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Christina Herrström
Ebba und Didrik:
Didriks Geschichte
Aus dem Schwedischen
von Christel Hildebrandt

Lindhardt & Ringhof

1

»Beeil dich!« ruft Mama hinter Didrik her, der aus der Küche auf den Flur stürmt.

»Nun mach schon«, sagt Didrik, während er seine kleine Schwester Ebba beiseite schiebt, die auf seinen Schuhen steht und sich im Flurspiegel bewundert. Didrik hüpft in seine Schuhe und wirft sich die Jacke über.

»Es ist schon spät!« ruft Mama und flitzt ins Badezimmer. Papa rennt die Treppe hinunter, wobei er sich gleichzeitig das Hemd zuknöpft.

»Seid ihr noch nicht weg? Ihr kommt zu spät!«

»Ja, ja, tschüs zusammen!« schreit Ebba, schmeißt sich die Schultasche über die Schulter und verschwindet.

»Und du?« fragt Papa und schaut Didrik an, der seine Jacke erst halb angezogen hat. Er hat plötzlich, mitten in der ganzen Hektik, innegehalten, und ein verträumter Ausdruck tritt in seine Augen. Abwesend starrt er seinen Vater an, ohne ihn zu sehen.

Genau in diesem Augenblick geschieht nämlich etwas, was Didrik öfter passiert – besonders, wenn er es eilig hat, zur Schule zu kommen. Er wird von einer unwiderstehlichen Sehnsucht ergriffen. Er muß Klavier spielen! Es ist, als würde ihn etwas mit einem großen Magneten in sein Zimmer ziehen, wo das Klavier thront. Mit stierem Blick geht er zur Tür, stößt sie auf und stolpert über seine offenen Schnürsenkel zum Klavier, vor dem er sich mit einem glücklichen Seufzer niederläßt. Er beginnt zu spielen, schließt die Augen und singt leise für sich selbst: I love you, I love you, I love you not only in my dreams . . . Das ist bisher sein bestes Lied. Er möchte es endlos spielen. Aber Papa erscheint, die Schultasche schwingend, und stört ihn. »Didrik! Dazu hast du jetzt keine Zeit, du mußt zur Schule!«

Didrik blinzelt und murmelt etwas, dann zieht er sich den zweiten Teil der Jacke über, bindet seine Schuhe zu und trollt sich.

Er tritt sein Fahrrad im Takt. I love you, I love you, I love you not only in my dreams . . . Er kann es kaum erwarten, wieder zu Hause zu sein. Den ganzen Nachmittag wird er Klavier spielen.

Es ist kurz vor den Sommerferien, und der Staub auf dem Schulhof wirbelt in hellen Wolken auf, als Didrik mit seinem Fahrrad ankommt. Am Fahrradständer wartet Tova. Ihre Augen leuchten, als sie Didrik sieht.

»Hallo!« sagt sie, und ganz oben auf ihren Wangen erscheinen rote Flecken.

»Tja«, antwortet Didrik, wirft sich die Tasche über die Schulter und geht zum Schuleingang. Tova folgt ihm sofort. Vom ersten Moment an, als ihre Blicke auf Didrik gefallen waren, war sie verliebt in ihn. Jetzt steht sie jeden Morgen am Fahrradständer und wartet. Wenn er nicht kommt, läßt sie den ganzen Tag den Kopf hängen. Aber meistens kommt er, und dann strahlt sie wie eine Löwenzahnblume in der Sonne.

»Was machst du nach der Schule?« fragt sie hoffnungsvoll.

»Klavier spielen«, sagt Didrik. »Und dabei muß ich meine Ruhe haben.«

Didrik sitzt in der Klasse direkt vor Tova. Sie kennt jedes einzelne Haar auf seinem Kopf, so genau hat sie ihn studiert. Manchmal beugt sie sich nach vorn, um Didriks Duft einzuatmen – auch wenn das, was am stärksten riecht, das Waschmittel ist, mit dem sein Pullover gewaschen wurde. Ab und zu merkt Tova, daß Didrik geistesabwesend wird; dann scheint es, als höre und sehe er nicht, was um ihn herum geschieht. Und wenn die Lehrerin ihn dann etwas fragt, muß Tova ihm die richtige Antwort zuflüstern.

Zum Unterrichtsende hat die Klasse eine sogenannte »stille Stunde«. Ruben steht vorn an der Tafel und stellt Rätselfragen, wobei er voll Entzücken zu Tova hinüberschielt.

Didrik hört nicht zu. Er sitzt mit dem Kinn in der Hand da und schaut zerstreut auf den Schulhof. Der Sommerwind raschelt in den Bäumen, und die Sonne scheint durch die Blätter hindurch. Didriks andere Hand liegt auf der Tischplatte, seine Finger bewegen sich ununterbrochen. Vor seinem inneren Auge sieht er die Tasten, und im Kopf hört er sein Lied: I love you, I love you . . .

Ruben setzt sich wieder auf seinen Platz, seine Bewegungen sind so gelenkig wie die eines Hundebabys. »Also, wie ist es, will jemand anders uns jetzt unterhalten?« fragt die Lehrerin und läßt ihren Blick über die Klasse wandern. »Ich lasse euch jedenfalls nicht laufen, bevor es klingelt!« Sie sitzt mit einer Pobacke auf dem äußersten Rand des Pults und säubert sich die Fingernägel. Sie trägt ein rosa Sommerkleid, ihre Haare sind spröde vom zu häufigen Blondieren, und auf den Augenlidern liegt etwas zu viel Lidschatten. Sie versucht, sich auf alle möglichen Arten hübsch zu machen, ohne zu begreifen, daß ihre Anstrengungen ganz unnötig sind. Ihre Person umgibt nämlich ein Hauch von Güte, der allein sie schon hübsch wirken läßt. Ab und zu streichelt sie ihren ringlosen Ringfinger.

Jetzt legt sie ein stämmiges Bein über das andere.

»Gibt es hier denn wirklich keinen, der zu unserer Unterhaltung beitragen kann?«

Da zerstört Tova Didriks friedliche Gedanken. »Ich weiß was!« schreit sie. »Kann Didrik nicht Klavier spielen?«

Didrik möchte am liebsten im Erdboden verschwinden.

»O nein . . . Heißt es nicht ›stille Stunde‹?« protestiert Ruben und sinkt in seiner Bank zusammen.

»Eine hervorragende Idee. Das machst du doch sicher, Didrik«, sagt die Lehrerin und klatscht in ihre kleinen Hände.

»Ächz, stöhn«, sagt Alexander und versinkt genauso tief wie Ruben in seiner Bank. Sie stecken die Köpfe zusammen, schielen zu Didrik hinüber und kichern.

»Bitte, bitte, Didrik!« bettelt Tova.

»Tutti lulli Didrik!« äfft Ruben nach.

