Читать книгу: «Herzstücke in Oberbayern»
CHRISTINE METZGER, FRANZ MARC FREI

HERZSTÜCKE
IN OBERBAYERN
BESONDERES ABSEITS DER BEKANNTEN WEGE ENTDECKEN


LIEBE LESERIN,
LIEBER LESER,
Sie wollen Oberbayern erkunden und fragen sich, ob es in dieser Region überhaupt noch weiße Flecken gibt. Bier, Berge, barocke Bauten – so kennen Sie Oberbayern, so wird es in unzähligen Reiseführern beschrieben. Und da soll es noch »Besonderes abseits der bekannten Wege« zu finden geben?

Ja, gibt es. Denn Oberbayern bietet so viele Superlative, dass manches, was in kulturell und landschaftlich weniger reichen Gegenden mit drei Sternen im Reiseführer ausgezeichnet würde, hier nicht mal einen erhält.
Diese verborgenen Schätze zu finden, war mir ein Vergnügen. Und ich lade Sie ein, mit mir auf die Reise zu gehen. Glauben Sie mir: Es gibt noch Land zu entdecken. Auch im 21. Jahrhundert.
Dabei wünsche ich Ihnen viel Spaß.

Inhalt
IMMER: EINE SÜNDE WERT! MEINE LIEBLINGSLÄDEN ZUM ESSEN, TRINKEN UND EINKAUFEN
1 Vom Forsthaus zum Wirtshaus
2 Rückschüttmühlenromantik
3 Planegg: Schlemmeregg
4 Ismaning: Obatzt is!
5 Kraut für den Bischof
6 Dießen: Töpfer mit Tradition
7 Herrsching: Top Secret
8 Berg: Bücher statt Brote
9 Kochel: Birnen mit Schlagrahm
10 Brauneck, Stie-Alm: Alles Käse
11 Nur wer gegessen wird, überlebt
12 Gotzing: Kleinbonum in Bayern
13 Lufttürme statt Almhütten
14 Rosenheim: vom Korn zur Bohne
15 Aschau: Werkzeug und Kunstobjekt
16 Schönau am Königssee: Brand vom Berg
17 »Die kleidsame Volkstracht«
18 Mariabrunn: heilendes Wasser, süffiges Bier
DA WILL: ICH HIN TRADITION, ÜBERRASCHENDES, MODERNES LEBEN
19 München: Oberbayern ist eine Schäferin
20 Neuried: eintreten oder austreten?
21 Neuhausen: kein Killer, kein Opfer
22 Wie der Masskrug seinen Deckel verlor
23 Kirchseeon: das Fürchten lernen
24 Ein großer kleiner Finger
25 Schöngeising: Licht in allen Straßen
26 Unterbrunn: Wo die Meisterdiebe wohnen
27 Zugspitze: cool und kalt
28 Schachen: oben, »weit, in der Türkei«
29 Die Storchenwürde ist unantastbar
30 Lenggries: Steine gab’s und wenig Brot
31 Gmund: Papier für die Welt
32 Hausham: Kunst und Kohle
33 Bad Aibling: Historismus und Jugendstil
34 Schloss Amerang: offen für alle
35 Wasserburg: Sommerfrische fürs Bier
36 Freilassing: Karussell für Lokomotiven
37 Mühldorf: Skurriles für Jäger und Gejagte
38 Wolnzach: Bier und Schokolade
39 Hochfelln: in memoriam Loriot
40 Hinterkaifeck: blutige Provinz
41 Eine urbayerische Maschine
42 Möckenlohe: der Bauer als Historiker
43 Altmühltal: Lammabtrieb
MAL WIEDER: ZEIT FÜR KULTUR!
44 Ebersberg: die Botschaft der Bäume
45 Dachau: kein Haus, ein Ort
46 Altomünster: das Erbe des Alto
47 Jesenwang: Sterne, Blüten, Hufgetrappel
48 Vilgertshofen: ohne Worte
49 Pestenacker: ab in die Steinzeit
50 Utting: Jugendstil-Juwel
51 Andechs: Carl, Carmina und der Klerus
52 Die Wasserspiele der Wittelsbacher
53 Landsberg am Lech: der Herkomerturm
54 Polling: vergessene Künstlerkolonie
55 Murnau: der Millionenkeller
56 Oberammergau: Welten hinter Glas
57 Partenkirchen: Raetia und Rasso
58 Penzberg: die Vorzeigegemeinde
59 Bad Tölz: Giebe-Gabi und wie er die Welt sah
60 Auf den Spuren von Quirin Roth
61 Altenstadt: strumpfsockert
62 Obersalzberg: delikates Erbe
63 Das Werk lobt den Meister
64 Garching an der Alz: Blick in die Wohnküche
65 Altötting: Reise nach Jerusalem
66 Die Kleine Wies
67 Platzproblem grandios gelöst
68 Alles für unsere Wittelsbacher
69 Der Sohn des Stadtmaurers
70 Manching: Gottes Zeltmacher
71 Die Nestbeschmutzerin
72 Große und kleine Kostbarkeiten
73 Großes Theater mit kleinen Mitteln
74 Eichstätt: Kriegserinnerungen
75 Urschalling: die heilige Geistin
76 Von jungen Künstlern und alten Pferden
HEUTE: WILL ICH RAUS!
77 Unterweikertshofen: Hecken und Bäume
78 Pullach: freie Fahrt für Flöße
79 Schäftlarn: in Gottes Garten
80 Glonn: erfrischend nostalgisch
81 Baumwollbällchen und Purpurteppich
82 Hohenpeißenberg: alle Wetter
83 Die Welt unter einem Dach
84 Magie der Bäume
85 Auf den Spuren der Rindviecher
86 Urfeld: ihr Haus, sein See
87 Grub: »gutes Wasser« für München
88 Sie säen nicht und sie ernten doch
89 Technik und Natur im Einklang
90 Großfamilientauglich
91 Höhenflug am Schloss
92 Haßlberg: Kalkstein spielt Marmor
93 »Hackl nehma und in Holzschlag geh’n«
94 Von Staffelei zu Staffelei
95 Im Palast der Schneekönigin
96 Oberschroffen: vom Eise befreit
97 Mühldorf: Fährmann, hol’ über!
98 Haager Land: wo Weiher Kessel sind
99 Freising: von Bären und Rosen
100 Jetzendorf: In allen Wipfeln ist Unruh’
IMMER
EINE SÜNDE WERT!
MEINE LIEBLINGSLÄDEN ZUM ESSEN, TRINKEN UND EINKAUFEN
1 Vom Forsthaus zum Wirtshaus
2 Rückschüttmühlenromantik
3 Planegg: Schlemmeregg
4 Ismaning: Obatzt is!
5 Kraut für den Bischof
6 Dießen: Töpfer mit Tradition
7 Herrsching: Top Secret
8 Berg: Bücher statt Brote
9 Kochel: Birnen mit Schlagrahm
10 Brauneck, Stie-Alm: Alles Käse
11 Nur wer gegessen wird, überlebt
12 Gotzing: Kleinbonum in Bayern
13 Lufttürme statt Almhütten
14 Rosenheim: vom Korn zur Bohne
15 Aschau: Werkzeug und Kunstobjekt
16 Schönau am Königssee: Brand vom Berg
17 »Die kleidsame Volkstracht«
18 Mariabrunn: heilendes Wasser, süffiges Bier

