Читать книгу: «Weiter leben!»
Christine Leutkart
WEITER LEBEN!
Neuorientierung
nach dem Tod
des Partners
Erfahrungsberichte

„Die Töne des Atems sangen die Lieder, die Abschied oder Hoffnung bereiteten.“
Lukas Bärfuss
Für Waldtraut
Mein Dank gilt allen GesprächspartnerInnen, die sich mir gegenüber öffneten, um über dieses Buch ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und ihr Wissen an möglichst viele andere Menschen weiterzugeben.
INHALT
Einleitung
Für eine Sekunde ist die Welt in Ordnung
Putzen, kochen, nach dem Kind schauen, weiterleben
Mit Mut und Kraft das Leben neu ordnen
Im Flugzeug saß er neben mir
Ich lasse alles zu – auch den Krebs und den Tod
Können wir bitte normal miteinander umgehen?
Ein anonymer Brief
Wofür will ich heute meine Zeit ausgeben?
Durchhalten!
Ich unterhalte mich mit meinem Leben
Der letzte Liebesdienst
Es wird sich weisen
Ich drehe mich um 180 Grad
Keine Berührungen mehr
Sich am Schopf packen und etwas unternehmen
Anhang
EINLEITUNG
Wir können dem Tod vielleicht nicht seinen Schrecken nehmen, aber wir sind ihm nicht hilflos ausgeliefert!
Im vorliegenden Buch erhalten wir einen sehr persönlichen und offenen Einblick in eine besonders schwierige Zeit des Lebens von elf Frauen und vier Männern. Die Betroffenen erzählen davon, wie schwer es ist, mit dem Tod ihres geliebten Partners oder ihrer geliebten Partnerin zurechtzukommen, und wie sie es schaffen, das Leben ohne ihn (oder sie) neu zu gestalten.
Der Tod kann plötzlich, noch öfter aber nach einer längeren Krankheit eintreten. Es muss der Abschied bewältigt werden, und vielleicht sind Kinder da, die in dieser schweren Zeit eine einfühlsame Begleitung brauchen. Wenn nach allen Erledigungen für Beerdigung, Trauerfeier und Abklären der finanziellen Situation Ruhe einkehrt, ist diese oft noch stiller als befürchtet. Jetzt setzt der Alltag wieder ein, aber mit der Trauer sind viele dann allein.
Wie schafft man es fortan, das Leben ohne den geliebten Menschen zu gestalten? Er ist nicht mehr da, wenn man nach Hause kommt, die Stelle neben einem im Bett ist leer, und es gibt vieles, was keinen richtigen Spaß mehr macht: Das Essen schmeckt einfach nicht mehr so gut, wenn man allein am Tisch sitzt, und ohne Partner tanzen zu gehen scheint beinahe unmöglich. „Meine zentrale Erkenntnis ist: Ich habe kein Gegenüber mehr“, stellt eine der betroffenen Frauen fest.
Nimmt die Trauer jemals ab – und was kommt dann? „Ich will jetzt herausfinden, wer ich eigentlich bin!“, nimmt sich eine andere vor.
Manche machen die überraschende Erfahrung, dass zwar das Leben mit dem Partner vorbei ist, aber das neue eine Wendung nimmt, mit der man nicht gerechnet hat.
Viele stellen fest, dass die Weise, wie man vor dem Tod des Partners gelebt hat, entscheidend dazu beiträgt, wie das Leben danach gelingt. „Ohne meinen Freundeskreis, den ich schon vor dem Tod meines Mannes hatte, wäre ich in ein noch größeres Loch gefallen“, ist die Erkenntnis einer Frau, die ihr soziales Umfeld nun noch mehr zu schätzen weiß.
Hier werden zarte und berührende Geschichten erzählt, die uns betroffen machen, aber auch Mut und Hoffnung geben. Wir erfahren, was den Menschen dabei geholfen hat, ihr Gefühlschaos zu überstehen und weiterzumachen.
Dieses Buch kann als Hilfestellung für Betroffene verstanden werden und zugleich als Vorbereitung für jene, die vielleicht in naher Zukunft betroffen sein werden. Die vorliegende Vielfalt an persönlichen Berichten berührt gleichermaßen Herz und Verstand.
Wie auch immer, beim Lesen verstehen wir: So schlimm die Erfahrung des Verlustes auch ist, es gibt Möglichkeiten und Strategien, die dabei helfen können, mit dieser neuen Lebenssituation zurechtzukommen.
Nicht zuletzt soll das Buch ein Appell an alle sein: Es ist schwer genug, sich nun in einem Leben ohne den verstorbenen Partner zurechtzufinden. Wir sollten die betroffene Person dabei nicht allein lassen!
FÜR EINE SEKUNDE IST
DIE WELT IN ORDNUNG
Frau S., 56 Jahre alt, drei Kinder, verlor ihren Mann vor sieben Jahren bei einem Motorradunfall. Eine psychosomatische Reha stärkte ihr Selbstwertgefühl und half ihr, die veränderte Situation anzunehmen. Frau S. lebt heute wieder in einer Partnerschaft.
Wenn man einen runden Geburtstag hat, zieht man gern ein Resümee. Ich war 14 Jahre, als ich meinen Mann kennenlernte, wir lebten am gleichen Ort. Wir haben drei tolle erwachsene Kinder, ein Haus; wir haben immer viel gearbeitet und schließlich auch etwas erreicht. Urlaub, wegfahren, wir hatten unser Hobby, das Motorradfahren … alles bestens. An diesem 50. Geburtstag hatte ich ein richtiges Glücksgefühl. Ich hatte viele Leute eingeladen, Freunde, Bekannte, Verwandte. Ich habe meinem Mann und den Kindern gesagt, dass ich alles im Leben erreicht hatte, was man sich nur wünschen kann, und wie glücklich ich sei. Alle freuten sich mit mir, und besonders Gerd, mein Mann.
Und zwei Wochen später war alles anders. Die ganze Welt brach zusammen.
Wir sind viele Jahre nach Südtirol gefahren und waren wieder dort, Gerd und Franz waren mit den Motorrädern einen Tag früher losgefahren. Gerd war ein sicherer Fahrer, er hat Touren geleitet – nie hätte ich gedacht, dass da mal irgendetwas passieren könnte. Das Motorradfahren war unsere Leidenschaft. Auf der Heimfahrt fuhr Gerd wieder mit Franz voraus, während wir anderen erst zu Mittag abreisen wollten. Um circa 14 Uhr kam ich mit meiner Freundin vom Markt zurück, um endlich zu packen, da sah ich im Hotelfoyer zwei, drei Männer in roten Westen und ein paar Polizeibeamte stehen. Ich kam nicht auf die Idee, sie könnten etwas mit mir zu tun haben und wollte an ihnen vorbeilaufen. Da sah ich eine Frau aus unserer Clique, die zu einem Mann sagte, der, wie es sich dann herausstellte, Seelsorger war: „Das ist die Frau S.“ Der Mann kam auf mich zu und sprach mich an: „Frau S., Ihr Mann hatte mit dem Motorrad einen Unfall.“ „Was hat er denn?“, fragte ich besorgt. An das Schlimmste habe ich da noch nicht gedacht. Gemeinsam gingen wir in mein Zimmer und ich setzte mich auf das Bett. Der Seelsorger nahm meine Hände und sah mich an: „Ihr Mann ist tödlich verunglückt“, erklärte er mir. „Er lebt nicht mehr.“ Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann war, aber vermutlich habe ich geschrien und bin fast kollabiert, sodass ich Beruhigungstropfen verabreicht bekam. „Ich will zu meinen Kindern!“, weinte ich, „jetzt, sofort!“ Unser Freund Franz war mit in den Unfall verwickelt, er hatte alles mitansehen müssen und war auch verletzt. Gerd fuhr vor ihm, beim Aufprall auf ein Auto wurde mein Mann zurückgeschleudert und fiel auf Franz, sodass dieser stürzte, aber dabei nur leichte Verletzungen erlitt.
