Читать книгу: «Die Entführung der Dinharazade»

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Epilog

Die Entführung der Dinharazade

Christina Wermescher

© 2021 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

15/2021

Covergestaltung: Julia Dibbern

Lektorat: Noah Stoffers | textpfade

Printed in the EU

ISBN TB 978-3-95869-471-2

ISBN ebook 978-3-95869-473-6

Alle Rechte vorbehalten

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Für André,

meinen Tüftler

Kapitel 1

Dinah raffte ihr pfirsichfarbenes Seidenkleid und nahm im Laufschritt die ausgetretenen, steinernen Stufen, die zu Abdis Atelier hinaufführten. Der hatte sich bei ihrem letzten Besuch sehr geheimnisvoll gegeben und stand wohl wieder einmal kurz vor der Fertigstellung einer neuen Erfindung. Neugierig öffnete sie die Tür zur Werkstatt, die sie als Hort von Betriebsamkeit und Tüftelei fast ebenso sehr liebte wie den alten Waffenbaumeister selbst. Abdi war ihr in den vergangenen Jahren nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein wahrer Freund geworden.

Kein Klappern, kein Hämmern, nicht das leiseste Geräusch drang aus der Werkstatt. Irritiert über die Stille hielt sie am Eingang inne und ließ den Blick suchend durch den halbdunklen Raum gleiten. Brütete der Meister über den Plänen zu seinem nächsten Projekt?

Im Atelier war es angenehm kühl, und lediglich durch ein verhängtes Fenster drang etwas Licht. Dinah atmete den Duft der Werkstatt ein. Diese Mischung aus Papyrus, Öl, Metall und Holz war längst ein wohliger Hauch von Heimat für sie geworden. Sie sah sich suchend um, und als ein leichter Luftzug ihre Haut streifte, bemerkte sie, dass die Tür zur Dachterrasse einen Spalt offenstand. Dinah durchschritt das Halbdunkel des Raumes. Silhouetten von Schriftrollen und allerlei Gerätschaften zeichneten sich schemenhaft ab. Als sie die Holztür aufschob, blendeten die Strahlen der Mittagssonne sie nach dem Dämmerlicht des Ateliers. Sie schirmte die Augen mit der Hand ab. Noch ehe sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte und irgendetwas erkennen konnte, hörte sie Abdis freudiges Rufen.

»Da bist du ja, Dinah! Ich habe dich schon erwartet!«

Er erhob sich von dem Lager aus bunten Kissen, die unter einem purpurnen Stoffdach lagen. Üppige Stauden verliehen der Terrasse den Charme einer Oase.

»Komm näher, Dinah! Setz dich zu mir«, bat er. Er hatte das blaue Tuch, das er üblicherweise um den Kopf gebunden trug, abgelegt, und sein Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Es war weiß wie der unberührte Schnee auf den höchsten Gipfeln des Hissargebirges.

#Dinah ging zu ihm und ließ sich lächelnd neben ihm auf dem farbenfrohen Kissenlager nieder. Aus dem Rohr eines silbernen Samowars qualmte es beachtlich.

Abdi schien sie wirklich erwartet und dem Teewasser bereits kräftig eingeheizt zu haben. Der dicke Stoff über ihr schützte sie vor den Sonnenstrahlen. Dieses angenehm schattige Plätzchen lud zu einem Gläschen Tee ein. Außerdem kochte niemand so guten Chai wie Abdi. Da konnten selbst die Diener am königlichen Hof noch etwas lernen.

Gewissenhaft nahm der alte Mann das Rohr vom Samowar und füllte eine silberne Kanne, in der er bereits Tee und seine geheime Gewürzmischung vorbereitet hatte, mit heißem Wasser.

Dann stellte er die Kanne vor ihnen auf einen niedrigen Holztisch, auf dem auch zwei verzierte Gläser bereitstanden und ein Gegenstand, der jedoch unter Abdis blauem Kopftuch verborgen war. Neugierig begutachtete Dinah die Umrisse, die sich durch den Stoff abzeichneten. Was mochte das sein?

Abdi lächelte verschmitzt, als er ihren Blick bemerkte. Um seine Augen spielten zahlreiche Lachfältchen, und sie schauten Dinah abenteuerlustig an wie die eines Kindes. Sein wacher Geist hatte ihr schon oft atemloses Staunen und interessante Erkenntnisse beschert. Auch heute hatte er also wieder einmal eine Überraschung für sie.

»Was führst du denn im Schilde, Abdi?«, fragte sie ihn schmunzelnd. Er rieb sich voller Vorfreude die Hände.

»Nur Geduld, meine Liebe. Jetzt trinken wir erst einmal einen Chai auf diesen wunderschönen Tag.«

Aus der silbernen Teekanne stieg ihr bereits ein verführerisch würziger Duft in die Nase. Er vermischte sich mit dem süßlichen Geruch der blühenden Stauden, die in großen Steinbottichen gepflanzt waren.

Endlich befand der königliche Waffenbaumeister, dass der Tee lange genug gezogen hatte und füllte die beiden Gläser mit der dampfenden, dunkelbraunen Flüssigkeit. Dann nahm er unter Dinahs gespanntem Blick das Tuch von dem geheimnisvollen Gegenstand. Doch auch nun, wo sie ihn betrachten konnte, verstand Dinah nicht, was es mit dieser Ansammlung von Metallteilen und dem glänzenden Rädchen auf sich hatte, auf der oberhalb ein filigraner Schmetterling angebracht war. Sie beugte sich vor, um besser sehen zu können, und beobachtete Abdi dabei, wie er die Apparatur behutsam auf eines der Teegläser setzte.

Nach kurzem Zögern begann das kleine Rad sich wie von Geisterhand zu drehen. Zwei Stäbchen führten davon über kleine Übersetzungsrädchen zur Unterseite der Schmetterlingsflügel, die nun schlugen, als würde das metallene Insekt jeden Moment abheben.

Entzückt klatschte Dinah in die Hände, und Abdi strahlte über das ganze Gesicht.

»Wunderbar! Wie hast du das gemacht?«, rief sie. Sie liebte es, seine Basteleien zu betrachten. Aber noch mehr liebte sie es, ihre Mechanismen zu ergründen.

»Das ist ein Motor, der die Wärme unseres Chais als Antriebsquelle nutzt«, verkündete der Meister stolz.

Dinah zog überrascht die Luft ein. »Ein Motor ohne Feuer und Dampf?«

Abdi nickte lächelnd.

»Erzähl mir alles darüber!«, bat sie und hing an seinen Lippen, als er ihr die Funktionsweise erklärte von der Kammer mit dem sich ausdehnenden und wieder verdichtenden Gas, in der sich eine Platte als Verdränger über dem Teeglas auf und ab bewegte, bis hin zu dem auf Hochglanz polierten Schwungrädchen. Dieser Mechanismus hätte völlig ausgereicht, um Dinah in Verzückung zu versetzen. Damit, dass der Motor einen Schmetterling scheinbar zum Leben erweckte, hatte Abdi noch eins draufgesetzt.

»Das ist ja unglaublich! Du hast dich wieder einmal selbst übertroffen!« Während Dinah den kleinen Motor beobachtete, hatte sie plötzlich eine Idee. »Das Rädchen erinnert mich an mein Spinnrad. Mutter besteht noch immer darauf, dass ich mich mit Handarbeiten beschäftige und gibt mir ständig neue Aufgaben.« Bei diesem Gedanken rollte sie genervt mit den Augen. »Könnten wir mein Spinnrad nicht mit solch einem Motor ausstatten?«

Abdi lachte laut auf. »Ich bin gerade dabei, verschiedene Anwendungsmöglichkeiten zu prüfen. An ein Spinnrad hatte ich nicht gedacht, aber bring es morgen mit. Dann überlegen wir uns etwas«, sagte er und zwinkerte ihr zu.

Dinah jubelte und umarmte ihn. Mit einem motorisierten Spinnrad würde ihr die Handarbeit vielleicht sogar Spaß machen.

Sie schwatzten noch eine ganze Weile über Abdis Erfindung und was man damit alles antreiben könnte, tranken Chai und genossen das lauschige Plätzchen unter dem purpurnen Stoffdach. Als die Sonne sank, bemerkte Dinah, dass es Zeit war, sich auf den Weg in den königlichen Palastgarten zu machen. Ihre Schwester Scheherazade würde dort bereits auf sie warten. Dinah verabschiedete sich von ihrem Lehrmeister und freute sich schon auf den nächsten Tag, wenn sie zusammen an ihrem Spinnrad basteln würden.

»Ich werde dir einen Diener schicken, um dein Spinnrad abzuholen.« Die beiden schmunzelten sich verschwörerisch an. Im Palast des Großwesirs, Dinahs Vaters, gab es natürlich eine stattliche Anzahl an Bediensteten, die das Spinnrad zu Abdi hätten bringen können. Doch sie wollten ihr kleines Experiment erst einmal geheim halten. Denn Dinas Mutter hatte sich die Arbeit ihrer Tochter am Spinnrad gewiss anders vorgestellt.

Sie drückte Abdi zum Abschied und lief dann gut gelaunt durch die Werkstatt und die steinernen Treppen hinunter. Zum Palastgarten war es nur ein Katzensprung. Schah Rayâr war darauf bedacht, alle wichtigen Menschen des Hofes und seine Berater stets in greifbarer Nähe zu haben. Und auch wenn Abdi sich nicht nur mit dem Bau von Waffen und Kriegsgerät beschäftigte, so hielt doch jeder im Reich große Stücke auf ihn und seine Fähigkeiten. Kein anderer im Dienst des Königs hätte sich so viele Spielereien erlauben können wie Abdi.

Beschwingt von dem schönen Nachmittag betrat Dinah die Pairidaeza. Dinah konnte es kaum erwarten, die Füße im kühlen Wasser dort zu baden. Gerade an solch heißen Tagen gab es kaum einen verlockenderen Ort in ganz Samarqand.

Der große, rechteckige Garten war zwischen den königlichen Privatgemächern und dem Regierungsgebäude mit seinen Empfangs- und Verhandlungssälen und den Unterkünften für hohe Staatsbesuche eingebettet. Erst einmal war Dinah dort drinnen gewesen. Sie erinnerte sich an die farbenprächtigen Mosaike in der Empfangshalle, die dem Gemach ihrer Schwester an Prunk und Raffinesse in nichts nachstand. An der Vorder- und Rückseite begrenzten jeweils zwei hohe Steinmauern mit großen Holztoren das weitläufige Areal, von denen die der inneren Mauern meist offenstanden. So boten die Durchgänge schattige Plätzchen für die Soldaten der königlichen Garde, die die Pairidaeza mit grimmigen Gesichtern und geschliffenen Säbeln bewachten. Als sie Dinah erblickten hellten sich ihre entschlossenen Mienen kurz auf. So mancher der Gardisten hätte ihrer hübschen Erscheinung nur zu gerne den Hof gemacht. Doch als Tochter des Großwesirs und Schwägerin des Königs war Dinah die wohl begehrteste junge Frau des Reiches. Für einen einfachen Soldaten kam es deshalb nicht infrage, ihr schöne Augen zu machen. Und so senkten sie stattdessen ehrfürchtig den Blick und verbeugten sich zum stillen Gruß.

