Читать книгу: «K.I.»

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Christian J. Meier folgte nach Physikstudium und Promotion seinem Traum und wurde freier Journalist und Autor.

Der 51-Jährige schreibt Artikel über Forschung, Technik und Digitalisierung für verschiedene Medien, z. B. Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung oder bild der wissenschaft.

Über einige seiner Lieblingsthemen wie Nanotechnologie und Quantenphysik hat er bislang drei allgemeinverständliche Sachbücher verfasst, zum Beispiel »Eine kurze Geschichte des Quantencomputers«. Seit ein paar Jahren schreibt er fiktional über Wissenschaft und Digitalisierung. Mehrere seiner Kurzgeschichten wurden veröffentlicht, etwa bei c’t. »K.I.« ist sein erster Techno-Thriller. Mehr zum Autor unter scicaster.de

Christian J. Meier
K.I.
Wer das Schicksal programmiert


© 2019 Polarise

Ein Imprint der dpunkt.verlag GmbH

Wieblinger Weg 17

69123 Heidelberg

www.polarise.de

1. Auflage 2019

Autor: Christian J. Meier

Lektorat: Martin Wohlrab

Copy–Editing: Elena Kraus

Covergestaltung: Weberson Santiago

Printed in Germany

ISBN (Buch) 978-3-947619-19-1

ISBN (PDF) 978-3-947619-20-7

ISBN (ePub) 978-3-947619-21-4

ISBN (Mobi) 978-3-947619-22-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über www.dnb.de abrufbar.

Gewidmet der natürlichen Intelligenz von 7,7 Milliarden Menschen

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, von robusten Systemen, die in der Lage sind, enge Aufgaben zu erfüllen, bis hin zu allgemeinen Denkmaschinen, ist im Gange.

Amy Webb, amerikanische Zukunftsforscherin in The Big Nine – How the Tech Titans & Their Thinking Machines Could Warp Humanity, 2019

1

Shanghai, Juli 2031

Lu Meng lächelte, wie er gelernt hatte zu lächeln, trotz des Schmerzes. Der tätowierte Arm eines der Fischhändler in der Xi Jinping Straße blockierte ihm den Weg. Der Mann hielt einem anderen Passanten einen Fisch unter die Nase. »Fangfrisch!«, schrie er. Mengs künstliches Mittelohr regelte die Lautstärke herunter. Der Geruch nach Seewasser wehte Meng, der seine Tage in KI-Labors und an Konferenztischen verbrachte, in die Nase und kündete von der bevorstehenden Flucht, der nächste Baustein seines Plans.

Der Fischhändler bemerkte Meng, lächelte knapp zurück und gab ihm den Weg frei. Er hatte ihn übersehen, wie es alle taten. Ihn, den besten KI-Experten des Reiches der Neuen Seidenstraße, der wichtige Teile des Wegs programmiert hatte. Wie seine Mutter ihn stets übersehen hatte. Es quälte ihn immer wieder. Und es trieb ihn.

Meng eilte weiter, ein Schweißtropfen floss über seine Augenbraue. Shanghai glühte in der späten Abenddämmerung. Er heftete den Blick an das Wohnzimmerfenster am Ende der Straße. Während überall Vorhänge im heißen Wind flatterten, war es geschlossen. Dahinter war es dunkel, obwohl sich die Familie zu dieser Zeit zum Abendessen traf.

Erneut flammte Schmerz auf. Meng hatte nicht erwartet, dass es seine Liebsten treffen könnte. Zumindest heute noch nicht. Hätte er sie doch in die Fluchtpläne eingeweiht!

Warum hatte er die Alarmsignale nicht ernst genug genommen?

Wenn seine Frau ihrem Aerobictreff fernblieb, um halbe Nächte allein im Biotechlabor zu verbringen, der Sohn immer öfter beim Xiangqi verlor, und die Tochter stundenlang auf dem Sofa vor sich hinstierte, statt beim Karaoke zu glänzen, dann mussten alle Alarmglocken schrillen!

Noch heute wären sie dem digitalen Wirbelsturm entgangen, der sich anbahnte. Das Schiff wartete im Hafen. Eine Träne rann ihm über die Wange, als er die Haustüre erreichte und sie öffnete. Stille plärrte ihm entgegen. Er hielt den Atem an und bog ins Wohnzimmer.

Tief in das schwarze Ledersofa gesunken lagen drei Körper, wie Marionetten, deren Fäden durchtrennt worden waren. Rosiger Teint in den Gesichtern. Drei Porzellantassen standen vor ihnen auf der Glasplatte des niedrigen Wohnzimmertisches. Daneben ein Schraubglas, halbvoll mit einer klaren Flüssigkeit. Meng schielte in eine der Tassen: Ein gelblicher Überzug kleidete sie aus. Der Arm seiner Frau Lin hing schlaff über die Armlehne, die Finger berührten den Boden. Ihre Augen aufgerissen, als habe sie den Atem des Todesgottes Yama gerochen. Die Finger ihrer anderen Hand umklammerten einen Zettel. Der Kopf seines Sohnes Tao lag mit halb geöffnetem Mund auf der Couchlehne. Die Hand der Leiche drückte ein ähnliches Stück Papier auf die Brust. Das Gesicht seiner Tochter Aya starrte ihm in Bitterkeit gefroren entgegen. Ein weiteres Blatt lag auf ihrem Schoß.

Meng trat auf Aya zu, beugte sich zögernd über sie und griff nach dem Papier. Er atmete ein und drehte es um. Der Zettel war mit rotem Buntstift bekritzelt. Drei ungelenk geschmierte Ziffern.

379.

Er wandte sich Tao zu, zerrte am Papier. Widerwillig schlüpfte unter seiner Hand eine weitere Zahl hervor.

412.

Meng entriss den Bogen der Leiche seines Sohnes, knüllte ihn zusammen und feuerte ihn in die Ecke. Er beugte sich zu Lin und zog an ihrem Wisch, dem dabei eine Ecke abriss.

437 stand darauf.

Meng ballte die Fäuste und zog die Augenbrauen zusammen. Sein Körper erstarrte wie trocknender Zement.

Seine ganze Familie war weit unter den Punktestand gerutscht, bei dem ein Bürger des Reichs der Neuen Seidenstraße als vertrauenswürdig galt. Der Score, dem der Weg einem gab, war ein Urteil. Der Weg würde seiner Familie keinen Zugang zu Verkehrsmitteln gewähren, sie in längere Warteschlangen leiten, zu den schlechten Plätzen im Restaurant. Viel schlimmer als das wäre jedoch die soziale Isolierung. Denn Umgang mit Unaufrichtigen zog den eigenen Punktestand hinab. Freundschaften würden sang- und klanglos enden, die Kinder in der Schule alleine im Pausenhof herumstehen, Tanzpartner sich andere Tanzpartner suchen.

Diese drei auf Zettel geschmierten Zahlen: Sie klagten ihn an. Ihn, Lu Meng.

Sein inneres Feuer nahm die üppige Nahrung dankbar auf.

Das war gut. Der Schmerz war sein Instrument.

Er war sein Treibstoff.

Der Booster zündete. Meng erreichte Fluchtgeschwindigkeit.

Er raffte den wehenden Vorhang beiseite und schloss das Fenster. Dann zog er die Gardine wieder davor und schaltete das Licht an. Er eilte ins Schlafzimmer, holte die Reisetasche aus dem Schrank und warf ein paar Kleidungsstücke hinein. In der Hosentasche fingerte er nach seinem Schlüsselbund, wählte den kleinsten Schlüssel und schloss damit ein Fach an der Kommode auf. Daraus holte er ein flaches, silbrig glänzendes Kästchen, hielt es mit einer Hand und streichelte es mit der anderen. Dann steckte er den Behälter in die Tasche, zog am Reißverschluss und ging zur Wohnungstür.

»Infrarotflackern aktivieren«, murmelte Meng. Mit einem grünen Blinken im oberen Blickfeld bestätigten seine Kontaktlinsen den Befehl und emittierten ein unsichtbares Blinken. Für die künstlichen Intelligenzen, die die Bilder der öffentlichen Kameras auswerteten, würde er jetzt der Hafenarbeiter Wu Dong aus der Nachbarschaft sein, von dem Meng wusste, dass er seit gestern etwas später aus dem Haus ging, weil die Klangschalenmeditation verlegt worden war.

Als Experte kannte Meng die Tricks, um den Algorithmen der Personenerkennung ein X für ein U vorzumachen. Wenn die KI sagte: Das ist Wu Dong aus der Bashong Straße in Shanghai, musste das lange nicht stimmen. Auch ein Muster, das wie Rauschen aussah, konnte diese Entscheidung herbeiführen. Wenn man wusste, wie man es berechnete. Meng wusste es. Seine Kontaktlinsen führten die KI mit einem solchen Flackern in die Irre.

So gerüstet, trat Meng vor die Tür und schlenderte die Straße hinunter. Auf Höhe des Kaufhauses »Goldener Drache« widerstand er dem Impuls, den Kopf zu senken, als er zwei entgegenkommende Polizisten passierte. Sollten sie ihn überhaupt wahrnehmen, würden auch ihre Erkennungssysteme den in höchstem Maß vertrauenswürdigen Hafenarbeiter auf dem Weg zum feierabendlichen Meditieren anzeigen. Am Ende der Straße bog Meng nach rechts ab. Richtung Hafen, wo das Schiff wartete.

Bald würde er im Westen sein.

Die drei leeren Tassen auf dem Wohnzimmertisch drängten sich vor sein inneres Auge. Er sah seine Frau, wie sie die ihre austrank und wie die Kinder ihrem Beispiel folgten. Das Gift strömte in ihre Körper, drang in ihre Zellen und erstickte diese binnen Minuten.

2

Die Lichter von Frankfurts Skyline glommen hinter den Fensterscheiben des Krankenzimmers. Alexander Wenger lag bis auf Kopf, Schultern und den linken Arm unter einer weißen Decke. Eine Kanüle steckte in seiner Armbeuge. Der Schlauch daran führte in eine Apparatur mit der Aufschrift Gaia Health – Patient Terminal, von der dünnere Röhren zu einer Halterung voller Fläschchen liefen. Auf dem Monitor über der Maschine erschien eine grün blinkende Schrift, begleitet von einem sanften Piepsen:

Rezeptur 44A

Alexander Wenger

Mischung der Komponenten

Das Patient Terminal aktivierte sich, erkennbar am anschwellenden Sirren seiner Mikropumpen. Einige der Schläuche zuckten. Ein weiteres Piepsen bestätigte die Fertigstellung von Rezeptur 44A. Nun zitterte die Röhre, die zu Wengers Arm führte. Der Patient selbst schien davon nichts zu bemerken. Seine Augen blieben geschlossen, die Miene unverändert gleichmütig. Der Schmerzrepressor in 44A ermöglichte ihm einen friedlichen Schlaf, der andauerte, bis die Wolkenkratzer draußen im Morgenlicht aufglühten.

Jette Blomberg las die Nachricht, die halbtransparent in ihrem Blickfeld erschien, während ihre Schuhsohlen weiter auf dem Boden des Korridors klackerten. »Sofort zu mir!«, las die Ärztin der onkologischen Station des Klinikums Frankfurt. Seufzend machte sie kehrt, stapfte zum Aufzug und fuhr in den vierten Stock, in dem das Büro des Klinikdirektors Martin Sommer lag.

Dort angekommen, klopfte sie und trat ein.

Den massigen, stoppeligen Kopf gesenkt, mit dem feisten Zeigefinger auf der vor ihm ausgerollten Foil herumhackend, wies Sommer mit der freien Hand seine Besucherin an, sich zu setzen. Jette nahm auf dem gepolsterten Stuhl vor dem Schreibtisch Platz.

Minutenlang tippte und wischte ihr Boss weiter. Sie blickte sich im Büro um. Neben Sommers gerahmten Meriten hing ein Selfie des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Klinikverbunds Süddeutschland, Jörn Spiewalk. Arm in Arm, die Köpfe fast aneinander gelehnt, lächelten er und ein schmalbrüstiger, brillentragender Glatzkopf um die Vierzig dem Betrachter entgegen. Der Haarlose war Brent Scott, Gründer und Chef von Gaia, des konkurrenzlosen Cloudkonzerns des Westens. Dieser gutmütige Onkel hatte von seinem Bostoner Softwarebüro aus zuerst Amazon hinweggefegt, mit einer prognostischen KI, die den Kunden lieferte, was sie sich im Moment wünschten und die zugleich die Logistik verschlankte, also ein unschlagbar effizientes Geschäftsmodell schuf. Seine KI perfektionierte die vorausschauende Wartung und vernetzte Industriemaschinen optimal miteinander. Ein weiteres Feld, auf dem zuvor Amazon geglänzt hatte. Scotts nächster Coup war der nahtlose Zugang zur Cloud für alle gewesen. Das Technikgenie verschmolz die Kommunikationstechnik mit dem Körper und damit die digitale Welt mit der Wahrnehmung der Menschen. Dazu dienten etwa Kontaktlinsen mit eingebauten Displays, Kameras und einem automatischen Authentifizierungssystem, das die Netzhaut zum Ausweis der Person machte – niemand brauchte mehr zig Passwörter. Mit Gaias Technik und seinen Services schwamm man in einer neuen, weiten, bunten Welt, die zugleich saß wie ein Maßanzug. Alle wollten mitschwimmen. Millionen ließen sich die Körpertechnik, Linsen, Mittelohren, Gedankenschnittstellen, Rechenhubs sogar implantieren. Die Datenströme verlagerten ihre Flussbetten nach Boston, zu Gaias Firmen- zentrale und dem medienscheuen Boss Brent Scott. Wie ein galaktisches Gravitationszentrum sog Gaia Daten und Rechenpower an sich, bis nach Amazon die anderen Größen in der Bedeutungslosigkeit versanken: Google, Facebook, Apple, Microsoft.

Jette wandte den Kopf ab und sah aus dem Fenster hinter Sommer.

Draußen blitzte ein vorbeifliegendes Flugtaxi im Sonnenlicht, wie ein monströser Prachtkäfer. Jette wünschte sich, mit dem Luftfahrzeug wild herumzustreifen. Ein Hobby, das sie aufgegeben hatte.

