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Claus Bork
Land hinter den Nebeln
Saga
Land hinter den NebelnOriginaltitel: Landet bag tågerneÜbersetzt von Susanne Richter Copyright © 2015, 2019 Claus Bork und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800034
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
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Personen
Der Schwarze Sigurd
Jespers Freund, der Rabe aus Abenteuerland. Ein denkender, sprechender, schelmischer Freund
Jesper Aksel Bergmann
Ein sogenannter ganz gewöhnlicher Junge von elf Jahren. (Wie ein gewisses Oberhaupt findet!)
Tinga von Opal
Einer von drei Königen im Land hinter den Nebeln. Herrscher über Opal, die Insel des Reichtums und der Freude.
Haron der Grimmige
Der Zweite der drei Könige im Land hinter den Nebeln. Herrscher über das finstere Hanwayan.
Der König vom Rosengarten
Der einsame König, dessen Reich das Tal hinter den Bergen hinter den zwei Toren ist.
Dworf
Ein Zwerg, der Jespers und des Schwarzen Sigurds Freund in Hanwayan wurde - dem Land hinter den Nebeln.
Cherri
Jespers Hippiehund, der der Grund dafür ist, warum Jesper und der Schwarze Sigurd nach Hanwayan reisen müssen - dem Land hinter den Nebeln, um eine Rose aus dem Rosengarten zu holen.
Archimedes
Die kluge Eule des Zauberers Merlin aus Abenteuerland, die so gräßlich Schlimmes anrichtet, wenn sie ihre magischen Kräfte benutzt.
Der Rosengarten
Der Ort wo sie wachsen, die Rosen mit der heilenden Kraft. Hinter der Schlucht, der Insel und den Spechten, hinter den zwei Toren ist er zu finden.
Der Wahrheitsbrunnen
Der Brunnen, den man alles fragen kann und immer bekommt man eine ehrliche Antwort - wenn man versteht, sie zu deuten.
Es war einmal ein Junge,
mit Namen Jesper Aksel Bergmann.
Bei ihm war der Schwarze Sigurd,
sein Rabe aus Abenteuerland.
Sie reisten durch die Nebel,
zum Lande Hanwayan,
und dort wo der Regenbogen endete,
Suchten sie das große Glück.
Überall, wo sie sich hindurchkämpften,
im Hanwayan des Winters,
Lag Haron der Grimmige auf der Lauer,
In dem gefrorenen, erstarrten Land.
Tinga im Palast auf Opal,
Einer der Giganten des leeren Glücks,
sah die Welt mit Augen,
so klar wie geschliffene Diamanten.
Bei dem einsamen König,
Hinter den Toren des Rosengartens,
fanden sie die Quelle des Lebens,
in Stunden, die viel, viel zu kurz waren.
Durch die treibenden Nebel,
hinaus über die Löcher im Eis,
Streckte er seinen Handschuh,
Brachte das Symbol des Friedens,
eine Rose, so rot,
Fortsetzung
Er war immer noch ein ganz gewöhnlicher Junge, obwohl er selbst einer ganz anderen Auffassung war. Denn er hatte ja tatsächlich so viele Gefahren und große Triumphe erlebt, daß er, wenn es in seinem Umkreis bekannt gewesen wäre, unzweifelhaft als ein Held betrachtet worden wäre. Aber es waren nur ganz wenige, die es wußten. Seine Mutter, sein Vater, sein Freund Henrik und er selbst. Er hieß übrigens Jesper Aksel Bergmann und war inzwischen elf Jahre alt, seit er einst den Raben Schwarzer Sigurd aus Abenteuerland traf.
Nun war der Winter fast vorbei.
Er hatte längst seinen elften Geburtstag gefeiert. Er dachte flüchtig daran, während er auf den nassen Kacheln ging.
Er blieb unter der Straßenlaterne der Kleinkrämerstraße in Holte stehen und schaute in den Himmel. Die Regentropfen fielen wie glitzernde Kristalle aus der Dunkelheit in das Licht der Straßenlaterne auf ihn hinunter. Er kniff die Augen zusammen und ließ den Regen über das Gesicht laufen.
Geburtstage - warum sind sie immer so?
Warum enden Geburtstage immer schlecht?
Mads hatte sich in die Badewanne übergeben und Jacob, der einen Vetter hatte, der einmal fast in die Nationalmannschaft gekommen wäre, hatte den Vogel herausfliegen lassen. Sie hatten den ganzen Nachmittag nach ihm gesucht, ab und zu, ohne ihn zu finden. Henrik hatte gesagt, daß Vögel im Käfig genauso gut tot sein könnten, und daß er wohl wieder nach Hause kommen würde, wenn er hungrig wäre. Aber er kam nicht, dann hatte er es vielleicht im Wald besser. Es war erst am Abend, als ihm seine Mutter erklärte, daß Wellensittiche in Dänemarks Wäldern nicht leben können, und daß die anderen Vögel ihn höchstwahrscheinlich totgehackt hätten, und Jesper wurde traurig. Er hatte ihn im Traum vor sich gesehen, zwischen Elstern und Möwen - die hackten und hackten, während er flüchtete, ohne einen Ort zu haben, wo er hinkonnte.
Das war jetzt lange her. Sein Vater hatte gesagt, daß er nie wieder die Erlaubnis bekommen würde, seinen Geburtstag zu feiern. Aber das hatte er auch voriges Jahr gesagt, und das Jahr davor.
Er zog den Kragen um den Hals und schlenderte weiter durch den Regen. Sein Vater war auch einmal ein Kind gewesen - sagte er. Jesper dachte kurz darüber nach, ob das wahr sein konnte.
Sie hatten einen Hund bekommen. Er lächelte bei dem Gedanken, während er weiter den Weg hinunterging.
Hinter dem Haus auf seiner rechten Seite lag der Wald wie eine Festung aus undurchdringlicher Dunkelheit.
Es war Abend, und am Abend kommen sie zwischen den Bäumen hervor, alle Wesen seiner Phantasie. Er hatte seine Reise ins Abenteuerland nie vergessen, und er wußte, daß es sie gab, und daß man sie sehen konnte, wenn man an sie glaubte.
Eines Tages war er aus dem Wald gelaufen gekommen, den Weg herunter und gerade in ihren Garten hinein - einfach so. Am Halsband hatte er ein kleines Namensschild auf dem Cherri stand. Das war alles, nur Cherri. Keine Telefonnummer oder etwas, aus dem hervorging, woher er kam oder wem er gehörte.
Jespers Vater sagte, daß er ein Englischer Schäferhund sei und daß er höchstwahrscheinlich Flöhe hätte, und daß er auf jeden Fall zuviel fressen würde, und daß sie ihn deshalb nicht behalten könnten. Dann hatte er eine Annonce in die Zeitung gesetzt, aber keiner hatte darauf geantwortet. Dann hatten sie einen Zettel am schwarzen Brett beim Kaufmann aufgehängt, aber auch darauf antwortete niemand. Und als dann Jespers Vater vorschlug, daß sie ihn einschläfern lassen könnten, hatte Jesper seine Mutter davon überzeugt, daß es notwendig war, ihn zu behalten. Denn Jespers Eltern waren wie so viele andere Eltern. Sein Vater glaubte, daß er es war, der bestimmte und alles liefe dann auch so einigermaßen, bis er sich das eine oder andere Mal blamierte. Und da wurde es schwierig, denn nun war seine Mutter genötigt zu demonstrieren, daß es in Wirklichkeit sie war, die die Macht hatte. Und das war immer etwas problematisch. Aber sie hatten Cherri also behalten, und seitdem hatte Jesper Aksel Bergmann das erste Mal mit seinem EIGENEN Hund Weihnachten gefeiert.