Dinah war es längst leid, als gute Partie betrachtet zu werden. Gerne hätte sie mit den Soldaten gescherzt, doch sie wusste, dass sie mit solch unziemlichem Verhalten nur den Unmut ihrer Eltern oder gar des Königs selbst auf sich ziehen würde. Deshalb quittierte sie die Verbeugungen lediglich mit einem zurückhaltenden Lächeln.

Dinah lief einen Weg entlang, der linker Hand durch einen Wassergraben und auf der anderen Seite von ausladenden Dattelpalmen flankiert wurde. Aus jeder Himmelsrichtung kam einer dieser Gräben. Sie durchzogen das üppige Grün, teilten es in vier Rechtecke und mündeten in einem gekachelten Bassin im Zentrum der Pairidaeza. Dort sah sie Scheherazade schon von Weitem sitzen. Ihr violettes Kopftuch harmonierte märchenhaft mit den Grün- und Blautönen, die das Innere des Gartens beherrschten. Denn die Stauden, die in allen Farben des Regenbogens blühten, hielten sich ringsum an die Mauern gedrängt, wo sie ein bisschen Schatten ergattern konnten und überließen das Herz des Pairidaeza Palmen, Papyrus und Wasserspielen.

Dinah hätte ihre Schwester malen mögen inmitten dieser Idylle, doch dazu fehlte ihr die künstlerische Begabung. So hielt sie einen Moment inne, um sich das Bild einzuprägen. Eine friedliche Stille lag über der Szenerie. Nur die gelegentlichen Rufe der blauen Pfaue, die durch den Garten stolzierten, waren zu hören. Schah Rayâr hatte die Tiere als Geschenk von einem Maharadscha bekommen. In dessen Heimat galten diese schillernden Vögel als heilig. Ein Schmunzeln huschte über Dinahs Gesicht, als sie an den Fauxpas des hohen Gastes dachte. In Samarqand waren Pfaue ein Symbol der Unvollkommenheit, da ihre prachtvoll gefiederten Körper auf solch unschönen Füßen ruhten, und auch ihre Flugfähigkeit eines Vogels unwürdig war. Schah Rayâr hatte damals eines der Tiere sogleich schlachten und dem Maharadscha zum Abendessen vorsetzen lassen. Doch nach diesem Denkzettel hatte ihr Schwager Größe bewiesen und den restlichen Pfauenvögeln im Palastgarten eine neue Heimat geschenkt.

Kapitel 2

Ihre Schwester Scheherazade blickte erst auf, als Dinah sie von hinten umarmte. Sie sah aus, als hätte sie in der letzten Nacht kaum geschlafen. Der Grund dafür war wohl das kleine Bündel, das in ihren Armen lag. Dinahs kleiner Neffe hatte die Augen geschlossen und schlief wohlig in ein Tuch gekuschelt auf dem Schoß seiner Mutter. Dinah setzte sich zu den beiden auf eine Decke, die ihre Schwester ausgebreitet hatte. »Hallo Zayriddin«, flüsterte sie und streichelte dem Baby sanft über die rosige Wange.

»Jetzt schläft er selig«, meinte Scheherazade mit schiefem Lächeln. »Heute Nacht wollte er davon nur wenig wissen.« Liebevoll schaute sie ihr Kind an. So einem perfekten kleinen Geschöpf könnte man wohl auch dann nicht böse sein, wenn es einen um den Schlaf von tausendundeins Nächten brächte.

»Welche Geschichte hast du heute für mich?«, fragte Scheherazade.

Dinah hatte sich schon immer gerne Märchen und Abenteuer ausgedacht, doch dass das Geschichtenspinnen einmal einen so wichtigen Teil in ihrem Leben einnehmen würde, hätte sie niemals erwartet. »Denkst du denn wirklich, dass das noch notwendig ist, jetzt, wo du dem König sogar einen Thronfolger geschenkt hast?«, fragte Dinah skeptisch.

»Wenn ich das nur wüsste!« Ihre Schwester zuckte hilflos mit den Schultern. »Es stimmt schon, Rayâr ist ganz vernarrt in den Kleinen.« Sie lächelte nachdenklich, während sie das Bündel in ihrem Arm betrachtete. »Eigentlich kann ich nicht glauben, dass er im Stande wäre, Zayriddin die Mutter zu stehlen.« Scheherazades Blick verdunkelte sich. »Doch ich möchte es nicht darauf ankommen lassen.«

Beruhigend legte Dinah ihr die Hand auf die Schulter. Natürlich würde sie ihr auch heute wieder eine Geschichte liefern, mit der sie die Neugierde ihres königlichen Gemahls aufrechterhalten konnte.

»Aber da fällt mir etwas ein«, wechselte Scheherazade plötzlich das Thema. »Wie ich höre, kannst du dich inzwischen kaum noch retten vor Verehrern.« Sie zwinkerte verschmitzt, während Dinah die Nase krauszog.

»Ach, Schwester, davon will ich gar nichts hören!«

Scheherazade kicherte. »Sei unbesorgt, ich werde dir ein Geheimnis verraten über die Männer.«

Dinah horchte auf.

»Unsere Großmutter hat mir einst erzählt, wie man einen guten Mann erkennt. Und dieses Wissen gebe ich nun an dich weiter, kleine Schwester.«

Dinah strebte nicht im Geringsten danach, sich einen Mann zu suchen. Es nervte sie viel mehr, wenn ihre Mutter ihr immer wieder mit bedeutungsvoller Miene erzählte, welcher wohlhabende oder einflussreiche Herr im Dunstkreis des Palastes noch ledig war. Richtig schlimm wurde es, wenn der Betreffende sich auch noch nach ihr erkundigt hatte, was in der letzten Zeit immer öfter passierte. Plötzlich kam ihr Khan Bassam in den Sinn. Er war der Einzige, der bisher Dinahs Interesse geweckt hatte. Der berüchtigte Wüstenkönig tauchte immer wieder zu verschiedenen Gelegenheiten in der Stadt auf und versetzte die Samarqander in Aufruhr. Als sie ihm bei den letzten Schaukämpfen begegnet war, hatten sie sich sogar kurz unterhalten. Dinahs Mutter hatte ihr deshalb eine furchtbare Szene gemacht. Schnaubend schob Dinah den Gedanken an ihre Standpauke über Schicklichkeit und den richtigen Umgang für eine Dame von Rang beiseite und wandte sich wieder ihrer Schwester zu. Wenn das Geheimnis von ihrer Großmutter kam, dann wollte sie es auf jeden Fall erfahren. Denn sie war eine kluge und gewitzte Frau gewesen, die es mit ihrer forschen und ehrlichen Art auch in Kauf genommen hatte, in den noblen Kreisen, in denen sich ihr Sohn als Großwesir bald bewegt hatte, hier und da anzuecken. Neugierig beugte Dinah sich vor und fixierte Scheherazade, die sich augenscheinlich alle Mühe gab, ein wichtiges Gesicht aufzusetzen.

»Großmutters Rat ist so simpel wie genial: Wenn du wissen willst, was ein Mann für ein Liebhaber ist, dann beobachte ihn dabei, wie er einen Granatapfel isst. So wirst du es erkennen.«

»Einen Granatapfel?«, fragte Dinah ungläubig nach, und Scheherazade nickte mit ernster Miene.

Sie wusste selbst nicht, was für eine Art von Geheimnis sie eigentlich erwartet hatte, doch dieser angebliche Granatapfeltest verblüffte sie völlig. Wollte Scheherazade sie auf den Arm nehmen? Dinah zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.

»Schau mich nicht so ungläubig an!«, rief Scheherazade. »Sei lieber froh um den Rat. So kannst du dir auf einfache und schlaue Art eine Enttäuschung ersparen.« Sie kicherte in sich hinein.

»Hast du Schah Rayâr auch diesem ominösen Test unterzogen, bevor du ihn geheiratet hast?«

»Also bitte!« empört sich Scheherazade nun. »Er ist der König und deshalb über jeden Zweifel erhaben!«

»So, so«, antwortete Dinah grinsend. »Da hast du ja Glück gehabt«.

Dinah war versucht, das Ganze als Quatsch abzutun, doch wenn ihre Großmutter das wirklich gesagt hatte, dann war vielleicht etwas Wahres dran, egal wie lächerlich es klang.

»Guten Abend, verehrte Damen!«, ertönte plötzlich eine Männerstimme hinter ihnen. Dinah drehte sich um und erkannte Khan Bassam, der wie selbstverständlich durch die Pairidaeza auf sie zuschritt. Gerade hatte sie noch an ihre letzte Begegnung gedacht, doch dass sie ihn so bald wiedertreffen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Erst nach endlosem Betteln hatte sie ihren Vater vor ein paar Tagen zu den Schaukämpfen in der Stadt begleiten dürfen. Dort war auch Khan Bassam mit einigen Gefolgsleuten im Publikum aufgetaucht. Die meisten Zuschauer hatten deren Anwesenheit für interessanter befunden als die Kämpfe selbst. Und wenn Dinah ehrlich war, war es ihr nicht anders gegangen. Schließlich galt sein Volk zwar als roh und brutal aber auch als stark und geheimnisvoll. Das Getuschel war allgegenwärtig gewesen, und jeder schien etwas über ihn zu sagen gehabt zu haben. Zum Beispiel, dass er in einem magischen Palast wohne, der nicht gefunden werden kann, und dass sein Volk in der Lage war, mit Tieren zu sprechen. Insgeheim freute Dinah sich, ihn wiederzusehen. Doch in dieser vertrauten Umgebung wirkte er in seiner braunen Lederrüstung wie ein unerhörter Eindringling, und eine unterschwellige Bedrohung ging von ihm aus.

Khan Bassam ignorierte die erschrockenen Gesichter der Schwestern. Als er sie erreicht hatte, verbeugte er sich tief und setzte dabei ein Knie auf den sandigen Boden.