Es hieß dann, ich sollte gewisse Schritte erledigen, bei denen ich begleitet werden würde. Als Erstes musste ich zu einem Bestatter, um einen Sarg für meinen Mann auszusuchen. Ein befreundetes Paar aus unserer Clique war auch mit dabei, zu ihm sagte ich: „Ich kann das nicht, bitte sucht ihr den Sarg aus.“ Ich habe ihn dann aber doch selbst ausgewählt. Eine Seelsorgerin begleitete mich überallhin, selbst wenn ich zur Toilette ging. Der nächste Schritt war, ins Krankenhaus zu gehen, um Gerd zu identifizieren. Die Polizei war dabei; ich habe am ganzen Körper gezittert. Mein Gefühl kann ich gar nicht beschreiben. Gerd lag aufgebahrt, bedeckt mit einem weißen Tuch, das zurückgeschlagen wurde. Ich bin zu ihm hingegangen und habe ihn angefasst, er war ganz kalt. Er sah aus, als ob er schlafen würde. Man hat ihm den Unfall gar nicht angesehen, nur an der Lippe und am Auge waren kleine Schrammen. Vermutlich hatte er beim Überholen den Gegenverkehr übersehen, das war kurz vor den Serpentinen. Als Motorradfahrer denkt man ziemlich mutig: „Das reicht noch!“ Er ist frontal auf das Auto geprallt und hatte ein Schädel-Hirn-Trauma. Er wurde 20 Minuten reanimiert, ohne Erfolg. Dem Autofahrer war glücklicherweise nichts passiert. Wir haben dann noch bei ihm an der Bahre gebetet.
Draußen wartete der Bestatter auf uns. Er sagte: „Ich brauche noch Unterwäsche und Kleidung für Ihren Mann.“ Wir öffneten auf der Straße das Gepäck; es waren ja nur gebrauchte Sachen dabei, und ich hätte lieber eine frische Hose und ein frisches Hemd für ihn gehabt … So bin ich nun mal gestrickt. Das war schon kurios. Die Polizei hat mir auf der Wache ausgehändigt, was Gerd noch am Körper hatte. Es musste ihn jemand bestohlen haben, denn er hatte extra siebzig Euro eingesteckt, aber im Geldbeutel waren nur noch Münzen drin. Die beiden Männer waren ja eben erst losgefahren und hatten noch keine Gelegenheit gehabt, Geld auszugeben. Wie kann jemand nur so etwas fertigbringen? Die letzten Worte, die Franz noch mit ihm ausgetauscht hatte, waren an einer Ampel, als sie nebeneinanderstanden: „Und, alles gut?“ „Ja, doch, alles in Ordnung!“ Auf der Rückfahrt konnten wir Franz vom Krankenhaus abholen, ihm ging es soweit gut.
Irgendwann fielen mir meine Kinder wieder ein. Sie hatten inzwischen ein paarmal versucht, mich auf dem Handy anzurufen. Nachts um eins sind wir heimgekommen, ohne Gerd. „Was tue ich den Kindern nur an?“, dachte ich. Die beiden älteren kamen von ihren jeweiligen Wohnorten angereist, eine Stunde später waren wir alle zusammen. Die Freunde verabschiedeten sich, wir waren allein. Alle drei Kinder und ich haben uns im Elternschlafzimmer ins Bett gelegt. Wir hielten uns an den Händen und schliefen dann irgendwann ein.
Noch Wochen und Monate danach, wenn ich morgens aufwachte, dann war die Welt für eine Sekunde in Ordnung – und dann überrollt es dich wie ein Laster.
Es kamen viele Leute vorbei, Freunde, Verwandte, alle wollten uns sehen und in den Arm nehmen. Die ersten drei Tage war das Haus ständig voll, was eigentlich gut war, aber dann wiederum fast zu viel. Ich wusste zuvor gar nicht, wie anstrengend das Weinen ist, manchmal musste ich mich danach hinlegen. Beim Schlafen muss man an nichts mehr denken. Aber dann nach dem Aufwachen geht dasselbe von vorne los.
Gerd wurde überführt. Zwei Tage vor der Beerdigung wollten meine Kinder und ich von ihm Abschied nehmen. Das war sehr emotional. Meine Jüngste hat ein kleines Bärchen mitgenommen, das sie ihm mal zum Vatertag geschenkt hatte; die andere Tochter hatte ein Familienbild von uns dabei, und so standen wir vor dem Sarg. Gerd hatte immer Jeans und ein kariertes Hemd an, das trug er auch im Sarg. Florian streichelte ihm über die Brust und stellte dann fest: „Der Papa hat gar kein Tempo im Hemd!“ Dann zog er ein Taschentuch raus und steckte es seinem Papa in die Hemdtasche. Das war das, was Gerd noch gefehlt hat, denn er hatte immer eins dabei. Wir legten unsere Hände auf seinen Körper, alle aufeinander; ich hatte dann plötzlich das starke Gefühl: Der Körper war warm. Die Kinder haben noch Jahre später davon gesprochen, wie wichtig es für sie war, auf diese Art Abschied von ihrem Vater zu nehmen.
Geholfen hat mir in dieser Zeit, dass die Kinder da waren. Von meiner Tochter bekam ich ein Buch mit dem Titel: „Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott.“ Das war der Anfang einer wirklichen Hilfe, denn man macht sich ja auch Gedanken darüber, wie es dem Verstorbenen nun geht. Wo ist er? Eine Bekannte hatte Kontakt zu einem Medium, das ich dann auch besucht habe. Die Frau sagte mir, dass Gerd während des Unfalls ganz leicht in die andere Welt hinübergleiten durfte. Ohne Schmerz. Er sei von einem Mann abgeholt worden, anhand der Beschreibung kann ich mir vorstellen, dass das mein Vater war. Gerd und er hatten immer ein gutes Verhältnis. Sie sagte auch, dass Gerd ein guter Mensch war, und für solche Leute ist es leicht, hinüberzuwechseln. Die Vorstellung war für mich beruhigend. Ich war aber auch in psychologischer Betreuung, um das Ganze zu verarbeiten. Mein Chef rief mich nach fünf Wochen an, um zu fragen, ob ich wieder zur Arbeit kommen möchte. Ich habe dann probiert, ein paar Stunden zu arbeiten, aber nach zwei Wochen bin ich zusammengeklappt. Ich konnte nachts nicht schlafen, es ging mir zu viel durch den Kopf: Versicherungen, wir hatten nebenher ein Geschäft, es gab so viel zu regeln … Ich hatte zwar Unterstützung, aber ich wollte ja auch selbst den Überblick behalten. Da ich sehr verantwortungsbewusst bin, war ich ständig unter Druck: „O Gott, ich kann doch nicht bei der Arbeit fehlen!“ Da sagte mein Psychologe in einer Sitzung: „Die Firma bricht nicht zusammen, wenn Sie nicht da sind. Und wer Ihre Arbeit macht, dafür ist der Personalchef zuständig.“ Der Satz half mir, loszulassen und mein Schicksal in den Vordergrund zu stellen.
Mein Mann und ich, wir waren wie zwei Säulen, von denen plötzlich eine weggebrochen ist. Ich kam mir vor wie ein Niemand. In der ersten Zeit nach seinem Tod habe ich überall nur Paare gesehen, die sich anlächelten und Hand in Hand liefen. Das hat sehr geschmerzt.
Viele aus dem Freundeskreis haben mich besucht und gingen auch mit mir aus. Aber nach acht Wochen blieb ein Paar komplett weg, obwohl die beiden damals in Südtirol mit dabei gewesen waren. Das beschäftigte mich wahnsinnig, denn ich verstand es nicht und fragte mich: „Was habe ich denen bloß getan?“ Eines Tages ließ ich spontan den Staubsauger fallen und stieg ins Auto, fuhr zu ihnen hin und klingelte an der Haustür. Die Frau zitterte, als sie öffnete und mich erkannte. Der Mann kam auch hinzu. „Warum meldet ihr euch nicht mehr?“, fragte ich die beiden. „Weißt du, wenn du immer so weinst, ertrage ich das einfach nicht; das erinnert mich an den Tod meines Vaters“, sagte sie. „Wieso hast du mir das denn nie gesagt?“, fragte ich. „Darüber kann man doch reden!“ Während sie etwas zum Trinken holte, schob er es auf seine Frau: „Ich habe immer zu ihr gesagt, dass wir dich mal anrufen sollten.“ Leider war ich nicht so geistesgegenwärtig, um zu antworten: „Aber den Hörer konntest du nicht selbst in die Hand nehmen?!“ Wir sind noch zweimal zusammen ausgegangen, aber ich wollte dann nicht mehr.