»Ja, komm her«, lockt die Lehrerin. »Spiel eines deiner eigenen Lieder.«

Die Lehrerin ist goldig, und in ihren Augen glänzt es. Didrik fühlt sich gezwungen, das zu tun, worum ihn die Frauen bitten. Widerwillig schält er sich aus seiner Bank, von Rubens und Alexanders höhnischen Blikken begleitet.

Die Lehrerin zieht ihn mit ihrem warmen Lachen nach vorn zum Klavier, und als er angekommen ist, sagt sie: »So, jetzt seid ihr leise und hört Didrik zu. Ich habe inzwischen rasch etwas zu erledigen.«

»Versprochen!« ruft Ruben mit leuchtenden Augen. Didrik ist blöderweise gezwungen, dort zu bleiben, wo er ist. Vor sich hat er ein Klassenzimmer voller gleichgültiger Gesichter.

Die Lehrerin steht in der Tür. »Ich bin gleich zurück. Ich muß nur ein Telefongespräch führen«, sagt sie und hebt warnend einen Finger. »Willst du anfangen, Didrik?«

Didrik räuspert sich und massiert seine Finger. Schließlich beginnt er. I love you, I love you, I love you not only in my dreams . . . singt er und spürt, wie seine Wangen heiß werden.

Nun schließt die Lehrerin die Tür hinter sich. Sobald aber das Klappern ihrer Absätze nicht mehr vom Flur widerhallt, bricht das Chaos aus. Ruben zwängt sich aus seiner Bank, reißt Tovas Lineal an sich und legt auf den Bänken ein Trommelsolo hin. Er erklimmt mit einem Satz das Lehrerpult, wippt herausfordernd auf den Zehenspitzen und übertönt Didrik mit einer eigenen Nummer.

Die ganze Klasse, ausgenommen Tova, lacht sich halbtot über Ruben, wie der in seinem gestreiften Hemd und seiner Sackhose einen Rocksong zum besten gibt. Yeah, yeah, baby, rock me, rock me, baby . . . heult er. Er schwenkt die Hüften und stampft auf dem Pult herum, daß die Stifte durcheinanderwirbeln. Er bekommt den Reservevorrat der Lehrerin an Radiergummis zu fassen und bombardiert damit seine grölenden Klassenkameraden . . . bis es plötzlich klingelt und das Klassenzimmer in Windeseile seinen wilden Inhalt ausleert. Nur Didrik sitzt immer noch hinterm Klavier. Ooh – ooh – yes I love, how I love, I do love youuuuu . . .

Dann ist es still. Für einen Augenblick ist es im Klassenzimmer mucksmäuschenstill. Danach raschelt es am Klavier, und Didrik steht auf.

»Hach, bist du toll«, seufzt Tova glücklich. Sie sitzt auf ihrem Platz und strahlt Didrik an. Er fällt wieder auf den Stuhl hinter dem Klavier zurück.

»Kann ich heute mit zu dir kommen?«

»Nein, ich will Klavier spielen«, antwortet Didrik.

»Nur ganz kurz. Ich verspreche auch, leise zu sein. Bitte!«

»Nein, geht nicht. Mein Vater hat die Papageienkrankheit«, sagt Didrik schnell.

»Ist das ansteckend?« fragt Tova erschrocken.

»Man kann nie wissen.«

Da schaut Ruben zur Tür herein.

»Tova, komm schon! Du sollst mit uns Brennball spielen, du bist in meiner Mannschaft.«

Tova bleibt in ihrer Bank sitzen, den Blick auf Didrik geheftet.

»Tova!« drängelt Ruben. Aber Tova bleibt eisern sitzen. Ruben schnauft ungeduldig und verschwindet.

»Tschüs dann«, sagt Didrik zu Tova und sammelt seine Siebensachen zusammen. Sie verfolgt jede kleinste Bewegung von ihm. Er hebt die Hand zu einem Winken, nickt ihr kurz zu und geht. Erst als er verschwunden ist, gibt sie die Hoffnung auf. Rasch steht sie auf und rennt nach draußen zu Ruben und den anderen.

2

Didrik wirft das Fahrrad auf den Gartenweg, zieht den Schlüssel aus der Tasche und öffnet die Haustür. Niemand ist zu Hause. Er schleudert die Schuhe von den Füßen, daß sie in verschiedene Richtungen fliegen, wirft die Schultasche in eine Ecke, nimmt sich nicht einmal Zeit, die Jacke auszuziehen, reißt die Tür zu seinem unaufgeräumten Zimmer auf. Erst als er beim Klavier angekommen ist, beruhigt er sich.

Und in dem Augenblick, als Didriks Hände die Tasten berühren, geschieht etwas Phantastisches: Aus dem klobigen, plumpen Möbelstück mit Rissen im Lack dringen die reinsten, klarsten Töne. Diese Töne vereinigen sich zu langen Melodien, die bis unters Dach klingen. Didrik spricht mit dem Klavier, indem er mehrere Tasten anschlägt, und das Klavier antwortet Didrik, indem es seine verborgenen Töne klingen läßt. So kann Didrik sich stundenlang mit dem Klavier unterhalten. Er spielt leidenschaftlich und singt laut, denn im Haus ist niemand, der ihn hören könnte. I love you, I love you, I love you . . .

Da fliegt die Tür auf, und herein rauscht Ebba, ihr Freundschaftsbuch in der Luft schwingend.

»Wo kommst denn du her?« faucht Didrik.

»Ich wohne hier«, antwortet Ebba, legt sich auf den Fußboden und schlägt eine Seite ihres Freundschaftsbuches auf. »Ich muß dich was fragen.«

Die einzige Möglichkeit für Ebba, ihren Bruder zu treffen, besteht darin, sich ihm aufzudrängen. Sie wird nie in sein Zimmer eingeladen. Er erzählt ihr nie etwas.

»Mußt du unbedingt hier sein?« fragt Didrik gequält.

»Ich hab’ keine Lust, alleine drüben zu sitzen«, antwortet Ebba. »Nun hör mal, was ist deine Lieblingsfarbe?«

»Blau«, seufzt Didrik. Ebba schreibt »blau« in ihr Freundschaftsbuch. Didrik klimpert lustlos weiter.

»Dein Lieblingssänger?«

»Stevie Wonder«, antwortet Didrik.

»Das kann ich nicht schreiben, sag mir jemand anderen.«

»Auf keinen Fall«, protestiert Didrik.

»Weißt du, daß er blind ist?« fragt Ebba.

»Mmh.«

»Du kannst nicht so gut spielen wie er – und dabei auch noch mit geschlossenen Augen!« ärgert Ebba ihn.

Didrik starrt seine jüngere Schwester an. Dann kneift er die Augen zu, legt die Hände auf die Tasten und spielt. Ebba betrachtet zweifelnd ihren Bruder, wie der versucht, die richtigen Tasten zu treffen. Plötzlich reicht es ihr, sie klappt das Freundschaftsbuch zu, schiebt sich den Stift hinters Ohr und geht.

