Читать книгу: «Vom Müller-Hannes»

Шрифт:

Clara Viebig

Vom Müller-Hannes

Eine Geschichte aus der Eifel

RHEIN-MOSEL-VERLAG

Danksagungen des Verlages

Bedanken möchten wir uns bei allen, die bei der Wiederauflage dieser bekannten Eifelnovelle von Clara Viebig geholfen haben: Herrn Prof. Gelhaus und Herrn Gerd Bayer für ihre Beratung; Frau Dr. Charlotte Houben für die Durchsicht der Texte und Frau Regina Melsheimer für die Gestaltung der Titelgrafik.

1.

Draußen lag der Schnee, und die zu Tal rinnenden Bergwasser tröpfelten halb vereist, aber in der Staatsstube der Maarfeldener Mühle war es warm. Da sprühte der Ofen, mit gewaltigen Buchenkloben geheizt, die Kuckucksuhr tickte behaglich, und die Gevatterschaft saß um den Tisch bei Wein und Schnaps und besprach die Heirat. Man war endlich übereingekommen: der Müller-Matthes verheiratete seinen einzigen Sohn, den Hannes, mit der einzigen Tochter von Joseph Helles, dem Weinbauern unten an der Mosel. Fünftausend Taler bar kriegte die Christina mit und eine Aussteuer, so reich an Linnen und Gewandung, daß sie ihr ganzes Leben nicht nötig haben würde, etwas zuzukaufen.

Und doch war der Müller-Matthes des lange nicht zufrieden. Ihm dünkte, noch höhere Ansprüche machen zu können. Übergab er denn nicht seinem Hannes die große Schneide- und Mahlmühle mit allem Inventar? »Schuldenfrei«, wie er sagte; kein Schiefer auf dem Dach fehlte, das Wasserrad schaufelte, die Kreissäge kreischte ohne Unterlaß, drei Knechte hatten zu schaffen. Und war vor allem nicht sein Hannes der stattlichste Freier Eifel auf, Eifel ab?!

Dem hatte schon in der Wiege das Glück gelacht. An einem Sonntag war er geboren, als Pfingstmusik das Dorf durchfiedelte und der Mai selbst das Maarfeldener Tal mit Blüten überschüttete. Zur Zeit, da andere Kinder nur erst greinen konnten, hatte der Hannes schon gejauchzt und mit den Händchen nach den Sonnenstrahlen gegriffen, die über sein Stechkissen tanzten. Und diesen Jung’, dessen rundes Gesicht so frisch und rot überm weißen Müllerkittel lachte, diesen Jung sollte er so billig weggeben?!

Müller-Matthes hatte gefeilscht und gefeilscht: noch tausend Taler zu – sechstausend im ganzen – dann konnte die Sache perfekt werden. Sonst – er hatte die Riesenfaust schwer auf den Tisch gelegt – sonst würde nichts daraus, bei Gott nicht!

Der Weinbauer, einen Kopf kleiner als der Müller, dürr und mager wie ein Rebstecken, ließ sich aber nicht einschüchtern: keinen Pfennig mehr, seine Christina kriegte ja noch mal was zu erben! Das Handeln mit dem Matthes war er gewohnt, denn wenn er gen Alf heruntergefahren kam, um die bestellten Faßdauben zu bringen, hatten sie oft so miteinander geeifert, sich so verzürnt, daß der Eifelaner stumm wütend vom Hofe fuhr und der Moselaner lebhaft erregt hinter ihm dreinfuchtelte. Jedoch der neue Wein hatte sie immer wieder versöhnt.

Der Gedanke, ihre Kinder miteinander zu verheiraten, hatte keinem von ihnen ferngelegen. Aber ausgesprochen hatten sie ihn nicht. Letzten Herbst nun war auf einmal statt des Vaters der Hannes unten erschienen in seiner ganzen kraftvollen Größe, mit der freien und doch strammen Haltung, die er von seiner vierjährigen Freiwilligenzeit bei den Deutzer Kürassieren noch bewahrt hatte.

Joseph Nelles hatte den Gast in den Keller geführt, wo der Heurige in den Fässern rumorte und berauschende Düfte das niedere Felsgewölbe erfüllten. Die beiden hatten gewaltig probiert; aber der starke Eifelaner ließ sich nicht schmeißen, weder vom abgelagerten noch vom neuen, weder durch den von der Sonnenseite noch durch den sauersten Rachenputzer. Das hatte dem Moselaner mehr imponiert als der ganze schöne Junge selber mit seinem Krauskopf und mit seinem zähneblitzenden Lachen – hau, konnte der saufen!

Auch der Tina gefiel der Hannes, und die war doch sonst zag mit Mannsleuten. Aber nun hatte sie nichts dawider gehabt, mit dem Vater hinaufzufahren in die Eifel; denn besehen mußte sie sich die Mühle erst, ehe sie »Ja« sagte.

Und doch dachte sie heute nicht ans Besehen. Kaum guckte sie hin, wenn Hannes, der sie herumführte, ihr etwas wies, während drinnen in der Staatsstube die Väter und die beiderseitigen nächsten Anverwandten, die jeder von den zweien zur Unterstützung hinter sich hatte, verhandelten. Sie hatte keine Augen für die Stattlichkeit der vier Rotbunten, die im Stall standen, und gab doch sonst was auf gute Milchkühe. Sie sah nur die wenig verarbeitete, muskulöse Männerhand, die den Tieren freundschaftlich auf die Lenden patschte, daß sie sich mit leisem Erschauern wendeten und mit fast zärtlichen Blicken ihrer feuchten, sanften Augen und mit gedämpften Muh ihren jungen Herrn begrüßten. Auch das Pferdchen, das, rund und glatt, vom Heu der Krippe raufte, hörte auf mit Fressen und spitzte die Ohren; es kannte den raschen, festen Tritt. Es hob das Maul und zeigte die langen, gelben Zähne, als ob es lachte.

»Dau Leckermaul«, scherzte Hannes und ließ sich willig Taschen und Hände beschnobern. Er hatte Zucker eingesteckt, und der Gaul rieb schmeichlerisch den blanken, braunen Kopf an seiner Schulter.

Der Spitz draußen vor der Hundehütte erhob ein bittendes Gewinsel, duckte den Kopf auf die Vorderpfoten und scharrte mit den Hinterfüßen im Schnee. Hannes löste ihn von der Kette, da sprang er hoch in die Höhe mit Freudengebell und suchte das ihm zugeneigte Gesicht zu lecken. Die Knechte, die Säcke auf einen Wagen luden, zwinkerten mit den weißbestäubten Lidern und zogen mit freundlichem Grinsen die Mütze von den mehlbestaubten Haaren.

Ja, alle waren sie ihm gut! Das sah Tina. Und sie fühlte ihr Herz klopfen.

Verstohlen reckte sie sich – war sie doch klein und reichte dem Hannes kaum bis zur Schulter –, aber sie wollte gern ein stattliches Paar mit ihm abgeben. Wenn er auf sie niederschaute, wurde sie rot; und wie vorhin die Kühe im Stall, so wendete sie die schwarzbraunen, sanften Augen ihm zu.

Er sprach viel und laut und lustig; umständlich erzählte er, wie sie vergangenes Jahr die Mühle mit Schiefer gedeckt, anstatt des gemeinen Strohs, und wie sie das Getriebe mit allerhand Neuerungen versehen. Ja, da konnte man sich blind suchen, zum zweiten Mal gab’s solch eine Mühle nicht in der Eifel und auch im Moseltal nicht! Aber der Neuerungen waren noch lange nicht genug: wenn er hier erst allein zu kommandieren hatte, wurde es noch viel feiner. Die Fenster waren zu klein, da stieß man sich ja den Kopf, wenn man herausgucken wollte. Und die Tür war zu schmal, die ließ er breiter machen. Und ein Wagen mußte her, zweisitzig, mit weichen Kissen. Und die Auffahrt vom Hof zu der höher gelegenen Straße wurde mit schönen, weißen Steinen eingefaßt, daß man sicher fuhr auch mit übermütigen Pferden. Und dort im Garten – er wies auf das schmale Streifchen Land diesseits des Baches, jenseits stiegen die Höhen gleich steil an –, dort würde er Obstbäume anpflanzen lassen, feine Sorten aus der Baumschule zu Trier: Reinetten, Herrenbirnen und süße Reineclauden; die alten Strünke taugten ja nichts mehr, die waren schon vermoost. Und leiser fügte er hinzu, mit seinem Lachen, das die tadellosen Zahnreihen zeigte, daß auch Rosen dort blühen sollten und Lilien und Brennende Liebe für seine junge Frau.

Da hob sich Tinas Brust in zittrigem Atemzug unter dem sonntäglichen Kaschmirkleid. Sie sah hin zum schmalen Gartenstrich und hinauf zu den Bergen, die drohend über der Mühle hingen – Schnee bedeckte alles, es war kahl, kalt und unlustig –, aber oben über den steilen Hängen sah sie schon den Himmel blauen, unterm Schnee Rosen blühen und die rote Dolde der Brennenden Liebe. Sie ließ dem Burschen ihre Hand, die er gefaßt, und stapfte zuversichtlich an seiner Seite zum Haus zurück. Alles gefiel ihr wohl, sie hatte nichts auszusetzen.

Des Hannes Mutter erschien jetzt unter der Haustür, sprach von Kälte und lud zu einem warmen Kaffee. Tina wunderte sich, daß die Frau fror; warm und rot ging sie mit Hannes in die Staatsstube.

Drinnen konnte man vor Qualm gar nichts sehen. Sie hatten wacker Wittlicher Tabak geraucht, und getrunken hatten sie auch gehörig. Auf dem Kanapee, das man extra zu diesem Tage angeschafft, schmauchten die beiden Väter, Schulter an Schulter. In ihre Stühle zurückgelehnt, schmauchten auch des Nelles alter Ohm, ein Schlaufuchs, den der Moselaner sich mitgebracht hatte, und des Matthes Gefreundte aus Maarfelden. Die Tante, der Tina als Chaperonne beigegeben, nickte schon ein wenig auf der Ofenbank.

Mit lautem Hallo wurden die jungen Leute begrüßt. Man war jetzt einig, war vergnügt und hielt Verspruch. Immer neue Getränke schleppte die Müllerin heran, viel Branntwein, und dazu wahre Berge von Kuchen. Drei Tage hatte sie gebacken, nun sollten sie ihr auch die Ehre antun; nicht bloß an der Mosel verstand man zu leben, nein, in der Eifel erst recht – »kalte Berge, aber warme Herzen«! Dieser Ausspruch gefiel Müller-Matthes so gut, daß er ihn immerfort wiederholte, bis die anderen mit einfielen und alle sich lachend zutranken und anstießen.

Die einsame Mühle fernab vom Dorf hallte wider von fröhlichem Getöse.

Hannes war der Lustigste von allen. Hatte er denn nicht auch Grund dazu? Eine feine, eine zierliche Braut war sein, eine von anderer Art als die starkknochigen Eifeldirnen, so hübsch die am Ende auch waren! Und daß sie nebenbei Geld hatte, war gerade kein Unglück; freilich, er selber machte sich nicht viel daraus, des Geldes hatte er ja auch so genug. Aber daß sie gebildet war, erst ein halbes Jahr aus der Kloster-›Pensjohn‹ der lieben Nönnchen von Trier zurück, das stach ihm in die Augen.

Der Vater steckte ihm einen Taler zu, nach alter Eifeler Sitte, von der die Jugend nichts mehr weiß – das Handgeld für die Braut. Übermütig warf der Bursche der Jungfrau den Taler in den Schoß, und sie nahm ihn errötend. Nun waren sie einander versprochen. Im Mai, wenn alles grünte, sollte die Hochzeit sein.

Das Essen hörte gar nicht auf. Der Nachmittag fing an, sich zu neigen, da mußte man doch noch ein gediegenes Nachtmahl halten, ehe der Nelles mit seiner Gesellschaft sich auf die Rückreise machte. Unterwegs würden sie dann Quartier nehmen, wie letzte Nacht in Gillenfeld; denn es bringt kein Glück, wenn Brautleute vor der Hochzeit im selben Haus übernachten.