Er war seit gestern Abend nicht zu Hause gewesen. Er bog um die Hecke in die Einfahrt und lief den Gartenweg hoch, während er nach Cherris Kopf hinter dem Fenster der Waschküchentür Ausschau hielt. Er war nicht dort. Sonst pflegte er immer hinter dem Fenster zu sitzen und zu warten, bis er nach Hause kam. Aber heute nicht.
Jesper riß die Tür auf und rief, während er mit den Stiefeln auf dem Fußabtreter stampfte.
Irgendwo im Haus spielte ganz leise ein Radio.
Er zog die Stiefel aus und lief durch die Waschküche, während er die Windjacke über die Schultern abstreifte. Jesper Aksel Bergmann konnte vieles - zum Beispiel war er ohne Zweifel der Weltmeister im Unordnung machen.
Er stieß die Tür zur Stube auf, viel zu heftig, sodaß es durchs ganze Haus dröhnte.
"Ruhig - ruhig, junger Mann," dachte Jesper Aksel Bergmann.
"Ruhig - ruhig, junger Mann!" rief sein Vater hinten vom Schreibtisch, wo er saß und arbeitete.
Seine Mutter saß auf dem Sofa und sah ihn mit einem bekümmerten Ausdruck im Gesicht an.
"Hey," sagte Jesper. "Wo ist Cherri?" Er sah sich um. Es war allzu still.
"Da ist etwas, über das wir sprechen müßen," sagte Jespers Mutter und winkte ihn zu sich.
Sein Vater vertiefte sich in seine Arbeit am Computer, wie er es immer machte, wenn es Probleme gab.
"Wo ist Cherri?" fragte Jesper noch einmal.
"Cherri ist krank," sagte seine Mutter mit belegter Stimme.
Sein Vater seufzte über der Tastatur und starrte leer auf den Bildschirm.
"Krank?" wiederholte Jesper. "Er war doch gestern noch gesund?"
Jespers Mutter schaute zu seinem Vater hinüber mit gehobenen Augenbrauen und gespitztem Mund.
"Oh!" dachte Jesper Aksel Bergmann. "Nun wird es brenzlig."
Sein Vater wandte sich langsam um und schaute ihn über die Brillengläser an. Dann faltete er die Hände im Schoß und räusperte sich wie immer, wenn er wegen etwas ein schlechtes Gewissen hatte.
"Ja, sieh mal," begann er. "Ich habe dieses blaue Gift gegen die Mäuse ausgelegt, wie du weißt."
Jesper Aksel Bergmann verkrampfte sich der Magen.
Seine Mutter saß auf dem Sofa und schüttelte energisch mit dem Kopf.
"Und dann, ja dann..." Der Vater seufzte tief, nahm die Brille ab und begann nervös, sie zu putzen, obwohl sie spiegelblank war.
"Was dann?" flüsterte Jesper Aksel Bergmann.
"Manchmal muß man tapfer sein," sagte sein Vater und hob einen Finger in die Luft.
"Was dann?" fragte er wieder.
"Ja, dann hat dein verschlagener Hund etwas von dem Gift gefressen," sagte sein Vater irritiert. "Cherri ist nicht verschlagen!" rief Jesper, sodaß man es mehrere kilometerweit weg noch hören konnte.
"So, so," sagte sein Vater. "Das ist etwas, was ich entscheide."
Aber Jespers Mutter war sich darin mit ihm nicht einig.
"Du solltest dem Jungen lieber erklären, was passiert ist," sagte sie scharf.
Der Vater sah fast aus wie eine Katze, die von wilden blutrünstigen Hunden in eine Ecke gedrängt worden war.
"Es tut mir sehr leid," sagte sein Vater so leise, daß es schwer zu hören war. "Sehr leid." Er nickte, während er sprach, um zu unterstreichen, welche enorme Überwindung es ihn kostete, dies zuzugeben.
"Wo ist Cherri?" fragte Jesper.
"Oh, in der Tierklinik," sagte sein Vater.
"Habt ihr sie bloß in die Tierklinik gebracht?" fragte Jesper.
"Bloß..." sagte sein Vater. "Sag mir, bist du dir klar darüber, was es kostet einen Hund in die Tierklinik zu..."
"So, so," sagte seine Mutter.
"Ich werde sie jetzt besuchen," sagte Jesper. "Gleich mit euch zusammen."
"Das läßt sich nicht machen," sagte sein Vater.
"Sie ist bewußtlos, Cherri," sagte Jespers Mutter. "Und dort ist jetzt auch geschlossen."
"Geschlossen?" rief Jesper. "Liegt sie ganz alleine in einer dunklen, geschlossenen Tierklinik?"
"Jah, oh..." murmelte sein Vater.
"Warum legt man auch Gift aus?" rief Jesper.
"Das macht man, um die Mäuse loszuwerden," sagte sein Vater pädagogisch.
"Warum muß man sie loswerden?" rief Jesper Aksel Bergmann.
Sein Vater schaute hinunter auf seine Hände und sah aus, als hoffe er, sie könnten ihm eine Antwort geben. Aber offenbar glückte das nicht.
"Warum tötet man kleine Mäuse?" schrie Jesper so laut er konnte.
"Weil man sie nicht überall herumlaufen und alles anfressen lassen kann," antwortete sein Vater aufgebend. Er warf Jespers Mutter einen flehenden Blick zu, eine Bitte um Hilfe, aber sie ließ ihn schwitzen.
"Ich geh wieder," sagte Jesper, drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus durch die Waschküche, wo er seine Jacke vom Fußboden aufhob. Danach stieg er in seine Stiefel und eilte hinaus in den Regen und die Dunkelheit, während seine Eltern diskutierten, wer von ihnen ihn aufhalten sollte und wer von ihnen die Schuld an dem ganzen Unglück hatte, das geschehen war. Er holte sein Fahrrad aus dem Carport und radelte die Pindehuggervang hinunter und weiter zur Paradieswiese und weiter - bis er vor der Tierklinik hielt, unterhalb eines Hügels, geradeaus zum Wald.
Es war ein längliches, graues Gebäude. Die Fenster waren dunkel wie die starrenden Augen im Kopf eines gewaltigen, liegenden Drachens. Er hielt die Luft an und lauschte, aber es waren keine anderen Geräusche als die des Windes und des Regens, der auf seine Jacke trommelte, zu hören.
Dann holte es ihn ein, das Gefühl der Sorge und des Elends.
Er warf das Fahrrad von sich und ging über den kurzgeschnittenen Rasen draußen vor der grauen Mauer, die ihn von dem in der Welt trennte, das er am meisten liebte.
Und dann, wie eine Reaktion auf alles, was so plötzlich gekommen war, daß er sich noch gar nicht daran gewöhnt hatte, hielt er die Hände vors Gesicht und weinte. Er sah Cherri vor sich, auf einer Pritsche aus rostfreiem Stahl liegend, mit den Haaren über den Augen hängend, wie ein anderer Hippiehund - Augen ohne Leben und Wärme, Augen von einem, der im Sterben lag. Und der Gedanke ging Jesper auf, daß das, was Cherri fehlte, etwas anderes und mehr war, als die Medizin, die er von Menschen bekam, die nun eine Menge Geld daran verdienten, dadurch, daß er krank war.
Er schluchzte laut, ganz egal, ob jemand es hörte und auch vielleicht dachte, daß er zu groß sei, um so dazustehen und zu weinen, mitten auf dem Rasen vor einer Tierklinik, zu einem Zeitpunkt, wo er in seinem Bett liegen und schlafen sollte. Aber dann, plötzlich, passierte etwas.
