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Christiane Höhmann
Zeit wie Wasser
Roman

Für meine Mutter
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ISBN 9783865066060
© 2009 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: Getty Images
Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitate
TEIL I
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
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15
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TEIL II
1
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4
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6
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8
9
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11
12
Was du »Erlösung« nennst,
gehört in die Zeit vor dem Tod.
Kabir
»In jedem meiner Stücke bin ich bis jetzt
am Ende gestorben. Aber ich finde das einen sauberen Schluss.«
Gardi Hutter, die Clownerin
TEIL I
1
Mutter war tot. Weiß lag sie im Krankenhausbett, als er den Raum betrat, sie röchelte nicht mehr, lag nur da, die Hände auf der Decke.
»She passed away«, der englische Ausdruck traf es am besten. Die Worte stammten von einer Ansichtskarte, die er einmal aus England bekommen hatte. Die Karte war nicht für ihn bestimmt gewesen, sie sollte an einen Oliver Stein in der Nachbarschaft gehen, aber Henry konnte sie nicht wieder hergeben. Sie zeigte einen Kirchturm mit einer alten Uhr, über deren Zifferblatt stand: »For our time is a very shadow that passeth away.«
Man konnte es Mutter nicht übel nehmen, dass sie gegangen war, das sowieso nicht, dachte Henry.
Und heimlich war er froh, dass es nicht zu Hause in der Badewanne passiert war. Was hätte er machen sollen, wenn er sie, wie immer beim Baden, im Arm gehalten hätte und mit der freien Hand gewaschen und sie plötzlich ihren letzten Schnaufer gemacht hätte? Hätte er sie dann ins Wasser rutschen lassen müssen, bevor er den Stöpsel ziehen und das Wasser ablaufen lassen konnte? Oder hätte er um Hilfe rufen müssen, dabei warten, dass jemand die Haustür aufbrach, ins Badezimmer rannte und ihn da so knien sah, im Arm die nackte, tote Frau, die immer schwerer wurde? Es war schon gut so, wie es passiert war.
Mutters Haus war groß, er war mit eingezogen, als sie sich nichts mehr zu essen machte, und dann hatte er seine Arbeit bei einer Versicherungsgesellschaft aufgegeben.
»Du mit deiner Schafsgeduld, Henry«, hatte Wilhelm gesagt, »du machst das, bist außerdem der Jüngere.« Henry hatte ihn nur angesehen. Wie war das bloß möglich gewesen, dass Wilhelm ihn, Heinrich Brosche, einfach Henry nannte und dann sein Leben lang dabei blieb? Aber den Gefallen würde er ihm nicht tun, mehr als das Nötigste mit ihm zu reden oder ihn gar »Willi« zu nennen.
Der Umzug war kein großes Problem. Die wenigen Möbel, die sich Henry im Westen angeschafft hatte, ließ er einfach in seiner Wohnung stehen. Er nahm nur seine Bücher und Schallplatten und seinen Kleiderschrank samt Inhalt mit.
Ihm blieb sein Auto. Jeden Samstag nach dem Hausputz überprüfte er, ob noch alles funktionierte, ob der Wagen sauber und startbereit in der Garage stand, in der Woche träumte er, darin zu sitzen, mitten in der ruhigen, leicht nach Kunststoff riechenden Eleganz des Cockpits, er dachte an das Summen des Motors, wenn er ihn startete und sanft beschleunigte, und daran, wie er sich weich in die Kurven legte. Immer noch staunte Henry über den Luxus, den ein solches Gefährt in sein Leben brachte. Eigentlich hätte er auch jetzt das Auto regelmäßig bewegen können, Hella Schulze, die Nachbarin, bot ihm an, nach der Mutter zu schauen, aber er lehnte ab. Der Tag, an dem er an den See fahren würde, musste vorbereitet sein.
Als dann die Mutter aufhörte, nach ihm zu rufen und ihren Tee zu verlangen, wusste er, dass es bald so weit sein würde.
Der Tag nach der Beerdigung war ein Frühlingstag, sonnig mit kleinen Wolken, er sah die Cabrios vor den Häusern, die Nachbarn fingen an, die Erde in den Vorgärten aufzulockern.
Einige Zeit fuhr er die Landstraßen entlang, bemerkte neue Schnellstraßen auf Brücken und Fahrradwege an den Seitenrändern, Wälder, an die er sich nicht erinnerte.
Als die blasser werdende Sonne hoch stand, zögerte er an jeder Kreuzung: Sollte er umkehren? Aber hinter der nächsten Kurve musste der See sein, und er konnte doch jetzt nicht aufgeben. War das Wasser nicht schon zu riechen? Stieg ihm nicht schon eine Mischung aus Algen und trockenem Ufergras in die Nase?
Und dann war es so weit. Hinter der letzten Kurve breitete sich die spiegelnde Fläche vor ihm aus.
Henry hielt am Straßenrand und schluckte.
Hellgrünes Laub vor dem glitzernden Wasser, rotbraune Dächer, ein grauer Zwiebelturm, alles andere blau und glänzend, wasserblau, bergblau, himmelblau!
»Stadt am See« stand auf dem Schild. Er würde durch die Straßen schlendern und einen Kaffee trinken. Danach zur Uferpromenade. Kann man hier angeln? Früher war er an keinem Gewässer vorbeigegangen, ohne nachzuprüfen, welche Möglichkeiten zum Angeln es bot. Aber das war lange vorbei.
Den Ortskern wollte er nicht anfahren, er würde sein Auto gleich hier in einer der Siedlungen am Rand abstellen und den Fußweg in die Innenstadt suchen. Sorgfältig überprüfte er den Standort: kein Parkverbot, keine Parkuhr, Parkscheibe nicht erforderlich. Sein Auto hatte keine Zentralverriegelung, er stand einen Augenblick lang unschlüssig, während sein Blick den sauberen Seitenspiegel streifte, schloss noch einmal auf und nahm den Stockschirm von der Rücksitzbank. Wie lange hatte er diese Stadt schon besuchen wollen?
Hier gab es viele Cafés und einen Buchladen. Sorgfältig wählte er ein Buch aus, das mehr Fotos enthielt als Text. Lange hielt er es in den Händen und blätterte darin. Hier gab es Bücher, die auf keiner Bestsellerliste standen und auch nicht gerade erst erschienen waren.