»Tschüs, ich verstehe sowieso nichts davon«, sagt sie und wirft die Tür hinter sich zu.

Erleichtert spielt Didrik weiter. Und nun geschieht es wieder. Wenn er in Ruhe und Frieden spielen kann, ist es, als hörte die Zeit auf zu existieren. Der Klavierschemel wird zu einem fliegenden Teppich und erhebt sich hoch in den Himmel, um über den Wolken zwischen herrlichen Winden zu tanzen . . .

Unverhofft wird die Tür erneut aufgerissen. Didrik erwacht aus seinen Träumen und wird unsanft auf die Erde zurückgeholt. Diesmal steht Papa in der Tür.

»Was machst du?« fragt er, und er sieht dabei müde aus.

»Klavier spielen«, antwortet Didrik.

Papa seufzt. Im Arm hält er eine Tüte mit Lebensmitteln. »Vielleicht kannst du mir statt dessen helfen, Essen zu machen?«

Didrik bleibt auf seinem Klavierschemel sitzen. »Ich spiele«, wiederholt er.

»Ich bin der Meinung, daß du damit jetzt mal aufhören solltest, Didrik«, sagt Papa freundlich.

Didrik hockt regungslos auf dem Schemel und atmet heftiger. Warum läßt man ihn nie in Ruhe Klavier spielen?

»Du klimperst ja doch nur. Wenn du wenigstens deine Lektionen üben würdest! Weißt du, was mich deine Klavierstunden kosten?«

Didrik kann nicht einmal mehr seufzen. Sein ganzer Protest besteht in einem ungeduldigen Gesichtsausdruck. Papas Bedingung dafür, daß sie das Klavier behalten, besteht darin, daß Didrik Unterricht nimmt und »ordentlich« zu spielen lernt, das heißt nach Noten. Aber Didrik möchte viel lieber das spielen, was ihm selbst einfällt. Er hat schon mindestens 10 Lieder verfaßt, doch es zählen anscheinend nur die Klavierstunden. Papa erklärt, »das Geklimper« sei »uninteressant«, und redet immer mal wieder davon, das Klavier zu verkaufen. Er findet, daß Didrik genausogut Fußball spielen könnte.

»Du solltest rausgehen und was Vernünftiges tun. Na los!« sagt Papa aufmunternd.

Didrik sitzt stumm da und starrt auf die Klaviertasten. Seine Backen röten sich. Papa merkt nichts davon, er dreht sich um und geht in die Küche. »Ich bin heute etwas früher nach Hause gekommen, weil ich das Mittagessen machen will. Ich werde dazu ein eigenes Curry herstellen! Wußtest du, daß Curry nicht ein Gewürz ist, sondern eine Mischung aus einer ganzen Menge verschiedener Stoffe? Das habe ich auch nicht gewußt, aber jetzt habe ich gelernt, wie man es macht. Willst du sehen, wie man Curry herstellt?«

Papa baut alle Zutaten in der Küche auf, glücklich wie ein Kind. »Kommst du?« fragt er und bindet sich die Schürze auf dem Rücken zu.

In Didriks Zimmer ist es immer noch still.

»Didrik?« ruft Papa. »Na, jetzt brauchst du doch nicht mehr sauer zu sein. Hilf mir lieber!« sagt er vergnügt, während er auf Didriks Zimmer zugeht.

Er öffnet die Tür. Das Zimmer ist leer.

»Was?«

Das Fenster steht offen. Didrik hat sich davongemacht.

3

Didrik springt den Hügel hinunter. Vor lauter Wut und Ärger läuft er ganz schnell. In seiner Brust spürt er einen dumpfen Schmerz. Warum müssen sie immer meckern, wenn er spielt? Warum darf er darüber nicht selbst entscheiden? Eines Tages, wenn er groß genug ist, wird er allein über sich bestimmen. Dann wird er spielen, so lange er will, und niemand darf ihm dabei reinreden! Aber bis dahin dauert es noch lange, unendlich viele Jahre und Tage.

Didrik überquert den Marktplatz und läuft weiter in Richtung Meer. Am Meer liegt eine Wiese, die von Steinen und Bootsschuppen eingefaßt ist. Die meisten Schuppen sind verlassen, aber in dem einen oder anderen findet sich noch ein kleines Boot. Es gibt einen speziellen Schuppen, zu dem Didrik geht, wenn er seine Ruhe braucht. Manchmal geht er dorthin, weil er glücklich ist, manchmal, weil er traurig ist. Er kann stundenlang dort sitzen und das Meer betrachten, wie es sich ununterbrochen bewegt. Dann ist es, als flössen Meer und Himmel durch ihn hindurch und machten ihn wieder stark. Zu diesem Schuppen ist er jetzt unterwegs.

Doch vorher muß er am Fußballplatz vorbei. Dort spielen Ruben, Alexander, Tova und die anderen Brennball. Tova macht gerade eine Freirunde, und ihre Mannschaft mit Ruben an der Spitze spornt sie lautstark an. Didrik hofft, daß er unbemerkt vorbeikommt. Er hat keine Lust, mit irgend jemandem zu reden. Aber Tova entdeckt ihn genau in dem Augenblick, als sie die Freirunde beenden soll. Ihre Augen beginnen zu strahlen, und sie rennt direkt auf Didrik zu.

Ruben rauft sich die Haare und schreit: »Tova! He, was machst du? Spinnst du? Komm zurück!«

Tova hört die Proteste nicht. Mit glühenden Wangen läuft sie zum Gitter, das den Fußballplatz umgibt.

»Didrik!« ruft sie. »Spielst du mit Brennball?«

Didrik geht außen am Gitter entlang, Tova läuft innen und wirft ihm Blicke zu.

»Bist du nicht gerade eine Freirunde gelaufen?« fragt er.

»Ja, aber das interessiert mich sowieso nicht mehr. Was machst du? Kann ich mitkommen?«

»Nein«, antwortet Didrik, ohne sie anzusehen. »Ich will meine Ruhe haben.«

Tova drückt sich ans Gitter und umklammert mit ihren Fingern die großen Drahtmaschen.

»Didrik . . .« bittet sie, und ihre Augenbrauen tanzen wie unruhige Vögel auf der Stirn. Aber Didrik reagiert nicht. Er geht einfach weiter.

»Didrik, bist du traurig?« fragt Tova. Ihre Stimme klingt zärtlich.

»Nein! Ich habe Zahnschmerzen!« faucht Didrik.

»Tschüs!«

»Tova!« schreit Ruben, daß seine Stimme umkippt.

»Komm endlich, Tova!«

Aber sie bleibt stehen und sieht zu, wie Didrik verschwindet.

»Didrik!« ruft sie.

»Tova!« ruft Ruben.