Leider.

Die Option Flucht erschien ihr mit jedem neuen Tag in der Klinik attraktiver.

Sommers Tippen auf der Foil hörte auf, Jette wandte sich ihrem Chef zu. Der studierte die Ärztin mit schräg gelegtem Kopf und leicht zugekniffenen Augen, als habe er einen besonders komplizierten Fall vor sich.

»Sie sind auf der Kippe, Frau Doktor Blomberg«, sagte er. Jette hasste die drohende Art, mit der Sommer seine Untergebenen auf Linie hielt.

Sie setzte eine ahnungslose Miene auf.

»Es muss aufhören«, fuhr Sommer fort. »Sofort. Sonst können Sie nicht in unserem Team bleiben.«

Jette zuckte die Schultern. »Was muss aufhören, Herr Direktor?«, fragte sie.

Sommer schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Totenkopf aus Plastik darauf wackelte. »Stellen Sie sich gefälligst nicht auch noch dumm! Ich meine natürlich ihren Aktivismus, wie jetzt dieses Interview im taz-Stream, das nun von vielen Streamern aufgegriffen wird! Was wollen Sie? Zum Team gehören oder ihm in den Rücken fallen?«

»Was ich will? Den Patienten helfen, Professor Sommer.«

Der Furor des Direktors stockte, als habe er mit vielem gerechnet, aber nicht mit dieser Entgegnung. »Verstehe ich Sie richtig? Sie wollen den Patienten helfen, indem Sie öffentlich Gaia verdächtigen, unsauber zu arbeiten?«

»Das habe ich nicht!«

»Ach nein?«

Sommer wischte auf der Foil herum, bis sie die Umrisse einer Tatze auf rotem Grund mit dem Schriftzug »taz« daneben zeigte. Darunter die Überschrift: »Frankfurter Ärztin beklagt Kontrollverlust« mit einem Bild von Jette und einem Text. »Sie haben also Folgendes nicht geäußert?«, fragte Sommer. »Ich zitiere: Die Medizin ist heute stark personalisiert. Für jeden Patienten stellen Gaias Algorithmen individuelle Wirkstoffmixturen zusammen. Wir können diese zwar analysieren. Aber wir können nicht nachvollziehen, warum sie wirken und wie, weil nur Gaia über ein vollständiges Tumorzellen-Modell verfügt. Wir mögen alle Patientendaten haben, aber das Wissen hat dieser allmächtige Konzern. Dieses Unternehmen ist eine unberechenbare Black Box. Niemand kontrolliert es. Wie können wir wissen, ob und wie sorgfältig es arbeitet? Die meisten Erkenntnisse hat Gaia mittels künstlicher Intelligenz automatisch generiert. Womöglich kontrolliert nicht einmal Gaia selbst, was die Maschinen für unsere Patienten zusammenmixen. Zitat Ende.«

Sommer sah Jette herausfordernd ins Gesicht.

»Das sind meine Worte«, sagte sie.

Empörung verhärtete Sommers Mimik, wie die eines Vaters gegenüber der trotzigen Tochter.

»Wissen Sie eigentlich, was Sie da unterstellen, Frau Doktor Blomberg?«

»Ich weise lediglich darauf hin«, entgegnete Jette, »dass wir Klinikärzte die Kontrolle verloren haben. An eine Maschinerie, deren Entscheidungen wir nicht verstehen. Ich behaupte nicht, dass es dem System an Sorgfalt fehlt. Nur, dass wir das nicht überprüfen können. Genauso gut könnten wir Gaias Logo über unseren Klinikeingang hängen.«

Sommer lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Sein fetter Körper verursachte dabei ein beträchtliches Knirschen. Er schnaufte, dann setzte er eine milde Miene auf.

»Frau Doktor Blomberg«, begann er in dem warmen Bariton, mit dem er im Bedarfsfall den nachsichtigen Patriarchen spielte. Jette kämpfte gegen eine aufwallende Übelkeit. »Mit Gaia Health haben wir unendlich viel mehr Behandlungserfolg«, dozierte Sommer. »Zu deutlich geringeren Kosten. Gaia least uns die modernsten Geräte, günstiger als es jeder der früheren Anbieter konnte. Es bekommt dafür die Daten. Das stimmt. Doch es hat sich gezeigt, dass das Teilen von medizinischen Daten eine ethische Pflicht ist. Denn es erhöht die Evidenz in unserer Profession, Frau Doktor Blomberg. Brent Scott hat seine künstliche Intelligenz mit Daten von Millionen Patienten aus fast allen Ländern des Westens trainiert. Nur so konnte sie auch noch die verstecktesten und verwickeltsten Krankheitsmechanismen erkennen. Sie weiß bei jedem Patienten, welche Schrauben sie anziehen muss. Doktor Blomberg, Gaia Health ist das, wovon wir noch vor zwanzig Jahren nicht zu träumen wagten! Unsere Krebsstation ist viel kleiner, weil Gaia den Krebs Jahrzehnte vorhersieht und ihn verhindert. Wenn jemand dennoch erkrankt, bekommt er die besten Medikamente. Der von Gaia geleaste OP-Roboter Vivaldi kann Tumoren operieren, die noch vor drei Jahren einem Todesurteil gleichkamen. Die Leute leben heute länger. Sehen Sie mich an. Ich bin 70 und will noch zehn Jahre arbeiten. Diese neue Medizin ist ein integraler Bestandteil des Gutlebens! Woher nehmen Sie eigentlich die Chuzpe, dieses, dieses... ja: heilbringende System derart aggressiv aufs Korn zu nehmen?«

Jette lehnte sich ebenfalls zurück.

»Es stimmt, dass in Summe mehr Menschen überleben und das ist gut«, sagte sie. »Aber meine Erfahrung und meine Intuition sagen mir, dass Menschen sterben, die leben sollten. Das ist nicht alles: Manchmal stirbt ein Patient, von dem ich auch unter Gaias Behandlung erwartet hätte, dass er überlebt.«

Sommer lachte in sich hinein. »Das ist ein ungeheuerlicher Verdacht, Frau Doktor Blomberg. Als Beleg haben Sie Ihr Gefühl. Somit nichts, was man über die Streams verbreiten dürfte. Und mehr werden Sie da auch nicht herausbekommen.«

Jette zuckte mit den Achseln. »Warum nicht?«

Sommer lachte zynisch auf und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, was Sie wollen, Frau Doktor. Es ist nun mal so, dass die Maschine den Krebs besiegt hat, nicht wir. Sie hat ein Zellmodell, das ist richtig. Aber keines, das ein Mensch kapieren könnte. Gut, man kann sich die Parameter der neuronalen Software anschauen, die sie selbst beim Lernprozess justiert hat. Aber genauso gut könnten Sie versuchen, die Relativitätstheorie aus den Nervenverbindungen in Einsteins Gehirn herauszulesen. Es ist sinnlos, Frau Blomberg. Alles, was Sie erreichen, ist das Vertrauen ins System zu unterminieren. Ich sage Ihnen zum letzten Mal: Sie beenden das. Oder Sie fliegen!«

Jette warf die Tür zu Sommers Büro zu und trat auf den Korridor. »Jette«, hörte sie eine sanfte weibliche Stimme. Es war Rhea, der Avatar Gaias, der den Nutzern stets zur Seite stand.

»Der letzte Therapieversuch bei Patient Alexander Wenger ist gescheitert. Die Prognose ist nicht gut. Bitte komm sofort ins Zimmer 208.« Jette stoppte ihren straffen Schritt. Ihr Atem mühte sich gegen den anschwellenden Druck des Brustkorbs.

Alexander? Nein, nicht Alexander!

Sie hätte schwören können, dass er es schaffen würde.

Nicht aus Wunschdenken. Nicht, weil er der erste Patient war, in den sie sich verliebt hatte.

Sie hatte Kranke mit weniger Kraft und Willen das Glioblastom, diesen verteufelten Hirntumor, überleben sehen. All ihre Erfahrung, ihre Intuition protestierten gegen die Nachricht. Genauer: Es rebellierte jener Teil von Jettes Instinkt, den sie in den zwei Jahrzehnten entwickelt hatte, bevor Gaia Health in ihr Berufsleben gedrungen war wie ein nicht eingeladener Gast, der einem ungefragt die Möbel umstellte und die Kochrezepte wählte. Sie drehte um und lief Richtung Zimmer 208.

Alexander Wenger durchdrang die kahle Decke des Krankenzimmers mit jenem Blick, den viele Patienten annahmen, sobald sie den Tod in unmittelbarer Nähe wussten.

»Ich kann es nicht glauben, Doktor Blomberg«, flüsterte er.

»Nenn mich Jette.« Sie legte ihre Hand auf seine.

Er lächelte wissend und sah sie an, als habe er diese Berührung schon vor geraumer Zeit erwartet.

»Schade, dass wir uns nicht früher kennengelernt haben, Jette. Wir hätten zusammen in die Villa ziehen können, die ich mir kaufen wollte. Sie hätte für eine Menge Kinder gereicht. Wirklich schade. Du hast eindeutig den falschen Job.« Ein röchelndes Lachen, das in Husten überging. Die Krankheit entstellte ihn nicht. Sogar in seinem Todeskampf gefiel er Jette. »Die letzte Ladung hat mir nicht gutgetan«, röchelte er und presste die Lippen zusammen. Er heftete den Blick an Jettes Gesicht. Warme Nässe verdrängte die Angst und die Leere aus seinen Augen. »Tut mir leid, dass du mich so sehen musst«, keuchte er.

Jette beugte sich über ihn, raffte die Bettdecke von seinem Oberkörper und legte ihm den Arm über die Brust. Ihre Lippen näherten sich Alexanders. Sie spürte die trockene, rissige Haut. Er umfasste sie und drückte sie sanft an sich. Ihre Münder umspielten sich. Dann löste Alexander den Kuss. Er hob den Oberkörper und stieß einen Seufzer aus, vor dem Jette erschrak. Er drückte sie fester an sich. Jette fühlte sich aufgehoben und von Stärke umhüllt. Alexanders Körper verströmte seine Reserven, als würde er im letzten Moment alles geben, womit er zuvor sparsam gehaushaltet hatte. Dann brach die Spannung, seine Umarmung löste sich. Alexanders Körper sackte zurück auf die Matratze.

Rhea informierte Jette darüber, dass der Patient Alexander Wenger seine Lebensfunktionen beendet hatte.

Jette richtete sich auf und sah die Leiche an.

Gaia hatte Alexander auf dem Gewissen.

Jette stand auf und trat vor das Patient Terminal, fixierte das grüne Symbol, ein stilisierter Globus, der wie ein G aussah, Gaias Logo, als stünden sie sich zum Duell gegenüber. Sie löste den Schlauch, der zu Alexanders Arm führte, klickte den Behälter mit Rezeptur 44A heraus und steckte ihn in die Tasche an ihrem Kittel.

Die Entscheidung war gefallen: Kampf statt Flucht.

Sie würde ihr Gefühl in Fakten verwandeln.

Und damit Gaia entlarven.

3

Patrick Reinerts beugte sich über das Bassin eines der Springbrunnen auf dem Stuttgarter Schlossplatz. In den sanften Wellen spiegelte sich ein blasses Gesicht. Die trocken-heiße Julibrise spielte mit dem halblangen dunkelblonden Haar. Einzelne Strähnen baumelten vor den eisblauen Augen. Ein auf struppig getrimmter, spitzer Kinnbart gab dem länglichen Gesicht das noble und gleichzeitig kraftvolle Aussehen eines Ritters.

Eines toten Ritters, erschrak Patrick.

Woher kam diese Blässe? Sein Gesicht strotzte sonst vor Bräune. Es lag sicher an dem Termin mit Rektor Bohn, dem er seit Wochen entgegenfieberte, beruhigte sich Patrick. Er pokerte um die Zukunft seiner Forschung.

»Macht euch frei, Mitmenschen!«, tönte ein durchdringender Bass in der Manier eines Predigers über den Schlossplatz.

Patrick richtete sich auf und sah durch den Wasserschleier des Springbrunnens hinüber zum Musikpavillon. Unter einem der maurischen Bögen ragte ein bärtiger Hüne auf wie ein Baum und redete mit ausgebreiteten Armen zu Menschen, die gleichgültig an ihm vorbeischlenderten.

»Euer Gott nimmt euch alles ab: jede Entscheidung, jeden Gedanken, jede Idee!«, dröhnte er. »Lasst eure smarten Augenlinsen herausoperieren, eure Kehlenelektroden, entfernt eure Ohrknöpfe. Das, was sie ›Gutleben‹ nennen, ist nichts weiter als ein Gefängnis für euren Körper und für euren Geist! Kehrt zu euch zurück, zu eurem Selbst. Zur Freiheit!«

Freiheit.

Davon hatte sein Vater auch immer schwadroniert, vor über zwanzig Jahren, kurz bevor dessen Bankerwelt in Trümmer fiel und ihn, samt seiner kleinen Familie, unter sich begrub. Seitdem hatte es keinen solchen Crash mehr gegeben. Das war wichtig: Stabilität.

Das Gutleben hielt den Westen zusammen.

Das Gutleben, entstanden dank Brent Scotts selbstloser Einsicht, Ökologie und Profit gleichermaßen zu optimieren, garantierte erst die Freiheit!

Patrick schüttelte den Kopf und eilte Richtung S-Bahnhof Stadtmitte, um schnell außer Hörweite des Eiferers zu kommen.

»Du kannst dir Zeit lassen, Patrick«, erklang eine warme, mütterliche Stimme in seinem Kopf. »Deine S-Bahn verspätet sich um acht Minuten«, ergänzte Rhea, digitale Assistentin fast aller Menschen im Westen. Die allgegenwärtige Stimme Gaias. »Alternativ könntest du einen Robobus nehmen. Immer mehr Nutzer nehmen Robobusse, Patrick. Sie sind sehr umweltfreundlich und sicher. Er wird in sechs Minuten dort vorbeikommen und ist direkt zum Vaihinger Campus gebucht.«

Vor der sanftgrünen Fassade des Gaia Bookstore schwebend erschien ein Straßenplan. Rhea spielte ihn auf Patricks Kontaktlinsen. Der Plan zeigte seine Position an und einen rot blinkenden Punkt an der Ecke Theodor-Heuss/Klienestraße, Gehzeit drei Minuten. »Soll ich einen Halt anfordern?«, fragte Gaias Mädchen für alles.

