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Christian Morgenstern

Alle Galgenlieder


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-1000-8

Inhaltsverzeichnis

Wie die Galgenlieder entstanden

Galgenberg

Bundeslied der Galgenbrüder

Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid

Nein!

Das Gebet

Das Große Lalula

Der Zwölf-Elf

Das Mondschaf

Lunovis

Das Mondschaf

Die Trichter

Der Rabe Ralf

Fisches Nachtgesang

Galgenbruders Frühlingslied

Des Galgenbruders Gebet und Erhörung

Das Problem

Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen

Nachtbild

Der Tanz

Das Knie

Der Seufzer

Bim, Bam, Bum

Das aesthetische Wiesel

Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terrasse

Die Beichte des Wurms

Das Weiblein mit der Kunkel

Die Mitternachtsmaus

Himmel und Erde

Der Mond

Mondendinge

Der Mondberg-Uhu

Der Hecht

Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder eine glückliche Ehe

Die beiden Esel

Der Steinochs

Tapetenblume

Das Wasser

Die Luft

Wer denn?

Der Lattenzaun

Die beiden Flaschen

Das Lied vom blonden Korken

Der Würfel

Kronprätendenten

Die Weste

Der Walfafisch oder das Überwasser

Die Westküsten

Philantropisch

Das Hemmed

Unter Schwarzkünstlern

Unter Zeiten

Der Traum der Magd

Zäzilie

Anto-Logie

Die Hystrix

Das Nasobēm

Die Probe

Im Jahre 19 000

Die Schildkrökröte

Der Gaul

Der heroische Pudel

Das Huhn

Möwenlied

Igel und ein Agel

Der Werwolf

Die Fingur

Das Fest des Wüstlings

KM 21

Geiss und Schleiche

Eine Stimmung aus dem vierten Kreis

Die zwei Wurzeln

Das Geburtslied

Galgenkinds Wiegenlied

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Der Purzelbaum

Palmström

Palmström

Das böhmische Dorf

Nach Norden

West-Östlich

Der vorgeschlafene Heilschlaf

Bildhauerisches

Die Kugeln

Zukunftssorgen

Das Warenhaus

Lärmschutz

Bona fide

Theater

Die Wissenschaft

Sprachstudien

Im Tierkostüm

Die Tagnachtlampe

Die Korfsche Uhr

Palmströms Uhr

Korfs Geruchsinn

Die Geruchs-Orgel

Der Aromat

Der Weltkurort

Die Mausefalle

Im Winterkurort

Palmström an eine Nachtigall, die ihn nicht schlafen liess

Die weggeworfene Flinte

Korfs Verzauberung

Korf-Münchhausen

Europens Bücher

Korf und Palmström wetteifern in Notturnos

Korf in Berlin

Alpinismus

Der eingebundene Korf

Die Brille

Die Mittagszeitung

Der durchgesetzte Baum

Der fromme Riese

Korf erfindet eine Art von Witzen –

Die Windhosen

Die Windsbraut

Die Gabe

Palmström legt des Nachts sein Chronometer –

Vom Zeitunglesen

Die Zimmerluft

Bilder

Die Waage

L'Art pour l'Art

Feuerprobe

Die unmögliche Tatsache

Die Behörde

Die wirklich praktischen Leute

Professor Palmström

Das Polizeipferd

Venus-Palmström-Anadyomene

Gleichnis

Spekulativ

Der Träumer

Palmström lobt

Die beiden Feste

Palma Kunkel

Muhme Kunkel

Exlibris

Wort-Kunst

Das Forsthaus

Der Papagei

›Lore‹

Lorus

Der Kater

Gegensätze

Der Bart

Der Droschkengaul

Die Zirbelkiefer

Mopsenleben

Der Meilenstein

Täuschung

Vice versa

Die wiederhergestellte Ruhe

Auf dem Fliegenplaneten

Das Perlhuhn

Das Einhorn

Die Nähe

Der Salm

Die Elster

Anfrage

Antwort (i.A.)

