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Nakam heißt hebräisch Rache

… und 90 Tage war die Lebensdauer eines Häftlings im Durchgangslager eines KZ. Der 91. Tag ist also Symbol des Widerstands und Überlebenskampfes gegen die Nazis.

„Alle historischen Beschreibungen, Daten, Zahlen, Fakten, insbesondere Angaben über Tötungen und Vernichtungen, sind entnommen den französischen X-21-Dokumenten und den Protokollen der L‘IHA Paris-Forschungen zur westeuropäischen Geschichte.“

Spa, März 2020, Claude-Oliver Rudolph

Wir schreiben das Jahr 1941

Zwei jüdischen Buben gelingt die irrwitzige Flucht aus der Hölle des Todeslagers Kaunas in Litauen. Eine waghalsige Odyssee auf der Flucht vor den Häschern der Wehrmacht und der SS führt sie quer durch ganz Europa, über die unendlichen Steppen Russlands, die schneebedeckten Gletscher des Kaukasus, über das sturmgepeitschte Schwarze Meer nach Konstantinopel. Über das Mittelmeer bis nach Südfrankreich, direkt in den Terror der deutschen Panzertruppen und ihrem Zerstörungswerk in Marseille. Weiter durch Frankreich und Spanien, den gesamten Jakobsweg ins rettende Lissabon und tatsächlich auf das letzte Flüchtlingsschiff gen USA. Doch dem Tod sind sie noch lange nicht entronnen… Sie sind im größten Abenteuer der Welt!

Eine Geschichte voller Dramatik, Brutalität und trotz allem ein Buch mit einem guten Ende und vor allem voller Zuversicht, Esprit sowie an manchen Stellen mit einem zwinkernden Auge.

Eine zeitgemäße Antwort gegen eine erstarkende rechte Szene!

Ein spannendes und ergreifendes Buch für jugendliche Leser*innen und Erwachsene – gegen das Vergessen.

„So grausam! Keine Gute-Nacht-Lektüre!”

Petra Zündel, SWR

„So eine Literatur gibt es noch nicht…Tarantino-Literatur“

Norbert Bogdon, BAMS

„…sehr bizarr!“

Kitty Pohl, BILD

„Spektakulär realistisch. Mazel tov.“

Oren Schmuckler, Regisseur, Tel Aviv

„Emotional kaum verkraftbar!“

Wolfgang Petersen, Hollywood

„Bloody truth!“ Henry Scheiner, 105 Jahre alt,

Holocaust-Überlebender, London

„Wow. Das ist großartig. Ich bin tief beeindruckt.“

Sharon Brauner


Claude-Oliver Rudolph/COR „der genialistische Rebell“ (Zeit) hat sich mit Kultfilmen wie Das Boot, Rote Erde, Der Schattenmann, König von St. Pauli, Liebe mich bis in den Tod bis hin zu James Bond in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt.

Bis zur Einschulung lebte er bei seiner Familie mütterlicherseits in Frankreich in einem kämpferischen Résistance-Haushalt. Später bei seinen Eltern wuchs er im jüdisch geprägten Milieu des internationalen Pelzhandels in Frankfurt und London auf.

Parallel zu seiner Schauspielkarriere begann COR – „Der beste Bösewicht der Welt“ Bild, „Europe‘s baddest baddie“ Variety, „Einer der größten Charakterdarsteller des Landes“ Spiegel – seine Autorentätigkeit u.a für die Ruhr Nachrichten und Zeit online.

Viele seiner Drehbücher wurden verfilmt, im Buchhandel erschienen Martial Arts Breviere und Psycho-Physio Ratgeber.

Für internationale Bands schrieb er Biografien und Videoclips, so für Hans Albers, Metallica und Motörhead.

Als internationale Erfolge konnte er mit Motörhead den Grammy und Platz 10 der US-Charts verbuchen als auch den European Script Award aus der Hand von Oscar-Preisträger Sir Richard Attenborough.

Nakam oder der 91. Tag

Geschichte einer irrwitzigen Flucht

Claude-Oliver Rudolph

Dramaturgische Beratung:

Dr. Bettina Wilts

Verlag:

basic erfolgsmanagement, Pfarrkirchen, 2021

www.basic-erfolgsmanagement.de

ISBN 978-3-949217-06-7

eISBN 978-3-949217-07-4

Lektorat:

Josef Nöhmaier

Koordination und Organisation:

Medienbüro Susanne Wagner, Pfarrkirchen

Umschlaggestaltung, Layout/Satz:

Michaela Adler, Pfarrkirchen

Bildrechte:

Cover: © Adobe Stock – ChiccoDodiFC, Sergii Moscaliuk

Portrait: © Uwe Weber, www.zeitraster.de

Made in Germany


Die Romanhelden:

Franz Finkeldei,

später Fred Finkel,

am Anfang etwa 11 Jahre,

geboren 1929.

Mikesch Miljenko,

später Big Miles Miller,

am Anfang etwa 13 Jahre,

geboren etwa 1927.

COR hat einen beeindruckenden Roman über die Flucht zweier Kinder aus dem Todeslager in Litauen geschrieben.

Als Quelle der Erlebnisse im KZ dienen die französischen X-21 Dokumente und die Protokolle der L‘IHA Paris „Forschungen zur westeuropäischen Geschichte“.

Eine weitere authentische Quelle lieferte ein KZ-Überlebender, bei dem COR in London als Austauschschüler lebte.

Die Erlebnisse dieses Zeitzeugen spiegeln sich in den beschriebenen Folterszenen wider.


Achtung: auf den Seiten 1 - 88 finden sich Szenen extremer Grausamkeit. Wenn Sie diese nicht lesen möchten, überspringen Sie diese Seiten.

Dieses Buch ist ein Beitrag zum Jubiläumsjahr

„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

Mai 2021

Gefördert durch das Programm des Börsenvereins

„NEU START KULTUR“

„Ich kann heute feststellen, daß das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr. Die Aktionen selbst können als Paradeschießen betrachtet werden…

Die sogenannten Arbeitsjuden inkl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen, was mir jedoch scharfe Kampfansage des Reichskommissars und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste.“

SS-Standartenführer Karl Jäger am 1.12.1941

Inhalt

Nakam heißt hebräisch Rache

Wir schreiben das Jahr 1941

Los Angeles heute

1941

BAHNHOF WEINSTEIN

NACH LITAUEN

AUSSENLAGER KAUNEN

KONZENTRATIONSLAGER KAUNEN

IN DEN WÄLDERN LITAUENS

SS FEIERT

KZ-CHAUSSEE

KZ-ALLTAG

SS-KASERNE

KOMMANDANTUR

KREMATORIUM

KZ-ALLTAG

KREMATORIUM

SS-KASERNE

AUF LEICHENBERGEN

LAGERALLTAG

VORHOF KOMMANDANTUR

BLOCK 11

SONDERKOMMANDO UNTERKUNFT

KZ-ALLTAG

KRANKENSTATION

ARZTZIMMER

SONDERKOMMANDO UNTERKUNFT

KOMMANDANTUR, VILLA

APPELLHOFPLATZ

SONDERKOMMANDO, WERKZEUGHALLE

KOMMANDANTUR, VILLA

SONDERKOMMANDO UNTERKUNFT

TAG DES GROSSEN FESTES

DIE FLUCHT BEGINNT

LITAUEN LANDSTRASSE

TUNDRA

EIN BÖSER TRAUM

DURCH DEN WILDEN OSTEN

HAFEN VON MYKOLAIV 1942

KINDERGEFÄNGNIS

ERNEUTE FLUCHT

RUSSISCHE TIEFEBENE

UNTER WOLFSKINDERN

BÄRENJAGD

DIE WEISSE HÖLLE

IN DEN SCHLUCHTEN DES KAUKASUS

MARSEILLE

AM RHONEGLETSCHER

FLUCHT NACH SPANIEN

DURCH DIE PYRENÄEN

PORTUGAL

AN BORD

TOD AUS DER TIEFE

be‘esrAt ha‘schEmm (MIT GOTTES HILFE)

LOS ANGELES HEUTE

Quellen

Los Angeles heute

Presserotationsmaschinen spucken immer neue Titelschlagzeilen aus: „I confess!“ „We are killers!“ „Yes, we did it!“ „Murderers?“.