Der Schwarze Sigurd
"Was ist mit dir?" krächzte eine rauhe Stimme.
Jesper hielt den Atem an und lauschte.
"Ts, ts," seufzte eine Stimme zu ihm hinunter. "Sicher ein Unglück."
Er nahm die Hände von den Augen und sah sich verwirrt um.
"Dann trockne dir die Augen, Fister. ICH bin zurückgekommen!"
Jesper stutzte. Er kannte die Stimme. Er sperrte langsam die Augen auf und drehte sich herum, ohne jemanden zu entdecken. "Hier oben in dem Baum," flüsterte die Stimme.
Jesper legte den Kopf zurück und starrte in die Äste der Birke. Und da, mitten in dem nassen Wiederschein der Straßenlampe neben dem Bürgersteig, saß der Rabe Schwarzer Sigurd aus Abenteuerland, glänzend und funkelnd in seiner blauschwarzen Federtracht. Er legte den Kopf leicht schräg und schaute auf den Jungen hinunter.
"Erinnerst du dich?" zischte er.
Jesper nickte und lächelte und vergaß Cherri für einen Augenblick. Der Schwarze Sigurd breitete seine Flügel aus, schwebte herunter und setzte sich auf seine Schulter.
Jesper hob die Hand und streichelte ihm über den Rücken. Verschwunden waren die Kälte des Regens, die Kälte der Nässe.
"Ach, Sigurd, wie habe ich dich vermißt," seufzte Jesper.
"Ich bin ja auch jemand, den man vermißt," sagte der Schwarze Sigurd verständnisvoll.
Jesper starrte in die schwarzen, strahlenden Augen.
"Warum hast du gerade geweint?" fragte der Rabe.
Jesper dachte wieder an Cherri, es war wie ein Schmerz, der ihn durchfuhr. Die Freude über die Wiederkehr des Schwarzen Sigurds verschwand fast ganz.
"Ich verliere gerade Cherri," flüsterte Jesper mit Verzweiflung in der Stimme.
"Wer ist Cherri?" fragte der Schwarze Sigurd mit einem leichten Anflug von Eifersucht in seiner rauhen Stimme.
"Cherri ist mein Hippiehund," flüsterte Jesper.
"Wo ist er hin? Ich kann ihn nirgendwo sehen."
Jesper zeigte auf das Haus. "Dadrin, sie liegt dadrinnen ganz alleine und ist am Sterben, Sigurd. Und ich kann nicht zu ihr hineinkommen."
"Sie?" sagte Sigurd. "Sie ist eine Hündin! Ein hübsches, weibliches Wesen in Not," murmelte Sigurd heiser. "Sie muß gerettet werden, Kleiner!"
Jesper betrachtete die dunklen, verschlossenen Fenster.
"Wie können wir sie retten, Sigurd?"
"Was fehlt ihr?" fragte Sigurd.
"Mein Vater hat ihr Gift gegeben," flüsterte Jesper zornig.
"Gift?" Sigurd bekam mitten im Regen große Augen. "Ich habe ja auch oft genug gesagt, daß du in Abenteuerland bleiben solltest. Nun verstehst du vielleicht den Sinn meiner Worte?"
Jesper nickte schweigend.
"Ich dachte ja immer, daß du merkwürdige Eltern hast," stellte Sigurd verwundert fest. "Aber, daß sie ihr Gift gegeben haben sollen?" Er schüttelte den Kopf, sodaß das Wasser nach allen Seiten spritzte.
"Du gehst wohl auch immer noch zur Schule?"
"Ja, das tue ich," antwortete Jesper.
Sigurd lehnte sich auf seiner Schulter vor und sah ihm tief in die Augen.
"Ich habe dich ja gewarnt - kannst du es nicht einsehen? Eltern - und Schule und diese..." Er überlegte einen Augenblick.
"Hausaufgaben," flüsterte Jesper.
"Jah, Hausaufgaben!" schrie der Schwarze Sigurd. "All diesen Mist haben wir überhaupt nicht in Abenteuerland. Wir haben Süßigkeiten und Kuchen und ein Schwein aus Marzipan mit einem Messer im Rücken, und wir haben einen Limonadenbach und wir haben..."
"Pst..." beschwichtigte Jesper. "Du weckst die ganze Nachbarschaft, Sigurd."
"Hm..."
Er stand ein wenig im Dunkeln, mit dem Raben auf der Schulter, und schaute mutlos durch den Regen auf das dunkle, stille Haus. Es drangen keine Geräusche heraus, kein Lebenszeichen von irgendetwas. Sigurd sah die Tränen, die von seinen Augen über die Backen herunterliefen. Er legte wieder den Kopf schräg und flüsterte aufmunternd: "Wir finden einen Rat, Fister. Wir denken nach und dann fällt uns was ein."
"Was sollte das sein?" flüsterte Jesper.
"Laß MICH denken!" zischte Sigurd, schob die Brust vor und reckte den Hals. Es verging ein kurzer Augenblick.
"Was nun?" fragte Jesper.
"Ich überlege..." krächzte Sigurd. Jesper ließ ihn in Frieden nachdenken. Gerade als er gehen wollte, geschah etwas." ICH HABS!" schrie der Schwarze Sigurd.
"Schhhh..." beruhigte Jesper. "Was hast du, Sigurd?"
"Eine Idee, Kleiner," krächzte Sigurd eifrig. Er faltete die Flügel vor den Schnabel und begann, ihm sprudelnd etwas ins Ohr zu flüstern.
"Sigurd, du spuckst mir ins Ohr."
"Ich HABS," flüsterte Sigurd schrill.
"Erzähl es mir," bat Jesper.
Der Schwarze Sigurd unterbrach auf einmal seinen Redefluß. Er schaute an sich selbst herunter und stöhnte laut.
"Was ist denn jetzt?" fragte Jesper.
"Ich habe Hunger," flüsterte der Rabe.
"Ja, ja," sagte Jesper.
"Vielleicht, nur vielleicht, sterbe ich vor Hunger, bevor ich dir von meiner brillanten Idee erzählen kann," zischte Sigurd und hielt sich mit den Flügeln den Magen.
"Wir gehen schnell zu mir nach Hause und schmieren ein paar Stullen," sagte Jesper. "Dann wird es schon wieder, du wirst sehen." Er ging hinunter zum Fahrrad, schwang sich hinauf und dann ging es mit voller Fahrt zurück, durch eine Gegend, die Paradiesviertel hieß.
Wenn an diesem späten Abend jemand auf dem Bürgersteig gegangen wäre, hätte er einen Jungen durch die Dunkelheit fahren sehen können, auf einem Fahrrad ohne Licht und mit einem Raben auf der Schulter. Aber es ging niemand dort.
"Schneller..." quengelte Sigurd. "Ich merke, daß meine Kräfte schwinden."
"Du wirst etwas zu essen bekommen," sagte Jesper beruhigend. Es ging ihm viel besser, jetzt, wo der Schwarze Sigurd ihn gefunden hatte. Er war jetzt sicher, daß ihnen irgendetwas einfallen würde, was Cherri von dem Mäusegift und den Tierärzten und all den anderen Gefahren, die auf sie lauerten befreien konnte, sie, deren Gesundheit aus dem einen oder anderen Grund aus der Balance geraten war.
Abendbrot
"Jetzt verhältst du dich ganz ruhig," flüsterte Jesper, während er hinein und durch die Waschküche ging, mit dem Schwarzen Sigurd auf der Schulter.
