Читать книгу: «Northern Lights - Die Wölfe vom Mystery Creek (Northern Lights, Bd. 3)»

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Über das Buch

Bei einem Waldbrand kann die junge Wolfsexpertin Carla zwei kleine Wolfswelpen retten. Auch der professionelle Wolfsjäger Jason wird zur Unglücksstelle gerufen. Jason, zu dem Carla sich trotz ihrer gegensätzlichen Überzeugungen hingezogen fühlt. Auch diesmal geraten die beiden aneinander. Zurück in ihrem Wolf Center beschließt Carla, die beiden jungen Wölfe aufzuziehen. Dann erfährt sie, dass der Waldbrand Vorsatz war. Als kurz darauf eins der Wolfsjungen entführt wird, folgt Carla seiner Spur in die Wildnis …

Der fesselnde dritte Band der Liebesgeschichte von Carla und Jason!


Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

1

Von einer Sekunde auf die andere wurde es schwarz. Zu spät hatte der Pilot der Cessna die riesige Rauchwolke erkannt. Die kleine Maschine bockte widerspenstig und schien sich selbstständig machen zu wollen, taumelte orientierungslos durch die Luft, bis der Pilot die Kontrolle zurückgewann. Er ging in eine steile Linkskurve und lenkte die Maschine nach unten, atmete erleichtert auf, als sie die Rauchwolke hinter sich ließen und wieder freie Sicht hatten.

»Sorry«, entschuldigte er sich, ohne eine Miene zu verziehen, »die hatte ich nicht auf dem Schirm. Muss sich selbstständig gemacht haben. Bei einem so großen Feuer weiß man nie, vor allem, wenn der Wind verrücktspielt.«

Carla war blass geworden. Sie bekam keine Flugangst und hatte sich in kleinen Maschinen wie der Cessna immer sicher gefühlt, auch bei schlechtem Wetter. Wer in Alaska aufgewachsen war, einem Land, in dem es mehr Flugzeuge als Autos gab, stieg in eine Cessna wie andere Leute in den Stadtbus.

Sie wollte etwas antworten wie »Kein Problem« oder »Schon gut, wir leben ja noch«, doch bei dem Anblick, der sich ihnen jenseits des Kenai Lake bot, verschlug es ihr den Atem. Sie stöhnte auf. Das Land brannte. Orangerote Flammen hatten sich in die Wälder gefressen, loderten unter einer gigantischen Rauchwolke, die sie auf fatale Weise an einen Atompilz erinnerte. Ein verwüstetes Land wie ein Kriegsgebiet.

Der Wind war noch immer heftig, und der Pilot hatte alle Hände damit zu tun, die Cessna sicher auf dem See zu landen. Scheinbar widerwillig holperten die Schwimmer über den unruhigen See. Erst fünfzig Meter vor dem Ufer kam die Maschine zur Ruhe und kämpfte sich mit gedrosseltem Motor zur Anlegestelle. Der Pilot sprang auf den Steg und half ihr von Bord. Auch ihn hatte der Anblick der brennenden Wälder getroffen. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist. Ich mache wohl besser, dass ich wegkomme.« Er stieg wieder in die Maschine. »Passen Sie gut auf sich auf und riskieren Sie nicht Ihr Leben für ein paar Wölfe. Rufen Sie mich an, wenn Sie zurückwollen.«

»Mach ich. Guten Flug!«

Carla griff nach ihrem Rucksack und stieg zum Ufer empor. Pearl Lorraine, die Besitzerin des Kenai Inn, hatte die Cessna landen gesehen und wartete vor ihrem Hotel, einem zweistöckigen Blockhaus mit zehn Zimmern. Im Sommer vermietete sie es hauptsächlich an Angler. Sie war um die Fünfzig, hatte ihre Haare nicht gefärbt und auch kein Make-up aufgetragen. Sie schien sich ganz auf ihr freundliches Lächeln zu verlassen. »Carla Gorman? Ich darf doch Carla sagen? Ich bin Pearl Lorraine. Mir gehört der Laden hier, seitdem mein treuer Gatte, Gott hab ihn selig, sich endgültig aus dem Staub gemacht hat.«

»Freut mich, Pearl. Das Feuer sieht schlimm aus.«

»Als ob wir nicht schon genug gelitten hätten. Das Feuer vor zwei Jahren war zwar nicht ganz so schlimm, hat mich aber eine ganze Saison gekostet. Und dieses Jahr hab ich auch nur Stornierungen. Sie sind mein erster Gast.« Sie gingen ins Haus und erledigten die Formalitäten. »Zeit für einen Kaffee?«

»Gern. Ich muss sowieso auf meinen Kontaktmann warten.«

»Chief Baxter?«

»Al Baxter von der Division of Forestry. Er koordiniert den Einsatz der Firefighter auf der Kenai-Halbinsel.« Carla zog ihr Handy aus der Anoraktasche und wählte seine Nummer. Es dauerte eine Weile, bis er antwortete. »Ja?«

»Carla Gorman von Wolf Aid. Ich bin im Kenai Inn.«

»Okay. Ich lasse Sie von einem meiner Firefighter abholen.« Im Hintergrund erklangen laute Rufe, und man hörte den lauten Motor eines Bulldozers. »Kann eine Weile dauern, Miss, hier geht’s gerade drunter und drüber.«

»Ich warte hier.«

Sie zog ihren Anorak aus und setzte sich. Obwohl sie erst gestern von einer Tagung an der University of Alaska in Anchorage zurückgekommen war und kaum geschlafen hatte, sah sie einigermaßen manierlich aus. Zumindest so attraktiv, dass der Pilot sie anerkennend gemustert hatte. Das lag vor allem an ihren wachsamen blauen Augen, hatte sie sich sagen lassen, und ihrer sportlichen Erscheinung. Ihre dunkelblonden Haare, die sie wie meist während der Arbeit zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, wirkten eher bieder.

»So, da wäre ich wieder«, sagte Pearl, als sie mit dem Kaffee erschien. Sie setzte sich in den Sessel gegenüber. »Mein Sohn arbeitet für den Chief. So nennen wir Al Baxter hier. ›Wildland Fire and Resource Technician‹ klingt zu kompliziert, finden Sie nicht auch? Lucky, so heißt mein Sohn, ist erst seit einem halben Jahr dabei, dies ist sein erster großer Einsatz.« Sie nippte an dem heißen Kaffee, sichtlich stolz auf ihren Sohn. Wo ihr Mann abgeblieben war, verriet sie nicht. »Sie arbeiten für Wolf Aid? Sie retten wilde Tiere?«

Carla trank ebenfalls. Sie mochte lieber Cappuccino, und der Kaffee war ihr viel zu stark, aber sie ließ sich nichts anmerken. »Ich bin Biologin. Für Wolf Aid betreiben wir ein Wolf Center, in dem wir verletzte Wölfe gesund pflegen und die Öffentlichkeit über Wölfe aufklären. Solange viele Menschen noch glauben, Wölfe wären so gefährlich wie der große böse Wolf in ›Rotkäppchen‹ oder den Mickey-Mouse-Geschichten, gibt es da noch einiges zu tun. Und wir werden natürlich gerufen, wenn es Probleme mit Wölfen gibt, oder wenn Tiere wie bei einem Waldbrand oder anderen Katastrophen in Gefahr geraten oder verletzt werden. Nicht nur Menschen sind dann bedroht.«

Die Fröhlichkeit war ein wenig aus Pearls Augen verschwunden. »Na, dann seien Sie froh, dass mein Mann mit einer Jüngeren durchgebrannt ist. Gus hasste Wölfe wie die Pest. ›Die Bestien sollte man ausrotten‹, sagte er immer, die wären schlimmer als Ratten und würden kleine Kinder fressen.«

»Und Sie? Denken Sie auch so?«

»Begegnen möchte ich keinem, aber ich hab nichts gegen Wölfe. Ich finde manche Hunde viel schlimmer. Wenn ich vor einem Supermarkt aus dem Wagen steige, faucht mich garantiert einer an. Aber mein Ex musste auch alle paar Tage in den Wald, er war Holzfäller, und mochte weder Wölfe noch Bären. Oder alle anderen Viecher, die einem dort gefährlich werden können.«

Von draußen klang Motorengeräusch herein. Ein Firefighter in voller Montur erschien und stellte sich als Philip McDonald vor. Er war überhaupt nicht ihr Typ, hatte rötliche Haare und Sommersprossen um die Nase, war aber durchtrainiert und sportlich und begrüßte sie mit einem sympathischen Lächeln. »Sagen Sie Phil zu mir. Bei McDonald’s bestellt man Hamburger.«

»Carla«, erwiderte sie.

Er musterte sie. »Sie haben feuerfeste Stiefel und Hosen an, wie ich sehe. Schutzjacke, Helm und Handschuhe hab ich im Wagen.« Er deutete auf ihren Rucksack. »Wasserflasche? Proviant? Verbandszeug? Man hat mir gesagt, Sie wüssten, wie man sich in der Wildnis verhält. Der Chief lässt Sie nicht zu dicht ans Feuer ran, zu gefährlich, aber bei einem Waldbrand weiß man nie.«

»Wie geht es meinem Sohn?«, fragte Pearl. »Lucky ist doch okay?«

»Lucky? Den wirft so schnell nichts um. Er ist am Jean Lake oben und hilft den Hot Shots aus Palmer, eine Brandschneise gegen die Flammen zu graben. Es geht ihm gut, Ma’am. Hot-Shot-Teams bestehen aus erfahrenen Spezialisten, die lassen nichts anbrennen. Im wahrsten Sinne des Wortes.«

Carla hatte ihren Rucksack umgeschnallt. »Könnte spät werden«, sagte sie zu Pearl, bevor sie dem Firefighter zu seinem Geländewagen folgte. Sie zog die gelbe Schutzjacke an und nahm den Helm mit auf den Beifahrersitz. Ein leichter Schutzhelm mit einem herunterklappbaren Visier gegen Funkenflug.

Die ersten Meilen kamen sie gut voran. Wegen des Feuers war kaum Verkehr, und nur die dichten Rauchwolken, die aus nordwestlicher Richtung über das Land zogen, machten ihnen zu schaffen. Zusammen mit dem Widerschein der Flammen, die bisher noch in respektvoller Entfernung vom Highway brannten, verband der Qualm sich zu einem orangefarbenen Nebel, der ohne seine verheerenden Auswirkungen sicher als Naturereignis gefeiert worden wäre.

»Seit einigen Tagen geht das schon so«, sagte Phil, »schlimmer war es nur vor zwei Jahren nördlich von Valdez.« Dichte Rauchschwaden, vom Wind über die Straße getrieben, zwangen ihn, langsam zu fahren. »Ihr erstes Feuer?«

Sie blickte nervös in den Rauch. »Einige kleine Brände, nicht zu vergleichen mit der Katastrophe hier. Bekommen Sie das Feuer unter Kontrolle?«

»Wir haben alle Firefighter im Einsatz, die greifbar waren. Sogar ein Hot-Shot-Team aus Montana. Diese Hot-Shot-Männer sind noch besser ausgebildet als wir, so was wie die Marines der Feuerbekämpfung. Und einige der Piloten, die mit Löschflugzeugen und Hubschraubern unterwegs sind, haben schon riesige Ölbrände in Texas und Mexiko gelöscht. Das Feuer hat keine Chance, aber es wird wohl einige Zeit dauern, bis wir es gelöscht haben.«

»Ich hab gehört, ein Blitz soll es ausgelöst haben.«

»Vor einer Woche gab’s ein Gewitter in unserer Gegend, da hat es ordentlich gekracht und geblitzt. So entstehen die meisten Waldbrände. Aber es kann auch was anderes gewesen sein. Eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe, das Lagerfeuer eines Campers, wahrscheinlich erfahren wir das nie.«

»Brandstiftung?«

»So verrückt war hoffentlich keiner.«

Sie hatten die Rauchschwaden durchquert und sahen sich einer Absperrung gegenüber. Ein Schild wies die Autofahrer an, auf das Pilot Car zu warten, das sie über die jetzt einspurige Strecke bis kurz vor Sterling führen würde.