»Verehrte Scheherazade, eure Schönheit übertrifft die Erzählungen, die mir zu Ohren gekommen sind, bei Weitem.« Dann wandte er sich dem Baby zu. »Und welch eine Ehre, dass ich den kleinen Thronfolger Zayriddin auch gleich kennenlernen darf.«

Dinah beobachtete den Wüstenkönig irritiert. Er bewegte sich hier so selbstverständlich. Aber wäre er im Palastgarten nicht willkommen, so hätten die Wächter an den großen Pforten ihm sicherlich den Zutritt verweigert. Vermutlich bestand gar kein Grund zur Sorge. Und außerdem gab Khan Bassam sich überraschend galant.

»Meine teure Dinharazade«, wandte er sich nun an sie und ergriff ihre Hand. Überrumpelt zuckte sie zusammen und schaute ihn verdutzt an. Khan Bassams kinnlanges, gewelltes Haar, war so schwarz wie seine funkelnden Augen, die sie nun eindringlich anblickten. Sein Gesicht war ebenmäßig, die Züge fast sanft. Doch der Schatten an seinen Wangen, der verriet, dass die letzte Rasur schon ein paar Tage zurücklag, und eine kleine Narbe, die sich schräg über die rechte Augenbraue zog, verliehen ihm eine Spur von Verwegenheit.

»Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, Euch wiederzusehen.« Dabei senkte er den Kopf, doch anstatt den Handkuss nur anzudeuten, streifte er mit Nase und Lippen sanft über ihren Handrücken. Dinah zog scharf die Luft ein, und Khan Bassam beantwortete ihre Empörung mit einem unschuldigen Lächeln. Der Blick seiner schwarzen Augen hielt ihren fest. Und sie vergaß darüber völlig, ihre Hand zurückzuziehen.

»Was führt Euch zu uns?«, erkundigte Scheherazade sich. Ihre Stimme brach den Bann, und endlich lösten sich die beiden voneinander.

Khan Bassam setzte sich unaufgefordert zu ihnen und holte ein Holzkästchen und ein golden glänzendes, verziertes Fläschchen aus seiner Ledertasche.

»Ich habe Euch etwas mitgebracht, Königin Scheherazade.« Interessiert betrachtete sie seine Gaben. »Was ist das?«

In diesem Moment löste Khan Bassam ein weiteres Fläschchen von seinem Gürtel, öffnete es und legte es hinter sich in den Sand. Für Scheherazade war es wohl durch den Wüstenkönig verdeckt, doch Dinah beobachtete, wie etwa ein Dutzend Skorpione, die aus den Weiten des Gartens zu kommen schienen, auf das Fläschchen zu krabbelten. Die kleinen Tiere lösten sich an der Öffnung in blauen Dunst auf, der in die Flasche hineinzog.

Sie hielt den Atem an. Spannung kribbelte durch ihren ganzen Körper. Die Geschichten, die man über das Wüstenvolk und deren geheimnisvollen Bräuche und Geister erzählte, waren tatsächlich wahr! Die Leute sagten, das Getier der Wüste sei ihre mächtigste Waffe. Doch Dinah hatte sich darauf bislang keinen Reim machen können.

»Ich möchte Euch bitten, das Kästchen erst später zu öffnen. Darin ist lediglich ein Gesuch, das Euer Gemahl und Ihr in Eurer bekannten Weisheit und Güte bitte prüfen möget. Außerdem befindet sich darin eine Brieftaube, mit der Ihr mir Eure Antwort übermitteln könnt.«

Scheherazade runzelte misstrauisch die Stirn. »Ich werde die Kiste natürlich von unserem Waffenbaumeister untersuchen lassen, bevor sie zu Schah Rayâr gebracht wird.«

Khan Bassams Lächeln war unverrückbar, und Scheherazades Worte schienen ihn ehrlich zu belustigen. »Natürlich.«

Er drehte sich kurz um und nahm das Fläschchen mit den geisterhaften Skorpionen wieder an sich, verstöpselte es sorgfältig und hängte es zurück an seinen Gürtel. Dinah bemerkte interessiert, dass sich dort noch zwei weitere solcher Fläschchen befanden.

»Was war das?«, platzte Dinah heraus. Sie musste ihn einfach danach fragen. So etwas wie diese Skorpione hatte sie noch nie gesehen.

Khan Bassam legte den Kopf schief und erwiderte ihren Blick. »Diese Fläschchen hier meint Ihr?«, erkundigte er sich mit Unschuldsmiene. Dinah hatte das deutliche Gefühl, dass er versuchte, sich vor einer Antwort zu drücken.

Sie nickte ungeduldig, während Scheherazade überrascht zwischen ihnen hin und her blickte.

»Ich hätte wissen sollen, dass sie Eurem aufmerksamen Auge nicht entgehen«, meinte er lächelnd.

»Nun?«, fragte Dinah stur nach.

»Darin sind Flaschengeister«, gab er schließlich zu.

»Ihr dringt in den Palastgarten ein und tragt dabei magische Waffen an Eurem Gürtel?«, schaltete sich Scheherazade nun wieder in das Gespräch ein. Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen und machte ein Gesicht wie eine strenge Mutter. Die Rolle beherrschte sie schon jetzt ausgezeichnet.

»Aber, verehrte Königin«, antwortete Khan Bassam in beschwichtigendem Tonfall. »Nicht alle Flaschengeister sind Waffen. Viele von ihnen haben völlig andere Fähigkeiten.« Mit diesen Worten schob er das Fläschchen, das er zusammen mit der Holzkiste ausgepackt hatte, näher an Scheherazade heran. Es ähnelte jenen, die an seinem Gürtel hingen, nur dass es kunstvoll verziert war.

»Was ist das?« Nun konzentrierte auch Scheherazade sich auf das Fläschchen, das zwischen ihnen auf dem Boden stand und im Sonnenlicht golden glänzte.

»Das ist ein Flaschengeist. Ihr könnt ihn ebenfalls gerne überprüfen lassen, doch ich versichere Euch, dass seine Absichten gänzlich friedlicher Natur sind.« Khan Bassam hob lachend beide Hände, als wolle er sich ergeben. Sein Charme besänftigte ihre Schwester. Hätte sie gerade ebenfalls die Skorpione gesehen, würde sie sich bestimmt nicht so leicht um den Finger wickeln lassen und hätte längst um Hilfe gerufen.

»Aber …«, setzte sie erneut an.

»Gleich, Dinah«, würgte ihre Schwester sie ab. Khan Bassams Geschenk hatte ihr Interesse geweckt.

Unbehaglich schaute Dinah sich nach den Wachen um.

»Und was kann er?«, wollte Scheherazade nun wissen.

»Er ist ein fantastischer Geschichtenerzähler. Zwar wird er bestimmt Mühe haben, mit Dinharazades Fantasie und Erzählkunst mitzuhalten, doch ich denke, er wird während ihrer Abwesenheit trotzdem ein würdiger Ersatz sein.«

Entsetzt schauten die beiden Frauen ihn an, und Scheherazade schlug sich gar die Hand vor den Mund. Wie konnte Khan Bassam von ihrem Geschichtengeheimnis wissen? Und wieso ging er davon aus, dass Dinah Samarqand verlassen würde?

»Woher?«, stammelte die Königin.

Khan Bassam winkte ab.

»Ich bitte Euch, Majestät, verschwendet diesen wunderschönen Tag nicht mit einfältigen Fragen. Das steht Euch nicht gut zu Gesicht.« Der Wüstenkönig umfasste sein Knie mit beiden Händen und lehnte sich selbstgefällig zurück. Er genoss die Verwirrung, die er gestiftet hatte, sichtlich.

»Mit Verlaub, verehrte Scheherazade«, ergriff er wieder das Wort, »nur ein Narr könnte auf die Idee kommen, Euch töten zu lassen, wenn er sich stattdessen auch einfach jeden Tag aufs Neue an Eurer Schönheit erfreuen könnte. Noch dazu wo Ihr dem König jetzt auch noch einen solch prächtigen Erben geschenkt habt.«

Er beugte sich vor und fixierte Scheherazade, die während seiner Worte förmlich erstarrt war und seinen Blick ohne jede Regung wie eine steinerne Maske erwiderte. »Und Euer Schah ist doch wohl kein Narr, oder?«

Kapitel 3

Die Luft zwischen Scheherazade und Khan Bassam war während seiner Worte zum Schneiden dick geworden. Dinah war sich sicher, dass ihre Schwester ihm für seine Dreistigkeit am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte.

»Ich gehe nirgendwohin!«, rief sie in das bedrohliche Schweigen hinein. Khan Bassam wandte sich ihr zu und sah sie lange an. Dinah meinte, eine Spur von Bedauern oder gar Mitleid in seinen Zügen zu lesen.

»Doch, meine Teuerste, das werdet Ihr.« Damit stand er auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung. Dann beugte er sich zu Dinah herunter und hielt ihr erwartungsvoll die Hand entgegen, als wolle er auch ihr aufhelfen. Verständnislos schaute sie ihn an.

»Was soll das?«, rief sie und war froh zu hören, dass ihre Stimme nicht zitterte, obwohl ihr immer mulmiger wurde.

Khan Bassam seufzte, als müsse er sich einem Schicksal ergeben, das er hatte vermeiden wollen. »Ich entschuldige mich für alle Unannehmlichkeiten, liebe Dinharazade. Aber ich werde Euch nun entführen.«

Ihre Schwester japste nach Luft und rief nach den Wachen, was dem Wüstenkönig jedoch keinerlei Reaktion entlockte. Er stand nur da, hielt Dinah die Hand entgegen und schaute sie fast bittend an.

Überfordert knetete Dinah ihren kleinen Finger, wie sie es immer tat, wenn sie angestrengt nachdachte. »Das ist völlig absurd!« Sie versuchte, Bestimmtheit und Ablehnung in ihre Stimme zu legen.

Scheherazades Rufe nach der Garde blieben vergeblich. Nun wiegte sie hilflos ihr Kind hin und her, das in der Aufregung drohte aufzuwachen. Wo blieben die Wachen bloß? Gab es hier womöglich eine Verschwörung?

Khan Bassam löste ein Fläschchen von seinem Gürtel. Einen Augenblick zögerte er, doch schließlich zog er den Korken heraus und machte eine Handbewegung, als wolle er den Inhalt herausschleudern. Dunkel­blauer Rauch stieg aus dem Fläschchen auf, der ebenso aussah wie jener, in den sich die Skorpione vorhin aufgelöst hatten. Doch Dinah hatte gesehen, dass er diesmal ein anderes Fläschchen gewählt hatte. Gespannt hielt sie den Atem an und beobachtete die dunkelblaue Wolke, die sich verdichtete und anwuchs, bis sie sich schließlich zu einem Körper materialisierte. Entsetzt erkannte Dinah, dass sie die Form einer großen, sich aufbäumenden Schlange annahm. Scheherazade schrie auf und drückte ihr Baby angsterfüllt an sich. Auch Dinaharazade zuckte geschockt vor dem großen, schwarzen Tier zurück. Es züngelte ihnen entgegen und schien sich dann tatsächlich vor dem Wüstenkönig zu verbeugen.

