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Con Riley

Sein Horizont

Aus dem Englischen von Marcel Weyers

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2022

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Original-Ausgabe: His Horizon

Übersetzung: Marcel Weyers

Coverdesign: Natasha Snow

http://www.natashasnow.com

Coverbearbeitung: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-599-8

ISBN 978-3-96089501-5 (epub)

Inhalt

Zwei Köche in Judes Küche bringen die Temperaturen rasch an den Siedepunkt …

Jude ertrinkt in Schuldgefühlen, als er sein Familienunternehmen nicht allein retten kann. Die letzte Person, auf die er sich noch verlassen kann, ist Rob, ein rivalisierender Koch, der ihn einst bei einem Kochwettbewerb um den ersten Platz gebracht hat.

Zwei Chef-Köche in einer Küche sind keine einfache Sache. Nicht, wenn Rob alles ist, was Jude nicht ist – beliebt, extrovertiert und promiskuitiv. Was das Ganze noch schlimmer macht: Rob trägt sein Herz auf der Zunge, während Jude sich immer noch nicht geoutet hat.

Judes Dilemma ist damit noch nicht zu Ende. Robs Rettung kommt mit Bedingungen, die besagen, dass alles geteilt werden muss – vom Gewinn bis hin zu Judes Schlafquartier.

Mit dem Feind zu schlafen, wird entweder in einer Katastrophe enden oder zu einem Signal für eine viel bessere Zukunft, aber nur, wenn Jude Robs letzte Bedingung erfüllen und ihn offen lieben kann.

Gegensätze, die sich anziehen, Rivalen, die zu Liebhabern werden, und eine Geschichte über verletzte Gefühle. – „Sein Horizont“ ist der erste Teil einer Reihe von eigenständigen MM-Romanen von Con Riley, die alle in derselben Welt spielen.

Kapitel 1

Jude Anstey kam Monate später nach Porthperrin zurück, als er es versprochen hatte. Er klammerte sich an den Mast der Aphrodite, während sie an der Küste Cornwalls entlangglitt. Mit ihren dreißig Metern geschmeidiger Segelperfektion fuhr die Jacht durch die Morgendämmerung und schnitt durch Wellen, die für seinen Geschmack viel zu aufbrausend waren.

Er sollte den Mast nicht so fest umklammern, seine Knöchel waren knochenweiß wie der Strand, für den sein Dorf berühmt war, aber Jude konnte sich nicht überwinden, loszulassen. Er konnte auch die vertraute Sichel aus weißem Sand nicht sehen, nur das Blinken von ein paar Hafenlichtern in der Ferne im Seenebel. Sein Magen zog sich zusammen, als er sah, wie schnell diese Lichter näherkamen. Die Zeit verging plötzlich viel schneller als auf seinen Reisen.

»Du siehst ein bisschen grün um die Kiemen aus, Jude.« Das raue Lachen seines Skippers drang von seinem Platz am Steuerrad herüber. »Man könnte meinen, du wärst neu hier und kein erfahrener alter Hase. Vielleicht solltest du noch ein paar Monate an Bord bleiben. Damit dir ein stärkeres Paar Seebeine wachsen.« Seine Neckerei lenkte von der Aufhellung des Horizonts ab. Es färbte den Seenebel zartrosa, hauchdünne Banner zwischen ihm und dem Dorf, dem er mit allen Mitteln entkommen war.

»Hübsches Plätzchen«, rief der Skipper, als sich der Nebel auflöste. »Urig.«

Jude nickte, anstatt zu sprechen. Porthperrin war jetzt am schönsten, bevor die Sommersaison begann, menschenleer, bevor die gepflasterten Gassen bald mit lärmenden Touristen verstopft sein würden. Sie waren der Lebensnerv des Dorfes, ihr Geld half den lokalen Geschäften, aber er bevorzugte Porthperrin, wenn es ruhig war.

Die Umrisse der schiefergedeckten Gebäude wurden immer deutlicher, die Cottages schienen den steilen Hügel hinunterzustürzen und sich um den Hafen zu stapeln, in dessen Mitte sich der Anchor Pub befand, in dem er aufgewachsen war.

Der Pub wäre eine Augenweide gewesen, wenn er nicht mit leeren Händen zurückgekommen wäre.

Seine Augen stachen bei dieser Tatsache. Ohne Neuigkeiten, die er seiner Schwester mitteilen konnte – gute, schlechte oder sehr hässliche – würde er sein Versagen eingestehen müssen. Als die Aphrodite ihn in Richtung dieses Schicksals trug, blinzelte Jude, um seine Sicht zu klären.

»Ja. Es ist schon ein hübscher Ort,« fügte sein Skipper hinzu, ohne Judes Verzweiflung zu bemerken. »Aber nicht halb so schön wie die Malediven. Also wie wäre es, wenn ich den Neuen loswerde? Ich sorge dafür, dass diese freche Sauklaue über die Planke geht. Vielleicht kann er deiner Schwester helfen, den Anchor den Sommer über zu leiten, anstatt dir. Dann können wir an einen wärmeren Ort zurückfahren. Ich kann das immer noch möglich machen, Jude. Du musst mich nur fragen.«

Es war ein verlockendes Angebot, aber Jude zwang sich, den Kopf zu schütteln.

»Nein? Wo ist dein Sinn für Abenteuer? Ich befördere dich, wenn du Ja sagst.«

Jude riss sich zusammen und lockerte seinen Todesgriff um den Mast. »Zu was genau wirst du mich befördern?« Seine Stimme war ein kehliges Kratzen nach Stunden des Schweigens. Normalerweise ließ ihn sein Skipper gewähren, aber jetzt schien er eine verbale Antwort zu verlangen. »Ich bin schon dein Koch und Flaschenreiniger, geschweige denn ein Reiseleiter für deine reichen Kunden.« Jude schaltete auf Autopilot, als sich der Hafen näherte, und sie arbeiteten im Gleichtakt, um das Schiff anzulegen. »Was gibt es denn noch, was ich nicht schon für dich tue?«

»Was tust du nicht für mich, Jude?« Die Jacht glitt auf einen freien Platz an der Ufermauer, sein Skipper ließ das Manöver leicht aussehen, seine Aufmerksamkeit war voll darauf gerichtet, Jude sicher nach Hause zu bringen. Er schickte den Neuen an Land, bevor er antwortete. »Mir fallen ein paar neue Aufgaben ein, die ich zuweisen könnte.« Er warf einen Blick ans Ufer, seine übliche stoische Miene beunruhigt. »Für den Anfang könntest du mich mit meinem Vornamen ansprechen. Ich heiße Tom, nicht Skip, jetzt wo du nicht mehr auf der Gehaltsliste stehst. Und du könntest …« Er war ausnahmsweise mal unentschlossen, statt wie sonst kühl, ruhig und gefasst. Tom fuhr sich mit einer Hand durch das silbrige, seefeuchte Haar. »Nun, es gibt eine Menge, was du anders machen könntest, Jude, wenn du wolltest. Mit mir, meine ich. Zusammen.«

Das war viel zu verarbeiten. Jude hatte das Angebot nicht kommen sehen.

»Was ich sagen will«, fügte Tom schnell hinzu, »ist, dass wir gut zusammenarbeiten, beruflich. Wir könnten persönlich genauso gut zusammenarbeiten, wenn du bleiben würdest.« Er war damit beschäftigt, das Seil aufzurollen, sein Blick war darauf fixiert. »Du bist ein Geschenk des Himmels auf der Galeere – ein erstklassiger Koch und ein geborener Seemann. Ich mag es, dass du nachdenkst, bevor du sprichst.« Seine Stimme wurde leiser. »Wir haben eine gute Arbeitsbeziehung aufgebaut. Sie weiter auszubauen, wäre nicht gerade ein Problem.«

»Ich muss gehen.« Während Jude sprach, tuckerte ein Fischerboot vorbei. Die Aphrodite dümpelte in seinem Kielwasser, ihr Deck hob und senkte sich, als würde sie zustimmend nicken. »Ich habe meiner Schwester versprochen, dass ich nach Hause komme. Das habe ich schon vor Monaten versprochen.«

Tom folgte Jude, als er vom Dollbord auf die Stufen der Ufermauer sprang. Der Granit war körnig im Vergleich zum glatten Teakholz des Jachtdecks. Er sprach leise, als sie beide am Ufer standen, vielleicht wissend, dass der neugierige Neue zuhörte. »Ich weiß, du hast versprochen, nach Hause zu kommen, Jude, aber bitte hör mir zu. Nimm einen Rat von jemandem an, der älter ist.« Er rieb sich seine glitzernden Bartstoppeln. »Jemanden zu finden, mit dem man so gut zusammenarbeiten kann, der weiß, was man braucht, bevor man es selbst weiß, und der die Hälfte der Last auf sich nimmt, ohne zu fragen …« Sein leises Glucksen war reumütig. »Nun, wenn man so jemanden findet, der auch noch gut aussieht – man wäre ein verdammter Narr, ihn gehen zu lassen, ohne sich zu bemühen, ihn zu halten.«

»Ich … das wusste ich nicht. Warum hast du nicht?«

»Vorher etwas gesagt?« Tom umfasste sein Handgelenk, so wie Jude nur wenige Minuten zuvor den Mast umklammert hatte, sein Griff war fest aufgrund der vom Seil rauen Finger. »Weißt du noch, wie du warst, als ich dich angestellt habe?«

Jude dachte nach und nickte dann. Die leichte Übelkeit von vorhin kehrte zurück.

»Du warst ein Wrack, Jude. Erschöpft. Wie lange warst du zu dem Zeitpunkt schon unterwegs?«

Auf der Suche. Er war monatelang auf der Suche gewesen, anstatt zum Spaß zu reisen oder Inselhopping zu betreiben, wie so viele Leute in seinem Alter. Er war nicht zum Sightseeing auf die Seychellen gereist oder hatte in den warmen Untiefen Goas geschnorchelt. Stattdessen hatte er den Indischen Ozean auf der Suche nach Neuigkeiten durchforstet, die er seiner Schwester nach Hause bringen konnte.

»Jude, es hat lange gedauert, bis du deinen Kopf wieder klar bekommen hast.« Tom richtete sich auf und sprach ein Thema an, das Jude nur einmal geäußert hatte, trunken vor Trauer und Müdigkeit. »Deine Eltern sind auf See verschollen …«

»Das weißt du nicht«, schnauzte Jude. Niemand wusste das ganz sicher.

Toms Nicken war widerwillig. »Okay. Sie sind wahrscheinlich auf See verschollen, und du hast deswegen getrauert. Das verstehe ich. Das tue ich. Es hat dich viel Überwindung gekostet, weiterzusuchen, obwohl die Chancen, dass sie überlebt haben …« Er verzog das Gesicht, bevor er zu Ende sprach, »… schlecht bis unmöglich stehen.«

Die Reue war wie eine Schlinge um Judes Hals. Sie zog sich mit jeder Erinnerung enger zusammen.

»Eine Jacht von der Größe der Aphrodite kann schlimme Stürme überstehen«, sagte Tom. »Das weißt du. Aber wenn ein Schiff von solcher Größe wie das deines Vaters in den schlimmsten Taifun seit Jahrzehnten gerät, und er auch noch der einzige erfahrene Seemann an Bord ist …«

Judes Kehle schnürte sich noch weiter zu. All das zu wissen, war in den ersten Monaten, in denen er als Crewmitglied für Tom arbeitete, schwer zu ertragen gewesen, da sein Fokus immer auf der Arbeit und dem Absuchen jedes neuen Horizonts nach einem Zeichen seiner Eltern lag. Später, mit Toms Bodenständigkeit, die ihn erdete, hatte Jude in ein ruhigeres mentales Segeln gefunden, auch wenn er immer noch in jedem Hafen nach einem Boot namens »One for Luck« suchte, an dem sein Vater jahrelang gebaut hatte.

»Ich musste irgendwann nach Hause kommen«, brachte Jude gerade noch heraus und wünschte sich genau in diesem Moment, er wäre irgendwo anders als zu Hause. »Ich habe es Louise versprochen.«

»Jude, das hast du schon mal gesagt, dann hast du deine Meinung geändert.«

»Es … es schien zu früh, um aufzugeben«, sagte er. Das war erst ein paar Monate, nachdem die Polizei mitten während des Abendessens in dem Londoner Restaurant, in dem er gearbeitet hatte, aufgetaucht war. Sie hatten ihm Neuigkeiten erzählt, die sein Leben verändert hatten, und von diesem Moment an war Jude entschlossen gewesen, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Mit leeren Händen nach Hause zu kommen …

Tom ließ Judes Handgelenk ganz langsam los. »Du kannst dir nicht die Schuld geben, dass du sie nicht gefunden hast, Jude. Oder dafür, dass du keine Wrackteile gefunden hast, wo du doch nicht mal genau wusstest, wo du danach suchen solltest. Und du kannst mir auch nicht vorwerfen, dass ich den ganzen Weg hierher gehofft habe, du würdest es dir noch einmal anders überlegen.« Jude schüttelte den Kopf, anstatt zu antworten, also fuhr Tom leise fort. »Ich will nur, dass du dir sicher bist. Wirklich sicher. Wie alt bist du? Um die zwanzig? Ehe du dich versiehst, bist du vierzig wie ich, und hast noch die halbe Welt zu erkunden. Nur weil du eine familiäre Verpflichtung empfindest, dich an ein scheiterndes Unternehmen zu ketten …«

Der Zorn entlockte Jude mehr Worte als normalerweise. »Ich kette mich an nichts. Ich habe versprochen, dass ich zurückkomme, das ist alles. Um zu helfen, den Pub für den Sommer vorzubereiten. Und es ist kein scheiterndes Unternehmen.« Okay, die Nachrichten seiner Schwester waren in diesem Winter eine Zeit lang nicht gerade positiv gewesen, aber in letzter Zeit klang sie immer fröhlicher, wenn er zu Hause anrief. »Der Pub ist in der Vergangenheit immer gut gelaufen. Wenn die Sommertouristen erst einmal da sind, wird es wie immer laufen.« Abgesehen davon, dass seine Eltern nicht mehr hinter der Theke stehen, dachte er. Er hatte es immer noch nicht akzeptiert. »Mum und Dad hatten nie vor, ihr die Leitung des Anchor so lange zu überlassen. Es sollte nur ein einmaliges Abenteuer sein, bevor sie zu alt waren, um es zu genießen. Wir müssen den Pub nur am Laufen halten, bis sie zurückkommen. Es wird nicht für immer sein.«

»Okay, okay. Aber frag dich Folgendes, Jude: Du hattest eine große Karriere in London, nicht wahr? Oder zumindest den Beginn einer solchen, wenn du wirklich Halbfinalist bei diesem ›Bester Koch‹-Wettbewerb warst.«

»Das war ich.« Jetzt kam ihm dieser Wettbewerb vor, als wäre er einer ganz anderen Person passiert.

Tom legte besorgt die Stirn in Falten. »Ich weiß, du es warst. Ich habe es nachgeschlagen, nachdem ich zugestimmt hatte, dich einzustellen«, gab er zu. »Ich habe gelesen, dass du siegessicher warst, bevor du die Nachricht über deine Eltern erhalten hast.« Er begegnete Judes Blick und hielt ihn fest. »Und ich habe gelesen, dass du, falls du den Wettbewerb gewinnen solltest, vorhattest, mit dem Preisgeld ein eigenes Lokal in London zu eröffnen. In einem Interview hast du gesagt, du seist mit dem Kochen von Pubgerichten aufgewachsen, aber du hältst die gehobene Küche für etwas Besonderes. Du hast unsere Charterkunden mit deinen Menüs ziemlich begeistert.« Tom warf einen Blick auf den Pub, in dem Jude aufgewachsen war. »Glaubst du wirklich, dass du hier etwas so Besonderes finden wirst?«

So etwas Besonderes?

Judes Blick glitt auch zur Vorderseite des Pubs, dessen abblätternder Anstrich im Sonnenaufgang sichtbar wurde, zu viel Wartung hier für eine Person allein. Die Schuld lastete schwer, wie der schwarze Anker, der auf das Schild über der Eingangstür des Pubs gemalt war.

Toms Stimme wurde leiser. »Oder bist du vielleicht stattdessen entschlossen, wegen einer besonderen Person zurückzukommen? Weißt du, ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass das Interview, das ich gelesen habe, einen gewissen Unterton hatte. Darin stand, dass zwischen dir und einem anderen Kandidaten während des Wettbewerbs die Funken flogen. Rob, nicht wahr? Rob Martin?«

Judes Gehirn beschwor ein geistiges Bild von jemandem herauf, den er so sehr versucht hatte zu vergessen.

