Читать книгу: «Elisabeth Reinharz' Ehe. Es lebe die Kunst!»

Шрифт:

Clara Viebig
Elisabeth Reinharz‘ Ehe
Es lebe die Kunst!

Roman

Saga

Erstes Buch.

1.

In der Alsenstrasse hielt eine Reihe von Droschken unter den braunen, knospenden Bäumen.

Vom Tiergarten herüber wehte eine angenehme laue Luft mit leisem Frühlingsmahnen.

Oben in der ersten Etage des eleganten Eckhauses waren die Fenster erleuchtet; dreizehn in der Front. In Pausen von halben Stunden reckte sich einer der verschlafenen Kutscher auf seinem Bock, dehnte die steifen Glieder, gähnte und deutete hinauf nach den hellen Fenstern — das konnte noch lange dauern, erst zwölf, die amüsierten sich noch.

In der grossen, komfortablen Wohnung des Bankiers Mannhardt wogte die Gesellschaft; fast hundert Personen, Elite des Geistes.

Das Souper war ausgezeichnet gewesen und soeben beendet. Man wandelte durch die Räume. Wie die Wohnung eingerichtet war, herrlich! Das heisst kein übertriebener Luxus, nirgendwo ein Hauch von Protzentum. Alles fein, diskret, sanfte Farben in harmonischer Abtönung; ein gediegener, vornehmer Geschmack. Möbel aus allen Zeiten, Bouleschränkchen, Rokokosofas, Renaissancestühle; aber jedes am richtigen Platz, von einer graziösen Laune zusammengestellt.

Da war ein lauschiges Eckchen hinter der mit künstlich verschossenem Damast bekleideten spanischen Wand; Blumen dufteten in der venezianischen Schale, und eine geschickte Kopie nach irgendeinem alten Meister schaute darauf nieder — der Lieblingsplatz der Hausfrau. Da sass sie gern, stützte das dunkellockige Köpfchen mit den klugen Augen in die kleine Hand und spann feine Fäden.

Überall Büsten und Statuetten. Verschiedene moderne Meister, die Hausfreunde waren, hatten den Hausherrn verewigt. Hier auf einem Gemälde: am Klavier, die Augen, weit aufgeschlagen, mit einem geistvollen Ausdruck in die Ferne gerichtet. Dort in Gips: ein Buch in der ausdrucksvoll modellierten Hand; diese Büste sollte in Marmor ausgeführt werden. Geschmackvoll reihten sich so moderne Werke denen früherer Jahrhunderte an.

Bankier Mannhardt war in allen Künsten zu Hause und ein Protektor aller Künstler. Seine Bibliothek enthielt sowohl gelehrte Folianten als jede Neuerscheinung auf dem Gebiet der schönen Literatur, Biographien, Memoiren, Notenstösse, Prachtwerke, Autogramme von Musikern, Denkern und Dichtern; die wertvollsten Stücke davon unter Glas in geschmackvollen Rahmen. Er selbst leistete Bedeutendes im Klavierspiel, aber er verschmähte es nicht, bei einer pianistischen Grösse der Residenz noch weiter zu studieren. Die Börse betrieb er nur so nebenbei; in offenherzigen Stunden gestand er es, er hätte eigentlich seinen Beruf verfehlt — Künstler, Künstler, das war’s! Er war sich nur noch nicht klar geworden, zu welcher Kunst ihn seine Begabung am gebieterischsten drängte.

Frau Leonore Mannhardt war die einzige Tochter eines reichen Handelshauses; sie hatte ihren Mann aus Liebe geheiratet. Als kleiner Kommis, aus irgendeinem Winkel Posens gebürtig, war er nach Berlin gekommen; sie hatte ihm die Stellung gemacht. Galante Zungen nannten sie eine zweite Rahel, eine Henriette Herz.

Heute exzellierte Frau Leonore am Klavier; ihr Mann hielt in Gesellschaft stets mit seinen persönlichen Leistungen zurück. Sie sang ein kleines Liedchen, das ihr Gatte, Gott weiss wo, ausgegraben hatte; sie sang es mit angenehmem Stimmchen und feiner Pointierung, begleitete sich selbst, und zwar stehend, die wenigen Akkorde lässig auf dem Klavier anschlagend, das Gesicht mit liebenswürdigem Ausdruck ihren Gästen zugekehrt.

Der Beifall war gross. Sie lächelte und deutete auf ihren Gatten, der mit gekreuzten Armen am anderen Ende des Flügels lehnte.

„O bitte, nicht ich — dort! O nein, meinem Mann gebührt das Verdienst!“

„Nein, nein, Lorle!“ lehnte er lebhaft ab. „Ich bitte dich, ich habe durchaus kein Verdienst hierbei!“ Er warf ihr eine Kusshand zu. „Dir allein gebührt es!“

„Ihnen beiden! Allen beiden!“ Man überschüttete das Ehepaar mit Komplimenten: einzig in seiner Art, dies geniale Zusammenwirken von Mann und Frau. „Mehr, bitte mehr!“

Man umringte den Flügel. Diener mit Kaffee, Bier und Likören konnten sich kaum durchdrängen.

„Bitte, bitte!“

„Es sind ja so viele bedeutende Künstler hier!“ Die Augen der Hausfrau streiften durchs Zimmer, sie neigte sich verbindlich. „So viele Grössen ... ich muss mich verstecken!“

„Lass dich erweichen, Lorle!“ rief Mannhardt. „Bitte, einen Augenblick!“ Er stürzte ins Nebenzimmer. Eine Mandoline am himmelblauen Bands schwingend, kehrte er zurück. „Hier, mein Kind, nun tu’s mir zuliebe!“ Er führte zärtlich ihre Hand an die Lippen: „Singe!“

Man war ganz Ohr.

Und nun klimprige Mandolinenklänge. Mit einer gewandten Bewegung hatte Frau Leonore das himmelblaue Band um den Nacken geworfen; den dunkellockigen Kopf nach links geneigt, den Oberkörper leicht zurückgebogen, lehnte sie in ihrem schlichten weissen Kleide auf einem Taburett.

„Mignon!“ sagte jemand.

Sie klimperte und sprach halb, sang halb dazu; getreu nach berühmtem Muster. Es war die betrübende Geschichte vom Mutterherzen, das der entmenschte Sohn herausreisst und der entmenschten Geliebten bringt. Im raschen Lauf kommt er zu Fall.

„T’es-tu fait mal, mon enfant?“ stöhnt noch das zuckende Mutterherz. Klänge von unbeschreiblicher, rührender Besorgnis, letztes, halb geächztes Stammeln einer übermenschlichen Liebe.

Frau Leonore trug geschmackvoll vor; es ging einem ans Herz. Die Damen wischten sich Tränen ab, die Männer schauten gedankenvoll vor sich nieder. Mannhardt geleitete die Gattin zärtlich besorgt zum Diwan, sie war selbst sehr ergriffen.

Die Diener präsentierten neu besetzte Tabletts. Man trank Champagner, man stiess an:

„Es lebe die Kunst! Hoch! Hoch unsere Wirte!“

Ruhig blickte überm Flügel Meister Sebastian Bach unter einer Allongeperücke, ihn ging das nicht an. Seine Büste stand der neuesten des Hausherrn gegenüber. Frau Leonore hatte darauf bestanden, diese müsste ins Musikzimmer; trotzdem der Hausherr lebhaft protestierte, war sie mit Hilfe einiger Freunde dort aufgestellt worden. Die weissen Gipsgesichter sahen sich voll an.

Es war ein animierter Abend; das Programm wechselte. Eine grosse Sängerin, der Stern des Opernhauses, sang; man öffnete die Fenster, der Musiksaal war zu eng für dieses mächtige Organ.

Unten wachten die Kutscher auf: „Alle Achtung, zetert die!“ Sie lauschten.

Dann deklamierte zur Abwechslung eine junge, talentvolle Schauspielerin. Fräulein Silvia Maschka gehörte der neuen Schule an; von Pathos keine Spur, sie war ganz Natur. Sie hatte Gedichte eines jungen Lyrikers zum Vortrag gewählt. Er war unbekannt, sie protegierte ihn; sie sprach rasch, sehr rasch, kein Mensch verstand ein Wort. Aber man applaudierte ihr, man sagte: „Bravo!“, sie sah so allerliebst aus mit ihrem lebhaften Mienenspiel und den erhöhten Farben.

Auf dem Lieblingsplatz der Hausfrau, hinter der spanischen Wand, hatten sich die Schriftsteller zusammengefunden; sie kamen heute nicht genügend zur Geltung.

Auf dem kleinen Eckdiwan hatten drei Damen Platz genommen. Ein Herr mit Nussknackerzähnen und Ansatz von Embonpoint machte ihnen mit seltener Unparteilichkeit den Hof. Es war Bolten, der Chefredakteur eines sehr beliebten Unterhaltungsblattes; und diese drei waren die Sterne seines Journals. Drei grosse Talente auf einem Sofa!

Links, Alinde Rosen, beherrschte den Salon; entzückende graziöse Plaudereien entstammten ihrer Feder, sie traf den Ton der guten Gesellschaft wie kein anderer Autor; ihre Helden waren unglaublich männlich, ihre Heldinnen unheimlich schön, Verlobung und Hochzeit die Hauptthemata. Jedes Werk ihrer Feder setzte die liebenswürdigen Leserinnen in Brand.

Alinde Rosen war befreundet mit Frau Mia Widmann, der reizenden Blondine in der Mitte, deren Füsschen kaum den Boden erreichten. Diese kleine Frau war eine energische Vorkämpferin der Frauenemanzipation. Mit männlicher Kraft zog sie ins Feld. „Ich schreibe unter M. Widmann. Man hält mich für einen Mann“, sagte sie stolz. Ihr Madonnenköpfchen schwärmte für „freie Liebe“, trotzdem sie selbst Mann und drei Kinder hatte. Mädchen, die arbeiten mussten, nannte Mia Widmann „Märtyrerinnen“ und Mädchen, die nichts taten, „Opfer ihrer Familie“.

Heute war sie sehr erregt. Sie sprach mit ihrer Nachbarin in der rechten Sofaecke, der schönen Frau von Lindenhayn.

„Ist es nicht unerhört? Da verurteilen sie das arme Weib, weil es den Mann, der es verraten hat, niederschiesst. Solche Ungerechtigkeit! Wir dürfen sie uns nicht gefallen lassen!“ Sie warf das Köpfchen hintenüber, dass die kunstvoll gedrehten Löckchen auf der faltenlosen Stirn wippten. „Wir Schriftstellerinnen sind zu Führerinnen, zu Verteidigerinnen der unterdrückten Frauenwelt bestimmt. Wollen wir nicht einen Verein gründen zur ‚Wahrung der geistigen und körperlichen Interessen der Frau’? Wir könnten doch vorderhand schon immer die Woche einmal zusammenkommen und beraten. Und denken Sie, welch interessante Stoffe lassen sich finden, wenn man hinabsteigt ins intime Leben der Frau! Doktorchen,“ sie streckte die Hand nach Bolten aus, „Sie werden Schriftführer. Einen Mann müssen wir haben!“

„Natürlich!“ Der Redakteur küsste die ausgestreckte Hand; er hatte keine Ahnung, von was die Rede war. „Ich bin dabei! Alle drei Damen mit von der Partie?“ Er sah sie schmunzelnd der Reihe nach an: alle drei nicht zu verachten. Frau von Lindenhayn war eine bewunderungswürdige Schönheit, die kleine Widmann pikant, Alinde Rosen hatte noch schöne Reste.

„Von was ist denn die Rede?“ fragte Alinde. Sie hatte bis dahin mit einem blutjungen Bürschchen in Einjährigenuniform kokettiert; sie studierte das Militär. „Von was wird denn gesprochen?“

„Wir wollen uns der leidenden Frauenwelt erbarmen“, antwortete ernst die Widmann. „Wir müssen helfen!“

„Pst!“

In der Tür des Musikzimmers stand die Hausfrau. Fräulein Maschka hatte eben das „Hexenlied“ von Wildenbruch, eine Meisterleistung sinnverwirrender Schnelligkeit, beendet. Ein Beifallssturm brauste, ein Orkan der Begeisterung für Dichter und Interpretin.

Frau Leonore bat um Gehör.

„Himmel, schon wieder eine Rede? Sie hat ja bei Tisch erst geredet“, flüsterte die Widmann.

Bolten nickte geheimnisvoll. „Sie schreibt auch.“

„Verzeihen Sie, wenn ich noch um eine halbe Stunde Gehör bitte“, sprach die Dame des Hauses.

Halbe Stunde —? Eine merkliche Unruhe flog durch die Festräume.

„Hier,“ die Gastgeberin zog mit liebenswürdigem Lächeln ein junges Mädchen vor, das bescheiden hinter ihr gestanden hatte, „hier, Fräulein Elisabeth Reinharz soll uns eine ihrer kleinen Novellen vorlesen. Urteilen Sie dann selbst!“

Was — wer? Vorlesen? Man wurde aufmerksam.

„Wieder eine Dilettantin mehr!“ seufzte Frau Widmann.

„Ein ganz angenehmes, aber unbedeutendes Gesicht!“ Die schöne Lindenhayn hielt sich die langgestielte Lorgnette vor die Augen.

Alinde Rosen war gutmütig. „Sie ängstigt sich!“

„Passen Sie auf, Doktor,“ neckten die drei, „nun bekommen Sie was zu drucken; Frau Mannhardt protegiert wieder!“

„Ich lasse mich nicht bestimmen“, sagte Bolten. „Ich bin auch gar nicht neugierig.“

Sie standen aber doch alle auf und näherten sich der Tür des Musiksaales.

Drinnen, gerade unter dem Kronleuchter, sass das junge Mädchen.

„Wie heisst sie?“ fragte man leise.

„Reinhard oder Reinharz,“ flüsterte es Antwort, „aus Posen, Hinterpommern oder sonstwo her.“

Das Mädchen begann; erst schüchtern, mit belegter Stimme, dann wurde ihr Organ kräftig, sie las ruhig und sicher.

Merkwürdig genug nahm sich die einfache Geschichte in diesem Salon aus; nichts war darin von Geist, keine einzige, auch nur annähernd geistreiche Wendung, nur eine starke ehrliche Empfindung. Wie Duft von erdiger Scholle stieg’s auf; ein Geruch nach Land, nach Stall, nach Bauernstuben, nach nahrhaftem Korn, nach Wiesenheu und harzigen Wäldern zog über die parfümierten Möbel. Grüne Raine, buntblumig und taubesprengt, blaue Kiefernwälder in der Ferne, Heide, raubvögeldurchkrächzt und sturmzerzaust; kräftige Menschen mit starken, unverkümmerten Gefühlen wanderten barfuss über rauhe Ackerschollen. Der Horizont war frei, die Luft ging scharf.

Die Zuhörer sahen sich an.

„Starker Erdgeruch!“ murmelte der kleine blonde Mann in der Ecke, der bekannte Verlagsbuchhändler Maier. Er drängte sich etwas vor und spitzte die Ohren.

„Wie finden Sie’s denn, Maier?“ fragte der vor ihm stehende Herr und drehte sich nach ihm um. „Janz nett, was? Wie, jut sagen Sie? Natürlich; habe ich jleich jesagt!“ Er spielte mit seiner schwer goldenen Uhrkette und lächelte wie ein stets von der eigenen Meinung Überzeugter. „Passen Sie mal auf, ich sage Ihnen, die wird was! Denken Sie dran, Maier, ich hab’s Ihnen jesagt.“

Während Elisabeth Reinharz las, wurden ihre frischen Wangen blasser, ihre hellen Augen schimmerten dunkler, sie schauten ernst. Ihre Brust breitete sich in tiefen Atemzügen, ihre Nasenflügel zitterten wie die eines edlen Renners, der die Freiheit wittert. Ihr Organ tönte voll, jede Empfindung zog über ihr offenes Gesicht; sie hatte die Zuhörer vergessen.