In den letzten Jahren hätte er jedes von ihnen online bestellen können, aber das war ihm nicht möglich.
Er musste an Büchern riechen, um zu wissen, ob sie in sein Leben passten. Wenn er eines kaufte, hatte er heimlich Angst, es könnte so gut sein, dass er es mit niemandem teilen wollte. Es durfte von keinem anderen Menschen gelesen werden, es musste ganz und gar seines sein. Die Vorstellung, dass er mit dem Buch nicht alleine wäre, machte ihm den Kauf schwer.
Henry zahlte und steckte das Buch mit dem glänzenden blauen Umschlag in seine Jackentasche.
Als es zu regnen begann, ging er zum See. Durch den Regen roch es nach Wiesen, nach Kindersommern an der Elbe oder am Coswiger Weiher. Er bückte sich nach einem Steinchen, das über das Wasser schnellte. Hatte er das früher auch getan?
Plötzlich legte er den Schirm auf eine verlassen dastehende Bank an einem Spielplatz und lief ohne nachzudenken los. Seine Beine, die Füße, alles geriet in Bewegung. Er probierte, wie es war, mit den Armen zu schlenkern, im Takt der voranlaufenden Beine. Stehen bleiben und die Arme um sich werfen, bis es ihn schwindelte. Gut, dass ihn keiner so sehen konnte. Als sich sein Atem beruhigt und er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, gab es die Stadt nicht mehr, nur noch den Himmel und den See.
Plötzlich fing die Wasserfläche an, in sich zusammenzufallen, sie wurde kleiner, die Ränder unscharf. Henry erschrak. Es waren hundertzwanzig Kilometer bis nach Hause. Im Dunkeln zu fahren, hatte er verlernt.
Er drehte sich um und hastete auf die Häuser zu. Das Café, in dem er gesessen hatte, die Buchhandlung, die Drogerie an der Ecke. Alle Geschäfte geschlossen, die Straßen verlassen.
Dort, diesen Hügel hinauf musste er gehen, dann rechts in die Seitenstraße einbiegen. Oder links? Er keuchte. Der Berg war ihm nicht so steil in Erinnerung gewesen, der Regen wurde kalt.
Diese schmale, das musste die Straße sein, er ging sie hinauf und hinunter, trat mit letzter Kraft wieder auf die Bergstraße und bog nach rechts ab. Am Ende einer Gasse ließ sich Henry auf eine Bank fallen. Die stand heute Nachmittag noch nicht da, dachte er, nein, er war vorhin nicht hier gewesen, er war noch nie hier. Erschrocken schaute er auf die Uhr. Hier gab es einen Bahnhof, eine Eisenbahn oder S-Bahn, er wusste es nicht genau. Aber lange würde sie abends nicht fahren.
Er würde morgen wieder kommen und dann in Ruhe und ohne den Regen herausfinden, wo sein Auto stand. Henry hatte Glück. Der letzte Zug ging um acht Uhr, er würde eineinhalb Stunden später zu Hause sein. Im Abteil lehnte er sich an das Fenster. Bevor er einnickte, lauschte er auf die seltsame Melodie in seinem Inneren.
Am nächsten Tag war er gegen Mittag am See. Wilhelm hatte ihn am Telefon festgehalten, er wollte wissen, wann sie Mutters Möbel verteilen würden, »heute nicht, heute geht es nicht«, sagte Henry.
»Wann denn?«, Wilhelm wurde aggressiv.
»Ich rufe dich an.«
Das hatte ihn zwei Stunden gekostet, der erste Zug wäre um acht gegangen, der zweite um zehn.
Auf den See war neues Licht gefallen.
Bataillone von Schaum, kein Schiff, dachte Henry. Und: Ich muss mir einen Stadtplan besorgen.
Nach wenigen Wochen kannte er fast alle Straßen der Stadt am See, die Geschäftsleute grüßten ihn auf dem kurzen Weg vom Bahnhof, wenn er an den Schaufenstern vorbeikam. An der Uferpromenade setzte er sich auf die Bank neben seinen Schirm und breitete den Stadtplan aus. Ein neues Wohngebiet würde er sich heute ansehen, diesmal das auf der rechten Seite der Ortseinfahrt.
»Was machst du da?«, hatten die Kinder am Anfang geschrien, trampelnde Füße und tanzende Rucksäcke vor seinen Augen, und er hatte stumm auf seine Karte gedeutet. Dann hatte er ihnen zugeschaut. Die Schaukel auf dem Spielplatz quietschte bei jedem Auf_ und Abschwingen. Meistens saß Franz auf der Schaukel, wenn sie zu quietschen begann. Um halb eins, wenn die junge Frau vom Kiosk ihn hineinrief, verlor das Quietschen den Takt, Füße schleiften durch die Pfützen am Boden, kleine Hände rutschten die Seile hinunter.
Nach vier Wochen musste sich Henry eine Monatskarte für die Bahn besorgen, das Geld wurde knapp. Niemand hatte sein Auto gesehen oder davon gehört.
Im Kaffeegeschäft an der Promenade kaufte er sich um die Mittagszeit einen Kakao, beim Bäcker, der um eins schloss, ein Brötchen. Von Tag zu Tag wurde es heißer und bewegten sich die Kinder weiter vom Spielplatz weg in Richtung Seeufer. Dort gab es die schönsten Steine.
Wilhelm hatte Mutters Haus leer geräumt. Er war in Henrys Abwesenheit hineingegangen und hatte sich den Kleiderschrank und das Esszimmer genommen. Auch Mutters Bett.
Das Grün der Bäume war einem erschöpften Mattgold gewichen, als Henry zum letzten Mal auf der Bank saß.
Ich muss dem See nur nahe genug kommen, dachte er. So nahe, dass dieser nicht mehr schweigen will.
In der letzten Nacht hatte er wieder einen Traum gehabt. Aber diesmal hatte er nicht von Mutter geträumt, sondern von dem kleinen Jungen, der wie immer auf der Schaukel saß. Plötzlich wurde das Quietschen leiser, das leere Brett schwang auf und ab, der Junge stand auf dem Badesteg. Er legte ein Bein auf das Geländer, das den Steg sicherte. Mühelos zog er seinen Körper nach und hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest. Er schaute nach unten und schwankte. Vor und zurück. War es ein Spiel? Endlich sprang Henry auf. Den Blick auf den Boden, lief er, lief am Ufer weiter und weiter. Er hielt nicht an. Er zog den Jungen nicht zurück.
