Читать книгу: «Female Sounds & Words»

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Inhaltsverzeichnis

Female Sounds & Words

Rhythm King And Her Friends: »I Am Disco«

The 5.6.7.8’s: »Bomb The Rocks«

Sleater-Kinney: »The Woods«

Goldfrapp: »Supernature«

Britta: »Das schöne Leben«

Tori Amos: »American Doll Posse«

Holly Golightly & The Brokeoffs: »You Can’t Buy A Gun When You’re Crying«

Tracey Thorn: »Out Of The Woods«

Leila: »Blood, Looms & Blooms«

Soap & Skin: »Lovetune For Vacuum«

Peaches: »I Feel Cream«

Anika: »Dito«

Die tanzende Superheldin: No More Nice Girl

Beth Ditto: »EP«

ThEESatisfaction: »Awe Naturale«

Laurel Halo: »Quarantine«

Gazelle Twin: »The Entire City«

Anita: »Hippocamping«

Gemma Ray: »Down Baby Down«

Dum Dum Girls: »Too True«

Peggy Sue: »Choir Of Echoes«

Cold Specks: »Neuroplasticity«

Balbina: »Über das Grübeln«

M.I.A.: »AIM«

Blondie: »Pollinator«

Girlpool: »Powerplant«

Lydia Lunch & Cypress Grove: »Under The Covers«

Julien Baker: »Turn Out The Lights«

Stella Donnelly

Fever Ray: »Plunge«

U.S. Girls in Paris

Joan As Police Woman: »Damned Devotion«

Porträt Björk

Kerosin95

Goat Girl – dito

Snail Mail

Public Practice: »Distance Is A Mirror«

Gaye Su Akyol: »Istikrarlı Hayal Hakikattir«

Neneh Cherry: »Broken Politics«

Gudrun Gut: »Moment«

Aldous Harding: »Designer«

Ebow: »K4L«

Madonna: »Madame X«

Ilgen-Nur: »Power Nap«

Bat For Lashes: »Lost Girls«

Kim Gordon: »No Home Record«

Squirrel Flower: »I Was Born Swimming«

Shirley Holmes: »Die Krone der Erschöpfung«

Jessy Lanza: »All The Time«

Die Hand am Regler

Stella Sommer: »Northern Dancer«

Liraz: »Zan«

Kylie: »Disco«

Arlo Parks: »Collapsed In Sunbeams«

Jane Weaver: »Flock«

Erstveröffentlichungshinweis

Dank / Die Autorin


Christina Mohr

Female Sounds & Words

Von Riot Grrrls und Discodiven


Die edition kopfkiosk wird gestaltet und herausgegeben von Andreas Reiffer | Bd. 05

Lektorat: Angelika Hefner

1. Auflage 2021 © Verlag Andreas Reiffer

ISBN 978-3-945715-97-0

Dieses E-Book ist identisch mit der Print-Version

Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine

www.verlag-reiffer.de

Da ist der Traum, da die Fabrik,

Der Stoff den wir brauchen, das ist die Mädchenmusik

Brockdorff Klang Labor mit Jens Friebe

Fan für immer

»Das gefällt dir doch gar nicht – du hörst das nur, weil du auf L. stehst!« Ich war empört: Dass Mitschülerin B. mir unterstellte, ich würde die Dead-Kennedys-Platte mit mir herumtragen, um die Aufmerksamkeit des besagten L. zu erschleichen, empfand ich als zutiefst ungerecht, denn es stimmte schlicht und einfach nicht. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, aus strategischen Gründen Platten zu kaufen. Platten kaufte ich, weil ich die Musik toll fand. Und wenn ich genügend Taschengeld übrig hatte, logisch. Später erkannte ich wohl, dass sich über musikalische Vorlieben (oder Abneigungen) durchaus interessante Bekanntschaften machen ließen – aber das ist eine andere Geschichte. Wir waren sehr jung, als sich eingangs erwähnte Begebenheit zutrug, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt. Gut die Hälfte dieser Lebensspanne war ich als Kind der Siebzigerjahre schon glühender Popfan: zuerst von Smokie, danach von den Teens und seit 1979 bis zum heutigen Tag Blondie-Aficionada. Dass es mit dieser Popmusik respektive »Raptschaki«, wie meine Oma zu sagen pflegte, etwas Besonderes auf sich haben musste, dämmerte mir eines Fernsehabends, wahrscheinlich lief Musikladen oder Ilja Richters Disco. Als Smokie auftraten und »Lay Back In The Arms Of Someone« spielten, weinte meine Mutter neben mir bittere Tränen. An diesem Abend wusste ich es noch nicht, doch kurze Zeit darauf ließen sich meine Eltern scheiden. Jetzt war mir klar, was für eine wichtige Rolle das richtige Lied zur richtigen Zeit (oder zur falschen, je nach Verfassung) spielen konnte.

Ich wurde hingebungsvoller Fan, klebte Zeitungsausschnitte meiner Lieblingsgruppen in Notizblöcke, sammelte Autogrammkarten und Starschnitte und wusste dank intensiver Heftchenlektüre alles über meine Bands – manchmal lange bevor ich ihre Musik gehört hatte. Als ich mit Mumps im Bett lag, besorgte mir mein Opa zur Gesundung Kate Bushs »The Kick Inside«. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in der NDW-Ära versuchte, im Elektroladen unserer Kleinstadt das Album »Wahre Arbeit – Wahrer Lohn« von den Krupps zu bestellen. Die Platte kam nie an, dafür DAFs »Alles ist gut«. Auch gut.