Die Alten stopften sich voll an gesüßtem Mus, an Bratwurst und Schinken und am besonderen Leckerbissen: dem gräucherten Kuheuter. Schade nur, daß man jetzt keinen der fetten Aale hatte erwischen können, die zur Frühjahrszeit, wenn das Maar beim Dorf aus seinen Ufern steigt und die Wiesen überwässert, wie Schlangen durch die Gräben glitschen, mit Händen zu greifen.

Hannes und Tina aßen nicht so viel wie die anderen. Jetzt, da sie wußten, daß sie einander angehören sollten, loderte ihre Verliebtheit. Tina saß bebend auf ihrem Stuhl und schaute unverwandt in ihren Schoß; ihr Herz pochte, wie es noch nie gepocht. Das hatten sie die Nonnen nicht gelehrt, wie man sich benimmt, wenn man verliebt ist; und eine Mutter hatte sie schon lange nicht mehr. So zeigte sie es ihm offen, wie sehr er ihr gefiel. Als er ihr das alte Lied ins Ohr summte:

»Wann alle Brünnlein fließen,

so soll mer trinken,

Wann ech mei’ m Schatz net rufen därf,

Tu ech em winken.

Jao, winken mit den Augen

On treten mit dem Fuß:

’t is eine in der Stuben,

Die mein werden muß –«

litt sie den Druck seines Knies und wich nicht dem Fuß aus, der unterm Tisch den ihren suchte. Und als er ihr ein Zeichen machte, folgte sie ihm willig hinaus in den dunklen Flur. Er zog sie gegenüber in die Mahlstube. Dort schaukelte die Oellampe unter der Decke und warf heimlich zwinkernde Lichter auf die, teils mit Korn, teils schon mit gemahlenen Früchten gefüllten Säcke längs der Wand, auf das schmale Lager des Müllerburschen, auf den großen Mehlkasten in der Ecke und auf die Spinneweben, die vom Mehlstaub wie mit silbernem Reif umsponnen, gleich Festons, von Balken zu Balken hingen.

Es war frisch aufgeschüttet; alle beiden Gänge waren in Tätigkeit. Die Verlobten lehnten sich gegen das kleine Holzgeländer, das die ein wenig erhöhte Diele von dem tiefer liegenden Werk abschloß. Hannes wies dem Mädchen, wie die Schälmühle arbeitete, aus der sich in unablässigem, goldenem Fluß die gereinigte Frucht ergoß. Stolz zeigte er ihr die riesigen Mahlsteine, die das Korn in nimmerrastender Arbeit zerrieben, bis es fein und weiß durch die seidene Müllergaze hindurchstäubte. Hei, wie das klapperte und schaffte! Und ganz unten regte sich’s unsichtbar und rauschte und schlug und pochte und stampfte – das war das große Rad, das alles trieb: das Herz der Mühle.

Tina hatte ihren Spaß daran, sie klatschte in die Hände: ach, wie das hier lecker roch, so mehlig, so nahrhaft, so nach Fülle und Sattsein! Hannes zog sie nach sich, da vergaß sie ganz, ihr Kleid wieder zu raffen, das sie beim Eintreten sorgfältig aufgehoben. Mochte es weiß werden, war sie doch nun bald eine Müllersfrau. Und er setzte sich auf die schmale Pritsche des Müllerknechtes und nahm sie auf seinen Schoß. Sie ließ sich nehmen, sie war wie betäubt. Unwillkürlich suchte ihre Hand nach dem kleinen Herrgöttchen, das ihr an schwarzer Schnur um den Nacken hing; daran hielt sie sich fest. Alles ging mit ihr rundum im lustigen Geklapper der Mahlstube, in dieser großen Glückseligkeit.

Hannes küßte sie ab; seine warmen Lippen suchten ihren wenig gebräunten, weichen Hals, ihre noch kindlich-runden Wangen, das Grübchen am Kinn, die schmalen, etwas blassen Lippen. Man konnte ihm nichts abschlagen. Wenn er bettelte: »E Küßche!«, so mußte sie ihm eins geben – nein, nicht eins, hundert!

»Haste mech lief?«

Da schmiegte sie sich wortlos fester an ihn.

Klingling! Bei dem blechernen Klang des Läutwerks fuhr Tina erschrocken auf. Jetzt kam auch schon der Knecht gerannt auf das Signal, das der hungrige Trichter gegeben, um dem ein paar Wannen voll Korns ins Maul zu schütten. Und über den Flur dröhnte die derbe Stimme des Müllers: »Kobes, Nikla, spannt an eweil!«

Eilig wollte Tina hinaushuschen, aber Hannes hielt sie fest. Was ging’s ihn an, wenn auch andere dazukamen? Das war jetzt sein gutes Recht! Und er nahm sein Mädchen um so fester in den Arm und schmatzte es noch einmal ordentlich ab. –

Tina war ganz verstört, als ihr zukünftiger Schwiegervater ihr auf den Wagen half. Ihr Kleid war zerdrückt, ihre glatten Zöpfe rauh. Vorn bei den ungeduldigen Pferden stand Hannes und hielt sie beim Kopf; im trüben Licht der flackernden Stallaterne, die der Knecht hochhielt, suchte Tina noch einmal, halb schüchtern, halb verlangend, ihres Bräutigams Blick. Wenn sie jetzt wieder gefahren kam – herrje, dann war sie schon seine Frau!

Sie konnte ihr Glück kaum zähmen. Der Wind war ihr eben recht, der vom Maar her dem Gefährt in den Rücken schnaufte und wie ein böses Tier, eingesperrt zwischen den Bergen, fauchte. Der Ohm und die Tante fingen an zu jammern, und der Vater hieb auf die Gäule, die in dem halb gefrorenen, halb geweichten Märzschnee nur mühsam vorankamen. Das konnte noch eine böse Fahrt werden bis Gillenfeld! Die Tant’ Angenies fürchtete sich vor dem Umwerfen; das Wägelchen kippelte höchst bedenklich und schaukelte wie ein Schiff von einer Seite zur andern.

Jetzt, da sie die Mühlenschlucht verließen und einbogen ins Tal der Kleinen-Kyll, stieß die Tante einen lauten Kreischer aus und fuhr sich mit beiden Händen an die Ohren: hinter ihnen krachte und knallte es plötzlich und donnerte gefährlich in vielfachem Echo von den felsigen Wänden wider. Nun noch einmal und noch einmal! Die Pferde bäumten sich.

Aber Tina lächelte still selig in sich hinein, streifte das verhüllende Tuch vom Kopf und lauschte, die heißen Wangen frei dem kalten Eifelwind bietend – das tat ihr Hannes, ihr Bräutigam, der weckte die toten Berge mit Freudenschüssen und zeigte ihnen seinen Hillig[1] an.

Der Abend war sehr dunkel geworden, so dunkel, daß Hannes, der noch spät die Mühle verließ, beinahe ins Maar gepatscht wäre, hätte er nicht so genau gewußt, daß man hier, wo die finsteren Berge der Talschlucht auseinandertreten und sich jäh erweitern zum Kessel des Maars, nicht rechts umbiegen muß beim Steinkreuz, sondern links, wo das Heiligenbild den Pfad durch die moorige Wiese zum Dorf weist.

»Kotzdonner noch ehs!« Hätte er sich doch eine Laterne mitgenommen! Die Hände in den Hosentaschen, schrill pfeifend, trabte er voran. Vom Maar her zog’s, der Maarwind kam und stieß ihn in die rechte Seite. Da blieb er einen Augenblick stehen. Allerhand Getöns war in der schwarzen Nacht, der auch der Schnee kein Licht gab. Aber sein scharfer Blick sah doch das Maar, den farblosen Spiegel, umkränzt von nackten Höhen, die jetzt, ins Ungeheuerliche vergrößert, an den Himmel stießen. Und dort, ganz im Winkel, dem steilen Hange angequetscht, in nächtigem Flor: Maarfelden.

Wanderer gehen nicht gern hier bei Nacht, der Boden schwankt eigen unter der Last der Trittes. Es war vor Zeiten hier einmal alles Maar gewesen – Maar, wo jetzt die Hütten stehen und die Kirche mit dem tiefblauen Schieferdach – Maar, wo jetzt die schilfigen Wiesen sich breiten – Maar, die Wände des Kessels bis hoch hinauf bespülend, wo jetzt die winzigen Äckerlein sich herauswinden aus Ginstergestrüpp und Brombeergerank. Die Maarfrau sitzt jetzt in die Tiefe gebannt, unten in ihrem Kämmerchen und spinnt, zieht den Faden, so lang und fein wie ihr dunkles Haar, und lauert, daß sie sich einen herunterziehe zum Zeitvertreib. Müller-Hannes lachte übermütig hinüber: die Maarfrau, puh, was ging die ihn an?! Landscheids Seph, die hatte noch längeres, noch schöneres Haar, Strähnen wie schwarze Seide! Und ein heißer Schatz war die, recht was für so eine kalte Nacht.

Jedermann wußte es im Dorf: Landscheids Seph war dem Müller-Hannes sein Schatz, seit der vom Militär heimgekommen war. Jetzt schlief sie noch nicht; sie lauschte. Der Wind stieß den Laden vor ihrem Fenster auf und klappte mit dem Riegel – horch, ob er noch nicht kam?! Sie konnte es nicht abwarten. Mit Mühe öffnete sie die kleine Scheibe im verquollenen Rahmen und zwängte den Oberkörper hinaus. Der Wind stemmte sich ihr entgegen und stieß sie vor die Brust. Aber sie wich nicht; sie war groß und stark, und lebenswarm lief ihr das Blut durch die Adern.

Der Wind wurde zum Sturm und scheuchte die finsteren Wolken überm Maar auseinander, wie eine Herde schwarzer Schafe. Nun gab’s ein wenig Licht, ein wenig zitternden, gejagten Mondschein; er verfing sich in der Seph Haaren und goß blankes Silber auf den schwarzen Scheitel. Der heftige Wind hob die schweren Strähnen und wehte sie lang zum Fenster heraus. Die nackten Arme des Mädchens, blinkend im nächtlichen Dämmer, streckten sich aus, dem Müller-Hannes entgegen.

[1]. Verspruch

2.

Das war eine wundervolle Maiennacht! Eine Nacht, in der alle Winde schlafen, in der der Mond Silber streut; eine Nacht, in der das Springen der Knospen zu hören ist. Der Wildbach fließt ruhig, und wo er bergab ins Gefälle kommt, scheint er die Steine zu küssen, über die er sich schmeichelt. Es duftet – nicht nur der Waldmeister, der im Buchenbüsch unter den braunen Blättern vergangener Herbste sprießt, nicht die Anemonen, nicht die Veilchen und Himmelschlüssel allein, die am grünen Wegrain blühen – alles duftet, die Luft, das Wasser, die Erde. Es duftet voll herber und doch süßer Frische, es duftet nach Jugend.

Die großen Kehren, in denen sich die Straße von Manderscheid abwärts zum Tal der Kleinen-Kyll schlängelt, fuhr ein Wagen hinunter. Ein Paar saß darin.

»Hott – hahr!« rief der Mann dem Pferdchen zwar zu, aber acht hatte er nicht. Gut, daß das Roß die Straße kannte! Vorsichtig bog es an den gewohnten Stellen um; sacht rollen die Räder zu Tal.

Und immer höher hob sich der Mosenkopf, der Herrscher, aus dem Gewirr all der niedrigeren Höhen. Der Mann im Wagen stand plötzlich auf, riß den Hut ab und grüßte den heimatlichen Berg mit langhallendem, jauchzendem Schrei. Ein trunkener Glanz lag dabei auf seinem Gesicht; die Zügel ließ er fahren und riß mit beiden Armen sein junges Weib zu sich in die Höhe.

»Kuckste, Tina, lao es hän, dän Mosenkop!« Er schwenkte noch einmal den Hut: »Boschur! Ech sein eweil widder hei! On kuk hei, dat Tina es mein’ Frau – ech haon se! Hallo – ho, ho!«

Das Echo war erwacht und antwortete aus allen Schlünden und Schründen. Die stille Nacht ward plötzlich laut, wie erschreckt von der starken Stimme. Im Gebüsch rauschten Vögel, ein aufgescheuchtes Reh setzte in Sprüngen über den Weg, und ein Fuchs stahl sich schlau beiseite. Zurück gen Manderscheid, und unten den Bach im Grund entlang, bis hinauf zum Mosenberggipfel und noch höher, bis an die Wolken, bis zum blanken, glänzenden Rund des Mondes gellte der Ruf:

»Dat Tina es mein’ Frau – ho, ho!«

Hannes schlang den linken Arm um den Nacken seiner Jung-Angetrauten, er mußte sich ein wenig stützen; aber es war nicht all der genossene Hochzeitswein, der ihn taumeln machte. Mit der Rechten wies er hinauf zum Berggipfel. Der Wind streichelte den Kopf des alten Riesen; jeder Grat, jedes Grätchen, jede Schrunde, jeder Riß war sichtbar im vollen Licht. Auch auf des Hannes Gesicht lag Mondglanz, aber da war noch keine Falte, kein Fältchen – alles glatt.

