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Claudia Rossbacher

Steirerland

Sandra Mohrs fünfter Fall

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

5. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Hannes Rossbacher

ISBN 978-3-8392-4642-9

Widmung

Für meine Herzallerliebsten

Vorbemerkung

Ein Glossar der steirischen beziehungsweise österreichischen Ausdrücke befindet sich am Ende des Buches.

Prolog

Der Geruch explodiert in der Nase,

beißt sich in der Lunge fest,

frisst sich durchs Gehirn.

Gedanken verblassen,

verlieren sich im Nichts.

Der Körper sinkt leblos zu Boden,

leer der Kopf.

Blutrot. Schwarz.

Die Seele entschwebt,

tanzt ins Licht.

Die Hände haben ausgespielt.

Nichts mehr spüren,

nichts mehr berühren.

In Sehnsucht verbunden,

auf ewig vereint.

Kapitel 1

Sonntag, 3. November

1.

Nachts hatte sich dichter Nebel über das Steirische Vulkanland gelegt. Gleich einer Daunendecke, die die goldgelbe Pracht beschützen sollte. Erste Nebelfenster taten sich spätmorgens auf. Allmählich setzte sich die Sonne auf den Hügelkuppen durch. Baumwipfel, Dächer und Kirchtürme glitzerten im Morgentau. Weiter unten zogen mystische Schwaden durch Wälder, Wein- und Obstgärten, über Wiesen, Äcker und Landstraßen. Langsam, wie von Geisterhand, lösten sich auch die letzten Schleier in Nichts auf, bis das Vulkanland einmal mehr in seinem farbenprächtigsten Gewand erstrahlte.

Sandra Mohr genoss die Stille dieses Sonntagmorgens. Die frische Herbstluft, die durch die geöffnete Balkontür ins Hotelzimmer drang, weckte spürbar ihre Lebensgeister. Ein weiterer Altweibersommertag kündigte sich an. Der letzte, den sie vorwiegend mit sich selbst verbrachte. Ihr Koffer war bereits für die Abreise gepackt. In weniger als 24 Stunden war ihre Auszeit vorbei. Dann würde sie den Polizeidienst im Grazer Landeskriminalamt wieder antreten. Erholt von den Strapazen der Mordfälle, die sie zuvor mit Chefinspektor Sascha Bergmann und den anderen Kollegen aufgeklärt hatte, der Trennung von ihrem Freund Julius und den ersten Anzeichen eines Burnouts, die sie eine Weile kürzertreten ließen.

In den vergangenen drei Monaten hatte sich Sandra einer Therapie unterzogen, eine Pilgerreise angetreten und viel nachgedacht, um schließlich eine Entscheidung zu treffen. Sie würde ihren Beruf weiterhin ausüben. Dennoch wollte sie einiges ändern, um nicht noch einmal beinahe auszubrennen. Sie nahm sich vor, künftig auszusprechen, was ihr gegen den Strich ging, mehr auf sich selbst zu achten und öfter nein zu sagen. Bevor sie wieder ihre Grenzen überschritt. Sandra war gerne Polizistin, wie ihr verstorbener Vater. Sie konnte sich keinen anderen Job für sich vorstellen. Weder wollte sie Ernährungsberaterin noch Schriftstellerin oder gar Wunderheilerin werden, wie manche Frauen, die sich in Krisenzeiten völlig neu erfanden. Ihr Leben war gut, wie es war. Meistens jedenfalls. Höhen und Tiefen gehörten nun einmal dazu und ließen sich zumeist ohnehin nicht vorausplanen oder vermeiden. Besser war es, Probleme anzunehmen, sie wenn möglich zu lösen und daraus zu lernen, wie Sandra es nach ihrem Zusammenbruch getan hatte. Die Augen-zu-und-durch-Methode, mit der sie jahrelang gut gefahren war, funktionierte eben nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn einem das Schicksal ein Bein stellte. Wie mit dem Skiunfall ihres nunmehrigen Exfreundes Julius Czerny. An seiner Querschnittlähmung war die Beziehung endgültig zerbrochen. Im Privatleben wollte sich Sandra fortan nur noch mit Menschen umgeben, die ihr guttaten. Menschen wie Andrea, die immer für sie da waren. Auch und gerade dann, wenn es ihr schlecht ging.

Während ihrer Auszeit hatte Sandra viel Zeit mit der Freundin verbracht, reichlich geschlafen und so viel gegessen wie noch nie. Gestärkt und um fünf Kilo schwerer war sie nun wieder bereit für alles, was auf sie zukommen würde. Mehr noch: Sie freute sich auf den Dienst und ihre Kollegen. Sogar auf Sascha Bergmann, der – mit Abstand betrachtet – gar kein so übler Partner war. Auch wenn sie der Chefinspektor gelegentlich auf die Palme brachte. Dass sie ihn früher zu Gesicht bekommen sollte, als sie glaubte, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

2.

»Ich habe eine Nachricht für Sie, Frau Mohr. Von einem Herrn Bergmann. Wir konnten Sie in Ihrem Zimmer nicht erreichen, als er vorhin angerufen hat.«

»Bergmann?« Sandra sah die Rezeptionistin verwundert an. Nach der ersten Schrecksekunde schob sie ihre Kreditkarte über die Empfangstheke und nahm den Briefumschlag entgegen. »Wann hat er denn angerufen?«, erkundigte sie sich.

»Die Uhrzeit steht vorne auf dem Kuvert drauf, neben Ihrer Zimmernummer«, antwortete die Hotelangestellte.

Sandra entdeckte die blasse Bleistiftschrift und blickte auf ihre Armbanduhr. Es war noch keine halbe Stunde her, dass Bergmann versucht hatte, sie zu erreichen. Während sie gerade beim Frühstück gesessen war, überlegte sie und zog den Zettel aus dem Umschlag.

›Ruf mich an, bevor du nach Hause fährst. Dringend!‹, stand da geschrieben. Sandra griff nach ihrem Handy, das in letzter Zeit nur dann eingeschaltet war, wenn sie auch wirklich bereit war zu telefonieren. Sie fand es heilsam, nicht immer und überall erreichbar zu sein. Doch damit war es demnächst wohl vorbei.

Was zum Teufel wollte Bergmann von ihr? Konnte er nicht bis morgen warten? Woher wusste er überhaupt, dass sie an ihrem letzten freien Wochenende in diesem Wellnesshotel nahe Bad Gleichenberg einquartiert war? Wahrscheinlich hatte er wieder Andrea ausgefratschelt. Außer ihrer Freundin wusste ja niemand, dass sie hier war. Oder etwa doch?

Den offiziellen Weg übers Meldeamt war der Chefin­spektor bestimmt nicht gegangen. Die Behörde konnte ihren Aufenthaltsort noch gar nicht kennen. Da Sandra erst am Freitag im Hotel eingecheckt hatte, waren ihre Meldedaten dort gewiss noch nicht eingelangt. Handy- oder Laptop-Ortungen waren bei ausgeschalteten Geräten ebenfalls auszuschließen, spann sie ihre kriminalistischen Überlegungen aus alter Gewohnheit weiter. Derlei Fahndungsmaßnahmen wären zudem völlig unangemessen gewesen. Obwohl man bei Sascha Bergmann nie so genau wusste.

Sandra registrierte drei versäumte Anrufe und eine neue Nachricht von Bergmann auf ihrer Mobilbox, die ihr nicht viel mehr verriet als die Notiz. Nach so langer Zeit wieder seine Nummer zu wählen, fühlte sich seltsam an. Ihr Puls beschleunigte sich, bis er abhob. »Hast du nach mir fahnden lassen? Oder wieder mal Andrea missbraucht, um mich zu finden?«, fragte sie, kaum, dass er sich auf seinem Handy gemeldet hatte.

»Missbrauch würde ich das nun nicht gerade nennen. Schließlich hat deine liebe Freundin freiwillig mitgemacht.«

Dass Bergmann sie bei der erstbesten Gelegenheit mit einem seiner Macho-Sprüche provozieren wollte, war zu befürchten gewesen. Sein dreckiges Grinsen hatte Sandra deutlich vor Augen. Den Gefallen, sich darüber zu ärgern, machte sie ihm allerdings nicht mehr. Zu ihrem eigenen Wohl würde sie künftig nicht alles persönlich nehmen. Auch das zählte zu den guten Vorsätzen, die sie gefasst hatte. »Was gibt es denn so Wichtiges, dass du mich unbedingt heute schon sprechen musst?«, bemühte sie sich, gelassen zu bleiben.

»Ich hätte dich bestimmt nicht gestört, wenn ich nicht wüsste, dass du ganz in der Nähe bist«, schlug Bergmann auf einmal deutlich sanftere Töne an. »Und dass du uns ab morgen ohnehin wieder Gesellschaft leistest.«

Gleich würde ihm ein Heiligenschein wachsen, dachte Sandra. »Soso … Ganz in der Nähe wovon eigentlich?«, wollte sie wissen.

»Vom Leichenfundort. Was denn sonst?« Bergmann blies hörbar Luft aus. Oder war das eben Zigarettenqualm gewesen? Sandra hoffte inständig, dass er in ihrer Abwesenheit nicht wieder mit dem Rauchen angefangen hatte.

»Ein Mord?«, fragte sie nach, um sicherzugehen, dass Selbsttötung, Unfall oder ein natürlicher Tod ausgeschlossen werden konnten.

»No na ned. Ich bin es, Sandra. Chefinspektor Sascha Bergmann, LKA Steiermark, Abteilung Leib und Leben. Erinnerst du dich noch an mich?« Da waren sie wieder, die gewohnt sarkastischen Töne.

Bergmann, wie er leibt und lebt, dachte Sandra und musste schmunzeln. »Ich erinnere mich sehr gut an dich, Sascha. Leider. Eine Gehirnwäsche zahlt die Krankenkassa nämlich nicht. Nur Psychotherapie.«

»Und wo ist da der Unterschied?«, ätzte Bergmann.

Sandra atmete durch, ehe sie auf den Mordfall zu sprechen kam. »Wo wurde die Leiche denn gefunden?«

»Bezirk Südoststeiermark. In der Nähe von Straden. Schon wieder …«

»Wieso schon wieder?« Sandra hatte keine Ahnung, wer in ihrer Abwesenheit gewaltsam zu Tode gekommen war. Oder wo. Während ihrer Auszeit hatte sie sich ganz bewusst von allen Nachrichten ferngehalten. Vom LKA und von den Kollegen sowieso.

»Du hast davon gar nichts mitbekommen?« Bergmann klang enttäuscht. »Also doch Gehirnwäsche …«

»Nein, ich habe nichts mitbekommen. Aber du wirst es mir bestimmt gleich erzählen. Ob ich es nun will oder nicht.« Sandra überflog die Rechnung, die ihr die Rezeptionistin wortlos zugeschoben hatte, und unterschrieb den Kreditkartenbeleg.

»Du willst also nicht. Auch gut …«

»Jetzt red schon endlich, Sascha.« Bergmann konnte einem wirklich den allerletzten Nerv rauben.

»Also doch … Möglicherweise haben wir es mit einem Serientäter zu tun«, verkündete er.

»Was du nicht sagst … So viel konnte ich mir aus deinen Worten schon zusammenreimen.«

»Es geht dir doch eh wieder gut. Gell ja, Sandra?«

Schon wieder diese scheinheiligen Töne, stellte Sandra irritiert fest. »Ja. Aber wenn du mich schon fragst: Vor deinem Anruf ging es mir bedeutend besser.«

»Aber du warst es doch, die mich angerufen hat«, korrigierte Bergmann sie mit diesem provokanten Grinsen in der Stimme.

»Nur, weil du es unbedingt wolltest«, entgegnete Sandra forscher als beabsichtigt und steckte die Hotelrechnung ein. Um sich zu verabschieden, nickte sie der Angestellten zu. Die grüßte lächelnd zurück und wünschte ihr eine gute Heimreise. Von wegen … Sandra seufzte.

Während sie den schwarzen Rollkoffer neben sich her durch die Lobby schob, gab Bergmann ihr die Wegbeschreibung zu jenem Waldstück in Hof bei Straden durch, in dem eine Spaziergängerin an diesem Morgen eine unbekannte männliche Leiche aufgefunden hatte. In etwa 25 Minuten würde der Chefinspektor dort eintreffen, schätzte er. Tatortgruppe und Gerichtsmedizinerin waren ebenfalls auf dem Weg zum Einsatzort. Sandra konnte es in einer knappen Viertelstunde schaffen, wenn sie wollte. Immerhin überließ ihr Bergmann dann doch noch die Entscheidung, ob sie sofort oder erst morgen in die Mordermittlungen einstieg. Aber wo sie schon einmal in der Nähe war, könne sie doch genauso gut den kurzen Umweg zum Leichenfundort nehmen und anschließend über Mureck, Sankt Veit am Vogau und Leibnitz nach Hause fahren, ließ er nicht locker.