»Ja, bitte, Rhea«, antwortete Patrick.

»Aber gerne«, quittierte die Stimme.

Patrick verlangsamte seinen Schritt, bog in die Königsstraße ein und studierte die entgegenkommenden Passanten. Eine Frau trug eine Datenbrille, wie man sie nur selten sah. Die meisten Leute trugen Kontaktlinsen. Viele Jüngere ließen sich die Technologie, die sie mit dem lückenlosen Funknetz verband, implantieren. Die Menschen verwoben sich unterschiedlich fest mit der Cloud. Sie tauchten mehr oder weniger tief ins Gutleben. Patrick studierte die Gesichter. Etwas darin hatte sich verändert in den letzten zehn, fünfzehn Jahren. Sie waren entspannter, freundlicher, trugen öfter den Hauch eines zufriedenen Dauerlächelns; sie wirkten aber leerer, gleichgültiger, hündischer.

»Hast du einen Riegel für heute Vormittag?«, fragte Rhea, als Patrick einen Gaia Snacks passierte. Rhea blendete einen grün blinkenden Pfeil ein, der ihn zum Eingang der Riegel-Boutique wies. Der Wegweiser leitete Patrick zweimal links und einmal rechts durch die Regale des Ladens, bis ein Stoppsignal aufleuchtete. Er erwachte, wie aus einem Automatismus. In dem Fach vor ihm lagen weißlich braune Proteinriegel mit Stevia und lokalen Nüssen und Mandeln vom Otthof bei Esslingen. Kurze Transportwege, keine Verpackung. Patrick war aufgefallen, dass Rhea ihn seit ein paar Wochen nicht mehr zu Zuckerhaltigem lenkte. Womöglich maßen die Kontaktlinsen einen zu hohen Glucosewert in seiner Tränenflüssigkeit und Rhea bewahrte ihn davor, Diabetes zu entwickeln. Ob das stimmte, interessierte Patrick nicht. Niemand kümmerte sich um seine Stoffwechselwerte. Rhea agierte geschickt. Denn er liebte Nüsse und Mandeln. Flink fischte er zwei der Snacks aus dem Behälter, biss in den einen hinein, steckte sich den anderen in seine Hosentasche und verließ den Laden. Rhea buchte fünf Euro von Patricks digitaler Geldbörse ab.

Auf halbem Weg zum Treffpunkt mit dem Robobus holte Patrick den zweiten Riegel aus der Tasche und verschlang ihn, während er weiterschlenderte. »Ein bisschen schneller darf’s sein«, flötete Rhea. Er folgte.

Im Augenwinkel bemerkte er, wie auf der anderen Straßenseite eine Gruppe Passanten stehenblieb. »Rhea?«, rief eine Männerstimme so laut, dass sie von den Häuserwänden widerhallte. Patrick blieb stehen und sah hinüber. Frauen und Männer, die nicht aussahen, als gehörten sie zusammen, drehten ihre Köpfe suchend herum, nach links, rechts, oben. Zwei sahen sich an und zuckten gleichzeitig mit den Schultern. »Sie ist weg«, sagte der eine. Im nächsten Moment entspannte sich sein Körper. Auch die anderen schienen erleichtert. »Ah, Rhea, da bist du ja wieder«, sagte eine junge Frau. Alle gingen weiter ihres Weges.

Auch Patrick.

Ein Ausfall Rheas! Das habe ich noch nie gesehen!

Als Patrick an der Ecke ankam, stoppte fast lautlos ein lindgrüner Kleinbus. Die Aufschrift Gaia Mobile auf der Tür glitt zur Seite. Freundlich nickten ihm die Mitfahrer zu, als er eintrat. Eine gut aussehende junge Frau lächelte ihn offen an und machte ihm neben sich Platz. Er wünschte sich einen etwas weniger flüssigen Stadtverkehr, denn er unterhielt sich anregend mit seiner Nachbarin. Sie interessierte sich sehr für prognostische KI, Patricks Spezialgebiet – und für seine blauen Augen. Tanja, so hieß sie, studierte in Karlsruhe Kernkrafttechnik. Sie leuchtete, als sie von ihrer Beteiligung am Bau von Stuttgarts dritter Atombatterie berichtete. Endlich wusste Patrick, wozu der Schiffscontainer neben der Mensa diente. Er hatte auf einen Quartierspeicher für Solarstrom getippt, doch das Ding enthielt einen Mini-Reaktor und Kernbrennstoff für 30 Jahre, wie Tanja berichtete. Nach zwölf Minuten erreichten sie den Pfaffenwaldring, Patricks Arbeitsort. Bevor er ausstieg, blinzelten sie sich jeweils zweimal mit dem rechten Auge zu und die Linse bestätigte den Austausch der Kontakte.

Patrick stieg aus, ging in das Unigebäude und nahm den Aufzug in den fünften Stock. In seinem Büro angelangt, sah er aus dem Fenster. Er liebte die sanften Hügel des Pfaffenwaldes. Ihre Konstanz und Ruhe gaben ihm Sicherheit, milderten die diffuse Angst, und hielten seinen Herzschlag im Zaum. Nicht einmal die nagelneuen Holzhochhäuser der neuen Waldstadt fand er störend. Das Grün ihrer Fassadengärten, ihre sich nach oben verjüngende Form und die unregelmäßigen Konturen ließen sie wie Riesenbäume aussehen. Patrick drehte sich um und setzte sich an den Schreibtisch, um sich auf seinen Besucher vorzubereiten.

Die Aufzugtür öffnete sich ruckelnd. Ein hochgewachsener Mann im blauen Nadelstreifenanzug schritt zwischen die Graffitis in der Aufzugskabine, trommelte mit einem Briefumschlag an den Oberschenkel und drückte die »5«. Während die Tür sich quietschend schloss und der Aufzug losfuhr, hielt sich Erik Bohn das Kuvert vors Gesicht und drehte es um.

Bitte am 16. Juli 2031, 11.30 Uhr zur Besprechung ins Büro von Patrick Reinerts mitbringen. UNGEÖFFNET!

Bohn rief die Uhrzeit ab. Elf Uhr fünfundzwanzig. Er verzog das Gesicht, als habe er etwas Saures gekostet, und schüttelte den Kopf.

»Meine Güte, wie theatralisch«, murmelte er.

Patrick Reinerts griff nach der Tasse mit Lupinenkaffee, die auf der zerkratzten Schreibtischplatte stand.

»Rhea«, sagte er, setzte die Tasse an seine Lippe, schlürfte und verzog den Mund ob des bitteren Geschmacks.

»Ja, Patrick?«

»Ich würde gleich meinem Besuch das Video Nummer 12 zeigen.«

»Ich bereite gerne alles vor, Patrick«, quittierte Rhea.

Mit einem leisen Surren rollte sich der Großbildschirm an der freien Wand gegenüber dem Schreibtisch auf. Auf dem Bildschirm erschien das Logo von Gaia Viewer. Das Fenster verdunkelte sich wie eine Sonnenbrille. Die Website auf dem Schirm gewann an Konturen.

»Dann würde ich mich gerne für eine Weile von dir verabschieden, Rhea.«

»Wie du wünschst, Patrick«, erklang es mit wohldosierter künstlicher Pikiertheit. »Erlaube mir bitte jedoch den Hinweis«, fuhr die Assistentin fort, »dass ich alles vertraulich behandle. Die Daten werden auf dem Weg zu mir verschlüsselt. Es ist schlicht nicht nötig, zeitweise auf meine Dienste zu verzichten.«

Das konnte sich Gaias digitale Stimme nicht verbeißen. Gaia verzichtete ungern auf Daten aus dem Alltag der Konsumenten. Zwar folgte Rhea jeder expliziten Ausladung, unabhängige Messungen von Datenströmen bestätigten dies. Doch wer verzichtete schon freiwillig auf die perfekten Dienste? Ohne Rhea musste man jedes Hausgerät einzeln ansprechen, statt sich pauschal einen netten, gemütlichen Abend zu wünschen und die Details von Rhea regeln zu lassen. Für Bürogeräte und Industrieroboter galt ähnliches. Alles wurde von Gaia vertrieben, gewartet und upgedatet.

Gaia war die Benutzeroberfläche der Welt.

Doch Patrick ließ sich nicht umstimmen.

Er nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Aus dem Gang hörte er ein Quietschen und das scharfe Klackern von Ledersohlen auf Linoleumboden. Er schwang den Stuhl zum Schreibtisch, rollte seine Foil auf, beugte sich über sie, tippte und wischte darauf herum. Die Schritte verlangsamten sich. Es klopfte.

»Doktor Reinerts?«, tönte eine klare Stimme.

Patrick mimte ein Aufschrecken, wandte den Kopf zur Tür und lächelte.

»Herr Rektor Bohn! Kommen Sie doch herein.«

Bohn trat ein, gab Patrick einen flüchtigen Händedruck, während er sich mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck in dessen Büro umsah.

»Schön ruhig haben Sie’s hier.«

Patrick nickte. »Am Stuttgarter Campus tätig zu sein ist ein Privileg«, sagte er.

Bohn musterte ihn. »Sie sagen es, Doktor Reinerts. Umso mehr, da wir seit gestern, dank der jüngsten Erweiterung, den größten neuromorphen Computercluster der Welt haben. Zu dessen Auslastung, da bin ich mir sicher, Sie ebenfalls nicht unerheblich beizutragen beabsichtigen.«

Patrick nickte zögernd. Ja, tatsächlich beabsichtigte er das.

Er bot Bohn einen Stuhl und einen Kaffee an. Dieser lehnte beides ab.

»Nun, Herr Rektor, der Termin steht ja schon länger. Ich nehme an, Sie möchten über mein Forschungsprojekt sprechen.«

»In der Tat. Ihr außergewöhnliches Vorhaben ist seit Tagen Thema im Rektorat. Viele halten es für ein Hirngespinst. Budenzauber.«

4

Vor der filigranen Gebirgslandschaft des Malers Dong Qichang an der Rückwand reckte der Vorsitzende der Digital Defense Unit of China die rechte Faust zur kirschholzroten Holzdecke.

»Den Chinesischen Traum für die Welt!«, rief er.

Die Führungskader, die stramm um den Lagebesprechungstisch in der Pekinger DDC-Zentrale herumstanden, hoben ihre Fäuste zur Antwort.

Wie auf Kommando setzten sich die elf Männer auf ihre knarzenden ledergepolsterten Holzstühle.

Einer der Stühle blieb leer.

»Die Lage, Genosse Lien«, sagte der Vorsitzende an einen schmalen Mittzwanziger gewandt. Der Angesprochene schob sich seine Brille zurecht. Kontaktlinsen und andere Körpertechnik blieben vor den Türen dieses Saales. Kein Kader des DDC trug Implantate, anders als die meisten ihrer Landsleute. Lien blätterte in den Unterlagen, die vor ihm auf der lackglänzenden Tischplatte lagen. Der Vorsitzende trommelte mit den Fingern. Die anderen schielten zu Lien.

Nachdem dieser sechs Bögen umgeblättert hatte, räusperte sich der Vorsitzende.

»Die Löcher in der Großen Firewall nehmen mit der bekannten Rate zu«, sagte Lien schließlich.

Der Vorsitzende spitzte den Mund. »Und die Selbstmorde?«, fragte er.

»Die Zahl der Suizide hat sich weiter erhöht«, antwortete Lien. »Dreizehntausenddreihundertzwölf in der letzten Woche. Ein Plus von achtzehn Prozent. Damit ist die Suizidrate über fünfmal so hoch wie normal. Es fällt immer schwerer, die Sache unter der Decke zu halten.«

Vielstimmiges Murren rund um den Tisch. Der Vorsitzende reckte das Kinn und zog die schmalen Mundwinkel nach unten.

»Bedauerlicherweise gehört zu den Betroffenen auch die Familie eines unserer verdientesten KI-Experten. Lu Meng, einer der Väter der KI hinter dem Weg. Meng hat die Motivations-Module des Wegs entwickelt«, fuhr Lien fort. »Seine Frau Lin, sein Sohn Tao und seine Tochter Aya haben sich vergiftet.«

Der Vorsitzende starrte zu dem leeren Stuhl. Sekundenlang sagte er nichts. Mühsam gelang es ihm, Überraschung und Sorge nicht an die Oberfläche steigen zu lassen.

»Und Meng?«, fragte er, um einen geschäftsmäßigen Ton bemüht.

Der Berichterstatter fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn. »Er ist... verschwunden!«

»Verschwunden?! Wie könnte er verschwinden?«

»Vergiss nicht, Genosse Vorsitzender«, mischte sich ein grauhaariger Mann mit sanften Gesichtszügen ein. »Meng ist Experte genug, um sich unsichtbar zu machen. Er kennt die Hintertüren und Tricks.«

»Unsichtbar, Genosse Zhao?«, blaffte der ranghöchste Offizier im Raum zurück. »Besitzt er eine Tarnkappe?«

»Natürlich nicht«, gab Zhao zurück. »Aber er schlüpft in fremde Identitäten. Seine Linsen gaukeln unserer KI etwas vor. Ich vermute, dass er sein Verschwinden von langer Hand geplant hat. Seine Vertrauenswürdigkeit hat sich um zehn Prozent vermindert in den letzten vier Monaten. Er hat sich von uns entfernt. Wahrscheinlich ist er außerhalb des Reiches der Neuen Seidenstraße. Es ist auf dem Seeweg nicht allzu weit von Shanghai nach Japan.«

Der Vorsitzende schüttelte den Kopf. »Wie soll das mit dem Selbstmord an seiner Familie zusammenpassen? Wahrscheinlich ist er am Boden zerstört und betrinkt sich in einer Spelunke.«

Einige in der Runde sahen sich an, befremdet von der untypischerweise persönlich verletzenden Aussage ihres Bosses.

»Könnte es sein, dass er in den Westen will, um sich zu rächen?«, fragte ein Mann mittleren Alters, der ganz am Ende des langen Tisches saß.

»Rächen? An wem?« Der Vorsitzende zuckte demonstrativ die Achseln und setzte einen verständnislosen Blick auf.