Auf sämtlichen Titeln: die Bosse der amerikanischen Filmindustrie Frank Finkel und Big Miles Miller. Pressekonferenz im Academy Theatre in L.A. Der Andrang der Journalisten, der Printmedien und der TV-Stationen hat etwas Unwirkliches, Hysterisches, Utriertes und erinnert an inszenierte Presseshows während des Balkan-Krieges oder des Clinton/Lewinsky-Skandals. Teilweise rempeln sich konkurrierende Kameraleute und Tonleute unsanft an. Big Miles und Frank Finkel auf dem Podium, flankiert von Anwälten und PR-Beratern. Als die ersten Blitzlichtgewitter vorübergezogen sind und nur noch vereinzelt ein Flash aufzuckt, klopft Big Miles zum Test auf die Mikros vor ihm auf dem Pult. Finkel trinkt betont cool aus einem Evian-Plastikbecher. Big Miles: „Meine Damen und Herren! Kommen wir gleich zur Sache! Ja, wir haben getötet! Ja, wir haben Menschen ermordet. Ja, wir haben es getan!“

Kameras surren, Mikrofone geben Rückkopplung, die Menge raunt, Blitzlichter zucken. Tumult, plärrende Zwischenfragen, heilloses Durcheinander. Frank Finkel tupft sich die Lippen ab und spricht: „Schauen Sie, wir haben alles aufgeschrieben, Punkt für Punkt, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr um Jahr. Und wir haben alles in einen Film gepackt, drum wollen wir nicht länger reden über das Unfassbare, Jungs, lasst uns den Film gemeinsam anschauen, und natürlich auch Mädchen. Der Worte sind genug gewechselt, lasst Taten folgen. Drum: Licht aus! Film ab!“

Im Projektionsraum geöffnete Filmpropeller. Eine Hand legt letzte Filmschleifen in den Umroller. Die Sicherheitsklappe wird geschlossen, der Starterknopf wird umgelegt. Mit dem typischen sirrenden Rasseln setzt sich die Filmspule in Bewegung und der Lichtstrahl beginnt den Film auf die Leinwand zu werfen. Die Lichter werden gedimmt, als sie ganz verlöschen, öffnet sich der rote Samtvorhang, und der Film beginnt im untergehenden Gemurmel der überraschten Presseleute.

Im Morgennebel die Statue of Liberty an einem eiskalten Vorfrühlingstag im Jahr 1945. Am Oberdeck zur dritten Klasse der „Serpa Pinto“ stehen Arm in Arm, die kalte Meeresluft als weißen Atem aus Mund und Nase blasend, Franz Finkeldei und Mikesch Miljenko als Kinder von etwa 13 und 15 Jahren. Über ihre Mützen haben sie gegen die Kälte noch einen Schal gebunden, damit sieht es so aus, als hätten sie Mumps oder Ziegenpeter.

Franz nickt anerkennend: „Aber du hast ja immer daran geglaubt, dass wir es schaffen.“

Mikesch: „Schmonzes… Ehrlich gesagt habe ich nie daran geglaubt, dass wir es schaffen, aber … das weiß man ja nie…“

Mit Tuten und Gegengetute der nahenden Schlepper macht die „Serpa Pinto“ auf sich aufmerksam und bahnt sich langsam ihren Weg durch die weit ausladenden Hafenanlagen zum weiter entfernten Anlegerkai, dem Tor für viele Flüchtlinge in eine neue Welt, Ellis Island.

1941

Hohenstein, mitten in der Stadt, besser gesagt, dem kleinen Flecken Hohenstein wird Franz Finkeldei auf der Straße von SS-Leuten aufgegriffen und zusammen mit etwa 15 Leidensgenossen in einen feuchten Keller gesperrt. Am Morgen werden alle auf einen vergitterten Leiterwagen, der von zwei Ochsen gezogen wird, geladen. Hintendrein fährt ein weiterer Wagen mit Leichen, hintendrein fährt ein Wagen mit streng riechendem Chlor. In einem Waldstück vor eine Grube wird der Leichenwagen ausgeladen.

Neugierig sehen die Gefangenen von ihrem Leiterwagen zu. So viele Leichen hat Franz noch nicht auf einem Haufen zusammen gesehen. SS-Leute werfen jede einzelne in die vorbereitete Grube. Als das Chlor über die Toten geschüttet ist, beginnt der Transport sich in Richtung Bahnhof in Bewegung zu setzen.

BAHNHOF WEINSTEIN

Am Bahnhof sieht man etwa 1.000 bis 1.200 Menschen, Männer, Frauen, die vor einigen Tagen niedergekommen waren, die mit ihren Babys abgeführt werden, gebrechliche Greise, die man auf Bahren transportiert, Verwundete, kleine Kinder mit Milchflaschen im Arm, etwa 40 Personen werden in einen Güterwagen gepfercht, auf dem rechts auf der Holzwand steht: Ladung acht Pferde. In der Mitte des von außen verriegelten Waggons ein Eimer für die Bedürfnisse der Menschen, der bereits übervoll ist, überläuft und dessen Brühe einen furchtbaren Gestank verbreitet. Jetzt werden die eisernen Jalousien der Oberlichter geschlossen, mit einem ohrenbetäubenden Pfeifen setzt sich der ganze Zug in Bewegung, und die Brühe schwappt wieder über. Später verrichten manche ihr Geschäft direkt in den Waggon, und die Übrigen müssen in diesem Pestgeruch ausharren. Die Reise dauert vier bis fünf Tage. Über unendliche Bahngleise geht es in die ewigen Weiten des Ostens.

NACH LITAUEN

Der Gefangenentransport hält zischend und Dampf ablassend. Einfahrt in den Provinzbahnhof der östlichen Grenzstadt Tauroggen im Grenzgebiet zu Litauen. Durch die Schlitze in den Bretterwänden erkennen die Gefangenen Schwestern vom Roten Kreuz, die Versorgungskarren mit belegten Broten, Wasser und Tee über die Bahnsteige schieben, um Soldaten und Wachpersonal zu versorgen.

Einer fleht: „Schwester! Schwester! Bitte haben Sie ein wenig Wasser für uns?“

Schwester: „Es gibt für Euch kein Wasser!“

Und ab schiebt sie mit ihrem Erfrischungswägelchen. Die Augen Franz‘ treffen den Blick des Bittenden, der ungläubig seinen Kopf schüttelt. Das Pfeifen der Lokomotive durchbricht die Stille. Im Pfiff der Dampflokomotive setzen sich die schwarzen Räder wieder in Bewegung. Aus der Ferne, aus den Trichtern der Lautsprecher ertönt Musik in Marschmanier, etwa der „Badenweiler“. Und weiter geht die Fahrt Richtung Osten, Litauen. Aus Tag wird Nacht und Nebel verschluckt die baumelnde Schlusslaterne des Zuges. Im Waggon die dicht gedrängten Menschen, sie können weder liegen noch sitzen, sondern kauern oder stehen in den unmöglichsten Stellungen. Kein Wasser, eine Gluthitze, keine Luft, manche versuchen, mit Taschenmessern die Luftklappen ein wenig zu verbiegen und zu öffnen. Ein Gefangener stirbt an einem Erstickungsanfall. Andere an Herzanfällen. Das Gewimmer und das Surren von Gebeten werden schlimmer. Als der Zug dampfend und schwitzend in Gubinau einfährt, hört man aus den Waggons nur flehentliche Stimmen, die um Luft bitten.