„Hübsches Mädchen!“ Die Herren zeigten viel Wohlgefallen.

Leonore strahlte. Sie fühlte den belebenden Hauch der frischen Mädchenlippen sich ihrem Salon mitteilen. Ihr Schützling gefiel.

„Liebchen, reizend!“ rief sie, als Elisabeth geendet hatte. Sie gab damit das Signal zum Beifall. Sie reckte sich auf die Zehen, um das grosse Mädchen auf die Wange zu küssen.

Auch Mannhardt machte seine Komplimente. „Wie recht meine Frau gehabt hat! Sie haben viel Talent. Meine Frau irrt sich nie in so etwas, nicht wahr, Lorle?“ Er küsste dem Mädchen die Hand und hielt dabei ihre Finger mit besonderem Druck; sie entzog sie ihm rasch mit tiefem Erröten. Wie war das alles so ungewohnt, so komisch! Sie lachte fröhlich auf.

Man beachtete sie jetzt allgemein und redete sie an; vorher war ihr keine Unterhaltung geglückt, denn sie verstand nicht diese prickelnde, alle Gebiete streifende Art. Selbst die drei dort in der Tür, die gefeierten Schriftstellerinnen, nahmen Notiz von ihr.

Frau von Lindenhayn schob ihr mit einem forschenden Blick der schönen, melancholischen Augen den Zeigefinger unter das Kinn: „Nun, Kleine?“

Die Widmann sagte rasch: „Besuchen Sie mich!“

Und Alinde Rosen nahm freundschaftlich ihren Arm: „Kommen Sie, setzen Sie sich mit in unser Schmollwinkelchen! Man kann da so intim unter sich plaudern.“ Ihr Blick suchte unruhig.

„Alles andere“, sie unterbrach sich und lächelte liebenswürdig dem Einjährigen zu, „ist so ermüdend!“ —

Währenddessen strich Leonore von Gruppe zu Gruppe; sie erzählte die Geschichte ihres Schützlings. „Sie müssen sich wirklich ein bisschen für die Reinharz interessieren, lieber Goedecke!“ bat sie den Mann mit der schwer goldenen Uhrkette. „Die Kleine kommt fremd aus der Provinz, da hat sie bis zum Tode ihres Onkels, eines alten, schrulligen Junggesellen, auf dem Lande gelebt — denken Sie an, und das Talent! Es wäre ein Jammer, wenn es in falsche Hände geriete. Ein harmloses Geschöpfchen, und dazu noch eine Waise!“

„M. w., ist janz mein Fall, Talente poussieren. Lassen Sie man jut sein, verehrte Inädige, arrangieren wir, arrangieren wir! Ein Wort von mir an Bolten, und er akzeptiert jleich was von ihr. Ich werde auch mal mit dem Vorstand des literarischen Klubs über das Fräulein reden. Sie kann ja da mal was von ihren Sächelchen lesen am nächsten Vortragsabend. Ist dem Publikum neu, sieht scharmant aus.“

„Ach ja, lieber Goedecke,“ Frau Leonore lächelte erfreut und zugleich ein wenig maliziös, „arrangieren Sie die Sache, Sie haben ja alle in der Tasche. Und Sie,“ sie wandte sich mit verbindlicher Kopfneigung nach der anderen Seite, „was halten Sie von meinem Schützling, Herr Maier?“

Der Verleger lächelte fein, sein blasses, blondes Gesicht mit den etwas plattgedrückten Zügen sah klug drein. „Erdgeruch!“ sagte er wieder. „Hm — nicht unliterarisch!“

Mehr war nicht aus ihm herauszulocken; Frau Leonore musste sich entschliessen, weiterzuziehen.

Nach einiger Zeit jedoch sah man Maier suchend umherblicken und dann im Nebenzimmer verschwinden.

Er fand Fräulein Reinharz hinter der spanischen Wand. Sie sass auf dem Ecksofa, eingeschlossen zwischen Alinde Rosen und Frau von Lindenhayn; die kleine Widmann hatte sich auf die Seitenlehne gehockt. Der getreue Bolten stand bei seinen Damen wie der Hahn auf dem Hühnerhof.

Die Begrüssung fiel ziemlich kühl aus. Maier war reserviert, nur der schönen Lindenhayn schüttelte er die Hand. Dann bat er, mit einem Blick auf das junge Mädchen: „Haben Sie die Güte, mich vorzustellen, gnädige Frau!“

„Herr Verlagsbuchhändler Maier!“ Die Lindenhayn lächelte, ihre dunklen Augen sahen den kleinen blonden Mann ordentlich zärtlich an. „Fräulein Reinharz!“

Maier machte eine knappe Verbeugung. „Schreiben Sie schon lange, gnädiges Fräulein?“

„Nein.“ Elisabeth fühlte ihr Herz klopfen. Welches Glück, der Verlagsbuchhändler Maier liess sich ihr vorstellen! Man hatte ihn ihr bei Tisch gezeigt: Grosser Verleger, ganz moderner Verlag, findet alle Talente. Maier — Maier — unter den vielen sie umschwirrenden Namen hatte sie diesen nicht vergessen.

„Also noch nicht lange. Ist schon viel gedruckt?“ forschte er.

„Ach nein!“ Sie sah ihn ehrlich mit den dunkelbewimperten grauen Augen an. Ein Seufzer folgte: „Leider nicht!“

Es zuckte wie Lächeln um seinen Mund. „Wird schon kommen.“

„Meinen Sie?!“ War das ein Aufleuchten in den grauen Augen, das ganze Gesicht strahlte. Sie fasste, von plötzlichem Impuls getrieben, nach seiner Hand: „Ach, wenn Sie mir helfen würden! Ich möchte so gern vorankommen. Ich muss voran!“ Das letzte stiess sie zwischen den Zähnen hervor, dann pressten sich ihre Lippen aufeinander, ihr Gesicht veränderte sich, ihre weichen Züge wurden straff.

Maier lächelte nicht mehr; jetzt sah er, das rosige Kinn war energisch, und die dunklen Brauen in dem Mädchengesicht waren sicher gezogen. „Geben Sie mir Ihre Adresse, gnädiges Fräulein. — Lützowstrasse?“ Er zog sein Notizbuch heraus. „So. Lützowstrasse acht, drei Treppen.“

„Vier“, verbesserte sie.

„Also vier, schön.“ Er reichte ihr die Hand. „Auf Wiedersehen!“ Er ging nach flüchtigem Gruss gegen die übrigen.

„O diese Verleger!“ Mia Widmann rutschte von ihrer Lehne herunter. „Wo sie etwas Neues wittern, sind sie dahinter her wie der Teufel hinter der armen Seele. Wie hat er es mit der Starzynska gemacht! Solange sie billig zu haben war: enfant gâté; jetzt, wo sie Ansprüche macht, machen kann, lässt er sie links liegen. Denken Sie,“ sie wandte sich an die Lindenhayn, „er hat ihr das Trauerspiel zurückgegeben! Das Packendste, was je geschrieben wurde!“

„Finden Sie?“ sagte kühl die schöne Frau.

Die Widmann fuhr auf: „Töne findet sie darin, Töne! Die ganze unterdrückte Frauenseele macht sich Luft. Es ist unerhört von Maier! Er taugt nichts, wie alle Verleger!“

„Ich finde Maier sehr gut.“

„Sie verlegen doch aber nicht bei ihm?“

Frau von Lindenhayn zuckte die Achseln, es konnte ebensogut „nein“ wie „ja“ bedeuten. Sie verriet nicht, dass sie ihm ihr neuestes Buch angeboren hatte.

„Natürlich ‚nein’,“ sagte Bolten, „sonst hätte ihn unsere Freundin doch nicht gelobt. Ich möchte den Autor sehen, der mit seinem Verleger zufrieden ist. Mit dem Redakteur geht’s ebenso. Ich allein mache eine rühmliche Ausnahme, nicht wahr, meine Damen?“

„Ja, Sie, Doktorchen, Sie!“ Die drei überschütteten ihn mit Komplimenten.

Elisabeth wunderte sich, sie hatte bis jetzt noch nicht gewusst, dass Damen einem Herrn die Cour machen. Sie musste dem Doktor eigentlich auch etwas Angenehmes sagen, Frau Mannhardt hatte ihr eingeschärft, besonders liebenswürdig gegen ihn zu sein. Es fiel ihr gar nichts ein. Eine unsichtbare Hand legte sich auf ihren Mund, eine Stimme tief innen sprach: „Du wirst doch nicht? Einschmeicheln — pfui!“ Sie sass wie ein Stock.

Nun nahte die Dame des Hauses und brachte Goedecke mit.

„Hier, Liebchen!“ Sie winkte Elisabeth zu sich, und diese sprang froh auf; ihr war so beklommen gewesen auf dem kleinen Sofa hinter der spanischen Wand. „Hier, ich möchte Sie mit Herrn Eugen Goedecke bekannt machen, er ist sehr entzückt von Ihrer Novelle.“ Sie huschte fort.

„Ich werde Sie im literarischen Klub vorlesen lassen, Fräulein“, sagte Goedecke. „Sie lesen janz nett. Morjen über vierzehn Tage. Ich schreibe Ihnen noch darüber.“

„Wirklich?!“ Wieder dieses Aufleuchten des Mädchengesichtes. „Was, wo soll ich lesen?“ Sie atmete hastig, wie bei schnellem Lauf. „Wie gütig von Ihnen!“

„Ieben Sie mir Ihre Adresse.“

„Lützowstrasse acht, vier Treppen.“ Sie lachte glückselig. „Ich habe sie auch schon dem Herrn Maier gegeben. Dem grossen Verlagsbuchhändler, wissen Sie!“ Sie biss sich auf die Unterlippe und presste die Hände ineinander, als müsse sie so einen lauten Freudenschrei unterdrücken. „Habe ich ein Glück!“

„Na,“ er sah sie von unten bis oben an, machte ein bedenkliches Gesicht und schüttelte dann gravitätisch den Kopf, „ich möchte Ihnen doch raten, sich da quasi nicht zu illusionieren. Ich kenne Maier. Übrigens, was hat er denn zu bedeuten?“ Er zuckte die Achseln. „Das bisschen Moderne!“

Sie sah ihn ganz enttäuscht an. „Ich dachte doch ...“

„Ja, liebes Fräulein!“ Er lächelte überlegen. „Sie kennen die hiesigen Verhältnisse nicht. Lauter Komplikationen, sage ich, Sie können sich schon auf meinen Scharfblick verlassen. Diese Leute, pah!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Aber wieso denn?“ Das Mädchen wurde ganz blass. „Eben sagte noch die Dame, die schöne Frau von Linden ... Linden ... ach, Sie wissen schon, die dort in dem ausgeschnittenen Samtkleid mit dem Brillantstern, die schien viel Wert auf Herrn Maier zu legen!“

„Kunststück! Er wird ihr neuestes Buch verlegen sollen, nimmt ja kein anständiger Verlag. Lauter Nuditäten. Wissen Sie, Fräulein,“ Goedecke beugte sich näher und flüsterte geheimnisvoll, „Intrigen, Komplikationen, nichts weiter. Trauen Sie keinem. Mit dem“, er blinzelte mit einem Auge nach Bolten, „lassen Sie sich man schon gar nicht ein!“

„Aber die Damen, mein Gott, die berühmten Schriftstellerinnen, alle drei sind doch mit ihm ...“

Er liess sie gar nicht ausreden. „Lauter Komplikationen!“ Er klopfte ihr auf die Hand. „Aber seien Sie nur ganz ausser Sorge, ich bin auch noch da, und was ich anfange,“ er rieb sich die Hände und blies die Backen auf, „hat immer Schick. Da habe ich neulich ...“ Er brach ab und fuhr hastig herum: „Rief da nicht jemand meinen Namen? Ach so, Direktor Schwertfeger!“ Er hielt die Hand vor den Mund: „Janz jenialer Direktor. Sucht den dritten Mann zum Skat. Ja, ja, ich komme schon! Verzeihen Sie, Fräulein, ich bin unabkömmlich!“ Er machte eine hastige Verbeugung. „Sie hören noch von mir!“ Fort war er.

Elisabeth sah noch, wie sein schwarzer Frack zwischen Türen und Menschen durchschwänzelte; sie wusste nicht recht, warum, aber sie hatte grosse Lust zu lachen. Der Kopf wirbelte ihr; langsam ging sie zum Sofa zurück.

„Der gute Goedecke hat sich ja ordentlich ins Zeug gelegt“, sagte Bolten.

„Was ist der Herr?“ fragte Elisabeth schüchtern.

Ein heimliches Lächeln glitt über die Gesichter. Keine Antwort.

„Wer ist er eigentlich?“ fragte sie noch einmal.

„Das ‚eigentlich’ ist köstlich! Haha, hahaha!“ platzte der Doktor heraus, er schien sich zu amüsieren. „Ja, mein Fräulein, da fragen Sie etwas viel. Sagen wir“, er dämpfte seine Stimme, „Hans in allen Ecken. Ein reicher Mann mit literarischen Ambitionen. ‚Ich ambitioniere’, würde er sagen. Er sitzt im Vorstand aller möglichen und unmöglichen Vereine, hat Geld bei x Zeitungen, Journalen und Theatern, darf deshalb mehr oder weniger ein Wort mit dreinreden. Im übrigen versteht er von der Literatur soviel wie der Ochs vom Lautenschlagen.“

„Ach!“ Mehr brachte Elisabeth nicht heraus. Sie sass ganz stumm und steif. Es war gut, dass es hier bald zu Ende ging; einzelne empfahlen sich schon. Sie unterdrückte ein Gähnen, eine grosse Müdigkeit kam über sie und eine leis sich regende Enttäuschung. Diese wich erst, als Frau Leonore sie beim Abschied in die Arme schloss.

„Liebes Kind, reizend! Man hat mir unausgesetzt Komplimente gemacht. Ich habe Sie Doktor Bolten warm empfohlen. Verlagsbuchhändler Maier hat auch mindestens eine halbe Stunde mit mir über Sie gesprochen. Zu schade, dass unser Eisenlohr heute nicht hier sein konnte, aber ich hoffe, ein andermal! Ich muss Sie doch mit unserem grössten Dichter bekannt machen.“

„Sie sind so gut!“ Elisabeth beugte sich über Frau Leonores kleine Hand und drückte ihre warmen Lippen darauf.

„Herzchen!“ Leonore wurde ganz enthusiastisch. „Wir müssen uns ‚du’ nennen! Wenn man so gleich denkt und gleich empfindet wie wir. Also ‚du’ — — hörst du? Und wann kommst du wieder zu mir? Morgen, übermorgen? Komm morgen! Wir haben so viel zu plaudern. Und sei fleissig, hörst du, sei fleissig, kleines Genie!“

Das war das letzte Wort. Elisabeth stand unten auf der Strasse und sah die Dunkelheit nicht; es war hell um sie, ganz hell, ihre Augen leuchteten, als spiegelte sich Sonne darin wider.

Sie hatte sich Fräulein Rosen angeschlossen. Elisabeth hätte sich nichts daraus gemacht, zu Fuss zu gehen, aber schon bei dem Gedanken war Alinde ganz entsetzt. „Wo denken Sie hin, zwei junge Mädchen so spät in der Nacht allein! Noch dazu in der Nähe des Tiergartens und in meiner Toilette!“ So nahmen sie eine Droschke.

Elisabeth war sehr gesprächig, das Glücksempfinden, das sie durchströmte, hatte ihr die Zunge gelöst. Die Droschkenfenster ratterten, der Hufschlag des müden Gauls klapperte auf dem Asphalt, die Räder polterten über Strassenbahngeleise, ihre helle Stimme übertönte alles. „Und glauben Sie wirklich, dass ich vorlesen darf? Ach, und wenn der Doktor was von mir druckte! Wie gut die Menschen sind! Was Frau Mannhardt — Leonore“, verbesserte sie sich, „doch alles für mich tut!“

„Sie sind wohl sehr befreundet?“ fragte die Rosen.