"Selbstverständlich," antwortete Sigurd. "Panik ist etwas, das sich nur unter Unterentwickelten ausbreitet."
"Meine Eltern sind noch wach, Sigurd." Jesper dachte flüchtig daran, was sie wohl sagen würden, wenn er mit Sigurd auf der Schulter hineingerast kommen würde. Aber, ach was - sie hatten ja fast Cherri getötet, nun mußten sie auch die Folgen tragen.
Er öffnete die Tür zur Stube, gerade als seine Mutter vom Sofa aufstand.
"Na, da bist du ja." Sie wandte sich zu ihm um, hob die Hand vor den Mund und versuchte ihren eigenen Schrei zu unterdrücken.
Sein Vater sprang vom Stuhl vor dem Computer auf und drehte sich um.
"We ...Wer ist der da?" Seine Mutter zeigte auf den Vogel auf Jespers Schulter, mit einem zitternden Finger.
"Ich glaube, ich weiß wer das ist," seufzte sein Vater.
"Das ist doch der Schwarze Sigurd, Mutter. Kannst du ihn nicht erkennen?"
Sie sah aus, als ob sie sich mit sich selbst nicht einig werden konnte, ob sie in Ohnmacht fallen oder einen Wutanfall kriegen sollte.
"Wir müssen nämlich etwas herausfinden," sagte Jesper Aksel Bergmann Und sah feierlich in die Stube.
"Erst das Essen, Fister," zischte der Schwarze Sigurd.
"Ach ja, essen..." Er fing an mit energischen Schritten zur Küchentür hinüber zu gehen.
"Also, ich bestimme hier," begann sein Vater. "Und ich sage, daß es über die Bettzeit hinaus ist und du umgehend ..."
Der Schwarze Sigurd hob einen Flügel in die Luft, spreizte die Federn wie einen Fächer und rief: "Ruhe!"
Der Vater schwieg und glotzte dumpf auf den Vogel. "Wir haben das Kommando übernommen, für eine Zeit lang," rief der Schwarze Sigurd mit schriller Stimme.
Sein Vater machte einen Schritt nach vorn."Das Kommando übernommen?"
"Oh ... Ja, also wir bestimmen nun," antwortete Sigurd - voller Überzeugung.
"Nun werde ich sagen..." begann Jespers Vater mit einer Stimme, die vor Zorn bebte.
Der Schwarze Sigurd drehte sich blitzschnell auf Jespers Schulter, zeigte mit der Spitze seines Flügels auf seine Mutter und sagte mit tiefer, weicher Stimme:
"Gnädige Frau, sie sehen ausgesprochen hübsch aus heute Abend. Schöner als je zuvor."
Jespers Mutter glotzte Sigurd mit offenem Mund an. Dann fasste sie sich, schaute an sich herunter und glättete mit einer Hand ihren Rock. Während sie das tat errötete sie mehr als sie es nach und nach in vielen Jahren getan hatte.
"Oh, tausend Dank." Sie lächelte und schaute Sigurd freundlich an.
"Ja, gnädige Frau - nichts zu danken." Sigurd lehnte sich auf Jespers Schulter vor und sah sie mit dem einen seiner blinzelnden Augen schmeichelnd an. "Wir Raben haben ein Auge für Schönheit, liebe Frau."
Jesper stand mit geschlossenen Augen da und wartete darauf, daß sie explodierte. Zu seinem großen Erstaunen explodierte sie nicht. Sein Vater hingegen war so rot im Gesicht, wie ein Klumpen glühenden Eisens.
Jesper beeilte sich weiter in die Küche, wo er die Tür hinter sich schloß.
Sigurd hüpfte hinunter auf das Küchenbord und stand und lauschte mit schrägem Kopf.
"Das ist ein V-O-G-E-L, VOGEL," sagte sein Vater laut.
"Es kann gut sein, daß es ein Vogel ist, Hermann," verlautete die Stimme seiner Mutter. "Aber das ist das netteste, was jemand gesagt hat, seit Tante Fransens dreißigstem Geburtstag."
"Das ist lange her," wandte Jespers Vater ein.
"Ja!" rief seine Mutter. "Fast fünfzehn Jahre."
Es wurde ganz still in der Stube.
"Warum hast du das gemacht?" fragte Jesper, während er die Butter aus dem Kühlschrank holte.
"Format, Fister. Es ist eine Frage des Formats."
Der Schwarze Sigurd stolzierte mit seinen dünnen, knochigen Beinen auf dem Küchenregal.
Jesper stand mit dem größten Teil seines Oberkörpers im Kühlschrank.
"Sigurd, pass auf, daß du nicht..." Mehr konnte er nicht sagen, als auch schon ein erschrecktes Schnattern, ein Platschen und danach ein Spucken und Zischen von jemandem zu hören war, der im Waschbecken herumschwamm. "...ins Waschbecken fällst," sagte Jesper.
Der Schwarze Sigurd kämpfte sich auf das Regal, schüttelte sich, sodaß es nach allen Seiten spritzte und schaute zornig in den Schaum.
"Ich glaubte, man kann darauf gehen," schmollte er.
"Sigurd. Das ist Seifenschaum. Man kann auf Seifenschaum nicht laufen."
"Du bist so klug, Fister," antwortete Sigurd.
Jesper schmierte vier Scheiben Weißbrot. Zwei mit Leberpastete und zwei mit Schokolade. Er legte sie auf einen Teller und setzte sich an den Tisch bei der Wand.
Sigurd war erleichtert und flog hinüber. Daraufhin verspeisten die beiden jeder zwei der Brote, ohne ein Wort zu sprechen. Als sie fertig waren, kam Jespers Mutter zu ihnen hinaus. Sie konnten sehen, das sie ihr Haar gekämmt hatte, denn es war nicht mehr unordentlich.
"Zauberhaft..." schmatzte Sigurd und warf ihr einen langen Blick zu.
"Oh, danke, Sigurd," antwortete Jespers Mutter und ging summend in der Küche herum, damit Sigurd sie richtig anschauen konnte.
"Wir verduften, Sigurd." Jesper flüsterte, damit sie es nicht hören konnte.
"Na, dann gute Nacht liebe Frau." Sigurd verbeugte sich mit dem einen Flügel vor seiner Vogelbrust vor ihr.
"Und träumen sie etwas Schönes."
Jespers Mutter klatschte in die Hände und lächelte, und während sie das tat, seufzte sie vor sich hin.
Sie hörten Jespers Vater in der Stube. "Sowas Albernes..." Das war, was er sagte. Jesper wußte, daß sie so nicht länger wietermachen konnten.
"Gute Nacht," sagte er und wanderte aus der Küche und die Treppe hinauf, mit dem Schwarzen Sigurd auf der Schulter.
"Gute Nacht, ihr beiden," sagte seine Mutter. Sein Vater schielte mit zusammengekniffenen Augen hinter ihnen her. Sie meinten beide, eine schwarze, glimmernde Donnerwolke über seinem Kopf sehen zu können, obwohl da natürlich gar nichts war.
Als sie in Jespers Zimmer in Sicherheit waren, beeilte er sich in seinen Schlafanzug zu kommen und krabbelte ins Bett. Nachdem er das Licht gelöscht und sich unter der Decke zurechtgelegt hatte, fiel ihm ein, daß sie noch gar nichts besprochen hatten.
Der Schwarze Sigurd hatte sich auf der Decke über seiner Brust niedergelassen. Er saß im Licht von der Straßenlaterne draußen und schaute auf den Jungen.
"Was jetzt?" flüsterte Jesper.