Ein deutscher Offizier: „Ihr habt das, was ihr verdient!“

Rot-Kreuz-Schwestern werden wie schon vor Stunden angebettelt. Stimmen aus dem Waggon ertönen: „Bitte gebt uns Wasser!“

Wieder stehen Franz und der Gefangene am Sichtschlitz. Der Gefangene bittet mit seinen Fingern durch die Lamellen: „Bitte! Gebt mir nur ein wenig Wasser. Wenigstens für die Kinder. Die sind halb tot vor Durst.“

Schwester: „Ausgeschlossen!“

Der Gefangene sieht einen deutschen Polizisten am Gleis stehen und bittet ihn: „Herr Schutzmann, schauen Sie hier, bitte helfen Sie uns! Nur ein wenig Wasser, die Schwestern wollen uns nichts geben.“

Er hat noch nicht zu Ende gesprochen, als eine Pistolenkugel des angesprochenen Polizisten vor ihm in die Ladewand knallt, um ihm den Mund zu stopfen. Der Zug dampft unter Pfeifen und Zischen aus dem Bahnhof heraus, und immer schneller donnert er über die Gleise, vorbei an ewigen Ebenen, dampfenden Mooren und schneebedeckten Weiten. An Ortsschildern wie: Priez Englau, Eytkau und Ragniff. Endlich kommt der Transport um 17 Uhr am darauffolgenden Tag am Bestimmungsort im winterlichen Kaunen an. Kein richtiger Bahnhof ist Ziel des Zuges, nein, in freiem Gelände markieren einige Bahngleise mit Rampen den Halt des Zuges. An der Rampe in Kaunen Schreie, unheimliches Bellen. Der Waggon wird aufgerissen und SS-Leute drängen mit ihren Schäferhunden die Menschen heraus und über allem schneidende, hysterische Laute durch deutsche Befehle und Hundegebell. Mit Gewehrkolbenschlägen, Bajonettstößen, Stockhieben und Hundebissen will man der Menschenmenge Herr werden. Diejenigen, die fallen und nicht mehr aufstehen können, werden von den Hunden zerrissen. Die Toten, die Sterbenden und alle diejenigen, die nicht mehr gehen können, werden auf einen Haufen geworfen. Gepäck und Pakete übereinandergestapelt. Über die letzten Menschen hinweg werden die Waggons bereits ausgespritzt mit eiskaltem Wasser. Manche der Kinder, die ein wenig Wasser abhaben wollen, werden sofort erschossen. Ein SS-Mann wirft ein Kind an den Füßen in die Luft, während ein anderer auf diese lebende Zielscheibe schießt: Als es wieder klatschend auf dem Steinboden aufkommt, ist es bereits tot. Etwas weiter reißt ein SS-Mann ein Baby aus den Armen seiner Mutter und zerreißt es in Stücke, indem er es an einem Bein zerrt und auf dem anderen mit seinem Fuß steht.

Ein Offizier schreit zur Begrüßung: „Alle müssen sich ausziehen!“

Ein anderer Offizier trennt die Frauen, Kinder, Greise und Männer an der Rampe. Er hat einen Zollstock und misst die kleinen Kinder durch. Die meisten stempelt er auf Brust oder Schenkel. Die Gefangenen ziehen unter Stockschlägen und Hundebissen nackt und einzeln an dem SS-Offizier vorbei. Mit einem Zeichen des Fingers gibt er die von ihnen einzuschlagende Richtung an. Nach links die Männer zwischen 15 und 45 Jahren und natürlich die jungen Frauen, das heißt die arbeitsfähigen und hübschen Menschen, nach rechts der ganze Rest des Transportes. Frauen und Kinder, Greise, Kranke, die Unnützen, die Unverwertbaren. Franz sieht nach kurzer Zeit, wie der Offizier bewertet, und macht sich größer und pumpt seinen Brustkorb auf. Glück gehabt! Links weg.

Vom Bahnhof zum eigentlichen Lager (etwa 5 Kilometer) werden die Selektierten unter Kolbenschlägen und Hundebissen zum Laufschritt getrieben. Der ganze Weg muss barfuß im Schnee und Schmutz zurückgelegt werden. Mit Faustschlägen auf den Kopf, in den Rücken und mit Fußtritten befehlen die SS-Männer zu laufen. Manche Menschen sind schon starr vor Schrecken und ihre Beine versagen ihren Dienst. Die, die umfallen, werden mit Kolbenschlägen niedergemacht oder erschossen. Und über allem das Heulen dieser verrückten Hunde.

Hinter der Kolonne folgen die Sammellastwagen, auf denen die Toten aufgehäuft werden. Niedere Dienstgrade oder Freiwillige werfen sie hoch wie verbogene alte Eisenstangen.

AUSSENLAGER KAUNEN

Bei ihrer Ankunft wird die Kolonne ausgerichtet und es wird ihnen verboten, sich zu setzen oder zu sprechen oder Schnee zu essen. Einige, darunter Franz, klauen trotzdem etwas Schnee. Von Zeit zu Zeit fällt einer um. Vor dem Eintritt ins Lager Prüfung der Häftlinge. Jeder Gefangene wird aufgerufen und muss seinen Namen angeben. Wer wegen Kälte und Frost an den Lippen undeutlich oder für die Deutschen in einer unverständlichen Sprache antwortet, beispielsweise Französisch, erhält einen Schlag mit dem Gummiknüppel. Die jungen Mädchen und Frauen müssen sich nach vorn bücken und werden ausgepeitscht. Sie erhalten 30 Peitschenhiebe auf das nackte Gesäß. Mittlerweile sind hinzugekommen der Lagerführer, ein Arzt und die Oberaufseherin. Vor dem Eingangstor zum eigentlichen Lager sind junge SS-Leute aufgestellt, die auf die Ankömmlinge einschlagen, sei es mit der Faust, mit dem Gewehrkolben, oder mit den Füßen nach ihnen treten. Wie immer und über allem das Gebrüll der Befehle auf Deutsch. Da das Lager bereits überfüllt ist, gibt es ein kleines, von Stacheldraht umzäuntes Geviert im Freien, in das die Gefangenen geprügelt werden. Dort verharren sie ohne Nahrung bei 12 °C unter null nackt im Schneefall.

KONZENTRATIONSLAGER KAUNEN

In der Nacht müssen die Menschen in Reihen zu dritt und im Laufschritt marschieren, um die etwa 1.000 Meter zu den Baracken zurückzulegen. Wenn einer nicht im Gleichschritt läuft oder den Kopf wendet, bekommt er einen Schlag mit dem Gewehrkolben oder einen Fußtritt. Gleich bei der Ankunft in der Baracke werden Tätowierungen auf dem linken Unterarm angebracht, aber nicht mit Tinte, sondern den Menschen werden Ziffern mit einem glühenden Eisen eingebrannt. Komischerweise sieht Franz sogar Babys und überlebende Kinder, die tätowiert werden.

In der Desinfektion werden alle Körperteile, Ohren, Gesäß etc. untersucht, ob auch nichts versteckt ist. Beine auseinander, bücken, Finger in den Anus, wenn da, Vorhaut zurück, Finger in die Vagina, alles ohne sich die Hände zu waschen, in Gegenwart der SS-Männer und ihrer Hunde, die auf die nackten Gefangenen springen, wenn sie sich zu nähern wagen. Nun beginnt ein vollständiges Rasieren aller Haare mit elektrischen Rasierapparaten oder der Schermaschine. Kein behaarter Teil des Körpers entgeht dem Rasiermesser. Franz nimmt wahr, dass nicht allen Frauen die Haare geschnitten werden.

Eine dralle, kurzbeinige Oberaufseherin mit ekelhafter, heller, schneidender Stimme. „Immer mit der Ruhe! Nun beruhigt Euch schon. Tierische Webstoffe sind wärmer als pflanzliche. Also beruhigt Euch, nichts geht verloren! Die deutsche Industrie verwertet alles. Mit euren Haaren werden wir Decken, Kleidungsstücke usw. machen. Die, die nichts anzuziehen haben, bekommen gleich ein paar SS-Decken. Wie sie auch unsere Hunde tragen. Diese sind aus euren Haaren gemacht.

Nicht drängeln, Ruhe und Ordnung!“

Franz‘ ungläubiger Blick fällt auf ein paar Schäferhunde, die tatsächlich Decken mit der Aufschrift „SS“ tragen.

Im zweiten Zimmer ist die Desinfektion untergebracht. Die Desinfektion sieht bei den Gefangenen ein Absprühen mit einer ekelerregenden Kotzhusten verursachenden weißen Melange vor, welche die Aufseher allerdings nur mit einem Atemgerät vornehmen.