01
VOM FORSTHAUS ZUM WIRTSHAUS
Von vielen unbemerkt ist die Welt im Dezember 2013 wieder ein Stückchen härter und herzloser geworden: Am 27. des Monats strahlte das ZDF die letzte Folge von Forsthaus Falkenau aus. Nach 25 Jahren und 321 Episoden kam das Aus. Die jungen Leute, so hieß es, sähen lieber Krimis.
Das ist es dann wohl, das Ende des romantischen Bilds vom Förster, das schon in den 50er-Jahren etabliert wurde. Der Förster vom Silberwald zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Filmen und lockte rund 28 Millionen Besucher ins Kino. Zugegeben, der Berufsstand bietet nicht mehr viel Romantik. Das Ökosystem Wald wird heute von Fachleuten gemanagt, die als Forstingenieure oder Forstwissenschaftler ein Studium mit breiter Fächerkombination absolviert haben. Das Bild vom edlen Naturburschen im grünen Loden, der mit seinem Hund durch den Wald streift, Wilderern und Holzdieben Paroli bietet und mit Bäumen und Tieren spricht, passt nicht mehr. Der Förster von heute verbringt 80 Prozent seiner Zeit am Schreibtisch, und seine Dienstwohnung ist längst nicht mehr das Forsthaus.
Dass sich diese Häuser anders nutzen ließen, erkannte man früh – Waldspaziergänge machen bekanntlich durstig. So erhielt das um 1880 erbaute Forsthaus Hubertus im Ebersberger Forst bereits 1955 die »Belieferungszusage« einer Brauerei. Die heutigen Wirtsleute haben es mit viel Deko geschmückt, die bestimmt kein Förster in Wohnung oder Garten hatte, aber drinnen wie im Biergarten sitzen Sie gemütlich, die Küche bietet regionale und Bio-Produkte, Service und Preis stimmen. Das mitten im Wald gelegene Wirtshaus ist ein ideales Ausflugsziel für Familien: Sie können die Kinder getrost aus den Augen lassen, hier toben sie ungefährdet. Entsprechend familienorientiert ist auch das Veranstaltungsprogramm. Im Sommer findet das Waldfest statt und in der Adventszeit kommt der Nikolaus mit Rauschebart und Engelein in seiner Kutsche angefahren. Wenn Petrus dann noch mitspielt und den »Silberwald« liefert, können Sie über mangelnde Romantik nicht klagen.
Forsthaus St. Hubertus · Mitte März–Mitte Jan. Do–Sa ab 17.30, So 11–18 Uhr St. Hubertus 1 · 85560 Ebersberg · Tel. 08092/857 99 96 · www.forsthaushubertus.de

02
RÜCKSCHÜTTMÜHLENROMANTIK
Die Kinder, sagt man gerne, wenn Gespräche mal wieder in Richtung Kulturpessimismus driften, wüssten nicht mehr, wie unsere Lebensmittel entstehen. Aber wissen’s die Eltern? Haben die eine Ahnung, was eine Rückschüttmühle ist? Dann wird’s höchste Zeit für einen Familienausflug nach Forstinning. Die Wolfmühle gehört zu den wenigen noch aktiven Getreidemühlen, und die Besitzer, die das Unternehmen schon in der vierten Generation betreiben, haben sie zu einem Ziel für naturferne Städter gemacht. Auf der Terrasse am Bach sitzt man wunderschön, es finden Mühlenführungen statt, einmal im Jahr wird das Mühlenfest gefeiert. Und was auf den Tisch kommt oder im Laden verkauft wird, ist alles bio.
Wolfmühle 1 · 85661 Forstinning · Gartencafé März–Okt. So 12–18 Uhr, Laden Di–Fr 9–18, Sa 8–13 Uhr · jeden Pfingstmontag Mühlenfest · www.wolfmuehle.de