"Das frag ich mich auch," krächzte Sigurd.
"Du hattest einen Plan, aber du wolltest erst etwas zu essen haben," sagte Jesper. Sigurd kam es vor, als wäre da plötzlich etwas Drohendes in seiner Stimme.
"Ja, das ist auch richtig," zischte er. "Wie vergesslich ich doch bin!"
Sie schwiegen ein wenig. Sigurd dachte nach. Dann lehnte er sich über die Bettdecke, starrte ihm in die Augen und flüsterte so leise, daß kein anderer auf der ganzen Welt es hören konnte: "Es gibt einen Platz, jenseits von allem, was Erwachsene begreifen - weit hinter der äußersten Grenze ihrer Vorstellungskraft - ein Land, wo die merkwürdigsten Dinge wachsen und wo es so starke Kräfte gibt, daß meine Federn schrumpfen und zu kleinen, trockenen Plättchen werden, wenn ich nur daran denke."
Sigurd seufzte laut auf der Bettdecke.
"Also," setzte er nach einer kleinen Pause fort. "Es ist nicht immer das das Richtige, was die Augen sehen. Aber was das Herz fühlt, das ist, was wahr ist. "
Jesper lauschte.
"Wir müssen dorthin reisen," flüsterte der Schwarze Sigurd.
"Was ist dann mit der Schule?" wandte Jesper Aksel Bergmann ein, weil er so ein pflichtbewußter Junge war.
"Schule?" Sigurd ließ sich mit den Flügeln zur Seite auf den Rücken fallen. Und dann lachte er, sodaß es im ganzen Zimmer dröhnte.
Jesper Aksel Bergmann fühlte sich ziemlich dumm.
Sigurd kam wieder auf seine Brust gekrabbelt und unterdrückte sein Lachen.
"Die Schule kann warten, Fister. Hier geht es um Leben und Tod!"
"Wahr genug, Sigurd."
"Du mußt dich wieder anziehen," flüsterte Sigurd.
"Nun habe ich gerade all mein Zeug ausgezogen," protestierte Jesper.
"Schnick schnack," sagte Sigurd, "red jetzt keinen Quatsch, Fister."
Jesper krabbelte aus dem Bett, zog sein Zeug an und holte eine wollene, gestrickte Jacke aus der Kommode. Darauf nahm er sein Taschenmesser und steckte es in die Tasche. Man wußte ja nie, wo Sigurd sie hineinreiten würde. Er holte auch seine Taschenlampe hervor, aber die Batterien waren leer, so ließ er sie liegen.
"Wir müßen einen See finden," zischte Sigurd mit energischer Stimme.
"Warum das?" fragte Jesper.
"Weil..." Sigurd sah ihn geheimnisvoll an. "Du fragst zuviel, Kleiner."
Jesper rollte seine Strickleiter aus. Sie war speziell für die Flucht vor den Eltern gemacht, hatte einen Knoten alle vierzig Zentimeter und war lang genug, sodaß sie die Erde erreichte, wenn er das eine Ende aus dem Fenster warf.
Der Schwarze Sigurd stand auf dem Fensterbrett und schaute ihm nach, während er hinunterkletterte. Dann flog auch er und setzte sich auf seine Schulter.
"Es ist ganz schön kalt," flüsterte Jesper, während seine Zähne klapperten.
"Ach, was" sagte Sigurd, "Helden frieren nicht."
Sie fanden sein Fahrrad im Carport und einen Augenblick später waren sie in der Dunkelheit verschwunden.
Es regnete immer noch, ein milder Nieselregen, der sich lautlos auf ganz Holte legte und die Menschen in den Häusern hielt. Jesper fuhr den Westparadiesweg hinunter, als Sigurd ausrief:
"Da, Fister! Da ist ein schöner, kleiner See mit dem wunderbarsten Nebel."
Jesper hielt das Fahrrad an und versteckte es am Weg im Gebüsch. Dann ging er über das Gras hinunter an das schwarze, kalte Wasser des Kollemoores.
"Weißt du was?" fragte Sigurd.
"Nee," antwortete Jesper, "ich ahne es nicht einmal, Sigurd."
"Wir müßen ein Boot finden!"
"Es ist nur ein kleiner See," sagte Jesper. "Man kommt nicht weit, auf so einem kleinen See."
"Soo?" flüsterte Sigurd, lehnte sich nach vorn und sandte ihm einen besserwissenden Blick. "Wo endet der See denn, das kannst du mir dann vielleicht mal erzählen?"
"Gleich da drüben!" sagte Jesper und zeigte in den dichten, feuchten Nebel, der wie eine Bettdecke über dem Wasser hing. Es war kein Geräusch zu hören, nur ihre eigenen Atemzüge und das sachte Rauschen des Regens.
"Gleich wo drüben?" fragte Sigurd.
"Gleich dort drüben, auf der anderen Seite des Nebels," antwortete Jesper Aksel Bergmann voller Überzeugung. Er war nämlich kein ganz dummer kleiner Junge.
Der Schwarze Sigurd legte den Kopf in den Nacken und brach in ein schallendes Gelächter aus. "Ha, ha," dröhnte es über das Wasser und Jesper dachte, daß er es ein wenig übertrieb, weil er überhaupt keine Luft mehr bekam, im Gras saß und keuchte und mehrere Minuten fast nicht mehr er selbst war.
Aber es ging ihm wieder besser, und wenig später fragte Jesper, so, als hätte er überhaupt nicht bemerkt, daß Sigurd vor Lachen beinahe gestorben wäre: " Sollen wir ein Boot suchen, Sigurd?"
"Oh, ja," stöhnte Sigurd. Dann gingen sie an den See und am Ufer entlang. Und wie es ja so kommen mußte, fanden sie ein Boot.
Während Jesper die Vertäuung nahm und das Boot ganz ans Ufer zog, zwischen das Schilf, sagte er:
"Wenn meine Eltern das herauskriegen, Sigurd, dann schicken sie mich ins Kinderheim."
Der Schwarze Sigurd hopste auf den Bug und warf einen Blick zurück an Land. "Was ist ein Kinderheim, Kleiner?"
"Ein Ort, wo sie Kinder hinschicken, wenn sie sie nicht mehr zuhause haben möchten," antwortete Jesper in einem düsteren Tonfall.
Sigurd schaute schockiert übers Wasser, und sprach nicht mehr davon.
"Na, 'möchten‘ ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort," murmelte Jesper.
Er stieß ab und sprang an Bord. Es war ziemlich dunkel und das Schilf schabte an den Seiten des Bootes mit einem ungemütlichen, schrillen Laut. Während es über das stille, schwarze Wasser glitt, dachte er daran, ob die Polizei nach ihm suchen würde, und ob es strafbar war, solch ein Boot zu stehlen. Vielleicht würden sie sogar versuchen, ihn über eine Fahndung in den Fernsehnachrichten zu finden, wo dann alle in der ganzen Welt hören würden, daß er, Jesper Aksel Bergmann, ein Bootsdieb war.
Es war nichts weiter, als ein kleines, flaches Ruderboot. Obendrein ein altes Ruderboot. Die Bretter, die zusammengesammelt waren, waren nicht ganz dicht, sodaß eiskaltes Wasser auf dem ganzen Boden plätscherte, und an den Seiten war es fettig und schleimig. Selbst die Farbe klammerte sich fest, um nicht abzufallen.
"Sieh den Nebel, Fister." Der Schwarze Sigurd zeigte mit dem Flügel.
Jesper sah sich neugierig um. Sie glitten dahin, wie von einer unsichtbaren Kraft getrieben, weg vom Ufer und hinaus, mitten auf den Lögsee, wie der See eigentlich hieß.
"Warte ein wenig, dann wirst du es schon sehen," flüsterte der Schwarze Sigurd. Er lehnte sich hintenüber und schaute hinauf in den schwarzen Nachthimmel. Und da, wie eine gewaltige, weiße Kugel, kam der Mond zum Vorschein, zwischen den Sternen am Himmel, durch den Nebel, in dem gerade eine Lücke war.
"Kannst du irgendwo Land sehen?" flüsterte Sigurd.
Jesper drehte sich langsam und schaute aufmerksam über das Wasser. Aber ganz gleich, in welche Richtung er sah, war da nichts anderes als der feuchte, kalte, undurchdringliche Nebel. Zuletzt schüttelte er den Kopf und antwortete, daß er es nicht könne.
"Oooh," seufzte Sigurd tief. Er starrte wie gelähmt hinauf zum Vollmond und hielt den Atem an. Jesper machte es wie Sigurd, schaute zum Mond und hielt die Luft an.
Und obwohl er von zwei Eltern aufgezogen worden war, die nicht an Abenteuer, Trolle und Nisser glaubten, und immer sagten, daß es für alles im Leben eine natürliche Erklärung gäbe, so wußte Jesper Aksel Bergmann auf einmal, daß hier etwas geschah, was alles andere als natürlich für sie gewesen wäre. Er wußte auch nicht gerade, was es war, aber er fühlte ein starkes Beben in seinem vor Kälte zitternden Körper, und das Wasser erstarrte einen Augenblick und wurde zu Eis, bevor es wieder schmolz und alles wie vorher aussah.
"Oooh," seufzte der Schwarze Sigurd vor Erstaunen.
"Was geschieht dort, Sigurd?"
Sigurd hüpfte vor ihn hin und sagte, daß er sich zurücklehnen solle und sich ausruhen. Jesper tat wie er sagte und stützte den Rücken gegen die Reling, sodaß das Boot ziemlich schräg im Wasser lag. Die ganze Zeit trieben sie hinaus auf die Mitte des Sees und Jesper Aksel Bergmann, der ja ein vernünftiger Junge war, rechnete aus, daß sie nun bald das gegenüberliegende Ufer erreichen müßten.
Der Rabe beugte sich über ihn, starrte ihn eindringlich an, mit seinen strahlend schwarzen Augen und flüsterte: "Wir reisen,"
"Wie reisen wir?" fragte Jesper. "Ich habe kein Geld."
"Geld ist etwas für Phantasielose," belehrte Sigurd. "Sieh mich an, Fister."
Jesper sah in die funkelnden, klaren Vogelaugen. Und da, im Licht des Mondes, schien ihm plötzlich, daß er etwas sah, in den zwei schwarzen Kugeln, die ihn so intensiv anstarrten. Er sah ein ganzes Universum vor sich ausgestreckt, ein ganzes Himmelsgewölbe mit Sternennebeln und der Sonne, mit Wolken und Monden und hinter all diesem...
Er reiste durch den Nebel, der schwer über dem Lögsee ruhte, mit dem Schwarzen Sigurd auf seiner Brust sitzend, enorme Strecken zurücklegend, in der Zeit, die es braucht, sich an der Nase zu kratzen, und dann, plötzlich...
"Wach auf!" sagte Sigurd mit heiserer Stimme.
Jesper schlug die Augen auf und spekulierte, ob er geschlafen hatte. Er lag immer noch auf der Ruderbank mitten im Boot, das gefährlich zur einen Seite krängte, an der das Wasser vorbeigluckste, nur wenige Zentimeter unter der Reling.
"Was ist passiert?" fragte er erstaunt.
"Wir reisten durch den Nebel," sagte der Schwarze Sigurd. "Zum 'Land hinter den Nebeln‘ - Hanwayan."
Jesper schaute hinaus über die Reling, aber er konnte nichts anderes als Nebel sehen, auf der ganzen Strecke.
"Ich kann kein Land sehen, Sigurd."
Sigurd erhob sich auf seine dünnen Beine und schaute verwundert über das Wasser. Er starrte in den Nebel und gestand sich selber ein, daß er auch kein Stückchen sehen konnte.
"Bist du sicher, Sigurd?"
"Vollkommen sicher!" antwortet Sigurd und nickte energisch.
"Hmmm..." murmelte Jesper Aksel Bergmann zweifelnd.
"Aber da ist noch eine Sache," flüsterte Sigurd. "Nun erinnere ich mich plötzlich." Er räusperte sich, während er nachdachte. "Das war doch das ,wovor Archimedes gewarnt hatte."
"Archimedes - Merlins kluge Eule?"
Sigurd nickte wieder. "Es ist ein gefährliches Land, Fister. Ein gefährliches Land."
"Warum mußten wir dann hierher?" flüsterte Jesper.
"Weil wir eine Rose für Cherri holen müssen." Sigurd sah ihn an, als ob das so einleuchtend wäre, daß selbst er es die ganze Zeit hätte wissen müssen.
"Drinnen, mitten in Hanwayan ist eine Stelle, wo die allerwundervollsten Rosen wachsen," setzte Sigurd fort. "Rosen mit magischen Kräften..."
Jesper lauschte schweigend.
"Der, der eine Rose aus dem Rosengarten holen kann, kann alles!" Sigurd sprach hinaus über das Wasser zu Jesper, der auf dem Boden des Bootes lag.
"Glaubst du, wir können es?" fragte Jesper.
"Ja!" sagte Sigurd bestimmt. "Vergiß nicht, du hast mich, Fister!"
"Hmmm..." seufzte Jesper Aksel Bergmann und dachte, daß es jetzt zu spät war, sich aus dieser Sache zurückzuziehen. Seine Gedanken streiften Cherri und auf einmal wußte er, daß er es versuchen mußte.
"Jetzt kommt es," flüsterte Sigurd und hüpfte hinunter in den Schutz der Reling.
"Was kommt, Sigurd?"
"Hanwayan..."
Das Land hinter den Nebeln
Sie lagen seitwärts nebeneinander, mit den Augen nur wenig über der Kante und starrten durch den Nebel.
Das Wasser gluckste unter dem kleinen, schmächtigen Boot, während es mit dem Strom schwamm, hinein in das Schilf, dahin wo, wie Jesper meinte, die andere Seite des Lögsees war.
Aber sie war es nicht.
Er kniff die Augen zusammen und fühlte außen an der Tasche, ob das Messer immer noch da war. Plötzlich war er froh, daß er es mitgenommen hatte, obwohl es nur ein kleines, blödes Messer war.
Das Boot arbeitete sich in das Schilf hinein, zwang es zur Seite und schwamm mit dem Strom weiter zum Ufer. Es duftete nach Wald, Tieren und Farnkraut über das dunkle Wasser. Dann gab ein schnarrendes Geräusch zu erkennen, daß das Boot nun auf dem Grund schabte, und sie nun nicht länger treiben konnten.
"Vorsichtig," warnte Sigurd. "Tausend Gefahren lauern auf den, der kommt, um eine Rose aus dem Rosengarten zu holen."
Jesper ließ sich über die Reling gleiten und bekam eine nasse Socke, bevor er es schaffte, sich an Land zu retten. Sigurd flog dorthin, so wurde er damit fertig.
"Du machst Lärm," flüsterte Sigurd.
Jesper krabbelte an Land und schaute ärgerlich auf seinen einen völlig nassen Schuh.
"Wir müssen uns verstecken," sagte Sigurd. "Hier ist es gefährlich für uns."