»An uns«, antwortete der Mann verhalten. »Am Weg, weil er denkt, er ziehe Bürgern willkürlich Sozialkreditpunkte ab. Das System hat seine Familie in den Tod getrieben.«

»Gut möglich, dass er uns vom Westen aus attackieren will«, sagte Zhao. »Einen privaten Cyberkrieg führen. Das wäre ihm durchaus möglich. Er kennt unsere Systeme.«

Der Vorsitzende schnaubte, schüttelte vehement den Kopf.

»Was soll das? Der Weg macht keine Fehler! Dahinter stecken Hacker aus dem Westen!«

»Das wissen wir nicht«, meinte ein weiteres Mitglied des DDC, das Zhao gegenübersaß.

»Woher kommen die Löcher in der Großen Firewall der Neuen Seidenstraße dann?«, wollte der Vorsitzende wissen.

»Schwer zu sagen«, gab Zhao zurück. »Unser digitaler Eiserner Vorhang wehrt westliche Angriffe immer noch zuverlässig ab. Möglicherweise ist es ja doch ein Fehler unserer KI.«

Der Vorsitzende schlug mit der flachen Hand auf die Tischfläche. Alle erschraken. Er reckte das Kinn und fixierte denjenigen, der die Perfektion der Herrschaftstechnologie anzweifelte, aus engen Augenschlitzen.

»Ich sagte doch schon: Der Weg macht keine Fehler!«, stieß er scharf aus. »Es sind Angriffe aus dem Westen!«

Sein Blick wanderte nun streng über die Runde und landete bei Lien.

»Wir entwickeln doch die ganze Zeit Gegenmaßnahmen für mögliche Schläge. Wie ist der Stand, Genosse?«

»Es ist nicht leicht«, antwortete Lien. »Die Große Firewall wirkt bekanntlich in beide Richtungen. Aber wir sind am Problem dran.«

Der Vorsitzende zog die Mundwinkel nach unten.

»Es ist nicht leicht!?«, sagte er. »Natürlich ist es nicht leicht, Genosse! Finden Sie einen Weg! Wir müssen dem Westen die Zähne zeigen, ihm vorführen, dass wir das Gutleben kippen können, wenn wir es wollen.«

Er stützte die Hände auf den Tisch und deutete, vorgebeugt, ein Aufstehen an, wobei er nochmal in die Runde blickte.

»Noch etwas?«

»Ja«, sagte der Offizier mit den verschränkten Armen.

Alle sahen ihn fragend an.

»Was machen wir mit Meng?«, fragte er.

Der Vorsitzende sank in den Stuhl zurück. Seine Lippen verhärteten sich. Er wandte sich an ein weiteres Mitglied der Runde, das bislang noch nichts gesagt hatte. Ein junger Mann, mit kurzgeschorenem Haar, schmalem Mund und einem militärisch stechenden Blick.

»Was empfiehlst du, Genosse Song?«

»Wir sollten handeln«, Song feuerte die Worte heraus wie eine Maschinengewehrsalve. »Ich weiß nicht viel über ihn, er ist äußerst unauffällig. Aber eins weiß ich: Er und seine Familie waren früher im Westen. Er hat sicherlich Kontakte dort und könnte sich mit den Westlern vereinen, ihnen wertvolles Wissen liefern. Das könnte dem Westen einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Wir sollten ihn liquidieren.«

Der Vorsitzende hob erschrocken den Finger und wedelte damit.

»Moment«, sagte er. »Nicht so schnell. Wir müssen ihn eng observieren. Vielleicht führt er uns zu den Hackern. Wir können immer noch die Notbremse ziehen. Setzt Dschung Yong auf ihn an. Der weiß, wie so etwas geht.«

5

Bohn setzte sich auf die Kante von Patricks Schreibtisch.

»Ich mache es kurz und schmerzlos«, sagte er. »Wir haben lange gehofft, dass Sie den Ruf an eine andere Institution erhalten. Schließlich sind Sie seit vier Jahren habilitiert. Da dies aber nicht erfolgte, bleibt mir nichts, als Ihnen unseren Beschluss zu überbringen. Ihre Stelle ist gestrichen.«

Patricks Miene blieb unbewegt. Er hasste Überraschungen. Darum hatte er dafür gesorgt, dass unvorhergesehene Wendungen sein Leben möglichst wenig stören.

»Wie kamen Sie zu dieser Entscheidung?«, fragte er.

»Das fragen Sie?«, stieß Bohn aus. »Ihre Forschung ist... fehlgeleitet.«

Patricks Herz flatterte. Diese Kritik ärgerte ihn immer wieder. Die betretenen Blickkontakte unter seinen Fachkollegen, wenn er auf den wenigen Kongressen über prädiktive KI, die er noch besuchte, über sein Lieblingsprojekt berichtete. Der Ratschlag seiner paar Freunde, doch eine weniger »esoterische« Richtung einzuschlagen. Patrick versuchte, über dieser Borniertheit zu stehen. Es war sein Lebenswerk, etwas, das die Welt brauchte!

»Fehlgeleitet?«, fragte Patrick. »Eine steile These, Rektor. Welche Früchte Grundlagenforschung trägt, lässt sich erst nach Jahrzehnten beurteilen.«

Bohn reckte sein Kinn und sah aus Augenschlitzen auf Patrick hinab.

»Ihre arrogante Art macht es mir nicht gerade schwerer, Sie hinauszubefördern, Doktor Reinerts.«

Dann senkte Bohn den Kopf und rieb sich die Nasenspitze. »Und dann ist da ja noch diese Sache aus Ihrer Vergangenheit.«

Patricks Mund öffnete sich.

»Rektor Bohn, das ist nicht fair! Es ist zwölf Jahre her und die Tat ist gebüßt.«

»Ein Mensch kam ums Leben.«

Daran musste Patrick niemand erinnern. Alle paar Nächte sah er im Traum den Mann auf dem nassen Asphalt liegen und eine Blutlache sich um seinen Kopf ausbreiten. Juristisch hatte Patrick alles hinter sich. Dennoch würde es ihn für immer verfolgen.

»Er hatte mich angegriffen und ich habe die Wirkung meines Karate unterschätzt, Rektor Bohn. Seitdem praktiziere ich diese Kampfsportart nicht mehr.«

»Sicher. Dennoch trägt die Geschichte zum Gesamtbild bei, Doktor Reinerts. Alles in allem ist es unglaublich schade.«

Patrick zuckte mit den Achseln. »Schade?«

»Sie hatten die exzellenteste Promotion des Jahres an der TU München vorgelegt, als Sie sich hier bewarben. Wir konnten kaum glauben, dass Sie nach Stuttgart kommen wollten. Jemand wie Sie geht ans MIT, nach Shanghai ins New Silk Road Institute oder ans Lagos Future Institute. Irgendwohin, wo in der KI die Musik spielt. Stuttgart ist das sicher nicht.«

Patrick wiegte den Kopf. »Naja, Sie wissen, wie umständlich und teuer es heutzutage ist, zu fliegen. Und ich lebe gerne in Good Old Europe. Der neuromorphe Cluster hier in Stuttgart ist in seiner Art einzigartig. Er gab für mich den Ausschlag. Meine KI braucht schnelle, gehirnähnliche Hardware. Für klassische Rechnerarchitekturen ist sie zu aufwändig.«

Bohn nickte.

»Sicher, ein sehr wertvolles Gerät. Dessen Kapazitäten nicht an Forschung verschwendet werden sollten, die keines der renommierten Journale ernst nimmt. Der Cluster muss sich irgendwie bezahlt machen. Dafür brauchen wir Ergebnisse. Haben Sie Resultate, Doktor Reinerts?«

Patrick lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

Die Show konnte beginnen.

»Rektor Bohn, wie ich sehe, haben Sie den Brief dabei.«

Bohn verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

»Ja«, sagte er. »Ich musste dieses ... archaische Kommunikationsmittel eine halbe Stunde lang suchen. Es war in einer Manteltasche, in die ich es vor drei Monaten gesteckt und dann vergessen hatte.«

»Würden Sie den Umschlag bitte öffnen?«

Bohn schüttelte den Kopf.

»Was soll das werden, Doktor Reinerts? Eine Zaubershow? Finden Sie nicht, dass Sie uns mit derlei Klimbim in unserem Urteil noch bestärken?«

Patrick deutete auf den Brief in Bohns Hand und nickte aufmunternd.

»Schauen Sie doch einfach rein.«

Der Rektor zuckte mit den Achseln und seufzte. Er öffnete den Umschlag, fischte einen Zettel heraus, drehte in um und las.

Bohn setzte an, etwas zu sagen, doch es kam nichts. Seine Augen weiteten sich.

Patrick lächelte süffisant. »Sind Sie überrascht, Herr Rektor?«

Bohn atmete hörbar aus.

»Wie konnten Sie das ...«, stammelte er. »Uns alle hat es eiskalt erwischt. Gestern Abend erst. Außer Familienmitgliedern weiß niemand davon. Es schien die perfekte Wahl für Janine. Sie liebte ihr Studium.«

Patrick deutete auf Bohn.

»Sie werden in den nächsten Tagen feststellen, dass man es hätte voraussehen können. Meine KI hat genauer hingesehen, frühe Signale erkannt und exakt den Zeitpunkt extrapoliert, zu dem Janine ihr Jurastudium abbrechen würde. Was Sie noch nicht wissen: Sie wird sich für Internationale Ökonomik einschreiben. Wahrscheinlich in Paris.«

Bohn rieb sich mit der flachen Hand über das Gesicht.

»Warum haben Sie mir das nicht... Man hätte....«

»Was hätte man, Herr Rektor? Janine von ihrer Entscheidung abbringen können?«

Bohn atmete durch und schüttelte dann resigniert den Kopf. Er warf den Zettel auf Patricks Schreibtisch. »Wir hätten Ihnen keinen Zugang zu den Studentendaten geben sollen, Reinerts!«

Bohn beugte sich ihm entgegen. »Solche Studienabbruch-Prognosen sind nicht neu, Reinerts. Wir nutzen seit Jahren KI, um Wackelkandidaten zu finden und gezielt zu beraten.«

»Ich weiß, Herr Rektor. Aber warum hat Ihre KI Janine dann nicht gefunden?«

Bohn holte Luft, sagte aber nichts.

»Sehen Sie. Das ist eben Laplace. So heißt meine KI. Laplace findet die Black Swans.«

»Die was?«

»Die schwarzen Schwäne. Eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert. Man dachte damals in Europa, dass es schwarze Schwäne nicht gibt. Bis eine holländische Expedition in Australien welche sichtete. Seither steht der Ausdruck für etwas, das man nicht kommen sieht, weil man es noch nicht kennt. Angeblich kann man sie nicht voraussagen, weil sie nicht ins Raster passen. Und weil sie eben beisspiellos sind, wie der Weltfinanzcrash von 2007.

Was unsere Studienabbrecher angeht. Die alte KI findet zwar versteckte Muster, die auf einen baldigen Abbruch hinweisen. Aber es sind eben Muster, Verhaltensweisen, die sich wiederholen. Man findet nur, was man schon kennt. Der Ausreißer, der untypische Fall: wird übersehen.«

Bohn lachte humorlos auf. »Klingt absolut plausibel. Und Sie wollen das Zauberkunststück hinkriegen?«

»Ja. Laplace macht es anders.«

Bohn fingerte nach der Lehne eines leeren Bürostuhls, zog ihn hinter sich und setzte sich, während er Patrick nicht aus den Augen ließ.

»Ach ja? Und wie?«

»Sie interessieren sich plötzlich für Esoterik, Herr Rektor?«

»Sie haben zwei Minuten, mich davon zu überzeugen, dass das kein Zufallstreffer war.«

Patrick wandte sich dem Display an der Wand zu. »Bildschirm, Video 12 abspielen.«

Auf dem Wandschirm erschien eine Scheibe, an der Rinnsale herunter perlten.

»Was sehen Sie, Herr Rektor?«

Bohn blies die Wangen auf. »Ein Fenster?«, fragte er tonlos. »Bei Regen? Draußen herrscht Abenddämmerung.«

»Könnte sein. Sehen Sie ein bisschen genauer hin. Was erkennen Sie im Hintergrund?«

Bohn kniff die Augen zusammen. Etwas Helles, Hohes tauchte verschwommen hinter dem Schleier aus Bächlein auf.

»Ein Baum, ein Turm, ein Felsen?«, riet der Rektor mit wachsender Ungeduld.

»Warten Sie ab«, sagte Patrick.

Das Helle bewegte sich, änderte seine Form: schmal unten, mit einer eleganten Verdickung nach oben hin.

»Ein nacktes Bein!«, rief Bohn. »Das ist eine Duschkabine!«

Patrick klatschte Beifall. »Richtig, Rektor! Bildschirm, Video stoppen!«

Er wandte sich Bohn zu. »Was ist gerade passiert? Zuerst haben Sie Informationen gesammelt. Sie haben darauf eine Hypothese gegründet: der Blick durch ein Fenster. In dieses Raster haben Sie die weitere Beobachtung gepresst, da Sie es noch nicht richtig erkannten. Ein Fels, sehr lustig! Erst, als das Bein erkennbar war, ersetzten Sie Ihre Hypothese durch eine neue: eine Duschkabine.«

Bohn zuckte mit den Achseln. »Und?«

»Laplace macht es genauso«, fuhr Patrick fort. »Er erkennt Muster in Daten, etwa die Regentropfen, die Scheibe. Wie Sie auch, baut er darauf eine Hypothese: das Fenster. Anders als Sie aber hatte er diese Hypothese längst verworfen, als das Bein für Sie erkennbar war.«

»Und warum?«

Patrick lächelte. »Wissen Sie, warum wir von Dingen überrascht werden?«

»Weil wir blind dafür sind, sie kommen zu sehen?«

»Genau. Weil uns die Information fehlt, die die vermeintliche Überraschung ankündigt. Die kleinen Vorzeichen vor dem großen Knall. Schon Monate vor dem Bankencrash 2007 zum Beispiel mussten Fonds und Banken zig Milliarden Dollar an faulen Immobilienkrediten abschreiben. Schauen wir es anhand des Videos an. Bildschirm! Spiel es bitte nochmal ab, Zeitlupe, Faktor 0,1.«

Der Wandschirm zeigte langsamer fließende Rinnsale.