„Nein, eigentlich gar nicht; bis jetzt wenigstens nicht. Aber nun. Ich hatte einen Empfehlungsbrief an Herrn Mannhardt, unser Arzt in Meseritz ist ein Verwandter von ihm. Der interessiert sich für mich — ach, mein guter Doktor! Er schrieb Herrn Mannhardt einen langen Brief, und ich ging dann gleich den ersten Sonntag Punkt zwölf hin.“

„Dieser Arzt in Meseritz ist wohl noch ein junger Mann? Na, na!“ Alinde witterte gleich einen Roman; sie drohte schelmisch mit dem Finger.

Elisabeth sah sie gross an. „Er war ein Freund meines Grossonkels“, sagte sie ernst. „Er hat ihm auch die Augen zugedrückt. Er war sehr gut zu mir, es wurde mir schwer, mich von ihm zu trennen. Aber ich wollte nach Berlin, ich musste nach Berlin, ich muss etwas erreichen!“ Die Droschke schien zu eng für den vollen, freudigen Klang dieser Stimme: „Ich muss!“

„Ach ja,“ seufzte die Rosen, „diese Illusionen haben wir alle gehabt!“

„Sie seufzen?“ Elisabeth wurde ganz eifrig. „Sie können sich doch gewiss nicht beklagen. Wer so viel erreicht hat!“

Alinde sprach nachlässig: „So meine ich das ja gar nicht. Man stumpft eben so ab. Im Anfang, wenn einem alles neu ist, ist man schon glücklich, nur seinen Namen gedruckt zu sehen. Jetzt — du lieber Gott! Es berührt mich nicht einmal mehr, wenn ich die glänzendsten Rezensionen oder irgendeinen Essay über mich lese.“ Sie lehnte sich zurück und zog den eleganten Pelzmantel fester um die entblössten Schultern.

Elisabeth sah sie bewundernd an.

„Es erscheint jetzt wieder ein Roman von mir in Boltens Blatt, einer bei Bornemann und einer im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“. Ich schreibe doch so das Jahr meine zwei bis drei Romane, abgerechnet die kleineren Sachen.“

„Um Gottes willen!“ sagte Elisabeth.

„Jeden Tag Briefe und Briefe, Anfragen von Redaktionen. Ja, es wird auch zu viel! Mein Arzt sagt: ‚Sie überreizen Ihren Geist.’ Aber was soll ich machen? Sie sollen mal meinen Schreibtisch sehen: Haufen unbeantworteter Anfragen. Meine Schreibmaschine klappert den ganzen Tag, aber ich kann doch nicht alle Versprechen einlösen.“

Elisabeth sagte nichts mehr, sie sah nur immer gross drein.

Alinde wurde zutraulich: „Und sowie etwas Neues von mir erscheint, regnet’s Blumen in meine Studierstube. Und reizende kleine Aufmerksamkeiten. Besuchen Sie mich doch, ich zeige Ihnen alles, ja?“

„Das möchte ich wohl.“ Elisabeth reichte ihr die Hand. „Ich danke Ihnen, ich komme sehr gern.“ Und dann mit einem Seufzer: „Ach, wenn ich’s nur jemals halb so weit brächte!“

„Anerkennung tut freilich wohl,“ Alinde lehnte sich noch bequemer hintenüber, „aber das Höchste ist doch die eigene Befriedigung des schaffenden Künstlers. Ich mache ziemlich viel mit, aber selbstverständlich nur zu Studienzwecken. Die feinsten Motive finden sich allein im Salon. Herrliche Stoffe, grossartige Stoffe! Diese wunderbaren Fäden von Mensch zu Mensch, von Mann zu Weib belausche ich. Ach, wenn ich alles erzählen wollte!“

„Entschuldigen Sie!“ Das Mädchen legte die Hand auf den Griff der Wagentür. „Ich steige jetzt aus, hier ist mein Haus. Halt, Kutscher!“

„Adieu, liebes Fräulein!“ Alinde war sehr freundlich. „Sie besuchen mich also?“

Elisabeth stand schon draussen, ihr Gesicht nickte noch einmal in den Wagen zurück. „Sehr gern!“ — — —

Hastig stieg Elisabeth die vier Treppen hinauf zu ihrer Gartenwohnung. Gartenwohnung? Nichts als Dächer, lauter Dächer. Tief unten ein enger Hof mit einem kleinen Rasenfleck in der Mitte. Wie im Traum war sich das Mädchen hier anfangs vorgekommen; sie, die immer gewohut gewesen war, gleich aus der Stube im Garten zu sein, sie musste nun viele, viele Stufen hinauf- und hinabsteigen. Merkwürdig, wie das ganze Berliner Leben, war auch das: immer in Hut und Handschuhen gehen, nie einen Satz über Gräben machen und im Schlendergang den Wald durchstreifen. Rasch genug hatte sie sich eingewöhnt, drei Monate war sie erst hier. Sie nahm die Treppen wie selbstverständlich.

Sie leuchtete sich jetzt mit dem Wachszündhölzchen und schloss geräuschlos die Tür ihrer Wohnung auf. Da war die Küche — und da die zwei Stuben. Auf den Zehen ging Elisabeth, um die alte Mile nicht zu stören, die hinter einem Vorhang in der kleinen Küche schnarchte.

Langsam, wie träumend, legte sie ihre Kleider ab. So spät war sie in ihrem Leben noch nicht zu Bett gegangen, nur vor dreiviertel Jahren im Mai, als der Grossonkel die Augen geschlossen hatte. Sie musste jetzt so sehr daran denken, damals war sie unglücklich gewesen, und heute? So glücklich!

Damals sangen die Nachtigallen draussen im dunklen Landgarten, durch die geöffneten Fenster des Sterbezimmers brachte der Nachtwind einen Duftstrom von den ersten Blüten des Jahres. Im Stall brüllten dumpf die Kühe, die Pferde schnauften, Nero winselte im Hausflur, und die Katze schlich miauend um die Tür — vertraute Stimmen, die ihren Herrn riefen.

Heute alles still. Das Geräusch der grossen Stadr verstummt an der Grenze von Nacht und Morgen. Es war drei Uhr. Ganz allein ...!

Elisabeth sah sich um. Da lag das schwarzseidene Kleid überm Stuhl, die weissen Spitzenrüschen um Hals und Ärmel waren zerdrückt, die weissen Rosen, die Frau Leonore ihr an die Brust geheftet, abgeknickt. Die kleine Küchenlampe, die Mile auf den Tisch gestellt hatte, brannte trüb und gab dem einsamen Zimmer eine traurige, verlassene Stimmung.

Und doch nicht allein! Eine Flut von Gestalten drängte sich mit mächtigem Schwall herein, belebte den Raum, glitt hin und her und schaffte Wechsel und Bewegung. Wie Wellen auf hoher See, brausend, Schaumkämme hebend, sich teilend, sinkend, sich wieder hebend, höher, höher wogten Gedanken in dem Mädchenkopf. Stimmen flüsterten, Namen schwirrten. Hoch oben, weit draussen am graunächtlichen Himmel, glänzte ein Stern wie das Licht im Leuchtturm. Die Gestalten wiesen hin, die Stimmen flüsterten: „Dein Stern!“

Schaudernd, fröstelnd streckte Elisabeth die nackten Arme aus: „Mein Stern. Lass mich ihn erreichen, Gott! Ich muss ihn erreichen, ich werde ihn erreichen!“

2.

Lützowstrasse acht in der zweiten Etage des Vorderhauses wohnte die Familie Kistemacher; Mann, Frau und vier Kinder. Er war Zahnarzt.

Elisabeth war mit ihnen bekannt; die hübschen, lustigen Kinder waren ihr auf der Treppe, im Flur, auf dem Hof begegnet und hatten die Bekanntschaft mit den Eltern vermittelt.

Frau Kistemacher fühlte eine gewissermassen mütterliche Verpflichtung gegen das einsame Mädchen. „Sind Sie denn so ganz allein?“ hatte sie beim ersten Besuch gefragt.

„Ganz allein“, antwortete Elisabeth mit einem Lächeln, das alles Mitleid weit von sich wies. „Ich bin daran gewöhnt. Ich bin nach dem Tode meines Vaters geboren; meine Mutter starb, als ich noch sehr jung war, ich kam dann aufs Land zum Onkel. Er hat mich so erzogen, dass ich allein sein kann. Er war sehr gut; er hätte natürlich lieber einen Jungen gehabt.“

Sie hatte das ganz ohne Bitterkeit gesagt, es war so selbstverständlich; ein Junge hätte wohl das Gut geerbt, sie musste sich mit dem kleinen Kapital begnügen, von dessen Zinsen sie bescheiden genug lebte.

„Haben Sie denn kein Heimweh nach dem Lande?“ inquirierte Frau Kistemacher weiter.

„Nein.“

Heute hatte Elisabeth Heimweh. Sie sass in ihrer Stube am geöffneten Fenster und starrte mit müden Augen über die Dächer.

Weisse Tauben hockten auf einem First und putzten sich; der matte Glanz der Nachmittagbeleuchtung liess die blauen Schieferplättchen weniger düster erscheinen, aber noch immer waren sie dunkel. Des Mädchens Blick suchte sehnsüchtig den Himmel — mussten nicht die ersten Schwalben schwirren? Drehte sich nicht der goldene Hahn des Dorfkirchturms? Ach, nur Telephondrähte spannten lange, blitzende Fäden; die Dächer waren berusst, die weissen Tauben angegraut vom Rauch der Schlote, die Luft schlaff, dick vom emporwirbelnden Staub der Grossstadt.

Sie schloss die Augen, sie hatte den ganzen Tag gearbeitet. Nun war das Manuskript fertig, dort auf dem kleinen Tisch lag es. Leonore hatte ihr eingeschärft, es ja selbst zu Doktor Bolten zu tragen; doch der Mut fehlte ihr plötzlich. Ob’s auch gut war? Was würde er sagen?

Sie hatte mit Enthusiasmus gearbeitet, wochenlang. Mit einem Glücksgefühl sondergleichen hatte sie begonnen, gleich nach jenem Gesellschaftsabend bei Mannhardts. Die Feder hastete übers Papier, die Hoffnung trug ihre Gedanken auf mächtigen Flügeln. Es war etwas in ihr, das sie trieb, spornte, hetzte; sie galoppierte voran wie ein mutiges Ross ohne Zaum und Zügel. Es war ihre erste grössere Arbeit.

„Es hängt ungemein viel vom ersten Auftreten ab,“ hatte Frau Leonore gesagt, „nimm dich zusammen, Herzchen!“

Einem Nachtwandler, der ruhig im Vollmondschein über Dächer und Firste wandelt, war Elisabeth in diesen Wochen ähnlich gewesen. Nun war sie angerufen — sie erschrak, taumelte, ihr schwindelte. „Nimm dich zusammen!“ Wie macht man das, wenn da etwas herausdrängt, herausstürzt aus tiefster Seele, uneinschränkbar wie schäumendes Wildwasser aus der Felsenkluft?

Sie hob die Hände an die Schläfen, die glühten und schmerzten in der quälenden Gedankenflucht. Würde es ihm gefallen? Jetzt wusste sie’s, es würde ihm nicht gefallen. Was war sie denn, wer? Nichts.

Elisabeth senkte die Stirn tiefer und tiefer, bis sie auf dem Fensterbrett lag und ihre fiebernden Pulse an das kalte, fühllose Holz klopften. Ach, nur eine Seele haben, der sie ganz vertraute, die ihr ganz vertraute, die da sprach: Ich glaube an dich!

Die Tür ging auf, Mile steckte den Kopf herein: „Fräuleinchen, ’s is Zeit, wenn Sie zu dem Herrn gehn wollen; halb fünfe.“ Ihr dürrer Arm reckte sich wie eine Fahnenstange, Hut und Jäckchen baumelten daran.

„Ich gehe nicht.“

„I du meine Zeit, warum denn nich?“

„Es gefällt ihm doch nicht.“

„Gefällt ihm nich? Na so was! Allens, was Sie schreiben, is wunderschön; wenn ich nur eine Zeile lese, muss ich weinen. Wenn ich man bloss die Überschrift sehe. Das sollte ihm nicht gefallen?“ Sie rümpfte geringschätzig die Nase. „Dann versteht er nichts!“

„Ach, Mile,“ Elisabeth hob den Kopf und starrte geradeaus, „du verstehst es nicht!“

Wenn sie nur jemand ein paar Stellen vorlesen könnte! Da lag das Manuskript, es lockte und winkte. Elisabeth überlegte — Leonore? Nein. Eine unbewusste Scheu hielt sie zurück. Die wollte immer so viel Eigenes dazutun, hier einen geistreichen Gedanken einflicken und dort. Man wurde zum Schluss irre an dem eigenen Werk, man kannte es nicht mehr.

Nein, das war nun einmal fertig. Elisabeth fasste das Manuskript mit fester Hand. Aber wohin in der Unruhe des Herzens?

Kistemachers fielen ihr ein, das waren so verständige, nette Leute, die hatten gewiss ein Urteil.

Sie sprang eilig die Treppe hinunter.

Kistemachers Kinder waren im Tiergarten, das Ehepaar sass allein. Die Sprechstunde war beendet, Herr Kistemacher hatte gut gegessen und rauchte nun behaglich seine Zigarre. Frau Julie stopfte Strümpfe. Elisabeth wurde freundlich begrüsst.

Frau Kistemacher streckte ihr die rechte Hand hin, die linke liess den Kinderstrumpf, in dem das Stopfei steckte, nicht fahren. „Trinken Sie ein Tässchen Kaffee?“ Schon zog sie den schwarzen Wollfaden wieder aus und ein, sie sah nicht mehr auf.

„Nein, ich danke sehr, ich ...“ Elisabeth zögerte. Sie hielt das Manuskript hinter dem Rücken versteckt.

„Was haben Sie denn da, Fräulein Reinharz?“ Kistemacher beugte sich ein wenig aus seinem Schaukelstuhl vor.

„Ich? Ach!“ Das Sprechen wurde ihr sauer, die Luft war hier so — so — sie wusste nicht, woran es lag, sie kam sich plötzlich ganz überspannt vor.

„Setzen Sie sich doch, Fräulein Elisabeth!“ Das Stopfei wurde aus dem Strumpf gezogen. „Fertig!“ Aber da war schon wieder ein anderer mit einem grossen Loch. „Was die Kinder reissen!“

„Ich ...“, Elisabeth raffte sich auf, „ich wollte Sie sehr bitten ... ich möchte Ihnen gern ...“, sie zog plötzlich das Manuskript hervor, „Ihnen etwas von mir Geschriebenes vorlesen. Ich schreibe.“ Sie senkte tief errötend den Kopf.

„Was, Sie schreiben? Sie, Sie?“ Frau Kistemacher sah nun doch für einen Augenblick auf; da sie die Hände zum Zusammenschlagen nicht frei hatte, drückte sich das ganze Erstaunen in ihren weitgeöffneten Augen aus. „So was! Sie schreiben? Wie interessant! So was!“

„Bitte, Fräulein Reinharz!“ Herr Kistemacher war aufgestanden und ging mit knarrenden Stiefeln im Zimmer auf und nieder. „Das wird uns sehr interessieren. Mich ganz besonders.“ Er lächelte, halb eitel, halb verschämt. „Sie müssen wissen, in meinen Mussestunden verbreche ich zuweilen auch etwas. Es ist mir der genussreichste Zeitvertreib!“

Wer hätte bei Herrn Kistemacher das vermutet! Elisabeth fühlte sich angeheimelt, sie taute auf und erzählte lebhaft; dann las sie einige Stellen aus ihrer Novelle vor. Sie las mit glühenden Wangen, sie fühlte noch einmal alles mit.

„Und meinen Sie, dass es so geht? Dass ich’s so einreichen kann? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir offen Ihr Urteil sagten.“ Erwartungsvoll sah sie Herrn Kistemacher an.