Meine kleine Plattensammlung zu Teeniezeiten umfasste einen bunten Stilmix von Barclay James Harvest bis zu den B-52s – alles selber ausgesucht, auch die Fehlentscheidungen. Kein pickliger Junge hatte mir heiße Tipps ins Ohr geflüstert, auch nicht, als ich per Aushang am Schwarzen Brett der Schule Pink Floyd und Genesis wieder loswerden wollte. Die passten nicht mehr in die Achtziger, befand ich und gönnte mir vom Erlös vermutlich Adam & the Ants oder Siouxsie and the Banshees. Und während meine Kommilitoninnen beim Buchmessebesuch unseres Germanistikseminars studienrelevante Nachschlagewerke bestellten, erstand ich bei obskuren Kleinverlagen Bücher über The Smiths und The Jesus and Mary Chain. Warum erzähle ich das? Weil diese prähistorischen Anekdoten der Anfang von allem sind. Weil meine Popbesessenheit nie nachgelassen hat. Im Gegenteil, sie ist ein Teil von mir. Auch im fortgeschrittenen Alter bin ich ein Fan, eine Auskennerin, ein Nerd – obwohl ich dieses Wort nicht mag, es klingt so abwertend, etwas peinlich nach einem lächerlichen Freak. Ich bin kein Freak, ich bin interessiert, ich bin begeistert: Ich will tanzen und gleichzeitig wissen, wer den Sound gebaut hat und wie. Ich will nicht das Gefühl von vorgestern zurück, sondern das von heute spüren. Ich kenne Frauen, die haben 1986 ihre letzte Platte gekauft – Wham!, »The Final« – und sich dann vernünftigeren Dingen zugewandt: Kinder, Familie, Beruf. Ich habe das nie verstanden: Niemand hört auf, Filme zu gucken und Bücher oder Zeitschriften zu lesen, nur weil man sich fortgepflanzt hat. Weshalb also interessieren sich viele Menschen (häufig Frauen) ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr für aktuelle Popmusik? Zugegeben, als Musikjournalistin bin ich in der privilegierten Situation, dass Neuerscheinungen quasi automatisch in meine analogen und digitalen Postfächer gespült werden – aber man wird ja auch anderweitig gut und einfach versorgt. Ich spüre den Zeitgeist eher in den Tracks von Jlin und Helena Hauff als in einem Cicero-Artikel, aber das ist natürlich meine ganz persönliche Sichtweise. Dennoch: Warum steht ausgerechnet um die emotionalste, direkteste und intensivste Kunstform eine gefühlt so hohe Mauer?

Oder, anders gefragt: Warum halten sich Frauen so auffallend zurück, wenn es um die Beurteilung oder auch nur um das Gutfinden von Popmusik geht? Mit Pop-Enzyklopädien männlicher Autoren lassen sich ganze Buchhandlungen füllen. Allein in den letzten Jahren erschienen Titel von Thomas Hecken, Diedrich Diederichsen, David Byrne, Karl Bruckmaier, Bob Stanley und Jens Balzer, die uns Pop von A bis Z erklärten. Die wenigen infrage kommenden Autorinnen denken sich wahrscheinlich, warum ausgerechnet von ihnen noch ein Popkompendium verfasst werden sollte. Womit sie vielleicht recht haben, aber Männer machen sich solche Gedanken ja offensichtlich nicht.

Nun muss ja nicht jede gleich ein Buch schreiben, aber (…)

An dieser Stelle blende ich meinen Artikel »Fan für immer« aus, den ich vor einigen Jahren für die Textreihe »10 nach 8« (zeit.de) geschrieben hatte. Denn natürlich ist das, was Sie in Händen halten genau das: ein Buch. Ein Buch, dessen Materialisierung mich zutiefst erstaunt und erfreut. Nie hatte ich darüber nachgedacht, meine erratischen Beiträge für die unterschiedlichsten Magazine zu sichten und zu sortieren, auf dass sie weiterer Verwendung zugeführt würden. Dass dies nun doch geschehen ist – und zwar unter der gedachten Überschrift »feministische Popkritiken« –, ist dem Anstoß von Frank Schäfer und der Realisierung durch Andreas Reiffer zu verdanken. Die ausgewählten Texte stammen aus den Jahren 2004–2021 und wurden für diesen Band behutsam korrigiert und angepasst.

Christina Mohr

Rhythm King And Her Friends: »I Am Disco«

»Alles vergendert sich, wenn du dich vergenderst« heißt ein Sinnspruch der Zeitschrift Monochrom – Rhythm King And Her Friends machen die Musik dazu.

Linda Wölfel, Pauline Boudry und Sara John kommen aus Berlin und sind die längst fällige Ergänzung zu den vielen Girl-Bands dieser Tage: drei androgyne Vorbilder einer selbstbewussten queeren Generation. Sie waren bereits im Vorprogramm so illustrer Bands wie den Goldenen Zitronen und den Chicks On Speed zu sehen, haben sich mittlerweile ihr eigenes Publikum »erarbeitet« und sind auf Frauenfesten und CSDs unterwegs. Queer Politics, Liebe zwischen Frauen, Genderdiskurs, Körpercodes, das sind die Themen, mit denen sich RKAHF in ihren Songs beschäftigen. Musikalisch bewegen sie sich auf ihrem Album »I Am Disco« locker-flockig zwischen Elektro, Punk und Pop.

»Sister« beginnt als dadaistisch-abstruse Busfahrt, bei der Lenin als Sichtschutz dient, und endet in einer Hommage an Virginia Woolf. »I don’t like your body/ You don’t like my body/ You suck me in/ You spit me out« – »Shock« ist der erste Song, den RKAHF überhaupt aufnahmen, und er ist einer der bewegendsten ihres Debütalbums »I Am Disco«. Oder »Pants«, der Hit über Transgender-Kleiderfragen: »What can I wear today?/ Choose my pants or shall I use my dress/ Everything looks queer today/ I know I need some vacation from my boyish closet.«

»Wir wollten bei Rhythm King And Her Friends etwas Neues entwickeln: Queer Politics mit elektronischer Musik verbinden«, sagen sie und treffen damit den Nagel auf den Kopf. Warum ist da vorher niemand draufgekommen?

RKAHF lieben es, mit Akzent(en) zu singen: Pauline singt französisches Englisch, Linda deutsch angehauchtes Französisch, und das alles klingt so sexy, dass man sich die Kleider vom Leib reißen möchte – seien es Minirock oder Baggypants. Dazu kommen Instrumente zum Einsatz, die man billig auf Berliner Flohmärkten kaufen kann, was dem Sound keinen Abbruch tut. Und manchmal sind auch gute alte analoge Instrumente wie Klarinette oder Glockenspiel zu hören. Dreh- und Angelpunkt des Albums ist der geniale Clubhit »Get Paid« – eine Hymne für die ausgebeutete Masse mit feinen Ratschlägen, wie man den Arbeitgeber auf subtile Weise schädigen kann – Computerviren einschleppen, zu Kunden unfreundlich sein, weniger tun als gewünscht. Aber aufpassen, damit das Gehalt nicht gefährdet wird: »Watch out, so I’m gonna get paid.« Die Revolution muss schließlich auch was zu essen haben, wenn sie sich nicht selber fressen soll. Und: »I’ve got a bad disposition that wants to work too.« Nicht nur beruflich ist weniger arbeiten angesagt, sondern auch privat: Frauen, so der Subtext, investieren oft zu viel Kraft in »Beziehungsarbeit«. Auch da heißt es: mal die Beine hochlegen! Überhaupt handeln alle Songs von Frauen. Die simple Erklärung: »Wir denken einfach immer an Frauen, deswegen!«

RKAHF sind das beste Beispiel dafür, dass Feministin sein mehr beinhaltet als den Wunsch, Männern in irgendwelche Körperteile zu treten. Feministisch sein, das heißt auch, Machtverhältnisse infrage zu stellen. Das zeigt sich im Songwriting und in der Bandstruktur: keine Hierarchien, bitte! Instrumente werden auf der Bühne ausgetauscht, singen darf jede mal und die Songs entstehen durch permanente Kommunikation. Mit Rhythm King And Her Friends gibt es endlich Alternativheldinnen für Queers und Riot Grrrls!

