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Christiane Berndt
Kopfüber Down Under
Mit dem Camper durch Neuseeland
Teil II
Copyright © by Christiane Berndt
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Inhaltsverzeichnis
Start
Eine üble Seefahrt und ein Wasserfall aus unzähligen Diamanten
Grüne Muscheln und riesige Magnolien
Regen im Paradies und eine Landschaft zum Niederknien
Goldene Strände am smaragdgrünen Meer und pelzige Faulenzer
Telefonat in die Vergangenheit und eine Kolonie voller Robben
Austausch des Lebensatems und Prinz Wiliam's Nase
Ein See zum Anbeten und das Kreuz des Südens
Wolken umarmen weiße Gipfel und surreale Landschaften
Alle tragen ihr Haar links
Mutige Springer und süße Goldgräberstädtchen
Ein harter Tag für einen kleinen Pinguin und verspielte Meeresbewohner
Einsamkeit und stürmische Nächte
Ein Schloss, das keines ist und mysteriöse Kugeln am Strand
Das Blau des Himmels und würziger Käse
Ein milchfarbener Fluss und schlammige Füße
Eine zerstörte Stadt und Joshua's Limonade
Essen aus der Erde und Fachsimpeln mit Aussies
Abschied vom Nomadenleben und die schönsten Muscheln
Heulseeland und asiatische Metropole
Löwen, Tiger und wilde Affen und ein Luxusdinner
Barfuß in Little India und eine Suppe für die letzten Dollar
Nervenkitzel mit der Deutschen Bahn
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Eine üble Seefahrt und ein Wasserfall aus unzähligen Diamanten
28.12.2013 Wellington – Picton – Smiths Farm (121, 6 km)
Heute sind wir 5:30 Uhr aufgestanden. Es regnet, doch der Wind hat nachgelassen. Abends klart es dann sogar auf und die Sonne kommt für ein paar Minuten raus.
Wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir fahren um 6:45 Uhr los. Unsere Fähre geht 8:25 Uhr und wenn wir sie verpassen, haben wir nicht nur 250,- Euro in den Sand gesetzt, sondern wir wissen dann auch nicht, wann wir einen Platz für die nächste Überfahrt bekommen. Es wäre also ratsam, nicht zu spät zu kommen. Dalia ist bei der Routenplanung keine große Hilfe, denn sie führt uns irgendwo hin, aber nicht zum Terminal der Fähre. Also machen wir das blöde Navi aus und orientieren uns an der Beschilderung. Das funktioniert dann erstaunlich einfach und so sind wir nach ein paar Minuten schon beim Check-In der Interislander. Wir sind eins der ersten Autos und ordnen uns in Linie 2 der fünfspurigen Auffahrt ein. Dann heißt es: Warten. Die Spuren füllen sich und zwischen den Autos laufen Polizisten herum und sprechen die Autofahrer an. Wir überlegen, was die wohl wollen und denken darüber nach, ob wir irgendwelche verbotenen Sachen im Camper haben. Vielleicht darf man keinen Alkohol mit rüber nehmen oder Muscheln? Doch um uns machen die Kollegen einen Bogen und irgendwann sind wir so neugierig, dass wir ein wenig beleidigt sind, warum wir nicht angesprochen werden. Schließlich kommt die Polizistin doch noch auf uns zu und überreicht uns ein nettes Spiel und einen Würfel. Hier kann man spielerisch noch einmal die Verkehrsregeln des Landes wiederholen. Das ist nett und wir bedanken uns.
Dann beginnt auch für uns die Einschiffung auf die Fähre und auch das läuft erstaunlich einfach. Wir fahren auf die Ladefläche des Schiffes auf, ordnen uns ein und parken. Das war es. Darüber habe ich mir so lange Gedanken gemacht und schon ausgemalt, wie ich mich doof anstelle, wenn ich auf die Fähre fahren soll.
Wir suchen uns einen schönen Platz mit Ausguck und Lisa besorgt uns Kaffee, da wir heute Morgen nicht so viel Zeit zum Frühstücken hatten. Das Wetter ist immer noch trüb und als wir aus Wellington heraus fahren, sehen wir die Küste. Die Hügel der Stadt sind von Wolken umschlungen. Mein Moccachino schmeckt echt lecker und so nutze ich jetzt die Zeit, um ein paar Notizen zu machen.