»Lauf!«, flüsterte Dinah ihrer Schwester zu. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Keuchen, doch Scheherazade verstand. Einen Moment, der Dinah unerträglich lang erschien, zögerte sie, dann schaute sie auf ihr Baby, das hilflos in ihren Armen lag. Endlich riss Scheherazade sich aus ihrer Schockstarre und rappelte sich auf. Prompt drehte die Schlange sich zu ihr um. Dinah sprang in die Hocke und schleuderte Sand auf die Geisterkobra und ihren Herrn, um sie von Scheherazade abzulenken. Die stolperte in ihrer Hast mehr davon, als dass sie rannte. Die Schlange bäumte sich erbost auf und zischte Dinah an. Dann züngelte das Tier ihrer Schwester hinterher und wiegte den Kopf, ganz so, als sei es unschlüssig, ob es ihr folgen oder sich auf Dinah konzentrieren sollte.

»Ihr beeindruckt mich, Dinharazade«, hörte sie Khan Bassam sagen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Dinah konnte weder an seinem Tonfall noch an seiner Miene ablesen, ob sie ihn verärgert hatte. Selbst wenn. Wenigstens würden Scheherazade und Zayriddin gleich in Sicherheit sein.

Da schnipste Khan Bassam mit den Fingern, und die Schlange wandte sich von Dinah ab. Gerade, als sie erleichtert ausatmen wollte, bemerkte sie entsetzt, dass das geisterhafte Tier mit schnellen kräftigen Schwüngen die Verfolgung ihrer Schwester aufnahm. Sekunden später hatte es sie eingeholt und baute sich bedrohlich vor ihr auf. Dinah schlug sich erschrocken die Hand vor dem Mund.

»Genug jetzt!«, rief Khan Bassam. Die Schlange verharrte vor Scheherazade, die sich ängstlich duckte und keinen Schritt mehr wagte. Zayriddin beschwerte sich lautstark, dass seine Mutter ihn mit ihrer Flucht so unsanft geweckt hatte. Sein Schreien schallte durch den Palastgarten und zerrte an Dinahs strapazierten Nerven.

Erst als sie ihren Blick von Scheherazade löste, bemerkte sie, dass Khan Bassam sich wieder zu ihr gebeugt hatte und ihr seine Hand auffordernd entgegenhielt. Zögerlich legte sie ihre hinein und ließ sich von ihm auf die wackligen Beine ziehen. Sie konnte ihre Schwester und ihren Neffen unmöglich solcher Gefahr aussetzen. Galant bot Khan Bassam ihr seinen Arm, was Dinah angesichts der gegenwärtigen Situation äußerst höhnisch fand. Doch sie hatte keine andere Wahl, als sich bei ihm einzuhängen.

Als sie an ihrer Schwester vorbeikamen, hatte Zayriddin sich wieder etwas beruhigt. Doch Scheherazade stand der Schock nach wie vor ins Gesicht geschrieben. Sie zwinkerte unkontrolliert, als die Schlange sich von ihr und ihrem Kind abwandte, und Tränen quollen aus ihren Augen.

»Entschuldigt, meine Damen. So dramatisch war dieses Zusammentreffen eigentlich nicht geplant gewesen«, sagte Khan Bassam. Dinah schüttelte ungläubig den Kopf. Bei allen guten Mächten, sie wurde gerade tatsächlich entführt!

Wie ein Paar, das die Pracht der Pairidaeza bei einem Spaziergang genoss, schritten sie am Wassergraben entlang in Richtung des hinteren Ausgangs, wo sich die königlichen Plantagen am Rande der Stadt erstreckten. Nur die große, schwarze Schlange, die als geisterhafter Herold vor ihnen her kroch, trübte das friedliche Bild.

Als sie sich der Mauer näherten, die den Palastgarten begrenzte, keimte eine leise Hoffnung in Dinah auf. Sie hatte noch nie erlebt, dass die Wachen dort ihre Posten verlassen hätten. Und mit ihren blanken Säbeln würden sie dieser seltsamen Entführung sicherlich gleich ein längst fälliges Ende bereiten.

Doch als sie durch eines der großen Holztore in den Zwischengang schritten, in dem die königliche Garde sonst stand und den Palastgarten mit Adleraugen bewachte, da erstarb das zarte Pflänzchen von Dinahs Hoffnung, ehe es Gelegenheit bekommen hatte, Knospen zu tragen. Denn dort standen keine kampfbereiten Soldaten, um sie aus Khan Bassams Fängen zu befreien. Stattdessen lagen sie im Schatten der Mauer und hatten die Augen geschlossen. Fast hätte man meinen können, sie hätten ihre Pflicht vergessen und wären eingeschlafen. Doch einer von ihnen lag verrenkt, was nicht nach einem gemütlichen Nickerchen aussah. Und Dinah wusste ohnehin, dass sie niemals freiwillig ihre Posten verlassen hätten.

»Seid unbesorgt, meine Liebe, sie sind lediglich betäubt«, versicherte Khan Bassam, der wohl ihren entsetzten Blick bemerkt hatte. Dinah dachte an die Skorpione in der kleinen Flasche an seinem Gürtel. Sie hoffte inständig, er würde die Wahrheit sagen, sodass die Soldaten sich bald verdutzt aufrappeln konnten. Vor dem Palastgarten wurden sie von zwei prächtigen Pferden erwartet.

»Könnt Ihr reiten?«, wollte der Wüstenkönig wissen.

»Selbstverständlich!«, rief Dinah und gab sich kämpferisch. Sie war keine exzellente Reiterin, doch hatte sie durchaus einige Übung, da ihre Schwester geradezu verrückt nach Pferden war. Außerdem weckten die Tiere neue Hoffnung in Dinah. Vielleicht würde sich doch noch eine Gelegenheit zur Flucht ergeben. Dinah war fest entschlossen, sie zu nutzen. Khan Bassam lächelte sein unergründliches Lächeln, und ehe er ihr aufs Pferd helfen konnte, saß sie bereits im Sattel. Der Wüstenkönig schnalzte anerkennend mit der Zunge und wandte sich seinem eigenen Pferd zu. Schnell griff Dinah nach den Zügeln und trieb den Araberhengst an. Sie musste es nur in die verwinkelten Gassen von Samarqand schaffen. Dann würde sie ihren Heimvorteil nutzen und Khan Bassam leicht abhängen können.

Doch so sehr sie sich auch abmühte, das Pferd blieb stoisch stehen und tat keinen einzigen Schritt. Khan Bassam tat ganz so, als würde er ihre Anstrengungen nicht bemerken. Stattdessen pflückte er das Fläschchen von seinem Gürtel und lockte die große, schwarze Schlange dahin zurück, wo sie hergekommen war.

Als er selbst im Sattel saß, gab er Dinahs Pferd einen Klaps auf die Flanke, und schon setzte es sich, ohne zu zögern, in Bewegung. Die beiden Araber jagten durch die Plantagen. Dinahs Pferd blieb Khan Bassams nah auf den Fersen, egal in welche Richtung sie versuchte, es zu lenken.

Da erblickte sie in der Ferne eine Gruppe Männer, die mit groben Hacken ein Feld bearbeiteten. Dinah fing an, zu schreien. Obwohl sie weit weg waren, wurde einer der Arbeiter auf sie aufmerksam. Dinah dankte den guten Mächten im Stillen und fuchtelte wild mit einem Arm. Doch der Mann schien ihr Gestikulieren völlig falsch zu verstehen und winkte ihr zögerlich zurück. Dinahs Hilferufe verhallten irgendwo auf halbem Weg zwischen Obstbäumen und Gemüsestauden.

Enttäuscht gab sie ihre Bemühungen auf und sich dem Galopp hin. Ihre Gedanken rasten mit den Pferden um die Wette. Was hatte das nur alles zu bedeuten? Nahm der Wüstenkönig sie womöglich als Geisel, um ihren Vater oder Schah Rayâr zu erpressen? Und was würde er wohl für ihre Freilassung fordern? Dinah war sich sicher, dass ihre Familie alles tun würde, um sie zu retten. Der Gedanke beruhigte sie. So grotesk die ganze Situation auch war, schon bald würde dieser Spuk ein Ende haben.

Wenig später hatten sie Schah Rayârs Plantagen und auch die letzten Häuser Samarqands hinter sich gelassen und ritten immer weiter am Goldfluss entlang in Richtung der roten Wüste.

Als die Stadt außer Sichtweite geraten war, und nur noch die wilde, zerklüftete Natur mit schroffen Felsen und dem Rauschen des Flusses sie umgab, wurde Dinah mit jedem Augenblick mulmiger zumute. Im Grunde hatte sie nicht angenommen, dass Khan Bassam es mit dieser Entführung soweit schaffen würde, ohne aufgehalten zu werden. Nun allein mit ihm durch die Wildnis zu reiten, war beängstigender, als ihr lieb war.

Dass der Wüstenkönig den Pfad, der am Goldfluss entlang führte, plötzlich verließ und die Pferde durch die Felsen gen Norden klettern ließ, trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Bisher waren sie leicht zu verfolgen gewesen, doch Steppe und Wüste waren seine Gefilde. Hier war er im Vorteil, und ihre Spur würde sich verlieren. Dinah schaute panisch zurück zur Stadt, doch weit und breit war niemand zu sehen. Keiner kam, um sie zu retten.

Als die Pferde den kurzen, beschwerlichen Aufstieg geschafft hatten, konnte Dinah die Dünen der Wüste sehen. Wellen aus rotem Sand küssten den blauen Himmel am Horizont. Unter anderen Umständen wäre sie wohl von der Schönheit des Augenblicks geblendet gewesen. Doch nun raubte ihr Angst statt Bewunderung den Atem.

»Die Soldaten des Palastes haben sicherlich längst die Verfolgung aufgenommen! Irgendwann müssen wir rasten, und spätestens dann werden sie uns finden!«, rief sie verzweifelt.