03
PLANEGG: SCHLEMMEREGG
Wenn die Einheimischen behaupten, sie hätten die beste Eisdiele und die Schnitzel beim »Kottmeier« seien einfach sensationell, ebenso exquisit wie die Kreationen des lokalen Konditors, müssen Sie ihnen nicht glauben. Lokalpatriotismus treibt oft bunte Blüten.
Entdecken Sie aber Autokennzeichen, die beweisen, dass Genießer auch aus anderen Landkreisen zum Pe.Es. Kottmeier pilgern, oder sehen die Schlangen, die sich vor dem Café Richter oder dem Purogelato stauen, weicht die Skepsis. Wirklich beurteilen, ob die Planegger angeben oder nicht, kann jeder nur selbst. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie schneidet Planegg kulinarisch ab? Lokalpatriotismus oder Schlemmeregg?
Pe.Es. Kottmeier · Bräuhausstr. 18 · Garten an der Würm · pe-es.de · Café Richter · Bahnhofstr. 47 Kuchen, Torten · cafe-richter.de · Purogelato · Poststr. 4 · hausgemachtes Eis

04
ISMANING: OBATZT IS!
Wo bleibt Brüssel? Wie kann es angehen, dass ein wildes Volk im Süden Deutschlands macht, was es will, und niemand herbeieilt, um eine regionale Käsespezialität ins Raster der EU-Normen zu pressen? Agieren in Brüssel bayerische Obatzder-Lobbyisten, fließen Bestechungsgelder zum Erhalt der Vielfalt?
Die einen schwören auf Kümmel, was andere zurückweisen – sie würzen nur mit mildem Paprikapulver. Camembert oder Brie? Vermengt mit einem Stich Butter oder Frischkäse? Auch bei den Zwiebeln scheiden sich die Geister: gar nicht, fein gewürfelt beigemischt oder als Ringe drapiert. Gleich wie er zubereitet wird, ob er mild schmeckt oder kräftig – die Wirte dürfen ihr Produkt Obatzder nennen und miteinander in Wettstreit treten, wer den besten kreiert. Dabei schneidet der Gasthof zur Mühle in Ismaning besonders gut ab. Ein Bier, eine Brezn zum Obatzdn, Kastanien und das Rauschen des Bachs, der früher die Jungmüllersche Mühle antrieb – der Gasthof mit dem schönen Biergarten ist seit vier Generationen im Besitz der Familie Seidl.
In dem hübschen Schloss-park von Ismaning blieb ein Pavillon erhalten, der als Galerie dient. Dort finden wechselnde interessante Ausstellungen statt.
»Wo Wasser ist, dreht sich immer was«, war das Motto von Johann, der das Anwesen erwarb. Sohn Anton erbaute 1894 die Gastwirtschaft, die – denkmalgeschützt – noch heute erhalten ist. Was seine Nachfahren mit Wasser machen würden, ahnte Johann nicht: Das Hotel bietet Pool und Sauna, in den Konferenzräumen steht Wasser bereit für die Geschäftsleute, die hier tagen. Die Verkehrsanbindung ist ideal. Seit 1992 der neue Münchner Flughafen eröffnet wurde, lautet das Motto: »Wo Flugzeuge sind, dreht sich immer was.« In puncto Geschäftsessen bietet die Küche Feinstes auf internationalem Niveau. Die Tradition kommt dabei nicht zu kurz: Im Biergarten dürfen Sie noch immer die eigene Brotzeit mitbringen. Auch den Obatzdn, wenn Sie meinen, dass Sie ihn besser machen als der Koch der Mühle.
Gasthof und Hotel zur Mühle · Kirchplatz · 85737 Ismaning · Tel. 089/96 09 30 www.hotel-muehle.de

05
KRAUT FÜR DEN BISCHOF
Gibt es Steigerungsformen von Kraut? Im Bairischen schon: »krauterer, krautest«. »Dees krauteste Kraut werd z’ Ismaning baut«, lautet ein alter Spruch. Ein anderer reicht ebenfalls weit zurück, ein Seufzer, der erstmals 1509 erklang: »Oh mei, oh mei: Uns hams ghaut. Hätt man bloß koa Bischofskraut!«
Ghaut. Auf Hochdeutsch klingt das dramatischer: vom Schicksal geschlagen. Ein hartes Los trugen sie also, die Ismaninger. Und das fast 300 Jahre lang. Bis zur Säkularisation band der Pakt die Bauern, den sie 1509 mit Bischof Philipp von Freising geschlossen hatten. Der überließ ihnen die Krautäcker als Gemeineigentum und forderte als Gegenleistung, »jährlich zu der Hofhaltung zu Freising 2500 zeitige Krautköpf zu liefern«. Und zwar das »schenst und sauberst ausklaubte« Kraut. Die kirchlichen Herren wussten schon immer, was gut war, und das Kraut aus Ismaning war nun mal das »krauteste«. Das lag einerseits am Boden (Kalktuff), andererseits an der Sorte, die die Bauern über Jahrhunderte gezüchtet hatten. Das »Ismaninger Weißkraut« ist hell, flachköpfig und besonders mild. 1890 erhielt es auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille und wurde damit zum Exportartikel. Damals aber war die große Zeit des Kohls als Hauptnahrungsmittel, Vitaminlieferant und vor allem als Gemüse, das sich in Form von Sauerkraut konservieren ließ, schon vorbei. 1810 wurde die Konservendose erfunden, und in die wanderte nun auch das Sauerkraut – mit entsprechendem Qualitätsverlust.
Der Anbau der alten Kultursorte ist arbeitsintensiv und nicht sehr ertragreich. Und so gibt es nur noch wenige Bauern, die das Ismaninger Kraut anbieten. Einer von ihnen ist der junge Gärtnermeister und durch eine Facharbeit ausgewiesene Sauerkrautexperte Adolf Sieber vom Holzerhof. Als zweites Standbein haben sich Vater und Sohn dem Obstanbau zugewandt. Die Idee, aus dem Obst Marmeladen zu machen und Brände zu destillieren, ist naheliegend. Aber einen Krautschnaps brennen und Sauerkrautschokolade kreieren, das kann nur einer: ein echter Sauerkrautexperte.
Holzers Hofladen · Mo–Fr 8.30–12.30, 14–18.30, Mi 8.30–12.30, Sa 8.30–13.30 Uhr Holzerhof · Münchner Str. 70 · 85737 Ismaning · Tel. 089/96 64 02 · www.holzerhof.eu