»Achten Sie bitte auf die linke untere Ecke.«

Etwas Silbernes blitzte dort auf, als ein Rinnsal kurz aussetzte.

»Bildschirm, Stop!«, rief Patrick. Das Bild gefror. »Was sehen Sie dort, Rektor?«

Bohn zwickte die Augen zusammen und studierte das Bildelement.

»Das könnte die Abdeckung des Abflusses sein.«

»Richtig. Das konnte man nur in einem Zeitfenster von einer viertel Sekunde erkennen. Sie nahmen das in der kurzen Zeit nicht wahr. Doch Laplace erfasst sehr viel rascher als wir. Das neuromorphe Netzwerk leitet Signale zehntausend Mal schneller als unsere Nervenfasern. Für Laplace war der Deckel sozusagen über vierzig Minuten zu sehen. Das Bein konnte ihn nicht mehr sonderlich überraschen. Bis dahin hatte er längst genug Information gesammelt, um sein Auftauchen zu erraten. Laplace wusste lange vor Ihnen, was man in dem Video sieht. Er blickt nicht in die Zukunft – natürlich nicht. Aber er kennt die Gegenwart so gut wie möglich. Darauf basierend stellt er eine Vermutung dessen an, was kommt.«

Bohn richtete den Zeigefinger auf Patrick und verengte die Augen zu Schlitzen.

»Ich fasse zusammen: Ihr Laplace beobachtet genau. Er lernt daraus, wie die Dinge zusammenhängen, richtig?«

»Ja, mit Hilfe seiner hirnähnlichen Struktur lernt er äußerst effizient.«

»Er benutzt dieses Wissen dann, um neue Beobachtungen zu kombinieren und zu einer Prognose zu verdichten. Ein bisschen wie Sherlock Holmes.«

Patrick nickte lächelnd. »Kein schlechter Vergleich, Rektor.«

Bohn schüttelte den Kopf, wie nach einem mäßig delikaten Essen.

»Sie sprechen mit einem Mathematiker, Reinerts. Als solcher weiß ich, dass sich mit Logik allein bei weitem nicht jede Wahrheit herleiten lässt. Nehmen Sie die Welt der Zahlen. Man kann durch Schlussfolgern viele wahre Sätze über Zahlen und ihre Beziehungen untereinander herleiten. Aber eben nicht alle. Das hat Kurt Gödel vor 100 Jahren bewiesen! Wenn das schon in der relativ klaren Welt der Zahlen so ist, dann erst recht in der viel verwickelteren wirklichen Welt! Die meisten Ereignisse werden Sie durch Logik nicht voraussehen können!«

»Aber Mathematiker finden die Sätze, die sich der Logik entziehen, doch trotzdem«, gab Patrick zurück.

»Sicher«, gab Bohn zu.

»Und wie tun sie das?«

»Das ist ein großes Rätsel des menschlichen Geistes. Ich würde sagen: Wir nutzen unsere Intuition. Auch Detektive lösen ihre Fälle nicht nur durch Schlussfolgern, sondern auch mit ihrer Nase, ihrer Menschenkenntnis. Dinge, die ein Computer schlicht nicht besitzt!«

Patrick zog die Mundwinkel nach unten. »Was ist Intuition?«, fragte er.

Bohn wirkte verunsichert.

»Intuition … das ist eine Art gefühltes Wissen, eine vage Ahnung haben, das Finden passender Analogien ...«

Patrick grinste süffisant.

»Ich stelle fest: Sie wissen es nicht. Woher wollen Sie dann wissen, dass es ein Computer nicht besitzt?«

Bohn blies die Backen auf.

»Sagen Sie jetzt nicht, Ihre Maschine habe ein Bauchgefühl, Reinerts!«

»Keine Sorge, Rektor. Sie nutzen ohnehin die falschen Begriffe. Es geht nicht um Bauch oder Nase, sondern um Komplexität. Ihr Gehirn, Herr Bohn, ist komplexer als die Menge der reellen Zahlen. Es kann Analogien bilden oder durch Beobachten lernen. Es nutzt viele Wege zum Wissen. So finden Sie auch neue mathematische Wahrheiten. Ein wenig wundere ich mich über Ihre Argumentation, da Sie doch wissen, dass unser neuromorpher Cluster hier in Stuttgart noch komplexer ist als ein menschliches Gehirn. Er besitzt zwei Billionen nanoelektronische Nervenzellen mit noch einmal einer Million Mal mehr synaptischen Verbindungen dazwischen. Es ist damit um einen Faktor 20 komplexer als das Gehirn. Es verarbeitet Nervenimpulse zehntausendmal schneller als das biologische Gehirn. Gemessen in menschlichen Zeitbegriffen hat Laplace somit 30.000 Jahre an Erfahrung. In einer hirnähnlichen Schaltung dieser Größe kann alles Mögliche erscheinen. Schon das weitaus weniger komplexe System AlphaGo von Google hat vor 15 Jahren binnen weniger Tage Go besser beherrscht als jeder Meister dieses Brettspiels. Als AlphaGo Lee Sedol, einen der weltbesten Go-Spieler, ein ums andere Mal schlug, wollten Experten in seinem Spiel Kreativität und Intuition erkannt haben. Glauben Sie mir, Rektor. Laplace geht weit darüber hinaus! Seine Schaltkreise sind genauso verdrahtet wie ein Gehirn. Er ist mehr als Software. Er ist eine gigantische, superschnelle Denkmaschine. Der Fall Janine war für Laplace nur eine Fingerübung. Ich weiß nicht, wozu er fähig ist. Niemand kann das voraussehen.«

Bohn nickte langsam. »Sie haben Recht, Reinerts: Niemand kann ausschließen, dass ein solches Kunsthirn Qualitäten reproduziert, die man nur dem menschlichen Geist zuschreibt. Aber ...«

»Ich halte das sogar für wahrscheinlich. Denn Laplace sieht den Menschen den ganzen Tag lang zu. Er lernt ihr Denken. Und das tut er verdammt schnell.«

Bohn winkte ab. »Jaja, Reinerts. Aber den Beweis zu erbringen, wird Ihnen schwer fallen. Und einen sehr wesentlichen Faktor wird auch Ihr Laplace niemals unter Kontrolle bekommen.«

Patrick nickte. »Sicher meinen Sie den Zufall.«

»Natürlich. Oder würden Sie behaupten, Laplace könnte vorhersehen, dass eine Verwaltungsangestellte die Wahlzettel aus Versehen so formatiert, dass die Kringel für die Kreuzchen verrutschen und viele Wähler es falsch setzen? So ist George W. Bush im Jahr 2000 US-Präsident geworden! Ohne diese Fügung hätte es wohl keinen Irak-Krieg gegeben und so weiter. Wie oft schubst ein kleiner Zufall die Weltgeschichte in eine neue Richtung?«

»Ich behaupte«, gab Patrick zurück, »man kann den Zufall bändigen, Rektor. Oft ist Zufall nur ein anderes Wort für mangelndes Wissen. Ein theoretischer Geist, der alles sieht, hätte auch den Fehler der Verwaltungsangestellten bemerkt. Mit Daten aus Umfragen hätte er abschätzen können, wie viele Stimmen das Bushs Gegner kostet und ob es ihn zum Präsidenten macht.

Sicher, ein Ideal, das man nie ganz erreichen wird. Gegen den Restzufall gibt es aber auch ein Mittel: Zufall. Die neuronalen Schaltkreise von Laplace funktionieren nicht völlig vorhersehbar. Die Neuronen regen sich gegenseitig an und hemmen sich gleichzeitig. Einzelne Neuronen reagieren auf diese Mischung mit spontaner Aktivität. Laplace hat daher so etwas wie unvermittelte, kreative Gedanken oder Geistesblitze. Er nutzt das, um Alternativen zu einem Szenario auszurechnen. Oft zeigt sich, dass viele Szenarien ähnlich verlaufen. Eine Vorhersage kann erstaunlich stabil gegen Zufälle sein. Auf dieser Basis kann man dann gut informierte Schätzungen abgeben: Was wird wahrscheinlich passieren? Was wird wahrscheinlich nicht passieren? Ich behaupte nicht, dass Laplace jeden Black Swan prognostizieren kann. Vielleicht nur die Hälfte von ihnen. Aber das ist besser, als blind ins Verderben zu rennen!«

Bohn stand auf und marschierte im Büro auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und den Kopf gesenkt.

»Wie steuern Sie Laplace, Doktor Reinerts?«

»Man kann ihm konkrete Fragen stellen. Im Hintergrund arbeitet er stets selbstständig. Mit einer Methode namens bestärkendes Lernen. Er erkundet die Welt wie ein Kind und lernt. Ich gebe ihm lediglich das Ziel vor.«

»Das da lautet?«

»Black Swans vorherzusehen und rechtzeitig Informationen bereitzustellen, die für ihre Abwendung relevant sind.«

Bohn atmete durch.

»Gut, Doktor Reinerts. Sie haben mich überzeugt. Vorläufig. Ich gebe Ihnen noch eine Chance. Allerdings erwarte ich auch mehr Einsatz, in der Szene anerkannter zu werden.«

Obwohl Patrick nicht überrascht über Bohns Einlenken war, wallte Freude in ihm auf.

»Vielen Dank, Rektor Bohn«, sagte Patrick, etwas zu euphorisch.

Bohn taxierte ihn.

»Ich bewundere Ihre Begeisterung für diese Sache, Reinerts. Wo kommt das bloß her?«

Patrick lächelte. »Es ist ein bisschen wie eine Jagd, Herr Bohn. Was mich, offen gesagt, motiviert, ist eine Angst vor der ganz großen Katastrophe, einem einzigartigen, globalen Event. Wie der weiße Wal. Ich will nicht, dass sein Auftauchen übersehen wird.«

Bohn zog einen Mundwinkel nach oben. »Sie vergleichen sich mit Captain Ahab? Der einsame, besessene Jäger des Monsters?«

Nun war Patrick doch überrascht. Tat er das? Er überlegte und schüttelte den Kopf. »Soweit ich weiß, war Ahab wahnsinnig. Er zeigte keine Angst vor Moby Dick. Ich hingegen sorge mich sehr wohl. Vielleicht, weil ich noch ein Kind war, als damals die Finanzkrise losschlug. Hat meine Familie schwer gebeutelt.«

Bohn lachte in sich hinein, schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen.

»Auf Wiedersehen Doktor Reinerts.« Der Rektor verließ das Büro.

Patrick ging in Siegerpose. »Ja!«, stieß er aus, als Bohns Schritte im Gang verhallt waren.

»Laplace!«

»Guten Tag, Patrick, was kann ich für dich tun?«, erklang eine angenehm warme männliche Stimme mit französischem Akzent.

»Was sagst du dazu?«

»Es ist sehr positiv für dein Projekt, wenn Rektor Bohn es für wichtig hält.«

Patrick freute sich darüber, dass Laplace nicht nachgefragt hatte, wozu er Stellung nehmen sollte. Laplace hatte es dem Kontext entnommen.

»Das sehe ich genauso, Laplace. Bald werden wir beide unseren Durchbruch haben und fester Bestandteil der staatlichen Sicherheitsarchitektur werden. Berlin wird uns haben wollen. Wir werden ein unverzichtbarer Grundpfeiler des Gutlebens sein. Fast so wichtig wie Gaia selbst.«

»Das halte auch ich für eine fast zwingende Entwicklung, Patrick. Ich sehe kein Hindernis auf diesem Weg.«

»Sehr schön, Laplace. Wenn du das sagst!«

Patrick drehte den Stuhl zum Fenster und bemerkte, dass dieses noch getönt war. »Rhea!«

Das Symbol des Assistenten, ein weiblicher Kopf antiker Anmutung, erschien in Patricks unterem Sichtfeld.

»Was kann ich für dich tun, Patrick?«

»Bitte das Büro zurücksetzen.«

Augenblicklich wurde es hell und der Wandbildschirm rollte sich wieder in sein schmales, waagrechtes Kästchen.

»Ach ja, Patrick«, sagte Rhea. »Ich hätte ein Interview aus der Cloud, das dich interessieren dürfte.«

Das irritierte ihn. Normalerweise las er Streams erst in der Mittagspause. Hatte Rhea etwa erkannt, dass er euphorisiert war und im Moment ohnehin nicht konzentriert arbeiten konnte?

»Okay, Rhea, ausnahmsweise.«

Als Erstes tauchte das Logo der Berliner tageszeitung vor ihm auf. Patrick verzog das Gesicht, als hätte er saures Bier gekostet. »Rhea! Ich lese dieses revoluzzerische Blatt nicht!«

»Ist mir bekannt. Doch das gesamte Interview erschien nur dort. Weil es um KI geht, dachte ich, es könnte dich interessieren. Auch wenn du anderer Meinung sein wirst, als die interviewte Ärztin.«

»Hm, okay. Lies es mir vor.«

Fünf Minuten später stützte Patrick die Ellbogen auf den Schreibtisch und legte sein Gesicht in die gefalteten Hände. Starkes Stück. Eine Klinikärztin, die sich über Kontrollverlust beklagte. Soviel er wusste, bekamen die Kliniken alle Daten über Diagnosen und Therapien von Gaia. Sicher war die Kritik dieser, wie hieß sie nochmal, Jette Blomberg, unberechtigt. Aber wenn der Stachel des Zweifels einmal da war ... Das Gutleben beruhte auf Vertrauen.

Er befahl Rhea, Information über diese Jette Blomberg anzuzeigen. Doch viel mehr als einen knappen Lebenslauf gab es nicht. Demnach hatte sie im kalifornischen Stanford auf dem Gebiet der personalisierten Medizin promoviert, und zwar bei einem der führenden Experten, James Briggs. Danach hat sie die personalisierte Medizin an der Uniklinik Frankfurt wesentlich mit aufgebaut. Hochkarätig. Er musste sie ernst nehmen.