Meine allerbeste Freundin versicherte mir: „Du kannst immer zu mir kommen!“ Das ist ja lieb gemeint, aber sie hat Kinder, zwei Enkel, ist verheiratet – alles perfekt. Wenn es mir schlecht ging, dann schaffte ich es nicht, in ihre heile Welt zu gehen. Ich heulte, und bei ihr war alles so idyllisch! Einmal habe ich es probiert, aber mich dabei nicht wohl gefühlt. Mir wäre es lieber gewesen, sie wäre auf mich zugekommen. Aber sie hat mich nie angerufen. Das war eine Enttäuschung! Dafür standen manchmal Leute vor der Tür, mit denen ich nie gerechnet hätte. Eine ehemalige Schulkameradin zum Beispiel, die ich bestimmt fünfzehn, zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte. Sie war einfach ihrem Bedürfnis gefolgt, mich aufzusuchen. Das fand ich richtig schön. Mein Fazit aus dieser Zeit ist: Du als Betroffener musst Verständnis für dein Umfeld aufbringen! Eigentlich erwartet und wünscht man es sich ja umgekehrt. Ich habe gelernt, dass man keine Erwartungen an jemanden haben darf, denn sonst wird man zu sehr enttäuscht. Zieht es die anderen zu sehr runter, wenn sie sich um jemanden kümmern, der gerade so etwas Schweres durchmacht?
Man kann aber auch nicht den ganzen Bekanntenkreis aufgeben, denn sonst steht man komplett allein da. Irgendwann habe ich beschlossen, denen, die mir nicht beigestanden sind, zu verzeihen – weil sie nicht anders konnten. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich diesen Entschluss fassen konnte. Damit wurde es besser, denn es hat mich nicht mehr so belastet. Und zu zwei anderen Paaren in der Clique habe ich immerhin noch einen wirklich guten Kontakt.
Das Thema „Clique“ hat mich lange beschäftigt. Eine Bekannte sagte: „Du wirst sehen, die wollen dich nicht mehr. Die Frauen haben Angst, du machst dich an ihre Männer ran.“ Obwohl das unglaublich bescheuert war und mir nie danach gewesen ist, empfinden manche Frauen wohl wirklich Eifersucht. Die Ex-Freundin von Franz hat mich auch gemieden. An Geburtstagen und anderen Festen traf ich alle wieder. Manchmal musste ich einfach anfangen zu weinen, und mitlachen konnte ich auch oft nicht. Wenn eine Frau über ihren Mann herzog, dann dachte ich: „Sei doch froh, dass du ihn hast!“ Es kam vor, dass ich wieder schnell nach Hause ging, weil ich es nicht mehr aushielt. Es gab aber niemanden, der mir gefolgt wäre und nachgefragt hätte, was los ist. Heute habe ich weniger Freunde als früher, aber dafür sind es wirkliche Freunde. Durch Franz habe ich auch einige dazu gewonnen. Franz war, wie schon gesagt, einer aus der Clique, der sich sehr um mich gekümmert hat. Vielleicht war es für ihn auch eine Möglichkeit, die Sache zu verarbeiten, er war ja beim Unfall dabei gewesen; wir haben viel darüber und über Gerd, die Vergangenheit mit ihm geredet – und wir haben auch zusammen geweint. Vielleicht hat uns das einander nähergebracht.
Es hat Jahre gebraucht, bis ich den Eindruck hatte, ich bin wieder im Hier und Jetzt. Bis dahin hatte ich das Gefühl: Die Welt dreht sich weiter, aber meine bleibt stehen. Ich kam einfach nicht zurecht. Früher habe ich aktiv am Vereinsleben teilgenommen. Auf der Fasnacht trat ich auf, ging auf die Bühne – ob Singen, Sprechen, Tanzen, das hat mir immer viel Spaß gemacht. Aber damit war es vorbei. Bis heute. Ich weiß noch, wie es war, als ich ein halbes Jahr nach Gerds Tod aus der Reha zurückkam. Als ich die Frauen auf der Bühne sah, mit denen ich sonst immer aufgetreten war, dachte ich: „Was treiben die denn da bloß? Sie machen sich doch so lächerlich!“ Ich kann damit nichts mehr anfangen. Gewisse Dinge tun mir nicht gut. Da bleibe ich lieber daheim.
Wenige Monate nach dem Unfall beschloss ich, neue Vorhänge anzuschaffen. Als die dann hingen, dachte ich: „Sieht das schön aus!“ Mir wurde bewusst, wie gut mir die Veränderung tat. Da kam endlich wieder Freude in mir auf. Nach einem Jahr veränderte ich das Schlafzimmer, nach und nach gestaltete ich vieles um. So habe ich gemerkt, dass das Haus immer mehr zu „meinem“ wurde. Mein Mann war eher konservativ in dieser Beziehung: „Ach ne, das braucht man doch nicht.“ Vielleicht konnte ich mich darin früher nicht so richtig verwirklichen. Das ist ein positiver Aspekt, der mir auffällt. Außerdem war ich das Alleinsein nicht gewohnt. Ich war vierzehn, als ich Gerd kennenlernte, und mit achtzehn wurde ich schwanger. Ich war immer für die Familie da, für den Haushalt, das Geschäft. Ich habe meinem Mann den Rücken freigehalten. Für die Vereine, seine und meine, ich habe genäht, dann kam das Motorradfahren … Ich habe gelernt, mich mit allem zu beschäftigen. Aber nie so richtig mit mir. Das musste ich nun gezwungenermaßen. Damit kam ich zu Beginn gar nicht klar. Wie ein Tiger im Käfig lief ich durchs Haus. Was sollte ich mit mir anfangen? Ich musste erst einmal mich kennenlernen!
Im Januar kam ich zur Trauerbewältigung in eine psychosomatische Reha – das war meine allererste Reise allein. In meinem ganzen Leben war ich noch nie allein verreist! Als ich nach sechs Wochen zurückkam, sagten alle, dass ich anders aussehe. Mein sturer Blick war weg. Durch den Abstand war ich wieder entspannter. Dort habe ich das Malen angefangen, das hat mir geholfen. Ich kann in den Bildern meine Gefühle ausdrücken, und es entspannt mich. Wenn dann noch etwas Schönes dabei herauskommt, ist es auch für das Selbstwertgefühl gut. Mittlerweile habe ich im ganzen Haus Bilder von mir hängen.
Ich werde nie den Tag vergessen, als mir bewusst wurde, dass ich das erste Mal meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen kann: ein super Gefühl! Ich habe zwar auch vorher gearbeitet, aber das war immer nur ein Zubrot.