06
DIESSEN: TÖPFER MIT TRADITION
Für Keramiker ist die Erde eine Scheibe. Und in deren Zentrum hat Dießen als einer der Top-Ten-Töpfermärkte in Europa seinen festen Platz. Diese Position verdankt der Ort dem Keramiker Ernst Lösche. Der wollte 1962 einen Baum pflanzen und stieß auf Keramikbruch. Ein Fund, der belegte, dass hier schon andere Töpfer vor Lösche tätig waren. Er forschte weiter und konnte belegen, was längst in Vergessenheit geraten war: Dießen war vom 11. bis zum 18. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Keramikmanufaktur. Das kleine Museum gibt einen historischen Überblick, besonders schön ist der Park, in dem Keramikobjekte zauberhafte Akzente setzen.
Loesche Keramik · Am Kirchsteig 19 · 86911 Dießen · Tel. 08807/18 77 Töpfermarkt · Christi Himmelfahrt vier Tage · Museum: Markttage 10–18 Uhr, sonst n. Vereinb.

07
HERRSCHING: TOP SECRET
Egoismus ist kein schöner Charakterzug. Aber manchmal ist er notwendig. Zum Beispiel, wenn Sie ein Hotel entdeckt haben, in dem es nur neun Zimmer gibt. Also stapeln Sie tief, wenn Freunde fragen, wo Sie in Herrsching absteigen: »Altes Bauernhaus, nein, liegt nicht am Wasser. Aber ruhig.«
Kein Wort über das grandiose Design der Hotelzimmer, die kuscheligen Bademäntel und die Sauna. Und bloß nichts über das Restaurant, den Küchenchef und seine fantastischen Kreationen. Sonst buchen Ihnen die Freunde die Zimmer vor der Nase weg, und Sie gehen leer aus, wenn Sie wieder mal ein paar Tage ins Fünfseenland fahren und im Romantik Hotel Chalet am Kiental abschalten wollen.
Romantik Hotel Chalet am Kiental · Andechsstr. 4 · 82211 Herrsching am Ammersee Tel. 08152/98 25 70 · www.gourmetchalet.de

08
BERG: BÜCHER STATT BROTE
Was haben Lübeck an der Ostsee und Berg am Starnberger See gemein? Beide haben Söhne hervorgebracht, die ihre Geburtsorte literarisch porträtierten und lange als Nestbeschmutzer galten. Und: Sie haben sich mit den Söhnen versöhnt und sind heute stolz auf ihren Thomas Mann und ihren Oskar Maria Graf.
In Berg trägt eine Straße seinen Namen, in Aufkirchen steht ein Denkmal, das den Schriftsteller zeigt. In der kurzen Lederhose und mit Janker natürlich. So ist er auch an der Fassade vom Oskar Maria Graf Stüberl dargestellt, im Inneren erinnern Fotos an den Bäckersohn, der 1894 hier geboren wurde. Die Familie seiner Mutter bewirtschaftete seit Jahrhunderten einen einsamen Hof in Aufkirchen, und Graf nützt den Roman Das Leben meiner Mutter, um die Geschichte des Starnberger Sees weit zurückzuverfolgen. Mit den Augen der Bauern beschreibt er die gravierenden Veränderungen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert auch das Leben der kleinen Leute betrafen.
Informativ und interessant: der Berger Kulturspaziergang. Er führt auch zu dem Holzkreuz im See, das den Fundort der Leiche Ludwigs II. markiert.
Grafs Lebensweg schien vorgezeichnet: Dorfschule und Bäckerlehre. Doch der Junge entdeckte früh seine Liebe zur Literatur, und ihm die auszuprügeln, wie es der Bruder Max versuchte, misslang. Der 17-Jährige floh nach München, nahm Kontakt zu anarchistischen Kreisen auf und beteiligte sich an der Revolution 1918. Graf war zeitlebens Pazifist und aufrechter Linker. So erregte es ihn zu Recht, dass seine Werke bei der Bücherverbrennung 1933 fehlten. »Verbrennt mich«, schrieb er in der Wiener Arbeiter Zeitung, und sein Freund Bertolt Brecht dichtete: »Tut mir das nicht an! Lasst mich nicht übrig! Habe ich nicht / Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt / Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch: / Verbrennt mich!« Graf erhielt Satisfaktion: Die Deutsche Studentenschaft organisierte für ihn eine Verbrennung seiner Bücher.
Oskar Maria Graf Stüberl · Mo, Mi–So 10–23 Uhr · Grafstr. 9 · 82335 Berg am Starnberger See · Tel. 08151/516 88