»Woher kennst du denn Sankt Veit am Vogau?«, wunderte sich Sandra über die ungewöhnliche Ortskenntnis des Wiener Chefinspektors, der sich noch nicht einmal in Graz auskannte, obwohl er seit über drei Jahren in der steirischen Landeshauptstadt lebte.

»Ich habe mir die Strecke extra angeschaut, um dich ja nicht zu überfordern«, erwiderte er nahezu sanftmütig.

»Du kannst die Glacéhandschuhe wieder ausziehen, Sascha. Sie passen dir nicht.«

»Ich dachte, ich versuche es mal mit Einfühlungsvermögen«, kehrte er zum üblichen süffisanten Tonfall zurück.

Sandra lachte hell auf. »Vergiss es. Das kauft dir ohnehin niemand ab. Ich am allerwenigsten.« Schmunzelnd stellte sie ihren Koffer hinter dem Leihwagen ab und öffnete die Heckklappe. »Ich bin schon unterwegs. Bis dann«, beendete sie das Gespräch.

Ob sie jetzt gleich oder erst in ein paar Stunden ihren Dienst wieder aufnahm, machte wirklich keinen großen Unterschied. Außerdem wollte sie endlich wissen, was es mit diesen mutmaßlichen Serienmorden auf sich hatte.

3.

Die weißen Folientunnel auf dem Gemüseacker zu ihrer Linken ließen Sandra die Streifenwagen, die dahinter auf dem Feldweg parkten, zu spät erkennen, um noch rechtzeitig vor der Kreuzung abbremsen und abbiegen zu können. Den Gedanken, zurückzusetzen oder den Toyota zu wenden und zur Abzweigung zurückzufahren, verwarf sie gleich wieder. Stattdessen stellte sie den Kleinwagen hinter einer Funkstreife am Bankett ab. Der Forstweg, der von dort in ein Waldstück führte, war durch das Einsatzfahrzeug ohnehin schon blockiert. Wen störte es also, wenn sie auch noch dahinter parkte?

Bevor Sandra den Sicherheitsgurt öffnen konnte, stand ein Uniformierter neben dem Wagen und deutete ihr, dass sie hier nicht stehen bleiben durfte. Sie hielt ihren Dienstausweis gegen die Scheibe. Nur gut, dass sie ihn – im Gegensatz zu ihrer Dienstwaffe, den Handschellen und anderen kriminalpolizeilichen Ausrüstungsgegenständen – auch privat stets bei sich trug. Augenblicklich wich der Polizist zurück und kam neben seiner hageren Kollegin zu stehen, die inzwischen ebenfalls die Funkstreife verlassen hatte.

Sandra stieg aus dem Leihwagen aus und stellte sich offiziell vor. »Abteilungsinspektorin Sandra Mohr, LKA Steiermark.«

Die beiden Uniformierten von der Polizeiinspektion Halbenrain nannten ihrerseits Namen und Dienstränge.

»Die Kollegen aus Graz sollten etwa in einer Viertelstunde hier eintreffen. Wo ist die Leiche?«, kam Sandra direkt zur Sache.

»Hier drin.« Der Polizist deutete in den Wald.

»Kommt wer mit zur Fundstelle oder finde ich sie allein?«, fragte Sandra.

»Ich komm schon mit«, bot sich der Kollege an.

»Vom Feldweg, wo die anderen Einsatzwagen stehen, ist es aber näher«, warf die Polizistin ein.

»Wir können genauso gut durch den Wald gehn«, entgegnete ihr Partner, offenbar genervt von ihrer Besserwisserei.

»Wie weit ist die Stelle denn von hier entfernt?«, fragte Sandra.

»Keine 300 Meter.«

»Haben Sie Handschuhe für mich?«

Die Polizistin holte ein Paar Einweghandschuhe aus der Funkstreife und überreichte sie der LKA-Ermittlerin.

»Danke. Gehen wir.« Sandra setzte sich in Bewegung. »Wo ist die Zeugin, die den Toten aufgefunden hat?«, wandte sie sich an ihren Begleiter.

»Drüben am Feldweg. Beim Inspektionskommandanten Stöckler«, sagte er. »Wir kennen die Frau. Krenn Waltraud heißt sie, eine Pensionistin, wohnhaft in Hof bei Straden. Nach der Sonntagsmesse war sie mit ihrem Hund spazieren. Ohne den hätt s’ die Leich wahrscheinlich gar nicht entdeckt.«

»Wann genau war das denn?« Erst jetzt bemerkte Sandra, dass sie fröstelte ohne ihre Jacke, die sie im Auto gelassen hatte. Obwohl die Herbstsonne an diesem späten Vormittag durch die teilweise kahlen Kronen der Laubbäume schien, war es kühl im Wald. Die leichte Brise, die ihr um die Nase wehte, roch nach Holzrauch, als würden in der Nähe Fleisch oder Würste geselcht werden. Sandra beschleunigte ihre Schritte.

»Wir sind um halb zehn von der Einsatzzentrale verständigt worden.« Sandras Begleiter passte sein Tempo dem ihren an und streckte den Arm aus. »Der Tote liegt dort hinten. In einem Graben unterm Laub.« Er deutete zu einem Holzstoß, in dessen Nähe sich zwei weitere Polizisten miteinander unterhielten. »Ihm fehlen beide Hände«, berichtete er weiter.

»Ihm fehlen die Hände?«, hakte Sandra nach.

»Ja, sie wurden ihm abgetrennt.«

Sandra hielt vor dem brusthohen, etwa vier Meter langen Holzstoß inne und streifte die Handschuhe über. »Sie meinen, im Zuge seiner Ermordung?«

Der Uniformierte sah Sandra an, als wäre sie schwer von Begriff. »Ja sicher.«

Sicher? Der Mann hätte ja auch schon vor seinem Tod bei einem Unfall die Hände verlieren können. Oder ein paar Waldtiere hatten nach seiner Ermordung daran genagt, überlegte Sandra. »Könnte es sich nicht auch um Tierfraß handeln?«, fragte sie. »Füchse, Wildschweine, Ratten, Krähen …?« Es brauchte höchstens drei Tage, bis eine Rotte Wildschweine einen ganzen Menschen aufgefressen hatte.

Der Polizist zuckte mit den Schultern. »Glaub ich nicht.«

»War die Leiche denn vollständig mit Laub bedeckt, als sie aufgefunden wurde?«

»Die Kollegen wissen das besser als ich. Sie haben den Fundort abgesichert und sind seither hier postiert.«

Sandra trat hinter den Holzstoß und wandte sich an die Uniformierten am Absperrband, um ihnen dieselbe Frage zu stellen. Neben dem Surren zahlreicher Fliegen waren immer wieder Stimmen aus ihren Funkgeräten zu vernehmen. Ebenso jene, die von den Einsatzfahrzeugen am nahen Feldweg in den Wald herüberdrangen. Um sie verstehen zu können, waren diese jedoch zu weit entfernt.

»Der Zeugin ihr Hund hat die Leich ausm Laub ausgegraben«, antwortete einer der Männer. »Dann ist sie in die Muldn einigstiegen und hat nachgschaut, ob s’ dem Mann noch helfen kann. Die Frau Krenn war früher Hebamme. Von dem her kennt sie sich medizinisch recht gut aus. Aber da war nix mehr zu machen. Die Leich is ja schon am Verwesen«, berichtete der Landpolizist gleichmütig, als stünden derartige Leichenfunde auf der Tagesordnung.

Sandra wollte sich gerade nach dem ersten Mordopfer erkundigen, als der andere Beamte ihrer Frage zuvorkam. »Wir ham dann auch noch ein bissl was vom Laub wegg’schafft, damit wir seine Taschen durchsuchen können. Anschließend ham wir ihn wieder mit Blattln zuadeckt«, schilderte er die Vorgänge weiter.

Wozu das denn, wunderte sich Sandra. »Irgendwelche Hinweise auf seine Identität? Brieftasche? Ausweis? Handy? Persönliche Gegenstände?«

Beide Polizisten schüttelten die Köpfe. »Nicht einmal ein Schneiztiachl.«

»Wurde die Position der Leiche verändert?«

Wieder folgte synchrones Kopfschütteln. »Liegt genauso da wie vorher.«

Sandra nickte. Es war nicht das erste und bestimmt nicht das letzte Mal, dass Polizisten bei einem Einsatz neue Spuren an einem Tatort oder Fundort setzten, die später abgeglichen werden mussten, um zu den tatrelevanten zu gelangen. Den Kommentar, der ihr auf der Zunge brannte, schluckte sie hinunter und tauchte stattdessen unter dem rot-weißen Flatterband mit dem Polizei-Schriftzug hindurch. Die Leiche lag jetzt gute zwei Meter von ihr entfernt, bäuchlings in einem Graben, der mit kupferbraunem Laub gefüllt war. Kopf, Arme und Beine waren fast vollständig damit bedeckt. Nur der Rücken und das Gesäß, beide durch schwarze Kleidung verhüllt, ragten hervor.

»Werd ich hier noch gebraucht?«, hörte sie hinter sich den Polizisten, der sie hergeführt hatte, fragen.

»Nein danke«, winkte Sandra ab, ohne sich umzudrehen. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, um so den Boden unter den abgestorbenen Blättern zu ertasten, während sie sich der Leiche im Graben langsam näherte. Schon einmal hatte sie beim Joggen im Wald eine Vertiefung unter einer laubbedeckten Stelle übersehen und sich eine langwierige Bänderzerrung im Sprunggelenk zugezogen. Einen ähnlichen Unfall wollte sie tunlichst vermeiden. Ihre Füße fanden den Rand einer Mulde. Kontrolliert rutschte Sandra seitlich weiter hinab, bis sie sicher im knietiefen Laub zu stehen kam. Wenn hier ohnehin schon alles durchwühlt worden war, konnte sie sich genauso gut auch noch umsehen, bevor die Tatortgruppe eintraf und Leiche und Fundort für die nächsten Stunden blockierte. Dass dem Toten beide Hände fehlten, konnte Sandra bestätigen, nachdem sie seine Arme behutsam aus dem Laub gehoben und die Ärmel des schwarzen Samtsakkos und des ebenso schwarzen Hemdes hochgeschoben hatte. Die Amputation der Hände war in beiden Fällen oberhalb der Handgelenke erfolgt. Zum Ellenbogen hin fehlten Hautteile. Die Wundränder waren ausgefranst, zahlreiche Maden fraßen sich bereits durchs Gewebe. Die Frakturen von Elle und Speiche ließen hingegen auf ein scharfkantiges Tatwerkzeug schließen. Sandra war kein einheimisches Tier bekannt, das die Knochen dermaßen glatt hätte durchtrennen können. Während sie sich neben den Kopf der Leiche hockte, wachelte sie mit der Hand wiederholt vor ihrem Gesicht herum, um die Fliegenschar zu vertreiben, die der Verwesungsgeruch magnetisch anzog. Sorgfältig fegte sie die Blätter vom Kopf und vom Hals des Mannes. Dann fasste sie in die braunen Locken, um seinen Kopf zur Seite zu drehen und eine tiefe Schnittwunde an der Kehle zu entdecken. Die Schlagader war durchtrennt. Maden und Insekten waren hier ebenso emsig am Werk wie an den Ohren. Ihr spontaner Verdacht des postmortalen Tierfraßes schien sich wenigstens an dieser Stelle zu bestätigen. Das andere Ohr war in einem ähnlichen Zustand. Die Nasenlöcher waren wie auch die Augen von Maden bevölkert. Andere Tiere als Insekten hatten diese Stellen wohl nicht erreichen und an ihnen nagen können, da der Tote darauf gelegen war. Ansonsten konnte Sandra keine sichtbaren Verletzungen ausmachen. Dafür hätte sie die Position des Leichnams verändern beziehungsweise ihn auskleiden müssen, was glücklicherweise nicht zu ihren Aufgaben zählte. Ohne den Obduktionsbefund zu kennen, der den Ermittlern frühestens am nächsten oder übernächsten Tag vorliegen würde, deutete für sie momentan alles darauf hin, dass der Mann verblutet war. Und dass er länger als zwei bis drei Tage tot sein musste. Die Totenstarre hatte sich bereits aufgelöst, Verwesung und Insektenbefall waren fortgeschritten. Auffällig erschien ihr, dass weder die Kleidung noch das Laub in der Nähe der Leiche sichtbare Blutflecken aufwiesen. Zumindest nicht an jenen Stellen, die in der Auffindesituation zu sehen waren. Der Regen konnte keine Spuren fortgewaschen haben. In der Region hatte es zuletzt vor einer guten Woche Niederschlag gegeben, wusste Sandra von der Frau, die sie in der Hotelsauna in ein Gespräch verwickelt hatte. War das wirklich erst gestern gewesen? Es kam ihr vor, als wären inzwischen mehrere Tage vergangen. Ein sicheres Zeichen, dass sie wieder in ihrem Job angekommen war.

