum Grohmann.«
Die Blicke der Mädchen richteten sich auf Hannah, deren Gesicht eine leichte Rötung annahm.
»Haben wir was verpasst?«, fragte Dani.
«Nein, habt ihr nicht. Imke hat da etwas missverstanden!«
»Das sah -«
»Schluss jetzt!«, unterbrach Hannah Imke. »Wir gehen auf den Platz, wärmen uns ordentlich auf und danach will ich, dass ihr ein engagiertes Spiel abliefert. Christian, du kümmerst dich um Tina. Auf geht’s!«
Die Mädchen sprangen auf und liefen aus der Kabine. Dani kam an Imkes Seite. »Was meintest du denn wegen Grohmann und Hannah?«
»Ich sag nichts mehr dazu.« Imke zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch.
»Sei nicht so zu Hannah.« Tanja verzog missmutig den Mund.
»Komm, sag schon, was du weißt.« Dani stupste Imke an.
»Du hast Hannah auf jeden Fall mit deiner Aussage getroffen«, sagte Lydia.
»Wieso getroffen?« Imke starrte nach vorne. »Das ist doch ihre Sache, mit wem sie was hat.«
»Also stimmt es wirklich?« Karin blies die Wangen auf. »Ich will mir das nicht vorstellen.«
»Denkt doch, was ihr wollt.« Imke spurtete los.

Der SV Winkelbach kam nicht ins Spiel. Gegen die körperlich überlegenen Gegenspielerinnen gewannen sie kaum einen Zweikampf. Angriff auf Angriff rollte auf Tinas Tor, doch diese hielt mit fantastischen Reflexen die Null fest.
Hannah half der Mannschaft in der Pause mit klaren Ansagen.
»Haltet den Ball in den eigenen Reihen und geht nicht zu viel in die Dribblings. Ihr zieht den Kürzeren!«
Sie sah zu Imke: »Versuch einen schnellen Doppelpass, du reibst dich sonst auf!«
Imke nickte. Sie presse die Lippen aufeinander. Das Spiel lief bisher an ihr vorbei. Wenn sie den Ball führte, wurde sie zur Seite geschoben oder gefoult. »Okay! In den defensiven Zweikämpfen haltet dagegen, setzt euren Körper zwischen Spielerin und Ball. Ihr seid die technisch bessere Mannschaft und schneller. Diese Stärken müsst ihr einbringen. Auf geht es, Mädels!«
Die Spielerinnen klatschten sich ab.
»Auf jetzt!«, rief Karin. Der Schiedsrichter pfiff die zweite Halbzeit an. Mit Biss und Willen setzten sie die Vorgaben ihrer Trainerin um. Sie bewegten sich ständig bei Ballbesitz und fanden dadurch immer eine freie Mitspielerin.
Die Gäste schienen überrascht zu sein. Sie setzten sich kaum noch in einem Zweikampf durch. Imke wirbelte im Mittelfeld. Sie versuchte, sich nicht mehr eins gegen eins durchzusetzen, sondern spielte häufig einen Doppelpass. Dadurch ergaben sich freie Räume.
Aber trotzdem gelang kein Tor. Kurz vor Spielende nahm sich Imke ein Herz und zielte aus zwanzig Metern auf das Gehäuse. Der Ball senkte sich unhaltbar ins rechte Toreck zum 1:0. Nach dem Schlusspfiff lagen sich die Mädchen freudestrahlend in den Armen.
Christian klatschte alle mit der Hand ab. »Super gehalten«, rief er Tina zu und umarmte sie. »Keeperin, du bist spitze!«
»Auslaufen, Mädels«, rief Hannah.
Imke saß auf dem Rasen und zog ihre Fußballschuhe aus. Sie lief immer barfuß aus.
»Das war eine klasse Partie von dir, Imke«, hörte sie jemanden sagen.
Sie sah hoch. Ein Mann stand dort, der ihr bekannt vorkam.
»Danke.« Sie überlegte, woher sie ihn kannte.