09
KOCHEL: BIRNEN MIT SCHLAGRAHM
Vorbei die Zeiten, als Sie im Museumscafé trockene Sandwiches und Kaffee bekamen, der nach stundenlangem Intimkontakt zwischen Glaskanne und Wärmeplatte jegliches Aroma verloren hatte. Heute bespielen Spitzengastronomen die Musentempel, und was sie kreieren, ist mehr als nur Knochenbeigabe zum Kunstgenuss.
Warme Holztöne, viel Weiß – das Restaurant & Café Blauer Reiter präsentiert sich modern und schnörkellos. Terrasse, Blick auf Kochelsee und Berge, erlesene Weinkarte, innovative Küche – kein Wunder, dass hier nicht nur Museumsgäste speisen, sondern viele extra zum Essen kommen. Der Wirt muss dem Gast, der nur eine Kleinigkeit will, ebenso gerecht werden wie jenen, die ein Menü wünschen. Wenn Gruppen durchs Museum strömen, wird‘s hektisch, aber das Personal hat das gut im Griff.
In einem verwunschenen Bauerngarten sitzen und Kuchen essen, der schmeckt, als hätte ihn die Oma gemacht – solche Wonnen bietet das Café Giggerer, Kalmbachstr. 13.
Nur der Gast, der nach dem Mahl in die Museumsräume tritt, mag Schwierigkeiten bekommen. So aufs Kulinarische gepolt, kann es passieren, dass man vor einem Bild von Franz Marc aus dem Jahr 1911 steht und denkt: Stillleben. Birnen mit Schlagrahm. Stimmt nicht, es sind Hocken im Schnee. Hocken sehen aus wie Heuhaufen, in deren Mitte Stangen stecken, aber sie bestehen aus Riedgras. Marc hat dieses Motiv immer wieder gemalt, 1910 naturalistisch, 1911 in Rot, Gelb, Grün, den Grundfarben, die er nach langem Ringen als die der »Wesensform« (»ich male überhaupt nur mehr das Allereinfachste«) angemessenen »Wesensfarben« gefunden hatte. Mit diesen Grundfarben arbeiteten auch die Mitglieder der Künstlergruppe »Brücke«, von denen das Museum ebenfalls Werke zeigt.
Farbenlehre, Bilder vergleichen, Parallelen finden – ein bisschen viel für ein Hirn, das nach dem Essen nicht optimal mit Blut versorgt wird. Vielleicht ist es besser, erst ins Museum und dann ins Restaurant zu gehen.
Restaurant & Café Blauer Reiter · Di–So 10–17 Uhr · Franz-Marc-Park 8–10 82431 Kochel am See · Tel. 08851/929 28 60 · www.restaurant-blauerreiter.de

10
BRAUNECK, STIE-ALM: ALLES KÄSE
»Wo kommen die Löcher im Käse her?« Mit dieser Frage provoziert ein kleiner Junge in Kurt Tucholskys gleichnamiger Erzählung ein Familiendrama. Keiner kennt die Antwort, die Erwachsenen zerstreiten sich heillos, das Ganze endet mit Privatbeleidigungsklagen, umgestoßenen Testamenten etc.
Heute fragen die Kinder nicht mehr, sie googeln, die Familie bleibt intakt und kann einen Ausflug planen. Ziel: die Stie-Alm auf dem Brauneck mit der höchstgelegenen Käserei Bayerns (1500 m). Die Alm bietet Übernachtungsmöglichkeiten und die sollte man nutzen. Dann können die Kinder in der Früh sehen, wie die Kühe zum Melkstall gehen und müssen nicht googeln, wo die Milch herkommt. Schon beim Frühstück wird klar, dass der hier produzierte Käse keine Löcher hat. Und dass er von ausgezeichneter Qualität ist: 2013 erhielt der Bergkäse von der Stie-Alm auf der »Internationalen Almkäseolympiade« eine »Käseharfe in Gold«. Was eine Käseharfe ist und wie sie eingesetzt wird, erfährt man, wenn man den Käser bei seiner Arbeit beobachtet.
Während die Kühe auf der Alm leben, verarbeitet der Käser die Abendmilch vom Vortag zusammen mit der am Morgen gemolkenen jeden Vormittag auf dem Berg. Sie wird in einem Kupferkessel erhitzt, mit Lab versetzt, einem Gerinnungsmittel, das meist aus dem Kälbermagen stammt. Und nun kommt die Käseharfe zum Einsatz: Mit ihr zerschneidet der Käser die Gallerte, es entsteht der Bruch. Der muss in diesem Fall sehr klein zerstückelt werden, denn der Bergkäse ist ein Hartkäse. Den Bruch hebt man mit einem Käsetuch aus dem Kessel, ein Teil der Molke tropft ab, um sie weiter zu reduzieren, füllt man die Masse in eine Form und setzt eine Presse ein. Der Rest ist Ruhen: Der Käse kommt ins Salzbad und dann in den Reifekeller.
Wie gut ein Käse schmeckt, hängt von der Qualität der Milch, sprich von der Qualität des Grases ab, das die Kühe fressen. Die finden auf der Alm eine reich gedeckte Wiese, dazu noch gute Luft und einen schönen Blick zum Karwendel – glückliche Kühe, preisgekrönter Käse.
Stie-Alm · Latschenkopf 5 · 83661 Lenggries · Tel. 08042/23 36 · www.stie-alm.de