Drittes Zimmer: Bekleidungszimmer. In der sogenannten Bekleidungskammer werden den Gefangenen Lumpen ausgehändigt von Toten oder Ermordeten mit Flecken, Blut, Fäkalresten und Löchern übersät. Nur Hose, Jacke und Hemd sind erlaubt. Pullover und Mäntel sind verboten. Holzsandalen, die nur aus einer Sohle aus Buchenholz bestehen, mit einem einfachen Band über dem Fußspann.

Wohnbaracke: Durch die Kälte wie gelähmt und selbstverständlich ohne Essen und Trinken müssen die Neuankömmlinge im Laufschritt in ihre Wohnbaracken eilen. Fünfzig Holzbaracken und zwanzig Zementbaracken für 16.000 Menschen eingerichtet, bilden das eigentliche Konzentrationslager. Franz kommt mit seinem Trupp in die Baracke. Der Stubendienstälteste, ein Berufsverbrecher, teilt die Ankömmlinge in die Schlafräume. Franz wird mit elf anderen in ein Gefach von 4 m Breite, 1,85 m Länge und 1,60 m Höhe eingepfercht. Etwa 900 Häftlinge liegen so. Das heißt, sie haben nicht genug Platz, um auf dem Rücken zu schlafen, der Kopf jedes Häftlings ruht auf den Füßen seines Vordermannes. Wenn sie sich umdrehen wollen, müssen sich ihre Nachbarn ebenfalls umdrehen. Nach einer Weile gibt Franz es auf, Schlaf zu suchen, er inspiziert lieber seine Decke. Es wimmelt nur so von Ungeziefer.

Er will raus zum Abort. Frauen schlafen in den Aborten und sogar im Freien. Franz verrichtet sein Geschäft. Beim Herausgehen sieht er auf einem Thermometer: - 32 °C. Er schließt die Tür hinter sich.

Wecken um halb vier morgens mit infernalisch lautem Trillerpfeifenlärm. Wer nicht schnell genug aus dem Bett kommt, wird mit kaltem Wasser begossen. Franz wird schlaftrunken in der Masse der Gefangenen mitgezogen und reiht sich ein. Kapos, Blockführer und der Lagerälteste lassen antreten und durchzählen. Als die Gefangenen fertig sind, müssen sie auf ein Zeichen des Lagerältesten beim letzten Mann wieder anfangen, und die Zählung geht von hinten wieder aufs Neue los. Es ist kalt an diesem tristen Morgen. So geht das weiter bis halb sechs. 16.000 Menschen in Reih und Glied unbeweglich und zu Eis erstarrt. Viele Kameraden fallen beim Morgenappell um. Niemand darf sie aufheben, das ist verboten. Dann kommen allmählich die ersten SS-Männer. Natürlich schwankenden Schrittes. Teilweise mit Hunden an der Kette.

Einer fragt den Blockältesten: „Wie viel Abfall?“

Blockältester: „Zehn Mann.“

„So wenig? Durchzählen!“

Blockältester: „Haben wir schon gemacht.“

SS-Mann: „Durchzählen, Mann. Bist du taub?“

Blockältester: „Jawohl, Untersturmführer. Durchzählen!“

Alle, die bewusstlos umgefallen sind und nicht antworten beim Appell, werden von den Kapos auf die Totenliste gesetzt und mit Stockschlägen umgebracht. Unterdes geht das Zählen weiter.

Plötzlich geht ein Raunen durch die Reihen.

SS-Mann-Unterscharführer: „Schnauze! Ihr Dreck!“

Über die lange, schnurgerade Chaussee vom SS-Block her kommen der Lagerführer, der SS-Chefarzt und der Lagerkommandant.

Einer tuschelt zu Franz: „Ich warn‘ dich, der ist verrückt. Vor dem musst du dich in Acht nehmen.“

Hinter dem Chef, dem Kommandanten, dessen ausgesucht gepflegte Erscheinung in seiner hochdekorierten SS-Uniform an die Unwirklichkeit eines Operetten-Offiziers inmitten des Schmutzes und des Drecks erinnert, gehen zwei SS-Männer mit Wolfshunden, deren Augen durch zu viel Fleischfütterung blutunterlaufen sind. Theatralisch hält er vor einem kleinen Podest, Fackelträger entzünden links und rechts von ihm bengalische Feuer. Er steigt auf das Podest. Auf ein Zeichen von ihm beginnt eine KZ-Trio-Besetzung Beethoven zu spielen und er redet ins Mikrofon:

„Sie haben das Recht auf Leben verwirkt. Aufgrund von Rasse, Nationalität, Religion oder Politik. Wir schulen Sie hier in unserer Gemeinschaft, ein besserer Mensch zu sein. Um einen deutschen Ausdruck zu gebrauchen, wir organisieren Euch neu. Die linke und die rechte Hand des Führers, die des Künstlers und die des Baumeisters, werden in uns ihre Werkzeuge finden. Ich gebe den Gefangenen bekannt: Eine Lagerordnung ist nirgendwo angeschlagen oder wird den Gefangenen auf andere Art und Weise bekannt gegeben, denn eine Lagerordnung existiert nicht. Nichts wird verboten, weil alles verboten ist. Etwas, das an einem Tag erlaubt ist, ist am nächsten Tag verboten und bedeutet Korrektur durch Ordnungskräfte der SS. Unsere Karteikarten geben nicht ihre Namen an, sondern nur die Zahl der Gefangenen. Wenn zum Beispiel der Lagerführer irrtümlich einen Todesfall vermerkt, was in Folge der außerordentlich hohen Todesraten häufig vorkommt (süffisantes Lachen), wird der Fehler einfach durch die Auslöschung des Trägers der betreffenden Nummer korrigiert und somit gutgemacht. Jeder Häftling trägt seine Nummer auf der linken Seite des Innenarms und auf dem rechten Schenkel. Auf der Jacke befindet sich die identische Nummer, direkt darunter ein Dreieck aus farbigem Stoff. Auf dem Dreieck die Nationalität des Häftlings, also F für Franzose, P für Polen, R für Russen usw. Arische Häftlinge tragen keinerlei Angaben der Nationalität. Die farbigen Dreiecke bedeuten rot – politische Gefangene, grün – kriminelle, schwarz – asoziale, rosa – meine ganz besonderen Freunde, (zum Arzt gewandt, der ihm mokant und hündisch zulächelt), violett – Bibelforscher, rot mit gelben Zacken – Juden, mit ihrem schmucken Davidstern besonders gut zu erkennen. N.N. – Nacht und Nebel, zum Tode Verurteilte.“

Auf sein Zeichen erstirbt die Musik.

„Jetzt wissen Sie, woran Sie sind, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Kaunas. Suum cuique. Für die, die nicht Latein können: Jedem das Seine. Heil Hitler!“

Aus 16.000 Kehlen hallt ihm ein „Heil Hitler“ entgegen.

SS-Kommandant zu Lagerführer: „Hat mich etwas ermüdet, muss mich erst einmal ausruhen, ein wenig. Gibt es neue Judenweiber?“

Lagerarzt wühlt aus der Masse einige der schönsten und gesündesten nackten Mädchen aus und die SS-Leute bedeuten ihnen mitzugehen. Nun kommen SS-Unteroffiziere vor die Reihen der Blöcke von etwa 90 Mann und schreien ihre Befehle. Wie ein unendlicher Kanon setzt sich die Schreiorgie im Hall des Echos bis zum letzten Mann fort.

SS-Männer: „Frühstück fassen! In einer Reihe aufstellen zum Frühsport.“

Gruppenweise richten sich die Gefangenen eines Blocks in einer Reihe aus.

SS-Männer: „Auf alle viere!“

Die Gruppen gehorchen ächzend und stöhnend.