Prompt bremsten die Pferde ab, und Khan Bassam sah sich suchend um. Nebel waberte über den Sand. Plötzlich erbebte die Erde. Dunkler Rauch stieg auf, der aus den Poren der Wüste gekrochen kam. Ängstlich krallte Dinah sich in die Mähne ihres Pferdes. Doch die Tiere und Khan Bassam blieben vollkommen ruhig, obwohl sich der Boden vor ihnen bewegte, und etwas Großes sich aus dem Sand nach oben wühlte. Dinah traute ihren Augen kaum, als sie erkannte, dass es eine riesige Maschine war. Sie ächzte und schnaubte, knirschte und qualmte. Das war kein Nebel gewesen, es war Dampf! Monströse Metallschnecken drehten sich unaufhaltsam und schraubten den großen Stahlkörper, zu dessen beiden Seiten sie angebracht waren, aus dem Sand heraus. Schließlich war die Maschine fast vollständig aufgetaucht. Da bewegte sich die Spitze an ihrer Vorderseite. War sie eben noch nach oben gerichtet gewesen, wie die Schnauze eines Delfins, der durch die Wasseroberfläche stößt, so senkte sie sich nun ganz nach unten. Dinah schluckte schwer. Das bedeutete wohl, dass die Maschine vorhatte, irgendwann wieder abzutauchen. Inzwischen öffnete sich ein Tor. Es war gleich einer Hängebrücke von oben nach unten aufgeklappt und diente nun als Rampe, um in das Innere des Stahlkörpers zu gelangen. Die Pferde setzten sich in Bewegung und trotteten den breiten metallenen Zugang hinauf. Mit großen Augen musterte Dinah den Schneckenantrieb unter sich, als sie auf der Rampe über ihn hinwegritt.

Auf halber Höhe drehte Khan Bassam sich unvermittelt zu ihr um.

»Seht Ihr, Dinharazade, niemand wird uns finden«, sagte er. Und ein triumphierendes Lächeln umspielte seine Lippen.

Kapitel 4

Angst und Faszination lieferten sich einen erbitterten Wettstreit in Dinahs Innerem. In der gewaltigen Maschine wurden sie von Dienern empfangen, die ihnen die Zügel aus den Händen nahmen, um die Pferde zu versorgen. Vier kräftige Männer und Frauen zogen die Rampe an klirrenden Ketten wieder hoch. Sie verschloss sich hinter Dinah mit einem dumpfen Geräusch, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Energisch reckte sie das Kinn vor, um sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen.

Sie verließen den kleinen Vorraum, und Khan Bassam führte sie in ein gemütlich eingerichtetes Zimmer. Seine blanken, fensterlosen Stahlwände bildeten einen irritierenden Kontrast zu den grünen und dunkelroten Samtkissen, die kreisförmig um einen niedrigen Tisch angeordnet waren. Der war mit dem Boden verschraubt, und darauf standen eine große Schale Obst und ein Wasserkrug für sie bereit. Mehrere Öllampen verströmten warmes Licht.

Der Wüstenkönig machte eine einladende Geste in Richtung des Lagers, und Dinah trat zögerlich näher. Plötzlich erzitterte der Boden unter Dinahs Füßen, als sich die Maschine in Bewegung setzte. Wenig damenhaft plumpste sie auf eines der großen Kissen. Leider hatte der Raum keine Fenster, sodass sie den Weg des Wüstenschiffes nicht nachvollziehen konnte. Die Fahrt ins Ungewisse begann.

»Ihr braucht keine Angst zu haben, Dinharazade. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, so ist es doch eine sehr angenehme Art des Reisens«, sagte Khan Bassam, während er sich neben ihr niederließ.

Dinah ließ den Blick über die metallenen Wände gleiten. Diese Maschine war wirklich ein Meisterwerk an Ingenieurskunst. »Ist das Euer geheimnisvoller Palast? Der Palast, der nicht gefunden werden kann?«

»Ihr habt also schon ein paar Geschichten über mein Volk und mich gehört«, stellte er schmunzelnd fest. »Ihr werdet sehen, das meiste davon ist Klatsch und stammt aus Samarqander Basaren und Teestuben statt aus der Wirklichkeit.« Dann schaute er sich um, als würde auch er zum ersten Mal in solch einem Wüstenschiff sitzen. »Das hier ist nur eine Kutsche, die uns in meine Oase bringen wird«, sagte er dann.

Er schenkte ihr Wasser ein und schob ihr die Obstschale hinüber. Dinahs Blick fiel auf einen leuchtend roten Granatapfel, und sofort kamen ihr die Worte ihrer Schwester wieder in den Sinn. Schnell wandte sie den Blick ab, doch in ihrem Kopf stiegen unweigerlich Bilder auf, wie Khan Bassam die Frucht mit einem Hieb seines Säbels zerteilte und sein Gesicht darin versenkte. Ihre Wangen wurden heiß.

»Aber wie so oft liegt auch ein Funken Wahrheit in der Geschichte«, nahm er das Gespräch wieder auf. Dinah versuchte sich voll und ganz auf seine Worte zu konzentrieren, um wieder Herrin ihrer Gedanken zu werden.

»Wir leben im Verborgenen, deshalb reisen wir auch gerne unter dem Wüstensand. Ein Volk, das nicht gefunden wird, hat auch keine Angreifer zu fürchten.«

»Aber die Maschine wird doch mit Dampf betrieben, wenn ich nicht irre«, warf Dinah ein. »Verrät dieser nicht ganz genau, wo das Wüstenschiff gerade durch den Sand taucht?«

Khan Bassam lächelte sie an. »Gut beobachtet! Der Dampf ist natürlich ein Risiko. Doch oft verweht ihn der Wind zu einem weitläufigen Nebel, und selbst wenn er gesehen wird, wissen die meisten sich keinen Reim darauf zu machen. Sie fürchten rachsüchtige Wüstengeister oder flüchten, weil sie denken, der Erdboden könnte sich auftun und sie verschlucken. Niemand geht der Sache auf den Grund.«

Er beugte sich vor und streckte seine Hand zur Obstschale. Dinahs Herz setzte einen Schlag aus. Doch er griff am Granatapfel vorbei und wählte eine Dattel. Sie versuchte, sich zu entspannen. Was hatte Scheherazade ihr da nur für einen dummen Floh ins Ohr gesetzt!

Sie trank einen Schluck Wasser. Erschöpft fuhr sie sich über die geschlossenen Augen.

»Es tut mir leid, Dinharazade.« Seine Stimme klang unerwartet sanft. Überrascht sah sie ihn an. Er schaute auf die Dattel in seiner Hand und presste die Lippen zusammen, als wollten die Worte nicht herauskommen. Bisher hatte er so selbstsicher gewirkt. Hatte der Wüstenkönig etwa auch eine zarte Seite, oder war das lediglich ein Versuch, sie zu manipulieren? Womöglich wollte er sie nur in Sicherheit wiegen?

Die Fragen, die sie seit dem Verlassen des Palastgartens in ihrem Hirn hin und her gewälzt hatte, sprudelten nun aus ihr heraus. »Was soll das alles? Wollt Ihr meine Familie mit dieser Geiselnahme erpressen? Sollen sie mich freikaufen?«

Khan Bassam zog die Augenbrauen zusammen. »Geld habe ich genug«, antwortete er.

Sein gekränkter Tonfall verwirrte Dinah nur noch mehr.

»Was mir fehlt, ist eine Königin«, fuhr er fort und suchte ihren Blick.

Verständnislos starrte sie ihn an.

»Immer, wenn ich Euch sehe, muss ich daran denken, wie es wäre, Euch an meiner Seite zu haben«, sagte er leise.

Dinah schnappte ungläubig nach Luft.

»Ihr seid ja vollkommen verrückt! Denkt Ihr tatsächlich, Ihr könntet meine Liebe erzwingen, indem Ihr mich gegen meinen Willen entführt?« Mit jedem Wort schraubte sich ihre Stimme in höhere Tonlagen hinauf. Khan Bassam hob abwehrend die Hände.

»Natürlich will ich Eure Liebe nicht erzwingen! Aber hättet Ihr mein Werben denn gehört? Hättet Ihr Euch aller Vorurteile zum Trotz die Mühe gemacht, mich kennenzulernen, mich, den Barbaren aus der Wüste?« Er sah sie herausfordernd an. Seine Selbstsicherheit war zurückgekehrt.

Dinah setzte zu einer trotzigen Antwort an. Doch dann klappte sie den Mund wieder zu. Wenn sie ehrlich war, so hatte er durchaus recht. Von Anfang an hatte er ihr gefallen, doch wenn sie an die Standpauke ihrer Mutter dachte, fühlte sie sich noch immer unwohl. Vermutlich hätte sie sich wirklich durch ihre Eltern und die Stimmen, die in Samarqands Straßen allerlei Geschichten über diesen Mann flüsterten, beeinflussen lassen. Der Name Khan Bassam wurde in ihrer Heimat durchaus in Ehrfurcht ausgesprochen. Doch diese Ehrfurcht war nicht aus Respekt geboren, sondern aus Angst. Ihre Eltern hätten es niemals akzeptiert, dass ihr ein Mann den Hof machte, von dem man sich erzählte, dass er seinen Feinden die Köpfe abschlug und sie den Wüstengeistern als Opfergabe darbrachte. Sie mochte es sich kaum eingestehen, doch was er sagte, war nicht so absurd, wie es im ersten Moment klang.

Khan Bassam lehnte sich seufzend zurück. Mit ihrem Schweigen hatte sie seine Befürchtungen bestätigt und ihm indirekt recht gegeben. Eine Zeit lang sagte niemand etwas. Dinah lauschte dem Stöhnen der gigantischen Maschine, in deren Inneren sie sich befanden, und dachte angestrengt über diese wahnwitzige Situation nach. Durch sein Geständnis hatte Khan Bassam etwas von seiner Bedrohlichkeit verloren, wenngleich er nach wie vor einen respekteinflößenden Eindruck auf Dinah machte.

Auch ein Funken Wut war aufgeflammt in dem Sammelsurium aus Emotionen, das in ihrer Brust rotierte. Mochten seine Absichten auch nicht die Schlechtesten sein, so war er doch gewaltsam in den Palastgarten eingedrungen, hatte ihre Schwester und den kleinen Zayriddin bedroht und sie entführt.

Ihre Gefühle und Gedanken beschäftigten sie so sehr, dass sie nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verging. Erst als das Zittern und Ächzen um sie herum abebbte, wurde ihr klar, dass sie eine ganze Weile unterwegs gewesen waren.

»Wo sind wir?«, fragte sie.

»Am Palast, der nicht gefunden werden kann.« Er erhob sich und reichte ihr die Hand. Dinah ignorierte sein Angebot, ihr aufzuhelfen, mit trotzigem Blick. Wenn er dachte, sie würde ihm nach einem kleinen emotionalen Plausch gleich alles andere nachsehen, so hatte er sich gründlich getäuscht. Im Augenwinkel meinte sie, ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. Dinah fühlte sich provoziert, doch sie versuchte, das zu ignorieren. Dieser Mann war wirklich anders als die Männer ihrer Heimatstadt. Zumindest in diesem Punkt hatten die Samarqander Flüsterstimmen nicht übertrieben.