Ausgelassen rief er:

»Tina, kuckste hei dän Mosenkop? Dän es nach meinem Gu[2]! Lao stieht hän schon an de dausend Jaohr on kehrt sich’n Dreck, wat de Welt micht. Siehste, hei bauen ech noch ehs en schien Haus. Groß muß dat sien on kommod. Dann siehn ech de Mosel on dän Rhein, on ech spucken de Leut uf dän Kop!«

Hatte er zu viel getrunken? Die junge Frau hielt ihn fast ängstlich am Arm fest. Drei Tage hatten sie Hochzeit gefeiert, dann waren sie heut morgen von Hause fort – sollte der Abschiedstrunk, den die Verwandten und Gefreundten ihnen kredenzt, als sie schon auf dem Wagen saßen, noch so nachwirken?! Sie suchte seinen Blick, aber er erwiderte ihn nicht; er sah sie gar nicht. Glänzend waren seine Augen auf den Berg gerichtet. Und er reckte sich, atmete tief und brach dann in ein so anhaltendes Gelächter aus, daß das Pferd die Ohren spitzte, den verständigen Trott aufgab und in ganz unvernünftigen Sprüngen, den Wagen hinter sich dreinschlenkernd, bergab jagte. Das ging wie der Blitz. Die Kehren hinab – rechtsum – linksum – die Ebereschenbäumchen an der Ansturzseite flogen wie Schatten vorüber.

Tina schrie erschrocken auf und haschte nach den Zügeln. Aber ihr Mann stand ihr nicht bei, er hatte sich hintenüber auf den Sitz geworfen und klatschte sich die Lenden. Angst?! Warum denn? Ei, das war gerad’ schön! Er ergriff die Peitsche, berührte noch die Seiten des Pferdes und hieb dann, derb knallend, in die Luft. »Hä, hä, voran gemach, hä, hä!«

Immer rascher, rascher. Tina hätte weinen mögen vor Angst. Windschnell waren sie unten. Nun verfiel das Pferd von selber in ruhige Gangart, denn der Weg war steinig, stieg bald und fiel bald, immer auf und ab, jeder Windung der Kleinen-Kyll folgend. Auch Hannes wurde ruhiger im nächtigen Schatten des tiefen Tals, dessen Grund der Mond nicht erreichte.

Er zog Tina an sich und küßte sie zärtlich verliebt; wahrhaftig, es tat ihm jetzt bitter leid, daß er sie geängstigt hatte.

Sie vergaß ganz, daß sie ihm eigentlich böse war wegen der tollen Fahrt – so leichtsinnig, ohne Zügel und Bremse!

Und sie flüsterten miteinander. Müde wurden sie darüber, und eine Sehnsucht stieg in ihnen auf nach dem Ehebett, das in der Mühle jetzt ihrer harrte, festlich bereitet von neuem, weißem, glattem Linnen für ein neues Glück.

Die Alten hatten Wohnung im Dorfe genommen und die Mühle dem jungen Paar ganz allein überlassen. Beim Sohn auf dem Altenteil zu bleiben, das paßte dem Müller-Matthes nicht; von seinem Vater selig her wußte er’s noch, wie unzuträglich es ist, wenn einer da ist, der noch kommandieren möchte, wo doch jetzt ein anderer zu kommandieren hat. »Wann Heu und Stroh beisammen kommen, dann entsteht leicht ein Brand«, und »man soll sich nicht austun, bevor man schlafen geht«, das waren Sprichwörter, die Müller-Matthes bedachte. Dem Sohn hatte er wohl die Mühle übergeben, aber sein bares Geld aus dem Sacke zu tun, o nein, das fiel ihm gar nicht ein! Er wollte auch noch leben und nicht nur um Gottes willen.

Der Zufall wollte es, daß das Häuschen des Landscheid zu Maarfelden leer wurde. Der Alte hatte schon lange an der Gicht gelegen und verstarb, als die Märzstürme übers Maar sausten. Nun wollte die Seph das Erbe, das einzige, was sie hatte, gern zu Gelde machen, um mit den Geschwistern auswärts sich auseinanderzusetzen. So war sie eines Tages selber auf die Mühle gekommen und hatte gefragt: wenn es denn wahr sei, was sie reden gehört, daß der Sohn zum Mai heirate und der Müller eine andere »Gelegenheit« suche, ob er dann nicht ihr Anwesen kaufen wolle? Groß sei das freilich nicht, denn Reichtum sei nicht bei ihnen zu Hause gewesen.

Sie hatte das letztere mit einem bitteren Auflachen, recht unnötigerweise, zugesetzt – wie es bei Landscheids stand, wußte doch jeder im Dorf – und ihre schwarzen Augen waren dabei wild in der Stube umhergefahren mit einem suchenden Blick. Aber der Hannes ließ sich nicht finden. Und als sie nachher draußen vor der Tür stand und zögerte, ob sie ihn nicht vielleicht über den Hof schreiten oder beim Säckeladen hantieren sähe, war auch kein Hannes da. Mit gesenktem Kopf war sie von dannen gegangen, ihre hohe Gestalt schien um einen Fuß kleiner. Dort, wo der Mühlenweg zum Maar einwendet, beim Steinkreuz, war sie stehengeblieben und hatte starren Auges in die dunkle Flut gestiert.

Der scharfe Wind des kommenden Frühlings zerrte ihr am Haar, daß einzelne Strähnen sich lösten und ihr ums Gesicht schlugen.Und sie dachte daran, wie sie manche Nacht bei Sturm und Unwetter auf den Hannes gewartet und nicht gemerkt hatte, daß es kalt und rauh war. Und nun war alles zergangen zu gar nichts, wie der Schaum da, den der Wind auf dem Maar zusammmenpeitscht, und der dann am Ufer trüb und schmutzig in den toten Binsen zerfließt. Sie weinte nicht, aber ihre Fäuste ballten sich in den Falten des Rockes.

Daß der Müller-Hannes sie nicht heiraten würde, hatte Landscheids Seph immer gewußt – reiche Söhne heiraten keine armen Dirnen – nachgedacht hatte sie freilich weiter nicht darüber. Er war ihr gut und sie ihm, sonst was scherte sie nicht. Sie hatten miteinander geschäkert schon als Halbwüchsige; der herbe Eifelwind hatte sie beide groß und kräftig gemacht, war’s da nicht natürlich, daß sie sein Mädchen geworden war?! All die Jahre, die er beim Militär gewesen, hatte sie sich keinen anderen angeschafft, und als er dann endlich wiedergekommen war, hübscher denn je, männlich und dreist, da war sie ihm an die Brust gestürzt wie eine Bergquelle, die sich ergießen will. Nein, sie wäre ihm nicht böse gewesen, hätte er einmal eine Reiche geheiratet, die der Müller ihm ausgesucht! Aber daß er’s so getan hatte, so mir nichts dir nichts, ihr’s nicht einmal vorher angefragt, ihr einfach den Laufpaß gegeben, als er es an der Zeit fand, das verzieh sie ihm nicht.

»Dän Deiwel soll hän holen, dän schandlusen Kerl! Dau – dau – vermaledeit seiste!« Sie hob die Faust und drohte nach der Mühle zurück mit einer wütenden Gebärde. –

Jetzt suchte Landscheids Seph eine Unterkunft. Oben zu Manderscheid hätte sie wohl ankommen können, im Gasthof dort brauchten sie eine mit starken Armen und eine Hübsche, die den Gästen gefiel; aber das war ihr zu weit, sie wollte nicht weg aus ihrem Dorf, jetzt erst recht nicht, dem Hannes zum Possen. Die Burschen hatte ihr zwar in des Hannes Hochzeitsnacht einen Strohmann vor die Tür gesetzt und eine Katzenmusik gebracht, die ihr noch in den Ohren gellte; aber sie hatte ihnen aus der Dachluke schmutziges Wasser auf die Köpfe gegossen und war doch geblieben.

In dem kleinen erbärmlichen Dorfwirtshaus hatte sie einen dürftigen Dienst angenommen und schuftete vom frühen Morgen an hart, und lag spät nach Feierabend noch auf den Knien am Bach, der ohne Einfaß mitten durchs Dorf rinnt, und klopfte die vergraute Wäsche mit Steinen.

So sah sie den Hannes zum ersten Male wieder, ganz von der Nähe. Sonst hatte sie nur immer flüchtig aus der Ferne einen Blick auf seinen breiten Rücken erhascht: den drehte er ihr vielleicht nicht gerade mit Absicht zu, aber es hatte sich eben immer nicht anders gemacht.

Es war Holzversteigerung gewesen in dem großen Forst, der sich hinter Maarfelden über Höhen und Mulden, riesenhoch und riesenweit, bis hinab ins grüne Salmtal streckt.

Da hatte der junge Müller tüchtig gekauft, grün noch, auf dem Stamm. Seine Holzfäller sollten schlagen; einen ganzen Trupp hatte er gedungen, er betrieb gern alles im großen und hielt sich nicht lange kleinlich bei einer Sache auf. Seiner Tina hatte er heute zeigen wollen, wie man so ein Geschäft beschickt, zwei Pferde wurden angespannt – nur ein Gäulchen paßte dem Hannes schon lange nicht mehr – und so waren sie davongefahren im Chaischen, am hellichten Nachmittag, am ganz gewöhnlichen Werkeltag.

Jetzt kamen sie zurück; rasch rollten die Räder von der Höhe zum Dorf hinab, Staub wirbelte hinter dem Chaischen drein, und die struppigen Köter kläfften. Wer in der Hütte war, eilte neugierig vor die Tür, den reichen Müller zu grüßen.

Die Seph hatte den gebückten Rücken aufgerichtet. Ihre Blicke brannten. Ja, nun konnte er ihr nicht mehr den Buckel zudrehen, jetzt kanm er im Wägelchen direkt auf sie zugefahren, gerad’ auf sie los – Angesicht gegen Angesicht! Wild klopfte ihr das Herz.

Müller-Hannes knallte mit der Peitsche: »Hä, gäwt Obacht, Ihr elao!«

Aber sie rührte sich nicht. Sie blieb auf den Knien und richtete das erblaßte Gesicht steif gegen ihn. In der einen Hand hielt sie das verschmutzte zerissene Arbeitshemd, in der anderen den Stein, womit sie es geklopft hatte. Der dünne Rock klebte ihr am Körper, sie war durchnäßt bis auf die Haut und lag im Schmutz. Die Räder streiften sie und rissen ihr im Vorbeirollen einen Fetzen vom Rock ab, eine ganze Wolke von Staub fiel über sie her; aber sie sah Hannes starr an. »Kennste mich?« schien ihr Blick zu fragen.

»O je, ich kennen Dich,« schien sein Blick zu antworten. Müller-Hannes nickte, lässig zwar nur und leichthin, aber er grüßte doch: »Dag, Seph!«

Sie grüßte nicht wieder, sie war wie erstarrt. Mit offenem Munde sah sie ihm nach. Und sie hörte die junge Frau fragen:

»Wer is die?«

Und ihn antworten:

»Dat Landscheids Seph, hei aus’m Dorf! Dat es ehs mei Mädche gewest!«

Er sagte es recht laut; die Frau neben ihm zuckte, unangenehm berührt, heimlich zusammen. Und das Mädchen hinter ihm zuckte auch; Seph hätte aufschreien mögen vor Schmerz, Wut, Empörung und zugleich doch vor Freude, ja vor Freude: verleugnet hatte er sie wenigstens nicht, seiner Frau es ins Gesicht gesagt!«

»Dat Seph es ehs mei Mädche gewest« – das hörte sie die ganze Nacht. Das war doch wie eine Genugtuung. Aber dann durchfuhr es sie plötzlich schmerzhaft, gleich einem Stich: sie hatte es wohl gesehen, wie kurz auch die Begegnung gewesen war, sie hatte es gesehen, mit dem einen, alles unfassenden Blick – seine Frau war in Hoffnung!