SS-Männer: „Zur Kaffeeverteilungsstelle auf allen vieren! Marsch!“

Und die Karawane der Unglücklichen kriecht die 150 m zur Verteilungsstelle. Dort angekommen befehlen die SS-Männer: „Auf! Auf! Auf! Und zurück im Laufschritt! Marsch! Marsch!“ Und die Unglücklichen müssen im Zuckeltrab an ihren Ausgangspunkt zurück. Dort angekommen befehlen SS-Männer: „Und nun hüpfen wir alle zur Kaffeeverteilstelle. Abmarsch! Los!“

Alle Kommandos sind selbstverständlich geschrien und von Schlägen begleitet. Als die Gefangenen endlich an der Verteilstelle angelangt sind, sieht Franz, was es als „Frühstück“ gibt: Schwarzes Wasser, das mit geschmolzenem Schnee gemacht wird, Brennnesselblätter, Runkelrüben, Suppe mit Kohlstrünken und Gemüseabfällen. Die Suppe ist schon so lange draußen, dass sie zu einem Eisblock gefroren ist. Sie wird mit Hackmessern portionsweise verteilt.

Franz zu einem Mithäftling: „Wie soll ich die denn essen?“

Kamerad: „Es ist verboten, ein Messer zu haben oder einen Löffel. Du musst sie halt so essen.“

Er bricht mit den Händen eine Portion ab: „Und sie im Mund auftauen lassen. Siehst du?“

Und er stopft sich den Brocken in den Mund.

Franz tut es ihm nach, schaut sich um, versucht auf den Latrinensitzen zu essen. Von den Häftlingen haben einige einen Teller, die anderen einen abgeschnittenen Gasmaskenfilter oder wieder andere ganz verrostete Konservendosenbüchsen. Alle essen aus unvorstellbaren Gefäßen in unvorstellbarer Geschwindigkeit. Franz wird gleich sehen warum. Plötzlich bricht in diese scheinbar harmonische Situation eine dumpfe Sirene, die asthmatisch atmet. Die Gefangenen erheben sich und werden in Gruppen zum Abort geprügelt. Die Latrinen bestehen aus zwölf am Eingang der jeweiligen Baracken aufgestellten Holzkisten, deren Fassungsvermögen für die Bedürfnisse von 900 Menschen absolut unzureichend ist. Der herausrinnende und überlaufende Inhalt dieser improvisierten Aborte läuft den Flur entlang bis zu den Brettern, auf denen die Gefangenen schlafen. Trotzdem wird jeder, der sich vor den überlaufenden Latrinen ekelt, in die Gegend urinieren will, mit Knüppelschlägen bestraft. Franz sieht unglaubliche Dinge: Frauen, die mit Fehlgeburten niederkommen, wickeln die Neugeborenen in alte Zeitungsreste und werfen sie neben den ihr Geschäft Verrichtenden in den Graben unter dem Abort. Man muss immer nacheinander in den Abort gehen. Ein Aufseher, ein Kapo, steht vor der Tür und beginnt, sobald ein Gefangener die Tür hinter sich geschlossen hat, zu zählen. Er zählt bis zehn, dann reißt er die Tür auf. Und wer nicht fertig ist, kriegt mit dem Knüppel eins auf den Kopf. Manch einer fällt erschlagen in die Grube, anstatt den Abort zu verlassen. Das Hinausgehen wird von einem Kapo, also einem mit grünem Winkel kenntlich gemachten Berufsverbrecher, beschleunigt, der auf einem Fass steht und mit einem langen Knüppel auf die Hinausgehenden einschlägt. Genauso plötzlich, wie sie begonnen hat, erlischt die Sirene. Der Abort ist sofort zu verlassen.

SS-Männer schreien und blasen auf Trillerpfeifen: „Abmarsch! Waschstunde!“

900 Menschen werden mit Franz‘ Gruppe durch einen Raum geschleust, der Platz für höchstens 60 Menschen bietet. Das Waschen muss in dem gesamten KZ in höchstens einer Stunde vorüber sein. Wehe dem, wer nicht sofort nackt vor dem Wasserhahn steht. Ein Aufseher an der Tür treibt die Leute mit dem Gummiknüppel an. Das Wasser ist schmutzig und stinkt. Im Übrigen gibt es nur einen Wasserhahn, die meisten Häftlinge waschen sich daher nicht. Nach einer Weile pfeifen die SS-Männer wieder auf ihren Trillerpfeifen, und das Wasser versiegt augenblicklich.

SS-Männer: „Abmarsch zur Sonntagshygiene. Tag zur freien Verfügung!“

Franz soll noch sehen, was mit dieser lustigen Bemerkung bei vollständigem Mangel an Hygiene gemeint ist. Die Gefangenen treten in ihre Schlafbaracke. Da die Gefangenen zu viert oder zu fünft auf einem Strohsack eines Bettes liegen müssen, sind sie leichte Beute für typhusverbreitendes Ungeziefer aller Art. Also töten die Menschen am Sonntag Läuse. Aber nicht vereinzelt herumspringende, sondern 100 bis 200 Läuse pro Körper werden zerquetscht. Manche haben offene Füße, manche kratzen sich unaufhörlich. Die Flüssigkeit beim Läusetöten verteilt sich auf der Häftlingswäsche und gibt ihr alle Farben zwischen rot, braun und schwarz.

Die Viecher sind so zahlreich, dass man sie nicht mehr loswerden kann. Körper und Köpfe sind zerbissen von Flöhen und Wanzen.

Wenn ein Gefangener es fertigbringt, sich von Läusen frei zu machen, so bekommt er sie zwangsläufig immer wieder zu Hunderten durch die Decken zurück, also müssen sich Franz und die anderen trotz der Kälte und Feuchtigkeit vollständig entkleiden, um sich sorgfältig zu entlausen. Manche, die nicht mehr die Kraft oder den Willen dazu haben und sich seit Monaten nicht mehr ausgezogen haben, sind mit eitrigen Wunden, Ausschlägen und schwarzen Blattern bedeckt.

Franz lässt sich auf die Lagerstatt fallen und beobachtet die Flöhe, die auf ihm herumspringen. Er schläft ein.

Das ohrenbetäubende Schrillen der Trillerpfeifen drängt an sein Ohr, das ausgemergelte Gesicht einen älteren Mitgefangenen dicht über ihm. Er hält ihm ein Brot hin:

„Hier Bub! Iss und versteck es in deiner Hose. Du bist noch jung, du musst noch wachsen.“

Schwupp greift Franz das halbe Brot. Schwupp hat er es in seiner Hose verstaut. Beim Rausstolpern aus der Baracke duckt er sich vor den Schlägen der Kapos und rempelt mit einem kräftigen Burschen, auch mit Davidstern ungefähr in seinem Alter, zusammen. Ihre Augen treffen sich erst feindselig, dann aber nickt der Größere ihm zu. Sie kommen beim Morgenappell nebeneinander zu stehen.

Franz flüstert ihm zu: „Ich habe ein halbes Brot!“

Mikesch: „Brot? Zeig her!“

„Hier, in meiner Hose.“ Nestelt und bricht Mikesch etwa die Hälfte davon ab.

Ein SS-Offizier mit Megafon stellt sich auf ein Fass: „Heute Nacht ist einem der Aufseher ein Laib Bauernbrot gestohlen worden. Dieses Verhalten ist eines Insassen eines deutschen Ordnungslagers unwürdig und schädlich für das Großreich. Dieses Bauernbrot ist unverzüglich zurückzugeben. Wenn nicht, wird unbarmherzig durchgegriffen, um Anstand und Sitte aufrecht zu erhalten. Wer von Euch das Brot hat, trete hervor. Wer nicht, sagt laut und deutlich: Nein, Sturmführer!“ Und nun beginnen die Nazis ihr Spiel: 900 Menschen müssen der Reihe nach vortreten und erklären, dass sie nicht im Besitz von Brot sind. Die Reihe ist drohend nah an Mikesch und Franz. Mikesch ist zuerst dran:

„Selbstverständlich nein, Herr Sturmführer!“

Er geht zurück in die Reihe, fast militärisch korrekt. Franz tut es ihm gleich, so gut es geht bei seiner Wackeligkeit: „Selbstverständlich nein, Herr Sturmführer!“

Sturmführer unterbricht den Franz am nächsten Stehenden, der beflissen antworten will.

SS-Offizier: „Schnauze!“ Und zu einem Kapo gewandt: „Die beiden Jungs da, raus!“

Zwei Kapos eilen diensteifrig zu den Jungs, um sie mit Prügeln zum SS-Offizier zu bringen.

SS-Offizier: „Schluss! Aus! Was ist das denn? Keiner hat was von Schlägen gesagt!“

Kapos unisono: „Jawoll, Sturmführer!