Ich hoffe, dass es nicht so windig wird wie gestern, denn dann schaukelt die Fähre wohl ein bisschen stärker. Im Moment haben wir schon ein paar MCP-Tropfen genommen, denn ein bisschen flau ist uns schon. Dabei haben wir noch nicht das offene Meer erreicht. Wir sind aber auch Mimosen.
Nach ein paar Minuten ist alle Zuversicht vergessen. Uns ist beiden so schlecht, dass es nicht einmal hilft, aus dem Fenster zu schauen und einen festen Punkt zu fixieren. Die Fähre schaukelt gleichmäßig hin und her und uns bleibt nichts übrig, als mit einer Kotztüte in der Hand den Kopf auf den Tisch zu legen und zu hoffen, dass die Überfahrt bald vorbei ist. Noch eben haben wir von einer Kreuzfahrt geschwärmt und gemeint, dass wir bald eine machen. Jetzt bereue ich jeden Bissen, den ich zum Frühstück hatte und von Schiffen wollen wir beide nichts mehr wissen.
Als der Regen ein wenig nachlässt und wir in die Sounds einfahren, gehe ich nach oben auf das „Sonnendeck“ und schaue mir die Aussicht an. Es erinnert stark an die Fjorde in Norwegen und wäre mit Sicherheit genauso schön, wenn die Sonne ihren Anteil dazu tun würde. So ist es aber hier oben windig und oft nass und wir ziehen alles an, was wir dabei haben.
Nun schwimmen wir also zwischen Nord- und Südinsel und wir sind gespannt, was uns auf der Südinsel erwartet.
Neuseeland, auch Aotearoa genannt, liegt im südlichen Pazifik und lässt sich nicht eindeutig einem bestimmten Kontinent zuordnen. Sowohl geographisch liegt es auf der australischen und pazifischen Platte, als auch kulturell ist Neuseeland als Teil des bitischen Commonwealths mit Europa und ethnisch mit Polynesien verbunden. Seine Gesamtfläche ist etwas größer als Großbritannien. Während auf der Nordinsel mit der Hauptstadt Wellington drei Viertel aller Einwohner Neuseelands wohnen, ist die flächenmäßig größere Südinsel mit einem Viertel eher dünn besiedelt.
Aufgrund seiner Millionen Jahre dauernden Isolation konnte sich hier eine einzigartige großenteils endemische Flora und Fauna entwickeln. Mit seiner Lage auf dem pazifischen Feuerring ist das Land eines der aktivsten vulkanischen Gebiete. In der sogenannten Taupo Volcanic Zone, im Zentrum der Nordinsel, befinden sich einige der Aktivsten, wie Mount Ruapehu, dessen letzte Eruption im Jahr 2007 stattfand oder White Island, der gerade im Dezember 2019 ausbrach. Auch zeugen geothermale Gebiete wie Rotorua von der starken Aktivität.
Klimatisch gesehen liegt Neuseeland im gemäßigten Teil der Südhalbkugel, wobei das Wetter aufgrund der Insellage sehr schnell wechseln kann. So herrscht aufgrund der Nähe zur Antarktis ein relativ großer Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht und es kann auch im Sommer zu kurzen Schneefällen kommen. Diese klimatische Besonderheit spüren auch wir, denn auch wenn der Tag sehr heiß ist, bricht die Nacht immer mit unerwarteter Kälte herein. Tropische Nächte wie in Deutschland, haben wir hier im Hochsommer nicht erlebt.
Die ungewöhnliche und abwechslungsreiche Vegetation ist den extremen Höhenunterschieden und auch dem damit verbundenen Niederschlagspegel zu verdanken. In keinem anderen Land der Erde findet man Gletscher so nah am Regenwald oder an der Küste wie hier. Ein paar Kilometer weiter finden sich plötzlich steppenartige oder mediterrane Landschaften.
Auch einzigartig ist, dass Neuseeland als weltweit erstes Land die neuseeländische Gebärdensprache in den Status einer Amtssprache erhoben hat. Als erstes Land führte es das Frauenwahlrecht 1893 ein und setzt noch heute Maßstäbe im Umgang mit den Ureinwohnern.