Mit einer guten Freundin fuhr ich mal auf Wellnessurlaub. Bei einer Massage sprach ich mit dem Therapeuten, und der sagte: „Sind Sie mit Ihrem Mann da?“ „Nein, leider nicht …“ Und ich erzählte ihm ein wenig von meiner Situation. Nach der Massage meinte er, ich solle die Augen zumachen und noch liegenbleiben. Da hatte ich das Gefühl, er lässt Sandkörner über mein Gesicht rieseln – das war ganz seltsam. Später sagte er mir, er habe mir Reiki gegeben. Nach dem Wellnesswochenende hatte ich eine solche Energie – ich frage mich heute noch, wie ich das mit der Küchenrenovierung geschafft habe! Das ganze Handwerkliche habe ich gemacht: Ausmalen, Tapezieren, Fliesen verlegen … Auch im Keller, wo die Werkstatt war. Manchmal denke ich: „Wenn Gerd das nur sehen könnte!“
Natürlich unterstützt Franz mich bei allem. Nach ungefähr zweieinhalb Jahren kamen Franz und ich als Paar zusammen. Ich habe ihn vorher schon lange gekannt. Als es zwischen uns „anders“ wurde, habe ich zuerst ziemlich mit mir gekämpft: „Darfst du das überhaupt? Oder ist es zu früh? Was sagen die Schwiegereltern? Die Kinder?“ Wenn wir irgendwo hingingen, traute ich mich nicht seine Hand halten. Ich konnte die Beziehung nicht richtig zulassen. Auf der einen Seite wollte ich es, aber immer tauchte die Frage auf: „Darf ich das?“ Diese umgekehrte Rolle – wenn ich nun meiner Tochter sage, dass ich einen Freund habe –, die war schon seltsam. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind. Als ich dann meinen Kindern von der neuen Partnerschaft erzählte, haben sie ganz toll reagiert, während hingegen der erste Satz meiner Mutter lautete: „Hach, oje. Und der Gerd?“ Vielleicht wollte sie aber eher sagen: „Oje, was sagen denn die Leute?“ Sie lebt auf dem Land und ist noch vom „alten Schlag“.
Ich bin zu allen hingegangen, auch zu Gerds Schwestern und meinen Schwiegereltern, und habe es ihnen persönlich gesagt. Gerds Schwester hat mich in den Arm genommen und sich gefreut – das war so schön für mich! Von niemandem kam eine negative Reaktion. Es ist ja so: Sitzt man zu Hause und es geht einem schlecht, dann sagen die Leute: „Arme Frau. Warum geht sie nicht raus? Wenn sie doch nur wieder einen Partner hätte!“ Macht sie dann genau das, dann sagen die Leute: „Wie, die geht schon wieder aus? Sie hat schon wieder einen Partner? Ja, geht’s noch!“ Aber muss ich den Leuten etwas recht machen? Wo waren sie denn alle, als es mir schlecht ging? Ich habe inzwischen gelernt, mein Wohlbefinden nicht von anderen abhängig zu machen.
Ich würde nie wieder mit dem Motorrad fahren. Wenn ich heutzutage einen Biker sehe, dann wünsche ich ihm innerlich eine gute Fahrt. Mittlerweile überwiegt in der Erinnerung die schöne Zeit. Wir waren eine tolle Clique und hatten viel Spaß zusammen, wir haben wunderbare Kurzurlaube verbracht. Leider hat der letzte tragisch geendet. Gerd hat das Motorradfahren geliebt, er hat immer viel gearbeitet und beim Fahren konnte er entspannen. Südtirol war seine zweite Heimat. So war es ihm wenigstens vergönnt, bei der Ausübung seines liebsten Hobbys zu gehen, während andere krank im Bett liegen und vor sich hinsiechen. Das kann ich mittlerweile sogar positiv sehen.
Ich bin überzeugt, dass es dort, wo wir nach dem Sterben hinkommen, schön ist. Ich bin mir auch sicher, dass es Gerd gutgeht, wo er nun ist, und dass das uns allen bevorsteht. Die Angst vor dem Tod habe ich verloren. Vor dem Unfall habe ich keinen richtigen Glauben gehabt, ich dachte eher, dass es nach dem Tod nichts mehr gibt. Das hat sich vollkommen geändert. Ob es stimmt, was ich mir denke, oder nicht – das ist eigentlich nicht so wichtig, solange es mir guttut. Ich glaube, die Lebenszeit von jedem ist vorherbestimmt, und Gerds Zeit war vorbei.
Ich wünsche mir sehr, dass sich der Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft ändert. Schon im Kindergarten sollten die Kinder spielerisch lernen, dass er zu unserem Leben dazu gehört; dann würden vielleicht manche Probleme im Umgang mit ihm gar nicht erst aufkommen. Denn schließlich trifft es früher oder später jeden. Wenn man sich vorstellt, dass es hinterher etwas Schönes gibt, dann ist es auch leichter, den Tod zu akzeptieren – für den, der geht, und für die, die zurückbleiben.
Wenn man in die Situation kommt, den Partner verloren zu haben, sollte man sich auf sich konzentrieren und fragen, was einem guttut, egal, was es ist. Innere Verbote wie: „Das kann ich nicht, das darf ich nicht“ sollte man weglassen. Ich hatte nach Gerds Tod zwei, drei Monate lang eine psychologische Betreuung, die hilfreich war. Mit den Menschen, die im weiteren Bekanntenkreis schon einmal einen Schicksalsschlag erleben mussten, konnte ich besonders offen reden, und das war sehr gut. Das Reden ist wichtig, man sollte nicht alles in sich reinfressen. Und man sollte sich die Zeit nehmen, die man eben zum Trauern braucht, egal, wie lange sie dauert. Ich hatte Glück, dass ich einen guten Rückhalt meines Arbeitgebers hatte. Immerhin war ich acht Monate weg und habe trotzdem meine alte Stelle wiederbekommen.
Mit den Kindern kann ich heutzutage völlig zwanglos über Gerd und die Vergangenheit reden. Aber es gab früher Situationen, in denen wir uns gegenseitig auffangen mussten. Mein Sohn hatte zuerst das Problem, dass er meinte, er müsse in die Rolle des fehlenden Vaters und Mannes schlüpfen. Er fing sogar damit an, mir Vorschriften zu machen, und auch im Verein dachte er, er müsse Gerds Ansichten vertreten. Ich versuchte ihn zu entlasten: „Du musst es so machen, wie es dir entspricht!“
Jetzt ist es knapp sieben Jahre her, und wir können inzwischen sogar oft lachen, wenn wir an manche typischen Verhaltensweisen von Gerd denken oder an lustige Situationen mit ihm.
Wenn man die Lage annehmen kann, dann geht alles besser, sobald das Hadern aufhört. Ja, Gerd ist nicht mehr bei uns – aber die Erinnerungen, die in uns sind, nimmt uns keiner. Jetzt hat eben ein neuer Lebensabschnitt angefangen. Ein Glücksfall, wenn man das so erkennen kann, auch wenn es mal Rückschläge gibt. Das Leben ist schön, das erkennt man an Kleinigkeiten, die man vorher vielleicht nicht gesehen hat. Auch die Dankbarkeit nimmt zu. Aber ohne eine positive Grundeinstellung funktioniert das nicht. Wenn man immer die „trauernde Witwe“ bleibt, wird es nicht besser. Und man zieht andere mit runter. Auf die Fragen „Warum, wieso, weshalb?“ gibt es sowieso keine Antwort. Also nehme ich die Dinge so an, wie sie sind; das ist die einzige Art, damit fertigzuwerden. Wenn man früheren Zeiten hinterherweint, fügt man sich selbst Schaden zu. Man kommt nicht vorwärts. Aber Vorwärtskommen ist doch wichtig!
Mit Franz erlebe ich heutzutage Sachen, von denen ich noch nicht einmal geträumt habe. Wir waren zum Beispiel in den Staaten; wer weiß, ob ich mit Gerd jemals dort hingekommen wäre. Das Leben ist wieder richtig schön. Ich kann zulassen, dass es mir gutgeht. Vor sieben Jahren hätte ich mir das niemals vorstellen können, so tief war das Tal – aber jetzt sehe ich wieder die Sonne.
PUTZEN, KOCHEN, NACH DEM KIND SCHAUEN, WEITERLEBEN
Herr A., 75 Jahre alt; seine Frau ist vor 20 Jahren vermutlich an einer nicht erkannten Herzentzündung verstorben. Die Sorge um die gemeinsame, damals dreijährige Tochter und die Liebe zur Musik hielten ihn aufrecht.
Es war im März 2000, da sagten die Ärzte, sie würden die Geräte abschalten. Kerstins Organe waren alle ausgefallen und sie war an eine Maschine angeschlossen.