The 5.6.7.8’s: »Bomb The Rocks«

Hätte sich Mitte der Neunzigerjahre wohl jemand für Dick Dale interessiert, wenn ihn nicht Quentin Tarantino für »Pulp Fiction« ausgegraben und die schönsten Killerszenen mit Dales Surfgitarre unterlegt hätte? »Kill Bill« liefert einmal mehr den Beweis für Tarantinos guten Musikgeschmack: Die japanische Girlband The 5.6.7.8’s sorgt für die musikalische Begleitung von Uma Thurmans Blutrausch in einem Tokioter Restaurant und erfreut sich seitdem unverhoffter und verdienter Popularität: »Woo Hoo« ist längst nicht mehr nur bei Tarantino-Fans ein Hit. Die Band existiert schon seit fünfzehn Jahren, besteht zurzeit aus Ronnie »Yoshiko« Fujiyama, Yoshiko Yamaguchi und Sachiko Fujii und hat sich von den Bienenkorbfrisuren bis runter zu den High Heels dem Rock’n’Roll verschrieben. Im Laufe der Jahre haben die Damen auf verschiedenen Labels veröffentlicht und können eine beeindruckende Diskografie vorweisen; die Compilation »Early Day Singles 1989–1996« bietet einen guten Einblick in ihr Werk.

Bei uns kommt die wilde Mischung aus Surf, Trash, Rock’n’Roll und Girlgroup-Gesang sehr gut an: Gerade haben die 5.6.7.8’s eine erfolgreiche Kurztournee durch sechs deutsche Städte absolviert; mein Versuch, das Konzert im Wiesbadener Schlachthof zu besuchen, wurde durch das Schild am Eingang »Konzert ist ausverkauft – KEINE KARTEN AN DER ABENDKASSE« jäh gestoppt. Natürlich wollte niemand der glücklichen Karteninhaber:innen ein Ticket hergeben, also kann ich leider nicht berichten, wie es auf einem Konzert der Girls zugeht, aber wenn man den ersten Song der Compilation so laut wie möglich aufdreht, bekommt man vielleicht eine Vorstellung davon. »Bomb The Twist« ist ein wilder, durchgedrehter, rasender Ritt durch tausend Jahre Rock’n’Roll in der freien Interpretation wilder, durchgedrehter, rasender ­Japanerinnen. Wowwww!!! Sie lieben Surfgitarren und ba-ba-ba-ba-ba-Backgroundchöre, nicht nur der »Kill Bill«-Song »Woo Hoo« ist ein Hit, auch die restlichen 26 Stücke lassen es gehörig krachen. Einige Coverversionen sind dabei, z. B. »Mr. Lee«, »It’s Rainy«, »Road Runner« und »Long Tall Sally«, das man nicht ohne Weiteres erkennen könnte, stünde nicht der Titel auf der Hülle. Die Ladies pflegen einen sehr eigenwilligen Umgang mit Refrains und der englischen Sprache an sich, aber genau das verleiht ihrer Musik besonderen Charme. Man sollte sie jedoch nicht als niedliche Manga-Mädchen mit Exotinnenbonus abstempeln: Bei aller Affinität zu comichaften Rock’n’Roll-Stereotypen wird schnell klar: Die 5.6.7.8’s meinen es ernst! Sie vereinen ­Rotzigkeit und Sexyness der Runaways mit der Energie von Girlschool und dem schrägen Humor der Ramones, spielen mit Girlgroup-Elementen und verbeugen sich vor Göttern wie Elvis, Eddie Cochran und Jerry Lee Lewis, um dann ganz schnell ihr eigenes Ding anzuzählen: 1, 2, 3, 4 … 5.6.7.8’s!!!

Man kann nicht umhin, mehrfach den Namen The Cramps ins Feld zu führen, aber das ist ja kein Makel: »Jet Coaster« erinnert an das von den Cramps zerfledderte »Surfin’ Bird«. Lux Interior und Poison Ivy sind nicht nur hier Vorbild für die Interpretation, auch die Auswahl der Songtitel offenbart die Cramps-Affinität der 5.6.7.8’s: »My Boyfriend From Outer Space«, »She Was A Mau Mau« oder »I Was A Teenage Cave Woman« könnten auch im Cramps-Kosmos kreisen. »Edie Is A Sweet Candy« ist eine Hommage an, klar, Edie Sedgwick, tragische Andy-Warhol-/Factory-Heldin, und eins der besten Stücke des Albums. In »Bond Girl« wird die James-Bond-Erkennungsmelodie zitiert und »Three Cool Chicks« spielt ironisch mit der Obsession meist männlicher Rock’n’Roller, Girls zu Chicks und Pussycats zu machen.

Im Booklet steht: »The future comes from the past« – die 5.6.7.8’s beweisen das mit Energie und Enthusiasmus: Woo Hoo!