»Wenn wir das Feuer nicht bald unter Kontrolle bekommen, müssen wir den Highway ganz schließen«, sagte Phil. »Unsere Leute sind dabei, eine breite Brandschneise nördlich des Sterling Highway zu graben, nur so können wir die Flammen davon abhalten, die Straße zu überqueren. Ich bin bei dem Team, das die Schneise von Gestrüpp befreit und kleinere Brände löscht.«

Carla wusste, dass ein Teil der Firefighter mit Wasserrucksäcken und einer Pumpe unterwegs war, um abseits der Stützpunkte gegen das Feuer vorgehen zu können. »Und es sind noch keine Menschen zu Schaden gekommen?«

»Zum Glück nicht. Nur ein paar Verletzte mit Rauchvergiftungen.«

»Und Tiere?«

»Tausende«, gestand er, »und wenn Sie Insekten, Käfer und Würmer mitzählen, wahrscheinlich Hunderttausende. Selbst Bären, Wölfe und Elche schaffen es oft nicht, vor einem Feuer zu fliehen. Die Schnelligkeit, mit der sich Flammen ausbreiten, wird meist unterschätzt, auch von Menschen.«

Das Pilot Car war erschienen und wendete vor ihnen. Der Fahrer winkte ihnen zu und fuhr mit flackernden Warnleuchten voraus. Der Wind stand hier günstiger, und es gab nur wenig Rauch, doch als Carla aus dem Seitenfenster blickte, konnte sie die Flammen in einiger Entfernung sehen, flackernde Feuerzungen, die trockenes Gras und Gestrüpp verbrannten und sich gierig an den Schwarzfichten emporfraßen. Ein faszinierender, aber beklemmender Anblick, der ihr Angst einjagte, obwohl das Feuer noch meilenweit entfernt war.

Carla war nach ihrer Rückkehr aus Anchorage von Chief Baxter angerufen worden. »Wir haben hier etliche Leute vom BLM und Fish & Wildlife im Einsatz«, hatte er gesagt, »aber Sie wissen ja, wie diese Beamten sind. Unflexibel wie sonst was. Ich weiß, dass sich am Mystery Creek etliche Wölfe rumtreiben und hätte gern eine Expertin hier. Keine Ahnung, was wir bezahlen können, aber für ein paar Scheine wird es schon reichen. Ich hab was für Wölfe übrig, wissen Sie? Für Tiere überhaupt. Was wären wir in Alaska ohne Tiere? Die Leute kommen vor allem wegen unserer Natur. Wie sieht’s aus?«

So hörte Carla nur selten einen Mann reden. Die meisten waren nicht gut auf Wölfe zu sprechen, verteufelten sie und behaupteten, es gäbe sowieso zu viele in Alaska, und dass diese Bestien Kinder und hilflose Alte in Gefahr brächten. Reine Stimmungsmache, wie sie wusste. Wölfe wurden Menschen selten gefährlich, und Schafe und Kälber rissen sie nur, wenn es extrem kalt wurde und sich keine Beutetiere mehr in den Wäldern aufhielten. Sie gingen den Menschen möglichst aus dem Weg. Selbst Einheimische bekamen sie selten zu Gesicht.

Seine Einstellung, für einen Firefighter ausgesprochen bemerkenswert, und seine lockere Sprache nahmen sie sofort für Baxter ein. Normalerweise lag sie mit Regierungsbeamten und anderen Offiziellen im Clinch. Wölfe hatten ein schlechtes Image, auch bei den Behörden. Es gab über zehntausend Wölfe in Alaska. Was machte es schon, wenn ein paar Dutzend verbrannten? Viele Männer waren passionierte Jäger, die Wölfe als Feinde betrachteten.

»Und wie könnte ich helfen?«

»Wir haben genug mit dem Feuer zu tun und damit, gefährdete Menschen aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Für Tiere bleibt da wenig Zeit. Die meisten Vierbeiner, die wir finden, sind bereits tot. Am Mystery Creek soll es ein Wolfsrudel geben, vielleicht sogar zwei, und da wir gerade Frühjahr haben, könnten sich einige Welpen in ihren Bauten aufhalten. Wie gesagt, uns fehlen die Leute und das Know-how. Sie wissen, wo Sie suchen müssen, und können vielleicht einige retten, solange das Feuer ihnen nicht zu nahe kommt.«

Carla war überrascht. »Sie rufen mich wegen ein paar Welpen an?«

»Aber ich dachte …«

»Ich bin nur überrascht, Mister Baxter.«

»Chief. Selbst meine Frau nennt mich so.«

»Angenehm überrascht. Und ich bezweifle, dass Sie auch nur einen Dollar für mich lockermachen können. Wie wär’s stattdessen mit Apple Pie und leckerem Cappuccino? Mit viel Schlagsahne und Schokostreuseln obendrauf.«

Er lachte. »Das lässt sich machen, Miss.«

»Carla.«

»Carla. Ich lasse Sie im Kenai Inn in Cooper Landing abholen. Okay?«

Auf dem Weg zum Stützpunkt bog Phil auf die Mystery Creek Road nach Norden ab. Die schmale Straße, eigentlich eher ein Feldweg, führte am Bach entlang und war so holprig, dass er ständig gegensteuern musste. Über den Schwarzfichten hingen schmutzige Rauchwolken, die zunehmend dichter wurden. Durch den Rauch waren bereits die Flammen zu sehen, die in den Wäldern weiter nördlich ein Inferno entfacht hatten. Vom Himmel war kaum etwas zu sehen, der Rauch und der Feuerschein versperrten ihnen die Sicht. Eine bedrohliche Umgebung, als wären sie auf einem fremden Planeten.

Das Camp der Firefighter sahen sie erst, als sie schon dicht davor waren. Eine Ansammlung von kuppelförmigen Zelten, die gelb in den Rauchschwaden zwischen den Bäumen leuchteten. Auf dem Boden dazwischen lagen Backpacks und Ausrüstung. Vom anderen Ufer des Mystery Creek drangen die Motorengeräusche zweier Bulldozer herüber, mit denen die Männer eine breite Schneise durch das Unterholz trieben. Als Carla ausstieg, erkannte sie andere Firefighter, die herumliegendes Gestrüpp einsammelten und kritische Stellen mit Wasser aus ihren Löschrucksäcken besprühten. Das Kreischen von Kettensägen begleitete die Männer, die im Weg stehende Bäume fällten.

Phil führte sie zu einem schnauzbärtigen Mann mit gutmütigen Augen. Mit einem Filzstift markierte er irgendwelche Stellen auf einer gefalteten Landkarte, griff nach seinem Funkgerät und wies einige Männer seines Teams an, sich etwas zurückzuziehen. »Denkt an den Wind, der spielt hier ständig verrückt! Den Helden könnt ihr zu Hause spielen, also seht euch gefälligst vor!«

»Chief, das ist Carla, die Wolfsexpertin«, stellte Phil sie vor.

»Höchste Zeit, dass Sie kommen«, erwiderte der Chief. Er sah wie ein Westernheld im Fernsehen aus, um die Fünfzig, aber sportlich und mit der angeborenen Autorität eines Leaders. Auf so einen Mann hörten selbst hartgesottene Burschen. »Ich dachte, Sie wären etwas älter.«

Den Satz hörte Carla oft. »Alt genug für den Job, Chief. Und nicht so jung, wie Sie denken. »Meine Eltern haben mir gute Gene vererbt, das ist alles.«

»Ich spüre langsam, dass ich älter werde«, erwiderte der Chief, »aber so ein Waldbrand ist ein gutes Training.« Er grinste. »Hier geht es schlimmer als in einem Bootcamp zu. Wir arbeiten hier rund um die Uhr. Tag und Nacht.«

»Ich hoffe, ich enttäusche Sie nicht. Wie kann ich helfen?«

Seine Miene verdüsterte sich. »Ich habe leider schlechte Nachrichten. Vor einer Stunde haben wir zwei Kadaver von Wölfen entdeckt. Die Tiere waren nicht markiert. Keine Ahnung, ob sie zum Mystery-Creek-Rudel gehören.«

»Einer mit einer rötlichen Narbe an der Stirn?«

»Keine Ahnung. Sie haben schwer was abbekommen, und man kann kaum noch was erkennen.« Er deutete über die Zelte hinweg. »Sie liegen dort drüben. Phil kann sie Ihnen zeigen. Vielleicht erkennen Sie ja mehr als wir.«

Carla war auf einiges gefasst, erschrak aber dennoch, als sie die verkohlten Wölfe im Gras liegen sah. Sie waren kaum noch als Tiere zu erkennen, und ihre Zähne wirkten inmitten der schwarzen Asche besonders Furcht einflößend. Die Kadaver qualmten noch. Der beißende Gestank war kaum zu ertragen. Während ihrer Arbeit war sie dem Tod schon einige Male begegnet, und sie war immer sehr gefasst gewesen, aber dieser Anblick war beinahe zu viel.

Sie nahm ein Paar Latexhandschuhe aus ihrem Rucksack und beugte sich über die toten Wölfe. Erwachsene Tiere, vielleicht drei oder vier Jahre alt. Ihr Fell war fast vollständig verbrannt. Sie tastete ihre Stirnpartien ab, so behutsam, dass sie Abweichungen von der Norm erkennen würde, brauchte aber mehrere Minuten, bis sie eine Einkerbung im Schädel eines der Wölfe fand.

»Das müsste Luna sein«, sagte sie.

»Luna?« Phil blickte sie fragend an.

»Die Alpha-Wölfin des Mystery-Creek-Rudels«, erklärte sie. »Ich nehme an, sie wurde vom Huftritt eines aufgebrachten Elchs getroffen. Andere Wölfe wären sofort tot gewesen, aber sie war hart im Nehmen. Den anderen Wolf kann ich nicht identifizieren. Männlich, vermute ich. Der Alpha-Wolf?«

Sie kehrte zum Chief zurück und erstattete ihm Bericht. »Sie wissen, was das bedeutet«, schloss sie. »Wenn es Welpen gibt, was ich doch stark annehme, sind sie jetzt ohne Mutter und sitzen vielleicht hilflos in ihrem Bau.«

»Da können wir wahrscheinlich nicht mehr viel ausrichten.«

»Ich könnte es doch versuchen?«

Statt einer Antwort krachte ein Schuss in unmittelbarer Nähe. Selbst der Chief zuckte zusammen und sagte: »Ich glaube, jetzt haben wir noch einen toten Wolf. Das war Jason. Der Wolfsjäger, den die Farmer geschickt haben.«

2

Carla glaubte, sich verhört zu haben. Sie blickte ungläubig in die Richtung, aus der das Echo des Schusses kam, und fragte: »Jason? Jason Harper?«

»Sie kennen den Burschen?«

»Wir sind uns mehrmals begegnet«, erwiderte sie.

»Eine Tierschützerin und ein Wolfsjäger … ein interessantes Treffen. Sie hatten sich bestimmt einiges zu sagen.« Das Motorengeräusch eines Four-Wheelers drang durch die Bäume. »Das wird er sein. Er legt den Kadaver sicher bei den verbrannten Wölfen ab.« Er überlegte kurz. »Sie sehen so aus, als wollten Sie ihm unbedingt die Meinung sagen. Tun Sie’s, aber brechen Sie keinen Streit vom Zaun. Wir kommen nur gegen so ein Feuer an, wenn wir alle zusammenhalten. Persönlicher Zoff hat bei uns nichts zu suchen.«

»Aye, Chief.«

Carla erkannte den Wolfsjäger, noch bevor sie auf die Lichtung mit den toten Wölfen trat. Er hatte sich nicht verändert, war noch immer der drahtige Mann mit dem kantigen Gesicht, den dunklen Augen und den breiten Schultern. Er stammte aus Montana, ein echter Cowboy, der auf der Ranch seiner Eltern in Montana aufgewachsen war, Rinder gehütet und bei zahlreichen Rodeos gewonnen hatte. Deshalb auch die leicht gekrümmten Beine. »Die haben alle Cowboys«, hatte er mal gesagt, »kommt vom Reiten.«

Jason war gerade dabei, den erlegten Wolf neben die verkohlten Kadaver zu legen, als er Carla bemerkte. »Carla! Das hätte ich mir ja denken können.«

»Tolle Begrüßung.«

»Ich musste den Wolf erschießen«, kam er ihr zuvor. Er rieb sich die Hände an seiner Schutzhose trocken und trat einen Schritt auf sie zu. Mit dem Schutzhelm sah er nicht gerade wie ein Cowboy aus, aber auch sie nicht wie eine Wolfsexpertin. »Sieh ihn dir an, seine Hinterläufe waren fast verbrannt. Er hätte nie wieder laufen können. Ich hab ihm den Gnadentod geschenkt.«

»Wie großzügig. Erst schießen, dann fragen. Wie im Wilden Westen.«

»Dass der Wolf am Ende war, hätte ein Blinder gesehen. Er schleppte sich mit den Vorderläufen durch den Rauch und muss unsagbare Schmerzen gehabt haben. Ich hab ihm einen Gefallen getan, Carla, das sieht man doch.«

»Und wieso haben dich ausgerechnet die Farmer verpflichtet? Hoffen sie, dass du bei der Gelegenheit gleich noch ein paar gesunde Wölfe erledigst?«

Jason nahm den Helm ab und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. Sein Gesicht war gerötet, und er schwitzte stark. Er musste nahe am Feuer gewesen sein. »Selbst wenn es so wäre … du müsstest doch inzwischen wissen, dass ich die Wölfe nicht aus Mordlust erledige. Ich bin kein Killer, auch wenn du das immer noch glaubst.« Er setzte sich den Helm wieder auf.