Endlich sind wir angekommen und das Verlassen der Fähre ist dann auch kein Problem, wir fahren einfach mit dem Strom und haben Picton schnell hinter uns gelassen. Die Smiths Farm erreichen wir ziemlich bald und kochen uns erstmal Mittagessen. Es gibt Rindersteak, Pakchoi, gebratene Kumara, Eier, Salat und Süßes. Der Platz hier ist voller Fliegen und Lisa meint, das wäre wegen der Tiere. Ich sage, es sind Sandflies – die berüchtigten Sandfliegen.
Die Smiths Farm liegt absolut idyllisch in einem hübschen Tal, drum herum grüne Hügel und Berge und Regenwald. Der Tui begleitet uns mit seinem Gesang, wohin wir auch gehen oder fahren.
Nach dem Essen gehen wir die Schafe angucken, streicheln kleine Lämmer und füttern sie. Der Streichelzoo, zu dem auch noch ein Zwergkaninchen und ein Meerschweinchen gehören, lockt wohl nicht nur kleine Kinder an.
Beim Einchecken auf dem Campingplatz haben wir neben frischgebackenen warmen Muffins (als käme man nach Hause) eine Karte zu einem wunderschönen Wasserfall in die Hand gedrückt bekommen. Diesen Weg wollen wir jetzt gehen und machen uns auf. Die Karte führt uns über Zäune und Tore, über die wir drüber klettern müssen, über Kuh- und andere Viehwiesen. Gott sei Dank, stehen die Rinder auf der Nachbarweide. Hier steht, man solle ruhig zwischen den Tieren entlang gehen. Das würde mir aber schwer fallen. Ich hab’s nicht so mit Tieren. Vor allen Dingen nicht mit Großen. Nun kommen wir zum Waldrand und bevor wir richtig drin sind, müssen wir uns durch einen flachen Fluss schlagen, der durch das Gehölz fließt. Lisa streikt und will nicht reingehen. Das sieht nicht nach einem Weg für sie aus. Doch meine Abenteuerlust ist geweckt und ich gehe voraus.
Unsere Schuhe sind sofort nass; auf Wasserdurchquerungen sind wir Stadtmenschen immer nicht so vorbereitet. Der Pfad ist hier wieder zu sehen, doch vertrauenerweckend sieht er nicht aus. In gebückter Haltung schlagen wir uns durchs Unterholz, bis wir wieder aufrecht stehen können. Nun geht es weiter durch feinsten Regenwald. Das Gehölz und der Weg sind rutschig. Wieder Wasser überqueren, hier können wir aber von Stein zu Stein klettern. Der Fluss ist auch kräftiger und hier hätten wir mindestens nasse Beine bekommen. Die Steine sind tückisch glitschig und wir laufen vorsichtiger. Immer wieder kommen Stellen, die wir hochklettern müssen, dann geht es wieder steil bergab. Wir halten uns an Wurzeln und Ästen fest, damit wir nicht aus- oder abrutschen.
Die Belohnung für den mühseligen Weg ist einer der schönsten Wasserfälle, die ich bisher gesehen habe. In Milliarden Tropfen fließt das Wasser über den felsigen Abgrund auf dem sich Moos gebildet hat. Die Tröpfchen verteilen sich, bleiben hängen und schimmern im Sonnenlicht wie ein Teppich aus Diamanten. Ich kann mich gar nicht sattsehen und bedauere gleichzeitig, dass man diese Bilder auf Fotos nicht so realistisch festhalten kann.
Wir genießen also den Wasserfall vor Ort, ich untersuche die Rinnsale von Nahem und streiche über das nasse Moos. Dann müssen wir wieder zurück. Diesen Wanderweg kann man auch im Dunklen wandern, denn hier haben sich jede Menge der neuseeländischen Glühwürmchen angesiedelt, die die Wanderung zu einem Erlebnis machen. Aber uns beiden ist das ein bisschen zu gruselig und deshalb machen wir uns auf den Rückweg, bevor es zu dämmerig wird.
Der Weg zurück ist ebenso beschwerlich und Lisa ermahnt mich immer wieder, nach vorn zu sehen beim Laufen. Mein Kopf geht nämlich die ganze Zeit wie eine Drehleuchte hin und her, weil ich immerzu etwas Neues in der Umgebung entdecke. Ich bleibe hier stehen, gucke da und staune dort. Auf den Weg versuche ich mich auch zu konzentrieren, aber das fällt mir schwer in dieser Kulisse. Lisa hat aber keine Lust, mich den Weg nach Hause zu tragen, wenn ich falle und so höre ich noch ihren letzten Satz, in dem sie mich vor einem besonders glitschigen Stein warnt und schon liege ich. Wir sind beide furchtbar erschrocken, Lisa klettert wieder zurück, doch helfen kann sie mir nicht. Meine Beine liegen im Spagat und mein Fuß ist komisch verdreht. Doch mir tut nichts weh. Schnell stehe ich auf, trete ein paar Mal auf der Stelle. Bis jetzt alles gut. Also nichts wie zurück, bevor die Schmerzen kommen.