Sleater-Kinney: »The Woods«

Sleater-Kinney sind mutig. In Zeiten des von jugendlichen Dandys definierten Quer-durch-den-Garten-Waverocks wirft »The Woods« alle an Carrie Brownstein, Corin Tucker und Janet L. Weiss gestellten Erwartungen über den Haufen. Schon das erste Stück »The Fox« donnert wie ein Zehntonner über die ahnungslosen Hörer:innen hinweg und macht klar, dass die Zeit der kurzen, knackigen Punksongs früherer Platten wie »Call The Doctor« und »Dig Me Out« vorbei ist. Sleater-Kinney sind furchtlos. Sie haben keine Angst vor Gitarrensoli und schicken mit »The Woods« ein Bluesrockmonster in die Welt, das zunächst schwer zugänglich und schwer zu lieben scheint. Ausfasernde, in alle Richtungen losbrechende Led-Zeppelin-hafte Brocken wie das elf Minuten lange »Let’s Call It Love«, dessen dekonstruktivistischer Gitarrenpart jegliche Songstruktur zerbröselt, verlangen ungeteilte Aufmerksamkeit. Macht auf alle Fälle kaputt, was kaputt macht. Polternd, voller Kraft und Wut schreien, rocken, jammen ­Sleater-Kinney durch »The Woods«, schlagen Schneisen, fällen Mammutbäume mit schwerem Gerät. Eine märchenhafte Lichtung mit friedlich äsenden Rehen ist nicht in Sicht. Das an »Twin Peaks« erinnernde Cover (Bäume, Bühne, roter Vorhang, Schatten ohne Lichtquelle) ist geschickt gewählt und ein bisschen perfide, rechnet man doch mit ruhigen Tönen, die hinter den samtigen Vorhängen hervorperlen. Produzent Dave Fridmann (Flaming Lips, Mercury Rev, Low) hat eine neue Seite von Sleater-Kinney freigelegt, und trotz aller psychedelischen Ausbrüche wirkt »The Woods« nie retro, sondern sehr heutig. Nur nicht mit modischen Mitteln.

Anders als die Kolleginnen von L7 (was machen die überhaupt?) wollen Sleater-Kinney keine Jungs sein. Hart sind sie, aber nicht vulgär, heavy, aber nicht feist. Feministischer Zorn ist keine schicke Attitüde der – inzwischen – Riot Women bzw. Mothers, sondern fester Bestandteil ihres Werks: »A woman is not a girl/ I could show you a thing or two/ Hit the floor honey/ Let’s battle it out.« (»Let’s Call It Love«).

Das zart-folkige »Modern Girl« lässt kurz Balsam tröpfeln, aber nur musikalisch, der Text ist definitiv eher bitter als süß: »My baby loves me/ I’m so hungry/ Hunger makes me/ A modern girl/ My whole life/ Looked like a picture/ Of a sunny day«. Sleater-Kinneys Wut scheint auch auf andere Themen, in »Entertain« heißt es: »Hey! Look around they are lying to you/ Can’t you see it is just a silly ruse?/ They are lying, and I am lying too/ All you want is entertainment/ Rip me open it’s free«.

Nicht leicht verdaulich, aber essenziell wie Schwarzbrot nach zu viel Ciabatta.

Goldfrapp: »Supernature«

Von »Ride A White Swan« zu »Ride A White Horse«

»Supernature« ist ein Traum von einer Platte – sexy, glamourös (obwohl Alison Goldfrapp und Will Gregory standhaft behaupten, total unglamourös zu sein – das ist wohl echt britisches Understatement), schillernd, tanzbar und voller Hits. Sogar das Andreas Dorau’sche Gebot, ein nervendes Stück auf der Platte zu haben, damit die übrigen umso strahlender hervortreten, beherzigen Goldfrapp: »You Never Know« geht mir ein klein wenig auf den Keks, aber hatten nicht auch schon die Beatles immer Songs wie »Ob-La-Di, Ob-La-Da«? Aber es ist ziemlich unangemessen, zuerst das einzige etwas abfallende Stück zu erwähnen, wo doch die zehn anderen wahre Perlen oder besser Diamonds sind und »Supernature« schon jetzt einen Platz in meinen Jahrescharts sicher hat.

Schon der Opener, die erste Singleauskopplung »Ooh La La«, geht ohne Umwege in Ohren, Beine und Keimdrüsen: Frech und souverän wird hier – nicht zum einzigen Mal – die charakteristische T.-Rex-Gitarre zitiert, ein tief pumpender Bass und Alisons lässig-laszive Stimme erlauben keine Gegenwehr. Augenzwinkernd gibt Ms Goldfrapp die Hyper-Kylie, über jeden Discomaus-Verdacht erhaben. Vielmehr ist sie die Diva, die sie immer sein wollte: So schweigt sie sich zum Beispiel über ihr Alter konsequent aus. Aber wen interessiert das schon, Hauptsache, sie macht noch viele Platten.

In »Ride A White Horse« geht es – klar – um Sex und um Goldfrapps Naturverbundenheit. Tiere kommen in ihren Texten immer wieder vor, Alison lässt sich im Pfauenkostüm fotografieren und schlägt so die Brücke zwischen Studio-54-hafter Künstlichkeit und der dabei sehr erdigen und organischen Beschaffenheit des Goldfrapp-Sounds. »Fly Me Away« ist ein hymnischer Pophit, uplifting und wie geschaffen fürs Radiohören beim Autofahren – in einem offenen Coupé, versteht sich. Bei »Koko« schleichen sich Reminiszenzen an Gary Numans »Cars« ein, »Satin Chic« geht einerseits wiederum als Hommage an T. Rex durch, bekommt aber durch den beherzten Einsatz eines Honky-Tonk-Pianos eine zweite Ebene ins Cabaret-hafte. In überdrehter Sektlaune singt man mit: »… ne na na na na na na, he’s my man, yeh he’s my man«. Gechillt werden darf auch, bei »Let It Take You« und »Time Out From The ­World« können selbst hartgesottene Dancing Queens mal die Beine hochlegen und entspannen. Dringend empfohlen sei an dieser Stelle der Einsatz von Kopfhörern: Goldfrapp sind verliebt in raffinierte Details und probieren alles aus, was es in einem Studio an Schnickschnack gibt. Anschaulich dargestellt durch das Apfelbild auf dem Cover, außen »nur« goldmetallic, innen buntmetallic-gestreift.

Den schönsten Song haben sich Goldfrapp für den Schluss aufgehoben: »Number One« vereint die Grandezza eines guten Blondie-Songs mit musikalischen Umarmungen à la Pet Shop Boys. Wenn Alison singt: »I’m like a dog to get you«, ist das weniger als S/M- oder Iggy-Pop-Neuinterpretation zu verstehen, sondern illustriert eher die erschöpft-vertraute Stimmung morgens früh um fünf, wenn man nach einer durchtanzten Nacht im Club doch mit seinem bewährten longtime companion nach Hause geht: »Sunset only seconds/ Just ripe then it’s gone/ Got no new intentions/ Just right then it’s gone/ cos you’re my number one«. Erwachsen und immer noch verliebt.

Goldfrapp gelingt nach »Felt Mountain« und »Black Cherry« so etwas wie der große Wurf, die Definition ihres Glampop-Universums. Überschwänglich, verschwenderisch, cheesy und tasty.