»Du benimmst dich aber wie einer!« Sie blickte auf den erlegten Wolf, den die Kugel genau ins Herz getroffen haben musste. »Sieh ihn dir doch an!«

»Ich bin kein Kopfgeldjäger.«

»Ich werde trotzdem nie verstehen, warum du ausgerechnet Wölfe umbringen musst. Macht es dir so viel Spaß, die Tiere abzuknallen? In Alaska gibt’s doch auch Ranches. Du könntest als Cowboy arbeiten, wie in Montana.«

»Die drei Monate im Sommer? Und was mache ich im Winter?«

Sie führten immer die gleiche Auseinandersetzung und kamen niemals zu einer Einigung. Er behauptete, dass das Töten von Wölfen ein Job wie jeder andere war und auch nicht unmenschlich sei, weil er Wölfe niemals aus Spaß töte, und sie wehrte sich gegen das unnütze Töten von Tieren, die Ranchern und Farmern nicht gefährlich wurden.

Wenn er nur nicht so verteufelt gut aussähe, dachte sie und begann zu husten, als mit dem plötzlich drehenden Wind dunkle Rauchschwaden heranzogen und ihr für einen Augenblick den Atem nahmen. Auch Jason hustete, zog ein Taschentuch hervor und reichte es ihr. Es nützte wenig gegen den Rauch.

»Verdammt ungemütlich hier«, sagte sie nach einer Weile.

»Und heiß«, fügte er hinzu.

Sie gab ihm das Taschentuch zurück. Es tat ihr beinahe leid, dass sie ihn wieder so scharf angegangen hatte. »Bleibst du noch lange in der Gegend?«

»Bis das Feuer unter Kontrolle ist.«

»Ich werde wohl auch eine Weile bleiben.«

Sie wollte noch etwas sagen, irgendetwas Nettes, dass ihm zeigte, wie sehr sie ihn eigentlich mochte, als Phil zwischen den Bäumen hervortrat. »Ah, da sind Sie, Carla. Der Chief will Sie sehen. Wir haben die Welpen gefunden.«

»Ich muss gehen«, sagte sie.

Der Chief wartete bereits. »Ich hab Ihnen doch gesagt, dass wir für persönlichen Kram keine Zeit haben. Bei so einem Feuer zählen oft Sekunden. Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen Sie sich an die Regeln halten.«

»Tut mir leid, Chief.«

Baxter reichte ihr einen Helm mit Klappvisier. »Hier, nehmen Sie den. Klappen Sie das Visier runter, sonst fliegen Ihnen Funken in die Augen. Das tut höllisch weh, und wenn Sie Pech haben, können Sie nichts mehr sehen.«

Sie tauschte den Helm aus, bekam es plötzlich mit der Angst zu tun.

Er sah, wie sie zögerte. »Ich bringe Sie hin. Wenn Sie dicht hinter mir bleiben, kann Ihnen nichts passieren.« Er überprüfte ihre Kleidung und nickte zufrieden. »Wir gehen nicht weit. Eine Viertelmeile am Bach entlang und dann ans andere Ufer. Dort ziehen meine Männer eine zweite Brandschneise und glauben, auf den Wolfsbau gestoßen zu sein. Sind Sie bereit, Carla?«

»Das will ich doch hoffen.«

Sie bahnten sich einen Weg durch das Ufergestrüpp, liefen einer hinter dem anderen am Bach entlang und gerieten dabei dichter an die Flammen heran, die an manchen Stellen sogar drohten, auf ihre Seite überzugreifen. Der Wind stand ungünstig, trieb ihnen mörderische Hitze entgegen, die trotz der Schutzkleidung schmerzhaft auf der Haut zu brennen schien. Durch das teilweise verschrammte Visier sah sie die Flammen in den Baumkronen toben, gelb und rot flackernd, auf fatale Weise faszinierend schön und gleichzeitig bedrohlich. Das Knistern und Knattern des Feuers war extrem laut, der heiße Atem eines Ungeheuers, das alles verschlingen wollte, was sich ihm in den Weg stellte. Jeder Schritt schien sie ihrem Untergang näher zu bringen.

Bevor Baxter den Bach überquerte, sah er sich nach ihr um. Carla war nur wenige Schritte hinter ihm und rief: »Alles klar, Chief!«. Sie stapfte hinter ihm durch den knöcheltiefen Bach, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, damit sie auf den glatten Flusskieseln nicht ausrutschte, und ließ sich von ihm auf die Uferböschung helfen. Die Luft glühte vor Hitze. Der heiße Wind wehte leuchtende Funken heran, die wirkungslos auf ihrer Schutzkleidung und dem feuerfesten Visier zerplatzten. Die Hitze war kaum noch zu ertragen.

Aus der Ferne war bereits der Bulldozer zu hören, aber es dauerte noch über eine Viertelstunde, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Dass sie länger als von Baxter vermutet gebraucht hatten, lag vor allem an dem sich ständig drehenden Wind, der sie immer wieder zu Umwegen gezwungen hatte. Vor ihnen hatten die Firefighter eine Schneise quer durch eine Lichtung geschlagen, breit genug, um das Feuer am Übergreifen zu hindern und den Waldbrand wenigstens auf dieser Seite zu stoppen. Die Flammen auf der anderen Seite loderten so heftig, dass man nicht mal den Himmel sah und keine Ahnung hatte, ob es schon Abend war. Hier draußen gab es nur das Feuer, eine elementare Macht von ungeheurer Zerstörungswut, die keine anderen Gefühle zuließ, nur die Angst, von dem tobenden Ungeheuer verschlungen zu werden.

Als sie in die aufgewühlte Erde der Brandschneise stiegen, kam ihnen einer der Firefighter entgegen. Er gehörte zu dem Team, das die gerodeten Furchen von Gestrüpp und Unkraut befreite. »Chief … Miss …«, begrüßte er sie. »Der Bau ist da hinten.« Er ging bereits voraus, führte sie über die Brandschneise zu einer steilen Böschung, wo das Feuer zum Greifen nahe war.

Er bückte sich vor dem Eingang zur Wolfshöhle. »Wir hätten den Bau beinahe übersehen, aber dann hat einer der Welpen seine Nase rausgestreckt. Aber als wir ihn packen wollten, zog er sich rasch wieder zurück. Wir kommen da nicht rein, Chief, aber die Lady ist schlank, die könnte es schaffen.«

»Ich will’s versuchen«, sagte sie. Sie legte sich vor dem Eingang auf den Boden, schaltete die Taschenlampe ein, die der Chief ihr reichte, und robbte in den Bau hinein. Der Gang war gerade so breit und hoch, dass sie hindurchpasste. Mit ihrem Körper blockierte sie alles Licht, das von draußen hereinfiel, und war auf den Lichtstrahl ihrer Taschenlampe angewiesen, brauchte aber einige Zeit, bis sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten.

»Alles okay?«, drang es dumpf von draußen herein.

»Alles klar, Chief«, antwortete sie.

Sie war froh, nicht an Platzangst zu leiden, sonst wäre sie in dem engen Bau sicher durchgedreht. Auch so fiel es ihr schwer, ruhig zu bleiben. In dieser Enge war die Hitze noch unerträglicher, und sie fürchtete, keine Luft mehr zu bekommen und zu ersticken. Nur mühsam behielt sie sich unter Kontrolle.

Im Schein der Taschenlampe suchte sie nach den Welpen. Erst nachdem sie fast vollständig in den Bau gekrochen war, sah sie die jungen Wölfe verängstigt in einer Ecke hocken. Nur zwei Tiere waren noch am Leben. Die anderen drei waren tot. »Keine Bange«, beruhigte sie die Welpen, »ich bin gekommen, um euch zu helfen. Zuerst mal müssen wir hier raus, und dann bringe ich euch zu einem Arzt. Habt keine Angst, wir kriegen euch wieder hin.«

Sie nahm die Taschenlampe in den Mund und packte die Welpen mit beiden Händen. Die Kleinen wehrten sich nicht, waren viel zu schwach und erschöpft. Auf Knien und Ellbogen kehrte sie mit den Welpen ins Freie zurück.

»Wow!«, staunte der Firefighter. »Das war ganze Arbeit!«

Carla reichte dem Chief einen der beiden Wölfe und wischte sich mit der freien Hand den Schweiß von der Stirn. Der Firefighter half ihr auf. »Keine Wunden, aber sie sehen schwach aus«, sagte sie, nachdem sie die Tiere flüchtig untersucht hatte. »Ich schätze mal, sie waren zwei, drei Tage allein. Sie sind dehydriert und brauchen dringend Ersatz-Muttermilch. Haben wir alles bei uns im Wolf Center. Um sie aus dem Gröbsten herauszuholen, müsste ich Ihnen etwas Zuckerwasser einflößen, das haben Sie doch sicher im Camp?«

»Kein Problem«, erwiderte der Chief. »Phil soll Sie mit den Welpen nach Cooper Landing fahren. Dort gibt es einen Tierarzt, der die Versorgung der Kleinen übernehmen kann, bis Ihre Leute kommen. Fahren Sie mit den Welpen zurück?«

»C. J., so heißt unser Tierarzt und Chefpfleger, wird mit dem Flieger kommen. Wir haben gute Beziehungen zu den Flugdiensten. Aber ich würde gern noch zwei, drei Tage bleiben, falls die Mutter eines Welpen auftaucht.«

»Kein Problem. Meinen Sie, die Mutter ist noch am Leben?«

»Ehrlich gesagt, habe ich nicht viel Hoffnung.« Sie dachte an den Wolf, den Jason erschossen hatte. Eine Wölfin. »Für solche Fälle haben wir Muttermilch eingefroren. Wir kriegen sie wieder gesund, da bin ich sicher, aber es wird einige Zeit dauern. Wie Menschen, die bei so einer Katastrophe ein Trauma erleiden können, müssen auch Tiere einen solchen Schock erst mal überwinden. Unsere Leute sind für so was ausgebildet, vor allem C. J.«

Mit den Wölfen im Arm kehrten sie zum Camp zurück. Jason war nicht mehr dort, aber einige Firefighter, die gerade abgelöst worden waren, blickten neugierig zu ihr herüber, wegen der Welpen oder ihretwegen, vermochte sie nicht zu sagen. Sie rührte Zuckerwasser an und flößte den Welpen etwas davon ein, um eine weitere Dehydration zu vermeiden und den größten Hunger zu stillen, dann legte sie die jungen Wölfe auf ihren Rucksack und zog ihr Handy heraus. Ein Wunder, dass sie in dieser abgelegenen Gegend Empfang hatte. Es klingelte ein paarmal, bis C. J. an den Apparat kam. »Hi, C. J.«

»Carla! Ich kann dich kaum verstehen. Was gibt’s?«

Sie erklärte ihm in wenigen Worten den Sachverhalt. »Überrede Randy, dich mit der Cessna herzufliegen.« Randy veranstaltete Touristenflüge zum Gulkana-Gletscher und zum Mount Denali. »Morgen früh am Kenai Inn.«

»Wird gemacht.«

»Danke. Sonst alles okay bei dir?«

»Ja, bis auf die Niederlage im Februar.«

Im Februar hatten die San Francisco 49ers den Superbowl verloren. Ein Nackenschlag für C. J., einen der größten Fans des Footballclubs.

