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Claudia Rossbacher

Drehschluss

Thriller

Zum Buch

Promisterben Es gibt Promis, die sie lieben und noch mehr Promis, die sie hassen: Clara Bodenstein, Chefredakteurin des Boulevardmagazins UP in Berlin. Als Gesellschaftsreporterin hat die gebürtige Wienerin schon so manchen Stern am Society-Himmel aufgehen lassen, aber auch für einige gnadenlose Untergänge gesorgt. Gerade wegen ihrer Skrupellosigkeit wird Clara von der Filmdiva Jackie Benz beauftragt, deren Skandalbiografie zu schreiben, was einige Zeitgenossen lieber heute als morgen verhindern möchten. Nach etlichen Morddrohungen und einem nächtlichen Überfall bei Dreharbeiten auf Mallorca verschwindet die Benz auf einmal spurlos. Und sie soll nicht die einzige Prominente bleiben, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist.

Bestseller-Autorin Claudia Rossbacher wagt einen schonungslosen Blick hinter die schillernden Kulissen der Boulevardmedien und die perfekt geschminkten Masken der Stars und Promis, die beinahe zu allem bereit sind, um im Scheinwerferlicht zu glänzen.

Claudia Rossbacher, geboren in Wien, zog es nach ihrem Tourismusmanagementstudium in die Modemetropolen der Welt, wo sie als Model im Scheinwerferlicht stand. Danach war sie Texterin, später Kreativdirektorin in internationalen Werbeagenturen. Seit 2006 arbeitet sie als freie Schriftstellerin in Wien und in der Steiermark und schreibt vorwiegend Kriminalromane und Kurzkrimis. Ihre Steirerkrimis waren allesamt Bestseller in Österreich. »Steirerblut«, »Steirerkind«, »Steirerkreuz« und »Steirerrausch« wurden als Landkrimis für ORF und ARD verfilmt und sorgten in der Primetime für Topquoten. 2014 wurde Claudia Rossbacher mit dem »Buchliebling«, 2019 mit dem »Bacchuspreis« ausgezeichnet. www.claudia-rossbacher.com

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

»Drehschluss« erschien erstmals 2009 beim echomedia buchverlag

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Robert Daly/KOTO/

adobe.stock.com

ISBN 978-3-8392-6848-3

Widmung

Für meinen Vater, den ich sehr vermisse.

Ich danke der wunderbaren Schauspielerin Kathrin Beck für unsere Freundschaft, die seit über 40 Jahren ungebrochen besteht. Und meinem Mann, dem begnadeten Künstler Hannes Rossbacher, für seine bedingungslose Liebe und Unterstützung in den letzten drei Jahrzehnten. Euch zu Ehren beginnt die Geschichte am 8. März, euer beider Geburtstag.

Liebe Leserinnen und Leser!

Der vorliegende Thriller ist erstmals 2009 erschienen. Heute ist die überarbeitete Neuauflage fast schon ein historischer Roman. So viel hat sich seither verändert.

2007 kam das erste iPhone auf den Markt. Soziale Medien wie Facebook und Twitter, Selfies, YouTube und Streaming-Dienste steckten in den Kinderschuhen. Es gab kein Instagram und keine Influencer, wie wir sie heute kennen. IT-Girls wie Paris Hilton, Kim Kar­dashian & Co wurden über Reality-TV und Boulevardmedien weltberühmt.

Die Geschäftswelt war in fast allen Bereichen von Männern und Sexismus geprägt. Von #MeToo war die Welt noch weiter entfernt als von Hashtags an sich.

Das Rauchen in der Öffentlichkeit, auch in Gaststätten, war in Deutschland zum Teil noch erlaubt. In Österreich sowieso, wo ein generelles Rauchverbot in Gastronomiebetrieben erst seit 2019 besteht.

Corona war damals nur ein Bier, kein Virus, das Millionen Menschen dahinraffte.

Beim Überarbeiten meines Thrillers war ich kurz versucht, die Geschichte in die Gegenwart zu transferieren, fand es schlussendlich aber spannender, jene Zeit zu beleuchten, in der die Weichen gestellt wurden: für Selbstdarsteller, Cyber-Mobbing und -Stalking, Fake News, Politische Korrektheit, Klimastreiks, Corona und vieles andere, mit dem wir heute mehr oder weniger selbstverständlich leben.

Ob früher alles besser war? Oder auch schlechter? Urteilen Sie selbst.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung.

Ihre

Claudia Rossbacher

Wien, im Sommer 2021

Prolog

Ich sehe dich an.

Du bist schön.

Strahlend schön

wie die Sonne,

um die sich alles dreht.

Gleißend hell stehst du da,

gleich einer Göttin.

Unnahbar, unerreichbar

am Firmament deines Ruhms.

Bist du nicht einsam?

So allein dort oben?

Ohne die Nähe,

nach der du dich sehnst?

Ohne die Liebe,

nach der du dich verzehrst?

1

Donnerstag, 8. März 2007

Für Clara Bodenstein war es ein ganz normaler Donnerstagmorgen. Wie jeder Donnerstag, an dem sich die Chefredakteurin des Boulevardmagazins UP – Unter Promis – nicht auf Geschäftsreise befand. Oder sich einen ihrer seltenen Urlaubstage gönnte.

Pünktlich um 6.30 Uhr stöckelte sie den gläsernen Korridor entlang, vorbei an den noch verwaisten Schreibtischen ihrer Mitarbeiter, die in spätestens zweieinhalb Stunden in der Redaktion eintreffen würden, um ihren nervenaufreibenden Arbeitsalltag wieder aufzunehmen. Das hektische Treiben in dem Großraumbüro in der 21. Etage würde wie immer bis zum späten Abend anhalten. Vielleicht sogar bis tief in die Nacht hinein.

Am Ende des Ganges verschwand Clara Bodenstein in ihrem steril anmutenden Büro, dem jegliche private Note fehlte. Es gab hier keine Fotos, keine Pflanzen, keine persönlichen Gegenstände. Nichts, was irgendetwas über ihre Person verraten hätte. Außer, dass sie sich auf ihren Job konzentrierte.

Kurz vor der Jahrtausendwende war die Journalistin aus Wien dem Ruf der Medienmetropole Berlin gefolgt, in der sie sich seither mit viel Talent und noch mehr Einsatz Schritt für Schritt nach oben kämpfte. Inzwischen war sie fast am Ziel ihrer ehrgeizigen Träume angelangt. Spätestens mit 40, also in knapp zwei Jahren, würde sie auch noch den letzten Sprung schaffen. Bis ganz nach oben in die 22. Etage des Glaspalastes. Jene Etage, die den Vorstandsmitgliedern des Alex-Reiter-Verlages vorbehalten war. Wenn sie weiterhin ihre Kräfte in die Arbeit investierte und im richtigen Moment ihren unwiderstehlichen Charme einsetzte, würde es mit dem Vorstandsposten schon klappen. Davon war Clara felsenfest überzeugt.

Zu dieser frühen Stunde fiel das milchige Licht der noch zaghaften Frühlingssonne durch die gläserne Fassade ihres Eckbüros, das sie nach ihrer Beförderung zur Chefredakteurin bezogen hatte. Von hier aus genoss sie den atemberaubenden Blick auf Berlin, bis endlich das grüne Lämpchen der Espressomaschine zu blinken aufhörte. Die erste Tasse Kaffee war ihr heilig. Clara liebte es, ihn in aller Ruhe zu genießen. Mit viel Milchschaum. Besonders an den Donnerstagen, wenn nicht nur die UP erschien, sondern auch all die anderen bunten Klatschblätter, die Einblicke ins Leben der Promis und Stars gewährten. Die Konkurrenzbeobachtung war zwar längst an ein Marktforschungsunternehmen ausgelagert, das regelmäßig Berichte ablieferte, doch Clara zog es vor, sich selbst einen unmittelbaren, ungefilterten Überblick über die Society-News der vergangenen Woche zu verschaffen. Lieber vertraute sie der eigenen Urteilsfähigkeit als irgendwelchen Marktforschern. Die Ergebnisse ihrer Analysen archivierte sie fein säuberlich in den schwarzen Ordnern im Jalousieschrank, der bis knapp unter die Decke reichte. Man konnte ja nie wissen, wofür diese Aufzeichnungen eines Tages gut sein würden. Hier oben war die Luft schon recht dünn. Und es war in jedem Fall besser, stets wachsam und gut vorbereitet zu sein. Vor allem auf Angriffe aus den eigenen Reihen.

Clara liebte ihren wöchentlichen Blick über den Tellerrand. Überhaupt, wenn sie wie gerade eben zufrieden feststellte, dass sie einen hervorragenden Job gemacht hatte. Die Reportage über Steffen Wolke würden die Leserinnen verschlingen. Vor allem wegen der Fotostrecke, die den Soap-Star aus »Hier und jetzt« sexy wie nie zuvor zeigte. Die Titelstory der aktuellen UP-Ausgabe war ohnehin nicht zu toppen. Ihre Mitbewerber mussten früher aufstehen, wollten sie ihr das Wasser reichen. Clara war ihnen wie so oft um die berühmte Nasenlänge voraus.

Gestern Nachmittag hatte Saskia Hansen, die junge Society-Reporterin, die Clara vor wenigen Monaten vom größten Konkurrenten aus Hamburg abgeworben hatte, gerade noch rechtzeitig grünes Licht von der Rechtsabteilung eingeholt. Und heute Morgen prangte die Headline groß und fett, vor allem aber exklusiv, am druckfrischen UP-Titel.

Unfassbarer Verdacht gegen TV-Star:

Hat Henning Bach Sandra S. (21) vergewaltigt?

Clara nahm einen Schluck von ihrem Caffè Latte und leckte sich genüsslich den Milchschaum von der Lippe. Wieder einmal hatten sich die exzellenten Kontakte, die sie im Laufe der Jahre aufgebaut hatte, und die sie sorgsam hegte und pflegte, als ihr wertvollstes Kapital erwiesen. Ein kleiner inoffizieller Hinweis von offizieller Polizeistelle hatte ihr zum Exklusiv-Interview mit der bisher völlig unbekannten Sandra S. verholfen, die den beliebten TV-Star vor zwei Tagen angezeigt hatte und behauptete, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Im Laufe eines tränenreichen Interviews hatte die junge Frau kein noch so schmutziges Detail ausgelassen. Clara hatte der Wasserstoffblondine zu bedenken gegeben, dass die Story gehörig Staub aufwirbeln und ziemlich sicher das Ende einer vielversprechenden Schauspielerkarriere bedeuten würde. Doch Sandra S. war standhaft bei ihrer Geschichte geblieben.

Fairerweise hatte die Chefredakteurin dem Beschuldigten eine Chance eingeräumt, zu den schweren Vorwürfen gegen seine Person Stellung zu beziehen. Doch Henning Bach hatte Clara, die seit seinen Anfängen als austauschbarer Nebendarsteller wohlwollend über ihn berichtet hatte, reichlich brüsk an sein Management verwiesen, das jeden Kommentar verweigerte. Mit diesem folgenschweren Fehler musste er nun leben. Clara konnte und wollte ihm nicht mehr helfen. Warum auch? Es gab keinen Grund Sandra S.’ Erzählungen anzuzweifeln. Sie war ein unbeschriebenes Blatt, eine junge hübsche Frau, deren Idol sie angeblich schamlos missbraucht hatte. Saskia hatte ihre Vergangenheit lückenlos überprüft. Und Henning Bach war geliefert. Als mutmaßlicher Vergewaltiger konnte er sich von seinem süßen Starleben erst einmal verabschieden. Höchstwahrscheinlich sogar für alle Zeiten.

In ungefähr einer Stunde würden die Telefone in der Redaktion heißlaufen, wusste Clara. Wenig später würde ihr Jan Decker, der Geschäftsführer des UP-Magazins und Vorstandsmitglied des Reiter-Verlages, zur brisanten Exklusiv-Story gratulieren. Die Auflage würde sich verkaufen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Und Decker sie dafür lieben. Noch mehr, als er es ohnehin schon tat. Das war der anstrengendste Teil an ihrem Job.

Ständig musste sie sich ihren Boss vom Hals halten, ohne ihn zu vergrämen. Seit er sich für ihre Beförderung zur Chefredakteurin höchstpersönlich starkgemacht hatte, wie er nicht müde wurde zu betonen, war er hinter ihr her. Dabei hatte seine Frau Betty damals erst entzückende Zwillingstöchter zur Welt gebracht. Clara war selbst kein Kind von Traurigkeit und wahrscheinlich eine der wenigen Frauen, die davon überzeugt waren, dass Sex nicht zwangsläufig mit Liebe einhergehen musste. Oftmals war sogar das Gegenteil der Fall. Sie konnte sich an einige ziemlich heiße Nummern mit Männern erinnern, die ihr weder vorher noch nachher etwas bedeutet hatten. Ob sie gebunden waren oder nicht, war ihr dabei stets herzlich egal gewesen. Das mussten die Typen schon mit ihrem Gewissen ausmachen. Doch Jan Decker war für sie tabu. Nicht wegen Betty oder den Zwillingen, sondern weil Clara einem ihrer wichtigsten professionellen Prinzipien folgte: »Never fuck the office.« Sie hatte es bisher nicht nötig gehabt, sich nach oben zu schlafen. Und sie hatte nicht vor, diesen Grundsatz jemals zu brechen. Auch nicht für Decker, der trotz seiner Mitte 50 durchaus eine Sünde wert war. Was Clara betraf, so würde sie erst mit ihm schlafen, wenn er woanders sein Geld verdiente. Doch dann saß sie bereits auf seinem Vorstandssessel. Und das Interesse an ihr war damit vermutlich jäh erloschen.

Clara blickte in den Spiegel ihrer Puderdose, legte ein wenig Lipgloss auf ihre markant geschwungenen Lippen auf. Bis Jan Decker sein Büro in der 22. Etage für sie räumte, wollte sie ihn wenigstens mit ein paar zusätzlichen Marktanteilen beglücken, dachte sie schmunzelnd und steckte ihr Schminkzeug in die Handtasche zurück.

2

Für Mona Ettinghaus war dieser Donnerstagmorgen alles andere als ein ganz normaler, war er doch der letzte in ihrem Leben, das gerade einmal 43 Jahre lang gedauert hatte. Seit elf Tagen galt die Geschäftsführerin des Ettinghaus-Verlages nunmehr als vermisst. Daran hatten weder die beinahe Rund-um-die-Uhr-Ermittlungen des LKA Berlin noch die guten Beziehungen der einflussreichen Unternehmerfamilie Ettinghaus etwas ändern können.

Anfangs war der schwerreiche Verlegerclan – genau wie Kriminalhauptkommissar Frank Schütte – davon ausgegangen, dass das prominente Familienmitglied Opfer einer Entführung geworden war. Monas schwarzer Nobel-Geländewagen war auf einem Restaurant-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Lehnitzsees, etwa zehn Kilometer nördlich von Berlin, aufgefunden worden. Ihre Krokotasche, das Handy und ein paar Akten hatten im versperrten Wagen gelegen. Eine Lösegeldforderung war bisher nicht eingegangen. Von der Verlegerin, die ihre Firma an einem Montagabend wie gewöhnlich gegen 19 Uhr verlassen hatte, fehlte jede Spur.

Mittlerweile hatten auch die Medien Wind vom Verschwinden der Mona Ettinghaus bekommen und übertrafen sich gegenseitig mit den wildesten Spekulationen über ihr mögliches Schicksal. Doch nichts, was die Presse bisher erfunden hatte, reichte auch nur annähernd an die so viel grausamere Realität heran.

Monas nackter, blutleerer Körper und der kahl geschorene Schädel ließen ihren Leichnam wie eine Schaufensterpuppe aussehen, die mit gespreizten Armen und Beinen an ein Andreaskreuz an der Wand gefesselt war. Der blasse Kopf hing leblos vornüber, die tiefe Schnittwunde in der Kehle verbergend, aus der inzwischen alles Blut gewichen war. Von den Körpersäften, die auf dem Fliesenboden des Kellers eine übel riechende Lache gebildet hatten, und den Blutspritzern auf den weißen Wandfliesen war nichts mehr zu sehen, so sauber waren sie mit dem Wasserschlauch abgespritzt worden.

Genauso sauber, wie Monas penibel enthaarter Leichnam, den nie wieder jemand zu Gesicht bekommen sollte. Außer ihr geisteskranker Mörder, der sein perverses Ritual noch nicht zu Ende geführt hatte.

3

»Jetzt beruhige dich bitte, Jackie! Ich bin dein Agent und will wie immer nur dein Bestes.« Mark Konrad stand vor dem hohen französischen Fenster in seinem Schöneberger Loft und starrte in den trostlosen, vom langen Winter gezeichneten Innenhof, während er beschwichtigend ins Telefon sprach. Wieder einmal versuchte er, das beste und nervöseste Pferd in seinem Stall zu beruhigen. Doch Jackie Benz hatte sich fix in den Kopf gesetzt, ihre Biografie schreiben zu lassen. Und nichts und niemand konnte sie davon abbringen. Nicht einmal der geduldige, souveräne Mark, der seit mehr als drei Jahren der Agent der wohl bekanntesten deutschsprachigen Schauspielerin war. So lange wie er hatte es noch keiner mit der launischen Diva ausgehalten. Es war zum Verzweifeln. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund bildete sich die Primadonna des deutschen Spielfilms ein, dass es just an ihrem 45. Geburtstag, der in fünf Monaten anstand, mit ihrer Karriere vorbei sein würde. Die zahlreichen Rollenangebote, die sie in den letzten 22 Jahren mehr oder weniger auf dem Silbertablett serviert bekommen hatte, würden schlagartig ausbleiben. Davon war sie felsenfest überzeugt.

Was auch immer Mark Konrad an Argumenten vorbrachte, die Benz rückte keinen Millimeter von ihrem Vorhaben ab. Sie wollte dem angeblich bevorstehenden Karrieretief unbedingt mit ein paar skandalträchtigen Enthüllungen entgegenwirken.

»Jackie, bitte! Das hast du doch gar nicht nötig«, flehte Mark, der bereits eine gute halbe Stunde mit Engelszungen auf sie einredete.

»Was ich nötig habe und was nicht, bestimme ich immer noch selbst. Schließlich geht es hier um meine Karriere, von der auch du ganz gut lebst«, erwiderte Jackie scharf.

»Wie du meinst. Aber vergiss bitte nicht, dass ich dich davor gewarnt habe. Du machst dir jede Menge Feinde mit diesem Buch.«

»Na und? Das halte ich aus. Ich weiß schon, mit wem ich mich anlegen kann und mit wem nicht. Schließlich bin ich lange genug in diesem verdammten Business. Und ich gedenke es auch weiterhin zu bleiben. Bis zum letzten Atemzug, wenn du es genau wissen möchtest. Also, sieh zu, dass du Clara Bodenstein überzeugst. Ich will, dass sie meine Biografie schreibt«, forderte sie lautstark.

Mark seufzte. »Okay«, gab er sich geschlagen. »Ich versuche es.«

»Das reicht mir aber nicht. Ich will sie. Und nur sie. Hast du mich verstanden?«

»Ach, Jackie«, sagte Mark. »Wenn du schon in ein Wespennest stichst, dann aber gleich mitten hinein. Deine Promi-Geschichten und Clara Bodensteins gnadenlose Schreibe … Ich hoffe nur, dass ich in diesem Teufelswerk nicht erwähnt werde.«

»Teufelinnenwerk, mein Lieber, Teufelinnen. Mal sehen. Wenn du artig bist und mir die Bodenstein als Autorin verschaffst, könnte ich eventuell auf eine Erwähnung deiner ohnehin etwas farblosen Person verzichten.«

»Danke.« Mark schluckte.

»Ich meine es ernst.«

»Das war mir klar. Ich kenne dich schon länger.«

»Sobald die Bodenstein unterschrieben hat, soll die neue PR-Tante die Öffentlichkeit informieren, dass ich mit der Chefredakteurin der UP an meiner Biografie arbeite. Also hopp, hopp, mein Lieber! An die Arbeit! Und halte mich gefälligst auf dem Laufenden.«

»Du ziehst das also wirklich durch?«

»Volles Programm, Mark. Und ich werde es genießen, mit anzusehen, wie gewisse Leute zittern. Aus Angst vor der Wahrheit.« Die Vorstellung schien Jackie prächtig zu amüsieren.

Mark hingegen jagte ihr boshaftes, kehliges Lachen unbehagliche Schauer über den Rücken. Vielleicht war es an der Zeit, Jackie loszuwerden, überlegte er, nachdem das Telefongespräch beendet war. Mittlerweile vertrat er mit seiner Agentur etliche bekannte Namen, die alle gutes Geld im Film- und Fernsehgeschäft verdienten. Darunter auch ein paar vielversprechende Nachwuchstalente, die ihm besonders am Herzen lagen. Schließlich waren es die Stars von morgen, die mit ihren künftigen Gagen dafür sorgen würden, dass er von seinem Zehn-Prozent-Anteil auch später ein angenehmes Leben führen konnte. Ob er es riskieren konnte, sein bisheriges Zugpferd Jackie Benz zu verlieren? Oder war es dafür zu früh?

Wieder einmal beschloss Mark, diese schwierige Entscheidung zu vertagen. Stattdessen drückte er die Taste auf der Telefonanlage, die ihn mit seiner Sekretärin im Vorzimmer verband. Wenngleich sie mittlerweile an die 50 sein musste, war Fanny immer noch sein Mädchen für alles. »Bring mir doch bitte einen doppelten Espresso«, sagte er und ließ sich erschöpft auf seinen Lederstuhl fallen.

»Kommt sofort«, antwortete die vertraute Stimme aus dem Vorzimmer, die wie meistens resolut und fürsorglich zugleich klang.

Mark griff erneut zum Telefon, diesmal, um Katrin Schäfer anzurufen. Er kannte die kluge, unscheinbare Katrin von früher, als sie mit seinem ehemaligen Kommilitonen und Mitbewohner liiert gewesen war. Seit ein paar Jahren war sie Cheflektorin im Ettinghaus-Verlag. Jenem Verlag, der die meisten Prominenten-Biografien in Deutschland veröffentlichte. Und deren Geschäftsführerin seit Tagen vermisst wurde.

Vielleicht war Mona Ettinghaus einfach nur untergetaucht? Mit einem neuen Lover. So etwas kam schließlich auch in besseren Kreisen vor. Oder war sie doch entführt worden? Aber warum gab es dann keine Lösegeldforderung? Vielleicht war bei der Entführung irgendetwas schiefgelaufen, sinnierte Mark, während er in der Warteschleife des Verlages hing. Er würde Fanny bitten, ihn mit Katrin zu verbinden, wenn sie ihm den Kaffee brachte. Er wollte schon auflegen, als eine Frauenstimme seine Gedanken unterbrach.

»Sie möchten Frau Schäfer sprechen?«

Mark bejahte.

»Einen kurzen Moment noch, bitte.«

Niemand würde Clara Bodenstein ein Projekt besser verkaufen können als Katrin, die als ihre Busenfreundin galt, kehrte er gedanklich zum Grund für seinen Anruf zurück. Freilich hätte er die attraktive, aber arrogante Chefredakteurin des UP-Magazins selbst kontaktieren können. Er kannte sie ja von diversen Medienevents und Filmpreisverleihungen. Doch Clara Bodenstein löste jedes Mal eine Unsicherheit in ihm aus, wie er sie zuletzt als Halbstarker empfunden hatte.

Wann immer sie sich begegneten, schien sie ihn nicht einmal wahrzunehmen. Als wäre er Luft für sie. Der Umweg über Katrin Schäfer war eindeutig die bessere Strategie, um die Klatschtante der Nation für Jackies Skandalbiografie zu gewinnen, glaubte Mark. Und damit sollte er wie so oft auf das richtige Pferd setzen.

4

Katrin saß im Berliner Promilokal Darius und blätterte in der UP. Das konnte doch nicht wahr sein! Henning Bach ein Vergewaltiger? Oder besser, ein mutmaßlicher Vergewaltiger. »Mutmaßlich«, murmelte sie geringschätzig vor sich hin. Dieses unscheinbare Wort vor der eigentlichen Anschuldigung mochte rechtlich gesehen zwar den großen Unterschied machen, die Leser dieses Klatschblatts würden davon jedoch kaum Notiz nehmen. Unterm Strich wurde lediglich wahrgenommen, dass Bach ein Gewaltverbrechen begangen hatte. Und die Tat würde den bisherigen Publikumsliebling für den Rest seines Lebens verfolgen. Ob er sie nun begangen hatte oder nicht, dachte sie wütend. Ihre beste Freundin hatte wieder einmal zugeschlagen. Und Bach lag womöglich für immer am Boden. Sollte er diese Sandra S. tatsächlich vergewaltigt haben, ging sein K. o. zwar okay, doch Katrin war der Meinung, dass der Mann zuerst einmal gerichtlich verurteilt werden sollte, bevor ihn die Medien fertigmachten. »Im Zweifelsfall für den Angeklagten«, hatte vielleicht früher einmal gegolten, bevor journalistische Arbeit ausschließlich an verkauften Auflagen respektive Quoten gemessen wurde. Es war zum Kotzen. Claras Artikel war zum Kotzen. Und ihr selbst war auch zum Kotzen zumute.

Angewidert steckte Katrin das bunte Klatschblatt in ihren cognacbraunen, auf antik getrimmten Lederbeutel, den sie bei der letzten Shoppingtour mit Clara erstanden hatte. Eigentlich war sie gar nicht der Typ für derlei modische Eskapaden, aber Clara hatte sie zum Kauf des Must-haves dieser Saison überredet. Das trendige Teil war dementsprechend kostspielig gewesen. Viel zu teuer für ihren Geschmack. Katrin hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, wenn sie an die hohe dreistellige Summe dachte, die von ihrem Konto für eine einzige dämliche Handtasche abgebucht worden war. Der braune Beutel, der im Laden gegenüber für 69,90 Euro angeboten wurde, hätte es von ihr aus auch getan. Doch Clara war der Meinung, dass sie sich ruhig etwas Luxus gönnen sollte. Schließlich konnte sie sich ein solches Designerteil durchaus ab und zu leisten. Damit hatte die Freundin nicht unrecht.

Katrin beobachtete, wie Clara am Eingang den Regenschirm zuklappte und aus ihrem grellbunten Pucci-Regenmantel schlüpfte. Nachdem sie beides an der Garderobe abgegeben und den Raum auf bekannte Gesichter gescannt hatte, näherte sie sich lächelnd ihrem Tisch. Unterwegs nickte sie einer Männerrunde zu. Am Nebentisch hielt sie kurz an, um mit der Frau im dunkelroten Businesskostüm und deren Begleiter ein paar Worte zu wechseln. Katrin kannte keines der beiden Gesichter. Aber anscheinend waren sie wichtig. Sonst hätte Clara sie nicht begrüßt.

»Katinka! Wie schaust du denn drein? Hat dir das Wetter auf die Psyche geschlagen?« Die Freundin nahm ihr gegenüber am schlicht gedeckten Zweiertisch aus massivem Nussholz Platz. Den hatte Katrin nur deshalb so kurzfristig ergattert, weil sie ihn für Clara Bodenstein hatte reservieren lassen. Für die Chefredakteurin der UP fand sich immer und überall ein Plätzchen. Selbst im Darius, dem angesagtesten Restaurant der Stadt, das seit seiner Eröffnung vor einem Dreivierteljahr nahezu lückenlos ausgebucht war.

Clara nannte die schicke Location ihr zweites Büro. Schließlich gaben sich hier die Promis die Klinke in die Hand, von denen die Society-Reporterin gut lebte, und die umgekehrt von ihr lebten. Jedenfalls solange sie bei ihr nicht in Ungnade fielen, wie zuletzt Henning Bach.

Auch der Besitzer des Restaurants, Darius Schneyder, der sich zuvor als Caterer beim Film einen Namen gemacht hatte, wusste, dass Leute wie Clara Bodenstein über Erfolg oder Niederlage entschieden. Für sie konnte er jederzeit einen Tisch freimachen.

»Mir geht’s prima, danke«, antwortete Katrin beiläufig.

»Ich glaube dir kein Wort.« Clara heftete ihren Blick auf die breite schwarze Wandtafel hinter der Bar. Die schwungvolle Kreideschrift pries Darius’ wohlklingende Tagesspezialitäten an.

»Alles ist bestens«, versicherte Katrin wenig überzeugend.

»Na, komm schon. Was ist los mit dir? Weshalb wolltest du mich so dringend unter vier Augen sprechen?«

Ihrer besten Freundin konnte Katrin nichts vormachen. »Na schön. Ich bin vielleicht ein wenig überarbeitet. Und außerdem schlecht gelaunt«, gestand sie Clara. Ob sie ihr an den Kopf werfen sollte, dass ihr moralisch bedenklicher Artikel über Henning Bach der eigentliche Grund für ihre miese Laune war? Nein. Es war nicht der geeignete Zeitpunkt, eine Grundsatzdiskussion anzuzetteln. Die konnte getrost ein andermal stattfinden, beschloss Katrin.

Die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers galt ohnehin längst dem prominenten, viel zu schönen Mann am anderen Ende des Speisesaals, der freundlich herüberwinkte. Clara nickte lächelnd zurück. Das blutjunge tschechische Topmodel an seiner Seite schickte ihr makelloses 10.000-Euro-pro-Tag-Strahlen hinterher.

»Sieh mal an. Ben Schlesinger mit der Kouskova. Unser Filmbeau hat gerade die Hauptrolle in einem mega Filmprojekt neben der Benz ergattert. Sie drehen ab Mai auf Mallorca. Der Reimann wird Regie führen.« Clara war wie immer gut informiert.

»Sie drehen Straße ohne Schatten. Ich weiß«, erwiderte Katrin, gelassen an einem Stück Oliven-Ciabatta kauend.

»Ach! Straße ohne Schatten? Woher weißt du das, bitte schön?« Clara sah der Freundin zum ersten Mal an diesem Tag länger als drei Sekunden in die Augen.

»Erkläre ich dir gleich. Lass uns zuerst bestellen. Ich bin ein wenig in Eile.« Katrin winkte den Kellner herbei.

»Jetzt red schon! Woher weißt du von diesem Film?« Clara rutschte auf ihrem Sessel nach vorn.

Der Kellner unterbrach ihr Gespräch, um die Bestellung aufzunehmen. Erst nachdem er verschwunden war, rückte Katrin endlich mit ihrem Anliegen heraus. »Ich habe dir ein interessantes Angebot zu unterbreiten.«

»Ach ja? Und welches?« Wenn die Neugierde einen Namen hatte, dann hieß sie Clara Bodenstein.

Katrin rutschte ebenfalls auf ihrem Stuhl nach vorn, damit Clara sie im akustischen Tohuwabohu des voll besetzten Speisesaals auch mit leiser Stimme hören konnte, ohne dass der Nachbartisch alles mitbekam. Immerhin war diese Angelegenheit topsecret. »Jackie Benz möchte ihre Biografie veröffentlichen. Und sie möchte, dass du sie schreibst«, verkündete Katrin ohne Umschweife.

Clara sah sie verblüfft an, als der Kellner die Getränke vor ihnen abgestellt hatte.

Gespannt wartete Katrin auf eine Reaktion, während sie selbst an ihrem Apfelsaft nippte. Jackie Benz’ Biografie war zweifellos ein programmierter Bestseller. Erst recht, wenn es gelang, den schillernden Filmstar und die Königin des Boulevards zusammenzuspannen. Was für den Ettinghaus-Verlag ein starker Umsatzbringer war, konnte für Katrin zu einem Meilenstein in ihrer Karriere werden. Dann nämlich würde vielleicht auch Monas schnöseliger Bruder bemerken, welches Potenzial in ihr schlummerte. Seit Monas Verschwinden hatte er das Ruder in der Firma übernommen. Von seiner Schwester gab es noch immer kein Lebenszeichen. Besonders betroffen wirkte er jedoch nicht. Oder er konnte seine Gefühle gut verbergen.

»Du meinst, ich soll für Jackie Benz die Ghostwriterin spielen?« Clara hatte die erste Überraschung verdaut und nippte an ihrem Melonensaft.

»Du wärst selbstverständlich offiziell die Autorin, falls du dieses Angebot annimmst.«

»Wie kommt sie bloß auf mich?« Clara tat, als wäre diese Idee völlig absurd.

»Sie mag eben deinen Stil. Diese unverblümt ironische Schreibe, mit der du die Leute fertigmachst, amüsiert sie.«

»Hat sie das so gesagt?« Clara fühlte sich geschmeichelt. Immerhin kam das Angebot von keiner Geringeren als der Benz. Und sie wollte ausgerechnet mit ihr zusammenarbeiten.

»So hat es ihr Agent formuliert«, erwiderte Katrin.

»Dieser langweilige Typ. Dieser … wie heißt er doch gleich noch mal? Mike, nein. Mark Soundso …«

»Mark Konrad. Der ist doch nicht langweilig. Ich finde ihn sehr nett.«

»Sehr nett … Na ja, wenn dir das reicht«, lästerte Clara.

»Ich will ihn doch nicht heiraten. Ich kenne Mark schon ewig. Er hat damals mit Klaus zusammen in der WG gewohnt. Ich hab dir doch von ihm erzählt?«

»Von Klaus, deinem peinlichen Lover? Ja, das hast du. Wie könnte ich den bloß vergessen?« Clara grinste. »Ich weiß natürlich, wer Mark Konrad ist«, fuhr sie fort. »Er läuft mir öfter bei offiziellen Anlässen über den Weg. Ich kenne ihn allerdings nur flüchtig, wie man Schauspielagenten halt so kennt. Bisher hatte ich immer nur mit Jackies PR-Agentin zu tun. Weniger mit deinem Mark ...«

»Er ist nicht mein Mark«, protestierte Katrin, was Clara mit einem spöttischen Lächeln quittierte. Warum nur stieg sie immer wieder auf die Hänseleien der Freundin ein? Es war stets dasselbe Spiel, ärgerte sich Katrin über sich selbst.

»Schon gut. Komm wieder runter, Katinka.«

Katrin lächelte säuerlich, ehe sie in geschäftlichem Tonfall fortfuhr. »Jackie Benz möchte dich zu den Dreharbeiten nach Mallorca einladen. Sie meint, ihr könntet dort die Drehpausen mit den Interviews für ihre Biografie überbrücken.«

»Ich bin doch kein Pausenclown«, entgegnete Clara forsch.

»So war es bestimmt nicht gemeint. Überleg doch mal: Du wärst live vor Ort bei den Dreharbeiten zu Straße ohne Schatten. Hautnah an der Seite des größten deutschen Filmstars. Noch dazu auf Mallorca. Schönes Wetter, leckeres Essen, jede Menge Promis und du mittendrin. Das ist doch genau dein Ding.«

»Hm. Ja, vielleicht«, meinte Clara, als der Kellner die bestellten Speisen brachte.

»Mark hat angedeutet, dass Jackie ein paar Leuten gehörig an den Karren fahren wird. Anscheinend plant sie, einige brisante Details über prominente Zeitgenossen zu enthüllen.« Katrin lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück. Diesen Köder würde die Freundin schlucken, war sie überzeugt. Auf Claras Neugierde war Verlass.

»Jackie plant also eine Skandalbiografie. Das klingt tatsächlich spannend.« Clara ließ das Messer durch das dunkelrote Fleisch auf ihrem Teller gleiten und kostete den ersten Bissen. »Ausgezeichnet«, lobte sie das Carpaccio, genüsslich kauend.

»Das wird ganz bestimmt spannend. Eine solche Chance kannst du dir doch nicht entgehen lassen«, meinte Katrin aufgeregt. Ihre schlechte Laune von vorhin war verflogen.

»Gib mir ein paar Tage Zeit, um darüber nachzudenken. Außerdem muss ich erst mit Jan abklären, ob sich dieses Projekt mit meiner Position im Verlag vereinbaren lässt. Ich müsste mir dann wohl ein paar Wochen Urlaub nehmen«, überlegte Clara laut.

»Lass dir bitte nicht zu lange Zeit. Jackie scheint es eilig zu haben. Ich muss Mark deine Entscheidung spätestens in einer Woche mitteilen. Oder eine andere Autorin vorschlagen.«

Clara zog eine Augenbraue hoch. Sie hasste Ultimaten. Zumindest, wenn sie ihr gestellt wurden.

Das wusste Katrin ganz genau. »Jackie bietet dir 50 Prozent ihrer Tantiemen an. Das ist mehr als fair von ihr. Du könntest dir mit diesem Buch ein hübsches Sümmchen verdienen«, beeilte sie sich fortzufahren. »Dein Anteil am Vorschuss beträgt 20.000 Euro.«

Claras Augenbraue wanderte erneut kurz nach oben. »Ich sagte doch: Gib mir das Wochenende Zeit. Sollte ich mich dafür entscheiden, rede ich am Montag mit Decker. Und rufe dich danach gleich an.«

Katrin warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und schob ihren leeren Teller beiseite. Vorerst konnte sie nichts mehr tun. »Darf ich dir das Geld für mein Essen dalassen? Ich muss dringend ins Büro zurück.«

»Ich übernehme das schon. Geh nur.«

»Sicher?«

»Ja, klar. Geh ruhig.«

»Danke. Bis bald, Clara. Wie wär’s am Sonntag mit Kino?«

»Daraus wird leider nichts. Ich muss am Wochenende arbeiten.«

»Schade. Aber du denkst über mein Angebot nach, ja?«

»Ja-a«, betonte Clara genervt.

»Prima.« Katrin küsste die Freundin auf die Wangen und eilte zur Garderobe, um wenig später in ihrem alten beigen Wohlfühltrenchcoat aus dem Lokal zu hasten.

Clara bestellte einen Espresso und verlangte nach der Rechnung. Die Quittung steckte sie in ihre schwarze Kelly Bag, für die es jahrelange Wartelisten gab. Das sündhaft teure Stück verdankte sie einer einflussreichen New Yorker Galeristin, für deren Filialeröffnung in Berlin sie einige Promis zusammengetrommelt hatte, um anschließend in der UP über das Event zu berichten. Clara hatte jedoch darauf bestanden, die Handtasche selbst zu bezahlen, damit man ihr ja keine Bestechung vorwerfen konnte und sie nicht erpressbar war.

»Danke schön, Frau Bodenstein. Ich hoffe, es war alles zu Ihrer Zufriedenheit«, meinte die Empfangschefin, die Clara in den Mantel half.

»Es war wie immer großartig. Meine Empfehlung an den Chef.«

Das Carpaccio vom Wagyu-Rind mit jungen Löwenzahnblättern und würzigen Grana-Raspeln an extra jungfräulichem toskanischem Olivenöl hatte, wie fast alles, was aus Darius Schneyders Küche stammte, sterneverdächtig geschmeckt. Clara beschloss, ihn dafür in einer der nächsten UP-Ausgaben lobend zu erwähnen. Der begnadete Koch, der wie sie aus Wien stammte, hatte es redlich verdient.

5

Montag, 4. Juni 2007

Clara saß in der Morgenmaschine der Air-Berlin nach Palma de Mallorca, die den Flughafen Tegel mit über einer Stunde Verspätung verlassen hatte, und nippte an ihrem Tomatensaft. Warum sie ausgerechnet im Flugzeug immer wieder die Lust auf diesen Gemüsedrink überkam, wie so viele andere Passagiere auch, hatte sie erst neulich wo gelesen. Der niedrige Luftdruck in Flughöhe beeinflusste das Geschmacksempfinden. Salz und Zucker wurden weniger stark wahrgenommen. Das fruchtige Aroma von Tomaten blieb hingegen stabiler und schmeckte intensiver. Clara stellte den halb vollen Plastikbecher auf ihrem Klapptischchen ab.

Jan Decker hatte nur kurz gezögert, als sie ihm vor drei Monaten von Jackies verlockendem Angebot erzählt hatte. Schließlich hatte er ihr sogar zugeredet, diese einmalige Chance wahrzunehmen. Sie waren übereingekommen, dass Clara sich für zwei der insgesamt vier Wochen ihres Aufenthalts auf Mallorca Urlaub nehmen würde. Die restlichen Arbeitstage zählten als geschäftlicher Auslandseinsatz. Dafür musste Clara der UP Exklusivberichte von den Dreharbeiten liefern.

Die Tatsache, dass die nicht gerade als zimperlich verschriene Chefredakteurin des meistgelesenen Klatschmagazins Jackie Benz’ Biografie schreiben würde, war in den letzten Wochen in den konzerneigenen Medien ausgeschlachtet worden, was die Auflagen erfreulicherweise in die Höhe getrieben hatte. Clara hatte der Öffentlichkeit einen gewagten Blick hinter die Kulissen der Filmbranche angekündigt, gespickt mit persönlichen, amüsanten bis skandalträchtigen Anekdoten der Diva. Und sie plante ihr Versprechen zu halten, auch wenn sie damit den einen oder anderen Prominenten ans Messer liefern würde. Die sensationshungrige Klatsch- und Tratschgemeinde wartete schon begierig darauf, was oder besser wen sie da demnächst verschlingen würde.

Die einzigen Bedenken hatte Clara wegen Jackies berüchtigter Launen. Sie konnte mit Allüren nicht besonders gut umgehen, schon gar nicht, wenn sie diesen über einen längeren Zeitraum hinweg ausgesetzt war. Bisher war die Schauspielerin ihr gegenüber stets freundlich, für einen Star ihres Kalibers beinahe pflegeleicht gewesen. Doch wer wusste schon, wie das bei enger Zusammenarbeit aussehen würde? Hoffentlich packte die Diva nicht ihre gefürchteten Zicken aus. Andererseits war Clara die Chefredakteurin der UP und die Benz lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass sie auch in Zukunft auf ihr Wohlwollen angewiesen war. Ohne Medien mochte sie eine gute Schauspielerin sein, doch gewiss keine Celebrity, der ein Millionenpublikum zu Füßen lag. Schlussendlich bestimmte die Öffentlichkeit ihren Marktwert, und Jackie war clever genug, um sich mit der Journaille zu arrangieren. Auch mit der unbestechlichen Clara Bodenstein.

Kurz bevor der Airbus A320 auf der Landepiste aufsetzte, erhaschte Clara von ihrem Gangplatz aus einen Blick aus dem Fenster. Erfreut stellte sie fest, dass die Sonne auch unterhalb der Wolkengrenze vom mallorquinischen Himmel schien. Nach ziemlich ruppiger Landung bremste der Pilot die Maschine herunter. Einige Passagiere klatschten Beifall, was Clara ein genervtes Augenrollen entlockte, das alsbald in ein zauberhaftes Clara-Bodenstein-Lächeln überging. Jetzt, da sie in Palma gelandet war, freute sie sich so richtig auf die neue Herausforderung. Clara liebte ihren Job bei der UP und hatte im Verlag noch einiges vor, aber ein Buch zu schreiben war die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Ihre Autorenkarriere hatte sie zwar erst für einen späteren Zeitpunkt geplant, aber wenn es sich jetzt schon ergab, umso besser. Sie brannte darauf, Jackie Benz’ Biografie zu schreiben. Und Mallorca war allemal eine willkommene Abwechslung. Überhaupt, wo es in diesem Jahr in Berlin einfach nicht warm werden wollte.

Jackies Fahrer erwartete Clara am Flughafen, um sie zum geheimen Filmset zu bringen, wo in den nächsten Wochen der 90-Minüter Straße ohne Schatten gedreht werden sollte. Drei Wochen lang hatte die Crew bereits in der Inselhauptstadt Palma de Mallorca gearbeitet. Ab sofort diente eine Finca als Location, die irgendwo im Hinterland in der Nähe von Pollença vor den südlichen Ausläufern der Serra de Tramuntana lag. Mehr wusste Clara nicht.

Conny Krämer, die übervorsichtige Produktionsleiterin der Filmproduktion hatte befürchtet, dass sie den Drehort in der UP verraten und damit schaulustige Touristen anlocken könnte, was Clara reichlich paranoid fand. Immerhin hatte sie sich vertraglich verpflichtet, ihre Exklusivberichte von den Dreharbeiten erst nach Drehschluss zu veröffentlichen, zudem ausschließlich die Bilder des Set-Fotografen zu verwenden. Schon ein merkwürdiges Völkchen, diese Filmleute, dachte Clara, ohne zu wissen, wie recht sie damit hatte.

Während sie im Fond der Mercedes-Limousine Platz nahm, hievte der untersetzte Fahrer namens Pedro ihren riesigen knallroten Koffer unter wildem, katalanischem Fluchen in den Kofferraum. Wieder einmal hatte Clara viel zu viel eingepackt. Wer wusste schon, was man um diese Jahreszeit bei einem Filmdreh im gebirgigen Norden Mallorcas benötigte? Vier Paar High Heels waren vermutlich ein wenig übertrieben, aber es konnte ja keinesfalls schaden, auch outfitmäßig auf alles vorbereitet zu sein.

Im Wagen zückte Pedro ein blassblaues Baumwolltaschentuch. Schnaufend wischte er sich damit den Schweiß von der Stirn und aus dem wulstigen Nacken und startete den Motor.

20 Minuten später jagte er die Limousine über die Autobahn, die sie von der Küste durch die Ebene im Landesinneren immer näher ans Gebirge heranführte. Zu dieser Jahreszeit präsentierte sich die Insel noch recht grün, fand Clara, die Mallorca bislang nur im brütend heißen, trockenen Hochsommer kannte. Eine halbe Stunde später fuhr Pedro von der Autobahn ab. Sie passierten die drittgrößte mallorquinische Stadt Inca, die auf riesigen Schildern für ihre Lederwaren warb. Danach fuhren sie durchs malerische Provinzstädtchen Selva, das am Fuße des majestätischen Tramuntana-Gebirges lag. Nach der nächsten Ortschaft Caimari bog Pedro in die Nebenstraße ein. An deren Ende hielt er vor der Hotel-Finca an. Hier waren der Regisseur Sebastian Reimann, der Kameramann Martin Rosen, die Produktionsleiterin Conny Krämer und die wichtigsten Darsteller einquartiert. Und Clara als Jackie Benz’ persönlicher Gast. Der Rest der rund 50-köpfigen deutsch-spanischen Filmcrew verteilte sich auf mehrere kleinere Unterkünfte in der Umgebung, erklärte ihr Pedro in passablem Deutsch. Die ganze Fahrt über hatte er beleidigt geschwiegen. Jetzt, da sich ein junger Spanier mit Claras schwerem Koffer abmühte, plauderte er munter auf sie ein, während er sie zu ihrem Zimmer im Erdgeschoss begleitete. Um 12 Uhr wollte er sie vor der Finca wiedertreffen, damit er sie zum Mittagessen zum Set fahren konnte.

Clara steckte dem Kofferträger zwei Euro zu, schloss dann die Tür hinter den Männern. Dem Fahrer wollte sie später ein größeres Trinkgeld geben. Irgendwie war ihr der stolze Pedro sympathisch. Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Ihr blieb noch eine knappe Stunde, um sich zu duschen und ihren Koffer auszupacken.

Danach schlüpfte sie in ihre Designerjeans und die weiße Bluse, legte frisches Make-up auf und steckte ihre schulterlange weizenblonde Lockenmähne locker hoch.

Es war Punkt 12 Uhr, als sie Pedro im Mercedes aus seiner Siesta riss. Die Zehn-Euro-Note, die sie ihm nach vorne reichte, versöhnte ihn augenblicklich. Lächelnd steckte er das Trinkgeld in die Brusttasche seines Hemds und startete erneut den Motor, um zum ominösen Drehort aufzubrechen.

Wenig später passierten sie das pittoreske Straßendorf Campanet, das um die Mittagszeit völlig ausgestorben war. Jeden Samstag sei hier Wochenmarkt, erklärte ihr Pedro und fuhr weiter durch Pollença in Richtung Gebirge. Der Mercedes folgte nun den engen, holprigen Straßen, die sich im Naturschutzgebiet bergauf und bergab schlängelten, vorbei an kargen Felsen, malerischen Olivenhainen und Pinienwäldchen, ehe er in einen staubigen Weg einbog, der steil nach oben bis zu einem gut versteckten Landgut führte.

Dort lag sie also. Die geheimnisvolle Location, auf der die mit Abstand kostspieligste TV-Produktion des Jahres gedreht wurde. Der alte Turm der Finca war Clara schon aus einiger Entfernung aufgefallen. Jetzt erst nahm sie das emsige Treiben vor dem steinernen Gebäude wahr. Pedro hielt den Wagen an und wirbelte dabei eine dicke Staubwolke auf, die langsam, aber unaufhaltsam in Richtung Set zog.

Clara stieg aus dem Wagen.

»Psst! Wir drehen«, zischte ihr die junge Frau mit den aschblonden Dreadlocks zu, die plötzlich neben dem Mercedes aufgetaucht war. »Leise, bitte«, flehte sie im Flüsterton und hielt die offene Autotür verzweifelt fest.

»Guten Tag. Ich bin …«

»Psst!«, wiederholte die junge Frau, ihren Zeigefinger beschwörend an die Lippen legend. Ihr banger Blick folgte der Staubwolke, die dem Set bedrohlich nahe war.

»Und Schnitt! Großartig, Jackie! Genau die war es! It’s a wrap!«, meinte Reimann beglückt.

»Check the gate!«, rief der Regieassistent.

Der Kameraassistent beugte sich über die Kamera und überprüfte das Bildfenster auf etwaige Fusseln, Abrieb oder Haare, die die Aufnahme unbrauchbar gemacht hätten. »Sauber«, antwortete er. Die Szene war im Kasten.

»Puh, das ist ja grad noch mal gut gegangen«, meinte die Aschblonde erleichtert zu Clara. »Der Reimann hätte mir den Arsch aufgerissen, wenn ihr ihm den Take vermasselt. Ich sollte den Weg schon weiter unten absperren, damit keiner hoch kann, während wir drehen. Aber ich musste dringend Pipi«, erklärte sie in rasantem Sprechtempo, während sie Clara die Hand schüttelte. »Herzlich willkommen!«, fügte sie hinzu.

»Danke«, erwiderte Clara wenig begeistert und wischte sich die Hand an ihrem Hosenbein ab.

»Siesta! Mittagspause bis 14 Uhr!«, rief der Regieassistent in die Menge.

»Du kannst fahren!« Das Rasta-Mädchen wandte sich Pedro zu, der prompt eine neue Staubwolke aufwirbelte, die nun aber niemanden mehr kümmerte.

»Ich bin Elke. Assistentin der Aufnahmeleitung«, plapperte die Kleine munter weiter auf Clara ein.

»Ich bin Clara Bodenstein. Chefredakteurin der UP«, stellte sich Clara vor. Dabei stand ihr Name ohnehin fett gedruckt auf der heutigen Dispo. Jeder, der den Zeitplan gelesen hatte, sollte wissen, dass die Journalistin heute am Set erwartet wurde.

»Wie cool ist das denn? Die UP lese ich jede Woche«, meinte Elke schwer begeistert.

»Das freut mich. Könnte ich jetzt bitte zu Jackie Benz? Wir sind verabredet.«

»Ja, klar. Komm mit!« Federnden Schrittes und suchenden Blickes ging Elke voraus. »Lucy! Weißt du, wo Jackie steckt?«, rief sie in das Chaos hinein. Jeder wollte so rasch wie möglich seine sieben Sachen in Sicherheit bringen und zum Catering-Wagen, wo die hungrige Filmmeute abgefüttert wurde.

»Wahrscheinlich ist sie schon oben in ihrer Suite«, erwiderte die schrille, knallrothaarige Person, die Lucy hieß. In ihrer pinkfarbenen Schürze steckten jede Menge bunte Pinsel und Haarklammern. Naheliegend, dass sie für die Maske zuständig war, dachte Clara. Und schon war Lucy wieder fort, um sich vor dem Wohnmobil, das zur Küche umfunktioniert war, ums Mittagessen anzustellen.

Clara folgte Elke in den ersten Stock der Finca.

Vor einer der massiven Holztüren hielt das Rasta-Mädchen an, um anzuklopfen. »Jackie? Bist du da? Clara Bodenstein möchte dich sprechen!«, kiekste sie.

»Ich komme schon«, hörte Clara die samtige Frauenstimme antworten, die unverkennbar Jackie Benz gehörte.

»Ich geh dann mal essen. Tschü-üs«, verabschiedete sich Elke und hüpfte eilig die Treppe hinunter.

»Mahlzeit«, murmelte Clara ihr hinterher. Süß war sie ja, die Kleine, aber doch reichlich überdreht. Als sie sich umdrehte, stand Jackie Benz vor ihr im Türrahmen.

»Meine Liebe! Wie schön, dass du hier bist«, säuselte sie, als wären sie seit Jahren die allerbesten Freundinnen. Dabei hatten sie sich vor Jackies Abreise nach Mallorca ein einziges Mal in Berlin getroffen, um über ihr gemeinsames Projekt zu sprechen. Jackie kam näher und küsste die Luft neben Claras Wangen, um ihr Make-up nicht zu ruinieren.

Diese vermeintliche Vertrautheit und die Duzerei von der ersten Sekunde an, die in der Filmbranche üblich waren, fand Clara gewöhnungsbedürftig. »Guten Tag, Frau Benz. Vielen Dank für die Einladung.”

»Ich bitte dich … Nenn mich Jackie. Schließlich wirst du in den nächsten Wochen meine engste Vertraute sein, nicht wahr, Clara? Komm bitte weiter.« Jackie drehte sich auf dem Absatz ihrer Mules um.

Clara folgte ihr durch die großzügige Suite, die der Diva als Garderobe und Rückzugsort diente, hinaus auf die Terrasse. Der Panoramablick über das Seitental war schier atemberaubend.

»Nimm doch bitte Platz! Du bist sicher hungrig nach der Reise.«

Clara nickte. »Eine Kleinigkeit könnte ich schon vertragen.«

»Papperlapapp! Ich lasse uns ein anständiges Mittagessen bringen. Hungern kannst du wieder nach dem Drehschlussfest. Du glaubst ja nicht, wie wunderbar hier gekocht wird. Das beste Catering der Welt. Wenn das so weitergeht, platze ich noch aus meinen Kostümen.«

»Aber wo denn, Jackie? Du bist doch so schlank«, entgegnete Clara und war froh, dass sie sich die Einschränkung »für dein Alter« gerade noch verkniffen hatte.

»Danke, meine Liebe! Aber ich muss schon sehr aufpassen. Du weißt doch, dass man vor der Kamera mindestens fünf Kilo fetter wirkt, als man tatsächlich ist.« Jackie seufzte und fasste sich mit einer theatralischen Geste an ihr kaum vorhandenes Bäuchlein. »Aber manches Mal muss man einfach sündigen. Heute zum Beispiel. Ich lasse Darius Bescheid geben. Er soll uns ein paar Häppchen hochbringen.«

»Darius? Doch nicht etwa Darius Schneyder?«, fragte Clara überrascht.

Jackie nickte. »Doch. Genau der. Wieso denn nicht?«

»Darius ist hier auf Mallorca? Er wollte sich doch nur noch um sein Lokal in Berlin kümmern.«

»Er hatte wohl Lust, wieder einmal aus seiner Promikneipe rauszukommen und ein bisschen Filmluft auf Mallorca zu schnuppern. Back to the roots.« Jackie drückte die Sprechtaste auf dem Walkie-Talkie, das eben vor ihr auf dem Holztisch gelegen hatte. »Sarah!«

»Ja, Jackie?«, schepperte es prompt aus dem klobigen schwarzen Gerät.

»Sag Darius bitte, er soll Tapas für zwei in meine Suite bringen lassen.«

»Tapas für zwei. Verstanden, Jackie.«

Sieh einer an! Darius’ Catering. Der Auftrag gefiel Clara immer besser. Sie lächelte ihr perfekt geschminktes Gegenüber an.

»Wie wär’s mit einem Gläschen Cava?«, schlug Jackie vor.

»Aber wirklich nur ein klitzekleines Schlückchen.«

»Ja, klar. Schließlich sind wir zum Arbeiten hier.« Jackie verschwand in der Suite, um mit zwei Gläsern eisgekühltem spanischen Schaumwein zurückzukehren. »Auf unser Buch!«, prostete sie Clara zu.

»Auf unseren Bestseller!«, erwiderte Clara lächelnd. Die beiden Gläser stießen klirrend aneinander. Der erste Schluck prickelte ihre Kehle hinunter, als es an der Tür klopfte.

»Herein!«, rief Jackie.

Darius betrat mit einer Karaffe Wasser, das mit Minzblättern und Zitronenscheiben aromatisiert war, die Terrasse.

Der junge Spanier in seinem Schlepptau balancierte ein Tablett voller Köstlichkeiten auf seiner muskulösen Schulter. Ein kleiner Teller nach dem anderen landete vor ihnen auf dem Tisch.

»Wünsche den Damen wohl zu speisen.« Darius verbeugte sich galant.

»Wie lieb von dir, Darius. Danke schön«, meinte Jackie überschwänglich. »Du kennst doch Clara Bodenstein von der UP? Sie wird meine Memoiren schreiben.« Jackie warf dem zierlichen Mann mit den glatten pechschwarzen Haaren, die ihm fast bis zum Kinn reichten, einen verführerischen Blick zu.

Darius sah Clara an.

»Grüß dich, Darius! Was für eine Überraschung«, kam Clara seiner Antwort zuvor. Ihre Sprache veränderte sich augenblicklich, als sie ihren Landsmann begrüßte.

Darius verbeugte sich und nahm ihre Hand. »Grüß dich Gott, liebe Clara! Gestatte mir bitte, dir meinen Dank für die Erwähnung in deiner Kolumne auszusprechen«, sagte er mit der ihm eigenen Höflichkeit, die stets etwas unterwürfig wirkte. Dazu verlieh das Schönbrunner Deutsch, das er sprach, seinen Worten einen altmodischen Charme.

»Bitte gerne. Das war hochverdient.« Clara lächelte ihn an. Sie konnte sich nicht erinnern, den zurückhaltenden Mann jemals lachen gesehen zu haben. War es deshalb so schwierig, sein Alter zu schätzen? War er Mitte 30? Oder doch schon 40 plus? Nur, wenn er über seine kulinarischen Kreationen sprach, blitzte Leidenschaft aus seinen dunklen Augen, und der Anflug eines Lächelns lag auf seinen schmalen Lippen. In solchen Momenten fand sie ihn durchaus attraktiv. Auf eine eigenartige Art und Weise. In ihrer letzten Kritik hatte sie Darius Schneyder mit einem Wiener Adeligen aus dem 19. Jahrhundert verglichen, über den sie kurz zuvor ein Buch gelesen hatte. Der Name war ihr mittlerweile entfallen. Darius hatte ihr den Vergleich offenbar nicht übel genommen.

»Es freut mich, dass dir das Carpaccio vom Wagyu-Rind gemundet hat«, fügte er hinzu.

»Das sieht ja auch alles wieder sehr lecker aus«, lobte Jackie die kleinen, duftenden Portionen, die darauf warteten, ihre verwöhnten Gaumen zu erfreuen und die hungrigen Mägen zu füllen. »Ich danke dir vielmals, mein Lieber.« Mit einem »Gracias y adios« entließ sie die Männer aus ihrer Pflicht.

»Schräger Vogel«, murmelte Clara.

»Darius?« Jackie pflückte mit ihrer Gabel eine Scheibe Serranoschinken vom Teller.

Clara nickte. »Findest du nicht?«

»Er ist außergewöhnlich, ja. Mit durchschnittlich kommst du heutzutage auch nicht sehr weit«, meinte Jackie.

Damit hatte sie nicht unrecht, überlegte Clara und lud sich frittierte Sardinen auf ihren Teller.

»Du weißt doch, dass alle erfolgreichen Menschen mehr oder weniger durchgeknallt sind. Du kennst sie doch am besten, die ganze prominente Mischpoche.«

Und das aus dem Mund der erfolgsverwöhnten Diva. Clara hielt Jackies prüfendem Blick stand. Ihre blauen Augen erinnerten sie nicht nur auf der Leinwand und auf dem Fernsehschirm an Veilchen. Ob sie farbige Linsen trug? »Nun ja, ich kenne die Masken, die ihr so in der Öffentlichkeit aufsetzt, die Rollen, die ihr spielt.« Clara schob sich eine Sardine in den Mund.

Jackie nickte. »Du kennst die, die wir vorgeben zu sein.«

»Oder die, die ihr gerne wärt.« Clara war nun doch ein wenig überrascht über dieses Gespräch. Jackie gab sich kein bisschen abgehoben.

»Und dir macht es Spaß, uns zu entlarven, nicht wahr?«

»Das gehört zu meinem Job«, meinte Clara.

»Ach, komm schon, Clara! Es ist doch mehr als das. Sonst wärst du nicht so gut, in dem, was du tust«, unterstellte ihr Jackie grinsend.

Wer führte dieses Interview eigentlich? Irritiert griff Clara zur Wasserkaraffe. Warum sollte sie nicht zugeben, dass sie diesen Moment am meisten liebte? Diesen Moment, in dem die prominente Maske fiel. Wenn sie sich Jackie jetzt offenbarte, würde sie vielleicht rascher Vertrauen zu ihr fassen. Für ihr gemeinsames Projekt konnte das nur von Vorteil sein. »Du hast recht, Jackie«, sagte sie. »Es ist ein geiles Gefühl, wenn so ein Star aus seiner einstudierten Rolle fällt. Wenn plötzlich das wahre Gesicht hervorblitzt. Das hinter der perfekt geschminkten Maske. Und sei es auch nur für einen kurzen Moment. Das hat was. Ja, das hat fast etwas Heiliges.«

»Wunderbar, meine Liebe! Dann wirst du dich in den nächsten Wochen wie im Himmel bei mir fühlen«, versprach Jackie und schenkte Clara ihr berühmtes kehliges Lachen.

***

Deine Augen, sie funkeln wie Sterne.

Zwei strahlende Sterne in finsterer Nacht,

die mir leuchten den Weg.

Den Weg zu dir, den ich gehen muss.

Deine Musik begleitet mich,

dein Lachen, die zauberhafteste Melodie.

***

6

»Dieses Drecksbuch bringt mich in Teufels Küche!«, fluchte das männliche Ex-Model, das mittlerweile als Hauptdarsteller in einer der quotenstärksten Daily Soaps im Fernsehen glänzte. Zur großen Freude seiner weiblichen Fans. Es gab kaum eine Frau in Deutschland, die Steffen Wolke nicht toll fand. Entweder war er ihr Traummann oder aber der perfekte Schwiegersohn. Doch jetzt stand dem Sunnyboy der Nation der Angstschweiß auf der faltenfreien Stirn.

»Du bist beileibe nicht der Einzige, dem Jackies Biografie einen erheblichen Imageschaden bescheren dürfte. Du befindest dich in prominenter Gesellschaft.« Mark Konrad saß Steffen gegenüber an einem der hinteren Tische im Darius.

»Aber mich machen sie alle. Wenn die rausbekommen, dass ich sie damals verpfiffen hab, bin ich dran. Die finden mich, ganz egal, wo ich mich verstecke. Du musst dieses Buch unbedingt verhindern, Mark«, flehte Steffen seinen Agenten an.

»Entschuldigung, kann ich ein Autogramm haben?«, fragte die Blondine am Nebentisch und reichte einen Zettel herüber. Steffen hätte die grell geschminkte, mittelalterliche Frau am liebsten sonst wohin gejagt, doch das hätte so gar nicht zu seinem Image gepasst. Stattdessen rang er sich ein professionelles Lächeln ab, zeigte seine perfekt aneinander gereihten, frisch gebleichten Zähne und unterschrieb das Papier.

»Vielen Dank, Steffen. Ich bin Ihr größter Fan, müssen Sie wissen«, gurrte die Alte, nahm das Autogramm und steckte ihm gleichzeitig mit der anderen Hand ihre Visitenkarte zu. »Falls Sie mal Lust haben«, fuhr sie fort und unterstrich ihr eindeutig zweideutiges Angebot mit einem Augenzwinkern. Als hätte das Objekt ihrer Begierde sie nicht auch so schon verstanden.

Steffen wandte sich voller Unbehagen ab, sah Hilfe suchend zu Mark.

»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen. Aber wir haben eine geschäftliche Besprechung«, ging Mark dazwischen. Es war einfach unmöglich, sich mit Steffen in der Öffentlichkeit zu treffen, ohne dass eine dieser notgeilen Tussen oder eine Horde kreischender Teenies hinter dem Jungen her waren. Nicht einmal im letzten Winkel eines überteuerten Promilokals war man vor Steffens Fans sicher. Das nächste Mal würden sie sich wieder in der Agentur treffen, beschloss Mark, der für sein Einschreiten einen giftigen Blick vom Nebentisch kassierte.

»Ich kann es mir nicht leisten, dass Jackie auspackt«, fuhr Steffen leiser fort. »Verdammt, Mark. Wir reden hier von der Mafia. Die Typen sind richtig gefährlich. Enzo hetzt mir seine Killer an den Hals«, flüsterte er in Panik und zündete sich mit zittrigen Händen eine Zigarette an.

Mark fragte sich einmal mehr, wann Verstöße gegen das Rauchverbot in Berliner Lokalen endlich geahndet werden würden. Da waren die Italiener doch um einiges voraus. Mafia hin oder her. »Enzo? Ist das der Dealer, der dich in Mailand mit Koks versorgt hat?«, fragte er.

Steffen nickte und blies den Rauch aus seinen Lungen. »Wenn Jackie in ihrem Buch erwähnt, dass ich ein Junkie war, der selber mit dem Zeug gedealt hat, wäre das schon schlimm. Aber wenn sie schreibt, dass ich nur davongekommen bin, weil ich meine Hintermänner verraten habe, bin ich geliefert. Enzo hat mir damals geschworen, dass er meine hübsche Visage aufschlitzen lässt, sollte er jemals herausfinden, dass ich es war, der gesungen hat.«

»Jetzt beruhige dich.«

»Beruhigen? Ich werde nie wieder vor einer Kamera stehen können. Und das ist noch das Mindeste, was mir blüht«, meinte Steffen verzweifelt.

»Nicht so laut«, warnte Mark, sich umblickend. »Ich fürchte, ich kann das Buch nicht verhindern. Ich habe schon alles versucht, was in meiner Macht steht. Du kennst doch Jackie. Sie hat sich diese Biografie nun mal in ihren sturen Kopf gesetzt.«

»Tja. Das war’s dann wohl mit dem erotischsten Mann des Jahres«, spielte er auf das letzte Wahlergebnis der UP-Leserinnen an. »Die Weiber werden sich nach ’nem neuen Lustobjekt umschauen müssen. Und du dich nach ’nem neuen Klienten. Hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Mark.« Mit bitterer Miene hob Steffen sein Bierglas.

»Moment mal, Steffen. Warum glaubst du eigentlich, dass Jackie ausgerechnet dich fertigmachen will? Immerhin hat sie dich doch mal abgöttisch geliebt. Das hat sie zumindest behauptet.«

Steffen lachte gekünstelt auf. »Jackie liebt doch niemanden außer sich selbst.«

»Auch wieder wahr.«

»Ich war bloß ihr junger Lover, der es ihr anständig besorgt hat. Dafür hat sie mir ein paar Türen geöffnet. Mehr war’s doch nicht«, meinte Steffen weinerlich und nahm erneut einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

Mark sah schweigend in die blauen Augen seines verzweifelten Gegenübers. In diesem Gemütszustand strahlten sie noch heller als sonst, fiel ihm auf.

»Bitte, Mark. Du musst Jackie verbieten, diese alte Geschichte aufzuwärmen. Du bist doch ihr Agent. Auf dich hört sie doch«, nahm Steffen einen letzten Anlauf.

Alberner Junge! Als ob sich Jackie von irgendjemandem etwas verbieten lassen würde. »In diesem Fall hört sie eben nicht auf mich. Rede doch selbst mal mit ihr. Setz deinen unwiderstehlichen Charme ein. Der zieht doch bei den Frauen, vielleicht auch bei Jackie«, schlug Mark vor.

»Früher mal, ja. Jetzt spricht sie kein Wort mehr mit mir«, gestand Steffen kleinlaut.

»Hat das einen Grund?«

Steffen nickte schuldbewusst, starrte in sein Bierglas. »Sie hat mich mit Eve beim Vögeln erwischt.«

Mark schluckte und sah Steffen mit ernster Miene an. »Mit Eve de Angeli?«, hakte er nach. »Du hast Jackie ausgerechnet mit Eve betrogen? Du Vollidiot! Das verzeiht sie dir nie und nimmer.« Mark nahm einen Schluck von seinem Bier.

»Deshalb musst du ja mit ihr reden. Ich flehe dich an.«

»Na schön«, seufzte Mark. »Ich rede mit ihr. Aber erwarte dir nicht allzu viel davon. Immerhin stecken sie und Clara Bodenstein bereits mittendrin in der Arbeit.«

»Sie werden mich fertigmachen.«

Mark zuckte mit den Achseln. »Nicht, wenn ich es verhindern kann.« Er würde es nicht zulassen, dass dieses selbstgefällige Miststück seine Klienten skrupellos zu Fall brachte. Es ging ja nicht nur um Steffen Wolke. Mark war sich sicher, dass Jackie auch Ben Schlesinger nicht verschonen würde. Sie hatte schon anklingen lassen, dass sie Bens homophobe Neigung thematisieren würde. Und wer wusste schon, wen sie sonst noch alles der Öffentlichkeit zum Fraß vorwerfen wollte? Womöglich würde Mark ebenfalls sein Fett abbekommen. Eine Leiche hatte er schließlich auch im Keller, von der Jackie wusste. Das Finanzamt würde seine helle Freude an ihrer Aussage haben. Nein, dieses unselige Werk durfte niemals erscheinen. Warum hatte er es Jackie bloß nicht ausgeredet, sondern auch noch seine Kontakte für sie spielen lassen, ärgerte er sich über die eigene Schwäche. Ja, er hatte der Benz seinen Durchbruch als Staragent zu verdanken. Aber schließlich auch teuer dafür bezahlt, damit ihr Glanz weitere Stars anlockte. Mark musste sich mit fünf Prozent von Jackies Gagen begnügen, anstatt mit den üblichen zehn Prozent, was einen stattlichen Verdienstentgang für ihn bedeutete. Aber jetzt reichte es ihm. Er hatte endgültig die Schnauze voll von ihr.

»Trinkst du auch noch ein Bier?« Steffen drückte seine Kippe aus, um gleich nach der nächsten zu greifen. Mark warf ihm einen weiteren besorgten Blick zu.

»Du möchtest wohl unbedingt in der Klatschpresse lesen, dass du nicht nur ein Nikotin-, sondern auch ein Alkoholproblem hast.«

»Ist doch völlig schnurz, ob sie mich morgen oder erst in einigen Monaten fertigmachen.« Steffen winkte den Kellner herbei.

»Okay. Eines trinken wir noch. Aber dann lass uns von hier verschwinden. Ich kann diesen Promischuppen nicht leiden.«

»Mich werden sie hier künftig eh nicht mehr reinlassen. Mit einer Fresse, die von der Mafia poliert wurde«, meinte Steffen mit säuerlichem Grinsen.

»Dir passiert schon nichts.« Mark lächelte zuversichtlich. Wäre doch zu schade um den talentierten Jungen gewesen.

7

Donnerstag, 28. Juni 2007

Clara nippte an dem ausgezeichneten Rioja, den sie zum abendlichen Interview tranken. Im Laufe der letzten Wochen hatten die Gespräche mit Jackie beinahe freundschaftlichen Charakter angenommen. Clara hatte eine humorvolle, sensible und verletzliche Frau hinter der glamourösen, oftmals kapriziösen Fassade kennengelernt. Die Rolle der zickigen Primadonna mimte die begnadete Schauspielerin nur dann, wenn sie sich Aufmerksamkeit und Respekt verschaffen wollte. Clara glaubte verstanden zu haben, wie Jackie tickte. Sie hatte ihre Ausdrucksweise drauf und dazu reichlich Stoff für einen Beststeller, der gehörig Staub aufwirbeln würde. Manche von Jackies Erinnerungen waren sehr intim.

So hatte sie ihr etwa gestanden, als Schauspielschülerin von ihrem damaligen Freund geschwängert worden zu sein. Kaum hatte der Jungschauspieler vom unerwünschten Nachwuchs erfahren, hatte er das Weite gesucht. Vor Arschlöchern war auch ein Superstar nicht gefeit, wenngleich Jackie damals noch völlig unbekannt gewesen war. Aus Angst, ihre Tochter nicht ernähren zu können, hatte sie diese schweren Herzens nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Eine Entscheidung, die täglich von vielen verzweifelten Frauen getroffen wurde. Die Tatsache, dass sich auch eine Jackie Benz einmal in einer solchen Lage befunden hatte, würde anderen vielleicht Mut machen, glaubte sie. Wie es aussah, würde ihre Geschichte sogar ein glückliches Ende nehmen. Unmittelbar vor Jackies Abreise nach Mallorca war ihre nunmehr erwachsene Tochter überraschend bei ihr aufgetaucht, um sie kennenzulernen. Jenny hatte nicht nur das gute Aussehen ihrer Mutter geerbt, sondern anscheinend auch ihr Talent. Erst kürzlich hatte sie ihre Schauspielausbildung abgeschlossen. Dabei hatte sie all die Jahre nicht die leiseste Ahnung gehabt, dass sie die Tochter der berühmten Benz war.

Jackie war überglücklich, ihre hübsche, talentierte Tochter wiedergefunden zu haben, und versprach ihr, sie künftig bei ihrer Schauspielkarriere tatkräftig zu unterstützen. In ihrer Biografie wollte sie Jenny der Welt präsentieren. Aus der ambitionierten, aber unbekannten Nachwuchsschauspielerin Jenny Luftig würde Jenny Benz werden, die fortan an der Seite ihrer bekannten Mutter Filme drehte. So weit der Plan.

Doch nicht alle dunklen Geheimnisse versprachen den Beteiligten ein Happy End. Einige Prominente würden der Biografie wohl zum Opfer fallen. Wie Jackie es versprochen und Clara es sich erhofft hatte. Steffen Wolkes Kokainsucht war allerdings ein alter Hut, dachte sie, als sie Jackies Erzählungen lauschte. »Das ist doch Schnee von gestern. Im wahrsten Sinn des Wortes«, wandte Clara ein.

»Schnee von gestern gefällt mir.« Jackie lachte.

»Es ist nun wirklich nicht neu, dass Steffen Wolke während seiner Modelzeit gekokst hat. Na und? Es gibt viele, die das tun. Models, Schauspieler, Manager … Das lockt doch niemanden hinterm Ofen hervor.« Clara warf einen prüfenden Blick auf ihr Diktiergerät, das schon etliche brisante Interviews aufgezeichnet hatte. Alles okay, das rote Lämpchen leuchtete.

»Und wie war das mit Kate Moss? Die hätten die Medien doch um ein Haar fertiggemacht wegen ihrer Kokserei.« Jackie zündete sich genüsslich die vierte ihrer täglich fünf Zigaretten an.

Clara wusste längst, dass sich die Schauspielerin diese Beschränkung aus Eitelkeit auferlegt hatte. Einerseits alterte die Haut schneller, wenn man zu viel qualmte. Andererseits beschleunigten ein paar Zigaretten den Stoffwechsel, war Jackie überzeugt, wodurch sie ihr Gewicht leichter halten konnte. »Das ist doch ewig her«, erwiderte sie. »Und Kate Moss wurde damals beim Koksen fotografiert. Ohne diese Fotos wäre die Story niemals erschienen, wage ich zu behaupten. Außerdem sind wir nicht in England, Jackie. Die Yellow Press ist um einiges skrupelloser als der Boulevard hierzulande. Sei froh, dass du in Deutschland ein Star bist und nicht auf der Insel.«

»Oh, ja. Die deutsche Journaille ist ja so was von rücksichtsvoll und ehrenhaft«, ätzte Jackie. »Hand aufs Herz, Clara. Wenn ich dir ein Foto gäbe, auf dem sich Steffen Wolke eine Straße reinzieht, würdest du es nicht auch abdrucken?« Jackie blies den Zigarettenrauch stoßweise aus ihrer Lunge und sah den hellblauen Kringeln über ihren Köpfen nach.

»Das kommt darauf an.« Auch Claras Blick folgte den kleinen Rauchgebilden. »Besitzt du denn ein solches Foto?«

Jackie lachte auf. »Nein, leider nicht. Ich muss dich enttäuschen. Aber ich weiß, dass er das Zeug nicht nur selbst konsumiert hat. Damals in Mailand hat er den Stoff auch verkauft. Das meiste an andere blutjunge Models.«

»Im Ernst?«

»Ja. Aber das interessiert doch niemanden, hast du gesagt.«

»Wenn Steffen Wolke tatsächlich gedealt hat, dann ist das etwas anderes«, sagte Clara.

»Ach ja?«

»Schon gut, Jackie. Jetzt erzähl schon. Steffen Wolke war ein Koks-Dealer?«

»Nicht nur das. Er hatte auch Ecstasy und alle möglichen Aufputschpillen im Angebot.«

»Und woher weißt du das so genau?«

»Von Steffen selbst, meine Liebe. Was dachtest du denn? Ich hab ihn doch direkt nach seiner Drogentherapie kennengelernt. Sexy Junge. Sehr talentiert. Auch als Schauspieler.« Jackie grinste. »Mark hat ihn auf meinen ausdrücklichen Wunsch unter seine Fittiche genommen und siehe da: Steffen hat auf Anhieb die Soap-Rolle bekommen. Nicht gerade höchstes schauspielerisches Niveau, aber für einen blutigen Anfänger ein ganz guter Einstieg.«

»Ihr beide wart ein Paar?«

»Ja. Allerdings nicht sehr lange«, gestand Jackie. »Der undankbare Junkie hat mich beschissen. Wer zuletzt lacht …« Jackie drückte ihre Zigarette aus.

»Erzähl mir mehr von Mailand.«

»Seine Dealerei flog irgendwann auf. Steffen musste singen, um seinen Knackarsch vor dem Knast zu retten. Dabei hatte er riesiges Glück, dass die Mafia nicht dahinterkam, dass er derjenige war, der geplaudert hat.«

»Sagtest du Mafia?«

»So läuft das nun mal in Bella Italia. Was dachtest du denn, wer dort unten über die Drogengeschäfte wacht? Wäre Steffen aufgeflogen, hätte er die Geschichte wohl nicht unbeschadet überlebt. Wenn überhaupt.«

Clara war zwar nicht zimperlich, aber sie hatte nicht vorgehabt, mit Jackies Biografie die Mafia auf den Plan zu rufen. »Dir ist aber schon klar, dass diese Story nicht nur heiß, sondern brandgefährlich ist?«, warf sie besorgt ein.

»Nicht für uns.«

»Aber für Steffen Wolke. Wenn wir das bringen, riskieren wir sein Leben.«

Jackie zuckte mit den Schultern, während sie das Rotweinglas langsam zwischen ihren Fingern drehte. »Rache ist Blutwurst.«

Mit so viel Kaltschnäuzigkeit hatte Clara nicht gerechnet. Das ging selbst der abgebrühten Journalistin zu weit. »Du würdest dem Jungen die Mafia an den Hals hetzen? Nein, Jackie, ohne mich.«

»Tut er dir etwa leid, der Kleine? Nur weil er eine süße Fresse und einen geilen Body hat? Glaube mir, er ist wie alle Männer. Und er hat sich das alles selbst eingebrockt«, sagte Jackie knochentrocken.

Es war offensichtlich, dass Steffen Wolke sie zutiefst verletzt hatte. Nur weil er sie betrogen hatte? Das kam doch in den besten Familien vor. Musste sie ihn deshalb gleich eiskalt ans Messer liefern? Clara hatte für diesen Abend genug gehört. »Lass uns morgen weitermachen, Jackie. Ich …«

Die SMS-Töne aus Jackies Handy schnitten ihr das Wort ab.

»… bin todmüde«, vollendete sie den Satz und streckte ihren Rücken durch, um die verspannte Muskulatur zu lockern.

»Moment noch!« Jackie hielt ihr das Mobiltelefon unter die Nase. »Sieh dir das mal an.«

»Wer nicht schweigen kann, muss sterben.

Deine Frist läuft.«

»Was soll das heißen? Welche Frist? Wer schreibt dir so was?«, fragte Clara.

»Diese Drohungen kommen von einem Wertkartenhandy. Deutsche Nummer. Wer dahintersteckt, wissen wir nicht. Mark hat schon versucht, den Besitzer ausfindig zu machen. Bislang vergeblich.«

»Du bekommst schon länger solche Drohungen?«

»Seitdem bekannt ist, dass ich meine Biografie schreibe.«

»Wir schreiben deine Biografie«, korrigierte Clara sie.

»Schon gut. Wir schreiben sie. Aber ich bin diejenige, die bedroht wird.«

»Vielleicht komm ich ja auch noch zum Handkuss. Immerhin weiß ich inzwischen genug, um einige Leben ruinieren zu können.« Clara spürte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. »Wieso hast du mir bis jetzt nichts von diesen Drohungen erzählt?«

»Warum sollte ich dich unnötig nervös machen?«

»Unnötig? Ich halte es für angebracht, die Polizei einzuschalten.«

»Quatsch. Das ist doch nur ein Spinner. Der tut mir schon nichts.«

»Weshalb bist du dir da so sicher?«

»Du siehst doch, dass ich noch immer wohlauf bin.«

»Und wie lange noch? Deine Nerven möchte ich haben.«

»Hast du aber leider nicht. Ich hätte dir die Nachricht gar nicht zeigen sollen.«

»Aber Jackie«, protestierte Clara. »Was ist, wenn er das ernst meint? Da stand doch was von einer Frist? Welche Frist?«

»Sie läuft bis zum Drehschluss. Bis dahin erwartet er eine SMS von mir, die ihm bestätigt, dass die Biografie nicht erscheinen wird.«

Clara sah Jackie besorgt an. »Woher weiß der denn, wann Drehschluss ist? Das kann doch nur ein Insider wissen.«

»Vielleicht ist er hier und beobachtet uns.«

»Wie beruhigend … Sag mal, hast du keine Angst?«

»Soll ich mich etwa von ein paar idiotischen SMS einschüchtern lassen?«

»Das heißt, du ignorierst diese Drohungen und machst einfach weiter, als wäre nichts geschehen?«

»Wir machen weiter, Clara, als wäre nichts geschehen«, wiederholte Jackie mit süffisantem Grinsen. »Vergiss nicht, dass wir einen Vertrag haben.«

»Der mir aber nicht verbietet, jetzt ins Bett zu gehen.« Clara schaltete ihr Diktiergerät ab.

»Geh ruhig. Aber die SMS-Geschichte bleibt unter uns, hörst du?«

»Wenn du darauf bestehst.«

»Ja, darauf bestehe ich.«

»In Ordnung.« Clara gähnte.

»Schlaf gut.«

Als ob jetzt noch an Schlafen zu denken wäre, dachte Clara und verschwand in ihr Zimmer, das direkt neben Jackies lag.

Von der schwarz gekleideten Gestalt, die wenige Minuten später auf Jackies Terrasse auftauchte und sich an ihrer gekippten Glastür zu schaffen machte, bekam Clara nichts mit. Wenngleich sie sich noch immer schlaflos in ihrem Bett wälzte. Wer steckte bloß hinter diesen Drohungen? Wer wollte Jackies Biografie unbedingt verhindern? Wenig überraschend, kamen ihr mehrere Personen in den Sinn. Womöglich war es ein Fehler gewesen, diesen Auftrag anzunehmen. Oder hatte Jackie recht damit, diese Drohungen einfach zu ignorieren? Ja, wahrscheinlich hatte sie recht. Man konnte sich doch nicht so einfach ins Bockshorn jagen lassen und beim erstbesten Widerstand aufgeben.

***

Schlaf gut, du Wunderschöne!

Im Traum bin ich dir ganz nah.

So nah, dass ich dich berühren kann,

dich endlich verführen kann.

Heute Nacht wirst du mein

für immer und ewig.

***

8

»Ich soll den Fall zu den Akten legen? Das ist doch nicht Ihr Ernst?«, fragte Frank Schütte ungläubig. Aus seiner Sicht war der neue Leiter des LKA, in dessen Büro er gerade zitiert worden war, eine glatte Fehlbesetzung. Er hatte den knapp 20 Jahre jüngeren Akademiker von Anfang an nicht ausstehen können. Was auf Gegenseitigkeit beruhte, wie er deutlich spürte.

»Das ist mein voller Ernst, Schütte«, erwiderte Dr. Peter Wieser und rührte dabei monoton in seiner Kaffeetasse.

Dieser emotionslose Schnösel ging ihm auf den Geist. Nur weil er studiert hatte, war er noch lange nicht klüger als er. Die meisten jungen Akademiker empfand er als Plage, die sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitete. »Hören Sie«, sagte er, »wir können diesen Fall doch nicht einfach auf sich beruhen lassen.«

»Gibt es denn neue Hinweise, von denen ich noch nichts weiß?«, bohrte Wieser nach.

»Nein.« Schütte lehnte sich im Besucherstuhl vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich habe meine Weisungen von höchster Stelle. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, Herr Schütte, dass Mona Ettinghaus für tot erklärt wird. Der Antrag läuft bereits. Was für ihre Familie recht ist, wird für Sie doch wohl billig sein.«

Was für ein dämlicher Spruch, dachte Schütte und zwang sich, Wieser nicht in die Augen zu sehen. Er hätte zweifellos bemerkt, was er von seinen Worten hielt. Aber wahrscheinlich ahnte er das auch so.

»Dieser Fall ist keiner mehr. Haben wir uns verstanden?«

»Ja«, meinte Schütte zerknirscht.

»Und, Schütte, noch etwas«, fuhr Wieser fort. »Lassen Sie die Familie Ettinghaus in Ruhe. Die Leute haben genug durchgemacht. Sie haben rein gar nichts gegen sie in der Hand.«

Ach, daher wehte der Wind! Die ehrenwerte Verlegerfamilie hatte ihren Einfluss geltend gemacht, um nicht weiter mit unangenehmen Ermittlungen belästigt zu werden. Alles klar. Es war ja auch bequemer, Mona Ettinghaus für tot erklären zu lassen. Schon allein aus rechtlichen Gründen. Um Machtkämpfe im Familienunternehmen zu vermeiden, mussten die Positionen neu geordnet werden. Und dafür brauchte es Monas Testament. So gesehen war eine tote Verlagschefin doch viel nützlicher als eine vermisste. Vermutlich lag die privilegierte Mischpoche auch noch richtig. Mona Ettinghaus war längst tot, da war sich Schütte ziemlich sicher. Verdammt noch mal, fluchte er innerlich. In seiner 37-jährigen Polizeilaufbahn war noch niemand dermaßen spurlos verschwunden wie diese Ettinghaus. Und er war noch niemals so frustriert gewesen wie in diesem Moment, als er Wiesers Büro ohne Fall verlassen musste. Noch dazu, wo dieser viel zu mysteriös war, als dass er ungelöst im Archiv verstauben durfte.

9

Jackies gellender Schrei hatte die Finca mitten in der Nacht schlagartig mit Leben erfüllt. Jetzt wartete alles auf die Ankunft der Polizei.

Conny, die Produktionsleiterin, dachte wohl, dass die Beamten schneller eintreffen würden, wenn sie wie ein gefangener Tiger in der Eingangshalle auf und ab lief. Reimann und sein Kameramann Martin Rosen saßen Kette rauchend auf der steinernen Treppe und schmissen mit wilden Theorien um sich, wer da wohl über die Terrassentür in die Räume der Benz eingedrungen war.

Clara war als Erste in Jackies Suite gewesen, um nachzusehen. Dabei hätte sie die Angst vor einem Verbrecher, der sich möglichweise noch hier aufhielt, beinahe gelähmt. Dennoch schaffte sie es barfuß und mit schlotternden Knien bis ins Schlafzimmer zu gelangen, wo sie die nackte Schauspielerin in ihrem Bett vorfand. Arme und Beine waren an die Bettpfosten gebunden. So viel konnte Clara im fahlen Mondlicht erkennen. Jackie zappelte und zerrte an ihren Fesseln wie ein Fisch, der an Land gezogen worden war. Sie lebte noch, Gott sei Dank! Clara hatte bereits das Schlimmste befürchtet. Als plötzlich das Licht im Zimmer anging, erschrak sie fast zu Tode.

Reimann stürmte an ihr vorbei ans Bett und riss Jackie die Schlafmaske von den Augen. Jackie blinzelte kurz, warf dann ihren Kopf hin und her.

»Ruhig, Jackie. So halt doch still!«, sagte Reimann. Mit der Linken griff er sich ihr Kinn, mit der Rechten zog er das lila Seidenhöschen aus ihrem Mund. Bei allem Schrecken konnte er nicht umhin, das Ding zwischen seinen Fingern amüsiert zu betrachten, ehe er es vorsichtig beiseitelegte.

Jackie hustete und schnappte nach Luft, während Clara versuchte, eine der Fußfesseln aufzuknoten.

Reimann hatte wohl zu viele Krimis gesehen oder auch selbst gedreht, denn er schlug vor, die Stricke so zu belassen, wie sie waren, bis die Polizei am Tatort eintraf.

»Du hast sie wohl nicht mehr alle, Reimann? Willst du mich hier allen Ernstes so liegen lassen, bis die Bullen kommen? Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin verdammt splitterfasernackt!«, schimpfte Jackie. »Mach mich sofort los, Clara!«

»Warte einen Moment.« Reimann zog ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche, während Jackie lauthals weiterschimpfte.

»Jetzt macht schon! Und ihr dort drüben schert euch zum Teufel! Raus hier! Ruft lieber die Polizei!«, rief sie ihrem Co-Star und der Produktionsleiterin zu, die wie festgenagelt im Türrahmen standen und sie fassungslos anstarrten.

»Schon erledigt, Jackie. Die Polizei wird gleich hier sein«, antwortete die sonst so resolute Conny Krämer kleinlaut, ehe sie Ben Schlesinger aus dem Zimmer schubste und die Tür von außen schloss.

»Wird’s jetzt endlich?«, schnauzte Jackie den Regisseur an, der sich an ihrem Handgelenk zu schaffen machte.

»Du musst schon still halten. Ich kann sonst die Stricke nicht durchschneiden, ohne dich zu verletzen. Und die Knoten will ich auch nicht zerstören. Die könnten, wie gesagt, ein wichtiger Hinweis auf den Täter sein.«

»Mann, Reimann! Dreh hier keinen Film!«, schrie Jackie ihn an und rieb sich die rot gescheuerten Handgelenke, als diese endlich befreit waren. »Jetzt mach meine Beine los! Worauf wartest du denn?«

»Was ist hier eigentlich passiert?«, wollte Clara wissen, während Reimann an Jackies rechter Fußfessel herumsäbelte.

»Autsch! Pass doch auf, du Idiot! Jetzt hast du mich geschnitten!«, fuhr sie ihn an.

»Höchstens gepiekst hab ich dich … Sorry, Jackie. Aber dein Bein ist total glitschig«, murmelte er.

»Was soll das?«, fragte Jackie wütend, während Reimann mit den Fingerkuppen zuerst über das eine, dann über ihr anderes Bein strich.

»Es fühlt sich an, als ob du gerade rasiert worden wärst. Guck mal, da ist noch Seife dran«, sagte er verwundert und rieb etwas zwischen seinen Fingern.

»Zeig her«, meinte Clara und inspizierte zuerst seine feuchten Finger, bevor sie sich über Jackies Bein beugte. »Darf ich mal?«, fragte sie.

»Aber sicher doch. Lasst euch ruhig Zeit, ihr beiden. Ich laufe euch schon nicht davon«, meinte Jackie süffisant und beobachtete, wie Claras Finger langsam über ihre Beine glitten.

Das Rechte war glatt wie ein Kinderpopo, beim Linken war der Täter wohl durch ihren Schrei gestört worden, denn das Schienbein war nur zum Teil spiegelglatt. »Verdammt, Jackie, da hat dir wirklich jemand die Beine rasiert«, bestätigte Clara.

»Was? Wozu das denn?« Jackie versuchte, sich aufzusetzen, um selbst nachzusehen. »Hilf mir mal«, befahl sie Clara und streckte ihr die Arme entgegen, um sich von ihr hochziehen zu lassen.

»Das ist voll pervers«, murmelte Reimann und sah zu, wie Jackie ihre gespreizten Beine, die noch immer an die Pfosten gefesselt waren, mit Claras Unterstützung begutachtete. Es war ein Bild für die Götter, wie sich die pudelnackte Benz in mühsamen Verrenkungen wie ein Walross im Bett wälzte. Reimann fiel es sichtlich schwer, sich zurückhalten, um nicht lauthals loszulachen.

»Perverses Schwein«, stellte Jackie fest und ließ ihren Oberkörper zurück in die Laken plumpsen. »Mach weiter mit den Fesseln, Reimann. Aber pass gefälligst auf«, ordnete sie an.

»Also, was ist passiert?«, wiederholte Clara ihre Frage und bedeckte Jackies nackten Körper mit dem Morgenmantel, der zuvor auf der Truhe am Fußende ihres Bettes gelegen hatte.

»Woher soll ich das denn wissen? Ich wurde plötzlich wach und bemerkte, dass ich gefesselt war. Durch meine Schlafmaske konnte ich ja nichts sehen. Also habe ich geschrien, und dann wurde mir etwas in den Mund gesteckt. Fast wäre ich daran erstickt.«

»An dem sexy Ding da.« Reimann zeigte mit seinem Messer auf Jackies Höschen, das nun neben ihren Schlaftabletten auf dem Nachtkästchen lag.

»Klappe, Reimann! Schneid lieber weiter!«

»Und dann?«, fragte Clara.

»Dann seid ihr aufgetaucht. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Und was ist das?« Clara deutete zu der emaillierten Schüssel, die neben dem Bett umgestürzt in einer Pfütze auf den Holzdielen lag.

Jackie beugte sich hinunter. »Die Schüssel stand vorher auf der Kommode. Ich hab das olle Teil noch nie angerührt.«

»Dann hat er sie wohl für die Rasur benutzt«, meinte Clara nachdenklich.

Reimann klappte sein Messer zu.

»Na endlich.« Jackie setzte sich auf, um ihre rot gescheuerten Fußknöchel zu untersuchen.

»Brauchst du einen Arzt?«, fragte Reimann.

»Wofür denn? Du kannst dich verziehen, Reimann. Bitte«, fügte sie hinzu und schlüpfte in ihren Morgenmantel, ohne das Bett zu verlassen.

»Nur, wenn ihr mir versprecht, dass ihr nichts anrührt, bis die Polizei kommt. Schon gar nicht diese Schüssel.« Reimann verließ das Schlafzimmer.

»Scheiße. Wer war das, Clara?«, fragte Jackie, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.

»Derselbe, der dir die SMS geschickt hat?«, vermutete Clara.

Jackie nickte nachdenklich. »Anzunehmen.«

»Vielleicht sollten wir deine Biografie doch lieber ad acta legen«, schlug Clara vor.

»Kommt gar nicht in Frage.«

»Er hat dich ausgezogen, Jackie. Und rasiert.« Clara setzte sich auf die Truhe.

»Ich muss ziemlich tief geschlafen haben«, stellte Jackie fest.

Clara fröstelte, während Jackie weitererzählte.

»Er hat mir über die Wange gestreichelt und mich beim Namen genannt«, erinnerte sie sich mit geschlossenen Augen. »Es klang zärtlich.«

»War er ein Deutscher oder ein Spanier? Ist dir ein Akzent aufgefallen?«

Jackie schüttelte den Kopf. »Er hat ja nur meinen Namen genannt … warte mal … nein, ich weiß es nicht.«

»Kam dir seine Stimme bekannt vor?«

»Nein, aber jetzt erinnere ich mich an ein Scheppern.« Jackie öffnete die Augen und sah Clara an. »Er muss über die Schüssel gestolpert sein, als er floh«, fuhr sie fort.

»Das ist ziemlich beängstigend, Jackie. Der Typ spaziert mitten in der Nacht in dein Zimmer, zieht dich aus, fesselt dich und rasiert dir die Beine. Wer weiß, was er sonst noch alles mit dir angestellt hätte, wenn du nicht aufgewacht wärst?«

»Nur gut, dass ich heute keine Schlaftablette genommen habe.«

»Ja, das war wohl dein großes Glück. Lass uns die Biografie lieber vergessen, bevor er wiederkommt und dir was Schlimmeres antut.«

»Kommt gar nicht infrage. Der wollte mir doch nur einen Schrecken einjagen.«

»Was mich anbelangt, so ist ihm das gelungen. Der meint es ernst, Jackie. Das ist ein Irrer. Ehrlich gesagt, habe ich Angst.«

»Du hast Angst? Und ich habe dich für eine taffe Frau gehalten.«

»Denk doch an das Ultimatum. Ich glaube, dieser Wahnsinnige ist mitten unter uns und beobachtet dich.«

»Möglich«, räumte Jackie ein.

»Es muss einer von der Filmcrew sein.«

»Oder eine.«

»Du meinst, es steckt eine Frau dahinter? Na ja, warum nicht?«, meinte Clara nachdenklich. »Eve de Angeli zum Beispiel … Die hätte doch ein Motiv, deine Biografie zu verhindern«, fuhr sie fort. Vielleicht hatte sie einen männlichen Handlanger.

»Eve?« Jackie lachte und schüttelte energisch den Kopf. »Niemals. Das war nicht Eve.«

»Und warum bist du dir da so sicher?«

»Die hätte sich nicht mit meinen Beinen aufgehalten, sondern mir gleich die Kehle aufgeschlitzt.« Jackie lachte herzlich über den eigenen Galgenhumor.

Clara war überhaupt nicht zum Lachen zumute.

Als es plötzlich an der Tür klopfte, fuhren beide Frauen erschrocken zusammen.

Eine uniformierte Polizistin steckte den Kopf herein und bat sie zur Zeugeneinvernahme in die Halle. In der Zwischenzeit wollte sich die Spurensicherung dem Tatort widmen.

Kurz vor 6 Uhr morgens hatten die Beamten ihre Arbeit in der Finca fürs Erste erledigt und entließen die erschöpften Filmleute in ihre Betten. Claras Angebot, die restlichen zwei Stunden bis zum Aufstehen bei ihr zu verbringen, lehnte Jackie dankend ab. Clara hätte in dieser Horrorsuite kein Auge mehr zugetan. Jackie hingegen schien den nächtlichen Vorfall einfach wegzustecken. Leider. Wäre es nach Clara gegangen, hätte sie die Arbeit am gemeinsamen Buchprojekt lieber heute als morgen abgebrochen. Doch Vertrag war Vertrag. Und Clara würde ihn erfüllen. Selbst wenn sie die Vorstellung, im Schlaf ausgezogen, gefesselt und rasiert zu werden, beängstigend fand. Wer immer das getan hatte, hätte Jackie auch umbringen können. Und vielleicht kam er schon bald zurück, um dort fortzufahren, wo er aufgehört hatte. Oder er stattete zur Abwechslung ihr, der Autorin der unerwünschten Biografie, einen Besuch ab. Clara fröstelte unter ihrer dünnen Sommerdecke. An Schlafen war noch immer nicht zu denken. Sie knipste das Nachttischlämpchen an, um eine Wolldecke aus dem Schrank zu holen. Und eine der Pillen, die ihre Angst betäuben würde.

***

Berauscht von deinem himmlischen Duft,

betört von deiner samtenen Haut,

begeb ich mich denn zur Ruh’,

die ich doch erst finde,

wenn du mir gehörst.

***

10

Clara wartete seit 20 Minuten mit ihrem Laptop im Mercedes und widmete sich ihren E-Mails, als Jackie endlich mit einem muskelbepackten Hünen im Schlepptau auftauchte.

»Guten Morgen, meine Liebe«, zwitscherte sie quietschfidel. »Das ist Sven, mein Bodyguard. Der Produzent besteht darauf, dass ich ab sofort rund um die Uhr bewacht werde«, erklärte sie gut gelaunt.

Der Zweimetermann mit den kurz geschorenen Haaren hatte zwischen den Frauen auf dem Rücksitz Platz genommen.

Über den Rückspiegel nickte Pedro dem blonden Riesen respektvoll zu.

»Morgen«, murmelte Sven und sah aus dem Fenster, um die Gegend auf mögliche Gefahren zu scannen.

»Hallo, Sven! Ich bin Clara Bodenstein. Freut mich sehr, dass Sie hier sind.« Clara war ehrlich erleichtert, dass der Koloss zu Jackies Schutz engagiert worden war. Solange er bei ihr war, würde sich kaum jemand in ihre Nähe wagen. So viel war sicher. Bloß auf der Rückbank war es ein wenig eng geworden. »Was dagegen, wenn ich mich nach vorn setze? Dann habt ihr beiden mehr Platz«, schlug sie vor.

»Nur zu«, erwiderte Jackie, während ihr Bodyguard weiterhin aus dem Fenster glotzte.

Clara hatte am Beifahrersitz Platz genommen, als Jackie ihr verriet, dass es Conny schon in aller Herrgottsfrüh gelungen war, Sven von Claudia Schiffer abzuziehen. »Ist das nicht nett von Claudia?«, fragte sie, als sich die Limousine in Bewegung setzte.

»Frau Schiffer ist immer sehr nett«, warf Sven ein, als müsse er das deutsche Supermodel vor dem losen Mundwerk der ihm anvertrauten Schauspielerin schützen.

»Habe ich etwas anderes behauptet, guter Mann? Ich bin Frau Schiffer sehr dankbar, dass sie sich bereit erklärt hat, in den nächsten Tagen auf Ihre wertvollen Dienste zu verzichten«, mimte Jackie die Grande Dame.

Clara war froh, dass der Bodyguard hinter ihr saß, sodass ihm ihr Grinsen nicht verriet, dass er gerade aufgezogen wurde. Während er nach einer angemessenen Antwort suchte, wechselte Jackie das Thema.

»Mark ist auf dem Weg hierher. Er möchte sich wohl überzeugen, dass an mir noch alles dran ist. Und dann wird er mir wieder mal meine Memoiren ausreden wollen«, sagte sie und seufzte theatralisch.

»Ist doch nur verständlich. Er macht sich bestimmt große Sorgen um dich«, meinte Clara.

»Das ist doch aber gar nicht mehr nötig. Wo wir jetzt doch unseren starken Sven haben.« Sie boxte den Riesen in den baumstammdicken Oberarm.

Sven reagierte überrascht. »Ja, Frau Benz. Ich meine, nein Frau Benz«, stammelte er.

»Na, was denn nun?« Jackie lachte. »Bereitet euch schon mal darauf vor, dass wir heute Abend nach Palma fahren. Mark will mit uns ausgehen, Clara.«

»Gerne, falls ich nicht einschlafe.« Clara gähnte aufs Stichwort. Vielleicht gelang es ihr ja zusammen mit Mark, Jackie von der Biografie abzubringen. Er schien zwar sterbenslangweilig zu sein, aber dafür umso vernünftiger. Clara gähnte noch einige Male, bis der Mercedes am Set eintraf. »Darf ich in deiner Suite bleiben, während du drehst?«, fragte sie, nachdem alle außer Pedro ausgestiegen waren.

»Sicher, meine Liebe. Ruh dich ein wenig aus, damit du abends fit bist«, schlug Jackie vor.

Unterwegs spürte Clara Sven in ihrem Rücken. Ob man sich jemals daran gewöhnte, ständig beobachtet zu werden? Für sie war das jedenfalls nichts, stellte sie fest.

Lucy und Jackies Kostümbildnerin Rebekka warteten bereits auf die Hauptdarstellerin. Sie mussten sich beeilen, um Jackie trotz ihrer verspäteten Ankunft rechtzeitig drehfertig zu bekommen. Nichts war schlimmer, als für teure Stehzeiten verantwortlich gemacht zu werden. Die beiden jungen Frauen würden zur Rechenschaft gezogen werden, wenn der Star nicht rechtzeitig am Set erschien. Selbst wenn es nicht ihre Schuld war, dass Jackie zu spät kam.

Lucys Hände zitterten, während sie die tiefen Augenschatten, die die kurze, aufregende letzte Nacht bei Jackie hinterlassen hatte, mit Camouflage abdeckte. Als die hysterische Stimme der Assistentin der Aufnahmeleiterin aus dem Walkie-Talkie plärrte, fuhr Lucy vor Schreck zusammen und rutschte mit dem Eyeliner aus.

»Verdammt noch mal! Pass doch auf!«, herrschte Jackie sie an.

Lucy brach in Tränen aus.

»Schon gut. Ist ja nicht so schlimm«, lenkte Jackie ein. »Was ist denn heute bloß los mit dir, Mädchen?«

Während Lucy zuerst den kohlschwarzen Ausrutscher, danach die eigenen Tränen wegwischte, erzählte Rebekka, dass sie heute Morgen erfahren hatten, was vergangene Nacht vorgefallen war.

Lucy schnäuzte sich lautstark.

»Man sollte euch allen einen Maulkorb verpassen. Wenn die Presse davon Wind bekommt, dann gnade euch Gott. Clara ausgenommen. Die war ja fast live dabei.« Jackie blickte über den großen Schminkspiegel zu ihrer Co-Autorin, die am Sofa hinter ihrem Rücken kurz vor dem Einnicken war.

»Keine Sorge«, erwiderte Rebekka. »Conny hat uns heute Morgen schon eine Standpauke gehalten. Wer nicht dichthält, fliegt nach Hause.«

»Worauf du deinen Hintern verwetten kannst. Vergesst die Geschichte ganz rasch mal wieder. Mir ist nichts passiert. Außerdem wacht Sven jetzt über mich.« Jackies Daumen wies über ihre Schulter zum Bodyguard, der mit verschränkten Armen und stoischer Miene die Tür blockierte. Ein lautes Knacken aus dem Walkie-Talkie kündigte die nächste dringliche Anfrage an. »Was ist jetzt mit der Benz, Lucy? Wir sind gleich drehfertig«, bellte die Stimme des Aufnahmeleiters aus dem Gerät.

Jackie nahm es Lucy aus der Hand. »Jetzt hab dich mal nicht so! Gib uns noch zehn Minuten. Dann bin ich unten bei euch«, schnauzte Jackie ihn über das Walkie-Talkie an.

»In Ordnung, Jackie. Exakt zehn Minuten«, gab sich der Aufnahmeleiter geschlagen.

Als Jackie zwölf Minuten später am Set erschien, war der große Innenhof mit der steinalten Zisterne fertig eingeleuchtet. Alle warteten auf ihren Plätzen. Während Reimann seiner Hauptdarstellerin Regieanweisungen gab, warf Ben Schlesinger ihr wütende Blicke zu, um klarzustellen, dass er Jackies Verspätung missbilligte.

»Straße ohne Schatten, Szene 56, die Erste!«, rief der Materialassistent und zauberte damit einen zu Tode betrübten Ausdruck auf Bens bleich geschminktes Gesicht.

»Und bitte, los!«, kommandierte Reimann.

Jackie sah Sekunden lang schweigend in die graublauen Augen ihres Filmpartners, wie es der Regisseur angeordnet hatte. Mit dem Blick eines weidwunden Rehs. Es war mucksmäuschenstill am Set, bis auf die schrillen Rufe der Mauersegler, die ihre Kreise am wolkenlosen Himmel zogen. Jackie sprach mit zittriger Stimme, als würde sie um Fassung ringen. »Du hast dich also entschieden?«

Ben nickte stumm und blickte betroffen zu Boden.

»Und ich? Darf ich denn gar nichts mehr für dich tun?«, fuhr Jackie fort, wobei sie ihre Stimme beinahe kippen ließ, um noch einen Tick verzweifelter zu klingen.

Ben hob langsam seinen Blick, sah ihr in die Augen und antwortete mit trauriger Miene: »Ich möchte nicht, dass du mit ansehen musst, wie mich die Krankheit allmählich dahinrafft.«

Jackies Augen hatten sich inzwischen mit Tränen gefüllt, die nun über ihre Wangen rollten. »Schick mich nicht weg von dir, Manuel, bitte! Ich liebe dich so sehr. Lass mich stark sein für dich. Für uns«, flehte sie verzweifelt.

Ben schluckte, strich sanft über ihre Wange, um eine Träne wegzuwischen. »Es gibt kein uns mehr. So versteh doch, Liebes. Es gibt nur noch dich. Sei stark für dich selbst, und lebe dein Leben weiter«, mimte er den Kraftlosen.

»Oh, Manuel«, antwortete Jackie mit erstickter Stimme, fiel ihm leise schluchzend um den Hals.

»Schnitt! Großartig, Jackie!«, rief Reimann und näherte sich Ben, während Lucy zu Jackie eilte, um mit der Puderquaste über Kinn und Nase zu gehen.

»Ben, dieser leere Blick am Ende war sehr gut, aber danach schließ langsam die Augen. Wie ich es dir vorhin erklärt habe. Okay?«

Ben nickte. »Ja, ja. Schon verstanden«, bestätigte er dem Regisseur.

»Alles wieder auf Anfang!«, rief der Regieassistent, bevor die Klappe erneut geschlagen wurde. Nach drei Takes war die Einstellung im Kasten. Das Licht wurde für die nächste Szene umgebaut.

Nach einem kurzen Nickerchen arbeitete Clara in Jackies Suite an ihrer Story über die Dreharbeiten weiter. Die passenden Setfotos hatte sie bereits ausgewählt.

Schade, dass es vom Zwischenfall der vergangenen Nacht keine Bilder gab, überlegte sie. Sie hätten der UP mit Sicherheit eine neue Rekordauflage beschert. Wenngleich gewisse Stellen der gefesselten Diva verpixelt werden müssten, um der Leserschaft keine allzu nackten Details zu präsentieren. Die wenigen Persönlichkeitsrechte, die eine öffentliche Person wie Jackie Benz noch hatte, mussten schließlich gewahrt bleiben. Ob Clara solche Fotos veröffentlicht und eine einstweilige Verfügung riskiert hätte? Zu einem späteren Zeitpunkt ganz bestimmt, musste sie sich selbst eingestehen. Als Chefredakteurin der UP hätte sie gar nicht anders können. Fotos einer nackt ans Bett gefesselten Jackie Benz wären der Knüller des Jahres gewesen. Ach was, des ganzen letzten Jahrzehnts. Ein Paparazzo hätte mit solchen Fotos ein Vermögen verdient, überlegte sie und fühlte sich auf einmal ziemlich schäbig.

***

So schenk es mir,

dein tapferes Herz.

Es schlägt für uns,

uns, uns, uns …

im Rhythmus der Ewigkeit.

***

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22 декабря 2023
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9783839268483
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