So unterschiedlich und unentschieden die ersten Alben klangen, scheint nun alles klar. Gregory und Goldfrapp bedienen sich aus der großen Schatzkiste der Pop-, Glam- und Discomusik seit 1970, durchstreifen mit Kennerblick die Achtzigerjahre, grüßen Verwandte und Bekannte und landen auf allen vier Beinen mitten im Heute. Noch dazu sind Goldfrapp intelligent, humorvoll, todschick und absolut geschmackssicher. »Supernature« verspricht einen heißen Herbst.

Britta: »Das schöne Leben«

Seltsam, seltsam, wie wenig unglücklich ich bin …

Ein Samstag im März 2006, eisiger Wind, es schneit – Berlin zeigt sein schäbigstes Gesicht, als ich mich auf den Weg mache, um Christiane Rösinger zu treffen. Anlass ist die Veröffentlichung von »Das schöne Leben«, dem vierten Album ihrer Band Britta. Mit den Vorgängerplatten »Irgendwas ist immer«, »Kollektion Gold« und »Lichtjahre voraus« haben sich Britta den Ruf erspielt, die »traurigsten Menschen von ganz Berlin« zu sein. Gilt das noch immer? Während ich durch den Schnee stapfe, höre ich »Depressiver Tag« auf dem Discman und die stimmungsaufhellende Wirkung des Songs ist erstaunlich. Der auf dem Cover abgebildete, rosafarbene Blüten tragende Baum materialisiert sich vor mir, direkt auf den grauen, matschigen Straßen Kreuzbergs. Die aufmunternde Melodie mit einem Gitarrenlauf zum Verlieben trägt den vermeintlich schwermütigen Text, dessen Botschaft aber grundpositiv ist: Auch der mieseste Tag dauert nur 24 Stunden. Geht vorbei, kein Grund zur Panik!

»Depressiver Tag« ist der älteste Song der Platte, entstanden nach Britta Neanders Tod. Die Schlagzeugerin und Namensgeberin der Band Britta starb im Dezember 2004 nach einer Herzoperation. Kurz darauf wurde Christiane Rösinger schwer krank, noch dazu ging der EfA-Vertrieb pleite, die Band war buchstäblich leidgeprüft. Doch mit dem Musikmachen aufzuhören, kam für Britta nicht in Frage. Auch wenn Christiane die widrigen Umstände eine Zeitlang als Zaunpfahlwink des Schicksals interpretierte, doch alles aufzugeben. »Britta Neanders Tod führte uns die eigene Endlichkeit vor Augen«, sagt Christiane. »Aber Handwerker, Büroangestellte und Taxifahrer machen nach ähnlichen Schicksalsschlägen auch in ihren Berufen weiter. Warum sollte das bei Musikern anders sein?«

Während dieser schweren Zeit entstand ­»Depressiver Tag« – laut Christiane sollte man während trauriger Phasen nicht auch noch deprimierende Musik machen oder hören, die eine:n noch mehr herunterzieht. Dementsprechend ist »Das schöne Leben« weniger düster, sondern lebensbejahend und kämpferisch geraten. »Liebe als Konstrukt« und das Scheitern von Beziehungen sind nicht mehr die vorherrschenden Themen. Soziale Verhältnisse, Ungerechtigkeiten und Kommunikationsprobleme sind in den Mittelpunkt gerückt.

Aber man kann nicht über Britta schreiben, ohne deren Quasi-Vorgängerband Lassie Singers zu erwähnen, zu würdigen und zu lobpreisen. Schon bei den Lassie Singers war Christiane Rösinger für die eher melancholischen Texte zuständig, Almut Klotz für die fröhlicheren. Gemeinsam schrieben sie Songs für jede erdenkliche Gemütslage, der Titel des ersten Albums »Die Lassie Singers … helfen Dir« war Versprechen und Programm. Mit Liedern wie »Ist das wieder so ’ne Phase«, »Leben in der Bar«, »Mein zukünftiger Ex-Freund« und – unerreicht – »Liebe wird oft überbewertet« haben die Lassie Singers ein zeitloses, unerschöpfliches Reservoir konkreter Lebens- und Überlebenshilfe geschaffen. Therapiemusik sozusagen.

Und nun sitze ich mit Christiane Rösinger im Café und bin froh. Auch mir haben sie und die Lassie Singers oft geholfen, meine gesamte Studienzeit ist undenkbar ohne Textzeilen wie »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin, verliebt bin ich sowieso, ich sag’ Mikrokosmos, hallo«, der mehrstimmige Mädchengesang tat ein Übriges. »Es wäre prima, wenn die ganzen Lassie-Fans zu Britta überlaufen würden. Leider hören ja viele Menschen über dreißig auf, sich für neue Bands zu interessieren. Wie erfahren die denn dann von Britta?«, fragt sich Christiane. Aber zu wissen, dass man mit den Lassie Singers so vielen Menschen etwas bedeutet hat, sei schon sehr schön. »Natürlich wäre es toll, von der Musik leben zu können, aber man muss sich vom Star-sein-Wollen lösen. Es ist viel cooler, wenn es nur um die Musik geht«, sagt sie. Doch Britta sind definitiv Stars am Himmel hiesiger Popmusik. Christiane Rösingers Texte sind lebensklug, manchmal traurig, immer weise und zitierfähig wie eh und je. Britta ist die erwachsene Version der Lassies: »Man kann mit 40 nicht mehr singen ›Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht‹. Irgendwann stehen einfach andere Themen an und manchmal macht sich auch eine gewisse Traurigkeit breit.« Aber Depression und Verbitterung können nur bis zu einem gewissen Grad als Triebfeder der Kreativität dienen, die Schwermut darf nicht überhandnehmen. »Texten geht auch mit Erfolg und guter Laune!« Melancholie hin, Depression her, Britta nehmen auf »Das schöne Leben« jedenfalls kein Blatt vor den Mund. In »Menschenfeind« heißt es:

»Alte Zausel, Indieboys, Neocons, Mutanten/ Junge Spießer, Pradafrauen und ihre Anverwandten/ Höhere Töchter, bessere Söhne und eure ganze Schicht/ Ihr denkt, ich kann euch leiden/ aber ich verzeih’ euch nicht«

In »Wer wird Millionär« werden prekäre Lebenssituationen thematisiert, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten angeprangert und außerdem wird die berechtigte Frage gestellt: »Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?« Doch Nine-to-­Five-Berufstätigkeit ist auch nicht wirklich erfüllend, wie der Song »Büro, Büro« zeigt. Christiane singt: »… und sie rennen rum/ und raus kommt doch nur/ Smoke on the Water, Baby …« Wie wahr! Aber wie soll, wie kann man leben? Berlin-Mitte-Bohémien oder Frankfurter Banker – welches Modell verspricht mehr Glück? Auch das »Leben in der Bar« kann auf Dauer verdammt anstrengend sein, davon erzählt »Heimi Heimato«, ein anrührendes Stück über das dringende Bedürfnis, nach einer langen Nacht einfach nur noch nach Hause zu wollen, »nichts mehr reden, nur noch liegen, nur noch sein«.