»Irgendwann kommst du drüber weg. Bis morgen!«

Sie steckte ihr Handy weg und kehrte zu Baxter zurück. Der Chief versprach, ihr bei dem Papierkram für die Adoption der Wolfswelpen zu helfen, er habe gute Beziehungen zu den Behörden auf der Kenai-Halbinsel, und rief Phil herbei. Er trug ihm auf, sie zum Tierarzt und zu ihrem Hotel zu fahren. »Und dann komm gleich wieder zurück! Hier gibt’s einiges zu tun.« Er blickte Carla an. »Morgen müssen Sie sich leider selbst einen Wagen in Cooper Landing besorgen. Jetzt kennen Sie ja den Weg. Rufen Sie mich auf dem Handy an, wenn es Probleme gibt. Und sorgen Sie sich nicht wegen des Papierkrams. Es hat bestimmt niemand was dagegen, dass Sie die Welpen in Ihrem Center aufziehen. Im Gegenteil, die Leute sollten Ihnen dankbar sein.«

»Vielen Dank für alles, Chief! Sie haben mir sehr geholfen.«

Carla stieg neben Phil in den Geländewagen. Er wäre wohl lieber beim Feuer geblieben und hätte seinen Kameraden geholfen, schien sie aber zu mögen und sich in ihrer Gegenwart wohlzufühlen. Auch sie mochte den Firefighter, vor allem, weil er wenig Aufhebens von seinem Job machte. Sie mochte Männer nicht, die sich als Helden verkauften und den »Action Hero« spielten. Es reichte ihr, wenn sie solche Machos im Kino oder Fernsehen sah.

»Ganze Arbeit!«, lobte er, als sie die beiden Welpen auf die Rückbank legte und mit einer Wolldecke zudeckte. »Ohne Sie hätten wir die Welpen da nicht mehr rausgeholt. Wie geht es den beiden?«

»Sie brauchen dringend ärztliche Hilfe.«

»Dann rufen wir wohl besser Dr. Chandler an.« Er wählte die Nummer des Tierarztes in Cooper Landing und ließ Carla sprechen, als der Arzt sich meldete. Sie nannte ihren Namen, schilderte Dr. Chandler, was geschehen war, und teilte ihm mit, dass sie in spätestens einer halben Stunde bei ihm wären.

Während der Fahrt blieben die lodernden Flammen in den Rückspiegeln, bis sie den Highway erreicht hatten und nach Cooper Landing zurückfuhren. Noch vor dem Hotel bogen sie nach links ab und parkten vor dem Haus von Doktor Chandler. Der Tierarzt war ein leicht gebückter Mann in den Sechzigern, trug einen Anzug, der ihm mindestens zwei Nummern zu groß war, und violette Crocs, die weder zu seinem geröteten Gesicht noch zu seiner Erscheinung passten. Beim Anblick der Welpen zog er überrascht die Augenbrauen hoch. »Und die haben Sie vor dem Feuer gerettet?«, fragte er den Firefighter.

»Sie.« Phil deutete auf Carla. »Sie kennt sich mit Wölfen aus.«

Dr. Chandler wunderte sich. »Auf den Tisch mit ihnen.«

Der Tierarzt untersuchte die Welpen gründlich, konnte glücklicherweise keine Verletzungen feststellen. »Ich würde sie gerne eine Nacht hierbehalten«, sagte er. »Ich hab die passende Milch hier und würde sie mit einigen Medikamenten aufpäppeln. Bis morgen früh dürften sie transportfähig sein.«

»Das trifft sich gut«, sagte sie. »Dann hole ich sie morgen früh ab.«

Bis zum Hotel war es keine zwei Meilen. Obwohl bereits der Abend nahte, war es noch hell, lediglich die Rauchwolken über den Wäldern vermittelten den Eindruck, die Dämmerung habe schon eingesetzt oder ein Unwetter nähere sich der Siedlung. Phil hielt auf dem Parkplatz und druckste ein wenig herum. »Darf ich Sie um einen Gefallen bitten, Carla?«

Sie wusste nicht, was sie von seinen Worten halten sollte. »Nämlich?«

»Würden Sie die beiden Welpen Maya und Duke nennen?«

»Maya und Duke?«

»So hießen die beiden Kinder, die bei einem meiner letzten Einsätze ums Leben kamen. Die Eltern sind mit uns befreundet, und es würde ihnen sicher viel bedeuten. Natürlich nur, wenn es geht. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.«

Sie lächelte, erleichtert darüber, keine unerfüllbare Bitte gehört zu haben. »Ich denke, das lässt sich machen. Wir haben einen Cody, Ghost, Kawa, Merlin und Doc Holliday, da würden eine Maya und ein Duke gut zu passen.«

»Danke … und mailen Sie mir ein Foto von der Taufe, okay?«

Carla kramte eine Visitenkarte aus ihrer Anoraktasche und reichte sie ihm. »Okay … aber vorher mailen Sie mir die Adresse des Ehepaars. Wir müssen das Einverständnis der beiden einholen. Nicht dass wir Ärger bekommen.«

»Geht klar«, erwiderte er. »Wir sehen uns morgen.«

Die Adresse kam noch vor dem Abendessen, das bei Pearl im Preis enthalten war. Und in der Begleitmail stand: »Es hat Spaß gemacht mit Ihnen. Phil.«

3

In Cooper Landing gab es keinen Mietwagenverleih, aber Pearl stellte ihr den Pick-up zur Verfügung, den sie sonst nur für Geländefahrten und größere Einkaufstouren einsetzte. Die Miete hielt sich im Rahmen. C. J. hatte bereits angerufen und Carla mitgeteilt, dass er gegen acht Uhr beim Hotel sein würde.

»Das muss er sein«, sagte Carla, als sie den Motor einer Cessna hörte und die Maschine auf dem Kenai Lake landen sah. Sie verabschiedete sich von ihrer Wirtin, legte ihren Rucksack auf den Beifahrersitz des Pick-up und kletterte zum Ufer hinab. Die Morgensonne hatte sich durch den Rauch gekämpft und spiegelte sich auf dem Rumpf und in den Fenstern der kleinen Maschine.

C. J. kletterte heraus und begrüßte sie sorgenvoll, ein schlaksiger Mann um die Vierzig mit wachen Augen. Er trug einen Overall, einen weinroten Anorak und die rote Kappe mit dem Logo der San Francisco 49ers. »Sieht nicht gut aus, das Feuer. Ich dachte zuerst, wir fliegen in Gewitterwolken.«

»Aus der Nähe gefällt es mir noch weniger«, erwiderte Carla. Sie kletterten die Uferböschung hinauf und stiegen in den Pick-up. Carla fuhr auf den Highway und lenkte den Wagen nach Westen. »Schon von Rosita gehört? Wie lange ist sie jetzt weg? Zwei Monate? So lange kann das doch nicht dauern.«

»Die Tierfreunde, die Salva un amigo von ihr übernommen haben, kommen mit dem Laden nicht zurecht. Sie verstehen was von Hunden und wie man die verwahrlosten Straßenhunde wieder landfein bekommt, aber von Politik und Marketing haben sie keine Ahnung, und ohne das Wissen kriegt man so einen Laden nicht in Schwung. Die Polizei ist auch keine große Hilfe.«

»Dann müssen sie jemanden einstellen, der davon Ahnung hat.«

»Solche Leute wachsen nicht auf den Bäumen. Und die, die Bescheid wissen, wollen nicht umsonst arbeiten. Die meisten glauben, die Arbeit dort hätte doch sowieso keinen Zweck. Die Straßenhunde vermehren sich schneller, als man sie retten kann, und die Arbeit bei Salva un amigo ist ziemlich frustrierend. Rosita hält den Laden mit ihrer Begeisterung und ihrer Tatkraft beisammen, aber ihre Freundinnen machen langsam schlapp. Ohne Rosita könnten sie das Center bald zumachen.«

»Das hört sich nicht gut an.«

»Nein, das tut es nicht, aber …«

»Aber?«

»Ich glaube, dass Rosita nicht nur wegen der Hunde nach Pereira geflogen ist. Sie hat Heimweh. Sie hat es nie zugegeben, solange sie hier war, aber sie sehnt sich nach Kolumbien zurück. Seine Heimat vergisst man nicht so schnell.«

»Dann fällt die Hochzeit erst mal flach?«

»Sobald wir etwas Luft haben, fliege ich zu ihr. Ich weiß nicht, ob ich es lange in Kolumbien aushalten würde, aber ich will wenigstens mal ein paar Tage zu ihr, um meinen guten Willen zu zeigen. Keine Ahnung, was danach passiert. Für eine Wochenendehe ist Kolumbien ein bisschen weit, und Wölfe gibt’s da auch keine. Ich arbeite gerne mit Wölfen … und ich liebe Rosita.«

»Ich bin sicher, dir wird was einfallen, C. J.«

Sie hatten das Haus von Dr. Chandler erreicht. Maya und Duke wirkten munterer als am Vorabend, würden aber noch viel Pflege und Zuneigung benötigen, um sich vollständig von ihrem Trauma zu erholen. »Die beiden hatten Glück«, sagte der Tierarzt zu Carla. »Wären Sie nur ein paar Minuten später gekommen, wären sie wahrscheinlich verbrannt.«

»Wir kümmern uns um sie«, versprach sie noch einmal.

Sie waren gerade dabei, die jungen Wölfe auf die Rückbank zu legen, als ein Mann in einem Pick-up anhielt und sein Beifahrerfenster herunterließ. Er hatte das verwitterte Gesicht eines Farmers und versteckte einen Teil seiner weißen Haare unter einer Baseballkappe. »Wo haben Sie die denn her?«

»Die haben wir vor dem Feuer gerettet.«

»Tierschützer?«

»Was dagegen?«

Schon nach seiner ersten Frage hatte Carla erkannt, dass sie es mit einem Wolfshasser zu tun hatte, einem dieser unverbesserlichen Typen, die Wölfe als »blutgierige Killer« bezeichneten und auch selbst gern zur Waffe griffen, wenn sie einen Wolf zu Gesicht bekamen. Man merkte es an dem verächtlichen Grinsen, mit dem sie auf Wölfe herabblickten.

»Warum haben Sie die Viecher nicht verbrennen lassen? Haben wir nicht genug Wölfe in Alaska? Wenn’s nach mir ginge, täten wir gut daran, ein paar Hundert ins Jenseits zu schicken. Dafür ist so ein Wildfeuer doch gar nicht schlecht. Ein paar mehr davon, und wir sind die ganze Brut endlich los!«

»Und dass auch Menschen in Gefahr kommen, ist Ihnen egal?«

»Das regeln unsere Firefighter«, erwiderte er, »die werden mit jedem Feuer fertig. Was nervt, sind Tierschützer wie Sie, die selbst kleine Bestien wie diese Wölfe retten. Wer weiß, was die Viecher für Krankheiten einschleppen.«

Carla hatte schon viele Wolfshasser wie diesen Mann getroffen und hatte gelernt, nicht jedes Mal durchzudrehen und eine Schimpfkanonade loszulassen. Damit kam man bei Typen wie ihm nicht weit. Stattdessen nahm sie sich die Zeit, auf die Angriffe mit vernünftigen Argumenten zu antworten. »Sie sind ungerecht, Mister«, sagte sie. »Wölfe gehören zu unserer Natur wie Bären und Elche und alle anderen Tiere. Ohne sie funktioniert der Kreislauf in der Natur nicht. Sie nennen diese Wölfe ›Bestien‹, dabei sind sie sehr sozial und uns Menschen ähnlicher, als viele denken. Sie töten nicht aus Mordlust. Sie töten nur, was sie zum Überleben brauchen, meist kranke und schwache Tiere, und sorgen auf diese Weise für das Gleichgewicht in der Natur. Ihren schlechten Ruf haben sie aus Märchen und Horrorgeschichten.«

»Klugscheißerin!«, lästerte der Mann. Er beugte sich zum Fenster hinüber und blickte sie verächtlich an. »Ich traue Wölfen nicht von hier bis zum Waldrand. Wenn Wölfe solche Unschuldslämmer wären, wie Sie sagen, warum haben sie dann eins meiner Kälber gerissen? Wenn das so weitergeht, muss ich Elektrozäune aufstellen. Dann röste ich die verdammten Bestien!«

»Sie sind ungerecht, Mister.«

»Und Sie blauäugig. Wenn’s nach mir ginge, kann es ruhig noch ein paar Waldbrände geben. Solange dabei Wölfe draufgehen, ist alles okay. Und wenn nicht, helfen wir mit der Knarre nach.« Er grinste frech und fuhr davon.

