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Christian Geiss
Schattenwende
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Impressum neobooks
Kapitel 1
Lediglich der Mond schaut zu, als Kaleb seine Hände um Katis zierliche Hüften legt und sie mit Schwung auf den kleinen Holzsteg hebt, der sich am Rand eines idyllischen Waldsees befindet, um dann selbst mit einem gekonnten Sprung hinterher zu kommen. Gleichzeitig produziert Kati mit ihren Füßen einzelne Wasserspritzer, die sich bis zur angrenzenden Liegewiese verteilen.
An der Stelle, an der die beiden sich befinden, gibt es durch die schnellen Bewegungen im Wasser kleine Kreise, die eine langsam auf das Ufer zutreibende Welle verursachen. Auf diesem aus Lärchenbrettern zusammengezimmerten Steg drückt Kaleb sie mit dem Rücken ganz sanft an die dunklen, vom Wind gegerbten Holzplanken und fängt an, Kati vom Knöchel aufwärts zu küssen. Als seine Lippen ihr Knie berühren, spürt er, wie Kati beginnt, mit einer Hand in seinem Haar zu wühlen, mit der anderen Hand streichelt sie sich selbst über ihren glatten, wunderschönen Bauch. In der Krone der Birke, die direkt am See steht, heult ein Uhu, aus dem angrenzenden Wald ist das Klopfen eines Spechts zu hören und im Licht des Mondes huscht der Schatten einer vorbeifliegenden Fledermaus vorüber. Langsam wird ihr Atem gleichmäßiger und seine Küsse wandern langsam ihr linkes, vom Schwimmen noch feuchtes Bein hinauf. Ab und zu kneift Kaleb zärtlich in ihre von der Sonne gebräunte Haut. Am Ende des Beines verweilt er mit seinen Küssen etwas länger, bevor diese ihren unaufhaltsamen Weg nehmen. Kati hat inzwischen ihre Hände auf seinen Rücken gelegt, ihr Atem ist ruhig und flach und die Finger ihrer Hände bohren sich in seinen durchtrainierten, muskulösen Rücken. Keiner der beiden achtet darauf, was um sie herum passiert. Die Frösche stellen aus Ehrfurcht das Quaken ein und der große wuschelige Biber, mit seinem braunen Fell, bringt seine Biberkinder in den Bau, da sie noch zu jung sind, um so etwas zu sehen. Kaleb und Kati bekommen von alledem jedoch nichts mit, sie bewegen sich inzwischen in einem Rhythmus, der wie der Schwanentanz von Tschaikowski mal langsam, fast schon stillstehend ist und dann wieder wie das Brausen des Meeres anschwillt, bis sie sich ganz der Leidenschaft zweier sich Liebender hingeben.
Es ist schon weit nach Mitternacht, als sie Hand in Hand über den Schotterweg zurück zu seinem dunkelblauen Coupé, den er am Waldrand geparkt hatte, gehen.
„Du bist –“
Kaleb hielt inne, was sollte er sagen. „Du bist wunderschön“ – das wäre eine gnadenlose Untertreibung gewesen; kein Vergleich und kein Kompliment hätte auch nur annähernd ihre Schönheit beschreiben können.
Sollte er sagen: „Ich liebe dich“? Diese drei Worte wurden viel zu oft gesagt, ohne darüber nachzudenken, was sie bedeuten. Mancher Mann sagt sie morgens zu seiner Frau, um sie anschließend in der Mittagspause mit seiner Sekretärin zu betrügen. Diese drei Worte konnte er ihr nicht sagen. Das, was er für Kati empfand, war weit mehr als Liebe, die doch oft von Selbstsucht gekennzeichnet ist.
Immer noch hatte er seinen Satz nicht beendet. Vielleicht merkte Kati ja, was in seinem Kopf vorging, denn sie drückte seine Hand und küsste ihn.
„Du brauchst nichts zu sagen. Es war wie immer wunderschön mit dir.“
Vor ihnen tauchte das kleine Kassenhäuschen auf, in dem tagsüber ein Rentner einen viel zu hohen Eintritt kassierte. Aber dafür konnte der Mann in dem Häuschen ja nichts. Er war sicher froh, in seinem Ruhestand etwas zu tun zu haben und für ihn war es eine Möglichkeit, ab und zu aus dem Haus zu kommen.
Hinter der Schranke, die für Autos die Zufahrt zum See blockierte, erblickte Kaleb sein Schmuckstück auf vier Rädern.
Autos waren neben Frauen seine große Leidenschaft. Bevor er Kati kennenlernte, hatte er seine Autos immer besser gepflegt als seine Freundinnen. In der Regel hatte er seine Autos auch länger. An seinem Coupé angekommen, machte Kaleb zuerst die Beifahrertür auf und ließ Kati als Erste einsteigen. Kurz zuckte sein rechter Backenmuskel. In der Ferne war das Quaken der Frösche zu hören und alles schien ruhig zu sein. Kalebs Instinkte jedoch rieten ihm zur Vorsicht. Die Ausbildung in einer Spezialeinheit des BND hatten seine Sinne extrem geschärft. Sein Gehör glich dem einer Fledermaus und seine Augen waren so scharf wie die einer Eule. Mit diesen durchsuchte er den vor ihm liegenden, nur vom Mond und den Sternen erleuchteten Wald.
Das Geräusch war jedoch nicht von vorne gekommen, sondern hatte eher wie das Spannen einer Armbrust in einiger Entfernung hinter ihm geklungen. In seinem Kopf spielten sich nun in rasender Geschwindigkeit die Möglichkeiten ab, die ihm zur Wahl standen. Er hätte das Handschuhfach öffnen, seinen geladenen Revolver herausholen, mit einem Satz über die Motorhaube springen und hinter dem Auto Deckung suchen können. Dies wäre wohl die beste Wahl gewesen. Allerdings hätte das einige Sekunden gedauert, und wenn er hinter dem Auto Deckung gefunden hätte, wäre Kati die Augenblicke, in denen er über die Motorhaube gesprungen wäre, wie auf dem Präsentierteller gewesen. Selbst wenn er die Tür zugeworfen und ihr zugerufen hätte, sie solle sich flach ins Auto legen, wäre es für einen Stahlpfeil oder einen Bolzen aus einer Armbrust dennoch kein Problem gewesen, eine Autotür zu durchschlagen und anschließend den Brustkorb seines Ziels zu durchbohren. Bei vielen Personen wäre ihm das egal gewesen. Die Ledersitze und das Auto wären von innen gereinigt und die Sache unter dumm gelaufen abgehackt worden. Bei Kati war es ihm jedoch nicht egal. Sie war nicht nur wunderschön, hatte endlos lange Beine und Brüste, die dazu einluden, sein Gesicht darin einzugraben. Er dachte an ihre leidenschaftlichen Küsse und die Liebesnächte, in denen sie sich liebten, bis die Sonne im Osten den Horizont in purpurrotes Licht tauchte. Er liebte ihre ganze Art, ihre Lebensfreude, ihr Umgang mit Kindern und die Art, wie sie zusammen lachten. Nein, für diese Frau wäre er eher gestorben, als sie der Gefahr des Todes auszusetzen.