Als wir aus dem Wald heraustreten, hämmert mein Fuß, die Hose und Schuhe sind schlammverdreckt. Fast wortlos laufen wir zum Campingplatz zurück, doch staunen muss ich über die Landschaft immer noch. Der Himmel ist mittlerweile blau, ein paar weiße Wölkchen hängen über den sattgrünen Bergen, die Wiesen sind fett und saftig. Eine Idylle wie aus einem Kitschfilm.
Im Camper schauen wir uns meine Gliedmaßen an. Die Zehen sind etwas dick geworden und das Blut pumpt. Gebrochen ist nichts. Die Nacht wird ordentlich gekühlt, ansonsten können wir erstmal nichts machen. Lisa hat Angst, dass ich nicht mehr Auto fahren kann und sie vielleicht dran ist. Das werden wir morgen sehen.


Grüne Muscheln und riesige Magnolien
29.12.2013 Smiths Farm – Pelorus Bridge - Cable Bay (81,8 km)
Um 6:15 Uhr stehen wir auf. Die Nacht hat es wieder geregnet, es ist trüb und grau, die Wolken hängen tief. Der heutige Tag macht nochmal glasklar deutlich, dass es ohne Licht keine Farben gibt. Die Marlborough Sounds, die wir von den Bildern her so leuchtend blau und grün kennen, sind einfach nur grau und trist. Die Ausmaße sind natürlich trotzdem spektakulär, aber wir hätten es so gern in hellem Licht gesehen.
Trotzdem halten wir in den Marlborough Sounds an einem Aussichtspunkt und studieren die Landschaft. Das fjordähnliche Netzwerk von Wasser und Inseln sowie Halbinseln entstand im Laufe der Jahre aus Erdbewegungen. Nach der Mãori-Mythologie sollen die Furchen Kuppes Finger sein, die er im Kampf gegen einen riesigen Oktopus in die Erde gegraben hatte.
Unser nächster Halt ist Havelock, eine kleine Ortschaft, die berühmt für seine „green lipped mussels“, die Grünschalmuscheln, ist.
Im „Mussel Pot“ kostet eine kleine Portion schon 40 $, doch wir wollen erstmal probieren. Also suchen wir uns ein kleineres Café, wo wir uns eine Probierportion bestellen. Die Kellnerin ist wahnsinnig nett und empfiehlt uns erstmal eine wirklich kleine Portion, was sich im Endeffekt als goldrichtig erweist. Lisa schmecken die Muscheln nämlich nicht und so darf ich sie allein aufessen. Mein Lieblingsessen wird es auch nicht, aber ich finde sie auch nicht schlimm.
Wir gehen noch ein wenig spazieren und bewundern die riesige Magnolia Grandiflora, eine Magnolienart mit Blüten so groß wie Kinderköpfe. Unberührt und rein weiß thronen sie über unseren Köpfen und Lisa fotografiert und fotografiert.
Nach diesem Päuschen geht es weiter zur Pelorus Bridge, einer winzigen Sehenswürdigkeit am Pelorusfluss. „Die kleine Insel tiefgrünen Walds liegt 18 km westlich von Havelock versteckt zwischen unscheinbarem Weideland. Das landschaftlich reizvolle Schutzgebiet birgt einen der letzten Bestände an Flussauenwäldern in Marlborough, der nur erhalten blieb, weil eine Stadt, 1865 auf dem Reißbrett entworfen, nie gebaut wurde. Nach verheerenden Waldrodungen, die sich bis 1912 fortsetzten, erkannte man die Bedeutung des verbliebenen Waldrestes. Ein Schutzgebiet wurde geschaffen–dankbar begrüßt von heutigen Besuchern, die die zahlreichen Wanderwege ablaufen, eine historische Brücke bewundern, im klaren Pelorus River baden (der so schön ist, dass Regisseur Peter Jackson ihn als Drehort für einen Teil seiner Verfilmung von „Der Herr der Ringe“ auswählte) …“
Aus: Lonely Planet Reiseführer Neuseeland (2013) von Charles Rawlings-Way, Seite 462
Der Regen lässt kurz nach, als wir an der Brücke ankommen, die zunächst unspektakulär auf uns wirkt. Das Besondere ist das glasklare Wasser, durch das man bis auf den Flussgrund sehen kann. Am liebsten würde man hier reinspringen. Aber nicht bei der Kälte ;-).