Dr. Chandler stand in der offenen Tür und winkte ab. »Machen Sie sich nichts draus, der benimmt sich jedes Mal wie ein Rüpel. Don Quigley, ihm gehört eine der größten Farmen auf der Halbinsel. Er hat mal einen Wolf bis in die Berge verfolgt und stürzte einen Hang hinab. Er konnte von Glück sagen, dass ihn ein Suchtrupp fand und rechtzeitig ins Krankenhaus brachte. Der Wolf konnte gar nichts dafür, dass er abrutschte, aber er machte ihn natürlich verantwortlich dafür und hasst Wölfe seitdem noch mehr als früher.«

»Und deswegen ein solcher Hass?«

»Nicht nur deswegen, vermute ich. Kurz vor seinem Unfall hatte ihn seine Frau verlassen. Kein Wunder, wenn Sie mich fragen, er gehört nicht gerade zu den umgänglichsten Menschen. Wahrscheinlich ist er deshalb so wütend.«

»Geben Sie ihm ein Beruhigungsmittel, Doc.«

»Ja, eins für Pferde.«

Sie fuhren langsam zum Hotel zurück. C. J. blickte sich mehrmals zu den Welpen um, die es sich auf der Wolldecke bequem gemacht hatten und wohl noch nicht so recht fassen konnten, was mit ihnen geschah. »Maya und Duke, hm? Die Namen gefallen mir. Ihr werdet es gut bei uns haben, ganz sicher.«

»Gibt’s was Neues im Center?«, fragte Carla.

Er blickte sie erstaunt an. »Du bist doch erst einen Tag weg.«

»Und vorher war ich bei einer Tagung«, erinnerte sie ihn, »schon vergessen? Die Einzige, mit der ich gesprochen habe, war Amy, die mich wieder mal daran erinnerte, dass ich endlich meine Wette einlöse. Einen Monat lang nur von Grünzeug leben, weil sie den neunzehnten Platz beim Iditarod geschafft hat, das ist bitter. Ich hatte eigentlich gedacht, sie hätte es vergessen.«

»Amy vergisst nichts. Seitdem sie weiß, wie gern ich Chips zum Football esse, liegt sie mir ständig damit in den Ohren. Zum Glück meint sie es nicht so ernst, wie sie tut. Irgendwann erwische ich sie mit Chicken McNuggets.«

Carla lachte. »Da kannst du lange warten. Was Neues von Linda?«

»Sie ist wieder mal verliebt.«

»Das ist nicht neu.«

»In Eddy Mandell, den Musher aus North Pole.«

»Den hatte sie doch schon bei ihrer Buchpremiere auf dem Schirm?« Ihre Kollegin hatte mit »Von Wölfen und Menschen« einen Bestseller gelandet. »Ich dachte, der wäre nur was für zwischendurch gewesen, als Ablenkung.«

»Als Ablenkung von ihrem Ex?«

»Als Ablenkung von ihren beiden Ex-Männern.«

Sie hatten den Parkplatz des Hotels erreicht und blieben noch einen Augenblick sitzen. Die Sonne war verschwunden. Der Wind hatte neue Rauchwolken nach Osten getrieben, und der Himmel zeigte sich im düsteren Grau.

»Aber mit Eddy scheint es ihr ernst zu sein. Sie will sogar mit ihm auf Tour gehen. Drei Tage mit Zelt und Hundeschlitten. Auf so was stand sie früher nie. Sie benutzt auch nicht mehr so viel Make-up, das sähe natürlicher aus.«

»Kaum ist man ein paar Tage nicht da …« Carla lachte wieder. »Aber ich würde es ihr gönnen. Dieses Hin und Her mit ihren Ex-Männern war ja nicht zu ertragen. Die beiden Romeos hätte ich keines Blickes mehr gewürdigt.«

Carla half ihrem Kollegen, die Welpen zum Flugzeug zu tragen und verabschiedete sich von ihm und dem Piloten. »Ich melde mich, sobald ich hier fertig bin«, rief sie dem Mann im Cockpit zu. »Bis bald, Maya und Duke!«

Sie wartete, bis die Cessna gestartet war, und ging zu Pearl ins Hotel. Die Wirtin stand in der Küche, einen Becher mit Kaffee in der Hand, und wirkte nachdenklich. Sie hob ihren Becher. »Auch einen? Hab ich gerade gekocht.«

»Nein, danke. Ist irgendwas?«

»Lucky, mein Sohn … er ist verletzt.« Sie hatte Tränen in den Augen. »Sein Chief hat mich angerufen. Ein brennender Ast hat ihn am Hals getroffen. Sie haben ihn mit dem Hubschrauber ins Central Peninsula Hospital nach Sterling gebracht. Ich hab dort angerufen, aber sie konnte mir noch nichts sagen. Sie würden ihn gerade operieren. Es muss ihn schwer erwischt haben.«

»Soll ich Sie hinfahren?«

»Geht nicht, sie haben den Highway gesperrt. Von der Mystery Creek Road bis kurz vor Sterling. Ich lasse mich hinfliegen, falls es ernster wird.«

»Das tut mir leid, Pearl.«

»Damit muss man bei dem Job immer rechnen«, sagte Pearl unter Tränen. »Die Firefighter setzen ihr Leben für uns ein. Wussten Sie, dass auch Frauen dabei sind?« Sie rechnete wohl nicht mit einer Antwort. »Hab ich das richtig gesehen? Sie haben zwei Welpen gerettet. Wie haben Sie das geschafft?«

Carla verriet es ihr. »Aber ohne den Chief und die anderen Firefighter wäre das nicht gegangen. Ich hab allerdings auch drei tote Wölfe gesehen. Auch Tiere leiden unter so einem Feuer.« Sie wusste, dass Pearl ganz andere Sorgen hatte, und legte ihr tröstend eine Hand auf die Schultern. »Es ist bestimmt nicht so schlimm, wie Sie denken, Pearl. Sie gehen nur gern auf Nummer sicher.«

»Wollen wir’s hoffen.« Sie schniefte leise.

»Jetzt könnte ich doch einen Kaffee vertragen«, sagte Carla, auch um ihre Wirtin ein wenig zu beschäftigen und sie von ihrer Sorge abzulenken. Sie setzte sich an den Esstisch und nickte dankbar, als Pearl den Kaffee brachte. Sogar Milch und Zucker hatte sie dabei, obwohl Carla lieber Süßstoff nahm.

»Ich bleibe noch ein paar Tage«, sagte sie.

»Kann man denn noch Wölfe aus den Flammen retten?«

»Wahrscheinlich nicht. Meines Wissens gab es nur das Mystery-Creek-Rudel in dieser Gegend. Ein großes Rudel, neun Wölfe, soviel wir wissen, die Welpen nicht mitgezählt, also müssten noch sechs in den Bergen sein. Aber ich bezweifle, dass sie das Feuer überleben. Ihr Revier liegt im Brandgebiet, und es grenzt an ein Wunder, dass wir die Welpen retten konnten.«

»Sie lieben Wölfe, nicht wahr?«

Carla nickte, froh darüber, die Wirtin etwas ablenken zu können. »Ich mag sie, weil sie uns Menschen sehr ähnlich sind und das Zusammenleben im Rudel perfektioniert haben. Jeder hat seine Aufgabe, einer steht für den anderen ein. Und ich verteidige sie, weil sie viel besser sind als ihr schlechter Ruf.«

»So habe ich Wölfe nie gesehen.«

»Was nicht heißen soll, dass ich Menschen verachte«, fügte sie schnell hinzu. »Natürlich würde ich mich erst um einen Menschen kümmern, bevor ich nach einem Wolf sehe. Wenn ich auch nicht alle Menschen mag. Aber mit den Wölfen ist es ähnlich wie mit den Menschen. Es gibt gute und schlechte Charaktere. In einem Wolf Center wie unserem lernen Sie die alle kennen.«

Das Handy der Wirtin klingelte.

»Das Krankenhaus«, sagte sie, bevor sie dranging. Sie hörte sich an, was die Stimme am anderen Ende zu sagen hatte, und Carla erkannte, wie sich ihre Gesichtszüge immer mehr entspannten. »Gott sei Dank!«, sagte sie. »Sagen Sie ihm, dass ich an ihn denke und ihn besuchen komme, sobald ich kann.«

Sie legte auf und weinte, diesmal vor Glück und Erleichterung. »Die Operation ist gut verlaufen«, sagte sie. »Sie mussten was Künstliches an der Halswirbelsäule einsetzen und werden ihn zwei bis drei Wochen krankschreiben, auch wegen der Verbrennungen, aber selbst die wären nicht so dramatisch und er könnte bald wieder arbeiten. Er hätte großes Glück gehabt.«

»Na, sehen Sie? Ein Firefighter ist hart im Nehmen.«

»Er ist ein guter Junge.«

»Wenn Sie ihn besuchen wollen … ich komme hier auch allein zurecht.«

Sie winkte ab, immer noch berauscht von der guten Nachricht. »Sobald er wieder einigermaßen auf dem Damm ist, werde ich mit ihm skypen. Falls das Internet funktioniert. Und Sie? Fahren wieder hinaus zu den Firefightern?«

»Für ein paar Stunden«, sagte sie. Sie trank von dem Kaffee, etwas zu stark und zu bitter, aber es war eben kein Cappuccino. »Auch wenn ich wahrscheinlich nur tote Wölfe sehen werde … wenn überhaupt. So wie es aussieht, sind die Welpen die einzigen Überlebenden des Mystery-Creek-Rudels.«

Nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte, stieg sie in den Pick-up und fuhr auf den Sterling Highway zurück. Je weiter sie nach Westen fuhr, desto stärker war ihr Gefühl, dass der Rauch noch dichter geworden und das Feuer noch näher an die Straße herangerückt war. Wohl der Grund, warum sie den größten Teil des Highways gesperrt hatten. Sie hatte ihre Schutzjacke angezogen und Handschuhe und Helm neben sich auf dem Beifahrersitz liegen, fuhr zum ersten Mal allein in den Rauch hinein und war entsprechend ängstlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, als Firefighterin zu arbeiten, zu stressig und gefährlich, doch so dachten manche Menschen auch über ihren Beruf.

Über der Mystery Creek Road hingen teilweise so dichte Rauchschwaden, dass sie nahe daran war, den Pick-up zu wenden und umzukehren, aber wenn die Straße unpassierbar gewesen wäre, hätte der Chief sicher angerufen. Wie geheimnisvoller Nebel hing der Rauch zwischen den Baumkronen. Im Dunst flogen Funken, die wie Glühwürmchen durch die Luft wirbelten. Nicht mehr so fern wie bei ihrer ersten Fahrt zum Mystery Creek leuchteten die Flammen des Feuers, das in den Medien nur noch »Mystery Creek Fire« genannt wurde. Würden der Chief und seine Männer es schaffen, die Flammen rechtzeitig einzudämmen, und sie daran hindern, weiteres Land zu zerstören und die nahen Siedlungen zu gefährden? Waren Menschen in ernsthafter Gefahr?

Ein rostiger Pick-up kam ihr entgegen. Wegen des vielen Rauchs sah sie die Scheinwerfer erst spät. Sie hielt an und ließ ihr Fahrerfenster herunter. Erst jetzt erkannte sie Jason. Wie immer, wenn sie ihm begegnete, fiel es ihr schwer, sich zu beherrschen. »Du fährst wieder? Genug Wölfe getötet?«

»Du bist ungerecht«, erwiderte er relativ gefasst.

»Ich weiß … und es tut mir leid.«

»Ehrlich?«

»Natürlich ehrlich, du verdammter …« Ihr fiel kein passendes Schimpfwort ein. »Ich mag dich doch … obwohl du wie ein Wilderer durch die Wälder streunst und Wölfe umbringst. Ich mag dich sogar sehr und ärgere mich so darüber, dass ich am liebsten aussteigen und dir eine runterhauen würde.«

»Du solltest mich lieber küssen!« Er grinste.