»Mein Name ist Friedhelm Meier. Du kennst mich bestimmt von der Sportanlage Steinbrücken!«
»Ach ja, daher kenne ich Sie!«, sagte Imke und stand auf. »Das ist eine tolle Anlage!«
»Ja, das ist sie. Du hast ja mitbekommen, dass unsere B-Juniorinnen in der Bezirksoberliga spielen.«
Imke nickte. »Ja. Sind Sie der Trainer?«
Meier lachte und hustete dabei. »Oh nein. Das sicher nicht. Ich bin der Abteilungsleiter für den Frauen- und Mädchenfußball und auf der Suche nach Spielerinnen, die uns weiterbringen. Deshalb bin ich hier. Ich würde dich gerne zu uns holen. Könntest du dir einen Wechsel vorstellen?«
Imkes Herz schlug eine Spur schneller. Sie freute sich über Meiers Interesse. Gleichzeitig schien ihr Herz bei dem Gedanken, vom SV Winkelbach wegzugehen, auch schwerer zu werden.
»Oooh, danke«, sagte Imke leise. »Nun, aber der Weg ist doch sehr weit und ich weiß nicht, ob mich meine Eltern dabei unterstützen.«
»Das sollte nicht das Problem sein. Es gibt Fahrtgeld und außerdem holen wir auch Spielerinnen zum Training ab.«
»Sie haben doch so viele talentierte Spielerinnen.«
»Wir wissen, warum wir dich ansprechen. Außerdem solltest du den Verein wechseln, wenn du weiterkommen willst. Bei uns erhältst du eine gut organisierte Ausbildung. Du weißt, dass unsere Rasenplätze alle gepflegt sind. Auf solchen Plätzen wie diesen hier spielt bei uns keine Mannschaft.« Er deutete auf den strapazierten Trainingsplatz.
»Normalerweise spielen wir auf dem Hauptplatz.«
»Nur heute nicht?«
Imke hob die Schultern. »Weiß nicht, wie es weitergeht. Die erste Herrenmannschaft hat Vorrang!«
»Siehst du. Die Sportfreunde fördern den Frauen- und Mädchenfußball. Der Verein hat früh die Chance erkannt, die der weibliche Fußball bietet. Du wärst bei uns in den besten Händen.«
Erwartungsvoll sah Meier Imke an.
»Muss ich mich jetzt entscheiden?«
»Nein, um Gottes willen.« Er lachte. »Hier, ich gebe dir meine Visitenkarte. Besprich das mit deinen Eltern. Sie können mich gerne jederzeit anrufen oder beim Stützpunkttraining ansprechen.«
Imke nahm die Karte an sich und sagte: »Danke, Herr Meier. Ich werde es mir überlegen.«
In diesem Moment rief Hannah: »Hallo, Friedhelm, du wirst ja wohl nicht vor meinen Augen Spielerinnen abwerben?«
»Nein, nein.« Meier hob abwehrend die Hände. »Ich habe nur mit Imke geredet.« Hannah kam kopfschüttelnd auf ihn zu.
»Deine Trainerin will ich auch zu uns holen«, flüsterte Meier und zwinkerte mit den Augen. Dann schlenderte er Hannah entgegen.
Kaum hatte sich Meier ein paar Schritte von Imke entfernt, stand Tina neben ihr.
»Was wollte der Typ von dir?« Sie sah die Visitenkarte in Imkes Hand.
»Der will dich abwerben.«
Imke vernahm Traurigkeit aus Tinas Stimme.
»Na ja, er meint, ich habe Talent und sollte zu einem Verein wechseln, der den Mädchenfußball fördert.«
»Willst du das denn?«
Imke zuckte mit den Schultern. »Irgendwann will ich höher spielen und da muss ich mir bald Gedanken machen.«
»Aber was wird aus unserer Mannschaft?«, fragte Tina und schluckte schwer. »Meinst du, wir bleiben überhaupt noch Freundinnen?«
Imke boxte Tina leicht in den Oberarm. »Du hast Ideen. Ich könnte mir niemals vorstellen, nicht mehr mit dir befreundet zu sein. Komm, jetzt schauen wir uns noch das Spiel der Frauen an.«
Tina schüttelte den Kopf. »Ich muss zu meinem Vater, der hat dieses Wochenende Anspruch auf mich.«
»Du fährst jetzt noch zu ihm? Das sind doch über drei Stunden Fahrt!«
Tinas Vater hatte sich auf einer seiner zahlreichen Dienstreisen in eine Kundin in Hamburg verliebt. Wegen dieser Frau hatte er sich vor einigen Monaten von seiner Familie getrennt.
»Nein, er und seine Tussi holen mich in Neustadt ab. Die beiden haben eine Überraschung für mich. Sonntagabend bin ich wieder da.« Tina seufzte tief.