Wir bahnen uns unseren Weg durch die Sounds. Hier geht es bergauf und bergab, die Kurven sind zahlreich und steil und der Regen hämmert auf unseren Camper ein. Wir durchqueren die Sonnenstadt Nelson im absoluten Regenschleier und alles ist grau. An besonders steilen Kurven mit imposantem Ausblick in die Tiefe, kriegt Lisa Angst. Doch wir wollen nicht mehr weit. Noch acht Kilometer unebene Straße mit viel Steinbruch und Schlammlawinen auf der Fahrbahn. Immer wieder sind Stücke gesperrt oder Schilder aufgestellt, was die Fahrbahn noch verengt. In der Cable Bay regnet es sich richtig ein und wir fragen uns, ob die acht unbefestigten Kilometer morgen noch befahrbar sind, wenn jetzt schon so viele Erdabgänge auf der Straße liegen. Aber es gibt nur diese Strecke zurück. Hier in der Cable Bay, so erzählt uns Campchefin Barbara, hätte es erst heute zu regnen begonnen. Wir ziehen den Regen wohl mit uns.
Wir bereiten uns erstmal unser Mittagessen zu, welches aus Meatpie (Steak & Cheese von Pams) besteht, dazu Eier mit Zucchini, Lauch, Sandwiches mit Cheddar und Salat. Nach dem Essen gammeln wir ein bisschen herum, lesen und übertragen die Fotos auf den Mac. Als der Regen nicht nachlässt, beschließen wir, trotzdem einen Spaziergang zu machen und ziehen uns dick und wasserfest an.
Der kleine Ort liegt am südlichen Ende eines schmalen Landstreifens, welcher Pepin Island mit der Südinsel verbindet. Die geschützte Bucht hat auch sandige Flecken, ist aber zum größten Teil ein Kiesstrand und wirklich sehr schön, auch bei Regen. Man kann über einen steinigen Damm an die andere Seite wandern. Pepin Island sieht aus, als würde es wie ein kleines Geschwulst am Festland hängen. Auf beiden Seiten ist Wasser und die Wellen donnern mit lautem Getöse heran. Ein paar Surfer versuchen sich im Wasser, doch so richtig wird es wohl nichts. Auf den grünen Hügeln stehen überall die Schäfchen und blöken und sehen aus wie verstreute Perlen auf einer Decke.
Wir kehren zum Campingplatz zurück und unterhalten uns mit Barbara, der Inhaberin des Platzes. Sie lebt seit 38 Jahren in der Bay und stammt aus Christchurch. Die Familie ihres Mannes kommt von hier. Ihre beiden Söhne sind ebenfalls in den 30ern und einer ist mit einer Deutschen aus Köln verlobt und einer mit einer Kanadierin. Barbara ist so sehr an die Abgeschiedenheit und Einsamkeit hier gewöhnt, dass zu viele Leute sie einfach sehr stressen. Sie erzählt uns von einem Urlaub in Europa, der für sie einfach nur ein Kulturschock war. Es waren viel zu viele Leute und sie wollte nur noch nach Hause.
Das Wetter morgen wird wohl nicht besser. Laut Wetterbericht soll es morgen wieder regnen und sogar gewittern, erzählt sie uns. Na prima, das fehlte uns noch.


Regen im Paradies und eine Landschaft zum Niederknien
30.12.2013 Cable Bay–Marahau (The Barn) (86,3 km)
Um 6:00 Uhr sind wir heute aufgestanden und um 6:30 Uhr losgefahren. Das ist Rekord! Innerhalb einer halben Stunde haben wir alles abfahrtbereit, inklusive Toilette und zusammenpacken. Allerdings gab es heute Morgen keine Dusche und kein richtiges Frühstück.