Die zweite Möglichkeit und für ihn wesentlich gefährlichere war, mit einer Handbewegung den Revolver aus dem Handschuhfach zu holen und sich im gleichen Moment umzudrehen. Dann wüsste er zwar nicht, wohin er schießen musste, aber er konnte hoffen, dass derjenige, der dort im Wald war, noch ein Geräusch verursachen und ihm dadurch zeigen würde, in welche Richtung er zu schießen habe. Aber wie sollte er Kati erklären, dass er ein geladenes Schießeisen dabei hatte und mit dieser auch noch umgehen konnte? Sie waren seit zehn Jahren ein Paar. Nachdem sie gemeinsam von Deutschland nach Amerika ausgewandert waren, hatten sie hier in Louisiana einen Ort gefunden, wo sie sich wirklich wohlfühlten. In all den Jahren war er für sie immer der erfolgreiche, von vielen Zeitungen begehrte Reporter gewesen.
Vor seiner Ausreise in die USA und während seiner Zeit beim BND war er schon durch unzählige Verhöre gegangen, bei denen er nackt mit auf den Rücken gefesselten Händen auf einem Stuhl gesessen hatte und ein Strahler von mindestens fünfhundert Watt zehn Zentimeter vor seinem Gesicht eine größere Hitze verbreitete als die Sonne in der Sahara. Aber Scheiße, er könnte ihr sagen, was er wollte, letzten Endes würde er es ihr nicht wirklich erklären können. Kaleb entschied sich somit für die, wenn man das Lehrbuch für solche Fälle betrachtet, wohl dümmste Variante. Er tat so als habe er nichts gehört, lächelte Kati an, machte ihre Tür zu und schritt langsam um das Auto herum, immer bereit, falls er das Klicken des Abzugs hören sollte, einen Sprung auf die andere Seite des Wagens zu machen. Bei jedem Schritt spielte sich das Szenario in seinem Kopf ab. Als er an der Fahrertür angekommen war, wanderten seine Augen noch einmal durch den Wald. Aber da er nichts sah und hörte, steckte er den Schlüssel in die Zündung, trat die Kupplung und legte den ersten Gang ein.
„War was?“ fragte Kati.
Sie hatte ein gutes Gespür für gefährliche, nicht alltägliche Situationen. Kaleb schüttelte den Kopf, lächelte sie liebevoll an, aber gab ihr darauf keine Antwort.
Als sie auf der von Straßenlaternen beleuchteten Hauptstraße ankamen, legte sich seine innere Anspannung. Kati hatte den Sitz nach hinten gedreht und war mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen. Wenn sie von seiner Vergangenheit erfahren würde, wüsste sie, dass es eine Menge Menschen gab, die schon lange Zeit auf der Suche nach ihm waren und kein Problem damit gehabt hätten, ihn oder sonst jemanden aus seinem näheren Umfeld zu töten.
Nach einer halben Stunde Fahrt waren sie an dem einsam gelegenen Landhaus, in dem Kati wohnte, angekommen. Er hatte sie schon oft noch mit hineinbegleitet, dort waren sie dann gemeinsam eingeschlafen oder hatten noch lange über Gott und die Welt geredet. Den folgenden Tag begannen sie dann immer mit einem gemeinsamen Frühstück, bevor Kati zur Arbeit in die städtische Verwaltung und er – zu seinem Job in dem örtlichen Verlag ging. Aber heute Nacht nicht, dachte er. Am Haus angekommen zwickte er sie sachte in den Bauch. Natürlich fragte sie ihn, ob er noch mit hineinkommen wollte. Diese Frage gehörte an das Ende eines solchen Abends, wie das Amen in der Kirche.
Aber irgendetwas drängte Kaleb, heute Nacht lieber in seine Mietwohnung in der Stadt zu fahren.
„Nein, heute nicht, ich muss morgen früher raus und mich auf meinen Artikel im Feuilleton vorbereiten.“
Kati schaute etwas überrascht, da es ganz selten vorkam, dass er nicht mehr mit hineinkam und vor allem nach dem, was eben passiert war, hätte sie es erwartet. Aber sie konnte ihn ja auch nicht zwingen, noch mit hineinzukommen.
„Schade, ich hätte gerne morgen früh da weiter gemacht, wo wir eben am See aufgehört haben, aber wenn du nicht kannst, ...“
Sie küsste ihn, dann ging sie ins Haus.
Normalerweise dachte Kaleb bei der Rückfahrt an Kati und dass er im Leben noch nie so einer Frau begegnet war. Aber heute drehten sich seine Gedanken darum, ob sein Gehör ihm einen Streich gespielt hatte und er sich das Spannen der Sehne einer Armbrust oder eines Sportbogens nur eingebildet hatte. Eigentlich war dies nahezu unmöglich, denn sein Hörsinn war der Schärfste seiner Sinne. Aber wenn dort im Wald jemand gestanden und auf ihn gezielt hatte, wieso hatte er dann nicht geschossen? Oder war gar nicht er, sondern Kati das Ziel und wenn ja, wieso?
In seiner Wohnung befestigte er von innen die drei zusätzlichen Ketten an der Tür und kippte das Wohnzimmerfenster. Die Fenster öffnen wollte er nicht, dann hätte das schusssichere Glas, das er sich extra anfertigen ließ, keinen Sinn mehr gehabt. So stand er am gekippten Fenster, rauchte genüsslich seine Zigarette und dachte darüber nach, was zu tun sei, falls jemand aus seiner längst vergessenen Vergangenheit ihn gefunden hätte. Aber das konnte und wollte er einfach nicht glauben.
Kapitel 2
Deutschland einige Tage zuvor -
„Polizeinotruf eins eins null, was ist Ihr Anliegen?“
Für einige Sekunden blieb die Leitung stumm. Dann wiederholte Frau Rollflügel ihre Frage: „Was ist Ihr Anliegen?“
Aber sie bekam keine Antwort.
Damaris Rollflügel wollte gerade in den Hörer rufen, dass dies keine Leitung für blöde Scherze sei. Aber da erklang auch schon der gleichmäßige Piepston, der ihr zeigte, dass ihr Gegenüber bereits aufgelegt hatte.
So machte sie ihre übliche Notiz in ihren Berichtsbogen über einen Anruf um zwei Uhr dreiundfünfzig.