Ich war zu dieser Zeit bei meiner großen Tochter in den Staaten, sie hatte gerade ein Baby bekommen. An dem Abend, bevor ich flog, wollte Kerstin, dass ich bleibe. „Ja, warum?“ „Mir geht’s nicht gut.“
Eine Woche vor meiner Abreise hatte Kerstin so starke Zahnschmerzen, dass sie weinte und mich in der Nacht aufweckte. Sie war immer hart im Nehmen, und das zeigte mir, dass es richtig schlimm sein musste. Sie ging am nächsten Morgen zum Zahnarzt, und der stellte fest, dass sie einen abgestorbenen Zahn hatte. Den konnte man jetzt erst bemerken, weil er damit begonnen hatte, die anderen Zähne anzugreifen. Darum die Schmerzen. Der Arzt bohrte den Zahn auf, aber da kam nicht mehr viel raus. Wir dachten damals, damit sei die Sache erledigt. Aber vermutlich war der ganze Dreck schon im Blut.
„Klar bleibe ich da. Ich storniere den Flug“, beruhigte ich sie. Das wollte sie dann aber doch nicht. Deshalb flog ich am nächsten Tag wie geplant. Vielleicht hätte ich bleiben sollen. Aber hätte es etwas genützt? Die Entzündung war schon weit fortgeschritten.
An dem Abend vor ihrem Tod hat sie im Garten gearbeitet, danach bekam sie im Schulterbereich starke Schmerzen. Ihre Eltern kamen zu ihr auf die Alb, wo wir wohnten. In dieser Nacht nahmen die Schmerzen immer mehr zu. Kerstin stand auf, und ihre Mutter kochte einen Tee. Es war schon fast am Morgen, da ging es Kerstin dermaßen schlecht, dass ihre Mutter sagte: „Komm, wir beten.“ Dann hörte Kerstin irgendwann zu atmen auf. In den Armen ihrer Mutter wurde sie bewusstlos. So schnell kann kein Rettungsdienst kommen, wie sie medizinische Hilfe gebraucht hätte. Der Notarzt versuchte sie wiederzubeleben, aber vermutlich war sie schon hirntot, bis er kam. Sie lag im Koma, und die Ärzte veranlassten, dass sie mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen wurde.
In Amerika erreichte mich dann der Anruf. Meine älteste Tochter nahm ihn zuerst entgegen und weckte mich: „Du musst aufstehen. Es ist etwas Schlimmes passiert.“ Am Telefon sagte der Arzt: „Sie müssen damit rechnen, dass Ihre Frau stirbt.“ Er sagte auch noch: „Sie trifft keine Schuld“, aber es war natürlich trotzdem hart. Ich beeilte mich, wieder nach Hause nach Deutschland zu kommen. Was für ein Höllenflug! Ich hatte zwei Tage nicht geschlafen, bis ich endlich in der Klinik war. Kerstin hing an allen möglichen Instrumenten. Ein Pfleger sagte zu mir: „Sie können ihre Hand halten und mit ihr reden, vielleicht hört sie Sie ja.“ Das habe ich dann auch gemacht. Aber es kam keine Reaktion, null. Dann fuhr ich nach Hause. Alle waren natürlich aufgebracht. Die Schwiegermutter hat rotiert … Am nächsten Tag fuhr ich mit meiner Schwägerin nochmals zur Klinik. Da hieß es gleich: „Abschalten.“ Das war’s dann.
Saskia war knapp drei Jahre, als ihre Mutter verstarb. Aber angefangen hat es eigentlich schon nach der Geburt, dass Kerstin sich schlecht fühlte; wegen jeder Kleinigkeit rastete sie aus. Ich wusste nicht, warum. Ob da auch schon was war?
Die Ärzte baten mich, einer Obduktion zuzustimmen. Meine Schwägerin und ich diskutierten, kamen aber zu dem Schluss: „Wir lassen sie in Ruhe.“ Wir wollten das nicht.
Hinterher habe ich recherchiert: Wenn du was mit den Zähnen hast und das wird nicht behoben, dann kann die Entzündung weitergehen und das Herz als erstes Organ befallen – und das kann zum Tod führen. Ihr ging es ja schon seit Monaten schlecht, aber dass das mit dem abgestorbenen Zahn zusammenhängen könnte, darauf ist keiner gekommen. Der Arzt, den sie vor einem halben Jahr schon aufgesucht hatte, verschrieb ihr immer bloß Antibiotika: „Der Herd muss weg!“ Der Zahn wurde aufgebohrt und ein Medikament reingestopft, aber der ganze Eiter war schon im Blutkreislauf. Der letzte Zahnarzt hätte sie warnen sollen: „Pass auf, du hast schon seit einem halben Jahr einen abgestorbenen Zahn in deinem Mund, du musst zur Beobachtung ins Krankenhaus.“
Ich suchte den Sarg aus und ein schönes Kleid. Und war fix und fertig.
Kerstin war meine dritte und meine liebste Frau. Sie war 20 und ich 39, als wir uns kennenlernten, zusammengelebt haben wir aber nur die letzten vier Jahre. Trotzdem sahen wir uns die Zeit davor jeden Tag. Insgesamt waren wir 18 Jahre zusammen.
Ich würde sagen, wir haben uns immer an unserer Verbindung erfreut. Das war Liebe, auch bei ihr. Kerstin war die Ex-Freundin eines befreundeten Musikers gewesen. Sie hat mir immer meine Freiheiten gelassen, wenn ich bei meinen Kumpels war, wir gekifft und Musik gemacht haben. Ich war sehr lange richtig in sie verliebt, hatte Träume gehabt, bin über Dörfer geflogen … Doch ihre Eltern meinten, ich sei zu alt für sie.
Nach ihrem Tod hat mir eigentlich keiner geholfen. Zwei, drei Leute kamen mal vorbei und haben kurz mit mir geredet, aber dass jemand gefragt hätte, ob er für mich etwas tun könnte, das kam nicht vor. Aber wie hätte mir jemand helfen sollen? Das kann in der Situation doch sowieso keiner. Die Verpflichtung mit dem Kind war für mich selbstverständlich, da habe ich nicht drüber nachgedacht. Ich habe meine Frau vermisst.
Am Wochenende bin ich immer von der Alb runtergefahren, habe Saskia geschnappt und sie zu meinen Schwiegereltern gebracht, weil ich dachte, sie ist das Kind ihrer Tochter und sie freuen sich an ihr. Alleine auf der Alb sein, das war unerträglich. Ich musste alles selber machen: früh aufstehen, Saskia in die Kita bringen, arbeiten gehen, Saskia hinterher wieder abholen, einkaufen gehen, daheim etwas kochen … Ich habe einfach gemacht, was angesagt war. Waschen, putzen, kochen, nach dem Kind schauen, weiterleben. Das war das Wichtigste. Aber es war einfach niemand da. Ich hatte Bekannte, aber hier auf der Alb keine richtigen Freunde. Am Wochenende habe ich dann alte Freunde besucht, in der Kneipe rumgehangen, gekifft und gesoffen. Meistens stand ich drüber, aber manchmal habe ich geheult. Dann haben mich die alten Freunde getröstet. Mein Körper hat sich gemeldet, ich war öfter krank. Antibiotika nützten nichts, ich bekam Fieber und bin trotzdem im gleichen Jahr, als Kerstin starb, mit der Kleinen nach Italien gefahren, so wie wir es eigentlich zu dritt vorhatten. Das war so traurig!
Es kam vor, dass Saskia abends in ihrem Bettchen lag und ich ihr was zum Einschlafen vorsang. Irgendwann fragte sie: „Wo ist die Mama?“ Ich antwortete: „Die Mama kann nicht mehr kommen. Sie ist gestorben.“ „Ja, warum?“ Sie wusste nicht, was das bedeutet. Da hatte ich einen Kloß im Hals.
Gespräche mit den Erzieherinnen über Saskias Situation gab es keine. Sie wussten alle Bescheid, aber keine hat mich angesprochen: Über alles hat man geredet, aber darüber nicht.