Das passiert mir nicht noch einmal, dachte er, als er aufwachte, noch einmal renne ich nicht weg. Diesen Jungen werde ich nicht verlieren.
Sein Auto fand sich am toten Ende einer kleinen Stichstraße, nicht weit vom Ortseingang entfernt. Ein Anwohner hatte sich bei der Stadt über den Dauerparker beschwert, einen grünen Astra mit schwarzen Sitzen.
Der Mitarbeiter des Ordnungsamts, dessen wichtigste Aufgabe es in diesem Sommer war, den Halter des Wagens zu ermitteln, fand Henry und Franz am Seeufer. Sie standen im Wasser und warfen Steinchen über die glitzernde Fläche.
2
An dem Morgen, als sein Auto wieder in der Garage stand, ging Henry zum Friedhof, in der Hand Mutters kleine Messingkanne.
Die bescheuerten Friedhöfe liegen immer im Schatten, dachte er am Eingangstor, und jedes Mal vergisst man es wieder, bis zur nächsten Beerdigung. Er fröstelte. »Nimm dich zusammen, Henry, du bist doch kein Weichei«, sagte er halblaut.
Auf dem Weg hierher hatten sich seine Beine anders angefühlt als gewohnt, er musste die Füße nicht sorgsam über den Boden heben, Schritt für Schritt, sie tappelten über den Asphalt. Sie tappelten? Das Wort weckte Erinnerungen. Die Mutter hatte es gebraucht, wenn sie am Fenster saß und auf die Straße schaute. Die Kinder tappelten zum Spielplatz und zurück. Erwachsene tappeln nicht.
Doch, heute schon, Henry beobachtete seine Füße scharf, während er weiterlief.
Gestern, auf der Heimfahrt vom See, hatte er sich auf nichts so sehr gefreut wie auf das Erzählen. Die Stadt am See, die Schaukel, der Steg, Franz. Und schließlich diese Mischung aus Beschämung und Freude, sein fassungsloses Ein_ und Ausatmen, als er sein Auto wiedersah, die Tür aufschloss und sich hinter das Steuer setzte.
Sonne und Wind, Spazierengehen durch den Ort im Regen, Wörter, Ausdrücke, Sätze, alles sammelte und ordnete sich in seinem Kopf, wurde zu einer Geschichte – bis ihm einfiel, dass Mutter nicht mehr da war. Verstorben. Ihr Bett verschwunden.
Ich habe immer auf sie hin gelebt, dachte er. Alles gewann Bedeutung, wenn er es ihr erzählte. Dabei war die Zeit doch lange vorbei, in der ihr Urteil wichtiger gewesen war als seines. Doch, dachte er jetzt wieder, ich habe alles auf sie hin getan.
Sein Lächeln erlosch. Er hatte Wilhelm gebeten, sich um die Pflege des Grabes zu kümmern, aber die drei Petunien, die der gesetzt hatte, waren über das Rechteck gewuchert und längst verwelkt. Die Begrenzungen des Grabes waren gar nicht mehr zu erkennen. Er würde sich selbst darum kümmern müssen, auch darum.
Henry bückte sich und zog an einer der Pflanzen.
Eine Geschichte fiel ihm ein, die er kürzlich in einer Zeitschrift gelesen hatte. Oder stand sie in einem seiner neuen Bücher?
Ingo aus Altenburg, dachte er plötzlich, bei ihm habe ich sie gelesen, in dem Buch mit den Erzählungen:
Ein Mann steht am Grab seiner Mutter und stellt der Verstorbenen eine Frau vor. Er habe auch endlich eine Lebensgefährtin gefunden, erzählt er stolz. Und wie ähnlich sie der Mutter doch sei, dabei deutet er auf die Frau mit dem gelangweilten Blick neben sich.
Als er mit ihr den Friedhof verlässt, drückt er ihr fünfzig Euro in die Hand und beide gehen in unterschiedliche Richtungen davon.
Henry lachte. Beim zweiten Versuch ließ sich die Pflanze mit einem Ruck herausziehen.
»Hella Schulze hat sich die Haare blond färben lassen«, sagte er, während er sich zur nächsten Blume herunterbeugte.
»Und Wilhelm hat rübergemacht nach Meißen.« Rübergemacht, dachte Henry plötzlich, so nannte man das damals, wenn jemand in den Westen verschwand. Rübermachen geht jetzt auch rückwärts. Er lachte und bückte sich wieder auf das Grab. »In meiner alten Bude ist er jetzt. Zu Marie könnte er nicht mehr zurück, hat er gesagt. Vielleicht will sie sich scheiden lassen.«
Wilhelms Scheidungen konnten Mutter nicht mehr aufregen. Daran war sie gewöhnt.
Henry sah auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn, neuerdings schwitzte er schon, wenn er sich nur ein bisschen bewegte. Dabei schien nicht einmal die Sonne. Der Wind ließ die Bäume am Weg rauschen. Er schaute nach oben. Wolken brauten sich über den Baumkronen zusammen, er musste zurück.
Morgen würde er auf dem Weg zum Friedhof beim Gärtner vorbeifahren.
Das Haus war still. Und leer. Ich kann froh sein, dass Wilhelm mir nicht auch noch mein Bett weggenommen hat, dachte Henry. Und den Küchentisch, an dem er sein Abendbrot einnahm, zwei Scheiben Brot, eine mit Honig, eine mit Käse.
Aber das Brot rutschte nicht. Er hatte keinen Appetit. Henry legte die Hand auf den Magen. Dann nahm er sich eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank.
Er pflanzte Astern auf das Grab und leuchtende Chrysanthemen, harkte, goss und erzählte der Mutter, was sie nicht wissen konnte, weil sie nicht mehr aus dem Wohnzimmerfenster schaute.
Es war viel. Ständig passierte etwas, jemand lief die Straße entlang, den er nicht kannte, Autos fuhren langsam, weil man im Wohngebiet neuerdings dreißig fahren musste, die Kinder gingen seltener in Richtung Park, seitdem sie nachmittags Schule hatten.