Imke umarmte ihre Freundin. »Vielleicht wird es total schön.«
»Na klar. Wie würdest du es denn finden, wenn dein Vater mit einer anderen Frau aufkreuzt und du einen nett auf Familie machen musst?«
»Ich möchte nicht darüber nachdenken.«
»Fahren wir?«, fragte Christian, nachdem Tina und Imke frisch geduscht und umgezogen aus der Kabine kamen.
»Christian fährt mich nach Neustadt«, meinte Tina auf Imkes fragenden Blick.
»Ja, ich habe es Lisa versprochen. Aber zum Spiel der Frauen bin ich wieder da.«
»Also, tschüss denn, bis Montag in der Schule«, sagte Tina.
»Ja, tschüss.« Die beiden Mädchen umarmten sich beim Abschied.

Gemeinsam mit einigen Mitspielerinnen sah Imke sich das Spiel der Frauenmannschaft an.
In dieser Saison stand das Team in der oberen Tabellenhälfte, mit Chancen auf die Meisterschaft.
Hannah hatte in der vergangenen Spielzeit die Mannschaft vom glücklosen Trainer Norbert übernommen und sie vor dem Abstieg gerettet. Inzwischen erkannte man deutlich eine neue Handschrift. Die Spielerinnen entwickelten sich taktisch weiter, wirkten austrainiert und technisch verbessert. Hannah spielte selten von Beginn an. Sie sah die Position einer Spielertrainerin kritisch. Aber wenn das Team in Rückstand geriet, brauchte es die Trainerin auf dem Feld. Deshalb war sie froh, dass Christian mit an der Seitenlinie stand und weiter coachte.
Nach fünf Minuten griff die Keeperin Marion hinter sich. Bei dem Schuss aus zehn Metern war sie chancenlos.
Bis zur sechzigsten Minute mühten sich die Winkelbacher Frauen, um zum Ausgleich zu kommen. Dann wechselte sich Hannah ein. Durch die Mannschaft lief ein Ruck. Die individuelle Klasse von Hannah reichte aus, um die Partie zu drehen. Sie ordnete das Spiel, schlug genaue Pässe und strahlte Ruhe aus. Imke war fasziniert von der Spielweise ihrer Trainerin. Auf einmal fragte sie sich, warum Hannah nicht höherklassig spielte, statt mit dem SV Winkelbach in der Kreisliga.
Imke träumte davon, mit Hannah in einem Team zu spielen. In zwei Jahren wäre es möglich, aber gehörte sie dann überhaupt noch zum SV Winkelbach?
Die Frauen gewannen das Spiel mit 3:1. Imke und ihre Mitspielerinnen klatschten begeistert.
Imke lachte und flachste mit ihren Freundinnen. Das Leben schien ihr leicht und unbeschwert, die Sorgen hatte sie ausgeblendet. Heute war ein erfolgreicher Tag gewesen und sie hatte ein tolles Angebot in der Tasche.
Pläne
Imke, Tina und Tanja trafen sich am Montagnachmittag im Jugendzentrum TREV.
Dieses war in den Räumen des ehemaligen Wirtshauses Alte Scheune entstanden.
Die drei Freundinnen waren vor zwei Jahren in diesem Gebäude in große Gefahr geraten, als sie auf der Suche nach ihren gestohlen Fußballtrikots gewesen waren.
Nach dem Umbau erinnerte nichts mehr an das heruntergekommene Wirtshaus.
Es gab einen großen Raum, in dem ein Tischkicker und ein Billardtisch standen, zudem mehrere gemütliche Sitzecken. An einem Tresen wurden Getränke, kleine Speisen und Kuchen angeboten.
In einem weiteren Raum traf man sich zum gemeinsamen Spielen. Vor dem Haus standen noch zwei Tischtennisplatten.
Einmal im Monat fand eine Disko statt.
Die drei Mädchen saßen auf einem Sofa. »Was war die Überraschung deines Vaters?«, fragte Imke.
Tina atmete tief durch. »Sie haben mir erzählt, dass ich ein Geschwisterchen bekomme. Toll was?« Sie verzog den Mund und schüttelte den Kopf.
»Was?!«, riefen Tanja und Imke wie aus einem Mund.
»Ja, seine Freundin ist im fünften Monat schwanger. Das letzte Mal habe ich sie vor vier Wochen gesehen, da ist mir das noch nicht aufgefallen. Aber jetzt lässt es sich nicht mehr verbergen. Es wird ein Junge.«
»Freut sich dein Vater darüber?«, fragte Imke.