Er hielt ihr lächelnd die Hand hin. „Also Kollegin! Das darf ich schon sagen, ohne mich zu überheben. Ich finde die Novelle sehr gut. Ich würde ja einiges noch anders gemacht haben, aber ich will Ihnen jetzt nicht mehr den Kopf warm machen. Kommen Sie ein andermal lieber vorher zu mir, wir besprechen dann das Ganze miteinander. Warum haben Sie eigentlich nicht daran gedacht, den Helden lieber ...“

„Lass mich doch auch mal was sagen, Hans“, rief Frau Julie dazwischen. „Ich finde die Geschichte entzückend, ganz entzückend! Schade, dass ich nicht mit ganz ungeteilter Aufmerksamkeit zuhören konnte! — Scheusslich, nicht mehr zu brauchen!“ Der Strumpf flog in den Korb. Dann streichelte sie Elisabeth. „Wie nett, dass Sie’s uns zuerst gezeigt haben! Kommen Sie nur zu jeder Zeit und holen Sie sich unseren Rat. Sie schreiben reizend. Die Muttergefühle der Anna sind grossartig geschildert. Wo Sie das nur her haben? Als ob Sie viere gehabt hätten wie ich. Die Szene mit dem kranken Kind ist ganz graulich, ein Glück, dass es am Schluss gesund wird, sonst wäre die ganze Geschichte verfehlt gewesen. Nein,“ sie sprang auf, „nun hole ich aber ein Schlückchen Wein, darauf müssen wir anstossen!“

„Also Sie meinen, es ist gut?“ sagte Elisabeth, froh wie ein Kind.

„Vortrefflich!“ Kistemacher drückte ihr warm die Hand. „Sie sind ein grosses Talent. Dacht’ ich’s doch gleich, als ich Sie das erstemal sah, dass in Ihnen was steckt. Es wird mir eine Freude sein, Ihnen zur Seite zu stehen. Durch meinen Beruf komme ich mit vielen Menschen in Berührung. Ich kenne ein paar Redakteure — sehr genau, wir stehen sehr freundschaftlich —, denen werde ich von Ihnen erzählen!“

„Weisst du was, Hans?“ Frau Kistemacher war Feuer und Flamme. „Du bist immer so anständig und behandelst sie zu Künstlerpreisen, nun können sie auch was nehmen!“

„Werden sie auch, beruhige dich.“ Kistemacher rieb sich die Hände. „Das nächste Manuskript bringe ich Ihnen mit Leichtigkeit unter, mein liebes Fräulein!“

Frau Julie lachte, fasste Elisabeth um die Taille und drehte sich wirbelnd mit ihr herum. „Ich freue mich, ich freue mich riesig! Eine berühmte Schriftstellerin! Und wir haben auch was dazu getan, Sie berühmt zu machen.“

„Ja, es war gut, dass Sie zu uns gekommen sind“, sagte Kistemacher. „Soll ich Sie jetzt auf die Redaktion begleiten? Es ist Ihnen gewiss angenehmer.“

„Nein, das kannst du nicht, Hans. Du weisst, die Kinder kommen gleich nach Hause, und ich muss in die Markthalle, ich kann sie nicht erwarten. Nehmen Sie’s nicht übel, Fräulein Elisabeth, ein andermal recht herzlich gern. Ich begleite Sie auch gern mal!“

So ging Elisabeth allein.

Sie war hastig gelaufen, nun zögerte sie auf der Treppe. Sie nahm Stufe um Stufe, vorsichtig wie ein Lahmer.

Da war ein langer Gang; am Ende eine Tür mit einem Schild:

Redaktionsbureau.

Bitte eintreten ohne Anklopfen.

Sollte sie, sollte sie nicht? Ihr Herz pochte.

Unten im Kellerraum sausten die Maschinen. Ein dumpfes, unheimliches Surren; eine beklommene, von Druckerschwärze durchschwängerte Luft. Arbeiter mit berussten Gesichtern eilten über die Treppe, bleiche Mädchen in grossen Schürzen, Setzer mit wichtiger Miene und abgespannten Zügen.

Es war höchste Zeit, sonst ging der Doktor fort. Ihr Finger krümmte sich, näherte sich der Tür und schnellte wieder zurück.

Eintreten ohne Anklopfen.

Ein tiefer, zitternder Atemzug — endlich drückte sie die Klinke nieder. Nun war sie drinnen. Kein Mensch drehte sich nach ihr um, sie sassen alle mit dem Rücken gegen die Tür. Die Federn kritzelten.

Sie räusperte sich. „Ist Herr Doktor Bolten zu sprechen?“ fragte sie schüchtern.

„Nein, der Doktor ist jetzt nicht zu sprechen“, sagte eine Stimme aus irgendeiner Ecke.

„Bitte, wann kann ich ihn denn sprechen?“ Sie sagte es sehr enttäuscht; nun hatte sie den Gang gewagt, und nun war er umsonst. Das Manuskript in der Hand brannte sie. Wieder ein Tag verloren auf dem Weg zum Stern! „Ich muss ihn sprechen!“

Einer der Herren wandte sich jetzt nach ihr um und musterte sie von Kopf bis zu Füssen. „Sie bringen wohl ein Manuskript? Wir bitten, die Manuskripte per Post einzusenden und Marken zur eventuellen Rücksendung gleich beizufügen. Doktor Bolten lässt sich nicht sprechen.“

Sie drehte verlegen und unschlüssig die Papierrolle in ihren heissen Händen. Staub lag auf ihren Schuhen, auf ihrem Kleid. Staub, Staub fiel nieder von der Decke dieses Raumes und sank schwer auf ihre Seele.

Der Herr lächelte flüchtig, diese grauen Mädchenaugen blickten so betrübt. „Haben Sie irgendeine Empfehlung?“ fragte er freundlicher.

„Die habe ich!“ Sie atmete auf. „Ich kenne den Herrn Doktor. Frau Leonore Mannhardt schickt mich.“

„Darf ich um Ihre Karte bitten?“ Der Herr machte eine Verbeugung.

Sie zog, ungeschickt vor Hast, ihr Visitkartentäschchen heraus.

Der Herr ging ins Nebenzimmer. Die Federn kritzelten. Sonst kein Laut.

Elisabeth wartete. Ihr Herz schlug hart — Hammerschläge —, sie glaubte, man müsse sie hören. Sie presste das Manuskript, dass es knitterte. Fünf Minuten vergingen; zehn Minuten.

Jetzt knarrte die Tür. „Herr Doktor lässt bitten.“ Eine einladende Handbewegung, und sie stand drinnen im Allerheiligsten.

Bolten sass an dem grossen, grünen Diplomatenschreibtisch, das Gesicht der Eintretenden zugekehrt. Stösse von Manuskripten türmten sich rechts und links von ihm auf, auf dem Schreibtisch, auf dem Boden; hinter ihm noch ein Regal voll. Es roch nach vergilbtem Papier und nach Tinte.

Der Doktor schwitzte, sein Gesicht war gerötet, die Haare standen ihm zu Berge.

„Verzeihen Sie, ich bin sehr beschäftigt, ich habe noch Dringendes zu erledigen.“ Er zog seine Uhr heraus und legte sie vor sich auf den Tisch. „Womit kann ich Ihnen dienen? Ich lese die letzte Korrektur zu dem grossen Roman unserer Rosen, die Fahnen müssen heute noch in die Druckerei. Donnerwetter, schon so spät?“ Er nahm die Feder zur Hand und verfolgte die einzelnen Zeilen auf dem langen Papierstreifen. „Bitte, sprechen Sie nur!“

„Frau Mannhardt sagte mir ... sie wollte ... sie hat mit Ihnen gesprochen.“

„Ja, richtig!“ Er entsann sich. „Habe schon das Vergnügen gehabt.“ Er warf die Feder hin. „Ä, sind die Kerle unaufmerksam, wieder dieselbe Geschichte gemacht! Zum Verrücktwerden!“ Er drückte anhaltend auf den Knopf der elektrischen Leitung. „Verzeihen Sie!“ Noch ein Druck auf den Knopf. „Hört denn keiner?“

Der junge Herr von nebenan stürzte herein.

„Warum hören Sie denn nicht? Schicken Sie mal den Faktor herauf; er darf nicht Weggehen, ehe ich ihn gesprochen habe. Der Esel! — So,“ er nahm wieder die Feder, „hier Absatz. „Wie oft soll ich das bemerken! Stehe ganz zu Diensten, Fräulein — Fräulein Reinhof, nicht wahr?“

„Reinharz.“

„Reinhart, richtig!“ Er fasste sich an die Stirn. „Es geht einem so viel durch den Kopf. Ja, ja, entsinne mich, weiss alles: Novelle vorgelesen, mir empfohlen, geben Sie her!“ Er nahm ihr ohne weiteres das Manuskript aus der Hand.

Ihre Finger gaben es ungern frei, ihr war auf einmal, als möchte sie es lieber behalten, als sei es ein Tropfen eigenen Blutes.

Er wog es in der Hand, dann blätterte er darin. „Ziemlich lang! Über dreitausend Druckzeilen.“ Sich halb umdrehend, warf er es auf das Regal hinter sich. „Werde Ihnen schreiben.“

„Wann — wann darf ich auf Bescheid hoffen?“ Sie fragte das so leise, dass man es kaum hörte.

„Bin ungeheuer überhäuft, wie Sie sehen!“ Er machte eine umfassende Handbewegung. „Alle diese Manuskripte harren auf Erledigung. Hier dieser Roman“, er legte die Hand auf ein Manuskript von ungeheurer Dicke, „wartet schon seit Monaten auf mich. Ich komme beim besten Willen nicht dazu.“

„Meines ist ja nicht so korpulent“, sagte sie mit einem Anflug von Lächeln.

Ganz erstaunt sah er sie an: „Sie lachen? Wissen Sie was? Schreiben Sie ’ne Humoreske, das wird Ihnen liegen!“

„Wollen Sie dies nicht erst lesen?“ Sie sah hinüber zu ihrem Manuskript.

„Was ist es denn? Heiter?“

„Nein.“

„Ernst, tragisch wohl gar? Ach, um Gottes willen!“ Er fuhr sich in die Haare.

„Es ist nicht tragisch, nur ernst. Sehr ernst.“

„So — hm. Und wo spielt es? Sie sehen, wieviel ich zu tun habe. Geben Sie mir mal lieber gleich in kurzen Umrissen den Gang der Handlung.“

„Im Dorf“, sagte sie knapp. „Die Magd Anna wird vom Sohn des Bauern, bei dem sie dient, verführt und verlassen. Sie verbirgt sich mit ihrem Kinde im Walde, sie friert, sie hungert ...“

„Hören Sie auf, hören Sie auf!“ Bolten trommelte ungeduldig auf den Tisch. „Ne! Ne-ne-ne-ne, das ist nichts für uns! Gott bewahre! Ein uneheliches Kind! Wie kann ich das meinen Leserinnen zumuten. Bauerngeschichten sind ohnehin schon abgedroschen, gar nicht mehr Mode. Und dann so romantisch, im Walde versteckt! Heutzutage versteckt sich keine mehr im Walde. Hahaha!“ Er lachte, dass man alle seine Nussknackerzähne sah. „Liebes Fräulein, wissen Sie was?“ Er langte hinter sich. „Da, nehmen Sie gleich Ihr Manuskript wieder mit, was soll ich mir erst die Mühe machen.“

Er hielt inne, ihr zitternder Atem streifte ihn, ihre grossen, sprechenden Augen sahen ihn tränenverschleiert an.

„Mag ja ganz literarisch sein“, meinte er gutmütig. „Sie haben Talent, hat man mir gesagt. Aber schreiben Sie mal was aus dem wirklichen Leben, was allgemein interessiert. Am liebsten was Nettes, Fesches, ’ne Humoreske zum Beispiel; Tragisches will kein Mensch lesen. Und dann nicht diese Bauernatmosphäre. Verrohen Sie Ihr Talent nicht, mein Fräulein, die Kunst muss vornehm sein. Wenn ich Ihnen raten soll, lesen Sie viel von der Rosen und von der Widmann — grossartig, einfach grossartig! Bei der Lindenhayn tritt das Erotische in letzter Zeit etwas zu unverhüllt zutage. Wissen Sie, Fräulein, der Schriftsteller kann alles sagen, alles geschehen lassen ...“, Bolten redete sich ordentlich in Eifer, „muss er sogar, der Leser will sich doch nicht langweilen. Aber verblümt. Nicht gleich mit unehelichen Kindern um sich schmeissen. Solche Geschichten — ah, bah!“

„Aber sie sind wahr.“ Des Mädchens Augen schwammen nicht mehr in Tränen, gross und ernst sahen sie den Redakteur an.

„Wahr, wahr! Was heisst wahr?!“ Er zuckte die Achseln. „Die Kunst soll in erster Linie schön sein. Hier,“ er hielt die Korrekturfahne des Rosenschen Romans in die Höhe, „hier können Sie was draus lernen. Und lesen Sie die Widmann, die fasst auch nicht gerade mit Glacéhandschuhen an. Aber der Zweck heiligt die Mittel; sie beschäftigt sich eben mit der brennendsten Frage der Gegenwart: der Frauenfrage. Lernen, liebes Fräulein, lernen.“ Er reichte ihr die Hand, sie tat ihm leid, sie stand wie niedergeschmettert. „Bringen Sie mir die Humoreske. Bedenken Sie,“ er streckte pathetisch den Arm in die Höhe, „ernst ist das Leben, heiter die Kunst!“ Und dann in geschäftlichem Ton: „Nicht zu lang, ungefähr dreihundert bis dreihundertfünfzig Druckzeilen, anmutig, im Salon spielend, verstanden?“

„Ich kann das nicht“, sagte sie. Sie hob stolz den Kopf. „Ich werde das nie können!“

Sie ging. Wie sie die Treppe hinuntergekommen, wusste sie selbst nicht; es fasste sie wie ein Schwindel. Das war die Kunst? Das war der Weg? Sie presste ihr Manuskript an sich wie ein geliebtes Kind.

Langsam ging sie durch die Strassen, die Menschen hasteten, sie wurde gestossen, sie merkte es nicht. Strassenbahnen klingelten, Droschken rollten; Getrappel, Peitschenknallen, Zurufe, bunte Läden, Menschen, Frauen, Kinder. Eine Fülle von Dingen, eine ununterbrochene Reihe von Gestalten, von Existenzen aller Art.

Der Strom des Lebens flutete mächtig in der grossen Stadt, und sie mitten darin. Einsam. Sie fühlte sich einsam; zum erstenmal.

Da floss der Kanal; Bäume standen am Ufer, Bäume, die emporstrebten, die Äste sehnsüchtig nach Licht und Luft reckten. Elisabeth blieb stehen. Langsam sank die Dämmerung nieder. Das Wasser floss schwarz, von keinem Wellchen bewegt. Kein Windhauch. Abend.

Ihr Blick suchte den Himmel, der spannte sich hoch droben überm Kanal mit bleichgrauen Wolken — da, mitten dazwischen ein Stern, unbeweglich, klar und golden.

Des Mädchens Lippen schlossen sich fest aufeinander, sie liessen den Seufzer nicht durch. Wie hatte der alte Prediger in der Dorfkirche gesagt? „Die Pforte ist eng, der Weg ist schmal, wenige sind ihrer, die ihn finden.“

„Ich werde ihn finden!“

Finden ...? Eine Frage, ein Echo verschwebten.

Elisabeth schrak zusammen; hatte sie laut gesprochen? Mit ernstem Blick kam sie nach Hause.

„Nu, Fräuleinchen, was hat er gesagt?“ Mile starb fast vor Neugier. „Der hat sich wohl nich schlecht gefreut?“ Mile durfte sich schon die Frage erlauben, sie war ein altes Faktotum, das jahrelang in des Onkels Haushalt gewirtschaftet und Elisabeth die ersten Stricknadeln zwischen die Kinderfinger geklemmt hatte.