Sie gingen in den Vorraum zurück, in dem ihnen beim Beginn ihrer Reise die Pferde abgenommen worden waren. Von den Tieren sah sie keine Spur, doch die Männer und Frauen, die für das mächtige Stahltor zuständig waren, hatten bereits Stellung bezogen. Die Ketten klirrten, und die Rampe setzte sich knirschend in Bewegung. Der Spalt, der bislang nur einen Streifen des Himmels zeigte, wurde mit quälender Langsamkeit breiter. Dinah stellte sich gespannt auf die Zehenspitzen, um so bald wie möglich einen Blick auf ihren Zielort zu erhaschen. Was würde sie jetzt wohl erwarten?

Kapitel 5

Das Tor des Wüstenschiffes gab den Blick frei auf eine blühende und betriebsame Oase, die durch die tiefstehende Sonne in goldenes Licht getaucht wurde.

»Willkommen in Morwaride Kawir.« Khan Bassams Stimme klang warm wie die Abendsonne. Er schien diesen Ort zu lieben. Und Dinah konnte das auf den ersten Blick durchaus verstehen. Als das Ende der großen Metallrampe auf dem Wüstensand auftraf, gingen sie darauf hinunter, und Dinahs Blick wurde eingefangen von einer Allee aus zartblühenden Tamarisken, die den Weg zur Oase säumten.

Soweit Dinah sehen konnte, bestand der Ort überwiegend aus großen Gärten. Neben den verschiedensten Früchten, die dort angebaut wurden, entdeckte Dinah auch geheimnisvolle, runde Spiegel, die das Licht der Abendsonne reflektierten. Sie erkannte Dattelpalmen in der Ferne, allerlei Gemüsesorten und einen duftenden Garten mit Zitronen- und Orangenbäumen. In seiner Mitte befand sich ein Lager aus großen Kissen in leuchtenden Farben, die unter einem sonnengelben Stoffsegel zum Verweilen einluden.

Dinah hatte die Wüste immer für karg und unwirtlich gehalten. Eine solch lebendige Pracht inmitten endloser Sanddünen raubte ihr den Atem. Beeindruckt schaute sie sich weiter um. Hinter einem weitläufigen Garten, in dem Paprika und Auberginen leuchteten, zog das Klirren von Säbeln ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die fließenden Bewegungen der Krieger und Kriegerinnen, die dort gerade trainierten, glichen mehr einem Tanz als einem Kampf.

Schließlich erreichten sie eine Gruppe üppig tragender Mandelbäume. Den Mittelpunkt dieser Idylle bildete ebenfalls ein Kissenlager. Doch im Gegensatz zu dem im Garten der Zitrusfrüchte, war es in Rosé- und Erdtönen gehalten. Ein niedriger dunkler Holztisch stand reich gedeckt bereit. Aus dem Rohr eines silbernen Samowars stieg dichter Rauch auf, und Dinah musste sofort an ihren Freund Abdi und seinen wunderbaren Chai denken. Das Heimweh drohte nach ihrem Herz zu greifen, doch da stiegen ihr die Düfte der Speisen in die Nase. Sie erinnerten Dinah daran, wie hungrig sie war und verdrängten augenblicklich jeden anderen Gedanken.

Khan Bassam bat sie, sich zu setzen, und ein Diener eilte herbei, um den Tee zuzubereiten. Der Chai schmeckte dafür, dass nicht Abdi ihn gekocht hatte, ganz wunderbar. Eine weitere Bedienstete brachte frisch gebackenes, duftendes Fladenbrot, und Dinah musste sich beherrschen, es ihr nicht aus der Hand zu reißen. Verschiedene Mezze warteten in farbenfrohen Schälchen darauf, gekostet zu werden. Schon bald warf Dinah jegliche damenhafte Zurückhaltung über Bord und griff beherzt zu. Es tat gut, sich auf etwas so Natürliches wie Essen zu konzentrieren. Der reich gedeckte Tisch ließ Dinah sich eher fühlen wie einen Gast als eine Gefangene. Sie war sich sicher, dass das durchaus Khan Bassams Absicht war. Doch hieß das wirklich, dass sie nichts von ihm zu befürchten hatte, oder war dieses Abendessen nur ein Täuschungsmanöver, um sie in Sicherheit zu wiegen?

Khan Bassam redete kaum. Beinahe wirkte er schüchtern, doch da das überhaupt nicht zu seinem bisherigen Auftreten passte, verwarf Dinah diesen Gedanken sofort wieder. Erst als der Chai durch einen kräftigen Rotwein abgelöst wurde, fand Khan seine Sprache wieder. Er prostete ihr über den Tisch hinweg zu.

»Ich trinke darauf, dass du in den nächsten Tagen erkennen wirst, was die Wüste dir alles zu bieten hat!«

Dinah zögerte, doch schließlich erhob auch sie ihr Glas.

»Ich bin gespannt!«, hörte sie sich sagen und fand, dass es ein bisschen zu keck klang. Der Rotwein war voll und schwer, und die letzten Sonnenstrahlen verfingen sich in ihm und ließen ihn leuchten, als würden flüssige Rubine durch das Glas schweben.

»Und was ist, wenn ihr mich nicht überzeugen könnt, deine Oase und du?« Dinah biss sich auf die Unterlippe. Hatte sie sich mit dieser Frage zu weit vorgewagt, und war sie überhaupt bereit für die Antwort?

»Dann werde ich dich zurückbringen, auch wenn es mir das Herz bricht.«

Sie sahen sich über den Tisch hinweg an. Sein Blick war intensiv und ernst. Dinah suchte in seinem Gesicht nach einem Hinweis, ob er tatsächlich die Wahrheit sagte, doch seine Miene verriet nichts.

Erneut eilten Diener herbei und brachten eine große silberne Platte mit gebratenen Rebhühnern, die auf einem Bett aus Couscous, Feigen und Granatapfelkernen lagen. Das gute Essen, der vollmundige Wein und der gemütliche Schein der Laternen, die um sie herum in den Mandelbäumen hingen, streichelten Dinahs Sinne. Auch ihr anfängliches Schweigen hatte sich schnell in ein angeregtes Gespräch verwandelt. Sie unterhielten sich erstaunlich gut, was sie angesichts der ungewöhnlichen Umstände nicht für möglich gehalten hätte.

Als die Kühle der Nacht langsam begann, durch Morwaride Kawir zu kriechen, kam eine Dienerin und reichte Dinah eine Decke. Wohlig kuschelte sie sich hinein. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war Khans Lachen und der endlose Sternenhimmel über ihr. Dann musste sie wohl eingeschlafen sein.

Doch als sie die Augen wieder aufschlug, war sie nicht mehr inmitten der Mandelbäume. Stattdessen lag sie in einem Himmelbett mit gedrechselten Säulen aus dunklem Holz. Die weißen Stoffbahnen, die über ihr zu sanften Bögen gerafft waren, erinnerten Dinah entfernt an die Wolken eines Herbsttages. Zu allen Seiten des Bettes hing derselbe luftige Stoff als Vorhang. Zwar war das Himmelbett wunderschön, doch steigerte es Dinahs Verwirrung noch, da sie nicht wusste, was sich dahinter verbarg. Verdutzt richtete sie sich auf und schob einen der Vorhangschals beiseite.

Das Zimmer war mit Möbeln aus dunklem Holz und gemusterten Teppichen gemütlich eingerichtet. Lediglich seine metallenen Wände irritierten Dinah. Statt Fenstern gab es große, farbenfrohe Gemälde von blühenden Landschaften, und eine kreisrunde, verglaste Öffnung an der Decke, durch die jedoch kein Himmel zu sehen war, spendete Licht.

Dinah schlug die Bettdecke zurück und bemerkte beruhigt, dass sie noch immer ihr Kleid vom Vortag trug.

Sie nahm sich einige Minuten, um das Zimmer zu erkunden, entdeckte ein kleines Regal mit einer interessanten Auswahl an Büchern und einen Schrank mit verschiedenen Kleidern in ihrer Größe. Nachdem sie sich an einer großen, silbernen Waschschüssel erfrischt hatte, schlüpfte sie in ein leichtes, zartgrünes Seidenkleid und ging zur Tür. Für einen kurzen Moment fürchtete sie, es sei abgeschlossen, doch als sie vorsichtig die Klinke nach unten drückte, öffnete die Tür sich lautlos. Neugierig spähte Dinah hinaus.

Sie gelangte in einen schmalen Korridor. Auch hier waren alle Wände aus blankem, grauem Stahl. Der Gang verlor sich in beide Richtungen in einer Kurve, so dass Dinah sich hinauswagen musste, um die Gegend weiter zu erkunden. Zögerlich lief sie den Korridor entlang. Er bildete einen Kreis und endete in beiden Richtungen schließlich an einer Rampe. Sie ähnelte stark der des Wüstenschiffs, das sie in die Oase gebracht hatte. Dinah lief die Rampe entlang und landete in einer riesigen Höhle. Fasziniert schaute sie sich um. Das Zentrum der Höhle bildete ein großer See, der in verschiedenen Blau- und Grüntönen schimmerte und von innen heraus leuchtete. Ein felsiger Pfad verlief am Ufer entlang, von dem in regelmäßigen Abständen solche Metallrampen abzweigten wie die, die sie eben hierhergeführt hatte.

»Guten Morgen! Ihr müsst Dinharazade sein. Willkommen in Morwaride Kawir.«

Sie fuhr erschrocken herum und blickte in Augen, die denen von Khan Bassam glichen. Trotz des spärlichen Lichts, das der See als einzige Lichtquelle in der riesigen Höhle verströmte, erkannte sie die Ähnlichkeit sofort. Doch die Züge des Mannes waren jungenhafter als die des Wüstenkönigs. Dinah schätzte ihn ein paar Jahre jünger als sie selbst. Außerdem waren seine Wangen glattrasiert, und sein Haar trug er ganz kurz.

»Und Ihr seid Khan Bassams Bruder?«

Er lachte. »Das kann ich wohl nicht leugnen. Ich weiß, man sieht die Ähnlichkeit sofort.«

Seine offene Art gefiel ihr.

»Ihr hättet es schlimmer treffen können«, sagte sie schmunzelnd.

»Mein Name ist Hakim.« Er streckte ihr beide Hände entgegen. Verdutzt runzelte Dinah die Stirn und legte etwas unbeholfen ihre Hände auf seine. Hakim lachte auf, und Dinah kam sich dumm vor.