Sandra erhob sich aus der Hocke und suchte den Graben mit ihren Blicken ab. Oberflächlich war auch hier kein Blut zu entdecken. Sich weiter durch das Laub zu wühlen, um auf mögliche Spuren zu stoßen, überließ sie liebend gern der Tatortgruppe, die dafür zuständig war. Allen voran deren Leiter, Manfred Siebenbrunner. Die Tatsache, dass jemand anders als er und seine Leute zuerst in der Nähe der Leiche gewesen war, würde ihm bestimmt miserable Laune bescheren, wusste Sandra aus leidvoller Erfahrung. Ein Schauer jagte über ihren Rücken. Den Leiter der Kriminaltechnik hatte sie während ihrer Auszeit am allerwenigsten vermisst. Der Gedanke an den überheblichen Forensiker bereitete ihr beinahe noch größeres Unbehagen als die Gesellschaft der verstümmelten, verwesenden Leiche neben ihr.

Sandra stieg aus dem Graben, um die nähere Umgebung genauer zu begutachten. Nichts deutete darauf hin, dass sie sich am Tatort befand. Vielmehr sah alles danach aus, als wären sowohl der Mord als auch die Amputation der Hände woanders durchgeführt und die Leiche erst später hier abgelegt worden. Warum schnitt man jemandem die Hände ab, fragte sie sich. Um einen Diebstahl zu bestrafen, wie es im Mittelalter und gegenwärtig in einigen islamischen Staaten noch immer praktiziert wurde? Oder um die Identifizierung der Leiche zu erschweren, da keine Fingerabdrücke mehr genommen werden konnten? Der Tote hatte keine Papiere und keine persönlichen Gegenstände bei sich. Hatte der Täter diese vielleicht aus demselben Grund verschwinden lassen? Oder hatte man ihn beraubt? Was war mit den Zähnen des Opfers? Sandra hatte es verabsäumt nachzusehen, ob das Gebiss erhalten war. Der Abgleich des Zahnstatus würde ohnehin im Gerichtsmedizinischen Institut erfolgen. Sofern der Mann zu Lebzeiten einen Zahnarzt in Österreich oder Ungarn, dem Zahnmekka vieler Österreicher, konsultiert hatte, würden sie seine Identität mehr oder weniger rasch feststellen können.

Noch einmal betrachtete Sandra das Mordopfer im Graben, diesmal von weiter oben. Wo waren seine Hände geblieben, fragte sie sich. Entweder der Täter hatte sie – aus welchen Gründen auch immer – mitgenommen, oder ein Tier hatte sie als willkommene Beute angesehen und verschleppt. Falls die fehlenden Gliedmaßen nicht doch noch unter dem Laub verborgen waren, was Sandra aufgrund der augenscheinlichen Spurenlage bezweifelte.

»Sandra! Griaß di!«, unterbrach eine Frauenstimme ihre Überlegungen. Sie wandte sich um und sah Miriam Seifert winkend auf sich zukommen. Im Schatten der jungen groß gewachsenen Kollegin folgte Sascha Bergmann, die obligate Sonnenbrille auf der Nase. Den schwarzgerahmten Klassiker hatte Sandra allerdings noch nie an ihm gesehen. Zuletzt hatte er eine verspiegelte Pilotenbrille getragen, die sie immer mit Pornodarstellern assoziierte. Dabei konnte sie sich nicht einmal erinnern, wann sie zuletzt einen solchen Film gesehen hatte.

»Voll schön, dass du wieder da bist«, fügte Miriam, strahlend wie eh und je, hinzu. Fehlte nur noch, dass sie ihr gleich um den Hals fiel. Angesichts der Leiche, die Miriam aus ihrer Perspektive noch nicht sehen konnte, wäre diese Geste völlig fehl am Platz gewesen. Immerhin musste die junge LKA-Ermittlerin doch am Polizeiabsperrband erkennen, dass sie sich dem Leichenfundort näherte. Sandra konnte nicht umhin, über die herzliche Art der Kollegin zu schmunzeln. Genau wie die beiden Provinzpolizisten, die sich über die Blondine mit Modelmaßen sichtlich amüsierten. Nur Bergmann blieb todernst.

Beim Anblick der Leiche wich der fröhliche Ausdruck schlagartig aus dem hübschen Gesicht der Kollegin. Ihr überschwänglicher Auftritt schien ihr nun doch ein wenig peinlich zu sein. Vor allem vor den ihr unbekannten Männern, deren Blicke noch immer an ihr klebten. Was mehr an ihrem attraktiven Äußeren lag als an ihrem ungestümen Verhalten, vermutete Sandra.

Bergmann half Miriam prompt aus der Verlegenheit, indem er die Aufmerksamkeit der Uniformierten auf sich zog. »Was gibt’s denn hier so blöd zu grinsen?«, schnauzte er die beiden an. Dann wandte er sich Sandra zu. »Servus«, begrüßte er sie knapp, aber immerhin. Mehr hatte sie auch gar nicht von ihm erwartet.

»Hallo, Sascha. Griaß di, Miriam.« Sandra schenkte der Kollegin ein Lächeln, das diese nunmehr zögerlich erwiderte.

»Und?«, erkundigte sich Bergmann, den Blick auf die Leiche gerichtet. »Schon was herausgefunden?«

Er hatte sich kein bisschen verändert, stellte Sandra fest. Weder sparte er mit schlechten Scherzen, wie vorhin in ihrem ersten Telefongespräch seit Monaten, noch nahm er sich sonst ein Blatt vor den Mund. Selbst Fremden gegenüber nicht. Dass der drahtige, bald 40-Jährige stets unrasiert und unfrisiert in löchrigen Jeans und Sportschuhen daherkam, war auch nichts Neues. Dennoch freute sich Sandra, ihn wiederzusehen. Wenngleich sie ihm das bestimmt nicht auf die Nase binden würde.

Besonders viel hatte sie dem Chefinspektor noch nicht zu berichten, außer ihren Schlüssen, die sie aufgrund der ersten Eindrücke vor Ort gezogen hatte.

Bergmann und Miriam hörten ihr aufmerksam zu, verzichteten jedoch darauf, den Toten selbst aus der Nähe zu betrachten. Die Gerichtsmedizinerin würde ohnehin jeden Augenblick hier eintreffen, meinte Bergmann, der unterwegs mit Doktor Jutta Kehrer telefoniert hatte.

Dass die Tatortgruppe soeben im Anmarsch war, war nicht zu überhören. Siebenbrunner schimpfte wie ein Rohrspatz, kaum, dass er die Kollegen ohne Schutzoveralls und Schuhüberzüge im abgesperrten Bereich erblickte.

Das konnte ja heiter werden, dachte Sandra. Ihre kurze Erläuterung der Fakten verschlimmerte die Laune des Chefforensikers nur noch. Wobei ihr Anblick allein vermutlich schon ausreichte, um Siebenbrunner den Tag zu verderben. Umgekehrt war auch ihr Ärger über ihn ziemlich rasch so weit gediehen, dass sie kurz davor stand, zu explodieren. Wie gut, dass Bergmann darauf drängte, den Fundort der Spurensicherung zu überlassen und die Zeugin einzuvernehmen.

Sandra atmete erst einmal tief ein und aus, während sie zu dritt die direkte Route zum Feldweg einschlugen. »Was für ein Grantscherbn«, murmelte sie.

»Einmal Wölli, immer Wölli«, stimmte Miriam ihr zu.

Sandra wandte sich an Bergmann. »Du hast vorhin erwähnt, dass es kürzlich schon einen Mord in der Gegend gegeben hat«, kam sie auf seine Bemerkung am Handy zurück.

Bergmann nickte. »Wenn du mich nachher nach Graz mitnimmst, erzähle ich dir unterwegs alles. Miriam kann ja allein zurückfahren.«

»Von mir aus …« Sandra sah die Kollegin fragend an.

Miriam deutete ihr mit einer Geste, dass sie ihr den Vortritt ließ. »Du schaust übrigens voll super aus«, sagte sie zu Sandra, während Bergmann, nunmehr einige Schritte vor ihnen, auf den ersten Streifenwagen in der Reihe zueilte. »Mindestens fünf Jahre jünger«, fügte sie an.

»Ach wirklich? Und fünf Kilo schwerer«, gestand Sandra.

Miriam musterte sie von oben bis unten. »Zu dünn in deinem Alter ist eh nix. Wegen der Falten …«

»Danke«, erwiderte Sandra trocken. Mit der letzten Bemerkung hatte Miriam ihr Kompliment mit einem Schlag wieder zunichtegemacht.

»Oh, entschuldige bitte. So hab ich’s nicht gemeint. Meine Mama sagt das immer.« Erst jetzt wurde Miriam bewusst, dass sie, wie so oft, ins Fettnäpfchen getreten war.

Sandra schmunzelte einmal mehr über die unverblümte Art der Kollegin, die sie durchaus zu schätzen wusste. Auch wenn es oftmals besser gewesen wäre, vorher zu denken und nachher zu sprechen und nicht umgekehrt. »Schon gut, ich kenne diese Weisheit. In einem gewissen Alter muss man sich entscheiden: entweder fürs Gesicht oder für den Hintern«, zeigte sie sich versöhnlich, obgleich sie nicht gedacht hatte, dass sie mit ihren 34 Jahren schon zu dieser Altersgruppe zählte. Aus Sicht der 23-jährigen Miriam wohl aber doch.

Zum Glück hatte sich Bergmann inzwischen dem In­spektionskommandanten zugewandt, sodass ihr ein Kommentar aus seinem Mund wenigstens erspart blieb. »So schnell sieht man sich also wieder«, sprach er ihn an.

»Leider«, meinte der Uniformierte, sichtlich betroffen.

»Das hast du hoffentlich nicht persönlich gemeint. Oder, Stöckler?« Bergmann grinste ihn an, die Daumen im Hosenbund eingehakt.

»Was? Nein. Ich hab den Mord gemeint«, beteuerte der Landpolizist mit unverändert ernster Miene. »Glaubst du, das war derselbe Täter, der den Haselbacher Markus auf dem Gewissen hat?«

»Wenn es kein Nachahmungstäter war, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass der Mörder des Jungwinzers noch einmal zugeschlagen hat. Ist in den letzten Tagen bei euch jemand als vermisst gemeldet worden?«

Stöckler seufzte. »Nicht bei uns. Aber in Leibnitz. Eine Musikgruppe namens ›Trio fatal‹ hat ihren Akkordeonspieler als vermisst gemeldet. Der Mann ist seit Mittwoch abgängig. Die Burschen hätten dort ein Konzert geben sollen. Am Abend zuvor haben s’ das letzte Mal im Kulturhaus in Straden aufgespielt.«

»Volksmusik?« Bergmann verzog das Gesicht, als würde ihm allein der Gedanke an dieses Musikgenre Schmerzen bereiten.

»Nein, leider nicht. Im Kulturhaus spielen s’ meistens Jazz. Das ist nix für mich.«

»Über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten«, ätzte Bergmann.

Stöckler schien seinen sarkastischen Tonfall gar nicht wahrzunehmen. »Mir sind die Kabarettabende dort eh viel lieber. Wir ham ja in unserm Beruf eher wenig zum Lachen. Überhaupt in letzter Zeit«, meinte er.

»Humor ist, wenn man trotzdem lacht«, erwiderte Bergmann süffisant.

Auch dieser Kommentar prallte an Stöckler ab. Von dem Stoiker konnte sie sich noch einige Scheiben abschneiden, stellte Sandra voller Bewunderung fest.

»Habt ihr ein Foto von dem Vermissten? Und seine Daten?«, kam Bergmann zur Sache.