Einmal flogen Tauben auf von der Straße, glänzend, verheißungsvoll wie junge Schwalben, Silbervögel in der Sonne, vor der Kirche.
Tims Vater hatte Tauben, dachte Henry. Wieso fiel der ihm jetzt ein, in diesem Moment, an Mutters Fenster?
Tim, sein Freund von vor über vierzig Jahren, damals in Coswig. Er lehnte sich an die Fensterscheibe.
Tims Eltern waren nie weggefahren. Wer Brieftauben züchtet, kann nicht weg von zu Hause. Nicht dass Henrys Familie in den Urlaub gefahren wäre, aber sie hatten doch immer das Gefühl gehabt, dass sie fahren konnten, wenn sie es nur wollten. Und er war ja auch jedes Jahr im Ferienlager gewesen und später dann in Ungarn.
»Schulzes haben einen Hund«, erzählte er ein paar Tage, nachdem er mit dem Pflanzen fertig war, »einen Golden Retriever, er heißt Daisy, nein, sie heißt Daisy«, obwohl er sich für Hunde nicht interessierte, hatte er sich von Hella Schulze Rasse und Namen nennen lassen. Die würde Mutter wissen wollen.
»Erinnerst du dich noch daran, wie du die Allergie hattest?«, fragte er übergangslos. »Mich juckt es jetzt auch ständig. Das wird doch nicht vom Hund sein? Nein, ich glaub das auch nicht, ich hab ihn doch gar nicht angefasst.« Und der Magen, dachte er, den spüre ich ständig.
Von den leeren Stellen im Haus, wo Mutters Möbel gestanden hatten, sagte er nichts. Er würde die Lücken auch nicht füllen. Niemand würde mehr etwas im Haus der Mutter anrühren, solange er da war, das zu verhindern.
Wenn er auf dem Friedhof fertig war, ging er in die Stadt. Immer hatte er darauf geachtet, dass er seine tägliche Routine genau einhielt, und seitdem er nicht mehr arbeiten ging, war dies wichtiger als jemals zuvor. Am Morgen fuhr er mit dem Fahrrad zum Einkaufen. Zwei Mal am Tag ging er Kaffee trinken. Nach dem Friedhof zu Karstadt, am Nachmittag in einen der modernen kleinen Läden, die nur wenige Sitzplätze im Thekenbereich hatten.
»Den 1,50er«, sagte er, wenn er das Starbucks betrat.
Den Kaffee für eins fünfzig gab es schon lange nicht mehr, er war offensichtlich ein Lockangebot bei der Eröffnung des Cafés gewesen. Aber das Mädchen hinter dem Tresen lächelte und hielt schon eine Tasse an die Maschine, wenn sie ihn vor der Tür stehen sah.
Zwei Mal am Tag Kaffee trinken zu gehen, hatte er Herbert auch empfohlen, als der Rentner wurde und dann auch noch seine Frau auszog. Genau die Hälfte des Hausstandes nahm sie mit, ebenso wie sie vorher genau die Hälfte bewohnt hatte, erzählte Herbert, immer genau die Hälfte der notwendigen Lebensmittel eingekauft und nach Möglichkeit auch immer nur ihre Hälfte verbraucht hatte.
Statt mit Henry Kaffee trinken zu gehen, fing Herbert nach dem Auszug seiner Frau an, zwei Mal am Tag die Eckkneipe aufzusuchen. Das erste Mal nach dem Frühstück – sechs Pils und ein Korn, 10 Euro, das zweite Mal vor dem Abendbrot – sechs Pils und ein Korn. Vorher hatte Herbert sein Bier zu Hause getrunken und auch erst abends damit angefangen.
Wie konnte man nur dieses Gesöff so hemmungslos in sich hineinschütten?, dachte Henry. Hin und wieder einen Wodka auf Eis, der machte das Leben schöner. Aber niemals vor fünf Uhr.
Eines Abends, nach dem zweiten Wodka, sagte Mutter zu Henry, dass er nicht gut rieche. »Wodka riecht doch gar nicht«, sagte er, aber er kaufte keine neue Flasche mehr.
Nach dem Starbucks ging er ins Internetcafé. Das letzte seiner Art in dieser Stadt befand sich in der Bahnhofstraße. Anscheinend war er einer der wenigen Einwohner dieser Stadt, die noch keinen Internetanschluss hatten und trotzdem online gingen. Murats Landsmänner benutzten das Café auch zum Telefonieren.
Murat winkte ihm am Eingang zu, ohne seine Zigarette hinzulegen, er schaltete wie immer die Nummer 1 frei.
Henry ging durch den dämmrigen Laden und setzte sich auf den Drehschemel vor dem Computer.
Links neben ihm standen Menschen verschiedener Nationalitäten in kleinen Telefonabteilen, rechts saßen Einzelne mit gesenkten Köpfen vor den Bildschirmen. Hier hatte noch niemand etwas vom Rauchverbot gehört, überall qualmte es.
»Billig telefonieren, rund um die Welt«, hatte Murat mit ungelenker Schrift quer über das Schaufenster geschrieben. Neben Henry mischten sich Stimmen, leises Murmeln, das immer wieder übertönt wurde durch heftige Laute, die jemand in seinen Hörer rief, in einer Sprache, die Henry nicht kannte.
Wenn er in sein Mailprogramm gegangen war, oft nur, um festzustellen, dass er nur Werbepost erhalten hatte, genehmigte er sich den Besuch auf ein paar schönen Seiten, darunter nur selten solche, die er sofort schließen musste, wenn Murat hinter ihn trat, »mein Freund« sagte und ihm auf den Rücken klopfte.
Am Ende ging er auf die Seite Google Earth. Mit wenigen Mausklicks bewegte er sich in seiner Heimat die Straßen entlang, die er als Junge gegangen war, über dem Elternhaus hielt er für eine längere Zeit an, dann über dem Nachbarhaus. Manchmal fuhr er auch mit dem Zeiger der Maus nach Meißen oder Dresden, oft blieb er einfach an einer der Brücken an der Elbe stehen. Eine Stadt muss einen Fluss, ein Ufer, eine Uferpromenade haben. Erst der Fluss gibt der Stadt ihr Gesicht.