Später hatte ich verschiedene Freundinnen. Steffi mochte ich besonders gern, sie war Lehrerin und hat Saskia auch in der Schule geholfen. Sie hat aufgedeckt, warum Saskia morgens immer zu spät in den Unterricht kam. Die Lehrer dachten ja alle, ich würde es nicht auf die Reihe kriegen und jeden Tag mein Kind zu spät bringen. Aber es war so, dass Saskia, nachdem wir uns an der Eingangstür verabschiedet hatten, erst mal aufs Klo ging und dort mindestens eine Viertelstunde blieb. Natürlich war sie dann zu spät dran!
Beim Spazierengehen traf ich mal einen Bekannten, der sagte: „Am besten ist es, dass du so schnell wie möglich wieder eine Frau findest!“ Aber wer sollte das sein? Es gab keine, die zu mir und Saskia gepasst hätte. Die Steffi hätte schon gepasst, aber sie hatte ein behindertes Kind und musste sich auch um dieses kümmern. Das war ungefähr sechs Jahre nach Kerstins Tod und mit Steffi und mir ging es vielleicht drei Jahre. Steffis behindertes Kind war immer die Heilige und Saskia immer die Böse. Irgendwann hat es gereicht, da habe ich meine Kleine geschnappt und wir sind wieder gegangen.
Die Sicht auf Leben und Tod bekomme ich nicht, weil ich um jemanden trauere. Über meinen eigenen Tod oder über den des Kindes habe ich deshalb nicht mehr oder anders nachgedacht. Ich wollte weiterleben. Wenn jemand gestorben ist, dann kann man nichts mehr machen, dann ist er eben weg. Die Kirche hat mir keinen Trost gespendet, das war alles Blabla. Musik hat mir geholfen oder Leute, die mal Saskia genommen oder was mit uns zusammen gemacht haben. Über die Musik sind Freundschaften entstanden. Das Singen an sich macht Freude, da bin ich bei der Sache, das Selbstmitleid ist weg. Das hilft. Erik Claptons „Tears in Heaven“ gibt es auch auf Deutsch „Jenseits der Zeit“: „Wenn ich heute sterbe und werde in einer Milliarde Jahren wieder aufgeweckt, dann wache ich wieder auf – die Zeit zählt nicht.“ Mein Bewusstsein ist, dass es keine Zeit gibt, vielmehr existiert sie nur, solange man lebt. Bis zu einer Wiedergeburt können Milliarden von Jahren vergehen, aber du siehst es als ein „im Nu“.
Das Lied löste Trauer aus, und es zu spielen, tat mir gut. Es erlaubte mir, traurig zu sein.
Zu Kerstins Geburtstag zünde ich manchmal Kerzen an und spiele für sie Gitarre. Dann sage ich: „Das ist für dich!“ Komisch, lange Zeit habe ich ihren Geburtstag verpasst, irgendwann habe ich wieder damit angefangen und nun steht ihr Termin in meinem Kalender.
Wenn ich mit Saskia, Freunden und deren Kindern zusammen war, war das immer schön für mich und sie. Heute ist meine Tochter 22 Jahre und wir haben eine enge Verbindung.
Aber so eine Partnerin wie Kerstin habe ich bisher nie wiedergefunden.
Für mein Leben wünsche ich mir, dass ich weiterhin Musik machen und Saskia unterstützen kann. Ich hätte gern eine neue Beziehung, die Hoffnung gebe ich nicht auf. Vielleicht brauche ich eine Frau, die ernsthaft gute Musik macht. Ob das hilft?
MIT MUT UND KRAFT
DAS LEBEN NEU ORDNEN
Frau B., 78 Jahre alt, drei Töchter, hat zwei Ehemänner krankheitsbedingt verloren. Ihre Tatkraft und positive Grundeinstellung halfen ihr bei der Bewältigung, Angebote für Trauerbewältigung gab es in den 1960er und 1980erJahren kaum.
Die Trauer begleitet einen ein ganzes Leben lang, ich denke oft darüber nach. Meine Erfahrungen betreffen den Verlust eines Partners in jungen Jahren und den eines Partners in reiferen Jahren. Ich bin Teil eines Frauenkreises, wir sprechen viel über dieses Thema, und ich stelle immer wieder fest: Jede empfindet anders, jede trauert anders, jede bewältigt es anders. Außerdem glaube ich: Wer einen starken Glauben hat, der kann sein Schicksal anders annehmen. Dann kann man immer weitermachen, egal, wie weit unten man ist.
Meine Mutter ist mit 46 Jahren an einer ganz gewöhnlichen Gallensteinoperation wegen einer falschen Behandlung verstorben. Ich hatte einen elfjährigen Bruder, eine 19-jährige Schwester und mein Vater besaß eine große Landwirtschaft. Ich war öfters mit den Nerven ganz am Ende, weil wir einfach nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe ganz bewusst einen Mann geheiratet, der krank war. Zu der Zeit war ich schon mit ihm zusammen, und meine Mutter hat immer gefragt: „Willst du dir das wirklich antun?“ Aber ich habe gesagt: „Er ist so ein toller, liebenswerter Mann. Warum soll nicht auch er das Glück erleben?“
Er war ein Bild von einem Mann! Als wir uns kennenlernten, war ich 18 und er 26; und als er starb, war ich 24. Er war in der Zeit x-mal im Krankenhaus. Er ließ sich in der Schweiz behandeln, denn hier wäre er gleich verstorben; die Boecksche Krankheit (heutige Bezeichnung: Sarkoidose, bei der Gewebeknötchen [Granulome] überall im Körper entstehen und Entzündungsreaktionen hervorrufen, die die Organe schädigen; besonders die Lunge ist betroffen) war in Deutschland kaum bekannt. Er wurde mit Cortison behandelt, das es damals nur in der Schweiz gab. Seine Eltern hatten ein gutgehendes Geschäft und konnten sich die Behandlung leisten, aber: Das Cortison war nicht gereinigt, es war ein Urprodukt. Daraufhin bekam er Geschwülste.
1963 haben wir geheiratet, nachdem man ihn ermutigt hatte: „Alles ist gut!“ Ich hatte mich noch erkundigt, ob dem Wunsch nach Kindern nichts im Wege steht, aber es hieß, das sei nur eine Infektionskrankheit. Es war unser beider große Liebe, sie schlug ein wie ein Blitz! So haben wir beschlossen, wir machen es einfach. Kaum zu glauben, aber ab der Hochzeit war mein Mann drei Jahre lang nicht mehr krank! Er hat gearbeitet und wir haben unsere zwei Mädchen bekommen. Es war eine schöne, erfüllende Zeit. Im selben Jahr, als unsere zweite Tochter auf die Welt kam, waren wir wie so oft bei meinen Schwiegereltern. Es war warm und schön, mit einem blauen, weiten Himmel. Das Letzte, was er sagte, war: „So ein wunderschöner Abend!“ Am Gartentor fing er an zu husten. „Ich geh schon mal rein, huste dich aus“, sagte ich und ging nach den Mädchen schauen in der Hoffnung, dass sie nicht aufwachten. Dann zog ich meinen Schlafanzug an, als es plötzlich in mich fuhr: „Wo ist er? Da stimmt doch was nicht!“ Auf dem Flur kam er mir torkelnd entgegen. „Schatz, was ist?“, fragte ich. „Den Doktor“, bat er. Ich rannte zu den Schwiegereltern gerade so, wie ich war. Später sah ich, dass er in der Waschküche die Lunge ausgeblutet hat – aber er hatte nichts gesagt! Dabei dachten wir doch, es sei alles gut. Als er starb, waren die Mädchen eineinhalb Jahre und drei Monate alt. Ich war verzweifelt, hatte Existenzängste – mein Lebenstraum war mit einem Mal zu Ende. Alles brach zusammen. Im Nachhinein kann ich das Positive sehen: Weil Kinder da waren, hatte ich keine Zeit zum Trauern.