Gut möglich, dass man sich deshalb nach »Kissingen und Bettingen« sehnt, weil man in der Kneipe von einem Zeitgenossen vollgequatscht wurde, wie er in »Du sprichst in Rätseln« porträtiert wird: »Du sprichst in Rätseln/ in Bildern und Zeichen/ die sich stets gleichen«, aber man weiß längst: »Das Leben ist konkret«, wie es am Ende dieses Songs heißt. Die Platte ist geprägt von wohltuender Weisheit und Erfahrung, die Abgeklärtheit zu nennen zu heftig wäre. Vielmehr herrscht ein leiser, freundlich lächelnder Optimismus, der sich aus dem halbwegs sicheren Wissen nährt, dass am Ende doch alles gut werden kann. Besonders schön kommt diese Haltung in »Seltsam Seltsam« zum Ausdruck: »Es ist gar nicht so schlimm/ und es geht auch schnell vorbei/ seltsam seltsam, wie wenig unglücklich ich bin/ es liegt wohl an der Sommerzeit.« Das ist Lebensmut mit kleinen Rissen und einem schief genähten Saum, aber ungemein aufbauend. Ganz nebenbei ist Britta mit diesen Zeilen eine moderne Version des alten Spruchs von Martinus von Biberach gelungen (»Ich lebe und weiß nicht wie lang/ Ich sterbe und weiß nicht wann/ Ich reise und weiß nicht wohin/ Mich wundert’s, dass ich so fröhlich bin«). Doch bei allen grandiosen Textzeilen – welchen Stellenwert hat die Musik bei Britta? »Die ist natürlich wichtig, sonst könnte man ja auch Gedichte schreiben«, sagt Christiane und Brittas Singer-/Songwriter-Rock wird auf der neuen Platte von allerlei feinem Beiwerk geschmückt. So ertönt bei »24 Stunden sind kein Tag« ein Cello, Mandolinen und Keyboards beflügeln die ohnehin sehr lebhaften (Bass-)Gitarren und Christianes Stimme hält alle Fäden zusammen. Produziert hat wieder Herman Herrmann, der auch bei der kommenden Tournee dabei sein wird. Und um noch einmal eine Textstelle zu zitieren: »… und für uns bleibt nur das schöne Leben«, singen Britta in »Wer wird Millionär«.

»Nur«? Die Pradafrauen sollen sehen, wo sie bleiben. Wir haben Britta.

Tori Amos: »American Doll Posse«

»Seelenstriptease«, »Exorzismus« – diese Begriffe fallen häufig im Zusammenhang mit Tori Amos, Pianistin, Songwriterin, Exzentrikerin. Die in North Carolina geborene und in Cornwall lebende Amos kehrt mit jedem Song ihr Innerstes nach außen, treibt öffentlich, für alle sicht- und hörbar, ihre Dämonen aus. Ihre Schönheit trug sicherlich dazu bei, die Wahrnehmung zu befördern, aber ihre Musik ist zu intensiv, die Texte zu drastisch, um Amos zu »just another pretty face« zu degradieren. Toris Liveauftritte – sie allein mit ihrem geliebten Bösendorfer Piano – sind eher Psychodrama als Popkonzert, das Publikum liegt ihr zu Füßen. Seit ihrem Album »Little Earthquakes« (1992) und Hits wie »Professional Widow«, »Crucify« und »Cornflake Girl« beweist sie außerdem, dass auch anspruchsvolle Singer-/Songwriterkompositionen zu Charterfolgen werden können. Amos gilt als hochbegabt, empfindsam und emotional – in früheren Zeiten hätte man sie wohl »überspannt« genannt. Tori Amos spielt aber nicht die Kapriziöse, um gewollt geheimnisvoll und kompliziert zu erscheinen: Ihre Lebensgeschichte beinhaltet viele düstere Momente. Die erlittene Vergewaltigung durch einen Tramper im Jahr 1985, mehrere Fehlgeburten – harter Stoff, der bewältigt werden muss. Ihre erste Single »Me And A Gun« thematisiert offen das Vergewaltigungstrauma. Manchmal ist ein Leben zu wenig, um Geschehenes zu verarbeiten – und so ist es nur einleuchtend, dass sich Tori Amos auf ihrer neuen Platte in fünf Frauenfiguren aufspaltet.

Die »American Doll Posse« besteht aus weiblichen Charakteren, die ihre Vorbilder in der griechischen Mythologie haben: Fotografin Isabel repräsentiert Artemis, Göttin der Jagd. Die blonde Santa verkörpert Aphrodite, die vom Leben gebeutelte Clyde ist die Göttin der Unterwelt, Persephone. Und die kämpferische Pip ist, klar, Athene, Göttin der Weisheit und Kriegslist. Die »echte« Tori komplettiert den Reigen. Jede einzelne Figur hat auf Tori Amos’ Website einen eigenen Blog, viele überwiegend weibliche Fans tummeln sich dort bereits begeistert. »American Doll Posse« beinhaltet zudem einen politischen Aspekt: Amos bezeichnet die amerikanische Regierung als monotheistisch und patriarchalisch – im Gegensatz zum griechischen Pantheon, das demokratisch, polytheistisch und durchaus matriarchalisch organisiert war. Alle fünf »Dolls« thematisieren auf ihre eigene Weise das US-amerikanische System, die ihm innewohnende Bigotterie, die Stellung der Frauen. Okay, dieser Überbau ist anstrengend und hyperambitioniert und möglicherweise überstrapaziert Tori (oder wer von den fünfen?) den Rahmen, den Popmusik bieten kann. Aber möglicherweise ist dieses Album – 23 Songs in achtzig Minuten – in all seiner Schizophrenie und Kleinteiligkeit Amos’ persönlichstes und konsequentestes Werk so far. Tori Amos liebt Themen- und Konzeptalben ohnehin: »Scarlett’s Walk« aus dem Jahr 2002 zum Beispiel verarbeitet anhand einer Reise durch Amerika den 9/11-Schock; »Strange Little Girls« (2001) ist ein reines Coveralbum, auf dem sie Songs männlicher Musiker interpretiert – auf dieser Platte zelebriert sie ihren Hang zum Verkleiden, dem Schlüpfen in andere Rollen, das Cover zeigt sie in vier verschiedenen Stylings.