»Der Interviewer hat angedeutet, dass ihr beide Gegensätze seid. Er sagte, du seist todernst, wenn es ums Gewinnen geht, während dieser Rob ein Witzbold sei, der nur spielt. War es ein Fall von ›Gegensätze ziehen sich an‹, Jude? Habe ich deshalb in der ganzen Zeit, in der wir zusammen gesegelt sind, nie bemerkt, dass du jemanden abgeschleppt hast?«

»Nein«, murmelte Jude und tat sein Bestes, um nicht zu sehen, wie sich Robs Lachfalten über Toms tiefe Falten legten, oder Robs breites Lächeln, als sich Toms Lippen leicht hoben. »Rob Martin ist nicht mein Typ.« Jude versuchte auch, den einen Kuss nicht wiederzuerleben, den sie in der Nacht geteilt hatten, bevor ein Taifun den Lauf seines Lebens veränderte. »Er nimmt den Beruf eines Kochs nicht ernst. Oder irgendetwas anderes, was das betrifft.«

»Nein? Warum hat er dann am Wettbewerb teilgenommen?«

»Um seinen Vater zu ärgern.«

Tom blinzelte, also erklärte Jude die Geschichte, für die er Monate gebraucht hatte, um sie sich zu überlegen. »Sein Vater hat eine ganze Kette von Fünf-Sterne-Restaurants, von denen er erwartet, dass Rob sie übernimmt. Ich weiß nicht warum, wenn Rob sie nicht verdient. Er ist stinkfaul, aber ich schätze, Blut ist dicker als Wasser.« Und war das nicht genau der Grund, warum Jude London in dem Moment verlassen hatte, als seine Eltern verschwanden? »Er hat immer nur für die Kameras mit mir geflirtet.«

»Also, wenn es hier nicht jemand Besonderes für dich gibt, könntest du vielleicht an mich denken? Ich glaube, wir würden gut zusammenpassen.« Tom zog ihn näher zu sich heran. »Sag mir, dass du noch nie darüber nachgedacht hast. Über uns.« Seine Berührung glitt von Judes Handgelenk zu seinem Ellbogen; sein Daumen drückte auf die Vertiefung, in der sein Puls pochte. Dann glitt sie über die Schwellung des Bizeps, bevor sie auf Judes Schulter zur Ruhe kam. »Weil ich es getan habe«, sagte Tom, schlicht und ehrlich.

Aus dieser Nähe konnte Jude das Motoröl an Toms Hand riechen und einen Hauch des Pfefferminztees, den er mochte. Er hielt Jude felsenfest. »Du hast dir nie etwas anmerken lassen. Ich hatte ja keine Ahnung.«

»Ich wollte dich nicht anmachen, während du so niedergeschlagen warst. Und dann habe ich beschlossen, es nicht zu tun, solange du noch unter mir arbeitest, für den Fall, dass du dich unter Druck gesetzt fühlst, Ja zu sagen. Jetzt wo ich nicht mehr dein Chef bin, kann ich fragen.« Tom ließ es so einfach klingen. »Also, was denkst du?«

Es wäre einfach – so einfach – Ja zu sagen.

Jude konnte den Sommer damit verbringen, für Toms wohlhabende Kunden zu kochen, während er seine Suche fortsetzte.

Tom täuschte einen finsteren Blick auf seinen neuen Mitarbeiter vor, der ihm einen Kuss zuwarf. »Ich hätte dich fragen sollen, bevor ich diesen Soßentopf unter Vertrag genommen habe.« Tom seufzte. »Er wird nichts als Ärger machen.« Dann richtete er den Blick wieder auf Jude. »Ja, ich hätte dich vorher fragen sollen, und dir dann zeigen, was du verpassen würdest.«

Jude befeuchtete seine plötzlich trockenen Lippen und stellte fest, dass Tom seinen Mund studierte. Seine Lippen öffneten sich, als er sich vorbeugte. Jude hätte fast seinen Mund getroffen – für den Bruchteil einer Sekunde wollte er es –, bis etwas in ihm ihn von Tom wegzog, anstatt auf ihn zuzugehen. Der Neue schien mit dieser Entscheidung einverstanden zu sein und hob Judes Seesack vom Deck, um ihn zwischen ihnen abzuladen.

»Du bleibst also?«

»Ich muss, zumindest für den Sommer.«

»Okay.« Tom nickte, als hätte er einen Entschluss gefasst. »Tu, was du hier tun musst. Lass es hinter dir, Jude, und ruf mich dann über das Satellitentelefon an. Ruf mich an«, wiederholte er, als würde er seine üblichen Befehle erteilen – schrubb das Deck, hiss das Segel, beginn ein neues Leben mit mir. »Du rufst mich an, und ich ändere den Kurs; segle, wohin du willst, wenn du mich darum bittest.«

Die Seemannsbeine machten Jude zu schaffen, als Tom die Leinen löste und auf das Deck der Aphrodite sprang, um Judes Ersatz Anweisungen zu erteilen. Er stemmte sich gegen den Deich, um nicht zu folgen, als die Jacht, die sein Zuhause geworden war, auf das offene Wasser fuhr und ihn dort zurückließ, wo er sich schließlich seinem Leben stellen musste.

Seine Schlüssel lagen unten in seinem Seesack, zwischen bunten Stoffrollen, die auf das Kopfsteinpflaster fielen, als er unter ihnen herumfummelte – so hell im Vergleich zur grauen Realität zu Hause. Jude hielt inne, bevor er einen tiefen Atemzug tat. Dann ging er zur Eingangstür des Pubs, um seinen Schlüssel ins Schloss zu stecken.

Es drehte sich nicht.

Tatsächlich sah das ganze Schloss neu aus.

Hatte Louise in letzter Zeit in einer ihrer Nachrichten erwähnt, dass sie es gewechselt hatte? Wenn ja, hatte er es überlesen. Jude hätte fast an die Tür geklopft, bis eine Möwe hinter ihm schrie – eine Erinnerung daran, dass um diese Zeit nur Fischer und Möwen wach waren. Seine Uhr gab Bestätigung: Es war zu früh, um sie zu wecken.

Damit blieb nur noch eine Möglichkeit: Er würde sich im Bootshaus schlafen legen, bevor er sich seiner Schwester stellte. Vielleicht würde er schlafen, statt wie sonst wach zu liegen und über Was-wäre-wenn-Fälle mit einem durch und durch verdorbenen Menschen wie Rob nachzudenken. Es hatte keinen Sinn, jetzt über ihn nachzudenken, das wusste Jude, trotz der Funken, die Tom erwähnt hatte. Und es gab definitiv keinen Grund, ihren einen Kuss zu wiederholen, nicht wenn Rob schon vergessen hatte, dass es ihn überhaupt gegeben hatte.

Jude schulterte seine Tasche und ging zum anderen Ende des Hafens. Das Bootshaus sah von außen unverändert aus; der umgedrehte Rumpf seines Daches war derselbe wie immer, genauso wie das verwitterte Schloss an seiner Tür – Gott sei Dank. Diesmal glitt sein Schlüssel hinein. Drinnen war es dunkel, düster, aber Jude kannte den Grundriss wie seine Westentasche. Am hinteren Ende waren zwei Kojen. Zweifellos würden die Bettbezüge staubig sein, aber er hatte schon an viel schlimmeren Orten geschlafen, bevor Tom ihn angestellt hatte. Er machte sich auf den Weg zu ihnen.

Jude stieß mit dem Schienbein gegen etwas Festes. Er verbiss sich einen Fluch und zerrte einen Vorhang beiseite, der ein Bullaugenfenster verdeckte. Das Licht der Morgendämmerung war schwach, aber Jude hielt den Atem an, als er sah, was es offenbarte.

Da lag jemand, der weit von London entfernt war und sich nicht mit seinem berühmten Vater stritt. Rob Martin schlief in Judes Koje und breitete sich auf der Matratze aus, als gehöre sie ihm.

Kapitel 2

Beim Anblick von Rob, der in seiner Koje schlief, trat Jude wie geschubst zurück und stieß dabei gegen etwas anderes im Schatten, das nicht da sein sollte. Es wackelte, was sich sehr nach dem Wippen des Barhockers anhörte, den seine Mutter in der Pub-Küche aufbewahrte.

Bevor er gelernt hatte, dass Kochen seine Fahrkarte aus Porthperrin sein könnte, sprang Jude öfter von diesem Stuhl, als dass er sich freiwillig darauf setzte, und vermied es, dutzendweise Eier aufzuschlagen, um die Sommertouristen zu versorgen. Ein einziges Geräusch genügte, um ihn an den Verlust zu erinnern, den er so sehr versucht hatte, zu verdrängen. Jetzt wo er zu Hause war, gab es keine Möglichkeit, ihn zu vermeiden.

Er würde jetzt alles tun, was sie verlangte, wusste Jude; tausend Eier für seine Mutter aufschlagen, wenn das bedeutete, dass er sie wiedersehen konnte. Sein Herz schmerzte, als er den Barhocker vor dem Umfallen bewahrte, während hinter ihm Rob im Schlaf brummte, als sei er von dem Geräusch genervt.

Er hätte den Stuhl umfallen lassen sollen, dachte Jude, wobei die Wut die anfängliche Welle des Bedauerns verdrängte.

Er hätte ihn mit einem höllischen Klappern umfallen lassen sollen und Rob einen ebenso großen Schock versetzen sollen, wie er ihm einen versetzt hatte.

Jude hatte sich so sehr gewünscht, nach Hause zu kommen und hier zwei andere Menschen wohlbehalten vorzufinden – nicht ihn.

Nur war das nicht die ganze Wahrheit, akzeptierte Jude, als Rob sich im Schlaf bewegte und sein Bettlaken verrutschte. Jude hatte mehr von Rob sehen wollen, bevor er London in Panik verlassen hatte. Er hatte das gewollt, obwohl Rob ein Anwärter auf einen Geldpreis war, den Jude so dringend brauchte.

Rob bewegte sich wieder, das Laken rutschte weiter. Jude folgte ihm auf dem Weg südwärts im schummrigen Licht. Sein Atem stockte wieder, aber es war nicht der Hauch von Haar, der von Robs Brust zu seinem Becken lief, der seine Aufmerksamkeit erregte – schwarz wie die Sünde. Nein, es war ein vertrauter Anker-Schlüsselanhänger, der nahe an Robs im Schlaf gekrümmten Fingern schimmerte.

Was hatte er mit dem Schlüsselbund zu tun, der Judes Mutter gehörte? Und warum lagen sie neben einem halb ausgetrunkenen Glas. Jude lehnte sich näher und schnupperte – Cognac?

Jude wog seine Möglichkeiten ab. Er könnte seinem ersten Instinkt folgen und Rob wecken, um ein paar Antworten zu bekommen. Oder er könnte die Schlüssel zurückstehlen und Louises Seite der Geschichte erfahren – herausfinden, warum Rob hier war und was er ihr über Jude erzählt hatte. Er ging näher heran und ging in die Hocke, bevor er bei einem gedämpften Gemurmel erstarrte.

»Lou?« Rob drückte sein Gesicht in das Kissen, seine Stimme war schläfrig. Er drehte den Kopf ein wenig. »Ist der verlorene Sohn endlich zurückgekehrt?« Die zuvor schlaffe Hand streckte sich. »Nein?« Die Fingerspitzen strichen über Judes gebeugtes Knie, bevor sie es wie zur Beruhigung tätschelten. »Vielleicht ist das auch besser so, Schatz.« Robs Augen blieben geschlossen, die dunklen Brauen nach unten gezogen, während er murmelte. »Es ist ja nicht so, als wäre es eine Überraschung, dass er unzuverlässig ist.«

Das tat weh, aber um die Verletzung noch zu verschlimmern, rollte sich Rob mit dem Gesicht zur Wand, um mehr Platz hinter sich zu schaffen. Er hob das Laken an, als ob er erwartete, dass Judes Schwester sich in Löffelstellung neben ihn legen würde. »Komm rein, Schatz.« Sein Gähnen war kieferbrechend. »Ich werde den Geschäftsplan morgen früh anpassen.«

Und ob er das würde.

Es mochten Monate vergangen sein, ohne dass Jude anwesend war, aber das war kein Grund für Rob, so zu reden, als sei es seine Aufgabe, die Dinge in seiner Abwesenheit zu leiten. Seine Eltern hatten Louise die Verantwortung überlassen, nicht jemand, den Jude verdammt gut von sich ferngehalten hatte. Er hatte Rob nicht ein einziges Mal erwähnt, wenn er zu Hause anrief, selbst als sie sich mit jeder Hitze des Wettkampfs nähergekommen waren, zwei Motten, die um eine helle Flamme der Anziehung kreisten. Mit ihnen über irgendetwas davon zu reden, wäre nie passiert – hätte nicht passieren können –, warum also redete Rob so, als hätte er ein Mitspracherecht bei der Führung der Geschäfte von Judes Eltern?

Jude nahm den Schlüsselbund an sich und zog sich leise zurück. Er ging seine Schritte durch die Werkstatt zurück und umging das, was er jetzt als mehrere Stapel von Stühlen und Tischen sah. Er schloss die Werkstatttür mit dem leisesten Klicken hinter sich. Eine Minute später öffnete sich die Pubtür mit dem neuen Schlüssel am Ring seiner Mutter, gerade als die Kirchturmuhr die halbe Stunde schlug.

»Rob?«, rief seine Schwester, ihre Stimme war schwach. »Ich dachte, ich hätte dir gesagt, du sollst ins Bett gehen? Ich kann auch allein aufstehen, versprochen.« Jude folgte dem Klang ihrer Stimme in eine Küche, die er seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr betreten hatte. Er zögerte in der Tür, ein Gefühl, völlig am falschen Ort zu sein, überkam ihn beim Anblick der neuen Arbeitsflächen aus rostfreiem Stahl statt des abgenutzten Holzes. Das heimelige Durcheinander, mit dem er aufgewachsen war, fehlte. Louise hatte ihm den Rücken zugewandt und stand ellenbogentief in der Spüle in der Seifenlauge. »Du solltest wirklich wieder schlafen gehen, Rob.« Niedergeschlagenheit machte ihren Tonfall mürbe. »Du hattest recht. Jude kommt auch dieses Mal nicht zurück.«

Judes Kehle war so eng, dass seine Begrüßung kratzig herauskam: »Hi, Lou.«

Louise schreckte auf, Seifenschaum flog und Wasser schwappte, als sie sich an ihn warf und festhielt. Genauso schnell ließ sie los, um ihn mit ihrem nassen Tuch zu schlagen. Es fiel mit einem Spritzer herunter, bevor sie sich wieder auf ihn stürzte, wobei ihre Tränen sein Hemd noch feuchter machten.

»Hey, weniger Gewalt.« Jude vergrub sein Gesicht in ihrem rot-goldenen gelockten Haar. Es kitzelte, während sie schluchzte. »Obwohl ich das wohl verdient habe.« Er gab zu, was er per E-Mail oder Telefonanruf zu sagen aufgeschoben hatte.

»Ich konnte sie nicht finden, Lou. Keine Spur von ihnen, auch nicht von der One for Luck. Jede Spur erwies sich als Sackgasse.« Jede einzelne potenzielle Sichtung einer Frau mit ähnlich unkontrollierbarem Haar wie das seiner Schwester oder eines Mannes, der so groß und blond war wie Jude, der seine Frau öfter für sich sprechen ließ, jedes angeschwemmte Wrackteil, das schlüssig hätte sein können, erwies sich als Finte. Nichts, was er gefunden hatte, war auch nur annähernd ein Beweis für ihr Schicksal. »Es tut mir so leid, dass ich sie nicht für dich finden konnte.«

Ihr Nicken war stumm, ihr Griff um ihn noch fester.

Diesmal war es die Helligkeit des Küchenlichts, entschied Jude, die seine Augen brennen ließ. Er blinzelte ein paarmal schwer, bevor er ein Flüstern herausbekam. »Ich meine es ernst. Es tut mir so leid, dass ich nicht angerufen habe, um dir mit Sicherheit zu sagen, dass ich diesmal nach Hause komme. Ich wollte …«

»Du wolltest was genau?« Louise zog sich zurück, die Finger waren noch immer in seinem Hemd verkrallt und hielten ihn fest, als fürchtete sie, er würde verschwinden, sobald sich ihr Griff lockerte. »Mir sagen, dass du um die halbe Welt reist, um sie für immer zu suchen?« Ihr Blick war wässrig, die rotgeränderten Augen das Ebenbild ihrer Mutter, aber der Kiefer war ganz von ihrem Vater. »Ich wusste, dass du das wolltest, bis du einen Beweis gefunden hast, Jude. Aber ehrlich gesagt, wusste ich auch, dass sie beide t-tot sein mussten«, sie stotterte bei dem einem Wort, das Jude immer noch nicht zu denken wagte, »ich wusste es schon, bevor du überhaupt losgezogen bist, um sie zu finden. Wir haben beide die Wetterberichte gesehen; dieser Taifun war verheerend. Es gab kaum eine Chance, dass sie ihn überlebt hätten.«

Jude hatte viele lange Nächte damit verbracht, den pflegerischen Hintergrund seiner Mutter und die Segelkenntnisse seines Vaters abzuwägen, nur um zu demselben Schluss zu kommen. Hätte irgendetwas von ihren kombinierten Fähigkeiten gegen die volle Kraft der Natur viel ausrichten können? »Ich weiß, Lou. Ich weiß es. Aber ich gehe zurück. Nach der Sommersaison, meine ich.« Er konnte nicht hierbleiben, nicht bis er Gewissheit hatte. Ohne den gusseisernen Beweis des Wracks nagte noch immer der leiseste Zweifel an ihm. Es war derselbe Zweifel, der ihn beim letzten Mal dazu gebracht hatte, seine Rückkehr abzubrechen und fast jeden Penny, den Tom ihm bezahlt hatte, dafür auszugeben, Spuren zu verfolgen, die sich in dem Moment, in dem er sie zu greifen versuchte, wie Rauch lichteten. Dieser Zweifel verstärkte sich nur noch, wenn er sich an die Sorgfalt erinnerte, die sein Vater beim Bau der One for Luck an den Tag gelegt hatte. Sie war so schwimmfähig gewesen wie jede der Luxusjachten, neben denen die Aphrodite angelegt hatte, und doppelt so voll mit Proviant. Wenn irgendein handgefertigtes Schiff Taifun-Wetter oder Schiffbruch überstehen konnte, dann war es eben sie. Es war Pech, dass ihr Geolokator genau dann ausgefallen war, als er am nützlichsten gewesen wäre. Jude hatte seine Daten benutzt, um ihre Fahrtrichtung zu replizieren, Informationen, die schon Tage vor dem Sturm verpufft waren, genau wie sein Vater seinen geplanten Kurs auf Karten aufgezeichnet hatte, die an die Wand des Bootshauses gepinnt waren.