Ein seltsamer Anruf. Am nächsten Morgen würde sie den aufgezeichneten Anruf dem Chef der Polizeistation vorspielen. Eigentlich wollte sie mit ihrem Chef nicht viel zu tun haben und war froh, wenn sie zur Nachtschicht eingeteilt war. Aber es gehörte zu ihrer Pflicht, ihn über alle eingegangen Anrufe zu informieren. Sie mochte den Chef der Polizeistation, Jörn Becher, nicht. Sie hatte immer das Gefühl, dass er ihr, sobald sie sich umdrehte, auf den Hintern starrte und auch seine Art, mit seinen Mitarbeitern umzugehen, behagte ihr nicht. Mit seiner Körpergröße von höchstens einem Meter fünfundsechzig und seinem kleinen Schmerbauch, der sich unübersehbar hinter seinem in der Regel schlecht gebügelten Hemd befand, zählte er nicht gerade als Musterbeispiel für einen durchtrainierten Polizisten. Das und seine chauvinistische, arrogante Art machten Herrn Becher in ihren Augen zu einem der unausstehlichsten Männer, denen sie bisher je begegnet war. Just in dem Moment, als Frau Rollflügel aufstehen und sich im Flur einen Kaffee aus dem Automaten im Flur holen wollte, klingelte das Telefon zum zweiten Mal. Nicht nur, dass es ungewöhnlich war, dass in einer Stadt wie Lichtach überhaupt jemand nachts die Notrufnummer wählte, aber nachts um kurz vor drei zum zweiten Mal innerhalb von fünf Minuten war eine echte Ausnahme.
„Notruf eins eins null, was ist Ihr Anliegen?“
Auch diesmal passierte nichts. Wieder war kein Ton zu hören. Damaris Rollflügel hielt den Atem an. Sie wollte gerade den Knopf für die Funkverbindung mit einem heute Nacht tätigen Streifenwagen betätigen, als sie zwei gedämpfte Schüsse im Erdgeschoss der Polizeistation hörte.
Kurze Zeit später ging das Licht im Treppenhaus an und sie vernahm Schritte. Ihr Puls sprang auf zweihundert und sie konnte das Pochen ihrer Halsschlagader spüren, ihre Hände waren schweißnass und ihr Mund wurde trocken.
Die Schritte im Treppenhaus kamen immer näher. Schnell drückte Damaris den Knopf für die Funkverbindung mit einem der diensthabenden Streifenwagen.
„Notfall in der Zentrale, bitte direkt kommen.“
Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis derjenige, der dort die Treppe hinauf kam, die Tür zu ihrem Büro aufstoßen würde. Da sie keine Polizistin, sondern lediglich Angestellte für den Polizeinotruf war, hatte sie nicht einmal eine Waffe. Aber sie wusste, dass einer der Polizisten, eine Pistole in der oberen Schublade seines Schreibtisches aufbewahrte – allerdings befand sich dessen Büro am anderen Ende der Etage und so war es unmöglich, jetzt dorthin zu gelangen, ohne demjenigen, der auf der Treppe war zu begegnen. Sie glitt von ihrem Stuhl und versteckte sich unter ihrem Schreibtisch. Auf der Straße konnte sie entfernt die Sirenen des Streifenwagens hören, sie lauschte, ohne die Augen von der Tür ihres Büros zu lösen. Nach ihrer Berechnung musste sich diese jeden Moment öffnen. Ihr Blick fixierte die Türklinke, aber nichts passierte. Die Schritte, die sie vor wenigen Momenten noch deutlich gehört hatte, waren verschwunden. Das Einzige, was jetzt durch die Räume schallte, waren die Sirenen, die höchstens noch eine Straße von der Polizeistation aufheulten. Ihre Kehle war trocken und ihre Hände schweißnass. Der Streifenwagen war jetzt vor der Polizeistation, die Sirenen verstummten und das Einzige, was sie hörte, waren zwei flüsternde Männerstimmen. Es dauerte nicht lange, dann stand Rainer Heimer, einer der Polizisten dieser Station, mit erhobener Waffe in ihrem Büro. Eine Sekunde später betrat ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte, mit der Waffe im Anschlag den Raum.
„Damaris, was ist los?“, sagte Rainer und seine Stimme hatte etwas an sich, dass sie schwer zuordnen konnte. Augenblicklich wurde ihre Haut aschfahl und mit zitternder Stimme antwortete sie auf die Frage. „Irgendjemand war hier in der Station und es gab zwei Schüsse. Wo sind die beiden Wachleute, die unten im Foyer Dienst haben?“ Eigentlich war ihr die Antwort klar.
Rainer nahm ihre Hand. Damaris fiel sofort auf, dass seine Hand ganz kalt war. „Sie sind tot“, sagte er leise. „Hast du irgendjemand gesehen? Oder war irgendetwas Ungewöhnliches in dieser Nacht?“
„Gesehen habe ich nichts, ich habe nur die zwei gedämpften Schüsse gehört. Ja und dann gab es da ein Telefonanruf. Es hat wie ein Jungenstreich geklungen. Ich habe aber alles auf Band und werde es morgen dem Chef vorspielen.“
„Hast du Herrn Becher noch nicht über die Vorfälle informiert?“
„Nein, bis jetzt noch nicht. Ich denke, wir sollten ihn anpiepsen und dann auch direkt die Spurensicherung aus Dieken kommen lassen.“
Das „lassen“ wäre ihr fast im Hals stecken geblieben. Rainers Hand hatte ihre losgelassen. In seinen Augen sah sie, dass etwas nicht stimmte. Rainer wusste, wie man mit einer Handbewegung jemandem die Halswirbel brechen konnte. Aus seiner Tasche holte er einen schwarzen Lederhandschuh, wie ihn alle Polizisten mit sich führten. Er streichelte ihr mit der linken Hand über das blonde, kurz geschnittene Haar. Dann schnellte seine Rechte an ihren Unterkiefer, sodass der Kopf ruckartig nach hinten flog.
Es knackte, wie wenn man dürres Holz im Winter für den Kamin klein machte. Nur, dass hier kein dürres Holz gebrochen wurde, sondern einer der Halswirbel von Damaris Rollflügel. Eigentlich hätte Damaris nun die letzte Ehre zu Teil werden sollen. Jedoch war dort niemand, der für sie ein Gebet sprach oder ihre vor Todesangst geweitet Augen schloss. Erst, wenn die Spurensicherung ihren Job gemacht hatte, würde sie mit einem städtischen Leichenwagen abtransportiert werden und dann würden auch ihre Augen geschlossen werden.
Für Rainer war dies hier ein Job, für den er bezahlt wurde und diesen wollte er gut ausführen. Mit seiner rechten, immer noch vom Lederhandschuh geschützten Hand, drückte er somit den Notrufknopf, um zusätzliche Streifenwagen zur Station zu ordern. Als Nächstes wurde Jörn Becher angepiepst und die Spurensicherung aus Dieken gerufen. Alles musste jetzt sehr schnell gehen. In der Regel braucht der nächstgelegene Streifenwagen höchstens drei Minuten bis zur Polizeistation und Herr Becher würde auch in den nächsten zehn Minuten hier auftauchen. Er war zwar ein unausstehlicher Typ, hatte aber einen Scharfsinn, der nicht unterschätzt werden durfte.
Kapitel 3
Vier Stunden Schlaf sind viel zu wenig, dachte Kaleb, als er beim Piepsen des Weckers sein Daunenkissen über den Kopf legte, um dieses schrecklich gleichmäßig monotone Piepsen nur noch gedämpft hören zu müssen. In der Küche sprang die elektronische Zeitschaltuhr der Kaffeemaschine an. In wenigen Minuten würde die Küche von Kaffeeduft erfüllt sein. Dann ein paar Aufbackbrötchen mit Nutella und der hausgemachten Erdbeermarmelade, die er jedes Mal auf dem Bauernhof einkaufte, wenn er dort Kati bei ihren Reitstunden zuschaute. Zu der Erdbeermarmelade noch ein wenig Quark, obwohl er sich da nicht mehr sicher war, ob er noch ein Päckchen im Kühlschrank hatte. Allmählich konnte er sich damit anfreunden aufzustehen, wenn da nicht immer noch dieses monotone Piepsen des Weckers gewesen wäre. Er zog das Kopfkissen zur Seite und betätigte den Schieber an seinem Wecker, sodass zumindest dieser Krach ein Ende hatte. Das einzige Geräusch war nun das Dampfen der Kaffeemaschine. Drei Tassen schwarzer Bohnenkaffee warteten darauf, sein Blut in Wallung zu bringen. Noch mehr als über drei Tassen Kaffee hätte sich Kaleb jetzt gefreut, neben Kati aufzuwachen und ihr einen Guten-Morgen-Kuss zu geben. Aber er hatte ihr eindeutiges Angebot gestern Abend im Auto ja abgelehnt. Es half nichts, er musste jetzt aufstehen. Sein morgendlicher Rundgang durch die Wohnung zeigte ihm, dass alles in Ordnung war, die Vorhängeschlösser waren an ihrem Platz, alle Jalousien unten und die Fenster geschlossen. Wenn er jetzt die Brötchen in den Backofen stellte, hatte er noch zehn Minuten zum Duschen und Rasieren, das sollte reichen.
Das Bad war das größte Manko in seiner Wohnung. In erster Linie war es viel zu klein. Offenbar hatte der Monteur, als er hier die Armaturen anbrachte, einen ganz schlechten Tag gehabt. Das Waschbecken hing gerade so tief, dass es für Leute von einem Meter sechzig oder kleiner geeignet war. Kaleb hingegen musste sich mit seinen ein Meter einundachtzig immer bücken. Eigentlich war das ganze Bad für Kleinwüchsige. Der Duschkopf konnte höchstens auf einen Meter siebzig geschoben werden, Kaleb musste beim Duschen immer in die Hocke gehen. Der Spiegel vom Hängeschrank zeigte ihm, wenn er aufrecht stand, gerade noch die Mitte seiner Stirn, aber nicht mehr seine Haare. Egal, das Haus hatte zwanzig Wohnungen und war so anonym, dass sich keiner dafür interessierte, was sein Nachbar macht oder nicht macht und der Vermieter lebte irgendwo in Australien. Wenn die Miete pünktlich gezahlt wurde, bekam man auch den Hausverwalter, Herrn Ropp, nie zu Gesicht. Herr Ropp war ohnehin ein besonderer Mensch. Er hatte als Hausmeister die Wohnung im Erdgeschoss bezogen. Kaleb hatte im Fahrstuhl einmal mitbekommen, wie zwei Frauen wetteten, dass selbst eine kommunistische Wanderschnecke schneller sei als Herr Ropp, und innerlich hatte er ihnen recht gegeben und gegrinst. Nein, Herr Ropp würde nie freiwillig eine Wohnung inspizieren, und selbst wenn er darum gebeten wurde, dauerte es Tage, wenn nicht Wochen, bis er den Ersatzschlüssel gefunden hatte und sich zu der Wohnung aufmachte.
Daher war die Wohnung für ihn perfekt. Es war eines von zwei etwas höheren Häusern in der Stadt und dadurch, dass er im obersten Stockwerk wohnte, konnte ihm auch eigentlich nie jemand ins Fenster schauen.
Er griff nach dem dunkelblauen Handtuch, das auf dem Hocker neben der Dusche lag.
In der Küche waren die Brötchen schon seit einigen Minuten fertig, aber nicht verbrannt, sondern goldbraun und knackig warm. Er wollte erst ein paar Brötchen essen und zumindest eine Tasse Kaffee trinken, bevor er seine E-Mails abrief und sich die neuesten News im Internet anschaute. Das mit den E-Mails war immer ein sehr kurzes Unterfangen. Seine E-Mail-Adresse war lediglich seinem Chef und Kati bekannt.
Da er Kati eigentlich fast jeden Tag sah, brauchten sie sich keine E-Mails zu schicken und sein Chef gab ihm lediglich kurze Statements zu seinen Artikeln oder bat ihn darum, vielleicht über dieses oder jenes Thema einen Artikel zu verfassen.
Der schwarze Kaffee tat seine Wirkung und sein Kreislauf lief jetzt, eine halbe Stunde, nachdem er aufgestanden war, auf Hochtouren. Wie befürchtet, hatte er beim letzten Einkauf vergessen, seinen Quarkvorrat aufzufüllen. Auf den Genuss des Quarkaufstrichs unter der Erdbeermarmelade musste er somit verzichten. Zum Glück war der Kaffee gut und die Nutella reichte noch für zwei Brötchen.
Normalerweise arbeitete er mit dem Notebook nur im Büro oder in der Redaktion, eigentlich setzte er sich damit niemals an den Frühstückstisch, aber heute machte er eine Ausnahme. Mit der Kaffeetasse in der Hand holte er das Notebook aus seinem Arbeitszimmer und stellte es auf dem Küchentisch auf.
Sein Passwort für das Internet war eine zehnstellige Nummer, die er damals vom BND bekommen hatte und die ihm, bis auf eine, alle Türen im geheimen Ausbildungslager in Beichbach in Ostbayern, nahe der tschechischen Grenze geöffnet hatte. Diese Nummer war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sie, selbst wenn er nachts aus dem Schlaf geweckt würde, aufsagen konnte.
„Sie haben drei neue E-Mails“, meldete eine Stimme aus dem PC-Lautsprecher. Das war ungewöhnlich. Von gestern Abend bis heute Morgen hatte Kati ihm bestimmt keine E-Mail geschrieben und drei E-Mails von seinem Chef? Naja, vielleicht ein Lob für den Artikel von letzter Woche, eine Anregung für den Artikel morgen und – mal was Neues – eine Gehaltserhöhung. Seine Finger glitten über das Touchpad und der Mauscursor bewegte sich zu seinem E-Mail-Programm. Ein Doppelklick auf die linke Maustaste und das Programm öffnete sich.
Kaleb hustete die Brocken, die er noch vom Brötchen im Hals hatte, auf den Monitor und die Kaffeetasse fiel aus seiner Hand auf die hellblau-weiß marmorierten Küchenfliesen.
Mit einem Satz sprang er auf und lief in sein Schlafzimmer. Die kugelsichere Weste hing ganz rechts im doppeltürigen Kleiderschrank. In sein Schulterhalfter steckte er seine zwei kleinkalibrigen Waffen. Eine dritte Waffe saß in einem Halfter an seinem rechten Fuß. Hastig machte er sich aus der Wohnung. Zum Glück waren zu dieser Uhrzeit nur sehr wenige Menschen in diesem Haus unterwegs und zumindest im Treppenhaus oder im Fahrstuhl begegnete ihm niemand. Der Fahrstuhl war jetzt ohnehin zu langsam. Er sprang die Treppe hinunter und nahm immer vier Stufen auf einmal. Sein Coupé stand eine Straße weiter auf einem Sonderparkplatz für die Mieter des Hauses in der Diamond Street.
Bis zu Katis Landhaus benötigte er, wenn er sich beeilte, immer noch mindestens zwanzig Minuten. Das war vermutlich zu lange, aber schneller ging es nicht. Er holte das Letzte aus dem Coupé heraus. In der Stadt sprangen nachts alle Ampeln auf Grün, wenn man auf sie zufuhr und auf der Landstraße außerhalb der Stadt gab es nur eine Kreuzung, die er bis zum Landhaus passieren musste.
Die Reifen quietschten. Nach neunzehn Minuten war er da. So schnell hatte er noch nie den Feldweg erreicht, der zu ihrem Haus führte. Er stellte das Auto seitlich in einen Feldweg, die letzten dreihundert Meter lief er geduckt. Sein Körper war wie elektrisiert, seine Sinne aufs Äußerste geschärft.
Im Haus brannte kein Licht, die Szenerie war gespenstig. Das alte Landhaus, in dem Kati wohnte, war eigentlich ein idyllischer Ort und auch in dieser Vollmondnacht schien alles normal zu sein. Dicht am Haupthaus befand sich die Scheune mit den Pferdeboxen, in denen die High Society ihre Warmblüter unterstellte, um sonntags die unberührte Weite hier draußen genießen zu können. Direkt an die Scheune grenzten der Auslauf für die Pferde und ein kleiner Reitplatz, auf dem Reitstunden für die Kinder gegeben wurden. Auf der Veranda standen links eine Hollywoodschaukel und rechts ein schöner alter Schaukelstuhl. Auf der Hollywoodschaukel hatte er schon viele Abendstunden mit Kati gesessen und über die Zukunft philosophiert. Kinder wollten sie haben, mindestens zwei höchstens fünf, Namen hatten sie sich auch schon überlegt und eine interne Hitliste angelegt. Auf der Schaukel hatten sie von fernen Ländern geträumt, die sie gemeinsam bereisen wollten und wie schön es doch wäre einmal zusammen in Italien am Strand zu liegen. Diese Schaukel war der Ort für ihre Träume und Ideen oder einfach der Ort, an dem sie schaukelnd nebeneinandersaßen, ihre Hände ineinander gefaltet hatten und die Welt stillzustehen schien.
Kaleb machte einen großen Bogen, um das Haus durch die Hintertür zu betreten, dabei ließ er die Eingangstür nie aus den Augen. Er eilte von Fichte zu Fichte, um hinter den dünnen Nadelbäumen im Notfall Schutz suchen zu können. Er hatte schon etwa einhundert Meter zurückgelegt und befand sich in Höhe der Veranda, als er in der Scheune das Schnauben der Pferde hörte. Vielleicht war ein Fuchs oder Marder durch die Scheune gehuscht und hatte die Tiere erschreckt – oder irgendjemand versteckte sich dort. Kaleb bewegte sich einige Schritte zur Scheune hin, konnte aber trotz des Vollmondes nichts erkennen. Er war auf alles gefasst, holte seine Waffe aus der Weste und entsicherte sie. Als er wieder zur Scheune schaute, dachte er, er hätte einen schwarzen Schatten gesehen, der vom Haus zur Scheune rannte. Das Schnauben der Pferde wiederholte sich und jetzt war er sich sicher, dass der Grund dafür weder ein Fuchs noch irgendein anderes Tier war. In geduckter Haltung pirschte Kaleb sich an der Veranda vorbei ohne einen Blick durch die Tür oder eines der Fenster zu werfen. Er konzentrierte sich ganz auf die Scheune und hoffte den Schatten noch einmal zu sehen und somit eine Richtung und ein Ziel zu haben. Seine schwarze Hose und seine dunkle Weste waren die optimale Kleidung für dieses Terrain und wie so oft, wenn er sich in einer brenzligen Situation befand, strich er sich mit seiner linken Hand über seinen Dreitagebart. Da war es wieder, das Schnauben der Pferde. Als er am Ende der Veranda ankam, stand er wieder vor einer Entscheidung. Entweder durch ein Seitenfenster ins Haus hinein oder mit einem schnellen Sprint zur Scheune. Er entschied sich für den schnellen Sprint zur Scheune, da sich dort auf alle Fälle jemand aufhielt, der dort nicht hingehörte. Noch einmal ließ er seine Augen über das Gelände und den kleinen Reitplatz schweifen, aber er sah nichts Ungewöhnliches. Mit schnellen Schritten erreichte er das Scheunentor, das nur angelehnt war. Die Pferde schnaubten noch einmal heftig und nervös. So gut es ging spähte er durch die Tür, ohne sie dabei zu bewegen oder ein Geräusch zu machen. Durch das Dachfenster fiel genügend Licht, um die Umrisse zweier Männer erkennen zu lassen, die vor einer der Pferdeboxen standen und sich leise unterhielten. Kaleb konnte Bruchstücke von Sätzen und einzelne Worte verstehen – „Sie wusste nichts“ und „Stadtwohnung“ waren Begriffe, die er aufschnappen konnte. Im Mondlicht sah er, dass jeder der Männer eine Waffe in der Hand hatte und dass die Hand des einen voller Blut war. Die Männer machten sich los und gingen auf die Stalltür zur. Kaleb kroch, so schnell er konnte, um die Ecke der Scheune und richtet seinen Lauf auf die Tür. Zuerst war ein Knarren zu hören, dann ging die Tür auf und die Männer traten nacheinander heraus. Er hatte schon viele Menschen in seinem Leben erschießen müssen und diese Zwei würden bestimmt nicht zu den Charakterstärksten und Aufrichtigsten zählen. Noch ein zwei Schritte und sie würden aus dem Schatten der Scheune treten und im vollen Mondlicht stehen. Noch einmal blieben sie stehen und schauten zur Veranda. Kaleb ließ seinen Blick nicht von ihnen. Genau in dem Moment, als einer von beiden einen Schritt aus dem Schatten der Scheune tat, schob sich eine Wolke vor den Mond. Kaleb wollte diese Chance nicht verstreichen lassen. Er wusste, dass diese zwei Schurken für etwas Schreckliches zu büßen hatten. In Windeseile hatte er den Schalldämpfer aufgeschraubt, ein geübter Blick und zwei kurz aufeinander folgende Schüsse. Beide Männer fielen wie Sandsäcke auf den Boden. Kaleb hatte beide direkt ins Herz getroffen. Es ging alles so schnell, es gab keinen Schrei, nichts! Eigentlich hätte er nun hingehen und sich von dem Tod der Männer überzeugen müssen, allerdings wusste er von niemanden, auf den er je gezielt geschossen hatte der dies überlebte. Schnell machte er sich zu dem Seitenfenster auf, um in das Haus einzusteigen. Die Wolke war inzwischen am Mond vorbei gezogen und es war wieder heller. Im Haus brauchte er nicht lange zu suchen, was auch immer sich hier abgespielt hatte, es war schrecklich und diese beiden Männer da draußen waren auf jeden Fall viel zu schnell und unter zu wenig Schmerzen gestorben.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Sein Herz zog sich zusammen. „Kati wo bist du?“ dachte er nur.
Ein kurzer Blick auf die Uhr – fünf Uhr zwanzig. Von der Stadt bis zum Landhaus hatte er neunzehn Minuten gebraucht und er war jetzt schon fünfzehn Minuten hier. Also gab er sich selbst nur fünf Minuten, um das Haus zu untersuchen, danach würde er von hier verschwinden. Der Vollmond warf sein dämmriges Licht in den Raum hinter der Verandatür. Es machte alles den Eindruck, als hätte hier ein Kampf stattgefunden. Der Glastisch in der Mitte des Raumes hatte einen großen Riss und die Wanduhr war stehen geblieben. Am Rand der Couch stand Katis Handtasche und auf dem Beistelltisch lag noch ein Notizblock, aber keine Spur von Kati. Schnell steckte er sich den Notizblock und das Handy aus der Handtasche in die Innenseite seiner Weste. Vielleicht gab es dort irgendwelche Nummern oder Hinweise, die er noch brauchen konnte, denn eines war klar – hier gab es einiges an Klärungsbedarf.
Am Ende des Wohnzimmers befand sich eine silberne Wendeltreppe, die hinauf ins Schlafzimmer führte. Er musste dort hoch, um zu sehen, welches Szenario sich dort abgespielt hatte oder ob dort oben noch alles so war, wie er es in Erinnerung hatte. Aber wenn oben jemand auf ihn wartete, hatte er kaum eine Chance. Er würde von unten kommen und der Obenstehende war auf jeden Fall klar im Vorteil. Jetzt bräuchte er einen Zaubertrank, wie ihn die Gummibärenbande im Fernsehen immer nahm, mit dem Sie mindestens zwei Meter hoch springen konnten. Davon jetzt einen Schluck und er wäre mit einem Satz oben im Schlafzimmer und wäre dann jedem Angreifer zumindest ebenbürtig oder sogar überlegen gewesen. Kaleb überlegte einen kurzen Moment, ob er anstelle eines Zaubertrankes zumindest seine kleine Taschenlampe auspacken sollte, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Falls sich jedoch noch weitere Personen auf dem Gelände befanden, könnte das Licht der Taschenlampe ihn verraten, also ging er ohne Zaubertrank und ohne Licht und nur mit gezückter Waffe langsam und Schritt für Schritt die Treppe hinauf. Inzwischen hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und er konnte immer mehr erkennen.
Alle Befürchtungen schienen unbegründet, hier oben war alles wie immer. Das alte rustikal geschmiedete Bett stand so, als ob dieser Raum der stillste und ruhigste Ort zwischen Grönland und dem Südpool sei. Gern hätte er all seine Gedanken darauf gerichtet, zu rekonstruieren, was in den Stunden, seitdem er sich von Kati verabschiedet hatte, hier in diesem Haus geschehen war. Seine Gedanken machten ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung und er musste unwillkürlich das Bett mit seinem einfachen Metallgestänge anschauen. Wie viele schöne Stunden hatte er hier mit Kati schon verbracht. An den Wänden und an der Decke befanden sich große und kleine Spiegel und an der Kopfseite des Bettes gab es ein Gemälde, das die Silhouetten zweier Menschen zeigt, die sich in den Armen liegen. Ihre doch recht umfangreiche Kleider- und Schuhsammlung bewahrte Kati in ihrem begehbaren Kleiderschrank im Erdgeschoss auf. Der Raum hier oben war einfach zu schade, um ihn mit irgendwelchen Schränken oder Bords jeglicher Art vollzustellen. Dieser Raum war nur dazu da, um zwei Menschen, die sich liebten eine geeignete Spielwiese zu bieten. Obwohl der Begriff „Spielwiese“ viel zu platt ist. „Spielwiese“, das klingt wie ein abgemagerter Spielplatz mit einer Schaukel und einer kleinen Wippe. Nein, dieser Raum war das Olympiastadion, hier wurden Weltrekorde aufgestellt und Champions League und Weltpokal gewonnen. Die Bezeichnung „Hall of Fame“ würde diesem Raum eher gerecht werden. Ob hier oben noch einmal ein Zehnkampf der besonderen Art stattfinden würde, konnte er momentan nicht sagen, aber zumindest müsste man vorher nicht aufräumen.
Gerne wäre Kaleb noch hinuntergegangen und hätte Bad, Küche und Kleiderschrank kontrolliert, aber ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass die fünf Minuten verstrichen waren und es an der Zeit war, sich aus dem Staub zu machen. Außerdem hatte er zwei seiner drei E-Mails ja noch nicht gelesen.
Kapitel 4
Ein Blick in die Vergangenheit
Warschau, 3. September 1989 in irgendeinem Keller unter einer kleinen kommunistischen Kneipe.
„Wenn Sie wollen, dass der Eiserne Vorhang wirklich fällt, dann stimmen Sie unseren Bedingungen zu oder der Zloty wird mit Sicherheit auch bei Ihnen Staatswährung und Bananen gibt es nur noch in Carepaketen von Verwandten. Also überlegen Sie gut und dann entscheiden Sie richtig!“
„Was denken Sie denn, wer ich bin, ich kann das nicht entscheiden. Selbst wenn ich wollte – ich stehe ganz unten in der Befehlshierarchie. Das Einzige, was man mir mitteilt, ist, wann es in der Kantine ein zusätzliches Schnitzel oder 'ne doppelte Portion Pommes gibt. Glauben Sie mir, ich bin lediglich hier, um als Kontaktmann zu fungieren. Also, kommen Sie morgen nach Moskau zum Roten Platz, dort wird Sie dann jemand aufsuchen, der solche Entscheidungen treffen kann. Und überlegen Sie gut, ob Sie kommen, denn ganz ehrlich – ich glaube eher daran, dass auf dem Times Square wieder Bäume stehen, als dass ich in meiner Heimat mit Zloty zahle.“
„Machen Sie keine dummen Sprüche, das ist ja nicht zum Aushalten! Es ist ganz einfach: Sie geben uns innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden die Koordinaten und wir Ihnen die Wiedervereinigung – schönen Abend noch.“
„Ihnen auch.“
Kapitel 5
Die Reifen drehten durch, als Kaleb über den Schotterweg förmlich zurück auf die Landstraße flog. Auf dem Rückweg hatte er es genauso eilig wie auf dem Hinweg – wen auch immer er verfolgte, momentan war ihm dieser zumindest noch einen Schritt voraus und den galt es aufzuholen.
Viele Frauen mochten zwar auf seine engen Jean stehen, in denen sein durchtrainierter Hintern gut zur Geltung kam, aber enge Jeans haben in der Regel auch enge Hosentaschen und aus denen beim Fahren das Handy herauszuholen, war schwierig. Endlich hatte er es geschafft.
„Hey Claudi!“
„Wer wagt es?“ Die Stimme klang nicht nur verschlafen, sondern auch ein wenig gereizt.
„Wir haben kurz vor sechs, also wer um alles in der Welt ist so wahnsinnig mich zu wecken?“
„Hier ist Kaleb – ich brauche deine Hilfe“.
„Meine Hilfe?! Du, Altes, entschuldige, wenn ich das so sage, Arschloch. Du meldest dich fast anderthalb Jahre nicht bei mir und dann morgens um kurz vor sechs und fragst, ob ich dir helfen kann?“
„Es ist echt dringend!“
„Dass es dringend ist, glaub ich dir. Was ist denn los?“
Diese Frage klang eher ironisch oder fast schon sarkastisch. Der Unterton war gewollt und schwang ganz bewusst und unüberhörbar mit.
„Wirst du von irgendeiner Frau steckbrieflich gesucht oder hat jemand eine Schlägertruppe auf dich angesetzt?“
Kaleb ahnte, dass es wohl kein so langes Telefongespräch werden würde.
„Falls das so ist, sag mir, wo du bist. Dann komm ich und helfe den Jungs. Vielleicht lassen sie mich auch mal zuschlagen.“
Danach war die Leitung tot und bestimmt nicht durch ein Funkloch.
Kaleb starrte auf die Straße. Die Nacht neigte sich langsam ihrem Ende und er konnte sehen, wie die Häuser langsam in die Farben der aufgehenden Sonne getaucht wurden. Zwischen den Violett- und Rottönen sah er auch die Dachspitze des Verlagshauses, in dem die Redaktion war, in der er arbeitete. Bis dorthin bräuchte er, da er über die Umgehungsstraße fahren könnte, mit dem Auto von hier aus nur einige Minuten.
Während der Fahrt hatte er allerdings beschlossen, nirgends hinzufahren, wo er sich in den letzten Tagen oder Monaten aufgehalten hatte. Deshalb schieden seine Wohnung und das Verlagshaus als mögliche Ziele aus. Er wollte auch niemanden aufsuchen, zu dem er in letzter Zeit Kontakt hatte. Es war einfach zu gefährlich. Er wusste noch nicht sicher, wer sein Gegner war, aber eine schlimme Vorahnung machte sich langsam breit.
Claudi hingegen wäre eine Ausnahme gewesen. Das Intermezzo mit ihr lag nun schon über ein Jahr zurück und war auch eher ein um ein paar Tage verlängerter One-Night-Stand gewesen. An manchen Tagen hasste Kaleb sich dafür selbst, denn seine ganze Liebe galt völlig und ungeteilt Kati, trotzdem konnte er diesen Seitensprung auch nicht als Versehen bezeichnen. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Kati war für zwei Wochen auf einem Lehrgang und er war auf diesem Wahnsinnskonzert von Pink und danach war es eben passiert. Claudi dachte, es könnte wirklich etwas werden, aber ihre Beziehung hatte vier Tage gehalten, danach hatte er Claudi erklärt, dass sie sich auseinander gelebt hätten, was sie ziemlich verärgerte. Damals hatte er noch gedacht, dies sei wohl eine dieser unüberwindbaren Hürden zwischen Männern und Frauen und nicht allein auf die Sache mit dem X- und Y-Chromosom zurückzuführen. Bei Frauen waren alle Dinge direkt auf einer völlig unerreichbaren und für ihn unverständlichen Gefühlsebene. Sie weinen schreien, werfen mit Gegenständen um sich und rufen Sätze wie: „Vor Männern wie dir hat mich meine Mutter gewarnt!“ oder „Mach dich dahin, wo der Pfeffer wächst!“
Ganz nüchtern betrachtet gab er ihr heute in einigen Punkten recht. Im Rückblick betrachtet war es wirklich schwer, nach vier Tagen von „Auseinanderleben“ zu sprechen. Aber das Theater, das Claudi damals veranstaltet hatte, war auch ein wenig überzogen und wirklich broadwayreif gewesen. Sie hatte sich fast so aufgeführt, als ob sie jahrelang verheiratet gewesen wären, fünf gemeinsame Kinder und ein Haus gehabt hätten und das war ja nun auch nicht der Fall gewesen.
Selbst wenn sie ihm nun nach so langer Zeit und dem etwas unglücklichen Auseinandergehen, heute Morgen gesagt hätte, dass er kommen könnte, dann hätte er ihr immer noch erklären müssen, dass er nicht auf der Suche nach einem langen klärenden Gespräch war oder es um eine Entschuldigung ging, sondern dass er lediglich ihren PC bräuchte, damit er seine E-Mails abfragen konnte.
Kapitel 6
Deutschland einige Tage zuvor –
In Lichtach gingen langsam die Lichter wieder an.
Es war sogar ein ausgesprochen schöner Morgen und in einer so kleinen Stadt gibt es eine ganze Reihe festgelegter morgendlicher Rituale.