Aber nicht nur Landscheids Seph warf sich diese Nacht hin und her auf ihrem harten Laubsack, auch die junge Müllerin fand keinen Schlaf in dem hochgetürmten Ehebett. Hannes schnarchte schon längst, da drehte und wendete sie sich noch in Herzensangst. Was war das für ein schwarzes Weibsbild gewesen mit bösen Augen?! Die war einmal ihres Mannes Schatz gewesen?!

»Och Jesus!« Sie stützte sich auf den Ellbogen und beugte sich so, halb aufgerichtet, fragenden Blickes über den Schlafenden. Der Mond warf ein falbes Licht in die Stube. Wenn sie doch jetzt in seinem Gesicht lesen könnte! Was war gewesen, was würde noch alles sein?! Sie seufzte. Ihn am Tage zu fragen, wagte sie nicht. Nicht, daß sie nicht zufrieden mit ihm gewesen wäre – o nein, es ging ihr ja sehr gut, das konnte sie ihrem Vater versichern in jedem Brief, das konnte sie sich selber versichern, und auch der lieben Mutter Gottes dort überm Weihwasserkesselchen – ihren Hannes wollte sie nicht verklagen, nein, der war nun mal so! Und doch machte ihr manches Sorge. Wenn der Hannes nur nicht so leicht mit dem Geld wäre! Neulich war er zur Dauner Kirmes gewesen, da hatte er Bekannte und Unbekannte traktiert: »trinken sollten sie, so viel sie wollten« – und das war viel – und hernach, als sie schrien: »Vivat dän Müller-Hannes! Hoch soll hän läwen hoch, hoch, hoch!« da hatte er noch ein paar Flaschen »Schambannijer« spendiert. So hatten sie es ihr erzählt; sie selbst fuhr jetzt nicht mehr mit auf die Kirmessen – ach je, ihr war es jetzt oft recht elendig! Die Brauttränen müssen geweint werden; die Braut, die sie nicht vor der Hochzeit weint, muß sie danach weinen – ach, sie hatte keine Brautträne geweint, keine einzige! Aber jetzt –?!

Seufzend zog sie die Stirn in Falten und drückte das Gesicht ins Kissen. Still nur, still! Sagen ließ er sich ja doch nichts. Und »das Weib hat’s Maul zu halten«, hatte ihr erst letzthin der Schwiegervater gesagt, als er kam und sie gerade saß und weinte.

Das junge Weib wühlte den Kopf immer tiefer ein; dann warf es sich rastlos.

Derweil träumte der Mann schön: ihm war der erste Sohn geboren, ein Knabe, groß und stark. Pfarrer Noldes von Maarfelden taufte ihn – »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes …« tauchte den Finger ins Taufbecken, bespritzte des Kindes Stirn – da schrie der Knabe so durchdringen auf und strampelte so mit den Beinen, daß der erschrockene Pfarrer zurückfuhr und alle Paten lachten. So ein Filou, wahrhaftig, der wußte schon, was ihm gebührte! Solch einen Jung’, einen Sohn vom Müller-Hannes, den tauft man nicht mit purem Wasser, aus dem dreckigen Bach, aus dem alle Leut’ schöpfen!

Als der Müller am anderen Morgen erwachte, stieß er sein Weib an, das erst bei Tagesgrauen Schlaf gefunden hatte, und erzählte lachend seinen Traum. Das war ein Jung’! Schon im voraus war der Vater ordentlich stolz auf ihn.

Da sagte Tina schüchtern:

»Wann’t äwer nur e Mädche is?!«

Er sah sie an, als verstände er sie gar nicht, und dann wurde er grob:

»Maach! Onnerstieh Dech! Ech will en Jong haon, ech muß en Jong haon! Hörste? Dän soll de Mühl’ ärwen!«

[2]. gout

3.

Die Mühle lag am Bach, der sich aus den Abflüssen des Maares bildet und sich durch den schmalen Wiesenrain des engen Tales der Kleinen-Kyll zuschlängelt. Wenn das Maar hochstand und die Wiesen der Bauern überschwemmte, dann stürmte auch der Bach breit dahin, daß sich das große Mühlrad schwungvoll drehte. Aber wenn das Maar sich zurückgezogen hatte in seine geheimnisvolle Tiefe, eingesunken war wie ein Auge, das sich, alt und müde, schließen will, dann sickerte der Mühlenbach lässig dahin. Dann feierte das Rad. Der Herr feierte und die Knechte auch. Auf dem Lotterbett der Mahlstube dehnten sich die weißbestäubten Jungen, blinzelten träge nach den Mehlstäubchen, die im Sonnenlicht tanzten, und rissen gähnen das Maul auf. Es kam erst Leben in sie, wenn der Herr draußen rief: »Angespannt, ech faohren eweil!« Was? Der fuhr schon wieder aus?! No ja – die Burschen lachten sich zu – dann konnten sie ja auch im Dorfwirtshaus einkehren und die Seph karessieren, so sich die sehen ließ.

Wenn die runden Pferdchen mit dem leichten Wägelchen davongetänzelt waren und der Herr mit der Peitsche noch einmal lustig zurückgeknallt hatte nach dem verschlossenen Fenster der Wohnstube, stahlen sich auch die Knechte vom Hof; und die Magd folgte.

Einsam war die Mühle. Die starke Herrenstimme, die das Haus vom Giebel bis zum Keller füllte und muntere Nachklänge in allen Winkeln erweckte, tönte wo anders. Das leise Zittern und Schwanken der Dielen, das Schlagen und Pochen und Schaufeln des Rades hatte aufgehört: das Herz der Mühle stand still. Dann ging Frau Tina wohl hinaus aus der Stube, ums Haus herum bis zum Mühlgraben, stand mit hängenden Armen eine lange Weile und besah sich das stille Rad. So kolossal hing das da – ach, ihre Hände waren zu schwach, um in seine Speichen zu greifen! Sie konnte es nicht antreiben, es war ja so groß und schwer. Ach, wenn es sich doch wieder drehte! Wie anders sah es aus, wenn seine breiten Schaufeln wie rührige Hände ins Wasser faßten, immer wieder und wieder, und sich einen Gischt übergossen, einen perlenden Guß nach dem andern, der immer weißer und weißer wurde, leuchtend wie Schnee, hervorschäumend aus grünlichen Tiefen. Wie schön war das Rauschen und Brausen; die Musik, die hörte sie gern!

Daß mit dem Stillstehen des Rades auch das Surren und Brummen der Kreissäge verstummt war, schaffte ihr weiter kein Leid. Die machte ja keine Musik, wie das große Mühlrad im schäumenden Wasser, die schnurrte und kreischte ihr nur widrig in die Ohren.

Wenn nur die Kreissäge nicht wär’– die gab ihm immer die Ausrede! Bald mußte er zur Holzversteigerung – jetzt in den Gemeindewald, dann in den königlichen Forst – bald hierhin, bald dorthin; vor Morgengrauen brach er schon auf und kam längst nach Mitternacht erst wieder heim. Und dann mußte er hinunter an die Mosel, Aufträge einsammeln für seine Kreissäge, für das vielfräßige Ungeheuer mit den scharfen Zähnen; nie war genug Futter für das da! Bis an den Rhein gar, plante er, wollte er nächstens fahren, das Geschäft so erweitern. Jetzt blieb er schon Tage aus o je! – und dann am Ende gar noch länger! Und immer wurde getrunken. Das ist bei Geschäften nicht anders. Und immer war er der erste dabei, der Lustige, der Spendable!

Die junge Frau sah sich besorgt um: es lagen der Bretter so viele aufgestapelt, fast so hoch wie das Haus. Als wenn die alle schon einen Käufer gefunden hätten! In diesen schönen, glatten Brettern, die das weiße Fleisch der Bäume entblößt zeigten und noch den Duft des Waldes an sich hatten, steckte viel Geld, ein ganzes Kapital. Dabei hatte der Vater doch letzt geschrieben, heuer seien die Ernteaussichten schlecht an der Mosel; die Reblaus war drunten, es half kein Bespritzen und Gießen mehr mit dem und jenem, was der Herr Landrat verordnet hatte – da brauchten sie nicht viel Fässer.

Sie ging um die Stapel herum und betrachtete sie ängstlich unter hochgezogenen Brauen: wer sollte all das Holz kaufen?! Der Hannes hatte bar bezahlen müssen bei der Versteigerung – aber wer zahlte ihm? Die Kunden, die ihr Korn bei ihm mahlen ließen, zahlten meist nicht bar Geld, die gaben einen Molter vom Sack.

Ach, wenn der Hannes nur nicht so viel Holz kaufen möchte! Das wäre er seinem Renommee schuldig, sagte er, ordentlich einkaufen müßte man.

Sie fühlte hier an und dort an: hu, schon klamm, feucht! Und wenn all dies Holz nun hier liegen blieb, bis der Spätherbst kam mit seinen Regengüssen, und Berg und Grund vor Nässe trieften?! Wenn die durchdringenden Nebel alles bis ins Innerste aufweichten!? Wenn der endlos lange Eifelwinter kam, der weiter nichts kann als Schnee herunterschütten oder mit eisigem Frost alles zusammenpressen, daß es knackt und in sich reißt?! Wenn dann hier die Bretter Spalten und Fugen wiesen oder moderten und faulten, wer gab dann nur halb das Geld dafür, das sie gekostet?!

Frau Tina schüttelte betrübt den Kopf. Wenn der Hannes doch hören wollte, um was sie ihn bat: »Laß doch e Dächelche drüber ufschlaon!« Ausgelacht hatte er sie: wie konnte er wohl über so viel Bretter ein Dächelchen schlagen lassen? Bis Herbst waren die ja auch längst verkauft! Ein Schuppen hätte ihm freilich angestanden, vorzüglich fürs Chaischen, das jetzt notdürftig untergebracht war; aber wohin sollte er den setzen? Platz war nicht, gerade daß das Wohnhaus und der Stall sich eingequetscht hatten zwischen dem Bach und der Böschung der Landstraße; den Hofraum brauchten die Wagen, schwer genug war das Wenden zwischen Hauswand und Holzstapel. Als sie ihm den Platz vorgeschlagen, den das Gärtchen am Ende zur Not doch bot, war er heftig geworden.

»Ons’ schien Gärtche? Dat es mein Pläsier! Dat laoßen ech mer net verfumfeien!« Und er hatte wieder neue Rosenstöcke aus Trier kommen lassen und allerhand feines Gesäms, das nicht aufging.

Nein, die Rosen würden hier nie blühen! Tina ging in den Garten und richtete ein Stämmchen auf, das der Eifelwind umgestoßen. Sie suchte einen Bast, daß sie es anbinde, aber da wurde sie gewahr, es war eingeknickt, gebrochen in der Wurzel. Den Bast ließ sie fallen, und in einer plötzlichen Traurigkeit kehrte sie sich ab – dem half kein Anbinden mehr!

Die Sonne, die bis dahin noch geschienen, war hinter den Berg gesunken. Schatten düsterten im Tal. Wenn’s auch noch Sommer hieß, man dachte doch schon an Herbst. Fröstelnd ging die einsame Frau zwischen den Beeten auf und ab und suchte nach einigen Blumen. Viele fand sie nicht, die Beete waren verrast, Unkraut machte sich breit; das grüne, klammernde Moos, das so geschwind im Feuchten gedeih, fing schon an, den Pfad zu überziehen. Von der Brennenden Liebe, die sie im ersten Mai ihrer Ehe miteinander gepflanzt, blühte kein voller, rotglühender Busch mehr, nur noch ein einziger Stengel. Rasch knickte Tina den ab, er sollte vorm Muttergottesbild prangen.

Jesus, wie sah es hier bös aus! Geld genug hatte der Garten gekostet, aber da war keiner, der ihn in Ordnung hielt. Sie sah an sich herunter und streckte die schmalen Hände aus – graben und jäten, ja, das war keine Arbeit mehr für sie! Ach, seit einem Jahr nicht mehr! Die Geburt des kleinen Mädchens hatte sie schwach gemacht.