Auf »American Doll Posse« lebt Tori Amos inhaltlich und musikalisch alle Facetten ihres Könnens aus: Teils opulent instrumentiert, teils nur auf Stimme und Piano reduziert, fügen sich die Songs zu einem großen, sinnhaften Ganzen. Aufgrund der schieren Materialmenge besteht natürlich die Gefahr, dass einzelne Songs untergehen, deshalb seien hier einige besonders hervorgehoben: der Opener und Anti-Bush-Song »Yo George« mit der schönen Zeile »I salute to you Commander/ and I sneeze/ ’Cause I have now an allergy/ to your policies it seems«. Der countryeske Saloonstomper »Big Wheel« mit Barpiano und Geige wurde bereits als Single ausgekoppelt, das mit eingängigen Synthiebeats unterlegte »Bouncing Off Clouds« bietet Tori großen stimmlichen Spielraum. Das exaltierte »You Can Bring Your Dog« besticht mit dem Wechsel von Heavy-Metal-Gitarren zu Toris expressivem Pianospiel. Tori Amos zitiert auf diesem Album auch gern alte Helden wie die Beatles und ihr großes Vorbild Robert Plant, bleibt aber, so paradox es scheint, immer sie selbst. Pardon, eine von fünfen.

Holly Golightly & The Brokeoffs: »You Can’t Buy A Gun When You’re Crying«

Wesentlich entspannter, thematisch aber ebenfalls für die Ewigkeit bestimmt, geht es auf Holly Golightlys neuem Album zu. Auch wenn die zauberhafte Engländerin mit dem (angeblich echten) glamourösen Namen kein Topstar ist, kann sie auf einen enormen Plattenoutput und eine treue Fanschar verweisen. In den Achtzigerjahren gehörte sie zum Umfeld des legendären »Wild« Billy Childish und gründete als Antwort auf seine Band Thee Headcoats die Girlband Thee Headcoatees. Im Laufe ihrer mittlerweile gut fünfzehn Jahre währenden Solokarriere und nach -zig Singles, Alben und Gastauftritten bei befreundeten Musikern, beispielsweise auf dem White-­Stripes-Album »Elephant«, konnte sie sich längst davon freimachen, nur im Zusammenhang mit Childish erwähnt zu werden. Ihr charakteristischer Gesangsstil – stets leicht ironisch, tongue-in-cheek – und der reduzierte Sixties-Garage-Sound mit Blues- und ­Girlgroup-Appeal machen sie zu einer unverwechselbaren Künstlerin, die mit schnelllebigem Firlefanz nichts am Hut hat. Geblieben ist über die Jahre ihre Liebe zur Kollaboration: Gemeinsam mit Lawyer Dave und dessen Band The Brokeoffs hat sie mit »You Can’t Buy A Gun When You’re Crying« ein zeitloses Slow-Lo-Fi-Werk geschaffen, das laut Covertext zu Hause aufgenommen wurde. Holly knüpft weniger an ihr früheres Œuvre an, sondern verbeugt sich vor klassischem Blues und Country. Die hauptsächlich verwendeten Instrumente sind Slideguitar und Kontrabass, und zwischen den Polen »Devil Do« (Song Nummer eins) und »Devil Don’t« (letzter Song) erstreckt sich die ganze Bandbreite archaischer Bluesthemen. Angefangen mit Tod und Teufel über Liebe bis zu Alkohol und die-Stadt-verlassen-müssen. Der knochentrocken instrumentierte Opener klingt liebevoll altmodisch, dezent Rockabilly-like. Songs wie »Just Around The Bend«, »Medicine Water«, »So Long«, »Jesus Don’t Love Me Anymore« evozieren eine Stimmung, als wäre man morgens um fünf der letzte Gast in der Bar (oder im Saloon) und hört ­Holly dabei zu, wie sie mit dem Barkeeper über verlorene Liebe singt und dazu den langsamsten Walzer aller Zeiten tanzt. Minimalistischer kann Musik kaum sein: Jeder Ton und jede einzelne gezupfte Saite erzählen ihre eigene melancholische Geschichte. Holly und Dave singen mal gemeinsam, mal abwechselnd, wie einst Lee Hazlewood und Nancy Sinatra. Das muntere »Everything You Touch« ist ein typischer Holly-Song, lakonisch singt sie: »Now I understand you/ Now I don’t/ Everything around you ends up broken«. Diese Zeilen würden auch zu ihrem früheren Girlgroup-Sound passen, aber das Countrykleid steht dem Text hervorragend. »Time To Go« spielt mit einem archetypischen Americana-Topos: À la »Mystery Train« hört man einen Zug in die Stadt hinein- und wieder herausfahren, es geht um einen vagabundierenden Outlaw, Hunde bellen, der Tag bricht an, der Desperado ist aus der Stadt geritten. »Clean In Two« ist eine todtraurige Liebes- beziehungsweise Einsamkeitsballade, eine skelettierte Gitarre unterstreicht mit schrillen Tönen die Seelenpein der Verlassenen. Holly klagt: »These days are longer/ than they need to be/ One more day for me to wait and see«. »I Let My Daddy Do That« klingt wie ein klassisches Traditional mit zurückgenommenem Sound und geklopftem Bass. Beim letzten Track, der ohne Gesang auskommt, wird wild auf Küchengeräten herumgeklöppelt und gejammt, bis auch der Teufel fröhlich auf die Zuckerdose hämmert.