Didrik geht hinunter zur Wiese. Die Sonne glitzert im Meer, und der Himmel ist hoch und blau. Aber Didrik marschiert wütend vor sich hin, die Augen auf den Boden gerichtet.

Plötzlich hört er durch den Wind einen sonderbaren Gesang. Er bleibt stehen, legt eine Hand über die Augen und blinzelt. Ein fremder Mann steht bei Didriks Schuppen und singt etwas, das nach Oper klingt. Er breitet seine Arme mit leidenschaftlichen Gesten aus und wirft den Kopf hin und her, daß die dünnen Haare hinter den Ohren flattern. Dann, mitten in einer dramatischen Stelle, entdeckt der Mann Didrik.

»Aha! Ich sehe dich! Ich sehe dich! Komm nur her!«

Didrik geht vorsichtig auf den Mann zu. Dessen strahlender Blick verdunkelt sich, und nun betrachtet er Didrik unter gerunzelten Augenbrauen.

»Wer bist du?« fragt er schroff.

»Didrik Reng«, antwortet Didrik.

Sie sehen einander einen Moment lang an, dann streckt der Mann seine Hand aus und gibt sie Didrik.

»Kai Husell. Angenehm. Nun, wer bist du, Freund oder Feind?«

»Von wem?« fragt Didrik verwirrt.

»Natürlich von mir«, sagt Kai Husell.

»Freund«, erklärt Didrik.

»Und wie steht’s mit Euterpe?« erkundigt sich Kai Husell, und seine Augen blitzen und funkeln.

»Wer ist das?« fragt Didrik.

»Mein lieber Freund!« ruft Kai Husell und schüttelt den Kopf. Dann beugt er sich dicht zu Didrik hinunter. »Euterpe ist eine der neun Musen und die Beschützerin der Musik! Mit ihr stehe ich in Verbindung.«

»Wie denn?« fragt Didrik.

Kai Husell lacht ein leicht spöttisches Lachen. »Ich öffne meine Sinne; ich lasse meine Zunge wie ein schlaffes Steak im Mund liegen, atme tief ein, hisse mein Gaumensegel und lasse mich mit Euterpes bezaubernden Ideen füllen. So wird aus meinen vibrierenden Stimmbändern liebliche, göttliche Musik geboren!«

»Ach ja?« sagt Didrik.

Kai Husell streckt sich, faltet die Hände unter seinem kleinen Bauch, öffnet den Mund sperrangelweit und läßt zwei Töne aus seinem Rachen tanzen. »LA LAAAA . . . Nun ja, ich habe meistens ein wenig Probleme mit dem Gaumensegel«, entschuldigt er sich und schiebt seinen Schlipsknoten zurecht. »Außerdem neige ich dazu, die Kiefer zu verkrampfen. Ich müßte häufiger entspannen üben . . .«

Kai Husell läßt das Kinn bis zur Brust hängen, schiebt die Zunge über seine hängende Unterlippe und entspannt sein ganzes Gesicht. Dann beginnt er, den Kopf von einer Seite zur anderen zu schaukeln, wobei er im Kreis geht.

»Blö blö blö blö blö blö blööööö . . . ich soll Zunge und Kinn einfach nur hängen lassen . . . blö blö blö . . . so sollte ich immerzu reden, aber meine Frau hält nichts davon . . . blö blö blö blö blö . . . versuch du auch mal!« fordert er Didrik auf.

»Blö blö blö blö blö . . .« sagt Didrik mit einem gewissen Zweifel in der Stimme.

Kai Husell ist begeistert. »Genau! Genau so! Vielleicht bist du ein Naturtalent!«

Aber auf einmal wird er wieder ernst. Er setzt sich mit gedankenvoller Miene hin und bringt eine Thermoskanne zum Vorschein. Er gießt Tee in einen Becher, nickt Didrik auffordernd zu und schenkt ihm auch eine Tasse ein.

»Meine Frau«, sagt er. »Meine Frau, sie versteht mich überhaupt nicht. Sie fängt an zu weinen, wenn ich zu Hause singe. Dann wirft sie mit Gegenständen nach mir. Sie sagt . . . sie sagt, daß sie sich von mir scheiden lassen will, wenn ich nicht aufhöre zu singen. Ich glaube, sie ist eifersüchtig auf Euterpe und auf mein Talent. Kannst du dir etwas Hemmenderes für ein Genie vorstellen?«

Kai Husell sieht Didrik mit wehmütigen, ernsten Augen an. Didrik schüttelt teilnahmsvoll den Kopf.

»Darum singe ich meine Liebeslieder eben für die Möwen«, fährt Kai Husell fort.

Die Möwen, die über ihren Köpfen kreisen, stoßen spöttische Schreie und Gelächter aus.

»Aber eines Tages«, fährt Kai Husell fort, »eines Tages werde ich für die Massen singen. Du!« ruft er aus.

»Willst du meine Interpretation des Erlkönigs hören?«

»Ja . . .« sagt Didrik.

Kai Husell zuckt zusammen. »Willst du das? Oh, willst du das wirklich?«

Er stellt sich in Positur, um zu singen. Den Rücken kerzengerade, die Hände unterm Bauch gefaltet, den Blick auf den Horizont gerichtet, atmet er tief und sperrt den Mund auf. Und dann singt er. Das ist, als würde seine gesamte Gestalt von einer wunderbaren Kraft durchströmt. Er wirft den Kopf zurück und sieht vollkommen unbezwingbar aus. Plötzlich, mitten im Gesang, hört er auf und verbeugt sich tief. Didrik applaudiert.

»Danke, danke, Didrik, danke! Endlich jemand, der Ohren hat! Obwohl du nicht gemerkt hast, daß ich Roccos Arie aus Beethovens Leonore gesungen habe, weißt du, Fidelio, die Version von 1805. Hahaha«, lacht er. »da haben wir dich aber angeschmiert, Euterpe und ich!« Entzückt fischt er aus seiner Westentasche einen Notizblock und schreibt mit elegantem Schwung seinen Namen, um ihn dann Didrik zu geben.

»Hier hast du mein Autogramm. Du sollst es bekommen, Didrik, obwohl ich sonst aus Prinzip keine schreibe, damit ich den Sammlerwert nicht aufs Spiel setze. Aber du sollst eins haben. Bitteschön!«

»Danke!« Didrik nimmt dankbar den Zettel entgegen.

»Paß gut darauf auf. Kai Husell wird eines Tages weltberühmt werden«, gluckst der Sänger und singt eine jubelnde Tonleiter auf seinen Namen. »Kai Husell, Kai Husell, Kai Husell!«

In diesem Augenblick ertönt ein rauhes Hundebellen. Kai Husell erschrickt. Dann hört man noch einmal Gebell, und noch einmal. Ein großer Hund kommt über die Wiese gesprungen, auf Didrik und Kai Husell zu.

»Euterpe, Hilfe!« wimmert Kai Husell und sammelt eilig seinen Notenständer und all seine Notenblätter zusammen. Ohne Didrik auch nur noch eines Blickes zu würdigen, läuft er mit flatternden Noten unterm Arm davon.