Wenn er von diesen Reisen zurückkehrte, wusste er sekundenlang nicht mehr, wo er war und was er in dem verrauchten, überfüllten Raum tat, wo von kleinen Tischen hinter grauen Maschinen Menschen mit dunklen Augen den Blick vom Bildschirm hoben und ihn ansahen, wenn er plötzlich aufstand.
3
Die Zeitung las er nach dem Frühstück von Anfang bis Ende durch, selbst, wenn ihn die Nachrichten und Berichte anödeten. Es reichte, die Artikelüberschriften von einem Tag zu lesen, um im Sessel zur Seite zu kippen, fand er, während er blätterte und dabei vor sich hin murmelte.
Startschuss für die Lesehasen
Licht von allen Seiten
Ein Tag für alle Kinder
So geht Sudoku
Einkaufen wie an der Wolga
Altersversorgung kommt teuer
CDU-Stil gescheitert
Mit Liste und Dose von Haus zu Haus
Tresorknacker unterwegs
Kinder erleben den Wald
Upps, komm Zähne putzen
Wir trauern um …
Hier stutzte er. Ein Name sprang ihm ins Gesicht. Fett gedruckte Zeilen wurden löchrig und verschwammen vor seinen Augen.
Günter Fiedler, stand da. 1949–2008. Günter Fiedler? Ja, das kam hin. Günter war der Nachbar von gegenüber. Früher war er oft stehen geblieben, bevor er in sein Auto stieg, um zum Dienst zu fahren. Er hatte sich an den Gartenzaun gelehnt, herübergegrüßt und manchmal mit der Mutter am Fenster ein Gespräch begonnen. Abends hatte Henry auch mal neben ihm am Tresen im Willi’s gestanden. Und war das nicht erst zwei Wochen her, dass Henry Günter im Supermarkt gesehen hatte?
Er dachte an den Blick, den der ihm im Eingangsbereich des Geschäfts zugeworfen hatte, als er ihn erkannte. Ein merkwürdiger Blick, unter dem sich Henry über die Haare strich. Er war doch gekämmt, das Hemd steckte in der Hose, die Hose hatte keine Flecken? Früher hatten ihm andere Blicke zugeworfen, eklige, geile Typen, die ihm auch schon mal in der Straßenbahn über den Rücken strichen und zwischen die Beine fassten. Es hatte eine Weile gedauert, bis ihm dämmerte, dass sie ihn für »andersherum« hielten. Ekelhaft, dachte Henry. Seitdem konnte er es nicht mehr gut aushalten, wenn er angestarrt wurde.
»Nach langer Krankheit.«
Günters Blässe war also kein Zufall gewesen. Und jetzt war er tot. Keine Abschiede, dachte Henry, keine Abschiede. Einfach so davongehen. Über die Mauer springen. So ist es richtig, so würde er es auch machen. Plötzlich spürte er wieder seinen Magen. Er hielt die Hand dagegen. Heute würde er nichts essen. Auch kein Müsli zum Frühstück und keine Gemüsesuppe zu Mittag. Ein Fastentag.
Als er im Keller die Wäsche in die Maschine stopfte, klingelte das Telefon. Er fluchte leise, ließ die Wäschestücke fallen und lief die Treppe hoch. Der Hörer war nicht an seinem Platz auf dem kleinen Tischchen im Wohnzimmer. Wo hatte er ihn hingelegt? Das dringender werdende Geräusch führte in Mutters Zimmer, zu ihrer Frisierkommode. Das Klingeln hörte auf. Auf dem Weg in die Waschküche setzte es wieder ein, Henry zog den Hörer vorsichtig aus seiner Hosentasche.
»Hallo?«, sagte er keuchend, »hallo?«
»Oh, ist da Brosche? Heinrich Brosche?«
»Ja«, sagte Henry, »und wer zum Teufel sind Sie?«
»Tobias Grün«, war die Antwort, »gut, dass ich Sie erreiche, wir machen eine Meinungsumfrage. Sie kennen doch sicher die Sender ARD und ZDF und auch RTL? Günter Jauch?«
Der Lautsprecher am Gerät war angestellt, die Stimme so durchdringend, dass Henry den Hörer vom Ohr abhalten musste.
»Hören Sie«, sagte Henry gefährlich ruhig, »Sie wissen doch, dass Werbeanrufe verboten sind?«
Der Mann machte keine Pause, er schnappte nicht nach Luft und zögerte keinen Moment, wie sie es manchmal taten, die vermeintlichen Meinungsforscher aus den Callcentern, wenn Henry seine Frage stellte.
»Sicher weiß ich, dass Werbeanrufe verboten sind«, Tobias Grüns Stimme hallte im Waschkeller wider, »aber was soll ich denn machen, es ist doch mein Job!«
»Such dir was Legales, mein Guter«, sagte Henry und drückte auf den Ausknopf.
Drei bis fünf Werbeanrufe in der Woche, dazu ein heiß gelaufenes Faxgerät, das immer wieder die gleiche Werbung ausspuckte. Zettel mit Tannenbäumen darauf, jeweils zwei Tannenbäume in einer Reihe nebeneinander. Man wusste nicht einmal, wofür da geworben wurde. Ein Jagdgrundstück zu vermieten? Abtransport alter Weihnachtsbäume? Gartengestaltung?
Und dann das Türklingeln.
Mindestens an jedem vierten Tag klingelte es und es standen Leute vor der Tür. Zeugen Jehovas, dann Bundeswehrsoldaten, die für Erhaltung und Neugestaltung von Kriegsgräbern sammelten, und der Zeitschriftenwerber, der angeblich nur deshalb Zeitschriftenabonnements verkaufte, weil er mit dem Erlös obdachlose Jugendliche unterstützen wollte.
»Haben auch Sie ein Herz für unsere jungen Menschen!« Mehr noch als diese Anrufe und die Besuche an der Tür fürchtete Henry die Zeit, wenn er die Anrufe nicht mehr sofort beenden, und die Besucher nicht schon an der Schwelle fertigmachen würde. Wenn es so weit käme, dass er Zeitschriftenwerber und religiöse Extremisten ins Haus bitten würde oder einen Anruf von einem vermeintlichen Meinungsforschungsinstitut annehmen und sich mit den Werbern unterhalten, vielleicht sogar streiten würde.