Das Bootshaus.

Er hielt Louise an den Schultern und drückte sie sanft zurück. »Lou. Mein Schlüssel hat nicht gepasst, also habe ich mich zuerst ins Bootshaus gelassen. Ich wollte da unten übernachten, aber …«

»Du hast Rob dort schon schlafen gefunden?« Selbst im grellen Schein des Küchenlichts hatte Jude Mühe, den Gesichtsausdruck seiner Schwester zu deuten. »Ist er nicht unglaublich?«, fragte sie.

Jude hatte gegen Ende des Wettbewerbs auch angefangen, so zu denken, trotz seines Bauchgefühls, dass Rob nur mit einer Zuneigung spielte, die zu erforschen Jude nicht riskieren konnte. Das Erstaunen, das er empfand, wann immer er in Robs hellem Scheinwerferlicht erwischt worden war, war immer mit einem Gefühl der Sorge verbunden gewesen. Ihre Frage verriet Jude auch nicht gerade, wie viel sie über sie wusste. Hatte Rob ihn vor Lou geoutet? Er wich aus, anstatt zu fragen.

»Warum ist er hier, Lou?«

»Oh, Jude.« Diesmal verbarg das helle Licht der Küche nichts, Louises Gesichtsausdruck war der Heldenverehrung nahe. »Rob ist hergekommen, um uns zu retten.«

* * *

Jude entkam seiner Schwester unter die Dusche, unter der er lange Zeit stand. Dampf füllte das, was er immer für ein kleines Badezimmer gehalten hatte, bevor ihn die Arbeit an Bord einer Jacht in Sachen Größe geschult hatte. Jetzt kamen ihm die Raummaße großzügig vor, während er sich das Salz aus dem Haar schrubbte. Die Hitze lockerte die Muskeln, die vom letzten harten Heimweg und von der Sorge um das, was er hier vorgefunden hatte, angespannt waren.

Draußen auf dem Flur öffnete sich eine Tür – vielleicht war Louise mit ihrer nächtlichen Nachtwache fertig, jetzt da Jude zurück war. Oder vielleicht zählte sie immer noch auf, auf welche Weise Rob der Retter des Anchor war, wobei ihr Gesichtsausdruck sehr vielsagend war, als ob Rob weit mehr bedeutete als ein durchschnittlicher Mensch, den sie für den Sommer eingestellt hatte.

Es war nichts Durchschnittliches an Rob.

Jude hatte das schon kurz nach ihrem ersten Treffen, zu Beginn des Wettbewerbs, erkannt. Rob hatte mit den anderen Teilnehmern gescherzt und sich über die Juroren lustig gemacht, furchtlos, als ob ihm ihre Meinung völlig egal wäre. Und als der Druck immer größer wurde, schien er nicht im Geringsten erschrocken zu sein.

Rob hatte sich, wie Jude jetzt erkannte, nicht darum gekümmert, ob er gewann oder verlor, und warum sollte er das auch müssen, wenn er eine Kette von Restaurants besaß? Für ihn war nichts davon ernst gewesen, beschloss Jude, als er unter dem Dampf verweilte und sich Robs Zwinkern in Erinnerung rief, nachdem sie beide das Halbfinale überstanden hatten. Er erinnerte sich auch an den geteilten Geschmack von Champagner, als Jude sein besseres Urteilsvermögen vergessen und sich schließlich von Rob küssen lassen hatte.

Er stellte das Wasser ab und schnappte sich ein Handtuch.

Dumm. Das war so dumm gewesen.

Rob hatte es nicht böse gemeint. Er flirtete mit jedem, sein weitsichtiger Blick ließ alle um ihn herum aufblühen. Jude wäre besser dran gewesen, wenn er nicht gewusst hätte, wie es sich anfühlte, all diese Aufmerksamkeit nur auf sich zu richten; einfacher, wenn er sich nicht immer wieder an diesen Kuss hätte erinnern müssen. Außerdem war das Letzte, was er von Louise wusste, dass der Pub keine schwarzen Zahlen schrieb. Wie zum Teufel konnte sie es sich leisten, jemandem, der an die Löhne im Zentrum Londons gewöhnt war, ein Gehalt zu zahlen? Und warum zum Teufel sollte Rob seine Zeit in einem heruntergekommenen Pub im hinteren Teil von Nirgendwo verschwenden? Er konnte sich die Restaurants seines Vaters aussuchen.

Vielleicht hatte er die letzten geschäftlichen Updates seiner Schwester falsch gelesen, dachte Jude, als er sich an einem neuen, flauschigen Handtuch abtrocknete. Er bemerkte ein dezentes, auf den Saum gesticktes Anker-Emblem, das sich auch in der Mitte jeder neuen Wandfliese befand. Es sah stilvoll aus, das musste er zugeben, und nicht wie das heimelige Sammelsurium, das er in Erinnerung hatte. Die Geschäfte mussten besser laufen, wenn der Pub einen Koch und teure Upgrades wie diese Badumgestaltung bezahlen konnte.

Louise ging wieder auf dem Flur vorbei. Er öffnete die Tür, ein Handtuch um die Hüfte, und gestikulierte über die Schulter. »Warum hast du neue Badezimmerfliesen verlegt?«

»Lass uns morgen reden. Heute, meine ich.« Louise gähnte. »Ich gehe ins Bett. Mal sehen, ob ich vor dem Frühstück nicht noch ein paar Stunden Schlaf bekomme.« Sie unterdrückte ein weiteres Gähnen. »Wenn du sicher bist, dass du jetzt nichts essen willst, meine ich. Ich könnte dir etwas machen?«

»Nein. Nein, danke.« Judes Magen war wie verknotet, diese Heimkehr war schon anstrengend genug, ohne dass er erfuhr, dass seine Schwester sich an jemanden gewandt hatte, den er so sehr versucht hatte, aus seinem Kopf zu verdrängen. »Ich werde auch schlafen.« Er ging zurück ins Bad, um sich anzuziehen, die Boxershorts, die er anzog, klebten an seiner noch feuchten Haut, seine Beine waren im Vergleich zu der weißen Baumwolle tief karamellfarben gebräunt. Er kam heraus, rieb sich noch immer durch sein nasses Haar, während er den Flur zu seinem Schlafzimmer durchquerte und den schweren, schwarzen Türriegel anhob, gerade als Louise nach ihm rief.

»Nein, warte!«

Die Tür schwang auf und führte in ein Zimmer, das nichts mit dem zu tun hatte, in dem er seine ganze Kindheit verbracht hatte.

»Jude …«

Statt des Doppelbetts und des Schreibtischs, an die er sich erinnerte, war ein großzügiges Kingsize-Bett mit weißer Bettwäsche bedeckt. Seine Poster und die Pinnwand waren ebenfalls verschwunden, auch keine Spur von seinen College-Lehrbüchern. Stattdessen waren am Fußende des Bettes weitere dicke Handtücher zusammen mit einer Speisekarte gefaltet. Auch sie wies das Ankermotiv auf, das ihm zuerst im Duschraum aufgefallen war.

Jude trat auf Beinen, die sich wieder wie Gummi anfühlten, in diese alternative Realität. »Was ist das?« Er schnappte sich die Speisekarte und scannte sie von oben bis unten. »Kommen Sie und erleben Sie feines Essen mit freundlicher Genehmigung von ›Großbritanniens bestem neuen Koch‹, Rob Martin, während Sie im New Anchor wohnen«, las er. »New Anchor? Was ist daran neu, Lou? Und was soll das alles mit dem ›feinen Essen‹?« Er drehte sich rechtzeitig um, um zu sehen, dass Louise zusammenzuckte, also sprach er leiser, mit tiefer, eindringlicher Stimme. »Wir machen Pubessen, Lou. Pubessen, kein feines Essen mit freundlicher Genehmigung von Rob fucking Martin.« Jude wischte sich die Wassertropfen aus den Augen. »Weißt du, in den ersten paar Monaten, in denen ich weg war, hörte es sich so an, als würdest du dir jedes Mal, wenn wir miteinander sprachen, leise Sorgen ums Geld machen. Aber die Sommersaison ist fast da, und das ist unsere einzige Chance, richtig Geld zu verdienen. Das weißt du genauso gut wie ich. Deshalb bin ich zurückgekommen …« Er schaffte es gerade noch, die Worte wobei ich hätte suchen sollen zurückzuhalten, aber diese Schuld klammerte sich immer noch an ihn und erdrosselte ihn fast, als er fortfuhr. »Stell dir also meine Verwirrung vor, als ich feststelle, dass der halbe Pub umgestaltet wurde und dass du für einen Feinschmeckerkoch bezahlst, den wir nicht brauchen.« Vielleicht war es die Müdigkeit, die seine Kontrolle entgleiten ließ. »Verdammt noch mal, wenn du Geld für all das hast, warum brauchst du mich dann noch? Ich hätte …«

»Du hättest was?«, fuhr ihn Louise an. »Du hättest Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt bleiben können, um deine Zeit mit einer sinnlosen Suche zu verschwenden.« Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, die Stimme war gedämpft. »So habe ich das nicht gemeint.«

Jude durchquerte den Raum und zog sie in eine Umarmung, gegen die sie sich kaum wehrte. »Ich auch nicht. Scheiße. Es tut mir leid. Es ist nur … dieser Ort ist nicht so, wie ich ihn in Erinnerung habe, das ist alles.« Sogar die Meereslandschaft an der Wand über ihrer Schulter sah neu aus, wilde Spritzer von Ölfarbe, die irgendwie den inneren Sturm widerspiegelten, den er bei der Vorstellung der letzten Momente seiner Eltern empfand. Wie der Künstler mit so wenigen Pinselstrichen einen Sturm herbeigezaubert hatte, war beeindruckend, und wahrscheinlich so teuer, wie es sein musste, einen Koch wie Rob zu engagieren. »Warum hast du ihn eingestellt?«

Louises Rücken versteifte sich unter seinen Händen. »Ich habe ihn nicht gerade eingestellt, aber ich musste etwas tun.« Sie schluckte hörbar. »Wenn es hier ein Geschäft geben sollte, wenn du fertig bist mit der Suche nach … Nun, ich musste etwas tun; einige große Änderungen am Geschäft vornehmen. Ich musste es.«

Jude sagte: »Okay, okay«, obwohl ihre Antwort weit von der Realität dieses Geschäfts, wie er es kannte, entfernt war. In dem Moment, in dem die Sommertouristen für ihr fettiges Frühstück ankamen, bevor sie den Rest des Tages am Strand verbrachten, wäre das Lokal wie immer pleite gewesen. Jude küsste ihre Schläfe und nahm dann ihr kleines Kinn in seine Hand, ihre Haut war papierweiß gegen seine. »Lass uns schlafen gehen. Wir reden in ein paar Stunden weiter. Obwohl …« Er versuchte, sie zu necken, wie sie es früher getan hatten. »Ich bin mir nicht sicher, wie ich es verkraften werde, in diesem Maß an Luxus zu schlafen. Ich bin eher an winzige Mannschaftsquartiere gewöhnt, oder daran, an Deck zu schlafen. Solche Betten heben wir für Kunden auf.« Schon damals waren die Kabinen nicht so geräumig gewesen, die Aphrodite lag am kleineren Ende des Luxus-Segelchartermarktes.

»Nun, du schläfst auch nicht in dieser Kabine. Nicht, wenn ich in der Hoffnung lebe, dass ich bald ein paar zahlende Gäste bekomme.« Louise ergriff seine Hand, vielleicht immer noch in der Befürchtung, dass er verschwinden könnte. Sie führte ihn den Korridor entlang. »Ich habe alle Zimmer getauscht, damit ich möglichst viel Geld dafür verlangen kann. Du kannst die ausziehbare Matratze unter meinem Bett haben, bis wir geklärt haben, wo du von nun an schlafen wirst.« Ihr nächstes Gähnen war gewaltig. Jude zog die Ausziehmatratze heraus, während sie etwas Bettzeug suchte. »Ich bin todmüde. Wehe, du schnarchst noch.«

»Das warst immer du, nicht ich.« Es war so einfach, in das kindliche Gezänk zu verfallen, das er über die Jahre auf Segeltörns perfektioniert hatte, um Louise von ihrer Seekrankheit abzulenken.

Er legte sich hin. Louise blinzelte ihn eulenhaft an. »Ich bin froh, dass du zu Hause bist, Jude.«

»Ich auch. Obwohl es mir leidtut, deine Sommerpläne zu verderben mit deiner neuen Liebe«, er machte Anführungszeichen, »dem berühmten Feinschmeckerkoch Rob Martin.«

»Halt die Klappe«, sagte sie und lachte. »Du bist nur eifersüchtig, weil er den Wettbewerb gewonnen hat.« Dann fügte sie leiser hinzu: »Rob sagte, das hättest du, wenn du geblieben wärst. Gewonnen, meine ich. Außerdem ist er nicht meine neue Liebe.«

»Nein?«, fragte Jude. Er hielt den Atem an, nicht sicher, wie er ein Gespräch fortsetzen sollte, das einen Teil seines Lebens enthüllen könnte, den er von zu Hause ferngehalten hatte. »Bist du sicher?«, bohrte Jude nach. Er dachte an die Art, wie Rob sich im Bett umgedreht hatte, als sei er es gewohnt, den Platz mit seiner Schwester zu teilen. Rob könnte immerhin bi sein; die Gesellschaftsseiten der Sonntagszeitungen hatten ihn mit vielen Frauen abgelichtet. »Aber du magst ihn doch?«

»Natürlich.« Louises Arm baumelte von der Bettkante und stupste ihn an, als wolle sie überprüfen, ob er wirklich da war. »Aber nicht auf diese Weise. Ich bin nicht sein Typ.«

»Nein?« Diese Wendung des Gesprächs könnte nicht schlimmer sein. Wäre Jude nicht todmüde gewesen, hätte er sich einen Weg ausgedacht, das Thema zu wechseln; es von den gefährlichen Felsen wegzulenken, die er jahrelang umfahren hatte.

Louise drückte seine Hand, als sie Jude das Gegenteil bewies und das Gespräch sich mehr zuspitzte, als er je gedacht hätte. »Ich glaube, er ist noch nicht so weit«, sagte sie um ihr nächstes Gähnen herum.

»Bereit für was?«

»Um sich wieder zu verlieben«, murmelte Louise. »Nicht, nachdem sein Herz das letzte Mal so schwer gebrochen wurde.«

Kapitel 3

Jude wachte auf und wusste, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht. Die Aphrodite lag viel zu still im Wasser, nicht einmal ein sanftes Schaukeln war unter ihm zu hören. Es gab auch nicht das Knarren der Gäste über seinem Kopf, die an Deck die Aussicht genossen, bevor er ihr Frühstück servierte.

Scheiße.

Frühstück.

Er saß da und war erneut desorientiert, weil er nicht die gemütliche Enge seines Quartiers sah. Nein, dies war ein Zimmer, das seine Mutter früher als Gästezimmer vermietet hatte, unverändert bis auf die verblichene Tapete und das Waschbecken in der Ecke. Jetzt war es mit den Habseligkeiten seiner Schwester gefüllt; sein Seesack lag neben einem Stapel Pappkartons. Er warf einen Blick in einen, während er schnell ein paar Klamotten anzog, und ihm fielen einige der College-Lehrbücher auf, die in seinem alten Zimmer fehlten. Ein anderer Karton enthielt wahllosen Schnickschnack. Er kramte eine Tasse heraus, die Louise ihm zu einem vergangenen Geburtstag geschenkt hatte.

Der schlimmste Bruder der Welt.

Damit hatte sie nicht unrecht gehabt.

Er nahm sie mit, als er sich auf den Weg zur Treppe machte, und hielt auf dem Weg an, um noch einmal durch die Tür seines alten Zimmers zu schauen. Die Einrichtung war sicherlich ein Upgrade, eine stilvolle leere Leinwand im Vergleich zu dem, wie er es verlassen hatte, aber sein ganzes Leben in einer Schachtel zu finden, verunsicherte ihn immer noch. Mit der Tasse in der Hand ging er weiter den Flur entlang.

Die Traufe in Louises altem Schlafzimmer war schräg, die Wandbalken aus Eichenholz waren dort zu sehen, wo sie früher Fernschwimmrosetten aufgehängt hatte, die jetzt durch ihre Abwesenheit auffielen. Stattdessen hingen mehr neue Kunstwerke an den Wänden. Er bewunderte eines, das viel ruhigere Gewässer darstellte, dessen türkisgrüne Schattierungen auch außerhalb des Fensters dieses Raumes zu sehen waren. Das Ankermotiv wiederholte sich auch, wie er feststellte, auf den neuen Vorhängen, die die Aussicht einrahmten, und auf einer Frühstückskarte, die auf dem Nachttisch lag.

Er nahm es in die Hand, um den Preis für ein vollwertiges englisches Frühstück zu lesen. »Wie viel?« Mein Gott, das war das Vierfache von dem, was seine Mutter von den üblichen Touristen verlangte – Familien aus der Arbeiterklasse, die das ganze Jahr für eine Woche am Strandcampingplatz sparten. Es gab keinen Grund, ihnen die Welt zu berechnen, hatte seine Mom immer gesagt. Auf diese Weise würden sie für ihr Mittag- und Abendessen zurückkommen. »Achtzehn fünfzig«, murmelte er vor sich hin. Das zeigte, wie wenig Rob wusste, der Londoner Preise für eine viel bodenständigere Bevölkerungsschicht verlangte. Und was sollte diese ganze New-Anchor-Beschilderung? Okay, Jude war eine Weile weg gewesen, und er hatte viel um die Ohren, aber wenn Louise auch nur einmal erwähnt hätte, dass sie ihr Haus umbenannt hatten, hätte er sich daran erinnert. Der Gewinnrückgang konnte nicht durch so viel unnötiges Rebranding aufgefangen werden.