»He, hallo . . .« ruft Didrik hinter ihm her. Doch anscheinend will Kai Husell keine Zeit mehr mit Höflichkeiten verlieren. Didrik sieht ihn verschwinden, den großen Hund auf den Fersen.

4

»Fransbertil – Fransbertil, komm zurück! Du verrückter Hund, komm her!«

Ein Mädchen rennt über die Wiese hinter dem Hund her. Fransbertil läßt Kai Husell in Ruhe und widmet sich statt dessen Didrik. Der Hund ist ein zottiger Riese mit freundlichen Augen unter einem gewaltigen Haarschopf. Seine Begrüßung für Didrik fällt so überwältigend aus, daß der zu Boden geworfen wird. Voller Begeisterung leckt der Hund ihm das Gesicht.

»Du brauchst keine Angst zu haben, er ist nicht erkältet«, sagt die junge Frau und lacht Didrik an, der unter dem Hund auf dem Boden liegt.

»Beruhige dich endlich, du verrücktes Vieh!« sagt sie, und der Hund setzt sich auf sein Hinterteil und schaut Didrik an, während der sich aufrappelt.

Didrik ist völlig überrumpelt. Das Mädchen trägt ein dünnes Sommerkleid und hat nackte Arme und Beine. Hinters Ohr hat sie einen kleinen Fliederzweig gesteckt. Sie ist hübsch, und sie lacht Didrik an. Didrik weiß nicht, was er sagen soll. Aber er muß nicht lange darüber nachdenken, denn sie ergreift selbst das Wort.

»Wohnst du hier?« fragt sie.

Didrik bejaht. Als er seine Stimme hört, ärgert er sich. Sie klingt so klein und hell.

»Aha. Weißt du dann vielleicht, wie es hier mit dem Postboten ist?« fragt das Mädchen.

Didrik versteht nicht, was sie meint.

»Was?« sagt er und ärgert sich noch mehr, nicht nur weil seine Stimme so hell ist, sondern auch weil er nicht versteht, was sie meint.

»Wann kommt die Post normalerweise?«

»Zu uns kommt sie so gegen zehn, glaub’ ich . . .« antwortet Didrik, versucht seine Stimme tief klingen zu lassen und runzelt nachdenklich die Augenbrauen.

»Darf ich hier sitzen?« fragt das Mädchen und ist schon dabei, sich neben Didrik zu setzen.

»Nein, ich bin erst zwölf!« platzt er heraus.

»Was hast du gesagt?« fragt sie verblüfft.

»Doch, natürlich. Bitteschön«, verbessert Didrik sich und rutscht etwas zur Seite, damit sie Platz hat.

»Ich bin oft hier«, sagt sie. Sie rutscht so nahe zu Didrik, daß ihm von ihrem Körper ganz warm wird. Sie zupft einen Grashalm los und kaut gedankenverloren auf ihm herum. Das Meer spiegelt sich in ihren Augen. Sie hat kleine Sommersprossen auf der Nase. Die Härchen auf ihren Armen leuchten in der Sonne. Sie duftet gut.

Didrik schluckt. Er räuspert sich. Er möchte etwas Interessantes sagen. Wenigstens könnte er doch, ganz spontan, ausrufen, daß er auch oft hier ist, denn das stimmt ja. Aber der spontane Ausruf bleibt ihm in der Kehle stecken. Da beugt sich das Mädchen zu ihm und sieht ihm tief in die Augen.

»Ist es immer derselbe Briefträger?«

Didrik bleibt stumm.

» . . . oder sind es viele verschiedene?« fährt sie fort.

»Ich weiß nicht«, antwortet Didrik. Er wünscht, daß er es wüßte.

Sie lehnt sich wieder zurück und schaut aufs Meer.

»Ich habe nämlich gedacht, daß es vielleicht Sommeraushilfen sind, die sich nicht überall auskennen. Ich weiß nicht, ich wohne ja sonst nicht hier. Ich bin nur zu Besuch«, erklärt sie.

»Wartest du auf etwas?« fragt Didrik.

»Ach, es ist nur ein Brief, den ich wahrscheinlich bekommen soll«, sagt sie. »Aber vielleicht bekomme ich auch gar nichts, und das ist eigentlich genausogut, denn der Brief ist bestimmt nicht sehr lustig. Es ist alles bloß albern! Ich weiß, daß es kindisch ist!« murmelt sie, mehr zu sich selbst. Dann spuckt sie den Grashalm aus und seufzt. »Ich bin viel zu sentimental, ganz einfach . . .«

»Jaha«, sagt Didrik. Etwas Klügeres fällt ihm nicht ein.

»Denk dir, wenn der Briefträger sich nicht zurechtfindet . . .« sagt sie.

»Wo wohnst du denn?« fragt Didrik.

»Ach, da hinten . . .« Sie winkt zerstreut mit der Hand. Didrik dreht sich um und versucht zu erkennen, was sie meint. Da schlüpft sie mit den Füßen in ihre Schuhe und steht auf. »Ich glaube, ich gehe zur Post und schaue nach, ob da ein Brief für mich liegt.«

»Findest du die Post?« fragt Didrik in der Hoffnung, ihr helfen zu können.

»Ja, ja sicher«, sagt sie. Sie pfeift nach dem Hund, der fröhlich aufspringt, nimmt ihn an die Leine und will gehen.

»Ist das dein Hund?« erkundigt sich Didrik schnell, damit sie noch einen Augenblick bleibt.

Tatsächlich bleibt sie stehen und guckt ihn an. »Gewissermaßen«, antwortet sie. »Er heißt Fransbertil, getauft nach dem Prinzen Bertil.«

Fransbertil schüttelt sich, daß die Lefzen schlackern. Schlatt, Schlatt, Schlatt, klingt das.

»Und wie heißt du?« fragt das Mädchen und schaut Didrik an.

»Didrik. Und du?«

»Yrla«, antwortet sie.

»Wirbeln?«

»Nein, Yrla.«

»Das klingt wie wirbeln«, sagt Didrik.

Sie lacht ein wenig. »Ja, ja, vielleicht sehen wir uns ja mal wieder«, sagt sie und macht Anstalten, endgültig wegzugehen.

»Sitzt du oft hier?« ruft Didrik hinter ihr her.

Sie bleibt noch einmal stehen. »Ja«, sagt sie. Dann zieht sie los.

»Tschüs also, Didrik«, sagt sie. Didrik schaut nur. Sie dreht sich um und winkt. Dabei lacht sie ihm über die Schulter zu.

»Tschüs, Didrik!« ruft sie wieder.

»Tschüs . . . Yrla!«

Er blickt ihr nach. Der Wind spielt in ihrem langen Haar. Yrla, denkt er, und ihr Name wirbelt in seinem Kopf herum. Da taucht unerwartet Tova auf.