Sie mußte es doch dem Hannes sagen, daß der den Garten in Ordnung brachte – aber nein, nein, lieber nicht! In Ordnung bringen, das hieß für ihn: Arbeiter bringen, alles Alte herausschmeißen und Neues einsetzen lassen. Es mußte schon so bleiben.

Niedergeschlagen verließ die Frau den düstern Garten; sie hatte sich lange verweilt. Am Mühlengraben kam sie wieder vorbei – es rührte sich nichts – da hing noch immer das leblose Rad. Sie mochte es gar nicht mehr ansehen; ihr wurde so bang. Ein Lied, das sie oft in der Heimat gehört, schoß ihr auf einmal durch den Sinn:

»Da drunten in dem tiefen Tale,

Da steht eine Mühle zum mahle –«

und weiter?!

Mit einem scheuen Blick sah sie sich um.

»Das Mühlrad, das große, das Mühlrad blieb stehn,

Ach Gott, was ist in der Mühle geschehn?!«

Die Schatten dunkelten tiefer. Wie gejagt flüchtete die Frau in die Stube, wo das kleine Mädchen lag und greinte, setzte den Fuß auf die Schwinge der Wiege und brachte sie in Bewegung. Sacht schaukelte die hin und her und lullte das Kind wieder ein; aber die Gedanken der Mutter kamen so rasch nicht zur Ruhe.

Die Nacht sah finster zum Fenster herein. Wenn doch der Hannes bald wiederkäme! Tina hörte die Knechte endlich heimkehren, sie hörte deren Pfeifen im Hof; die Magd, die mit rasselnden Eimern zur letzten Melke ging, juchzte hell auf. Sie neckten sich. Kein Lächeln umspielte den Mund der jungen Frau.

Als alle schon lange schliefen, wartete sie noch immer auf ihren Mann. Die Stunden wurden ihr zu Ewigkeiten. Der Kuckuck hatte schon viele Male den Kopf aus seinem Uhrtürchen gesteckt, nun schrie er schier ohne Aufhören. Zuckenden Mundes zählte die Frau: Jesus, schon zwölf, Mitternacht! Wenn er doch käme, sie war ja so allein! Da, horch, rasselte nicht fern ein Wagen?! In der Stille der Einsamkeit meinte sie vertrautes Räderrollen zu erkennen. Nun litt sie’s nicht länger, ihr Herz klopfte. Hastig schlüpfte sie aus der Stube. Leise öffnete sie das Türgatter halb und lehnte sich lauschend hinaus. Nichts war mehr zu hören, auch nichts zu sehen, nur gerade ein Stück Landstraße, vom Licht der Sterne schwach beflimmert; dahinter eine dunkle Höhe. Vor Enttäuschung traten ihr die Tränen in die Augen – er kam noch nicht! Doch halt, war das nicht ein Tritt?! Wer schlich da noch herum?!

Eine Gestalt wurde sichtbar: ein langes, großes Frauenzimmer stand an der erhöhten Böschung der Straße, unbeweglich das Gesicht, das wie ein heller Fleck durchs Dunkel schimmerte, der Mühle zugekehrt. Auf wen lauerte die, gewiß auf einen Knecht?!

Als Frau Tina, die endlich in die Stube zurückgegangen war, noch einer halben Stunde wieder in die Tür trat, stand die unbewegliche Gestalt noch immer drüben auf der Landstraße. Tina wurde neugierig; sie faßte sich ein Herz und rief in die Nacht hinaus:

»’n Abend, auf wen wart’ Ihr dann hei?« – »Hä, uf mein Schatz!« – »Ach herrje!« Die junge Frau fühlte sich plötzlich hingezogen – warten, ach, das ist ein schlechter Zeitvertreib! »Geht nur heim, de Knecht schlafen als lang: Ech glauben, eweil kömmt keinen mieh heraus für zu karessieren!«

»Ech waarten aach uf ke Karessiere mieh!«

Das klang merkwürdig bitter; und dann folgte ein hartes Auflachen, das Tina erschreckte. Auf was wartete die denn sonst jetzt so spät noch, auf was anders als auf ein heimliches Stündchen, von dem niemand nichts weiß?! Die stand ja so erwartungsvoll, hatte die Arme übers Kreuz geschlagen und guckte unverwandt zum Haus hinüber. Tina glaubte den brennenden Blick jener Augen zu fühlen. Was wollte die denn? Ach, am Ende hatte der Schatz sie verlassen, und sie gedachte nun, ihm hier aufzulauern.

»Se sein all im Bett,« versicherte sie noch einmal treuherzig, und dann setzte sie teilnahmsvoll hinzu: »Jao, Jao, so sein die Mannsleut’! Ech raten Euch gut, laßt hän laufen. Ihr krieht en annern!«

»Spaort Eier Red’ – ech will ken annern!« Die Große fuhr auf und reckte sich, und dann streckte sie plötzlich den Kopf vor und schien mit geneigtem Ohr zu lauschen. »Dän Müller es net derhäm?« Sie fragte es, aber sie schien keiner Antwort zu bedürfen.

Tina stutzte. Der Müller, ihr Mann, freilich, der war nicht zu Haus, aber was ging das die an, warum fragte die? Eine plötzliche Unsicherheit übefiel sie, eine jähe Furcht – wovor, das wußte sie selbst nicht. Die Nacht war so düster, in den Lüften schien es zu seufzen; drohend ragte gegenüber der dunkle Berg, und die Große stand unbeweglich mit lauschendem Ohr.

»Gieht, gieht!« sagte die junge Frau hastig, »ech giehn eweil auch un legen mich hin.« Sie machte Anstalt, die Tür zu schließen, aber sie sah, die andere ging doch nicht weg. »Gieht heim, strolcht hei net mich herum. Ihr hatt hei nix verloren – gieht doch!« Ihre Stimme wurde scharf vor Ärger und Unruhe.

Die Große lachte wieder; kam dann ein paar Schritte näher. »Ech wünschen Eich en gude Ruh. Schlaoft wohl – allein!«

Trotz der Dunkelheit sah Tina ein paar wilde Augen funkeln, weiße, rollende Augäpfel und ein sprühendes Flackern. Angst kam sie an in der einsamen Nacht, sie stotterte: »Den Müller – den Müller – den is jao zu Haus, den liegt schons im Bett!«

»Ha, ha, wän’t glauwt! Ech net. Dän fährt eweil noch im Chaische. Läjt Ihr Eich eweil noren ganz kommod; ech waarten noch ebbes. On wann de Naacht drüwer zu End gieht, on de Sonn drüwer erufkömmt, on de Welt drüwer onnergieht« – die Worte überstürzten sich ihr –, »on wann alles kaputt gieht, on wann hän mech schlät – ech, ech haon noch en Rechnung met em ze maachen! On wann et währt bis zom Jüngsten Dag, heimgezaohlt krieht hän dat doch emaol. Wann net von mir, dann von’m annern! Waart dau«, – sie ballte die Faust und drohte in die Ferne – »waart!«

»Jesses!« Zu Tode erschrocken zitterte die junge Frau.

Da, von ferne Räderrollen! Sie horchten beide. Jetzt kam er!

»Hannes«, schrie Tina laut und sprang gegen den Wagen an.

Der Müller, der fest geschlafen hatte – die Pferde waren des Weges sicher –, fuhr auf aus seinem sanften Dusel. Seine Frau hing ihm schwer am Arm. Was war denn passiert, he, was denn?! Brannte es wo, kam die Maarfrau gelaufen und wollte sie beim Schopf fassen?!

Tina konnte nicht sprechen, sie war zu erregt. Den Arm nur streckte sie aus und wies ihm die Große, die noch immer dastand wie angewachsen.

»Kotzdonner, dat schwarz Luder!« Hannes riß die Augen weit auf: was, die jetzt bei Nacht und in der Positur?!

Sie sah ihn an, als wollte sie ihn umbringen.

Da nahm er seine Frau recht fest in den Arm, Landscheids Seph brauchte nicht zu denken, daß er sich vor ihr genierte.

»Tina, no, sei rohig,« tröstete er; und dann drehte er sich der andern zu und sagte ganz unbefangen: »’n Aowend, Seph! No, wat michst dau dann hei noch eweil esu spiet?«

Sie erwiderte nicht und rührte sich auch nicht, blickte ihn nur unverwandt an mit ihren schwarzen Augen.

Er lachte hell auf: »No, wat dann? Willste wat?«

Was sie wollte?! Was, was, er fragte noch?! Durch die starke Gestalt des Mädchens lief ein Beben. Da stand er, breit und frech, er, der sie verlassen, schlug nicht die Augen nieder, sondern lachte! Lachte!

Mit der einen Hand hielt er seine Frau, die andere hatte er in die Hosentasche gesteckt; die Pferdchen guckten ihm über die Schulter. Im Sterngeblinzel leuchtete hell sein rundes, blondes, lachendes Gesicht.

Seph wollte sprechen, schreien, schelten und konnte nicht. Der Mund war ihr plötzlich wie zugehalten. Nur ein kurzer heiserer Laut kam ihr aus der Kehle, anstatt all der langen lauten Vorwürfe, die sie ihm hatte ins Gesicht schleudern wollen. Sie boste sich. Also dafür hatte sie ihm aufgelauert seit Tagen, Wochen, Monaten, war hier ruhelos oft um die Mühle geschlichen, hatte ihm nachspioniert bei Tag und Nacht?! Also dafür hatte es ihr keine Ruhe gelassen, der Wunsch sie verzehrt, ihm nur einmal, ein einziges Mal noch gegenüberzutreten, daß sie jetzt, nun sie ihn so nahe vor sich hatte, wie sie es gewollt, Auge in Auge, nichts von all dem herausbrachte, was sie ihm sagen gewollt?! Eine ohnmächtige Wut überkam sie, gegen ihn, gegen sich selber am meisten – ei, warum stand sie denn hier und ließ sich zum Narren halten?!

Stumm reckte sie den Arm gegen ihn.

»Kreizdonnerparaplei, Mädche, biste dann eweil ganz doll,« sagte er belustigt. Und auch die Frau wagte jetzt ein leises, verlegenes Gekicher.

Da fiel dem Mädchen der Arm wie gelähmt herunter. Es hörte nicht mehr das gutmütige: »No, no, Seph! Gieh eweil schlaofen, maach der doch net esu vill Ambra[3]!« Mit einer letzten Willensanstrengung kehrte es sich kurz ab und rannte davon.

In die Nacht hinein lief Seph, so rasch, wie sie noch nie gelaufen war. Hinter sich glaubte sie den Hannes lachen zu hören und seine Frau dazu – nein, die waren es doch nicht mehr, das waren die Stimmen der Nachtvögel, die ums Maar strichen! Und aus der Tiefe klagte es.

Sie stolperte und fiel hart nieder beim Steinkreuz und blieb liegen und vermochte sich nicht aufzuraffen, so müde war sie auf einmal; ganz zerbrochen. Das, auf was sie gelauert all die Zeit, auf das sie gehofft hatte mit einer peinvollen und doch lustvollen Gier: der Augenblick war dagewesen, und sie hatte ihn ungenützt verstreichen lassen.

»O, ech dumm Fraumensch, wuh hatten ech dann mei Maul?!« Mit beiden Händen griff sie sich in die langen Haare und riß daran, und dann schlug sie sich ins Gesicht. So hätte sie ihm ins Gesicht schlagen sollen und ihn anspucken dazu! Tränen des Grimms und der Beschämung zugleich fingen an ihr übers Gesicht zu laufen. Ja, nun konnte sie nur von Maarfelden gehen, sie hatte verspielt. Was sollte sie denn noch tun?! Ihm fluchen?! Sie hatte ihm schon geflucht, und doch lebte er froh, lachte er froh – aber wart, der Herrgott oben im Himmel würde doch eine Einsicht haben und guterletzt dem Hannes austeilen, was der sich selber verdient!