Wenn sich das Mädchen im Starbucks nicht mehr zu ihm umdrehen und lächeln würde, wenn er einen seiner Sprüche losließ. Oder wenn Murat sein schmuddeliges Internetcafé schließen und nach Izmir zurückgehen würde.
»Verstehst du das, Mutter?«, fragte er auf dem Friedhof und das Grab lag ruhig da, der Boden hart, die Knochen darunter kalt.
Die Mutti ist tot, dachte er, sie ist tot. Er stieß die Schaufel kräftig in den Boden und versuchte, sie zu drehen. Vergeblich. Es hatte schon Bodenfrost gegeben, die Narzissenzwiebeln musste er im Frühjahr setzen.
Auf den Stiel gestützt, betrachtete er den Stein, dann die Kastanienbäume. Diese Bäume mochte er, das musste er zugeben. Immer demonstrierten sie, dass sie noch lebten. Im Sommer, indem sie Früchte trugen, die sie später auf die Passanten warfen oder auf den Boden knallen ließen, den ganzen Winter lang durch dicke Knospen, die selbst der größten Kälte trotzten.
Auch Mutter hatte Bäume geliebt.
Im letzten Jahr wollte sie immer wieder fotografieren. Es fing mit den Bäumen an. Die Pappeln, die die Straße säumten, dann die Kinder, die jeden Tag an ihrem Fenster vorbeigingen, die Vögel, deren Rufe sie nachahmte. Sie verlangte nach der Kamera, dieser Billigkamera, die sie behielt, weil Wilhelm sie ihr geschenkt hatte. »Eine Bessere lohnt sich ja für mich nicht mehr«, sagte sie manchmal. Henry war froh, dass sie damit zufrieden war, ihre Umgebung zu knipsen.
Manchmal, zu der Zeit, als sie noch herumlaufen konnte, wartete er besorgt auf die Worte: »Lass uns nach Coswig fahren. Du hast doch ein Auto. Wir könnten doch an die Elbe, einmal noch nach Meißen. In die Heimat.« Er legte sich viele Worte zurecht, um zu verhindern, dass er sie dorthin fahren musste.
Es ist besser, man kehrt nicht an einen Ort zurück, der einem so viel bedeutet, dass man verloren ist für den Platz, an dem man lebt, dachte er. An dieser Formulierung hatte er lange gefeilt.
Er hatte Mutter nach der Wende sofort in den Westen geholt, in seine Nähe. Und dann suchte er dieses Haus für sie. Aber hier war sie immer fremd geblieben. Wie eine Touristin, die die Gegend am liebsten durch die Linse ihres Fotoapparates betrachtet.
Einmal konnte er die Kamera nicht schnell genug aus dem Schrank holen, er stand in der Küche am Herd und rührte Zwiebeln in Butter.
»Gleich, Mutter«, sagte er, »gleich nach dem Essen gebe ich dir die Kamera.«
»Nein, jetzt brauche ich sie, bitte, ich muss sie haben.«
»Aber warum denn jetzt gleich? Du hast doch so viel Zeit, die Bäume zu knipsen.«
»So viel Zeit?«, fragte sie, »so viel Zeit?«
Kurz darauf musste er sie ins Krankenhaus bringen lassen, weil sie nichts mehr zu sich nahm. Eine ganze Nacht lang spuckte sie schwarze, übel riechende Flüssigkeit in die Toilettenschüssel. Henry zögerte. Würden sich die Beschwerden nicht vielleicht doch wieder legen, ohne dass er ihr das Krankenhaus zumuten musste?
Sie sagte nicht, dass sie Schmerzen hätte, hob nur immer wieder den Kopf über der Toilette und schaute ihn geistesabwesend und verstört an, mit diesen fast blinden Augen.
Als er endlich gegen Morgen telefonierte und einen Rettungswagen bestellte, hörte er die Mutter ins Wohnzimmer gehen, Schränke öffnen und mit einem lauten Knall wieder schließen.
Mutter zog Tischtücher heraus, die sie schon lange nicht mehr benutzt hatte, und breitete sie über alle Tische im Haus.
In den nächsten Tagen ging Henry dann an den Tischen und Tischchen vorbei, alle mit sorgfältig gestärkten Tüchern bedeckt wie für eine große Feier, es dauerte Wochen, bevor er die Decken wieder einsammeln und in die Waschmaschine stecken konnte. Nachdem sie alle Tücher verteilt hatte, drückte sich Mutter in die hinterste Ecke des Wohnzimmers, mit starren, weit aufgerissenen Augen sah sie den Sanitätern entgegen. Wie ein Tier, dachte Henry, ein gejagtes Tier.
Er lehnte den Spaten an die Holzbank und setzte sich. Ihm war ein wenig übel im Magen, bestimmt übersäuert, dachte er, und dann fiel ihm auf, dass seit Langem kein Tag mehr vergangen war, an dem er nicht an sie dachte, an dem sie nicht immerzu da war in seinen Gedanken.
Näher als alle Lebenden ist die Mutti mir, dachte er. Und es ist so ärgerlich, dass sie das hier alles nicht sehen kann.
Er legte den Kopf in den Nacken. Die kleinen Knospen an den Kastanienbäumen, die erschienen waren, nachdem die letzten Blätter abfielen, würden noch lange brauchen, bis sie sichtbar größer wurden und plötzlich aufplatzten, aber dann würde alles schnell gehen.
Beim nächsten Blick wären schon die Blütenstände zu sehen und nicht lange danach würde ihm der Duft der Kastanien am Eingang des Friedhofs entgegenströmen.
»Wo sind eigentlich die Pappelbilder?«, fragte Henry jetzt laut und eine schwarz gekleidete Frau in der übernächsten Gräberreihe warf ihm einen erschreckten Blick zu. Er hob die Hand und winkte ihr beruhigend zu, bevor er umständlich aufstand, nach dem Spaten griff und dem Rechteck mit dem schwarzen Marmorstein den Rücken kehrte.
4
»Hast du Backpulver da?«, Hella Schulze stand in der Tür, Bernds Frau, daneben der Hund namens Daisy, der unruhige Kreise um sie zog. Henry hatte aus dem Fenster geguckt und sich die Haare gekämmt, als er das Klingeln hörte.