»Rhea!«

»Ja?«

»Nimmst du sie bitte in den Filter auf?«

»Wen, Patrick?«

Er stutzte. Sonst erfasste Rhea den Kontext sofort intuitiv und wusste, was er wollte – sogar im Voraus. Aber gut, seine Anweisung war unscharf. Im Artikel wurde eine weitere Ärztin erwähnt. »Jette Blomberg, von der Klinik Frankfurt!«

»Alles klar, Patrick«, quittierte der Avatar. »Jette Blomberg ist deinen Kontakten hinzugefügt.«

Patrick stand auf, um sich einen Kaffee zu holen. Diese Sache würde er im Blick behalten.

6

Lu Meng saß in einem Wartebereich des Flughafens Haneda in Tokio, zog die Foil aus seiner Sporttasche und rollte sie auf dem runden Tischchen vor sich auf. Etwas Reales, Materielles im Blick zu haben und physisch darauf zu tippen, half ihm bei der Konzentration. Er nahm in Kauf, dass er auf diese Weise sein Umfeld aus den Augen verlor und Agenten des DDC übersah.

Aber was wollten die hier schon ausrichten? Ihn festnehmen? Hier auf dem Flughafen, vor den Augen von Reisenden und der japanischen Polizei? Wohl kaum. Sie würden ihn beschatten, um herauszufinden, was er vorhatte.

Er versuchte, sich zu entspannen. Die erste Etappe hatte er geschafft. Er war im Westen. Wieder. Jenseits der Großen Firewall. In einer Gesellschaft ohne eine klare Ordnung. In einer Welt, die ein undurchsichtiges Spiel mit den Menschen spielte. In der sich alles um Konsumentscheidungen drehte, die die Leute aber nicht selbst trafen, sondern bei denen die Umweltverträglichkeit im Vordergrund stand. Darum befriedigten die Westler ihr Fernweh nicht mehr. Sogar der einzig verbliebene Flughafen der größten Stadt des Westens, Tokio, wirkte idyllisch. Ein paar Reisende warteten auf die zehn oder zwanzig Abflüge dieses Tages.

Japan war nach dem Fall von Taiwan und Südkorea die letzte Bastion des Westens im Fernen Osten, wie ein Stachel im Fleisch des Reichs der Neuen Seidenstraße. Peking hatte gar nicht erst versucht, es auf die übliche Weise – durch eine wirtschaftliche Umarmung – einzunehmen. Eine militärische Invasion kam auch nicht infrage, nicht einmal, wenn man dabei war, die USA als Supermacht einzuholen – fast zwei Dekaden früher, als es der Große Präsident Xi Jinping geplant hatte. Das hätte nur zu einer kollektiven Kamikazeaktion der Japaner geführt.

Doch das interessierte Meng auf seiner Durchreise kaum. Vor wenigen Stunden, auf dem Schiff, hatte er die silbrig glänzende Schatulle geöffnet und ihr Kontaktlinsen westlichen Fabrikats entnommen. Er hatte sie gegen seine alten ausgetauscht. Sie gaben ihm die Identität einer Person, die im Westen lebte. Das Schiff hatte ihn im Hafen von Yokohama abgesetzt, zusammen mit einigen unfreiwilligen Absteigern, die Flucht dem Selbstmord vorzogen. Er war gleich nach der Landung in den Vorstadtzug gestiegen und direkt hierher zum Flughafen gefahren. Der Zwischenstopp im Hotel, wo er Frau und Kinder hatte unterbringen wollen, war überflüssig gewesen. Dank seiner Kontaktlinsen hatten die wenigen verbliebenen Sicherheitssysteme des Flughafens bis zum Gate keinen Pieps getan.

Er ließ den Blick schweifen. Nichts Verdächtiges zu sehen. Eine Frau saß selig lächelnd mit im Nacken liegenden Kopf zwei Stühle neben ihm. Sie schwelgte wohl in der Wahrnehmung eines dieser Helden des Gutlebens. Vereinzelt rollten vermeintliche oder echte VIPs ihre Koffer durch die Halle, hinter deren Glaswand tiefblau die Bucht von Tokio lag.

Die Luft war rein. Er konnte sich auf den nächsten Baustein seines Plans konzentrieren. Als Erstes griff er in die Schatulle und holte ein seidig schimmerndes Ei von der Größe eines Fingerglieds heraus. Er hielt sich den Prototyp eines der Schnittstellen-Entwickler des Silk Road Technology Institute an die Stirn und blicke zur Foil hinunter. Ein Gehirnsymbol zeigte an, dass die Bluetooth-Verbindung zur Foil hergestellt war. Ein Schlitz erschien. Meng memorierte die Symbole des 50-stelligen Passwortes. Entsprechend reihten sich schwarze Punkte im Eingabefeld aneinander. Als er fertig war, poppte ein Dialogfenster auf. Sein Trojanisches Pferd. Darin erschienen die Silhouetten von fünf Köpfen in unterschiedlichen Farben. Sie symbolisierten die Zielpersonen. Er steckte das Ei wieder ein.

Meng tippte auf die rote Silhouette. Vor ein paar Tagen, an Bord des schwer in der Dünung des Pazifik rollenden Schiffs, hatte er die blaue gewählt. Die Maßnahmen waren geringfügig, aber entscheidend. Minimalinvasive Eingriffe, Nadelstiche, die wie bei der Akupunktur größere Energieflüsse in Gang setzten.

Ein altmodisches Kommandozeilen-Fenster öffnete sich, darunter blendete die Foil eine Tastatur ein. Mengs Finger flogen darüber. Er kopierte eine Datei in das Verzeichnis der roten Figur. Dann startete er die Simulation. Ein Chatfeld öffnete sich, in das er eine Nachricht eingab und die Malware hinzufügte. Dann berührte er den Senden-Button und setzte damit einen der wirkungsvollsten Nadelstiche.

Meng lehnte sich zurück und atmete zufrieden durch. Es wurde Zeit. Er stand auf, aktivierte die Weitwinkel-Vision und schlenderte in Richtung Gate. Am rechten Rand seines erweiterten Blickfelds tippte ein Mann in einem mausgrauen Anzug unschlüssig und ratlos wirkend an einem Getränkeautomaten herum. Meng fiel das Fehlen jeglicher Gaia-Logos auf dem Flughafen auf. Der Konzern stellte seine Dienste hier nicht zur Verfügung. Der graue Anzug am Automaten schielte zu ihm herüber. Meng spazierte an einer inaktiven Bildschirmwand vorbei, auf der bei seinem letzten Aufenthalt Werbung für einen Urlaub in Deutschland geflackert hatte, mit Bildern von diesem Märchenschloss. Vor sich bemerkte Meng einen leeren Kasten für Werbeplakate. In der Scheibe spiegelte sich der Korridor. Er sah, dass der graue Anzug hinter ihm ging. Noch eine Minute zum Gate. In den Sitzreihen vor dem Abfertigungstresen drängten sich die Passagiere. Die meisten von ihnen blendeten die trostlose Umgebung durch immersive Simulationen aus. Köpfe lagen in den Nacken, oder wackelten lebhaft mit vergnüglichem Grinsen im Gesicht, Hände und Arme gestikulierten ohne Gegenüber, Beine stampften auf und zitterten. Meng erblickte einen freien Sitzplatz zwischen einer traditionell in einen rosa Kimono gekleideten Frau mit hochgestecktem schwarzen Haar, die aufrecht und würdig blickend dasaß, ihre Hände mit einer Handtasche auf dem Schoß liegend und einem eifrig mit den Armen fuchtelnden Gnom. Er zwängte sich, die Frau freundlich grüßend, zwischen die beiden. Er hielt Ausschau nach dem grauen Anzug, entdeckte ihn aber nicht. Meng atmete durch und schloss die Augen, um bis zum Aufruf zu dösen.

Eine ratternde Lautsprecherstimme, die von den kahlen Betonwänden widerhallte, weckte ihn. Vor dem Schalter hatte sich schon eine Schlange gebildet. Meng erhob sich und stellte sich an. Er blickte sich um. Keine Spur vom Verfolger. »Guten Abend, Mister Sheng«, begrüßte ihn wenig später eine schmächtige, junge Frau mit knapper Verbeugung. Er lächelte, verbeugte sich und trottete an ihr vorbei in die Gangway. Im Flugzeug angelangt, zwängte er sich durch den engen Gang, verstaute die Tasche im Handgepäckfach und setzte sich auf seinen Platz neben einer dicklichen Frau, die er lächelnd grüßte. Er spürte das warme, wabbelige Fleisch ihres Unterarms an seinem. Die Knie stießen am Vordersitz an. Meng schloss den Sicherheitsgurt. Mit dem sanften Klicken lehnte er sich zurück und versuchte, sich zu entspannen.

Als er den Kopf an die Lehne legte, sah er ihn als letzten Passagier den Gang herunterkommen: Grauer Anzug.

Sein Körper spannte sich an. Der Mann ging an ihm vorbei, wobei er abbremste und ihn mit einem kühlen Lächeln anblitzte. Meng hörte, wie er sich hinter ihn setzte und seinen Sitznachbarn freundlich grüßte.

Meng griff nach der Schnalle des Sicherheitsgurtes, unterdrückte aber den Impuls, sie zu öffnen. Er konnte sich nicht sicher sein, dass der Mann ihn verfolgte. Grauer Anzug konnte genauso gut ein harmloser Reisender sein. So viele Flüge gingen nicht ab, also war es wahrscheinlich, dass jemand, der den gleichen Korridor entlangging, auch denselben Flug nahm. »Boarding completed«, beendete eine Lautsprecherdurchsage seine Grübeleien. Das dumpfe Klacken der sich schließenden Türen nahm ihm die Alternativen. Somit lehnte er sich wieder zurück, versuchte zu entspannen und wartete auf den Abflug. Er würde seinen Plan unbeeindruckt weiterverfolgen.

7

Der Vorsitzende der Digital Defense Unit of China stieg aus dem Wagen und schritt zur Shanghai Railway Station, deren Glasfassade von blütenähnlichen Baldachinen beschattet wurde. In Hefei wollte er Steve Wong besuchen, der an westlichen Eliteuniversitäten studiert hatte. Dort hatte er auf Sicherheitslücken von künstlichen Intelligenzen hingewiesen. Sein spektakulärster Coup, der seinen internationalen Ruf begründet hatte, war der Hack eines prädiktiven Polizeisystems vor bald zehn Jahren gewesen. In der Innenstadt von München zogen sich damals an die hundert Polizeistreifen zusammen. Wong hatte der KI vorgegaukelt, im Herzen der deutschen Stadt sei die Wahrscheinlichkeit für Einbrüche am höchsten: an einem Samstag zur besten Geschäftszeit! Es gab ein Verkehrschaos. Wegen der Polizeiautos befürchteten viele einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag. Im letzten Moment verhinderte die Polizei eine Massenpanik. Wong hatte scharfe Kritik geerntet und wäre fast wegen Landfriedensbruchs angeklagt worden. Doch der Hack hatte allen vor Augen geführt, wie eine Behörde der Entscheidung einer künstlichen Intelligenz blind folgte. Ein Trend, der sich dennoch fortgesetzt hatte. Was sich indessen verbessert hatte, war die Sicherheit von KI-Systemen. Man glaubte ihnen daher umso mehr.

Doch irgendwie hatten es die westlichen Hacker geschafft, in das digitale Bürgerbewertungssystem Chinas einzudringen und aufrichtige Bürger in Misskredit zu bringen. Wenn jemand wusste, wie, dann Steve Wong.

An der Zugangskontrolle zu den Gleisen eilte der Vorsitzende an langen Schlangen vorbei zum Durchgang für Parteikader und hohe Beamte. Er bog in den von Stangen begrenzten Zugang ein. Ein abweisendes Brummen erschreckte ihn. Er prallte gegen die Glastür, die nicht wie üblich servil vor ihm aufgeglitten war. Der Vorsitzende griff sich an die schmerzende Nase.

»Kein Zugang«, meldete seine Linse. »Kreditstatus unzureichend.« Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte noch nie erlebt, dass sein Punktestand geprüft worden wäre. Er kannte ihn nicht einmal.

Der Vorsitzende drehte sich herum und sah sich mit gerecktem Kinn und herabgezogenen Mundwinkeln in der Halle nach einem Bediensteten um.

»Du!«, rief er einem Polizisten zu. Der schwarz uniformierte Mann trottete auf ihn zu.

»Was ist, Genosse? Hast du dich falsch eingereiht?«, rief der ihm entgegen.

Der Vorsitzende verengte die Augen und spitzte den Mund. »Weißt du nicht, wen du vor dir hast?«

Der Polizist drehte die Augäpfel ein Stück nach oben, wie es Leute taten, wenn sie Text lasen, den ihre Kontaktlinsen anzeigten.

»Du bist der Leiter irgendeines Ausschusses der Regierung.«

Der Vorsitzende trat vor den Polizisten, den er um einen Kopf überragte, und sah auf ihn hinab.

»Das bin ich! Also sorge gefälligst dafür, dass ich hier passieren kann! Sonst sorge ich für deine sofortige Entlassung!«

Der Polizist behielt seinen entspannten Ausdruck. Erneut verdrehte er die Augäpfel, um eine ihm angezeigte Information wahrzunehmen. Dann nahm er den Vorsitzenden wieder in den Blick und verengte die Augen. Seine Lippen bewegten sich. Er redete über Kehlenelektroden, die die Muskelaktivität beim lautlosen Sprechen maßen, zu jemandem. Dann wandte er sich wieder an den Vorsitzenden. »Mag ja sein, dass du ein hohes Tier bist, Genosse.« Der Polizist griff an seinen Gürtel und holte einen Taser heraus, den er auf den Vorsitzenden richtete. Der trat einen Schritt zurück und zog dabei die Mundwinkel weiter in die Tiefe. »Was tust du da! Ich werde dafür sorgen, dass du degradiert wirst!«

Der Polizist schüttelte den Kopf. »Ich habe meine Pflicht zu tun, Genosse. Und die besagt, dass Staatsfeinde unverzüglich festzunehmen sind.«

Die Knie des Vorsitzenden schienen sich zu verflüssigen. Er fühlte sich erniedrigt, wie ein Hund.

»Punktestand anzeigen«, sagte er lautlos. Zum ersten Mal überhaupt. Leute wie er rutschten nicht unter die Schwelle der Vertrauenswürdigkeit ab, niemals.

Doch die Linse zeigte eine große rote Null.

Nicht 500, nicht 250 oder einen sonstigen Verlierer-Score. Nein: Null. Das galt nur Dissidenten, Staatsverrätern oder Schwerstkriminellen.

Aus Richtung des Hauptportals lief ein Trupp Polizisten heran. Der erste Polizist deutete auf den Vorsitzenden. Zwei der herbeilaufenden Staatsdiener lösten sich von der Gruppe, näherten sich dem Vorsitzenden, ergriffen ihn an den Armen und zerrten ihn von dem Durchgang weg. Hinaus in das abendliche Shanghai.

Der Vorsitzende verlor jedes Gefühl für seine Umgebung. In ihm war etwas implodiert. Alles war zu Ende! Wenn der Westen jemanden wie ihn diskreditieren konnte, dann würde das Reich der Neuen Seidenstraße bald sein Fundament verlieren. Und was dann mit der Welt geschah, wagte der Vorsitzende sich nicht auszumalen. Die Sonne sank. Sie sank weiter als nur hinter die Wolkenkratzer, die sich vor ihm türmten.

8

Die Spätnachmittagssonne stand knapp über den Säulen des Königsbaus, als Patrick den Stuttgarter Schlossplatz überquerte. Trotz der trockenen Hitze hielt ihn der vormittägliche Überzeugungserfolg in Hochstimmung. Vergnügt beobachtete er das Treiben. Paare flanierten über die Schotterwege, Männer und Frauen saßen entspannt auf den Bänken. Stimmen plätscherten wie die Springbrunnen, Lachen perlte dazwischen. Eine junge Frau umarmte ein nur für sie sichtbares Gegenüber. Sie legte den Kopf schräg, schloss die Augen und öffnete den Mund einen Spaltbreit. Ein von der Cloud vermittelter Kuss. Jemand saß auf einem Ball in der Wiese und legte sich in Kurven, die Arme nach vorne gerichtet, als halte er einen Motorradlenker. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus Angst und Ekstase. Entweder war er in die Haut eines Helden des Gutlebens geschlüpft oder er spielte ein Virtual-Reality-Game. Das Gutleben zelebrierte seine heitere Gelassenheit. Einzig ein junger Mann saß auf einer Bank und ließ mit konzentriertem Blick die Finger vor den Augen tanzen. Er sah aus wie ein Virtual-Reality-Programmierer. Zwischen dem Tippen auf der virtuellen Tastatur wischte, nickte und blinzelte er in raschem Takt. Patrick hatte beobachtet, dass in Berufen, die immaterielle Güter schufen, die alte Neigung zu Hektik und Effizienz herrschte. Es gehörte, fand Patrick, zu den Errungenschaften des Gutlebens, dass die Bitarbeiter den anderen, die weniger arbeiteten, gegenüber keinen Neid hegten. Sie wussten, dass sie für ihre Produkte Menschen brauchten, die Zeit hatten, sie zu konsumieren.

Am Eingang zum Schlossgarten, zwischen den Plastiken der Jagdgöttin Diana und der Liebesgöttin Venus, herrschte Markttreiben.

»Patrick, da drüben gibt es frische Honigmelonen«, meldete sich Rhea. Ein grüner Pfeil zeigte auf einen Stand unter der Venus. Patrick folgte dem Hinweis wie im Reflex.

Genau das passt zum Parmaschinken, den er sich heute, zur Feier des Tages, genehmigen wollte.

Patrick spazierte zu einem Stand, auf dem gelb-grüne Kugeln in der Größe von Handbällen lagen. Er griff nach einer mittelgroßen Frucht und steckte sie in seine Aktentasche.

»Macht einen Euro«, sagte der Verkäufer und hielt ihm ein Schildchen mit einem X-Code entgegen.

»Okay«, sagte Patrick und bestätigte mit einem zweifachen Blinzeln. Doch die Bestätigung Rheas über die Transaktion blieb aus. Er blinzelte nochmal. Nichts.

»Stimmt was nicht?«, fragte sein Gegenüber.

»Die Überweisung klappt nicht.«

Im gleichen Moment kam die Bestätigung.

»Ah, jetzt«, sagte Patrick. »Seltsam. Das hatte ich noch nie.«

Er wünschte einen guten Abend und schlenderte weiter, quer über den Schlosspark, an der Oper vorbei. Auf der Konrad-Adenauer-Straße murmelte der Verkehr. Patrick unterquerte die Verkehrsader und setzte seinen Weg in die Urbanstraße fort, wo er wohnte. Er trat auf die Fahrbahn, um ein Wahlplakat mit dem buddhaähnlichen Gesicht von Andrea Alexiou zu umgehen, das an der Stange einer Straßenlaterne hing. Er wusste auch so, dass er die amtierende Kanzlerin, Kandidatin der Staatsminimalistischen Union wählen würde. Alle anderen wollten Veränderung. Besonders die Freien Digitalen Bürger. Die kantigen Züge von deren Kandidaten Bennet Müller zeigte das Plakat darüber.

Patrick überquerte die Straße. Gegenüber dem geometrischen Vordach der Musikhochschule bog er in den Eingang des neuen Containerhochhauses, in das er letztes Jahr gezogen war. Die Tür glitt vor ihm zur Seite. Der Lift wartete schon mit offener Tür. Er trat in die Kabine, an deren Wand ihn der Schriftzug Gaia Facility Services begrüßte. Im achten Stock stieg Patrick aus. Die Tür zu seinem Würfel klickte und schwang auf. Er trat in sein winziges Reich.

»Willkommen zu Hause«, flötete Rhea. Patrick durchquerte die schmale Diele in den Wohnraum und legte die Tasche auf die Arbeitsplatte der Küchennische. Auf dem Tablett des Essensdruckers lagen blütenförmige, dampfende Nudeln bereit. Patrick holte die Melone aus seiner Tasche und öffnete gleichzeitig mit der Rechten die Universalmaschine. Er legte die Frucht hinein. Rhea ließ sie schnitzeln.

Patrick öffnete den Kühlschrank und beäugte skeptisch das Stück Schinken darin. Er holte es heraus und las das Etikett. Ärgerlich presste er die Lippen zusammen, riss das Rückgabefach auf und feuerte den Schinken hinein.

»Rhea! Du weißt doch, dass ich an Tagen wie heute einen Parmaschinken wünsche? Aus Parma. Italien.«

»Das ist mir bekannt. Ich habe deinem Wunsch mehr als entsprochen. Du hättest diesen Schinken geliebt. Er ist vom Eichelschwein, von einem Hof bei Böblingen.«

»Es. Ist. Aber. Kein. Parmaschinken.«, protestierte Patrick.

»Ja, aber ein gutes Äquivalent. Luftgetrocknet. Und noch dazu bio und regional. Immer mehr Liebhaber von Parmaschinken steigen auf lokale Varianten um. Sie schätzen das individuelle Terroir.«

Patrick winkte ab.

»Okay, Rhea. Ich möchte, dass du ausdrückliche Wünsche respektierst, klar?«

»Du bist der Boss, Patrick«, sagte Rhea. Die Enttäuschung in der synthetischen Stimme war klarer, als er es je von einem Menschen gehört hatte.

Patrick ersetzte den Schinken durch Spiegeleier. Während er aß, ärgerte er sich über Rheas plumpen Versuch, ihn vom geliebten Parmaschinken abzubringen. Sie konnte das besser. So, dass es einem nicht auffiel.

Nudging, subtile Stupser, eine gelinde Form der Bevormundung. Die Kehrseite des Gutlebens. Eingenordet werden. Ständig, überall. Aber auch nötig. Für das Klima, für den sozialen Zusammenhalt, für die Gesundheit. Patrick kannte die Macht des Nudgings. Ein winziger Schubs an der richtigen Stelle konnte sogar den Lauf der Geschichte ändern. Oft hing es an einzelnen Personen. Das hatte Laplace schon mehrfach aufgezeigt. Daher hatte Patrick den Computer beauftragt, bei Menschen, die fast ihr gesamtes Leben mit der Öffentlichkeit teilten, nach ungewöhnlichen Anzeichen Ausschau zu halten. Dazu gehörten Politiker oder Helden des Gutlebens, jene Menschen, deren Leben als Vorbild für die anderen diente und die es daher bis zu 24 Stunden am Tag und bis zu sechs Tagen in der Woche zur Schau stellten.

Laplace sollte mit der heutigen Analyse durch sein. Patrick holte die Foil aus seiner Tasche und rollte sie auf dem Esstresen aus. Er konnte von überall aus mit Laplace sprechen. Als Verbindung nutzte er den Tunnel, zu dem nur Eingeweihte Zugang hatten. Keine der Ressourcen oder Personen in dieser versteckten Cloud war über eine Internetsuche auffindbar, sondern nur gezielt über einen geheimen Schlüssel oder einen Decknamen aufrufbar. Jeder Datenaustausch wurde nach dem aktuellsten Stand der Kryptografie verschlüsselt. Das sicherte Laplace vor Lauschangriffen oder unbefugten Zugriffen.

Patrick tippte einen langen Schlüssel ein. Der Hintergrund der Foil nahm ein giftiges Grün an, was den Eintritt in den Tunnel signalisierte. Das Terminal von Laplace öffnete sich. Es zeigte eine Liste mit Berichten, die sein prognostischer Computer verfasst hatte.

Patrick ging die Berichte durch. Die ersten drei zeigten keine Abweichungen.

Er öffnete den Report über die Heldin Nora Roos und stutzte. Der Überblick über die letzten vier Wochen zeigte sechs Anomalien.

Hoppla!

Hier tat sich etwas! Sein Herzschlag zog an. Nora war die einzige Heldin, der er selbst regelmäßig zusah. Er konnte nicht von ihr lassen.

Was Laplace berichtete, war untypisch für Nora. Einmal hatte sie Schuhe gekauft, die nicht aus recyceltem Leder oder einem anderen planetenfreundlichen Rohstoff bestanden, sondern aus Plastik. Eine ihrer neu erstandenen Blusen hatte einen Matrosenlook. Nicht ihr Stil. Zwei ihrer Lover im betreffenden Zeitraum waren bärtige, ungepflegte Typen. Am Kopf des einen baumelten ellenlange Rastas. Ganz und gar nicht Noras Beuteschema. Die weiteren Anomalien waren subtiler. Sie bezogen sich auf Themen, für die Nora sich interessierte oder über die sie sprach. Und die Art, wie sie das tat. Nora unterhielt sich zum Beispiel lange mit einer Frau über deren häufige Jobwechsel. Oder sie lauschte der Story eines greisen Ehepaars über ihr früheres Gipfelstürmen im Himalaya.

Patrick wischte eine Seite weiter zur semantischen Analyse der Anomalien. Laplace erkannte, ob ein gemeinsamer Nenner hinter ihnen steckte. Die Maschine hatte Millionen von Artikeln, Bestsellern oder anderer kulturprägender Texte verarbeitet und dadurch herausgefunden, was bei Wörtern mitschwang. Laplace besaß ein Netz aus Begriffen und den jeweiligen Assoziationen dazu. Er las das Unterbewusstsein der menschlichen Kultur. Kurz gesagt: Er sah voraus, woran Menschen dachten, wenn sie etwas lasen oder hörten. Und welche Wertung, positiv oder negativ, sie damit verbanden.

Hinter Noras neuer Unberechenbarkeit steckte laut Laplace ein Thema: Abenteuer.

Patrick starrte auf dieses Wort. Ein Schauer lief ihm über die Arme.

Was hatte eine Heldin des Gutlebens mit Abenteuern zu schaffen? Sie war, wie die anderen, ein Vorbild der Genügsamkeit, bei aller oberflächlichen Prasserei. Wie die meisten kuschelte sie im warmen Uterus von Gaia. Die Massen taten es ihr nach.

Wurde Nora beeinflusst? Genudgt?

Wie konnte er das herausfinden?

Nora ließ ihren Stream komplett öffentlich, bis auf ein paar Tage im Monat. Jeder sah, was sie sendete und was sie empfing.

Patrick ließ Laplace analysieren, was zu Nora strömte, Kommentare, Fragen, Komplimente, Kontaktversuche. Unter der Vorgabe, Anomalien zu finden, die in enger assoziativer Verbindung zum Konzept »Abenteuer« standen.

Eine Stunde später lag das Ergebnis vor. Nora hatte mehr als zweihundert Nachrichten erhalten, die subtil Assoziationen zum Thema Abenteuer auslösten. Vordergründig bedienten diese Streams Noras Interessen, wie die neueste Recycling-Mode, genussvolle, aber ökologisch korrekte Regio-Kulinarik, Paarbeziehungen. Doch es schwang immer etwas mit: Jemand fragte, was sie von Vogelmotiven auf T-Shirts hielt. Ein anderer sendete ein Selfie von einer Fahrt durch die Nordwestpassage.

Patrick sah diesen Nudges an, dass sie messerscharf auf eher unbekannte Vorlieben Noras zielten. Jemand kannte sie gut, sehr gut. Das Nudging zeigte Wirkung.

»Okay, Laplace«, sagte Patrick. »Wohin führt das?«

»Ich bin eine Standardschar von Szenarien durchgegangen«, antwortete der Computer. »Innerhalb der Standardabweichung herrscht ein Ergebnis klar vor.«

»Das da lautet?«

»Nora Roos wird innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen eine abenteuerliche Reise antreten. Sehr wahrscheinlich per Segelboot. Sie wird das mit ihren Viewern teilen. Da Nora Roos zu den Top-Helden gehört, wird ihre Entscheidung großen Einfluss auf die Einstellung weiter Bevölkerungsteile haben. Sie werden mehr Wert auf Freiheit legen. Bei der Wahl im September werden die Freien Digitalen Bürger davon profitieren. Bennet Müller könnte Bundeskanzler werden. Letzteres hängt jedoch noch von Faktoren ab, für deren Einschätzung mir Daten fehlen.«

Patrick griff sich an die Brust. Sein Herz raste. Er atmete langsam ein und aus. Bennet Müller als Kanzler. Das hätte Potenzial, den Westen zu erschüttern. Das wäre ein Symbol politischen Aufbruchs. Berlin wäre nicht länger ein Zirkus für belanglose Boulevard-Streams, sondern für Gaia ein ernstzunehmender Gegner. Eine der größten Puppendemokratien des Westens würde aus dem Dornröschenschlaf erwachen und das Gutleben infrage stellen. Denn die FDB verneinte radikal jede Form der Bevormundung. Jede. Auch das Nudging, das zwar keinen absoluten Zwang ausübte, somit vermeintlich Freiheiten ließ, die freie Wahl jedoch unbequem machte und als abweichendes Handeln diffamierte. Damit sagten sie Gaia, wenn auch nicht namentlich, den Kampf an.