»Waart noren, waart!« Sie packte in ihr Kleid an jener Stelle, wo es das unruhig pochende Herz deckte. Fest stemmte sie so die Faust gegen das dumme zuckende Ding. Nur Geduld! – Ha, und lachen wollte sie dann dazu, lachen! – Und doch wälzte sie sich jetzt im taunassen Gras und biß sich auf die Faust, um nicht laut herauszuheulen. – –

Vom Dorf her kam verschlafener Hahnenkraht; über der nackten Höhe im Osten begann ein schwachrötliches Glimmern, und der Kranz der Berge ums Maar ward dämmernd sichtbar, als sie endlich aufstand. Einen finsteren Blick schickte sie zum Dorf, zum blauen spitzen Dach des Kirchleins, zu den dunklen Hütten und Hüttchen, die sich um das weißgetünchte Gotteshäuschen scharten. Wie traurig, wie armselig! Hei, wo anders war es leicht besser!

»Noren Kurasch on net esu duß[4], eweil krieht mer Pläsier!«

Sie warf den Kopf in den Nacken, schüttelte ihre Röcke und biß die Zähne aufeinander, – was nun kam, das kam auch noch auf des Hannes Rechnung!

[3]. embarras

[4]. doux = hier im Sinne von: verzagt.

4.

In dem vormals Landscheidschen Haus wohnte der Müller-Matthes nun schon an ein halb Dutzend Jahr. Er hatte es sich hübsch herrichten, die Stube dielen und die Kammer weißen lassen und seiner Frau einen neumodischen Kochherd gesetzt, statt des aus Steinen gemauerten mit dem rußigen Rauchfang darüber. Klare Glasscheiben waren in die Fenster gekommen, statt der trüben und papierverklebten; die alte, wurmstichige Tür, die gar keine Farbe mehr gewiesen, war einer neuen, frischgestrichenen gewichen mit blanker Klinke. Der Gartenwinkel zum Maar hinaus, über den das Vieh frei getrampelt, die Hunde und die Dorfkinder gelaufen waren, hatte einen schützenden Zaun bekommen, und in der Mitte, zwischen Stiefmütterchen-Rabatten prangte eine riesige Glas-kugel, in der sich alles, die Menschen, die Berge, das Maar, goldig widerspiegelten.

Wenn der Landscheid selig, der oben am Hang auf dem Kirchhof moderte, jetzt einmal herunterkommen könnte, er würde sein Haus nicht mehr kennen. Auch die Seph, die aus dem Dorf gezogen war – die einen sagten: nach Trier zur Tant’, der Köchin von Hochwürden zu Mattheis, oder sonstwo in Dienst; die andern sprachen: auf den Bummel –, ja, wenn die noch einmal wiederkäme, die würde sich auch nicht mehr heimfinden. So schön war das Haus.

Ein gut Stück Geld hatte es aber gekostet, der alte Müller empfand die Lücke in seinem Geldkasten, den er unterm Bett stehen hatte; es waren eine Menge Taler daraus fort und macher Papierschein. Und wenn’s nur das wäre! Aber was der Junge noch immer für ein Geld brauchte! Nun hatte der die Mühle und die wohlhabende Frau – reich könnt’ man die nennen, wenn die Weinjahre besser wären, aber sicher hatte sie genug mitgekriegt – und doch kam der Hannes in eins fort: »Vadder, leih’ mer ebbes! Vadder, ech brauchen hunnert Dahler! Vadder, ech sein justement in Verläjenheit! Vadder, dän on dän haot noch net sein Mahlschulden bezaohlt; äwer ech kann de Leut’ doch net pfände laoße! – Vadder, ech moß Gäld haon für dän Momang, dat siehste doch ein. Ech muß et haon für’t Geschäft zu bedreiwen, on – on aach sons noch. Ech kann doch net esu power ufdreten. Gel, Vadder, dau bis esu gut on hilfst mer aus der Bredullich?!«

Was sollte der Alte machen? Wenn sein Hannes so bat, wurde ja der störrichste Gaul zahm. Und den Jungen in der Verlegenheit sitzen lassen, das ging doch nicht an; dann würden die Leute gleich sagen: »De Mühl es neist mieh wert, dat gieht eweil net gud!« Ja, die waren immer bereit zu klatschen, weil die »powre Packasch« scheel sah aufs reiche Müllergeschlecht!

So zog der alte Müller immer wieder seinen Kasten unter dem Bett vor, und der junge Müller dachte, der Schatz könne nie ein Ende nehmen. Er hörte gar nicht hin, wenn sein Vater brummend und grummelnd dabei redete, er pfiff sich eins, und wenn er’s Geld hatte, war er flott. Hallo, das flog nur so unter die Leute.

Da war ein Mann zu Bleckhausen, dem hatte er längst ein Darlehen versprochen; und da war ein Weib zu Bettenfeld, dem war der Mann letzthin verstorben, und die Kinder kauten Hungerpfoten. Und da war ein Mädchen zu Wittlich, ein liebes Ding, dem hatte er versprochen was hübsches zu kaufen, wenn er’s nächste Mal wiederkam – wie, war er denn nicht der reiche Müller-Hannes?! Der Küster hielt ihm den Klingelbeutel immer länger hin als anderen – der wußte ja genau, der Müller-Hannes gab keinen Buxenknopf – und Pastor Cremer, das arme Männchen, das selber nichts hatte, kam bei ihm bitten für die Bedürftigsten der bedürftigen Gemeinde. Blicken sie nicht alle zu ihm auf, wie zum lieben Herrgott?! Wahrhaftig, er konnte sich nicht lumpen lassen! –

Heut war ein Fasttag. In der Mühle schrie der Kuckuck lustig die Mittagszeit; sie hatten zu den Kartoffeln Forellen aus dem Bach und Pfannekuchen für die, die noch nicht satt vom Fisch wurden. Es gab reichlich, aber die Knechte hieben auch gewaltig ein, und die kleine Tochter mit den Pausbacken stopfte sich mit beiden Händen den Mund voll.

Der Müller saß oben am Tisch, dick und satt. Sein rundes Gesicht war noch runder geworden, zu rund; zu völlig ließ sich seine Figur an. Ein leerer Krug stand vor ihm, bequem hob er ihn gegen seine Frau: »Tina, noch e Schöppche! mer krieht Dorscht vom Mehlstöb!«

Sie wollte Wein holen, da schrie er hinter ihr her:

»Bleiwste hei?! Laoß doch dat Lena laufen, wofor haste dann en Magd?!« Das fehlte noch, die Frau sollte selber in den dunklen Keller gehen?! Zudem hieß es ja, wenn man selber so viel arbeitete, dem armen Volk das Brot wegnehmen.

»Esu es et rächt,« sagte er frohgelaunt, als die Magd ihm den vollen Krug hinstellte, und kniff sie in den braunen Arm. »Dau solls aach ehs ene Mahn ganz for dech allein kriehn, Lena!«

Das Mädchen kicherte, und die Knechte grinsten. Die kleine Fränz fing an, als sie alle lustig sah, um den Tisch herumzuhüpfen auf einem Bein und jubelnd in die Hände zu klatschen:

»Eins, zwei, drei,

Nicke, nacke, nei …«

Da klopfte es an die Tür.

»Angtree,« sagte der Müller, und die Knechte drehten die Köpfe. Es war so viel Sonne in der Stube, daß alles in Glanz und Gold getaucht war.

Draußen stand ein Mann.

»Um Gottes willen,« sagte der und streckte, eine Gabe heischend, die Hand aus. Er war arg zerlumpt, Dorfhunde hatten seine Hosen zerfetzt, sein Gesicht war gelb und hager.

»Noren erein,« schrie der Müller, »kommt als noren erein, hei es zu äßen genug!« Jedoch, als er auf die Schüsseln wies, waren sie alle leer, kein Bröselchen mehr darin. »Dunnerkiel« – war das eine Verlegenheit! Aber dann fing er an, so mächtig zu lachen, daß sein ganzer Riesenkörper schütterte und die Stube dröhnte; er hielt sich die Seiten, und dann klatschte er auf die Knie: »Haha, alles ufgefräß! Haha, hoho!«

Der Bettler, von dieser laut ausbrechenden Heiterkeit verlegen gemacht, drehte sein hungriges Gesicht von einem zum anderen und wagte sich nicht näher. Da riß ihn der Müller an den Tisch: »Esu, setzt Eich eweil!« – und dann schrie er: »Tina, Tina!«

Die Frau kam aus der Küche gelaufen.

»Tina, gief dem Lena de Schlüssel. Im Rauch hängt en Schinke, dän giehste nehme, Mädche, on bringst hän heihin – wit, wit!«

»Et is heut Fasttag,« wagte die Frau einzuwenden.

»Äh wat, Fastdag oder net, dat schärt mech en Dreck. Dau wills nur dän Schinke net spendiere – Frauleider[5] seien alleweil knahschtig[6]. Ech saon der: här mit dem Schinke, mir haon des jao genug. On laoß Eier in de Pann schlaon! On Brod her! Dän Mahn soll net saon, dat hän hei net saot krieht!«

Es machte Hannes ein Hauptvergnügen, den Landstreicher recht vollzufüttern. Der konnte ihm gar nicht genug essen. Er saß dabei, die Ellbogen aufgestützt, und sah zu mit glänzenden Augen, wie es dem Hungerleider schmeckte.

»Äßt nor, äßt,« drängte er. »Gel, esu lecker hatt Ihr lang net gäß?« Erklopfte dem Bettler auf den Bauch: »Eweil is dän dick – jao, dat glauwen ech! Wann Eich de Leit fraon, dann saot nor: beim Müller-Hannes zu Maarfelden, lao es et gud sein.«

Als der Bettler gegangen war, seine armselige Gestalt und die barfußen Beine um die Wegbiegung verschwunden waren, stand Müller-Hannes noch lange in seiner Tür und ließ die Blicke rundum gehen. Was hatte er nicht alles?! Eine stattliche Mühle, Pferde im Stall, Kühe auf der Wiese, Wein im Keller, Schinken im Rauchfang und Forellen auf dem Tisch! Er pfiff hinter dem armen Teufel drein in unsäglichem Behagen.

Dort ritt ein Knecht die Pferdchen, die glatt und kugelrund gefüttert waren, in die Schwemme. Die große Dogge, ein Prachtexemplar, die Hannes sich jüngst um ein paar hundert Mark auf der Hunde-Ausstellung zu Koblenz erstanden, sprang tief belfernd um die Gäule herum und schnackte nach den hängenden Beinen des Reiters. Ja, der Nero hatte schon viel Hosen zerrißen – Hannes lachte – aber was taten die paar Mark, er war doch ein Staatstier!

Der Müller pfiff dem Hund. Der kam mit einem mächtigen Satz, sprang hoch und legte die breiten Tatzen auf die breiten Schultern seines Herrn; die rote dampfende Zunge hing ihm lang zum Halse heraus.

Das war ein Närren: »Fass’, Nero, fass’! Kätzchen … kß, kß, kß!« Wild sprang das junge, noch tolpatschige Tier im Hof herum. Gackernd stoben die Hühner nach allen Seiten; die Sperlinge, die sich’s am verstreuten Korn wohl sein ließen, flüchteten auf den höchsten First, der Stüpp riß kläffend an der Kette und wollte auch mit vom Spiel sein, im Stall entstand ein Brüllen und Muhen, ein Grunzen und Meckern. Die kleine Fränz kam aus dem Hause gelaufen, suchte mit Gekreisch den Nero am Stachelhalsband zu packen und tollte mit ihm um die Wette. Ein Rumoren war’s, daß die toten Steine hätten lebendig werden können. Der ganze Hof war erfüllt von Lärm und Leben und praller Sonne. Breit stand Müller-Hannes in seiner Tür und lachte sich eins.

Da kam ein Wägelchen vorgefahren. Darin saß der Laufeld, oben aus Manderscheid, der reichste Mann in der Runde. Er hatte eine Hypothek hier auf der Mühle, schon seit Menschengedenken; wären nicht Zinsen zu zahlen gewesen, alljährlich auf Martini, so hätte Hannes die längst vergessen.

Langsam stieg der Laufeld vom Wagen; er wartete, bis der Müller ihm entgegenkam.

Da konnte er lange warten. Müller-Hannes zog erst einmal das buntgewürfelte Tuch aus dem Sack und schneuzte sich umständlich. Der da sollte ja nicht denken, daß es ihm pressierte; war der reich, so war er ja auch reich! Aber dann kam doch die gewohnte gastfreundliche Lebhaftigkeit über ihn; er litt nicht, daß der Laufeld nicht ausspannte. Kotzdonner, das wäre doch eine Beleidigung, wenn der Gaul nicht an seiner Krippe fressen sollte; der Hafer war vom besten!