»Ja, und wie. Es ist so blöd, wie die beiden miteinander rumturteln!«
Tanja legte den Arm um Tina. »Was sagt denn Lisa dazu?«
»Sie weiß es noch nicht und ich werde es ihr nicht erzählen. Mein Vater will in den nächsten Tagen mit ihr reden.«
»Das ist aber auch nicht fair, dass du das weißt, aber Lisa nicht«, sagte Imke.
»Mein Pa meint, das ist seine private Sache. Mir hat er es erzählt, weil es für mich eine besondere Bedeutung hätte, schließlich bekäme ich einen Bruder.«
»Na toll.« Imke schüttelte verständnislos den Kopf. »Vielleicht meint er auch noch, du sollst zu ihnen ziehen, damit du deinen Halbbruder auch aufwachsen siehst.«
»Bingo«, rief Tina. »Das haben sie mir vorgeschlagen.«
»Willst du denn?«, fragte Tanja.
»Nein, natürlich nicht. Ich kann meine Ma nicht allein lassen. Ihr könnt euch ja vorstellen, dass ich echt durcheinander war, als ich in Neustadt ankam. Ich bin froh gewesen, dass mich Chris abgeholt hat.«
»Chris?«, kam es von Tanja und Imke wie aus einem Mund.
»Ja, ich darf Christian so nennen.«
Tanja stupste Imke an und grinste.
»Warum hat Lisa dich nicht abgeholt?«, fragte Imke verdutzt.
»Meine Ma wollte doch nicht mit der Neuen von meinem Vater zusammentreffen. Außerdem konnte sie so mit Hannah in dieses Klassik-Konzert gehen.«
»Iiih, Klassik.« Tanja schüttelte den Kopf. »Mir wäre das zu langweilig.«
»Hast du Christian alles erzählt?«, fragte Imke.
»Er sah sofort, dass es mir schlecht ging. Ich war froh, dass ich mit ihm darüber quatschen konnte. Er war total verständnisvoll und hat mich getröstet.«
Imke sah den blonden, hageren Christian vor sich. Die meisten Frauen und Mädchen fanden ihn nett, denn er war witzig und engagiert, Imke hatte aber noch keinen Draht zu ihm gefunden. Deshalb meinte sie zu Tina: »Dass du ihm alles erzählen musst. So lange kennst du Christian doch noch nicht. Ich glaub nicht, dass es Lisa so toll findet, wenn er eure komplette Familiengeschichte kennt.«
»Chris ist mein Trainer. Du erzählst Hannah doch auch alles.«
»Stimmt überhaupt nicht.« Imke biss an ihrer Unterlippe herum.
»Doch. Du rennst immer zu ihr, wenn du ein Problem hast. Hannah hier, Hannah da.«
»Nur bei Fußballdingen«, verteidigte sich Imke.
»Andere Probleme hast du ja auch nicht.«
»Na und? Muss ich mich dafür entschuldigen?«
»Jetzt beruhigt euch«, rief Tanja. »Was soll denn das?«
Tina und Imke schmollten sich kurz an.
»Du hast ja recht, gegen deine Probleme sind meine winzig.« Imke legte ihre Hand auf Tinas Arm.
»Wie ist denn jetzt dein Stand mit dem Turnier?«, fragte Tanja. »Hat Hannah mit deinen Eltern geredet?«
Imke schüttelte den Kopf. »Ich hab es ihr noch nicht gesagt. Aber gestern habe ich mit meiner Oma telefoniert. Ich wollte antasten, ob sie vielleicht Verständnis hätte, wenn ich nicht zu ihrem Geburtstag käme. Doch das war ein Flop.«
»Wieso?«, fragte Tina.
»Na ja, nachdem die erste Frage von Oma lautete, ob ich immer noch mit kurzen Hosen hinter einem Ball hinterherrennen würde, war die Sache klar.« Imke seufzte. »Für meine Oma steht einfach fest: Fußball ist kein Sport für Mädchen und schon überhaupt nicht für mich, ihrem einzigen Enkelkind.«
»Jetzt rede doch mit Hannah. Vielleicht kann sie deine Eltern überzeugen. Hannah hat bei ihnen ein Stein im Brett!« Tanja stieß Imke an.
»Das stimmt schon!« Imke lehnte sich zurück. »Ich habe mal zufällig mitbekommen, wie meine Mutter sich bei Hannah bedankt hat. Sie hat zu ihr gesagt, dass sie - Hannah - dazu beigetragen hat, dass ich nicht mehr so schüchtern bin. Im Gegenteil, der Fußball hätte mich gestärkt und mir Selbstbewusstsein gegeben.«
»Wow! Echt?« Tanja griff zu ihrer Cola. »Das hört sich super an. Hannah wird dir helfen können!«
»Ja«, sagte Imke lahm. »Ich wollte morgen sowieso mit ihr reden, denn sie müsste ja schließlich auch meine Teilnahme absagen.«
»Was ist denn jetzt mit Hannah und Grohmann?«, fragte Tina.
»Erzählt Lisa dir denn nichts? Deine Ma ist doch schließlich Hannahs beste Freundin.« Tanja breitete die Arme aus. »Du sitzt an der Quelle.«
»Ich frag sie doch nicht nach Hannahs derzeitigem Freund!« Tina sah ihre Freundinnen kopfschüttelnd an.
»Ich würde es tun«, entgegnete Tanja. »Frag sie, ob die beiden zusammen sind.«
»Das sind sie nicht.«
»Aber man küsst sich doch nicht einfach so.« Imke drehte ihr Glas in den Händen.
»Ob Grohmann hinter Hannah her ist?« Tanja kratzte sich am Kopf. »Vielleicht hat er sie nur angebaggert.«
»So wie der Marcel dich oder ist es eher umgekehrt?« Tina grinste. »Siehst du, wie rot du wirst?«
Tanja lächelte. »Er ist auch niedlich.«
»Mir wäre der zu jung«, sagte Tina.
»Wieso? Marcel ist ein Jahr älter als ich.«
»Trotzdem ist er ein Kind. Ich finde Ältere interessanter.«
»Wen hast du denn im Auge?«, fragte Tanja.
»Niemanden.« Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Ich meine ja nur allgemein. Wen magst du denn?« Tina sah Imke erwartungsvoll an.
Diese schüttelte den Kopf. »Ich will im Moment nur Fußball spielen. Mich interessieren die Jungs nicht.«
»Ach du!« Freundschaftlich legte Tanja den Arm um Imke. »Du hast ja recht, im Gegensatz zu uns steht dir eine Fußballkarriere bevor.«
»Aber wenn ich nicht an diesem Turnier teilnehmen kann, werde ich nie wieder eingeladen«, jammerte Imke. »Dann kann ich meine Karriere gleich vergessen.«

Hannah und Lisa trafen sich am Dienstag vor dem Training mit Willi Janssen im Nebenraum des Vereinsheims.
»Willi, warum lässt du das alles zu?« Lisa lief im Zimmer auf und ab.
»Wir leisten in unserer Abteilung Vorbildliches. War es nicht die Mädchenmannschaft, die endlich wieder eine Meisterschaft für den SVW gewonnen hat?«
Sie blieb stehen. »Jetzt behandelt ihr uns wie ein lästiges Anhängsel. Warum?«
Willi Janssen saß zusammengekauert auf seinem Stuhl.
»Ich weiß. Ihr seid eine tolle Truppe.«
»Aber warum trägst du diese Entscheidung mit?«
Der Vorsitzende seufzte tief. »Ich bin jetzt fünfundsechzig Jahre alt und will kommendes Jahr nicht mehr für den nächsten Vorstand kandidieren. Jupp und Rainer werden sich erneut aufstellen lassen.«
Jupp Stengel und Rainer Winter gehörten ebenfalls dem Vorstand an.
»Grohmann ist überzeugt, dass er aufsteigen kann. Wir stehen mit der Mannschaft auch super da. Jupp und Rainer haben sich von der Vorstellung begeistern lassen, dass der SV Winkelbach an alte Zeiten anknüpfen könnte. Immerhin hat die erste Mannschaft früher in der Landesliga gespielt.« Willi Janssens Augen glänzten.
»Ja, und danach ist der Verein fast Pleite gegangen, weil man sich völlig übernommen hat«, stellte Lisa gnadenlos fest.