11
NUR WER GEGESSEN WIRD, ÜBERLEBT
Gefährdete Tierrassen – denken Sie da auch automatisch an Exoten, letzte Exemplare ihrer Art, die geschützt in fernen Reservaten oder Zoologischen Gärten leben? Genauso automatisch läuft die Assoziationskette beim Wort »Haustier« ab: Hund, Katze, Hamster, Meerschweinchen, Wellensittich, Zierfische …
Haustiere erfreuen die Seele, Nutztiere füllen den Magen. So denken wir heute und stolpern über den Begriff »alte, gefährdete Haustierrassen«. Hund vom Aussterben bedroht? Wohl kaum. Nein, es geht um Schafe, Ziegen, Kühe, Federvieh, Schweine, Pferde – Tiere, die früher zu Haus und Hof gehörten und in vielfältigen Rassen vorkamen, die sich über Generationen ihrer natürlichen Umgebung in den verschiedenen Regionen angepasst hatten. Diese alten Haustierrassen waren gesund und widerstandsfähig und konnten auch mehrere Funktionen erfüllen. Der Ochse zum Beispiel diente als Arbeitstier und Fleischlieferant. Heute halten die meisten Landwirte nur noch Tiere, die auf Leistung gezüchtet sind: Kühe sollen bis zu 40 Liter Milch am Tag geben, Hühner möglichst viele Eier legen, Puten riesige Brüste entwickeln. Rassen, die keine Turboleistungen erbringen, sterben aus, allein in Deutschland stehen rund 90 auf der Roten Liste.
Schade, denkt man beim Anblick der rotbraunen Murnau-Werdenfelser auf dem Hof der Familie Schlickenrieder, das sind doch wirklich hübsche Kühe. Und die Bergschafe, was für süße Schnauzen! Aber bei dem, was die Schlickenrieders sich zur Aufgabe gemacht haben, geht es nicht um Sentiment. Ihr Betrieb ist weder Gnadenhof noch Streichelzoo. In den Arche-Höfen soll Genmaterial erhalten bleiben, das mit den alten Rassen unwiederbringlich zu verschwinden droht. Schlickenrieders sind Vollerwerbslandwirte, das heißt, sie können die Tiere nur halten, wenn ihre Produkte Absatz finden. Sprich: Aufessen, damit die Rasse erhalten bleibt. Trinken für den guten Zweck geht auch, im Hofladen gibt es neben Biofleisch von Lamm, Rind und Schwein, Naturloden und Fellen auch hausgebrannte Edelschnäpse.
ArcheHof Schlickenrieder · Markweg 50 · 83624 Otterfing · Tel. 08024/925 25 www.archehof-schlickenrieder.de

12
GOTZING: KLEINBONUM IN BAYERN
Die Tschüßitis ist eine ansteckende Krankheit, die sich unaufhaltsam von Norden nach Süden ausbreitet. In Bayern sind so viele von ihr befallen, dass die Menschen das Krankheitsbild gar nicht mehr erkennen und eher jene für abnorm halten, die sich mit einem »Servus« oder »Pfiadi« verabschieden.
Auch andere Erreger treiben ihr Unwesen. Sie verursachen das Hallo-Syndrom, Morbus Lecker und die Ok-Diarrhoe. Für den medizinischen Laien: Wenn Sie in einem Wirtshaus mit einem flotten »Hallo« gegrüßt werden, man ihnen den »Schweinebraten« als »superlecker« empfiehlt und die Bedienung die Bestellung mit einem lang gezogenen »ookaaay« bestätigt, ist anzunehmen, dass die Küche ebenso wenig authentisch ist wie die Sprache.
Auf der Speisekarte der Gotzinger Trommel steht »rustikaler Schweinsbraten mit aran reschn Schwartl«, und der schmeckt nicht nur ausgezeichnet, auch das Bairisch ist korrekt: »In Bayern sagt man Schweinsbraten, weil bei uns ein Schwein so groß ist, dass man mehrere Braten herausbringt. Beim Schweinebraten sind die Viecher so klein, dass mehrere Schweindl nötig sind, um einen Braten zu bekommen«, erläutert die Karte. Die nennt Nockerl »Noggal«, Suppe »Suppm«. Alles ist »hausgmachd« denn der Wirt Hans Triebel legt genauso viel Wert auf die Qualität seiner Küche wie auf die Pflege der Sprache. Das alte Wirtshaus aus dem 17. Jahrhundert als »urig« zu bezeichnen, verbietet sich, es ist eine »Traditionswirtschaft«.
Hans Triebel war mal Vorsitzender des Vereins zur Förderung der bairischen Sprache und Dialekte, jetzt widmet er sich lieber seinem Theater, übersetzt Stücke ins Bairische und tritt auch selbst auf. In der Halle finden regelmäßig Lesungen, Kabarettabende und Musikveranstaltungen mit bekannten Künstlern statt. 2006 hat er übrigens bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil er Gotzing zur »Tschüßfreien Zone« erklärte. Kleinbonum in Oberbayern. Doch der Widerstand ist zwecklos. Die Seuche kann man nicht niederprügeln wie römische Legionäre. Sie breitet sich aus. Unsichtbar, aber leider nicht unhörbar.
Gotzinger Trommel · Mi–So 11–24 Uhr · Gotzing 1 · 83629 Weyarn · Tel. 08020/17 28 www.gotzinger-trommel.de

13
LUFTTÜRME STATT ALMHÜTTEN
Was sind Lufthütten? Luftschlösser für Arme? Nein, es sind Produkte der Reformbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die den »zivilisationsgeschädigten« Menschen heilen wollte. Der Weg hieß »Zurück zur Natur«, und dabei sollte auch der Körper mit Licht und Luft in Berührung kommen.
Licht und Luft – beides fehlte den Menschen, die in den durch die Industrialisierung zunehmend verschmutzten Städten lebten. Beides galt als Heilmittel und wurde ab 1850 zu Therapiezwecken eingesetzt. Richtungsweisend war dabei der Schweizer Arnold Rikli: In seinem Sanatorium lebten die Menschen in einfachen, offenen Hütten, wo sie ihre unbekleideten Leiber Licht und Luft aussetzten. Dass der Körper über die Hautatmung Krankheitsstoffe ausschied, ist zu bezweifeln, aber für einen Zivilisationsgeschädigten war diese primitive Lebensform wohl adäquat, um ihn ohne Umwege zurück zur Natur zu schicken. Auch Burgi von Mengershausens Urgroßvater gehörte der Naturbewegung an. 1904 eröffneten der Arzt und seine Frau in einem Anwesen aus dem 16. Jahrhundert eine »physikalisch-diätetische Heilanstalt«, in der sie boten, was auch heute wieder angesagt ist: Naturheilkunde, Bewegung, Fasten- und Kneippkuren.
Almhütten hätten einige im Gemeinderat favorisiert, als es um den Umbau des Sanatoriums zum Hotel ging. Eine Mammutaufgabe, die Burgi von Mengershausen und ihr Partner meisterten: das Erbe des Urgroßvaters erhalten und in Einklang mit modernen An- und Zubauten bringen. Die Almhüttenidee hätte mehr Platz gebraucht und mehr Landschaft verbaut. So griff Architekt Florian Nagler die Idee der Lufthütten auf und platzierte 2012 vier dreistöckige Holztürme auf dem Hang. Grandiose, mit dem Architekturpreis ausgezeichnete Bauten, die hoch über dem Ort Akzente setzen und beweisen, dass diese Landschaft auch anderes verträgt als Almhütten.
Tannerhof – Naturhotel & Gesundheitsresort · Tannerhofstr. 32 · 83735 Bayrischzell Tel. 08023/810 · www.natur-hotel-tannerhof.de