Entwurf zu einem Trauerspiele

Das Butterbrotpapier

Droschkengauls Jännermeditation

Das Auge der Maus

Die Schuhe

Das Tellerhafte

Schicksal

Zwischendurch

Das Grab des Hunds

Das Nilpferd

Der Sperling und das Känguruh

Naturspiel

Der gestrichene Bock

Tertius Gaudens

Der Leu

Das Geierlamm

Der Zwi

Unter Spiegelbildern

Deus Artifex

Die Fledermaus

Das Buch

Die Unterhose

Ein böser Tag

Geburtsakt der Philosophie

Plötzlich ...

Der Korbstuhl

Physiognomisches

Rondell

Die zwei Parallelen

Denkmalswunsch

Der Gingganz

Der Gingganz

Der Aesthet

Die Oste

Der Vergeß

Lieb ohne Worte

Er

Es pfeift der Wind ...

Der heilige Pardauz

Golch und Flubis

Gespenst

Die drei Winkel

Der Schnupfen

Etiketten-Frage

Lebens-Lauf

Im Reich der Interpunktionen

Die Glocke

Das Löwenreh

Klabautermann

Brief einer Klaubauterfrau

Die Lampe

Der Papagei

Das Symbol des Menschen

Schiff ›Erde‹

Vier Teufelslegendchen

Zeitgedichte

Die Zeit

Das Grammophon

Die Tafeln

Die Stationen

Der Bahnvorstand

Der Glaube

Der Großstadtbahnhoftauber

Der E.P.V.

Ukas

Auf einer Bühne

Zivilisatorisches

Der Wasseresel

Der neue Vokal

Toilettenkünste

Vom Stein-Platz zu Charlottenburg

Die Häusertürme von Neu-Berlin

Aus der Vorstadt

Mägde am Sonnabend

Der Saal

Scholastikerprobleme

Der kulturbefördernde Füll

Problem

Gruselett

Ein modernes Märchen

St. Expeditus

Die Lämmerwolke

Die zwei Turmuhren

Der Glockenwurm

Aus dem Anzeigenteil einer Tageszeitung des Jahres 2407

Über die Galgenlieder


Galgenlieder

Palmström

Palma Kunkel

Gingganz

Dem Kinde im Manne

Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.

Nietzsche

zur 15. Auflage (1913)

Dem Kinde im Menschen

In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heißt Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatur-Schiff, sondern die Walnußschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit- schaffen dürfen und nicht so sehr bloß bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ›Kind im Menschen‹ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm...

Christian Morgenstern

Wie die Galgenlieder entstanden

Inhaltsverzeichnis

Es waren einmal acht lustige Könige; die lebten. Sie hießen aber so und so. Wer heißt überhaupt? Man nennt ihn. Eines Tages aber sprachen die lustigen Könige zueinander, wie Könige zueinander sprechen. »Die Welt ist ohne Salz; laßt uns nach Salz gehen!« sagte der zweite. »Und wenn es Pfeffer wäre«, meinte der sechste. »Wer weiß das Neue?« fragte der fünfte. »Ich!« rief der siebente. »Wie nennst du's?« fragte der erste. »Das Unterirdische,« erwiderte der siebente, »das Links, das Rechts, das Dazwischen, das Nächtliche, die Quadrate des Unsinnlichen über den drei Seiten des Sinnlichen.« »Und der Weg dazu?« fragte der achte. »Das einarmige Kreuz ohne Kopf mit der Basis über dem Winkel«, sagte der siebente. »Also der Galgen!« sagte der vierte. »Esto«, sprach der dritte. Und alle wiederholten: »Esto«, das heißt »Jawohl«. Und die acht lustigen Könige rafften ihre Gewänder und ließen sich von ihrem Narren hängen. Den Narren aber verschlang alsogleich der Geist der Vergessenheit. –

Betrachten wir den ›Galgenberg‹ als ein Lugaus der Phantasie ins Rings. Im Rings befindet sich noch viel Stummes.

Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiß, was ein mulus ist: die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre.

Laß die Moleküle rasen, was sie auch zusammenknobeln! Laß das Tüfteln, laß das Hobeln, heilig halte die Ekstasen!

Galgenberg

Inhaltsverzeichnis

Blödem Volke unverständlich

treiben wir des Lebens Spiel.

Gerade das, was unabwendlich,

fruchtet unserm Spott als Ziel.

Magst es Kinder-Rache nennen

an des Daseins tiefem Ernst;

wirst das Leben besser kennen,

wenn du uns verstehen lernst.