SS-Offizier bedeutet den beiden Buben: „Hierher und mucksmäuschenstill. Alle anderen: Ausziehen! Aber dalli!“

Es ist etwa eine Temperatur von minus 10 °C, niemand widersetzt sich, da jeder weiß, dass es Selbstmord wäre. Mikesch wendet Franz eine hochgezogene Augenbraue zu. Und so kann man etwa 900 Menschen ganz nackt bis auf unsere beiden die wirren Ereignisse abwarten sehen.

SS-Offizier: „An eurer jetzigen Lage sind nur die Juden schuld. Diebe am Volksbesitz werden von uns nicht geschützt. Die Juden haben bereits so viel Schlechtes getan, dass man sie alle ohne Weiteres hängen sollte. Jedes Stück Brot, das ihr fresst, ist zu viel. Es ist ein Diebstahl am deutschen Volk. Und jetzt meine Antwort: Ihr werdet jetzt alle den Abort mit einem Löffel leeren. Schubkarren werden bereitgestellt. Frohes Schaffen. Arbeit macht frei!“

SS-Schergen und Kapos zwingen die Gefangenen, ihre Arbeit auszuführen. Bei der geringsten Missbilligung schießen sie augenblicklich auf die Hilflosen.

Franz und Mikesch atmen tief durch, halten aber beide dicht. SS-Offizier: „Mitkommen!“

Sie stolpern beide hinter dem Sturmführer Richtung SS-Baracken hinterher.

SS-Offizier: „Ihr gefallt mir. Ich glaube, aus euch kann ich was machen. Seid ihr musikalisch? Könnt ihr ein Instrument spielen?“

Franz erinnert sich an seine gute Schulbildung und antwortet: „Ja, Herr Sturmführer, ich kann Klarinette spielen.“

SS-Offizier: „Ohne Herr. Sturmführer heißt das. Und du?“

„Ich kann Ziehharmonika spielen.“

Der SS-Offizier nickt. Als sie bei der SS-Kaserne angekommen sind, öffnet er die Tür und sagt: „Warten! Still gestanden!“

Sofort geben sich Mikesch und Franz eine militärische Haltung, und der Offizier verschwindet in der Baracke. Ihr Blick gleitet zurück zu den Kameraden, die mit Löffeln den Abort säubern müssen. Nach einer Weile kommt ein anderer niederer SS-Mann heraus: „Mitkommen! Schuhe abtreten! Türe schließen!“

Brav folgen die Buben und kommen in die Spezialbaracke der SS. Ein großer, turnhallenähnlicher Festsaal mit Musikinstrumenten auf einer improvisierten Bühne. Dahinter Porträts von Führer und Reichsführer SS. Auf der anderen Seite und in den Ecken Sitzgelegenheiten und eine lange Theke. Neben SS-Leuten hält sich im Kasino-Raum auch eine schöne Frau mit Kopftuch über ihrem rasierten Schädel auf, um sie ein wenig ansehnlicher für die SS zu machen.

SS-Mann: „So! Geht da rein. Wascht euch und kommt wieder raus.“

Franz und Mikesch trotten in den Waschraum, wo sie sich völlig allein und unbeobachtet waschen.

Franz: „Was läuft hier?“

Mikesch: „Wir werden es schon erfahren.“

Als sie fertig sind, ihre Brotreste verdrückt haben und ihre Häftlingskleider so gut es geht in Ordnung gebracht haben, kommen sie zurück in den Kasinoraum.

Auf der Bühne steht schon die schöne Frau mit Kopftuch.

SS-Mann: „So, geht auf die Bühne und nehmt Instrumente.“

Die Frau nickt ihnen aufmunternd zu. Sie kommen zu den Instrumenten, Franz nimmt eine Klarinette an die Lippen, Mikesch eine Ziehharmonika in die Höhe und die Frau eine Geige.

Junge Frau, leise: „Auf! Spielen wir ‚Im alten Städl‘! Das können wir doch alle. Und die kennen das nicht. Ein, zwei, drei!“

Und sie beginnt ein ihnen allen bekanntes Stück in Moll zu streichen. Die beiden Buben fallen ein und einigermaßen melodisch spielen sie in einer etwas besseren Katzenmusik-version auf. Eine gespenstische Theaterszene auf dem Gelände mit rauchenden Kaminschloten und das Lager umgebenden dunkelgrünen Wipfeln der Bäume, der Wälder im Nebel.

Groß fällt unser Blick auf eine Mettwurst, die ein Messer durchteilt.

Franz, Mikesch und die Frau an einem mit einem blau-weiß karierten Tischtuch gedeckten Tisch.

SS-Mann: „Hier! Esst, so viel ihr wollt. Ihr dürft nur nichts mitnehmen. In einer Viertelstunde ist Abmarsch.“

Er geht ab und durch eine Schwingtür in den Nebenraum.

Franz tippt Mikesch an, er zuckt nur die Schultern und schnappt sich eine dicke Scheibe mit Wurst und Käse und beißt herzhaft hinein. Franz tut es ihm gleich. Nur die Frau trinkt Kaffee. Nach einer kurzen Weile kommt der SS-Mann wieder herein, packt die Frau am Kragen und sagt: „Komm! Die Arbeit ruft.“

Die Buben erheben sich kauend.

SS-Mann: „Ihr nicht“ und nimmt die Frau mit sich fort. Plötzlich geht die Haupttür der Kaserne auf und eine Gruppe von 10 bis 15 hübschen Frauen und Mädchen, allesamt nackt, wird von bewaffneten SS-Leuten durchs Zimmer geführt, hinter die Schwingtür, wo schon der SS-Mann mit dem Mädchen verschwunden ist. Schweigend mampfen Franz und Mikesch noch eine Schnitte und trinken echten Bohnenkaffee mit guter Milch, als die Drehtür schon wieder aufgeht und der SS-Mann erscheint.

SS-Mann: „Abmarsch! Im Laufschritt. Eins und eins und eins.“ Franz und Mikesch traben noch kauend vor die Kaserne. Dort auf dem Appell-Hofplatz traben, jetzt wieder angezogen, ihre Blockhäftlinge bereits auf der Stelle. Die Erde vibriert und dröhnt unter dem rhythmischen Trampeln von 900 Mann.

Ein anderer SS-Mann ruft bellend: „Arbeitsdienst, Abmarsch.“ Und die Kolonne setzt sich im Zuckeltrab in Bewegung.

Der andere SS-Mann befiehlt Franz und Mikesch: „Einreihen! Marsch, marsch.“

Und unter teuflischem Lachen schlagen die den Zug begleitenden Kapos jeden Vorbeikommenden, den sie treffen können.

IN DEN WÄLDERN LITAUENS

Auf einer großen Lichtung sind schon andere Häftlinge eines Blocks dabei, ein Gelände für einen geplanten Flugplatz einzuebnen. Aber nicht mit Maschinen, Planierraupen, ja nicht einmal mit Spaten und Hacken. Nein, mit ihren Füßen stampfen die Gefangenen das grobe Gelände ein und müssen Wurzeln und Stämme mit bloßen Händen aus dem Boden reißen.

SS-Mann mit Megafon: „Block B, Baracke I, stillgestanden!“

Automatisch hören 900 Arme und Beine auf zu arbeiten. In der Totenstille zwischen Anrücken des neuen und Abrücken des alten Blocks hört man nur vereinzelt Krähen schreien oder Sterbende, vor Erschöpfung Umfallende. Diese unwirkliche Szenerie wird untermalt von MP-Salven.

Die, die vor Erschöpfung hinfallen, werden sofort erschossen und von Trägern auf Lastwagen geworfen.

SS-Mann: „Block B, Baracke II in Reih und Glied!“

Die Überlebenden formieren sich militärisch.

SS-Mann: „Arbeitsschuhe aus, damit sie nicht abnützen.“

Alle Block B-Häftlinge ziehen ihre Schuhe aus und nehmen sie an den Senkeln über die Schulter.

SS-Mann: „Ein Lied! Wir sind die Moorsoldaten. Zwo, drei, vier.“

Das Lied beginnt aus traurigen Kehlen zu erklingen. Der SS-Mann geht drüber mit der Lautstärke seines Megafons.