Er trat in den Flur, Speisekarte und Tasse in der Hand, und sah sich der Tür zum Schlafzimmer seiner Eltern gegenüber.

Er wich lieber zurück, als sie zu öffnen. Da drin hätte sie bestimmt nichts angerührt. Nein, der Pub müsste kurz vor der Schließung stehen, bevor Louise die Karten, die diese Wände tapezierten, abnehmen oder ihre Besitztümer einpacken würde.

Unten öffnete und schloss sich eine Tür, eine Männerstimme rief nach seiner Schwester.

Rob.

Jude wandte dem Zimmer seiner Eltern den Rücken zu und folgte dem Geräusch der Antwort seiner Schwester. Er fand sie beide in der Küche, wo sie über einer Kiste mit Schalentieren brüteten, ein weiterer Grund, warum ihr Kontostand unter Druck stehen könnte. Er hielt in der Tür inne, um zu sehen, wie Rob einen Hummer aus der Kiste zog und so tat, als würde er Louise in die Nase beißen. Sie gaben ein hübsches Bild ab, seine Schwester lächelte und errötete, während Rob sie anstrahlte.

Gott, aber er sah gut aus.

So gut.

Bei Tageslicht war es noch offensichtlicher. Seine Augen waren so dunkel wie sein Haar, die Stoppeln zeichneten einen sexy Schatten auf sein Kinn. Rob strich Louise sanft eine Strähne hinter das Ohr, und Jude sprach lauter, als er beabsichtigt hatte. »Wie viel hat das alles gekostet?«

Louise erschrak über seine Stimme, Rob stellte sich zwischen sie und Jude, als wäre er eine Bedrohung und nicht ihr einziger Bruder. Louise trat erschrocken hinter ihm hervor. »Viel weniger, als du denkst«, sagte sie. »Nicht, dass es dich etwas angehen würde, aber Rob hat einen Deal mit Carl abgeschlossen. Er hat gesagt, er kocht spezielle Mahlzeiten, wann immer er will, wenn er uns für den Rest der Saison einen ausreichend großen Rabatt gibt.«

Das schien unwahrscheinlich. Carl war vielleicht wie ein Onkel für ihn und Lou, aber er war auch ein harter Verhandlungspartner. Bevor er die Chance hatte, das zu sagen, streckte Rob die Hand aus. »Schön, dich wiederzusehen, Jude.« Seine Lippen hoben sich nur leicht, als wäre es Jude nicht wert, ein ganzes Lächeln zu investieren. Sein Blickkontakt war direkt, wenn auch viel kühler als beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten. »Endlich«, fügte Rob hinzu, eine leise Zurechtweisung, die Jude nicht kommentarlos hinnehmen wollte.

»Ich habe Lou gesagt, dass ich für die Sommersaison zurückkomme. Also danke, dass du eingesprungen bist, aber jetzt bin ich hier und übernehme.« Er zog die Kiste mit den Muscheln über die neue Stahlarbeitsplatte zu sich herüber und hielt sie fest, als ob ihn das davon abhalten könnte, sich in einem Zuhause, das so gar nicht so war, wie er es in Erinnerung hatte, fremd zu fühlen.

»Solltest du nicht schon längst zurück sein?« Rob zuckte mit den Schultern, bevor er hinzufügte: »Scheint, als wäre ich seit Monaten der einzige Koch in dieser Küche.« Er zerrte die Kiste zurück auf seine Seite der Arbeitsplatte. »Du hattest Zeit, an deiner Bräune zu arbeiten, wie ich sehe.« Dann neigte er den Kopf in Richtung Türöffnung. »Wäre eine Schande, wenn sie verblasst. Wenn du dich beeilst, kommt vielleicht bald eine andere Jacht vorbei, auf der du dich verstecken kannst.«

»Du sagst mir ernsthaft, ich soll aus meiner eigenen Küche verschwinden?« Jude ahmte Robs Kopfneigung nach. »Um 12 Uhr fährt ein Bus nach Truro. Wenn du dich beeilst und packst, kannst du ihn noch erwischen. Von dort nimmst du den nächsten Zug nach London, dorthin, wo es einfacher ist, Narren ihr Geld abzuluchsen.« Es gab keine Entschuldigung für das, was er als Nächstes sagte; selbst wenn er so lange auf emotionaler Sparflamme gelaufen war, war das keine Rechtfertigung für offenkundige Unhöflichkeit. »Wenn du unbedingt ein eigenes Restaurant haben willst, lauf zurück zu deinem Daddy. Er würde dir eins von seinen geben, auch wenn du es nicht verdienst.«

»Jude!«, rief Louise erschrocken. »Auf ein Wort«, sagte sie und wartete an der Tür, bis Jude ihr folgte. Bei seinem letzten Blick über die Schulter sah er Robs breites Lächeln, als hätte er ihr Sparring genossen. Es war so irritierend.

Louise war wütend. Und das ließ sie ihn spüren, sobald die Tür hinter ihnen geschlossen war. »Was zum Teufel sollte das denn? Du warst so unhöflich zu Rob«, sagte sie, als hätte Jude einen Welpen getreten.

»Wir brauchen ihn nicht.« Jude merkte, dass er brüsk klang, aber es musste gesagt werden. »Nicht jetzt, wo ich wieder da bin.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wir brauchen keine zwei Köche. Es gibt nichts, was er nicht kann, also warum ihn bezahlen, vor allem, wenn es stimmt, was du über die rückläufigen Einnahmen gesagt hast?« Er konnte sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: »Kein Wunder, dass nicht genug Geld da ist.«

Er hatte nicht mit Louises spöttischem Schnauben gerechnet und auch nicht damit, dass sie sich umdrehen und in das kleine Büro schleichen würde, in dem ihre Mutter die Einnahmen zählte. Der Schreibtisch war an diesem Morgen leer, abgesehen von einem zugeklappten Laptop und einem Stapel Speisekarten, die auf cremigem, dickem Karton gedruckt waren. Der Schriftzug »New Anchor«, der auf deren Ecken gedruckt war, provozierte weitere Fragen von ihm. »Und was soll das ›New‹, das überall draufgepappt ist? Dieser Ort ist schon immer der Anchor gewesen. Es war der Anchor, lange bevor Mom und Dad ihn gekauft haben. Da ist nichts Neues dran, und jeder Einheimische wird es wissen.« Wenn sie sich so sehr um den Gewinn sorgte, was war dann mit den alten Pub-Speisekarten, die man hätte sauber wischen können? Diese Karten würden nicht einmal die Hälfte der Saison überstehen. Er öffnete den Mund, um das zu sagen. Jude sah das Gesicht seiner Schwester und zögerte.

Ihre Augen glitzerten, eine Träne lief ihr die Wange hinunter, bevor sie sie wegwischen konnte.

»Lou …«

»Tu das nicht.« Sie drehte sich um, um sich noch einmal über das Gesicht zu wischen, und drehte sich nicht mehr um, als sie sagte: »Tu das einfach nicht.« Ihr Atemzug war rau, das hörte und sah er an dem Zittern ihrer schmalen Schultern. »Du hast keine Ahnung von dem, was es braucht, um diesen Ort über Wasser zu halten.«

Das war nicht fair, oder? »Du hast gesagt, ich soll gehen, Lou. Und du hast gesagt, es macht dir nichts aus, wenn ich noch ein bisschen länger wegbleiben muss.« Im Ernst, sie war die Erste gewesen, die zugestimmt hatte, als er das erste Mal abgesagt hatte, nach Hause zu kommen. »Du hast nichts davon erwähnt, dass Geld in letzter Zeit ein Problem ist. Ich dachte, du hättest alles unter Kontrolle.«

Sie wirbelte herum und schrie: »Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.« Noch mehr Tränen flossen. Sie wischte sie weg, verärgert über sich selbst. »Ah. Ich hasse es, wenn ich so werde.«

»Dafür kannst du Mom danken.« Sie hatte auch schnell geweint, aber genauso schnell wieder weitergemacht.

Louise schlang ihre Arme um ihn. »Ich wollte nicht, dass du denkst, ich könnte das nicht schaffen. Den Pub am Laufen halten, meine ich«, sagte sie, ihre Stimme dumpf an seiner Brust. »Nicht nachdem ich versprochen hatte, auf den Anchor aufzupassen, während Dad und Mom auf Reisen gingen.« Sie zog sich zurück. »Aber die Dinge haben sich geändert, seit du weg bist.«

Die Bürotür knarrte. Rob hielt auf der Schwelle inne, als würde er auf Erlaubnis warten, ein Tablett in den Händen, auf dem drei Tassen und eine French Press standen. Diesmal war sein Lächeln anders, fast so, als hätte er Mitleid mit Jude. Sein Blick war warm, so wie Jude sich erinnerte, statt wie an jenem Morgen.

»Die Dinge haben sich zum Schlechten verändert«, beharrte Louise, als Rob das Tablett abstellte und Judes Schlimmster-Bruder-Tasse fast bis zum Rand füllte. »Aber Rob ist ein Teil der Lösung.«

* * *

Jude saß neben seiner Schwester, der Laptop fuhr hoch, als er seine Tasse in die Hand nahm. Ein Laut der Anerkennung über den ersten Schluck überkam ihm unwillkürlich.

Louise stupste sein Knie mit ihrem eigenen an. »Das ist guter Kaffee, nicht wahr?«

»Mmm.« Jude nippte erneut. Es war leicht so gut wie das Gebräu, das er an Bord der Aphrodite serviert hatte. »Das ist nicht Moms Üblicher.«

»Nö.« Robs Ton war neutral, auch wenn seine Augen funkelten. »Ich habe das Letzte davon benutzt, um die Abflüsse zu reinigen.«

Louise stöhnte, als wäre das ein alter Witz, den sie schon mehr als ein paarmal gemacht hatten. »So schlimm war er nicht.«

»Er war grauenhaft.« Rob nahm einen Schluck und schaute Jude an. »Und bei Weitem nicht gut genug für die Kunden, die wir jetzt anlocken müssen.«

Bevor Jude Robs Verwendung von »wir« bestreiten konnte, unterbrach Louise ihn. »Sieh mal.« Sie klickte auf das Trackpad ihres Laptops und öffnete eine Tabellenkalkulation. »Diese Seite zeigt den Umsatz der letzten fünf Jahre.« Der Rückgang war ein langsames Abrutschen, offensichtlich in Form eines Diagramms, aber sicher nicht verheerend.

Sie öffnete eine weitere Registerkarte.

Jude inhalierte fast seinen Kaffee.

Ein Diagramm zeigte, dass die Einnahmen des Pubs sanken, als ob ein Taifun sie verfolgte. »Wie konntest du …?« Jude presste die Lippen zusammen, aber Louise beendete einen weiteren gedankenlosen Satz, den er sofort bereute.

»Wie konnte ich es nur so schlimm werden lassen?« Ihre Augen glitzerten wieder. »Wie konnte ich ein Geschäft kaputtmachen, das jahrzehntelang gut lief?« Rob legte ihr eine Hand auf die Schultern und drückte sie, eine Handlung, die eigentlich Jude hätte machen sollen, anstatt ihr die Schuld zuzuschieben. Louise flüsterte: »Wie konnte es unter meiner Leitung nur Monate dauern, bis die Bank mit der Wiederinbesitznahme drohte?«

Jude fühlte sich schrecklich und versuchte, es wiedergutzumachen, in der Hoffnung, dass er nicht zu spät war. Er hielt ihre Hand. »Eher: Wie konntest du mich davonsegeln lassen, wo du doch so besorgt gewesen sein musst?«

Auf der anderen Seite seiner Schwester stieß Rob einen überraschten Laut der Zustimmung aus. Er wich zurück und bewegte seinen Arm von ihrer Schulter, damit Jude seine Schwester ganz trösten konnte. »Dachtest du wirklich, ich wäre nicht sofort nach Hause gekommen, wenn ich davon gewusst hätte?«

Sie drehte ihr feuchtes Gesicht gegen seinen Hals, ihre Wangen waren heiß und ihr Atem ging zitternd. »Ich … ich wollte nicht, dass du nach Hause kommst. Ich wollte, dass du weitersuchst.« Sie zog einen letzten Atemzug ein und sagte: »Außerdem habe ich einen Weg gefunden, das geradezubiegen.«

»Ich verstehe immer noch nicht, wie es so schnell so schlimm werden konnte.« Jude bemühte sich, seiner nächsten Frage auch nur den Hauch eines Vorwurfs zu nehmen. »Hat das denn niemand kommen sehen?«

Rob beugte sich vor, klickte einen Internetbrowser an und tippte ein paar Worte ein. Auf einer Nachrichten-Webseite lief eine Diashow über einen Sturm, der rauer war als jeder, den er an Bord der Aphrodite erlebt hatte. »Warte.« Jude schaute genauer hin. »Ist das hier …?« Himmel, das war es. Auf dem Laptop-Bildschirm peitschte eine hohe Welle aus weißem Schaum und Wut gegen die Kirchturmspitze am Ende des Hafens. Das nächste Bild zeigte ein Fischereifahrzeug, das wie eine riesige Wippe auf der Deichmauer kippte, im Hintergrund war der Pub zu sehen. Weitere Fotos zeigten die Art von Verwüstung, die Jude kürzlich viel näher am Äquator erlebt hatte, und die Schlagzeile auf der Webseite kündigte den schlimmsten Sturm an, der die Küste Cornwalls seit Generationen heimgesucht hatte. »Wann genau war das?«

»Ein paar Wochen nachdem du weg warst.«

»War der Pub komplett überschwemmt?« Das war der einzige Grund, den er sich für den starken Umsatzrückgang vorstellen konnte. »Hat der Sturm das Dach beschädigt?« Das würde auch die vielen Renovierungen im Obergeschoss erklären. »Kein Wunder, dass du das Geschäft geschlossen hast.«

»Nein, der Pub wurde nicht schwer beschädigt.« Das Erdgeschoss bestand aus Steinplatten, die Wände aus Naturstein, gebaut, um gelegentlichen Fluten zu trotzen. »Das Austrocknen hat nicht lange gedauert.«

»Warum sollten wir also ändern, wie wir das Geschäft führen?« Jude klickte zurück auf die Tabellenkalkulation. »Ja, die Wintereinnahmen waren miserabel, aber die Touristen werden jeden Moment kommen. Wenn wir allen, die auf dem Campingplatz am Strand übernachten, das Essen und Trinken hier zu teuer machen, werden die Zahlen auch nicht besser.«

»Ich denke«, sagte Louise, als sie den Laptop zuklappte, »der einzige Weg für dich zu verstehen, ist, es selbst zu sehen.«

Kapitel 4

Jude folgte seiner Schwester zur Eingangstür des Pubs und wurde von Rob aufgehalten, der eine Hand um seinen Ellbogen legte. Sein Griff war so entschlossen wie sein Tonfall. »Wir müssen reden.«

»Nicht jetzt.« Jude riss sich los und trat nach draußen, um seine Schwester am Hafen entlang joggen zu sehen. Er folgte ihr, als sie auf die Deichmauer hüpfte und dann auf der anderen Seite hinunterkletterte. Die Felsen dort waren glitschig, übersät mit Seegras, die violetten Kuppeln der Anemonen lugten hervor, während der Rest bis zur nächsten Flut versteckt war. Louise war flink, als sie durch flache Felspfützen platschte und auf den geschwungenen Vorsprung der nahen Landzunge zusteuerte. Als Kinder hatten sie hier so oft gespielt, und ihr Vater hatte ihnen all die schönen Dinge gezeigt, die normalerweise versteckt waren – Krabben, Seetang und Strandschnecken – eine Diät, von der er versprochen hatte, dass sich jeder davon ernähren könne. Jetzt planschte Jude durch dieselben Pfützen mit kühlem Wasser, die noch nicht von der Sonne erwärmt waren, wie sie es am Mittag sein würden.

Rob fluchte, und Jude schaute zurück.

Er wirkte hier nicht halb so sorglos wie bei Lou in der Küche oder so entspannt, wie er im Bootshaus geschlafen hatte. Robs Arme waren jetzt ausgestreckt, als würde er auf einem Drahtseil laufen, das Gesicht vor Konzentration angespannt. Er geriet ins Straucheln; das Seegras war glitschig unter seinen Füßen. Er war kurz davor zu fallen, bis Jude zurückwich, um ihn zu retten.

Jetzt war er an der Reihe, eine Hand auszustrecken. Robs ganzer Körper war starr, als er versuchte, nicht zu fallen. Irgendwie fiel es ihm leicht, ihn zu necken, trotz des vorangegangenen Streits, wie schon gegen Ende des Wettkampfs. »Was ist?«, fragte Jude. »Weißt du nicht, wie du dein Gleichgewicht halten kannst? Habe ich endlich etwas gefunden, das Daddy dir nicht kaufen konnte?«

»Fick dich, Fischgesicht«, trällerte Rob, eine weitere Erinnerung an ein vergangenes Leben, in dem es sich normal angefühlt hatte, sich gegenseitig zu ärgern. Es war etwas, auf das sich Jude freute. Es hatte begonnen, sich wie ein Vorspiel anzufühlen.