Bundeslied der Galgenbrüder

Inhaltsverzeichnis

O schauerliche Lebenswirrn,

wir hängen hier am roten Zwirn!

Die Unke unkt, die Spinne spinnt,

und schiefe Scheitel kämmt der Wind.

O Greule, Greule, wüste Greule!

»Du bist verflucht!« so sagt die Eule.

Der Sterne Licht am Mond zerbricht.

Doch dich zerbrachs noch immer nicht.

O Greule, Greule, wüste Greule!

Hört ihr den Huf der Silbergäule?

Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!

da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!

Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid

Inhaltsverzeichnis

Sophie, mein Henkersmädel,

komm, küsse mir den Schädel!

Zwar ist mein Mund

ein schwarzer Schlund –

doch du bist gut und edel!

Sophie, mein Henkersmädel,

komm, streichle mir den Schädel!

Zwar ist mein Haupt

des Haars beraubt –

doch du bist gut und edel!

Sophie, mein Henkersmädel,

komm, schau mir in den Schädel!

Die Augen zwar,

sie fraß der Aar –

doch du bist gut und edel!

Nein!

Inhaltsverzeichnis

Pfeift der Sturm?

Keift ein Wurm?

Heulen

Eulen

hoch vom Turm?

Nein!

Es ist des Galgenstrickes

dickes

Ende, welches ächzte,

gleich als ob

im Galopp

eine müdgehetzte Mähre

nach dem nächsten Brunnen lechzte

(der vielleicht noch ferne wäre).

Das Gebet

Inhaltsverzeichnis

Die Rehlein beten zur Nacht,

hab acht!

Halb neun!

Halb zehn!

Halb elf!

Halb zwölf!

Zwölf!

Die Rehlein beten zur Nacht,

hab acht!

Sie falten die kleinen Zehlein,

die Rehlein.

Das Große Lalula

Inhaltsverzeichnis

Kroklokwafzi? Se e e i! Seiokronto -- prafriplo: Bifzi, bafzi; hulale i quasti bast bo ... Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente

zasku zes rü rü?

Enpente, leiolente

klekwapufzi lü?

Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu

silzuzankunkrei (;)!

Marjomar dos: Quempu Lempu

Siri Suri Sei []!

Lalu lalu lalu lalu la!

Der Zwölf-Elf

Inhaltsverzeichnis

Der Zwölf-Elf hebt die linke Hand:

Da schlägt es Mitternacht im Land.

Es lauscht der Teich mit offnem Mund.

Ganz leise heult der Schluchtenhund.

Die Dommel reckt sich auf im Rohr.

Der Moosfrosch lugt aus seinem Moor.

Der Schneck horcht auf in seinem Haus;

desgleichen die Kartoffelmaus.

Das Irrlicht selbst macht Halt und Rast

auf einem windgebrochnen Ast.

Sophie, die Maid, hat ein Gesicht:

Das Mondschaf geht zum Hochgericht.

Die Galgenbrüder wehn im Wind.

Im fernen Dorfe schreit ein Kind.

Zwei Maulwürf küssen sich zur Stund

als Neuvermählte auf den Mund.

Hingegen tief im finstern Wald

ein Nachtmahr seine Fäuste ballt:

Dieweil ein später Wanderstrumpf

sich nicht verlief in Teich und Sumpf.

Der Rabe Ralf ruft schaurig: »Kra!

Das End ist da! Das End ist da!«

Der Zwölf-Elf senkt die linke Hand:

Und wieder schläft das ganze Land.

Das Mondschaf

Inhaltsverzeichnis

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.

Es harrt und harrt der großen Schur.

Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm

und geht dann heim auf seine Alm.

Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:

»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«

Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.

Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.

Das Mondschaf.

Lunovis

Inhaltsverzeichnis

Lunovis in planitie stat

Cultrumque magn' exspectitat.

Lunovis.

Lunovis herba rapta it

In montes, unde cucurrit.

Lunovis.

Lunovis habet somnium:

Se culmen rer' ess' omnium.

Lunovis.

Lunovis mane mortuumst.

Sol ruber atque ips' albumst.

Lunovis.