14
ROSENHEIM: VOM KORN ZUR BOHNE
Karl Baedeker, der in den 1840er-Jahren unterwegs war, bezeichnete Rosenheim als »hübsches Städtchen mit Salzsiedereien am Einfluss der Mangfall in den Inn. Die Soole wird von Reichenhall hierher geleitet.« Baedeker reiste mit dem »Eilwagen« von München an, die Fahrt dauerte fast zwölf Stunden.
1865 beschrieb sein Kollege Ludwig Gassner die Stadt: Die »Kunstmühle befindet sich in der nächsten Nähe des Wasserhofs und bietet namentlich auf der Bahnlinie von Kolbermoor her … wegen ihres hübschen Baus den Reisenden einen herrlichen Anblick.« Diese zwei Impressionen verdeutlichen den technischen Fortschritt im industriellen Zeitalter: Innerhalb von rund 20 Jahren hatte die Eisenbahn den Eilwagen ersetzt, die 1855 errichtete Kunstmühle schien Gassner so wichtig, dass er den Blick der Reisenden darauf lenkte. Auch wenn sich heute im Obergeschoss die Ausstellungsräume des Kunstvereins Rosenheim befinden, der Begriff »Kunstmühle« hat nichts mit den schönen Künsten zu tun, er rühmt vielmehr die Ingenieurskunst. Die Rosenheimer Getreidemühle, nach amerikanischem Vorbild errichtet, war nicht mehr auf Wasserkraft angewiesen, der Mühlstein hatte ausgedient und wurde durch stählerne, mit elektrischen Motoren angetriebene Walzen ersetzt. So ein technisches Wunderwerk und dann noch ein »hübscher Bau« – das verdiente schon eine Erwähnung im Reiseführer. 1972 wurde der Betrieb eingestellt, und der hübsche Bau vergammelte, es gab Überlegungen, ihn abzureißen. Ein Investor sanierte die Anlage in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz und schuf Raum für Wohnungen und Büros. Die Kaffeerösterei Dinzler zog ins Erdgeschoss ein. Wo früher Mehl gemahlen wurde, duftet es nach Kaffee, und Lebenskünstler wissen, wie sie den Tag beginnen: mit einem köstlichen Frühstück im Café in der Kunstmühle.
Der Landesgartenschau 2010 verdankt Rosenheim den Mangfallpark. Man spaziert am Fluss mit Bergblick, für die Kleinen gibt es eine Kinderkajakstrecke.
Kunstmühle · Dinzler Kaffeerösterei · Mo–Mi, Fr, Sa 8–18, Do 8–22, So 9–18 Uhr Kunstmühlstr. 12 ·83026 Rosenheim · Tel. 08031/408 25 31 · www.dinzler.de

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ASCHAU: WERKZEUG UND KUNSTOBJEKT
Das Messer ist eines der ältesten Werkzeuge von uns Menschen. Seit der Steinzeit ist es in seiner Erscheinungsform gleich geblieben: Klinge und ein Griff zum Halten. Das Material, aus dem beides hergestellt wird, hat sich im Lauf der Jahrtausende allerdings verändert.
Knochen, Geweih, Stein, Kupfer, Stahl – zu Messern wurde alles verarbeitet, was hart genug war, um Stechen, Aufspießen oder Schneiden zu ermöglichen. Der moderne Mensch stellt sogar Plastikmesser her – womit der Tiefpunkt in der Kulturgeschichte dieses Werkzeugs erreicht ist, dessen Funktionalität bis dato auch immer mit Ästhetik verbunden war. Um diese Kombination geht es den jungen Männern, die das Messer Werk betreiben. Ihn fasziniere »die Verbindung von Werkzeug und Kunstobjekt«, sagt Luca Distler, gelernter Kunstschmied. Mit Messern beschäftigte er sich am Anfang nur nebenbei in der Freizeit. Doch mit einer Begeisterung, die bald seinen Freund Florian Pichler ansteckte. Der brachte als Zahntechniker das Gespür für die Feinarbeit und die nötigen Kenntnisse der Schleiftechnik mit. Die Produkte der beiden fanden Liebhaber, 2004 gründeten die Freunde ihre eigene Firma, 2009 wagten sie den Sprung in die Selbstständigkeit und mieteten die alte Hufschmiede in Hohenaschau. Heute kommen Köche, Jäger, Fischer und Sammler aus nah und fern ins Messer Werk, lassen sich beraten – der Verwendungszweck bestimmt Form, Härte und Elastizität der Klingen –, wählen das Material für die Griffe. Und strahlen, wenn sie ihre Messer abholen – jedes ein Kunstwerk aus Damaszenerstahl. Der besteht aus verschieden Stählen, die erhitzt, durch Schmieden verschweißt, immer wieder gefaltet und erneut geschmiedet werden, bis eine Klinge entsteht, die aus mehreren Hundert Schichten bestehen kann. Diese Schichten geben der Schneide die changierende Maserung, individuell wie ein Fingerabdruck.
Das Strandbad im Chiemseepark Felden ist kostenlos zugänglich, es gibt Kinderspielplätze, Beachvolleyballfelder und die Möglichkeit, Boote zu mieten.
Messer Werk · keine Schauwerkstatt, aber Beratung ist jederzeit möglich · Kampenwandstr. 96a 83229 Aschau · Tel. 08052/957 12 34 · www.messer-werk.de