»Hier ist sein Steckbrief. Wir haben ihn im Einsatzwagen für euch ausgedruckt.«

Bergmann und Sandra studierten gemeinsam den Zettel. Die braunen lockigen Haare stimmten mit jenen der Leiche überein, wenngleich sie auf dem Foto etwas kürzer geschnitten waren. Das geschätzte Alter kam ebenfalls hin. Der abgängige Christian Maric hatte am 13. August dieses Jahres seinen 28. Geburtstag gefeiert, der leider auch sein letzter gewesen sein dürfte. Die Beschreibung der Kleidung, die der Tote zuletzt getragen hatte – eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd und ein ebenfalls schwarzes Samtjackett, dazu knöchelhohe graue Sneakers – passte ebenso.

»Gut. Wir kümmern uns dann um alles Weitere. Wo ist denn die Zeugin, die die Leiche gefunden hat?«, fragte Bergmann.

»Bei der Zeugin handelt es sich um die Krenn Waltraud«, erklärte Stöckler den Ermittlern nichts Neues. »Ich hab sie vor einer halben Stunde gehn lassen. Sie war ein bissl groggy und wollt lieber aufm Koglerhof auf ihre Einvernahme warten. Ist ja nimmer die Jüngste, die Traudl. Aber Arzt wollt sie partout keinen haben.«

»Und wo ist dieser Hof?«

Stöckler drehte sich um und deutete zur Anhöhe. »Gleich hinter dem Acker rechts die Kurve hinauf. Nach den Hollerbüschen ist der Koglerhof. Er g’hört der Josefine, die Traudl … die Frau Krenn ist ihre Taufgodl.«

»Ich nehme mal an, das soll Taufpatin heißen«, sagte Bergmann.

»Genau.«

»Von Josefine Kogler«, sagte Bergmann und war drauf und dran, sich den Namen zu notieren.

»Aber nein«, unterbrach Stöckler ihn. »Kogler ist der Vulgoname.«

Sandra und Miriam grinsten einander an.

»Ihr immer mit euren komischen Vulgonamen. Als ob man sich nicht so schon viel zu viele Namen merken müsste«, beschwerte sich der Chefinspektor aus Wien, der lange genug in der Steiermark ermittelte, um an diese ländliche Sitte gewöhnt zu sein.

»Die Josefine heißt Haselbacher mit Nachnamen. Sie ist Schweinebäuerin, baut aber auch Holler und Marillen an«, sagte Stöckler.

»Haselbacher? Wie der tote Winzer?«

Stöckler nickte. »Er war ihr Cousin.«

»Ach so, verstehe. Jeder mit jedem …« Einmal mehr war es Bergmann, der nun grinste, »… verwandt, meine ich.«

»Das macht das Namenmerken doch wiederum um einiges einfacher für dich«, stichelte Sandra.

Bergmann steckte Notizblock, Stift und Steckbrief in die Innentasche seiner Jacke. »Wo steht dein Wagen?«

»Den Feldweg hinunter, dann links. Wir können aber auch den Abstecher zurück durch den Wald nehmen«, meinte Sandra.

Bergmann schüttelte den Kopf und deutete zu einem zivilen Wagen in der Reihe. »Miriam fährt uns zu diesem Hof hinauf. Und nach der Einvernahme zu deinem Auto.«

Sandra starrte ungläubig den schwarzen Audi an. »Wir haben einen neuen Dienstwagen?« Kaum zu fassen, dass der alte VW-Passat in ihrer Abwesenheit gegen einen funkelnagelneuen A6 eingetauscht worden war.

»Da siehst du mal, was dir alles entgangen ist«, meinte Bergmann. »Servus, Stöckler«, verabschiedete er sich vom Inspektionskommandanten.

Der hob seine Hand gemächlich an den Kappenrand. »Pfiat eich«, grüßte der Landpolizist die drei Ermittler aus der Landeshauptstadt und ließ seinen Arm ebenso langsam wieder herabsinken.

4.

Schnüffelnd streckte Bergmann die Nase in die Luft, kaum, dass er aus dem Wagen ausgestiegen war. »Da stinkt’s ja gar nicht mal so arg.«

Sandra wusste, dass der Chefinspektor um Landwirtschaftsbetriebe, die Tiere hielten, nicht nur aus olfaktorischen Gründen einen möglichst großen Bogen machte. »Was ist mit deiner Katzenhaarallergie?«, erkundigte sie sich grinsend.

»Wie weggeblasen. Auch meine anderen Allergien. Seit unserem letzten Fall im Mürzer Oberland. Obwohl ich es ja selbst kaum glauben kann …«

Sandra erinnerte sich noch gut an die Tropfen, die Bergmann einer blinden Naturheilerin abgekauft hatte. Dass diese anscheinend nachhaltig gegen seine Allergien wirkten, überraschte auch sie.

»Die Schweine sind dort oben. Und der Wind kommt aus der anderen Richtung«, sagte Miriam, die wie Sandra auf dem Land aufgewachsen war. Wenngleich die Seiferts in der Oststeiermark keine Vieh-, sondern Apfelbauern waren, war Miriam mit der Natur und mit landwirtschaftlichen Betrieben aller Art bestens vertraut. Den neuen Holzbau mit den vergitterten Seitenwänden und dem Freigelände davor, der etwas abseits auf der anderen Straßenseite lag, hatte sie auf den ersten Blick als Schweinestall identifiziert, auch wenn sich die Tiere vermutlich drinnen in den schattigen Bereichen aufhielten und aus dieser Entfernung nicht zu erkennen waren. Dass die anderen Gebäude des bunt zusammengewürfelten Hofensembles aus früheren Jahrhunderten stammten, verrieten die verschiedenen Baustile. Der hintere Teil des alten gemauerten Schweinestalls war ziemlich verfallen. Der große Schuppen, in dem Sandra landwirtschaftliche Geräte und Fahrzeuge vermutete, war in einem etwas besseren Zustand. Dazwischen watschelte eine Gruppe schnatternder Gänse, die in wenigen Tagen ihren Lebenszweck erfüllt haben und als schmackhafte Martinigansln im Rohr landen würden.

Die drei LKA-Ermittler strebten auf den modernen Anbau aus Glas und Holz zu, der sich kontrastreich, aber durch die Edelrostfassade doch harmonisch, an das zweistöckige ältere Haupthaus anfügte. Dessen Dachgeschoss war anscheinend im Zuge der letzten Renovierung ausgebaut worden. Wie der neue Schweinestall trug auch der Zubau die Handschrift eines zeitgenössischen Architekten. Über dem Glasportal prangte der Schriftzug ›Kogler Hofladen‹, der in eine Blende aus Edelrostmetall gestanzt war.

»Das Geschäft ist geschlossen«, stellte Bergmann fest, nachdem er vergeblich versucht hatte, die Glastür zu öffnen.

»Ist ja auch Sonntag«, sagte Sandra und trat neben ihm an die Scheibe heran, die im gleißenden Sonnenlicht die Umgebung reflektierte. Um die Spiegelungen weitgehend abzuschirmen, legte sie beide Händen an ihre Wangen und ans Glas an und erhaschte so einen Blick ins Ladeninnere.

»Ganz schön stylish, die Hütte«, hörte sie Miriam hinter ihrem Rücken sagen.

Dasselbe galt auch für drinnen. In den Regalen und auf dem Verkaufstisch reihten sich größtenteils weiß etikettierte Schraubgläser und Flaschen fein säuberlich aneinander. Die lange Kühlvitrine unterhalb des Verkaufspultes war unbeleuchtet, weshalb ihr Inhalt nicht zu erkennen war.

»Hübscher Laden. Alles sehr ansprechend und appetitlich arrangiert«, stellte Sandra fest, ehe sie sich wieder den Kollegen zuwandte.

»Versuchen wir’s mal im Wohnhaus«, schlug Miriam vor.

5.

Die junge Frau, die den LKA-Ermittlern die Tür öffnete, warf auf den ersten Blick alle Klischees über den Haufen, die man landläufig mit einer Schweinebäuerin assoziierte. Ihre langen, schlanken Beine und die schmalen Hüften steckten in hautengen dunkelblauen Stretchjeans. Über dem hellgrauen T-Shirt trug Josefine Haselbacher eine grobmaschige graumelierte Strickweste, die gleichermaßen schick wie lässig an ihr wirkte. Die Naturschönheit mit den braunen Augen und den glänzenden dunkelbraunen Haaren, die am Oberkopf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, hätte vermutlich auch in einem Jutesack eine blendende Figur abgegeben – bei dem Gardemaß, das ihr schlanker, aber athletischer Körper aufwies. Sie überragte selbst Miriam, die filigraner gebaut war als sie, um zwei bis drei Zentimeter. Sandra fühlte sich mit ihren 1,70 Metern wie ein Zwerg zwischen den beiden jungen Frauen, jenseits der 1,80 Meter.

Dass Bergmann die Landwirtin eine Spur zu lange anstarrte, fiel hoffentlich nur Sandra auf. Das Einzige, was bei näherer Betrachtung den Beruf dieser Frau verriet, waren die rauen Hände mit den kurz geschnittenen Fingernägeln, die an Arbeit sichtlich gewöhnt waren. Die lange, schmale Form der Finger hätte wiederum zu einer Künstlerin gepasst. Aber womöglich steckte eine solche auch noch in dem Mädchen, ging es Sandra durch den Kopf.

»Die Frau Krenn wartet in der Stubn auf Sie«, bat Josefine Haselbacher sie mit klarer Stimme und regional gefärbtem Dialekt herein. Im Haus war Bellen zu hören. Und eine dunklere laute Frauenstimme, die dem Hund befahl, endlich still zu sein.

Waltraud Krenn blieb auf der Eckbank sitzen und hielt den kläffenden weiß-grauen Terrier-Mischling am Halsband zurück. »Jetzt halt’s doch zamm!«, schimpfte sie. »Der Lumpi tut Ihnen nix«, wandte sie sich an die Besucher. »Er will Sie nur begrüßen. Dann gibt er eh gleich wieder Ruh.«

»Lassen Sie ihn doch einfach los«, sagte Bergmann, ehe der Rüde auf ihn zustürmte, um sich von ihm seine Streicheleinheiten zu holen. Bei Hunden kannte der Chefinspektor keine Berührungsängste, wusste Sandra. Ebenso wenig wie sie. Nur bei Deutschen Schäferhunden war sie vorsichtig, was am hohen Risiko-Index dieser Rasse lag. Kampfhunde hin oder her, keine Rasse biss so häufig zu wie der Deutsche Schäferhund, was einschlägige Statistiken immer wieder belegten. »Du hast den Toten also gefunden«, sprach sie den drolligen drahthaarigen Hund an, der ihr nicht einmal bis zu den Knien reichte, und ließ ihn an ihren Fingern schnuppern. Dann setzte sie sich wie die beiden Kollegen zu Frau Krenn an den Tisch. Das Tier entspannte sich und machte zu Füßen seines Frauchens Platz. Nur Josefine lehnte noch immer mit verschränkten Armen am Türrahmen, als überlege sie, ob sie in der Stube bleiben oder diese verlassen sollte.

»Wir waren am Feldweg spazieren, ausnahmsweise ohne Leine«, erzählte die ältere mollige Frau mit den kurz geschnittenen weißen Haaren. »Ich weiß eh, dass das eigentlich verboten ist, aber …«

»Da sehen Sie mal, wozu sowas führen kann«, unterbrach Bergmann sie. »Das erste Mordopfer, Markus Haselbacher, war ein Verwandter von Ihnen?«, sprach er Josefine unvermittelt an. Die stutzte kurz, ehe sie seiner Aufforderung folgte und sich zu ihnen gesellte.

»Ein entfernter Verwandter«, sagte sie im Hinsetzen. »Der Markus war mein Cousin dritten Grades. Unsere Urgroßeltern waren Geschwister.«

»Trotzdem warts ihr doch recht eng miteinander«, sagte Waltraud Krenn.

»Na ja, er war ja auch mein Lieferant, Traudl«, stellte Josefine klar. »Einer von mehreren. Und ich bin nicht die Einzige, die seinen Wein in ihrem Laden verkauft. Neben meinen und vielen anderen Produkten aus der Region«, sagte sie zu Bergmann gewandt. Mit gesenktem Blick fuhr sie fort. »Sein Tod hat mich natürlich getroffen. Er war ein lieber Kerl, der Markus. Und ein aufstrebender Jungwinzer – Silberberg-Absolvent … Für meinen Geschmack war sein Grauburgunder der beste von allen, und in ein paar Jahren hätt er das Weingut und den Buschenschank von seinem Vater übernehmen sollen.«

Bergmann nickte wissend.

Sandra ging davon aus, dass der Chefinspektor die Biografie des ersten Mordopfers soweit kannte. Im Gegensatz zu ihr. Solange sie nicht auf dem aktuellen Ermittlungsstand war, hielt sie sich lieber im Hintergrund und hörte aufmerksam zu.

»Ja, das war er«, bestätigte Frau Krenn. »Ich hab ihn wie die meisten Kinder hier auf die Welt g’holt. Früher war ich nämlich Hebamme. Schrecklich, dass bei uns so was passieren muss. Und dann auch noch gleich zweimal hintereinander … Nie im Leben hätt ich mir das gedacht. Wer tötet denn so junge Menschen? Und schneidet ihnen Körperteile ab?« Die bisher so resolut wirkende Frau biss sich auf die Lippen, um gegen ihre Tränen anzukämpfen.

Demnach waren dem ersten Opfer auch die Hände abgetrennt worden, schloss Sandra aus ihren Worten. Oder hatte Waltraud Krenn andere Körperteile gemeint?

»Beruhig dich, Traudl. Wart, ich hol dir frische Taschentücher.« Josefine erhob sich. »Mag vielleicht jemand einen Kaffee? Oder was anderes?«, fragte sie in die Runde. »Allerheiligenstriezel wär noch da.«

Bergmann und Miriam nahmen das Kaffeeangebot an. Sandra begnügte sich mit einem Glas Wasser.

»Die Josefine ist mein Patenkind«, erzählte Frau Krenn, inzwischen wieder gefasst, während die junge Frau im Küchenbereich der Stube mit der Kaffeemaschine hantierte. »Sie ist so ein tüchtiges Dirndl. Hat den Hof bald nach der Landwirtschaftsschule von ihrem Onkel Josef übernommen. Nachdem er mim Traktor tödlich verunglückt ist. Der Sepp, ihr Opa, kann sich ja leider um nix mehr kümmern. So, wie der beinander ist.«

»Traudl, es geht hier nicht um mich oder um den Hof«, unterbrach Josefine die Frau aus der anderen Ecke des Raumes.

»Ja leider.« Bergmann räusperte sich. Hatte er das eben wirklich gesagt? »Also von vorn, Frau Krenn«, fuhr er fort. »Wann genau haben Sie heute Morgen die Leiche gefunden?«

»Das muss gegen halb zehn gewesen sein. Ich hab nicht auf die Uhr gschaut. Der Lumpi war auf einmal futsch. Ich hab ihn im Wald bellen gehört. Also bin ich hinterher und hab ihn dann im Graben gefunden, neben dem Mann, der dort unten auf dem Bauch gelegen ist. Mir war sofort klar, dass der keinen Arzt mehr braucht. Drum hab ich gleich 133 gewählt. Zum Glück hab ich mein Handy dabeigehabt.«

»Das solltest du immer mitnehmen, wenn du allein spazieren gehst. Für Notfälle …« Josefine stellte das Tablett mit den Getränken, einigen Scheiben des Allerheiligenstriezels und einer Butterdose auf dem massiven Holztisch ab. Dann zog sie eine Packung Taschentücher aus der Westentasche und reichte sie ihrer Taufpatin.

»Dank dir schön, mein Herzl. Ich hab ja eigentlich gehofft, dass es für mich keine Notfälle mehr gibt, nachdem ich zu keinen Geburten mehr muss.« Waltraud Krenn schnäuzte sich lautstark, während Bergmann den Zucker in seinen Kaffee rieseln ließ. Miriam goss Milch in die handbemalte Keramiktasse und nahm ebenfalls einen Schluck.

»Wenn das so weiter geht, kann man sich bei uns ja bald nimmer aus dem Haus trauen«, fuhr Frau Krenn mehr ärgerlich als ängstlich fort, während sie ihren Striezel dick mit Butter bestrich.

Falls sie es tatsächlich mit einem Serienmörder zu tun hatten, passte eine ältere Dame wie Waltraud Krenn wohl kaum in dessen Beuteschema, überlegte Sandra. In beiden Fällen waren junge Männer ermordet und verstümmelt worden. So viel hatte sie inzwischen mitbekommen. Dennoch war es zu früh, um das Gefahrenpotenzial für andere Bevölkerungsgruppen abschätzen zu können.

Bergmann stellte seine Kaffeetasse ab. »Haben Sie den Toten schon einmal gesehen, als er noch gelebt hat?«, fragte er.

»Ich weiß nicht. Von hinten hab ich ihn nicht erkennen können«, meinte Frau Krenn kauend.

»Sie haben seine Position also nicht verändert?«

»Nein.«

»Und auch nichts aus seinen Taschen entwendet?«

Waltraud Krenn schluckte den Bissen in ihrem Mund hinunter. »Wie bitte? Na hearn S’, Sie ham vielleicht Nerven …«

»Reine Routinefrage«, unterbrach Sandra die aufgeregte Frau.

»Ich glaub, ich bin im falschen Film.« Waltraud Krenn lehnte sich erschöpft zurück.

Langsam drehte Bergmann sein Kaffeehäferl auf der Untertasse einmal um die Achse, als wolle er das Blumendekor auf Fehler überprüfen. »Sagt Ihnen der Name Christian Maric etwas?«, fragte er, ohne aufzublicken.

»Maric? Ich kenn einen Buchhändler in Leibnitz, der so heißt. Aber sein Vorname ist Thomas. Der versorgt mich immer mit Kriminalromanen. Die les ich am liebsten. Nur nix Skandinavisches, das ist mir zu düster …« Waltraud Krenn biss erneut von ihrem Stollen ab. Dass sie nun selbst als Zeugin in einen Kriminalfall verwickelt war, schien ihren Appetit nicht zu beeinträchtigen. »Ich bin öfter in Leibnitz. Meine Schwester lebt seit 35 Jahren dort«, erklärte sie mit vollem Mund.

»Und Sie?«, wandte sich Bergmann an Josefine.

»Ich nicht. Ich hab leider wenig Zeit zum Lesen. Wenn, dann bestell ich meine Bücher im Internet. Das ist praktischer.«

»Ich meinte eigentlich, ob Sie einen Herrn Maric kennen«, sagte Bergmann, ungewohnt geduldig.

Josefine lachte auf. »Ach so, entschuldigen Sie bitte … Nein, ich kenn keinen Maric. Weder einen Christian noch einen Thomas«, antwortete sie.

»Ist Maric der Name von dem Toten im Wald?«, erkundigte sich Waltraud Krenn, noch immer kauend.

»Das müssen wir erst überprüfen«, blieb Bergmann vage. »Wann haben Sie Markus Haselbacher denn zum letzten Mal lebend gesehen?«

»Beim Erntedank-Brunch in Neusetz. Am 20. Oktober«, war sich Waltraud Krenn sicher. »Das hab ich aber schon letztens Ihren Kollegen gesagt.«

»Es wurden über 80 Leute befragt, an deren Aussagen ich mich beim besten Willen nicht lückenlos bis ins kleinste Detail erinnere«, meinte Bergmann. »Und wann haben Sie Ihren Cousin zuletzt gesehen, Frau Haselbacher?«

»Auch bei diesem Sonntagsbrunch«, sagte Josefine. »Zwei Tage später hätte er uns Wein liefern sollen. Da war er aber schon tot.«

»Und verraten Sie mir bitte noch einmal, wo Sie beide am Abend des 20. Oktober waren? Zwischen 19 und 22 Uhr?«

»Daheim«, meinte Waltraud Krenn.

»Kann das jemand bezeugen?«

»Nein. Ich bin Witwe und leb allein mit dem Lumpi.« Der letzte Bissen vom Germgebäck verschwand in ihrem Mund.

»Und Sie?«

»Ich war auch daheim.«

»Wann sind Sie nach Hause gekommen?«

»Zwischen 15 und 16 Uhr«, antwortete Waltraud Krenn und wischte ihre Finger mit der Serviette ab.

»Auch so um diese Zeit herum. Leider taugt mein Opa als Zeuge nix«, sagte Josefine.

»Der Sepp ist dement«, fügte die ältere Frau hinzu.

»Verstehe. Und wo waren Sie von Dienstag auf Mittwoch dieser Woche?«

»Zu Hause«, wiederholte Frau Krenn.

»Da war doch dieses Jazzkonzert …«, überlegte Josefine laut.

»Genau. Waren Sie dort?«

»Ja.«

»Allein?«

»Ich bin allein ins Kulturhaus und allein wieder nach Hause gefahren. Vor dem Konzert hab ich ein paar Leute dort getroffen und mit ihnen geplaudert.«

Sandra notierte sich die Namen. »Und nach dem Konzert?«

»Bin ich gleich gegangen, weil ich nochmal nach dem Opa schauen wollt.«

»Wer arbeitet denn sonst noch bei Ihnen auf dem Hof?«, fragte Bergmann weiter. »Sie können das alles doch unmöglich allein schaffen. Die Schweinezucht, das Obst, der Laden …«

»Nicht zu vergessen meine eigenen Produkte«, sagte Josefine nicht ohne Stolz. »Die meisten Ideen sind auf meinem Mist gewachsen. Wie das Sugo vom Wollschwein oder die Wollschweintrüffeln. Der Vater hilft mir bei den Rezepten. Er ist Fleischhauer in Straden und für die Veredelung zuständig.«

»Sie züchten Mangalitza-Schweine«, meldete sich Miriam erstmals zu Wort.

»Ja. Ich hab auf Mangalitza-Haltung umgestellt, nachdem ich den Hof vom Onkel übernommen hab. Das ist eine alte, robuste Fettschweinerasse, die wegen der früher beliebteren Fleischschweinerassen hierzulande beinahe ausgestorben wär. Mit dem dichten Haarkleid und der dicken Speckschicht können sich die Wollschweine, wie sie auch genannt werden, das ganze Jahr über im Freien aufhalten. Anders als die üblichen Schweinerassen, die im Winter draußen erfrieren und im Sommer einen Sonnenbrand nach dem andern kriegen täten. Langsam ist diese Rasse wieder im Kommen. In der Region sind es inzwischen vier Landwirte, die Wollschweine züchten. Ab und zu werden auch Turok-Schweine mit höherem Muskelanteil eingekreuzt, um die Fleischqualität zu verbessern.«

»Deine Qualität hat aber auch ihren Preis«, warf Waltraud Krenn ein.

»Billigfleisch und artgerechte Tierhaltung sind halt schwer vereinbar. Man muss ja auch nicht jeden Tag Fleisch essen, Traudl. Bevor ich billiges Fleisch aus dem Supermarkt kauf, verzicht ich lieber ganz drauf. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn ich mich an die armen Viecher vom Onkel erinner … Auf den Vollspaltenböden haben s’ nicht wühlen können, sich aber umso leichter verletzt. Die Muttersäue sind wochenlang in den Kästen eingepfercht gewesen, angeblich, damit s’ die Wuggerln beim Säugen nicht zerquetschen. Die haben sich nicht einmal umdrehen können.

Natürlich hat sich die Landwirtschaft stark verändert. Immer mehr Leute müssen ernährt werden, die immer weniger für Lebensmittel bezahlen wollen. Gleichzeitig werden die Bauern immer weniger, weil sie bei den niedrigen Schweinepreisen nicht überleben können. Wir sind gezwungen, uns zusätzliche Standbeine zu suchen und auf Konsumenten zu hoffen, die den Wert unserer Lebensmittel zu schätzen wissen und dafür auch angemessen bezahlen. Andernfalls geht’s eben nur mit Massenproduktion. Wobei es nicht nur die schwarzen Schafe gibt, die in der Zeitung stehen, wenn zum Beispiel die Lüftung im Großstall ausfällt und 1.800 Tiere elendiglich verrecken. Aber solange die Masse der Konsumenten nicht bereit ist, mehr Geld fürs Fleisch auszugeben, wird’s Missstände in der Tierhaltung geben. Wer die Bauern zwingt, möglichst günstig zu produzieren, braucht sich dann auch nicht über Tierquälerei aufregen.«

»Wie viele Schweine leben denn auf Ihrem Hof?«, fragte Miriam.

»Maximal 120. Für mehr ist nicht genug Platz. Die können sich drinnen im Stall, aber auch draußen im Freigehege aufhalten. Ganz wie sie mögen. Aber mit dem sprechenden Ferkel, das frech über die Wiese hüpft, hat das kaum was zu tun. Solche Werbungen gaukeln den Leuten ein völlig falsches idyllisches Landwirtschaftsbild vor, das mit der Realität überhaupt nix zu tun hat.«

»Wollschweine leben doch auch länger, bis sie geschlachtet werden. Nicht wahr?«, kehrte Miriam zur Mangalitza-Rasse zurück.

»Genau. Geschlachtet werden die Tiere erst im Alter von 18 Monaten bis zwei Jahre. Wir füttern nur Weizen, Gerste, angereichert mit Proteinen und Spurenelementen. Keinen Mais. Von dem her legen sie nicht so rasch zu wie die üblichen Mastschweine. Und das Fleisch ist auch gsünder, reich an Omega-3-Fettsäuren und cholesterinarm. Schmecken tut’s sowieso besser.«

»Schlachten Sie auch selber?«, fragte Bergmann.

»Hausschlachtungen gibt’s bei uns schon lang keine mehr. Unmöglich bei den heutigen Hygienevorschriften, außer für den Eigenbedarf am Hof. Wir haben einen Schlachter in der Nähe von Fehring. Ein kleiner Familienbetrieb. Die Schweindln werden dort zu Tode gestreichelt. Na ja, fast …« Josefine lächelte Bergmann an, was seine Wirkung nicht verfehlte. Wieder sah er sie einen Augenblick zu lange an, anstatt ihren Vortrag über Schweinehaltung zu unterbrechen, was er normalerweise längst getan hätte. Stattdessen trank er seinen Kaffee aus.

»Wenn’s ans Schlachten geht, führe ich drei bis vier Tiere mit dem Anhänger zum Schlachter. Dort bleiben sie dann mindestens einen Tag lang auf der Weide«, erzählte Josefine weiter, »damit sie den Transportstress abbauen können. Obwohl der Schlachthof eh nur eine halbe Stunde von uns entfernt ist. Da hält sich die Aufregung in Grenzen. Und wenn’s gar nicht damit rechnen, werden’s mit der Elektrozange betäubt, bevor ihr artgerechtes Schweineleben endet.«

Warum Bergmann Josefine an dieser Stelle anlächelte, war Sandra ein Rätsel. Augenscheinlich war hingegen, dass er sich mehr für die Landwirtin als für die Zeugin, die die Leiche gefunden hatte, interessierte. Was bestimmt nicht an den Wollschweinen oder irgendwelchen Delikatessen lag. »Kümmern Sie sich auch um den Verkauf der Produkte?«, fragte er weiter.

»Ich hab den Hofladen erst im vergangenen Jahr ausgebaut, um meine Produkte noch besser direkt vermarkten zu können. Ich bau ja auch Holler und Marillen an, um mit der Landwirtschaft über die Runden zu kommen. Wir verkaufen auch andere Produkte aus der Region, sofern die Qualität passt: Wein, Kürbiskernöl, Gemüseprodukte wie Chutneys und Saucen, Obstbrände und und und. Alles, was das fruchtbare Vulkanland so hergibt und was unsere Leut daraus produzieren. Weil der neue Hofladen von Anfang an recht eingeschlagen hat, hab ich die Irmi als Verkäuferin eingstellt.«

»Irmi?«, griff Bergmann den Namen auf.

»Die Kolleritsch Irmgard. Sie ist aus Bad Gleichenberg.«

»Ach ja, Frau Kolleritsch. Wir haben sie im Zuge unserer Ermittlungen schon einvernommen. Hier schließt sich also der Kreis …«

»Welcher Kreis?«, fragte Waltraud Krenn skeptisch.

Bergmann ging auf ihre Frage nicht ein. »Ist Frau Kolleritsch hier?«, wollte er wissen.

»Nein. Am Sonntag hat die Irmi frei. Genau wie der Fipsl, der sich um die Schweindln kümmert und mir auch sonst am Hof zur Hand geht. Er wohnt in der Dachkammer.« Sie deutete zur dunklen Holzbalkendecke. »Und der Großvater nebenan.«

»Fipsl?«

»Philipp. Blasl Philipp.«

»Ihr Knecht?«

Josefine lachte hell auf.

»Knechte und Mägde gibt’s schon lange nimmer«, meldete sich Waltraud Krenn zu Wort. »Landwirtschaftliche Hilfskräfte, heißen die heutzutag. Man darf ja auch nimmer Neger sagen. Aber warum löchern Sie eigentlich die Josefine? Ich hab den Toten doch gfunden.«

Das fragte sich Sandra schon die längste Zeit.

»Routinefragen«, erwiderte Bergmann. »Schließlich liegt der Hof in der Nähe beider Leichenfundorte. Ihr Helfer wohnt also in der Mansarde?«

»Ja. Ich hab den Fipsl vom Onkel übernommen. Er ist ein bissl behindert. Von dem her ist er ziemlich menschenscheu. Aber er ist am Hof gut eingearbeitet und auch ansonsten ein braver Kerl«, erklärte Josefine.

»Herr Blasl ist wie alt?«

»Der Fipsl ist jetzt 23«, antwortete Waltraud Krenn, ohne lange nachzudenken. »Bei der Geburt hat sich die Nabelschnur um seinen Hals gewickelt. Deswegen war das Gehirn eine Zeitlang nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Er hat eine Monospastik am linken Bein. So was kommt leider vor.« Waltraud Krenn seufzte. Ganz hatte sie den folgenschweren Zwischenfall von damals wohl nicht verwunden.

»Immerhin hast du ihm das Leben gerettet, Traudl«, tröstete Josefine ihre Patentante. »Und seit der letzten OP kommt er doch auch viel besser zurecht.«

Waltraud Krenn nickte.

»Der Fipsl ist glücklich hier am Hof. Die Arbeit macht ihm riesigen Spaß. Er liebt die Schweindln, und es fehlt ihm an nix«, sagte Josefine.

»Du behandelst ihn ja auch viel besser, als der Josef es seinerzeit getan hat. Gott hab ihn selig«, sagte Waltraud Krenn.

»Das ist nicht besonders schwer. Aber lassen wir das. Über Tote soll man nicht schlecht reden«, entgegnete Josefine.

»Wurde Herr Blasl nach Herrn Haselbachers Tod von der Polizei befragt?«, wollte Bergmann wissen.

»Ja«, bestätigte Josefine. »Er kann sich nicht so gut artikulieren, deshalb war ich bei der Befragung dabei. Ich bin seine langsame, schwer verständliche Sprache gewöhnt. Wir waren beide hier am Hof. Das steht bestimmt im Protokoll.«

Bergmann verzichtete auf eine weitere Befragung des Gehilfen. »Und Ihr dementer Großvater wohnt im Nebengebäude. Wurde der einvernommen?«, fragte er.

Josefine nickte. »Das hat aber nix gebracht. Die Krankheit ist zu weit fortgeschritten.«

»Der Sepp wird vom mobilen Pflegedienst betreut. Er hat’s Rennerte, wie man so schön sagt. Er poscht alle Augenblick ab und wird woanders wieder aufgeklaubt. Dabei ist er eh schon ganz wacklert unterwegs. Es streut ihn auch dauernd her. Drum hab ich ihm vor ein paar Wochen einen Rollstuhl besorgt. Die Josefine hat eh schon genug um die Ohren.« Waltraud Krenn griff nach einem weiteren Stück Stollen, um dieses wie schon zuvor mit Butter zu bestreichen. »Wolln S’ nicht doch ein Stück kosten? Den hab ich gebacken, weil die Josefine ja keine Oma mehr hat. Von der Tradition her machen das bei uns die Großmütter zu Allerheiligen, wissen S’?«

Sandra hätte das Angebot gern angenommen, wären sie privat hier gewesen. So aber winkte sie erneut ab, wie Bergmann und Miriam auch.

Josefine seufzte. »Letztens wär der Opa fast vom Bus überfahren worden …«

»In einem Pflegeheim für Demenzkranke wär er auf alle Fälle besser aufgehoben. Aber das kann sich ja kein Mensch leisten. Warum wir als einziges Bundesland einen Pflegeregress haben und für pflegebedürftige Angehörige zur Kasse gebeten werden, versteht sowieso niemand. So viel zur hochgelobten Reformpartnerschaft«, mokierte sich Waltraud Krenn über die steirische Landespolitik.

Bergmann setzte an, sie zu unterbrechen, doch Josefine war schneller. »Der mobile Pflegedienst ist halt doch um einiges günstiger als ein Pflegeheim. Deshalb hab ich den Opa zu Hause behalten und hoff, dass ihm nix passiert, wenn er grad allein ist. Ich kann ihn ja schwer ans Bett anbinden.«

»Als Enkelin sind Sie doch gar nicht regresspflichtig«, warf Sandra ein.

»Ich nicht, aber mein Vater. Der schwimmt auch nicht grad im Geld, und Platz hat er sowieso keinen fürn Opa. Außerdem hat der sein Lebtag aufm Hof hier gewohnt.«

»Ja dann vielen Dank.« Bergmann beendete die Befragung, die, soweit Sandra dies beurteilen konnte, keine wesentlichen Ermittlungsfortschritte gebracht hatte. Wenngleich der Chefinspektor einen durchaus zufriedenen Eindruck machte.

Auf dem Weg zurück zum Parkplatz sah sich Sandra noch einmal um. Der Koglerhof lag verschlafen in der Mittagssonne, idyllisch umringt von Obstgärten und Äckern, die um diese Jahreszeit bereits abgeerntet waren. Hinter dem Hof begann der Wald. Von der anderen Straßenseite leuchtete das gelbe Laub der Weinstöcke des Nachbarn herüber, dessen Weingarten direkt ans Gehege der Schweine grenzte. Sandras Blick streifte das Nebengebäude. Hinter dem gekippten Fenster glaubte sie einen Schatten wahrgenommen zu haben, der sich wegbewegt hatte. Als sie hinsah, war er fort. Nur der Vorhang bewegte sich leicht. »Ich glaube, wir wurden eben beobachtet«, sagte sie. Trotz der warmen Mittagstemperatur hatte sie plötzlich eine Gänsehaut.

»Von wem?«, fragte Bergmann und sah sich um.

Sandra deutete auf das Fenster. »Dort drüben ist gerade jemand hinter dem Vorhang verschwunden.« Oder hatte sie sich das nur eingebildet? War sie einer optischen Täuschung aufgesessen?

»Ich seh nix«, sagte Miriam.

Bergmann zuckte mit den Schultern. »Wenn du keine Halluzinationen hast, war das bestimmt nur der alte Haselbacher. Der wohnt ja im Nebengebäude«, meinte Bergmann und setzte den Weg zum Parkplatz fort.

Wahrscheinlich hatte er recht. Wenn dort überhaupt jemand gestanden war, war es wohl der Altbauer gewesen. Daran war nun wahrlich nichts ungewöhnlich, schon gar nicht unheimlich. Sandra öffnete die hintere Tür des Dienstwagens und nahm auf der Rückbank Platz. Miriam startete den Wagen und lenkte ihn auf die Straße.

»Check doch mal, ob der vermisste dritte Mann inzwischen wieder aufgetaucht ist. Oder ob sich die beiden Jazzmusiker um einen neuen Akkordeonspieler umsehen müssen«, sagte Bergmann zu Miriam gewandt.

Nach der Kurve konnten sie bereits die Einsatzfahrzeuge und den Leichenwagen am Feldweg neben dem Wald stehen sehen.

»Mach ich dann auf dem Rückweg nach Graz«, antwortete Miriam. »Soll ich gleich einen Vernehmungstermin mit ihnen ausmachen? Für den Fall, dass es noch immer kein Lebenszeichen von Maric gibt?«

Sandra sah den Chefinspektor von hinten nicken.

»Warte, bleib doch mal dort vorn bei Jutta stehen. Ich frage sie rasch wegen des Obduktionstermins.« Bergmann sprang aus dem Audi, kaum, dass dieser zum Stillstand gekommen war.

»Na der hat’s aber eilig«, bemerkte Miriam grinsend.

Auch Sandra sah dem Chefinspektor hinterher und beobachtete, wie er auf der anderen Seite des Feldwegs die Gerichtsmedizinerin ansprach. Das letzte Mal, als sie die beiden miteinander erlebt hatte, hatte Gewitterstimmung geherrscht, erinnerte sie sich nur allzu gut. Was zwischen den beiden vorgefallen war, hatte sie damals wie heute nicht interessiert. Es nervte sie auch so schon gewaltig, dass Bergmann Berufliches und Privates nicht trennen konnte. Weniger wegen der Ärztin, die er ungeniert hofiert und wohl auch außerhalb des Dienstes getroffen hatte, sondern viel mehr, weil er anfangs versucht hatte, bei Sandra zu landen. Erst hatte sie es gar nicht kapiert, dann hatte sie ihn abblitzen lassen. Aber das war eine andere Geschichte, die längst verjährt war. Der Transportsarg, der eben in den Leichenwagen geschoben wurde, raubte Sandra die Sicht auf Bergmann und die Gerichtsmedizinerin.

Miriam wandte sich zu ihr um. »Ich bin echt froh, dass du wieder da bist.«

»War’s denn so schlimm mit Bergmann?« Sandra rutschte auf der Rückbank nach vorn. Der Leichenwagen setzte sich langsam in Bewegung. Doktor Kehrer redete, während Bergmann ihr zuhörte. Dabei kaute er am Bügel seiner Sonnenbrille und nickte wiederholt.

»Nein. Der ist doch eh ganz handzahm. Meistens jedenfalls. Aber wir sind einfach zu wenige Ermittler. Im ersten Mordfall stecken wir ganz am Anfang. Und jetzt passiert auch noch ein zweiter …« Miriam seufzte.

Bergmann setzte die Sonnenbrille auf und strebte federnden Schrittes auf den Audi zu.

»Vielleicht hilft uns der zweite Mord ja, beide Fälle aufzuklären«, sagte Sandra. Das war aber auch schon der einzige mögliche Vorteil an einem Serienmord. Der große Nachteil war, dass der Täter jederzeit wieder zuschlagen konnte. Wenn es ihnen nicht rechtzeitig gelang, ihn auszuforschen und von einem dritten Mord abzuhalten.

6.

Miriam bremste den Dienstwagen ab und ließ die ranghöheren Kollegen aussteigen, um anschließend allein nach Graz zurückzufahren.

Bergmann schwang seine Jacke über die Schulter und überquerte neben Sandra die Fahrbahn. Von der Funkstreife, hinter der sie vorhin den Toyota geparkt hatte, war nichts mehr zu sehen.

»Das ist jetzt aber nicht dein Ernst.« Bergmann hob seine Sonnenbrille einige Zentimeter von der Nase und betrachtete den Kleinwagen argwöhnisch.

»Was denn? Ist dir das Auto etwa nicht gut genug?«

Die Sonnenbrille landete wieder auf Bergmanns Nasenrücken. »Was heißt gut? Du weißt doch, dass mir Autos ziemlich wurscht sind. Aber das hier ist zweifellos ein bisschen zu klein geraten, findest du nicht?«, meinte er spöttisch.

Sandra drückte den Entriegelungsknopf am Autoschlüssel. Die Schlösser sprangen klackend auf. »Dann passt es ja perfekt zu mir«, murmelte sie.

»Was? Wieso?«

»Ach vergiss es.«

Bergmann grinste. »Hast du jetzt auch noch einen Minderwertigkeitskomplex wegen der beiden groß gewachsenen jungen Damen aufgerissen?«

Wie so oft hatte er zielsicher den wunden Punkt getroffen. Aber daran war Sandra selbst schuld. Hätte sie mal den Mund gehalten, wäre ihr sein sarkastischer Kommentar erspart geblieben. Rein äußerlich ließ sie die Bemerkung an sich abprallen und blieb sachlich. »Es ist nur ein Leihwagen, Sascha. Ab morgen chauffiere ich dich wieder im Dienstauto herum. Aber steig doch erst einmal ein. Da drinnen ist nämlich mehr Platz, als du glaubst.«

»Klein, aber oho«, hauchte Bergmann und packte sein anzüglichstes Grinsen aus.

»Du musst es ja wissen«, konterte Sandra und stieg in den Wagen.

Bergmann fuhr mit dem Beifahrersitz so weit wie möglich nach hinten und gurtete sich an. Während der Fahrt nach Graz beschwerte er sich kein einziges Mal mehr über mangelnden Komfort. Stattdessen weihte er Sandra endlich in den ersten Mordfall ein.

Markus Haselbachers Leiche war am 21. Oktober um 11.50 Uhr unweit des zweiten Fundortes, der sich auf der anderen Seite des Hügels, auf dem sich der Koglerhof befand, entdeckt worden. »Der ermordete Winzer lag im Laderaum seines BMW Kombi auf der umgeklappten Rückbank«, berichtete Bergmann. »Das Auto stand auf dem Parkplatz eines stillgelegten Gasthofs. Einem Bauern, der morgens und mittags mit dem Traktor vorbeifuhr, kam es seltsam vor, dass der Wagen so lange mitten in der Pampa parkt.«

»Wo liegt denn der Winzerhof der Haselbachers?«

»In Tieschen, keine zehn Kilometer vom Leichenfundort entfernt.«

»Tieschen. Kenne ich.«

»Das war ja klar.«

Es war offensichtlich, dass Bergmann nicht wegen ihrer guten Ortskenntnisse grinste, sondern über ihre Herkunft aus einem abgelegenen Dorf im steirischen Krakautal. Einen Kommentar ersparte sich Sandra. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, nicht mehr alles persönlich zu nehmen. Selbst, wenn Bergmann es so gemeint hatte.

»Jutta konnte die Todeszeit auf den Vorabend zwischen 19 und 22 Uhr eingrenzen«, fuhr er fort. »Todesursache war ein tiefer Halsschnitt, der ihm mit einem sehr scharfen Messer oder einem Skalpell zugefügt wurde. Der Täter muss hinter seinem Opfer gestanden sein und die Tatwaffe von links nach rechts über den Hals geführt haben.«

»Demnach ein Rechtshänder.«

Bergmann nickte.

»Waren Markus Haselbachers Hände ebenfalls amputiert?«

»Nein. Die Hände waren unversehrt. Dafür haben ihm beide Unterschenkel gefehlt. Die Amputationen wurden oberhalb der Kniegelenke durchgeführt. Nicht gerade nach dem Lehrbuch, meint Jutta. Dennoch ist der Täter sehr sorgfältig und mit einigem anatomischen Knowhow vorgegangen.«

»Sorgfältig?«

»Na ja, ein Unkundiger hätte einfach eine Säge angesetzt oder mit einer Hacke zugeschlagen und die Gliedmaßen durchtrennt, fertig. In diesem Fall wurden die Haut und das subkutane Fettgewebe mit einem Skalpell oder einem sehr scharfen Ausbeinmesser bearbeitet. Beide haben eine gebogene Klinge, die spitz zuläuft. Ebenso wurde die Muskulatur durchtrennt, wobei bei Operationen ein Elektrokauter eingesetzt wird, um die Blutungen in Schach zu halten. Das war hier nicht der Fall. Die großen Gefäße wurden durchgeschnitten, allerdings ohne wie bei OPs vorher vernäht zu werden. War vermutlich eh schon egal, denn der Patient«, an dieser Stelle malte Bergmann Gänsefüßchen in die Luft, »war zu diesem Zeitpunkt schon verblutet. Die Knochen wurden dann, wie vom Chirurgen, mit einer Knochensäge durchtrennt.«

»Merkwürdig.«

»Am merkwürdigsten war die Schnittführung: Von den beiden Oberschenkeln wurden Hautlappen entnommen. Normalerweise ist das umgekehrt.«

»Was heißt umgekehrt?«

»Üblicherweise verbleibt bei einer Amputation ein ausreichend großer Hautlappen samt Gewebe, um das Knochenende damit vollständig bedecken zu können. Dieser Lappen verheilt dann zum Stumpf, der in weiterer Folge in der Prothese sitzt. Bei Haselbachers Leiche hat dieser nicht nur gefehlt, sondern es wurden oberhalb der Amputationsstellen solche Teile entfernt. Als würde man die abgetrennten Gliedmaßen damit bedecken wollen.«

Sandra runzelte die Stirn. »Das ist wirklich seltsam und legt nahe, dass wir es mit einem medizinisch geschulten Täter zu tun haben.«

»Kann gut sein.«

»Ein Arzt oder Pfleger, eine Krankenschwester …«, überlegte Sandra laut. »Oder eine Hebamme?«

»Du traust diese Taten doch nicht etwa Waltraud Krenn zu?«

»Nicht wirklich. Einmal abgesehen vom fehlenden Mordmotiv: Warum sollte sie die zweite Leiche im Laub verscharren, um sie nach Tagen wieder aufzufinden und die Polizei zu verständigen? Vor allem aber: Wie soll sie den Transport der Leiche bewerkstelligt haben? Allem Anschein nach ist der Mann an einem anderen Platz als am Fundort verblutet. War das bei Haselbacher eigentlich auch der Fall?«

»Yep. Darüber hinaus konnte das Labor Chloroformrückstände in seiner Leiche nachweisen. Dafür hat die restliche Blutmenge noch ausgereicht. Wir müssen demnach davon ausgehen, dass das Opfer betäubt wurde, bevor es starb und ausblutete. Danach wurde amputiert.«

»Aber nicht in seinem Wagen?«, vermutete Sandra.

»Ausgeschlossen bei dieser Spurenlage«, bestätigte Bergmann. »Die Kriminaltechnik konnte ein paar Fingerabdrücke und Haare von Haselbacher und zwei seiner Bekannten, die irgendwann einmal mitgefahren sind, sicherstellen. Kaum Blut.«

»Dann sind also sowohl die beiden Morde als auch die Amputationen woanders erfolgt. Wäre noch zu klären, wie die Leichen an die Fundorte gelangt sind.«

»Im ersten Fall mit dem Auto des Opfers. Ansonsten konnten auf dem Parkplatz keine relevanten Spuren sichergestellt werden.«

»Hm … Und wie ist die Leiche in den Laderaum gekommen? Wie schwer war der Mann ohne seine Beine? Und kaum noch Blut im Körper?«, fragte Sandra.

»Restlos ausgeblutet war seine Leiche nicht. Ein wenig Blut verbleibt immer im Körper«, bestätigte Bergmann. »Ein Unterschenkel samt Fuß wiegt an die sechs bis sieben Kilogramm. Ohne diese und ohne die etwa fünf Liter Blut, die der Leiche gefehlt haben, hat er noch immer stolze 75 Kilogramm auf die Waage gebracht. Haselbacher war ursprünglich 1,90 Meter groß«, wusste er von der letzten Autopsie, der er beigewohnt hatte.

»Zu schwer für eine Frau. Es sei denn, sie hätte einen Komplizen gehabt. Oder eine Komplizin. Was ist mit Josefine Haselbacher? Sie hatte es jedenfalls nicht weit zu den beiden Fundorten.«

»Das ist doch nicht dein Ernst.«

Dass es das nicht war, behielt Sandra vorerst für sich. Erst einmal wollte sie Bergmann eine Lektion erteilen. Sein allzu offensichtliches Interesse an der jungen Landwirtin war alles andere als professionell gewesen. Das wollte sie ihn nun spüren lassen. »Ich spiele zwar kein Lotto, aber wie heißt es so schön …?«, meinte sie mit ernster Miene.

»Alles ist möglich«, vervollständigte Bergmann spontan den Werbeslogan der Österreichischen Lotterien. »Aber das? Josefine Haselbacher? Warum denn? Welches Motiv sollte sie gehabt haben? Oder meinst du etwa, sie hätte die abgetrennten Körperteile zu Sugo, Chutney und Pastete verarbeitet?« Bergmann schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ja, genau … Das ist es! Du bist ein Genie, Sascha! Der Fall ist so gut wie gelöst«, zeigte sich Sandra begeistert.

»Du verarschst mich doch, oder?«

»Aber warum denn? Nein«, meinte sie aufgeregt. »Wir sollten die angeblichen Mangalitza-Spezialitäten ins Labor schicken und auf menschliche DNS überprüfen lassen. Mein Instinkt sagt mir, dass du recht hast, Sascha.«

»Dein Instinkt war auch schon mal besser«, murmelte Bergmann und kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Sandra starrte auf die Fahrbahn. Ein Blick in sein verdutztes Gesicht hätte sie bestimmt die Beherrschung verlieren lassen. Sie biss sich auf die Lippen.

»Du spinnst doch, Sandra. Was ist denn bloß los mit dir? Haben sie dir Drogen verabreicht?« Bergmann schien ernsthaft an ihrem Verstand zu zweifeln.

Bei so viel Besorgnis in seiner Stimme konnte sich Sandra nicht länger beherrschen.

»Das ist doch …« Im nächsten Moment stimmte Bergmann in ihr Gelächter ein.

»Der Punkt geht an mich«, sagte Sandra, nachdem sie sich wieder einigermaßen gefangen und die Tränen aus dem Gesicht gewischt hatte. »Was musst du auch immer so unverschämt flirten. Noch dazu mit einer Zeugin?«

»Ich hab nicht mit ihr geflirtet«, protestierte Bergmann.

»Doch, hast du … Sie ist aber auch ziemlich hübsch, diese Josefine.« Sandra kicherte noch immer.

Bergmann seufzte. »Jaaa«, hauchte er. »Das ist sie …«

»Bist du etwa verknallt in sie?« Sandra grinste in sich hinein, den Blick auf die Fahrbahn gerichtet.

»Ich befürchte es«, bestätigte Bergmann mit einem weiteren Seufzen.

Das hatte er jetzt aber nicht ernst gemeint. Oder doch? »Lass bloß die Finger von ihr, Sascha«, warnte Sandra ihn.

»Aber sie ist doch so schön …« Wieder folgte ein sehnsüchtiges Seufzen.

»Sascha, bitte! Seit wann stehst du überhaupt auf so junges Gemüse?«

»Wieso denn Gemüse? Frischfleisch …«

»Du bist unmöglich.«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich …?«

»O ja. Dir traue ich alles zu«, sagte Sandra.

Bergmann lachte auf. »Schön, dass du wieder da bist, Sandra.«

»Danke. Ich freue mich auch wahnsinnig.« Sandra zog die Mundwinkel nach oben, um sie gleich wieder fallen zu lassen. »Sind die Beine des Jungwinzers eigentlich aufgefunden worden?« Sie setzte den Blinker.

»Nein. Sie müssen aber recht muskulös gewesen sein. Haselbacher war Stürmer beim SV Karla.«

»Ein Fußballer …«

Bergmann nickte. »Unterliga Süd. Deshalb haben wir die Ermittlungen im Dunstkreis seines Vereins begonnen, für den er am Nachmittag vor seinem Tod gegen Gleisdorf II im Einsatz war.«

»Haselbacher hat nach dem Brunch in Neusetz Fußball gespielt?«

»Ja, warum denn nicht?«

»Leistungssport nach dem Essen?«

Bergmann zuckte mit den Schultern. »Er hat dort kaum etwas zu sich genommen, erst später. Jutta hat seinen Mageninhalt untersuchen lassen. Er hat wohl erst abends Schinken, Brot und ein wenig Weißwein zu sich genommen. Aber nochmal zurück zu dem Match: Seine Mannschaft hat verloren, weil Haselbacher einen Elfmeter vergeben und danach auch noch ein Eigentor geschossen hat. War wohl nicht sein Tag.«

»Das kann man so sagen«, spielte Sandra auf seine Ermordung wenige Stunden später an.

»Ursprünglich haben wir erwogen, dass ihm sein sportliches Versagen jemand übel genommen hat und er deshalb sterben musste«, spekulierte Bergmann über das Tatmotiv.

»Ziemlich drastische Maßnahme«, fand Sandra.

»Ist aber schon vorgekommen. Ein kolumbianischer Fußballer wurde in seiner Heimat auf einem Parkplatz regelrecht hingerichtet, weil er Tage zuvor mit seinem Eigentor beim WM-Spiel in den USA eine 2:1-Niederlage eingeleitet hatte. Sein Mörder soll ihn mit einem ›Gooool!‹-Ruf im typischen Stil der südamerikanischen TV-Reporter verhöhnt haben, während er sechs Kugeln abfeuerte.« Offenbar hatte Bergmann gründlich recherchiert. Dass er inzwischen Fußball-Fan geworden war, schloss Sandra aus. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte er noch nie über diesen Sport gesprochen.

»Erschießen ist eine Sache. Aber ein so blutrünstiger Mord? Und die Amputation? Andererseits, warum eigentlich nicht?«, gab sie sich gleich selbst die Antwort. Leider hatte sie schon in zu vielen Mordfällen ermittelt, als dass sie irgendeine Tat oder ein Motiv von vornherein ausschließen wollte. Manche Menschen waren zu allem fähig. Oftmals wegen nichts und wieder nichts. »Gibt es denn einen Verdächtigen?«, fragte sie weiter.

Bergmann schüttelte den Kopf. »Nein. Und nachdem es nun ein weiteres verstümmeltes Mordopfer gibt, dem die Hände fehlen, können wir dieses Tatmotiv wohl getrost ad acta legen. Es sei denn, der Mann war Handballer und hat ebenfalls in einem Match versagt.«

Sandra warf einen kurzen Seitenblick auf den Chefinspektor. Nichts an seiner Mimik verriet ihr, ob die letzte Bemerkung Ernst oder als schlechter Scherz gemeint war. Also erzählte sie ihm, was ihr angesichts der zweiten Leiche im Wald spontan in den Sinn gekommen war.

Bergmann überlegte eine Weile, ehe er antwortete. »Dass Dieben in manchen Kulturkreisen die Hände amputiert werden, ist mir schon bekannt. Aber die Beine?«

Sandra setzte erneut den Blinker und verließ den Kreisverkehr. »Von Fußamputationen habe ich in diesem Zusammenhang schon gehört. Ich werde mich morgen mal schlaumachen. Vielleicht weiß Paul ja mehr über Amputationen in Zusammenhang mit Bestrafungsritualen.«

»Paul? Welcher Paul?« Bergmann beäugte Sandra von der Seite.

»Paul Stadler vom Raubdezernat.«

»Ach, der Stadler … Ich wusste nicht, dass ihr euch so nahe steht.«

»Tun wir ja gar nicht«, widersprach Sandra. »Ich habe lediglich ein besseres Namensgedächtnis als du.« Dass der Kollege vom Raub sie tatsächlich gern privat getroffen hätte, verschwieg sie Bergmann lieber. Schließlich hatte sie Paul Stadlers Wunsch nicht nachgegeben. Sie hatte sich bei ihm lediglich für die Blumen bedankt, die er ihr nach ihrem Zusammenbruch ins Krankenhaus geschickt hatte, ihn danach aber nie wieder angerufen. Er hatte sich seinerseits auch nicht mehr bei ihr gemeldet. »Hat Markus Haselbacher eigentlich ein Musikinstrument gespielt?«, wechselte sie das Thema, bevor Bergmann allzu neugierig wurde.

»Nicht, dass ich wüsste. Warum?«

»Vielleicht gibt es irgendeine Parallele, die uns auf eine Spur bringt. Irgendeine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Männern, ein Hobby, eine Eigenschaft, gemeinsame Bekannte. Irgendetwas, das sie zum geeigneten Opfer gemacht hat und das uns zum Täter führen könnte.«

»Außer dem Zufall und der Tatsache, dass sich beide zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten haben, meinst du? Wenn dem so ist, werden wir es früher oder später herausfinden.«

»Hoffentlich, bevor der Täter noch einmal zuschlägt. Was ist mit dieser Verkäuferin im Hofladen, Irmgard …« Sandra fiel der Nachname nicht ein.

»Kolleritsch«, sagte Bergmann. »Na? Wer hat denn nun das bessere Namensgedächtnis von uns beiden?«

»Schon gut, Sascha. Bleib doch bitte mal ernst.« Der Mann war ein solcher Kindskopf.

»Der Name Irmi taucht einige Male in Markus Haselbachers Kalender, in seinen Anruflisten und E-Mails auf. Wir wissen inzwischen, dass ihre Beziehung nicht nur geschäftlich war. So was soll ja vorkommen … Paul Stadler, ts, ts …« Bergmann wurde von den Klingeltönen seines Handys unterbrochen.

Noch ehe Sandra ihm sein Verhältnis mit der Gerichtsmedizinerin unter die Nase reiben konnte, hatte er das Gespräch angenommen. »Gut«, sagte er, nachdem er eine Weile zugehört hatte, »bis morgen.«

»Und? Was Neues?«

»Wie nicht anders erwartet, wird Christian Maric noch immer vermisst. Miriam hat die beiden Jazzmusiker für morgen um 14 Uhr zur Einvernahme ins LKA bestellt. Das sollte sich mit der Obduktion am Vormittag ausgehen.«

Sandra verkniff sich die Retourkutsche, die Bergmann und die Gerichtsmedizinerin betraf. Sie war heilfroh, dass er wie üblich der Obduktion beiwohnen würde. Auf Leichensektionen konnte sie gut und gern verzichten. Ihr reichte es vollkommen, die Obduktionsbefunde zu studieren. »Wenn wir es wirklich mit einem Serientäter, nicht mit einem Mörder und einem Nachahmungstäter, zu tun haben, finde ich noch etwas auffällig«, sagte sie stattdessen.

»Und zwar?«

»Zwischen den beiden Morden liegen keine zwei Wochen. Normalerweise warten Serientäter länger ab, ob man ihnen auf die Schliche kommt. Erst, wenn sie sich einigermaßen sicher fühlen, schlagen sie erneut zu.«

»Und mit jeder weiteren Leiche werden die Zeiträume zwischen den Morden kürzer«, ergänzte Bergmann.

»Gab es denn schon früher mal einen ähnlichen Mord? Woanders als in der Steiermark, meine ich.« Sandra war kein solcher Fall in ihrem Bundesland unterkommen, seit sie beim LKA arbeitete.

»Das haben wir noch nicht überprüft. Wir müssen ja erst seit heute Morgen davon ausgehen, dass wir es mit einem Serientäter zu tun haben. Bisher haben wir uns nur die Straftaten angesehen, die in den letzten fünf Jahren im Bezirk Südoststeiermark, beziehungsweise vor der Fusionierung in den Bezirken Feldbach und Radkersburg vorgefallen sind. Vor allem jene, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden. Von Kindesmisshandlungen, über Wirtshausschlägereien bis hin zu Raub mit Körperverletzung und Vergewaltigung ist alles vertreten. Aber nur ein einziger Mord in Hatzendorf im April 2010, eine Beziehungstat. Ein Landwirt hat seiner Ehefrau den Kopf mit einer Sense beinahe abgetrennt.«

»Richtig. Damals war ich auf Schulung«, erinnerte sich Sandra vage an den Fall, der nach ihrer Rückkehr vom Kriminalpsychologie-Seminar auf der Lassnitzhöhe bereits von den Kollegen aufgeklärt worden war. »Demnach leben hier keine weiteren einschlägig Vorbestraften?«

»Nicht unter den gemeldeten Personen. Dass der Täter ein Tourist ist, halte ich für unwahrscheinlich. Er scheint sich rund um Straden sehr gut auszukennen.«

»Es könnte auch sein, dass es für das straffe Timing zwischen den Taten einen bestimmten Grund gibt. Vielleicht wählt der Täter die Zeitpunkte ganz gezielt aus. Wie Vollmond, Neumond oder so was. Sieh doch mal im Mondkalender nach«, schlug Sandra vor.

Bergmann zückte prompt sein Smartphone. »Heute ist Neumond«, meinte er nach einer Weile.

»Dann war vor 14 Tagen Vollmond …«

»Am 18. Oktober.«

»So lange ist das zweite Opfer auf keinen Fall tot. Es sei denn, die Leiche hätte einige Tage auf Eis gelegen.«

»Und Haselbachers Ermordung hat zwei Tage nach Vollmond stattgefunden. Nein, der Mondzyklus spielt wohl keine Rolle.«

»Mir kommt da gerade eine andere Idee in den Sinn …« Sandra hing ihren Gedanken nach.

»Erzählst du sie mir auch?«

»Ach so, na klar … Gehen wir mal davon aus, dass die Amputation der Hände dieselben Merkmale wie die der Beine aufweist«, redete Sandra weiter. »Was, wenn die Gliedmaßen abgenommen wurden, um sie jemand anders zu transplantieren, der dafür viel Geld bezahlt?«

Bergmann richtete sich in seinem Sitz auf. »Illegaler Handel mit Gliedmaßen, meinst du? Ist zumindest ein neuer Ansatz …«

»Von Beintransplantationen habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Nur von Handtransplantationen. Einem der Opfer des Bombenlegers Franz Fuchs haben sie damals doch erfolgreich die Hände eines Spenders transplantiert. Er fährt damit sogar wieder Motorrad.«

»Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass transplantierte Beine zum Gehen taugen.«

Sandra zuckte mit den Schultern. »War auch nur so ein Gedanke. Andererseits schreitet die Medizin stetig voran. Wir hatten es ja auch schon mal mit einem Herztransplantierten zu tun, der kräftig genug war, um mehrere Frauen zu töten und ihre Leichen fortzuschaffen«, erinnerte sie sich an jenen Fall, den sie vor zwei Jahren in der Weststeiermark gelöst hatten.

»Ich werde Jutta morgen dazu befragen. Stell dir vor, wir haben uns…«

»Bitte nicht, Sascha«, hielt Sandra den Chefinspektor von einem privaten Geständnis ab.

Bergmann grinste breit. »Ganz meine alte Sandra.«

»Weder deine noch alt«, sagte sie und stieg aufs Gas, um den Traktor zu überholen.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
Объем:
263 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783839246429
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