An manchen Tagen zog er sich jetzt erst spät an, Hosen und Jacken aus Sweatshirtstoff, das ersparte ihm das Bügeln.
Diese Trainingsanzüge allerdings waren ein Abstieg, dachte er. Nicht einmal in der Zeit, als er noch den Wodka trank, hatte er sich ein unkorrektes Aussehen durchgehen lassen. Jedenfalls nicht tagsüber.
»Backpulver? Ja«, er ging zerstreut in die Küche. Hella blieb vor der Türe stehen und rührte sich nicht, bis er wiederkam.
»Ich habe gar kein Backpulver, ich backe ja nicht.«
Sein Ton war schroffer als beabsichtigt. Als er ihren Blick auffing, legte er den Kopf schief und grinste versöhnlich.
»Ist was mit dir?«, fragte sie.
»Was soll sein?«, er stellte den Kopf wieder gerade und musterte sie.
Sie sah so aus wie immer, wenn sie zur Arbeit ging. Eine dunkle Hose und ein T-Shirt unter einer Steppweste, die wohl die kräftigen Oberschenkel kaschieren sollte.
Damals bei dieser Tanzveranstaltung im Stadtteilpark trug sie ein Kleid in einem dunklen Blauton, in der Taille eng, der Rock locker und bis zum Knie.
Bernds Hella kleidet sich wie Mutter, hatte er gedacht. Nein, nicht wie Mutter. Wie Mutter früher. Sie hatte Ähnlichkeit mit der Frau, der er als Kind hinterhergesehen hatte, wenn sie sich durch den Flur zur Haustür bewegte und ihr Parfüm für kurze Zeit im Raum zurückblieb.
»Ach, Henry«, Hella bewegte plötzlich den Arm und er befürchtete schon, dass der bei ihm ankommen und auf seinem Arm landen würde. Aber nein, der Arm beschrieb eine Kurve und die Hand landete auf ihrem Bauch unter der Weste, als müsse sie irgendwo untergebracht werden.
Hella redete weiter, als ob sie selbst nicht wüsste, welchen Anblick sie nun bot.
»Unser Hund, die Daisy«, sie fing an, mit der anderen Hand im weißen Fell des Hundes herumzuwühlen, »könntest du vielleicht mal mit ihr rausgehen, ich meine, sie ist so oft alleine, weil ich doch Schichtdienst habe im Krankenhaus und …«
Nein, dachte Henry. Was soll das werden? Beschäftigungstherapie für den trauernden Hinterbliebenen?
»Ich bin allergisch gegen Hunde, weißt du, du Gute«, sagte er, bewegte den Blick von Hella zu Daisy und fing an, sich den Ellenbogen zu kratzen. Hella beugte sich zu dem weißen Zottelfell hinunter und sprach auf den Hund ein, als habe Henrys Bemerkung ihm tiefe Verletzungen zugefügt, streichelte ihn, nickte ihm zu, die Weste ging auf, der Stoff ihrer Bluse, auf dem gerade noch ihre Hand gelegen hatte, spannte. Henry wandte seinen Blick wieder ab und klopfte rhythmisch auf den Türrahmen.
»Danke«, sagte Hella und drehte sich um.
Henry schloss die Tür und ging in die Küche. Das Basilikum auf der Fensterbank sah so schlaff aus wie nach einer Dürreperiode mit nachfolgendem Sturzregen.
Er warf den Topf in den Mülleimer.
Heute würde er kochen, und zwar so wie für Mutter in der Zeit, als er ihr das Essen auf einem Tablett ins Zimmer gebracht hatte. Rouladen mit Rotkohl, ihr Lieblingsessen. Schinken brauchte er, Senf und zartes, abgehangenes Rindfleisch. An der Garderobe griff er nach einer Jacke. Erst als er sie anhatte, bemerkte er, dass es eine Sommerjacke war, die schon seit den Fahrten zum See hier hing. Sachen nicht ordentlich wegzuhängen, war eigentlich nicht seine Art. Er fasste in die Jackentaschen und befühlte den Inhalt. Ein gefaltetes, weißes Taschentuch, ein verpacktes Hustenbonbon und – das Buch, das er in dem Buchladen in der Stadt am See gekauft hatte.
Monatelang war es an diesem Platz gewesen, und wann immer er im Sommer eine Jacke anziehen musste, hatte er nachgefühlt, ob es noch da sei. Aber nie hatte er es aus der Tasche genommen und aufgeschlagen.
Henry brachte die Jacke in den Keller und setzte sich ins Wohnzimmer.
»Der Clown: Der, den der Hund beißt. Nummern und Bilder aus hundert Jahren«, las Henry und drehte das blaue Buch in seinen Händen.
Es war kein Zufall, dass er es gekauft hatte. Als Kind hatte er ein ähnliches besessen, ein Bilderbuch über einen Clown. Jemand hatte es ihm zum sechsten Geburtstag geschenkt. Nicht die Eltern natürlich. Es war ein verbotenes Buch, eins aus dem Westen.
Er zögerte. Immer noch hatte er Hemmungen, die Seiten aufzuschlagen. So, als könnte ein Buch sein gesamtes Leben verändern, alles auf den Kopf stellen. Ein solches Buch musste man sich aufsparen wie Münzen oder Murmeln oder wie … Lachsschinken oder … ach, was weiß ich, dachte er.
Endlich fing er an zu blättern.
Der Clown saß vor einem Bühnenvorhang, seine Augen verträumt an den Zelthimmel gerichtet. Er war von kleiner Statur, auf den Kopf hatte er sich die Glatze mit einem krausen Haarkranz gezwängt, die Backen waren bemalt, und er trug eine farbige, eckige Pappnase. In den Händen hielt er ein riesiges Instrument, in das er hingebungsvoll blies. Es war eine Art schmale, lange Tuba. Ein Susafon, vielleicht, dachte Henry. Während er blies, warf der Clown dem Fotografen einen verschmitzten Blick zu. Die Augen lächelten.
Henry betrachtete das Foto lange, ließ das Buch sinken und sah in den Garten. Seltsam. Dieser Clown sah aus wie der aus dem Kinderbuch, der ihn damals bis in seine Träume verfolgt hatte.