„Es hat ihm nicht gefallen.“ Elisabeth setzte sich in die Sofaecke und lehnte den Kopf ans Polster.

„Wieso nicht gefallen?“ Mile sah aus wie eine Gluckhenne, die das Gefieder sträubt, weil unbefugte Hände ihrem Küchlein zu nahe kommen. „Nich gefallen? Ich habe Blätter von der Geschichte aus dem Papierkorb ’rausgesucht, ich habe sie gelesen.“ Sie zeigte mit dem knochigen Finger: „Da wohnt der im Dorf — da der! Und die Anna, die! Ich kenne sie alle. Die haben’s mal tüchtig gekriegt, die liederliche Pakkasche. Und der will sagen, das wäre nicht schön? Der?“

„Ruhig, Mile!“ sagte Elisabeth mit einem wehmütigen Lächeln. „Ich bitte dich, sei jetzt ruhig.“

Mile ging kopfschüttelnd hinaus.

Elisabeth sass regungslos. Weltenweit, weltenfern — wo hatte sie denn gelebt, dass sie nicht wusste, wie die Menschen denken, was ihnen gefällt und was ihnen nicht gefällt?

Sie rüttelte sich und sah um sich wie jemand, der aus dem Traum erwacht und sich nicht in der Wirklichkeit zurechtfinden kann.

3.

Wolfgang Eisenlohr, der berühmte Dichter, sass in seiner Studierstube. Sie lag nach dem Garten hinaus, durch den langen Korridor von der übrigen Wohnung getrennt. Eine breite Glastür mit grünseidenen Gardinchen führte auf den Altan; Blumen und Palmen blühten und grünten dort in verschwenderischer Fülle.

Drinnen alles verschleiert, kein Strahl hellen Lichtes. Ganz Stimmung. Der rechte lauschige Winkel für einen Poeten. Von der Decke schwebte ein ausgestopfter Adler mit gespreizten Riesenfängen, um den Schreibtisch standen abgehauene Tannen in geschickt verborgenen Wasserkübeln. Der Dichter liebte es, im Grünen zu arbeiten; seine Phantasie versetzte ihn dann in den Gebirgswald, wo der Adler horstet und der kühne Wanderer aus einsamer Höhe stolz auf die Menschheit hinunterblickt.

Eisenlohr schrieb eine grossartige Naturschilderung, das erste Kapitel seines neuen Romans. Die sterbenden Tannen dufteten stärker in der Treibhauswärme des Gemachs, Harztränen tropften an ihren Stämmen nieder, ihre Nadeln fielen leis knisternd.

In den Dichterohren rauschten Föhrenwälder, kreischte der Adler hoch über der Klippe, die noch kein Menschenfuss betrat. Eisenlohr war ganz in Stimmung.

Da — draussen wehklagendes Kindergeheul. Noch einmal, angstvoll, schrill, im höchsten Diskant.

Er riss die Tür auf. „Ruhe!“

„O Monsieur!“ Die französische Bonne stürzte atemlos herein. „Excusez, mille fois pardon! Elsa hat sich gefallen ein Loch, mon Dieu!“

„Ungezogene Jöhre.“ Eisenlohr warf krachend die Tür ins Schloss. „Ruhe!“

Das Geheul verstummte sofort, die Bonne hatte nur geflüstert: „St—st! Monsieur dichtet!“

Der Papa dichtet. Die vierjährige Elsa wusste sehr wohl, was das bedeutet. Sie presste ihre Lippen aufeinander und verbiss den Schmerz. Sie war eine Dichterstochter und wusste, was sie ihrem Vater schuldig war; er hatte nicht umsonst den wunderbaren Liederzyklus „Mein Sonnenkind“ an sie gerichtet.

Die Föhren rauschten wieder, Moos und Gerank krochen die Felsen hinan, liebevoll blickte das Dichterauge auf das geringste Pflänzchen. Da, schon wieder eine Störung! Es klopfte.

Er schrieb weiter. Er hörte nicht, wollte nicht hören.

Noch einmal ein schüchternes Pochen.

„Zum Donnerwetter, herein!“

Der Diener brachte eine Karte. „Herr Maier.“

„Wer?“

„Herr Verlagsbuchhändler Maier. Den sollte ich ja nicht abweisen.“

„Ach so!“ Der Dichter warf die Feder hin. „Führen Sie ihn herein!“

Maier trat ein. Er hatte dieselbe zugeknöpfte Haltung wie damals bei Mannhardts; nur sein Organ klang geschmeidiger, seine Verbeugung war verbindlicher. Er hatte vorgestern in der Zeitung unter „Kunst und Literatur“ von der neuesten Schöpfung des berühmten Autors gelesen; dort war der Roman in höchst schmeichelhaften Zeilen als vollendet angekündigt worden. Als rühriger Geschäftsmann hatte Maier gestern bereits geschrieben, heute machte er dem Dichter seine persönliche Aufwartung.

Man war sehr artig miteinander, man erkundigte sich nach dem gegenseitigen Befinden. Man haspelte die gewohnten Einleitungsphrasen der Unterhaltung ab; in fünf Minuten war man bei dem Hauptthema: dem Roman.

Maier rieb sich die Hände; vor jeder grösseren Unternehmung pflegte er das zu tun, eine gewisse nervöse Unruhe lag in diesem Händereiben. Anscheinend beiläufig erkundigte er sich nach dem neuesten Roman. „Fertig, wie ich in der Zeitung las?“

„Das gerade nicht.“ Der Dichter lachte. „Aber selbstverständlich bin ich im vollen Zuge. Ich arbeite mit einer Schaffensfreudigkeit sondergleichen. Ich glaube, es wird mein bestes Werk.“

„Ich gratuliere!“ Der Verleger neigte sich verbindlich. „Darf ich fragen, ob Sie schon über die Buchausgabe disponiert haben? Oder erscheint der Roman zuerst in einem Journal?“

Der Dichter lehnte sich bequem in seinen Stuhl zurück. „In einem Journal erscheinen lassen? Es widerstrebt meinen Ansichten von künstlerischer Vornehmheit.“

„Und die Buchausgabe?“ fragte der Verleger weiter.

„Ich habe an Sprottau Söhne gedacht. Sie wissen, ich pflege mein jeweiliges Werk dem Verlag zu geben, in dessen Rahmen es am besten passt.“

„So?“ In Maiers Gesicht veränderte sich kein Zug, nur in die Stimme legte er eine kleine, kaum angedeutete Verwunderung. „Dürfte Ihr Roman denn in den Rahmen des Sprottauschen Verlags passen? Nach den Andeutungen, welche die Zeitung brachte, glaube ich dies wohl kaum annehmen zu können.“

„Es war auch nur ein flüchtiger Gedanke von mir.“ Eisenlohr sann einen Augenblick nach. „Er wird gerade dort besonderes Aufsehen erregen.“

Maier antwortete nicht.

Eine Pause entstand.

„Hm,“ sagte der Verleger plötzlich, „würde Ihr Werk nicht bei mir mindestens ebensogut aufgehoben sein?“

„Bei Ihnen?“ Der andere strich sich das Kinn. „Mein Werk schon. Aber ob ich ...? Lieber Freund, mit den Honoraren, die Sie zu zahlen gewohnt sind, kann ich mich nicht begnügen. Junge Autoren, die sogenannten aufstrebenden Talente vielleicht. Wenn Sie denen nur einen kleinen Vorschuss geben, schreiben sie Ihnen drei Bücher dafür.“

Maier lächelte fein. „Ganz so verhält sich die Sache doch nicht, übrigens,“ seine Miene wurde ernst, „Sie wissen recht wohl, dass wir unseren gutgehenden Autoren anständige Honorare zahlen.“

„Was Sie gutgehende Autoren nennen! Das passt auf die, die mal in die zweite und dritte Auflage kommen.“ Eisenlohrs geringschätziger Ton wurde hochachtungsvoll. „Das mindest wertvolle meiner Bücher ist bereits in vierundzwanzig Auflagen verbreitet. Sie wissen, dass ich mit einigen bereits beim vierzigsten Tausend angelangt bin. Was zahlen Sie mir pro Auflage? Natürlich in der bekannten Ausstattung und dem bekannten Format.“

„Ich zahle Ihnen fünfundzwanzig Prozent vom Ladenpreis. Fünf Auflagen sofort. Jede folgende wird bei Ausgabe honoriert.“

„Nein,“ Eisenlohr machte eine entschieden ablehnende Handbewegung, „dazu können Sie mich nicht haben. Ich verlange siebenundzwanzigeinhalb per Cent vom Ladenpreis“, er betonte jede Silbe, „und zehn Auflagen sofort honoriert.“

„Donnerwetter!“ Das entfuhr Maier unwillkürlich.

Der Dichter lächelte. „Sehen Sie, ich sagte es Ihnen ja gleich. Für mich sind Sie noch zu klein.“

„Wann könnten Sie das Manuskript liefern?“

„Bis zum August denke ich bestimmt fertig zu sein; bin ich weiter so gut disponiert, auch früher. Jedenfalls kommt das Buch rechtzeitig auf den Weihnachtstisch. Einen Titel habe ich — einen Titel! — der zieht!“

Maier sass wie versunken; jetzt richtete er seine kleine Gestalt mit einem energischen Ruck auf. „Ich gehe auf Ihre Bedingungen ein.“

„Na, das ist mal gescheit von Ihnen!“ Der Dichter schüttelte ihm kordial die Hand. „Es ist mein bedeutendstes Werk, Sie werden sehen, Maier, Sie machen ein grossartiges Geschäft!“

„Bei siebenundzwanzigeinhalb Prozent für den Autor?“ Maier lächelte sarkastisch. „Und die Sortimenter wollen doch auch leben. Es bleibt für unsereinen wenig übrig.“

„Sie können ja gleich zwanzig Auflagen zusammen drucken; da bleibt genug übrig.“

„In der Tat,“ der Verleger nickte, „es kann sein, dass noch etwas übrigbleibt.“

Sie waren also einig. Der Autor wurde sehr gesprächig, sehr liebenswürdig und entwickelte seinem neuesten Verleger einen ganzen Rattenkönig von Paragraphen. Maier widersprach nicht, er machte sich Notizen. Als er sich nach einer weiteren halben Stunde verabschiedete, begleitete ihn Eisenlohr bis zur Zimmertür.

Ehe diese sich schloss, liess Maier einen raschen Blick über die kostbare Einrichtung des Gemachs gleiten. Der echte Perserteppich dämpfte jeden Schritt. Die gemalten Fensterscheiben warfen bunte Schimmer, der mächtige Kopf des Löwenfells vorm Schreibtisch fletschte die Zähne, reizende Frauenköpfe in breiten Rahmen lächelten nieder, und draussen, vom Altan herein, glänzte die Blumenfülle. — —

Unten am Haus stiess Maier auf eine Dame; diese warf ihm einen bitterbösen Blick zu, rauschte ohne Gruss an ihm vorbei und verschwand in der Tür des Dichterheims, eine Wolke von Parfüm hinter sich lassend.

War das nicht die Starzynska? Der Verleger blieb stehen. So elegant, in Seide? Zu ihm war sie immer sehr einfach gekommen, hatte viel über ihre beschränkten Verhältnisse geklagt, auch um Vorschuss gebeten. Und jetzt ...? Der würde sich freuen! Maier war ein wenig schadenfroh. Die wurde man unter einer Stunde nicht los. —

Wolfgang Eisenlohr sass eben wieder am Schreibtisch, als Wlodzimira Starzynska gemeldet wurde.

„Ich bin nicht zu sprechen. Wie oft soll ich’s Ihnen denn sagen?“ fuhr er den Diener an. „Wenn Sie’s nicht begreifen, muss ich Sie eben entlassen. Ich bin nicht zu sprechen!“

„Aber für mich doch, teurer Meister!“ tönte die Stimme der Starzynska vom Flur; sie war dem Diener auf den Fersen gefolgt. „Ich mache doch eine Ausnahme!“ Sie stiess die angelehnte Tür vollends auf, mit ausgebreiteten Armen stürzte sie herein. „Ich habe Sie ewig nicht gesehen. Oh, wie schön ist es hier!“

Fräulein Starzynska sprach immer ein langschnarrendes, rollendes R. Man wusste nicht, rührte es von ihrem Ausländertum oder von ihrer dramatischen Studienzeit her; sie hatte sich zur Schauspielerin ausgebildet, war sogar in Warschau, Riga und Petersburg, wie sie sagte, mit grossem Erfolg aufgetreten.

„Wie schön ist es hier!“ Die Arme ausgestreckt, stand sie vor dem Schreibtisch. „Hier schafft er nun! Lauter Poesie.“ Sie kam auf Eisenlohr zu. „Sie herrlicher Mensch!“

Die Starzynska war immer etwas stürmisch, er wich ein paar Schritte zurück, und doch zeigte sein Gesicht ein geschmeicheltes Lächeln.

„Teurer Meister!“ Sie liess sich nicht mehr zurückhalten, sondern fasste seine Hand. „Ich komme ganz atemlos, ich bin gerührt, erschüttert — dies wunderschöne Gedicht! Ich habe Ihr Gedicht gelesen, heut in der Zeitung. Ich habe geweint. Sie müssen mir auch ein Gedicht machen, nächsten Monat werde ich zweiundzwanzig. Meister, mir auch ein Gedicht!“ Sie fiel ihm um den Hals.

Er stand etwas verlegen. „Ich hätte nicht gedacht, dass Ihnen ein Gedicht ...“

„Oh, herrlich! Mir ein Gedicht! Ich lasse es in die Zeitung setzen!“ Sie liess ihn gar nicht zu Wort kommen, sie überschüttete ihn mit Schmeicheleien.

Er konnte nicht umhin, liebenswürdig gegen sie zu sein. Sie hatte eine schöne Figur, üppige Büste, schlanke Hüften, zierliche Hände und Füsse. Als Dichter war er für Schönheit empfänglich. Nebenbei war sie voller Temperament und voll von einer rührenden, schwärmerischen Bewunderung für ihn; und sie hatte Geist.

Immer öfter strich sich Eisenlohr das Kinn. Es war eine ihm eigentümliche, ganz charakteristische Gebärde; die schöne, weisse Hand wischte von dem bartlosen Mund abwärts, als wolle sie so das halb überlegene, halb zynische Lächeln verstecken, das da zuweilen aufdämmerte, besonders in Frauengesellschaft.

Nach einer Stunde wurde Wlodzimira sehr mitteilsam, sehr weich. Sie lehnte ihren dunklen Strubbelkopf an des Dichters Schulter und klagte über ihre Verlassenheit, über die hilflose Stellung der Frau. Sich allein durchzuringen, o wie schwer! Dem weiblichen Autor werden tausend Hindernisse in den Weg gelegt.

„Sie müssen mir helfen, Meister!“ sagte sie in rührender Naivität. „Kennen Sie Maier?“

„Er war vorhin erst hier. Er will durchaus mein neuestes Werk verlegen.“

„Und Sie haben es ihm zugesagt, Meister?“ Sie belauerte ihn.

„So halb und halb.“

„Oh, Meister!“ Nun fing sie an zu weinen. „Er ist ein Scheusal! Trauen Sie ihm nicht! Er hat mich mit Anträgen verfolgt, er war mir zuwider — nun will er mein Trauerspiel nicht verlegen. Alle Leute sagen, es ist ausgezeichnet. Was soll ich machen?“ Sie rang die Hände und schluchzte fassungslos.

Der Dichter hatte viel zu trösten; er tat es mit sanften Worten und strich sich dabei besonders häufig um Mund und Kinn.

Sie kniete vor ihm und legte das wirre Haupt auf seine Hände. „Meister, helfen Sie mir! Sie allein können es! Maier muss mein Trauerspiel verlegen. Sagen Sie es ihm. Sagen Sie ihm, Sie gäben ihm sonst nicht ...“, sie hob den Kopf und blinzelte ihn an mit schwimmenden Augen, „Sie gäben ihm sonst nicht Ihr neues Buch!“

Er versprach es ihr. — —

Der berühmte Dichter brachte die Kollegin bis an die Treppe, und sie verabschiedete sich mit überströmender Dankbarkeit.