"Hier sieht es doch sehr friedlich aus," flüsterte Jesper und ärgerte sich über seine zittrige Stimme.
Der Mond warf ein bleiches Licht über den Waldrand von seinem erhöhten Platz am Nachthimmel. Sie schlichen über das Ufer zwischen die Bäume, als Jesper plötzlich bemerkte, was für Bäume es eigentlich waren, zwischen denen sie versuchten, sich zu verstecken. Er blieb auf einmal stehen und starrte hinauf in die gewaltigen, schwarzen Kronen der Bäume, mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen.
Sie waren riesig, diese Bäume. Größer als alle, die er jemals gesehen hatte. Die Stämme waren dick und knorrig mit einer furchigen, gespaltenen Rinde. Innen am Stamm waren die Äste so dick wie Jesper hoch war.
"Sieh, Sigurd, sieh die Bäume."
"Bäume sind Bäume," flüsterte Sigurd, flog in die Dunkelheit zwischen den Stämmen und verschwand. Jesper lief das letzte Stück zu dem nächsten Stamm und streckte eine Hand aus. Er ließ die Finger über die felsartige, spaltendurchfurchte Rinde gleiten. Sie war ein bißchen feucht vom Nebel und kalt wie die Nacht. Als er die Rinde berührte, entfuhr dem Baum ein langgezogenes Seufzen. Jesper zog erschreckt die Hand zurück, ging vorsichtig außen um den Baum herum und verschwand in der Dunkelheit wie Sigurd.
Sigurd flüsterte von einer Stelle in der Nähe zu ihm: "Da kommt jemand, Fister."
Jesper setzte sich in die Hocke und machte sich so klein wie möglich. Er spähte aus seinem dunklen Versteck, hinaus über den See und den Nebel, der im Licht des Mondes weiß war.
Geräusche von Pferdehufen drangen von einer Stelle weit weg zu ihnen. Es donnerte und bebte alles, während sie näherkamen. Dann waren sie zu sehen, im scharfen Galopp am Wasser entlang reitend. Es waren viele Ritter und es rasselte und klirrte vom Zaumzeug und den Panzerhemden, die sie trugen.
Jesper drückte sich an die Erde und hoffte, daß Sigurd seinen Mund halten könnte.
Die Ritter blieben stehen, als der erste von ihnen seine Hand hob. Sein Pferd bäumte sich auf und wieherte.
Dann war es plötzlich still, während die Ritter auf das kleine Ruderboot schauten, das im Schilf lag. Der Atem der Pferde stand wie klare, weiße Wolken vor den Nasenlöchern und trieb mit dem Wind fort.
Jesper bemerkte etwas an seiner Hand und wollte gerade vor Angst laut schreien.
"Ruhig, Fister, ich bins..."
"Ich bin total ruhig," log Jesper.
"Das weiß ich wohl," flüsterte Sigurd. "Du bist der geborene Held, Fister."
"Da ist wer heute Nacht gekommen," sagte eine tiefe, kalte Stimme. Der erste Ritter, der einen roten Umhang über seiner schwarzen Rüstung trug, drehte sich und sah in den Wald hinein.
Sie sahen seine Augen im Schatten seines Helmes. Augen die kalt, klar und funkelnd waren, wie geschliffene Diamanten. Die Ritter in seinem Gefolge machten es wie er, spähten in den Wald. Sie hatten alle Augen wie er; kalt und funkelnd, so hart und klar, wie geschliffene Diamanten.
"Sollen wir das Boot zerschlagen?" fragte ein Ritter mit rauher Stimme.
Der Anführer, der mit dem roten Umhang, drehte sich mit einem Ruck und beobachtete ihn eine lange Sekunde.
"Ich bestimme was wir tun!" knurrte er.
Der andere erwiderte seinen bösen Blick, aber sagte nichts.
"Wer sind sie?" fragte ein dritter.
"Wir finden sie," antwortete der Anführer. "Sie müssen Rosendiebe sein. Und Rosendiebe werden wir fangen, so wie wir es immer getan haben, und sie in die Schlucht der Seufzer werfen."
Die Ritter murmelten etwas zusammen, Worte, die für Jesper und den Schwarzen Sigurd unverständlich waren. Aber sie konnten hören, daß sie reimten, und daß es klang wie ein Vers. Sie sangen leise und heiser, während das Wasser zwischen dem Schilf gluckste, am Rande des Nebels.
Dann reckte der Anführer den Arm in die Luft und rief laut. Sie gaben alle ihren Pferden die Sporen und ritten davon, während die Erde bebte und zitterte und Blätter von den Bäumen fielen. Das Schilf flüsterte mit seiner kaum hörbaren Stimme, daß Rosendiebe an Land gegangen waren.
Jesper wartete bis der Lärm der Pferde zu einem schwachen Donnern in der Ferne geworden war.
"Wir könnten zum Boot rennen und verschwinden, bevor sie wiederkommen," flüsterte er.
"Ich dachte, wir brauchen die Rose, Fister?" antwortete Sigurd vorwurfsvoll.
Jesper dachte an Cherri und gab den Gedanken, den Schwanz einzukneifen, auf.
"Wo liegt der Rosengarten?" fragte er stattdessen.
"Keine Ahnung," antwortete Sigurd. Er stellte sich auf seine krummen Füße und sah sich um. "Vielleicht den Weg?" Er zeigte mit dem einen Flügel in die gleiche Richtung, in die die Ritter geritten waren.
"Vielleicht," flüsterte Jesper. "Komm, laß uns gehen."
Dworf
Sie gingen eben innerhalb der Baumgrenze, am Wasser entlang.
Außerhalb der tiefschwarzen Dunkelheit, unter den Kronen der Bäume, glitzerte das Mondlicht in den kleinen, schwachen Kräuselungen des Wasserspiegels.
Jesper wanderte weiter hinaus und hinein zwischen den Bäumen, während er auf die aufgeweichte Spur der vielen Pferde achtete.
"Wie sollen wir uns jemals zurechtfinden?" fragte er plötzlich.
Der Schwarze Sigurd konnte deutlich hören, daß er nach einer Aufmunterung verlangte. Er landete auf einem Ast vor ihm und schlug mit den Flügeln.
"Ach, weißt du was, Fister - du hast doch dein gewaltiges Messer."
Jesper blieb stehen und zog das Messer aus der Tasche. "Ist es das, was du gewaltig nennst?" fragte er und hielt es ins Mondlicht.
Sigurd nickte und sah ihn schräg an. "Genau," schwatzte er, "eine fürchterliche Waffe in der richtigen Hand."
"Dann sind es bestimmt nicht meine Hände, von denen du sprichst," seufzte Jesper.
Sigurd hob den Blick und schaute hinaus über den Sumpf.
"Und dann haben wir ja natürlich unsere geheimen Waffen," sagte er geheimnisvoll.
"Haben wir solche?" Jesper sah überrascht auf.
"Jawohl," antwortete Sigurd, sah feierlich auf ihn herab und kribbelte sich mit der Spitze seines einen Flügels an der Schläfe. "Meine Vogelschlauheit, Fister."
Jesper schloß die Augen und versuchte, bis zehn zu zählen.
"Wir Vögel können sehr klug sein," beharrte Sigurd beleidigt. "Sehr, sehr, sehr klug!"
Jesper schaute auf das Taschenmesser, faltete es zusammen und steckte es in die Tasche. Er ging weiter am Wasser entlang. Sigurd flog herunter und setzte sich auf seine Schulter und auf diese Weise setzten sie den Weg fort - ohne etwas zu sprechen, eine Weile.