»Wer war denn das?« fragt sie.

Didrik verdreht die Augen. »Ich weiß nicht«, antwortet er.

»Du hast doch mit ihr gesprochen«, bemerkt Tova.

»Nee.«

»Ich hab’ doch gesehen, daß du mir ihr gesprochen hast! Wo kommt sie her?«

»Ich weiß nicht«, sagt Didrik.

Tova sucht seinen Blick. »Kennst du sie?«

»Nee.«

»Was hat sie gesagt?« fragt Tova beharrlich.

»Nichts«, knurrt Didrik.

»Wie heißt sie?«

»Das kann ich doch nicht wissen!« schreit er.

»Weißt du denn gar nichts?«

Didrik seufzt laut. Tova schaut ihn mit großen Augen an. »Kommst du jetzt mit und spielst Brennball?« fragt sie vorsichtig.

»Nein«, erwidert Didrik kurz.

»Was machst du dann?«

»Hierbleiben«, sagt Didrik.

»Aber hier gibt’s doch nichts zu tun!« Zwischen Tovas Augenbrauen bilden sich unruhige kleine Grübchen.

»Doch«, sagt Didrik.

Tova überlegt, was sie noch sagen könnte – etwas, das ihn dazu bringt, sie anzusehen. Da kommt Ruben. Er bleibt ein Stück entfernt stehen und gestikuliert herüber. »Tova, nun mach schon!«

Aber Tova bleibt im Gras sitzen und schaut Didrik an.

»Tschüs«, sagt Didrik.

Sie senkt den Blick. »Tschüs«, sagt sie leise und geht zu Ruben zurück.

Als Didrik allein ist, entdeckt er eine Fliederblüte neben seinem Fuß. Vorsichtig hebt er die kleine violette Blume auf und verbirgt sie in seiner Hand.

5

Es ist Abend, und die Nachtigall singt ihr Lied in den Bäumen. Didrik hat seinen Schlafanzug angezogen, er will sich ins Bett legen und Tagebuch schreiben. Er kriecht unter das Klavier und tastet mit der Hand zwischen der Wand und dem Instrument entlang. Aber das Tagebuch ist nicht da! Erschrocken fährt er hoch, läuft zum Bett und hebt die Matratze an – dort ist es auch nicht! Er zieht jede einzelne Schublade aus der Kommode und wühlt in dem Durcheinander herum: Nirgends ist das Tagebuch zu finden. Er robbt unters Bett und untersucht die Kartons mit Steckdosen und anderem Krimskrams – wieder nichts.

Da wird die Tür aufgerissen, und Ebba trabt in einem blaugepunkteten Schlafanzug herein.

»Was suchst du?«

»Wer hat gesagt, daß du hereinkommen darfst?« schnauzt Didrik sie unterm Bett hervor an.

»Du. Das habe ich gehört. Was suchst du?«

»Wenn du nicht gehst, sobald ich bis drei gezählt hab’, dann werfe ich dich aus dem Fenster oder spül’ dich durchs Klo!« warnt Didrik und krabbelt ins Freie.

»Suchst du dein Tagebuch?« fragt Ebba mit süßer Stimme, setzt sich ans Klavier und beginnt zu klimpern.

»Ich habe kein Tagebuch«, murmelt Didrik.

»Das liegt nämlich da oben im Schrank!« triumphiert Ebba.

Didrik wirft ihr einen bitterbösen Blick zu, erklimmt einen Stuhl und wirft eine Menge Gerümpel aus dem Schrank.

»Ganz hintendrin. Unter einem Haufen Papier«, erklärt Ebba ihm. Und richtig, in der hintersten Ecke unter einem Papierstapel liegt das Tagebuch.

»Könntest du jetzt gehen?« zischt Didrik zwischen den Zähnen hervor.

Aber Ebba bleibt auf dem Klavierschemel sitzen und klimpert. »I love you, I love you . . .« singt sie ohne jeden Respekt.

Da reißt Didrik der Geduldsfaden. Er springt vom Stuhl, packt sie und schmeißt sie hinaus.

»Faß mein Klavier nicht mit deinen schmierigen Fingern an!«

»Was willst du schreiben? Was über Tova?« johlt Ebba.

»Du hast keinen Funken Anstand in dir! Wiedersehen!« Didrik drängt sie hinaus und knallt die Tür hinter ihr zu. Ebba wirft sich dagegen, trommelt mit den Fäusten und ruft: »Tova ist verrückt nach dir!«

»Auf Wiedersehen für immer und ewig«, gibt Didrik zurück.

»Miststück«, antwortet Ebba. »Mach auf, doofer Kerl! Doofer, doofer Kerl!«

»Haha! Du Wickelbaby!« brüllt Didrik, als es Ebba nicht gelingt, die Tür wieder aufzudrücken. Ebba ihrerseits schreit wie am Spieß. Zum Glück erscheint Papa und fischt sie auf.

»Na komm, mein Herzblatt, wir wollen gute Nacht sagen . . .« sagt er und trägt sie fort.

»Es bringt nichts, wenn ich nett bin. Ich habe nur versucht, ein bißchen freundlich zu meinem Bruder zu sein, damit wir irgendwas miteinander zu reden haben, und dann macht er so was. Ist das vielleicht nett?« murmelt Ebba, während sie sich in ihr Zimmer tragen läßt.

Didrik atmet inzwischen auf. Er verkriecht sich in seinem Bett und sucht eine leere Seite im Tagebuch. Vorsichtig legt er Yrlas Fliederblüte auf das Papier. Mit behutsamen Fingern klebt er sie fest und fängt dann an zu schreiben.

Heute hab’ ich ein Mädchen getroffen. Sie heißt Yrla. Yrla wie wirbeln. Sie ist nur zu Besuch hier. Hoffentlich fährt sie nicht weg. Ich möchte sie wiedertreffen. Wenn ich morgen genau zur selben Zeit wieder auf die Wiese gehe, ist sie vielleicht da. Sie war nett und irgendwie hübsch . . .

Weiter kommt er nicht, denn nun klopft es an der Tür. Schnell schlägt er das Buch zu und stopft es unter die Decke.

»Darf ich reinkommen?« fragt Mama.

Sie hat kleine Vögel an den Ohren schaukeln und die schönsten Augen, die Didrik kennt. Wenn alle anderen schreien und mit den Türen schlagen, bleibt Mama ruhig. Je lauter die anderen werden, desto leiser und beharrlicher spricht sie. Sie ist das Gegenteil von Papa – vielleicht damit das Gleichgewicht gewahrt bleibt. Papa springt hin und her, wedelt mit den Armen und redet so eifrig, daß er oft selbst den Faden verliert. Dann beruhigt Mama ihn, als wäre er ein Kind, und erinnert ihn daran, was er sagen und tun wollte. Mama ist stark und stolz. Wenn Didrik sie sieht, wird ihm innerlich immer ganz warm. Obwohl er ab und zu findet, daß es ganz schön wäre, wenn sie auch mal die Geduld verlieren und anfangen würde, die Türen zuzuschmeißen. Aber so ist sie eben nicht. Sie hat eine andere Geschwindigkeit in ihrem Körper. Die ist eher wie ein ruhiger, breiter Strom, der langsam, aber unerschütterlich fließt. Mama hat etwas Geheimnisvolles in ihrem Wesen. Vielleicht sind Didrik und sie sich sogar ein bißchen ähnlich.