»Jaja, die damalige Vorstandschaft dachte nicht weiter.«
»Und jetzt?« Lisa baute sich vor Janssen auf. »Dafür ist der Verein zu klein, als das er eine Abteilung so behandeln kann. Was meinst du, wenn diese Mitglieder kündigen? Wir sind eine aufstrebende Abteilung. Im Moment bauen wir eine D-Jugend auf.«
»Ja, das sehen wir auch. Aber um für Sponsoren interessant zu werden, müssen wir etwas riskieren oder wir dümpeln weiter vor uns hin.«
»Ich kann ja verstehen, dass ihr die Herrenmannschaft hochbringen wollt. Aber doch nicht um jeden Preis!«
»Du musst uns verstehen.« Er räusperte sich. »Jahrelang spielen wir jetzt in der Kreisklasse. Finanziell stoßen wir schon lange an Grenzen. In Winkelbach gibt es nicht viele Firmen, die unseren Verein unterstützen. Außerhalb von Winkelbach zieht eine Kreisklassenmannschaft nicht gerade die Geldgeber an.«
Hannah saß Willi Janssen gegenüber. Sie beugte sich vor. »Aber was ist, wenn das Unternehmen Aufstieg misslingt?«
Willi Janssen hob die Schultern. »Es muss klappen.«
»Und wenn nicht?« Hannah schüttelte den Kopf. »Das läuft doch jetzt bereits zu unseren Lasten. Dauernd müssen wir die Kosten für die Schiedsrichter auslegen. Trikots und Materialien können wir uns nur leisten, weil die Eltern uns mit Geldern unterstützen. Von meinem Trainergeld will ich nicht anfangen.«
»Jaja, ich weiß. Es läuft nicht optimal. Aber für Günter Grohmann geht es auch um viel. Er braucht optimale Trainingsbedingungen. Sein eigener Ruf steht auf dem Spiel.«
Janssen sah die beiden Frauen hilflos an. »Jupp und Rainer sprechen von Sponsoren, die bei einem Aufstieg eine fünfstellige Summe in den Verein investieren wollen. Genau diesen Betrag brauchen wir, um auf die Beine zu kommen. Die Kabinenhäuschen müssen renoviert werden, Trainingsmaterialien fehlen, neue Trikots wären drin. Für unseren Verein ergäben sich neue Perspektiven.«
Wütend schlug Hannah mit der Hand auf den Tisch. »Verdammt, Willi, wer sind denn diese Sponsoren? Man kann nicht mit Geldern planen, die wir noch nicht haben!«
»Jupp und Rainer sind in den nächsten Jahren für den Verein verantwortlich. Ich will ihnen nicht eine Chance verbauen.«
»Jupp und Rainer müssen erst gewählt werden«, knurrte Hannah.
Willi erhob sich langsam. »Es tut mir leid. Ich weiß, ihr durchlebt eine schwere Zeit.«
Nachdem Janssen den Raum verlassen hatte, stand Lisa seufzend von ihrem Stuhl auf. »Im Moment läuft einfach alles schief«, stöhnte sie. »Bisher hat mir der Fußball aus vielen negativen Gedanken geholfen. Jetzt müssen wir uns da auch noch ärgern.«
Sie starrte unglücklich vor sich hin. »Ich hoffe immer noch, dass Manfred zu uns zurückkommt. Mir wird einfach alles zu viel. Das Geld reicht nicht, für Tina wird es schwieriger und mit der Rolle einer verlassenen Ehefrau kann ich mich nicht anfreunden.«
Hannah trat hinter Lisa und legte die Arme um sie. Lisa schloss die Augen und sagte: »Was täte ich bloß ohne dich? Du fängst mich immer auf, wenn ich das Gefühl bekomme, den Boden unter den Füßen zu verlieren.«

Imke hatte sich vorgenommen, früher zum Training zu fahren, um mit Hannah zu sprechen. Ihre Trainerin war meistens eine halbe Stunde vorher auf der Anlage. Sie stellte das Fahrrad ab. Auf dem Parkplatz sah sie Hannahs Auto.
Willi Jansen kam ihr mit gesenktem Kopf entgegen. Tief in Gedanken versunken, übersah er sie und eilte grußlos an ihr vorbei. Imke schüttelte den Kopf. Sie lief in die Kabine und stellte ihren Rucksack ab. Von Hannah war nichts zu sehen.
Vielleicht war sie im Vereinsheim. Imke schlenderte zum Nebengebäude und öffnete die Tür des gemütlichen Clubraumes. Nur vier Männer saßen am Stammtisch und spielten Karten.
Hermann, der Wirt dieses Vereinsheims, sah fragend von seiner Zeitung auf.