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SCHÖNAU AM KÖNIGSSEE: BRAND VOM BERG
Enzian ist blau. So wird er im Schlager besungen, »Ja, ja, so blau, blau, blau blüht … Wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen«, und so wird er auf den Flaschen abgebildet, in denen der Schnaps auf den Markt kommt. Leuchtend blau – eine Farbe mit Sympathiewert, da greift man gerne zu.
Allerdings handelt es sich hier um Etikettenschwindel. Die klare Flüssigkeit ist ein Destillat vom Gelben Enzian, doch dessen Blüten sind längst nicht so schön, und es hat sie auch noch keiner besungen. Dafür besitzt Gentiana lutea aber sehr viel kräftigere Wurzeln als ihr blaublütiger Verwandter, und darauf kommt es an: Für einen Liter Reinalkohol braucht man zwölf Kilo Wurzeln. Je höher die Pflanze wächst, desto dicker sind die, und so waren die »Wurzlgraber« früher in Höhen von 1000 bis 1500 Metern unterwegs. Bis zu 80 Kilo konnte ein guter Arbeiter pro Tag stechen, die ins Tal zu transportieren, wäre unökonomisch gewesen. Also verarbeitete man das Produkt dort, wo es wuchs, und errichtete Brennhütten, in denen die Graber und die Brenner den Sommer verbrachten. Mehr als reines Quellwasser und Holz braucht man nicht zum Brennen, und das ist in den Bergen reichlich vorhanden.
Heute produziert die Firma Grassl, die im 17. Jahrhundert gegründete älteste Enzianbrennerei Deutschlands, mit modernen Methoden, aber in den Brennhütten wird noch immer Handarbeit geleistet. Die malerischste liegt am Priesberg auf 1352 Metern Höhe. Hier kann man dem Brenner bei der Arbeit zuschauen und erfährt, wie der Enzian entsteht: Die Wurzeln werden gehackt und mit Wasser und Hefe zur Maische angesetzt. Wenn sich nach ein paar Wochen der Alkohol gebildet hat, kann das Brennen beginnen. Und selbstverständlich kann man den Enzian probieren, in einer Holzwanne stehen immer ein paar Flaschen im kühlen Wasser. Nur zur Warnung: Der erste Schluck ist grausig. Das zweite Glas schmeckt dann. Und nach dem dritten will man mehr. So viel mehr, dass schon manch einer »Ja, ja, so blau, blau, blau« ins Tal hinunterwankte.
Enzian-Brennhütte am Priesberg · ab Parkplatz Hinterbrand (Scharitzkehlstr., Schönau/Königssee) ca. 1 Std. Wanderung · der Brenner arbeitet Mo–Fr von Juni–Okt.

Hoch hinaus muss, wer ordentliche Mengen an Enzianwurzeln stechen mag.
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»DIE KLEIDSAME VOLKSTRACHT«
»Lederhose und Laptop.« Die von Bundespräsident Roman Herzog 1988 geprägte Metapher erfreut sich noch heute großer Beliebtheit bei bayerischen Politikern, verbindet sie doch Innovation mit dem, was es angeblich seit Jahrhunderten gibt und was ein gestandenes Mannsbild schon immer trug: die Lederhose.
Diese Mannsbilder hören es nicht gern, aber die bayerische Tracht ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, an der die Wittelsbacher maßgeblich beteiligt waren. Die suchten eine einende Symbolsprache für ihr Reich, das sich 1806 durch neu hinzugewonnene Gebiete beachtlich vergrößert hatte. Von der Erhaltung der Trachten versprach sich Max II. eine »Festigung des Nationalgefühls« und bat 1853 um Zeichnungen von herkömmlichen Trachten. Allein, es gab nichts zu zeichnen, die ländliche Bevölkerung kleidete sich nicht anders als die städtische, was in München Mode war, wurde bald auch auf dem Land getragen. Bei feierlichen Anlässen erschienen die Männer in schwarzen Anzügen, die Arbeitshosen waren aus Leinen.
Lederne Beinkleider waren das Markenzeichen der Jäger, zum bayerischen Symbol wurden sie erst 1883 durch den in Bayrischzell gegründeten »Trachtenerhaltungsverein«, der – ganz im Sinn der Obrigkeit – die Liebe zur Heimat und zum Königreich fördern wollte und seine Mitglieder verpflichtete, immer die »kleidsame Volkstracht«, die kurze Lederhose, zu tragen. Andere folgten dem Beispiel, und für die Lederhosenmacher erschloss sich ein neuer Kundenkreis, den auch die 1888 gegründete Firma Stangassinger bediente.
Franz Stangassinger gehört zu den wenigen in Bayern, die das Säcklerhandwerk noch beherrschen. Die Hirschhaut wird »sämisch gegerbt, mit einem Fischfett«, sagt er. »Und die Farbe ist aus einem Blauholz. Das ist eine natürliche Farbe, die ist aus einer Baumrinde.« Zuschneiden, Nähen, Besticken mit Eichen- und Weinlaubblattmotiven – alles Handarbeit, wie er sie von seinem Vater gelernt hat. Nur das Leder kommt heute aus Neuseeland, aber ein bisschen Innovation darf ja sein im Land von Lederhose und Laptop.
Lederhosen Stangassinger · Mo–Fr 8.30–12, 13–18, Sa 8.30–12 Uhr · Marktplatz 10 83471 Berchtesgaden · Tel. 08652/26 85 · www.lederhosenmacher.com
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