Ich versuchte, mit Mut und Kraft das Leben neu zu ordnen. Die Zukunft musste entwickelt werden, egal wie; das eigene Ich rückte total in den Hintergrund. Ich dachte nur: „Ich muss für die Kinder da sein!“ Hätte ich nicht meine Eltern und die Schwiegereltern gehabt, wie hätte ich überleben können mit den Kindern? Ich musste mit 400 DM auskommen. Alles habe ich selber gestrickt, gehäkelt, genäht. Von meinem Vater habe ich Naturalien bekommen, ich musste nichts kaufen. Meine Kinder haben keine Milch getrunken, die Schwiegereltern haben immer Malzbier gekauft, das hätte ich mir gar nicht leisten können. Wenn man heute immer sagt: Milch und Muttermilch – alles Quatsch! Meine sind mit Malzbier großgeworden.
Arbeiten, planen – wie geht es weiter? „Mein Gott, jetzt haben wir niemanden mehr“, jammerten meine Schwiegereltern. „Wie bitte? Ihr habt doch mich!“, widersprach ich. An jenem Abend habe ich den beiden versprochen, dass ich sie ihr ganzes Leben lang nicht alleinlassen werde. Sie hatten uns so viel geholfen und waren immer für ihren Sohn da. Meine Schwiegermutter wollte eigentlich nicht mehr leben, das war schlimm. 1966 ist mein Mann verstorben, und 1970 ist meine Schwiegermutter tödlich verunglückt. Keiner weiß, warum sie allein im Schneesturm über die Straße und in ein Auto gelaufen ist. Der Fahrer hat gesagt, er habe niemanden gesehen. Von da an habe ich 25 Jahre meinen Schwiegervater versorgt. Mit Geschäft, Garten – nein, zwei Gärten, zwei Häuser! 25 Jahre lang kam er hierher zum Essen. Ich machte nie Urlaub, nichts. Ich habe nur alle versorgt. Das war in den ersten Jahren das Schlimmste, von jedem so vereinnahmt zu werden.
Es war gut gemeint, aber ich wollte mir nicht mehr sagen lassen, wo man am Wochenende hinfährt und was ich mit den Kindern machen soll. Ich wollte selber über mein Leben bestimmen. Darum habe ich mir gesagt: „Ich muss nach einem neuen Partner Ausschau halten. Die Kinder brauchen einen Vater.“ Aber gleich darauf dachte ich: „Das kann nicht funktionieren, denn: Welcher Mann heiratet eine Witwe mit zwei kleinen Kindern?“
Mein Mann hatte für mich in der Verlobungszeit die Zeitschrift „Haus und Familie“ abonniert, die ich über Jahrzehnte hinweg las. Darin waren auch Kontaktanzeigen. Im Winter 1967/68 – da war ich 23 und mein Mann seit zwei Jahren tot – stieß ich auf eine Anzeige und dachte: „Mein Gott, dieser Mann hat es auch schwer!“ Ein Rezept für eine Quarktorte gefiel mir und ich hob das Heft auf. An Ostern fiel mir die Torte wieder ein und ich holte es wieder hervor. Als ich es aufschlug, sprang mir gleich wieder die Kontaktanzeige ins Auge. Es war wie ein Wink des Schicksals. „Jetzt schreibe ich dem Mann und mache ihm Mut“, nahm ich mir vor. Er hatte nämlich nur seine schlechten Eigenschaften beschrieben! „Ungewöhnlich“, dachte ich. Er schrieb, dass er viel Arbeit hat, ein eigenes Geschäft und ein achtjähriges Töchterlein; dass er Raucher ist, nicht tanzen kann … Aber am Schluss: sehr zärtlich! Das war’s. Ich schrieb ihm, dass er nicht verzweifeln soll und dass er bestimmt wieder jemanden findet. 72 Zuschriften hatte er bekommen! Mit meinem Brief ging er zu seiner Mutter und sagte: „Die oder keine!“ Aber seine Mutter antwortete: „Die Frau will doch gar nichts von dir. Sie ist 16 Jahre jünger wie du und hat selber schon so einen schweren Schicksalsschlag erlebt. Sie wollte dir nur ein bisschen Mut machen.“ In meinem Schreiben hat er das Abbild seiner Frau gesehen. Sie war an Krebs verstorben. Seine Tochter war von ihm und seiner Frau adoptiert worden, da es mit einem leiblichen Kind nicht geklappt hatte.
Dann ging es mit den Briefen hin und her. „Jetzt muss ich ihn mal sehen“, beschloss ich. Wir wohnten etwa drei Stunden auseinander. Das erste Mal, dass ich meine Schwiegereltern anlog, weil ich noch nichts davon erzählen wollte: „Ich gehe eine Freundin übers Wochenende besuchen“, sagte ich. Nur meinem Vater sagte ich die Wahrheit.
Der Mann war sehr alt und total am Boden. Er kam in einem schwarzen Anzug angereist, grauhaarig und verbraucht. Keine Schönheit. Aber – was für eine Ausstrahlung! Als ich im Zug heimfuhr, sagte ich mir: „Nein, das tue ich mir nicht an. Was der alles am Hals hat!“ Aber der Mann hat nicht aufgegeben. Er schrieb mir solch herzliche Briefe und bot an, zu mir zu ziehen. Denn für mich war klar: „Von hier gehe ich nicht weg.“ Ich hatte das neue Haus, die Schwiegereltern, denen ich versprochen hatte, für sie da zu sein. Das hat er alles akzeptiert. Er war bereit, sein Geschäft aufzugeben und hier mit 46 Jahren nochmal neu anzufangen. Ich half ihm, das Geschäft aufzulösen.
Solch einen Mann gibt es selten! Er hat mich auf Händen getragen. Ich brachte ihn hier in einem Betrieb unter, aber es war eine belastende Stelle. Nach oben musste er buckeln, aber nach unten konnte er gar nicht treten, weil er so ein feiner Mensch war. Und intelligent! Im Krieg war er Pilot, das Fliegen war sowieso seine Leidenschaft. Über Russland wurde er dann abgeschossen, Schädelbasisbruch, beide Knie gebrochen. Es war ein Wunder, dass er überlebt hatte. Die russischen Ärzte haben ihn zusammengeflickt. Er hatte furchtbare Schmerzen. Als Einziger von den sieben Flugkameraden ist er aus dem Krieg zurückgekommen. Als er es geschafft hatte, irgendwie heimzukommen, erkannte ihn die eigene Mutter nicht, so verlaust und abgemagert war er.
Einen besseren Vater hätte ich für die Kinder nicht haben können, das war er wirklich. Unsere Liebe war nicht sofort da, sie ist gewachsen. Er hat mir alle Freiheiten gelassen, er hat Geld verdient und sich hier gut eingewöhnt. Seine Tochter war von der ersten Stunde an meine Tochter, wie die anderen auch. Die drei haben sich immer gut verstanden. Sie wird demnächst sechzig und ist eine ganz tolle Frau! Ja, es ist alles gut gelaufen, aber nur, weil ich gesund war und so viel Kraft hatte, um dies alles zu bewältigen. Streit und Unfrieden konnte ich nie vertragen. Ich habe alle ins Boot geholt, alle haben mitgezogen, denn unser Motto war: Das machen wir alles miteinander. Dazu gehört aber, dass man frei ist von Egoismus und Ichbezogenheit, sonst funktioniert das nicht.
Ein gemeinsames Kind mit meinem zweiten Mann habe ich abgelehnt, weshalb er auch sehr böse mit mir war. „Nein, nein“, sagte ich. „Wir haben jetzt drei Kinder, und die Verantwortung für ein weiteres kommt für mich nicht in Frage.“ Das habe ich durchgesetzt, da war ich sehr selbstbewusst. Es wäre deshalb aber fast zum Bruch gekommen. Wahrscheinlich hätte es sowieso nicht geklappt, mit der ersten Frau ging es ja auch nicht. Das lag an der Fliegerei. Die Maschinen, mit denen man früher flog, wurden mit Bleibenzin betrieben, das die Spermien der Männer abtötete. Sehr wahrscheinlich war das der Grund für seine Zeugungsunfähigkeit; aber früher konnte man das ja nicht so untersuchen.