Jude hielt Rob fest, auch nachdem er sich beruhigt hatte, und ließ den Abstand zwischen ihnen und Louise wachsen. »Hör zu. Du hast ja recht. Wir müssen reden.«

Rob nickte. »Ja.« Die Brise zerzauste das Haar, durch das Jude erst einmal seine Hände hatte gleiten lassen, nachdem er es schon seit Ewigkeiten gewollt hatte. Er sah Rob zu, wie er genau das jetzt tat und es mit den Fingern zurückschob, während er hinzufügte: »Jude, du musst wissen, dass ich heute Morgen den Schock meines Lebens bekommen habe, als Lou sagte, du seist tatsächlich nach Hause kommen.« Sein Blick huschte zu Louise in der Ferne. »Ich wusste nicht, wie du darauf reagieren würdest, dass ich hier bin.« Er presste die Lippen zusammen, wie er es früher getan hatte, während er gegen die Uhr kochte, fokussiert auf eine Weise, wie er es bei seinem Vater offenbar nie schaffte. »Ich habe ihr nicht von uns erzählt.« Seine Augen trafen die von Jude nur einen Augenblick lang. »Was hätte ich denn tun sollen? Sagen: ›Ach, übrigens, es könnte ein bisschen unangenehm werden, weil ich mal mit deinem Bruder geknutscht habe, aber keine Sorge, er ist gegangen, bevor ich die Chance hatte, ihn zu ficken? Bleiben wir von nun an rein geschäftlich?‹« Rob riss sich los und begann, die Felsen zu überqueren. »Außerdem«, rief er über seine Schulter, »habe ich ziemlich schnell herausgefunden, dass sie nichts von dir weiß. Ich bin nicht hier, um dich zu outen.« Er klang entschlossen, aber er verlor fast wieder den Halt.

»Halt dich an mir fest«, befahl Jude, bevor er nachsah, wo Louise war. Sie hatte bereits die Landzunge erreicht, wo der Küstenweg zum Strand und zum Campingplatz führte. Dies war der perfekte Zeitpunkt, um zu sprechen, ohne dass sie ihn hörte, und vielleicht seine letzte Chance. »Sag mir, ganz ehrlich, was machst du hier?« Rob hatte eine so große Zukunft in London, die Restaurants seines Vaters waren ein Erbe, das niemand aufgeben würde, der halbwegs vernünftig war. »Ich verstehe das nicht. Was um alles in der Welt ist hier für dich?«

Robs Blick fiel auf seine Lippen.

Jude redete lieber weiter, als in einer Glut zu stochern, die durch die monatelange Abwesenheit nur schwer zu ersticken war. »Ich habe gehört, du hast gewonnen«, sagte er, um das Thema zu wechseln. »Den Wettbewerb, meine ich. Glückwunsch.«

»Das hättest du mir damals selbst sagen können.«

Jude schüttelte den Kopf. »Da war ich schon weg.« Er war gegangen, und zwar nicht, um monatelang an seiner Sonnenbräune zu arbeiten. Stattdessen war das der Beginn eines lebhaften Albtraums gewesen.

»Du hättest mich anrufen können«, sagte Rob trocken. »Oder auf eine der Nachrichten antworten können, die ich dir hinterlassen habe. Hast du es nicht gehört? Es gibt diese brandneue Sache namens E-Mail. Es gibt sie erst seit ein paar Jahrzehnten, aber manche Leute sagen, sie sei praktisch.« Er holte sein Handy heraus, die Schärfe in seinem Tonfall wurde kaum von Humor überdeckt. »Und alle coolen Kids benutzen heutzutage dieses Ding namens Social Media.« Kunstvolle Schnappschüsse von Essen füllten ein Raster auf dem Bildschirm. »Siehst du? Du machst ein Foto mit deinem Handy, und dann fügst du eine Nachricht hinzu.« Er schob das Handy in Richtung Jude, auf dem Bildschirm ein Foto von Louise, die die Augen verdreht und einen weißen Farbklecks auf der Nasenspitze hat. »In Kontakt zu bleiben ist so einfach, selbst jemand, der so beschäftigt ist wie du, könnte das schaffen. Ich habe gehört, dass es auf dem ganzen Planeten funktioniert.« Er hielt sein Handy eine Sekunde lang hoch und tippte dann ein paar Worte. Ein Foto von Judes Gesicht füllte nun den Bildschirm mit den Worten »Ich bin ein gedankenloser Arsch« als Bildunterschrift. Robs Stimme wurde leiser. »Ich sage nicht, dass ich Schwanzbilder von dir erwartet habe, aber es hätte mir nichts ausgemacht, zu wissen, dass du noch gesund und munter bist.«

Jude war überrascht, dass Rob so verletzt klang. »Es tut mir leid.«

»Nicht nötig.« Rob steckte sein Handy in die Tasche. »Wir hatten eine einmalige Sache. Nicht einmal das. Ein Kuss. Das ist doch nichts, oder? Es ist ja nicht so, als wären wir zusammen gewesen. Ich bin gut über dich hinweggekommen.«

Das war nicht das, was Louise gestern Abend gesagt hatte, es sei denn, sie hatte von jemand anderem gesprochen, mit dem Rob während des Wettbewerbs zu tun gehabt hatte, aber sicherlich hätte Rob seinen Mund nicht halten können, wenn er bereits einen Partner hatte? Irgendwie stach die Vorstellung davon wie Seewasser in einem kleinen Schnitt – scharf und unerwartet. Jude zwang sich, fortzufahren. »Du hast recht. Ich hätte einen Weg finden sollen, mit dir zu reden, aber …« Die Wörter zu finden, um es zu erklären, kostete ihn alles, was er hatte, und erschöpfte ihn, als er zugab: »Ich … ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie es war, die Nachricht zu bekommen, die wir bekommen haben. Es gab so viel zu regeln, und niemand hatte eine Antwort.«

»Ich hätte geholfen.« Der Wind wehte Robs nächste Worte fast weg, bevor Jude sie hörte. »Ich hätte es gewollt. Aber das war, bevor du mich ignoriert hast. Ich hab’s verstanden, auch wenn ich dachte, Ghosting sei nur etwas für Gelegenheitssex – für Beziehungen, die man bereut, und nicht für jemanden …« Rob schnaufte und ging dann los, wobei er an Tempo zulegte, als er die letzten tückischen Felspfützen hinter sich gelassen hatte.

Jude eilte hinter ihm her. »Rob …«

»Vergiss es«, beharrte Rob und kletterte die Landzunge hinauf. »Ich habe es schon vergessen.«

»Warum bist du dann noch hier?« Jude folgte ihm und nahm Robs ausgestreckte Hand nahe der Spitze.

»Deswegen«, sagte Rob, als er Jude die letzte steile Stufe hinaufzog. Dann stellte er sich neben Louise und beide beobachteten, wie Jude zum ersten Mal auf den Strand blickte.

Statt einer herrlichen Bucht sah er nur noch Verwüstung, kein einziges Sandkorn mehr.

Statt eines Campingplatzes hinter niedrigen Dünen durchfurchten Schluchten die Landschaft.

Vorbei war der Strand, der seit Generationen Jahr für Jahr Familien angezogen hatte – so vollständig ausgelöscht, als hätte er vielleicht nie existiert.

Wenn Jude bei vollem Tageslicht nach Hause gesegelt wäre, hätte er sein Fehlen bemerkt. Jetzt, vom Aussichtspunkt der Landzunge aus, sah es aus, als ob die Küste blutete, eisenrote Erde, die das Meerwasser blutig machte, als ob das Land verwundet wäre. Der Weg, der die Hauptstraße mit dem Campingplatz verband, war leer; keine Möglichkeit für Touristen, die Spalten an seinem Eingang zu überqueren. Selbst wenn sie es könnten, gab es keinen Platz mehr, um ihre Zelte aufzuschlagen, und keinen sicheren Weg für sie, um den Küstenpfad zu erreichen, der sie zum Anchor bringen würde.

»D-dieser Sturm …« Jude stotterte. »Der Sturm, den du mir gezeigt hast, online …«

»Ja«, sagte Louise schlicht. »Dieser Sturm hat hier alles verändert, über Nacht und ohne Vorwarnung, genau wie der Taifun, der …« Sie ließ den Rest des Satzes unausgesprochen. »Jude«, sagte sie, viel leiser. »Jude, es war der Sturm, der den Anchor kaputtgemacht hat, nicht ich.«

»Fast kaputt.« Robs Stimme trug die Art von Zuversicht, die eine ganze Küche zum Zuhören bringen konnte. Er klang in diesem Moment so sehr nach seinem Vater, dass Jude es fast gesagt hätte, bis Rob ihn direkt ansah. »Es gibt keine Möglichkeit, diesen Aspekt zu reparieren.« Er gestikulierte auf eine Szene der Verwüstung, deren Anblick Jude kaum ertragen konnte. »Es gibt keine Möglichkeit, die Natur zu besiegen oder den alten Kundenstamm des Anchor aus Low-Budget-Campern zurückzuzaubern.«

Er hatte recht. »Hier gibt es nichts mehr für sie.« Jude nahm die Hand seiner Schwester in die seine. Und das alles war passiert, kurz nachdem er gegangen war? »Warum hast du nicht …?« Er verschluckte sich an seinen Worten, als er sich vorstellte, wie Louise so kurz nach dem Verschwinden ihrer Eltern zum zweiten Mal in einer Katastrophe aufwachte, und dieses Mal war er nicht da gewesen, um ihr eine tröstende Schulter zu bieten. »Wie hast du das …?«

»Bewältigt?«, fragte Louise trostlos und weinerlich zum dritten Mal, seit er zurückgekommen war. »Habe ich nicht. Konnte es nicht. Nicht allein. Ich konnte das alles nicht schaffen.« Sie gestikulierte dorthin, wo sich der Strand einst gekrümmt hatte, der jetzt abgesperrt war wie ein Tatort. »Aber ich wusste, dass du es auch nicht konntest. Es hatte keinen Sinn, dich zurückzurufen. Ich hätte den Papierkram mit der Versicherung wegen der Sturmschäden am Pub genauso gut erledigen können wie du. Aber wenn es eine Versicherung gibt, die den Verlust unseres gesamten Gewerbes abdeckt, und das so lange, dann haben Mom und Dad nie eine abgeschlossen.«

»Und was hast du dann gemacht?«, fragte Jude, lauter, als der Wind auffrischte und tobte.

»Was ich gemacht habe?« Endlich strahlte Louise. »Ich habe genau das gemacht, was Dad uns immer beigebracht hat, wenn wir im tiefen Wasser in Schwierigkeiten geraten sind.« Sie ergriff Robs Hand, ihre eigene winzig klein in seiner. »Ich habe um Hilfe gerufen und dann versucht, mich so gut es geht über Wasser zu halten, bis Rob kam, um mich zu retten.«

Kapitel 5

Sie nahmen einen längeren Weg zurück zum Pub, indem sie dem Küstenweg folgten, anstatt wieder die Abkürzung durch die Felspools zu nehmen. Er brachte sie in das Dorf, ein paar Straßen vom Hafen entfernt. Louise erklärte mehr, während sie an leer stehenden Häusern und verrammelten Geschenkeläden vorbeigingen.

»Kaum ein Geschäft blieb nach dem Sturm geöffnet. Es gab keine üblichen Wintertouristen. Ohne sie gab es nicht genug Handel, um sich über Wasser zu halten.« Sie blieb vor einem großen, granitverkleideten Cottage stehen, das einst einer Künstlerfamilie gehört hatte. »Marc leitet jetzt die Kunstgalerie seiner Eltern, aber seine Mutter und sein Vater sind zurück nach Frankreich gezogen.« Vielleicht bemerkte sie, wie Jude bei diesem Namen zusammenzuckte. »Ich weiß, dass Marc in der Schule nicht deine Lieblingsperson war, obwohl ich keine Ahnung habe warum. Er kam nach dem Sturm zurück, um seinen Eltern beim Auszug zu helfen. Dann ist er geblieben.« In ihrem Ton lag eine seltsame Schärfe, die fast wie Sorge klang. »Ich weiß nicht, ob es genug geben wird, um ihn noch länger hier zu halten. T-Touristen, meine ich, um die Galerie offen zu halten. Er wohnt jetzt in der Wohnung darüber, und die alte Wohnung seiner Eltern steht leer. Ich denke, sie werden sie als Ferienwohnung verkaufen. Ein schickes.« Sie legte ihre Hände an eine Fensterscheibe und spähte hinein.

Jude gesellte sich zu ihr und konnte das Interieur kaum erkennen, das so lebendig war wie seine Besitzer, die ganze Familie ausdrucksstark und extravagant auf eine Weise, die Jude instinktiv vermied. »Sie haben Porthperrin direkt auf die Wände gemalt. Riesige Wandgemälde in jedem Zimmer«, erinnerte er sich.

»Jemand wird das alles übermalen«, sagte Louise. »Es neutral machen«, was Jude an die ganz weißen Schlafzimmer im Anchor erinnerte. »Das ist der neue Markt für uns«, schloss Louise. »Leute, die einen luxuriösen Urlaub wollen und nicht nur einen billigen Campingurlaub am Strand.«

Judes Atem beschlug die Glasscheibe. »Ich nehme an, das erklärt das Feinschmeckermenü, das ich in meinem Schlafzimmer gefunden habe.« Er richtete sich auf und sah Rob direkt an, immer noch mit dem Gefühl, als würde sich der Boden unter seinen Füßen verschieben und ihn, wie ihren verlorenen Strand, in Richtung Meer drängen. »Und ich schätze, das erklärt den Hummer, den du heute Morgen bei Carl gekauft hast, aber ich verstehe immer noch nicht, wo du da reinpasst.« Die Erwähnung von Essen ließ seinen Magen laut genug knurren, dass Louise es bemerkte.

»Komm schon«, sagte sie. »Lass uns beim Frühstück reden.« Auf dem Weg dorthin kamen sie an weiteren leerstehenden Häusern vorbei sowie an ein paar weiteren Geschäften, in denen es kein Lebenszeichen gab. »Nach dem Sturm dachte ich – dachten wir alle –, dass die Touristen sowieso wiederkommen würden. Vielleicht würden sie etwas weiter weg campen, aber sie würden trotzdem ins Dorf kommen, um zu essen und ihr Urlaubsgeld auszugeben.« Sie gestikulierte, während sie zum Parkplatz hinter dem Pub gingen. Nur ein paar Autos waren dort geparkt, wo es normalerweise zum Bersten voll gewesen war. »Heutzutage kommen nicht einmal mehr viele Tagesausflügler zu uns. Es hat sich herausgestellt, dass die Leute lieber einfach zu erreichende Orte bevorzugen, als einen langen Spaziergang entlang des Küstenpfads vom nächsten Dorf, und ohne den Strand gibt es hier nicht viel für ihre Kinder.«

Sie bogen um die Ecke, Möwen beobachteten sie von der Ufermauer aus.

»Natürlich«, fuhr Louise fort, »ist es immer noch wunderschön hier, aber ohne die Massen liegt es auf der Hand, dass der Pub mehr Geld an jeder Person, die uns findet, verdienen muss.«

Rob schloss die Tür des Pubs auf. Die Schlüssel seiner Mutter in seiner Hand zu sehen, fühlte sich immer noch seltsam an. Er biss sich lieber auf die Zunge, als es auszusprechen. Jude folgte Rob schweigend in die Küche und nickte, als Louise fragte: »Willst du einen Bacon Butty?« Auf dem Weg zum neuen begehbaren Kühlschrank schaltete sie den Wasserkocher ein und reichte den Speck, den sie darin fand, an Rob weiter, der ihn in die Bratpfanne legte. Dann schnitt sie Brot auf, das er mit Butter bestrich, beide arbeiteten in einem leichten, geübten Tandem.

»Ich werde den Tee machen«, sagte Jude unwirsch.

»Keine Milch für Rob«, sagte Louise, als ob sie ihn besser kennen würde als Jude. Das tat sie auch, musste er zugeben, der immer noch damit kämpfte, die vielen Veränderungen zu begreifen, wie zum Beispiel die Schüsseln, die dort gestapelt waren, wo er Tassen erwartet hatte, oder die Teller im Schrank nebenan, die ebenfalls am falschen Platz standen.

»Hier.« Rob öffnete ein weiteres Schränkchen, sein Blick war zurückhaltend. Wenigstens waren die Löffel dort, wo Jude sie erwartet hatte. Er rührte den Tee um und gab nur einen Spritzer Milch in den seiner Schwester.

»Du trinkst deinen jetzt auch schwarz?« Louise erklärte Rob: »Er hat seinen Tee immer so milchig getrunken. Er hat Liter für Liter getrunken und dann die leeren Flaschen zurück in den Kühlschrank gestellt.« Als Louise abrupt aufhörte zu sprechen, füllte Rob die plötzliche Stille.

»Meine Mutter auch.« Seine Stimme lenkte von der Erinnerung daran ab, wer in dieser Küche fehlte. »Nur meine hat geschrien, weil ich den ganzen Saft getrunken habe.« Sein Lächeln war breit, wie Jude es in Erinnerung hatte. »Sie liebte frischen Saft, aber ich trank ihn so oft ohne nachzudenken aus. Jetzt würde ich jeden Morgen hundert Orangen auspressen, wenn sie mich darum bitten würde …« Er erwischte Jude beim Starren. Robs Augenbrauen hoben sich ein wenig und er fragte: »Willst du?«

Wollte Jude immer noch?

Er hatte nie aufgehört, Rob zu wollen, das war die Wahrheit – nicht eine einzige Minute lang.