Mit gewaltigem Ton schrie er nach der Frau:

»Tina! Kaffee, Schnaps, frische Waffeln!« Einen »Momang«, und alles würde parat sein!

Er führte den Gast in das gute Zimmer, wo Tina rasch den Linnenbezug vom Kanapee gerissen, über dem der junge Hannes, als flotter Kavallerist abphotographiert und hübsch bunt ausgetuscht, stolz auf einem sich bäumenden Schecken zu sehen war. Über dem Bilde war auf zwei langen Nägeln die Jagdflinte am grünen Ledergurt befestigt, mit der Hannes so manchem Rehbock den Garaus gemacht und als Junggeselle zu frohem Hillig und zu mancher Kirmes und zu jedem Neujahr geschoßen hatte. Aus ihr hatte er auch den eigenen Hillig wohlgemut den Bergen verkündet.

Draußen tummelten sich die Frau und die Magd in der Küche; ein Knecht wurde noch zur Hilfe gerufen. Der mußte rasch Holzkolben ins Herdloch stopfen und frisch anfeuern. Rahm wurde abgeschöpft und Eier geschlagen. Mit hochroten Wangen stand Tina am Feuer, und dabei ängstigte der Gedanke sie: was wollte der Laufeld vom Hannes?! Der kam nicht in guter Absicht! Sie hatte immer Angst.

Drinnen saß der Laufeld auf dem Kanapee, bequem angelehnt, und musterte die Einrichtung. Er war noch kein alter Mann, einer mit frischfarbenem Gesicht und blanken Augen, aber doch ein gut Stück älter als Hannes, und er sah auf diesen mit dem Übergewicht, das ein ganz solides Besitztum gibt. Müller-Hannes fühlte das und blies sich auf.

Sie redeten hin und her: vom Wetter, von der Ernte, von der Kirmes und vom Viehstand. Auch von der Politik.

Der Laufeld, der alle Morgen, wenn Manderscheid noch im Nebel dampfte, zur Messe ging, fleißig den Rosenkranz betete und reichlich für die verfolgten Hirten der Kirch gab, spuckte auf die Maigesetze: Kaiser und Bismarck, die kamen gleich hinter dem Leibhaftigen. Aber Hannes, der gleich nach dem Krieg seinem Kaiser gedient, schwärmte für Siebzig und den »von Bismarck«. Das war mal ein Großer!

Sie kriegten bald das Zanken. Jakob Laufeld war ein Verbissener, der kaum die Lippen voneinander brachte, nur ab und zu ein Wort fallen ließ, als lohne es ihm nicht recht vor dem Hannes, der nichts wert war, wie die Maarfeldener sämtlich. Selbst deren Pastor war nicht besser. Zuckten nicht der Herr Dechant und die anderen Amtsbrüder über Arnoldus Cremer die Achseln, der in niedergetretenen Bastschuhen lief und von dem man munkelte, daß er bei Nacht der Bauern Weiden am Maar abschnitt?!

Auf Maarfelden ließ Hannes aber nichts kommen, das war ja seiner Mühle benachbart. Und auf den Cremer, das arme Männchen? Ei, da sollte doch die geistliche Obrigkeit, die selber im Fett saß, den besser stellen! Wenn er, der Müller-Hannes, Beginn Winters dem Alten nicht eine Fuhre Holz vor die Pfarre schickte und ab und zu eien Sack Hobelspäne, müßte der ja frieren. Und das bißchen, was seine Wirtschafterin, das Engelche, für die Körbe erlöste, die er von den Weiden flocht, war ihm wohl zu gönnen, dem Noldes, dem spaßigen Männchen!

Den Laufeld, was er auch selber denken mochte, entsetzte doch diese respektlose Rede. Gut, daß jetzt die Magd mit den goldgeränderten Tassen kam und Frau Tina einen Berg frischer Waffeln hereinbrachte.

Da langte der Laufeld wacker zu und trank auch verschiedene Schnäpse; dann, als er so recht dick, satt und befriedigt war, legte er die flache Hand auf den Tisch und sagte:

»Jao, wat ech eweil noch saon wollt, ech kündigen Eich de Hippothek. Martini muß ech mein Gäld haon!«

Hannes sah ihn ganz verdutzt an. Hypothek … kündigen … zu Martini … war der Laufeld schon besoffen?! Die Hypothek, die schon seit mehr als zwanzig Jahren auf der Mühle stand?!

»Haha, hoho … hohoho!«

Aber Jakob Laufeld blieb ganz ersthaft, erhob sich und knöpfte seine Weste zu, die er sich während des Schmauses ein wenig gelockert.

»Seid esu freindlich, Müller, laoßt anspannen. Eweil faohren ech.«

»Bleiwt doch noch, bleiwt doch noch en half Stund,« nötigte der Hausherr. »Ech haon noch des Bernkastler im Keller, dän müsse mir doch ehs prowiere!«

Aber der andere bestand darauf, jetzt fortzufahren. Dem Knecht, der das Pferd gefüttert und nun das Chaischen vor die Tür brachte, gab er fünf Pfennig Trinkgeld. Dann, schon mit einem Fuß auf dem Wagentritt, die Peitsche in der Hand, drehte er den Kopf noch einmal herum und sprach so über die Schulter:

»Also uf Martini – eweil wißt Ihr’t. Bringt noren dat sälwer, et soll mer angeniehm sein. Ech haon aach des Bernkastler im Keller. Hä, willste ziehen, hahrü« – er schlug auf den Gaul – »adjüs! Bis Martini – gud Zeit!«

Fort rollte das Wägelchen, und Müller-Hannes sah ihm nach mit offenem Mund und weitaufgerissenen Augen. Er kam sich ganz dumm vor – was hatte der Laufeld gefaselt? Hypothek – fünftausend Taler?! Das waren fünfzehntausend Mark – ein gehöriger Batzen!

»Kreizgewiederparaplei!« Ach, das war ja alles ein dummer Spaß, warum sollte der ihm denn auf einmal die Hypothek kündigen?!

Da legte sich eine zitternde Hand auf seinen Arm. Er sah um: seine Frau stand bei ihm und schaute ihn aus ängstlichen Augen an.

»Ich han’t gehört – ach Jesus, Hannes –, den Laufeld kündt Dir de Hypothek – wie viel is et dann? Kannste se zahlen?«

»Nä,« fuhr es aus ihm heraus. Aber dann, als er ihre Angst sah, machte er sich groß: »No, leicht! Wat meinste dann, sein en Hongerlieder, dän net piep saon därf, wann annre Vögel peifen?! Ech saon der, dän krieht sein Gäld uf Martini bei Heller on Penning. Dat es mer akkerat rächt met der Künnijung, duh haon ech aach kein Ambra mieh met de Zönsen!«

Sie glaubte es ihm nicht – er sah’s an ihrem Gesicht –, da packte ihn der Ärger. Wie durfte sie an ihm zweifeln?!

»Maach net esu en deierlich Wisasch wie Maria am Kreiz! Kotzdonner noch ehs, stieh net esu dao, wie de Katz, wann’t donnert!« Er herrschte sie gewaltig an. Sie war sein Herrschen gewohnt, manche Träne hatte sie schon still darum vergossen, aber heut war’s zu arg. Und die Sorge dabei im Herzen!

Laut aufweinend hielt sie sich die Schürze vor das Gesicht und lief davon, ins Haus, in die Kammer. Dort kniete sie nieder vorm Muttergottesbild.

[5]. Frauensleute

[6]. geizig

5.

»Sankt Martinus kommt zu Pferd und macht den Bauer alert«, heißt ein altes Eifeler Sprichwort.

Müller-Hannes mußte nun doch daran glauben, die gekündigte Hypothek zu bezahlen; es ging ihm diesen Martini wie so vielen anderen Bäuerlein, die mit Not und Mühe ihre paar Groschen zum Zahltag zusammenschrapen. Der Laufeld wollte um keinen Preis warten; er hatte noch was Schriftliches geschickt. Und Hannes, in dem dumpfen Gefühl, daß jener ihm nicht wohlwolle, hatte auch gar keinen Versuch gemacht, ihn zur Rücknahme der Kündigung oder wenigstens zu einem Aufschub zu bewegen. Das sollte ihm einfallen, dem Laufeld gute Worte geben! Vor dem einen Kratzfuß machen – nein, niemals!

Des Hannes Gesicht sah trotzig aus, als er am Vormittag des elften November gen Manderscheid fuhr. Das Tal war eng; noch hatten die Nebel darin sich nicht gelüftet, sie hockten auf dem gewundenen Pfad und hingen um die vorspringenden Nasen der Felsen wie nasse Schleierfetzen. Jetzt war alles Grün dahin. Die Brombeeren und wilden Rosenhecken hielten nur hier und da noch ein letztes rostbraunes Blatt, eine verschrumpfte Hagebutte fest; widerlich schrie ein Häher aus dem dürren Eichenbüsch. Ein ganzer Schwarm hungriger Krähen scheute auf vom Peitschenknall und strebte mit schwerfälligem Schlagen der nassen Flügel den winzigen Saatstreifchen auf der Höhe zu.

Wild brauste die Kleine-Kyll. Das war kein Bach mehr, das war ein Fluß, der die Wiesen rechts und links überschwemmte, fast die Breite des ganzen Tälchens einnahm und kaum die Straße freiließ.

Des Müller-Hannes Stirn umwölkte sich. Hier unten, dort jenseits, da wo der Mosenberg abstürzt und seine Geröllhalde in ein sammetweiches Uferland übergeht, baute sich einer an – ein Müller! Schon stand das Haus unter Dach – nächsten Sommer war’s wohl beziehbar – schon zeigte sich das Gestühl für das große Rad, und ein paar riesige Mühlsteine lagen schon auf dem Hof. Und hier, tausend Schritt bachaufwärts, kam noch ein zweiter Müller zu wohnen, der Bruder vom unteren. Der eine eine Schneidemühle, der andere eine Mahlmühle. Schöne Aussicht das!

Hannes blickte grimmig drein. Das war ja eine ganz infame Frechheit, sich ihm so auf die Nase zu setzen! Wie konnten die sich unterstehen? War er nicht da, er, der Müller-Hannes? Für so viel Mühlen war kein Verdienst hierzuland. Und das Wasser würden sie ihm abfangen! Wenn’s mit dem Zufluß aus dem Maar knapp geworden, hatte er doch immer sein gut Teil aus der Kleinen-Kyll gekriegt, nun sollte ihm die auf einmal nicht mehr allein gehören?! No, wart, das wollte er ihnen zeigen, was es heißt, den Müller-Hannes schikanieren! Das ließ er sich nicht gefallen, und sollte er vor Gericht gehen!

Zornig hieb er auf die Pferde ein: weiter, weiter, daß er nur nichts mehr von dem Ärgernis sah!

Heute waren beide Gäule eingespannt, trotzdem der Weg nicht weit und sie daheim schlecht zu entbehren gewesen. Ei, was, die Leute konnten eben einen Tag länger auf ihr Mehl warten, – lästig genug, daß man es ihnen noch vors Haus fahren mußte – der Laufeld war einspännig gekommen, nun kam er dem heute zweispännig. Fürnehm genug sah’s aus, das gelblackierte Chaischen; und alles Lederzeug blank gewichst, das Riemenzeug mit Silber beschlagen. Müller-Hannes schmunzelte. Ja, die Manderscheider würden Augen machen, akkurat wie gestern die Wittlicher! Dort war er gewesen und hatte sich aus der Sparbank dreitausend Taler geholt, die diese ihm als neue Hypothek auf die Mühle gegeben. Zweitausend Taler hatte ihm der Schwiegervater vorgestreckt, aber erst nach langem Zureden und Anhalten – die Tina hatte extra darum an die Mosel hinunterfahren müssen – wahrhaftig, es war nicht angenehm, zu jemandem »Danke!« zu sagen. Das brauchte man wenigstens bei der Bank nicht, die kriegte ja Sicherheit in der neuen Hypothek. Da war es gar keine Gefälligkeit, da war’s eben ein Geschäft.