Patrick drehte schwungvoll den Hocker um 180 Grad und blickte durch die Glaswand über die Dächer der Stadt. Nora drohte aus der Reihe zu tanzen.

Lächelnd schüttelte er den Kopf. Ja, das traute er ihr zu.

Er beschloss, eine Vereinbarung zu brechen. Gleich morgen früh würde er Nora besuchen.

9

Jette Blomberg nippte am Kaffee, dessen Zimtnote sie an die Labornächte in Stanford erinnerte, die kannenweise nach Koffein verlangt hatten. Wie die heutige, die ihr hoffentlich Beweise gegen Gaia in die Hand geben würde.

Unmittelbar nach ihrer Schicht war sie in das Analyselabor der Klinik gekommen. Angst vor neugierigen Kollegen brauchte sie nicht zu haben. Seit Jahren nutzten die Ärzte das Labor kaum. Gaias Automaten erledigten den Job, schickten die Ergebnisse an ihre Zentrale – und eine Kopie an den Server der Klinik, den die Kollegen »Datenfriedhof« nannten. Der Job der Ärzte war es, ein menschliches Gesicht zwischen die Patienten und die Gesundheitsmaschine zu schalten. Auf die Idee, eine der von Gaias Servern heruntergeladenen Rezepturen zu analysieren, war sicher keiner von Jettes Berufsgenossen je gekommen.

Weil das Labor und seine Geräte brach lagen, hatte sie beim Anschalten des Universalchromatographen die Luft angehalten. Würde er ohne Fehlermeldung hochfahren? Zunächst zögerte sie, ihren Zeigefinger auf den Startknopf zu legen. All ihre Hoffnungen ruhten auf diesem Gerät. Sie wusste nicht, welche chemischen Bestandteile Alexanders Rezeptur enthielt. Also brauchte sie ein möglichst flexibles Analysegerät. Nur diese Maschine, die sie selbst vor Jahren für den Aufbau der Abteilung beantragt hatte, konnte Hunderte Stoffe detektieren, ob es sich nun um klassische Medikamente handelte oder biologische, wie Proteine und Nukleotide. Schließlich berührte sie den Knopf. Nichts geschah. Nach einer halben Minute erwachte das Gerät mit einem zögerlichen Surren wie aus einem langen Schlaf. Jette starrte auf die grüne LED, die Bereitschaft anzeigen sollte. Sekunden verrannen zäh. Mit dem Aufleuchten der LED atmete Jette erleichtert aus. Sie fühlte etwas in sich selbst erwachen, das seit Jahren verschütt lag. Forscherinstinkt, Leidenschaft für das Rätsel.

Sie griff nach dem Probenhalter, ließ ihn in eine Halterung einrasten, schloss die Abdeckung und drückte den Startknopf.

Jetzt, Stunden später, brütete Jette über der Foil, die sie neben dem Wunderkasten ausgerollt hatte und die das Ergebnis der Analyse anzeigte. Sie schluckte den Kaffee und genoss den bitteren Abgang. Rhea mochte noch so meckern, nie würde Jette auf Koffein verzichten.

Sie gähnte, rieb sich die Augen, seufzte.

Reiß dich zusammen!

Sie wollte sich das Analyseergebnis ein viertes Mal vornehmen. Irgendetwas musste sie übersehen haben. Jette verstand nun, warum sich ihre Kollegen nicht für die Rezepturen interessierten.

Sie begriff die Inhaltsstoffe von Alexanders Rezeptur, die Synlab 14, Gaias Syntheseroboter im Keller der Klinik, für Alexander hergestellt hatte, nur zum Teil. Der gewaltige Wandel, den die Krebsmedizin seit ihrer aktiven wissenschaftlichen Karriere vollzogen hatte, gab ihr das Gefühl, ein ahnungsloser Laie geworden zu sein, fremdem Wissen ausgeliefert, nicht viel weniger als ihre Patienten.

Früher, Anfang der Zehner Jahre, hatten sie oft Chemotherapien verabreicht, die zwar den ganzen Körper lebensgefährlich belasteten, den Tumor selbst aber häufig nur wenig beeindruckten. Ihr Doktorvater James Briggs war einer von jenen, die sich damit nicht abfanden. »Jeder Patient ist anders«, hatte er zu seiner Lieblingsstudentin gesagt. »Warum, Jette, meinst du, ist das so?«

»Weil jeder Patient genetisch gesehen einzigartig ist?«, hatte sie geantwortet und damit ein stolzes Lächeln hervorgerufen, eines von jener Sorte, die sie bei ihrem Vater stets vermisst hatte, egal, welche Erfolge sie ihm präsentierte.

Forscher wie Briggs ermittelten den genetischen Fingerabdruck jedes einzelnen Krebsfalls. Ihr Blick richtete sich auf die krankhaft veränderten Gene des Tumorgewebes. Sie identifizierten immer neue Mutationen, die die Krankheit antrieben. Das falsch programmierte Erbgut bewirkte zweierlei. Es schaltete die Bremsen ab, die Zellen daran hinderten, sich zu vervielfältigen. Zweitens tarnten sie die Krebszellen gegenüber dem Immunsystem. Unter dem Radar wuchsen sie dann schrankenlos weiter.

Briggs' Ansatz war, die Produkte der kranken Gene zu neutralisieren. Er synthetisierte Moleküle, die die fehlgestalteten Enzyme gezielt blockierten, die gesunden aber in Ruhe ließen. Briggs' Substanzen passten wie ein Schlüssel in das Schloss der schädlichen Enzyme. Was zu tun war, lag für ihn auf der Hand. Den genetischen Fingerabdruck eines Patienten zu ermitteln und daraus abzuleiten, welche »Schlüssel« ihm zu verabreichen seien. Eine maßgeschneiderte, personalisierte Medizin sollte entstehen.

Briggs' Team feierte bald erste Erfolge. Für das Glioblastom – Alexanders Krankheit – fand es schon während Jettes früher Karriere in San Francisco solche »Schlüssel«. Bedeutete die Diagnose zuvor den baldigen Tod, lebten nun nicht wenige Patienten noch Jahre ein genussvolles Leben, manche bis zum heutigen Tag. Doch die Raffinesse des Krebses war damit lange nicht besiegt. Der aggressive Hirntumor eilte seinen Gegnern mit Hunderten genetischer Variationen voraus. Schon damals zeigte sich, dass auch der gesunde Teil des Patientenerbguts den Krankheitsverlauf mitbestimmte, was die Sache viel verwickelter machte. In einem wilden Tanz wechselten die Gene ihre Aktivität, schalteten sich gegenseitig an und ab. Ihre undurchsichtige Choreographie entschied, wie aggressiv der Krebs war, ob eine Therapie anschlug oder nicht und, im Erfolgsfall, ob und wie schnell die Krankheit danach wieder aufflammte. Der Tumor arbeitete wie raffinierte Bürokraten, die den Antragsteller mit einem Wust von Formularen und Vorgaben abschreckten. Manche Forscher im Team behaupteten schon damals, dass dieser Wettlauf nur mit Hilfe von Computern zu gewinnen war, die in Windeseile das Erbgut analysierten, »Schlüssel« entwarfen und automatisch synthetisierten. Die personalisierte Medizin schreit nach Automatisierung, lautete ihr Credo. Briggs weigerte sich jedoch, den damaligen Internetgiganten Google in die Forschung einzubeziehen und Patientendaten mit ihm zu teilen.

Doch sein Widerstand war auf lange Sicht zwecklos gewesen. Die personalisierte Medizin gehörte Gaia. Jette starrte auf die Liste der 40 Wirkstoffe in Alexanders Rezeptur. Während sie sie durchging, nahm sie mehrere Schlucke Kaffee. Briggs hatte in Jette eine Forscherin und Ärztin von seinem Schlag erkannt. Eine Medizinerin, die sich mit dem Stand der Kunst nicht zufriedengeben würde, solange die Krankheit ihr Patienten nahm. Ihr Stehvermögen glich dem von Bürgerrechtlern, die sich von Paragraphen, Zuständigkeiten und behördlicher Autorität herausgefordert fühlten.

Die belebende Wirkung des Kaffees nutzte sich ab. Die Augenlider wurden Jette schwer. Sie erinnerte sich an Briggs' Anfeuerungsrufe, wenn sie in der Morgendämmerung kurz vorm Durchbruch standen. »Schau dir das Gesamtbild an!«, hatte er gerufen wie ein Football-Trainer. »Halte dich nicht an den Einzelwerten fest!« Was stimmte nicht an diesem Wirkstoffprofil?

Es entsprach einem klassischen Typ der Krankheit, einem, der zu Alexanders Leidensgeschichte passte. Sie stellte die Tasse ab und wischte über die Foil, um die Stoffkonzentrationen zu betrachten. Nichts Auffälliges.

Wieder hörte sie James' Stimme, verstand jedoch nicht, was sie sagte. Statt ihr zuzuhören, überlegte Jette weiter.

Was wusste sie über Neuerungen in der Krebsmedizin?

Wenig, gestand sie sich ein. Das Letzte, was ihr einfiel, war ein Vortrag eines Gastwissenschaftlers von der Uni Heidelberg, der vor Jahren beim Aufbau der Abteilung geholfen hatte.

Er hatte von künstlichen Proteinen gesprochen. Diese enthielten neben den bekannten zwanzig natürlichen Aminosäuren, auch solche, die die Natur nicht verwendete. So gelang es, Proteine mit neuen Funktionen zu entwerfen. Der Forscher hatte von einem designten Protein referiert, das an bestimmte Zuckermoleküle andockte. Diese fanden sich nur an der Oberfläche von Krebszellen. Natürliche Proteine hingegen waren blind für diese Moleküle und daher nicht nutzbar für eine gezielte Immunreaktion gegen die Tumorzellen.

Ein Satz, den der Wissenschaftler gesagt hatte, erschien Jette plötzlich wichtig: »Künstliche Proteine werden inzwischen standardmäßig in Diagnose und Therapie eingesetzt.«

Jetzt verstand sie auch die Stimme ihres Doktorvaters. »Jette, manchmal muss man schauen, was fehlt.«

Das Gesicht der Vertreterin von Cambridge-Systems erschien vor ihrem geistigen Auge. »Dem Ding entgeht nichts!«, hatte sie für den Universalchromatographen geworben.

Was nicht auf dieser Liste ist, ist nicht da!

Jette senkte den Kopf zur Foil und wischte zu der Proteinliste des Analyseergebnisses.

Innerlich hakte sie alle Proteine ab.

Alle Proteine enthielten lediglich jene 20 Aminosäuren, die von der Natur benutzt wurden.

Das war ein Ergebnis!

Aber was bedeutete es?

Jedenfalls, dass Alexanders Rezeptur nach dem heutigen Stand der Medizin ungewöhnlich war.

Rätselhaft komplex blieb sie aber auch mit dieser Erkenntnis.

Wenn, dann könnte nur ein Computer da irgendwelche Muster erkennen.

Jette erinnerte sich an João da Silva, den pummeligen Informatiker, der in Briggs' Team an einem experimentellen Projekt gearbeitet hatte. Sie senkte den Kopf und grinste.

Sie wünschte sich in die Zeit zurück. Bolinhos naschen!

João hatte genau das erforscht: Die Wirkungen, vor allem die Nebenwirkungen, von komplexen Stoffgemischen. Ein Problem der personalisierten Medizin bestand in einer Unzahl neuer Nebenwirkungen, die durch die Wechselwirkung der vielen Bestandteile einer Rezeptur entstanden. So weit sich Jette erinnerte, hatte Joãos Algorithmus ein paar solcher Kollateralschäden vorausgesagt, die meisten aber nicht. Indessen war das viele Jahre her. Sicher hat er Fortschritte gemacht.

Als sie merkte, dass sie nicht weiterkam, rollte sie die Foil zusammen und verließ das Labor. Sie öffnete ihren Stream für Rhea.

»Jette?«, meldete sich die Assistentin prompt.

»Ja?«

»Ich habe eine Nachricht von einem Absender, den du jederzeit durchlassen würdest.«

»Wer ist der Absender?«

»James Briggs.«

Jette hob die Augenbrauen. »Oh! Tatsächlich? Na, her damit!«

Ihr Ex-Boss meldete sich ein paarmal im Jahr bei ihr, um etwas Interessantes mitzuteilen. Er hatte ihr kommentarlos einen Fachartikel in einem unbekannten Journal weitergeleitet. Jette blieb im Korridor stehen und überflog den Aufsatz. Der staubtrockene, mit unverständlichen Fachbegriffen gespickte Text berichtete von irgendeiner vorausblickenden künstlichen Intelligenz. Einzig der Ausdruck »Surprise Detector« hatte was. Dieses Ding sagte angeblich Ereignisse voraus, mit denen niemand rechnen würde. Etwas wie einen WM-Titel für Österreich.

Aber was wollte James ihr damit sagen? Sie überflog noch einmal die Zusammenfassung des Artikels und wollte ihn schon wegblinzeln, als die Erkenntnis in ihr Bewusstsein sickerte.

Schlagartig war Jette hellwach. Sie hielt die Luft an und spürte der Wärme nach, die über ihr Gesicht prickelte. Zum ersten Mal hatten ihre Wangen derart geglüht, als sie als Schülerin von der Möglichkeit erfuhr, das Praktikum in Stockholm anzutreten, und das zweite Mal als Forscherin in Kalifornien, als sie eine neue Genkombination entdeckte, die mit dem Kaposi-Sarkom zusammenhing. Sie nickte zurück zur Autorenzeile des Artikels. Als Erstautor wurde ein gewisser Patrick K. Reinerts genannt. Universität Stuttgart. Sie sendete eine Kontaktanfrage und holte den Handspiegel aus der Kitteltasche.

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