»Saft?« Rob schüttelte die Packung. »Willst du Saft zu deinem Sandwich?«

»Nein«, brachte Jude schließlich heraus. Ein Blick in Louises Richtung zeigte ein kleines Stirnrunzeln, das sich vertiefte, als ihr Blick zwischen ihm und Rob hin und her schwang. Er musste sie davon abhalten, noch intensiver über sie nachzudenken. »Komm schon. Lass uns in der Bar essen.«

Jude trug ein Tablett mit Bacon-Sandwiches in die Bar, in der er seinem Vater so oft geholfen hatte, Kunden zu bedienen. Ein Seufzer entglitt ihm beim Anblick von noch mehr Veränderungen. »Wo sind die Karten?« Früher bedeckten sie eine Wand, wo jeder neue Kunde einen Pin hinterlassen konnte, um zu zeigen, woher er gekommen war. Jetzt hingen an der gleichen Stelle noch mehr Seekarten und Preisschilder.

»Die Karten? Sie sind ein bisschen nass geworden, aber ich habe dafür gesorgt, dass sie sicher aufbewahrt werden, sobald sie getrocknet sind. Sie sind im Bootshaus.«

»Mit dem Rest des Zeugs«, fügte Rob hinzu.

Zeug?

Für so ein kleines Wort hatte es eine große Wirkung. Jude unterdrückte einen weiteren instinktiven Drang, sich verbal zu wehren. Musste Rob so hochnäsig klingen, wenn es darum ging, wo Jude aufgewachsen war, und den Unterschied in ihrer Herkunft hervorheben? Diese Bar hatte vielleicht nicht die geschmackvollste Dekoration, aber sie spiegelte die Interessen seiner Eltern wider und zeigte, was sie am meisten an Porthperrin und dem Segeln liebten. Jude setzte sich an den nächstgelegenen Tisch und stopfte sich den Mund mit seinem Sandwich voll, anstatt Rob zu sagen, wohin er verschwinden sollte. Er biss sich auf die Zunge, bis Louise ihm erklärte, wieso Rob ein Mitspracherecht bei der Führung des Anchor hatte.

In seiner Nähe zu sein war ein Albtraum, dachte Jude verzweifelt, während er kaute. Das heftige Verlangen, das die Monate der Trennung nicht gedämpft hatten, mischte sich gleichermaßen mit der Sorge, während er sein Frühstück verschlang. Er kaute schnell, damit sie dieses Gespräch hinter sich bringen konnten.

»Da hat aber jemand Hunger.«

Jude musste nicht aufblicken, um sich Robs Belustigung vorzustellen. Er verlangsamte sein Kauen auch nicht und nahm mit der Spitze eines abgeleckten Fingers die letzten Krümel auf seinem Teller auf. »Es ist schon lange her seit dem Abendessen.« Und dieses Essen war schrecklich gewesen; der Neue hat sogar das Nudelwasser anbrennen lassen. Gott wusste, was er für Toms Frühstück zusammenstellen würde, geschweige denn für seine nächsten Kunden.

Einen langen, verzweifelten Moment lang wünschte sich Jude zurück an Bord der Aphrodite, meilenweit entfernt von diesem Pub, den er kaum wiedererkannte, und dem verlorenen Strand, der eine finanzielle Katastrophe bedeutete.

»Komm schon.« Rob zog Judes leeren Teller zu sich heran. »Das hat noch nicht annähernd gereicht. Ich mache dir noch eins.« Sein Angebot war wie ein Befehl formuliert. Jude hätte fast verneint, bis er eine schnelle Veränderung in Robs Gesichtsausdruck wahrnahm, die fast flehentlich wirkte. Er folgte ihm schweigend in die Küche, wobei Rob erst sprach, als die Tür geschlossen war.

»Du wirst mir sagen, dass ich mich aus deinem Pub verpissen soll«, sagte Rob, während er mit mehr Kraft als nötig noch mehr Brot butterte. »Ich kann es in deinem Gesicht geschrieben sehen. Das habe ich heute Morgen schon einige Male getan, und irgendwie habe ich dich gerade wieder verärgert.« Er klang ruhig, aber als er das Messer absetzte, sah Jude, dass seine Hand zitterte. »Weißt du, ich habe mich lange gefragt, was zum Teufel ich gesagt habe, dass du einfach verschwindest, ohne mit mir zu reden, oder?«

Es war nicht Robs Schuld gewesen, dass Jude London so schnell verlassen hatte; seine rasche Abreise war ein Umstand gewesen, getrieben von einem Schock, der bedeutete, dass die Familie an erster Stelle stehen musste. Das musste sie auch. Er versuchte, es noch einmal zu sagen, aber Rob war immer noch dabei und weigerte sich, Augenkontakt herzustellen. Er belegte das Brot mit einer Schicht Schinken, während er fragte: »Hast du eine Ahnung, wie oft ich unser letztes Gespräch noch einmal durchgespielt habe?«

Jude schüttelte den Kopf.

»Zu oft, um es zu zählen. Ich versuche, herauszufinden, was ich bei dir falsch gemacht habe.«

»Du hast nichts falsch gemacht.«

»Das muss ich wohl. Wir hatten gerade das Halbfinale des Wettbewerbs überstanden, aber ich dachte schon, ich hätte den ersten Preis gewonnen, denn das war der Tag, an dem ich dich küssen durfte.«

Judes Verstand wurde leer, er wurde von der Stille überrascht.

»Ich durfte dich küssen«, wiederholte Rob, als wäre das der eigentliche Preis, den er schätzte, und nicht das Geld, das Jude gebraucht hatte. »Nachdem ich dich monatelang angequatscht hatte, habe ich endlich den ersten Schritt gewagt, aber dann warst du am nächsten Tag verschwunden, bevor ich dich zu einem Date ausführen konnte.«

Jude erinnerte sich daran, wie unglaublich es sich angefühlt hatte, Rob zu küssen, nachdem er sich so lange gefragt hatte, ob sein Flirten eine Wettbewerbstaktik war, die ihn aus der Fassung bringen sollte, oder eine weitere Möglichkeit für Rob, seinen Vater zu ärgern.

»Irgendetwas, das ich gesagt habe, muss falsch rübergekommen sein, damit du gehst, ohne mit mir zu reden.« Rob stand plötzlich viel näher, drang in Judes Privatsphäre ein und fädelte die Finger einer Hand durch seine. »Ich würde es zurücknehmen, wenn ich es wüsste, Jude. Ich würde klären, was immer es war, das dich glauben ließ, ich würde dir nicht helfen wollen. Aber es ist schon Monate her, und ich musste weitermachen.« Sein Griff um Judes Hand widersprach diesen Worten. Er drückte seine Stirn für den Bruchteil einer Sekunde an Jude, bevor er sich zurückzog, und sagte: »Wenn du also immer noch vorhast, mir zu sagen, dass ich mich verpissen soll, will ich dieses Mal zuerst einen richtigen Abschied von dir.« Seine Lippen berührten fast die von Jude, so weich, wie er sie in Erinnerung hatte. »Darf ich?«, fragte er. »Bitte?«

Jude nickte. Der Druck von Robs Lippen war zunächst zaghaft, aber dennoch schickte er Funken durch seinen Körper, die sich schnell erhitzten. Als Rob seinen Griff verlagerte und Judes Hand losließ, legte er beide Arme um ihn, wobei seine Finger durch das Haar in seinem Nacken glitten. Er stöhnte auf. Jude öffnete seine Lippen, ihr Kuss vertiefte sich, beide hielten sich fest.

Wie oft hatte Jude sich an ihren einen Kuss erinnert, während er den fernen Horizont absuchte, ohne auch nur einen Moment lang zu glauben, dass Rob das Gleiche in Großbritannien getan haben könnte?

Wie oft hatte er sich gewünscht, sie hätten sich schon viel früher geküsst, nur damit er sich mehr an die Art und Weise erinnern konnte, wie Robs Berührung ein Feuer in ihm entfachte.

Was, wenn das, was sie kurz davor waren zu beginnen, nur so lange dauerte wie der Wettbewerb? Jude hatte schon geahnt, dass er fallen gelassen werden würde, sobald er vorbei war. Schließlich bewegte sich Rob in einem anderen gesellschaftlichen Kreis; dass der Erbe des Londoner Restaurantadels sich mit jemandem auf der untersten Sprosse der Restaurantleiter verabredete, schien auf Dauer unwahrscheinlich. Außerdem hätte Jude Rob niemals nach Porthperrin mitnehmen können.

Doch hier war er in einer Küche, die nichts mit der zu tun hatte, in der Jude gelernt hatte zu kochen.

Hier war er und küsste Jude, als ob er nie aufhören wollte, und zog sich nur zurück, um einen tiefen Atemzug zu machen.

Rob umfasste Judes Gesicht und zog ihn für einen weiteren Kuss zu sich heran, bevor er seine Meinung änderte und ihn gegen die Arbeitsplatte drückte. Seine Hände waren nur knapp unter Judes Hintern, als er ihn auf die Oberfläche hievte. Er stand zwischen Judes gespreizten Beinen, seine Hände wanderten von seinen Schenkeln zu Judes Brust, bevor er am Saum von seinem Hemd zupfte. Er schob eine Hand unter den Stoff und fuhr über die Haut, die seine Berührung aufsaugte wie ein Schwamm das Wasser. Rob küsste Jude, als würde er ertrinken, verzweifelt, als wäre Jude die Luft, die er brauchte. Er stöhnte und klammerte sich fest, zog Jude an den Rand der Arbeitsplatte; seine Hüften drückten gegen die Stelle, an der Judes Beine auseinandergingen.

Endlich konnte Jude seine Hände in das Haar gleiten lassen, das genauso seidig war, wie er es in Erinnerung hatte. Rob zog sich zurück, seine Brust hob sich, und es glitt durch seine Finger.

»So hätte ich es gemacht«, sagte Rob; seine Stimme war rau. Er beugte sich noch einmal vor, die Bartstoppeln kitzelten leicht, als seine Lippen Judes Kiefer streiften. Sein Atem war so warm über Judes Ohr, als er flüsterte. »So hätte ich mich letztes Mal verabschiedet, wenn du mich gelassen hättest.«

Sein letzter Kuss war kaum da, die geringste Berührung – weg, bevor Jude reagieren konnte.

Die Küchentür schwang hinter Rob zu und ließ Jude halbsteif und außer Atem zurück.

Kapitel 6

Jude kehrte an den Tisch zurück, seine Schwester aß das letzte Stück ihres Sandwichs auf, während er sein zweites auf den Tisch legte. Es war eine Herausforderung, einen Bissen zu nehmen, während Rob ihm gegenüber saß und seine Augen jede seiner Bewegungen verfolgten, bis Jude sein Sandwich zum Mund führte. Rob wandte den Blick ab und rieb sich mit der Hand über die Lippen, die jetzt ein wenig röter waren als zuvor. Auch sein Haar war noch zerzauster, nachdem Jude mit den Händen hindurchgefahren war. Judes Blick verweilte lange genug, dass Rob ihn bemerkte und sich die Strähnen aus der Stirn strich.

Louise bemerkte es. »Habt ihr zwei euch gerade gestritten, oder so?«

Oder so ist richtig. Jude nickte zur gleichen Zeit, als Rob den Kopf schüttelte.

Louises Augen verengten sich über dem Rand ihrer Tasse. »Ich dachte, ihr mögt euch.«

Jude hatte das getan. Aber es war sinnlos, Gefühle wieder aufzugreifen, unter die Rob gerade einen klaren Schlussstrich gezogen hatte. Er nahm lieber einen großen Bissen von seinem Sandwich, als irgendetwas davon auszusprechen, schon gar nicht Louise gegenüber. Stattdessen tat er, was er geübt hatte, seit er gemerkt hatte, dass Männer sein Interesse weckten; Jude verschloss sich, schwieg.

Seine Schwester stellte ihre Tasse auf den Tisch. »Du musst wissen, dass ich Rob überhaupt nur kontaktiert habe, weil es so aussah, als hättet ihr beide euch während des Wettbewerbs angefreundet.«

Jude schnaubte.

»So sah es aus«, beharrte Louise. »Ihr müsst gute Freunde gewesen sein. Rob hat dir den Sieg im Wettbewerb gewidmet.«

Jude hörte auf zu kauen, als Rob so schnell aufstand, dass der Tisch ein wenig wackelte. Der Tee schwappte auf die vernarbte Oberfläche, das Holz war von den jahrelangen Touristen verbeult, deren Anwesenheit ein kleines Zeichen dafür war, dass zumindest Teile der Geschichte des Anchor unberührt blieben. Als Louise den verschütteten Tee aufgewischt hatte, stand Rob schon hinter der Bar und stellte ein Glas auf den Tresen. Er öffnete eine Flasche Cognac und sagte: »Es ist zu früh für diese Unterhaltung«, während er einschenkte und beim ersten Schluck das Gesicht verzog. »Mein Gott, das schmeckt wirklich Scheiße. Das ist schlimmer als der Kaffee.«

Jude schaffte es schließlich zu schlucken. »Du hast mir den Sieg gewidmet?«

Rob nahm einen weiteren kleinen Schluck und nickte. Die Wiederholung seiner Grimasse wäre komisch gewesen, wenn sich Judes Herz nicht zusammengezogen hätte. »Warum?«

Rob schnappte sich die Flasche und das Glas und kehrte dorthin zurück, wo sie am Fenster saßen. Das Sonnenlicht ließ nichts verborgen. »Warum ich dir den Sieg gewidmet habe?« Er hob sein Glas wieder; ein zweiter Gedanke drängte sich auf, und er setzte es stattdessen ab, um es wegzuschieben. Die Dellen und Kratzer in der Tischplatte mussten sehr interessant sein. Er zeichnete sie sehr sorgfältig nach, anstatt zu Jude aufzublicken. »Denn ohne dich als Konkurrenten hätte ich es nie nötig gehabt, mich so sehr anzustrengen, um im Wettbewerb zu bleiben.« Seine Stimme senkte sich zusammen mit seinem Blick. »Ich habe nur teilgenommen, um Dad zu ärgern. Warum sollte ich das Preisgeld brauchen, um mein eigenes Restaurant zu eröffnen? Aber du hast mich dazu gebracht, ins Finale zu wollen.« Er hob den Blick. Er wirkte verletzlich auf eine Weise, die Jude den Atem raubte. »Das hast du«, beharrte Rob. »Zum ersten Mal wollte ich unbedingt kochen.« Er fuhr fort, die Narben im Holz nachzuzeichnen, die Fingerspitze kam Judes Hand immer näher.

Er sollte sie wegbewegen, beschloss Jude; seine Hand weit aus Robs Reichweite bewegen, bevor Louise sah, dass sie sich fast berührten. Stattdessen entfalteten sich seine Finger wie die Wedel einer Anemone bei Flut. Etwas tief in ihm war so verzweifelt, sich nach dem kleinsten Stückchen Kontakt zu sehnen. Das bedeutete sicherlich Ärger, aber trotzdem konnte Jude nicht anders, als sich etwas näher zu beugen, bis sein Knie gegen Robs unter dem Tisch drückte. Das Gefühl, dass er zurückdrückte, war willkommen und doch beängstigend.

»Es stand in der Zeitung«, sagte Louise, ohne zu bemerken, dass Jude kurz vor einer ausgewachsenen Krise stand. »Ich habe ein Interview gelesen, das Rob gegeben hat. Der Reporter ging sehr ins Detail über Robs familiären Hintergrund. Darüber, wie die Familie seiner Mutter das Landhotel führte, in dem sein Vater zuerst arbeitete.«

Aha. Das hatte Jude nicht gewusst.

»Und darüber, wie Robs Vater und Mutter ihr eigenes Hotel von Grund auf renovierten. Sie blieben dort, bis …« Sie warf einen Blick zur Seite und fuhr auf Robs kleines Nicken hin fort. »… bis es seiner Mutter sehr schlecht ging.« Louise tat, wovor Jude sich nur mit Mühe zurückgehalten hatte; sie nahm Robs Hand ganz leicht und drückte sie. »Sein Vater hat nach ihrem Tod verkauft, und dann hat er angefangen, Restaurants in London zu eröffnen.«

Dieser Teil war auch für Jude neu. Jetzt wo er genauer darüber nachdachte, wusste er nur, dass Robs Vater in den engen Londoner Restaurantkreisen sehr angesehen war und sein guter Ruf Rob Türen öffnete, von denen Jude nur träumen konnte. »Es tut mir leid«, brachte er heraus. »Wegen deiner Mum.«

Rob nickte und schaute überall hin, nur nicht direkt zu ihm, während Louise fortfuhr. »Daher weiß ich, dass Rob nicht nur was vom Kochen versteht. Er weiß auch, wie Hotels funktionieren, weil er dort aufgewachsen ist. Der Artikel über Rob kam nach dem Sturm heraus«, erklärte sie. »Bis dahin hatten die grundlegenden Reparaturen die Sommergewinne sowie die Notfallkasse von Mama und Papa aufgezehrt. Wir bekamen nicht die normalen Winterbesucher. Normal …« Sie hielt einen Moment lang inne, dunkle Wolken zogen über ein Gesicht, das normalerweise hell und offen war. »Seitdem ist hier nichts mehr normal. Nach dem Sturm hatte ich nur einen Stapel letzter Forderungen und keine Möglichkeit, sie zu bezahlen.«

»Aber, Lou, als ich anrief, um dich zu fragen, was du davon hältst, dass ich an Bord der Aphrodite bleibe, um länger zu suchen, hast du nicht einmal angedeutet, dass es ein Problem gibt. Du hast mir gesagt, ich solle nicht zurückkommen.«

Sie nickte, die Tasse nun in beiden Händen haltend. Sie nahm einen letzten Schluck, während Jude seinen eigenen leerte. Sein Mund war trocken bei dem Gedanken, dass Louise hier allein mit einem Problem dasaß, für das es keine Lösung gab. Sie stellte ihre Tasse ab; ein Lächeln, das nicht ganz glücklich aussah, umspielte ihre Lippen. »Ich dachte, du wärst nützlicher, wenn du nach Mom und Dad suchst.«

»Inwiefern war das nützlicher?«, fragte Jude verärgert.