Kaum war sie gegangen, fuhr eine Equipage vor; ein kleines, anspruchsloses Gefährt, der Kutscher in dunkler Livree, ein einfaches M auf dem Wagenschlag — Frau Eleonore Mannhardt.

Eisenlohr floh ins Schlafzimmer. „Führen Sie die Dame in den Salon!“ rief er dem Diener zu. „Rasch! Öffnen Sie in meinem Zimmer die Fenster!“ Die Starzynska hatte einen verräterischen Patschuliduft zurückgelassen. „Alle Fenster, hören Sie? Ich komme gleich!“

Er stürzte vor den Spiegel. Rasch hinein in die schwarze Samtjoppe, dieses Künstlernegligé, das seinem Charakterkopf mit der kräftigen Nase einen kleidsamen Untergrund gab.

Mit nachdenklichem Blick kam er in den Salon.

„Sie zerstreuter Dichter!“ lächelte Frau Leonore und drückte ihm die Hand. „Aus anderen Regionen aufgetaucht? Aus Dichterträumen? Verzeihen Sie, dass ich Sie geweckt habe!“

„Gnädige Frau, ich wünsche mir nie ein schöneres Erwachen!“ Er küsste ihr galant die Hand.

„Und Ihre liebe Frau, Ihr entzückendes Töchterchen?“

„Meine Frau ist ins Bad gereist.“ Er sagte das ohne jede Erregung, obgleich er wusste, dass seine Frau nicht mehr zu ihm zurückkehren würde.

„Ach, so früh schon?“ Sie sagte es auch ohne jede Verlegenheit, obgleich sie wusste, dass Eisenlohr in Scheidung lag.

„Und Ihre Elsa?“

„Mein Sonnenkind!“ Über sein Gesicht huschte ein verklärender Schein. „Sie ist meine ganze Lebensfreude. Ich erquicke mich an ihr und mag sie keinen Augenblick entbehren!“

„Nur während des Arbeitens.“

„Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Ich versichere Ihnen, gnädige Frau, ich kann nicht arbeiten, wenn ich das Geschöpfchen nicht in der Nähe weiss. In diesen Kinderaugen liegt so viel, eine ganze Welt. Jedes Wort aus Kindermund ist eine Offenbarung. Glauben Sie mir, gnädige Frau, meine besten Gedanken hole ich mir bei meinem Kinde. Wenn mein Kind seine frischen roten Lippen auf meine Stirn drückt, werden die Gedanken reiner, heiliger; sie sind weissen Tauben gleich, die empor zum Himmel schweben.“

Frau Leonore war bewegt, ihre Augen glänzten. „Wie schön empfunden! Möge ein gütiges Geschick Ihr Sonnenkind beschirmen!“

„Ich danke Ihnen, gnädige Frau!“ Er küsste ihr die Hand.

Sie machten beide eine kleine Pause in der Unterhaltung.

Endlich fragte sie schüchterner, als sonst ihre Art war: „Ich habe Sie doch hoffentlich nicht bei der Arbeit unterbrochen?“

Er hörte sie nicht, er war ganz in Gedanken versunken.

„Doch nicht bei der Arbeit gestört?“ fragte sie noch einmal.

Er fuhr aus tiefem Sinnen auf. „Gestört? O nein, wie könnten Sie mich stören! Verzeihen Sie, es ist eine leidige Angewohnheit von mir, die Gedanken nicht in der Studierstube zurückzulassen. Die stürmen dann auf einen ein und packen einen mitten in der Unterhaltung, man vergisst ganz die Gegenwart. Ich bin ein schlechter Gesellschafter.“

„Sie sind ein Dichter!“ sagte sie mit gewinnendem Lächeln.

Er verneigte sich dankend. „Sie verstehen mich, gnädige Frau, aber Sie sind eine unter Tausenden. Niemand wird öfter verkannt als der Dichter, missverstanden, verlacht, gesteinigt und mit Dornen gekrönt. Unser Lorbeerkranz ist eine mit Blättern verkleidete Dornenkrone.“

„Und das sagen Sie — Sie?“

„Meine liebe gnädige Frau, urteilen Sie auch nach äusseren Erfolgen? Was macht das Wesen des Dichters? Das Auf und Nieder von Gefühlen. Er weint mit seinen Gestalten, er lacht mit ihnen; jede Empfindung, die er wiedergibt, ist in ihm geboren, er klagt um Verlorenes und geht durch das Fegefeuer der Leidenschaft. Weit mehr als er geniesst durch seine Kunst, leidet er durch sie. Und diese Nächte, diese abscheulichen Nächte! Ich habe seit langem nicht gut geschlafen.“

Sie zitierte:

„Wer nie sein Brot mit Tränen ass,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend sass ...“

„Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!“ fiel er ein. „Sie haben mir eine Lektion erteilt, gnädigste Frau!“

Sie errötete vor Freude über den verehrungsvollen Ton seiner Stimme und lächelte mit leichter Koketterie. „Bin ich denn ein Schulmeister?“

„Eine reizende, kluge, liebenswürdige Frau!“ Er haschte nach ihrer Hand, sie liess sie ihm ein paar Augenblicke. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf ihrem noch rosig schimmernden Gesicht, die erhöhte Farbe stand ihr gut, ihre Augen erschienen glänzender und lebhafter. Eisenlohr strich sich um Mund und Kinn.

„Meine verehrte Freundin!“ flüsterte er.

Sie wurde ganz verwirrt. Von einem grossen Dichter „Freundin“ genannt zu werden! Blitzschnell dachte sie an Goethe und Marianne von Willemer.

„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?“ schmeichelte sie.

„Bitten Sie!“ Und er strich sich wieder um Mund und Kinn.

„Sie sollen uns ein Fest verherrlichen — nein, nein, schütteln Sie nur nicht so ablehnend den Kopf! Hören Sie erst! Mia Widmann hatte die Idee, einen Bund, sagen wir ‚Verein’, zu gründen, hauptsächlich aus Schriftstellerinnen bestehend, doch sind andere Künstlerinnen und der Kunst nahestehende Damen nicht ausgeschlossen. Dieser Bund hat zum Zweck: Wahrung der geistigen und körperlichen Interessen der Frau. Man hat mir die Ehre erwiesen, mich in den Vorstand zu wählen. Ferner sind gewählt natürlich Frau Widmann, Alinde Rosen, die Maschka und Fräulein Starzynska. Frau von Lindenhayn hat leider zu unserem Bedauern abgelehnt. Schriftführer ist Doktor Bolten. Mein Mann in seiner Selbstlosigkeit will nur hinter den Kulissen das Praktisch-Geschäftliche leiten. Die Sitzungen des Vereins gehen bei den verschiedenen Vorstandsdamen um.“

„So.“

„Die erste Sitzung gestern hat eine glänzende Idee gezeitigt. Wir wollen anfangs Sommer, ehe alle Welt auf Reisen ist, einen Unterhaltungsabend geben, öffentlich. Mia Widmann hält einen Vortrag. Dann folgen lebende Bilder: Szenen aus dem Leben der Frau, mit Erläuterungen, ebenfalls von der Widmann verfasst und von Fräulein Starzynska und der Maschka vorgetragen. Beide Damen sowie Fräulein Rosen haben in opferfreudiger Weise auch ihre Person für die lebenden Bilder zugesagt.“

„Sehr opferfreudig.“

„Dann, und das ist der Glanzpunkt — sagen Sie nicht nein, sagen Sie nicht nein!“ Lebhaft ergriff sie seine beiden Hände. „Sie, Sie müssen ja Fühlung für die Leiden der Frau haben!“

Er hatte keine Hand frei und konnte so sein Lächeln nicht verbergen.

Sie sprach mit glühenden Wangen weiter: „Sie als Künder der feinsten Regungen der Seele werden der Frau nachempfinden können, die in der Ehe schmachtet. Dem Schmerz des Mädchens, das der Geliebte ungestraft verlassen darf, werden Sie ergreifende Worte leihen. Sie werden für die Sehnsucht der Arbeiterin, die täglich das Martyrium der Arbeit von neuem beginnt, den rechten Ton finden. Sie sind der einzige, der das kann. Dichten Sie uns etwas!“ Sie faltete die Hände. „Die Maschka wird’s vortragen oder die Starzynska, welche von beiden Sie wählen. Man wird Sie vorrufen, vorjubeln. Während Sie sich verneigen, erscheint ein junges Mädchen im Engelsgewand und reicht Ihnen huldigend einen Kranz roter Rosen, den Dank der Frauen.“ Sie hatte sich ganz in Begeisterung geredet.

Sein Lächeln wurde so stark, dass er den Kopf zur Seite wandte.

Sie sah sein edles Profil. „Es muss wirken!“ sagte sie.

Er war nicht ganz so abgeneigt, als sie gefürchtet hatte.

Frau Mannhardts Kutscher musste unten vor dem Hause lange warten; er sah schon unruhig nach den Fenstern, der feurige Braune wollte nicht länger stehen.

Eisenlohr war liebenswürdig genug, sich alles bis auf die kleinste Kleinigkeit erzählen zu lassen. Er griff sich an die Stirn — nun kam ihm schon eine glückliche Idee. Er sann.

Frau Leonore sass auf dem Sofa und wagte nicht, sich zu rühren. Voller Andacht sah sie zu dem Dichter auf.

„Und die Einnahmen?“ fragte er. „Ich zweifle nicht, dass sie gross sein werden.“

„Sie bilden den Fonds des Vereins. Ihre Mitwirkung würde uns Summen sichern!“

„Ja, recht schön, aber ich weiss wirklich nicht ...“ Er zögerte noch immer.

„Sagen Sie zu!“ bat sie dringend. „Ein Engel wird Sie belohnen. Sie tun nebenbei noch ein zweites gutes Werk. Diesen Engel wird mein Schützling vorstellen, eine junge, talentvolle Schriftstellerin.“

„Schon wieder eine“, murmelte Eisenlohr.

„Sie ist unbekannt. Wird ihr Name mit dem Ihrigen zusammen genannt, so ist sie bekannt mit einem Schlag. Ein junges Ding, wildfremd in der grossen Stadt — was können Sie aus ihr machen!“

„Ich habe wirklich so wenig Zeit.“ Eisenlohr schien plötzlich das Interesse verloren zu haben. „Meine liebe gnädige Frau, ich bin wirklich nicht in der Lage, alle Schriftstellerinnen zu protegieren.“

„Ach, tun Sie’s!“ bat Leonore mit Tränen in den Augen. „Sie verpflichten mich allerpersönlichst. Elisabeth Reinharz ist mein Schützling, meine Freundin, ich verspreche mir Grosses von ihr. Sie ist so talentvoll. Und frisch, unberührt, reizend!“

Der Dichter strich sich das Kinn. „Nun, weil Sie mich bitten“, sagte er endlich.

Er begleitete sie bis zur Tür, bis zur Treppe, bis zur Haustür hinunter. Er half ihr in den Wagen. Noch ein Handkuss, eine Verbeugung.

Lächelnd, strahlend vor heimlichem Stolz fuhr Frau Leonore Mannhardt davon.

4.

Elisabeth Reinharz war auf dem Weg zum Verlagsbuchhändler Maier.

Sie hatte sich endlich ein Herz gefasst und ihm vor einigen Tagen mehrere Manuskripte zugeschickt, darunter das von Bolten zurückgewiesene. Nirgendwo hatte sie es untergebracht, obgleich Kistemacher seine Freunde, die Redakteure, persönlich aufgesucht und sie, kraft seiner Behandlung zu Künstlerpreisen, um Annahme ersucht hatte.

„Ich sagte es Ihnen ja gleich, Fräulein Reinharz,“ hatte Kistemacher zuletzt gesagt, „einiges hätten Sie anders machen müssen. Wir wollen es mal durchgehen. Ändern Sie, was ich Ihnen sage. Die Leute müssten Esel sein, wenn sie es dann nicht nähmen.“ Er war etwas beleidigt, als Elisabeth auf die Änderungen nicht eingehen wollte.

„Ich kann nicht“, hatte sie gesagt. „Und wenn ich’s nicht anbringe!“

„Ich bitte Sie, Sie können doch ein bisschen mildern.“

Sie hatte nichts geändert, wenn Herr Kistemacher sie auch „eigensinnig“ nannte. Mit pochendem Herzen hatte sie die Arbeiten eingepackt und in ein paar beigelegten Zeilen sich Herrn Maier wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Er hatte ihr damals nicht geschrieben, trotzdem er sich ihre Adresse vermerkte.

Aber nun schrieb er, überraschend bald, nach ein paar Tagen. Er habe ihre Arbeiten gelesen, er bitte sie, ihn an einem der nächsten Tage vormittags in seinem Bureau zu besuchen.

Atemlos war sie zu Kistemachers gerannt, den Brief wie eine Siegesfahne schwingend.

„Warten Sie lieber noch ein paar Tage,“ riet Herr Kistemacher, „nur nicht so übereifrig! Meine Patienten lasse ich auch erst immer ein bisschen im Vorzimmer sitzen.“

„Das ist doch kein Vergleich“, sagte Elisabeth. Sie war einigermassen verletzt; zum erstenmal fiel es ihr auf, dass Kistemacher eigentlich nicht das grösste Feingefühl besass. Aber sie konnte ihm nicht böse sein, sie war gerührt, denn er entliess sie mit so viel gutgemeinten Ratschlägen und Ermahnungen, wie ein Vater seine Tochter. „Nur nicht übereilen! Die Verleger sehen schon, wo sie bleiben. Wenn er Ihnen ein Honorar bietet, verlangen Sie ruhig die Hälfte mehr. Schade, dass ich nicht mitgehen kann, es wäre besser.“

Luftschlösser mit goldenen Zinnen bauten sich auf vor Elisabeth, als sie zu Herrn Maier ging. Der Weg zur Königgrätzer Strasse wurde ihr nicht lang; ihr Gesicht war heiter, ihr Schritt zuversichtlich.

Ihre derben Lederschuhe traten fest aufs Trottoir, über der frisch gestärkten Leinenbluse blühten die runden Wangen, der Mund lächelte. Die Vorübergehenden sahen sich nach ihr um.

Sie summte sich leise eins; am liebsten hätte sie gepfiffen, lustig, hell und durchdringend, wie die Burschen auf dem Feld, wenn der Schatz naht. Eine Ahnung kommenden Glücks war in ihr; schon fühlte sie seinen Flügelschlag.

Es war nicht das Herrn Kistemacher so beunruhigende Honorar; das lockte sie nicht, o nein, etwas ganz anderes — sie konnte es sich selbst nicht nennen. Etwas ganz Unbeschreibbares, Unaussprechliches schwebte ihr vor im Wachen und im Traum. Es webte tausend Fäden um ihre Seele und verstrickte die ganz darein. Sie konnte nicht anders, sie zitterte nach jenem ungenannten Grossen.

Schaffen, wie es Gott getan am ersten Schöpfungsmorgen mit segenbringender Schöpferhand, schaffen mit nie ermüdender Lust! Leben, Leben, wohin man sieht. Nichts Kaltes, nichts Totes: die Fluren leben, jeder Grashalm hat eine Seele, jeder Stein. Und Stimmen flüstern im Windhauch, jauchzen, grollen im Sturm. Gestalten kommen und gehen, unverhüllt, nackt wie Adam und Eva — man sieht ihnen bis ins tiefste Herz.

„Menschen! Meine Menschen!“ Über des Mädchens lächelndes Gesicht glitt ein liebevoll warmer Ausdruck. Das Blut schoss ihr in die Wangen, sie fühlte einen Strom der Liebe zu ihrem Herzen dringen. Da war keiner zu gering. Sie hatte mit den Tagelöhnerkindern gespielt und Blicke in die Häuslerstuben getan; sie kannte sie alle da draussen, ihre Leiden, ihre Freuden. Und unsichtbare und doch starke Fäden leiteten von da herüber in die grosse Stadt — Menschen sind Menschen. Selig, wer die Kraft hat, sie zu schildern. Selig, wer mit ihnen lacht, selig, wer mit ihnen weint.

