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Clemens Engling Unbequem und ungewöhnlich Anna Katharina Emmerick – historisch und theologisch neu entdeckt

Clemens Engling

Unbequem
und ungewöhnlich

Anna Katharina Emmerick – historisch und theologisch neu entdeckt


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

© 2005 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de Umschlag: Roberto Meraner (Abbildung: Thomas Jessen) Druck und Bindung: Druckerei Lokay e. K., Reinheim ISBN 978-3-4290-2674-5 (Print) ISBN 978-3-429-04524-1 (PDF) ISBN 978-3-429-06035-0 (Epub)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Die Neuentdeckung Anna Katharina Emmericks

2. Die Quellenlage

3. Der verspätete Prozessbeginn in Münster

4. Der römische Prozess

5. Zum Stand der Verehrung

6. Der Stand der Forschung

7. Ausblick

Erster Hauptteil: Ihr Leben im historischen Kontext

1. Kriterien der Erforschung

2. Geburt und Kindheit. Die Eltern. Das soziale und religiöse Umfeld

3. Anna Katharinas weitere Kinder- und Jugendjahre. Ihre religiös-sittliche Entwicklung

4. Emmericks Ausbildungszeit als Magd auf dem Bauernhof und als Schneiderlehrling. – Ihr Klosterwunsch

5. Die zwanziger Jahre der Emmerick bis zum Klostereintritt

6. Emmericks Klosterjahre (1802–1812)

Exkurs: Zur historischen und kirchengeschichtlichen Situation der Jahre 1802–1824

7. Stigmatisation und Nahrungslosigkeit (1812–1819)

Exkurs: Das Tagebuch des Dr. Wesener

8. Lebensumstände und Phänomene der Jahre 1813–1819 im Leben der Emmerick

a) Andrang von Besuchern

b) Todesschwäche

c) Stärkung durch die hl. Kommunion, die Beichte und geistliche Begleitung

d) Begegnung mit »Himmel und Hölle«

Exkurs: Emmerick und die Zeitumstände

9. Die ständigen Kontaktpersonen der Emmerick

a) Personen ihrer nächsten Umgebung: Jean Martin Lambert (1753–1821)

Alois Josef Limberg (1782–1852)

Gertrud Emmerick (geb. etwa 1778)

b) Ständige Besuchskontakte: Clemens Brentano (1778–1842)

Bernhard Overberg (1754–1826)

Bernhard Rensing (1760–1826)

10. Besondere Kontakte: Luise Hensel (1798–1876)

Johann Michael Sailer (1751–1832)

Melchior von Diepenbrock (1798–1853)

11. Die staatliche Untersuchung (7.–29. August 1819)

12. Die letzten Lebensjahre (1819–1824)

Zweiter Hauptteil: Perspektiven einer theologischen und geistlichen Existenz

I. Die Mystikerin

1. Anna Katharina Emmerick – die exemplarische Christin

a) Gottesbild, Gebet und Askese

b) Beziehung zu den Sakramenten

c) Selbstverwirklichung und Gewissen

d) Die Tugenden

e) Der Bezug zur Kirche

f) Glaubensvollzüge und traditionelle Muster

2. Anna Katharina Emmerick – die außergewöhnliche Frau

a) Visionen

Exkurs: Zur Einschätzung der Visionsgabe A. K. Emmericks

Exkurs: Die Visionen Anna Katharina Emmericks und die Dichtung Clemens Brentanos

b) Anfälle von Ohnmacht und Ekstasen

c) Nahrungslosigkeit

d) Weitere Phänomene der Mystikerin

(1) Kardiognosie (Herzensschau)

(2) Erkenntnis von Reliquien und geweihten Gegenständen (Hierognosis)

(3) Trockenheit des Geistes, Bitterkeit und »Süßigkeit« des Gemütes

(4) Die Gabe der Tränen

II. Die Leidende

1. Ihre Einstellung zum Leiden

2. Ihre Haltung zu den Wundmalen

3. Ihre Leidensmystik

III. Die Liebende

1. Praktische Nächstenliebe

2. Solidarität und Stellvertretung

3. Trostkompetenz

Dritter Hauptteil: Anna Katharina Emmerick – Ihre Bedeutung für die Gegenwart

I. Ihr Zeugnis von Gott

1. Das Zeugnis vor den Ungläubigen

2. Die mystische Dimension im Leben der Christen

a) Der Vorrang des Gebetes

b) Die Verinnerlichung der Liturgie

3. Prophetische Kritik in der Kirche

II. Ihre Sprache in Bildern

III. Ihre Sinndeutung des Leidens

Schluss: Die Ausstrahlung Anna Katharina Emmericks – Zeugnisse

Aus der Geschichte

Aus der Gegenwart oder der nahen Vergangenheit

Personenverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

Vorwort

»Die selige Anna Katharina Emmerick hat ›das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus‹ geschaut und an ihrem Leib erfahren. … So hat ihr Beispiel die Herzen armer und reicher, einfacher und gebildeter Menschen für die liebende Ganzhingabe an Jesus Christus erschlossen.«

(Papst Johannes Paul II.)

Durch die Seligsprechung am 3. Oktober 2004 ist Anna Katharina Emmerick uns als Vorbild und Fürsprecherin durch einen offiziellen Akt der Kirche vor Augen gestellt. Seit meinem Amtsantritt als Pfarrer der Hl.-Kreuz-Pfarre, die das Grab der Mystikerin birgt, am 27. April 1980, und vor allem seit meiner Emeritierung am 1. Juli 2001 bemühe ich mich, durch Studium der ursprünglichen Quellen Anna Katharina neu zu entdecken, von den Übermalungen zu befreien und die große und absolut reine Gestalt unserer Frömmigkeitsgeschichte so darzustellen, dass sie auch kritischen Nachfragen standhält, ja möglicherweise auch dem religiösen Suchen unserer Tage entgegen kommt.

Auf diesem Wege haben mich viele Menschen fachkundig und freundschaftlich begleitet, denen ich herzlich danken möchte. Vom Jahre 1993 bis zur Seligsprechung war ich zugleich Vizepostular und konnte in die römische Prozessführung Einblick nehmen. In dieser Zeit bin ich besonders den Offizialen unserer Diözese, dem jetzigen Bischof von Aachen, Dr. Heinz Mussinghoff, und Domkapitular Martin Hülskamp zu echtem Dank verpflichtet, wie auch den Postularen in Rom, zunächst dem Augustinerpater Professor Dr. Fernando Rojo, in den letzten Jahren Herrn Anwalt Andrea Ambrosi. Die Arbeit der eben Genannten wurde immer von der kenntnisreichen und fürsorglichen Haltung unseres Bischofs, Dr. Reinhard Lettmann, begleitet.

Fast 25 Jahre war ich eingebunden in Emmerickbund und Bischöflicher Emmerick-Kommission. Ich bin allen Mitgliedern für anregende Gespräche und kooperative Arbeit sehr dankbar. Beim Entstehen der Arbeit war mir die unmittelbare Begleitung durch die Freunde sehr hilfreich: Mein Neffe Sebastian Engling begleitete die Textfassung. Die Erstfassung der Texte lasen und besprachen mit mir: Dr. Heinz Gerwers, Monika Hantzko und Pfarrer Peter Nienhaus. Die befreundeten Professoren Elmar Klinger und Eberhard Rolinck sahen die Texte auch kritisch durch und gaben mir wertvolle Ratschläge.

Die Zusammenarbeit mit dem Echter Verlag und seinem theologischen Lektor, Herrn Heribert Handwerk, gestaltete sich sehr kooperativ.

Olfen, am Rosenkranzfest, dem 7. Oktober 2004

Dr. Clemens Engling

Einleitung

1. Die Neuentdeckung Anna Katharina Emmericks

Mit der Wiederaufnahme des Seligsprechungsprozesses begann in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine neue Phase, den »unerklärlichen Diamanten – das Genie Katharina Emmericks – in seiner ganzen Reinheit« zu entdecken.1 – Dazu möchte diese Arbeit einen Beitrag leisten. In einem »Kurzporträt – Anna Katharina Emmerick – die Mystikerin des Münsterlandes« konnte ich zu Beginn des römischen Symposions 1999 feststellen: »Anna Katharina Emmerick wird in unserer Zeit als Mystikerin des Münsterlandes an Bedeutung gewinnen, da äußere Strukturen von Religiosität immer mehr brechen, doch innere religiöse Erfahrungen stärker als früher gesucht werden. Sie hat zu ihrer Zeit dem Abgleiten religiöser Geheimnisse in aufklärerischen Rationalismus gewehrt; ihre damals durchlebte und durchlittene religiöse Erfahrung steht uns heute wie ein modernes Beispiel vor Augen.«2

Die Phase der Neuentdeckung Anna Katharina Emmericks ist aber noch keineswegs abgeschlossen.3 Aller Voraussicht nach wird sie nach der Seligsprechung am 3. Oktober 2004 sogar verstärkt weiter gehen. Zunächst musste die Mystikerin »von einer veralteten Betrachtungsweise des 19. Jahrhunderts« befreit werden, in der sie einem modernen Betrachter wie eine »Kitschfigur« erscheinen musste.4 Auch noch in der Zeit, als ich Pfarrer in Dülmen war (1980–2001), war es nötig, Anna Katharina »aus der Vereinnahmung durch traditionalistische Frömmigkeitsformen« herauszulösen.5

Als besonders schwierig erweist sich der Versuch, die »Persönlichkeit Anna Katharina Emmericks … aus dem Bannkreis Clemens Brentanos« und seiner Übermalung zu lösen.6 Das ist, wie die jüngste Diskussion um den Film Mel Gibson »Die Passion Christi« gezeigt hat7, vor allem deshalb nicht einfach, weil wir hier »vor einem schwierigen Dilemma, ja vor einer echten Aporie« stehen, wie Pater Joseph Adam in seinem Bericht »Zum Stand des Seligsprechungsverfahrens in Rom« zu Beginn des zweiten Symposions in Münster feststellt: »Es gibt seit 150 Jahren unzählige Zeugnisse, z. B. im Renouveau Catholique in Frankreich, etwa bei Paul Claudel, über den durchaus positiven, ja segensreichen Einfluss dieser Schriften. Aus diesen Büchern, ob ihre Leser sie nun Emmerick- oder Brentanobücher nennen, spricht nun einmal eine tiefe Frömmigkeit und ein sicherer kirchlicher Sinn. Und wenn man die zahlreichen Emmerick-Verehrer in aller Welt hört, sei es in Paris oder in Brüssel, in den USA oder in Kanada, dann stellt man fest, dass sich ihre Verehrung aus diesen Schriften nährt und immer wieder erneuert.« Doch dann wendet sich Adam der neuen Richtung zu: »Die Forschungsergebnisse der letzten Zeit haben schon dazu beigetragen, und neue Studien müssen sich dies als erstes Ziel setzen, die Akzente hier richtig zu verteilen: weniger auf die außergewöhnlichen Phänomene und Offenbarungen, dafür voll auf die Heiligkeit ihres Lebens, ihre mystische Begnadung und ihre prophetische Sendung in der Kirche.«8

Es geht nicht darum, die Brentano-Schriften nicht entsprechend zu würdigen, »sein dichterisches Zeugnis, den ›Schatz flüchtiger Blätter voll Wunder der kindlichsten Weisheit‹« zu »übergehen«; oder die »Existenzwahrheit des Dichters« zu unterdrücken9; ganz im Gegenteil: die Emmerick-Schriften Brentanos müssten in Zukunft noch mehr gewürdigt werden in eigenen theologischen und nicht nur germanistischen Untersuchungen.10 Bei dem Versuch, Anna Katharina aus dem »Bannkreis« Clemens Brentanos zu lösen, geht es vielmehr darum, dass wir die Dülmener Mystikerin »als Person ernst nehmen« und sie »als eine historisch greifbare Gestalt« zeichnen.11 Das ist das Anliegen dieser Arbeit, im ersten Teil des Hauptteiles, Emmericks Leben in einer Art »Kurzbiographie« im historischen Kontext zu würdigen; in einem zweiten Teil »Perspektiven einer theologischen und geistlichen Existenz« aufzuzeigen, in einem dritten »ihre Bedeutung für die Gegenwart« kurz zu skizzieren. Denn es hat sich inzwischen gezeigt, dass die historischen Quellen auch unabhängig von Brentano sehr reichhaltig fließen.12

2. Die Quellenlage

Nachdem der Seligsprechungsprozess in Rom wegen der sog. Schriftenfrage im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zu scheitern drohte13, »schlug die Stunde von dem Augustinerpater Winfried Hümpfner«14, der 1923 »Clemens Brentanos Glaubwürdigkeit in seinen Emmerick-Aufzeichnungen«15 sehr negativ beurteilte und sehr bald zuverlässige Quellen zugänglich machte: 1. Das Tagebuch des Dr. med. Franz Wilhelm Wesener über die Augustinerin Anna Katharina Emmerick unter Beifügung anderer auf sie bezüglicher Briefe und Akten, hrsg. von P. Winfried Hümpfner.16 – Das »Tagebuch« enthält auch den »Bericht über die staatliche Untersuchung« und die »Kurzgedrängte Geschichte der A. K. Emmerick«, beide von Dr. Wesener verfasst.

2. Die Akten der kirchlichen Untersuchung über die stigmatisierte Augustinerin Anna Katharina Emmerick nebst zeitgenössischen Stimmen, hrsg. von P. Winfried Hümpfner.17 – In den »Akten« findet sich ein authentisches Tagebuch über Anna Katharina Emmerick, verfasst von ihrem Ortspfarrer Dechant Bernhard Rensing, sehr wertvolle Aufzeichnungen des Regens Bernhard Overberg18, Berichte und Briefe der Freundinnen der Anna Katharina: Clara Söntgen, Luise Hensel und Apolonia Diepenbrock; eine weitere Fülle von Zeugenberichten und Vernehmungen etc.

Es besteht ein Nachteil: Die oft eingestreuten, ganz authentischen Aussagen und Worte der Emmerick und die der Zeugen und deren Beobachtungen sind gerade in den »Akten« in einer zunächst ungeordnet erscheinenden Fülle vorhanden, sodass das Material »sperrig« wirken kann. Da die beiden Hauptquellenwerke nur in historischen, oft schwer zugänglichen Ausgaben vorhanden sind, habe ich mich in dieser Untersuchung bemüht, Anna Katharina in vielen Zitaten neu zum Sprechen zu bringen. Bewusst wurde hier und bei anderen Quellen die Schreibweise des 19. Jahrhunderts, die den heutigen Rechtschreibregeln zum Teil nicht mehr entspricht, weitgehend beibehalten.19

Nachdem die Quellenlage schon in der ersten Jahrhunderthälfte von Pater Hümpfner so kritisch bestimmt und erst positiv durch die Herausgabe der vorhin zitierten Textsammlungen offen gelegt war, gab ebenfalls ein Augustinerpater, nämlich Hermann Josef Seller, 1940 eine umfassende Biographie heraus: »Im Banne des Kreuzes. Lebensbild der stigmatisierten Augustinerin A. K. Emmerick«.20 Der Verfasser sagt im Vorwort: »Die Gestalt der Dülmener Seherin büßt nichts ein an Frische und Lebendigkeit, an edler Größe, wenn wir die biographischen Notizen Kl. Brentanos nur mit Vorsicht benutzen.«21

Nach den schriftlichen Quellen ist noch von einem über die Jahre hin dünnen Rinnsal mündlicher Tradition zu berichten, aus der uns Pfarrer Heinrich Schleiner, der von 1945–1950 Kaplan an der Grabeskirche der Anna Katharina war, so erzählt: In Dülmen habe nach vielen Gebetserhörungen der niederdeutsche Satz: »Goh men nao Juffer Emmerick, de helpt di!« (Geh nur zur Jungfer Emmerick; sie hilft dir!) gegolten.22 – Auf dem Friedhof habe sich bald von den vielen Hilfe- und Trostsuchenden ein Trampelpfad zum Emmerickgrab gebildet. In der typischen westfälischen Verkleinerungsform nannte man Anna Katharina gern »Anntrinken« und näherte sich so ihr an. Der Dülmener Emmerickverehrer Heinz Schleuter bezeugte auf dem ersten Symposion: »Unsere Eltern und Großeltern in Dülmen, wie ich das in Erinnerung habe, haben Anna Katharina Emmerick im wesentlichen als die leidende Frau gesehen. Die Visionen haben eigentlich bei uns die Rolle gar nicht gespielt. Sie galt aber als diejenige, die die Macht hat zu helfen, an die man sich wenden konnte.«23

Aus den zuverlässigen historischen Quellen24 entsteht ein neues, sehr integres Emmerickbild von erstaunlicher Reinheit und Kraft innerer Überzeugung, von einer Ausstrahlung, die viele Augenzeugen und Besucher damals oft zu schier überschwänglichen Urteilen hingerissen hat, was ganz am Schluss dieser Untersuchung in einer Zusammenstellung wiedergegeben wird.

3. Der verspätete Prozessbeginn in Münster

Anna Katharina Emmerick, geboren am 8. September 1774 in Flamschen bei Coesfeld, starb am 9. Februar 1824 in Dülmen an einem Montagabend. »Am Freitag um 9 Uhr morgens wurde sie begraben. Es war eine so zahlreiche Beteiligung dabei, wie man sich nicht erinnert, sie in Dülmen gesehen zu haben. Alle Priester, Bürger, alle Schulkinder und Arme zogen mit.«25 Nur einer fehlte: Dechant Rensing, der Ortspfarrer, der inzwischen mit Anna Katharina zerfallen war. Brentano berichtet: »Bei ihrer Beerdigung, wo alles gerührt war, soll er ganz heiter mit anderen vor der Türe geschwätzt haben, und nachmals in einem Hause gesagt, sie hat wie ein Mensch gelebt und ist wie ein Mensch gestorben.« Brentano fügt hinzu: »Er wurde durch nichts aus seiner eigentümlichen Nüchternheit gebracht.«26 Brentano stand wohl zu Recht sehr kritisch zu Dechant Rensing, worauf später einzugehen ist. Wir stellen hier nur die Frage: Was bedeutete die skeptische Haltung des Ortspfarrers für die damaligen Pfarrangehörigen, vielleicht gerade für die wie der Dechant einer aufklärerischen Haltung Zugeneigten? – Für die Beantwortung der Frage liegen uns keine historischen Anhaltspunkte vor. Pater Thomas Wegener, der Begründer, besser Koordinator, der Emmerickverehrung in Dülmen, verschweigt die Haltung des Ortspfarrers und berichtet auf den letzten fünfzig Seiten seiner sehr volkstümlichen, allerdings auch wunderbezogenen Emmerick-Biographie aber umso eindrucksvoller von der beginnenden Emmerickverehrung in Dülmen und der Macht der Fürbitte Anna Katharinas: »Trotz des unkirchlichen Geistes der größten Zahl der sogenannten Gebildeten und Gelehrten, die sich um eine Person, wie die Gottselige war, sowohl damals als auch jetzt gar nicht kümmern und ihren Namen einfach totschwiegen, und obwohl viele dem Glaubensleben entfremdet waren, empfing Anna Katharina doch in Dülmen bei allen Klassen der Bevölkerung und in vielen Familien des Münsterlandes vor und nach ihrem Tod besondere Verehrung. Die allgemeine Volksstimme nannte sie eine Heilige, und sie, die man schon zu ihren Lebzeiten so viel um Hilfe angefleht hatte, wurde auch von Anfang an am Grab besucht, um ihre himmlische Fürbitte zu erlangen.«27

Das, was P. Wegener vom «unkirchlichen Geist« der Gebildeten nach der Aufklärung und Säkularisation schreibt, dürfte sehr zutreffend sein und auch erklären, warum der Emmerick-Prozess auf der Diözesanebene so spät in Gang kam. Pater Adam: Ein Prozess soll normalerweise nicht später als dreißig Jahre nach dem Tod der verehrten Person beginnen. »Bei A. K. Emmerick tat sich der Prozess recht schwer, überhaupt in Gang zu kommen. Sie starb am 9. Februar 1824, und die erste Sitzung fand statt am 14. November 1892, also fast 70 Jahre später…Zu erklären ist diese Zurückhaltung nur vor dem religions- und zeitgeschichtlichen Hintergrund.«28 Die Aufklärung war noch keineswegs überwunden; die deutsche Kirche litt noch unter der Zerschlagung ihrer äußeren Strukturen. Lange Jahre der Lebenszeit Anna Katharinas in Dülmen gab es bekanntlich in Münster keinen Diözesanbischof. Das Münsterland war an das protestantische Preußen gefallen. Die katholische Bevölkerung fühlte sich benachteiligt. Die Entwicklung gipfelte im Kölner Ereignis 1837, der Gefangensetzung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der als Generalvikar von Münster die kirchliche Untersuchung Emmericks eingeleitet und sie »als Freundin Gottes« bezeichnet hatte. Nachdem sich die Lage längst beruhigt hatte, brach in den siebziger Jahren der Kulturkampf aus. »Verantwortlich für die Verzögerung des Informativprozesses (in Münster) ist auch die katholikenfeindliche Haltung eines Teiles der Presse in dieser Zeit.«29 Vor diesem Hintergrund sind auch die Ängste und die Zurückhaltung des Klerus verständlich, obwohl es dafür auch noch weitere Gründe gibt, wie wir weiter unten sehen werden.

Domdechant Dr. C. F. Krabbe, ein der Emmerick Wohlgesonnener, stellt im »Vorwort« zu seiner kleinen Schrift »Erinnerung an die selige Anna Katharina Emmerich. Augustinerin des Klosters Agnetenberg in Dülmen« sechsunddreißig Jahre nach ihrem Tode fest: »Die selige A. K. Emmerich ist in Westfalen leider zu sehr in Vergessenheit geraten.« Anlass der Schrift ist die erneute Öffnung des Grabes, über die das »Westfälische Kirchenblatt« berichtet habe mit dem Zusatz: »In wie hohem Ansehen die Verblichene außerhalb Westfalen steht, davon kann man sich leicht auf Reisen überzeugen.« Ein amerikanischer Pfarrer habe beim Betreten des Geburtshauses berichtet, »Catharina Emmerich … sei in Amerika bekannter als Napoleon«30.

Mag man auch die letzte Äußerung als evtl. Übertreibung eines amerikanischen Emmerick-Verehrers werten, so wird der eine oder andere Leser doch an eigene Erlebnisse von Besuchen im Ausland oder Besuchern von weither in Dülmen erinnert, spätestens durch die Erfahrungen mit Mel Gibsons Passionsfilm. Wie kommt der oft verblüffende Bekanntheitsgrad Anna Katharinas zustande? Kurz gesagt: durch die Schriften Brentanos, die in süddeutschen Verlagen erschienen waren, noch zu dessen Lebzeiten: »Das Bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi« – 1833, posthum: »Das Leben der heiligen Jungfrau Maria« – 1852 und: »Das Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi« – 1858 und 1860; die ersten beiden Schriften mit dem Zusatz: »Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich«, die dritte Schrift: »Nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich.«31

Auch Pater Wegener führt den Bekanntheitsgrad A. K. Emmericks auf die »Bücher ihrer Visionen« und »P. Schmögers große Lebensbeschreibung« zurück32, die sehr bald ins Französische, Englische und Italienische übersetzt wurden, und stellt kritisch wie Domdechant Krabbe fest: »Anna Katharina hatte in den letzten Jahrzehnten wegen der Großartigkeit ihrer Begnadungen in der weiten Ferne mehr Beachtung gefunden als in ihrer Heimat Westfalen, wenn wir von Dülmen und Umgebung absehen. Dort war sie in auffallender Weise namentlich von den Gebildeten und Geistlichen sehr vergessen worden; ihr Leben wie auch ihre Visionen waren den meisten unbekannt.«33 Sogar der Anstoß zur Errichtung eines Grabkreuzes und später eines schmiedeeisernen Gitters kamen aus dem Ausland: Domdechant Krabbe berichtet, wie ein in Rom stationiertes Mitglied eines Krankenpflegeordens beim Besuch seiner Mutter in Münster »von der großen Verehrung, welche der seligen A. K. Emmerich in Rom gezollt werde«, berichtete. Er wunderte sich, dass in Dülmen noch nicht einmal ein Kreuz auf dem Grab der Emmerick zu finden war, und veranstaltete eine Sammlung in Rom beim hohen Adel. Sobald das Geld in Münster eingetroffen war, »genehmigte der hochwürdigste Bischof, dass auf dem Grabe ein einfaches gotisches Kreuz errichtet und zur Legung des Fundamentes das Grab geöffnet werde.«34 Noch heute ist auf der Rückseite des alten Emmerickgrabes zu lesen: »Fideles Romae degentes monumentum posuerunt 1858« (In Rom wohnende Gläubige haben das Denkmal gesetzt 1858). Die polnische Gräfin Schapska stiftete mit Hilfe eines Dülmener Pfarrgeistlichen ein »prachtvolles Eisengitter«35.

Die Anstöße von außen beleben auch wieder die Verehrung in Dülmen und in der Diözese Münster. P. Wegener berichtet, dass nach Erneuerung der Grabesstätte »die stille Verehrung der Bewohner von Dülmen« zugenommen habe.36 Ein weiterer Aufschwung war mit dem 100. Geburtstag und fünfzigsten Todestag im Jahre 1874 gegeben: Man begann, »die von ihr (Emmerick) herrührenden Gegenstände: Möbel, Leinensachen, Bücher und andere Dinge« zu sammeln, die in Dülmener Familien und anderswo als »teure Kleinodien« bewahrt worden seien. Fünfzig bis sechzig Jahre nach ihrem Tode brachte man noch ca. hundert Gegenstände zusammen.37 Vorläufig wurde die Sammlung im Sterbehaus untergebracht, das am 1. April 1877 mietweise geöffnet wurde. Da das Haus aber nicht zu kaufen war, wurde zwanzig Jahre später ein eigenes Emmerickhaus errichtet, das dem damaligen »Emmerickfriedhof« und der heutigen Hl.-Kreuz-Kirche schräg gegenüber liegt, und im März 1898 eröffnet wurde; das Wohnzimmer der Emmerick wurde im Jahre 1900 angebaut. Damit war der Grundstock für die Emmerickgedächtnisstätte gelegt; diese wurde in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ins Augustinerkloster verlegt, bei der Pfarrei Maria Königin, bald soll sie in der Grabeskirche Hl. Kreuz wohl ihre endgültige Heimat finden.

Eine besondere Rolle und hohe Verdienste hat Theodor Wegener. Er wurde 1831 in Coesfeld geboren, war Priester der Diözese Münster und war während eines Studienaufenthaltes in Rom als junger Priester von dem inzwischen selig gesprochenen Papst Pius IX. (Papst von 1846–1878)38 und von Kardinal Reisach gefragt worden, warum man sich in Deutschland um die Seligsprechung Anna Katharina Emmericks nicht kümmere. »Noch als Vikar von Haltern richtete er 1875 an den Bischof von Münster, Johann Bernhard Brinkmann, die dringende Bitte um Eröffnung des Prozesses. Doch es war Kulturkampf und der Bischof in Holland im Exil bis 1884. Er konnte und wollte auf die Bitte nicht eingehen.«39 1858 trat Wegener vierundfünfzig-jährig in den Augustinerorden ein; er hieß jetzt P. Thomas und widmete sich ganz der Emmerick-Sache.

Um den Emmerickprozess hat sich ganz besonders der Augustiner-Eremiten-Orden verdient gemacht. Schon 1861 hatte P. Pius Keller, dessen eigener Seligsprechungsprozess in Rom inzwischen eingeleitet ist, als Oberer der deutschen Ordensprovinz an Bischof Georg Müller von Münster die Bitte um Einleitung des Informativ-Prozesses für Anna Katharina Emmerick gerichtet. Die Diözese hatte in Verbindung mit der Grabesöffnung 1858 selbst geprüft, ob ein Prozess eröffnet werden solle. Doch Dechant Cramer von Dülmen – obwohl selbst ein Emmerick-Verehrer – und Bischof Müller lehnten ab. P. Adam berichtet von mehreren sich widersprechenden Tatsachen: Dülmener Bürger wollten ein Licht am Grab der Verstorbenen brennen lassen und sich dort zum Gebet versammeln. Dechant Böckenhoff verweigerte den Zutritt zum Friedhof. Der aus Dülmen stammende Vikar Bügelmann schreibt: »Die Leute wunderten sich über die Tatsache, dass nichts zur Seligsprechung unternommen wurde und dass vor allem die Dülmener Geistlichkeit nicht über sie sprach.«40 Eine gewisse Skepsis des sehr nüchtern denkenden westfälischen Klerus ist also nicht neu. Noch unlängst sagte mir ein gut bekannter Mitbruder, gegenüber der Emmerick bestehe nach wie vor eine gewisse Reserve. Wie sind Skepsis und Reserve zu erklären? Mir scheint, der Bischof von Münster, Johann Bernhard Brinkmann, gibt zumindest eine einleuchtende Erklärung. In seiner Ablehnung auf die erneute Bitte von P. Pius Keller, den Prozess zu eröffnen, antwortet der Bischof 1886: »Mag es auch als Tatsache gelten können, dass die selige A. K. E. in Dülmen und Umgebung bei einer nicht geringen Zahl von Gläubigen eine innige Verehrung genießt und seit vielen Jahren genossen hat, so ist es doch unzweifelhaft, dass diese Verehrung der Seligen wie auch die Anrufung ihrer Fürbitte zunächst und hauptsächlich durch die hier sehr verbreitete Schrift des Brentano ›Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi‹ … hervorgerufen ist, und später durch die Schriften des P. Schmöger und die Bemühungen des P. Wegener weitere Ausdehnung erhalten hat. Jene Schriften aber fußten auf den Aufzeichnungen, welche Brentano von den mündlichen Äußerungen der Seligen gemacht hat, und wie viel von diesen Aufzeichnungen auf objektiver Wahrheit beruht, wird sich schwerlich jemals feststellen lassen. Gewiss ist, dass viele hiesige Zeitgenossen des g. Brentano ihn für einen Mann gehalten haben, dem seine ungewöhnlich lebhafte Einbildungskraft es schier unmöglich gemacht hätte, das Gehörte in objektiver Wahrheit festzuhalten und niederzuschreiben.«41

Im Jahre 1884 wurde Graf Dr. Christian Bernhard von Galen Dechant in Dülmen. Er erhielt von der Behörde in Münster den Auftrag, »unauffällig« die Voraussetzungen für die Eröffnung eines Prozesses zu prüfen. Sein Gutachten fiel so positiv aus, dass der neue Bischof von Münster, Hermann Dingelstad, den Diözesanprozess am 14. November 1892 eröffnete. P. Pius Keller und P. Thomas Wegener waren die ersten Vizepostulatoren. Es wurden bis zur letzten Sitzung am 15. Mai 1899 einhundertundeinunddreißig Zeugen vernommen, darunter noch sechs Augenzeugen. Die Abschriften der Prozessakten wurden nach Rom gesandt, die Originale verbrannten 1945 in Münster.42

4. Der römische Prozess

Der Seligsprechungsprozess in Rom dauerte mehr als hundert Jahre, von 1899–2004, wovon er fünfundvierzig Jahre »ruhte«. Unter Datum vom 30. 11. 1928 verfügte nämlich das Hl. Offizium (Vorgängerin der heutigen Glaubenskongregation), also nicht die Ritenkongregation, in deren Kompetenz die Prozesse damals lagen, »die Causa (der Prozess) Emmerick solle im Archiv abgelegt werden. Einfach so. Gründe wurden, wie hier üblich, nicht angegeben.«43 Vom Eingreifen des Hl. Offiziums erging keine offizielle Mitteilung nach Deutschland, weder an den Bischof von Münster noch an den damaligen sog. Aktor des Prozesses: den Orden der Augustiner-Eremiten, sodass die Bemühungen um den Seligsprechungsprozess Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts sogar verstärkt weitergingen und bei einer Papstaudienz am 27. April 1933 einen gewissen Höhepunkt erreichten.44

Seit dem 6. April 1930 erschien im Laumann Verlag sogar das »Emmerick-Kirchenblatt. Offizielle Kirchenzeitung für die Pfarreien des Dekanates Dülmen. Nachrichten des Emmerick-Bundes. Unter Mitarbeit des Augustinerordens.«45 Vor allem aber ließen sich die Dülmener Katholiken – auch nach langsamem »Durchsickern« der römischen Entscheidung – nicht davon abhalten, auf dem sog. Emmerick-Friedhof die notwendig gewordene zweite Pfarrkirche zu planen und in den Jahren 1936–38 unter der Leitung des anerkannten Architekten Dominikus Böhm auch zu errichten. Die Pfarrkirche wurde von Böhm nämlich als Gedächtnisstätte für Anna Katharina Emmerick entworfen und gebaut.46 D. Böhm schuf keine dunkle Krypta, sondern ein lichtes Grabparadies für Anna Katharina Emmerick, die Mystikerin des Münsterlandes. Der »Glaubenssinn des Volkes«, der sensus fidelium, neuentdeckt im II. Vatikanischen Konzil, hatte schon in den dreißiger Jahren in Dülmen den längeren geistlichen Atem bewiesen.47 Mein Vorgänger als Pfarrer von Hl. Kreuz (1972–1980), Karl Hegemann, stellt in seinen »Gedanken zur Umgestaltung der Kreuzkirche« voll Stolz fest: Von Dominikus Böhm »war die Heilig-Kreuz-Kirche als Grabeskirche für Anna Katharina Emmerick geplant und errichtet worden. Erst heute ist diese Idee voll verwirklicht. Die Gebeine der Dienerin Gottes ruhen nunmehr in der Krypta dieser Kirche.«48

Die Umbettung der Gebeine geschah nach römischer Genehmigung im Jahre 1975. Die sog. Erhebung der sterblichen Überreste in den Altarraum der Kirche, die in früheren Zeiten fast einer diözesanen Seligsprechung gleichkam, so bei der hl. Ida von Herzfeld49, war auch bei Anna Katharina Emmerick wie ein Vorzeichen der Seligsprechung.

Das Verdienst, den Seligsprechungsprozess neu in Gang gesetzt zu haben, kommt eindeutig dem Bischof von Münster, Heinrich Tenhumberg, zu (1969–1979). Durch das Konzil waren die ursprünglichen Rechte der Bischöfe aufgewertet worden. Bischof Tenhumberg wandte sich am 31. Januar 1973, also 45 Jahre nach dem fatalen »reponatur« (Der Prozess möge abgelegt werden),50 an die Kongregation für Heiligsprechungen mit dem Wunsch, den Emmerickprozess wieder aufzunehmen.51 Warum waren die Seligsprechung und die Verehrung Anna Katharina Emmericks Bischof Tenhumberg ein so großes Anliegen? Er wollte offensichtlich gewissen aufklärerischen Tendenzen in der Kirche und Theologie der Nachkonzilszeit gegensteuern. Im Geleitwort zu dem unmittelbar nach seinem Tod erschienenen Buch: »Anna Katharina Emmerick, Jesus mitten unter den Seinen« sagt der Bischof: »Jesus mitten unter den Seinen. Das war nicht nur eine Wirklichkeit in den Tagen des Kaisers Augustus und des Prokurators Pontius Pilatus. Es ist vielmehr eine Wirklichkeit, die sich in der Gemeinschaft der Kirche, in ihren Sakramenten, in allen Christgläubigen und insbesondere in den Heiligen bis heute bewahrheitet. Auf ungewöhnliche Weise hat sich die Gegenwart Christi gezeigt im Leben und Leiden der Seherin von Dülmen. An Anna Katharina Emmerick wurde sichtbar, was Paulus im Galaterbrief schreibt: ›Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir‹ (Gal 2, 20).«52 Bischof Tenhumberg bat auch die Vollversammlung der deutschen Bischöfe, die vom 5.–8. März in Cloppenburg-Stapelfeld in der Diözese Münster tagte, um eine Empfehlung der Seligsprechung Anna Katharina Emmericks bei Papst Johannes Paul II. In der sog. Bittschrift heißt es: »Ihre Gestalt, durch eine Seligsprechung vor aller Welt aufgerichtet, kann den Menschen unserer Zeit eine Hilfe sein, fast vergessene Wahrheiten unseres Glaubens wieder zu entdecken: den Wert des Opfers und des Mitleidens, die Realität des Fortlebens und des -wirkens Christi in der Kirche und ihren Sakramenten; das Hineintragen der göttlichen Wirklichkeit überhaupt in das tägliche Leben. Breite Volksschichten, die heute durch die einseitige Intellektualisierung des Glaubensgutes verunsichert sind, könnten gerade durch die Klarheit und Eindeutigkeit ihrer Glaubenshaltung eine Stütze finden.«53 P. Adam betont immer wieder, dass diese Bittschrift, von vierundsechzig deutschen Bischöfen unterschrieben, in Rom ihre Wirkung nicht verfehlte.54

Bischof Tenhumberg wies bei seinen Bemühungen in Rom auf das Jubiläumsjahr 1974 hin, das die Emmerick-Verehrung beleben werde: den 200. Geburtstag und 150. Todestag; und wagte, unumwunden die »Gretchenfrage« zu stellen: er bitte »um die Bekanntgabe der Motive«, die zu der damaligen Ablehnung geführt hätten. Als keine Antwort kam, wandte sich der Bischof direkt an die Glaubenskongregation, damals von Kardinal Seper geleitet, »mit der gleichen, aber diesmal dringender gefassten Bitte um eine unmittelbare Antwort.«55 Die kirchliche Anerkennung liege gerade heute im Interesse der Pastoral. Jetzt ging alles sehr schnell. Kardinal Seper schrieb dem Bischof, von Seiten der Kongregation für die Glaubenslehre werde das Seligsprechungsverfahren für Anna Katharina Emmerick nicht mehr behindert. Papst Paul VI. habe das Dekret am 18. Mai 1973 approbiert. Aber die Gründe für das damalige »Reponatur« wurden wieder nicht der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Gerade darüber aber wurde viel gerätselt. Deswegen erlaubte sich P. Adam aus der »vertraulichen« Approbation des Papstes die Gründe bekannt zu geben: »Es bestehen zwei Einwände: bezüglich der Keuschheit und bezüglich der Schriften. Der erste ist kein Einwand, denn es gibt keine Gründe zu einem Verdacht.56 Schwierigkeit machen dagegen die Schriften, die im Falle einer Seligsprechung an Kredit, an Ansehen gewinnen werden. Die Schriften müssen mit kritischem Auge geprüft und ihre Stilform muss bezeichnet werden. Wer ist der Autor, und welchen Wert haben sie? Sind es Visionen oder Phantasie oder Betrachtungen? Wenn die Schriften Phantasievorstellungen sind, so sagen wir es. Doch das ist an sich kein Hindernis für eine Seligsprechung.«57

Die Glaubenskongregation knüpfte dann auch an die Aufhebung des sog. Reponatur die »Auflage, dass die der Dienerin Gottes zugeschriebenen Schriften noch einmal von Fachleuten begutachtet würden«58. Die beiden Gutachten wurden von dem Augustinerpater Ildefons Dietz, dem damaligen Vizepostulator, und Prof. Dr. Erwin Iserloh, Kirchengeschichtler in Münster, 1976 und 1978 erstellt. Sie stimmten, wie P. Adam schreibt, mit den bereits vorliegenden Gutachten überein, d. h. z. B. mit dem Urteil des Augustinerpaters W. Hümpfner, der schon 1924 festgestellt hatte: »Von einem verschwindend kleinen Bruchteil abgesehen, ist für die ganze Masse der Visionen allein der, wie wir bewiesen, höchst unzuverlässige Dichter Brentano der Gewährsmann.«59 Nur hatte die damalige Beweisführung noch nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt, die Brentano-Schriften methodisch von der Emmerick zu trennen. Erst nach den bereitgestellten Gutachten trat am 10. Februar 1981 der besondere Kongress der für die Seligsprechung zuständigen Kongregation zusammen mit fünf Konsultoren und einem Vorsitzenden, die sechs Voten abgaben, die alle für eine Wiederaufnahme des Prozesses stimmten, nachdem die Schriftenfrage ja geklärt war. Es wurde allerdings eine historisch-kritische Untersuchung, die sog. Positio, gefordert, die P. Adam erarbeitete, und ein (besser zwei) Gutachten zur Mystik der Emmerick, von denen eins der heutige Leo Kardinal Scheffczyk vorlegte. Erst nach diesen langwierigen und kritischen Klärungen begann der neue Seligsprechungsprozess, der jetzt zu einem guten Ende gekommen ist und seinen Höhepunkt in der Seligsprechung am 3. Oktober in Rom gefunden hat.

Mit der starken Initiative des Bischofs von Münster wechselte auch der Aktor der Causa, der Antragsteller und Förderer des Seligsprechungsprozesses. Im 19. Jahrhundert war der Anstoß von den Augustiner-Eremiten ausgegangen. Nur gehörten das Kloster Agnetenberg in Dülmen und auch Anna Katharina Emmerick zu den Augustiner-Chorfrauen. P. Adam berichtet, wie von der Kongregation für die Seligsprechungen das Bestreben ausging, den Aktor vom Orden auf das Bistum Münster zu übertragen.60 Der Aktor ernennt einen Postulator, der seinen Sitz in Rom hat, dieser wiederum einen oder mehrere Vizepostulatoren. Bischof Tenhumberg ernannte bereits am 2. Mai 1974 Pater Alonso zum Postulator, dieser P. Ildefons Dietz zum Vizepostulator. Nachfolger von P. Alonso wurde P. Prof. Dr. Rojo – alle drei noch Augustiner-Eremiten – ihm folgte erst im Jahre 2000 Avv. Andrea Ambrosi, der die letzten Phasen des Prozesses sehr erfolgreich durchführte. Nachfolger von P. Dietz wurde 1993 Pfarrer Dr. Clemens Engling; in der letzten Prozessphase wurde auch der Offizial der Diözese Münster, Martin Hülskamp, zum Vizepostulator ernannt. Seit seiner Ernennung zum Bischof von Münster (1980) hat Dr. Reinhard Lettmann den Seligsprechungsprozess der Emmerick neben der Hirtensorge für die anderen Seliggesprochenen und noch Seligzusprechenden so tatkräftig gefördert wie sein Vorgänger.61 In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden auch zwei bzw. drei Initiativen begründet, die sich für die Emmerickverehrung und -forschung und für den Fortgang des Seligsprechungsprozesses bewährt haben:

Es ist und bleibt die Aufgabe des Emmerickbundes – der jeweilige Pfarrer von Hl. Kreuz in Dülmen ist der geborene Vorsitzende –, die Emmerickverehrung zu fördern.62 Zweimal im Jahr, möglichst zum Geburtstag am 8. September und zum Todestag am 9. Februar erscheinen die Emmerickblätter, die viele aktuelle Mitteilungen, aber auch eine Reihe fachlicher Artikel, z. B. Veröffentlichungen von Vorträgen enthalten.63 Der Emmerickbund lädt Mitglieder und Interessierte einmal im Jahr zu einem weiter führenden Vortrag ein. Die Bischöfliche Emmerickkommission – die Mitglieder wurden jeweils auf Vorschlag des Gremiums vom Bischof ernannt – fördert den Seligsprechungsprozess, hat jetzt ihr Ziel erreicht und wurde noch vor der Seligsprechung vom Bischof aufgelöst. Die Kommission tagte zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst in Coesfeld und Dülmen. Ihre Vorsitzenden waren Heinrich Kochs, Paul Wewers, Hubert Festring und Hermann Flothkötter.

5. Zum Stand der Verehrung

Nach sieben- bis achtjähriger Erfahrung als Pfarrer der Hl.-Kreuz- und Grabeskirche Anna Katharina Emmericks konnte ich am 8. September 1988 feststellen: »Immer wieder neu bin ich erstaunt über die Zeichen der Verehrung am Emmerickgrab in der Krypta der Hl.-Kreuz-Kirche: immer neu entzündete Lichter, sehr oft Blumen und Blumensträuße, die am Grab niedergelegt werden, spontan auftauchende Gläubige, nicht nur aus Dülmen, nicht nur aus Deutschland, sondern sehr oft auch aus Holland, Belgien, der Schweiz, ja aus aller Welt.«64

In der Reihe »Landesspiegel Ortserkundung« strahlte das Fernsehen WDR III am 6. 5. 1983 einen von Dieter Koch redigierten Film aus: »Eine Rose ist … eine Rose«, der mit folgendem Satz eingeleitet wurde: »Es gibt Orte, die uns im Bewusstsein sind aus dem Erleben einzelner Menschen. Bei Weimar denken wir an Goethe, bei Wittenberg an Luther. Das im Münsterland gelegene Städtchen Dülmen ist in der Welt bekannt geworden durch eine Nonne, die stigmatisierte Anna Katharina Emmerick. Durch die Erinnerung an sie hat sich der Filmemacher Dieter Koch nach Dülmen führen lassen.«65

Trotz der eben aufgezeigten Erfahrungen darf die realistisch-kritische Frage nach dem heutigen Stand der Verehrung gestellt werden. Wird die bevorstehende Seligsprechung der inneren Verehrung, auf die es vor allem ankommt, förderlich sein? Der äußere Bekanntheitsgrad wird sicher gefördert: »Anna Katharina Emmerick könnte bald wieder Aktualität in Dülmen erlangen und Dülmen in Europa erneut bekannt machen.«66

Der heute eher vergessene Dichter Werner Bergengruen bringt in seinem Reise-Bericht über Deutschland die beiden Phänomene, die Dülmen in der Welt bekannt gemacht haben, in einen sehr tiefen und nachdenkenswerten Zusammenhang. Er schreibt in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts: »Mittelpunkt des Croyschen Besitzes ist das alte Städtchen Dülmen, in welchem gesponnen und gewebt wird. Hier steht am Park das herzogliche Schloß.67 Allein das Zeichen, das dieser Stadt gebietet, ist nicht der Croysche Herzogshut. Es sind die Wundmale Christi, erschienen am armseligen, leidenden, abgezehrten Körper der Augustinernonne Anna Katharina Emmerick.68

Eine große Zäsur in der Verehrung A. K. Emmericks scheinen der zweite Weltkrieg und die erschreckende Zerstörung Dülmens bis über 90 % der vorhandenen Baumasse, darunter auch der erst 1938 konsekrierten Hl.-Kreuz-Kirche ausgemacht zu haben. Pfarrer Heinrich Schleiner, langjähriger »Promotor« der Emmericksache (1974–1989), berichtet aus eigener Anschauung und Erfahrung: »Viele Dülmener erhofften sich von der Fürbitte der Emmerick die Bewahrung ihrer Stadt vor dem Schicksal völliger Zerstörung, das damals schon so viele Städte getroffen hatte. Eindringlich hatte darum Dechant Knepper immer wieder seine Gläubigen vor einem falschen, vermessentlichen Vertrauen auf die Fürbitte der Emmerick gewarnt, weil nirgendwo in ihren Visionen zu lesen sei, dass sie ihre Heimatstadt vor dem Schicksal der Zerstörung bewahren werde.« Die dann eingetretene »Katastrophe führte manche Dülmener Bürger trotz der berechtigten Warnung des Dechanten in ihrem Verhältnis zur bisher so hochverehrten Emmerick in eine Krise – unverdientermaßen muss man sagen.«69

Die Initiative Bischof Heinrich Tenhumbergs in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam für viele überraschend. Die Zeiten hatten sich gewandelt. Zwischen 1945 und 1974, fast eine Generation lang, war das Ansehen der Anna Katharina Emmerick, geschweige denn die Verehrung, nicht sonderlich gepflegt worden in der Nachkriegsgeneration, die ganz andere Sorgen hatte. Außerdem begegnete Anna Katharina in einem Gewand des 19. Jahrhunderts, das den allermeisten Zeitgenossen kaum noch verständlich sein konnte. Schon ihre Bezeichnungen drücken z. T. Antiquiertheit, z. T. Hilflosigkeit aus: Leidensbraut, Dulderin, Visionärin, Nonne aus Dülmen, Seherin. Bischof Tenhumberg, der allzu früh im Herbst 1979 starb, hatte im Jubiläumsjahr zwar selbst durch Predigten in Coesfeld und Dülmen einen starken Anstoß zur erneuten Verehrung gegeben70; hinzu kamen die weiteren Bemühungen, von denen berichtet wurde. Aber dadurch war Anna Katharina noch keineswegs anerkannt. Es gab sogar deutliche Stimmen gegen eine Seligsprechung, die mich privat erreichten.

Mehrere Mitglieder in den Gremien: Bischöfliche Emmerick-Kommission, Emmerick-Bund und -Verein erkannten das Defizit: einen großen Zwiespalt zwischen dem Verständnis der Anna Katharina Emmerick im 19. Jahrhundert, noch in den zwanziger und dreißiger Jahren des zwanzigsten und dem möglichen Verstehen in dessen letztem Viertel, in dem wir uns damals befanden. Es galt, dieses Defizit im Verständnis der Mystikerin aufzuarbeiten, bevor eine Seligsprechung wirklich Anerkennung finden konnte. Es zeichnet die Weitsicht jener Mitglieder der »ersten Stunde« im neuen Seligsprechungsverfahren aus, wenn sie um die genannten Schwierigkeiten in der »Verheutigung« der Emmerick wussten und sich um ein neues Verständnis mühten. Zunächst war nur eine Ahnung wirkmächtig, dass die Mystikerin gerade heute unserer Zeit viel zu sagen hat.71 Jean Guitton, der A. K. Emmericks Aktualität überaus positiv kennzeichnet (›unerklärlicher Diamant‹), sagt dessenungeachtet: »Katharina Emmerick gibt der Wissenschaft dieses Jahrhunderts viele Probleme auf: physiologische, pathologische, medizinische, die keineswegs gelöst sind. Das Schweigen, das man über diese Probleme breitet, ist kein Beweis für ihr Nichtvorhandensein.«72 Mit dieser Feststellung und mit der Selbsterkenntnis des vorhin gekennzeichneten Defizits war für die Verantwortlichen der Ausgangspunkt für weitere Forschungen in der Brentano-Emmerick-Beziehung und in vielen weiteren Fragen gegeben.

6. Der Stand der Forschung

Als der römische Prozess Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts plötzlich unterbrochen wurde, trotz breiter Verehrung in Dülmen, in Deutschland und in aller Welt, war das Ergebnis der Forschungen zu den Brentano-Schriften noch nicht so eindeutig wie heute. Im Jahre 1956 legte Pater Joseph Adam seine inzwischen sehr anerkannte germanistische Dissertation vor: »Clemens Brentanos Emmerick-Erlebnis. Bindung und Abenteuer.«73 Darin zieht er nach Lektüre der »stupenden Manuskripte« Brentanos74 den sehr ausgewogenen Schluss, »dass Brentanos theoretisch und programmatisch durchaus objektiver Einstellung zur Visionswelt ein praktischer Subjektivismus von solchen Ausmaßen entgegensteht, dass zwar noch manches aus der verworrenen Stoffmasse der Visionen als das ursprüngliche Ideen- und Gesichtsgut der Emmerick herausgeschält werden könnte, dass jedoch der überwiegende Teil als durch seine Einwirkung entscheidend beeinflusst und geprägt angesehen werden muss.«75

Brentano sagt selbst, »das eigentliche Wesen des Ganzen« sei »bis jetzt verloren«; er habe »nichts zu retten« vermocht »als ein paar arme Lappen«, »nur ein paar Federstäubchen des ganzen bunten Vogels.«76 Daher, so Adam, wüssten die »Dülmener Tagebücher selbst bis zum Tode der Emmerick« endlos »bis zur Ermüdung« von dem »Vergeblich« zu berichten.77 Die Zeitzeugen: der eigene Bruder Christian, Luise Hensel und vor allem Melchior von Diepenbrock78, der spätere Erzbischof und Kardinal von Breslau, der sowohl der Emmerick als auch Brentano nahe stand, bestätigen diesen selbstkritischen Befund des Dichters, der ja bewusst auf Drängen Diepenbrocks zu Beginn des »Bitteren Leidens« feststellt: »Sollten die folgenden Betrachtungen unter vielen ähnlichen Früchten der kontemplativen Jesusliebe sich irgend auszeichnen, so protestieren sie jedoch feierlich auch gegen den mindesten Anspruch auf den Charakter historischer Wahrheit.«79

Zufällig zeitgleich mit den für Rom erstellten Gutachten zum Emmerick-Brentano-Problem legte Wolfgang Frühwald seine Habilitationsschrift vor: »Das Spätwerk Clemens Brentanos (1815–1842). Romantik im Zeitalter der Metternichschen Restauration.«80 Auf der einen Seite weist Frühwald den verbreiteten Vorwurf einer minderen Qualität des Dichters nach Beginn seiner religiösen Phase zurück, auf der anderen Seite bestätigt er das Negativurteil zur Authentizität der Emmerickaussagen, ja er verstärkt dieses noch, indem er die Intentionen Brentanos hervorhebt, ein eigenes religiöses Weltepos zu schreiben. »Aus der Fülle von Brentanos Visions-Aufzeichnungen eventuelle Reste von Visions-Berichten der Emmerick selbst zu eliminieren, scheint … noch fruchtloser als ein Versuch, aus den Märchen der Brüder Grimm die Stimme der bekannten Märchenfrau zu rekonstruieren. Selbst wenn es gelänge, aus den Emmerickpapieren Worte, Formulierungen, Visionsfragmente etc. der Kranken herauszuheben, so hätte man nur Gedanken des Dichters im sprachlichen Kleid der Nonne erfasst.«81

So entsprach die römische Forderung der Trennung von Emmerick und Brentano, was die Schriftenfrage angeht, ganz und gar der inzwischen erreichten Forschungslage. Erst jetzt konnte der EmmerickProzess verantwortlich aufgenommen werden und braucht auch keineswegs das kritische Licht der Öffentlichkeit zu scheuen, wie sich in der Diskussion um den Gibsonfilm zeigte.82 Das Interesse der Verantwortlichen in der Bischöflichen Emmerick-Kommission und im Emmerick-Bund wandte sich in einem ersten Symposion 1982 in Münster dem Thema »Emmerick und Brentano« zu. Führende Germanisten und Theologen waren eingeladen zu einem intensiven interdisziplinären Gespräch. Das erwies sich als äußerst fruchtbar. »Denn oft ist festzustellen, dass Emmerickverehrer zu wenig von Clemens Brentano und Brentano-Interessierte zu wenig von A. K. Emmerick wissen.«83

Wolfgang Frühwald zeichnete ein ungewohntes Bild Anna Katharina Emmericks. Es gelte, wie schon oben bemerkt, sie als Person ernst zu nehmen, »ohne sie aber zur Gallionsfigur naiver Wundersucht, eines restaurativen Katholizismus oder auch zur Denunziationsfigur menschlichen Autonomiedenkens zu machen.« Anna Katharina Emmerick sei »gequält« worden von der Bürokratie der preußischen Verwaltung, die sie unter »Betrugsverdacht« stellte, »von ihrer stumpfsinnigen Umwelt«, die Brentano oft genug beschrieben habe; von der Theologie ihrer Zeit, »die sich Rationalismus und Liberalismus verschrieben hatte«, »gequält selbst von denen, die sich wie Brentano ihre Freunde nennen, aber nicht ihre Person, sondern ihre Zustände meinen.«84 Unter diesen Umständen habe Anna Katharina ihren Glauben bewahren, ja die Leiden in ihr Leben einbeziehen können; das sei »fast ein Wunder zu nennen. Darum habe das Münstersche Symposion die Emmerick-Frage auf »ein neues Niveau gehoben« und so könne »sogar der Beatifikationsprozess sinnvoll sein.«85 Frühwalds Emmerick-Bild wurde positiv ergänzt und stärker inhaltlich bestimmt durch Pater Dr. Elmar Salmann, der »Religiöse Topoi bei Anna Katharina Emmerick. Versuch einer theologischen Annäherung« beitrug.86 »Anna Katharina Emmerick lebt natürlich in der Welt des Trans- und Übernatürlichen – und bleibt dabei ›natürlich‹, so möchte ich einen ersten Eindruck bei der Durchsicht der Akten wiedergeben.« Dieser »erste Eindruck« wendet sich gegen das verbreitete Vorurteil von Hysterie oder gar religiös-neurotischem Verhalten. Ein paar Sätze später stellt Salmann geradezu heraus: das »Fehlen jeder Überspanntheit«, dagegen positiv eine »empfindsame Empfänglichkeit für Menschen«. Der Pater beobachtet bei Anna Katharina ein »einfältiges Leben mit Gott bar jeder Wundersucht und mit wacher Selbstkritik gepaart.« Alles das aber verbinde sich »zu einem Eindruck elementarer Lauterkeit, einer Durchsichtigkeit, in der sie zum natürlich-einfältigen Spiegel des Übernatürlichen wurde.« Auf diese Weise hebe sich die Emmerick positiv ab von einer Umwelt, »die überskeptisch reagiert oder auch in peinlicher Weise das Übernatürliche herbeizwingen will.« So sei der Weg der Emmerick eine »Gratwanderung« gewesen.87 Das war ein neues Bild der Emmerick, ein auch in unserer Zeit vermittelbares Bild der »Mystikerin des Münsterlandes«. Dieser neue Titel – Emmerick sprach ja normalerweise niederdeutsch und war ein sehr typisches Kind ihrer Heimat – setzte sich, das erste Mal im Vorwort zum Symposion gebraucht, überall sehr schnell durch.

Die guten Erfahrungen mit dem ersten Symposion ließen die Verantwortlichen in Emmerick-Kommission und -Bund schon bald nach einer zweiten wissenschaftlichen Tagung fragen, die diesmal mehr theologisch der Mystik der Emmerick gewidmet sein sollte. Sie fand wieder zu Beginn der Karwoche in Münster statt im Jahre 1990. Professor Leo Scheffczyk sprach über die »Mystik der Anna Katharina Emmerick« und zitierte den sehr schönen Satz des Mystikforschers der dreißiger Jahre, Alois Mager, der über Anna Katharina gesagt hatte: »Über ihre ganze Persönlichkeit waren die bezaubernden Schleier des Mystischen gebreitet.«88 Scheffczyk erkennt bei Anna Katharina eine »mystische Begnadung von höchstem Range«89. Der »Vereinigungsweg mit dem Leiden Christi« mache aus ihrer Persönlichkeit eine »Gestalt der Leidensmystik«, die »würdig in die Gefolgschaft einer Theresia von Avila einzureihen wäre«90. Scheffczyk gab mit seiner Deutung dem Titel »Mystikerin« die volle Rechtfertigung. – Der Beitrag von Pater Josef Sudbrack S. J. leitete neu dazu an, die außergewöhnlichen mystischen Phänomene Anna Katharinas als Konkretion ihrer Heiligkeit zu sehen, wie es das katholische Volk in seiner Verehrung immer getan hat. Sie seien »als Kleid ihrer inneren Begegnung mit Gott zu verstehen, als Gesicht, als Zeichen des Berührtwerdens von Gott.«91

Im näheren Zugehen auf die Seligsprechung fand kurz vor dem Palmsonntag 1999 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom das dritte Symposion »Anna Katharina Emmerick. Passio-Compassio-Mystik« statt.92 Das Leben und Leiden (Passio) Anna Katharina Emmericks im heute oft zitierten Kontext »einer leidlosen Gesellschaft«93, besonders A. K. Emmericks Fähigkeit zum Mitleiden (Compassio) bildeten die thematischen Schwerpunkte der Vorträge und Diskussionen. Professor Dr. John Fetzer, Germanist und Brentano-Fachmann in den USA, hielt eines der am meisten beachteten Referate, in dem er »Anna Katharina Emmerick als literarisches und geistiges Phänomen einer Schwellenzeit« darstellte.94 Fetzer zitierte sehr bald Frühwald: »Den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert haben zahlreiche Autoren der romantischen Generation als eine Schwelle der Hoffnung erlebt, jenseits derer ein neues Zeitalter anbrechen würde.«95 Fetzer charakterisierte umfassend den Begriff der Schwelle und wendete ihn auf das Leben und Schicksal der Emmerick an, die schon von ihrer Lebenszeit 1774–1824 her in einer Umbruchzeit gelebt habe; er sprach auch von der inneren und existenziell-religiösen Grenze, die sie in sich überschritten habe.

Michael Bangert zog »Anregungen aus der Biographie und der Frömmigkeit Anna Katharina Emmericks für eine christliche Spiritualität in unserer Gegenwart«, indem er als Titel seines Referates das Wort der Emmerick wählte: »Ich habe den Dienst des Nächsten immer für die höchste Tugend gehalten.«96 Bangerts großes Anliegen ist es, wie schon oben angedeutet, die Persönlichkeit der Emmerick aus den alten Klischees zu befreien und sie gleichsam neu zu entdecken aus heutiger Sicht. Nur so stelle »diese große Frau christlicher Frömmigkeit … eine Herausforderung« für uns dar; sie eröffne »aber auch einen Schatz an Möglichkeiten, das eigene Leben in seiner Gebrochenheit, in seiner sozialen Determinierung, in seiner Geschlechtsbestimmtheit, in seinem Trost und seinem Kummer anzunehmen und in Freiheit zu gestalten.«97

7. Ausblick

Ist mit den genannten Initiativen und Forschungsansätzen und -ergebnissen der Verehrung Anna Katharina Emmericks der »breite Weg« gebahnt? Haben die geschilderten Untersuchungen und Bemühungen wenigstens einen Zugang eröffnet? Das letztere: Ja, das erstere: Nein! Es ist auch zu fragen, ob der »breite Weg« bei der Verehrung eines konkreten Heiligen oder Seligen erforderlich ist.98 Zu Recht bezeichnet Wolfgang Beinert das Urteil der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen in Rom für die Christen »permissiv, nicht iussiv (erlaubend, nicht befehlend): Es gestattet die Verehrung des zur Ehre der Altäre erhobenen Menschen, schreibt sie aber mitnichten vor.«99 Diese dogmatische Feststellung lässt gleichsam freier atmen und schenkt Möglichkeiten.

Die Verehrung Anna Katharina Emmericks ist durch die Höhen und Tiefen der Geschichte gegangen. Schon sechsunddreißig Jahre nach ihrem Tod konnte Domdechant Krabbe schreiben:, sie sei »in Westfalen leider zu sehr in Vergessenheit geraten«100. Die Verehrung der Anna Katharina ist durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte oft eher marginal, d. h. auf bestimmte Menschen und Kreise bezogen; dafür aber war und ist sie sehr intensiv gewesen und nicht zuletzt durch Brentanos Schriften weltweit. Anna Katharina ist eine besondere Gestalt unserer Frömmigkeitsgeschichte, nicht leicht zugänglich, was in dem offiziellen Motto der Diözese Münster zu den Feiern der Seligsprechung zum Ausdruck kommt: »Beginnen, wo Verstehen endet.« Wer sich ihr nähert, wird die Erfahrung machen, dass er reich beschenkt wird, wie das viele Freunde der Emmerick bezeugen.

Die Gestalt der Emmerick, die Guitton als »unerklärlichen Diamanten« bezeichnete, verlangt danach, erschlossen, ja entdeckt zu werden wie ein wertvolles Kunstwerk oder gar eine Ikone. Der früher in Dülmen geläufige Name »Anntrinken« weist aber darauf hin, dass ihre Person doch auch von großer Einfachheit und Zugänglichkeit für alle ist. Durch die Seligsprechung hat sie neuen Zuspruch erfahren. In einer Zeit, da Esoterik hoch im Kurs steht, könnte Emmerick sogar einmal sehr aktuell werden. Allerdings wird ihre tief integrierte Frömmigkeit immer in die Mitte des Glaubens weisen.

Bei meiner Verabschiedung in Dülmen als langjähriger Pfarrer der Grabeskirche habe ich der Gemeinde Hl. Kreuz versprochen, einen ausdrücklichen Beitrag zur Neuentdeckung Anna Katharina Emmericks, die ich oft als »prominentestes Gemeindemitglied« bezeichnete, zu leisten. Das soll im Hauptteil in drei Schritten geschehen:

I. Ihr Leben im historischen Kontext (Kurzbiographie).

II. Perspektiven einer theologischen und geistlichen Existenz.

III. Ihre Bedeutung für die Gegenwart.

Im Schlussteil werde ich Zeugnisse der Geschichte von damals bis heute zusammenstellen.

1 Dazu trug wesentlich die »Studie von Jean Guitton, übersetzt von Grete Schött« bei: »Anna Katharina Emmericks Aktualität« in: Anna Katharina Emmerick, Jesus mitten unter den Seinen, Kevelaer 1981, S. 299–313 und in: Emmerickblätter, Mitteilungen des Emmerick-Bundes e. V., an der Kreuzkirche 10, 48249 Dülmen (ab jetzt zitiert: Emmerick-Blätter) 1984 II, S. 6–15. – J. Guitton, geb. 1901, Mitglied der »Académie Française« wurde in Deutschland bekannt durch sein Buch »Dialog mit Paul VI.«, Wien 1967.

2 M. Bangert, C. Engling, H. Flothkötter (Hrsg.), Anna Katharina Emmerick, Passio-Compassio-Mystik, Dokumentation des Emmerick-Symposions an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Münster 2000, 9–25, S. 25 (ab jetzt zitiert: Symposion III).

3 Schon ist zu Beginn der Karwoche 2005 ein IV. Symposion geplant mit dem bezeichnenden Titel: »Anna Katharina Emmerick: Spiritualität – Visionen – mystisches Erleben. Anregungen in Zeiten der Säkularisation« (Programmentwurf).

4 Engling, Symposion III, S. 24. – Michael Bangert ist zunächst in einem Vortrag und dann in dem Aufsatz: «Entfremdet und entrückt. Ein Anweg zu Anna Katharina Emmerick«, in: Geist und Leben 2/1997, S. 108–125, den Gründen für eine verkürzte Historisierung und einseitige Stilisierung Anna Katharina Emmericks in Bild und Text nachgegangen. »Das romantische Konstrukt hat sich wie ein Kokon um sie gelegt« (ebd. S. 110). M. Bangert verweist auch auf die Negativwirkung der von dem Redemptoristen Carl Eberhard Schmöger herausgegebenen Emmerickschriften 1867–1870. Schmöger und die von ihm geförderte Louise Beck († 1879) wurden durch O. Weiß, Die Redemptoristen in Bayern (1790–1909). Ein Beitrag zur Geschichte des Ultramontanismus, St. Ottilien 1983, in ein überaus kritisches Licht gerückt. – M. Bangert behauptet: »Jedoch kann oder muss ihre (Anna Katharinas) Biographie ›gegen den Strich gelesen‹ werden, um ihre Subjektwerdung zu entdecken« (a.a.O. S. 119). – Diesem Rat ist Günter Scholz gefolgt in seiner sehr lesbaren Biographie: »Anna Katharina Emmerick, Kötterstochter und Mystikerin, Münster 2003.

5 Peter Hünermann sagte gegen Ende seines Referates »Das religiöse Phänomen der Anna Katharina Emmerick im Umfeld der zeitgenössischen Theologie. Marginalien« (In: C. Engling, H. Schleiner, B. Senger/Hrsg., Emmerick und Brentano. Dokumentation eines Symposions der Bischöflichen Kommission »Anna Katharina Emmerick« Münster 1982, Dülmen 1983, S. 73–85): »Es wäre fatal, wenn der für Anna Katharina betriebene Beatifikationsprozess sich amalgamieren würde mit Restaurationstendenzen in der heutigen Kirche, die im Grunde auf eine Repristination jener Theologie abzielen, wie sie oben gekennzeichnet wurde, einer Theologie, die der mühevollen begrifflichen Auseinandersetzung mit dem in der Philosophie und in den Wissenschaften erreichten Niveau der Reflexion noch nicht voll mächtig war« (ebd. S. 85; ab jetzt zitiert: Symposion I).

6 J. Guitton spricht in seiner Studie davon, man müsse »mit Sorgfalt bestimmen, wie der Dichter Clemens Brentano (einer der größten deutschen Romantiker, aufgewachsen in der Umgebung Goethes), guten Glaubens die mitklingenden Töne seiner gelehrten, symbolistischen und romantischen Bildung dem Zeugnis der Katharina Emmerick hat überlagern können« (Emmerickblätter 1984 II, S. 8).

7 Vgl. meinen Aufsatz: »Brentano ›rettet‹ nicht mehr ›als ein paar arme Lappen‹. Mel Gibsons ›Die Passion Christi‹ und die Visionen nach Emmerick-Brentano« (in Emmerickblätter 2004 II., S. 8–16).

8 In: C. Engling, H. Festring, H. Flothkötter (Hrsg.), Anna Katharina Emmerick – die Mystikerin des Münsterlandes. Symposion 1990 der Bischöflichen Kommission »Anna Katharina Emmerick, Münster, Dülmen 1991, S. 15–38, ebd. S. 22 (ab jetzt zitiert: Symposion II) – Pater Dr. Joseph Adam, Herz-Jesu-Priester aus Luxemburg, hatte 1990 eben die für den sog. Schriftenprozess erforderte historisch-kritische Vorlage (Positio) erarbeitet. Sie erschien, hrsg. von der Congregatio de Causis Sanctorum P. N. 1225 unter dem Titel: Monasterien Canonizationis servae Die Annae Catharinae Emmerick Monialis Professae Ord. Can. Reg. S. Augustini (1774–1824). Positio super virtutibus Vol I–III, Roma 1992 in französischer Sprache. Deutsch ist keine Prozess-Sprache. Es traf sich glücklich, dass Pater J. Adam als Luxemburger deutsch und französisch in vollkommener Weise beherrschte. Er war Deutschlehrer an einem ordenseigenen Gymnasium und in den fünfziger Jahren in Freiburg promoviert mit der nach wie vor sehr lesenswerten Dissertation: »Clemens Brentanos Emmerick-Erlebnis. Bindung und Abenteuer, Freiburg 1956. (Eine Neuauflage wäre wünschenswert!). – Nachdem am 24. 4. 2001 mit der Promulgierung des entsprechenden Dekretes durch Papst Johannes Paul II. der sog. Tugend- oder Schriftenprozess abgeschlossen und die von Pater J. Adam erstellte Positio anerkannt ist (vgl. Emmerickblätter 2001 II, S. 3–7), veröffentlichen wir entscheidende Passagen aus der Positio in Fortsetzung, das erste Mal in: Emmerickblätter 2003 I, S. 17–23.

9 E. Klinger, Das Interesse Brentanos an Anna Katharina Emmerick. Dichtung und Religion, in: Symposion II, 123–139, S. 124.

10 Um eben die Zeit, als Elmar Klinger beim zweiten Symposion in Münster seine Thesen vortrug, stellte Alexander Loichinger – die Verfasser wussten wohl nicht voneinander – in einem Vortrag in Dülmen fest: »Die Emmerick-Schriften haben bis heute fast ausschließlich germanistisches Interesse gefunden. Eine theologische Befassung blieb aus. Man kann die Emmerickvisionen sehr wohl theologisch-wissenschaftlich auswerten. Nur muss eines klar sein: das ist dann keine Theologie, die ursprünglich zur Emmerick gehört, sondern eine Theologie zu Werk und Dichtung Clemens Brentanos« (in: Dülmener Heimatblätter, Jg. 1991, Heft 3–4, S. 28). – Loichinger wie Klinger weisen auf ein Forschungsdesiderat hin, wenn auch mit unterschiedlichem Ansatz.

11 W. Frühwald, Symposion I, S. 167. – Beim ersten (interdisziplinären) Symposion war es 1982 in der Diskussion zwischen Theologen und Literaturwissenschaftlern um die Frage gegangen, warum man so viel über Görres und Brentano, aber so wenig über Emmerick spreche, sodass Prof. Wolfgang Frühwald selbstkritisch feststellte, in der Brentano-Forschung werde die Person Anna Katharina Emmerick stark vernachlässigt und mehr als ein »Werkzeug der Erkundigung« gesehen, fast wie bei Brentano selbst (ebd.).

12 Selbstverständlich zieht der Verfasser dieser Arbeit auch Auskünfte aus Brentano; vor allem, wo es um biographische Details geht – schließlich ist Brentano ein unmittelbarer Zeitzeuge wie andere. Seine Aussagen und Deutungen werden von uns gerade im 3. Hauptteil, in dem es um die Bedeutung der Emmerick geht, herangezogen.

13 Vgl. J. Adam, die Schriftenfrage, Symposion II, S. 21–24.

14 Ebd. S. 23.

15 Würzburg 1923.

16 Würzburg 1926 (ab jetzt zitiert: Tagebuch). – Im Vorwort sagt W. Hümpfner, bei Emmerick haben wir »eine sehr glückliche Bezeugung der Tatsachen, und zwar in den Aufzeichnungen des Dr. Wesener, der als nüchterner Beobachter, als Naturforscher, der nicht besonders durch Vorkenntnisse der mystischen Literatur beeinflusst ist, seine Beobachtungen uns überliefert« (ebd. S. V.).

17 Würzburg 1929 (ab jetzt zitiert: Akten). – W. Hümpfner stellt im Vorwort fest: »Hier bieten wir – von Cl. Brentano absehend – beinahe vollständig das übrige biographische Material über Anna Katharina Emmerick in der Absicht, damit eine gesicherte Grundlage zu schaffen: zunächst für die Darstellung des Lebens der Gottbegnadigten, dann für das Studium der an ihr beobachteten mystischen Phänomene, endlich für die weitere Bewertung und resp. Verwertung der Emmerick-Tagebücher Brentanos« (ebd. S. III).

18 »Wohl kein anderer Zeuge hat so tief in die Seele der Emmerick hineingeschaut, ihr so viel Verständnis und Geduld entgegengebracht und sie so wohlwollend und gerecht beurteilt wie Regens Overberg. Kein Wunder, wenn der Generalvikar sein Urteil auch gerade auf Overbergs Bericht stützte« (C. Göllmann, Der Zeuge. Bernhard Overberg und Anna Katharina Emmerick, Aschaffenburg 1976, S. 18).

19 Außerdem veröffentlichen wir, eingehend auf die Anfrage von Emmerickverehrern nach authentischen Worten, solche in den Emmerickblättern, das erste Mal: 2003 I, S. 24–28.

20 Hrsg. Von P. Ildefons Dietz, Aschaffenburg 1974. – Hier liegt die letzte große Emmerick-Biographie mit genauen Quellenangaben vor, wenn auch in einem heute kaum noch akzeptablen Sprachspiel. P. J. Adam wies oft darauf hin, dass jedoch sehr viele wertvolle Details festgehalten sind (ab jetzt zitiert: Seller/Dietz).

21 Ebd. S. III.

22 H. Schleiner, Anna Katharina Emmerick und ihre Verehrung in Dülmen, in: Im Kreuz ist Heil. 50 Jahre Heilig Kreuz Dülmen 1938–1988 (Dülmen 1988, 201–241, S. 206).

23 Symposion I, S. 154.

24 E. Salmann: »Es ist seit den Untersuchungen von Hümpfner … üblich geworden, generell den Wert der Brentanoschen Schriften für die Erhebung zuverlässiger Tatsachen über Emmerick zu bestreiten« (Symposion I, S. 55). – Ders. auch in: Zwischenzeit. Postmoderne Gedanken zum Christsein heute, Warendorf 2004, S. 206 Fußnote 2, und M. Bangert: »Dabei kann die umfangreichste Quelle zu A. K. Emmerick, die Schriften Clemens Brentanos, nur mit Einschränkungen genutzt werden« (in: »Entfremdet und entrückt«, Geist und Leben 2/97, S. 111).

25 P. Thomas Wegener, Das Leben der Anna Katharina Emmerick, Stein am Rhein 1990, S. 303. – Der Augustinerpater Thomas Wegener ist der Erbauer des ersten Emmerickhauses in Dülmen. – Die zitierte Ausgabe ist ein Nachdruck der 1918 in Dülmen erschienenen Originalausgabe.

26 Clemens Brentano, Sämtliche Werke und Briefe, Frankfurter Brentano-Ausgabe, Band 28,1. Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken: Anna Katharina Emmerick – Biographie, hrsg. von Jürg Mathes, Stuttgart 1981, S. 412 (ab jetzt zitiert: Emmerick-Biographie).

27 Thomas Wegener a.a.O. S. 314. – »Sowohl damals als auch jetzt«, so schreibt Wegener noch in der fünften Auflage, die 1912 in Dülmen erschien. – Wegener berichtet auch von folgendem eindrucksvollen Beispiel: »Der Glaube an die Macht ihrer Fürbitte war in Dülmen so groß, dass zwei brave Frauen sich in ihrer letzten Krankheit an Anna Katharinas Bett tragen ließen, um unter ihrem Schutz und Gebet zu sterben. – Das Beispiel zeigt zugleich die Sorge der Emmerick um Kranke und Hilfsbedürftige.

28 J. Adam, Zum Stand des Seligsprechungsverfahrens in Rom, in: Symposion II, S. 16.

29 Ebd. S. 17.

30 C. F. Krabbe, Erinnerung an die selige Anna Katharina Emmerich, Münster 1860, S. III. – Vgl. auch ders., Leben Bernhard Overbergs, Münster 1846.

31 Zitiert nach B. Gajek, Homo poeta. Zur Kontinuität der Problematik bei Clemens Brentano, Frankfurt 1971, Anhang S. 576/7. – Dort auch die weiteren bibliographischen Angaben.

32 K. E. Schmöger, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich, 1. Bd., Freiburg 1867, 2. Bd. Freiburg 1873.

33 Th. Wegener, Das Leben der Anna Katharina Emmerick a.a.O. S. 343. – Entschuldigend fügt P. Wegener den berühmten Ausspruch Jesu nach seiner Ablehnung in Nazareth hinzu: »Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat und in seiner Familie« (Mt 13, 57b). – Den gleichen Satz erfuhr ich, als ich mich im ersten Jahr meines Aufenthaltes in Dülmen (1980) nach dem Grad der Verehrung Anna Katharina Emmericks erkundigte.

34 C. F. Krabbe, Erinnerung … a.a.O. S. 75/76.

35 Th. Wegener, Das Leben … a.a.O. S. 337.

36 Ebd.

37 Ebd. S. 344.

38 LTHK 8 (1999), Sp. 330–333.

39 J. Adam, Zum Stand des Seligsprechungsverfahrens in Rom, Symposion II, S. 19.

40 Ebd. S. 17. Auch hier ist eine Parallele aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen, nachdem der Emmerick-Prozess durch Bischof Tenhumberg neu angestoßen war, blieb gerade auch der Klerus zurückhaltend.

41 Ebd. S. 21/22.

42 Vgl. P. Adams Bericht, ebd. S. 20.

43 Ebd. S. 24.

44 Frau Schlieker aus Dülmen und Gräfin von Merode Westerholt überreichten Papst Pius XI. zwei Bittschreiben. – Vgl. H. Schleiner: In: »Im Kreuz ist Heil«, a.a.O. S. 217–221.

45 Vgl. Schleiner, ebd. S. 220.

46 »Das Besondere der Aufgabe lag darin, mit der Pfarrkirche eine Verehrungsstätte eines Grabmals zu verbinden. Dieser Gedanke führte zu einer Teilung des Raumes in Hauptraum mit erhöhtem Chor, dahinter liegend die hochgezogene Grabkapelle.« Vgl. Dominikus Böhm ein deutscher Baumeister, ein Bildband unter Mitwirkung von Dr. August Hoff, hrsg. Von Dr. Josef Habbel, Regensburg 1943, S. 203. – Vgl. auch Cl. Engling, Die Kirche Dominikus Böhms in Dülmen in ihrer liturgisch-theologischen und pastoralen Bedeutung, in: »Im Kreuz ist Heil« a.a.O. S. 155–171.

47 Ähnlich urteilt Pfarrer Heinrich Schleiner, wenn er am Ende des Kapitels »Der Seligsprechungsprozess gerät in Schwierigkeiten« feststellt: »Dass trotzdem in Dülmen der Bau der Hl. Kreuzkirche im geplanten Sinne in Angriff genommen wurde, muss man heute bewundern und zeugt von dem unverdrossenen Vertrauen der Dülmener auf ihre Anna Katharina« (ebd. S. 221).

48 Pfarrer Karl Hegemann zur »Kirchweihe in Hl. Kreuz in Dülmen« am 9. Februar 1975 (ebd. S. 174). – Die ganze Kirche war umgestaltet worden. – Die Kirchweihe wurde von Bischof Tenhumberg vollzogen.

49 Gestorben am 4. September 825, Erhebung ihrer Reliquien am 26. November 980. – Vgl. LTHK 5 (1996), Sp. 386.

50 J. Adam, Zum Stand des Seligsprechungsprozesses, in: Emmerickblätter 1986 II, S. 10.

51 In einer Privataudienz bei Papst Paul VI. gab er diesem Antrag besonderen Nachdruck.

52 Anna Katharina Emmerick, Jesus mitten unter den Seinen. Aufgezeichnet von Clemens Brentano. Ausgewählt und hrsg. von Marie-Thérèse Loutrel und Grete Schött. Mit einer Studie von Jean Guitton, Kevelaer 1981, S. 7/8.

53 Ebd. S. 8.

54 Emmerickblätter 1986 II, S. 13; Symposion II, S. 31.

55 Adam, Symposion II, S. 26.

56 Es war immer wieder ein vertrautes Verhältnis zwischen Emmerick und Brentano, zwischen ihr und dem Arzt und ihrem Beichtvater unterstellt worden. Vgl. P. Adam, ebd. S. 28. Viele hätten hier den Hauptgrund vermutet und seien nun enttäuscht worden »durch die entwaffnende Feststellung des Papstes«. – Noch in einer neuen Untersuchung über die stigmatisierte Maria von Mörl (1812–1868) wird behauptet, dass Brentanos »Vertrautheit mit der Emmerick zum störenden Element bei ihrem Seligsprechungsprozess geworden ist« und dass darum die Brentano-Schriften von der Bewertung Emmericks aus geschlossen worden seien. Das ist so nicht aufrecht zu erhalten. Vgl. N. Priesching, Maria von Mörl (1812–1868), Leben und Bedeutung einer »Stigmatisierten Jungfrau« aus Tirol im Kontext ultramontaner Frömmigkeit, Brixen 2004, S. 99, Fußnote 1.

57 Adam, Symposion II, S. 27.

58 Acta apostolica sedes, 7. Jan. 1982, S. 69.

59 Adam, Symposion II, S. 23.

60 Adam, Emmerickblätter 1986 II, S. 12.

61 Vgl. die Predigten von Bischof Reinhard Lettmann zu den Emmericktagen In Dülmen: am 8. Sept. 1984, in Emmerickblätter 1985 I, S. 3–6; zum Emmericktag am 4. Sept. 1999, in Emmerickblätter 2000 I, S. 9–12. – Auch die Weihbischöfe Wilhelm Wöste und Dr. Josef Voß, zuständig für die Region Coesfeld-Dülmen, unterstützten die Verehrung Anna Katharina Emmericks durch Predigten, Besuche am Grab, durch Teilnahme an den Symposien.

62 In Coesfeld wurde der Emmerick-Verein gegründet, dem hauptsächlich die Sorge für das Emmerick-Geburtshaus in Flamschen zukommt.

63 Zu beziehen zu einem geringen Beitrag über das Pfarrbüro Hl. Kreuz, An der Kreuzkirche 10, 48249 Dülmen.

64 Anna Katharina Emmerick, Novene für ihre Seligsprechung und in persönlichen Anliegen, hrsg. vom Emmerickbund, Dülmen 1988, verfasst von Dr. Josef Wieneke. – Vor dem Todestag und dem Geburtstag wird diese Novene in Coesfeld und Dülmen gebetet.

65 Emmerickblätter 1983 II, S. 17.

66 G. Scholz, Das Dülmener Nönnken – Anna Katharina Emmerick, in: Dülmener Heimatblätter, Heft 2, 2002, S. 81.

67 Im letzten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.

68 W. Bergengruen, Die wilden Pferde und das Nönsken, Deutsche Reise, Freiburg 1969. – Auch in: Th. Wegener, Das Leben der Anna Katharina Emmerick, Stein am Rhein 1990, S. 378–85; auch in Dülmener Heimatblätter 1980, Heft 2/3, S. 6ff.

69 H. Schleiner, Anna Katharina Emmerick und ihre Verehrung in Dülmen, a.a.O. 222. – Ebenso berichtete mir der langjährige Küster und Organist von Hl. Kreuz, Heinrich Segschneider.

70 H. Tenhumberg, Bischofsworte zum Emmerick-Jahr 1974, Münster 1976.

71 Zu den Frauen und Männern der »ersten Stunde« rechne ich vor allem die Frauen Grete Schött und Marie-Thérèse Loutrel, P. Basilius Senger OSB, die Pfarrer Carl Göllmann, Dirk Grothues, Karl Hegemann, Paul Rowald und Heinrich Schleiner, die Laien Heinrich Kochs und Paul Wewers.

72 Anna Katharina Emmerick, Jesus mitten unter den Seinen, a.a.O. S. 308.

73 Freiburg 1956. Vgl. Anm. 8 (ab jetzt zitiert: Emmerick-Erlebnis). – Eine kurze Zusammenfassung seiner These findet sich in: Clemens Brentano und Anna Katharina Emmerick. Begegnung dichterischen Genies und religiöser Größe. Dülmener Heimatblätter, Sonderheft 1985. – Adam: »In den Visionsberichten, welche die große Masse der Tagebücher ausmachen, ließ er ja die Seherin selbst sprechen. – Nur: war das wirklich ihre Stimme? Oder war es dann letzten Endes doch die Stimme Brentanos?« (ebd. S. 18). Hier ist das Forschungsproblem kurz gekennzeichnet.

74 Ebd. – Adam berichtete, wie er die 16000 Seiten in seinem kleinen Freiburger Studierzimmer ausbreitete.

75 Emmerick-Erlebnis S. 164.

76 Ebd. S. 156.

77 Ebd. S. 177.

78 »Man erinnerte sich, dass schon Brentanos Freunde die ›Clementinischen Seitensprünge‹ sehr wohl erkannt hatten und interessiert bemerkten, wie aus vielen Gesichtern und Gesichten der Clemens gar so leibhaft hervorschaue« (Diepenbrock an Görres). Ebd. S. 11.

79 Das bittere Leiden S. 13.

80 Tübingen 1977 (ab jetzt zitiert: Frühwald, Spätwerk).

81 Ebd. S. 273. – Das Urteil Frühwalds fällt also, was die Authentizität der Emmerickaussagen angeht, noch kritischer aus als das von Adam. – Das Verdienst Frühwalds, dem Spätwerk Brentanos mehr Gerechtigkeit, ja literarische Anerkennung widerfahren zu lassen, ist trotzdem sehr gelungen. Frühwalds Anliegen wird schon deutlich aus dem Motto, das er seinem Werk voranstellt: einem Wort Joseph Görres’ aus dem Jahre 1836: »Ich wollte eine Sache wieder zur Sprache bringen, die man seit geraumer Zeit selbst in der katholischen Welt auf sich hat beruhen lassen; weil das wegwerfende Gerede von der Gegenseite, selbst auf die Einsichtigern, nicht ohne Wirkung geblieben« (ebd. S. VI).

82 Vgl. meinen Aufsatz in den Emmerickblättern 2004 II, S. 8–16.

83 Vorwort der im Jahre 1983 erschienenen Veröffentlichung: Symposion I , S. 7.

84 Symposion I, S. 167. – Ein sehr anschauliches Porträt des Dichters zeichnete Frühwald in einem späteren Vortrag im Clemens-Brentano-Gymnasium Dülmen: »Von der Macht der Phantasie – Zu Leben und Werk Clemens Brentanos«, in: Dülmener Heimatblätter, Sonderheft 1985, S. 4–16.

85 Symposion I, S. 168.

86 P. Elmar Salmann ist Benediktiner der Coesfeld und Dülmen benachbarten Abtei Gerleve, inzwischen Professor für Dogmatik in Rom an St. Anselmo und an der Gregoriana.

87 Symposion I, S. 37f.

88 Symposion II, S. 39.

89 Ebd. S. 49.

90 Ebd. S. 55.

91 Ebd. S. 115.

92 Vgl. Dokumentation Symposion III.

93 Vgl. das Referat von H. Vorgrimler, Leid in einer leidlosen Gesellschaft, ebd. S. 61–74.

94 Ebd. S. 27–43.

95 Ebd. S. 44.

96 Ebd. S. 91–122.

97 Ebd. S. 122.

98 Wie steht es denn um die Verehrung der schon Seliggesprochenen der Diözese Münster: der Maria Droste zu Vischering, seliggesprochen 1985, LTHK 3, 1995, Sp. 381, des Karl Leisner, seliggesprochen 1996, LTHK 6, 1997, Sp. 799? Die breite Verehrung der im Jahre 2001 seliggesprochenen Schwester Maria Euthymia scheint mir eher eine Ausnahme zu sein. Außerdem liegen »Heilige der Nächstenliebe«, die zwar bei A. K. Emmerick auch an erster Stelle stand, aber gegenüber den mystischen Phänomenen im Öffentlichkeitsbild eher zurücktritt, wie Mutter Teresa und Schwester Euthymia mehr im Trend unserer Zeit.

99 W. Beinert, Wie wird man ein Heiliger und was ist man dann? In: Stimmen der Zeit, Oktober 2002, S. 671–684, 682.

100 Krabbe, Erinnerung a.a.O., S. III.

Erster Hauptteil:

»Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.«

Friedrich Schlegel

1. Kriterien der Erforschung

Zu Beginn meines Versuches, die Biographie Anna Katharina Emmericks aus den historischen Quellen1 neu zu lesen und zu schreiben, möchte ich Kriterien nennen, die mich von der bisherigen hagiographischen Betrachtungsweise unterscheiden, aber auch Gesichtspunkte, die mich leiten, wie sie z. T. schon in der Einleitung anklangen.

Zunächst möchte ich einschränkend feststellen: Ich schreibe keine historisch-kritische Biographie2. Das scheint mir bei Anna Katharina Emmerick deswegen nicht erforderlich, weil das reichlich vorhandene historische Material mir genügend erforscht erscheint. Die Art, wie es vorgelegt wurde, scheint mir das Problem zu sein. – Vielleicht muss ich vorsichtiger formulieren, wie es schon mehrfach in der Einleitung anklang: Die Darbietung der bisherigen Biographien ist sehr zeitbezogen, ja einem nicht unbekannten hagiographischen Stil verhaftet3, sodass von mir das verlangt ist, für den Beginn des 21. Jahrhunderts Anna Katharina Emmericks Leben, Leiden und Wirken neu zu entdecken und kritisch zu würdigen.

Drei Biographien sind zu nennen, die jeweils zu ihrer Zeit eine große Bedeutung bei aller Einseitigkeit hatten: A) K. E. Schmöger, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich. Erster Band: Vom Jahre 1774–1819, Freiburg 1867. – Zweiter Band: Letzte Lebensjahre und Tod, Freiburg 1870. – B) Th. Wegener, Das Leben der Anna Katharina Emmerick, Stein am Rhein 1990.4 C) H. J. Seller, I. Dietz, Im Banne des Kreuzes. Lebensbild der stigmatisierten Augustinerin A. K. Emmerick, Aschaffenburg 1974. – Im Unterschied zu Schmöger und Wegener nehmen der Verfasser P. Seller und der Herausgeber P. Dietz schon eine kritische Haltung gegenüber Brentano ein. Doch darf die von Clemens Brentano verfasste »Einleitung und Lebensumriss der Anna Katharina Emmerich«6, die er 1834 seinem einzigen von ihm selbst herausgegebenen Emmerick-Buch voranstellt, als erste und eher nüchterne Darstellung des Lebens, Wirkens, Leidens und Sterbens Anna Katharina Emmericks hervorgehoben werden. Schließlich ist Brentano ein Erstzeuge neben Dr. Wesener und vielen anderen.7

Nicht erwähnt werden in diesem kurzen Überblick unzählige Arbeiten im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts. Nur kurz nennen möchte ich die theologische Diplomarbeit der in Dülmen geborenen Franzis Kettelake, Anna Katharina Emmerick, Ein Leben aus dem Glauben, Dülmen 1985, die als kurze Darstellung in Dülmen und außerhalb auf lebhaftes Interesse stieß. Franzis Kettelake hatte im mündlichen Gespräch zu Recht formuliert: »Diese Frau fasziniert mich!«

Leider liegt die von P. J. Adam für den Seligsprechungsprozess innerhalb der »Positio super virtutibus« (Vorlage über die Tugenden)8 neu gefasste Biographie der Emmerick nur in französischer Sprache und in Deutschland nicht allgemein greifbar vor. Viele einschlägige Abschnitte der Positio sind noch von P. Adam selbst redigiert in den Emmerickblättern erschienen.9

Bei der folgenden Darlegung des Lebens, Leidens und Sterbens Anna Katharina Emmericks, sowie ihrer auf den ersten Blick sehr ungewöhnlichen Phänomene: Stigmatisation, Nahrungslosigkeit, Fähigkeit zu außergewöhnlicher Menschenkenntnis, zu Vision, ja Prophetie und Erkenntnis von Reliquien und geweihten Gegenständen, soll mich an erster Stelle Nüchternheit und Liebe zum historischen Detail leiten.

Wie in der Einleitung aufgezeigt, sind in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren, vor allem in den drei Symposien, neue Erkenntnisse, ja eine ganz neue Sichtweise der Mystikerin des Münsterlandes gefasst worden, die mir für meine Interpretation eine ganz große Hilfe bedeuten.

Ich möchte sehr viel stärker als die bisherigen Biographien auf die jeweiligen historischen Zeitumstände eingehen; Anna Katharina Emmerick eingebettet sehen in das Zeugnis vieler Zeitgenossen, die z. T. besser erforscht sind als sie selbst; ich nenne als Beispiele nur Clemens Brentano, Melchior von Diepenbrock und Johann Michael Sailer.

Gerade die außergewöhnlichen Phänomene, die in den oben genannten Biographien z. T. als übernatürliche Wunder erklärt werden, sind noch zu wenig erforscht.10 Es wird auch gerade nach der Seligsprechung die Aufgabe von Psychologen, Parapsychologen, aber auch Theologen und Erforschern der Frauenmystik sowie von Historikern und Germanisten sein, hier weiteres Licht in die geheimnisvollen Tiefen der Persönlichkeit Anna Katharina Emmericks zu bringen11, die aber wohl immer rätselhaft bleiben wird.12

2. Geburt und Kindheit. Die Eltern. Das soziale und religiöse Umfeld

Die Lebenszeit Anna Katharina Emmericks von 1774–1824 fällt fast symbolisch in eine Umbruchszeit, eine sog. Schwellenzeit13 politischer, wirtschaftlicher, vor allem auch religiös-geistiger Art. Die »Epochenschwelle um 1800«14 lässt die Auswirkungen der Französischen Revolution und das Wirken Napoleons in Deutschland erst voll spürbar werden.

Der Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Februar 1803 ordnet die politischen Verhältnisse in Deutschland neu. Vor allem die geistlichen Herrschaften, so auch das Fürstbistum Münster, finden ihr Ende. Doch zur Zeit der Geburt Anna Katharina Emmericks ist es noch nicht soweit.

Anna Katharina Emmerick wurde am 8. September 1774 in der Bauerschaft Flamschen, drei Kilometer südwestlich von Coesfeld, einer Kreisstadt des Westmünsterlandes, geboren. Coesfeld hat im Jahre 1795 2061 Einwohner. Münster war mit 17500 Bewohnern die weitaus größte Stadt im sog. Oberstift des Fürstbistums, das einen großen Teil des heutigen Westfalens umfasste.15 »Das Fürstbistum Münster stellte das ausgedehnteste geistliche Territorium des Alten Reiches dar.«16

»Münster und das Münsterland gelten als urkatholisch, Konfession und landschaftlicher Charakter als seit undenkbaren Zeiten miteinander verwoben … eine letzte Bastion ungebrochener Katholizität angesichts einer in Norddeutschland beherrschend gewordenen Stellung der lutherischen und deutsch-reformierten Kirchentümer.«17

Die Gründe für eine solch starke Identifizierung der Menschen mit der katholischen Religion, die der Kirchengeschichtler Andreas Holzem als »Sonderfall« bezeichnet, liegen in der Übereinstimmung von geistlicher und weltlicher Herrschaft der Fürstbischöfe zwischen 1500 und 1800, die in den meisten deutschen Fürstentümern kaum übereinstimmten.18

Dabei gehörte das Fürstbistum Münster eher zu den dünn besiedelten Regionen Westfalens. Etwa 76 Prozent der Menschen lebten auf dem Land. »Ein gewisses Maß an Rückständigkeit« habe »tatsächlich zum absichtsvoll gehüteten Wesen geistlicher Territorien« gehört, so Holzem in der Bistumsgeschichte.19 – Viele Kleinstädte, so Coesfeld und Dülmen, unterschieden sich nicht von großen Dörfern (Ackerbürgerlandwirtschaft, wenig differenziertes Handwerk).20

Für Coesfeld kann die Reisebeschreibung des emigrierten Domherrn Baston »Coesfeld um 1800 – Erinnerungen des Abbé Baston«21 ein sehr anschauliches Bild über die näheren Sitten und Gebräuche und Lebensumstände geben, ein seltener Glücksfall von erlebter Geschichte aus dem Blickfang eines Ausländers. Abbé Baston schreibt in einem Kapitel über »Einfachheit und Armut in Coesfeld«: »Coesfeld ist eine arme Stadt. Wenn es ein Dutzend wohlhabender Familien in seinen Mauern hat, ist es viel. Und diesen kommt der Begriff ›wohlhabend‹ nur vergleichsweise zu. Die Ausstattung der besten Häuser ist unbeschreiblich erbärmlich. Kaum kennt man den Luxus eines Sessels, der dem verwöhnten Geschmack mehr als einfaches Stroh zum Sitzen bietet.«

Baston betont, dass er diese »achtbare Einfachheit« nicht »bekrittele«; er schätze sie mehr als den »Luxus« vieler seiner eigenen Landsleute in Frankreich. »Coesfeld hat nicht den geringsten Handel«. Jeder sei Kaufmann in seiner eigenen Weise. Puder müsse aus Münster besorgt werden; stattdessen nehme man Kartoffelstärke; »parfümierten Puder«, kenne man schon gar nicht. Baston schließt den kleinen Abschnitt: »Gebe Gott, dass die Coesfelder mit der Zeit nicht auch ihn kennenlernen!«22

In der »Anna Katharina Emmerick-Biographie« Clemens Brentanos sagt Anna Katharina: »Mein Vater hieß Bernd Emerick und meine Mutter Anna Hillers.«23 Sie wurde geboren als fünftes Kind ihrer Eltern, die 1766 geheiratet hatten. »Wir stammen her aus den zwei großen Bauernhöfen vor Coesfeld. Daraus sind mein Großvater und meine Großmutter die Kinder gewesen.«24

»Die Mutter meines Vaters hieß Rensing, sie war eines großen Bauern Tochter und eine sehr haushälterische Frau.«25

Ausgehend von dieser Aussage versuchte der Coesfelder Johannes Volmer durch genaue Überprüfung der Kirchenbücher die »Genealogie der Anna Katharina Emmerick«, der Eltern und Großeltern ihres Vaters zu erforschen26, kommt aber zu dem Ergebnis: »Wir müssen feststellen, dass sich aus den vorhandenen Quellen die Frage, wer die Großeltern (väterlicherseits) der Emmerick gewesen sind, derzeit nicht mit völliger Sicherheit entscheiden lässt.« Die Quellen aber führten zu der Annahme, Johann Emmerick und Christina Rensing seien die Großeltern väterlicherseits gewesen.27 An mehreren Stellen und Quellenüberprüfungen werde deutlich, so Volmer und der damalige Redakteur der Emmerickblätter, H. Schleiner, dass Brentano nicht ganz zuverlässig gearbeitet habe.28

Die Erforschung der Abstammung und verwandtschaftlichen Beziehungen Anna Katharinas ist aber noch in anderer Beziehung wertvoll für uns. Erstens: Volmer gibt Auskunft über das Lebensschicksal der Geschwister Anna Katharinas bis in die Generation der Neffen und Nichten: Der Neffe Bernhard, Sohn des ältesten Bruders Bernhard, geboren 1799, war oft bei seiner Tante in Dülmen, so z. B. im Herbst 1815; er wird Priester, stirbt aber jung im Jahre 1842.29 Die Nichte der Emmerick Katharina, geboren 1811, lebte mehrere Jahre bei ihrer Tante in Dülmen und war bei ihrem Tode in ihrer Nähe.30

Zweitens: Volmer gibt wertvolle Auskunft über die wirtschaftliche Situation der Kötterfamilie Emmerick (Kötter ist im westfälischen Sprachgebrauch ein abhängiger Kleinbauer): »Die Familie Emmerick verfügte wie die meisten Kötterfamilien in damaliger Zeit nicht über nennenswerten Grundbesitz. In der Regel war das von den Köttern bewirtschaftete Land angepachtet … Die Kötterfamilien mussten sich daher weitere Einnahmequellen erschließen.«

Wahrscheinlich habe sich die Emmerick-Familie durch Herstellung und Verkauf von Leinwand zusätzliche Einnahmen verschafft, die evtl. eine größere Bedeutung gehabt hätten als die Erträge aus der Landwirtschaft.31 – Aus dem gleichen Grunde erlernte Anna Katharina sicherlich das Schneiderhandwerk. Zu Recht stellt A. Holzem in der Bistumsgeschichte den sozialen und religiösen Zusammenhang her, wenn er schreibt: »Während die geistliche, beamtete und städtische Bevölkerung« das »Recht der Freizügigkeit« besessen habe, »gab es für die bäuerliche Bevölkerung abgestufte Formen persönlicher Unfreiheit.« Die meisten Bauern seien persönlich abhängig »vom Leibherrn« gewesen. Diese soziale Wahrnehmung gehöre deshalb in eine Bistumsgeschichte, »weil sie von den vormodernen Menschen als auch religiöse Grundtatsachen ihres Lebens begriffen und behandelt wurden.«32

In der Schilderung der Wohnverhältnisse greift Volmer wieder auf Brentano zurück, der Emmericks Geburtshaus, den Kotten in Flamschen sehr bald besucht hatte und so berichtet: »In dem leeren viereckigen Raum des Hauses fand ich keine Stube, was man so nennen kann, ein Winkel war abgeschlagen, worin der plumpe bäurische Webstuhl des einen Bruders stand, einige alte von Rauch geschwärzte Laden zeigten, so man sie öffnete, in großen Bettladen voll Stroh, auf welchen einige Federkissen lagen, da schliefen die Leute, auf der entgegengesetzten Seite schaut das Vieh hinter Pfählen hervor. Alle Gerätschaften stehen und hängen umher, oben von der Balkendecke hangen Stroh und Heu und Spinnweb voll Rauch und Ruß herab, und das Ganze war undurchsichtig voll Rauch.«33

Zu Recht stellt Volmer fest, dass »derart ungünstige Wohnverhältnisse« der Gesundheit der Bewohner schadeten. Besonders die Kinder seien betroffen gewesen. »Johann Hermann Emmerick, einer der Brüder der Anna Katharina Emmerick, lebte nur fünf Monate (April bis September 1782). Auch Johann Bernhard, das erstgeborene Kind (geb. 1766), und Anna Adelheid (geb. 1767) haben wohl nicht das Erwachsenenalter erreicht.«34

Für eine Biographie ist normalerweise die Erforschung der Charaktereigenschaften der Eltern bedeutsam. Die verlässlichen Angaben darüber sind spärlich; eher aus anderen Zusammenhängen lässt sich ein Bild erschließen. Anna Katharina sagt zu Overberg, ihrem außerordentlichen Beichtvater, bei dessen Besuch in Dülmen vom 20.–23. April 1813 nach Bekanntwerden ihrer Wundmale: »Ihre Eltern wären fromm, sehr strenge, doch nicht hart gewesen. Ihre Mutter hätte sie wohl mehrmalen leise sagen gehört: ›Mein lieber Gott, schlage so hart als Du willst, aber gib Geduld!‹«35 Diese Äußerung der Mutter, eine Art Sprichwort, wird in der Literatur immer wieder zitiert. Eine solche Aussage spricht eine Art Schicksalsergebenheit aus, die uns heute eher befremdlich anmutet und sicher auch aus dem oben angesprochenen sozialen Abhängigkeitsverhältnis des Kötter-Daseins herrührt. Umso mehr ist zu bewundern, wie Anna Katharina später ein sehr ausdrückliches und unabhängiges Selbstbewusstsein erlangt. Aber da greifen wir vor.

Ihre Mutter liebt ihre Tochter, weiß besonders ihre Geschicklichkeit zu schätzen. Als Anna Katharina, die offensichtlich ein sehr gut aussehendes Mädchen war, schon in ihrem 16. oder 17. Jahre »von jungen Burschen und deren Eltern zur Ehe begehrt« wird, wollte ihre Mutter sie nicht »von sich lassen, weil sie die flinkste und folgsamste ihrer fünf oder sechs meistens – kränklichen Kinder« war.36 Anna Katharina war also in ihren jungen Jahren eine hoch willkommene Stütze in ihrem Elternhaus.

Obwohl sie »von Jugend an schwächlich« war, wie Wesener sagt, »musste sie in einer angrenzenden, dürren, wüsten Heide das Vieh ihrer Eltern hüten, und da in der Familie patriarchalische Einfalt und reinste Frömmigkeit herrschte, so bekam ihr Gemüt früh eine kontemplative Richtung, welche häuslicher Kummer und die harte Behandlung ihrer Mutter zur gänzlichen Welt- und Selbstverleugnung heranreiften.«37 Der Zeitzeuge Wesener hat die Zeitumstände sehr zutreffend beschrieben:

Das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern war damals patriarchalisch geprägt, oft sehr nüchtern geartet. Das schloss aber keineswegs eine sehr persönliche Liebe aus.

Ich nenne ein Beispiel, das Brentano in seinem »Lebensumriss der Erzählerin« berichtet:

Um ihr zwanzigstes Lebensjahr hatte Anna Katharina »etwa 20 Thaler mit ihrer Näharbeit erspart«: Das große Vermögen hatte sie der Not der Familie Söntgen und den Armen geopfert. Da kommt ihre Mutter zu Besuch und bringt ihrer erwachsenen Tochter »Brot, Butter, Milch und Eier« und sagt zu ihr: »Du hast zwar dem Vater und mir ein großes Herzeleid angetan, dass Du von uns mit aller Gewalt ins Kloster willst, aber du bist doch noch mein liebes Kind, und wenn ich den Platz zu Haus ansehe, wo du gesessen hast, so bricht mir das Herz, dass du all dein Erspartes ausgeteilt und nun selbst große Not hast, ach du bist doch mein liebes Kind, siehe, da bringe ich einige Lebensmittel.«

Und die Tochter antwortet: »Gott vergelts, liebe Mutter, ja, ich habe selbst nichts mehr, es ist der heilige Wille Gottes gewesen, andre durch mich zu erhalten, er muss nun sorgen, ich habe ihm alles gegeben, er wird wohl wissen, wie er uns allen hilft.«38

Die zitierten Aussagen der Mutter und ihrer Tochter zeigen sehr deutlich den Charakter der beiden großen Frauen: Die Tochter ist ihrer Mutter würdig und umgekehrt.

Zwei weitere sehr sprechende Tatsachen seien an dieser Stelle berichtet, um das zur damaligen Zeit völlig anders geartete Beziehungsverhältnis zwischen Eltern und Kind zu kennzeichnen. Nachdem ihre Tochter 1813 schon durch ihre Wundmale ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden ist und selbst bettlägerig war, kommt ihre Mutter, um ihre Tochter zu besuchen. Das ist Anna Katharina sehr peinlich. Sie bittet daher ihre Freundin Clara Söntgen, bei dem Besuch dabei zu sein; diese zieht sich dann aber doch zurück und berichtet in einem Brief vom 2. Juni 1813 dem Generalvikar: »Vorgestern war der Emmerick ihre alte Mutter hier. – Emmerick wünschte, ich möchte da sein, wenn die Mutter käme; denn sie schämte sich vor ihrer Mutter … Gott hätte sie gebeten, damit ihre Mutter sie doch von der Sache nichts fragen möchte, weder die Wunden zu sehen begehren; und ihr Wunsch ist erfüllt worden.«

Auch ihre Freundin staunt über die Mutter der Emmerick. Sie schreibt nämlich weiter: »Das Benehmen dieser alten Frau ist zu bewundern.« – Nachdem man ihr gesagt habe, »sie könne sich über ihre Tochter freuen«, da habe sie geantwortet: »Davon könnte man noch nichts sagen, so lange der Mensch noch im Fleische wäre, dürfte man darauf keinen Wert setzen.«39

Die weitere Tatsache: Die Mutter hatte schon früh die besondere Begabung ihrer Tochter erkannt; aus erzieherischen Gründen aber meinte die Mutter, eher streng sein zu sollen. Der Arzt Dr. Wesener erfuhr das so von ihr: »Ich habe die alte Frau in ihrer letzten Krankheit behandelt, und sie hat mir oft mit Tränen gestanden, dass sie in dieser ihrer Tochter schon früh etwas Außerordentliches gesehen habe, dass sie selbe sehr geliebt habe, aber ihr doch hart zugewesen sei, weil sie als älteste Tochter ihre einzige Stütze habe sein müssen; sie wisse sich aber keines einzigen Verdrusses, den sie ihr vorsätzlich gemacht, zu erinnern; mit ihren andern Kindern wär es ihr nicht so gut gegangen.«40

Die offenen Worte der Mutter belegen deutlich die gute Beziehung zu ihrer Tochter. Das wertvolle, weil voll glaubwürdige Zeugnis des Arztes wird einerseits bestätigt, andererseits variiert, durch Clemens Brentano, der in den »Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken«, der sog. Anna Katharina Emmerick-Biographie, sie selbst so sprechen lässt, sie sei durch ihre »bedeutende Verschiedenheit von andern Kindern« der Mutter ein Rätsel geworden.41 Und einige Seiten weiter – beim Lesen merkt man deutlich die redaktionelle Überarbeitung Brentanos – sagt Emmerick von sich: »Weil mich nun meine Eltern oft schmähten und nie lobten, ich aber doch andere Kinder von ihren Eltern loben hörte, so hielt ich mich für das schlechteste Kind in der Welt, und mir ward sehr bange, dass ich so übel bei Gott stehen möge.«42

Die Unsicherheit der Eltern, mit ihrem sehr begabten und sehr temperamentvollen Kind richtig umzugehen, überträgt sich auf Anna Katharina, die nach Brentano ihren »Gemütszustand« so bezeugt: »Weil ich nun nicht von allem meinem innern Leid Rechenschaft geben konnte, oder wenn ich es zu tun versuchte, den Meinigen ganz unverständlich ward, so ward ich oft von ihnen geschmäht und für eigensinnig gehalten. In diesen abwechselnden Gemütsleiden und auch manchen großen innern Freuden ward meine äußerliche Erscheinung sehr wandelbar, bald erschien ich als ein gesundes, starkes Kind und bald war ich wieder ganz abgezehrt, wodurch ich meinen Eltern noch rätselhafter ward. Ich hörte sie oft besorgt zueinander sagen, was wird nur mit der Dirne werden.«43

Brentano, der selbst eine schwere Kindheit durchlebt hatte, nachdem seine Mutter so früh verstorben war, hat sich, wie wir sehen, offensichtlich gut in die schwierige Gemütslage Anna Katharinas hineinversetzt und diese nach dem Erzählen Emmericks (in plattdeutscher Sprache) in eigene Vokabeln übersetzt.

Beide Eltern also machen sich Sorgen um die Entwicklung ihres Kindes. Über den Vater gibt es nur wenig authentische Zeugnisse. In den genannten Biographien wird das Vater-Tochter-Verhältnis oft verherrlicht und romantisiert. Sehr oft wird folgende kleine Geschichte wiedergegeben, die mir durchaus sehr glaubwürdig erscheint und ein sehr eindringliches Schlaglicht auf die frühe Visionsgabe Anna Katharinas, aber auch auf die Vater-Tochter-Beziehung und auf die starke Rührung und Verunsicherung des Vaters wirft.

Anna Katharina berichtet unter dem Abschnitt: »Kind. Frühe Gesichte« nach Brentano:

»Ich hatte die Gesichte von den Begebenheiten des Alten und Neuen Testamentes so frühe, dass ich mich wohl erinnere, wie mein Vater am Feuer sitzend mich als ein kleines Mädchen zwischen seine Knie nahm und zu mir sagte: Anntrienken, nu bist du in mien Kämmerken, nu vertell mi wat; da erzählte ich ihm nun ganz lebhaft und deutlich allerlei biblische Geschichten, und da er gar nie dergleichen und auf diese Weise je gehört noch gesehen, weinte er, dass die dicken Tropfen auf mich niederfielen, und sagte: Kind, wu her heffst du dat? Da sagte ich ihm, Vater, das ist ja so, das seh ich ja so. Da wurde er still und sagte nichts mehr.«44

3. Anna Katharinas weitere Kinder- und Jugendjahre. Ihre religiös-sittliche Entwicklung

Durch die gerade geschilderte Situation ihres Elternhauses bedingt, wird Anna Katharina zu früher Selbstständigkeit und zu ganz eigen ausgeprägter Religiosität erzogen. »Schon früh brachte sie in dürrer Heide manche Stunde und auch manche halbe Nacht auf den Knien im Gebete zu, und schon als zartes Kind hatte sie die schönsten allegorischen Träume und wahre Visionen aus dem Leben Christi«, so berichtet Dr. Wesener.45

Eine Art Schule – die Lehrer waren oft Tagelöhner – besuchte sie nur vier Monate. Nach Bekanntwerden der Stigmatisation berichtet die Freundin Clara Söntgen am 7. April 1813 dem Generalvikar auf dessen Bitte hin: »Sie hat sich in der Schule schon zwischen allen übrigen Kindern an Verstande so ausgezeichnet, dass der Magister oft zu ihren Eltern gesagt hat, er könne ihr keine Frage tun, die sie ihm nicht beantwortete.«

Nach der ganz kurzen Schulzeit habe sie sich das »Übrige … in Nebenstunden und wenn sie das Vieh gehütet hat, erworben. Wenn andere Kinder gespielt haben, hat sie sich in ein Eckchen mit einem Buche gesetzt.«

Mit andern Worten: Anna Katharina hat sich von Anfang an selbst fortgebildet. Nachdem sie größer geworden, habe sie die schwersten Arbeiten mittun müssen; nachdem ihre Eltern zu Bett gegangen seien, habe sie sich »in die Stube heimlich geschlichen und mit Lesung geistlicher Bücher zugebracht«. Ihre Eltern seien oft aufgestanden und hätten ihr »befohlen«, ins Bett zu gehen. – So berichtet die um zehn Jahre jüngere Jugendfreundin offensichtlich aus dem Erzählen Anna Katharinas.46

Die Angaben Söntgens werden bestätigt durch die Aufzeichnungen Overbergs, der beim Besuch am 7./8. April 1813 von ihr selbst erfährt: »Als sie in die Schule gegangen, hätte sie oft kleine Endchen Licht von ihren Eltern weggenommen, welche sie, wann die andern wären schlafen gegangen, angezündet und sich damit in ein Eckchen gesetzt, um zu lesen oder zu beten.«47

Alle Quellen bezeugen immer wieder ihre ursprüngliche Religiosität und Gottessehnsucht, die sich im Gebet konkretisieren. Offensichtlich spielten am Anfang auch jene im Elternhaus hervorgerufene Angst und Unsicherheit, ja eine frühe kindliche Gottesfurcht eine große Rolle. Overberg fragt bei dem schon eben genannten Besuch nach ihren ganz frühen Gesinnungen – Overberg ist an erster Stelle Pädagoge und Seelenführer:

Emmerick: »Dass ich Gott oft bat, er möchte mich sterben lassen.« Overberg: »O warum denn das?«

Emmerick: »Weil ich gehört habe, dass man, wenn man groß würde, Gott oft mit vielen Sünden beleidigte.«48

Die Deutung dieser Stelle würde ich gern den Psychologen und Erforschern der frühkindlichen Psyche überlassen. Emmerick beklagt später selbst, dass sie Gott zunächst nur aus Angst, später erst aus Liebe geliebt habe; d. h. erst im Laufe ihrer religiösen und menschlichen Entwicklung entdeckt sie den gütigen Gott.

Beim dritten Besuch Overbergs vom 20.–23. April 1813 – wir sehen, wie genau er das Seelenleben Anna Katharinas zu analysieren versucht – verstärkt sie noch die oben angeführten Sätze. »Sie hätte wohl gedacht, wenn sie aus dem Hause gegangen: Möchtest du doch gleich tot vor der Türe niederfallen, so beleidigst du Gott nicht.«

Dann aber merkt sie selbst an, »dass sie damals die Sünde so gescheuet hätte aus Furcht, nicht in den Himmel zu kommen, noch nicht aus rechter Liebe zu Gott.« – Inzwischen hat Anna Katharina ein völlig anderes Gottesbild, worauf später zurückzukommen sein wird. Es bestätigt sich auch die oben von mir beschriebene Beobachtung, dass die Furcht des Kleinkindes auf die Erziehungshaltung der Eltern zurückgeht. Auf Rat der Eltern sei sie oft beim Spaziergang mit anderen Kindern entweder vorausgegangen oder zurückgeblieben. »Ihre Eltern hätten sie auch hierzu ermahnt und hätten ihr gesagt, dass sie bald um dies, bald um das auf dem Wege beten sollte.«49

Schon sehr früh: im siebten Lebensjahr um Ostern ging Anna Katharina zur ersten Beichte, erst im zwölften Jahre zur Erstkommunion. Wen von uns wundert es, wenn bei einer derart skrupulösen Haltung die erste Beichte dramatisch ablief. Das Kind glaubte, »eine Todsünde begangen zu haben; weinte im Beichtstuhle so, dass der Beichtvater sie kaum beruhigen konnte. Ihre Sünde aber war weiter nichts, als dass sie sich einmal mit einem andern Kinde gezankt hatte.«50

Herrn Regens und Dechant Overberg, den der Generalvikar Droste zu Vischering gleich zur ersten Untersuchung nach Dülmen mitgebracht hatte, schenkt Anna Katharina Emmerick ihr vollstes Vertrauen. »Ich sah Sie so innerlich«, sagte sie gleich beim ersten Besuch am 28. und 29. März 1813. – Und Overberg fügt hinzu: »Sie war deswegen auch gleich so zutraulich, als wenn wir schon lange miteinander bekannt gewesen wären.«51 Offensichtlich erkennt Emmerick auch die Kompetenz des wirklichen und erfahrenen Seelenführers an.

Herrn Overberg berichtet sie auch von dem, was in der damaligen Sprache »Mortifikation«, also Abtötung genannt wird, eine in der Geschichte des geistlichen Lebens sehr bekannte asketische Maßnahme, wie auch immer wir heute dazu stehen mögen.

Vor der ersten hl. Kommunion, so berichtet Emmerick Overberg im dritten Gespräch, habe sie angefangen, sich »abzutöten«, aber erst nach der Erstkommunion recht danach gestrebt. Und Emmerick stellt auch jetzt mit neununddreißig Jahren fest: »Mortifikation wäre absolut nötig.«52 – Da fragt Overberg, wie sie sich abtöte. Auf Nachfragen seinerseits gibt die Emmerick Auskunft:

Sie tötet ihre Sinne ab. Nimmt Augen, Ohren, Zunge, das innere Gefühl in Zucht. Vieles klingt für uns sehr befremdlich, wenn sie z. B. sagt: »Sie hätte sich oft mit Nesseln gebrannt, hätte lange auf einem doppelten Kreuze von Holz geschlafen.« Anderes wird für uns viel verständlicher, klingt sogar sympathisch, wenn sie das Hauptaugenmerk des Kampfes um die vierte Kardinaltugend »Zucht und Maß« auf ihre geistliche innere Verfassung bezieht. Sie sagt: »Sie sei von Jugend auf hitzig und eigensinnig gewesen; wäre auch darüber von ihren Eltern bestraft worden. Die Abtötung des Eigensinnes hätte ihr am meisten gekostet.«53

Die genaue Untersuchung der geistig-seelischen Umstände, vor allem ihrer inneren religiösen Entwicklung durch Overberg zielte gewiss darauf ab, dem sehr erstaunlichen Phänomen der Stigmatisation auf die Spur zu kommen. So zielt seine Hauptfrage darauf ab, ob Anna Katharina aus Abtötungsbedürfnis oder evtl. fehlgeleiteter Frömmigkeit gar die Wundmale sich ersehnt habe.

Hier ist ihre Antwort klar und eindeutig: »Sie erzählte mir (doch erst, nachdem ich sie gefragt und versichert, dass ich nicht aus Neugierde, sondern zur Ehre Gottes fragte), sie hätte Gott gebeten, Er möchte ihr sein Leiden mitempfinden lassen, aber nie um die äußerlichen Male.«

Und Emmerick fügt sogar hinzu: »Dass Gott ihr diese gegeben, darüber hätte sie sich mehrmalen gegen Gott beklagt, hätte aber keinen Trost erhalten.«54 Wir werden später darauf zurückkommen!

Obwohl Anna Katharina schon früh den Kontakt zu Priestern und Beichtvätern gesucht hat, so ist sie doch in ihrer Kindheit und frühen Jugend weitgehend ohne geistliche Führung aufgewachsen. So wird ihre Äußerung zu Overberg beim zweiten Besuch im April 1813 verständlich, da sie bekennt: »Sie hätte, ehe sie ins Kloster gegangen, viel mehr Strengheiten gebraucht als nachher; hätte da noch nicht gewusst, dass man dies ohne Erlaubnis des Beichtvaters nicht tun dürfte.«55

Aus heutiger Sicht hat sich Anna Katharina bei ihrer schwachen körperlichen Konstitution sicher zuviel zugemutet; vielleicht sogar den Anfang von manchen gesundheitlichen Schäden schon früh grundgelegt.

Bisher haben wir noch zu wenig betont, dass ihr Verzicht nicht nur religiöse Ursachen hatte, sondern schon ganz früh aus sehr lebhafter Liebe zu den Armen erwuchs. »Ich habe von Kind auf nicht wiederstehen können, alles, was ich nur irgend vermochte, den Notleidenden zu geben. Ich rief als Kind die Hungernden an: warte, ich will dir Brot zu Hause holen, und holte es ihnen. Meine Mutter sah es wohl zuweilen, sagte aber nichts Besonderes darüber. Ich aß aber, um mich abzutöten, morgens und abends nur sehr wenig und brach mir mittags immer etwas an der vollen Sättigung ab, und dachte dabei: das spare ich dir, lieber Gott, gib es den Armen, die es am nötigsten haben.«56 In fast klassischer Form sehen wir hier bei Anna Katharina schon ganz früh die Motivationen Nächstenliebe und Gottesliebe ineinander verschränkt.

Wir haben oben das heutige Empfinden von Befremdung gegenüber der krassen Form von »Abtötung« bei Anna Katharina ausgesprochen. Doch dürfen wir auch nicht ihre geistliche Erfahrung verschweigen: »Erst als ich mich der Enthaltung und Abtötung befliss, erwachte die rechte Liebe Gottes in mir, so dass ich sagen konnte: Wenn auch kein Himmel und keine Hölle und kein Fegefeuer wäre, wollte ich dich doch von Herzen über alles lieben.«57 – Aus dieser Äußerung ersehen wir zugleich, wie das Gottesbild sich vom strafenden zum liebenden Gott entwickelt hat, auch gerade durch das, was man früher mit dem Ausdruck »Abtötung« bezeichnete. Emmerick bei Brentano: »Ich habe mich fest überzeugt; dass dieses Bestreben durchaus notwendig ist, wenn man sich Gott ganz ergeben will.« Sie fügt hinzu: »Ich kann nicht sagen, wer mich darin unterrichtet, außer die Liebe zu Jesus.«58

In das bisher gewonnene Bild einer strengen sittlichen Bemühung passt ihre Äußerung zur Entwicklung auf sexuellem Gebiet. Overberg: »Mir sagte sie, sie hätte auch wohl Reize zur Unkeuschheit gehabt. Gott hätte sie aber so bewahrt, dass sie noch nie nötig gehabt, sich in der Beichte darüber anzuklagen.«59

4. Emmericks Ausbildungszeit als Magd auf dem Bauernhof und als Schneiderlehrling. Ihr Klosterwunsch

Erst im zwölften Lebensjahr ging Anna Katharina zur Erstkommunion.60 Sehr bald danach »nach ihrem zwölften Lebensjahr«, wie P. Adam schreibt61, begann sie auf dem benachbarten Bauernhof Emmerick zu arbeiten. Sie schlief auch dort. »Ihre Eltern hätten«, sagte sie zu Overberg bei dessen vierten Besuch, »es auch gewollt, dass sie viel da sein sollte, um mehr unter Menschen zu sein, weil sie ihr vieles Stillsein für nicht gut angesehen hätten.« Diese Äußerung ist sehr bezeichnend. Drei Jahre also sei sie bei ihren Verwandten »beständig« geblieben.62

Mit 15 Jahren holten ihre Eltern sie zurück. »Alle Arbeit ging ihr, ihres schwachen Körperbaus ungeachtet, ganz flink und vortrefflich von der Hand, weshalb die Mutter, die mit einem kränklichen Manne und zwei rachitischen Kindern unbeschreiblich viel Elend litt, sie auch noch nicht von sich lassen wollte.«63

Trotzdem begann Anna Katharina in diesem Alter eine Lehre, um Schneiderin zu werden, wie ihre Lehrmeisterin Elisabeth Krabbe bei einer Vernehmung bezeugt: Sie kenne Anna Katharina, seit sie zwölf Jahre alt war »und von da, als sie 15 Jahre alt war, zu mir kam und das Nähen lernte«. Keine volle zwei Jahre sei sie bei ihr gewesen; »denn sie wurde krank, und nach ihrer noch nicht völligen Besserung ging sie nach Coesfeld, wo sie blieb«64.

Anders als ihre Meisterin behauptet Anna Katharina Emmerick in Dr. Raves Untersuchungsprotokoll vom 18./19. Februar 1819, dass sie bis zu ihrem »Eintritt ins Kloster immer gesund gewesen« sei und auch seit dem 13. Lebensjahr die monatliche Regel gehabt habe.65

Wie wir schon oben in einem andern Zusammenhang hörten, wurden dem jungen Mädchen, das sehr arbeitsam und freundlich war66, mit 16 oder 17 Jahren Heiratsanträge gemacht. Aber einerseits wollte die Mutter sie noch nicht fortlassen, wie wir hörten; andererseits verfolgte Anna Katharina ein ganz anderes Lebensziel.

Der Wunsch, einmal ins Kloster zu gehen, geht offensichtlich schon bis in ihre Kindheit zurück. »Sie erinnere sich«, sagt sie am 8. September 1814, also an ihrem vierzigsten Geburtstag, zu Dr. Wesener, »von ihrem dritten Jahre an das meiste, was ihr als Kind widerfahren sei, immer aber habe ihr das einsame, contemplative Leben als das schönste, einzige Ziel aller ihrer irdischen Wünsche vorgeschwebt.«67 Die Neigung zu Einsamkeit und Kontemplation zeigt sich auch in ihrem ständigen Bemühen, schon als Kind sich zurückzuziehen, zu lesen, zu beten, sich abzutöten, wie wir oben gesehen haben. Die Eltern beobachteten das mit Sorge. In der Pubertät wird nun diese Neigung, und wohl auch Eignung von einem ausdrücklichen Berufungserlebnis geprägt.

Im gleichen Gespräch erzählt sie Dr. Wesener: »Als sie ungefähr 16 Jahre alt gewesen, sei ihr einst auf dem Felde unter ihren Geschwistern und Mitarbeitern etwas widerfahren, welches ihre Herzensneigung ihren Eltern völlig verraten habe.« An einem Nachmittag gegen drei Uhr hörte sie die Glocke eines Klosters in Coesfeld läuten, was bei günstigem Wind möglich war. Schon oft hatte sie das Läuten gehört. »Aber dieses Mal wandelte sie ein so unbeschreibliches, wunderbares Gefühl an, dass die Arbeiter ihr zu Hilfe eilen wollten, indem sie einer Ohnmacht nahe war. Es sei ihr vorgekommen, als wenn ihr einer zurief: Du musst ins Kloster, es gehe auch, wie es wolle!«68

Von jetzt an steht ihr innerer Entschluss fest. Aber jetzt beginnen erst recht die Kämpfe und Auseinandersetzungen, ihre Berufung und ihren Willen wirklich durchzusetzen. Und zwar hat Anna Katharina, was für eine echte Berufung überhaupt typisch ist, einen doppelten Kampf zu bestehen: den ersteren in sich selber; den zweiten mit ihren Eltern und mit den äußeren Bedingungen, überhaupt das rechte Kloster zu finden.

Trotz ihres inneren Entschlusses, oder dürfen wir sogar sagen, wegen der inneren Überzeugung wird ihr Wille in den kommenden Jahren auf eine harte Probe gestellt. Es war klar, sie hätte heiraten können. Sie sah gut aus, kleidete sich gern entsprechend. Noch zu Overberg sagt sie am 20. April 1813: »Sich reinlich und ordentlich kleiden, ist auch gut für die Seele.« Das klingt fast wie eine Entschuldigung! Denn Overberg hatte gefragt: »Ob sie wohl eitel in der Kleidung gewesen.«69 Ihre Meisterin Elisabeth Krabbe übt sogar eine gewisse Kritik an Anna Katharina; in der oben zitierten Vernehmung wird die Meisterin u. a. auch gefragt: »Hat sie an selber (Anna Katharina) wohl was zu tadeln bemerkt?« Und interessanterweise lautet ihre Antwort: »Nein, als dass sie gern in ihrer Kleidung fein war, und empfindlich, wenn sie es nicht so hatte, wie die übrigen. (Vielleicht wegen ihrer Armut!). Sonst gar nichts.«70

Uns scheint, Anna Katharina wird uns eher dadurch sympathischer, dass die zitierten Quellen sie als ein ehrgeiziges natürliches Mädchen schildern, voller Temperament.71 In dem geschilderten Zusammenhang wird es uns jetzt verständlicher, wenn Anna Katharina ihrem außerordentlichen Beichtvater Overberg am 21. April 1813 gesteht: »In diesen drei Jahren (vom 17. Lebensjahr bis zum zwanzigsten) hätte sie schreckliche Versuchungen gehabt zur Eitelkeit und zu den Gesellschaften junger Mannspersonen.«72

Und wieder spricht sie von ihrer Kleidung. Sie ist ja schließlich auch Näherin; aber nicht nur das. Sie ist in diesen Jahren hin- und hergerissen zwischen ihrer tief angelegten, nicht anerzogenen Religiosität und ihrem Erwachen zur attraktiven jungen Frau. Etwas beschwichtigend klingt darum das Bekenntnis: »Sie hätte sich darum aber nicht anders gekleidet; hätte sich auch nicht der Welt wegen gut kleiden wollen und hätte sich deswegen ebenso gut gekleidet, wenn sie im Finstern zur Kirche gegangen, um zu kommunizieren wie bei Tage.«73 Sie wäre aber ungern zu Gesellschaften gegangen; die Eltern hätten das gewollt. Einmal habe sie sich von anderen Mädchen mitziehen lassen; »hätte auch da wohl singen und tanzen müssen. Das wäre ihr aber so zuwider gewesen, dass sie heimlich dabei geweint hätte.«74 Hier meldet sich wieder der andere Pol, ihre innerste Berufung. Offensichtlich gelingt es ihr nicht, beide Pole: das innere Ja zu ihrer Berufung und das Ja zur »Welt«, wie sie sagt, zu verbinden, was sicher auch sehr schwer ist.

Hinzu kommt eine hinter allem zuvor Gesagten noch gravierendere Tatsache, die man so ohne weiteres bei der Emmerick kaum vermutet hätte, wenigstens nicht nach traditionellem Verständnis. Emmerick sagt Overberg in allem Freimut: »Vom 17. Jahre ihres Alters bis zum 20. hätte sie zu allen gottesdienstlichen Handlungen und hl. Übungen, die zuvor ihre größte Freude gewesen, sich mit Gewalt zwingen müssen, so widerlich wären sie ihr gewesen.«75 Die Reserve zur Liturgie und Frömmigkeitsformen der Kirche dürfte von vielen Jugendlichen heute entsprechend geteilt werden. Erstaunlicherweise kann Anna Katharina ehrlich über ihre religiösen Erfahrungen sprechen, auch über ihre Entfremdung, die so gar nicht zum traditionellen Emmerickbild zu passen scheint.

Doch es gehört eben auch zu ihr, dass sie nicht aufgibt, was heute viele in dergleichen Situation tun. »Sie hätte dieselben (die religiösen Handlungen) doch fortgesetzt, hätte wohl einige Mal weniger kommuniziert, weil sie geglaubt, so oft nicht kommunizieren zu dürfen.« Anna Katharina hat ein hoch sensibles Gewissen, und ihr Durchhalten wird belohnt. »Im 21. Jahr wäre ihre Freude an den gottesdienstlichen Handlungen zurückgekommen.«76

»Da hätte sie gern eine Trappistin werden wollen und wäre heimlich nach Darfeld77 gegangen, darum anzuhalten.«78 Kaum hat sie ihre religiöse Identität wiedergewonnen und die Klarheit über ihren inneren und äußeren Weg, schon wird sie selbstständig aktiv, was für Temperament, Durchsetzungskraft und große Ichstärke spricht; Eigenschaften, die bisher zu selten bei Emmerick herausgestellt wurden.79 Sogar ihr Beichtvater muss sie »bremsen«. »Ihr Beichtvater hätte dies (Trappistin zu werden) ihrer Schwäche wegen abgeraten und ihr versprochen, ihr zu Münster ins Klarissenkloster zu helfen.«80 Der Trappistenorden schien dem Beichtvater wegen der körperlichen Zartheit der Emmerick zu streng.

5. Die zwanziger Jahre der Emmerick bis zum Klostereintritt

Am 22. Juni 1796 empfing Anna Katharina durch Weihbischof Kaspar Max Droste zu Vischering, den Bruder des Generalvikars, das Sakrament der Firmung. Lange war dieses Sakrament, das heute viel früher gespendet wird, wegen der kirchenpolitischen Umstände nicht erteilt worden.81

Offensichtlich bedeutet die hl. Firmung in der damaligen Lebenssituation der schwierigen Suche nach einem Klosterplatz für Anna Katharina eine große Stärkung und Ermunterung im erwachsenen Alter von zweiundzwanzig Jahren. Seit der Zeit war die Bitte um den Gottesgeist, besonders in der Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten für sie ihr bleibendes Anliegen des Gebetes, ja einer eindringlichen Betrachtung. Ihre Freundin Clara Söntgen berichtet: »Sie hat mir mal erzählt, dass sie von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten immer eine innerliche Betrachtung gehalten hätte, sie wäre mit den Jüngern in einem Saale versammelt.« Wir sehen, Emmerick ist in ihrem religiösen Bewusstsein nicht wenig selbstbewusst! – Söntgen fährt fort: »Dieses hätte sie auch schon, ehe sie ins Kloster gegangen wäre, getan; auch während dieser Zeit hätte sie denn mehrmals die hl. Kommunion empfangen. In dieser Zeit war sie oft so in Gedanken, dass ich sie, weil ich neben ihr an der Tafel saß, anstoßen musste, damit sie aß.«82 – In diesem Zusammenhang wird es verständlicher, dass Anna Katharina die sog. kirchliche Untersuchung im Jahre 1813 nicht in der Zeit vor Pfingsten zulassen wollte. Obwohl sie grundsätzlich der kirchlichen Obrigkeit gehorsam war, erstaunlich gehorsam, scheute sie sich nicht, sogar gegenüber dem Generalvikar, ganz persönliche religiöse und geistliche Gründe ins Feld zu führen.

Nachdem Anna Katharina Emmerick innerlich mit sich im reinen ist, also den inneren Kampf bestanden und den Klosterwunsch klar als Lebensziel vor Augen, muss sie eine zweite Auseinandersetzung »bestehen«, den Kampf mit ihren Eltern. Für die näheren Umstände und Motivationen dieser Auseinandersetzung lassen wir gern Dr. Wesener das Wort, der in seiner »Kurzgedrängten Geschichte« die Situation so zusammenfasst: »Als sich einige Jahre später (gerechnet nach dem 17. Lebensjahr) eine sehr vorteilhafte Partie für sie darbot und ihre Eltern nun durchaus ihre bestimmte Erklärung darüber verlangten, gestand sie, dass sie sich fest vorgenommen habe, in ein Kloster zu gehen.«

»Die Mutter, über das Entgehen des anscheinenden Vorteils, der Vater aber über die Kosten, die ihre Aufnahme in ein Kloster verursachen würde, entrüstet, fuhren sie heftig an.« Und dann folgt jenes oft in der Literatur zitierte harte Wort des Vaters: »Lieber wollt ich dein Begräbnis als deine Aussteuer für das Kloster bezahlen.«83

Anna Katharina macht sich ihren Entschluss nicht leicht, noch weniger die Auseinandersetzung mit ihren Eltern. Daher berät sie sich mit ihrem Beichtvater in Coesfeld, P. Reckers, bei dem sie drei bis vier Jahre vor Eintritt ins Kloster beichtete und ihn außerdem aufsuchte, »um in einen Orden zu kommen und sich bei diesem Geschäfte seinen Rat und seine Beihilfe auszubitten«84. Sie konsultiert auch ihren Pfarrer. »Beide hätten ihr gesagt: Wenn sie keine Brüder und Schwestern hätte, die für ihre Eltern sorgen könnten, so müsste sie wider den Willen derselben nicht ins Kloster gehen, nun aber, da ihre Eltern mehrere Kinder hätten, behielte sie hierin ihre Freiheit.« So berichtet Emmerick später Overberg, und sie fügt hinzu: »Sie wäre also standhaft in ihrem Vorsatz geblieben.«85

Erst nach der Profess, ein Jahr nach ihrem Eintritt in Dülmen (1802), löste sich der Konflikt. Da »wären die Eltern ihr wieder gut geworden. Vater und Bruder wären zu ihr nach Dülmen gekommen und hätten ihr zwei Stücke Leinen gebracht.«86 Aber wir greifen vor.

Jeder von uns kann sich vorstellen, welche innere Stärke und Durchhaltekraft die zartbesaitete Emmerick aufbringen musste, um ihrem Lebensziel näher zu kommen. Offensichtlich sahen die Eltern auch sehr realistisch, dass eine arme Kötterstochter in einem Kloster nur wenig soziale Anerkennung finden würde, was sich noch zeigen wird. Zunächst bemüht sich Anna Katharina um eine regelrechte Aussteuer für einen möglichen Klostereintritt. Wesener: »Sie spann nun fast Tag und Nacht und hoffte sich dadurch soviel Leinwand zu erzielen, womit sie die Kosten der Aufnahme in ein Kloster decken könnte. Sodann bat sie bei mehreren Klöstern um Aufnahme, wurde aber allemal abgewiesen.«87

Nach den inneren Klärungen und Kämpfen, nach den Auseinandersetzungen mit den Eltern erfolgt jetzt die schwierige Suche nach dem rechten Klosterplatz. Anna Katharina lässt sich nicht beirren. Bei aller Sensibilität hat sie einen sehr starken Willen und vor allem Durchhaltekraft. Darum weiß sie aus innerem Selbstbewusstsein heraus auch entsprechende Antworten zu geben. Zu ihrer Lehrbäuerin Frau Elisabeth Messing-Emmerick, die ihr ihren Wunsch, Nonne zu werden, ausreden wollte, sagte sie kurzerhand: »Davon müsst Ihr nicht sprechen, sonst bin ich eure Freundin nicht. Dies muss ich tun und will es tun.«88

Frau Gertrud Ahaus-Mört begleitete Anna Katharina zu den Clarissen nach Münster, wo jene zwei Anverwandte hatte. Ihre Begleiterin machte Anna Katharina darauf aufmerksam, dass in der betreffenden Zeit um die Jahrhundertwende, kurz vor der Säkularisation, die Klöster »ja jetzt allenthalben abgeschafft« würden; eine Bemerkung, die auch schlagartig die religiöse Athmosphäre jener Zeit kennzeichnet. Emmerick habe geantwortet: »Wenn sie nur in eins kommen könnte und auch wüsste, dass sie in acht Tagen in selbem aufgehängt würde, so müsste sie doch in ein Kloster. Und der strengste Orden wäre ihr der liebste.«89

Tatsächlich hatte ja Emmerick, wie wir schon oben hörten, zunächst versucht, bei dem strengen Orden der Trappisten in Rosendahl-Darfeld einzutreten. Sie blieb dort auch einige Tage zur Probe. Zwei Gründe sprachen dagegen. Der Beichtvater hatte ja abgeraten wegen ihrer zarten Gesundheit. Der zweite Grund ist für uns besonders interessant wegen der damaligen Beurteilung der Emmerick durch die Oberin. Eine Klosterchronik der Trappistinnen, die nur vorübergehend in Darfeld waren90, erzählt: Anna Katharina Emmerick wollte bei den Trappistinnen in Darfeld eintreten, wurde aber nicht angenommen, weil die ehrwürdige Mutter fürchtete, dass bei ihren außerordentlichen Seelen-Zuständen Unordnung in die Kommunität kommen könne.«91 Offenbar hatte die Oberin die besondere mystische Begabung der Emmerick erkannt, nahm aber zugleich wieder Abstand von ihr, wie es heißt, um der Klostergemeinschaft willen.

Clara Söntgen berichtet sogar von weiteren Versuchen, in Ahlen und Borken aufgenommen zu werden. »Allein, ein Bauernmädchen wollten sie nicht.«92 Aber Emmerick gibt nicht auf.

Bei den Klarissen in Münster bestand die Aussicht, als »Laienschwester« aufgenommen zu werden, wenn sie Orgel spielen könnte.93 Deswegen verschafft der Beichtvater der Emmerick eine Stelle bei dem Kantor Söntgen in Coesfeld, wo sie drei Jahre blieb, aber gerade nicht das gewünschte Ziel, Orgelspiel zu lernen, erreicht; sondern im Gegenteil sogar ihre Aussteuer einsetzte, um der großen Not der Familie zu wehren. Wesener: »In dem Hause des Organisten war solche Not und solcher Unfriede, dass sie alle ihre Leibes- und Seelenkräfte anwenden musste, um beiden zu steuern; ja ihre schöne Leinwand (sie hatte sich bereits neun Stücke erzielt) musste Hunger und Blößen decken und ihr Kredit die andringenden Gläubiger abwehren.«94

Hier zeigt sich uns wieder überdeutlich, wie Anna Katharina Emmerick zur praktischen Nächstenliebe im Hier und Heute bereit ist und darüber sogar fast sträflich ihre eigenen legitimen Lebensziele hintansetzt. Immerhin schließt sie Freundschaft mit der über zehn Jahre jüngeren Tochter Clara, die wir inzwischen schon oft als Erstzeugin zitierten, und begeistert sie für den Klosterberuf.

Als Clara im Kloster Agnetenberg zu Dülmen eine Stelle als Organistin angeboten wird, hat der Vater nun wirklich das Ehrgefühl, auch für Anna Katharina einzustehen: er hätte »diesen Engel des Friedens«, wie Wesener schreibt, zwar gerne bei sich behalten; »aber er musste der Dankbarkeit das Opfer bringen und versprach also dem Kloster in Dülmen seine Tochter mit dem Bedinge, wenn man auch seine Magd unentgeltlich mit aufnehmen wolle.«95

6. Emmericks Klosterjahre (1802–1812)

Anfang September 1802 zogen die beiden Mädchen im Kloster Agnetenberg zu Dülmen ein; Anna Katharina war eben 28 Jahre alt, Clara Söntgen 17 Jahre. Beide blieben in Freundschaft verbunden. Mit den beiden neu eingetretenen Schwestern wuchs die Gemeinschaft auf zehn Personen. Bis zur Aufhebung des Klosters im Jahre 1812 trat im Mai 1805 noch eine weitere Schwester ein.

Das Dülmener Kloster Agnetenberg war im Jahre 1457 vom Haus Niesing in Münster, auch Mariental genannt, auf Grund einer Schenkung gegründet worden. Unter den westfälischen Schwesternhäusern der sog. Schwestern vom gemeinsamen Leben, die nach der Ordensregel des hl. Augustinus lebten und von dem Bußprediger und Mystiker Gerhard Groote († 1384) ins Leben gerufen wurden, war das Haus Niesing in Münster in der Nähe der Servatii-Kirche das bedeutendste. Es war auch erst im Jahre 1444 gegründet worden. »Der bekannteste Vertreter der sog. Devotio moderna war Thomas von Kempen, der Verfasser des Büchleins von der ›Nachfolge Christi‹. Er gehörte zum Brüderhaus in Deventer und trat später in das Augustiner-Chorherrenstift Agnetenberg bei Zwolle ein. Hier starb er 1471 mit 91 Jahren.«96

Jetzt wird uns verständlicher, warum Anna Katharina gern in der »Nachfolge Christi« las, dem nach der Bibel am weitesten verbreiteten Buch geistlicher Tradition. Auch der Name »Agnetenberg« geht offensichtlich auf das berühmtere Kloster in Zwolle zurück. Das Dülmener Kloster lag an der alten Münsterstraße. Die Straße »Nonnengasse« und der »Nonnenturm« erinnern auch nach der Zerstörung Dülmens noch heute daran.97

Die kirchenrechtliche Stellung der Schwesternhäuser war zunächst ungeklärt. Darum nehmen die »Schwestern vom gemeinsamen Leben« die Augustinus-Regel an, legen die Ordensgelübde ab, richten die Klausur ein und tragen das Ordenskleid. So blieb nicht aus, dass sie Augustinerinnen genannt wurden. Anna Katharina verehrte demgemäß auch den hl. Augustinus als ihren Ordenspatron.

Das Dülmener Kloster Agnetenberg erlebte im Laufe seiner dreihun-dertfünfzig-jährigen Geschichte ein Auf und Ab. Schon im 18. Jahrhundert verarmte das Kloster mehr und mehr.98 Im Jahre 1792 »wurde der gesamte Unterricht für alle Mädchen (Dülmens) den Nonnen übertragen«99. In den letzten Jahren des Bestehens war dem Kloster sogar eine Behindertenanstalt angegliedert.100

Schwerer wog, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Anna Katharina Emmerick und Clara Söntgen in das Kloster eintraten, die sog. Klosterdisziplin merklich gesunken war. Wesener: »Der Geist der Eintracht und der schwesterlichen Liebe war damals, wie aus den meisten, so auch aus dem hiesigen Kloster gewichen, dagegen hatte der Geist der Zeit Egoismus und Ungebundenheit sich seiner bemächtigt.«101

Wegen der Armut sorgte das Kloster nur für zwei Mahlzeiten am Tag und nur für einen Teil der Bekleidung. Für den Rest mussten die Schwestern selbst aufkommen; zwei halbe Tage durften sie für sich selbst arbeiten. Anna Katharina machte von der Aufweichung der Klosterregel keinen Gebrauch. Das machte sie nicht gerade beliebter. Die Visitationsberichte der letzten Jahre rügen insbesondere Streitereien, Eifersucht, Cliquenwirtschaft.102

Jetzt musste Anna Katharina Emmerick sehr schmerzlich erfahren, dass sie ja nur auf Drängen des Kantors Söntgen mit aufgenommen worden war. Overberg berichtet im Klartext über die näheren Zusammenhänge in den »Notizen über spätere Besuche in Dülmen« aus dem Jahre 1815:

»Söntgens Vater hatte gewollt, dass sie beide beieinander bleiben und in dasselbe Kloster gehen sollten. Sie hatten aber lange keines finden können, wo man sie beide hätte aufnehmen wollen. Söntgen hätte man überall wohl haben wollen, aber, hätte man gesagt, die andere, die Bauerndirne, wollen wir nicht. Als Söntgens Vater erklärt hätte, dass seine Tochter auch nicht dableiben sollte, wenn sie die Emmerick nicht behalten wollen, hätte man sich halb gezwungen dazu entschlossen, diese zu behalten; Söntgen hätte sie gerne behalten wollen, weil sie die Orgel schlagen konnte. Dass sie die Emmerick halb gezwungen hätten behalten müssen, war der erste Grund zum Verstoße gewesen, der zweite, dass Emmerick nicht so viel an Leinen etc. brachte, als man erwartete. Diese hatte vieles davon an die Armen gegeben.«103

Overberg fasst die ungünstigen Ausgangsbedingungen im Kloster nach der Erzählung der Emmerick selbst noch einmal zusammen. So wird ihre menschlich-psychische Lage sehr deutlich und ebenso die spirituelle Verfassung des Klosters in Dülmen. Anna Katharina ist trotz allem glücklich, ihr Lebensziel erreicht zu haben.

Meisterhaft, dichterisch überhöht, lässt Brentano sie im »Lebensumriss der Erzählerin« sprechen: »Bei allen Schmerzen und Leiden war ich nie in meinem Innern so reich, ich war überglückselig. Ich hatte einen Stuhl ohne Sitz und einen Stuhl ohne Lehne in meiner Zelle, und sie war doch so voll und prächtig, dass mir oft der ganze Himmel darin zu sein schien.«104

Die »Schmerzen und Leiden« aber nehmen zu. Schon Ende des Jahres 1802 fällt sie in eine schwere Krankheit. Sogar ihre endgültige Aufnahme wird infrage gestellt. Sie konnte dann doch am 13. September 1803 ihre Profess ablegen, zu der, wie wir oben berichteten, der Vater und ihr ältester Bruder erschienen. Doch: »Das Register ihrer Krankheiten, die sie im Kloster ausgestanden, ist sehr lang. Kaum war sie von einer genesen, so ward sie von der andern befallen«, so der nüchterne Bericht des Arztes Dr. Wesener.105

Drei Jahre nach ihrem Eintritt ereignet sich ein Unfall, in dem ihr ein Korb voll nasser Wäsche auf den Unterleib fällt. Sie litt nach Meinung Dr. Weseners bis zum Lebensende an den Folgen. Dieser fügt aber auch hinzu: »Alle ihre Krankheiten hatten einen eigenen nervösen Anstrich« dem Arzt des Klosters, Dr. Krauthausen, seien die Zustände schon damals so »rätselhaft« gewesen, dass er ihn, Dr. Wesener, schon im Jahre 1806 zur Konsultation dazu gebeten habe.106

In den Tagen, da sie das Bett hüten musste, wurde sie von ihren Mitschwestern schlecht gepflegt. Genauso schwer wog für ihr Inneres, dass sie sich kaum von einer Mitschwester wirklich verstanden fühlte.

Trotzdem wurden ihr eine Menge Arbeiten im Kloster zugeteilt. Sie war Sakristanin, war zuständig für Waschen und Bügeln; ihr war die Aufsicht über die Arbeiten des Personals in Haus und Garten übertragen worden. Es ist für uns nicht unmittelbar verständlich, aber sicher zutreffend, wenn auch Dr. Wesener – ähnlich wie Brentano – über ihre Zeit im Kloster feststellt: »Sie tat alles mit Freuden, fand ihren Trost im Gebete und hat mich oft versichert, dass sie nie zufriedener als im Kloster gewesen sei.«107

Genauso schwer wie ihre Krankheiten und körperlichen Leiden wog für Anna Katharina ihre seelische Demütigung im Kloster, ihr Ungenügen an der Friedlosigkeit ihrer Mitschwestern, an der nicht eingehaltenen Regel, vor allem auch an der Nicht-Akzeptanz ihrer Person. Dechant Rensing fasst ihre äußere und innere Befindlichkeit gut zusammen in einem Brief an den Generalvikar Droste zu Vischering vom 25. März 1813: »Während ihres zehnjährigen Klosterlebens war sie fast anhaltend kränklich, oft auch wochenlang bettlägerig; was aber ihr Leiden noch vermehrte, war, dass sie von ihren Mitschwestern als eine fromme Schwärmerin verkannt und lieblos behandelt wurde, weil sie zuweilen oder vielmehr gewöhnlich in der Woche mehrmalen kommunizierte, öfter von der Seligkeit der Leidenden mit heiligem Enthusiasmus sprach, viel auf Nebenandachtsübungen hielt und sich dadurch von den andern zu sehr unterschied, mitunter auch ein Wörtchen von Visionen und Offenbarungen hatte fallen lassen.«108

Ihre psychische Lage kann uns auch als Außenstehenden nur allzu verständlich vorkommen. Pater Seller beschreibt als Ordensmann eindringlich ihr Befinden im Kloster, das Missverhältnis, das Anna Katharina Emmerick zwischen Klosterregel und dem Verhalten ihrer Mitschwestern empfinden musste. »Alles, was sie tat, wurde ihr für Heuchelei, Schmeichelei, für Hoffart und dergleichen angesehen, für Trägheit und Verstellung.«109

Anna Katharina berichtet später über die Art und Tatsache schwerer Demütigungen. Einmal wurde sie unberechtigterweise der Unwahrheit beschuldigt und verurteilt, vor dem versammelten Konvent, »jeder Nonne zu Füßen zu fallen und Abbitte zu tun, welches sie auch ohne Widerrede getan«109. Später stellte sich die Unwahrheit der Beschuldigung heraus. Das aber wurde im Konvent nicht mehr bekannt gemacht; weil »die Sache längst vorüber und vergessen sei«110.

Während sich Anna Katharina gut in die Gesinnung ihrer Mitschwestern hineinfühlen konnte, blieb sie ihnen oft ein »Rätsel«111; man hielt sie für »eine halbe Hexe«112. Anna Katharina war von dieser Situation so betroffen, dass sie oft weinte. Brentano berichtet in den »Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken«, dass ihre Tränen den Mitschwestern natürlich nicht verborgen blieben und sie darum erneut angeklagt wurde. Sie besprach das Motiv ihrer Tränen mit ihrem Beichtvater, der sie beruhigte, indem er ihr erklärte, dass sie »nicht aus Haß, sondern aus Mitleid um sie weine«113. »Gott schenkte ihr die Gabe der Tränen in hohem Maße«, so stellt Brentano zu Recht im »Lebensumriss der Erzählerin« fest.114

In ihrer äußersten Not wendet sich Anna Katharina an den gekreuzigten Herrn. Overberg und Brentano berichten beide über eine Reise nach Coesfeld, wo sie ihre Eltern besuchte und all ihre Sorgen an dem sehr ausdrucksstarken Kreuz in der Lamberti-Kirche, vor dem sie schon oft als Kind gebetet hatte, dem Heiland anvertraut. Es war vier Jahre vor Aufhebung des Klosters. »Da hätte sie einmal sehr lange (etwa ein paar Stunden) hinter dem Altar vor dem Kreuze in der Lamberti-Kirche gebetet, wäre sehr betrübt gewesen über die Beschaffenheit ihres Klosters, hätte gebeten, dass sie und ihre Mitschwestern ihre Fehler erkennen möchten, dass einmal Friede werde.«115

Das Gespräch mit Overberg fand zwischen dem 10. und 12. Mai 1813 statt. Er hatte Anna Katharina gefragt, wann sie die Schmerzen in den Händen und den Füßen bekommen habe. Da erinnert sie sich an diese Reise und an ihr Gebet vor dem »Coesfelder Kreuz«116 und fährt fort: »Auch hätte sie gebeten, dass Christus alle seine Leiden ihr möchte mitempfinden lassen. Von der Zeit an hätte sie immer die Schmerzen und das Brennen gehabt. Sie hätte gemeint, ein beständiges Fieber zu haben und dass hiervon der Schmerz herkäme. Oft wäre ihr auch der Gedanke gekommen, dass es wohl Erhörung ihrer Bitte sein sollte. Diesen Gedanken hätte sie aber suchen auszuschlagen, weil sie gedacht hätte, der Gnade wäre sie nicht würdig.«117

Die oben dargelegte und von Anna Katharina durchlittene Situation im Kloster ist also eine der Ursachen für die Wundmale; nicht unmittelbar, sondern indem sie zugleich ihr Leiden mit dem Leiden Jesu vereinigt. Sie fühlt, dass sie für ihre Mitschwestern mit Jesus zusammen leidet; wagt aber in aller Bescheidenheit kaum anzunehmen, dass ihre Bitte sogar Erhörung bei Gott findet.

Anna Katharina Emmerick erfährt in ihren Klosterjahren aber auch sehr deutlich menschlichen Trost und Beistand, verbunden mit geistlicher Hilfe, ja gründlicher spiritueller Anregung durch den Kontakt mit mehreren Priestern, die anders als ihre Mitschwestern ihre außerordentliche Existenz würdigen können. Diese Seite ist in den verschiedenen Biographien bisher kaum berücksichtigt worden.

Der Hausgeistliche des Klosters, Jean Martin Lambert (1753–1821), der wegen Verweigerung des Eides auf die französische Konstitution sein Vikariat bei Amiens verlassen musste und in die Diözese Münster emigrierte, fand durch den damaligen Generalvikar Fürstenberg, der sich sehr stark der Asyl suchenden französischen Geistlichen angenommen hatte, ein Unterkommen als Beichtvater des Herzogs von Croy. Er lernte Anna Katharina als Sakristeischwester kennen und wusste ihre menschliche und geistliche Qualität richtig einzuschätzen. Ganz bewusst stellt Dechant Rensing bei der späteren Vernehmung der Mitschwestern ihnen folgende Frage: »Was urteilte und sagte man wohl im Kloster über ihre freundschaftliche Verbindung mit dem Herrn Lambert?«118

Die ehemalige Oberin Franziska Hackebram antwortet sehr bestimmt: »Nichts Übles; aber unsere Mitschwestern waren unzufrieden, dass er sie immer uns allen vorzog.«119 Schwester Anna Maria Böhmer sagt: »Dass Herr Lambert sich zu sehr für sie interessierte, gab zu vielem Gerede im Kloster Anlass; jedoch hat man über diese Verbindung nie einen Verdacht geäußert, der dem unbefleckten Rufe geistlicher Personen nur im geringsten nachteilig wäre.«120

Auf Grund der gegebenen Antworten kann sich jeder Leser nun die Art von Gerüchten im Kloster vorstellen und evtl. auch außerhalb, nachdem Abbé Lambert die Schwester Emmerick als Haushälterin zu sich nimmt und später sogar in den Verdacht gerät, wenigstens von Seiten des Landrates bei der staatlichen Untersuchung 1819, die Wundmale verursacht zu haben. Dieser Verdacht wird aber strengstens vom Generalvikar Droste und vom Bürgermeister Dülmens, Möllmann, zurückgewiesen. »Lambert stand in Dülmen in bestem Ansehen und allgemeiner Achtung«, so fasst der Herausgeber der Akten, P. Hümpfner, den Befund zusammen.121

Lambert übt aber ungeachtet ihrer Freundschaft auch Kritik an Schwester Emmerick. Ihr Beichtvater, P. Limberg, hatte ihr empfohlen, häufiger zu kommunizieren, und, um weniger Aufsehen zu erregen, schon früh am Morgen. Einmal, so erzählt Anna Katharina später dem Overberg, wäre sie so früh erschienen: schon kurz nach Mitternacht, »weil sie geglaubt hätte, sie müsse vor Verlangen sterben«. Da hätte Herr Lambert sie gescholten, ihr dann aber doch die Kommunion gereicht, nachdem er »gewahr geworden, in welchem Zustande sie sich befände«122.

Für Anna Katharina bedeutet die Freundschaft zu dem Klostergeistlichen sehr viel. Als sie schon in den letzten Klosterjahren sich kaum »von der schlechten Kost, die die Tafel darbot«, ernähren konnte, steckte der Pater Rektor, der »ihre herrliche Seele und ihr körperliches Elend gleich erkannt«, ihr Wein und Kaffee und gutes Brot zu.123 – Offensichtlich erwidert Anna Katharina diese Freundschaft bis zum Tode ihres Wohltäters, der im Jahre 1818 erkrankt. Wesener notiert unter dem 9. Januar: »Wegen der Krankheit des Herrn Lambert hat die Kranke eine edle Resignation ergriffen; sie meint, dass der liebe Gott sie auch noch mit dem Verluste ihres besten Freundes auf Erden, dem sie so viel Dank schuldig sei, prüfen könne.«124 – Abbé Lambert stirbt am 7. Februar 1821.

Dechant Rensing hatte bei der oben zitierten Vernehmung auch nach dem Kontakt mit weiteren Geistlichen und weltlichen Personen gefragt. Die ehemalige Oberin Hackebram erwähnt daraufhin den ExKartäuser P. Paulus Möllmann, »der ihr viel Gutes tat«125.

Auch die ehemalige Novizenmeisterin Schwester Franziska Neuhaus erwähnt die freundschaftliche Verbindung mit P. Möllmann, die dann aufgehört habe.126 Und sie weist auch hin auf den Beichtvater der Emmerick, Pater Aloysius Limberg, »obwohl er damals noch im Kloster zu Münster war und man von der Aufhebung des Dominikanerklosters noch nichts wusste«127. Auf P. Limberg werden wir später im Zusammenhang der Stigmatisation noch zurückkommen.

Im Auftrage des Generalvikars Droste führt auch Dechant Rensing im Jahr des Bekanntwerdens der Wundmale, 1813, ein ausführliches Tagebuch über Anna Katharina Emmerick128, das sicher an Wert den inzwischen oft zitierten Äußerungen Overbergs nachsteht – ihm hat Emmerick viel mehr persönliches Vertrauen entgegengebracht –, viel nüchterner gehalten ist, aber dessenungeachtet wertvolle historische Details enthält: so gerade zu der Frage: Zu welchen Priestern hatte Anna Katharina Emmerick Kontakt?

Der Dechant von Dülmen, Bernhard Rensing (1760–1826), steht der Emmerick eher kritisch gegenüber. Trotzdem berichtet er nach dem Besuch vom 30. April 1813: »Ich ging gerührt, erbaut und erstaunt von ihr, dass eine Person, die keine andere Erziehung und Bildung als sie genossen hat, so reine, richtige und erhabene Begriffe von Religion und Moral hat.«129 In seiner sog. Kritischen Revision nimmt Dechant Rensing deutlich Abstand von der Emmerick und geht der gleichen Frage noch einmal nach: Wie kann eine Person von »ganz gemeinen, einfältigen« Eltern geboren, die sich durch Handarbeit ihr Brot verdient, auch im Kloster »durch Nonnenbegriffe und Weiber-Andachts-Maximen« den Kreis ihrer Religionskenntnisse nicht erweitern konnte, noch eine Ansicht über die »Lehren der mystischen Theologie« sich erwerben, wie kann sie ohne »besondere Erleuchtung so erhabene und reine Ansichten haben?«130.

Rensing glaubt nun der Emmerick »auf die Schliche« gekommen zu sein. Ihn habe der inzwischen verstorbene Ex-Kartäuser P. Anthelmus Kraatz besucht, aus der Kartause in Hildesheim stammend, sei er dann nach Dülmen-Karthaus gekommen; als auch diese Kartause 1803 aufgehoben, habe er Wohnung in der Stadt Dülmen bezogen. »Dieser, ein Muster der Geistlichkeit, gab sich beständig mit Lesen und Betrachten ab, war in der Aszetik und Mystik, in den Schriften der hl. Väter, in der Bibel und in exegetischen Werken ungemein bewandert« – er fand Kontakt zu Anna Katharina und umgekehrt; er unterhielt sich eben sehr gern über »Grundsätze des geistlichen Lebens«. Er berichtet dem Dechant von dem Kontakt zu Anna Katharina, diese sei »in diesem Stücke sehr wissbegierig« gewesen; oft sei sie »in ihren Freistunden« auf sein Zimmer gekommen, »sich mit mir über geistliche Dinge zu unterhalten«131.

Das, was Dechant Rensing hier meint, negativ über Emmerick recherchiert zu haben – in einer falschen Vorstellung von übernatürlichen Erleuchtung, die die Emmerick also nach seinem Fehlschluss nicht gehabt habe –, spricht gerade positiv für Anna Katharina. Wir meinen hier eine wesentliche Spur entdeckt zu haben, wie Emmerick trotz ihrer geringen Ausgangslage »wissbegierig« und gezielt weiter gestrebt hat, in die Lehren vom geistlichen Leben und sogar mystischer Theologie hineinzuwachsen. Das war ihre geistige und geistliche Welt, die sie schon als Kind, als Jugendliche und dann als Klosterfrau wahrhaft interessierte, die sie auch über viele Schwächen des konkreten Klosteralltags hinwegkommen ließ.

Exkurs: Zur historischen und kirchengeschichtlichen Situation der Jahre 1802–1824

Die Zeit, die Anna Katharina Emmerick in Dülmen verlebt: 1802–1812 im Kloster Agnetenberg, 1813–1824 in drei verschiedenen Wohnungen der Stadt als säkularisierte Ordensfrau, fällt in eine Zeit hochdramatischer Geschichte, die immer wieder in ihrem Leben eine große Rolle spielt: Wie in einem Brennglas finden wir die historischen Ereignisse im Leben der Mystikerin konzentriert. In diesem Exkurs geht es uns darum, einfach die historischen Daten zu benennen und als Hintergrund gegenwärtig zu halten.

Dülmen, das erst seit dem 3. August 1816 nach preußischer Neuordnung zum Kreis Coesfeld gehört, hatte 1818 2098 Einwohner. Bis zum Reichsdeputationshauptschluß am 25. Februar 1803 gehörte Dülmen auch politisch, nicht nur kirchlich, zum Fürstbistum Münster, dessen letzter Fürstbischof, Maximilian Franz von Österreich (geb. 1756 als jüngster Sohn der Kaiserin Maria Theresia), am 21. Juli 1801 in Wien gestorben war. Max Franz war zugleich Erzbischof von Köln. In Münster trat er kaum hervor.132

Die Geschicke in Münster wurden weitgehend durch den berühmten Generalvikar Franz Friedrich Wilhelm von Fürstenberg (1729–1810, von 1770–1807 Generalvikar)133 bestimmt, der selbst gern Bischof geworden wäre. Doch der damalige Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels (1708–1784) setzte ihm 1780 Maximilian Franz als Koadjutor vor.

»Mit der Fürstin Amalie von Gallitzin« war Fürstenberg »Mittelpunkt des philosophisch-religiösen Kreises von Münster«134. Er hatte seine größten Erfolge als »Reformer« des Bildungswesens, er kümmerte sich ab 1792 um die Emigranten, besonders die Geistlichen, wie wir schon hörten. Er hatte 1776 die Gymnasien reformiert, in den Jahren 1773–1780 die Universität gegründet. Für die Reform der Normalschule gewann er 1783 Bernhard Overberg (1754–1826)135, den »Lehrer der Lehrer«, der später der außerordentliche Beichtvater Anna Katharinas wurde. Zur Zeit Fürstenbergs wurde das Münsterer Residenzschloss gebaut, kurz vor der Geburt Anna Katharinas (1774).

Auf den letzten Fürstbischof folgte in Münster – bedingt durch die politischen Umbrüche – eine zwanzigjährige Sedisvakanz. Erst am 7. Juli 1821 konnte der bischöfliche Stuhl jetzt im Einvernehmen mit Preußen durch Ferdinand Freiherrn von Lüninck, bisher Bischof von Corvey, neu besetzt werden.136

Generalvikar war schon 1807 als Nachfolger Fürstenbergs Clemens August Freiherr Droste zu Vischering (1773–1845)137 geworden, der spätere Erzbischof von Köln, der 1813 die Emmerick sehr bald nach Bekanntwerden der Wundmale besuchte und die kirchliche Untersuchung veranlasste.

Die weltliche Herrschaft in Dülmen wechselte in der Zeit zwischen 1802 und 1815 mehrfach. »Am 29. November 1802 ließ Herzog Anna Emanuel von Croy von Regensburg aus bekannt machen, dass er es sei, dem die Herrschaft Dülmen zugeteilt sei«138.

Alle geistlichen Güter gingen in das Eigentum des Herzogs über, der durch die Revolution 1789 seinen Besitz in Frankreich verloren hatte. Am 31. August 1803 hielt der Herzog seinen »feierlichen Einzug in die neue Landeshauptstadt«. Am folgenden Tage fand die »Huldigungsfeier« mit Festmahl und -ball im Kloster Agnetenberg statt »wegen Mangels eines anderen geräumigen Saales«.139

Mit Zustimmung des Papstes wurde 1804 die Aufhebung des Kartäuserklosters in Dülmen-Weddern vollzogen. Zuletzt waren nur noch sieben Mönche davon betroffen. Schon 1806 nahm die »Landeshoheit« der Herzöge von Croy ein Ende, doch sind ihnen die Domänen geblieben. Die Souveränität ging über auf das neu geschaffene Herzogtum Arenberg, die Besitzergreifung erfolgte am 13. August 1806 durch den herzoglichen Statthalter.

Die Lokalgeschichte Dülmens verläuft weiter sehr dramatisch und betrifft vor allem die Bürger und die Verwaltung der Stadt: »Als sieben Wochen später der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., den Kampf gegen Napoleon aufnahm, kamen über Dülmen neue Kriegsbeschwerden. Zunächst wurde es von den Preußen überfallen, die sich die Brandkasse aneigneten und das Vieh von der Weide forttrieben, und nachdem dann ihre Macht schon am 14. Oktober bei Jena und Auerstädt zusammengebrochen war, rückte noch im selben Monat Napoleons Bruder Ludwig, König von Holland, mit einer französischen Armee von Haltern her über Dülmen vor, um das Erbfürstentum Münster zu besetzen, wobei alle Vorräte für den Winter aufgezehrt wurden.140 Die Not jener Jahre, der ersten Klosterjahre Anna Katharinas, können wir uns lebhaft vorstellen.

Am 10. März 1807 hält der neue Landesherr, Herzog Prosper Ludwig von Arenberg, unter französischem Begleitschutz seinen Einzug in Dülmen. Er nimmt in der Verwaltung durchgreifende Veränderungen vor und gewährt für zwei Jahre Steuerfreiheit. Ab 1. Februar 1809 sollten in den sog. herzoglichen Landen die Bestimmungen des Code Napoleon in Kraft treten. Damit kommen mehrere Reformen: Die Leibeigenschaft wird endlich abgeschafft; die alten Lehnsverhältnisse werden abgelöst; die Kirchhöfe müssen vor die Stadt gelegt werden; »die bei den Begräbnissen üblichen Zechereien« werden nicht mehr gestattet. In Dülmen wurde damals »der neue Friedhof vor dem Lüdinghauser Tor am 23. Mai 1803 durch den Pfarrdechanten Rensing feierlich eingeweiht«141, wo später Anna Katharina Emmerick beerdigt wurde und heute die Hl.-Kreuz-Kirche steht.

Doch auch die Herrschaft des Herzogs von Arenberg währt nicht lange. Er geriet bei einem Feldzug in Spanien in die Hände der Engländer; die Souveränität als Landesherr wurde ihm genommen; seitdem gehörte Dülmen zu Frankreich. »Seit dem 28. April 1811 bildete Dülmen einen Bestandteil des damals geschaffenen Lippe-Departements.« Napoleon ließ durch den Reichsbaron von Bacher von Dülmen »Besitz ergreifen«. Die Proklamation lautete: »Bewohner der Grafschaft Dülmen! Durch eure Vereinigung zum ersten Reiche der Welt ist euch der Weg zum Ruhm, zum Glück und zur Ehre geöffnet und ihr werdet alsbald die großen Vorteile genießen.«142

Dülmen erhielt für mehrere Jahre eine sog. Mairie (Bürgermeisterei). Am 3. Dezember 1811 wurde auf Grund eines Dekretes Napoleons über Aufhebung aller geistlichen Korporationen das Stiftskapitel an St. Viktor und das Augustinerinnenkloster aufgelöst. Das betraf an St. Viktor 13 Kleriker, sog. Kanoniker. »Im Kloster Agnetenberg befanden sich zur Zeit der Aufhebung nur noch zehn Nonnen, von denen drei sich dem Unterricht widmeten.«143

Im Jahre 1812 begann der große Russlandfeldzug Napoleons mit rund 600 000–700 000 Soldaten, der bekanntlich in einer fürchterlichen Katastrophe endete. Auch im »Canton« Dülmen wurden 22 junge Männer ausgehoben. Von der Hauptarmee mit 460 000 Mann blieben 160 000 übrig, die Moskau besetzten. »Von den 22 Dülmenern sind sieben nachweislich in russischer Gefangenschaft gestorben.«144 In Dülmen selbst gab es erneut Truppendurchmärsche und Einquartierungen.

Auf die Katastrophe in Russland begannen die Freiheitskriege 1813/14. Die Verbündeten Preußen mit Russland, Österreich und Bayern schlugen Napoleon entscheidend in der sog. Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.–19. Oktober 1813. Napoleon konnte sich mit einem Drittel seiner Armee noch den Rückzug freikämpfen und zog sich hinter den Rhein zurück. Französische Abteilungen flüchteten von Münster über Dülmen nach Dorsten; am 13. November 1813 »erschienen preußische Husaren und russische Kosaken in Dülmen«; das Münsterland wurde vorsorglich von Preußen in Besitz genommen.145

An den Feldzügen 1814 und 1815 nahmen sehr viele Münsterländer teil, zweihundertundvierundsiebzig »Landwehrleute« aus Dülmen, die Dechant Rensing 1814 vereidigte. Es kam zur Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815. Die Verbündeten nehmen Paris ein; Napoleon wird auf die Insel St. Helena verbannt, wo er am 5. Mai 1821 gestorben ist. Zur Pflege der verwundeten und kranken Soldaten hat sich in Dülmen ein Frauenverein gebildet. Die Verdienste des Arztes Dr. Wesener werden hervorgehoben. Über die Kriegsbeschwerden heißt es in einem Bericht an die Regierung: »Die Not der kleinen, von aller Unterstützung entblößten Mairie war aufs höchste gestiegen, jeder sah den ankommenden Truppen mit Angst und Schrecken entgegen.« Der Bericht schließt: »Im ganzen Bezirk hat kein Ort durch Einquartierung und Kriegsfuhren so gelitten als Dülmen, was es seiner Lage an der Heeresstraße Münster–Dülmen beziehungsweise Düsseldorf zuzuschreiben hat.«146

Durch die Wiener Kongressakte vom 19. Juni 1815 wurde Dülmen endgültig unter preußische Herrschaft gestellt. Alle säkularisierten Stifts- und Klostergüter wurden erneut dem Herzog von Croy zugewiesen. Die Besitzergreifung durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. erfolgte am 21. Juni, die Erbhuldigung zu Münster am 18. Oktober 1815. In der St.-Viktor-Kirche wurde vom Dechanten ein feierliches Hochamt gehalten. Der Festpredigt lag der Text: »Fürchtet Gott, ehret den König!« zugrunde. Am Eingang des Rathauses wurde der preußische Adler befestigt.147

Am 10. Juli 1821 nahm der preußische König auf der Durchreise von Wesel nach Münster in Dülmen sein Mittagsmahl ein und schickte seinen Leibarzt, Dr. Wiebel, an das Krankenlager von Anna Katharina Emmerick.

Oberpräsident der jetzt preußischen Provinz Westfalen war Ludwig Freiherr von Vincke (1774–1844), der sich zwischen 1815 und 1818 mehrfach in Dülmen aufhielt, um die Arbeiten an der Straße Münster – Wesel zu kontrollieren. Am 15. November 1816 reiste er privat mit seiner Frau nach Dülmen, wo diese A. K. Emmerick besuchte, und nahm Kontakt mit Dr. Wesener auf. »Im Dezember 1818 erhielt Vincke aus Berlin die Weisung, eine staatliche Untersuchung des ›Falles der Emmerick‹ zu veranlassen.«148

Bürgermeister in Dülmen waren von 1813–1816 Clemens Mersmann; von 1816–1836 Melchior Anton Möllmann.

Im Jahre 1820 versetzt ein großer Kirchenraub »Köln und Dülmen in Unruhe«149. Der Täter ist der aus Merfeld bei Dülmen stammende Franz Becker. »Nach Beckers eigenen Angaben hat er im Haus seines Oheims, des Dechanten Bernhard Becker von der St.-Viktor-Pfarrei in Dülmen, eine ordentliche Erziehung genossen. Dieser Onkel ist 1809 im Alter von 47 Jahren gestorben.«150 Der vom Militärdienst desertierte Becker beraubt in der Nacht vom 18./19. Oktober 1820 den Dreikönigsschrein in Köln, wohl die gewalttätigste und folgenschwerste Beraubung des Schreines in seiner Geschichte, demoliert die aus purem Gold gearbeitete Stirnseite des Schreines und raubt die abgetrennten Figuren, Edelsteine und Perlen.

Becker versteckt einen Teil der geraubten Gegenstände in einem Beichtstuhl seiner Heimatkirche St. Viktor, wo er ein Ziborium (Speisekelch) stiehlt, nachdem er den Tabernakel aufgebrochen und die konsekrierten Hostien auf ein Tuch gebreitet hatte. Er entwendet Silberschmuck und bricht in das Haus des Dechanten ein, wo er früher einmal gewohnt hat, und in das Haus von Kaplan Schütte. Verständlicherweise erregte der Fall Becker die Gemüter in Dülmen sehr stark. »Da ein Sohn der Stadt und Neffe des (ehemaligen) Dechanten die schändlichen Taten begangen hatte, empfand man die Situation als äußerst peinlich.« Durch den Diensteifer des Bürgermeisters Möllmann und des Gendarmerie-Leutnants Lachner konnte Becker schon in der Nacht des 27./28. Oktober verhaftet werden. Wegen der Peinlichkeit des Falles gibt es nur »sehr dürftige Mitteilungen über die Geschehnisse in der lokalen Geschichtsüberlieferung«151.

Beide hier zitierte Autoren M. Th. Mösch und B. Frings weisen auch darauf hin, dass der Kirchenraub in St. Viktor von Anna Katharina Emmerick in einer Vision gesehen wurde, die Brentano am 24. Oktober 1820 aufgezeichnet hat: »Kircheneinbruch. Ich habe in der Nacht in steten Schmerzen unter entsetzlicher Angst gesehen, wie die hiesige Kirche beraubt worden. Ich hatte niemand, den ich senden konnte.

Es geschah zwischen eins und drei. Es waren wohl fünf bis sechs Menschen, drei waren in der Kirche, die anderen lauerten draußen an den Ecken. Als sie die Hostien auf das Altartuch gossen, sagte einer: ›Ich will unseren Herrgott auf ein Bett legen.‹

Das Bild war grässlich. Ich sah bei jedem einen Teufel.

Als sie Silber von dem großen Kreuz rissen, sah ich plötzlich ein Bild von Jesu als einem Jüngling, den sie schlugen, stießen und mit Füßen traten. Es war alles grässlich. Sie taten alles ganz frech und gleichgültig. Sie sind ohne alle Religion. Ich schrie, Jesus möge ein Wunder tun. Ich erhielt die Antwort, es sei nicht die Zeit, usw. Ich war in großer Angst und Verwirrung.«152

7. Stigmatisation und Nahrungslosigkeit von 1812–1819

Dülmen lag an der Durchgangsstraße Münster–Wesel–Düsseldorf, was auch die große Zerstörung im 2. Weltkrieg zur Folge hatte.

Die neue und heutige Münsterstraße wurde von den alliierten Truppen über Trümmerfelder gelegt.153

Nachdem Anna Katharina Emmerick im April 1812 als Letzte, auf eine Magd gestützt, das Kloster verlassen hatte, nahmen Abbé Lambert und sie Wohnung im Haus der Witwe Roters an der alten Münsterstraße.154 A. K. Emmerick in der Emmerickbiographie Clemens Brentanos: »Die Gnadenwunder Gottes, welche mir im Kloster zuflossen, waren so reich, so häufig, ja so unaufhörlich, dass ich jetzt manchmal erschrecke, alles dies in meiner Einfalt und gänzlichen Ratlosigkeit so gering geachtet und nicht erkannt zu haben. Ja, so oft fühle ich mich versucht, all mein Elend, seit ich aus dem Kloster in die Welt und wie an die Heerstraße gelegt ward, sei zur Strafe meiner Sünden.«155

Sie fühlte sich »wie an die Heerstraße gelegt«; das ist ein sehr symbolisches Wort, wohl von Brentano. Die Fenster des Hauses Roters liegen unten, sodass im Bedarfsfalle jeder Passant hineinschauen konnte.156 Emmerick empfindet es im Nachhinein als »Sünde«, Gottes Gnade im Kloster nicht genug geachtet zu haben.

Sie wurde Haushälterin des Abbé Lambert; beide hatten eine geringe Rente. »Die kleine Hauswirtschaft besorgte sie übrigens ganz vortrefflich.«157 Nur wurde sie im Laufe des Jahres 1812 immer hinfälliger. Allerseelen (2. November) ist sie das letzte Mal zur hl. Messe in ihre Pfarrkirche St. Viktor gegangen. »Gegen Weihnachten 1812 wollten ihre Füße sie nicht mehr tragen.«158 Sie kam noch einmal kurz wieder hoch; aber von Fastnacht 1813 bis zu ihrem Tode am 9. Februar 1824 blieb sie ans Bett »gebannt«, wie Wesener berichtet.

Abbé Lambert und ihr Beichtvater Pater Limberg »ließen nun nichts unversucht, die Kranke wieder auf die Beine zu bringen«159. Ihr Arzt Dr. Krauthausen, der sie schon im Kloster betreut hatte, versuchte es ebenfalls mit seinen Mitteln. »Wein, Kaffee, Schokolade, alle Nahrungsmittel und selbst die Arzneien gingen unverdaut wieder ab, und so fand ich sie im März 1813 auf kaltes, klares Wasser und ein wenig von einem gebratenen Apfel reduziert, welches letztere aber auch bald nicht mehr vertragen wurde, wo sie dann drei ganze Jahre hindurch von bloßem Brunnenwasser allein lebte«, so Dr. Wesener.160 Ihre sog. Nahrungslosigkeit, sehr gut durch den letzteren bezeugt – er verwahrt sich in der »Kurzgedrängten Geschichte« ausdrücklich gegen die Unterstellung der Lüge – ist mindestens genauso unerklärlich, vielleicht noch mehr als die Entstehung der Wundmale, über die im folgenden berichtet wird.

Über die Entdeckung der Wundmale gibt der Beichtvater Anna Katharina Emmericks folgenden eigenen Bericht, der erst viel später vom Pfarrdechant und späteren Weihbischof Cramer161 im Jahre 1857 veröffentlicht wurde:

»Im Jahre 1812 den 31. Dezember, hatte sie des Morgens die hl. Kommunion empfangen, die ich ihr, ehe ich die hl. Messe las, brachte; nachdem ich die hl. Messe gelesen hatte, ging ich wieder zu ihr, und da sah ich zuerst oben auf dem Rücken der Hände die Wundmale, welche bluteten; ich ging zum H. Lambert, der auf einem andern Zimmer in dem nämlichen Hause wohnte, er kam gleich zu der Jungfer Emmerick und sagte folgende Worte: ›Du musst nicht meinen, ma Sœur, du bist eine Catharina Senensis!‹ Wie aber die Wunden blieben, sagte der H. Lambert den andern Tag zu mir: ›Pater! Dies muss kein Mensch wissen, sondern unter uns bleiben, sonst haben wir viel Verdruss und Spektakel‹.«162 Wie recht er haben sollte!

Die »kargen« Notizen P. Limbergs gelten in der Forschung als sehr authentisch; er trug sie ein in freie Blätter seines Direktoriums zum Breviergebet. Am 28. Januar 1813 seien die Wundmale an den Füßen entstanden. Weiter beschreibt P. Limberg: »Das Kreuz auf der Brust soll sie am 28. August 1812, also am Feste ihres Ordensstifters, d. h. Augustinus, erhalten haben; wie ich es zuerst sah, war es nicht doppelt, sondern das untere zuerst allein da, nachher kam ein kleineres über dieses; die aber ineinander liefen.«163 Der Pater zeichnet dazu auch kleine Figuren.

Die Wundmale bluteten alle Freitage; das doppelte Kreuz auf der Brust, das stark an das berühmte Coesfelder Kreuz erinnert, jeweils am Mittwoch. Ein weiteres Kreuz auf dem Magen ließ Wasser hervortreten.164

Am 28. Februar 1813 sei ihr Zustand bekannt geworden. »Die Söntgen habe gesagt: das ist kurios mit der Emmerick. Er (P. Limberg): Ja, mit dem Bluten. Sie: Wie? Blutet sie? – Wesener habe es Fastnacht erfahren.«165

Die Biographie von Seller/Dietz stellt zu Recht fest: »Die verschiedenen Quellen gehen in der Datierung des Erscheinens der äußeren Male auseinander.«166 Das ist darum verständlich, weil Anna Katharina den Schmerz schon vorher empfunden hat. So sind auch nach eigenen Aussagen der Mystikerin nur ungefähre Angaben möglich. Sie sagt zu der kleinen Dülmener Ortskommission (Rensing, Krauthausen, Limberg, Lambert und Wesener) am 22. März 1813 auf deren Frage, ob sie es nicht empfunden habe, die Wunden an Händen und Füßen und in ihrer Seite zu erhalten: »Ja, die Schmerzen habe ich empfunden, aber ich habe nicht gewusst, dass es Wunden waren.«167 Die Wunden an Händen und Füßen habe sie »etwas vor Neujahr«, die Wunde in der Seite einige Tage später bekommen. Außerdem erwähnt die Ortskommission »die blutigen Stiche« an ihrer Stirn.168

Dr. Wesener hatte am 21. März 1813 abends in einer kleinen Gesellschaft von einem älteren, sehr ernsten Mann gehört: »Es ist doch kurios mit der Nonne, dass sie die fünf Wunden hat«, und zunächst skeptisch reagiert: »Glauben Sie auch daran?«169

Am nächsten Tage habe er versucht, einen Krankenbesuch zu machen, sei aber höchst unfreundlich empfangen worden, so ein späterer Bericht L. Hensels. Er sei aber doch wiedergekommen, habe die Emmerick schon aufrecht sitzend angetroffen. »Sie deutete mit dem Finger schweigend auf einen Stuhl. Ihr Blick war finster und gebieterisch, und der Doktor sagte mir, es sei ihm zu Mute gewesen wie in der Knabenschule« nach einem Streich, so L. Hensel.170

Nun ereignet sich eine Begegnung, die Weseners ganzes weiteres Leben prägen sollte.

In der Unterhaltung mit Anna Katharina erlebt Dr. Wesener »wie in einem Spiegel« seine vergangenen Jahre: »seine fromme Kindheit, seine selbstgesuchten Zweifel usw.« Er sagt später zu L. Hensel: »Ich würde selbst dadurch noch nicht überzeugt worden sein, denn es hätte ihr ja möglicherweise darüber etwas mitgeteilt sein können; aber sie sagte mir zwei Dinge genau und scharf mit allen Nebenumständen, die sie nur durch höhere Offenbarung wissen konnte, denn sie waren nur zwischen mir und Gott geschehen, nie hatte irgendein Mensch eine Ahnung davon gehabt noch haben können. Ich war zermalmt und rief aus: Das kann nur Gott Ihnen geoffenbart haben.«171

Der von Wesener selbst verfasste Bericht in der »Kurzgedrängten Geschichte« klingt zunächst nüchterner: »Am folgenden Morgen, dem 22. März, bei meinen Krankenbesuchen besuchte ich auch die Nonne und fand so viel Ungewöhnliches an ihr, dass ich mich entschloss, die Sache aufs genaueste zu prüfen.«172 Er zieht die oben schon genannte kleine Ortskommission zu Rate und verfasst ein Protokoll über das Gespräch mit der Emmerick, das die fünf Herren unterzeichnen.173

Im inneren Bewusstsein Weseners kämpfen zwei Gefühle bzw. Einstellungen miteinander: die des nüchternen Sachverstandes und jene des sehr ehrlichen Menschen, der zugibt: »Die Sache ergriff mich, ich gestehe es, wie noch keine in meinem Leben.«174 »Ich war in einer großen inneren Bewegung, behielt aber Ungewissheit, Argwohn und Mut genug, um die Sache genauer und schärfer anzuschauen.«175 In ärztlicher Gründlichkeit und mit von der Sache geforderter naturwissenschaftlicher Skepsis geht Dr. Wesener zu Werke.

Gleich von Anfang an schenkt Wesener seiner Patientin viel Zeit: er besucht sie fast täglich; ist z. T. auch nachts bei ihr. »Die Ruhe der Nacht bot mir Gelegenheit zu der genauesten Beobachtung, zu den mannigfaltigsten Versuchen und zu der ernstesten Unterredung mit der Kranken und dem Beichtvater, aber nirgend fand ich Betrug, nirgend auch nicht das geringste irdische Interesse, und in allen Stücken die unbefangene, ruhige, obgleich todschwache Person. Ich fand in ihr jenes harmlose Gemüt, welches mit sich und der ganzen Welt im Frieden lebt«, so habe er in den weiteren Unterredungen immer mehr festgestellt; ihre Gespräche seien »mit jeder Minute freier und offener« geworden. Des nachts wird er auch Zeuge ihres intensiven Gebetes »mit ausgespannten Armen eine halbe Stunde lang«, in einer Art ekstatischen Zustandes.176

Dechant Rensing unterrichtet sofort den Generalvikar Droste zu Vischering. Gleich, nachdem dieser am Samstag, dem 27. März 1813, den Bericht des Dechanten erhalten hatte, kommt er am Sonntag in Begleitung von Dechant Overberg und Medizinalrat von Druffel am 28. und 29. März zu einer Untersuchung nach Dülmen. Droste beauftragt den Dechanten und den bisherigen Arzt der Emmerick, Dr. Krauthausen, ein Tagebuch über die Emmerick zu führen.

Der Generalvikar beauftragt bewusst nicht Dr. Wesener, den er schon zu stark auf der Seite Emmericks vermutet; damals war er ja noch nicht ihr Hausarzt. Doch bald bittet sie ihn darum. Im April verfasst Dr. Krauthausen drei Berichte über Anna Katharina Emmerick177, gibt dann aber wieder auf, sodass wir uns im folgenden doch auf die genauen Ausführungen Dr. Weseners berufen.

Dieser berichtet in der »Kurzgedrängten Geschichte« sehr genau über ihre »außerordentlichen Blutungen«178. Im Jahre 1813 hätten die Hand- und Fußmale »meistens alle Nachmittage zwischen 3 und 5 Uhr« geblutet, das doppelte Kreuz auf der Brust meistens am Mittwoch, das Seitenmal und der Kopf nur am Freitag. Der Arzt untersucht genau und beschreibt das: »Ich habe gleich, sowie ich einige Tropfen Blutes unter der Kopfbedeckung hervorkommen sah, letztere abgenommen, die Stirn mit lauem Wasser abgewaschen, und entdeckte nun durch eine gute Lupe die erweiterten Pori, die das Blut ergossen hatten, und ich kann daher diese Blutungen mit vollem Rechte für ein lokales Blutschwitzen ausgeben.«179 Und: »Die Male an Händen und Füßen waren wirkliche Wunden, sie drangen aber nur bis in die Fetthaut, und ich habe mit der Lupe im Sonnenlichte, nachdem ich die Blutkruste losgeweicht und eine Wunde auf dem Rücken der Hand ausgewaschen hatte, die feinen Fettklümpchen in den Zellen deutlich liegen gesehen.« – Ein zweites »rechtwinklichtes Kreuz« unter dem Nabel gab vor allem Schweiß und Wasser ab.180

Der Zustand der Blutungen blieb auch in den folgenden Jahren bis 1816. Am Ende des Jahres wurden sie geringer. Die Kranke schien auch mehr Kräfte zu bekommen, nachdem sie in einem nächtlichen Gesichte erfahren hatte, sie würde wieder ihrer Glieder mächtig werden und auch wieder Nahrung zu sich nehmen können.181

Den ersten Versuch mit Nahrungsmitteln habe Dr. Wesener am 8. Januar 1817 gemacht so, dass er »einen Esslöffel voll frischer Milch, mit Wasser zur Hälfte vermischt, gab«182. Er versuchte es sogar mit dem »homogensten« Nahrungsmittel, der Muttermilch, nur mit begrenztem Erfolg. So sei alles fortgegangen bis zum Ende des Jahres 1819. Die Blutungen waren nur noch freitags, da aber noch regelmäßig, hörten während der staatlichen Untersuchung, über die später berichtet wird, und in den folgenden Jahren fast ganz auf. Ihre körperlichen Kräfte kamen nicht recht wieder.

Gegen Ende des Jahres 1819 gibt Dr. Wesener seine regelmäßigen Tagebucheintragungen auf, zugunsten von Clemens Brentano, der ihn an »Scharfsinn und Gelehrsamkeit« weit übertreffe.183 Für die Forschung ist der Rückzug Weseners, der aber die Kranke weiterhin als Arzt betreut, bedauerlich; er war uns der verlässlichere Zeitzeuge.

Exkurs: Das Tagebuch des Dr. Wesener

Das Tagebuch, das der Dülmener Arzt Dr. med. Franz Wilhelm Wesener »über die Augustinerin Anna Katharina Emmerick unter Beifügung anderer auf sie bezüglicher Briefe und Akten« vom 23. März 1813 bis zum 3. November 1819 führt, umfasst in der von P. Winfried Hümpfner herausgegebenen Ausgabe 307 Seiten.184 Es enthält noch ganz ungehobene Schätze, die in dieser kurzgefassten Biographie nur begrenzt verarbeitet werden können. Weitere Belegstellen werden im II. Teil des Hauptteiles, der theologischen und geistlichen Interpretation, ausgewertet werden. Im Anschluss an das Tagebuch berichtet Wesener auf den Seiten 308–366 »über die staatliche Untersuchung«; danach folgt die oben oft zitierte »Kurzgedrängte Geschichte der stigmatisierten Augustinernonne Anna Catharina Emmerick in Dülmen von ihrem Arzte« auf den Seiten 367–394.185 – Die ersten drei Teile: Tagebuch, staatliche Untersuchung und kurzgefasste Geschichte eignen sich vorzüglich für eine intensive Erstbegegnung mit Anna Katharina Emmerick.186 – Hier wird ein sehr ehrliches, ungeschöntes Bild der Emmerick gezeichnet; doch von echter Sympathie getragen. Für den eiligen oder gar »schnellen« Leser mögen die vielen medizinischen Daten, Berichte über Gesundheitszustände und äußeren Ereignisse und Besuche etwas fremd anmuten. Sie eignen aber gerade dem Tagebuch eines Arztes. Die Perlen der Darstellung sind die Erzählungen und Worte der Emmerick.187

Zu Recht stellt P. Adam fest, dass wir in den Schriften Weseners »einen reichen und kostbaren Schatz an Zeugnissen über A. K. Emmerick« haben »von unschätzbarem Wert für ein tieferes Verständnis ihrer Persönlichkeit«. »An Ausführlichkeit, Vielfältigkeit und Fülle des Materials kommt dem seinigen kein anderes Zeugnis gleich.« – An »Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit« sei er dem anderen »großen Zeugen«, Overberg, ebenbürtig; er übertreffe ihn aber durch die genaue Kenntnis der Persönlichkeit Emmericks. Elf Jahre sei er ihr Hausarzt gewesen. »Er besuchte sie täglich und war mit allen ihren körperlichen und seelischen Zuständen aufs engste vertraut. Er besaß ihr uneingeschränktes Vertrauen.«188

Dr. Wesener war am 5. Oktober 1782 in Recklinghausen geboren. Er starb schon am 6. Mai 1832 mit 49 Jahren – er wurde also genau so alt wie Anna Katharina: 49 Jahre; er hatte sich als Arzt für die Menschen, wie wir hörten: gerade in Notzeiten, verbraucht. Fünfundzwanzig Jahre war er praktischer Arzt in Dülmen; am 17. 8. 1807 hatte er die Stelle des Amtsphysikus erhalten.

In der Einleitung zum von P. Hümpfner herausgegebenen Tagebuch berichtet dieser über Weseners Leben auf den Seiten XI–XXXI und seine wissenschaftliche Tätigkeit Seite XXXI–XLVI. – Seine Veröffentlichungen auf rein medizinischem Sektor lassen staunen. P. Adam: »Seine Fachkenntnisse waren für seine Zeit ungewöhnlich, seine Beobachtungs- und Kombinationsgabe sicher und zuverlässig.«189

Das Tagebuch und die weiteren Emmerick-Veröffentlichungen gewannen sicher die innere Qualität auch dadurch, dass er selbst, wie er sagt, immer mehr der Freund der Emmerick geworden war und sie seine »teilnehmende Freundin«190, ja er selbst oft der Ratsuchende und des Trostes bedürftig. (Ende des Exkurses)

In der obigen Darstellung über Stigmatisation und Nahrungslosigkeit haben wir uns bisher stark auf die medizinischen Daten von Dr. Wesener gestützt. Für die menschliche und geistliche Beurteilung der Phänomene haben wir die Zeugnisse des Generalvikars Droste, der sehr nüchtern und klug zu Werke geht, des Dechants von Dülmen, Rensing, der eher kirchenpolitisch taktisch und gehorsam auf die Anweisungen seines Oberen reagiert, und des Dechanten und Regens Overberg nachzutragen. Die Besuche Overbergs in Dülmen und seine Aufzeichnungen besitzen in der Forschung wie das Tagebuch Weseners auch einen sehr hohen Stellenwert.191 – Overberg ist 20 Jahre älter als Anna Katharina und ein erfahrener Seelsorger. Wir haben uns immer wieder auf sein Zeugnis berufen.

Gleich beim ersten Besuch erzählt ihm Emmerick, dass sie Gott gebeten habe, sein Leiden mitempfinden zu dürfen, dabei aber nicht an die äußeren Male gedacht habe. So wie Dr. Wesener die medizinischen Umstände und Hintergründe, so erforscht Regens Overberg die geistliche und psychische Seite. Er erfährt, dass die Emmerick die Schmerzen schon ganz lange vor den Wundmalen gespürt hat. Overberg: »Wann haben Sie zuerst den Schmerz am Kopf empfunden?« Emmerick: Sie habe ihn schon drei bis vier Jahre gehabt, bevor sie ins Kloster ging. »Als ich zu Coesfeld in der Jesuitenkirche vor dem Kreuz in einem Winkel betete.«192

Auch gegenüber Overberg bewahrt sich Anna Katharina ihr ureigenes Selbstbewusstsein:

Die Münstersche Kommission hatte Dr. Krauthausen beauftragt, durch Verbände einen Heilungsversuch der Wundmale zu unternehmen, was der Emmerick ungeheure Schmerzen verursacht. Bei dem Besuch der Kommission am 7./ 8. April erklärt sie eindeutig, bis zum darauf folgenden Tag sei sie bereit, die Schmerzen zu ertragen, aber nicht länger. »So könnte sie es nicht länger zulassen, dass man ihre Geduld so auf die Probe setzte. Es schien ihr, dies heiße Gott versuchen.«193 Als Overberg sie am nächsten Tag darauf aufmerksam macht, sie habe »dreiste gesprochen, sie müsste doch gehorsam sein«, da weist ihn Emmerick darauf hin, es sei ihr in der vergangenen Nacht »eingegeben, sich so zu erklären«. Emmerick unterscheidet also einen inneren, persönlichen Gehorsam und einen äußeren, ihr gleichsam auferlegten.

Overberg gibt sich noch immer nicht zufrieden mit dem, was er als äußere Gehorsamsverweigerung erfährt – Dechant Rensing hat sowieso gegenüber der Emmerick »Unruhen und Zweifel« –, und forscht weiter nach den geistlichen Ursachen. Overberg berichtet: »Auf meine Frage, wie oft sie wohl auf Gott vergäße, schwieg sie ein Weilchen still und antwortete dann: ›In diesen Tagen (sie meinte die, in welchen sie wegen der Binden so viel gelitten) mehr als sonst in einem Jahre‹.«194 Das ist eine sehr entschiedene Antwort der Mystikerin; indirekt sagt sie nämlich mit: Ein solches, ihr künstlich auferlegtes Leiden fordert Gott nicht von ihr. Im gleichen Zusammenhang sagt sie dann aufklärend zu Overberg über ihre Wundmale allgemein: »Diese sind nicht wie andere Schmerzen, diese gehen bis ins Herz.«195

Das eben angeführte Gespräch zeigt sehr deutlich, dass die oft geschehene Unterstellung von masochistischen Tendenzen bei Anna Katharina Emmerick unberechtigt ist. Allenfalls bestimmte Deutungen und Übermalungen Brentanos mögen den Anlass dazu geben.196 Emmerick erschrickt förmlich vor dem, was Gott ihr zumutet. Gegenüber dem Generalvikar allein, nachdem Dr. Druffel und Overberg schon herausgegangen waren, äußert sie beim ersten Besuch am 29. März: »Eben diese äußern Male seien ihr Kreuz.« Sie habe Gott »um die Wegnahme der äußern Male« gebeten, wie Droste ihr befohlen habe.197

Um allen falschen Unterstellungen in der Öffentlichkeit zu begegnen, veranlasst der Generalvikar Droste zu Vischering eine kirchliche Untersuchung, die nach manchem Hin und Her tatsächlich vom 10. bis 19. Juni unter Aufsicht von Dechant Rensing stattfindet.

Sechzehn Männer bewachen die Emmerick Tag und Nacht.198 – Abbé Lambert hatte sich in dieser Zeit zurückgezogen.

Droste Vischering hatte in einem Brief an Rensing sehr klare Anweisungen gegeben:

»Es kommt hier gar nicht darauf an, was man glaubt, sondern nur darauf, mit möglichster Gewissheit auszumitteln: was ist.« Und: »Je mehr die ganze Geschichte in Vergessenheit gerät, je weniger davon gesprochen wird, je weniger Besuche die Kranke von solchen, die nichts bei ihr zu tun haben, erhält, je besser.«199

Der letzte Gedanke, die Besuche »einzudämmen«, blieb nur ein realistisch gedachter, aber doch nicht verwirklichbarer Wunsch des Generalvikars, so sehr sich auch Dechant Rensing bemühte, zumindest unerwünschte Besuche fernzuhalten. Nach der erfolgten kirchlichen Untersuchung urteilt Droste Vischering in der ihm eigenen Sachlichkeit: »Wenn ich durch die Untersuchung zu dem Resultat gelanget bin: vernünftigerweise kann man sich keinen Betrug denken, so kann ich nicht weiter forschen.«200

Am 14. November 1813 schreibt der Generalvikar Clemens August Graf Droste zu Vischering dann jenen Brief an den Grafen Friedrich Leopold von Stolberg, der als eines der großen Zeitzeugnisse über Anna Katharina Emmerick gilt und oft zitiert wird:

»Ich muss Ihnen nun auch etwas von der Nonne in Dülmen schreiben, doch bitte ich, was ich schreiben werde, nicht aus ihrem Zirkel kommen zu lassen: Ich würde glauben, auch nicht einmal dieses schreiben zu dürfen, wenn es nicht schon hier auf dem Lande und zwar unrichtig erzählet würde: Meine Meinung über sie ist: Dass sie eine besondere Freundin Gottes ist, wovon aber wir nichts gemerket hätten, so dass ihr Beispiel für uns würde verloren gewesen sein, wenn Gott sie nicht gestempelt hätte, deshalb denke ich, hat Gott sie durch die äußerlichen Male als Seine Freundin gestempelt – das scheint mir so klar, dass, wenn ich jetzt auch Betrug oder Täuschung finden würde, ich doch, nach dem, was ich von ihr in Händen, von ihr selbst gehöret, und an ihr gesehen habe: Vernünftigerweise hätte man sich das nicht denken können.«201

Hier spricht nicht mehr so sehr die kirchliche Amtsperson, sondern eher der Theologe und die überzeugte Person zu einem befreundeten Gleichgesinnten. Im weiteren Brieftext bezeugt der Droste sogar seine eigene Betroffenheit über die Ekstasen der Emmerick. Vor allem gelingt ihm als Theologen und Kirchenmann eine bis heute gültige Formulierung: er bezeichnet die Emmerick als »Freundin Gottes«. Er bittet den Grafen Stolberg auch um Antwort, was er über Emmerick denke; diese Antwort ist leider nicht bekannt.

Am 22. Juli 1813 hatte der berühmte Graf Stolberg (1750–1819)202 mit seiner Frau Sophie die Emmerick in Dülmen besucht und einen ausführlichen »Bericht« geschrieben, der ebenfalls weit über das Münsterland hinaus sehr bekannt wurde und wieder andere Persönlichkeiten motiviert, nach Dülmen zu kommen, nicht zuletzt Clemens Brentano.

Graf Stolberg erlebt die Emmerick so:

»Ihr geistvoller Blick, ihre heitere Freundlichkeit, ihre lichtvolle Weisheit und ihre Liebe atmen aus allem, was sie sagt; sie spricht leise, aber mit heller, reiner Stimme. Es ist nichts Überspanntes in ihren Äußerungen, weil Liebe nichts von Spannung weiß, sie zeigt hin aufs Höchste, auf eine in allen Handlungen, Worten und Empfindungen waltende Liebe zu Gott und auf Duldsamkeit gegen alle, Liebe zu allen Menschen.«203

Am Nachmittag sehen sich Emmerick und Graf Stolberg und seine Frau getrennt voneinander noch einmal. Sophie Stolberg berichtet folgendes schöne Wort von Anna Katharina: »Wie glücklich sind wir, Jesum Christum zu kennen, wie viel schwerer ward es unseren Vätern, den Heiden, zu Gott zu gelangen!« Schließlich stellt das Ehepaar Stolberg fest, dass Emmerick sich wegen ihrer Begnadigung gerade nicht erhebt; sie fühle sich der Zeichen »unwert und trägt mit demütiger Besorgnis den Schatz des Himmels in zerbrechlichen irdenen Gefäßen«204.

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