»Ihr kennt unseren Gruß noch nicht, wie ich sehe. Schaut her, ich zeige ihn Euch.« Er streckte ihr erneut die Hände mit den Handrücken nach oben entgegen. Dann drehte er sie um, so dass die Innenflächen sichtbar wurden.

»Wenn wir jemanden kennenlernen oder nach längerer Zeit wiedertreffen, lassen wir einander unsere Hände sehen. Dann weiß der andere, dass wir keine Waffe, kein Gift oder sonst irgendetwas halten, was ihm schaden könnte. So zeigen wir, dass wir einander friedlich gesinnt sind.«

Dinah wiederholte die Bewegung, und Hakim lächelte zufrieden.

»Was ist das hier?«, fragte sie und deutete auf den geheimnisvollen See. Dabei drehte sie sich mit ausgebreiteten Armen einmal um die eigene Achse, als wolle sie die gesamte Höhle umarmen.

»Das ist das Herz von Morawide Kawir«, sagte Hakim mit ernster Miene. »Dieser See wird von zwei unterirdischen Flüssen gespeist und versorgt unsere ganze Oase mit Leben.« Das war also das Geheimnis, das hinter dieser fruchtbaren Fülle inmitten der roten Sanddünen steckte.

Neugierig tasten Dinahs Augen die Höhlenwände ab, doch das Wasser mit seinem grünen und bläulichen Schimmern schien wirklich die einzige Lichtquelle zu sein.

»Wie habt ihr das gemacht, dass der See so leuchtet?«

Hakims Stimme wurde zu einem geheimnisvollen Flüstern: »Diese Höhle ist nicht nur das Herz unserer Oase, sie ist auch ihr größtes Mysterium.«

Er führte Dinah zu einer Stelle, an der ein Felsvorsprung über die Wasseroberfläche hinausragte. Dort legte er sich flach auf den Bauch und spähte in den See. Dinah sah skeptisch an ihrem feinen Seidenkleid hinunter. Doch schon nach kurzem Zögern siegte ihre Neugierde, und sie krabbelte auf allen vieren neben Hakim. Der Stein war klamm und kühl, trotzdem tat sie es ihm gleich und legte sich auf den Bauch, um besser ins Wasser sehen zu können. Sie streckten ihre Köpfe über den Vorsprung, sodass ihre Gesichter direkt über der Oberfläche des Sees waren. Nun erkannte Dinah, dass der ominöse Leuchtstoff nicht gleichmäßig im Wasser verteilt war. Vielmehr schwammen dort zahlreiche Lichtpunkte, die mal ruhig dahintrieben, mal flatterhaft herumwirbelten. Angestrengt kniff Dinah die Augen zusammen. Zuerst meinte sie, kleine Fische zu erkennen, doch plötzlich blickte sie in ein menschlich anmutendes Gesichtchen.

»Das ist doch nicht möglich!«, raunte sie ungläubig.

Durch das Wasser schwammen tatsächlich kleine Wesen, deren obere Körperhälfte der eines Menschenkindes ähnelte, während das Unterteil aus einer schillernd geschuppten Flosse bestand. Und jedes einzelne dieser Wesen strahlte ein sternengleiches Leuchten aus.

»Die Wassergeister leben schon immer in dieser Höhle. Sie waren schon vor uns hier, und wir sind sehr froh, dass sie uns als ihre Nachbarn dulden. Also, seid freundlich zu ihnen«, sagte Hakim. Er lag direkt neben ihr, und doch drangen seine Worte wie aus der Ferne an ihr Ohr. Zu sehr waren all ihre Sinne auf diese faszinierenden, kleinen Geschöpfe konzentriert, von deren Existenz Dinah vor wenigen Minuten noch nichts geahnt hatte.

»Unglaublich«, flüsterte sie. Eine ganze Weile noch blieben sie auf dem nackten Fels liegen und beobachteten das Wasser und die kleinen Wesen, die sich geheimnisvollerweise darin tummelten. Dann wurde Hakim allmählich unruhig. Sein Zappeln riss Dinah aus ihren Gedanken.

»Wie wäre es mit Frühstück?«, fragte er sie unvermittelt. Dinah hätte diese wunderbaren Geschöpfe gerne noch weiter beobachtet. Außerdem war sie noch satt von dem opulenten Mahl am Vorabend. Doch da nirgends eine Spur von Khan Bassam zu entdecken war, nahm sie das Angebot dankend an. Schließlich hatte sie keine Lust, hier allein und verloren herumzuirren.

Kapitel 6

Dinah und Hakim gingen den schmalen Pfad am See entlang. Sie erreichten eine große Treppe, die nach oben ins Freie führte. Sonnenstrahlen drangen durch den Höhleneingang herein. Neben den breiten in Stein gehauenen Stufen verlief ein dickes Rohr, dessen Oberseite offen war und den Blick freigab auf eine sich beständig drehende Metallschnecke. Sie glänzte nass im Licht der eindringenden Sonnenstrahlen. Die Schneckenkonstruktion beförderte Wasser aus dem See nach oben.

Dinah hatte erwartet, am oberen Ende Wasserbüffel oder Arbeiter anzutreffen, die den Mechanismus in Bewegung hielten. Doch der Platz vor der Höhle war leer, und nur der angebrochene Tag wartete auf sie. Das Wasser schien wie von Geisterhand nach oben gekurbelt zu werden, um sich dort über diverse Leitungen auf den Weg in die Gärten und Plantagen zu machen. Interessiert betrachtete Dinah die Rohre, die in verschiedene Richtungen davonstrebten.

»Wie pumpt ihr denn das Wasser herauf?« Die Neugierde in ihrer Stimme war unüberhörbar, doch Hakim winkte ab.

»Das soll Khan Euch zeigen. Er hat jahrelang daran getüftelt, bis es endlich so reibungslos funktionierte wie jetzt.«

Khan Bassam hatte dieses Bewässerungssystem gebaut? Dinah konnte ihn sich im Kampf vorstellen und auch in Verhandlungen mit anderen Würdenträgern. Doch mit Werkzeug und Plänen hantierend hatte sie ihn bisher nicht gesehen. Der Wüstenkönig hatte wohl noch so manche Überraschung parat.

»Wo ist er denn überhaupt? Erst entführt er mich, und dann lässt er sich schon am nächsten Tag nicht mehr blicken!«, sagte sie spöttisch.

Hakim lachte verschmitzt. »Vermisst Ihr ihn etwa?«

Dinah fühlte sich ertappt, und ihre Wangen wurden heiß. Sie tat, als würde die Sonne sie blenden, um ihr Gesicht mit der Hand abzuschirmen. »Ganz und gar nicht!«, rief sie eine Spur zu schnippisch, was Hakim jedoch überging.

»Um diese Zeit trainiert er meist. Also, was wollt Ihr nun, Khan bewundern oder frühstücken?«, fragte er nach.

Dinah schnappte nach Luft, doch Hakims Lächeln nahm ihr den Wind aus den Segeln. Er war eindeutig Khan Bassams Bruder und das nicht nur äußerlich.

Zusammen streiften sie durch die Gärten und sammelten verschiedene Früchte in einem Korb. Dabei fielen Dinah wieder die großen Parabolspiegel auf, die in ganz Morwaride Kawir verteilt waren. Sie waren aus poliertem Messing. Neben den Wüstenschiffen ein weiteres Zeichen dafür, wie reich diese Oase sein musste, auch wenn sie ohne Pomp und Glitzer auskam. Irgendwie hingen diese runden, gekrümmten Spiegel wohl mit dem Bewässerungssystem zusammen. Dinah beobachtete interessiert, wie mehrere Morwarider die Spiegel in einem der Gärten zur Sonne hin ausrichteten. Hoffentlich würde Khan bald auftauchen und ihr alles erklären. Sie platzte förmlich vor Neugierde.

Hakim und Dinah ließen sich auf einem grünen Kissenlager nieder, dessen passendes Stoffsegel zwischen Dattelpalmen aufgespannt war. Hakim zog ein Messer, das an seinem Gürtel hing, und schnitt das Obst auf.

»Ach, da kommt er ja schon«, bemerkte er, als er kurz aufsah, und deutet mit einem Kopfnicken an Dinah vorbei. Khan Bassam schritt durch die Dattelpalmen auf sie zu. Er trug lediglich eine schwarze Leinenhose am Leib und einen Kampfstock in den Händen. Schweiß glänzte auf seinem nackten Oberkörper.

»Da sind ja meine beiden Lieblingsmenschen«, rief er fröhlich. »Das scheint ein guter Tag zu werden!«

Dinah fragte sich, ob er sich bewusst so gut gelaunt gab, oder ob er den Gedanken, dass er sie entführt hatte, wirklich bereits beiseitegeschoben hatte. Sie begrüßte ihn knapp und konzentrierte sich auf das Stück Wassermelone in ihren Händen aus Angst, ihr Blick könnte an Khans verschwitztem Oberkörper kleben bleiben. Er ließ sich neben seinem Bruder auf die Kissen fallen und stibitzte sich ein paar Stücke der Orange, die dieser gerade geschält hatte.

»Dinharazade interessiert sich für unsere Bewässerungsanlage«, sagte Hakim.

Erfreut richtete Khan sich auf. »Ich kann dir gerne gleich alles zeigen, wenn du möchtest.«

»Ja, das wäre schön«, gab Dinah zu und riskierte einen Blick in seine Richtung. »Aber vielleicht solltest du dir erst etwas anziehen.«

Sofort sprang Khan Bassam auf. »Ja, du gestattest mir sicher ein paar Minuten für eine Dusche.« Dann hielt er inne. »Möchtest du vielleicht auch duschen oder baden? Ich habe dir ja noch gar nicht gezeigt, wo die Zuber sind.« Schuldbewusst sah er sie an.

Dinah winkte ab und konzentrierte sich weiter auf ihr Melonenstück. Er dachte doch wohl hoffentlich nicht, sie würde mit ihm zusammen ins Bad steigen, oder? Das Wüstenvolk stand wahrscheinlich nicht umsonst im Ruf, roh und freizügig zu sein.

»Ich würde mir heute Abend gerne den Staub des Tages abwaschen«, gab sie zu.

Khan Bassam nickte. Er schien von ihren Bedenken nichts zu ahnen und ging gut gelaunt davon.

Dinah und Hakim räumten die Reste ihres Frühstücks in den Korb zurück und plauderten noch eine ganze Weile, bis Khan wieder auftauchte. Diesmal war sein Haar nass und er vollständig bekleidet. Seine gute Laune jedoch war unverändert.