Tracey Thorn: »Out Of The Woods«

Menschen meiner Generation (seit einiger Zeit keine 25 mehr, mit Elektropop der Achtziger aufgewachsen) werden sich mit Tracey Thorns Album »Out Of The Woods« schnell anfreunden. Das heimelige Gefühl stellt sich schon mit dem Erkennen von Thorns Stimme ein, die warm und vertraut, zugleich britisch-distanziert und immer ein wenig traurig klingt. Zur Erinnerung: Tracey Thorn bildete mit ihrem Dauerlebensgefährten Ben Watt das Neo-Jazz-, später Elektronik-Duo Everything But The Girl, dessen größter Hit »Missing« vom Album »Amplified Heart« aus dem Jahr 1994 war. Die zurückhaltende, aber eindringliche Melange aus Dance und Trip-Hop bescherte dem schüchternen Duo aus Hull weltweite Aufmerksamkeit, die beide nicht unbedingt suchten. Tracey Thorn zog ihrerseits die Konsequenzen, wurde dreifache Mutter und wollte mit dem operativen Musikbusiness nichts mehr zu tun haben. Gatte Ben arbeitete weiter als Producer und blieb dem Popbetrieb erhalten. Schenkt man der Legende Glauben, ist niemand Geringerer als Neil Tennant von den Pet Shop Boys für Tracey Thorns Rückkehr zum Pop verantwortlich: Auf einer Party fragte er sie, weshalb sie nicht mehr singe. Tracey kam ins Grübeln und fand keinen wirklichen Grund – die Kinder kann man schließlich nicht immer vorschieben. Tracey begann wieder zu singen, zunächst zu Hause, dann im Studio. Die ersten Songs wurden aufgenommen, zum ersten Mal ohne Watts’ Unterstützung (oder Einmischung, je nach Sichtweise). Die Single »It’s All True«, ein Liebeslied für Ben, gibt die Richtung vor: dezente Reminiszenzen an die Achtziger, ein wenig Erasure, ein Hauch Depeche Mode, verhaltene, aber definitiv vorhandene Tanzbarkeit. Im Video kann man Tracey zwischen unzähligen Büroangestellten kaum ausmachen. Ihre Schüchternheit, ihre Abneigung gegen das Gefilmt- und Fotografiertwerden ist geblieben. Folgerichtig wird es auch keine Tournee zum neuen Album geben: »Out Of The Woods« ist ohnehin eine eher intime Angelegenheit. Die Mischung aus akustischen Folkpop-Balladen und dezenten Dancefloor-Beats wirkt, als habe Tracey ein Mixtape für sich selbst aufgenommen. Song Nummer eins, »Here It Comes Again«, klingt zart und fließend, ein bisschen wie Enya (nicht erschrecken) und ist textlich so melancholisch, wie Traceys Stimme klingt: »Your mother’s blue/ Your father’s too/ It’s in the family.« Sie covert die früh verstorbene New Yorker DJ-Legende Arthur Russell, unterzieht sein »Get Around To It« einer reduziert-clubbigen Neubearbeitung mit kaum hörbaren »Ring My Bell«-Glöckchen im Hintergrund. »Hands Up To The Ceiling«, »Nowhere Near« und »By Piccadilly Station I Sat Down And Wept« sind heruntergedimmte Balladen, die durch den Einsatz von Waldhörnern und Flöten eher nach Herbst als nach Frühsommer klingen und den idealen Resonanzboden für Traceys Stimme bieten. Leicht technoid klingt »Easy«, bei »Grand Canyon« lassen sich Minimal-House-Wurzeln ausmachen – insgesamt ist »Out Of The Woods« also sehr abwechslungsreich geworden, aber es ist kein Durcheinander entstanden. Traceys Stimme ist das verbindende und ordnende Element, das Ruhe, Gelassenheit und wiederentdeckte Liebe zur Musik verströmt. Neil Tennant sei Dank.

Leila: »Blood, Looms & Blooms«

Die 1971 in Teheran geborene und später mit ihren Eltern nach London ausgewanderte Elektrokünstlerin Leila Arab bezeichnet sich selbst als kompromisslos. Ihre Musik sei nicht dafür da, den Erwartungen anderer Menschen gerecht zu werden, sondern einzig und allein »dem Noise zu huldigen«, so Arab in einem Interview. Ihre ersten Platten »Like Weather« und »Courtesy Of Choice« verschafften ihr Respekt und Anerkennung, so wurde Leila beispielsweise von Björk eingeladen, um diese live zu unterstützen. Als kurz hintereinander erst ihre Mutter, dann der Vater starb, war Leila so wütend und traurig über die Unkontrollierbarkeit von Krankheit und Tod, dass sie beschloss, nie wieder Musik zu machen. Doch weil Leila Arab eine getriebene Musikbesessene ist, brach sich die Musik von selbst Bahn. Leila kehrte ins Studio zurück, drehte an den Maschinen und entdeckte wieder den Spaß am Kreieren neuer Sounds. Sie lud alte Freunde wie Specials-Sänger Terry Hall, Trickys Kooperateurin Martina Topley-Bird, Andy Cox (Fine Young Cannibals, The Beat), Verwandte und Kinder ins Studio ein, um in mehreren Livesessions »Blood, Looms & Blooms« aufzunehmen. Die so entstandenen vierzehn Tracks gehören zum Spannendsten und Interessantesten, was man in diesem Jahr bisher zu hören bekam: Noise spielt nicht mehr die erste Geige, nur manchmal dräut und lodert es von hinten und von unten, wie bei der Soundlawine »Mettle«, die mit plätschernden Wassertropfen, singender Säge und enormer Dynamik an die Anfangstage des Bristoler Trip-Hop erinnert. Insgesamt überwiegen versponnene Experimente mit dunklem Grundton, aus den Geräten kommt kaum noch Lärm, dafür poetischer Pop. Leila lässt Tangorhythmen durch ein jazziges Chanson stolpern (»Teases Me«) oder schiebt eine massive Bassdrum mitten in ein von Vogelgezwitscher untermaltes Kinderlied (»Daisies, Cats And Spacemen«). Luca Santucci, die bei »Teases Me« zu hören ist, singt außerdem auf der schrägen Coverversion des Beatles-Songs »Norwegian Wood« und zu den Spinettklängen von »Ur Train«. Überhaupt, die Gastvokalist:innen: Martina Topley-Bird macht aus »Deflect« ein berührendes Modern-Soul-Stück, Leilas Schwester Roya Arab klingt auf »Daisies, Cats …« wie ein Kind, das die Hauptrolle in einem Gruselfilm spielt. Den schönsten Gastauftritt aber hat Terry Hall, dessen unverkennbare Stimme das verschrobene »Time To Blow« mit seinem verschleppten Walzerrhythmus und gesampelten Trompeten schon jetzt zu einem Klassiker macht.

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Дата выхода на Литрес:
25 ноября 2024
Объем:
121 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783945715970
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Правообладатель:
Bookwire
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