»Weißt du, wo Hannah ist?«
Er wies mit dem Kopf zum Nebenzimmer. »Da war eine Besprechung. Hannah ist aber noch nicht herausgekommen.«
Einen Moment zögerte Imke, bevor sie an der Tür des Nebenraums klopfte und sie öffnete.
Hannah löste sich von Lisa und sah Imke überrascht an.
»Hallo, Imke, du bist aber früh dran.«
Imke war einen Moment verwirrt, die beiden Frauen so vertraut zusammenstehen zu sehen. »Ich … ich muss mit dir reden.« Ihr Kopf schien Feuer zu fangen.
»Klar, komm rein. Wir waren sowieso fertig«, sagte Lisa. Sie sah Hannah an und verließ den Raum.
Hannah setzte sich lässig auf die Kante eines Tisches. »Also, Kleine, was hast du auf dem Herzen?«
Imkes Herz klopfte bis zum Hals und sie versuchte, Worte zu finden.
»Weißt du, meine Oma wird sechzig und, nun, eigentlich stehen ja meine Eltern hinter mir, aber die Feier ist eben in Frankfurt …«
Fragend sah Hannah Imke an. »Deine Oma feiert also ihren sechzigsten Geburtstag in Frankfurt und da fährst du hin? Habe ich das richtig verstanden?«
Imke nickte.
»Wann?«
»Das ist es ja. Das erste Oktoberwochenende.« Imke hielt mühsam ihre Tränen zurück.
»Oh, da findet das Auswahlturnier statt«, stellte Hannah fest. »Das tut mir leid. Kann man da nichts machen?«
Imke schüttelte den Kopf. »Meine Oma mag keinen Fußball. Sie hat da überhaupt kein Verständnis. Aber wenn ich wegen so etwas ein Turnier absage, dann kann man doch nicht auf mich bauen. Wegen eines blöden Geburtstages.«
»Nana, Imke. Es ist der Geburtstag deiner Oma. Ich bin mir sicher, dass du sie sehr gerne hast.«
»Ja, natürlich.« Imke senkte den Kopf. »Aber es ist trotzdem gemein.«
Hannah stand auf und nahm Imke tröstend in den Arm. »Möchtest du, dass ich noch einmal mit deinen Eltern spreche?«
»Würdest du das tun?«
»Ja, Kleine, ich werde sehen, was ich machen kann.«
»Danke.«
»Gibt es sonst noch etwas?«, fragte Hannah. »Ich habe das Gefühl, du hast noch etwas auf dem Herzen.«
Imke nickte und nahm all ihren Mut zusammen. »Ja. Ich frage mich, na ja, warum du nicht höherklassig spielst. Du bist einfach genial.«
Hannah lächelte. »Ach, Imke, genial spiele ich nicht.«
»Doch. Jeder sagt das. Du könntest auch jetzt noch zwei, drei Klassen höher spielen.«
»Mag sein, Imke. Aber ich sehe mich in erster Linie als Trainerin, nicht mehr als Spielerin.«
»Aber du hast bestimmt früher in höherklassigen Mannschaften gespielt, oder?«
Überrascht beobachtete Imke, dass Hannah für einige Sekunden die Augen schloss. Als Hannah die Augen wieder öffnete, schimmerten sie feucht. Verstohlen wischte sie mit den Fingern über die Augen.
Imke schluckte. Was ist denn nun los?
Hannah räusperte sich und sah Imke mit einem schiefen Lächeln an. »Manchmal bekommt man im Leben Chancen, die man entweder ergreift oder liegen lässt. Ich hoffe, du machst es besser als ich.«
Imke vernahm Wehmut aus der Antwort und sah ihre Trainerin fragend an, doch die hatte inzwischen ihre Sporttasche in die Hand genommen. »Es ist spät. Ich muss das Training noch vorbereiten. Frag deine Eltern, ob sie Samstagabend Zeit für mich haben.«

Die Männer der zweiten Mannschaft waren zunächst nicht begeistert, den Platz zu teilen. Frank, der Trainer und Ehemann von Spielerin Viola, sah aber ein, dass die Frauen letztlich im gleichen Boot saßen wie sie. Alle hatten sich der ersten Mannschaft unterzuordnen. Mit dieser Philosophie trat der Vorstand in dieser Saison an und stieß damit viele langjährige Winkelbacher Fußballer vor den Kopf.
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