Er schloss die Augen. Da war das Bild eines Wagens. Ein alter, schäbiger Zirkuswagen, zwei kleine, zwei große Räder, der schwarze Schornstein, ein eher schmales Ofenrohr, das sich durch das Dach bohrte, vorne ein Sitz für den Kutscher. Mit diesem Gefährt kam niemand schnell voran, man zockelte die Landstraße entlang und hatte alles bei sich, was man besaß. Innen gab es Pritschen zum Schlafen, an der Schmalseite übereinandergebaut, einen Tisch, drei Stühle und einen Ofen. An den Fenstern standen kleine Blumentöpfe. Ein solcher Zigeunerwagen mit Blumentöpfchen an den Fenstern wirkte wie die Plastehäuschen seiner Modelleisenbahn. Gemalte Blumentöpfe auf Fensterplaste.
Mit einem solchen wackligen Gefährt war der spanische Artist, um den es in dem Kinderbuch ging, mit seiner Familie durch die Lande gezogen. Bilder aus dem Buch kamen vor Henrys innerem Auge hoch, sie zeigten die Kindheit und vor allem die Arbeit der Artistenkinder.
Auf einem sah man eine riesige rote Tulpe in geschlossenem Zustand, auf dem nächsten Bild hatte sie sich geöffnet. Der Artist jonglierte die Tulpe, in der sich sein zweijähriger Sohn befand. Gegen Ende der Nummer öffnete der Kleine die Tulpe von innen und winkte mit seinen Fähnchen.
Die zweite Serie Bilder zeigte den kleinen Jungen mit bloßem Oberkörper und weiten Shorts, nur durch einen Gürtel in der Hüfte gehalten, genau wie damals die Gewichtheber im Zirkus. Der schmächtige Dreikäsehoch ließ seine Muskeln spielen, er wies auf seinen Bizeps unter dem Hemd, das an dieser Stelle offensichtlich ausgepolstert war wie ein Schalenbüstenhalter. Neben dem Kleinen lagen mächtige Eisenkugeln, mit schwarzen Ziffern beschriftet: 1000 Kilogramm, 2000 Kilogramm. Mit einer Grimasse und mit Gesten seiner Arme demonstrierte der Junge seine Konzentration und auch Angst und Respekt vor den schweren Gewichten.
Im nächsten Bild hob er eines der Gewichte vorsichtig auf, sein Bizeps schwoll, im dritten Bild hielt er die Hantel fast bis in Augenhöhe. Im vierten dann konnte man sehen, dass das Gewicht aus Pappe bestand. Der kleine Artist hielt es locker mit einem Finger und ließ es dann auf den Boden plumpsen. Die Zuschauer, hinter ihm im Bild, bogen sich vor Lachen.
Damals hatte Henry vorgehabt, es ihm gleichzutun, eine Hantel aus Pappe herzustellen und alle mit seinen Künsten als Gewichtheber zu beeindrucken. Er lächelte, als er daran dachte.
Als Clown wird man geboren, dachte Henry, und wenn man einer ist, hat man auch die Verpflichtung, einer zu sein. Er ließ das Buch sinken und schaute aus dem Fenster.
Der Clown aus seinem Bilderbuch war eigentlich ein Artist, ein fantastischer Turner gewesen. Aber nachdem er einmal einen komischen Auftritt hatte, wollte man ihn nie mehr ausschließlich als Artisten sehen. Immer musste er der Clown sein. »Aber erst das Publikum macht dich zum Clown«, sagte Henry halblaut und blätterte zur Einführung zurück.
»Der Clown ist klug und lebhaft, anmutig und schamlos, vielseitig und einfallsreich, mitleidig und schadenfroh. Er beobachtet scharf und reagiert unerwartet. Er zeigt spontan, wie ihm zumute ist. Ein Clown wird wieder das Kind, das er mal war. Er kehrt zurück zu den extremen Reaktionen der Kinder, Lachen und Weinen, Freudenschreie und Schmerzenslaute.
Wie ein Kind scheitert der Clown. Während alle bemüht sind, das Scheitern zu verbergen, obwohl es jeden Tag jedem zustößt, ob im Kleinen oder im Großen, scheitert der Clown bei allem, was er tut. Er führt dieses Scheitern vor. Die Zuschauer lachen über ihn und über sich selbst. Einer, der stellvertretend und schöner scheitert als sie, das ist der Clown.
Ein Clown erzählt eine Geschichte. Er ist ein Dichter, der seinen Blick auf die Welt vorführt. Niemals lernt der Clown aus dem, was er auf der Bühne erlebt. Immer wird er auf seiner Überzeugung beharren und ohne Selbstkritik weiterkämpfen. Dabei wird er kleine Siege erringen und am Ende doch verlieren. Der Clown öffnet sich, zeigt seinen Schmerz, drückt ihn mit dem Gesicht und dem Körper aus. Er behält die Qual, das Leiden nicht für sich. Das Publikum, das seinen eigenen Schmerz verbirgt, erlebt den Schmerz des Clowns. Manchmal lacht es und stutzt dann, weil es über das Leid und vielleicht über seinen eigenen Tod gelacht hat.
Aus Tragik wird Komik. Als Spötter überschreitet der Clown die Grenzen der Moral, die Tabus und stellt sich den menschlichen Schwächen.
Letzten Endes ist der Clown eine Symbolfigur der Gesellschaft: Er ist der Letzte, der, den der Hund beißt.«
Ja, dachte Henry. Genau so ist es. Er ist der Letzte, der, den der Hund beißt.
Er blieb nachdenklich in seinem Sessel sitzen. Als Kind hatte ihn am meisten die Vorstellung beschäftigt, herumzuziehen und niemals irgendwo zu bleiben. Alles, was man besaß, dabei zu haben und jede Woche an einem anderen Ort zu Hause zu sein, die Welt ständig neu, aus einem anderen Blickwinkel zu erleben. Für diesen Traum habe ich in dem richtigen Staat gelebt, dachte er jetzt, ausgerechnet hinter einer Zonengrenze. Aber zurückgehalten haben die mich nicht. Er drehte das Buch in den Händen.
Es hatte ihn an etwas erinnert, das erst ein paar Jahre zurücklag. Henry fing an, die Schubladen von Mutters Wohnzimmerschrank aufzuziehen.
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