„Also vorwärts, im Militärschritt und mit dem linken Fuß antreten. Im Laufschritt, Abmarsch, eins und eins und eins.“

Der Abmarsch erfolgt in Reihen zu dritt und wird von SS-Leuten mit Maschinengewehren und Kapos mit Knüppeln flankiert. Der Zug der Unglücklichen mit dem Lied auf den Lippen beginnt sich zu entfernen.

SS-Mann: „Block A, Baracke I, stillgestanden! Arbeitsschuhe anziehen. Gelände einstampfen. Vorwärts marsch im Gleichschritt.“

Und unsere beiden Buben inmitten ihrer Mitgefangenen stampfen mit holzbeschuhten Füßen das Gelände ein. Wieder andere ziehen wie Pferde große Wagen mit Wurzelholz und Baumstrünken, die vorher wieder andere dem Boden entrissen und aufgeladen haben. Die Arbeit wird beim einsetzenden Schneefall weiter ausgeführt. Feuer werden angezündet, an denen sich Kapos und SSler wärmen, aber die Arbeiter natürlich kein Recht dazu haben.

Ein lustiger SS-Mann liest von einem Thermometer, das an einer großen Fichte angebracht ist: „Minus 25 °C Öchsle. Das wird ein guter Wein dies Jahr, Eiswein sogar.“

Groß schauen wir auf das rotgesoffene, lachende Gesicht des SS-Mannes.

SS FEIERT

Wir sehen dasselbe Rotgesicht, nur ohne Winterkleidung, in seiner Festtagsuniform auf einem Tanzabend. Lachend und inmitten grölender Gesinnungsgenossen schüttet er sich einen großen Pokal Rotwein in den Hals.

Lustiger SS-Mann: „Frage ans Reichssicherheitshauptamt: Wie viel Juden gehen in einen Volkswagen? Antwort aus Berlin: 20: Fünf auf die Sitze und 15 in den Aschenbecher.“ Gesinnungsfreunde johlen.

Wir schauen uns auf der Tanzveranstaltung der SS einmal um: Auf der Bühne unsere drei bekannten Musikanten, wobei die Frau jetzt eine Wunde an der Lippe aufweist, die gerade „Flieger, grüß mir die Sonne“ intonieren, 20 bis 25 nackte Frauen, teils geschoren, teils mit Haaren, aber alle unschwer aufgrund ihrer Tätowierungen als Gefangene auszumachen, inmitten des Tanzgetümmels oder auf Sesseln und Couchen den anwesenden circa 50 SS-Leuten zu Diensten. Wahllos durcheinandergewürfelt vergehen sich die SS-Leute an den armen Mädchen, bis sie halb tot sind. Sie werden geschlagen und geohrfeigt oder kriegen Fußtritte in den Bauch oder wenn sie zusammenbrechen, peitscht man sie zwischen die Beine und tritt mit genagelten Stiefeln in die Schamgegend, bis sie eine blutige Spur hinterlassen. Über allem Gläsergeklirr, dröhnendes Gelächter und Hans-Albers-Musik. Die, die nicht mehr können, werden sofort erschossen. Als sich verständlicherweise nach einiger Zeit ein Blutsee bildet, rutschen die ersten Besoffenen aus und schlagen lang hin. Der bis dahin angeregt parlierende Lagerkommandant wendet sich nun, in seiner Ästhetik angeekelt, an seine SS-Leute.

Kommandant über die Musik hinweg: „Ich will hier keine enge Berührung mit schauderhafter, gefährlicher, ekelhafter Gesellschaft. Ich will keine Frauen sehen, die sich wie in einem epileptischen Anfall in Dreck und Schmutz wälzen.“ Nun beginnt er zu schreien: „Schafft mir die hier raus und macht das woanders! Wir sind angetreten, das Krebsgeschwür des Blutes und des Drecks auszumerzen, auszuschneiden aus dem deutschen Volkskörper und nicht, um uns damit zu beflecken. Hinaus!“

Und während SS-Leute dienstbeflissen die halb toten oder toten Frauen aus dem Raum packen: „Und ihr da! Verschwindet! Ich kann eure seichte Musik nicht ertragen!“

Jetzt schreit er wieder: „Holt mein Beethoven-Trio, aber sofort!“

SS-Sturmführer: „Los! Ab!“

Zur Frau: „Du kannst wieder an die Arbeit gehen. Ihr helft mit, den Abfall aufräumen, zack, zack!“

Die Häftlinge wischen jetzt das Blut auf, Scherben, Gläser und Reste werden zusammengekehrt. Neue, unbefleckte Frauen hereingeholt, das Beethoven-Trio auf die Bühne gebracht und während die ersten Instrumente gestimmt werden, schleppen Franz und Mikesch schon mit unteren SS-Rängen tote oder gerade sterbende Frauen fort.

Franz und Mikesch kommen schleppend auf dem Hof dieses Blockes an. Es bietet sich ihnen folgendes Schauspiel: Ein Leichenhaufen weiblicher Körper von mehr als zwei Metern Höhe liegt dort aufgeschichtet wie ein Haufen frisch geschlagenen Holzes. Wie tote weiße Möwen liegen die Frauen, von leicht fallendem Schnee bedeckt. Die Leichen sind in typisch ordentlicher deutscher Manier immer zum Viererkarree übereinandergeschichtet, dass das Blut auch in die den Hof umlaufenden Rillen ablaufen kann wie bei einer Art Drainage.

Aber das Blut wird immer mehr und kann nicht ablaufen. Und schon wieder bringt man neue Leichen heran, so bildet sich langsam ein Blutsee und Franz und Mikesch und die SS-Männer stehen knöcheltief im Blut.

Mikesch würgt, kann aber seinen Brechanfall unterdrücken. Franz droht umzukippen, reißt sich aber doch zusammen, um nicht von den grölenden und rülpsenden Deutschen um ihn herum ebenfalls auf den Haufen befördert zu werden.

Die Augen der besoffenen und vom Frauenblut berauschten SS-Männer treten schier aus den Höhlen. Sie kippen literweise Alkohol, der sie ihre Verbrechen scheinbar vergessen lässt.

Da der Kommandant seinerseits schon so besoffen ist, dass er mit seiner Dienstpistole Löcher in die Luft schießt, lösen andere hohe SS-Offiziere das Beethoven-Trio ab und unsere drei Musikanten müssen wieder ran.

SS-Offizier: „Jetzt wollen wir mal Stimmung haben, hier. Miesepeter kann ich nicht leiden.“

Er springt auf die Bühne: „Also kennt ihr ‚Jawoll meine Herrn‘ von Heinz Rühmann?“

Die drei nicken.

„Also: eins, zwei, drei! Trällelelelelai“, und beginnt das Lied zu grölen.

Die Stimmung bewegt sich auf den Höhepunkt zu. Große Schäferhunde, die entsprechend dressiert sind, werden auf ausgesuchte junge Mädchen losgelassen und versuchen, sie zu bespringen. Diesen Mädchen wird, wenn sie sich wehren, der Kopf mit einem Beil abgeschlagen. Zu der lustigen Rühmann-Musik sehen wir groß das Gesicht des singenden SS-Offiziers. Er ist im siebten Himmel.

Andere SS-Männer holen Bajonette und spießen die Schädel der geköpften Frauen auf ihre Gewehrläufe und paradieren in einer Art Polonaise umher. Manche vergewaltigen noch, manche trinken, manche krakeelen, manche Hunde lecken Blut und fressen Knochenreste.

KZ-CHAUSSEE

Ein SS-Mann keucht hinter den mit Holzpantinen bekleideten Buben her über den zugeschneiten Weg.

SS-Mann: „Lasst euch dette bloß nie wegnehmen, wa? Fresst es bloß alleene.“

Angekommen in Block I salutiert der Kapo: „Melde gehorsamst, Unterscharführer…“

SS-Mann: „Iss ja jut, Männecken, is ja jut. Die Jungs dürfen noch zu Ende essen. Dass mir keine Klagen nicht kommen, wa?“ Er verschwindet im Laufschritt, das Gewehr hinter sich herbaumelnd.

In der Ferne hört man noch: „Verfluchte Kälte! Verdammt noch mal! Det jibt es doch jar nischte!“

KZ-ALLTAG

Franz weint. Mikesch beißt erst einmal in eine Wurst. Gefangene meckern im Halbschlaf: „Eh! Man kann ja nicht schlafen! Seid doch mal still!“

Andere: „Wir müssen morgen wieder früh raus! Schnauze!“ Mikesch: „Ist ja gut, ja ja gut Mensch!“ flüstert jetzt aber doch lieber, „fragst dich, wieso ich essen kann? Du musst essen, sonst verreckst du hier. Und ich will hier raus. Und eins musst du dir sowieso mal merken: Ob man gut oder schlecht arbeitet, ob wir gut oder schlecht spielen, wir werden sowieso getötet. Ich habe heute gehört, wie der Unterdirektor vom Flughafen gesagt hat, dass die Juden für den Krieg verantwortlich sind. ‚Euch Juden werden wir hier alle umbringen‘! Du musst wissen, die sind hier alle verrückt, die SS genauso wie die Häftlinge. Die sind alle irregeworden hier. Wir müssen hier raus, das ist die Hölle.“

Franz: „Aber wie denn? Wir sind doch noch so jung, das haben doch schon ganz andere versucht.“

Mikesch hört entrüstet auf zu kauen und unterbricht: „Ja, genau! Und jetzt ruf nach deiner Memme! Mann! Gerade weil wir jung sind, schaffen wir es. Wir sind jünger, härter, widerstandsfähiger, gerissener und gemeiner als alle anderen. „Außerdem“, er beißt selbstbewusst wieder in seine Wurst, „sind wir besser dran und machen weniger Appelle, die sind besonders scheiße.“

Der Wurstrest verschwindet in seinem Mund.

„Wir müssen schauen, dass wir so viele Appelle wie möglich ausfallen lassen. Lass mich nur machen und halt dich immer an mich, Kleiner!“

Die Blockhäftlinge murren.

„Du weißt schon, was ich meine. Schlaf gut, kleines Jiddele.“ Andere Gefangene: „Schnauze! Wir können nicht schlafen bei eurem Gebrabbel!“

Andere: „Mensch! Schlaft und haltet die Fresse! Schluss jetzt.“

Um halb vier Uhr morgens schneiden die Trillerpfeifen der Kapos. Der Blockälteste bellt: „Wachappell! Zack, zack! Aufstehen! Aber zack zack, Morgenappell.“

Mit einem Eisenstab schlägt der Blockälteste einen dumpf monotonen Rhythmus am rostigen Rahmen des ersten Bettes im Gang. So ein Blockältester ist gemeinhin ein Verbrecher, der für seine Taten acht bis zwölf Jahre Gefängnisstrafe abzusitzen hat und der, da der Straflosigkeit sicher, über Leben und Tod der Gefangenen entscheidet.

Von der SS für rigoroses Durchgreifen und Aufrechterhaltung der Disziplin beglückwünscht, konnte so ein Kapo (Kameradschaftspolizist) durch das Töten von 30.000 (!) Häftlingen seine eigene Befreiung erlangen und in die Leibstandarte Adolf Hitler aufgenommen werden.

Ununterbrochen hämmert der Blockälteste mit dem Eisen.

„Zum Frühsport! Alles ausziehen bis auf Kappe! Alles ausziehen bis auf Kappe.“

Alle Gefangenen eilen nach draußen in die schnarrende Kälte. Es schneit leicht. Als die Reihe sich korrekt gebildet hat, beginnt der Zählappell. Bei Nummern, also Menschen, die fehlen, eilen unter der Aufsicht der SS-Kapos in die Baracken, um die Toten oder die Sterbenden ordentlich in die Appellreihen zu bringen.

Als so das Gleichmaß der Reihen wiederhergestellt ist, raunt ein grüner Häftling, also ein Verbrecher: „Tschuldigung, Sturmführer. Die stören doch nur das Gleichmaß unserer Reihe.“

SS-Sturmführer: „Hier gehen auch die Sterbenden zum Appell. Tot oder lebendig, jeder muss da rein. Appell ist Appell! Alles andere wäre eine Disziplinlosigkeit! Und was wäre Disziplinlosigkeit?“

Alle Gefangenen unisono aus 16.000 Kehlen: „Gefährlich für das Großreich!“

SS-Sturmführer: „Hm. Da wir alle so schön versammelt sind, Sport für alle. Frisch fromm fröhlich frei! Und Kommando.“ Die Blockältesten und Kapos geben die Kommandos weiter: „Und zugleich.“

Nur mit der Mütze auf müssen die Häftlinge rhythmische Sportgymnastik machen. Alle, die nicht synchron mithalten können, werden gnadenlos aussortiert.

Kapos: „Du! Raus!“

Kontrollierende Kapos zwischen den hüpfenden Gefangenenreihen.

„Du! Raus! Alle, die aussortiert wurden, drei Schritte vor.“ Alle Aussortierten drei Schritte vor.

Kapos: „Kopf runter, Arme auf die Oberschenkel!“

Alle Aussortierten beugen sich nach vorn und stützen ihre Arme auf. Nun schlagen die Kapos synchron mit ihren Knüppeln auf die Hinterköpfe oder Nacken der Wehrlosen, die sofort tot zusammensacken. Natürlich bemühen sich die anderen Gefangenen, möglichst gute Gymnastik bei minus 20 °C zu zeigen.

SS-Sturmführer: „Wie viel Abfall?“

Oberkapo: „480!“

SS-Sturmführer: „Weil ihr so brav wart, Frühstück fassen. Im Laufschritt ein zwei, ein zwei…“

Diesen Morgen geht ein erheblicher Teil des schwarzen Wassers, vulgo Kaffee, verloren, da die Häftlinge heute den verschiedenen Wächtern ausweichen müssen, die den etwa 150 m langen Weg zur Suppenausgabe verteilt stehen und Kolbenschläge oder Knüppelschläge versetzen. Die jungen Leute sind beweglich genug und können den Schlägen noch einigermaßen ausweichen. Sie verlieren halt nur ihren Suppenkaffee. Aber Alte und Verletzte? Auf diese Unglücklichen entlädt sich die ganze Bestialität dieser Horde.

Mikesch und Franz dampfatmend an den Latrinen.

„Fast nichts mehr in unseren Essgefäßen!“

Zur gleichen Zeit ertönt über Lautsprecher das Kommando: „Anziehen in einer Minute! Zu spätes Einreihen zum Strammstehen wird strengstens bestraft.“

Nun beginnt ein heilloses Durcheinander, da niemand der Tausenden von Häftlingen zu spät kommen und womöglich wegen Disziplinlosigkeit sein Leben verlieren will.

Lautsprecher: „Arbeitskommandos stillgestanden!“

Die Reihen richten sich militärisch aus.

Lautsprecher: „Der Abmarsch zur Arbeit erfolgt unter fröhlicher Musik.“

Das Orchester, das am Ende des Zuges Aufstellung genommen hat, besteht aus einem Kommando von echten Musikern, unter ihnen auch Franz und Mikesch.

Lautsprecher: „Also vorwärts im Militärschritt und mit dem linken Fuß aufsetzen. Auf dem ganzen Weg muss gelaufen werden. Also im Laufschritt marsch, marsch!“

Und der Zug der Unglücklichen setzt sich trampelnd in Bewegung. Wieder haben alle Arbeiter außer den Musikern die Schuhe zusammengebunden über ihre Schultern hängen, um die Sohlen ja nicht abzunutzen. Als das Orchester grade durch das schmiedeeiserne Eingangstor marschieren will, hält ein SS-Offizier sie auf.

„Halt! Stillgestanden! Musik aus! 57 und 116 raustreten!“ Franz und Mikesch gucken an ihren Jacken herunter. Tatsächlich haben sie 57 bzw. 116. Gehorsam treten sie drei Schritte aus der Gruppe.

SS-Offizier: „Alle anderen weitermachen!“

Das Orchester fängt wie eine mechanische Spielzeugpuppenkolonne wieder an zu spielen und marschiert im Takt dem Arbeitskommando hinterher.

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