Das Mondschaf

Inhaltsverzeichnis

Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,

d.h., es wurde überdacht

von seinem eigenen Denker:

Der übergibt dies alles sich

mit einem kurzen Federstrich

als seinem eigenen Henker.

Die Trichter

Inhaltsverzeichnis

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.

Durch ihres Rumpfs verengten Schacht

fließt weißes Mondlicht

still und heiter

auf ihren

Waldweg

u.s.

w.

Der Rabe Ralf

Inhaltsverzeichnis


Der Rabe Ralf will will hu hu dem niemand half still still du du half sich allein am Rabenstein will will still still hu hu Die Nebelfrau will will hu hu nimmts nicht genau still still du du sie sagt nimm nimm 's ist nicht so schlimm will will still still hu hu
Doch als ein Jahr will will hu hu vergangen war still still du du da lag im Rot der Rabe tot will will still still du du

Fisches Nachtgesang

Inhaltsverzeichnis


Galgenbruders Frühlingslied

Inhaltsverzeichnis

Es lenzet auch auf unserm Spahn,

o selige Epoche!

Ein Hälmlein will zum Lichte nahn

aus einem Astwurmloche.

Es schaukelt bald im Winde hin

und schaukelt bald drin her.

Mir ist beinah, ich wäre wer,

der ich doch nicht mehr bin ...

Des Galgenbruders Gebet und Erhörung

Inhaltsverzeichnis

(Ein Nachtlied, im Jenseits vorzusingen)

Die Mond-Uhr wies auf halber ilf,

da rief ich laut: Gott hilf, Gott hilf!

Wie singt im nahen Röhricht

die Unke gar so töricht!

U u, u u, u u, u u –

So geht es immer und immerzu!

Ich kann solch lautes Grübeln

der Kröte nur verübeln.

So schweig doch still, verruchtes Maul!

Sonst freß dich gleich der Silbergaul!

Er frißt dich auf wie Hafer drum

werde stiller, braver! ...

– – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – –

Die Mond-Uhr wies dreiviertel ilf,

verweht war mein: Gott hilf, Gott hilf! –

Im nahen Röhricht aber

erschien der Silbertraber.

Das Problem

Inhaltsverzeichnis

Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem

und sprach: »Ich heiße unbequem.

Als hieß ich etwa Drei-Vier

statt Sieben – Gott verzeih mir!«

Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt sich

von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.

Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen

Inhaltsverzeichnis

Der Ochsenspatz

Die Kamelente

Der Regenlöwe

Die Turtelunke

Die Schoßeule

Der Walfischvogel

Die Quallenwanze

Der Gürtelstier

Der Pfauenochs

Der Werfuchs

Die Tagtigall

Der Sägeschwan

Der Süßwassermops

Der Weinpintscher

Das Sturmspiel

Der Eulenwurm

Der Giraffenigel

Das Rhinozepony

Die Gänseschmalzblume

Der Menschenbrotbaum.

Nachtbild

Inhaltsverzeichnis

Es horcht ein Hofhund hinterm Zaun –

(›Achtung! Hunde!‹)

Es horcht ein Hofhund hinterm Zaun

zur mitternächtigen Stunde.

Mit glühnden Augen steht der Hund

an einem Möbelwagen...

Der Mensch ist fort. Die Nacht ist rund

mit Sternen ausgeschlagen.

Der Tanz

Inhaltsverzeichnis

Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule

trafen sich im Schatten einer Säule,

die im Geiste ihres Schöpfers stand.

Und zum Spiel der Fiedelbogenpflanze

reichten sich die zwei zum Tanze

Fuß und Hand.

Und auf seinen dreien rosa Beinen

hüpfte das Vierviertelschwein graziös,

und die Auftakteul auf ihrem einen

wiegte rhythmisch ihr Gekrös.

Und der Schatten fiel,

und der Pflanze Spiel

klang verwirrend melodiös.

Doch des Schöpfers Hirn war nicht von Eisen,

und die Säule schwand, wie sie gekommen war,

und so mußte denn auch unser Paar

wieder in sein Nichts zurücke reisen.

Einen letzten Strich

tat der Geigerich –

und dann war nichts weiter zu beweisen.

Das Knie

Inhaltsverzeichnis

Ein Knie geht einsam durch die Welt.