Jetzt sitzt sie auf seiner Bettkante und streicht ihm lachend über die Wange.

»Willst du schlafen?« fragt sie.

»Mmh«, antwortet Didrik und lacht zurück.

Er schlüpft unter die Decke. Die harte Kante des Tagebuchs scheuert an seinem Bauch.

»Was hast du denn da?« fragt sie.

»Nichts«, antwortet Didrik.

Und Mama beharrt nicht auf ihrer Frage. Sie beugt sich hinunter und gibt ihm einen Kuß.

»Gute Nacht, mein Schatz«, flüstert sie, und die Vögel an ihren Ohren klingeln. Sie legt ihre Hand an seine Wange und schaut ihn mit ihren schönen Augen an, ohne etwas zu sagen. Dann steht sie auf. »Wir sehen uns morgen!« sagt sie und schließt die Zimmertür hinter sich.

Didrik schaut einen Augenblick lang auf die geschlossene Tür, dann zieht er das Tagebuch wieder hervor. Vorsichtig öffnet er es und legt es sich übers Gesicht. Er atmet den Duft der Fliederblüte ein. Vor allem aber riecht er Papier. Er konzentriert sich, so stark er kann, und denkt: Du mußt morgen dasein! Du mußt morgen genau zur gleichen Zeit auf die Wiese kommen! Du mußt dasein, Yrla!

6

Am nächsten Morgen steht Didrik vorm Spiegel und muß zwischen zwei Pullovern auswählen. Der eine ist blau, der andere ist rot. Er kann sich nicht entscheiden, welchen er nehmen soll. Der blaue ist ein bißchen zu eng, so daß man deutlich sieht, wie schmächtig Didriks Körper ist. Aber der rote hat die Farbe der Liebe; das könnte peinlich werden. Didrik wühlt in seiner Kommode. Zum Schluß holt er einen lilafarbenen Pullover hervor, und den zieht er an.

Er schaut auf die Uhr. Es wird höchste Zeit, zur Wiese hinunterzugehen. Yrla, denkt er, und ihr Name kitzelt in seiner Brust, daß ihm kalt und warm zugleich wird. Da steckt Mama den Kopf ins Zimmer.

»Hast du alles?« fragt sie und guckt, als müßte Didrik verstehen, was sie meint.

»Was?« fragt er und schaut sie dumm an.

»Wir wollen gleich losfahren.«

Mama verschwindet wieder. Vor Didriks Augen dreht sich alles. Losfahren? Wir wollen losfahren? Wohin wollen wir losfahren?

»Losfahren???« ruft er hinter ihr her.

»Wir machen doch heute einen Ausflug, hast du das vergessen?«

Didrik bleibt fast das Herz stehen. »Wann kommen wir wieder zurück?« fragt er.

»Irgendwann am Abend. Nun beeil dich!«

Didrik verstummt. Im Spiegel sieht er ein bleiches Gesicht mit Augen, die wild aus ihren Höhlen hervorstarren. Das geht nicht! Er kann nicht den ganzen Tag wegbleiben! Yrla könnte in dieser Zeit verschwinden – für immer!

Papa, Mama und Ebba stehen inzwischen in der Küche und packen den Ausflugskorb. Papa putzt sein Fernglas, Mama zählt Geld, und Ebba nascht an einem Hefebrötchen. Die Sonne scheint durchs Fenster, und die Stimmung ist vergnügt. Die Familie wird den ganzen Tag Zusammensein, ohne sich um die Zeit kümmern zu müssen. Papa redet munter drauflos: »Ich werde mal meine Kamera mitnehmen, und dieses Mal werde ich nicht den Film vergessen, und vielleicht sollten wir Badezeug mitnehmen, was hältst du davon, Lena? Denk dir nur, vielleicht können wir baden!«

In diesem Moment stürzt Didrik in die Küche. Er rollt mit den Augen, keucht und läßt die Zunge heraushängen wie ein kranker Hund. Dann läuft er genau gegen den Küchentisch, so als wäre er blind.

»Didrik!« ruft Mama erschrocken.

»Au . . . au . . . au . . .!« Didrik verzieht das Gesicht zu einer Grimasse.

»Didrik, was ist passiert?«

Didrik windet sich, als hätte er innere Schmerzen, und kneift die Augen zusammen, wobei er schreit: »Ich bin krank! Ich bin krank!«

Papa wirft ihm einen gleichgültigen Blick zu und fährt unverdrossen fort, einzupacken.

Didrik atmet so heftig, daß seine Lunge pfeift. »Ich krieg’ keine Luft mehr!« wimmert er kläglich und stößt gegen einen Stuhl. »Ich bin vergiftet!« fährt er fort und zuckt wie im Krampf. »Alles dreht sich vor mir! Ich seh’ nichts, es ist ein einziger Nebel! Ich kann nicht mitkommen . . .«

Ebba betrachtet forschend ihren Bruder. »Ich möchte nur wissen, was du eigentlich vorhast«, sagt sie mißtrauisch.

Didrik sinkt langsam auf einem Stuhl zusammen und stöhnt, als hätte er unbeschreibliche Schmerzen.

»Au . . . au . . . oh . . . au!«

»Also, langsam vergeht mir die Lust!« ruft Papa.

»Dann bleiben wir eben hier! Wir bleiben alle zu Hause!«

»Nein, ihr könnt losfahren«, protestiert Didrik. »Ich leg’ mich nur ins Bett. Fahrt ihr ruhig.« Sofort merkt er, daß er viel zu gesund klingt, darum bekommt er einen neuen, noch schlimmeren Anfall. »AU . . . AU . . . AU . . . AU . . . AU, SOLCHE SCHMERZEN!« Papa schaut ihn kurz an und beginnt dann entschlossen, den Ausflugskorb wieder auszupacken. »Na gut. Das war’s also.« Demonstrativ reiht er den Proviant, das Fernglas und die Kamera auf dem Tisch auf.

»Mußt du dich jetzt auch noch so kindisch aufführen, Fredrik?« fragt Mama.

»Ich bin nicht kindisch!« antwortet Papa erregt. »Ich hatte mich auf diesen Ausflug mit der Familie gefreut. Aber gut, gut, wenn ihr es so haben wollt – wir bleiben zu Hause. Macht euch keine Gedanken um mich!«

»Nein, fahrt doch. Ich will euch nicht daran hindern«, ächzt Didrik großmütig, während er sich weiterhin vor Schmerzen krümmt.