»Du bist ein Scheusal!«

»Ich weiß.«

»Und du hättest dich ruhig mal melden können.«

»Ich war in Montana unten, das weißt du doch.«

»Und jetzt wolltest du dich wieder aus dem Staub machen?«

»Ich fahr zum Slaughter Creek rüber.«

Sie geriet schon wieder in Rage. »Wenn du nur einen gesunden Wolf tötest, bekommst du es mit mir zu tun, verstanden? Dass die Farmer am liebsten alle Wölfe umbringen würden, weiß ich. Aber das heißt noch lange nicht, dass du schalten und walten kannst, wie du willst. Werde endlich erwachsen.«

Umso wütender sie war, desto mehr grinste er. »Ziemlich ungemütlicher Platz für ein Date, findest du nicht auch? Wollen wir uns heute Abend in Cooper Landing treffen? Wir könnten uns endlich mal richtig aussprechen.«

»Um sechs im Kenai Inn«, antwortete sie und fuhr weiter.

4

Im Camp der Firefighter herrschte nervöse Betriebsamkeit. Wo Carla die beiden Welpen gerettet hatte, hatten die Flammen die Schneise übersprungen und drohten, auf die Bäume am anderen Ufer des Mystery Creek überzuspringen. Eines der Hot-Shot-Teams war bereits unterwegs, das Feuer zu bekämpfen, eine schwierige und gefährliche Aufgabe, auch für diese erfahrenen Männer. Der Chief stand in ständigem Funkkontakt mit der Einsatztruppe.

Eine der Meldungen gab er direkt an Carla weiter: »Sie haben zwei weitere tote Wölfe gefunden. Das Feuer hat die Kadaver verschluckt. Ich nehme an, sie gehörten zu dem Mystery-Creek-Rudel, von dem Sie gesprochen haben.«

»Dann haben wir fünf tote Wölfe«, rechnete sie. »Bleiben noch vier … die werden es wohl ebenfalls nicht geschafft haben. Wie so viele andere Tiere.« Sie schwieg eine Weile und wollte sich gar nicht vorstellen, wie qualvoll sie gestorben waren. »Menschen sind hoffentlich nicht zu Schaden gekommen.«

»Nein, die konnten wir rechtzeitig warnen und evakuieren. In den Wäldern hier leben nur ein paar Einsiedler und Fallensteller. Die wissen selbst, was so ein Gewitter alles anrichten kann. Und die wenigen Siedlungen und Farmen, die wirklich bedroht waren, haben wir informiert. Aber jetzt wird es langsam kritisch. Wenn wir das Feuer nicht bremsen, müssen wir roten Alarm geben.«

»Sie haben gute Leute. Sie schaffen das«, sagte sie.

»Wir geben uns alle Mühe.«

Carla setzte sich in ihren Wagen, weil sie dort am sichersten war, ließ aber die Fahrertür offen, um sofort reagieren zu können, falls der Chief oder ein anderer Firefighter rief. Sekundenlang blickte sie nur nach vorn, beobachtete die Männer in ihren gelben Schutzjacken, wie sie die Brandschneise mit Äxten und Motorsägen von allem Brennbaren befreiten und mit Löschwasser gegen kleinere Flammenherde vorgingen. Die Feuerwand, bedrohlicher noch als am vergangenen Tag, türmte sich gefährlich nahe hinter der Schneise auf. Wie ein Drache mit unstillbarem Hunger robbte es sich an die Schneise heran.

Auch aus einigermaßen sicherer Entfernung glaubte sie zu erkennen, dass die Männer immer härter und entschlossener gegen das Feuer vorgingen. Sie trainierten jeden Tag und besaßen die nötige Konstitution, um auch unter höchstem Stress ihre Leistung zu bringen und nicht unter der Belastung zusammenzubrechen. Von Osten her drangen die Motorengeräusche der Flugzeuge und Hubschrauber, die Löschwasser über den Bränden abwarfen. Sie würden das Feuer besiegen, da war Carla ganz sicher, sie hatten bisher noch jedes Feuer besiegt, wenn auch manchmal unter schmerzlichen Verlusten.

Sie verbrachte die nächste halbe Stunde damit, die Fundstellen der toten Wölfe auf einer Karte des Gebietes zu markieren und sie zusammen mit einem kurzen Bericht in einer Datei zu speichern, um sie später, wenn sie wieder eine zuverlässige Verbindung bekam, an das Center zu schicken. Auch die anderen zuständigen Stellen wie das BLM und Fish & Wildlife würde sie informieren. Bis in den frühen Nachmittag hinein blieb sie im Camp, füllte Löschrucksäcke und Wasserflaschen nach und half beim Bereitstellen der Ausrüstung. Ihr Fachwissen war nicht mehr gefragt. Im Revier des Mystery-Creek-Rudels wütete das Feuer besonders stark, und es war beinahe ausgeschlossen, dass noch einer der Wölfe am Leben war. Der Anstand verlangte jedoch, den Männern zu helfen und sich auf diese Weise für ihre Unterstützung zu bedanken. Sie hatte schon mit Teams zu tun gehabt, denen es ziemlich egal war, wie viele Wölfe bei einer Naturkatastrophe ums Leben kamen.

Als der Wind drehte und ein Funkenregen über dem Mystery Creek niederging, kam der Chief zu ihr und sagte: »Nicht dass ich Sie loswerden möchte, Carla. Sie haben uns wirklich sehr geholfen, und dafür danke ich Ihnen auch im Namen meiner Männer. Aber es wird langsam gefährlich hier, und ich kann nicht länger die Verantwortung für Sie übernehmen. Ihre Arbeit haben Sie doch sowieso erledigt. Sie haben zwei Welpen das Leben gerettet.«

»Das wäre ohne Ihre Hilfe nicht möglich gewesen, Chief.«

»Es war uns ein Vergnügen, Carla. Kommen Sie mal vorbei, wenn wir das Feuer gelöscht haben, bei uns steht immer heißer Kaffee auf dem Tisch, und die Oma einer unserer Männer kann Kuchen backen, so was Gutes haben Sie noch nicht gegessen.« Er schüttelte ihr die Hand. »Machen Sie’s gut, Carla!«

Carla gab ihre Schutzkleidung zurück und schlüpfte in ihren Anorak. Sie winkte den Männern zu, die in der Nähe standen, als sie in ihren Pick-up stieg, und fuhr aus dem Camp. Ihr war fast ein bisschen wehmütig ums Herz, als sie die Zelte hinter sich ließ. So einen freundlichen Empfang erlebte sie selten, und es hatte ihr gefallen, den Firefighters zu helfen. Sie hätte gern noch mehr Wölfe gerettet, musste aber einsehen, dass gegen die Macht des Feuers nichts auszurichten war, wenn es sich erst einmal in die Wälder gefressen hatte. Selbst ein erfahrener Wolf, der eine drohende Gefahr sonst schon von Weitem witterte, schaffte es häufig nicht, vor diesen zerstörerischen Kräften davonzulaufen.

Der Rauch war lästiger als am Morgen, aber nicht dicht genug, um sie zu gefährden. Dennoch fuhr sie zügig, um möglichst schnell den Highway zu erreichen. Eine Panne konnte sie in ihrer Lage nicht gebrauchen. Ihr kam zugute, dass sie die Schotterstraße inzwischen kannte und genau wusste, wann eine Gefahrenstelle kam. Nur auf den Gewehrschuss, der auf halbem Weg zum Highway die Stille zerriss, war sie nicht vorbereitet. Sie hielt erschrocken an.

Das Echo des Schusses hing noch immer in der Luft, als sie ausstieg und sich aufmerksam umblickte. Viel zu spät sah sie den ausgewachsenen Wolf, der sich mühsam durch den Dunst schleppte und schwer verletzt sein musste. Obwohl man in dem Rauch kaum etwas erkannte, war sie sicher, dass es ein Wolf war, dazu hatte sie zu viele Wölfe in der Wildnis gesehen. Sie wusste, wie sich Wölfe bewegten, wie sie reagierten, wenn sie in Gefahr gerieten oder verletzt waren. Das Jaulen des verletzten Tieres war weithin zu hören.

»Nein!«, schrie sie in ihrer Panik. »Tu’s nicht, Jason!«

Ein zweiter Schuss ließ den Wolf verstummen. Er zuckte unter dem Einschlag der Kugel zusammen und sank in das braune Gras, eingehüllt von dunklen Rauchschwaden, die vom Wind über die Lichtung getrieben wurden.

Erst jetzt entdeckte sie den Schützen. Er war in dem schmutzigen Dunst nur schattenhaft zu erkennen, eine dunkle Gestalt mit einem Gewehr, die davonlaufen wollte, aber plötzlich ins Taumeln geriet und zu Boden stürzte.

»Jason! Verdammt, Jason!«

Carla rannte über die Lichtung, vorbei an dem leblosen Wolf, dem nicht mehr zu helfen war, und erreichte keuchend den gestürzten Schützen. Erst einmal erleichtert, weil es sich nicht um Jason, sondern um Don Quigley handelte, den Wolfshasser, der sie vor dem Haus von Dr. Chandler beschimpft hatte – dann aber zunehmend besorgt, weil Quigley kaum noch Luft bekam.

»Was haben Sie getan, Mann?«

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte vergeblich. Kein Netz, sie war noch zu weit vom Highway entfernt. Sie steckte es wieder ein und drehte den Verletzten vorsichtig auf die Seite. »Nicht aufregen, Mister! Sie haben wahrscheinlich eine Rauchvergiftung! Ich kriege hier kein Netz, und zum Wagen schleppen kann ich Sie auch nicht, dazu sind Sie zu schwer. Aber keine Angst, ich hole Hilfe. Halten Sie durch, okay? Ich bin gleich wieder da.«

Sie lief zum Pick-up zurück. Quigley musste, noch bevor der Wind wieder gedreht hatte, in den dichten Rauch gelaufen sein und in seiner Mordlust nicht daran gedacht haben, in welche Gefahr er sich begab. Vielleicht war er auch vorbelastet. Wenn er keine bleibenden Schäden davontragen wollte, musste er so schnell wie möglich in ein Krankenhaus transportiert werden.

Sie wusste, dass es auf jede Minute ankam. Zu ihrer Ausbildung hatte ein umfangreicher Erste-Hilfe-Kurs gehört, und sie war sogar mal eine Woche auf einem Krankenwagen mitgefahren, um bei einem Notfall richtig reagieren zu können. In der Wildnis war sie oft auf sich allein gestellt. Auch über eine Ausbildung als Tierärztin hatte sie nachgedacht, aber bisher nicht die Zeit dafür gefunden. Als fliegende Tierärztin, die mit ihrer Cessna auch zu entlegenen Dörfern flog und dort die Tiere verarztete, hätte sie gern gearbeitet.

Um eine Rauchvergiftung wirkungsvoll zu behandeln, brauchte man Sauerstoff und Medikamente, und beides hatte sie nicht dabei. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als so schnell wie möglich zum Camp zurückzufahren. Sie wagte gar nicht daran zu denken, was der Farmer in der Zwischenzeit durchmachen musste. Er war ein Stinkstiefel, der sich seine Suppe selbst eingebrockt hatte, aber diese Qualen hatte auch er nicht verdient. Es gab nichts Schlimmeres, als keine Luft zu bekommen, das hatte sie schon oft gehört.

Sie hatte Glück. Kaum war sie bei ihrem Pick-up angelangt, sah sie den Chief in seinem Jeep heranfahren. Er stieg aus und fragte: »Was ist denn passiert? Ich hab einen Schuss gehört. Ich dachte, Jason wollte weiterfahren.«

»Es ist nicht Jason.«

Sie berichtete ihm in wenigen Worten, was passiert war, und er griff nach seinem Funkgerät und rief einen Rettungshubschrauber herbei. Sie fuhren zurück zu Quigley, und Carla leistete Erste Hilfe und redete beruhigend auf den Farmer ein, bis der Hubschrauber gelandet war und ein Arzt und ein Sanitäter übernahmen.