Es ist ein Knie, sonst nichts!

Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!

Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann

erschossen um und um.

Das Knie allein blieb unverletzt –

als wärs ein Heiligtum.

Seitdem gehts einsam durch die Welt.

Es ist ein Knie, sonst nichts.

Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.

Es ist ein Knie, sonst nichts.

Der Seufzer

Inhaltsverzeichnis

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis

und träumte von Liebe und Freude.

Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß

glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht an ein Maidelein

und blieb erglühend stehen.

Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –

und er sank – und ward nimmer gesehen.

Bim, Bam, Bum

Inhaltsverzeichnis

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,

als hätt er Vogelflügel;

er fliegt in römischer Kirchentracht

wohl über Tal und Hügel.

Er sucht die Glockentönin bim, die ihm vorausgeflogen; d.h., die Sache ist sehr schlimm, sie hat ihn nämlich betrogen.

»O komm,« so ruft er, »komm, dein bam erwartet dich voll Schmerzen. Komm wieder, bim, geliebtes Lamm, dein bam liebt dich von Herzen!«

Doch bim, daß ihrs nur alle wißt, hat sich dem bum ergeben; der ist zwar auch ein guter Christ, allein das ist es eben.

Der BAM fliegt weiter durch die Nacht

wohl über Wald und Lichtung.

Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,

er fliegt in falscher Richtung.

Das aesthetische Wiesel

Inhaltsverzeichnis

Ein Wiesel

saß auf einem Kiesel

inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr,

weshalb?

Das Mondkalb

verriet es mir

im stillen:

Das raffinier-

te Tier

tats um des Reimes willen.

Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terrasse

Inhaltsverzeichnis

Ich bin ein einsamer Schaukelstuhl

und wackel im Winde,

im Winde.

Auf der Terrasse, da ist es kuhl,

und ich wackel im Winde,

im Winde.

Und ich wackel und nackel den ganzen Tag.

Und es nackelt und rackelt die Linde.

Wer weiß, was sonst wohl noch wackeln mag

im Winde,

im Winde,

im Winde.

Die Beichte des Wurms

Inhaltsverzeichnis

Es lebt in einer Muschel

ein Wurm gar seltner Art;

der hat mir mit Getuschel

sein Herze offenbart.

Sein armes kleines Herze,

hei, wie das flog und schlug!

Ihr denket wohl, ich scherze?

Ach, denket nicht so klug.

Es lebt in einer Muschel

ein Wurm gar seltner Art;

der hat mir mit Getuschel

sein Herze offenbart.

Das Weiblein mit der Kunkel

Inhaltsverzeichnis

Um stille Stübel schleicht des Monds

barbarisches Gefunkel –

im Gäßchen hoch im Norden wohnts,

das Weiblein mit der Kunkel.

Es spinnt und spinnt. Was spinnt es wohl?

Es spinnt und spintisieret...

Es trägt ein weißes Kamisol,

das seinen Körper zieret.

Um stille Stübel schleicht des Monds

barbarisches Gefunkel –

im Gäßchen hoch im Norden wohnts,

das Weiblein mit der Kunkel.

Die Mitternachtsmaus

Inhaltsverzeichnis

Wenns mitternächtigt und nicht Mond

noch Stern das Himmelshaus bewohnt,

läuft zwölfmal durch das Himmelshaus

die Mitternachtsmaus.

Sie pfeift auf ihrem kleinen Maul, –

im Traume brüllt der Höllengaul ...

Doch ruhig läuft ihr Pensum aus

die Mitternachtsmaus.

Ihr Herr, der große weiße Geist,

ist nämlich solche Nacht verreist.

Wohl ihm! Es hütet ihm sein Haus

die Mittemachtsmaus.

Himmel und Erde

Inhaltsverzeichnis

Der Nachtwindhund weint wie ein Kind,

dieweil sein Fell von Regen rinnt.

Jetzt jagt er wild das Neumondweib,

das hinflieht mit gebognem Leib.

Tief unten geht, ein dunkler Punkt,

querüberfeld ein Forstadjunkt.

Der Mond

Inhaltsverzeichnis

Als Gott den lieben Mond erschuf,

gab er ihm folgenden Beruf:

Beim Zu- sowohl wie beim Abnehmen

sich deutschen Lesern zu bequemen,

ein formierend und ein – daß keiner groß zu denken hätt.

Befolgend dies, ward der Trabant

ein völlig deutscher Gegenstand.

Mondendinge

Inhaltsverzeichnis

Dinge gehen vor im Mond,

die das Kalb selbst nicht gewohnt.

Tulemond und Mondamin

liegen heulend auf den Knien.

Heulend fletschen sie die Zähne

auf der schwefligen Hyäne.

Aus den Kratern aber steigt

Schweigen, das sie überschweigt.

Dinge gehen vor im Mond,

die das Kalb selbst nicht gewohnt.

Tulemond und Mondamin

liegen heulend auf den Knien ...

Der Mondberg-Uhu

Inhaltsverzeichnis

Der Mondberg-Uhu hat ein Bein,

sein linkes Bein, im Sonnenschein.

Das rechte Bein jedoch des Vogels

bewohnt das Schattenreich des Kogels.

Bis hundertfunfzig Grad im Licht

gibt Herschel ihm (zwar Langsley nicht),

im Dustern andrerseits desgleichen

dasselbe mit dem Minuszeichen.

Sein Wohl befiehlt ihm (man versteht),

daß er sich stetig ruckweis dreht.

Er funktioniert wie eine Uhr

und ist doch bloß ein Uhu nur.

Der Hecht

Inhaltsverzeichnis

Ein Hecht, vom heiligen Antōn

bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn,

am vegetarischen Gedanken

moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:

Seegras, Seerose und Seegrieß.

Doch Grieß, Gras, Rose floß, o Graus,

entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.

Fünfhundert Fische sind verreckt.

Doch Sankt Antōn, gerufen eilig,

sprach nichts als »Heilig! heilig! heilig!«

Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder eine glückliche Ehe

Inhaltsverzeichnis

Der Nachtschelm und das Siebenschwein,

die gingen eine Ehe ein,

o wehe!

Sie hatten dreizehn Kinder, und

davon war eins der Schluchtenhund,

zwei andre waren Rehe.

Das vierte war die Rabenmaus,

das fünfte war ein Schneck samt Haus,

o Wunder!

Das sechste war ein Käuzelein,

das siebte war ein Siebenschwein

und lebte in Burgunder.

Acht war ein Gürteltier nebst Gurt,

neun starb sofort nach der Geburt,

o wehe!

Von zehn bis dreizehn ist nicht klar; –

doch wie dem auch gewesen war,

es war eine glückliche Ehe!

Die beiden Esel

Inhaltsverzeichnis

Ein finstrer Esel sprach einmal

zu seinem ehlichen Gemahl:

»Ich bin so dumm, du bist so dumm,

wir wollen sterben gehen, kumm!«

Doch wie es kommt so öfter eben:

Die beiden blieben fröhlich leben.

Der Steinochs

Inhaltsverzeichnis

Der Steinochs schüttelt stumm sein Haupt,

daß jeder seine Kraft ihm glaubt.

Er spießt dich plötzlich auf sein Horn

und bohrt von hinten dich bis vorn.

Weh!

Der Steinochs lebt von Berg zu Berg,

vor ihm wird, was da wandelt, Zwerg.

Er nährt sich meist – und das ist neu –

von menschlicher Gehirne Heu.

Weh!

Der Steinochs ist kein Tier, das stirbt,

dieweil sein Fleisch niemals verdirbt.

Denn wir sind Staub, doch er ist Stein!

Du möchtest wohl auch Steinochs sein?

He?

Tapetenblume

Inhaltsverzeichnis

Tapetenblume bin ich fein,

kehr wieder ohne Ende,

doch, statt im Mai'n und Mondenschein,

auf jeder der vier Wände.

Du siehst mich nimmerdar genung,

so weit du blickst im Stübchen,

und folgst du mir per Rösselsprung –

wirst du verrückt, mein Liebchen.

Das Wasser

Inhaltsverzeichnis

Ohne Wort, ohne Wort

rinnt das Wasser immerfort;

andernfalls, andernfalls

sprach es doch nichts andres als:

Bier und Brot, Lieb und Treu, –

und das wäre auch nicht neu.

Dieses zeigt, dieses zeigt,

daß das Wasser besser schweigt.

Die Luft

Inhaltsverzeichnis

Die Luft war einst dem Sterben nah.

»Hilf mir, mein himmlischer Papa,«

so rief sie mit sehr trübem Blick,

»ich werde dumm, ich werde dick;

du weißt ja sonst für alles Rat –

schick mich auf Reisen, in ein Bad,

auch saure Milch wird gern empfohlen; –

wenn nicht – laß ich den Teufel holen!«

Der Herr, sich scheuend vor Blamage,

erfand für sie die – Tonmassage.

Es gibt seitdem die Welt, die – schreit.

Wobei die Luft famos gedeiht.

Wer denn?

Inhaltsverzeichnis

Ich gehe tausend Jahre

um einen kleinen Teich,

und jedes meiner Haare

bleibt sich im Wesen gleich,

im Wesen wie im Guten,

das ist doch alles eins;

so mag uns Gott behuten

in dieser Welt des Scheins!

Der Lattenzaun

Inhaltsverzeichnis

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,

mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri-od- Ameriko.

Die beiden Flaschen

Inhaltsverzeichnis

Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,

die eine dick, die andre schlank.

Sie möchten gerne heiraten.

Doch wer soll ihnen beiraten?

Mit ihrem Doppel-Auge leiden

sie auf zum blauen Firmament...

Doch niemand kommt herabgerennt

und kopuliert die beiden.

Das Lied vom blonden Korken

Inhaltsverzeichnis

Ein blonder Korke spiegelt sich

in einem Lacktablett –

allein er sah sich dennoch nich,

selbst wenn er Augen hätt!

Das macht, dieweil er senkrecht steigt

zu seinem Spiegelbild!

Wenn man ihn freilich seitwärts neigt,

zerfällt, was oben gilt.

O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich

im, sagen wir, im All!

Und senkrecht! – wärest du dann nich

ganz in demselben Fall?

Der Würfel

Inhaltsverzeichnis

Ein Würfel sprach zu sich: »Ich bin

mir selbst nicht völlig zum Gewinn!

Denn meines Wesens sechste Seite,

und sei es auch Ein Auge bloß,

sieht immerdar, statt in die Weite,

der Erde ewig dunklen Schoß.«

Als dies die Erde, drauf er ruhte,

vernommen, ward ihr schlimm zumute.

»Du Esel,« sprach sie, »ich bin dunkel,

weil dein Gesäß mich just bedeckt!

Ich bin so licht wie ein Karfunkel,

sobald du dich hinweggefleckt.«

Der Würfel, innerlichst beleidigt,

hat sich nicht weiter drauf verteidigt.

Kronprätendenten

Inhaltsverzeichnis

– »Ich bin der Graf von Réaumur

und haß euch wie die Schande!

Dient nur dem Celsio für und für,

ihr Apostatenbande!«

Im Winkel König Fahrenheit

hat still sein Mus gegessen.

– »Ach Gott, sie war doch schön, die Zeit,

da man nach mir gemessen!«

Die Weste

Inhaltsverzeichnis

Es lebt in Süditalien eine Weste

an einer Kirche dämmrigem Altar.

Versteht mich recht: Noch dient sie Gott aufs beste.

Doch wie in Adam schon Herr Haeckel war,

(zum Beispiel bloß), so steckt in diesem Reste

Brokat voll Silberblümlein wunderbar

schon heut der krause Übergang verborgen

vom Geist von gestern auf den Wanst von morgen.

Der Walfafisch oder das Überwasser

Inhaltsverzeichnis

Das Wasser rinnt, das Wasser spinnt,

bis es die ganze Welt gewinnt.

Das Dorf ersäuft,

die Eule läuft,

und auf der Eiche sitzt ein Kind.

Dem Kind sind schon die Beinchen naß,

es ruft: »Das Wass, das Wass, das Wass!«

Der Walfisch weint

und sagt: »Mir scheint,

es regnet ohne Unterlaß.«

Das Wasser rann mit Zasch und Zisch,

die Erde ward zum Wassertisch.

Und Kind und Eul,

o Greul, o Greul –

sie frissifraß der Walfafisch.