»Ach, ich habe auch keine Lust, den ganzen Tag im Wald herumzulaufen und mich zu Tode zu langweilen«, sagt Ebba.

Mama seufzt. Papa schaut zur Decke. Didrik atmet dramatisch.

»Didrik, nun reicht es mit den Dummheiten.« Wenn Mama so klingt, muß man auf der Hut sein. Aber Didrik verdreht die Augen und rutscht vom Stuhl zu Boden, wo er nun der Länge nach ausgestreckt liegt und heult: »Ich kann mich nicht rühren!«

Ebba platzt mit einem Riesengekicher heraus. Papa und Mama betrachten Didrik hilflos.

»Mein Blut gefriert!« Didrik versteift sich mit abgespreizten Armen und Beinen und weit aufgesperrten Augen. Ebba kullert neben ihn und kreischt vor Lachen.

»Wir bleiben hier, habe ich gesagt!« tobt Papa und macht Anstalten, die Küche zu verlassen.

»Was hast du vor?« fragt Mama.

Papa setzt eine beleidigte Miene auf. »Ein Video leihen.«

Er knallt laut die Türe hinter sich zu. Ebba versucht, mit dem Lachen aufzuhören. Didrik öffnet vorsichtig ein Auge und sieht Mama dastehen, wie sie, die Hände in die Hüften gestemmt, vor sich hinstarrt.

»Wir bleiben hier, habe ich gesagt!« ruft Papa, der gerade draußen am Küchenfenster vorbeigeht.

Kurz darauf läuft Didrik mit klopfendem Herzen durch den Ort. Beim letzten Hügel ist er so in Fahrt, daß der Schotter unter seinen Schuhen aufspritzt. Unruhig hält er unten auf der Wiese Ausschau nach Yrla. Ist sie gekommen? Ist sie wieder weggegangen? Ist sie auf dem Weg hierher, oder ist sie für alle Zeiten verschwunden?

Während er so läuft und schaut, entdecken ihn Ruben und seine beiden Anhängsel Alexander und Erik; die drei radeln gerade gelangweilt durch die Gegend. Aus Mangel an besserer Beschäftigung fahren sie drauflos, um ihm den Weg abzuschneiden. Als Didrik um die letzte Ecke biegt, stehen sie mit ihren Rädern wie eine Mauer vor ihm.

»Oho, was hast du es denn so eilig, bist du unterwegs zu deinem kleinen Klavierfräulein?« fragt Ruben.

Didrik kommt nicht weiter. Sie umringen ihn mit ihren Fahrrädern.

»Sollst du ihr deine goldigen Lieder vorspielen?« kichert Alexander.

»Nimm bloß Ohrenpfropfen zu deiner Liebsten mit!« tönt Erik.

»Macht Platz«, sagt Didrik und versucht sich vorbeizudrängen.

»Du bist es, der im Weg steht«, brummt Alexander und rückt drohend mit seinem Fahrrad näher. Dann fangen alle drei an, »I love you, I love you!« zu grölen. Ihre Münder sind weit aufgerissen, das einzige, was Didrik sieht, sind drei höhnisch lachende Öffnungen. Sobald er sich vorbeizudrücken sucht, hält ihn einer der drei mit seinem Fahrrad zurück. Ihre Stimmen werden immer schriller und ihre Augen immer boshafter. Sie fühlen sich stark, und etwas Grausames erscheint in ihren Gesichtern.

Da hören sie einen Hund bellen.

»Was macht ihr Feiglinge da? Verschwindet, sonst lasse ich den Hund auf euch los, und der beißt!«

Jäh verstummen alle. Yrla steht dort mitten auf dem Weg mit Fransbertil, der ungeduldig an der Leine zerrt und knurrt. Ruben, Alexander und Erik gucken sie dumm an. Sie ist hübsch, sogar wenn sie böse ist, denkt Didrik.

»Auf einen allein losgehen, das könnt ihr, ihr Feiglinge!«

Fransbertil knirscht mit den Kiefergelenken.

»Haut ab, sonst hetze ich den Hund auf euch!« Sie löst die Leine, und der Hund macht einen Satz auf die Jungen zu. Er bellt wie wild.

»Hilfe!« kreischt der freche Ruben jämmerlich und verschwindet als erster. Einen Augenblick später ist keine Spur mehr von den dreien zu sehen.

Didrik und Yrla lachen. »Haben sie dir was getan?« fragt sie.

»Nee, die wollten sich nur ein bißchen aufspielen«, antwortet Didrik und schielt zu ihr hinüber.

»Du bist heute also wieder da«, sagt sie.

»Ja, ich war gerade auf dem Weg, als das hier passiert ist«, erklärt Didrik mit gespielter Lässigkeit.

»Hm«, sagt Yrla und will offensichtlich mit Fransbertil weiter.

Didrik kramt fieberhaft in seinen Gedanken nach etwas, was er zu ihr sagen könnte. »Wie läuft es mit der Post?« fragt er.

»Was?« sagt Yrla.

»Ist ein Brief gekommen?«

»Nein . . .« sagt Yrla unbestimmt. »Ich muß jetzt nach Hause und Fransbertil zu fressen geben. Tschüs!«

Sie geht los. Aber Didrik will sie nicht fortlassen. Er hüpft hinter ihr her. »Ich habe gesehen, daß es im Laden ein Sonderangebot für Hundefutter gibt!« verkündet er.

»Ach ja«, sagt Yrla uninteressiert.

»Was für Futter frißt er denn? Trockenfutter, Frischfutter, Mischmasch oder Dosenfutter?«

»Er frißt alles mögliche«, antwortet Yrla und geht mit Fransbertil weiter.

Didrik blickt ihr nach. »Hilfe!« ruft er.

Yrla bleibt stehen und dreht sich verwundert um.

»Ich bin ausgesperrt!«

Sie sieht ihn an, wie er mit hängenden Armen dasteht und ganz verlassen dreinschaut.

»Ausgesperrt«, wiederholt Didrik. »Wirklich.«

»Ach ja?« Sie runzelt die Stirn.

»Und alle sind weg. Sie kommen erst heute nacht wieder«, sagt Didrik.

»Ja . . .« sagt Yrla. Sie denkt einen Augenblick lang nach. »Dann mußt du wohl für eine Weile mit zu mir kommen.« Didrik hüpft das Herz in der Brust.

»Das heißt, wenn du willst.«

Didrik verzieht das Gesicht, als müßte er überlegen, ob er wirklich Zeit hat, mit Yrla zu gehen. Dann zuckt er mit den Achseln.

»Tja . . . doch, ja, mir bleibt wohl nichts anderes übrig.« Er wirft Yrla einen unschuldigen Blick zu.

»Dann komm«, sagt sie.

Und Didrik geht mit Yrla den Weg entlang.

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