»Er kann von Glück sagen, dass Sie so verantwortungsvoll gehandelt haben«, sagte der Arzt. »Ich denke, dass wir ihn wieder hinbekommen.« Er wandte sich an Baxter. »Wir wissen Ihre Arbeit sehr zu schätzen, Chief.«

»Danke, Doc. Und wir die Ihre.«

Carla wartete, bis der Hubschrauber aufgestiegen war, und verabschiedete sich noch einmal von dem Chief, diesmal endgültig. Bevor sie weiterfuhr, lief sie zu dem toten Wolf zurück und untersuchte ihn gründlich. Sein Fell war teilweise verbrannt, aber er hatte keine schwerwiegenden Verletzungen und hätte das Feuer vielleicht überlebt. Ob sein Leben in der Wildnis von Dauer gewesen wäre, vermochte sie nicht zu sagen. Er hätte sich ein neues Revier suchen und einem anderen Rudel anschließen müssen, was nicht einfach gewesen wäre. Dennoch war sie wütend. Sie hätten auch diesen erwachsenen Wolf ins Wolf Center nach Copperville mitnehmen und dort pflegen können.

Langsamer und auch nachdenklicher als bisher fuhr sie zum Highway zurück. Der Rauch eines so riesigen Feuers war heimtückisch, vor allem, wenn sich das geruchsfreie Kohlenmonoxid daruntergemischt hatte. Auch bei Hausbränden war schon so mancher daran gestorben. Sie hatte wenig Rauch erwischt und fühlte sich gut, hatte aber so großen Durst, dass sie ihre halbe Wasserflasche leerte. Sie sehnte sich nach einer Dusche und frischen Kleidern.

Der Sterling Highway war inzwischen bis nach Cooper Landing gesperrt, und der Firefighter an der Absperrung musste sich über Funk vergewissern, dass sie weiterfahren durfte. Dankbar folgte sie dem Pilot Car. Auch über der kleinen Siedlung hingen Rauchschwaden, aber lange nicht so dicht wie am Mystery Creek, wo das Feuer immer noch tobte. Im Rückspiegel sah sie die lodernden Flammen über den Bäumen. Waldbrände sind normal in Alaska, für das Ökosystem in vielerlei Hinsicht sogar notwendig, da auf diese Weise eine Verjüngung des Waldes stattfindet und eine neue Vegetation entsteht. Gefährlich wurden sie vor allem, wenn es den Firefighters nicht gelang, das Feuer einzudämmen und unter Kontrolle zu bringen. Carla glaubte nicht, dass es so weit kommen würde. Sie vertraute der Erfahrung der Firefighter-Teams, doch Angst jagten ihr die prasselnden Flammen und dunklen Wolken dennoch ein.

Pearl hatte ihr bereits Kaffee eingeschenkt, als sie das Haus betrat. Sie war guter Laune. »Ich habe mit Lucky geskypt«, sagte sie, als sie am Esstisch saßen, »stellen Sie sich vor, er macht schon wieder Witze. Es nervt ihn, dass er den Kopf nicht bewegen darf, aber sonst geht es ihm gut. Er hat kaum Schmerzen, und der Arzt sagt, dass er bald wieder einsatzbereit sein wird.«

»Sag ich doch, diese Firefighter sind hart im Nehmen.«

»Und Sie?«, fragte Pearl.

»Mission erfüllt«, antwortete sie, »ich fliege morgen früh wieder nach Hause.« Sie berichtete von ihren Erlebnissen im Camp der Firefighter und den geretteten Welpen, die sie im Wolf Center aufziehen würden, und verschwieg ihr auch nicht den Zwischenfall mit Don Quigley. »Er war dem Wolf gefolgt und hatte sich zu lange im dichten Rauch aufgehalten. Er kann von Glück sagen, dass ich ihn gesehen hatte und der Chief rechtzeitig auftauchte.«

»Mit Quigley war noch nie gut Kirschen essen«, sagte Pearl, »der hat Wölfe seit seinem Unfall gefressen und würde sie am liebsten alle umbringen. Letztes Jahr hat er sich mit seinen Freunden zu einer Treibjagd verabredet. Da ging es zu wie auf einer britischen Fuchsjagd, nur dass Wölfe wesentlich schlauer sind. Sie haben gerade mal zwei Wölfe erlegt und dafür sieben Kugeln gebraucht. Anschließend haben sie eine ganze Nacht durchgefeiert.«

»Vielleicht kommt er im Krankenhaus zur Besinnung.«

»Das glaube ich kaum.«

Carla trank ihren Kaffee aus und schob ihren Stuhl zurück. »Was ich noch sagen wollte … ich bekomme heute Abend noch Besuch. Meinen Sie, wir könnten beide etwas zu essen bekommen? Gegen einen Aufpreis natürlich.«

»Kein Problem.« Sie grinste flüchtig. »Ein Verehrer?«

»So was Ähnliches«, erwiderte sie.

»Ein Firefighter? Der Mann, der Sie abgeholt hat?«

»Jason Harper, ein Wolfsjäger.«

»Ein Wolfsjäger?« Sie hob ungläubig die Augenbrauen. »Sie tun alles, um Wölfe zu schützen, und lassen sich ausgerechnet mit einem Wolfsjäger ein? Das ist ja fast so, als würde sich eine Veganerin in einen Metzger verlieben.«

»Auch das soll es geben.«

»Und Sie kriegen keinen Krach?«

»Nun ja … wir diskutieren öfter.«

»Kann ich mir denken.« Sie stellte sich wohl gerade vor, wie sich eine Diskussion zwischen Jason und ihr anhörte, und grinste erneut. »Mein lieber Mann wäre beinahe Pastor geworden, und ich konnte mit Religion nie etwas anfangen, aber Wolfsjäger und Tierschützerin … das ist noch was anderes.«

»Wir werden sehen. Ich ziehe mir mal was Anständiges an.«

Carla duschte ausgiebig und genoss die frische Kleidung. Legere Jeans, ein Sweatshirt und die weißen Sneakers, die sie vor der Tagung gekauft hatte. Ihre Haare hatte sie gewaschen und geföhnt und zu einem lockeren Knoten hochgesteckt. Gegen ihr vom Feuer gerötetes Gesicht kam sie auch mit Make-up nicht an. Was soll’s, dachte sie, Jason hielt sich selbst die meiste Zeit im Freien auf und wusste, was Wind und Wetter bewirkten.

Bevor sie nach unten ging, rief sie Randy an und bat ihn, am nächsten Morgen zwischen acht und neun Uhr zu kommen. Ihr zweiter Anruf galt C. J., dem sie mitteilte, dass es am Mystery Creek nichts mehr für sie zu tun gab und sie nach Hause kommen würde. »Wie geht es unseren Sorgenkindern?«

»Maya und Duke? Sie fremdeln noch ein bisschen.«

»Aber gesund sind sie?«

»Ich hab ihnen von unserer Spezialmilch gegeben, die schmeckt ihnen noch besser als Muttermilch.« Sie konnte ihn durch das Telefon lächeln hören. »Aber sie werden wohl noch einige Wochen brauchen, bis sie sich an ihr neues Leben gewöhnt haben. Das Feuer war ein gewaltiger Schock für sie.«

»Nicht nur für die Wölfe«, sagte sie. »So eine Feuerwand kann einem ziemliche Angst einjagen. Ohne die Firefighter wäre ich da niemals hin.« Sie erzählte ihm von dem Wolf, den Quigley erschossen hatte. »Du hättest diesen Farmer sehen sollen! Ein Wunder, dass er keinen Schaum vorm Mund hatte!«

C. J. wirkte etwas nervös und brach abrupt an. »Bis morgen, Carla!«

»Alles okay, C. J.?«

»Alles okay … bis morgen.«

Sie blickte nachdenklich auf ihr Handy, bevor sie auflegte. Irgendetwas stimmte nicht mit C. J. Seit er aus Kolumbien zurück war, wirkte er nervös und manchmal sogar niedergeschlagen. Er musste Rosita sehr vermissen.

Sie betrachtete sich im Spiegel, nickte zufrieden und stieg in den Wohnraum hinab. Pearl hatte den Tisch festlich gedeckt, das gute Service und die Stoffservietten aus dem Schrank geholt und eine Flasche Wein bereitgestellt.

»Der Wein geht aufs Haus«, sagte Pearl. »Ein guter Chardonnay.«

»Klingt verlockend.«

»Wann wollte Ihr Verehrer denn kommen?«

Sie blickte auf ihre Armbanduhr. »Eigentlich wollte er schon hier sein, aber bei Männern wie ihm weiß man nie.« Sie setzte sich an den Tisch und trank einen Schluck von dem Wasser, das Pearl ebenfalls bereitgestellt hatte.

Doch als er um zwanzig nach sechs noch immer nicht da war, wurde sie nervös und versuchte mehrmals, ihn auf seinem Handy zu erreichen. Jedes Mal meldete sich seine Voicemail. »Hallo, Leute, ich bin gerade unterwegs und kann leider nicht drangehen. Sprecht bitte nach dem Piepton!« Wie sie diese Anrufbeantworter hasste. Sie versuchte es mit E-Mail und WhatsApp und bekam ebenfalls keine Antwort. Versetzte sie der verdammte Kerl etwa?

Nach einer Stunde wurde ihr klar, dass es tatsächlich so war. Er würde nicht mehr kommen. »Das wird wohl nichts mehr«, sagte sie enttäuscht. »Hätte ich mir eigentlich denken können. Wäre ja auch zu schön gewesen.«

»Das wird schon wieder«, erwiderte Pearl. Sie füllten ihre Gläser mit dem kostbaren Wein und stießen damit an. »Zur Hölle mit den Wolfsjägern!«

»Zur Hölle mit den Wolfsjägern!« Carla konnte schon wieder lachen.

5

Carla erreichte Copperville am späten Morgen. Wegen eines Gewitters über dem Cook Inlet hatte Randy einen weiten Umweg fliegen müssen, ein holpriger Flug, der die Maschine ordentlich durchgeschüttelt hatte. Ihre Heimatstadt bestand aus einer Main Street und wenigen Nebenstraßen und war durch eine Schotterstraße mit dem Richardson Highway verbunden. Ihren Namen hatte sie von den reichen Kupfervorkommen der Umgebung, die inzwischen abgebaut waren und nur noch den Tourismus als Einnahmequelle ließen. Die Wildwasserfahrten auf dem angrenzenden Gulkana River waren sehr begehrt.

Nachdem sie ausgestiegen war, lief Carla einige Schritte, bis sie aus dem Dunstkreis der Cessna hinausgetreten war, und atmete die frische Luft ein. Nach den düsteren Rauchschwaden, die sie am Mystery River erlebt hatte, die reinste Offenbarung. »Ich wusste gar nicht, dass frische Luft sich so gut anfühlt«, sagte sie zu C. J., der sie mit einem der beiden Firmen-Pick-ups vom Flugzeug abholte.

»Und ich wollte mal Firefighter werden«, sagte er.

»Ehrlich?«

»Als kleiner Junge. Nach Hause?«

»Erst mal«, sagte sie, »aber könntest du warten? Ich stelle nur schnell meinen Koffer ab, dann will ich zum Center weiter. Wie geht es unseren Welpen?«

»Unverändert. Alles im grünen Bereich.« Er wartete, bis sie die Beifahrertür zugezogen hatte, und fuhr über die Schotterstraße nach Copperville hinab. Über ihnen zeigte sich der Himmel in einem verwaschenen Grau, in der Ferne waren Gewitterwolken zu erkennen. Einer dieser regnerischen Tage, an denen sich die Sonne versteckte und sich kaum ein Tourist in ihre Stadt verirrte.

Carla wohnte im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses am Ende der Main Street. Von ihrem Wohnzimmerfenster blickte man auf die auch im Sommer schneebedeckten Berge, vom Schlafzimmer auf die Straße und den Drugstore gegenüber. Sie stellte ihren Koffer ab, drehte die Heizung hoch, um es abends warm und gemütlich zu haben, und kehrte zu C. J. zurück.