Wenig später versperrte ein dichtes Gebüsch ihren weiteren Weg am Wasser entlang.
Sie machten es, wie die Ritter es vor ihnen getan hatten, sie folgten einem Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchwand, die hier ein bißchen verstreuter standen. Es fiel geradezu kein Licht in diesen tiefen Wald, aber an manchen Stellen erlaubten die Baumkronen dem Mond durch die Äste zu scheinen, und das ermöglichte ihnen, den Weg zu finden und den Pfad nicht aus den Augen zu verlieren.
Keiner von ihnen bemerkte den Schatten, der ihnen zwischen den Bäumen folgte. Der Schwarze Sigurd schauderte leise und krallte die Füße auf Jespers Schulter zusammen, sodaß der Tränen in den Augen hatte.
"Entschuldige," flüsterte Sigurd, "aber mir gefiel es noch nie in so einem tiefen, dunklen Wald voller Trolle und Elfen und Hexen, die Kinder verspeisen und..."
"Hexen, die Kinder verspeisen?" Jesper fühlte nach, ob das Messer noch in der Tasche war. Das war es.
"Ja," sagte Sigurd mit Überzeugung. "Es werden jedes Jahr viele Kinder gefressen, Fister. Massen von Kindern und die kommen allesamt in einen Ofen, wo sie..."
"Ich möchte nichts mehr hören!" sagte Jesper scharf. Er vergaß zu flüstern und sie standen lange da und lauschten seinen Worten, die zwischen den Bäumen hinwegdröhnten, hinweg in die mächtige, finstere Stille des Waldes.
Als sie weitergehen wollten, flüsterte Jesper: "Ich bin müde, Sigurd."
"Es ist ja auch Nacht, Fister, da ist das ganz normal. Laß uns nun sehen, daß wir weiterkommen."
"Wo können wir schlafen?" fragte Jesper.
"Wir werden nicht schlafen, Fister. Wir müssen das Wundermittel holen, das deinen Hund wieder gesund macht." Sigurd seufzte laut. "Da bin ich nun gekommen, habe dich gefunden und helfe dir in der Gefahr, wofür Merlin oder jedenfalls Archimedes ernsthaft böse mit mir werden - und das einzige, an was du denkst, ist schlafen."
"Wir müssen weiter," flüsterte Jesper und sie begannen wieder, zu gehen. Sie folgten einem Pfad, der sich zwischen den Bäumen hin und her Wand. Die Bäume waren gewaltig, viel größer, als Jesper jemals vorher welche gesehen hatte. Sigurd sagte, daß er schon viele Male solche Bäume gesehen hätte, ja, sogar welche, die noch größer waren.
Dann kamen sie an eine Stelle, an der eine Rodung zwischen den Bäumen war. Weiter draußen, mitten auf der Rodung teilte der Weg sich in vier, und dort, inmitten der Kreuzung der vier Wege, stand ein Brunnen. Er war einen Meter hoch gemauert. Ein schräges Dach war über ihm errichtet und unter einem großen Handgriff an einer Stange, hing ein Eimer an einem Seil.
Sie schlichen sich zu dem Brunnen und schauten hinein. Alles, was sie sehen konnten, war ein kohlrabenschwarzes Loch, das zum Grund hin schwärzer und schwärzer wurde. Es war ein tief in die Erde eingelassener Schacht und aus dem runden Loch stieg ein schwacher Nebel, der unter dem Dach hervor und weiter über die Erde schwebte.
"Pass auf," flüsterte Sigurd, "das Wasser kann vergiftet sein."
"Warum sollte es das sein?" fragte Jesper.
"Dann vielleicht verhext?" versuchte Sigurd.
"Lieber verhext," sagte Jesper. "Dann stirbt man nicht davon."
Er zog fest am Handgriff und wollte gerade daran drehen, als er eine Hand auf seiner Schulter bemerkte.
Er fuhr zusammen und gab einen lauten Japser von sich - fast wie einen Schluckauf. Er drehte sich um, während Sigurd von der Mauer, um den Brunnen herum flatterte und auf dem morschen Dach Zuflucht suchte.
Jesper starrte in ein Paar grüne Augen. Sie saßen in dem Gesicht von jemandem, der nicht viel größer war, als er selbst. Ein faltiges, runzliges und wettergegerbtes Gesicht von einem, der mindestens hundert Jahre alt war. Es war ein großer Kopf für so einen kleinen Körper, und Jesper sah, daß es ein Zwerg war. Er hatte kräftige, kurze Beine, starke, kurze Arme und sehnige Hände mit kurzen, dicken Fingern. Er schaute den Jungen untersuchend an und drückte ihn am Arm.
Jesper blieb stehen, ohne sich zu rühren. Der Zwerg lächelte entschuldigend und klopfte ihm auf die Schulter. Seine Augen lagen tief in seinem Gesicht, umgeben von Falten, die wie Spalte in der Haut waren. Selbst als er lächelte, lag etwas Trauriges in ihnen.
"Was macht denn so ein Steppke hier, allein im Dunkelwald, zu dieser Zeit der Nacht?" Er sprach mit einer heiseren Stimme, so langsam, als hätte er Zeit genug und nichts Besseres vor.
"Ich..." begann Jesper. "Ich muß etwas finden."
"Ahhh..." murmelte der Zwerg und hob die Augenbrauen ganz hoch bis an die Krempe seines kleinen Hutes, den er auf dem Kopf hatte. "Etwas finden?"
Jesper schaute zu Sigurd hoch. Aber der zuckte nur mit dem, was seine Schultern sein mußten.
Der Zwerg ging nahe an die Mauer und schaute hinunter in den schwarzen Schacht des Brunnens. "Er muß bloß etwas finden," sagte er und lachte leise.
"Etwas finden..." dröhnte es durch den Schacht. "Etwas finden..."
"Wer bist du?" fragte Sigurd oben auf dem Dach.
Der Zwerg trat unter dem Dach hervor und sah auf. Als er Sigurd erblickte, bekam er einen Ausdruck der Überraschung in alle seine Falten.
"Ich heiße Dworf," antwortete er und rollte mit den Augen.
Jesper und Sigurd konnten ein Lachen nicht unterdrücken. So rollte er sie noch einmal, um sie wieder zum Lachen zu bringen.
"Was mußt du finden, wenn ich so frei sein darf?" Er reckte seinen großen Kopf hervor und sah Jesper in die Augen.
"Eine Blume, glaub ich wohl," antwortete Jesper.
"Sag bloß nicht zuviel," rief Sigurd vom Dach.
"Ihr habt vielleicht Geheimnisse?" fragte Dworf listig. "Nein, nein. Wir müssen nur eine Blume finden für jemanden, der sehr krank ist. Gleich, sobald wir sie haben, verschwinden wir wieder, und dann wirst du nie mehr Ärger mit uns haben."
Dworf stützte sein Kinn mit der einen Hand und sah sehr nachdenklich aus. Dann lächelte er, und sah erst auf den Brunnen, dann auf den Jungen.
"Dann muß es eine Rose sein," flüsterte er. "Ihr müßt die Rosendiebe sein, von denen ich gehört habe."
"Wir haben sie doch noch gar nicht gestohlen," protestierte Jesper.
"Sssch," beruhigte Dworf.
Dann legte er die Hand auf die Mauer und sagte: "Dies ist der Wahrheitsbrunnen. Alles, was man ihn fragt, beantwortet er so gut er kann - und er kann nicht lügen."
"Dann können wir ihn nach dem Weg fragen," schlug der Schwarze Sigurd vor.
Dworf nickte nachdenklich.
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