Barbara hatte gestern gesagt, dass für heute früh Gewitter angesagt wäre. Sie meinte, nur in der Cable Bay. Die Nacht sollte es schon derb regnen und wir hatten ein bisschen Angst, dass wir dann hier nicht mehr rauskommen. Die Straße hierher ist ziemlich eng und manchmal war es schwierig, wenn zwei Autos aneinander vorbei wollten. Außerdem waren viele Streckenabschnitte gesperrt oder es wurde extra gewarnt, weil es hier viele Erdrutsche oder Steinschläge von den Hängen direkt an der Straße gab. Sollte es viel regnen, könnte es durchaus sein, dass die Straße für eine Weile nicht passierbar wäre. Dann wären wir hier festgesetzt und das wollen wir vermeiden.
Also Kurzprogramm und dann waren wir in Nullkommanichts verschwunden. Der Himmel machte sich einfach trüb und so langsam übertrug sich das Wetter auf unsere Stimmung. Der Morgen war jedoch gut durchgeplant und so vergaßen wir die trübe Stimmung schnell wieder. Zum zweiten Mal besuchen wir Nelson im Regen und da noch nichts geöffnet hatte, steuerten wir den örtlichen McDonalds an und besorgten uns erst mal einen Morgenkaffee und gingen ins Netz. Skypen ist bei Macces scheinbar gesperrt, aber Mailen und Wettercheck gingen. Die nächsten Tage sehen ebenfalls durchwachsen aus. Na prima!
Als nächstes suchten wir den Pak’n Save in Richmond auf und stöberten durch die riesigen Regale. Da morgen Silvester ist, wurden noch ein paar leckere Sachen gekauft. Der Supermarkt ist in einem Einkaufscenter, in dem noch andere Shops zu finden sind und so holten wir noch Geld und kauften ein paar andere Kleinigkeiten. Endlich bekommt Lisa auch ihr indisches Take-Away. Für 2,50 $ gab es drei Onion Pakora, das sind frittierte Zwiebeln, Vegetable Korma und Chicken Korma. Das warme Essen war mit Cashewgeschmack und die Zwiebelbällchen mit Reis und Kurkuma und frittiert. Für 20,50 $ speisten wir richtig lecker und umgerechnet ist es auch nicht teuer gewesen. Als Nachtisch gönnten wir uns noch vier Muffins aus dem Café nebenan, die richtig appetitlich präsentiert wurden.
Aus Richmond rauszukommen, war wirklich schwierig. Dalia hat ihren eigenen Willen und schickt uns mal nach links, mal nach rechts. Dabei scheint heute die gesamte Umgebung unterwegs zu sein. Es ist wie in Deutschland und die Leute kaufen ein, als gäbe es kein Morgen mehr. Es ist ein Tag vor Silvester. Die Straßen sind vollgestopft mit Autos und jeder denkt nur an sich. Wir denken an die Aussagen auf der Nordinsel, dass es auf der Südinsel weniger Verkehr gäbe und wundern uns.
Als wir in Richtung Kaiteriteri kommen, sind wir endgültig mit Navigationssystemen durch. Dalia führt uns nach rechts, nur um uns Minuten später ums Wenden zu bitten. Die Straße führt eindeutig nach Kaiteriteri, aber sie rechnet keine neue Route und wiederholt immer wieder ihre Bitte zum Wenden. Irgendwann geben wir auf, wenden und fahren die schwierige Strecke zurück. Ich wollte nicht, aber Lisa meint, dass wäre sowieso eine sehr kurvige Straße und ursprünglich wollte sie die andere Strecke fahren, hätte aber die Anweisungen des Navis befolgen wollen. So oft, wie uns das Navi schon Umwege hat fahren lassen oder in die falsche Richtung, brauche ich definitiv keins.
Gegen Mittag erreichten wir Marahau im strömenden Regen. Unsere Stimmung war schon wieder glatt auf dem Nullpunkt und als uns von Donna und Pete eröffnet wurde, dass wir nicht mal den vorgebuchten Parkplatz mit Strom bekämen, da diese völlig unter Wasser standen, waren wir erstmal bedient. Donna bot an, uns gegen einen Discount auf einen unpowered Platz zu stellen und überlegte, welcher der günstigste sein könnte. Wir stehen nun direkt neben den Duschen und Toiletten, die Küche ist nicht weit. Das ist okay und günstig für uns, denn dann müssen wir mit dem Geschirr nicht so weit und auch abends, wenn man noch mal auf die Toilette muss, ist es einfach bequem, wenn man nicht noch mal quer über den ganzen Platz muss. Vor Allem wenn es regnet.