»Wendy ist wieder bei uns«, sagte C. J. Die Achtzehnjährige, die erfolgreich die Highschool abgeschlossen hatte und im Herbst aufs College in Fairbanks gehen würde, hatte letztes Jahr schon als Praktikantin im Wolf Center ausgeholfen und sich sehr geschickt angestellt. »Sie bleibt den ganzen Sommer bei uns und wird auch während ihrer Collegezeit bei uns arbeiten.«

»So wie sie arbeitet, übernimmt sie irgendwann den Laden.«

»Gut möglich«, stimmte ihr C. J. zu. »Wer mit einem Rabauken wie Doc Holliday zurechtkommt, muss was von Wölfen verstehen. Er macht seinem Namen alle Ehre.« Sie hatten den Wolf nach einem bekannten Revolvermann aus dem Wilden Westen benannt. »Aber Wendy hat einen Draht zu ihm.«

Sie parkten vor dem Center, das in einem zweistöckigen Blockhaus untergebracht war. In den riesigen Gehegen hatten die dreizehn Wölfe genug Auslauf, die drei Wolfshunde, darunter auch Chico aus Kolumbien, lebten in einem eigenen Gehege. Ihr eigenes Reich besaßen auch die beiden Wolfswelpen, die sie vor dem Feuer gerettet hatte. Die Wölfe witterten sie schon, als sie ausstieg, und begrüßten sie mit einem Heulkonzert, das weithin zu hören war. Es schien fast, als freuten sie sich genauso über ihre Rückkehr wie sie.

Amy Morton saß am Empfang im Vorraum und blickte von ihrem Computer auf, als Carla das Center betrat. Sie arbeitete als »Mädchen für alles« für Wolf Aid – eine sportliche Frau, der man ihre einundsechzig Jahre nicht ansah. Während der Highschool hatte sie als Leichtathletin etliche Medaillen gewonnen, als Musherin war sie beim Iditarod zweimal unter die Top Ten gefahren. Und im vergangenen Winter hatte sie mit ihrem Hundeschlitten einen respektablen neunzehnten Platz belegt. Das Iditarod führte über tausend Meilen von Anchorage bis nach Nome und gehörte zu den härtesten Hundeschlittenrennen der Welt.

»Schon genug vom Feuer?«, begrüßte sie Carla mit einem herausfordernden Lächeln. Sie deutete auf den Wandkalender mit Bildern vom letzten Iditarod. »Nicht vergessen. Morgen beginnt dein grüner Monat. Veggie Time!«

»Hab ich das wirklich versprochen?«

»Einen Monat vegetarisch essen, wenn ich unter die ersten Zwanzig komme, das war dein Wetteinsatz. Und auf welchem Platz bin ich gelandet?«

»Auf dem neunzehnten.« Sie wand sich wie eine Schlange. »Können wir das nicht verschieben? In den Dezember zum Beispiel, da könnte ich mich von Schokolade und Cookies ernähren. Oder sind die auch nicht erlaubt?«

»Bei Vegetariern schon. Bei Veganern weniger, wenn Kuhmilch drin ist.«

»Aber so verrückt bist selbst du nicht.«

»Was nicht ist, kann ja noch werden«, erwiderte Amy lachend. Die Sticheleien gehörten bei ihnen dazu, obwohl auch Carla längst nicht mehr so viel Fleisch wie früher aß. »Aber bis Dezember kann ich nicht warten. Wettschulden sind Ehrenschulden, vergiss das nicht, und morgen wäre ein guter Tag, um sie endlich zu begleichen. Das Iditarod liegt ein halbes Jahr zurück.«

»Drei Monate.«

»Lange genug. Also, wie sieht’s aus?«

Carla schluckte. »Aber heute darf ich noch einen Wolfburger essen.«

»Bis um Mitternacht, dann nicht mehr.«

»Einen Monat?« Sie wollte es noch immer nicht glauben.

»Okay«, ließ sich Amy breitschlagen, »ich will mal nicht so sein. Eine Woche, aber die richtig. Haferflocken mit Obst zum Frühstück, viel Gemüse und Salat, zwischendurch ein Apfel … du wirst sehen, es wird dir gefallen.«

»Wie konnte ich nur so leichtsinnig sein!«

»Du hast mich unterschätzt, nicht wahr?«

»Alle haben dich unterschätzt«, erwiderte Carla. »Wer hätte denn gedacht, dass du zwei Champions hinter dir lässt? Du bist in Topform! Wenn du so weitermachst, errichten wir dir ein Denkmal und taufen unser Center in ›Amy Morton Wolf Center‹ um. Und den Wolfburger nennen wir Amyburger. Mit viel Tomaten und Salat. Das Fleisch verstecken wir unter den Zwiebeln.«

»Das fehlte noch.« Amy kicherte leise. »Ab morgen früh?«

»Meinetwegen.«

»Ach, übrigens«, besann Amy sich aufs Geschäft, »es hat jemand für dich angerufen. Einer der Firefighter, ein gewisser …« Sie suchte nach dem Zettel.

»Chief Baxter?«

»Phil McDonald. Ihr hättet euch in Cooper Landing getroffen.«

»Ach, du liebe Zeit!«, erschrak Carla.

»Ein neuer Verehrer?«

»Er war mir sympathisch, und ich war nett zu ihm. Mehr war nicht.«

»Das reicht manchmal schon, hab ich mir sagen lassen. Ich bin schon seit einiger Zeit aus dem Geschäft raus, wie du weißt, aber ich bin sicher, die Männer haben sich nicht viel geändert. Ein Wink, und schon sind sie da.«

»Es gab nicht mal einen Wink.«

»Vielleicht geht’s ja um was ganz anderes.« Amy gab ihr die Nummer und nippte an ihrem Avocado-Bananen-Smoothie, seit einiger Zeit ihr Lieblingsgetränk. »Und selbst wenn … so ein Firefighter ist doch was Handfestes.«

Carla ging vors Haus, um ungestört zu sein, und wählte die Nummer, die Amy ihr gegeben hatte. »Ich bin im Einsatz, sprecht bitte nach dem Piepton«, antwortete seine Voicemail. »Carla vom Wolf Center«, meldete sie sich betont geschäftlich, »ich sollte Sie zurückrufen. Ich melde mich später, okay?«

Sie ging noch einmal ins Haus. »Jason hat nicht angerufen?«

»Der Wolfsjäger? Nein … hat der nicht deine Nummer?«

»Ich wollte nur sichergehen.«

Sie ging nach draußen, um nicht ihre unangenehmen Fragen beantworten zu müssen, und atmete einmal tief durch, bevor sie zu den Gehegen neben dem Hauptgebäude lief. Nur für einen winzigen Augenblick dachte sie daran, Jason selbst anzurufen, doch diese Blöße würde sie sich nicht geben. Nicht, nachdem er sie versetzt hatte und sich nicht mal dafür entschuldigt hatte. Er wollte nichts mehr von ihr wissen, das sah doch ein Blinder, und sie hatte es nicht nötig, hinter jemandem herzulaufen, der sie nicht wirklich wollte. Schlimm genug, dass sie überhaupt wieder auf ihn reingefallen war. Inzwischen musste sie doch wissen, dass sie zu verschieden für eine Beziehung waren. Ein Wolfsjäger, der ein edles Tier nach dem anderen abknallte, für ein Blutgeld oder eine Kopfprämie, und eine Tierschützerin, das passte nicht zusammen. Zum Teufel mit ihm und anderen Männern, sie hatte wirklich andere Sorgen!

Ihr erster Weg führte sie zu Wendy, die sich gerade von Doc Holliday verabschiedete und aus dem Gehege kam. Die Begeisterung, wieder im Wolf Center arbeiten zu dürfen, sprach der Praktikantin aus beiden Augen. Sie wirkte sehr natürlich und lebhaft und trug eine der neuen Wolf-Aid-Kappen, die man neuerdings im Museumsshop des Centers kaufen konnte. Wolf Aid war der Name der Organisation, zu der auch das Wolf Center gehörte. Man hatte sich die Pflege von verletzten und ausgesetzten Wölfen und die Aufklärung über den wahren Charakter von Wölfen auf die Fahnen geschrieben.

»Wendy! Schön, dass du wieder hier bist!« Carla deutete auf den sonst so grimmigen Doc Holliday, der Wendy nur ungern gehen ließ. »Wie ich sehe, kommst du blendend mit ihm aus. Du hast ein Händchen für Problemwölfe.«

»Doc ist ein lieber Kerl. Der tut nur so grimmig.«

»Und in ein paar Wochen geht’s aufs College?«

Wendy klopfte den Schmutz von ihrem Overall. Sie war überhaupt nicht eitel und schien sich in Overall und Gummistiefeln am wohlsten zu fühlen. »Nach Fairbanks. Ich hab schon daran gedacht, eine Ausbildung zur Tierärztin anzufangen, dann könnte ich mich hier noch nützlicher machen. Was du machst, verletzte Wölfe aus dem Feuer holen oder Vorträge an Schulen zu halten, liegt mir nicht so. Ich würde am liebsten nur mit den Tieren arbeiten.«

»Klingt gut. Warst du schon immer so tierlieb?«

»Solange ich denken kann«, antwortete Wendy. »Als kleines Mädchen hatte ich einen Goldhamster, dem konnte ich stundenlang zusehen. Ich hab furchtbar geheult, als er starb. Außerdem hatten wir einen Hund, einen Golden Retriever, und später eine Collie-Hündin. Aber das war’s nicht. Auf Wölfe kam ich durch eine Doku im Fernsehen, die Geschichte eines Wanderwolfs, der quer durch Europa lief, um eine neue Partnerin zu finden. Seitdem habe ich viel über Wölfe gelesen. Und als meine Eltern und ich meine Großeltern in Colorado besuchten, waren wir in einem Wolf Center in der Nähe von Colorado Springs, ähnlich wie dies hier, und das war es dann. Da war mir klar, dass ich auch mal in einem Wolf Center arbeiten wollte. Auf Wolf Aid und unser Center stieß ich erst im Internet.« Sie lächelte. »Schon komisch, dass ich nach Colorado fliegen muss, um ein Wolf Center kennenzulernen.«

»Mir ging es ähnlich«, erwiderte Carla. »Du wirst lachen, aber ich hab mich immer über den großen bösen Wolf in den Mickey-Mouse-Geschichten gewundert. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ein Tier so böse sein kann. Als ich älter wurde und sah, dass Wölfe auch in den Geschichten für Erwachsene die Bösen waren, wurde ich neugierig. Ich begann mich für Wölfe zu interessieren, fand heraus, wie sie wirklich waren, und studierte Biologie. Während des Studiums war ich bei einem Forschungsprojekt dabei. Wir verbrachten ein Vierteljahr in den Chugach Mountains und beobachteten ein Wolfsrudel.«

Wendy zog ihre Kappe in den Nacken. »Da wäre ich auch mal gerne dabei. Schon seltsam, dass Wölfe so verteufelt werden. Dabei sind sie uns so ähnlich. Nur dass sie das mit dem Zusammenleben meist besser hinbekommen.«

»Das ist wahr«, sagte Carla und dachte an Jason.

Sie hatten das Gehege der Welpen erreicht und blieben eine Weile davor stehen. Maya und Duke wirkten müde und etwas orientierungslos, auch wegen der starken Medikamente, die C. J. ihnen verschrieben hatte. Es würde noch geraume Zeit dauern, bis sie ihr Trauma endgültig überwunden hatten und wieder vollkommen gesund waren. Dazu gehörte auch, sie an die Gesellschaft der anderen Wölfe im Center zu gewöhnen. Ihr Zwinger war nur durch einen Maschendrahtzaun vom Gehege ihrer älteren Artgenossen getrennt.

»Maya ist schon etwas weiter«, sagte Wendy. Sie öffnete das Gatter, und sie betraten den Zwinger der Welpen. »Duke fremdelt noch ein bisschen.«

»Auch bei den Wölfen liegen die Mädels vorn.«

Carla ging in die Hocke und betrachtete die Welpen aus der Nähe. Maya hatte ein schneeweißes Fell und ungewöhnlich dunkle Augen und bewegte sich nicht so toll-patschig wie Duke, dessen Fell ebenfalls weiß und nur im Gesicht dunkler war. Beide lagen auf einer Wolldecke und sahen mager aus.

»Acht Wochen«, schätzte Carla, »sie brauchen viel Pflege.«

»Das sagt C. J. auch«, erwiderte Wendy. »Er hat einen Ernährungsplan für sie aufgestellt, den ich genau einhalten muss. Morgens gibt es Haferschleim, und alle vier Stunden soll ich ihnen die Flasche geben. C. J. hilft mir die ersten paar Tage, dann darf ich sie allein füttern. Das ist doch okay für dich?«

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