Befriedigt war Hannes gestern durch Wittlich zurückgefahren, die Dreitausend im Sack, aller Sorgen ledig. Die Gäule waren dahingestoben, als hätten sie statt des Blutes Feuer im Leib. Das Pflaster hatte Funken gesprüht unter ihren Hufen. Hui, durch die Gassen, daß groß und klein an die Türen eilte und die Mädchen rasch die Gardinchen von den Fenstern beiseite rissen. Er hatte allen zugewinkt; sein rundes Gesicht blühte in einem jovialen Lachen, die Straße im grauen Novemberlicht wurde hell davon. »Kucktelhei, dän Müller-Hannes, dän Müller-Hannes!« Das hörte er gern.

Heute konnte er die frohe Laune von gestern nicht finden. Hatte der Wein, den er im Wittlicher Gasthaus »Zur Traube« getrunken, ihm den Kopf schwer gemacht? Er fühlte einen ungeheueren Brand. No, nur ein halb Stündchen Geduld, dann war er oben in Manderscheid, da gab’s was zum Löschen!

Schon fingen die großen Kehren an, die langsam zum Plateau hinaufführen. Es war derselbe Weg, den er einst in hochzeitlicher Seligkeit mit seinem jungen Weib hinuntergefahren. Dazumal hatte der Mond silberne Rosen gestreut, und alle Wunder der Maiennacht hatten sich geoffenbart. Er erinnerte sich heute nicht mehr daran. Aber wie damals guckte er hinüber zum Mosenkopf, der sich jetzt in ganzer Mächtigkeit über dem Vorland niederer Höhen erhob.

Der trug noch immer kein stolzes Haus auf dem Buckel, von dem man hinunterspucken konnte auf die Welt. Aber – des Müller-Hannes finsteres Gesicht hellte sich ein wenig auf – das würde schon noch kommen, ’s würde schon noch kommen; warum die Hoffnung aufgeben, wenn man stark ist und in den besten Jahren, und – wenn man noch mal was zu erwarten hat?! Nicht, daß er dem alten Knauserer an der Mosel das Leben mißgönnte, nein, nein! Es war nur schön, daß man doch noch einmal einen gehörigen Batzen kriegte. Was der Schwiegervater immer von schlechten Zeiten stöhnte, war einfach nicht zu glauben; und auf der Tina Gerede war erst gar nichts zu geben. Die sah alles schwarz. Hatte sie nicht gesagt, es käme dem Alten sehr sauer an, als sie mit den zweitausend Talern zurückkehrte? Ach, was war die für eine Wehklage geworden, eine »Quiesel« noch dazu! Wenn sie durchs Haus ging, bewegte sie oft still die Lippen, sie betete bei sich. War das nicht zum Ärgern?! Eine Betschwester hatte er doch nicht zu freien gedacht, sondern eine Junge, Frische, voller Lebenslust. Hübsch war sie auch nicht mehr, klapperdürr; und seit sie ein paarmal »Malheur« gehabt, kränkelte sie. War’s nicht eine Schande, nur einzig die Fränz im Haus und keinen Sohn?!

»Verflixt!« Der starke Mann sah an sich herunter und steifte die kräftigen Lenden. Nein, an ihm lag es nicht, er hätte der Jungen in die Welt setzen können, wie weiland der Erzvater Jakob, zwölf an der Zahl, ein gewaltiges Geschlecht, das die Welt bevölkert.

Ein Gefühl, das er bis jetzt noch nie so deutlich empfunden, erhob sich plötzlich in ihm. War es Enttäuschung, Zorn, Haß gegen die Schwache? Nein, nein, die Tina war ein kreuzbraves Weib, sie hatte keinen Willen und tat, wie er befahl. Aber Empörung war doch in ihm. Ja, Empörung. Warum gebar sie ihm keinen Sohn, einen gesunden, strammen, so einen, wie er selber war?! Die Fränz war hübsch und kräftig, ließ sich ganz gut an, aber was soll’s mit einem Mädel, kann die einmal regieren? Einen Sohn, einen Sohn!

Er ließ die Pferde gehen, wie sie wollten; so knapp bogen sie am Rand der Kehren um, daß oft ein Rad überm Absturz hing. Aber es war nicht sorgloser Leichtsinn mehr, der den Herrn also unachtsam machte; eine zornige Bitterkeit war in ihm aufgewallt, und das zu Kopf steigende Blut hatte seine Augen getrübt. Er nagte an der Unterlippe. Wenn er jetzt die Tina bei sich hätte, wahrhaftig, er könnte ihr einen Schlag geben, mitten hinein in das blasse, wehleidige Gesicht, das ihm nicht mehr gefiel. Unwirsch sah er hinter sich; aber da saß nur sein Hund, der Nero, breit auf dem Kutschsitz.

Nun hatten die Pferde die Höhe gewonnen. Da war schon das Waschhaus, das, wie auf Vorposten hinausgeschoben, die Nähe des Dorfes kündet. An der Quelle, die, durch die Mauer geleitet, drinnen in die steinernen Tröge plätschert, stand ein Mädchen und spülte Leinzeug. Sie war jung und drall und rief lachend: »Gud Zeit!«

Da machte der Müller: »Brr!« Die Pferde standen.

War wo ein Strählchen Sonne hinter den Wolken, hier oben am Waschhaus traf das. Hier sangen den ganzen Sommer über die Grillen im Gemäuer, und waren die im Winter gestorben, so sangen noch die jungen Mädchen von Manderscheid, und ein Summen und ein Gurren tönte weithin von emsig sich rührenden Zungen. Heut war die eine allein hier, aber sie galt für zehn, Hannes glaubte lange nicht, eine so hübsche gesehen zu haben. Sie bespritzte ihn zwar mit Wasser und schwenkte ein nasses Handtuch zur Abwehr vor sich her – aber es war ja der Müller-Hannes, dem schlug man ein Küßchen nicht ab.

Die Pferde scharrten schon ungeduldig, und der Hund bellte dumpf, da stieg ihr Herr endlich wieder auf. Noch ein Nicken, ein schäkernder Gruß, ein Lachen, das das Echo am Mosenkopf herausforderte, und Müller-Hannes raste dem Dorf zu. Nun war er wieder wohlgemut. Ihn dünkte schier, die Kleine am Waschhaus hatte die Sonne hervorgehext. Richtig, da guckte die bleiche Novembersonne auch schon aus den Nebeln! Jetzt zur Mittagszeit hatte sie noch Kraft und brannte ihn förmlich auf den breiten Rücken. Ein Behagen sondergleichen durchrieselte ihn: ah, nun war’s pläsierlich!

Aus dem ersten Häuschen des Dorfes rief ihn einer an. Es war der Bäcker Driesch; dürftig nur war sein Lädchen, dem Mann standen die Sorgen auf der Stirn. Schon lange war er schuldig fürs Mehlmahlen und für manchen Scheffel Korn, den er noch dazu beim reichen Müller entlehnt.

An die zwanzig Taler machte die Rechnung. Nun konnte er heut endlich zahlen, wenn es dem Hannes genehm war, das Geld selber mitzunehmen. Der sprang vom Wagen und ließ es sich in blanken Talern auf die Theke zahlen; fast reute es ihn, das einzustecken, denn dem Driesch schien das Geld an den Fingern zu kleben, und die Frau mit dem verarbeiteten Gesicht, die durch die Türspalte zusah, folgte jedem Talerstück mit einem langen Blick. Wie konnte man nur so an den paar Talern hängen!

Pfeifend schwang sich Müller-Hannes wieder auf seinen Wagen und hielt bald danach vor des Laufeld Haus.

Jakob Laufeld wohnte der Kirche gerade gegenüber. Sein Haus war stattlich und fein zartgrün gestrichen; Stallung und Remise gehörten dazu, und auf dem Hof breitete sich ein stattlicher Misthaufen.

Auf der Bank vor der Tür saß ein halbwüchsiger Knabe; Nero sprang vom Kutschsitz und fuhr ihm an die Hose. Aber da bekam er einen Tritt mit dem nägelbeschlagenen Absatz gegen die Schnauze, daß er winselnd unter den Wagen kroch. Diesmal hatte er sich geirrt, dies hier war kein armseliger Handwerksbursche oder ein elendes Bäuerlein, dies war des Laufeld Joseph.

Die Hände in den Hosentaschen, stand das Josephche und starrte den Müller an.

»Es Dein Vadder zo Haus?«

»Gieht sälwer kucken!«

Der Junge rührte sich nicht. Es blieb Hannes nichts übrig, als selber die Zügel der Pferde um den Haken in der Mauer zu schlingen und schweren Trittes in den Flur zu stampfen. Niemand kam ihm entgegen.

Der Laufeld saß in der großen Stube zu ebener Erde am Zylinderbureau, über dem die große Lithographie des Abgeordneten Windthorst hing, und hatte durchs Fenster alles draußen gesehen. Was, der von der lumpigen Mühle kam zweispännig, der wollte sich wohl gar vermessen, er sei reicher wie er? Oho, wenn die Leute auch sprachen: »Der reiche Müller – der reiche Laufeld« – der einzig Reiche in Wahrheit war doch nur er, er allein! Mochte der Hannes nur immer draußen ein wenig warten.

Mit leisen Schritten ging Jakob Laufeld rasch durch die Stube und machte die Tür zum Nebenzimmer breit auf, damit der Besucher die roten Plüschmöbel sehen könnte, die goldgerahmte Öldrucke an den Wänden und das breite Tafelklavier, das Prachtstück der Einrichtung, die im Dämmerlicht der immer geschlossenen Läden wie neu erschien.

Es pochte.

»Angtree!«

Müller-Hannes trat ein.

»Boschur,« sagte er unbefangen. Er hatte den schlechten Empfang wohl übel vermerkt, aber er war zu stolz, um das zu zeigen. »Boschur, Laufeld.«

Jakob Laufeld tat sehr überrascht.

»Ihr seid et, Hannes – nä, ech saon doch, esu en Üwerraschung! Ech haon neist gehört. Plaziert Eich! Wuh stechen dann de Knecht? Michel, Lorenz, Steffen!« Er machte die Tür zum Flur auf, und nun schrie er auch noch nach den Mädchen: »Bäbbche, Kättche, Adelheid! spannt dem Müller de Perd’ aus! Bringt des Bernkastler on zwei Gläser!«

»Laoßt nor dat Ausspannen,« sagte Hannes hochfahrend. Er hatte sich nicht gesetzt, aber während der andere ihm den Rücken kehrte, einen Blick in die gute Stube nebenan geworfen. Hei, war die nobel, viel nobler als seine zu Haus! Und ein Klavierchen! Kotzdonner, wahrhaftig ein Klavierchen! Schwer riß er den Blick davon los.

Aus der rechten Hosentasche zog er einen Beutel mit Geld, aus der linken auch einen. Mit einem Plumps ließ er beide auf die Platte des Zylinderbureaus fallen. »Hei, zählt noren, et stimmt,« sagte er nachlässig. »On dann, hei« – aus der Brusttasche brachte er nebst einem Bündel verknüllter Kassenscheine die ihm von der Bank vorgeschriebene Quittung zum Vorschein – »hei, unnerschreiwt dat, on dann sein mir quitt!«

»Hm,« machte der Laufeld; und dann fing er an, nachzuzählen: »Zwanzig, vierzig, sechzig, achtzig, hunnert,« bis die Fünftausend voll waren. Dabei ärgerte er sich; wahrhaftig, der Hannes machte ein Gesicht, als seien die Fünftausend ein Gassendreck! War der wirklich reicher, als man dachte? Das hätte er gern gewußt. Er schlug auf den Strauch.

»No, Müller-Hannes, Ihr seid sao gud geteert?«

»Gud geteert, noch besser geschmeert,« sprach der.

»Ihr haot woll dat gruße Los gezillt, dat Eich de Goldstückelcher esu ahfgiehn, wie annern Leit die Würm?«

»Kann sein!« Der Müller-Hannes lachte: nun wußte er’s, der Laufeld ärgerte sich, hatte wohl gar gedacht, er solle kommen und betteln und jammern. »En Zehr-, en Ehr-, en Not-, en Wehrpfennig muß mer immer im Haus haon,« sagte er höchst ehrenwert und klapperte mit den Talern, die er beim Driesch eingenommen, in der Hosentasche, während der Laufeld sein Geld packte und sorgfältig ins Zylinderbureau verschloß.

Бесплатный фрагмент закончился.

540,09 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
260 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783898017541
Издатель:
Правообладатель:
Автор
Формат скачивания:

Похожие книги