Rob hob die Cognacflasche, als wolle er ihm einen Schluck einschenken. Jude lehnte ab. Louise schob ihm ihre Tasse entgegen. Sie nahm ihn wieder, nachdem er etwas eingegossen hatte. Sie rümpfte die Nase, als sie nippte, und richtete ihren nächsten Kommentar an Rob.

»Du hast nicht gelogen. Das ist übel.« Ihre Grimasse spiegelte die von Rob wider, bevor sie tief einatmete und direkt zu Jude sprach. »Als mir klar wurde, dass der Pub nicht ohne die üblichen Touristen auskommen würde, waren mir die Möglichkeiten ausgegangen.«

»Ich hätte …«

»Du hättest was tun können, Jude?« Sie schob sich eine Locke hinters Ohr, ihre Unterlippe bebte. »Gerade noch rechtzeitig nach Hause kommen, um zuzusehen, wie die Gerichtsvollzieher alles mitnehmen, wofür Mom und Dad so hart gearbeitet haben?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Du warst viel nützlicher, wo du warst.«

»Die Versicherung hat doch bestimmt …« Jude hielt inne, als Louises Augen sich für eine Sekunde schlossen.

»Nur Sturmschäden, weißt du nicht mehr? Natürlich habe ich wieder den Gerichtsmediziner kontaktiert.« Es war eine Überleitung, die Jude verwirrte, bis sie erklärte. »Ich habe gefragt, ob die Todesvermutung vorgetragen werden kann.«

»Todesvermutung?« Jude konnte eine Reihe von Möwen auf der Ufermauer sehen, einige mit offenen Schnäbeln, die zweifellos krächzten, aber alles, was er hörte, war das schnelle Pochen seines Herzens. »Du wolltest, dass der Gerichtsmediziner Mom und Dad für tot erklärt?«

Es war kein Lachen, das Louise ausstieß, nicht wirklich. Es gab kein Wort, um einen so freudlosen Laut zu beschreiben. »Natürlich wollte ich das nicht.« Mit einem abrupten Ruck griff sie nach ihrer Tasse, das Porzellan klirrte gegen ihre Zähne, als sie schluckte, statt zu nippen. »Natürlich wollte ich das nicht.«

»Warum dann …?«

Dann ergriff Rob das Wort. »So wie ich es verstehe, kann der Tod einer vermissten Person erst nach sieben Jahren vermutet werden, aber diese Zeitspanne kann verkürzt werden, wenn eine überwältigende Menge an Beweisen angeboten wird, wie zum Beispiel die Lokalisierung ihres spezifischen Standortes während einer Naturkatastrophe.«

Der Atem, den Louise ausstieß, war lang und zittrig. »Gott hab sie selig, aber Mom und Dad waren nicht die Besten, wenn es ums Geschäftliche ging. Sie haben eine zu große Hypothek für dieses Haus aufgenommen und dann nie einen großen Gewinn gemacht. Es sind noch Jahre auf den Kredit ausgesetzt. Mit mehr Beweisen und der Zustimmung des Gerichtsmediziners wird ihre Lebensversicherung alles abbezahlen und noch einiges mehr. Wir könnten auch auf ihre Rentenkassen zugreifen.«

Jude hatte in letzter Zeit viele Tiefpunkte erlebt; Zeiten, in denen er vertraute Segel am Horizont erspäht hatte, nur um unter ihnen ein anderes Boot als die One for Luck zu finden, aber vor diesem Moment hatte er noch nie einen solchen Tiefpunkt erreicht.

Er saß seiner Schwester gegenüber und verstand endlich, warum sie nicht darauf bestanden hatte, dass er nach Hause kam, auch wenn ein zusätzliches Paar Hände vielleicht nützlich gewesen wäre.

Sie hatte aufgehört zu glauben, dass er ihre Eltern lebend finden würde.

Wann würde er es auch akzeptieren?

Rob bot wieder den Cognac an. Jude schob ihm seine leere Tasse entgegen und hörte kaum zu, als Rob sagte: »Louise hat den Gerichtsmediziner gefragt, aber seine Antwort war nicht hilfreich. Und die der Bank auch nicht. Sie wollten keinen Kredit gewähren, wenn das Grundstück den vermissten Eigentümern gehörte. Ihr gingen wirklich die Möglichkeiten aus.« Er goss einen großzügigen Schluck ein, bevor er die Flasche wieder verschloss. »Da hat sie sich an mich gewandt. Erinnerst du dich, dass der Wettbewerb mit einem Geldpreis verbunden war?«

Natürlich tat er das. Das war seine einzige Motivation gewesen – gerade genug für einen aufstrebenden Koch, um sich selbstständig zu machen. Es war das, was Jude überhaupt erst dazu gebracht hatte, teilzunehmen – endlich ein guter Grund, um ihn langfristig von Porthperrin fernzuhalten.

Rob schob die Tasse zurück auf Judes Seite des Tisches. »Deine Schwester hat das Interview gelesen, in dem ich sagte, dass ich es ohne dich nicht gewonnen hätte.«

Jude hob seinen Cognac und verschluckte sich fast, weil Rob noch nicht fertig war.

»Sie sagte mir, wenn das wahr wäre, sollte ich es mit dir teilen.«

* * *

Diesmal folgte Rob Jude, als dieser die Bar verließ und die Eingangstür öffnete, um die Straße zur Deichmauer zu überqueren. Er stellte Judes Tasse ab – sie enthielt noch eine Pfütze Cognac am Boden – und nahm einen Schluck von seinem eigenen.

»Sich am Tag zu betrinken, wird nichts bringen.«

»Nein«, stimmte Rob zu und blinzelte in das Sonnenlicht. »Aber je eher die Flasche leer ist, desto eher wird Lou mich sie durch etwas Besseres ersetzen lassen.« Er kippte den Rest in den Hafen. »Sie führt ein sehr strenges Regiment.«

»Hört sich an, als müsste sie das auch.« Jude atmete Salzluft ein und eine Frage aus. »Du hast ihr wirklich die Hälfte des Preisgeldes gegeben?«

»Nein. Natürlich habe ich das nicht.« Rob blickte aufs Meer hinaus. Jenseits der Hafenmündung brachen die Wellen, turbulent und schäumend. »Ich habe ihr alles gegeben.«

»Du hast was?«

Rob verschränkte die Arme und starrte immer noch in die Ferne. »Oder, um genau zu sein, ich habe es gegen einen Teil der Gewinnbeteiligung deiner Schwester eingetauscht.« Bevor Jude das verarbeiten konnte, sagte Rob: »Es ist eine Investition, das ist alles. Es hat nichts damit zu tun, was zwischen uns passiert ist. Wie ich schon sagte, hast du deutlich gemacht, dass es keine Priorität ist, in Kontakt zu bleiben. Für dich steht die Familie an erster Stelle, und das verstehe ich. Ich respektiere es. Also musst du mir glauben, dass, als ich mich mit deiner Schwester geeinigt habe, dich wiederzusehen, nicht Teil der Abmachung war. Es war rein geschäftlich.«

Das war das zweite Mal an diesem Morgen, dass er den gleichen Satz benutzte.

»Deine Schwester brauchte eine Finanzspritze, wenn der Pub über den Winter kommen sollte. Wie gesagt, keine der Banken gab nach, aber ich konnte sehen, dass das New Anchor mit ein paar Investitionen eine Menge Geld verdienen könnte. Außerdem kam ich so aus London raus.«

»Warum wollest du das?«

»Warum wollte ich dortbleiben?« Rob drehte sich so, dass seine Hüfte an der Ufermauer lehnte. »Das war es, was mein Vater für mich wollte. In seine Fußstapfen treten und seine Restaurants leiten? Nein, danke«, sagte er mit einem Schaudern, als ob die Ablehnung dieses Glücks wie das Ausweichen vor einer Kugel war. »Ich habe gesehen, was dieses Leben mit den Menschen macht. Mit den Familien. Das war nicht das, was ich jemals wollte.«

Möwen flogen über ihnen und jagten sich gegenseitig, das ruhigere Wasser unter ihnen war meergrün und so klar, dass Jude einen Seestern auf dem Meeresboden sehen konnte. Rob wiederholte etwas, was Jude schon lange dachte. »Es ist so schön hier. Ich kann mir keinen besseren Ort auf diesem Planeten vorstellen.« Er hielt inne und überlegte. »Abgesehen von Glastonbury vielleicht.«

»Du bist nicht in London aufgewachsen?« Das Landleben war nicht gerade das, was er sich vorgestellt hatte, Rob so weltmännisch und entspannt im Trubel der Hauptstadt.

»Nein, aber Glastonbury war auch nicht wie Porthperrin. Weniger Atlantik; mehr Brachlandlinien, Druiden und Hippies. Unser Hotel zog die seltsamsten Leute an. Dort aufzuwachsen war magisch.« Sein ganzer Gesichtsausdruck hellte sich auf, was ihm gut stand. »In einem gut geführten Hotel packt jeder mit an, damit es funktioniert, wenn viel los ist. Mom gab mir die besten Aufgaben, zum Beispiel jedem neuen Gast nach dem Essen ein Glas Cognac einzuschenken. Sie plauderte mit ihnen, bis Papa mit dem Kochen fertig war, dann setzte er sich auch zu ihnen; redete mit ihnen, bis sie eher Freunde als Kunden waren. Er nahm sich damals Zeit für die Leute. Mom hat ihn dazu gebracht.« Seine nächste Pause war langatmig. »Mir gefällt die Idee, ein Hotel zu leiten, selbst ein kleines. Es ist viel besser, als nur eine Küche zu führen. Was hat es für einen Sinn, Essen zuzubereiten, wenn man nie eine Minute Zeit hat, um zu erfahren, wen man da verköstigt?« Er schüttelte den Kopf und blickte auf seine Tasse. »Ich habe nie wirklich über diesen Zusammenhang nachgedacht, aber ich habe mit deiner Schwester Cognac getrunken, als wir unsere Vereinbarung getroffen haben. Ich versprach, mein Geld zu investieren. Alles. Den Preis und das letzte Geld, das Mom nach ihrem … Wie auch immer. Louise hat versprochen, mich entweder mit Zinsen am Ende dieses Sommers auszuzahlen oder wir teilen uns eventuelle Verluste zu gleichen Teilen. Das ist ein guter Ansporn für uns beide, den Laden zum Laufen zu bringen.« Die Brise peitschte sein Haar nach vorne. »Wenn die Sommersaison so gut läuft, wie wir es planen, bin ich im Handumdrehen weg von dir.«

Jude murmelte Worte, die ihm in der Kehle steckten. »Und wenn es nicht klappt? Was, wenn die Einnahmen schrecklich sind? Du hast gehört, was Lou gesagt hat, oder? Das Gesetz besagt, dass der Tod erst in sieben Jahren festgestellt werden kann. Du könntest für eine lange Zeit mit mir festsitzen.«

»Ja.« Rob sah aus, als bereue er es, den letzten Cognac weggekippt zu haben. »Das ist mir schon ein paarmal in den Sinn gekommen.«

»Und du hast nicht daran gedacht, irgendetwas davon zu erwähnen, bevor du mich geküsst hast?«

»Du hast bereits gesagt, dass du wieder gehen willst.« Diese Tatsache war nicht zu bestreiten. »Es war praktisch das Erste, was du zu Lou gesagt hast, als du zurückkamst. ›Ich werde nach dem Sommer nicht mehr bleiben‹«, zitierte er. »Sie hat es mir gesagt.« Er hielt eine Hand hoch, um seine Augen abzuschirmen, als er denselben Satz ein drittes Mal sagte, als ob die Wiederholung die Worte überzeugender machen würde. »Also ist es wahrscheinlich am besten, wenn wir es streng geschäftlich halten, nicht wahr«, sagte er, bevor er ging.

Jude sah ihm nach und fragte sich, ob es Robs Absicht war, dass diese letzte Aussage wie eine Frage klang.

Kapitel 7

Jude ließ sich Zeit, bevor er wieder ins Haus ging, und schaute auf seine Uhr, als die Kirchenglocke läutete. Wie konnte es noch so früh sein, wenn so viel passiert war? Er wischte sich mit den Händen über das Gesicht und hielt inne, als seine Handfläche über seine Lippen strich, die noch immer überempfindlich von Robs früherem Kuss waren.

Er musste sich zusammenreißen und Robs rein geschäftliches Angebot wahrnehmen.

Er musste es.

Es war der einzige sichere Weg nach vorne.

Die Entscheidung war gefallen, und er ging zurück ins Büro, wo er Louise vorfand, die ein weiteres Arbeitsblatt auf ihrem Laptop geöffnet hatte. Rob lehnte sich an die Bürotür und fügte seine Gedanken zum Businessplan auf dem Bildschirm hinzu, bis Jude sich umdrehte und sagte: »Kannst du uns eine Minute geben?«

»Jude, Rob weiß genauso viel darüber wie ich«, sagte Louise. »Wir haben den Plan zusammen ausgearbeitet. Wenn ich jetzt Änderungen vornehme, da du zurück bist …«

»Für ein paar Monate«, warf Rob ein.

»… für ein paar Monate oder von jetzt an«, beharrte sie, »heißt das, wir müssen die Auswirkungen deiner Arbeit auf die Zahlen berücksichtigen. Ein zusätzliches Paar Hände bedeutet, dass ich den Zeitplan neu berechnen kann, bis wir wieder richtig öffnen können.«

Judes ausgestoßener Atem war laut genug, dass Rob den Hinweis verstand. Er sagte: »Ich werde in der Küche sein, wenn du deinen Wutanfall überwunden hast, Jude. Komm zu mir, wenn du bereit bist, wie ein Erwachsener übers Geschäft zu reden.« Die Tür knallte nicht gerade hinter ihm zu, aber es war knapp.

»Ich habe keinen Wutanfall.« Es war einfach alles sehr schwer zu verkraften. So viele Veränderungen an einem Ort, den Jude schon immer gekannt hatte. »Ich bin frustriert, dass du das tun musstest. Alles davon. Ohne mich. Das ist alles.«

»Ich weiß. Und beachte Rob gar nicht«, sagte Louise, als ob fast zugeschlagene Türen für sie nichts Neues wären. »Er wird emotional.« Sie überlegte einen langen Moment lang. »Nein, nicht emotional …« Sie drehte sich in ihrem Stuhl, um Jude anzusehen. »Er ist sehr engagiert.«

»Ich weiß. Ich habe es gehört.« Jude konnte immer noch nicht glauben, dass Rob seinen Preisgewinn auf diese Weise verwendet hatte, oder dass Louise bereitwillig ihren Anteil an ihrem Haus für ein scheinbar riskantes Unternehmen riskiert hatte. »Du weißt, dass es keine Garantie gibt, dass das Geschäft funktioniert, oder? Hast du dich überhaupt rechtlich beraten lassen, bevor du unterschrieben hast?«

»Ja.« Louise blickte wieder nach vorne und richtete eine E-Mail an ihn. Sie hängte ein Dokument an und drückte auf ›Senden‹. »So. Ich habe dir die Vereinbarung geschickt. Du kannst sie lesen, wann immer du willst, aber es schien mir ein Vorschlag zu sein, bei dem man nichts verlieren kann. Entweder wir schaffen es, mit Robs Hilfe, oder wir gehen beide leer aus.«

»Wir drei, meinst du.«

Louise nickte. »Du hattest sowieso vor, den ganzen Sommer hier zu arbeiten, nicht wahr? Unsere Vereinbarung muss sich nicht auf dich auswirken.«

Abgesehen davon, dass er so viel Zeit mit Rob verbringen musste, obwohl er sich immer noch so sehr zu ihm hingezogen fühlte. Vielleicht war etwas von diesem Konflikt sichtbar. Louise hatte Mitleid. Sie klickte zurück auf die Tabelle. »Sieh mal, ich hatte in den Hochrechnungen nicht berücksichtigt, dass du diesen Sommer zurückkommst.« Sie änderte einige Makros. »Das macht einen gewaltigen positiven Unterschied.« Die Grafik sah nun viel gesünder aus. »Mit deiner zusätzlichen Arbeitskraft könnten wir früher wieder öffnen, und ich kann die Kosten für das Küchenpersonal senken.«

Die Tür öffnete sich wieder, Rob, jetzt in Kochschürze, band sich die Schürze um. »Du kannst mein Küchenportier sein.«

»Ich räume nicht hinter dir auf.«

»Das war ein Scherz.« Rob stellte sich hinter Lou, beide Hände auf ihren Schultern, seine Miene zumindest versöhnlich. »Aber ich nehme an, dass du im Moment nicht viel davon lustig findest.«

Nein, fand Jude wirklich nicht.

»Wir hatten lange Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen«, sagte Louise und blickte zu Rob auf, bevor sie ihre Hand um Judes schlang. »Ich verstehe, dass du eine Weile brauchst, um dich einzugewöhnen, aber ich hoffe, du schaffst das, Jude.« Ihr Blick war so wässrig wie im Morgengrauen. »Ich hoffe es, denn Rob war wunderbar, aber ihn hier zu haben, macht nicht wett, wie sehr ich dich vermisst habe.«

Diese paar Schlucke Cognac müssen Jude willensschwach gemacht haben. Rob sagte: »Ich habe dich auch vermisst«, und seine ganze Entschlossenheit zerbrach.

* * *

»Also, wie lautet der Plan genau?«

Rob wandte sich an Louise. »Willst du mit Jude darüber reden, während ich zurück in die Küche gehe?«

»Nicht wirklich«, Louise klickte auf ein Kalendersymbol. »Was ich jetzt eigentlich tun muss, ist die Arbeit an den Schlafzimmern zu beenden. Du hast doch nicht geglaubt, dass ich letzte Nacht lange aufgeblieben bin, nur für den Fall, dass du dich entschließt, nach Hause zu kommen, oder?« Sie stupste Jude an; ihre Neckerei war so viel besser als ihr früheres tränenreiches Lächeln. »Es gibt noch eine Menge vorzubereiten, bevor unsere ersten potenziellen Buchungen anstehen. Siehst du?« Weiße Farbe befleckte den Handrücken, mit dem sie ein Online-Buchungssystem anklickte. »Das ist der Termin für unsere Wiedereröffnung.« Jude konnte nicht umhin zu bemerken, dass jedes einzelne Zimmer frei war. Auf den restlichen Fingern, die ebenfalls mit Farbe bespritzt waren, zählte sie Aufgaben auf. »Ich muss noch das zweite Badezimmer dekorieren, die letzten paar Vorhänge fertigstellen und Dads Arbeitszimmer streichen.«

»Willst du daraus auch noch ein Schlafzimmer machen?« Das letzte Zimmer, das vom Flur im Obergeschoss abging, war mit Büchern über das Segeln ausgekleidet gewesen, seit er sich erinnern konnte, und gerahmte Fotos aus der Zeit seines Vaters in der Handelsmarine hingen an den Balken, wie die in ihren Schlafzimmern.

»Ja. Alles in Kisten zu verpacken wird helfen, diesen Prozess zu beschleunigen. Sein ganzes Zeug ins Bootshaus zu bringen, ergibt Sinn, bis wir … Ich meine, bis ich Zeit habe, alles zu sortieren, im nächsten Winter.« Sie runzelte die Stirn. »Aber nur das Arbeitszimmer bewohnbar zu machen, wird nicht annähernd ausreichen, nicht wenn wir für jedes Schlafzimmer Boutique-Hotelpreise verlangen wollen.«

»Boutique?« Judes Gesicht zeigte Verwirrung.

»Nische«, erklärte Louise. »Einzigartig, statt Standard. Boutique-Hotels haben etwas Besonderes an sich«, sie gestikulierte auf das Fenster, das ein perfektes Bild des Hafens und des grün schimmernden kornischen Wassers einrahmte, »wie zum Beispiel ihre Lage.« Dann bezog sie Rob in das Gespräch mit ein. »Oder sie haben einen preisgekrönten Chefkoch, der feines Essen zu einem stolzen Preis anbietet.«

Jude mochte die Vorstellung nicht, ein Zimmer umzuräumen, in dem sein Vater so viel Zeit verbracht hatte und dessen Weltreisepläne wahrscheinlich noch in jedem Winkel sichtbar waren, aber es klang, als hätte Louise diese mentale Hürde bereits genommen. Wenigstens hatte sie das Schlafzimmer ihrer Eltern unangetastet gelassen, Gott sei Dank. Damit konnte er nicht umgehen. »Ich packe sein Arbeitszimmer ein, wenn du willst«, bot er an. »Und erledige alles, was sonst noch auf deiner Liste steht. Sag mir, was kann ich noch für dich tun?« Etwas Körperliches zu tun, könnte ihn davon abhalten, sich zu fühlen, als wäre er zum ersten Mal an Bord und müsste ständig sein Gleichgewicht halten. Sein Blick über die Schulter war unwillkürlich.

Rob stand immer noch in der Tür.

Dass er sich hier so wohlzufühlen schien, lässig mit verschränkten Armen dastand, trug nicht dazu bei, Jude auf den Boden zu holen. Nicht seit er ein wenig darüber erzählt hatte, was ihm am wichtigsten war. Jude konzentrierte sich wieder auf den Kalender, anstatt sich auf seine Überraschung zu fixieren, dass Menschen Rob mehr bedeuteten als Geld. Außerdem musste er aufhören, auf seinen Mund zu starren. Das musste er. Es war ein Abschiedskuss gewesen. Das war alles, wie Rob gesagt hatte. »Gib mir viel zu tun«, brachte er unwirsch hervor. »Ich bin es gewohnt, beschäftigt zu sein.«

»Das kann ich sehen.« Lou stupste ihn am Oberarm an. »Du bist hier als Bohnenstange weggegangen, aber du bist ganz muskulös zurückgekommen. Hast du den Unterschied bemerkt, Rob, im Vergleich zu damals, als ihr beide in London wart? Sieh dir die Breite seiner Schultern an!«

Jude hielt seinen Blick auf den Bildschirm gerichtet, anstatt auf Robs raues »Ja, das habe ich bemerkt« einzugehen.

Louise muss sich wohl besser fühlen, denn ihre Hänseleien steigerten sich. »Und wenn man bedenkt, dass du nie eine Freundin bekommen konntest, als du hier gewohnt hast. Es stellte sich heraus, dass alles, was du brauchtest, um dich in einen Hingucker zu verwandeln, darin bestand, eine Weile die Segel einzuholen und dich auf einer schicken Jacht zu sonnen. Ich wette, du hattest in jedem Hafen, in den du gesegelt bist, ein Mädchen, stimmt’s?«

»So ähnlich.« Wenn Jude jetzt einen Sturm hätte heraufbeschwören können, um als Ablenkung zu dienen, hätte er es sofort getan. »Also, deine Liste, Lou? Was soll ich zuerst tun?«

»Gib mir ein bisschen Zeit.« Louise klickte aus dem Kalender auf etwas, das wie eine Hausarbeitsliste aussah. »Ich hatte nicht geplant, deine Hilfe in Anspruch zu nehmen, also muss ich mir überlegen, wie ich deine zusätzliche Arbeitskraft am besten einsetzen kann.«

»Ich muss zurück in die Küche.« Rob machte sich auf den Weg, sein Gesicht lag im Schatten. »Carl bringt seine Frau zum Mittagessen mit. Du kannst mir bei den Vorbereitungen für beide helfen, wenn du willst? Ich kann mit dir meine Pläne für das Sommermenü durchgehen …« Er war zögerlich. »Das heißt, wenn du es von mir hören willst? Oder du könntest mit Lou darüber reden, obwohl ich verspreche, dass nichts dabei ist, was sie nicht zuerst probiert und dann genehmigt hat. Wir sind Partner, also haben wir alles, was deine Schwester nicht mochte, gemeinsam ausgeschlossen. Jetzt wo du wieder da bist, solltest du wohl das gleiche Mitspracherecht haben, was wir servieren.«

Dass er Judes Sorgen um Lou anerkannte, beruhigte ihn sehr, aber die Veränderungen in der Küche waren immer noch beunruhigend. Die Tür schwang hinter ihm zu, als er sagte: »Mir ist aufgefallen, dass ihr beide hier drin etwas Geld ausgeben wolltet.«

»Es brauchte nicht allzu viel Geld. Ich habe nur in das Nötigste investiert. Das meiste habe ich bei einer Auktion gekauft.« Rob öffnete die neue Kühlschranktür. »Wie diese Schönheit und der Herd. Sie waren Beide Teil eines Liquidationsverkaufs – das Pech eines anderen in der Gastronomie war wohl unser Glück, nehme ich an. Traurig, aber es hat uns eine Menge Geld gespart.«

»Hm.« Jude stellte sich die Restaurantküchen vor, die er und Rob gewohnt waren. »Hierherzukommen muss sich für dich wie ein Slum anfühlen.« Selbst mit neuen Geräten war eine Pubküche meilenweit von denen in den Restaurants von Robs Vater entfernt. Der Unterschied in ihrem Werdegang war ein Gedanke, der immer noch nachhallte. Sogar die Juroren des Wettbewerbs kommentierten, dass Jude am besten mit billigen Zutaten arbeitete, während Rob, wenn er einen Weg finden könnte, einem Gericht Blattgold hinzuzufügen, es tun würde. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass du auf einer Auktion stehst und gebrauchte Sachen für ein bisschen Kleingeld kaufst. Das ist nicht gerade der Lebensstil der Reichen und Berühmten, oder?« Und so hatte er sich Rob vorgestellt, seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren, auf eine Art auffällig, die blendete, sein Lächeln so hell wie die Sterne, unter denen Jude später lange Nächte allein verbrachte, und genauso unerreichbar für ihn.

Jetzt nahm Rob eine Kiste mit Schalentieren aus dem Kühlschrank und stellte sie neben das Waschbecken. Sein Blick in Judes Richtung war abwägend. »Es hat sich herausgestellt, dass das, was ich als Kind gelernt habe, mehr hängen geblieben ist als alles, was ich später gelernt habe. Ich bin viel genügsamer, wenn ich mein eigenes Geld ausgebe.« Er gestikulierte auf die neue Stahlarbeitsplatte. »Was vorher hier war, war in Ordnung für eine Pubküche, aber ich wollte so anfangen, wie wir weitermachen wollten; professionell und nicht …«

»Simpel.« Jude wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich vor dieser Wahrheit zu verstecken. Dieser Ort war mit Fritten im Kopf entworfen worden, nicht mit einer Fünf-Sterne-Küche. Sein Blick blieb an etwas hängen, das an einem Haken an der Rückseite der Tür hing. »Das ist …«, er durchquerte den Raum, um es zu holen. »›Küss den Koch‹«, sagte er leise und las die Vorderseite der alten Schürze seiner Mom. Er band sie sich um, bevor er zum Tresen zurückkam.

»Äh …« Rob schien zu vergessen, was er gerade gesagt hatte, bevor er auf die Kiste deutete. »Die Kosten niedrig zu halten, hat auch viel mit diesem Mittagessen zu tun.« Er sortierte den Inhalt der Kiste und wählte die besten Schalentiere zusammen mit dem Hummer aus. »Einen Deal mit Carl zu machen, ist eine Möglichkeit, das Budget im Zaum zu halten, was sich auszahlen könnte.«

Jude bediente sich eines Messers und begann, haarige Muscheln zu säubern. »Du kannst froh sein, wenn du von ihm einen Preisnachlass bekommst, auf lange Sicht. Er ist ein harter Verhandlungspartner.«

»Nun, einen Versuch ist es wert. Um ehrlich zu sein, würde ich aus eigener Tasche für die beste Fischqualität bezahlen, wenn wir wieder öffnen.« Er biss sich auf die Unterlippe, seine Zähne waren ganz weiß. »Du weißt, wie Mundpropaganda funktioniert. Die ersten Kunden werden über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.« Seine Lippe würde noch anfangen zu bluten, wenn er noch fester zubiss, dachte Jude, als Rob hinzufügte: »Es hängt so viel vom ersten Eindruck ab.«

»Du meinst, aufgrund von Rezensionen in der Lokalzeitung?«

»Vielleicht, wenn wir Glück haben. Jede Publicity wäre toll.« Sein Räuspern war fast ein Lachen. »Es ist ein bisschen anders, als wenn Dad ein neues Restaurant eröffnet. Jeder Restaurantkritiker im Umkreis will eine Reservierung. Hast du gesehen, wie viele Reservierungen wir schon haben?« Er formte mit einem Finger und Daumen eine Null. »Ja, es stellt sich heraus, dass es ohne Michelin-Sterne wie bei Dad schwer ist, Interesse zu wecken.«

Eine solch aufrichtige Sorge konnte man nicht ignorieren. Es war Jude ein großes Anliegen, ein ehrliches Gegenangebot zu machen. »Es muss nicht alles auf deinen Schultern lasten. Nach Hause zu kommen und all das hier vorzufinden …« Er gestikulierte in der Küche herum und zum Fenster, von dem aus die Landzunge zu sehen war. »Es war alles ein Riesenschock. Alles davon. Dass du hier bist, die Sturmschäden, alles. Ich kann nicht sagen, dass ich über all das erfreut bin, aber du musst wissen, dass ich dir helfen werde, solange ich zurück bin.«

»Ja?« Fast zum ersten Mal an diesem Tag sah Jude das langsame Aufblühen des breiten Lächelns, das in seine Richtung gerichtet war. Der Boden war noch nicht fertig damit, sich unter Judes Füßen zu verschieben, und er geriet erneut aus dem Gleichgewicht. Rob legte sein Messer hin und fasste Jude an die Schulter. »Das bedeutet mir sehr viel. Danke.« Er ließ seine Hand tiefer gleiten, dorthin, wo Louise gerade gestochert hatte, und drückte den Daumenballen an dieselbe Stelle. »Deine Schwester hatte übrigens recht. Das hier ist anders.« Er schlang seine Hand um Judes Bizeps. »Das habe ich sofort bemerkt.«

Jude begegnete seinem Blick, verlor sich in dessen dunkler Tiefe, bis Rob stotterte. »I-ich meine, du siehst immer gut für mich aus.« Rob senkte die Hand und schüttelte einmal den Kopf, als müsste er sich zusammenreißen; sein Ausdruck war komplex. »Ausgesehen, meine ich. Du hast schon immer gut für mich ausgesehen.«

Er zog sich gerade zurück, als Jude fragte: »Ja?«

Vielleicht hörte Rob etwas in diesem einen rohen Wort. Anstatt mehr Abstand zwischen sie zu bringen, rückte er noch näher. »Ja«, gab er zu, ebenso offen. »Seit dem ersten Mal, als ich dich gesehen habe. Es war bei diesem Meet-and-Greet zu Beginn des Wettbewerbs. Du hast mit meinem Vater geredet. Oder ihm zugehört, während er redete, zumindest.« Er runzelte die Stirn. »Ja, du hast ihm zugehört. Er liebt das. Das tut er wirklich.« Da war wieder dieser komplexe Ausdruck. »Ich wollte so sehr wissen, worüber ihr redet, dass ich mich einmischen wollte.«

»Ach ja?«

»Siehst du? Du erinnerst dich nicht einmal, bist zu vertieft in ihn, um meine Existenz überhaupt zu bemerken.«

Jude dachte zurück. »Oh. Er hat nach meinem besten Gericht gefragt.« Jetzt wo er darüber nachdachte, hatte Robs Vater denselben entrückten Ausdruck getragen wie Rob jetzt, einen Blick, der so intensiv war, dass der Rest der Welt verblasste. »Er sagte, er würde es vielleicht in sein Mittagsmenü aufnehmen.«

»Hast du eine Ahnung, wie oft er mich seine Speisekarten ändern ließ?«

Jude schüttelte den Kopf.

»Niemals. Er hat mich nie gelassen; ich habe es trotzdem gemacht, und er ist ausgerastet. Deshalb haben wir auch in verschiedenen Küchen gearbeitet. Wenn wir zusammen waren, endete es immer in einem Gemetzel. Er ist so stur.«

So hatte Jude Robs Vater nicht empfunden. Er war ein leidenschaftlicher Esser, klar, aber vielleicht bedeutete das, dass er eine Sprache sprach, die Jude ohne Probleme übersetzen konnte.

Rob blickte in seine Richtung. »Dann später während des Wettbewerbs. Du hast das Gleiche mit mir gemacht, und ich habe es endlich kapiert.«

»Was meinst du damit, du hast es endlich kapiert? Was genau?«

»Ich habe kapiert, wie du mit ihm umgegangen bist, als du ihn das erste Mal getroffen hast. Wie du mit jedem umgehst. Von meinem Vater bis zu den Küchenträgern. Zum Teufel, du machst es sogar mit deiner Schwester.« Er wählte ein Messer und filetierte den Wolfsbarsch, schnell und entschlossen, schnitt durch die schillernde Haut und folgte dem Knochen so genau, dass kein Fleisch verschwendet wurde. »Du redest nicht, Jude. Du bist still, also füllen die Leute dein Schweigen aus. Das heißt, wenn du sprichst, hören die Leute zu.«

Jude war sich nicht sicher, ob Schweigen ein Pluspunkt war. Seine Gedanken für sich zu behalten, war ein Verteidigungsmechanismus, von dem er nicht wusste, dass er ihn wie eine Rüstung trug, bis er aus Porthperrin geflohen war. Es hielt ihn davon ab, sich zu outen, und es funktionierte auch für ihn in geschäftigen Küchen, wo man nur ›Ja, Chef‹ sagen konnte.

»Diese starke, aber stille Ausstrahlung, die du ausstrahlst, hat meine Aufmerksamkeit erregt«, sagte Rob reumütig. »Besonders während der ersten Läufe des Wettbewerbs. Mir war nicht klar, wie sehr andere Köche von sich überzeugt sind, bis sie es nicht mehr sind. Du hast dich auch nicht vor den Richtern aufgespielt. Du hast dir die Zutaten angeschaut, die sie uns gegeben haben, und dich dann engagiert. Das haben sie bemerkt.« Dann setzte er Judes Waffe gegen ihn ein und sagte nichts weiter, bis Jude seinen Blick traf, gefangen wie ein Fisch an der Leine. Schließlich sprach Rob ganz leise. »Man verpflichtet sich, Jude. Das ist es, was mir an dir aufgefallen ist. So wie du dich verpflichtet hast, nach deinen Eltern zu suchen. Ich war sauer, dass du gegangen bist, aber du musst wissen, wie sehr ich das bewundere. Diese Art von Hingabe …? Nun, du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich mir damals mehr davon gewünscht habe.«

Es kostete Jude jedes Quäntchen Kraft, sich von seinem Blick zu lösen. Es wäre so viel einfacher gewesen, sich vorzubeugen und ihn zu küssen. Stattdessen war er damit beschäftigt, Muscheln zu waschen. Er war sich sicher, wenn er Rob auch nur noch ein einziges Mal ansah, würde er sich auf weit mehr einlassen wollen, als es hier sicher war.

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