Heute ist alles anders, auch die Trauerbewältigung. Wie heute den Leuten geholfen wird! Ich hatte niemanden. Alles habe ich selber mit mir ausgemacht.
Mein zweiter Mann ist an Krebs gestorben. Der Arzt hatte ihn abgetastet und mir hinterher im Vertrauen gesagt: „Ich taste überall Metastasen. Es gibt nur die Möglichkeit ihn zu operieren, damit er nicht allzu früh einen Darmverschluss bekommt.“ Das ist das Schlimmste, was einem Krebspatienten passieren kann. Da hilft nichts mehr, kein Schmerzmittel, nichts. Der Arzt sagte voraus, dass er noch ein Vierteljahr haben wird, in dem es ihm gut geht: „Macht alles, was euch Freude macht; denn dann geht es rigoros bergab.“ Genauso ist es gelaufen. Es war ein Vertrauensbruch, aber ich habe die Prognose meinem Mann nicht gesagt. „Du wirst operiert und du wirst sehen, dann geht es wieder aufwärts“, beruhigte ich ihn. Ich wollte nicht, dass er sich das Leben nimmt, denn er hat immer gesagt: „Wenn ich einmal Krebs bekomme, mache ich das nicht mit.“ In diesem letzten halben Jahr seines Lebens war ich voll für ihn da. Aber wir konnten eigentlich nichts mehr unternehmen. Beim Autofahren hat ihn jede kleine Erschütterung geschmerzt. Ich habe ihm die Spritzen gegeben und zweimal die Woche waren wir beim Arzt. Nun musste ich noch mehr selber bewältigen, Autofahren, die Oma in die Kur bringen … Denn seine Eltern hatten wir inzwischen auch hierhergeholt! Sein Vater ist allerdings nach vier Wochen verstorben, und dann saß die Mutter allein in der Wohnung. Aber ich habe mich so gut mit ihr verstanden. Und da die andere ja tödlich verunglückt war, gab es ja „nur noch“ die eine Schwiegermutter. Das war vielleicht das Gute daran, wer weiß, ob es mit beiden gutgegangen wäre … Sie war eine bewundernswerte Frau. Denn als mein Mann nach einem halben Jahr verstorben war, sagte sie zu mir: „So, jetzt ist es gut. Du hast so viel geleistet, ich geh jetzt in meine alte Heimat ins Altersheim. Um mich musst du dich nicht mehr kümmern.“ Da war sie 87.
Mein zweiter Mann ist nach 18 Jahren Zusammensein im November 1987 verstorben. Und im Dezember war ich schon auf dem Arbeitsamt, denn es war klar, dass ich mit der kleinen Witwenrente nicht auskommen würde. Der Berater sagte: „Haben Sie ein Glück! Es gibt eine Wiedereingliederungsschule für ehemalige Industriekaufleute. Aber Sie müssen sich gleich in den nächsten fünf Minuten entscheiden.“ Ich bin dann auf den Gang raus und habe nachgedacht. Die ganze Familie saß ja bei mir am Tisch – wie sollte ich in die Schule gehen und mittags erst heimkommen, dann wieder alle Leute versorgen? Aber ich wollte das auch noch schaffen. So bin ich wieder ins Büro rein und habe gesagt: „Okay, melden Sie mich an.“ Denn es ging um Minuten, der Platz hätte gleich vergeben sein können. Schon am nächsten Tag fuhr ich nach Rottweil in die Schule. Zu Hause versammelte ich alle um mich und sagte: „In Zukunft wird nicht mehr um halb zwölf, sondern um halb zwei zu Mittag gegessen.“ Die Schule ging ein halbes Jahr und ich habe einen guten Abschluss gemacht. Aber dann – was tun? Ich rief den ehemaligen Chef meines zweiten Mannes an, der mir früher schon angeboten hatte, ich könne mich an ihn wenden, da er wusste, dass wir es nicht leicht hatten. Er bot mir eine Stelle als Mutterschutzvertretung an. Ich habe zugesagt, bin voll ins kalte Wasser gesprungen. Die Arbeit war dann auch sehr umfangreich. „Sie lassen wir hier nicht mehr gehen“, sagte der Chef nach einem halben Jahr zu mir. Und so kam es, dass ich bis zur Rente in der Firma blieb! Irgendwie schaffte ich es immer, alles unterzubringen und zu bewältigen. Dazu noch mein unterstützendes Umfeld. Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht, ich konnte es sowieso nicht anders. So war mein Leben.
Meins war es nie, daheim zu sitzen und zu heulen. Über Jahrzehnte habe ich vier Gräber versorgt, das hat mir sehr viel gegeben: an einer Grabstelle zu stehen und mit dem Verstorbenen Gespräche zu führen. Und wenn es nur zwei Minuten waren. Das hat mir am Anfang, wenn ich wieder allein war, am meisten gebracht. Zeit für Trauerbewältigung hatte ich eigentlich nie. Man muss loslassen können, einfach loslassen. Heute sehe ich, es war meine Lebensaufgabe, das Viele zu bewältigen. Den Herrgott habe ich währenddessen oft gespürt! Beide Männer musste ich loslassen. Mit dem ersten hatte ich so eine erfüllte Zeit, das erlebt nicht jeder. Und beim zweiten dachte ich: „Ich habe so viel Kraft, ich kann ihn mit seinem Kind nochmals vorwärtsbringen, wenn er bereit ist, mir entgegenzukommen.“ Und – es hat geklappt! Er hat mir einen sehr bewegenden Abschiedsbrief geschrieben; wenn ich heute dran denke, könnte ich immer noch heulen.
Ich war 46, als mein zweiter Mann verstarb, und ich war ein Mensch, der nicht allein sein wollte. Meine Töchter waren inzwischen groß. Ich habe keine Schwiegersöhne und keine Enkel, warum auch immer. Jedes meiner Mädels ist ganz toll, jedes auf seine Art, und ich habe immer gesagt: „Macht so, wie ihr denkt!“ Ich habe nie geklammert, alles läuft auf freiwilliger Basis.
Einen geschiedenen Mann hätte ich nie genommen, denn: „Ein Bock allein stößt nicht.“ Das sind doch in der Regel besondere Menschen, die nicht an ihrer Beziehung arbeiten können. Man kann natürlich immer davonlaufen, aber ich finde: Wenn man sich das Ja-Wort gegeben hat, dann muss man doch an der Beziehung arbeiten. Das funktioniert! Man sollte sein eigenes Ich zurücknehmen und schauen, dass man nicht an sich klebt. Es gibt so viele egoistische Menschen. Ich sehe oft allein reisende Menschen, und das bedrückt mich. Man macht sich das Leben doch selber schwer, wenn man immer nur auf sich bezogen lebt. Während man, wenn man auf andere zugeht, auch persönlich vorankommt.
Wenn du Witwe bist, passieren dir abartige Dinge. Es haben sich manche Männer um mich bemüht, darunter auch verheiratete. Da denkt ja jeder, er kann einfach was mit dir anfangen, wenn du allein bist. Dem wollte ich entgehen. So gab ich, als ich 52 war, eine Annonce auf, auf die sich einige Männer meldeten. Aus einem Brief hat eine große Charakterstärke gesprochen. Und seit 25 Jahren habe ich wieder einen Partner! Inzwischen haben wir viele Reisen zusammen gemacht, wir unternehmen viel und an den Wochenenden bin ich nicht allein. Aber zusammenleben, nein, das wollte ich nicht mehr. Mein jetziger Partner hat einen Sohn und er hat seine Frau durch Krebs verloren. Ich wollte eigentlich nicht mehr das ganze Leid von anderen verkraften, aber auch seiner Familie kann ich mich nicht entziehen. Da laufen oft Sachen nebeneinander her, das ist manchmal belastend. Und obwohl wir nicht zusammenwohnen, bin ich natürlich mitten drin. Aber heute denke ich: „Es kann kommen, was will.“ Man kann so oft im Leben anderen Hilfestellung leisten – und ich finde, es ist unsere Aufgabe, das zu tun.
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