Elisabeth presste die Hände ineinander, der starke Atem schwellte ihr die Brust — dreimal selig! Sie schloss die Augen wie sonnengeblendet; sie fühlte die ganze Schöpferwonne.

*

„Guten Morgen, mein Fräulein“, sagte Herr Maier freundlich, als Elisabeth vor ihm stand. „Bitte, nehmen Sie einen Augenblick Platz.“

Er wandte sich wieder ganz dem Herrn zu, der mit untergeschlagenen Armen und in nachlässiger Haltung am Pulk lehnte. Das edle Profil hob sich scharf gegen das lichte Fenster ab; Elisabeth konnte nicht umhin, es bewundernd zu betrachten. Sie war enttäuscht, als er ihr das volle Gesicht zukehrte — ein etwas selbstgefälliger Mund, ein weibisches Kinn.

Er betrachtete sie sekundenlang scharf. Sie errötete tief unter seinem Blick.

„Aber,“ sagte Herr Maier halblaut, „ich wüsste doch wirklich nicht, inwiefern wir Ihnen nicht entgegengekommen wären? Wenn wir allen unseren Autoren“, sein Blick streifte das junge Mädchen, „solche Honorare zahlen müssten, dann ...“ Er sprach nicht weiter.

„Ich bitte Sie, Sie können mich doch auch unmöglich mit Ihren jungen, unbekannten Autoren auf eine Stufe stellen. Ich verlange gar kein Entgegenkommen, nur mehr Rücksicht, Rücksicht! Ich habe Ihnen zuliebe auf das vorherige Erscheinen meines Romans in einer Zeitschrift verzichtet.“

„Aber ich weiss wirklich nicht,“ der Verleger machte ein etwas verdutztes Gesicht, „worauf Sie hinauswollen.“

„Ich?! Sie missverstehen mich, lieber Maier.“ Er wandte sich zum Gehen. „Apropos, lieber Maier,“ er drehte sich noch einmal um, „worüber ich noch mit Ihnen sprechen wollte: Ich wundere mich, Sie haben ja kein einziges Talent meiner Schule im Verlag. Warum nicht? Da ist zum Beispiel die ...“ Er dämpfte die Stimme.

Jetzt sprach Maier auch leise. Es schien eine Debatte, noch dazu eine etwas erregte.

„Nein,“ sagte der Autor plötzlich lauter, „da halte ich es wirklich nicht für ratsam, in Ihrem Verlag zu erscheinen; ich bin da ja völlig isoliert.“

Maiers blasse Gesichtsfarbe spielte schon ins Grünliche. Der andere behielt immer das gleiche, überlegene Lächeln.

Sie sprachen wieder leise.

„Nun dann, meinetwegen,“ sagte plötzlich der Verleger. Es klang gereizt. „Um Ihnen gefällig zu sein.“

„Also schön! Ich halte Sie beim Wort. In etwa vierzehn Tagen können Sie auf mich zählen. Den unterzeichneten Kontrakt schicke ich morgen. Vergessen Sie nicht: zwanzig Abzüge auf Büttenpapier für mich!“ Nach einem zweiten scharfen Blick auf das junge Mädchen verliess er das Bureau.

„Nun,“ sagte Herr Maier, als er zurückkam — er hatte den Besucher bis auf den Flur begleitet —, „da haben Sie gleich unsern berühmtesten Autor gesehen: Wolfgang Eisenlohr.“

„Das — das war er?!“ Ein Zug grossen Erstaunens flog über Elisabeths Gesicht. „Den habe ich mir anders gedacht.“

„So?“ Maier unterdrückte ein Lächeln. „Bitte, behalten Sie Platz, mein Fräulein!“

Sie war unwillkürlich aufgesprungen und hatte sich dem Pult genähert — hier sollte sie ihr Urteil empfangen. Erwartungsvoll, mit glänzenden Augen sah sie den Verleger an.

Er zog einen Schub auf; da lagen ihre Manuskripte. Er nahm sie heraus: „Eins, zwei, drei, vier, fünf. Ich bin nicht abgeneigt, Ihre Novellen zu verlegen.“

Es schwindelte Elisabeth. Stand sie denn fest auf ihren Füssen? So viel Glück! So viel Glück! Sie fasste nach der Tischplatte, um sich daran festzuhalten.

Er sah ihre Erregung und nickte. „Sie haben Glück. Andere müssen Jahre und Jahre warten.“

„Ja, sehr viel Glück!“ Wie verschämt senkte sie den Kopf.

Der Verleger lächelte; er liess seinen Blick wohlgefällig auf ihrer mädchenhaften Gestalt ruhen. „Sie sind noch sehr jung, Fräulein Reinharz?“

„O nein,“ sie wurde rot, „ich bin schon sechsundzwanzig.“

„Ich hätte Sie für jünger gehalten“, sagte er ohne jede Artigkeit. „Viele unserer Autoren haben sich in dem Alter schon fast ausgeschrieben. Heutzutage ist es Mode, in den Windeln anzufangen. Es kann einer gar nicht grün genug sein. Ihr Glück, dass Sie nicht zu früh angefangen haben!“

Elisabeth sah ihn offen an. „Ich hätte wohl schon eher schreiben mögen, ich habe mich nur nicht getraut. Ich hatte zu grossen Respekt.“

Er lachte. „Vor wem?“

„Vor der Kunst.“

„Und den haben Sie jetzt nicht mehr?“

„O ja, erst recht! Jetzt weiss ich erst, was dazu gehört. Ich habe eine grosse Bewunderung für alle, die etwas erreicht haben.“

„Wollen sehen, wie lange diese Bewunderung dauert“, sagte er mit skeptischer Miene. Und dann, den Ausdruck ändernd, fragte er nach ihren ersten literarischen Versuchen, ihrer Heimat und ihrem Leben auf dem Lande.

Sie antwortete freimütig; ihr war, als hielte dieser kleine Mann ihr Wohl und Wehe in den Händen.

„Und was hat Sie nun doch zum Schreiben getrieben?“ fragte er zuletzt.

„Die Natur“, sagte sie einfach. „Ich weiss selbst nicht, wie es gekommen ist; sie ist so schön, ich muss sie beschreiben. Und dann kamen Gestalten, die gingen hin und her und sprachen zu mir, ich las ihre Geschichte von ihren Gesichtern. Und dann hab’ ich’s eben so hingeschrieben. Wenn ich schreibe, ist es mir, als sagte mir einer inwendig immer was vor. Oft will ich gar nicht so schreiben, aber auf einmal steht’s da. Ich muss. Es ist so komisch!“ Sie lachte.

Ihr helles, fröhliches Lachen klang von den Wänden wider. War das ein wundervolles Lachen! Ihr Oberkörper schüttelte sich leicht unter der knittrigen Bluse; ihre Augen kniffen sich halb zu, dass die dunkler: Wimpern auf den rosigen Wangen ruhten, in dem vollen Kinn zeigte sich ein Grübchen. Und der Klang war so sonor, so gesund.

In der schwülen Luft des Bureaus tat das wohl. Vor dem Auge lag mit einem Male blühende Heide; ein Vogel stieg kerzengerade aus dem Kraut, schmetternd, immer höher hinauf in den sonnigen Äther.

Der Verleger sah sie wohlwollend an. „Sie haben Talent, viel Talent und eine glückliche Charakterveranlagung. Heutzutage sind die Talente Treibhauspflanzen, üppig im Blattwerk, aber schwach von Wurzel. Sie sind gesund!“

„Ja, das bin ich!“ Sie lachte wieder und zeigte die weissen Zähne hinter den frischen Lippen. Wie ein Schauer glücklicher Sorglosigkeit rieselte das Lachen nieder; es fiel erquickend auf die Seele wie Regen auf verstaubtes Land.

Ihre Wangen leuchteten in freudigem Rot. „Und glauben Sie wirklich, glauben Sie, dass ich etwas werden kann?“ Sie beugte sich zu ihm und suchte vertrauensvoll seinen Blick. „Etwas Grosses leisten?“ Als hinge ihre Seligkeit von seinem Urteil ab, so sah sie ihn an.

„Sie sind noch jung genug, Sie haben, abgesehen vom Talent, Gesundheit und Energie — warum nicht? Nur eins fehlt Ihnen noch: Sie müssen Leute haben, die Ihr Lob ausposaunen, die das Tamtam schlagen, Leute, die nicht bloss Ihre Bücher leihen, sondern auch kaufen. Mit einem Wort: Sie brauchen eine Clique.“

Sie sah ihn verständnislos an.

Er fuhr ernst fort. „Das grosse Talent hockt zeitlebens unbekannt in Dachstuben, wenn nicht eine Clique sich seiner annimmt. Die ist ein mächtiger Faktor in unserem künstlerischen Leben.“

Sie schüttelte den Kopf und lächelte ungläubig. „Ich weiss nicht recht, was Sie mit ‚Clique’ meinen. Aber das weiss ich: was wahrhaft gross und schön ist, das dringt immer durch. Es wäre ja traurig, wenn das nicht so wäre!“

Er zuckte die Achseln. „Viele Talente verschwinden ungekannt, andere, die gar keine Talente sind, werden auf den Schild gehoben. Auch wir müssen uns der Clique beugen — wir wollen leben.“ Er seufzte leicht.

„Oh,“ sie schüttelte den Kopf, „so ist es ja doch nicht!“ Sie lachte ihm ins Gesicht. „Sie wollen mir bange machen. Bange machen gilt nicht. Ich fürchte mich nicht. Ich brauche keine ‚Clique’, wie Sie sagen. Ich werde schon durchkommen. Wem meine Sachen nicht gefallen, der braucht sie ja nicht zu lesen.“ Frisch und frei sagte sie es, den Mund ein wenig trotzig aufgeworfen, den Kopf stolz gehoben. Ein starkes Leuchten brach aus ihren Augen, zog wie ein Sonnenschein über ihr Gesicht und gab ihm eine reine, fast kindliche Schönheit.

Der Verleger lächelte. „Sie haben Courage! Sie sind wie Jakob Heider, der sagt: ‚Ich pfeife auf das Publikum, auf die Kritik, und ...’ — na, ich will Ihnen das lieber nicht sagen, es ist etwas kräftig. Ein Hauptkerl!“ Maier lachte wohlgefällig. „Steckt voller Begabung, ist aber arm wie eine Kirchenmaus; schenkt sein letztes Hemd weg, wenn ihn einer darum bittet.“

„Der gefällt mir!“ Und dann sagte sie mit einem tiefen, wohligen Aufatmen: „Ich wusste es ja, dass mich heute ein Glück erwartete. Wann werden Sie mein Buch drucken? Bald, ich bitte Sie, bald! Ich kann es gar nicht erwarten. ‚Einfache Geschichten’ möchte ich’s nennen — ja?“

„Ich werde Ihnen schon einen Titel finden. Übrigens“, er legte die Hand schwer auf das Manuskript, „fürs Publikum ist das nichts. Sie sind kein Geschäft. Ich verlege das Buch, weil es mich interessiert — aber was meinen Sie wohl, was ich daran verdiene?“

Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Gar nichts.“

Das Blut schoss ihr zu Kopf; das hatte sie nicht erwartet. „Es gibt doch so viele Menschen, die mir Wohlwollen — ich habe Freunde“, sagte sie stockend.

„Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag“, fuhr er fort, ganz geschäftsmässig, ohne ihren Einwand zu beachten.

Sie hörte ihm mit grossen Augen, aufmerksam horchend, zu.

Er entwickelte ihr die Verlagsbedingungen und sprach vollständig sachlich, ohne jede Spur des vorher gezeigten freundschaftlichen Wohlwollens.

„Also ich kann Ihnen selbstverständlich kein Honorar zahlen,“ schloss er, „aber ich kontrahiere mit Ihnen auf Reingewinn: die Hälfte Ihnen, die Hälfte mir. Sind Sie einverstanden?“

Sie nickte.

„Gewiss, es ist mir recht so. Ich bin so sicher, wir werden eine Masse Bücher verkaufen. Oh, ich bin froh! Wenn das der Onkel noch erlebt hätte oder der Vater und meine Mutter!“

Es stieg feucht in ihren Augen auf, aber der Mund lächelte, ihre Gestalt hob sich wie auf Sprungfedern, elastisch, von freudiger Zuversicht geschwellt.

Diese Augen mit ihrem grossen, heiteren Blick sahen den Stern schon nah, ein herrliches Glanzgebilde, Strahlen werfend rundum. Und der Horizont war rosig in Freudengluten getaucht, ein Rosenmeer, den schönsten Morgen verheissend.

Sie stand nicht mehr in der düsteren Stube mit den hohen Bücherregalen an den Wänden und mit dem kahlen Pult. Sie hörte nicht mehr das Klappern der Schreibmaschine nebenan und das Rücken der Kontorstühle. In ihrem Innern sang eine süsse Stimme Lieder der Verheissung, zauberische Melodien, die sich ins Ohr stehlen und das Herz wiegen, dass sein Schlag leicht wird. Die Seele bekommt Flügel, die tragen in höchste Höhen. — —

Es klopfte. Sie schrak zusammen. Maier hatte „Herein!“ gesagt.

„Ah!“ Der Verleger lachte. „Lupus in fabula, gerade haben wir von Ihnen gesprochen, Heider! Morgen, Erdmann, was führt Sie denn hierher?“

Der blonde Erdmann errötete wie ein Mädchen; in seinem vertragenen Sommerrock stand er linkisch da. Ein dickes Manuskript hielt er unter den Arm gepresst; jetzt liess er’s fallen, mit einem dumpfen Knall prallte es auf die Diele, gerade vor Elisabeths Füsse. Beschriebene Blätter flogen nach allen Seiten.

„Etwas stürmisch, wie immer!“ Maier gab sich einem Heiterkeitsausbruch hin; es schien, als sei mit den zwei jungen Leuten, die eben eingetreten waren, eine burschikose Stimmung über ihn gekommen. Man kannte den zugeknöpften Geschäftsmann kaum wieder.

Elisabeth hatte sich gebückt, sie half die verstreuten Blätter auflesen. Nun standen sie und sahen sich an, das heisst, Erdmann wagte kein Auge aufzuschlagen, er stand wie geknickt.

Ein schalkhaftes Lächeln huschte über Elisabeths Gesicht, das Grübchen in ihrem Kinn zeigte sich.

Maier stellte sie einander vor. „Eine junge Kollegin,“ sagte er, „verlegt ihr erstes Buch bei mir. Kinder, ihr müsst nun ein bisschen nett gegen sie sein, verrupft sie nicht gleich zu sehr.“

„Wenn sie was kann, braucht sie keine Bange zu haben.“ Heider zeigte blitzende weisse Zähne, das einzig Schöne in seinem bräunlichen Gesicht, wenn man nicht den Ausdruck desselben schön nennen wollte, diese offene, jungenhafte Freimütigkeit. Er fasste Elisabeths Hand mit einem kräftigen Druck und schüttelte sie.

„Auf die Kritik pfeife ich; nur auf die, die ich selbst schreibe, nicht. Schreiben Sie was Gutes, Fräulein, sonst, wenn Sie auch noch zehnmal hübscher wären, als Sie sind, verreisse ich Sie fürchterlich!“ Er zeigte die Zähne, als wollte er beissen.