Die Westküsten

Inhaltsverzeichnis

Die Westküsten traten eines Tages zusammen

und erklärten, sie seien keine Westküsten,

weder Ostküsten noch Westküsten –

»daß sie nicht wüßten!«

Sie wollten wieder ihre Freiheit haben

und für immer das Joch des Namens abschütteln,

womit eine Horde von Menschenbütteln

sich angemaßt habe, sie zu begaben.

Doch wie sich befreien, wie sich erretten

aus diesen widerwärtigen Ketten?

»Ihr Westküsten,« fing eine an zu spotten,

»gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?«

»Und wenn schon!« rief eine andre schrill.

»Wenn ich seine Magd nicht mehr heißen will?« –

»Dann blieben aber immer noch die Atlanten«, meinte

eine von den asiatischen Tanten.

Schließlich, wie immer in solchen Fällen,

tat man eine Resolution aufstellen.

Fünfhundert Tintenfische wurden aufgetrieben,

und mit ihnen wurde folgendes geschrieben:

Wir Westküsten erklären hiermit einstimmig,

daß es uns nicht gibt, und zeichnen hochachtungsvoll:

Die vereinigten Westküsten der Erde. –

Und nun wollte man, daß dies verbreitet werde.

Sie riefen den Walfisch, doch er tats nicht achten;

sie riefen die Möwen, doch die Möwen lachten;

sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht;

sie riefen ich weiß nicht was, doch ich weiß nicht was kam nicht.

»Ja, wieso denn, wieso?« schrie die Küste von Ekuador:

»Wärst du etwa kein Walfisch, du grober Tor?«

»Sehr richtig«, sagte der Walfisch mit vollkommener Ruh:

»Dein Denken, liebe Küste, dein Denken macht mich erst dazu.«

Da wars den Küsten, als sähn sie sich im Spiegel:

ganz seltsam erschien ihnen plötzlich ihr Gewiegel.

Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land.

Und die Resolution, die blieb unversandt.

Philantropisch

Inhaltsverzeichnis

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese

wäre besser ohne sie daran;

darum seh er, wie er ohne diese

(meistens mindestens) leben kann.

Kaum, daß er gelegt sich auf die Gräser,

naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,

naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,

und die Hummel ruft zum Sturm.

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese

tut drum besser, wieder aufzustehn

und dafür in andre Paradiese

(beispielshalber: weg) zu gehn.

Das Hemmed

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Kennst du das einsame Hemmed?

Flattertata, flattertata.

Ders trug, ist baß verdämmet!

Flattertata, flattertata.

Es knattert und rattert im Winde.

Windurudei, windurudei.

Es weint wie ein kleines Kinde.

Windurudei, windurudei.

Das ist das einsame

Hemmed.

Unter Schwarzkünstlern

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Eines Mittags las man:

Pfiffe zu mieten gesucht!

Hundertweis, zu jedem Preis!

Victor Emanuel Wasmann!

Um sechs Uhr kam der erste Pfiff

von einem alten Kohlenschiff.

Um acht Uhr warens tausend schon.

Um neun Uhr eine halbe Million.

Victor Emanuel Wasmann schlug

die Türe zu: »Nun ists genug!

Hört zu, ihr Pfiffe!

Ich habe einen Feind,« (hört! hört!)

»der mir des Nachts die Ruhe stört, auf

den sollt ihr marschieren!

Er hat Gelächter angestellt,

die schickt er nachts mir an mein Bett,

da hocken sie auf der Decke,

mit Flügeln weiß und Flügeln rot,

und krähn und flattern mich zu Tod. –

Doch alles hat sein Ende.«

Die Pfiffe pfiffen wie Ein Mann;

empfingen ihren Sold sodann.

(Ein Schusterjungenpfiff sogar

bot Wasmann sich als Bravo dar.)

Drauf ließ er sie durchs Ofenloch ...

Doch lange stand er brütend noch,

schrieb Zeichen, hob die Hand und schwur,

ein schwarzer Meister der Natur ...

*

Bald nach diesem ging

ein Herr Axel Ring

kurzerhand

außer Land. –

Wasmann hatte gesiegt.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
13 ноября 2024
Объем:
97 стр. 13 иллюстраций
ISBN:
9788027210008
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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