Marahau ist eine sehr kleine Ortschaft in der Tasman Region, von welcher aus man sehr schöne Wanderungen in den Nationalpark unternehmen kann. Wir kommen uns hier wirklich vor wie am Ende der Welt, das Leben hat hier seinen eigenen Rhythmus und so eine Leichtigkeit. Dieser Platz gefällt uns auf Anhieb und wir hätten keinen schöneren Ort für die letzten zwei Tage des Jahres wählen können.
Wir kochten uns erst mal einen Kaffee und genossen unsere Muffins. Dann machten wir einen Schlachtplan. Wie in den letzten Tagen auch klarte es zum Nachmittag plötzlich auf und wir beeilten uns, damit wir noch eine kleine Wanderung machen konnten. Unser Ziel war eigentlich die Tinline Bay, eine der ersten Buchten auf dem Abel Tasman Walkway, doch es herrschte gerade Ebbe und man konnte quer über den Strand bis zum Wasser laufen. Das taten wir dann auch.
Ein paar Minuten zu Fuß beginnt der Abel Tasman Coastal Track und von hier aus kann man in unterschiedlich langen Wanderungen die Küste des Abel Tasman Nationalparks erkunden. Ein paar kleine vorgelagerte Inselchen machen die Bilderbuchküste zu einer Traumlandschaft für alle Menschen, die das Schöne lieben. Das Wasser blau, der Strand goldgelb, die Berge drum herum in sattem Grün. Farben, die die Seele berühren und das Herz aufgehen lassen. Wieder einmal staunen wir über Neuseelands Nuancen.
Das Wasser des Pazifiks ist hier im flachen Bereich warm wie Badewasser. Wir sehen Krebse und unzählige Muscheln. Ein paar sammeln wir, die sind auch noch geschlossen, aber wir sind uns unsicher, ob man die so essen kann. Wir wissen auch gar nicht, wie. Später erfahren wir, dass man sie auf jeden Fall essen kann.
Der Beginn des Coastal Track ist übersät mit kleinen kristallenen Steinen, die in hellen Farben glitzern wie Diamanten. Jetzt muss ich wieder an unsere Oma denken, die mir mal glitzernde Steine aus dem Harz mitgebracht hat.
Auf dem Rückweg schauen wir uns bei einem Künstler um, der sein Atelier geöffnet und in seinem Garten einen Rundweg mit Statuen gestaltet hat. Das sieht eher hippiemäßig aus, im Shop läuft Reggae und draußen im Garten ziehen seine Kumpels entspannt „Einen“ durch. Interessanter ist da die Entenmama, die mit ihren fünf Küken über die Straße läuft und sich gemütlich am Rand niederlässt. Während wir uns vor lauter Fotografieren vergessen, fliegt mal wieder mein Sonnenhut davon und direkt in den kleinen Fluss. Lisa balanciert ihn aber heraus und er ist wieder gerettet. Dafür bekommt sie sogar Applaus von einer Gruppe anderer Camper, die das beobachtet hat.
Zum Abendbrot gibt es Lachs mit Zitrone und Kräutern, dazu Zucchini. Wir hatten ja schon indisch, da ist der Hunger nicht mehr allzu groß. Während wir unser Essen bereiten, schwatzt Lisa mit einer älteren Dame aus Irland. Sie erzählt, dass sie gern Muscheln zubereitet hätte, sie aber keine gefunden haben. Die Asiaten in der Küche stellen sich als Japaner heraus und Toshi erklärt mir, wie die Muscheln zubereitet werden. Sie haben sich nämlich welche mitgenommen. Dann plaudern wir noch ein wenig über Japan und wir erzählen von unserer Reise dorthin und den Stationen. Auch ein paar Vokabeln werden wieder aktiviert. Toshi kommt aus Hokkaido und ist hier für ein Jahr „Work & Holiday“.
Am Abend gibt es noch Eis und wir amüsieren uns sehr über unsere Strandbilder. Die Nacht wird friedlich, aber kalt. Wir hatten es anders erwartet, denn am Abend frischt der Wind wieder auf und die Äste des Baumes, den wir als Avocado identifiziert haben, klappern an unserem Auto. Das ist ganz schön erschreckend, aber dann gewöhnen wir uns dran.


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