Sie lachte ihm ins Gesicht. „Ich fürchte mich gar nicht. Hunde, die bellen, beissen nicht!“

„Da, Sie haben ihn gleich erkannt!“ Maier schlug dem jungen Mann auf die Schulter. „Sehen Sie, Heider, Fräulein Reinharz hat’s gleich weg, wes Geistes Kind Sie sind!“ Er wandte sich an Elisabeth. „Sollte man’s glauben, dass dieser wilde Mann ein Lyriker ist, so zart und überfein empfindend wie die nervöseste Frau?“

Heider wollte aufbrausen, seine schmalen, dunklen Augen blitzten, die rabenschwarze, aufgesträubte Mähne über der breiten Stirn schien sich noch mehr zu sträuben. „Herr Maier, den wilden Mann will ich mir meinetwegen gefallen lassen, aber Ihre Kritik meiner Lyrik ...“

„Sei still, Kobes!“ Erdmann zupfte ihn heimlich; er sprach fast ängstlich und schien in Sorge, es mit dem Verleger zu verderben. Die Anwesenheit einer Dame war ihm auch peinlich.

Elisabeth konnte sich eines gewissen Mitleids nicht erwehren — war der schüchtern! Und einen Teint hatte er wie Milch und Blut, zu zart für einen Mann. An den Schläfen sah man die blauen Adern, über der Nasenwurzel zog sich ein blauer Strich; der Mund war fein und keusch, als hätte nur die Mutter ihn geküsst. Der Hals war ängstlich dünn, und der ganze Mensch schien schwach, seine langgeschossenen Gliedmassen steckten schlottrig in den Kleidern. Sie sah ihn voller Teilnahme an; da traf sie sein Blick, er hatte die scheu gesenkten Lider aufgeschlagen — waren das Augen! Blaue, feuchte, grosse Augen mit einem heissen Funkeln darin. Sie war überrascht. Auf diese Augen war sie nicht vorbereitet.

Da gefiel ihr der andere besser. Sie wusste selbst nicht warum, gleich fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Er sah so treuherzig aus und tat, als hätte er sie schon früher gekannt. Sie kamen ins Plaudern und standen abseits vom Pult.

Erdmann hatte sein Manuskript vor sich hingelegt und schlang die Finger ineinander, dass die Gelenke knackten. Er hatte etwas auf dem Herzen und wand sich vor dem Verleger.

„Da muss ich mal beispringen“, sagte Heider. „Gucken Sie weg, Fräulein, oder noch lieber, gehen Sie hinaus — da, vor die Tür!“ Er nahm sie ohne weiteres beim Arm und schob sie ins Nebenzimmer. „Nehmen Sie’s nicht übel, aber sonst bringt der Mensch kein Wort ’raus! — Nun red’, Erdmann!“ hörte Elisabeth ihn sagen.

Das Murmeln des andern klang an ihr Ohr; sie stand am Fenster und trommelte auf die Scheiben. Einiges vernahm sie doch: Erdmann bot ein schon einmal zurückgewiesenes Manuskript an; er schien Geld nötig zu haben.

Der Verleger war zäh. „Ihre Sachen gehen nicht, lieber Erdmann, Sie sind zu scharf und ärgern die Leute. Ihr letztes Buch hat mir beinahe die Polizei auf den Hals gehetzt; ich hoffte immer, sie würde es konfiszieren, da wäre noch ein Geschäft zu machen gewesen. Aber so! In den Leihbibliotheken verlangt niemand Ihre Bücher, da habe ich gar keinen Absatz. Und Bücher kaufen, wer tut das?“

„Hol’ sie alle der Teufel,“ sprudelte Heider heraus, „die Bücher und die Käufer! Erdmann kann doch nun mal nicht anders schreiben. Den können Sie umdrehen wie einen Handschuh, rechts und links ist bei ihm egal, er bleibt der Erdmann. Und ist’s nicht gut so?“ Er erhob die Stimme, dass sie wie eine Posaune in die Nebenstube dröhnte. „Jeder soll reden, wie ihm das Maul gewachsen ist. Haben Sie das nicht selbst gesagt?“

„Schon, schon,“ Maier räusperte sich verlegen, „vom literarischen Standpunkt aus, gewiss. Aber für mich ist es eine schwere Sache.“ Er machte eine Pause, als überlegte er. „Ich kann, ich darf nicht zusetzen. Die Herstellung kostet viel, dann liegen mir die Bücher herum,“ er seufzte tief, „glauben Sie nicht, dass ich Sie aufrichtig schätze?“ Seine Stimme bekam einen warmen Klang. „Wenn ich heute ein Millionär wäre, würde ich mich keinen Augenblick besinnen, Ihr Buch zu nehmen, lieber Erdmann!“

Was Erdmann sagte, war nicht zu verstehen. Heider lief in der Stube auf und ab, das Knarren seiner Stiefel übertönte jedes Wort, jetzt blieb er stehen. „Dann pfeife ich auf die Verleger!“

„Kobes, Kobes!“ Erdmann rief’s ängstlich.

„Ach was, lass mich nur meinem Herzen Luft machen! Wenn Sie nicht mal was riskieren wollen, Herr Maier!“

Elisabeth musste vor sich hinlachen; sie hatte kein rechtes Verständnis für das Gespräch nebenan, die Empörung Heiders kam ihr komisch vor. Es interessierte sie gar nicht, zu lauschen. Sie hielt sich die Hände vor die Ohren — was ging sie das Gespräch da drinnen an? Sie lauschte dem Freudenlied, das immerfort in ihr erklang. Draussen lag Sonnenschein auf verstaubtem Asphalt, ein ganzes Meer von Sonnenlicht; sie starrte mit glänzenden Augen hinein und träumte herrliche, nicht zu beschreibende Träume eines grossen, unnennbaren Glückes. Die Hände sanken ihr von den Ohren; sie wusste selbst nicht, dass sie sie inbrünstig ineinanderfaltete.

Nebenan lenkte das Gespräch in ruhigere Bahnen. „Liebe Kinder,“ sagte Herr Maier, „ich tue, was ich kann. Meint ihr, es ist ’ne Wonne, berühmte Namen zu verlegen? Ich will keinen nennen, aber ich sage euch, manchmal bin ich ganz marode. Eine saure Arbeit. Und ihr macht mir noch Vorwürfe? Ich brauche einen grossen Schlager, wenn ich meine jungen Autoren anbringen will. So einer, der zieht, reisst eine Menge anderer mit sich. Ihr müsst Euch an den berühmten Namen kleben wie Austern an den Felsen. Und wenn ihr das nicht wollt, dann ...“

„Dann werden wir eben etwas später berühmt“, sagte Heider.

Und Erdmann setzte hinzu, lauter, als er bisher gesprochen hatte: „Nein, bitte, Herr Maier, ich weiss, Sie meinen es gut mit uns, aber von so einem ins Schlepptau genommen werden, das passt uns nicht.“ Er klemmte sein Manuskript wieder unter den Arm. „Komm, Kobes!“

„Warte!“ Heider lief zum Nebenzimmer. „Empfehle mich, gnädiges Fräulein! Viel Vergnügen auf der halsbrecherischen Leiter!“

„Oh, ich kann gut klettern!“ sagte sie rasch und trat zu ihm. „Ich werde mich auch empfehlen.“ Sie ging auf Herrn Maier zu und sah ihn fragend an.

„Es wäre weiter nichts zu besprechen, ich setze den Kontrakt auf. Sie können ihn demnächst einsehen.“ Er reichte ihr die Hand. „Auf Wiedersehen!“

Sie gingen alle drei miteinander fort. Unten auf der Strasse stiess Heider einen Seufzer aus. „Kein Vorschuss! Mein Fräulein, haben Sie sich schon mal in der unangenehmen Lage befunden, Geld zu brauchen und keins zu haben?“ Sie sah ihn erstaunt an.

Er lachte. „Also nicht, sonst würden Sie keine so grossen Augen machen!“ Zutraulich ging er neben ihr her, mit den Armen schlenkernd wie ein Schuljunge. Er hatte eine Art, die ihr fremd war, eine gewisse Dreistigkeit, die doch nicht verletzte.

Ihr Weg war der gleiche. Elisabeth ging zwischen den beiden jungen Männern. Hier in der freien Luft war Erdmann weniger schüchtern als im Zimmer des Verlegers. Sie sprachen von Maier.

„Ein anständiger Kerl!“ sagte Heider. „Er hat uns schon oft Vorschuss gegeben. Man konnte ihn heute wirklich nicht mehr drängen.“

Erdmann lächelte wehmütig, hielt seine lange Gestalt vornübergebeugt und hüstelte. „Ich bin dir jetzt schon dreihundert Mark schuldig, Kobes!“

„So? Davon weiss ich gar nichts.“ Heider tat sehr erstaunt. „Und wenn du sie mir schuldig wärest, was wäre da? Du bist mir sicher, Erdmännchen.“ Er wandte sich erklärend zu Elisabeth: „Wir hausen zusammen. Wir haben einen Tisch mit einer Schieblade, in die tut Geld, wer gerade welches hat. Das ist unsere Schatzkammer, wir greifen nur so hinein; wenn’s alle ist, ist’s eben alle!“

Erdmann war bedrückt, er schüttelte den Kopf. „Wenn du nicht Übersetzungen machtest und Kritiken schriebest und auf der Redaktion arbeitetest, dann ...“

„Dann wäre ich faul!“ schnitt ihm der andere rasch die Rede ab. „Lass gut sein, altes Haus, du wirst noch mal so berühmt, dass dir die Verleger nachlaufen.“

„Ich erlebe es nicht!“ murmelte Erdmann. Es fiel Elisabeth auf, wie verfallen er plötzlich aussah. „Ich bin nicht ganz wohl,“ er deutete ihren mitleidigen Blick recht, „ich habe ein paar Tage gelegen, habe mich heute nur aufgerafft.“ Er seufzte. „Wenn Maier das Ding genommen hätte, wäre ich gesund geworden.“

„Er ist ein Genie!“ flüsterte Heider dem Mädchen zu. „Die Zeit ist nur noch nicht reif für ihn!“ Sein bewundernder und zugleich besorgter Blick streifte den Freund. „Du darfst dich nicht so abarbeiten, du bist das der Welt schuldig.“

Erdmann hörte ihn nicht; er ging, den Kopf tief geneigt. Sein Manuskript presste er unter den Arm. Von rückwärts gesehen, konnte man ihn für einen alten, verbrauchten Menschen halten. Er schlich langsam.

Heider und das junge Mädchen waren ihm bald voraus; sie unterhielten sich sehr gut. Heider war wie sie in der Freiheit aufgewachsen; die Augen leuchteten ihm, als er von seiner Heimat sprach, dem Rhein. Er sprach mit Begeisterung von den grünen, breit flutenden Wellen, den Rebgeländen, die die Sonne küsst, von den rheinischen Mädchen mit den schnellen Zungen und der rheinischen Fröhlichkeit. Er wurde ein anderer. Sein burschikoser Ton verschwand, eine kindliche Weichheit kam in sein Gesicht, die kantigen Züge rundeten sich, ein liebenswürdiges Lächeln spielte um seinen Mund; er drückte sich schön aus, voll von einer zarten, edlen Empfindung.

Die Wagen rasselten vorüber — hier war die Lützowstrasse mir ihren sich kreuzenden Strassenbahngeleisen und ihrem Durcheinander von Fussgängern.

Sie standen vor einem Schaufenster still und bemerkten nicht, dass Erdmann an ihnen vorüberschob, und er wiederum sah sie nicht.

Elisabeth hatte ganz vergessen, dass sie nach Hause musste; Mile wartete mit dem Essen. Sie lehnte neben Heider an dem Messingstab, der das Schaufenster gegen die Strasse zu schützte. Anscheinend betrachteten sie die Bücher der Auslage, die Photographien von Bergen und Seen und die beliebten Ansichtspostkarten, aber in Gedanken beschäftigten sie sich miteinander.

Vor einer Stunde waren sie sich noch fremd, und merkwürdig, jetzt gingen ihre Seelen nebeneinander her und freuten sich der Gemeinschaft.

Wie Heimatluft wehte es von einem zum andern. Elisabeth gab sich ganz einem impulsiven Empfinden hin; sie war erfreut, wie ein Echo kamen ihr die eigenen Gedanken und Ansichten zurück. Das Wort glitt ihr so leicht von der Lippe; bei aller Freundlichkeit, mit der man sie bei Mannhardts und bei Kistemachers überschüttete, war doch immer eine Schranke, kaum gesehen, kaum gefühlt, und doch war sie da. Hier war keine.

Sie reichten einander die Hände mit einem herzlichen Druck.

„Glück auf, Fräulein Reinharz!“ sagte Heider frisch. „Ich weiss, Sie schreiben gut, ich lese es auf Ihrem Gesicht. Sie haben einen Mund, ein Kinn, so energisch, wie ich’s noch bei keinem Frauenzimmer gesehen habe. Und in Ihren Augen ist Lyrik, viel warme Empfindung — Mund und Augen, eine glückliche Vereinigung!“ Er zog den Hut von der schwarzen Mähne und schwenkte ihn mit einer komischen Galanterie: „Alle Achtung! Ich bin noch keinem Mädchen begegnet, das mir so gut gefallen hätte. Und ich bin Kenner.“

„Danke!“ sagte sie heiter und hob das frische Gesicht zu ihm auf und lachte ihn aus freundlich strahlenden Augen an. „Sie gefallen mir auch sehr gut.“

Er küsste nicht ihre Hand, aber er hielt sie eine ganze Weile in der seinen. Seine Augen ruhten mit einem warmen Blick auf dem Mädchen; die Vorübergehenden mochten sie wohl für ein Liebespaar halten.

„Wir wollen uns wiedersehen. Ist es Ihnen recht, Fräulein Reinharz, wenn ich Sie besuche?“ sagte er. „Sie müssen in unsern Kreis kommen; tüchtige Kerle dabei — und unsre Mutter Maria, na, warten Sie nur! Es geht freilich etwas einfacher zu als bei Ihren Mannhardts und bei den drei Literaturparzen — wenn die sich doch nur einmal gegenseitig den Faden abschnitten!“

Elisabeth sah ihn erschrocken an.

„Nein, nein!“ Er lachte. „Haben Sie nur keine Angst, ich bin durchaus nicht gegen schriftstellernde Frauen. Im Gegenteil, wenn ein Weib ehrlich sein Herz gibt, den Mut seiner Meinung hat und doch nicht vergisst, dass es einen Unterrock anhat, dann — Hut ab! Aber die Weiber, die sich mit angelogenen Empfindungen aufplustern und die Welt mit einem Siruppinsel anmalen — sind lächerlich. Die sich und ihre Mitschwestern ausziehen bis aufs Intimste und rufen: ‚Seht, so sind wir!’ — die sind ekelhaft. Die ihre Weiblichkeit in Hosen verstecken: ‚Lasst uns den Männern gleich sein!’ — die verdienen Prügel. Ehrlich, ehrlich, Fräulein Reinharz!“

Er hatte sich heiss und rot geredet.

„Seien Sie immer ehrlich, und auf das, was die Leute sagen, das Publikum, die Kritik, na, da ...“ Er stiess einen langgezogenen Pfiff aus. „Ich hoffe doch, Sie können pfeifen, Fräulein Reinharz?“

Er sah sie unter zusammengezogenen Augenbrauen, plötzlich ernst geworden, an.

„Oh, famos!“ Sie spitzte die Lippen. „Ich kann pfeifen wie ein Schäferknecht!“

Und nun lachte Elisabeth wieder, voll von einer glückseligen, kindlich frohen, übermütigen Stimmung. Woran konnte es ihr fehlen? So viel Glück auf einen Tag! Einen Gott in der Brust, einen Verleger zur Hand, einen Freund zur Seite, und in der Ferne — da, ach da! Ein wonniger, zitternder Atemzug hob ihr die Brust.

Als sie in ihr Haus trat, lag die Strasse getaucht in Mittagsglut, ein goldener Traum. Drüben am Fenster sang laut ein Vogel, schmetternd und jauchzend; es klang wie eine Siegesfanfare. Und Rosen blühten im Vorgärtchen, volle, rote, stark duftende Rosen.

Бесплатный фрагмент закончился.

447,40 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
310 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711466926
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги