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Christine Bendik lebt und schreibt in der Nähe von Aschaffenburg. Dem Genre Thriller gilt ihre besondere Leidenschaft. Nach Veröffentlichung zahlreicher Heftromane bei Bastei Lübbe und Kelter beteiligte sie sich am neobooks-Wettbewerb mit dem in Aschaffenburg verorteten Kurz-Thriller "WWW Wilde Wichtelweiber". Aus ihrer Feder floss auch "Séance", eine gruselige Geschichte zu Halloween, sowie der Beitrag "Feuerrot" aus der feurig-frechen Anthologie dreier befreundeter Autorinnen. Titel: "Feuer!"

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Christine Bendik

Aus dem kalten Schatten

Copyright © 2021 Christine Bendik

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: © Shutterstock

Umschlag Schrift: www.fontspring.com

Umschlaggestaltung: Christine Bendik

Lektorat: Christina Hornung, Aschaffenburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Herausgeber: Christine Bendik

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Die wichtigsten Figuren

Nebenfiguren

Prolog

Deine Puppenaugen blicken starr. Der Schrecken steht noch darin geschrieben und auch die Verwunderung. Und obwohl mir klar ist, dass das niemals wieder passieren wird, wünsche ich mir ein Blinzeln herbei. Irgendein Lebenszeichen. Die Stille ist einfach gespenstisch. Ich habe noch nie einen Menschen getötet.

»Warum?«, scheint dein Mund mich zu fragen.

»Glaub mir, ich habe das nicht gewollt«, flüstere ich, und Tränen laufen mir über die Wangen, als ich mich deinem eisigen Blick entziehe. Es gibt diese dunkle Seite in mir … den Durst nach Vergeltung, den offenbar nur noch der Tod löschen kann.

Ich sammle die leeren Spritzenhülsen ein, den Dolch, die Augenbinde und die Wollfäden, die deine Hand aus meinem Pulli gerissen hat. Nur weg von hier, bevor der Tag anbricht. Bevor die aufgehende Sonne die Finsternis einer mondlosen Nacht verjagt und das erste Hauspersonal aufkreuzt.

Etwas Helles flattert zu meinen Füßen auf – es ist der Brief. Er muss mir bei unserem Gefecht vorhin aus der Tasche gefallen sein. Der Brief, der mit dem Geschehen hier alles und gar nichts zu tun hat. Den ich seit Wochen ungelesen mit mir herumschleppe und der mit jedem Tag schwerer zu wiegen scheint, weil etwas in mir befürchtet, dass er mir nicht gefallen könnte. Schnell stopfe ich den Umschlag in die Tasche zurück und eile dem Ausgang zu. Ich drehe mich nicht mehr um, verharre nur kurz.

»Bon Voyage, l’Amie. Gute Reise«, murmele ich, bevor ich die Tür hinter mir schließe, den Blick deiner Puppenaugen wie ein Brennglas auf der Haut meines Nackens.

Teil 1

Kapitel 1

Brooklyn, Williamsburg

Montag

Jade Duncan

Im dritten Stock verließ sie den Lift. Drückende Schwüle schlug ihr entgegen. Die Klimaanlage hatte ihren Geist aufgegeben und Jade sehnte sich danach, den schweren, samtenen Jumpsuit gegen Jeans und ein leichtes Shirt zu tauschen. Die Worte der Chefin beim Probewalk drunten im großen Saal hallten ihr noch in den Ohren, und während sie dem Umkleideraum zustrebte, äffte sie Ava Davi kopfwackelnd und augenrollend nach. »Nicht zu viel Körperspannung! Mehr Hüfte, weiche Posings, Schmollmund …«

Jade hätte sich die Lektion in Haute Couture gerne erspart, doch sie hatte sich eine Bemerkung verbissen. Die Erfahrung lehrte: Halt besser die Klappe bei Ava – sonst Krieg.

Sie bohrte die Hände in ihre Hosentaschen, und ihre Finger stießen wieder auf diesen kleinen Umschlag. Sicher eine Nachricht von ihrer Freundin Suzan, die sie gestern Abend wegen eines verpassten Fluges bei der Premiere der Moonshine-Walks hier im Hause würdig vertreten hatte. Aber jetzt war nicht der Moment und sie ließ den Umschlag in ihre Handtasche wandern, um den Brief später in Ruhe zu lesen.

Im Flur herrschte ein Kommen und Gehen. Es waren »Schnuppertage«. Junge Designer nutzten die Gelegenheit, einander persönlich kennenzulernen, und Jade hatte auch schon den einen oder anderen Blogger oder Influencer in Avas heiligen Hallen entdeckt. Versteckt in der Raucherecke zog ein blutjunges Ding eine Line.

Aus der Ankleide trat Jade die altbekannte Geruchsmischung aus Schweiß und Eau de Toilette entgegen. Sie warf ein lockeres Hallo in die Runde. Die feiste Garderobiere Margie Fox, das Tattoo-Model Serah Conally sowie vier Jade unbekannte Mädchen sahen sie an.

»Ist Suzan nicht da?«, wollte sie wissen. Ihr Blick fiel auf die neuen Wandposter von der New Yorker Great Bridal, der Hochzeitsmesse, und einem weiteren von der brünetten Suzan, die Jade, nur in einer etwas jüngeren Variante, verblüffend ähnelte. Sie trug Cocktailkleid und hatte verruchte Smokey Eyes. Fast meinte Jade, den feinen Duft von Chopard Oh la la zu riechen, Suzans Lieblingsparfüm. Sie lächelte von diesem Poster herunter, als wäre sie lebendig und als riefe sie Jade zu: »Nice, dich zu sehen. Wie lange bleibst du und machen wir was Schönes zusammen? Baden? Coney Island?«

Margies Stimme, zusammen mit dem Klingelton von Jades Handy, ließen Jade zusammenzucken.

»Suzan Wickles?« Margie zuckte mit den Schultern. »Hat sich heute noch nicht hier blicken lassen.« Die Brille war ihr auf einer feinen Schweißbahn hinab auf die Nasenspitze gerutscht. Ein Maßband hing um ihren Hals und ein paar bunte Stecknadelköpfe ragten wie winzige Luftballons aus ihrem Mund, sodass Jade ihr Nuscheln kaum verstand. Sie starrte sie einen Moment lang an, wartete, bis das Handy verstummte. Bestimmt war es wieder der Fremde. Er hatte es heute schon zweimal probiert.

»Seltsam«, murmelte sie, mit trockenem Mund und ignorierte Margies fragenden Ausdruck, das Klingeln des Handys betreffend. »Suzan sagte mir noch … ich meine, hat sie nicht gleich noch einen Termin?« Ein Gefühl, dumpf und dunkel, breitete sich in ihr aus, wie eine düstere Ahnung oder – ein tiefes inneres Wissen?

»So ist das mit den jungen Leuten«. Margie bastelte an der kleinen Schleppe von Serahs champagnerfarbenem Kostüm. »Zuverlässigkeit? Spießig. Pünktlichkeit? – Pah!«

Jade, erleichtert über das Verstummen des Handys, trat in eine der Umkleidekabinen. »Die Rede ist hier von Suzan«, schickte sie empört nach draußen in Richtung Margie. Keine war so korrekt wie sie. »Hoffentlich ist sie nicht krank?« Sie merkte selbst, wie ihre Stimme kippte. Sie verließ die Kabine und reichte Margie den babyblauen Jumpsuit zum Lüften. Neben ihr ratschte ein Reißverschluss und Serah, auf einem Hocker sitzend, mit der Fleischmütze als Unterlage für eine Perücke und in ihrem engen Kleid, jammerte.

»Ich werde ersticken in dem Teil.«

»Es ist eine 36, eine Nummer mehr, als du sonst trägst. Soll ich vielleicht Stoff ankleben? Da passen noch ein, zwei Kilo locker rein. Ist doch nichts dran an dir. Wo ist dein Busen, dein Arsch?« Margies rabiate Seite. Aber Serah steckte so etwas weg wie »ein Tütchen Luft« – ihr eigens kreierter Spruch. Probleme existierten nicht und wenn doch, einfach aussitzen, bis sie von selbst verpufften.

»Sag Suzan, ich warte in der Kantine auf sie«. Bevor Jade sich umwandte, warf sie Margie noch einen Luftkuss zu. Serahs Blick mied sie wie der Teufel das Weihwasser. Sie hatte nur beiläufig die neuen Tattoos registriert, die schon bis zur Halskuhle reichten. Kam jetzt das Gesicht an die Reihe, ging das Kunstwerk seiner Vollendung zu? Jade fand ja, dass noch ein Nasenring fehlte. An dem Ava oder Margie sie über den Catwalk führen konnten. Seit sie das Tattoo-Studio leitete, schien sie völlig durchzudrehen, was die Körperbemalung betraf. Serah, ihre um knapp ein Jahr jüngere Schwester.

Jade öffnete die Tür. Die Gören im Hintergrund begannen zu quengeln. Wieso denn die eine unbedingt das rote Kleid tragen müsse, und die andere hätte das schöne blaue? Es passe so gar nicht zu ihrem Haar. Und nein. Eher würde sie in den Hudson gehen, als sich gleich im Salon ihre tolle Mähne in eine verfickte Kurzhaarfrisur umstylen zu lassen. Sie mache sich doch nicht zum Affen! Und so weiter und so fort. Jade war froh, als sie endlich draußen stand.

Ava kam ihr entgegengeeilt, in anthrazitfarbenem Overall aus weicher Mikrofaser, pinkfarbenem Seidenschal und mit falschen Wimpern, Marke extradicht.

»Sie ist weg«, rief sie händeringend aus. »Verschollen.« Sie seien vor einer halben Stunde schon verabredet gewesen. Sie habe überall nach Suzan gesucht, sie sei im ganzen Haus nicht auffindbar.

Erneut wählte Jade Suzans Nummer, verschickte eine SMS – nichts.

»Ihr seid doch befreundet.« Avas Stimme kippte. »Hat sie irgendwas gesagt, eine kleine Verspätung …«

»Tut mir leid.« Jade und Ava starrten einander für eine lange Sekunde an. Sie wussten beide, dass Verspätungen fürs Geschäft tödlich waren. Wie sie auch wussten, dass Suzan nicht der Typ war, der leichtfertig einen wichtigen Termin verpasste.

Und als wäre das nicht genug der Sorge, surrte erneut Jades Handy. Automatisch stieg ihr Puls, als sie das Ding aus der Tasche zog, um es auszuschalten. Sie brauchte gar nicht erst auf das Display zu schauen, sie wusste, wer da anrief: ein schräger Typ namens »Unbekannt«. Der sie auf Schritt und Tritt zu verfolgen und zu beobachten schien.

Ein ganz schreckliches Gefühl stieg in ihr auf: Ungewissheit, gepaart mit Angst. Avas besorgter Gesichtsausdruck, die vermisste Suzan, der Anrufer. Das alles machte etwas mit Jade. »Da ist was Schlimmes passiert«, murmelte sie. Und da hörten sie auch schon die Sirenen.

Kapitel 2

New York/Little Italy

Montag

Paul Stroud

»Schneidet ihm endlich den Schniedel ab!«, rief ihnen noch eine genervte Männerstimme aus einer anderen Wohnungstür hinterher. Dann folgten Bureau Chief Paul Stroud und sein Kollege Craig Murdock dem Mann in dem erdbeerroten Lederslip in sein Wohnzimmer, wo schon sein weibliches Gegenstück in einem schwarzen Body wartete. Handschellen baumelten an seinem Handgelenk und eine Kippe hing halb aufgeraucht in seinem Mundwinkel.

Paul nahm seine Hand vom Holster, in dem die »Smith & Wesson« auf ihren Einsatz wartete. Das hier sah ihm eher nach einem der üblichen, fruchtlosen Einsätze aus, die er von früher kannte. Die Wohnung gab keinerlei Hinweise auf einen »Ehekrach« her, das Wohnzimmer war ordentlich aufgeräumt, in den Schränken und auf den Regalen Nippes und Plastikblumen in Glasvasen. Ein paar Folterwerkzeuge lagen, ordentlich sortiert wie ein OP-Besteck, auf dem Wohnzimmertisch.

»Mister Sower«, sagte er. »Uns liegt Meldung vor über häusliche Gewalt.«

»Unsinn. Wir tun es nie ohne Codewort, ehrlich. Meine Sugar braucht nur ´Aus, Sugar` sagen, und Schicht ist im Schacht.«

Das weibliche der beiden Zuckerstücke, in seinen frühen Vierzigern, nickte heftig, ohne den Blick von Sower zu lassen, und Paul hatte Schwierigkeiten, der glimmenden Kippe auszuweichen, als Sower sich ihm in einer vertraulichen Weise näherte. Scharfer Schweißgeruch stieg Paul in die Nase.

»Ich könnte meinen Arsch verwetten«, geiferte Sower, »dass ich die Petze kenne.« Mit dem gereckten Kinn zeigte er Richtung Hausflur. »Der Alten sollte man’s mal so richtig besorg…«

Ehe er blumig ausschmücken konnte, holte Craig tief Luft und wandte sich an die Frau.

»Mrs Sower?« Paul konnte nur hoffen, dass der Kurze, wie er ihn liebevoll nannte, nicht ausfallend wurde, aber meistens hatte er sich im Griff, und das Motto der New Yorker Polizei lautete schließlich: Höflichkeit, Professionalität, Respekt.

»Bessere Hälfte? So gut wie«, gab Sower an ihrer Stelle Antwort. »Es ist Marybeth. Kommt regelmäßig zum Abendessen vorbei.«

So nannte er das also. Erst jetzt betrachtete Paul sie näher. Die Frau mit dem olivfarbenen Teint sah verhärmt aus. Die lang gezüchteten Haare wuchsen nur spärlich und es fehlte an Glanz, und wo sonst der Eckzahn links oben saß, klaffte ein schwarzes Loch.

Bilder von New Yorks nächtlichen Straßen kamen Paul. Von Menschen, die sich um Tonnen scharten und die Hände über ein wärmendes Feuer hielten. Und er dachte an diese Stadtstreicherin – wie hieß sie noch gleich? Manchmal hatten sie ein paar freundliche Worte gewechselt. Sie hatte ihn angerührt, mit ihren traurigen braunen Augen. Und hatte sie nicht ein Kind? Mit den Jahren hatte er hilflos mit ansehen müssen, wie sie dem Alkohol verfiel. Wie Marybeth verdiente sie sich ein Zubrot durch Hausbesuche. Ob sie noch lebte? … Falls die Leber mitgespielt hatte …

Er merkte, dass er Marybeth anstarrte, und blickte schnell weg, und während Craig eine Notiz in sein Smartphone tippte, die den Sachverhalt seines Einsatzes hier in Stichpunkten festhielt, trat Paul bereits wieder zur Tür. »Kleiner Tipp meinerseits«, sagte er noch. »Künftig auf die Lautstärke achten. Dann klappt’s auch mit den Nachbarn.«

»Leute gibt’s«, murmelte Craig, als sie im Wagen saßen. Paul zuckte mit den Schultern.

»Ich fand die beiden ganz niedlich, im Vergleich zu den Messerstechern und Vergewaltigern.« Delikte, deren Anzahl sich pro Jahr in New York im vierstelligen Bereich bewegte.

»Ehrlich?«, moserte Craig indessen. »Das Zuckerstückchen würde ich nicht mal mit der Beißzange anfassen. Die war doch mindestens vierzig.«

»Merkst du was, Craig? Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich eine Fünfzig gesehen, auf deiner letzten Geburtstagstorte.«

»Bei mir ist das doch …«

»… etwas anderes?«

»Nun fahr schon los«, brummte Craig. »Und mach die Lichter an. Rose wartet.« Und die war süße zwanzig.

Einen Teufel würde Paul tun! Ob Craig die Polizeisirene öfter für seine Zwecke missbrauchte?

»Rose wartet? Spinnst du?«

»Schu-he«, stotterte Craig. »Absatz ab.« Und dann murmelte er irgendetwas von »seine Schuld« und dass er vergessen hätte, das edle Paar Pumps heute Morgen in den Kofferraum zu legen.

»Tussiletten, hm? Knöchelkiller? Craig Murdock! Deine Rose spielt doch schon wieder in einer anderen Liga. Wie wär’s mal mit was Solidem?« Kurz sah er Jade Duncans Gesicht vor sich. Das mit ihnen beiden hatte genauso wenig gepasst. Er schluckte hart. »Noch mal zum Mitschreiben: Du bringst Roses Schuhe zum Schuster? Mit dem Dienstwagen? Mensch Craig, das kann dich deine Marke kosten.«

»Du wirst mich doch nicht verpfeifen? Hey. Warst doch selbst mal ein Cop.«

»Hieß die Kleine nicht gestern noch Mary? Und neulich erst Adeline? Was erzählst du den Frauen? Du wärst der Urenkel von Columbo? Inkognito in der Stadt, und ’ne Villa in Hollywood?«

Ein scharfer Schmerz durchzog Pauls Wange, schlimmer noch als gestern Abend. Sein Weisheitszahn pochte. »Warum tue ich mir das an? Ich könnte längst im Büro sitzen!«

»Weil dein Kühler futsch ist? Weil du deinen alten Kumpel vermisst? Und den Highway?«

Da war etwas Wahres dran. Er sehnte sich nach diesem persönlichen Eingreifenkönnen. Für Gerechtigkeit zu sorgen. Unmittelbar und direkt. Doch das sagte er Craig nicht.

»… Nur kurz ins Büro bringen! War das zu viel verlangt? Stattdessen: zu unchristlicher Zeit aus den Federn und eine neunschwänzige Katze am Morgen«, brummelte er. »Außerdem würde ich aktuell deiner erlauchten Gesellschaft sogar eine Wurzelbehandlung vorziehen«. Er wunderte sich über sich selbst. Anscheinend war er auf Krawall gebürstet. Er schrieb es seinen Schmerzen zu.

Craig sah ihn an. »Klingt verdammt ungesund. Lass uns mal die Plätze wechseln.«

»Was hast du vor?«

»Per Dienstwagen zum Zahnklempner, was sonst«, knurrte Craig, als wäre es derselbe Vorgang wie Roses Schuhreparatur.

Pauls Wange war heiß und pochte, als sie in die 7th Ave einbogen, an deren Ende die Praxis lag. Vor einer Ampel hielt eine junge Frau im rosa Cadillac. Ihr Lächeln erinnerte ihn an Jades. Ihm war zugetragen worden, dass sie gerade in New York weilte.

Das Blinken des Funkgeräts riss Paul aus seinen Gedanken. Was der Kollege der Einsatzzentrale zu melden hatte, machte etwas mit ihm. Ein Schalter legte sich um und er drückte die Aus-Taste. Dann warf er eine Tramadol ein, schon die zweite heute.

»Einsatzort ist Manhattan«, hatte die Funkstimme gesagt und die komplette Adresse genannt, was Paul unwillkürlich elektrisierte.

»Mach dich auf einen knurrenden Magen gefasst, Craig Murdock.« Er schielte zu Craig hinüber. Frühstück fiel definitiv flach, und nicht nur wegen des kranken Zahns. »Und auf Roses schlechte Laune. Könnte dauern heute.«

In dem Fall sprachen sie von Mord.

Paul

Manhattan

9:30 Uhr

»Hier lang, Officers«, sagte die Frau, dürr wie ein Ast, in einem Kleid im Stil der Sechzigerjahre, die sich als Ava Davi, die Eigentümerin des Lofts, vorgestellt hatte. Sie war brünett gefärbt mit grauen Haaransätzen, blass und schmallippig. Paul hatte von ihr gelesen und er wusste, dass Jade ein gern gesehener Gast in ihren berühmten Ateliers war.

»Den Rest des Hauses hat der Verkäufer mir großzügig zur Verfügung gestellt«, so hörte er, »solange sich kein Mieter findet. Aber das meiste spielt sich hier auf der dritten Etage ab.« Hinter seinem Rücken räusperte sich Craig und sagte, geräuschvoll sein Funkgerät verstauend, »die CSI ist unterwegs, Chief.«

»Gute Arbeit, danke, Craig.«

Aus den Augenwinkeln glaubte Paul, eine Gestalt über den Flur huschen zu sehen, schmal, geschmeidig, zielstrebig. Jade? Die Hoffnung starb zuletzt, und er wünschte, dass es so wäre. Dass Jade im Haus wäre. Dass sie lebte.

Er trat in den Hof, wo ihn bleierne Stille empfing. Nur ein frühes Goldzeisigpärchen, das unter dem Vordach der Treppe brütete, protestierte schnatternd bei seinem Erscheinen. Ein Junges saß am Nestrand und flatterte, das Schnäbelchen offen, mit den Flügeln.

»Ein Leben kommt und eines geht«, schoss es Paul durch den Kopf. Unter dem Vordach hervor erfasste er mit einem Blick eine Steinmauer, ein an die Ateliers grenzendes Nebengebäude mit Lagerhalle und unter seiner Dachschräge einige Requisiten, die hier draußen eine Art letzte Ruhestätte gefunden hatten: die Statue eines griechischen Gottes, ein Karussell mit bunt lackierten Pferdchen, ein Pfauenthron aus filigranem Flechtwerk, ein Kleiderständer mit ausgemusterten Schnittteilen, über den eine Plane gezogen war. Eine Hollywoodschaukel.

Sein Blick wanderte weiter, während er die Stufen hinabschritt.

»Es ist gleich hier vorne«, sagte Ava. »Der Hausmeister hat sie entdeckt. Ich hatte Mr Faulkner gebeten, den Hof auszufegen – für ein Shooting, und dann …«

Paul folgte ihr, Schritt um Schritt. Ein blühender Jacarandabaum, geschätzte zehn Meter hoch, dominierte den Innenhof. Irgendwann vor vielen Jahren mochte er als zartes Pflänzchen in ein kleines Erdloch versenkt worden sein und heute durchbohrten seine Wurzeln den Asphalt. Eine Menschentraube stand sprachlos davor.

Pauls Hals wurde eng. Er erkannte die Umrisse einer Frauengestalt, die wie eine skurrile Frucht mit dem leicht nach hinten geneigten Baumstamm verwachsen schien. Er hatte nicht gewagt, nach dem Namen zu fragen. Was, wenn er das tote Mädchen kannte? Wenn es Jade war? Von der Figur her passte es. Dazu eine ähnliche Haarfarbe …

Vor ihm ging Craig und stieß ein ungläubiges »Jesus« aus.

»Bitte, Leute«, hörte er Ava sagen, als er sich, an Craig vorbei, einen Weg durch die Menge bahnte. »Seid doch vernünftig. Geht zurück an die Arbeit.« Sie unterstrich ihre Ansage an die Zuschneider und Näherinnen, die Stylisten und Visagisten, mit einem hektischen Wedeln ihrer Hand.

»Tun Sie, was Misses Davi sagt«, sprang Craig der Chefin zur Seite. »Hier gibt es nichts zu sehen.«

Paul befürchtete doch. Einige der Mitarbeiter zogen ab und eine kleine Schneise entstand zwischen den Schaulustigen, die Paul den Weg zu dem Opfer frei machte.

Nur nebenbei registrierte er den würzigen Blütenduft, der die fast tropische Frühsommerluft schwängerte. Langsam wanderte sein Blick über die am Boden verstreuten Klamotten, aufwärts zu den nackten Beinen des Mädchens, weiter über den Kleidersaum nach oben. Er starrte in ihr Gesicht. Sein Anblick verschlug ihm den Atem, doch ohne, dass er es verhindern konnte, produzierte seine Kehle einen quiekenden Ton. Das hier war nicht Jade, und er schämte sich nicht dafür, dass er Erleichterung empfand.

»Ist es nicht schrecklich?« Ava schluchzte auf und presste die Hand vor den Mund. »Wer tut denn so was?«

»Hübsches Ding«, entfuhr es Craig und aller Augen schauten auf ihn. Ava ließ einen erstickten Laut hören. Paul blickte Craig tadelnd an.

»Eins meiner fähigsten Mädchen. Suzan Wickles«, fuhr Ava fort. »Hatte eine große Karriere vor sich. Sie war erst siebzehn. Nein, achtzehn. Gerade ein paar Tage. Wir wollten groß feiern, alles bis ins Detail geplant … Wird wohl eine Trauerfeier.«

Ein Seil um den Brustbereich verband die Tote mit dem Baumstamm. Zusätzlich waren die Handgelenke mit Tüchern an einem der tief herunterhängenden Äste befestigt. Eine von Strass-Steinen in der Sonne glitzernde Augenmaske, die unpassend zu dem Hochzeitsoutfit wirkte, hing an einem dünnen Gummi um ihren Hals, und um den Mund herum gab es Heftpflasterspuren, was auf eine vonstattengegangene Knebelung hinwies, die später wieder rückgängig gemacht worden war. Wahrscheinlich aus dem Grund, weil das Mädchen gewürgt und sich erbrochen hatte. Spuren von Mageninhalt auf ihrem weißen Kleid zeugten davon.

Der Kopf war auf ihre Brust gesunken und eine Haarsträhne hing ihr wirr wie ein Spinnennetz in die Stirn. Etwas Schwarzes klebte an ihrer Hüfte. Sah bei näherem Betrachten aus wie der Saugrüssel eines Falters.

»Gott, was für ein Baby!«, ging es Paul durch den Kopf. Ihr Schmollmund schien eben noch sagen zu wollen: »Ich will nach Hause, zu meiner Mom«. Was hatte Ava Davi erzählt? Gerade mal achtzehn? Kein gutes Alter, um mutterseelenallein um die Welt zu reisen. Um ständig auf Diät zu sein.

Um zu sterben.

Leichenflecke waren sichtbar, vor allem an den Beinen.

»Drei Messerstiche in der Herzgegend«, stellte Craig fest. »zentimetertief. Akkurat gesetzter Abstand. Messer – oder Dolch? Könnten symbolischen Charakter haben.«

Paul nickte. Um die Wunde herum sprossen rote Flecke auf dem Kleid wie ein Tintenbild. Auch aus Suzans Mund rann ein Faden bereits geronnenen Blutes, woraus Paul schloss, dass sie schon einige Stunden als Leiche hier draußen verbracht hatte.

Die Hitze des Tages staute sich innerhalb der Mauern und Paul tupfte sich mit einem Zipfel seines Taschentuchs den Schweiß von der Stirn. In seiner Hosentasche fand er zwei Paar Vinylhandschuhe, die er vorhin dem Handschuhfach des Streifenwagens entnommen hatte. Routiniert zog er sie über, unterdessen Craig erneut an die Vernunft einiger Hartnäckiger appellierte, doch bitte die Polizei ihre Arbeit machen zu lassen und freundlichst das Feld zu räumen.

»Wissen Sie, wir sind sonst wenig bis gar nicht hier draußen«. Ava flüsterte fast. »Die Hoftür ist abgeschlossen. Die meisten Fotografen, mit denen ich zusammenarbeite, bevorzugen unser hauseigenes Fotostudio. Dabei sind die Lichtverhältnisse ideal. Und jetzt, wo der Baum so schön blüht … ein toller Hintergrund für ein besonderes Shooting.«

Sie zog ebenfalls ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich kräftig. Pauls Hände begannen in den sterilen Handschuhen zu schwitzen, während er vorsichtig die Leiter nach Spuren abtastete. Er meinte, vorhin einen ganz bestimmten Namen eines Fotografen aus Avas Mund gehört zu haben. Klar und deutlich stand Joe Wisemans Visage vor ihm: der Typ, der einfach die älteren Rechte gehabt und damals Jade frisch von der Uni weg entführt hatte. War der Wahl-New-Yorker hier vor Ort?

»Das geplante Shooting im Hof war also die berühmte Ausnahme?«, spann Paul den Faden weiter und fixierte Ava dabei. Ob dieser Ort unter freiem Himmel eine besondere Rolle bei der Tat gespielt hatte?

»Kommt nicht alle Tage vor«, antwortete Ava, »dass meine drei Besten … im Gesamtpaket …«

»Die da wären?«

»Suzan Wickles, Jade Duncan und Serah Conally. Letztere im Übrigen Jade Duncans Schwester.«

Paul nickte abwesend. Serah Duncan, wie sie damals noch hieß, hatte Jade ein paarmal von der Uni abgeholt, er erinnerte sich dunkel an sie: sehr dünn, sehr schüchtern und sehr korrekt in ihrer Art, in Richtung »verkniffen«. Ob das heute noch so war? Manchmal drehten sich Leute im Laufe ihres Lebens um hundertachtzig Grad – nicht nur rein äußerlich. Der schüchterne Lockenkopf, der viel zu lange an Moms Rockzipfel hing, wurde zum glatzköpfigen Draufgänger und die Rebellin, die auf jeder Demo gegen alles und jeden zu finden war, heiratete ganz spießig und kaufte ein Häuschen im Grünen. Serah, das war ihm noch präsent, hatte eine Ausbildung als Krankenschwester am Mount Sinai Hospital, unweit der Uni, absolviert. Dass sie Model geworden war, war ihm neu.

»Serah Conally«, wiederholte er. »Verheiratet?«

»Witwe. Ihr Mann, Marc Conally ist leider sehr jung und ganz tragisch verstorben. Lebensmittelvergiftung.«

Paul wechselte einen Blick mit Craig. Ava fuhr fort.

»Serah führt sein Tattoostudio weiter. Ziemlich erfolgreich, wie man so hört. Hier in New York.« Das erstaunte ihn dann doch. »Das heißt, das Modeln ist nicht ihr Hauptgeschäft.«

Paul reizte es, die Leiter hochzusteigen zu dem toten Mädchen und den Tatort aus anderer Perspektive zu betrachten. Er unterließ es, um nicht unnötig Spuren zu verwischen. Inzwischen badeten seine Hände im eigenen Saft und er fragte sich, wann endlich die nächste Ladung schweißabweisenden Labormaterials in der Zentrale eintraf.

Ava nickte. »Hin und wieder werden Tattoo-Models gebucht. Momentan brauche ich sie aber für einen speziellen Kunden, der früher mal Hochzeitsmessen betreute. Er war bei dem Walk damals ganz vernarrt in mein Trio. Sie hätten so was Geheimnisvolles und Mystisches.«

»Sie meinen Suzan, Serah und Jade?«

»Damals war es ein ganz besonderes Trio. Suzan lag mit Grippe flach. Flynn Duncan sprang kurzfristig ein. Das ist der Bruder der Duncan-Frauen. Als Bräutigam passte er gut ins Bild. Er ist ja ein schmucker Kerl und die Rolle des Models war ihm total auf den Leib geschrieben. Leider blieb sein Walk die absolute Ausnahme.«

»Das Shooting im Hof«, kam Paul wieder zum aktuellen Geschehen. »Wer war der Auftraggeber?«

Ava schniefte. »Sie kennen sicher die Zeitschrift »Pure«? Derzeit marktführend in Sachen Fashion.«

Paul sah Craig etwas hilflos an, doch da geriet er an den Falschen. Mit Mode hatte der wenig Kontakt, er verließ sich, was sein Outfit betraf, wohl auf den Ratschlag seiner jeweiligen Flamme, und auch Pauls Beschäftigung mit dem Thema beschränkte sich auf die dringend notwendigen Einkäufe.

»Ähm – ´Pure`. Klar. Hätten Sie die Kontaktdaten für mich?«

Ava händigte ihm eine Visitenkarte aus, die er in seiner Brieftasche verstaute. Nur langsam ging sein Blick wieder zu der Toten, und er entschloss sich, ein paar Fotos zu schießen: von Suzan und ihren klaffenden Wunden wie roten Mündern. Von der kleinen, noch leicht glänzenden Lache aus Blut und Urin auf dem Boden, auf der heruntergefallene Blüten thronten. Außerdem von den Utensilien, die hier so herumstanden und von dem Schmetterlingsrüssel auf Suzans Kleid. Jedes ungewöhnliche Detail versuchte er einzufangen. Zuletzt kniete er vor der Toten nieder und fotografierte ihr Gesicht aus der Froschperspektive. Die blicklosen Augen waren zur Hälfte geöffnet. Ihr Licht mochte im Moment der bittersten Verzweiflung erloschen sein. Sie schienen noch einen bestimmten Punkt zu fixieren. Die Visage des Mörders?

Am Eingang tat sich etwas. Detective Mel Stanton betrat die Szene: verwaschenes Blond, wacher Blick und, wie die Zusammenarbeit der letzten fünf Jahre bewies, körperlich fit und wendig und von scharfem Verstand.

Paul und Mel begrüßten einander per Handschlag. Unter Avas leeren Blicken trat der Detective zur Leiche. Ihm dicht auf dem Fuß folgte der Ermittlertrupp: mehrere Männer und eine Frau vom CSI, in ihren hellen Schutzanzügen und mit den Spurensicherungskoffern. Ein Kollege gesellte sich zu Paul, Craig und Ava, und stellte die nötigen Fragen, während ein Mitarbeiter Skizzen anfertigte und ein weiterer nach unentdeckten Blutspuren suchte für die Blutspurenanalysten. Ein Dritter sicherte Fingerabdrücke mittels Rußpulver und Klebefolie.

Ermittlerin Winnie Lovett, Ende vierzig und eine Figur wie eine Vorpubertäre, nickte Paul knapp zu, bevor sie etliche Fotos vom Fundort und von der Leiche knipste. Noch vor Weihnachten letztes Jahr hatte Winnie ihm Avancen gemacht, doch er konnte ihrer zynischen Art nicht viel abgewinnen.

Mel Stanton trat zu Paul, der nun mit Craig ein Stück abseits des Tatorts stand und die Tote aus ein paar Schritten Entfernung betrachtete. Manchmal verhalf ein neuer Blickwinkel zu neuen Erkenntnissen. Paul überragte Stanton um mindestens einen Kopf. Er hatte ihn größer in Erinnerung.

»Hi Paul«, meinte der. »Kann nicht sagen, dass ich mich freue, dich heute zu sehen. Was verschlägt dich in die Gegend?«

Paul legte den Arm um Craigs Schultern. »Mein lieber Freund Craig hier. Sehnsucht nach den alten Zeiten, stimmt’s, Craig? Und Zahnweh.« Vorsichtig befühlte er bei der Gelegenheit seine Wange – alles schien gut. Stanton schob fragend die Augenbrauen zusammen.

»Und natürlich das Mädchen«, fügte Paul rasch hinzu. »Böse Sache. Hätte mir meinen Tag anders gewünscht.« Ava neben ihm schniefte erneut in ihr Taschentuch. Stanton atmete zischend aus.

»Es gibt so Zeiten …« Mit einem Seufzer brach er ab. Paul vollendete den Satz in Gedanken. … Zeiten, in denen man seinen Job als Ermittler verfluchte.

»Wer hat das Mädchen gefunden?« Stanton blickte in die Runde.

»Es war der Hausmeister, Mr Faulkner«, erwiderte Ava. »Er sagt, er kann sich keinen Reim darauf machen, wie sie nach draußen gelangt ist. Vorder- und Hintertür der Halle waren sorgfältig abgeschlossen. Und nur Mr Faulkner und ich haben einen Schlüssel.« Sie zog einen Schlüsselbund aus ihrer Rocktasche und hielt ihn den Beamten unter die Nase. Das hieß, der Täter musste sich hinter Avas Rücken einen Schlüssel verschafft haben.

»Ah, da ist ja Mr Faulkner!«, rief Ava aus und deutete auf den Mann mittleren Alters mit ausgeprägter Stirnglatze, der soeben zu ihnen trat. Er sah seine Chefin nicht an, als er sich den Beamten mit seinem Namen vorstellte.

»Bin noch mal in mich gegangen«, sagte er kleinlaut zu Paul. »Kleiner Nachtrag zum Thema Schlüssel. Ist schon einige Wochen her – also die Sache ist die: Margie hat jetzt auch einen.«

»Margie Fox, die Garderobiere?«

»Genau. Sie bringt manchmal Sachen zum Lüften raus. Sie glauben gar nicht, wie die Frau nerven kann: ´Wenn man Sie braucht, Faulkner, sind Sie verschollen. Wo treiben Sie sich bloß ständig herum? Vermieten Sie ihr Büro doch unter!` Was soll ich sagen? Seither ist Ruhe.«

»Sie haben – was? Faulkner! Ich glaube, ich höre nicht recht. Ohne es mit mir zu besprechen? Das gibt eine saftige Abmahnung, ist Ihnen das klar?«

Pauls Blicke flogen von Faulkner zu Ava. Es war ganz sicher eine gute Idee, die beiden Streithähne zügig zu trennen. Sollten sie doch später ihren Kleinkrieg unter vier Augen austragen. Die Art und Weise, wie sie miteinander umgingen, überzeugte ihn davon, dass zwischen Chefin und Mitarbeitern nicht immer eitel Sonnenschein herrschen dürfte. Wie hatte Ava wohl menschlich zu Suzan Wickles gestanden?

»Danke, Mr Faulkner, wir kommen dann später auf Sie zurück.« Stanton nahm Paul das Wort aus dem Mund. Faulkner sowie vor allem die festen Mitarbeiter von Ava Davi würden in diesen Tagen noch ein ausführliches Interview mit der Polizei haben, ob in den Ateliers oder auf der Dienststelle.

Die Leute waren in die Häuser gegangen und hatten Suzan ihrem letzten Date mit den Ermittlern überlassen. Paul, Craig und Ava waren Stanton zurück an den Tatort gefolgt.

»Miss Wickles Blut konzentriert sich auf sehr begrenzte Bereiche«, stellte Stanton fest, mit einer halbkreisförmigen, das Opfer und den Baum umfassenden Bewegung seiner Arme.

Paul nickte. »Die Messerattacke als Todesursache schließe ich aus. Das Wesentliche dürfte sich direkt hier an Ort und Stelle abgespielt haben.« Still betrachtete er die Tote. »Wahrscheinlich hat der Kerl sie bedroht, mit dem Dolch. Sie haben zusammen den Hof betreten. Oder war das Opfer vorher schon da? Das Mädchen musst noch gelebt haben, als der Kerl mit dem Dolch …« Aber das wollte er sich noch nicht einmal ansatzweise vorstellen. Endlich entledigte er sich der Handschuhe und ließ frische Luft an seine Haut.

»Was macht dich da so sicher?«, klinkte Craig sich ein.

Paul deutete auf den kleinen roten Fleck direkt unterhalb des Mädchens. »Sie hat kein Blut im restlichen Hof verloren, und sobald das Herz stillsteht, hört der Blutfluss auf. Ich wundere mich nur … Außer ein paar kleineren Blutergüssen an den Armen sind kaum Kampfspuren zu erkennen.« Der eine oder andere Zweig in der näheren Umgebung der Leiche war abgebrochen, doch das war es dann auch schon, was auf ein Gefecht hindeuten mochte.

Craig nickte. »Könnte auf eine Sedierung vor dem Tod hinweisen«, ergänzte er Pauls scharfsinnige Kombinationen. Paul nickte grimmig. Das hoffte er.

»Die Platzwunde seitlich am Kopf?«, fragte Craig.

»Womöglich ein Sturz, in letzter Sekunde. Aber warten wir den Bericht des Coroners ab.«

»Eins steht fest: Der Täter hat ein Faible für Theatralik«, meinte Stanton und in der Tat sah das Ganze aus wie die bühnenreife Inszenierung eines Thrillers. Der in diesem Hinterhof seinen Anfang genommen hatte. Suzan Wickles Teint schimmerte bleich im Sonnenlicht hinter blütenübersäten, doch noch blattlosen Zweigen des Jacarandas. Selbst jetzt, dachte Paul bitter, brauchte das Mädchen die Kamera nicht zu scheuen. Er wünschte, es wäre so, und Suzan gäbe nur die hübsche Leiche für »CSI New York« ab. Leider war das hier echt.

Stanton suchte Pauls Blick. »Ich teile deine Theorie. Sie muss noch gelebt haben, als der Kerl zustach.«

Erst als Ava aufstöhnte, wurde Paul klar, was sie angerichtet hatten. Ava war definitiv keine Kandidatin für die deutlichen Dienstgespräche. Ruhig, sachlich und diskret bleiben, egal was kommt. So wenig wie möglich preisgeben und nach außen dringen lassen. Die Basics lernte man früh im Beruf. Darin enthalten war bei Befolgung ein gewisser Eigenschutz vor den unberechenbaren Emotionen der Leute.

»Craig, würdest du bitte?«

»Klar, Chief. Kommen Sie, Mrs Davi, wir gehen schon mal rein.«

»He Boss?«, rief einer der jüngeren Ermittler von der anderen Baumseite her. »Ich hab da was für Sie.« Automatisch drehte Paul sich zu ihm um, nur um festzustellen: Er war gar nicht gemeint. Er spielte nicht mehr in dieser Liga, die Zeit als Detective war lange vorbei und er zum Bürohengst mutiert, zu einem, dem man die Fälle in schriftlicher und digitaler Form unterbreitete. Es stimmte, was Craig sagte. Man lebte weniger gefährlich. Doch im Grunde seines Herzens war Paul der Macher geblieben. Auch wenn er nur zufällig in die Sache hier hineingeschlittert war: Wie konnte er stillhalten und darauf warten, dass andere den Job erledigten, Beweismittel sicherstellten, Puzzleteil für Puzzleteil aneinanderfügten und den Täter dingfest machten?

Dass er in der Chefetage saß, lag nur an den Frauen. An Jade, die schon zu Uni-Zeiten nichts mehr von ihm hatte wissen wollen, sodass er sich neben belanglosen Frauengeschichten in die Arbeit gestürzt hatte. An seinem verstorbenen Töchterchen Florina, dem er ein besseres Leben hatte bieten wollen, als er es in seiner kargen Kindheit in Minnesota gehabt hatte. An seiner Ehefrau Mia, die der Kaufsucht erlegen gewesen war, gern schöne Kleider getragen, Gäste eingeladen und das Haus mit hübschen Dingen ausgeschmückt hatte, um die Tatsache zu verdrängen, auf welch dünnem Eis sich ein einfacher Cop wie Paul bewegte. Dass jeden Tag und jeden unbedachten Moment irgendein Irrer ein Messer zücken konnte …

»Ich muss dann«, sagte Stanton. »Halt die Ohren steif, Paul! Mrs Davi, Officer!«

Paul warf einen letzten Blick auf Suzan, um sich danach ebenfalls in Richtung Ausgang zu wenden und das Einsatzteam seine Arbeit machen zu lassen. Mehrere Männer waren mit der Bergung der Leiche mittels einer Bahre beschäftigt. Ein jäher Windzug ließ blau-lila Blüten auf ihr Haar regnen. Die Szene hatte etwas kindlich Verspieltes und gleichzeitig bot Suzan ein Bild des Schreckens und der maßlosen Grausamkeit.

Im Nest unter dem Vordach suchte er beim Verlassen des Hofes nach dem Goldzeisigjungen. Er hatte kein Glück. Das niedliche Ding hatte inzwischen wohl seine Flügel entdeckt.

Kapitel 3

Manhattan

Jade

9:00 Uhr

Vom Treppenhaus her kamen Stimmen auf, laut und erregt. Jade und Ava folgten ihnen in Windeseile und fanden sich gleich darauf im Erdgeschoss wieder. Feueralarm fegte durch die Flure wie ein wild gewordener Drache.

»Was verflucht …« Jade blieb keuchend stehen. Ava war hinausgeeilt, um mit den Feuerwehrleuten zu reden. Sich zitternd am Treppengeländer festhaltend, starrte Jade durch die Scheiben auf den Vorplatz. Zwei Einsatzwagen standen dort und irgendwo musste es brennen. Doch Jade sah nicht das geringste Flämmchen.

Zwei Mädchen rannten an ihr vorüber. »Endlich mal was los in dem öden Kasten«, sagte die eine ganz aufgeregt zur anderen. Jade aber schloss die Augen, um ruhigeren Atem bemüht.

Vermutlich hatte keiner von diesen Leuten hier je einen Brand hautnah miterlebt. Sie hatten ja keine Ahnung, was es mit einem machte, vor haushoch lodernden Flammen zu stehen, beißenden Rauch in den Lungen, Angst um sein nacktes kleines Leben.

Es gelang ihr nicht, die Bilder von damals zu vertreiben. Ihre Nanny und ihr eigener Vater, den sie liebevoll Daddy-one nannte, waren in einer lauen Sommernacht bei lebendigem Leibe verbrannt, als Jade fünf Jahre alt gewesen war. Damit war sie zur Vollwaise geworden, denn Mom war bereits kurz nach Serahs Geburt für immer gegangen.

Sie sah ihren Bruder Flynn und seinen Freund Joe aus der Nachbarschaft, Serah und sich selbst vor sich, das unzertrennliche Kleeblatt des Viertels. In den weit aufgerissenen Augen der Mädchen das lichterloh brennende Abbild der katholischen Kirche St. Ignatius Loyola. Und sie hörte noch ihre eigenen verzweifelten Rufe. »Daddy! … Dada! …« So hatte sie ihre Nanny, Dara, genannt. Wie sie ausgesehen hatte, das war eines der wenigen Dinge, an die sie sich deutlich erinnerte: braune Augen, braunes Haar und ein olivfarbener Teint, fast so dunkel wie Jades Ankleidepuppe.

Der Alarmton stoppte. »Was ist denn passiert?«, fragte Jade ein Mädchen, das von draußen hereinkam. Ihre Knie zitterten immer noch.

»Sie haben … irgendwas mit Suzan Wickles … ehrlich? Keine Ahnung. Jemand hat wohl den Alarmknopf gedrückt.«

Jade spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. »Kein Feuer?« Das Mädchen zuckte mit den Schultern und ging weiter. Selbst von Brandgeruch war keine Spur, auch wenn seit Wochen derartige Trockenheit und Hitze herrschten, dass man auf den Kühlerhauben Spiegeleier braten konnte.

Aber … und das drang erst jetzt zu ihr vor: Was hatte das Mädchen gesagt – mit Suzan sei etwas passiert? Jade spürte, wie ihr Hals eng und ihre Hände kalt wurden. Zwei Feuerwehrleute bewegten sich Richtung Hauseingang, und Ava kehrte mit ihnen, kreidebleich, ins Gebäude zurück. Sie sah Jade nicht in die Augen, als sie an ihr vorüberging.

»Ähm, Jadie … für dich gibt’s hier heute nichts mehr zu tun«, murmelte sie, mit dem Blick krampfhaft am Boden. »Fahr nach Hause. Wir telefonieren.« Sie konnte Jade nichts vormachen. Ihre monotone Stimme … und Suzan … was war hier los?

»Wohin gehst du?«, wollte sie wissen und heftete sich Ava und den Männern frech an die Fersen.

»Verschwinde, Jade!« Wenn Ava unter Druck war, konnte sie irgendwie … gewöhnlich werden.

»Einen Teufel werd ich! Rede mit mir! Was ist mit Suzan?«

»Ist wirklich kein schöner Anblick«, warnte Ava sie noch, aber dann gab sie, selbst reichlich genervt, den Widerstand auf und ließ es geschehen, dass Jade ihr in den Innenhof folgte.

9:10 Uhr

Die plötzliche Konfrontation raubte ihr fast den Verstand. Für einen Moment schwankte sie und war einer Ohnmacht nahe. Zwei Schritte vor Suzans Leiche war sie wie angewurzelt stehen geblieben, weil sie Angst hatte, sie zu berühren oder ihrem starren Blick hautnah zu begegnen. Weil ihr das vielleicht die letzte Hoffnung nahm, dass das hier nur ein böser Traum sein könnte.

Jade merkte, wie wieder ein Zittern durch ihren Körper ging und sie schlug die Hände vor das Gesicht. Gestern noch, am Telefon, hatte Suzans freches Mundwerk nicht stillgestanden. Doch je länger Jade da stand, desto stärker drang die Wahrheit zu ihr vor. Suzans Schweigen hatte so etwas verdammt Endgültiges. Es machte Jade betroffen, dann traurig, dann wütend. So wütend, dass sie sie am liebsten bei den Schultern gepackt und »Hör-auf-mit-dem-Quatsch-das-ist-nicht-lustig« zu ihr gesagt hätte. Aber da stand schon Ava hinter ihr.

»Du kannst nichts mehr tun.« Worte, scharf wie Messerklingen, obwohl sie bemerkte, dass Ava selbst am ganzen Leib zitterte.

»Lass mich. Wir sind Freundinnen«, knurrte sie Ava an, die erstaunliche Kräfte im Umklammern ihres Armes entwickelte. Köpfe flogen zu ihnen herum, Blicke musterten sie. Da standen Leute, die Jade im Leben noch nicht gesehen hatte und Suzan ganz sicher auch nicht. Wahrscheinlich hatten sich viele aus dem Schuh- und Strümpfelager im benachbarten Häusertrakt hierherverirrt. Außerdem wurde Jade den Verdacht nicht los, dass sich hier doch einige von diesen verlausten Obdachlosen herumtrieben, mit denen Suzan ehrenamtlich zu tun gehabt hatte.

»Nun sperr dich nicht so«, beharrte Ava. »Sag ihr Lebewohl. Und dann lass uns hineingehen, Jadie. Die Polizei ist unterwegs, sie wird sich um alles Weitere kümmern.« Dann bot sie Jade ihren Arm an. Innerlich unbeteiligt, begegnete Jade noch vor dem Ausgang dem verstörten Blick eines Mädchens in dreckigen Jeans. Wo hatte sie sie schon gesehen? Egal. Alles war egal.

»Ich hätte es verhindern müssen«, murmelte sie, während sie den langen Flur entlanggingen. »Ich hätte sie beschützen müssen.« Jetzt war es zu spät.

»Unsinn, niemand ist schuld!«, schimpfte Ava, der sie folgte, mit tattrigen Schritten und dumpfem Schädel, ihre Hand in ihrer Armbeuge, wie ein Tanzbär an der Leine. Ob ihr unterwegs jemand Bekanntes begegnet war? Sie hätte nicht einmal einen weißen Elefanten bemerkt. Irgendwann, es war in Avas Büro und nach dem zweiten Bourbon, gingen bei ihr alle Schleusen auf. Sie schluchzte, bis ihr der Rotz aus der Nase lief. Suzan nicht wiedersehen. Nie mehr nervtötendes Gequengel. Kein Kuss, keine Umarmung, kein freudiges »Nice«.

»Warum«? Die Frage stellte nicht nur sie sich. Sie stand über den Köpfen aller, denen sie heute begegnet waren. Ava schenkte von dem guten Whiskey aus der sonst verschlossenen Bar nach. »Trink«, forderte sie Jade auf. »So ist es gut. Und jetzt rufen wir Joe an, Honey. Er wartet in der Kantine auf dich. Kaffee und Kuchen gehen heute aufs Haus.« Damit ließ sie Jade allein.

Als ob sie auch nur einen Bissen hinunterbrächte! Aber die Energie für den Widerspruch fehlte. »Joe wartet«, klang es in ihr nach, als sie Avas Schritte über den Flur hallen hörte. Natürlich wussten alle Bescheid über sie beide. In Wahrheit wussten sie nichts. Ava glaubte doch allen Ernstes, Joe würde Jades Tröster spielen! Kannte sie Joe?

Sie schüttelte den Kopf. Tat sie nicht.

9:25 Uhr

Etwas in ihr zwang sie, sich mit dem Stuhl, in den Ava sie gedrückt hatte, Richtung Fenster zu drehen. Durch die bodentiefen Fensterscheiben sah sie einen Polizeiwagen auf dem knapp bemessenen Parkplatz halten. Zwei Männer stiegen aus und Ava ging auf die beiden zu. Den einen, von gedrungener Gestalt und mit klaren, klugen Augen, beachtete sie kaum. Den anderen mit dem dunklen Schopf starrte sie wie elektrisiert an. Er hatte die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen und es war ein paar Jahre her, dass der Zufall sie noch einmal in sein Revier geweht und sie sich wiedergesehen hatten. Doch sie hätte ihn unter Hunderten wiedererkannt.

Aber nein, sie würde da jetzt nicht hingehen und ein paar Worte mit ihm wechseln. »Mach erst mal reinen Tisch«, hatte sie ihm damals empfohlen, als er sie um ein Date gebeten hatte. Er könne wiederkommen, wenn er frei sei. Ob sie dann noch auf ihn warten würde, würden sie sehen.

Scharf zog sie die Luft ein. Beinahe wäre er ihr wieder gefährlich geworden, doch sie war sich zu schade, um als Geliebte im Schatten zu stehen. Und falls er es ernst mit ihr meinte? Sie in seinem Leben willkommen hieß, anstatt im Wartezimmer der Gefühle? Das wäre fast noch tragischer gewesen. Eine feste Beziehung gab ihr Beruf einfach nicht her. Und Liebe, pah! Ihre Pflege-Eltern, Geza und Ray Guthrie, die sich nie mit vollem Herzen zur Adoption durchringen konnten, hatten als Vorbilder ganze Arbeit an ihr und ihren Geschwistern geleistet, wahlweise mit ihren bösen Zungen oder mit tagelangem, biestigem Schweigen. In ihrer Ehe hatten sie ihr täglich vor Augen geführt, was das Zusammenleben mit einem anderen Menschen bedeutete: Respektlosigkeit und seelischen Schmerz.

Ohne Concealer und Make-up und völlig verheult fühlte sie sich plötzlich nackt und bloßgestellt. Es war sicher eine gute Idee, augenblicklich die Beine in die Hand zu nehmen und von hier zu verschwinden, bevor sein Blick doch noch in ihre Richtung ging. Sie konnte und wollte jetzt mit niemandem reden und schon gar nicht mit ihm.

10:00 Uhr

Brooklyn, Williamsburg

Joe hatte sie nicht vorgefunden, das Gebäude in aller Eile verlassen und war mit dem Taxi ins Hotel gefahren. Weinend auf ihrem Bett kauernd, über dem ein Gedankenkarussell zu kreisen schien – aus lauter Wortfetzen bestehend: Walk, Hochzeitskleid, Blut, Mord und Suzan, liebe, gute Suzan … – fühlte sie sich einer Panikattacke nahe. Ihr Atem ging viel zu schnell und sie spürte Schweiß auf ihre Stirn treten. Wimmernd sah sie sich um. Ein Wall aus Taschentüchern flankierte sie und es war kein Ende des Weinkrampfes abzusehen. Sie war mit vielen Hoffnungen im Gepäck nach New York gekommen, und eine davon war gewesen, Suzan wiederzutreffen, die sie seit Wochen nicht gesehen hatte.

Jemand klopfte, das Karussell im Kopf stoppte abrupt. Ihr war schlecht und sie wankte zur Tür. Beim Öffnen blickte sie in Joe Wisemans Augen: tintenblau und unergründlich wie der Brant Lake. Wie üblich meldete sich, flüchtig, dieses nicht tot zu kriegende Gefühl von Heimat bei seinem Anblick, von unbeschwerter Kindheit, von »Barfuß im Regen« und einer »bunten Tüte« vom Kiosk. Und das, obwohl sie sich erst vor zehn Tagen in Mailand zu einer Session getroffen hatten.

»Hi, Joe«, murmelte sie. »Komm doch rein.« Er drückte ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange und ein Präsent in die Hand, unter dessen Stanniolverpackung sie eine preisgünstige Lidschattenpalette vermutete – irgendein Werbegeschenk. In puncto Geschenken hatte Joe nie viel Einfallsreichtum an den Tag gelegt, schon damals nicht, wenn er mit den selbst gepflückten Blumen aus den benachbarten Vorgärten zum Kindergeburtstag erschien.

Mit spitzen Fingern schob er das eine oder andere Taschentuch beiseite, nahm auf der Bettkante Platz und blickte Jade an. »Wo warst du gestern Abend, Babe? Hab dich vermisst.«

Jade legte die Schachtel mit der roten Schleife ungeöffnet auf die schmale Ablage des Schreibtischs und ging, an Joe vorbei, langsam zum Fenster. Durch die weißen Fadengardinen sah sie hinab zum Sidewalk, wo eng umschlungen ein junges Pärchen stand.

»Jetzt bin ich ja hier«, murmelte sie. Sie drehte sich zu ihm um. Er lächelte zögerlich.

»Flug verpasst? Kommst du direkt von zu Hause? Was macht mein Berlin?«

»Wartet schon lange auf deinen Besuch«. Sie hatte es so leise gesagt, dass sie nicht sicher war, ob die Antwort zu Joe vorgedrungen war. Früher hatte er sie mehrmals im Jahr in ihrer Wahlheimat Deutschland besucht, aber mit der Zeit waren die Besuche spärlicher geworden. »Im Ernst, Joe!«, fügte sie an, diesmal schon lauter. »Mir ist gerade nicht nach Smalltalk.« Sie deutete auf ihn. »War das Avas Idee?«

»Tut mir leid.« Er machte eine kurze Pause, nach Worten suchend. »Ich bin doch auch traurig«, sagte er. »Wir alle.«

»… Wie sie da hing … das kriege ich nie mehr aus meinem Kopf«, hörte Jade sich murmeln.

»Es tut mir so leid.«

»Mir tut es leid für Suzan.«

»Das hat sie echt nicht verdient.«

Sie war selbst erstaunt über die Heftigkeit, mit der sie sich ruckartig wegdrehte. »Komm schon, Joe!«, fuhr sie ihn an. »Du hast Suzan so oft zum Teufel gewünscht …« Energisch presste sie ihren Rücken an das Fenstersims.

»Meine engste Vertraute war Suzan nie, das gebe ich zu«, erwiderte der Gespiele aus fernen Kindertagen. »Aber so was wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Was denkst du nur von mir? Dass mir die Sache am Hintern vorbeigeht?«

»Engste Vertraute? Kein gutes Haar hast du an ihr gelassen!« Wieder rollte eine Träne.

Sein Mundwinkel zuckte leicht. Eine Hand hatte er seitlich in die Matratze gestemmt, die Beine von sich gestreckt. Die freie Hand hielt er ihr hin.

»Kommst du mal her?«

Sie betrachtete ihn: dunkle Stoffhose, helles Shirt, Bärtchen, Männerdutt. Eine blauschwarze Strähne zerschnitt seine Stirn. Die Sonnenbrille hatte er am Ausschnitt befestigt. Seine Haltung drückte Stolz und Selbstsicherheit aus. Er kannte seine Wirkung auf Frauen sehr genau, und an einem anderen Tag hätten sie sich längst geküsst.

In ihrer Affäre ging es vor allem um Sex. Ein wenig vielleicht um die Vertrautheit aus Kindertagen, sogar bei Joe. Und es hatte bei Jade eine Zeit mit Schmetterlingen im Bauch gegeben. Die Erinnerung an noch weiter entfernte Tage zauberte ihr flüchtig ein Lächeln auf die Lippen. Sie waren einmal ein Team gewesen. Zusammen mit Joe Wiseman hatten Jades Bruder Flynn, ihre Schwester Serah und sie sogar Blutsbrüderschaft geschlossen – die vier vom Township, wie man sie damals nannte, bis das schreckliche Unglück passierte, die Duncan-Kinder auch noch ihren Vater verloren und Hals über Kopf aus Cherry Hill wegzogen, zu Pflegeeltern.

Sofort wurde sie wieder ernst. Wie auch immer, es mochte ihn Überwindung gekostet haben, hier aufzutauchen. Joe war kein großer Redner, schon gar keine Stütze, wenn’s einem einmal dreckig ging. Er wollte das Leben locker und easy – das war immer schon so. Jade nahm darauf Rücksicht. Normalerweise. Dies hier war eine Extremsituation und Jade durchdrungen von Schrecken und Schmerz.

Sie trat auf ihn zu. »Kannst du mich kurz in den Arm nehmen?«

Er zog sie zu sich heran, an seine Seite, und sie schloss die Augen, doch die Bilder blieben präsent. Bilder von Suzan, dem Walk auf der Messe, und …

»… einem Hochzeitskleid …«

»Hochzeitskleid?« Joe stutzte.

Ups. Da hatte sie wohl zu laut gedacht. Sie hatte das Kleid von der vergangenen Great-Bridal-Messe, das sie damals selbst getragen hatte, sofort wiedererkannt. Warum hatte Suzan es an? »Und warum nicht ihre normalen Klamotten?«, bohrte Jade weiter und starrte zu Boden.

Joe fasste nach ihren Schenkeln, wo sich der Saum ihres bequemen Rockes wölbte, den sie gegen die Jeans eingetauscht hatte. Ein kaltes Prickeln durchfuhr sie. Alles, was sie gerade benötigt hätte, wäre eine Umarmung gewesen. Ein Zeichen des Mitgefühls. Eine liebe Kollegin, eine Freundin war tot …

Gänsehaut überzog ihre Beine und sie drehte sich instinktiv weg. Joe entließ sie aus seinem Arm und murmelte aus dem Mundwinkel heraus.

»Hör auf, dir deinen hübschen Kopf zu zerbrechen, das bringt doch nichts ein. Überlass das besser den Bullen.« Er nahm die Ray Ban vom Ausschnitt des Shirts und kaute auf den Bügeln herum. Jade erkannte eine gewisse Betroffenheit in seinen Augen und eine Portion Hilflosigkeit.

»… und Margie ist das mit dem Kleid auch aufgefallen«, fügte sie trotzig an. »Sie meinte …«

Mit zwei Fingern verschloss er ihr den Mund. »Mal was anderes: Ist noch von dem guten Hauswein im Kühlschrank?«

Sie musste ihn angestarrt haben wie einen Einarmigen mit zwei Händen. Jedenfalls merkte sie, wie ihr Lächeln gefror. Wie konnte er einfach zur Tagesordnung übergehen? Oder war das seine unbeholfene Art, sie zu trösten?

»Joe …«

»Schluss jetzt«, entschied er. »Du wirst noch ganz krank davon. Also?«

»Ja«, sagte sie schroff, »für mich bitte kein Glas«, und er stand auf, um den Wein zu holen. Sie wagte einen letzten Versuch.

»Margie meinte«. Das war längst ein geflügeltes Wort in der Szene. Wer immer sich mit Sorgen plagte – Margie hatte eine Meinung dazu, stets zur »Hilfe« bereit. Sie war die Mutter Teresa des Lofts. Nur in neugierig und intrigant.

Mit einem gut gefüllten Glas trat Joe auf Jade zu und hielt es ihr an den Mund.

» … Zu mir meinte Margie«, fuhr er leise fort, »du bräuchtest dringend etwas Trost. Also?«

Ihr war nicht klar, welche Frage noch offen war. Also Sex oder Also-was-meinte-Margie? Sie wendete ihren Kopf zur Seite, um dem Glas und dann Joes gespitztem Mund zu entrinnen. Sein Kuss landete, warm und feucht, auf ihrem Hals. Ein Mensch war gestorben, nein, mehr noch, viel mehr. Eine der besten Freundinnen, die ihr das Leben geschenkt hatte. Eine mit Tiefgang. Nichts vermochte ihr ihren Verlust so sehr zu verdeutlichen wie Joes oberflächliches Grinsen.

»Also runter in die Bar«, erwiderte sie schnell. Rotwein war womöglich gerade nicht hilfreich. »Ein doppelter Bourbon wär jetzt gut.« Sie würde fortführen, was sie bei Ava begonnen hatte, und falls sie dann, mit genug Alkohol intus, noch dazu fähig sein würde, würde sie ihren Koffer packen, um keine Minute zu verschwenden. Um sofort nach den Shootings, am Ende der Woche, nach Hause, nach Cherry Hill, zu Flynn zu fliehen. Dorthin, wo sie aufgewachsen war und wo eine vertraute Gegend ihr ein Gefühl von Heimat vermittelte. Nur weg von hier, aus dieser Stadt. Von diesem Ort des Schreckens.

Der Gedanke an ihren Halbbruder trieb ihr ein sanftes Lächeln auf die Lippen, während sie Joe den Flur entlang zum Aufzug folgte. Mom hatte Flynn mit in die Ehe gebracht und Daddy-one, wie Jade ihren Vater noch heute liebevoll nannte, hatte nie wirklich Zugang zu ihm gefunden.

Die großzügige Villa hatten die Töchter geerbt, doch es war Flynn, der ihr heute Leben einhauchte. Sie freute sich schon auf Flynns kleine Chirurgen-Anekdoten aus dem Schönheitsbusiness und die größeren aus seinem turbulenten Junggesellenleben. Nein, halt: aus seinem Leben mit der neuen Flamme. Und auf sein Sorgen vertreibendes Lachen, ansteckend wie ein Grippevirus.

Kapitel 4

Manhattan

Montag

Paul

Er sollte in seinem Bürostuhl sitzen. Den Fall Suzan Wickles vom Schreibtisch aus verfolgen. Stattdessen schloss er sich in diesem Moment Craig und Ava Davi an und folgte ihnen hoch in den Umkleideraum. Etwas trieb ihn, was vermutlich sämtlicher Ratio entbehrte. Es war die Sorge um Jade, deren Leben, wie er wusste, irgendwie mit Suzans verstrickt gewesen war.

Seine »Beauty«, so hatte er sie genannt. Lange her. Schön war sie zweifellos, mehr denn je, das Haar etwas dunkler, in Richtung Kastanienbraun. In gleichem Maße schien sie ihm selbstverliebt. Da waren neue Züge in ihrem Gesicht, die er nur mit ganz viel gutem Willen lieben könnte: Eitelkeit und eine gewisse Arroganz.

Die meisten Abteilungen waren offen gehalten. Wie in einem Wespennest schwirrten die Menschen von einer Wabe zur anderen. Paul hatte Interessantes in Erfahrung gebracht. An die fünfzig feste Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bildeten das Basisteam dieser ganz besonderen Ateliers, in denen vom Entwurf über den Zuschnitt bis zur fertigen Kollektion alles unter einem Dach stattfand.

»Ich arbeite mit zwei Designern zusammen«, hatte Ava berichtet. »Wir liefern die Entwürfe und kaufen die Stoffe ein.« Sie beschäftigte Fotografen und Modejournalisten und betrieb daneben die Agentur, die Models auch an die Konkurrenz vermittelte. Auf den ersten Blick ließ sie sich in die Kategorien »professionell« und »mitarbeiter- und kundenfreundlich« einsortieren. Auf den ersten Blick sah er bei ihr kein Motiv für Mord. Zwei Leute standen in seinem Fokus: Joe Wiseman und Margie Fox, jene zwei Menschen, die Suzan vermutlich zuletzt gesehen hatten.

In der Umkleide reihten sich linker Hand acht Kabinen mit puderfarbenen Georgettevorhängen aneinander. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein Tisch, bestückt mit einer Lampe und mit Schneiderutensilien, einem Kleid mit Schleppe, lässig darübergeworfen, daneben ein Kreide-Saummarkierer. Unter dem Tisch ein Abfallkorb, gefüllt mit Seidenpapieren, Stoffresten, leeren Garnrollen und einer leeren Kaugummipackung, vermutlich von Suzan, die laut einigen Kollegen das klebrige Zeug im täglichen Dutzend verschlang. Nichts, was ermittlungstechnisch von Interesse sein dürfte.

Nur flüchtig ging Paul das Kaugummimuster auf dem Boden des Hofes durch den Kopf. Er trat zu Craig ans offene Fenster. Es war das einzige in den schmucklosen verklinkerten Wänden, rund wie ein Bullauge, wie er aus der Hofperspektive bemerkt hatte. Es sorgte für das nötige Tageslicht in der Umkleide, wo diffizile Arbeiten stattfanden.

Vorsichtig beugte er sich hinaus. Von hier aus ließ sich der Hof kaum einsehen: Eine betörende Duftmischung aus Noten von Honig, Rosenholz und Mandeln wehte zu ihm herüber. Er schaute auf die ausladende Krone des Jacarandas. Was darunter vor sich ging, blieb unliebsamen Blicken verborgen.

Er wandte dem Baum den Rücken und lehnte sich gegen die Fensterbank, während Ava auf einem blauen Pouf Platz nahm. Eine atemlose Sekunde verging, bis Margie Fox ihren mächtigen Hintern auf einen zierlichen Klappstuhl gepflanzt hatte. Entgegen Pauls Befürchtung hielt der Stuhl dem Gewicht stand.

»Sagen Sie, Mrs Fox: Wie gut kannten Sie Suzan Wickles?«

Margie zuckte leicht zusammen, als sie ihren Namen hörte. Paul kannte diese Reaktion. Dahinter steckte die Angst, als Tatverdächtiger zu gelten.

»Eine reine Routinefrage«, fügte er daher rasch an.

»Nicht besser als andere Mädchen, auch wenn sie gern plapperte und Geschichten erzählte«, gab Margie nun zur Antwort. »Vor allem von ihren Schutzbefohlenen. Da blühte sie richtig auf. Das mit den Pennern war einfach ihr Ding. Sie lebte ja hier in New York und verbrachte viel Zeit mit denen, solange sie nicht unterwegs war.«

»Mit den – Pennern?«

»´Gemeinsam stark`. So heißt ihre Stiftung für Obdachlose.«

»Davon hab ich gehört«, sagte Paul und Craig nickte eifrig dazu. »Aber ich wusste nicht, dass Suzan … Erstaunliches Engagement für eine so junge Person.« Jetzt wurde ihm klar, warum ihm so viele verhärmte Gesichter von Leuten mit abgetragenen Klamotten im Hof entgegengesehen hatten.

Margie winkte genervt ab. »Sie lief praktisch nur noch mit der Spendendose herum. Hier das Mittwochstreffen, dort die Miete für passende Nachtlager – das alles frisst Geld. Sehr viel Geld. Und, ganz nebenbei, war das nicht gerade geschäftsfördernd für Ava.« Sie schien einen Moment nachzudenken. »Für manche griff sie dann schon mal tiefer in die eigene Tasche. Wissen Sie, was das Neueste war? Tierheim. Erst der klapprige Wagen für diese Laurie. Dann sollte ein Hund her. Zum Wohlfühlen und Liebhaben. Laurie hätte ja ach so viel durchgemacht. Vorhin hat das Tierheim hier angerufen, wegen des verstrichenen Abholtermins …«

»Laurie – und wie weiter?« Craig hielt das Handy schon für die Notiz bereit.

»Tut mir leid … Gehen Sie doch mal zu den Kaffeekränzchen. Sicher erfahren Sie da mehr.«

Paul stellte weitere Fragen. Er erfuhr, dass Suzan das Modeln mit fünfzehn angefangen hatte, für einen Versandhauskatalog, und von da an von keinem »anständigen Beruf« mehr hatte etwas wissen wollen. Mit ihren alten Herrschaften hatte sie sich deshalb überworfen. »Lern lieber etwas Anständiges, modeln kannst du immer noch.« Die üblichen Sprüche besorgter Eltern. Doch in dem Job ging es um Jugend und Frische, je jünger, je besser.

»Suzan ist von zu Hause ausgerissen, hat eine Weile in London gelebt und ist dann wieder nach New York übergesiedelt. Was soll ich sagen? Blitzkarriere. Ein neuer Stern am Modehimmel war geboren«. Einen Herzschlag lang blickte Ava mit leuchtenden Augen in die Vergangenheit.

»Klingt nach einer sehr straighten Person«, resümierte Paul. »Nach einer, die wusste, was sie wollte.«

»Das war sie bei Gott. Auf dem Boden geblieben und hochprofessionell. Das lässt sich nicht von jeder sagen.«

»Neider?«

»Selbst damit konnte sie umgehen.«

Paul warf Craig, der nun mit den Schultern an der Rückwand einer Kabinentür rechter Hand lehnte, einen vielsagenden Blick zu. Es gab also durchaus Leute, die Suzan ihren Erfolg missgönnt hatten. Das zog womöglich den Kreis der Verdächtigen enger.

»Das hier war ihr Lieblingsplatz«, murmelte Margie und wies auf einen mit grünem Samt bezogenen Stuhl. » … Ich seh’ sie noch vor mir … Wie sie da sitzt, die Hände im Schoß, und unschuldig schaut … und ständig dieser Spearmint-Geruch …« Sie erntete einen warnenden Blick Avas und verstummte abrupt.

Paul horchte auf. »Sie sprachen gerade recht nett von ihr. Jetzt höre ich andere Töne heraus. Gab es Schwierigkeiten? Wegen Suzans direkter Art?«

»Wenn ich ehrlich sein soll …«

»Mochten Sie Suzan?«

»Als Kollegin war sie mir lieb und teuer.«

»Als Mensch aber nicht?«

»Hat Ava schon den Diebstahl erwähnt?« Sie schlug die Augen nieder und mied Avas Blick.

Paul schüttelte den Kopf. Margie sah zum Fenster.

»Im Frühjahr hatte ich einen Lottogewinn und eine Stange Geld bei mir. Der Plan war, in der Mittagspause eine Reise zu buchen, direkt im Reisebüro. Ich traue dem Internet einfach nicht. Einmal im Leben Europa, dafür hatte es nie gereicht. Wurde dann leider wieder nichts draus.«

»Sie wurden bestohlen?«

»Mehrere tausend Dollar. Einfach futsch.«

»Sie hatten Suzan in Verdacht?«

»An dem Vormittag war sie mein einziges Mädchen hier. Dabei hatte sie das Klauen weiß Gott nicht nötig, bei der Gage! Ich kann mir schon vorstellen, wer davon profitierte. So viel zum Thema Vertrauen und gute Zusammenarbeit.«

Mit dem »Profitieren« meinte sie wohl die Obdachlosen. Paul wandte sich Ava zu. »Mrs Davi, reden wir über das weiße Kleid.«

»Das ist wirklich seltsam. Wie kam sie nur auf die Idee? Sie war gar nicht der Typ für …«

»… Verkleidespiele«, ergänzte Margie und Ava nickte ihr beipflichtend zu.

»Sie tat doch ohnehin beruflich nichts anderes als sich ständig umzuziehen. Sie muss das Kleid aus dem Fundus geholt haben. Aus den Kellerräumen. Keine Ahnung wieso.«

Von draußen hörte er Stimmen. Im Hof waren die Untersuchungen in vollem Gange. Zwischen dem dichten Astwerk hervor blitzte das helle Dach des Faltpavillons. Er war errichtet worden, um die Tote vor neugierigen Blicken zu schützen und ihre Würde zu wahren. Sie würden Suzan vollständig entkleiden, sie auf Flecken und Verletzungen hin untersuchen und in alle Körperöffnungen blicken – Vorschrift für das Verhalten am Tatort beim geringsten Verdacht auf Mord.

Aber was, spann Paul sein Gedankengespinst um das weiße Kleid herum weiter, wenn nicht Suzan auf die Idee gekommen war, es zu tragen – sondern ihr Mörder?

Aus dem Pavillon drangen dienstbeflissene Stimmen nach oben. Eine von ihnen klang ganz nach Coroner James Ward. »Dreh sie auf die Seite, Winnie. Gut so.« Danach herrschte Schweigen. Dank seiner beruflichen Ausbildung war Paul geläufig, was da gerade mit Suzan passierte, auch wenn er persönlich selten einer Spurensicherung im Mordfall beigewohnt hatte.

»Wenn Sie mich dann entschuldigen wollen«, flötete Margie und präsentierte ihre Winke-Arme. »Mir geht’s nicht so gut. Mein Sohn holt mich ab.«

Drei Augenpaare blickten ihr nach, als sie den Raum verließ. Paul vermutete, dass da mehr hinter ihrem Unwohlsein und ihrem schnellen Abgang stecken könnte. Er beschloss, Margie im Auge zu behalten.

»Margie Fox und Sie, Mrs Davi«, fuhr er fort. Würden Sie sagen, es harmoniert?«

»Sie ist eine Perle.«

»Sie weichen aus.«

»Unsinn, ich hab nichts zu verbergen. Ja, tut es. Menschlich und fachlich. Sie quatscht halt gern, aber das ist schon okay. Mir gegenüber ist sie, glaub ich, loyal. Tut alles, was ich ihr sage.«

»Da schneid dir ruhig mal eine Scheibe von ab«, sagte Paul grinsend, an Craig gewandt. Der zeigte ihm dezent den Vogel.

»Sie redet also«, wandte er sich wieder an Ava. »Tun übrigens viele Leute. Was noch?«

»Kann nichts Schlechtes sagen, ehrlich.«

»Margies positive Seiten?«

»Erwähnte ich bereits. Loyalität, Humor …«

»Aggressionen?«

»Null Komma null.«

»Schön. Und Sie und Suzan?«

»Zwischen uns war alles okay.«

»Wann haben Sie Suzan zuletzt gesehen?«

Ava brauchte eine Weile, um in ihrem Gedächtnis zu forschen. Paul kannte das. Er hatte im Leben selbst zur Genüge erfahren, wie hartnäckig Extremsituationen die Gehirnfunktion blockierten.

»Wann ich sie gesehen habe … Zuletzt an ihrem Todestag. Ein Walk in unserem Haus mit Publikum«, sagte sie mit rauer Stimme. »Die Premiere zu zwei weiteren Abenden. Es war schwer, sie unter Vertrag zu bekommen, immer war sie unter Zeitdruck. Trotzdem hat sie eine Kollegin vertreten, Jade Duncan, und dafür war ich ihr sehr dankbar. Ich wollte mich ja mit ihr treffen. Am Tag darauf. Nach einem frühen Termin am Morgen.«

Paul merkte, wie er sich in den Schultern verkrampfte. »Diese … Kollegin.«

»Jade?«

Er hüstelte. »Genau die. Weshalb musste Suzan denn für sie einspringen?«

»Sie kommt aus Berlin. Ihr Flug wurde gestrichen.«

»Soso. Und mit wem, Mrs Davi, war dieser frühe Morgentermin?«

»Lorne Bishop, Designer aus Spanien. Hab ihn persönlich vom Flughafen abgeholt, mit reichlich Verspätung seinerseits. Wir sind noch eine Kleinigkeit frühstücken gegangen, dann hab ich ihn ins Hotel gebracht.«

Paul notierte den Namen Lorne Bishop und fragte nach seiner Adresse.

»Worum ging es bei Ihrer Verabredung? Mr Bishop und Sie?«

»Lorne Bishop, Jade Duncan und ich. Jade steht unter Zwei-Jahres-Vertrag als Model für »Avas Line«. Sonder-Kollektion, dezente Farben, viel Beige, bisschen Gold, Zielgruppe Generation Ü-30. Wie auch immer. Lorne hätte sie gern zwischenzeitlich für seine Handtaschen-Präsentation. Er ist vor allem extra aus Barcelona gekommen, um sie zu sehen. Vielleicht nicht nur beruflich?« Sie lächelte mäßig und zog dann die Luft scharf ein. »Beim letzten Besuch hat er sie nicht aus den Augen gelassen …«

Paul schluckte hart. »Ich nehme an, es wurde nichts aus dem Treffen? Die schrecklichen Umstände … Und Jade, ich meine Ms Duncan? Haben sie und Suzan sich noch gesehen?«

»Nein. Es tut mir so leid. Die beiden standen einander sehr nahe. Arme Jade. Zum Glück kümmert sich Joe um sie.«

»Joe – Wiseman?«, erkundigte sich Paul, überflüssigerweise.

»Ein Herz und eine Seele die beiden, er tut ihr gut.«

Das war es nicht, was Paul hören wollte. Er merkte selbst, wie er Ava anstarrte. Joe, natürlich! Es gab ihn also noch in Jades Leben.

Ava zitterte und schlang die Arme um ihre Schultern. »Wieso fragen Sie? Jade ist nun wirklich die Letzte, die mit der Sache hier was zu tun haben könnte. Ich sagte es schon: Die Mädchen waren so.« Sie überkreuzte zwei Finger, als Zeichen der Innigkeit.

»Tut mir leid, Mrs Davi. Wir müssen in alle Richtungen ermitteln.« Dass Jade etwas mit dem Mord zu tun haben könnte – das wollte er doch nicht hoffen!

Wohlweislich verschwieg er, dass er nicht wirklich zu den Ermittlern zählte. Er sah auch nicht zu Craig hinüber, um sich einen tadelnden Blick zu ersparen, da er mit der Befragung nicht aufhören wollte. Die Namen Lorne Bishop und Joe Wiseman schwirrten ihm durch den Kopf wie eine hängende Schallplatte.

Wieder drangen Stimmen aus dem Hof nach oben.

»Jetzt das Kleid über den Kopf ziehen, Winnie. Vorsicht, die Wunde.«

»Krieg dich ein, James! Ich mach das nicht zum ersten Mal.«

»Sieh´s mir nach, Schätzchen. Aber du bist ein Cop.«

Pauls lautstarkes Hüsteln kam zu spät, Ava verzog bereits die Mundwinkel Richtung Weinkrampf. Das war der Moment, in dem Craig zur Tat schritt. Er trat ans Fenster.

Ein empörtes Prusten von draußen. »Nur ein Cop also, ja? Hör genau hin, Coroner! Blutende, nässende Wunde heißt: Finger weg. Wahrscheinlich waren schon Fliegen dran – wichtige Hinweise für die Forensiker. Kopfwunde heißt: zweimal Finger weg. Deine Säge setzt nämlich hier an, quer über den Scheitel, von einem Ohr zum anderen. Dann das Gehirn entnehmen, direkt neben der Wunde. Noch Fragen? Ich würde nicht aufpassen, pah!«

»Woher weißt du …«

»State University of Albany. Bachelor in Forensik.«

»Wow.«

»Und du so, James? Wie lädt man eine Beretta? Nur ein Cop, hm?«

Zu spät hatte Craig den Fenstergriff erwischt. Mit Schwung drückte er den Flügel zu, doch etwas stoppte seine Bewegung. Paul trat zu Craig, hob den auf den ersten Blick unscheinbaren Gegenstand auf und entsorgte ihn mit spitzen Fingern in ein Plastiktütchen für die Asservatenkammer. Es handelte sich um einen blutroten dünnen Stift – wahrscheinlich die Farbe, mit der die Brief-Botschaft an Suzan verfasst worden war.

»Ein Lippenkonturenstift«, murmelte Ava. »Stumpf noch dazu. Die Dinger liegen hier überall rum, in allen möglichen Farben. Den Tag, an dem die Mädchen Ordnung lernen, streiche ich rot im Kalender an.«

Paul sandte Craig einen dankbaren Blick. Einen Tick zu spät, doch immerhin schien er mit dem Schließen des Fensters einen größeren Gefühlsausbruch Avas verhindert zu haben. Weinende Frauen machten ihn hilflos. Außerdem hatte er kein Interesse daran, dass dieses dürre Gestell von Ava, das da schon wieder wie Espenlaub zitterte, vor seinen Augen zusammenklappte, falls die da draußen ihre Schwanzvergleiche fortsetzten. Und in dem Fall zählte er Winnie als Kerl.

»Vielen Dank, Mrs Davi. Sie sollten sich etwas Ruhe gönnen. Die Kollegen vom CSI kommen wieder auf Sie zu.« Paul drückte ihr seine Visitenkarte in die Hand und nickte zu Craig hinüber, als Zeichen zum Aufbruch.

Kapitel 5

Manhattan

Dienstag/Mittwoch

Jade

Ava hatte den Loft bis einschließlich Dienstag geschlossen, um den Mitarbeitern Gelegenheit zur Trauer zu geben. Des Weiteren nutzte sie die Zeit, Top-Model Carola Berger aus Berlin einfliegen zu lassen, die beim Shooting für »Pure« Suzans Part übernehmen sollte. Jade mochte Carola, mit der sie so manche schöne berufliche Erinnerung verband. Sie hatte eine angenehme Art, war nicht so vorlaut und selbstgefällig wie viele andere von ihnen. Zuerst überlegte Jade, Zeit mit ihr zu verbringen, doch allein Carolas Anwesenheit würde ihr das Grauen der letzten Tage noch einmal so richtig vor Augen führen.

Sie hatte sich mit dem Laptop auf den winzigen Hotelbalkon mit dem noch viel winzigeren Bistrotisch zurückgezogen: Buchführung war angesagt. Kurz dachte sie an das Telefonat mit dem international hochgeschätzten Designer Lorne Bishop, den sie leider verpasst hatte und der sich bereits wieder auf dem Heimweg nach Spanien befand.

»Tut mir leid, das mit meiner Verspätung … und dann waren Sie nicht mehr auffindbar … Suzans Ermordung … schreckliche Sache. Bin sofort wieder in mein Hotel gefahren … hätte doch nur gestört … und Ava, die Arme, konnte sich sowieso auf nichts konzentrieren … Wir beide sehen uns dann bei der Bag-Show, ja? … und falls Sie Veränderung brauchen, kommen Sie gern vorab mal nach Barcelona.« Dann ließe sich alles persönlich besprechen, hatte er ihr am Handy gesagt. Für den Flug würde natürlich gesorgt und den Zeitraum überlasse er ihr, sie sei jederzeit herzlich willkommen.

Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung bei Ava. An Lornes entwaffnenden Charme. Er trug Stoffhose, ein blütenweißes Hemd dazu und lächelte, die Zahnreihen in Arktisweiß. »Sie sind mir gleich aufgefallen«, meinte er. »Das Video von der »Venus« Berlin, dazu Ihre Sedcard …« Sie wusste, dass er sie sich nicht nur als Eröffnungsmodel für die Bag-Show wünschte, die Fachmesse für Taschen, Lederwaren und Modeaccessoires, deren rare Auftritte heiß umkämpft waren unter den Mädchen. Er wünschte sich durchaus mehr von ihr.

Er war genau Jades Kragenweite. Sehr groß und schlank, leicht hervorspringendes Kinn, nach hinten gegeltes Haar, gepflegte Hände. Und obendrein hatte er Geld wie Heu und eine eigene Yacht an der Rambla del Mar, im alten Hafen von Barcelona – einer ihrer Lieblingsstädte. Doch der Funke war nie übergesprungen und sie sah in dem Brand Stylisten des Handtaschenproduzenten Hoffman & Son nur einen väterlichen Freund.

Die Konzentration auf die Buchführung ließ zu wünschen übrig. Mit einem Seufzer klappte sie den Laptop zu und ging ins Bad, um sich die Lippen nachzuziehen und ihr Haar zu bürsten. Wenig später stand sie, bepackt mit einer kleinen Umhängetasche und etwas unschlüssig, wohin sie gehen sollte, in der Hotellobby. Sie entschloss sich, nach Midtown zu fahren. Mitten im Herzen der Stadt, umringt von Menschen, war die Chance am größten, mit sich selbst allein zu sein.

Schwungvoll stieß sie die Eingangstür auf. Ein Mädchen mit traurigen Augen saß auf dem Sidewalk direkt vor dem Eingang. Sie glaubte, sie schon gesehen zu haben. Bei Jades Anblick sprang sie auf.

»Hi. Ich bin Laurie. Hättest du ein paar Cent?« Sie sprach mit leichtem französischem Akzent.

»Kennen wir uns?«, schoss Jade zurück und nahm automatisch Abstand. Diese Leute waren arbeitsscheu, Alkoholiker, drogensüchtig oder hatten Läuse im Pelz. Möglichst unauffällig suchte Jade mit den Blicken die Arme des Mädchens nach Einstichstellen ab. Wie sie die Bettelei hasste! Dass das überhaupt passierte, hier vor Avas Toren, daran hatte Suzan einen erklecklichen Anteil. Je dreckiger es ihren Schützlingen gegangen war, desto selbstverständlicher hatten sie ihre Nähe gesucht. Wie wilde Tiere, die sich in die Städte wagten, wenn es in den Wäldern nichts mehr zu beißen gab.

»Nein, ich meine ja …«

Jade musterte die Kleine mit dem dunkelblauen Hemd eingehend. Es war ein Mädchen, von denen es viel zu viele gab in dieser bunten und reichen Stadt. Hübsch nicht gerade, eher klein und kräftig, grünäugig mit dunklem Teint und einer etwas zu breiten Nase.

»Ist Suzan da?«, fragte das Mädchen nun zögerlich. »Ich hab euch neulich zusammen gesehen. Beim Nachmittagstee. Im ´Castle`. – Erinnerst du dich?« Ihr Blick ruhte gespannt auf Jade. Dieses Gesicht – na klar! Hatte sich das Mädchen nicht am Montag in Avas Hof aufgehalten? Sie war sich sicher. Aber dann überlegte sie: Warum fragte die Kleine sie jetzt nach Suzan? War ihr nicht klar, was passiert war? Sie musste sie verwechselt haben. Sie kam Jade bekannt vor, nur woher? Oder hatte sie sie beim Treffen der Obdachlosen gesehen, mittwochs um vier, bei Tee und Kuchen? Jade hatte Suzan, die Gründerin der Veranstaltung, einmal dorthin begleitet. Widerwillig.

»Es wird dir gefallen, Jade. Danach dann Tretbootfahren auf dem Hudson. Nur wir beide. Versprochen.« Und nur deshalb.

Ein Gefühl der Scham bemächtigte sich ihrer, als sie sich erinnerte. Jenen heißen Sommertag in der Stadt war sie nicht gerade zimperlich mit den Gefühlen des Mädchens umgegangen. Sie wirkte jung und kräftig auf sie. Wer ernsthaft Arbeit wollte, bekam auch welche, davon war Jade fest überzeugt. Die Schwarzen Bretter der Supermärkte waren bespickt mit Angeboten.

»Warum bist du hier?«, hatte sie wissen wollen, auf die Gefahr hin, dass Suzan sie rügte. »Der Herrgott hat dir zwei gesunde Hände geschenkt …« Bis heute vermisste sie eine Antwort.

Das Mädchen ließ ihre Blicke aufmerksam über Jades Gesicht wandern. »Suzan ist deine Freundin, nicht wahr?«, fragte sie dann.

»Die beste.«

»Du musst ein guter Mensch sein.«

Jade schluckte hart, da schon wieder die Tränen aufstiegen. »Nein«, sagte sie leise. »Ich fürchte, Suzan kommt heute nicht.«

»Schade. Hast du vielleicht was zu essen für mich?« Sie legte den Kopf schief. »Du hast doch nicht etwa geweint?«

Jade schluckte hart, während sie ihre Tasche von ihrer Schulter gleiten ließ. Sie würde jetzt ihr Portemonnaie zücken und der Kleinen einen Schein zustecken, auch wenn sie, wahrscheinlich dank Suzan, nicht allzu bedürftig herüberkam und recht vernünftig gekleidet war. Halb verhungert wirkte sie auch nicht. Jade würde ihr sagen, dass sie sich trollen und sich nie wieder hier blicken lassen sollte, denn Suzan hätte der Stadt für immer adieu gesagt. Dann würde sie ein Stück die Straße entlanggehen und an der Kreuzung links Richtung Subway abbiegen. Für Fälle wie diesen hier waren andere zuständig und in New York musste sicher niemand verhungern. Hier herrschte das »Right-to-Shelter-Gesetz, das die Stadt verpflichtete, Obdachlosen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen.

Etwas hielt sie zurück. Suzans Stimme in ihrem Inneren. »Schäm dich, Jade! Nicht jeder hat so ein Leben wie du und du weißt nichts von diesem Mädchen.«

Kurz schloss sie die Augen und atmete tief. »Wie war noch mal dein Name?«, hörte sie sich plötzlich murmeln.

Das Mädchen sah sich verwirrt um, ob wirklich sie gemeint wäre und suchte dann wieder Jades Blick.

»Ich heiße Laurie. Und du?«

»Jade Duncan. Freut mich sehr, Laurie. Sag mal: Hättest du Lust auf einen Stadtbummel? Und dann was Warmes in den Bauch?«

»Falsche Reihenfolge«. Laurie grinste und entblößte eine charmante Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen. »Erst Frühstück. Und vielleicht duschen?«

»Einverstanden.«

Später, bei einem Spaziergang durch den Central Park, schüttete Jade, die doch am Morgen noch hatte allein sein wollen und, ähnlich wie ihre Schwester Serah, nicht der Mensch war, der sich leicht einem anderen öffnete, Laurie ihr Herz aus. Das Mädchen war eine Fremde und als Fremde würden sie wieder scheiden. Sie konnte ihr alles erzählen. Es gab keinerlei Verbindungen zwischen ihnen. Lediglich ein Thema sparte sie aus: Suzan.

»Heilige Scheiße«, meinte Laurie. »Jede Woche in einer anderen Stadt? Klingt irgendwie … heimatlos. Und unfrei. Stress pur. Da frag ich mich: Wer von uns beiden hat’s besser getroffen?« Sie grinste schief. »Dazu dieser Irre am Telefon. Gott, mir wird ganz schlecht bei der Vorstellung. Aber mach dir mal keine Sorgen. Es heißt, das sind arme Würstchen, vor allem die mit dem Gestöhne. Harmlos. Familienväter, die sich im wahren Leben nichts zutrauen und sich am Telefon einen runterholen.«

Jade merkte, wie ihre Hände kalt wurden.

»Mein Verehrer hat’s ja nicht so mit dem Stöhnen.«

»Sondern?«

»Ich höre das Rauschen von Bäumen, Vögel, die in den Lüften zwitschern …« Hörte sich irgendwie nach Yoga und progressiver Muskelentspannung an, das merkte sie selbst.

»Klingt schräg«, meinte Laurie mit großen Augen und stopfte sich einen von den vorhin am Kiosk erstandenen Lollis in den Mund. Wie alt war sie? Man konnte sie auf sechzehn schätzen, und in einem anderen, einem ihrer nachdenklichen Momente, wenn sie die Stirn runzelte und mit leerem Blick in die Ferne sah, vermittelte sie den Eindruck einer reifen, vom Leben gezeichneten Frau.

Ja, schräg. Da konnte Jade nicht widersprechen. Oder eher krank? Vor ein paar Wochen hatte es angefangen, mit einer dubiosen Nachricht auf Facebook.

»Ich sehe dich.«

»Es gibt kein Entrinnen.«

»Irgendein Spinner«, hatte sie sich noch eingeredet. Mit Neidern hatte sie in ihrem Job öfters zu kämpfen. Doch der schreckliche Kerl schien ihr wie ein Schatten zu folgen. Seit sie wieder in New York war, spielte er neue Spielchen. Telefonterror der hartnäckigsten Sorte. Und nie meldete sich der Feigling persönlich. Nur Donnergrollen drang an ihr Ohr und heulender Wind: Wetterkapriolen. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte.

Jade löste ihren Pferdeschwanz, schüttelte ihr Haar auf, kämmte es mit den Fingern durch und bändigte es wieder mit dem roten Gummi. Es war eine Verlegenheitsgeste. Natürlich machte sie sich Sorgen, dass mehr als nur ein billiger Spaß dahinterstecken könnte. Zeitweilig hatte sie sogar überlegt, die Polizei einzubinden.

Linker Hand auf einer Rasenfläche fanden Tai-Chi-Übungen statt, und skatende Mütter mit Kopfhörern und Kinderwagen passierten sie. Heile Welt. Eigentlich.

»Aber ich rede die ganze Zeit«, murmelte Jade. »Nun zu dir, Laurie.«

»Da gibt es nicht viel«.

Lauries Stimme klang spröde, als sie das sagte. Jade betrachtete sie. Der Reißverschluss der hautengen Jeans war nur mit Jades Hilfe zugegangen, doch das Outfit brachte nun Lauries drahtigen Körper zur Geltung und die eierschalenfarbene Bluse kontrastierte hübsch mit dem dunklen Ton ihres Teints und den schwarzbraunen Locken, die ihr bis zu den Schultern flossen. Sie war weiß Gott nicht der klassische Modeltyp, doch sie war ungeschminkt vorzeigbar und je länger Jade sie betrachtete, desto mehr erkannte sie, bei aller Robustheit, eine gewisse Grazie.

»Warum das alles?«, bohrte Jade weiter. »Du bist jung – und klug. Mach was aus dir! Du hast dieses Leben doch gar nicht nötig.«

»Es war schon mal anders. Nicht so cool wie bei dir. Aber anders. Ich hatte einen Job an der Kinokasse … Aber dann musste ich wieder zurück … Sie hatte … war … Ach, egal.«

»Was ist passiert? Du bist doch nicht krank?« Was meinte sie mit »sie musste wieder zurück«? Zurück auf die Straße? Und wer war diese ominöse »Sie«?

Jade wollte nachhaken, doch die heile Parkwelt bekam einen Riss, als sich ein paar Armlängen entfernt eine Schlägerei zwischen zwei Männern anbahnte. Der ältere lag auf dem Boden und der jüngere drosch mit beiden Fäusten auf ihn ein und verdünnisierte sich erst, als ein Martinshorn aufheulte.

»Verf… «, rief Laurie. »Robin ist in der Stadt.« Nur kurz blickte sie dem Jüngeren nach, der mit eiligen Schritten entschwand. Sie sprang auf den älteren, verlebt aussehenden Mann am Boden mit der zerlöcherten Hose zu. »Scheiße, Henry! Alles in Ordnung?«, rief sie, laut genug, um einen Schwarm Krähen aus der Baumkrone über ihm aufzuschrecken. »Henry ist schwerhörig, musst du wissen«, sagte sie Jade. »Das hat sein Sohn auch verbrochen. Trommelfell zerrissen. Nimmt dem Alten sein vermurkstes Leben übel.«

Der Mann stank aus dem Mund wie ein kompletter Spirituosenladen und ein Faden Blut lief ihm aus der Nase. Automatisch trat Jade einen Schritt zurück. Sein Sohn – das war sicher dieser Robin.

»… und er kann sich den Doc nicht leisten. Ganz normale Härte für einen wie uns«, fügte Laurie an. Während sie Henrys Kopf stützte, musterte sie Jade auf eine geradezu anklagende Weise. Der Blick sagte: »Feine Mädchen wie du kapieren das nicht.«

Jade überwand sich, nahm ein Taschentuch aus ihrer Tasche und reichte es dem Penner, als auch schon Polizei und Krankentransport heranfuhren. Henry dankte ihr mit einem Lächeln von einem zahnlosen Mund.

»Hör mal, Laurie«, murmelte Jade. Sie sahen dem Krankenwagen nach. »Wenn du willst, helfe ich dir. Wir suchen dir einen Job und eine Wohnung. Solange kannst du mein Hotelzimmer haben.«

Laurie sah sie erstaunt an, mindestens so erstaunt, wie Jade selber war, blieb aber die Antwort schuldig. »Diese Menschen haben sich in ihrem Elend eingerichtet«, hatte Suzan einmal gesagt. Die meisten wollten sich gar nicht helfen lassen, viele hatten nicht nur körperliche, sondern auch psychische Krankheiten, und es war schwierig, an sie heranzukommen.

»Was habe ich für ein Glück?!«, sagte Laurie dann schließlich auch, und nun funkelten ihre Augen. »Jetzt habe ich zwei Schutzengel. Suzan und dich. Danke fürs Angebot, aber mir gefällt mein Leben so, wie es ist.«

Jade nickte langsam. »Was Suzan angeht, da gibt es etwas«, begann sie vorsichtig, doch Laurie überhörte es.

»Einer wie Henry kommt wohl nie auf die Beine«, sinnierte sie, riss einen Grashalm ab und kaute darauf herum. »Aber ich, mit viel Glück vielleicht … Weißt du, dass Suzan mir ein Auto gekauft hat? Alt und rostig, doch es ist mein geliebtes Zuhause.«

»Ist das wahr?« Jade lächelte wehmütig.

»Du musst es dir ansehen.«

»Ein andermal«, versprach Jade. Der Tag war zu kurz für all diese Dinge. Sie kramte in ihrer Tasche. »Lass uns demnächst mal telefonieren. Hier, meine Nummer. Und jetzt komm! Mittagessen am Times Square.« Und danach gern einen alhoholfreien »Skinny Bitch« genießen, dachte sie, in der sich drehenden Bar »The Overview«.

Fröhlich hakte sich Laurie bei Jade unter. Jade begann zu begreifen, was die Arbeit mit den Obdachlosen Suzan gegeben hatte. Dieser Tag mit Laurie war eine echte Bereicherung, fernab von Maskeraden und Inhaltslosigkeit.

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9783754173725
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