»Bereit für eine kleine Erkundungstour durch Morwaride Kawir?« Er deutete eine Verbeugung an und streckte die Hand aus, um Dinah aufzuhelfen. In Schah Rayârs Palastgarten und auch im Wüstenschiff hatte sie seine Hand ausgeschlagen. Nun ergriff sie sie, und Khan zog sie schwungvoll auf.

»Hinter diesen Gärten liegt die Tamariskenallee, die zu unseren Wüstenschiffen führt.« Er deutete auf die Obst- und Mandelbäume hinter Dinah. »Dort geht es zum Kampfplatz und dem Handwerkerviertel, und da drüben hinter dem Höhleneingang befinden sich die Stallungen«, gab er ihr einen groben Überblick über die Oase. Dann brachen sie auf. Khan Bassam genoss es sichtlich, mit ihr durch Morwaride Kawir zu schlendern. Er lächelte viel und machte sie auf duftende, weiße Blüten und reife Pfirsiche aufmerksam. Im Garten der Zitrusfrüchte trafen sie auf einen Diener, der dabei war, Saft zu pressen, und nahmen eine Erfrischung.

Bald stießen sie auf einen der Parabolspiegel, die Dinah aufgefallen waren. Khan Bassam bestätigte nun ihre Vermutung, dass sie mit der Verteilung des Wassers aus dem unterirdischen See zu tun hatten. Stolz und Enthusiasmus schwangen in seiner Stimme mit, als er anfing, ihr das System zu erklären.

»Dieser große, runde Spiegel hier fängt die Wärme der Sonne auf und bündelt sie in diesem gewendelten Rohr, das sie nach hinten leitet.« Er nahm ihre Hand, führte Dinah um die gekrümmte Fläche herum und deutet auf die Apparatur an der Spiegelunterseite. Khan ging in die Hocke, um ihr die Funktionsweise besser zeigen zu können, und Dinah folgte neugierig seinem Beispiel.

»Durch die gebündelte Wärme der Sonne dehnt sich das Gas in dieser Kammer hier aus.« Seine Worte und der Anblick des Rädchens, das sich im Schatten des Spiegels beständig drehte, riefen Erinnerungen an ihren letzten Besuch bei Abdi in ihr wach.

»Ich weiß,« murmelte sie nachdenklich. »Das ist ein Motor.« Sie ließ ihren Finger zum Schwungrad wandern und erklärte dessen Bewegung durch das Wechselspiel von Verdichtung und Ausdehnung des Gases in den beiden Kammern. Khan schaute sie so verblüfft an, als würde er sie zum ersten Mal betrachten.

»Hätte ich dich doch früher gefunden. Du hättest mir einige Fehlschläge mit diesem Bewässerungssystem erspart.«

Khan berichtete selbstironisch von verschiedenen Möglichkeiten, die er für die Wasserversorgung von Morwaride Kawir ausprobiert hatte. Alle hatten sie ihre Tücken bewiesen.

»Die Dampfmaschine, mit der ich versucht habe, eine Pumpe zu betreiben, hat mehr Wasser verbraucht als gefördert!«, rief er lachend. Gut gelaunt spazierten sie weiter und diskutierten die verschiedenen technischen Ansätze.

Gegen Mittag kehrten sie bei einer jungen Frau ein, die sich als Leila vorstellte, und die Ziegenhirtin der Oase war. Sie musste etwa in Hakims Alter sein. Und in dem Moment, als Dinah an ihn dachte, tauchte er auf, um mit ihnen zu essen. Leila hatte sich das braune Haar mit einem Tuch zurückgebunden und zum Zopf geflochten. Ihr langer Rock hatte ein verspieltes Muster, das an ein Gewusel aus in sich verschlungener Eidechsen erinnerte. Am Handgelenk trug sie ein Lederband als einziges Schmuckstück. Dinah wunderte sich selbst, wie sehr ihr das Fehlen von Schmuck auffiel, doch so schlicht wäre Leila in Samarqand eine echte Ausnahme gewesen. Insgeheim beneidete sie Leila darum. Sie selbst hatte schon zahlreiche Kämpfe mit ihrer Mutter ausgefochten, weil sie sich nicht behängen wollte wie eine der Schaubuden, die zum Kamelrennen in Samarqand aufgestellt wurden, um den Besuchern glänzende und glitzernde Andenken zu verkaufen. Seit sie in Morwaride Kawir war, lagen ihre Armreifen, die zu Hause bei jeder Bewegung klapperten, auf dem Nachtkästchen. Nur ihren zierlichen, goldenen Nasenring hatte sie anbehalten.

Leila bewohnte eine der wenigen Hütten der Oase. Sie grenzte direkt an den Ziegenstall. An den Wänden hingen Pflanzenbüschel zum Trocknen.

So einfach Leilas Zuhause war, so heimelig war es auch. Vielleicht lag dies aber auch an der Atmosphäre, die Khan, Hakim und sie zusammen verbreiteten. Fast hatte Dinah das Gefühl, mit Freunden in der rustikalen Sitzecke zusammenzusitzen, als sie gemeinsam einen Imbiss aus Fladenbrot, Käse und buntem Salat zu sich nahmen. Die Brüder kabbelten sich, und Leila erzählte, dass am Vorabend ein neues Zicklein geboren worden war. Hakim und Leila verabschiedeten sich nach dem Essen sofort, um das Neugeborene zu begutachten.

»Kannst du dir inzwischen schon ein bisschen besser vorstellen, diesen Ort und mich zu deiner neuen Heimat zu machen?«, fragte Khan sie, als die beiden sie verlassen hatten. Dinah fühlte sich durch die plötzliche und direkte Frage überrumpelt. Diplomatie schien eine seiner wenigen Schwächen zu sein.

Nach einigem Zögern sagte sie: »Weißt du, was mich an dieser ganzen Situation am meisten stört?«

Überrascht zog Khan die Augenbrauen nach oben und schüttelte den Kopf. Mit dieser Gegenfrage hatte er anscheinend nicht gerechnet. Sie holte tief Luft, bevor die Worte, die sie schon seit längerem belasteten, aus ihr heraussprudelten.

»Jeder sieht mich nur als Braut oder gute Partie! Dabei bin ich aber doch mehr und könnte noch viel mehr sein. Ich möchte Erfinderin sein oder Abenteuerin. Ich möchte etwas erleben und die Welt entdecken!«

Er nickte nachdenklich. »Ich lege dir lediglich mein Herz zu Füßen und hoffe, dass du es irgendwann aufhebst. Aber sein kannst du, was immer du willst.« Khan zuckte mit den Schultern und wirkte auf einmal etwas überfordert.

Dinah knetete ihren kleinen Finger bis er schmerzte. Sie hatte da durchaus eine Idee, was Khan ihr außer seinem Herz noch geben konnte, doch konnte sie wirklich danach fragen? Sie schob ihre Bedenken beiseite. Wenn sie diese Gelegenheit verstreichen ließ, würde sie vielleicht lange nicht mehr dazu kommen, ihn um diesen Gefallen zu bitten.

»Ich habe gesehen, dass in deinem Volk auch Frauen an der Waffe trainieren«, sagte sie zögerlich.

Der Wüstenkönig runzelte die Stirn. Es war offensichtlich, dass er keine Ahnung hatte, worauf sie hinauswollte.

»Wenn du das ernst meinst, dann lass mich eine Kriegerin sein. Zu Hause hätte ich niemals die Chance, einen Säbel oder Stock zu schwingen und das Kämpfen zu lernen.«

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Ohne ein weiteres Wort stand er auf, ergriff ihre Hand und zog sie aus Leilas Hütte hinaus.

Dinah sah sich nach ihr um. Sie wollte sich bei Leila für das Essen bedanken. Doch sie entdeckte weder die Ziegenhirtin noch Hakim irgendwo. Außerdem hielt Khan noch immer ihre Hand fest und führte sie mit schnellen Schritten weiter.

»Was ist los?«, fragte Dinah.

Khan lächelte sie an. »Ist das nicht offensichtlich?«

Dinah runzelte die Stirn und tappte mit fragendem Gesicht hinter ihm her.

Sie durchquerten verschiedene Gärten, und erst als er sie zielstrebig an den Paprika- und Auberginenpflanzen vorbeiführte, dämmerte Dinah endlich, wohin er sie brachte. Denn hinter dem Gemüsegarten befand sich ein Platz, auf dem nichts war außer Sand und ein paar Holzbänke, die ihn an den Seiten begrenzten. Hier wurden keine Pflanzen, sondern Krieger herangezogen. Einige von ihnen tummelten sich gerade dort und trainierten paarweise mit verschiedenen Waffen. Säbel klirrten, zwei Frauen kugelten ineinander verkeilt über den Boden, und ein drahtiger Kerl fluchte lautstark, als er mittels eines langen Kampfstocks ausgehebelt wurde.

Nervosität stieg in Dinah auf wie Sodbrennen. Würde sie wirklich kämpfen? Konnte sie das überhaupt? Sie schluckte. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass Khan ihre Bitte sofort erfüllen würde. Ihre Blicke folgten den Trainierenden. Sie bewegten sich mit einer Anmut, die Dinah nicht einmal beim Tanzen hinbekam. Sie straffte sich, Khan sollte ihre Zweifel nicht bemerken. Schließlich wollte sie auf keinen Fall, dass er sie für einen Feigling hielt. Sie hatte eine kühne Forderung gestellt, nun würde sie ihren Teil nicht schuldig bleiben, wo er seinen so prompt erfüllte.

Khan rief einen großen, bärtigen Mann zu sich. Sein langes, schwarzes Haar war im Nacken zu einem Zopf geflochten, der ihm bis zum Gürtel reichte. Das Training hatte bereits einige Strähnen daraus befreit. Er unterbrach seinen Kampf und trottete mit schweren Schritten heran.

»Massud, ich habe eine neue Schülerin für dich!«

Der Angesprochene sah Dinah skeptisch an, sagte jedoch nichts. Eine seiner buschigen Brauen wanderte nach oben, während sein unwilliger Blick an ihrem Seidenkleid hängenblieb. Ein Seufzen entglitt ihm, während er mit einer seiner Pranken nachdenklich über sein bärtiges Kinn strich.

Dinah fühlte sich während dieser Musterung äußerst unwohl. Unbeholfen trat sie von einem Fuß auf den anderen.

Khan lachte laut auf. Massuds Reaktion schien ihn ehrlich zu amüsieren. »Du brauchst sie nicht zu schonen, mein Freund. Sie will wirklich lernen. Stell dir einfach vor, sie sähe aus wie du selbst.« Er klopfte Massud aufmunternd auf die breite Schulter, zwinkerte Dinah zu und schlenderte dann einfach davon.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2024
Объем:
230 стр.
ISBN:
9783958694736
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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