Auf dem Weg zur Dorfschule, die sich direkt neben der Dorfkirche befindet, werden Erst- bis Drittklässler von Jungs aus der vierten Klasse verhauen, dann werden ihnen die Pausenbrote geklaut und der Inhalt des Schulranzens wird auf der Straße verteilt. Auf dem Weg zur Schule befindet sich die kleine Bäckerei des Ortes. Dort wird das letzte Taschengeld für Süßigkeiten oder ein Teilchen für die Pause ausgegeben und dort gibt es auch die besten Brötchen im ganzen Kreis, die natürlich auch besser sind als das Vollkornbrot, das die leckere Salami in einen schier undurchdringlichen Wust von Körnern einschließt. Aber seinen eigentlichen Ruhm, auch weit über die Grenzen von Lichtach hinaus, hat diese Bäckerei mit einem einmaligen Hefezopf erlangt. Hefezöpfe – ja, davon würden heute Morgen wohl ein paar mehr bestellt werden als sonst. Da Hefezöpfe genauso wie Streuselkuchen auf jede Kuchenplatte einer Beerdigung gehörten und wenn der Bäckermeister der Zeitung glauben durfte, dann war die Einwohnerzahl von Lichtach letzte Nacht um drei Personen gesunken.
„Also noch einmal, Herr Heimer. Was war letzte Nacht hier los?“
Es war ein karger Raum, der nur aus Beton, einem Tisch und zwei Stühlen bestand. Der Tisch stand in der Mitte des Raumes und darauf stand ein kleines Aufnahmegerät, das permanent mitlief.
„Spreche ich vielleicht Suaheli, Sie kleines Würstchen?“
Jörn Becher war nun von der äußersten Ecke des Raumes schnellen Schrittes hinter den einzig besetzten Stuhl am Tisch gegangen.
Man konnte ihm ansehen, dass er am liebsten all die Dinge ausprobiert hätte, die er in seiner Ausbildung gelernt hatte. Jetzt ein Schlagstock, dachte er bei sich. Ein Schlag mit voller Wucht auf das Schlüsselbein und die Schulter wäre für immer unbrauchbar gewesen. Oder warum nicht von der Seite mit voller Kraft in die Nieren schlagen. So einen Nierenschaden spürt man auch bis ins hohe Alter. Wenn dann jede Woche der Anruf vom Arzt kommt, der einen zur Dialyse bittet, damit das Blut von den Giftstoffen befreit wird, weil die Nieren ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Natürlich war das nur eine Auswahl an Möglichkeiten. In einem Film hatte er mal gesehen, wie das die Gangster in Sizilien angeblich machen und dort hatte er sich schon einige Inspirationen geholt, die er zu gegebener Zeit einmal ausprobieren wollte. Deshalb war er vor dem Verhör auch noch in den Aufzeichnungsraum gegangen und hatte die Videokamera für Raum 2 ausgeschaltet. Er war fest entschlossen, die Informationen, die er brauchte aus Heimi, wie er in Kollegenkreisen genannt wurde, herauszuholen, bevor der Staatsanwalt Untersuchungshaft verhängen würde und er dann für Monate, Jahre oder immer in einer Zelle verschwinden würde.
„Es ist ganz einfach: Ich zähle nun langsam von zehn runter. Innerhalb dieser Zeit schafft es ein Spaceshuttle, in den Weltraum zu starten, also werden Sie wohl auch anfangen können, zu reden. Noch einmal zur Erinnerung – ich will gar nicht viel wissen, keine Schuhgröße und kein Lieblingsessen, nur ein paar ganz einfache Informationen. Warum musste Frau Rollflügel sterben? Und wo ist dieses verdammte Band von gestern Nacht?“
Wieder herrschte absolute Stille. Keine Uhr, die tickte. Da es keine Fenster gab, fiel auch kein Sonnenlicht in den Raum, kein Vogelgezwitscher war zu hören und die kargen Betonwände gaben auch keinen Ton von sich.
Jörn hielt den Atem an. Es war viel zu still und das viel zu lange schon. Heimi hatte die Hände auf dem Rücken mit einem Kabelbinder zusammengebunden und die Füße waren mit Handschellen an den Tischbeinen angekettet.
Jörn lauschte. Es war nicht einmal das langsame Heben und Senken eines Brustkorbes zu hören, es fehlte auch das flache unterdrückte Atmen, das er noch vernommen hatte, als er hinten in der Ecke vor der Tür gestanden hatte. Es war schlicht und einfach gar nichts mehr zu hören.
„Heimi, die zehn Sekunden sind rum.“
Statt ihn mit dem Gummiknüppel zu schlagen, tippte er Heimi ganz leicht von hinten an die Schulter.
Nun war zumindest wieder etwas zu hören.
Heimi kippte wie ein Klappmesser nach vorne und schlug frontal mit dem Gesicht auf den Tisch. Dieser dumpfe Aufschlag war das einzige Geräusch. Kein Aufschrei.
Nur dieser dumpfe Ton, der so schwach war, dass es nicht einmal einen Widerhall von den Betonwänden gab.
Es herrschte wieder Schweigen. Wie die ganze Zeit.
„Scheiße, scheiße, scheiße!“
Jörn Becher schaltete das Aufnahmegerät aus und ging, ohne sich umzudrehen. Das war alles zu viel für ihn. Jetzt musste er erst einmal eine rauchen und sich einen doppelten Whisky genehmigen.
Kapitel 7
Kaleb hatte eigentlich keine Wahl, es blieb doch nur seine Wohnung, um die letzten beiden E-Mails abzufragen. Inzwischen war die Sonne schon aufgegangen und es schien wirklich ein schöner Tag zu werden, zumindest was das Wetter hier an der Ostküste der USA betraf. Wie sich das Weltklima in den nächsten Tagen entwickeln würde, konnte er beim besten Willen nicht sagen, aber irgendwie war ihm klar, dass er zumindest was das betraf, eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen würde. Da der Berufsverkehr eingesetzt hatte, musste er sich durch die nun langsam dichter werdenden Straßen wühlen. Ihm fiel ein BMW mit einer grün-metallic Lackierung mit Perleffekt auf. Auch wenn dieses Auto nie direkt hinter oder neben ihm war, sondern immer mit einigem Abstand fuhr, so geboten Kaleb sowohl Vorsicht als auch Instinkt, sich bei der nächstbesten Möglichkeit das Nummernschild zu notieren. Möglichkeiten dazu hatte er in seinem Auto genug, in der Seitentür flogen einige Zettel und ein Kugelschreiber herum, im Fußraum des Beifahrersitzes lagen noch diverse leere McDonald’s-Tüten, die er immer dort aufbewahrte, bis er sich die Zeit nahm, sie entsprechend den gegebenen Verordnungen zu entsorgen, auch das Kaugummipapier in der Mittelkonsole würde als mögliche Schreibunterlage ausreichen. Oder eben einfach der Handrücken. Es war aber gar nicht so einfach das Nummernschild zu erkennen, der BMW war zwar immer irgendwo hinter ihm zu sehen, aber es waren doch jeweils drei bis vier Autos dazwischen. Es gab eigentlich nur die Möglichkeit, in eine kaum befahrene Seitenstraße zu wechseln, dort das Nummernschild zu erhaschen und sich dann mit quietschenden Reifen aus dem Staub zu machen. Die Ampel sprang auf Gelb und intuitiv trat Kaleb das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Die 180 PS mit sechs Zylindern zeigten, was in ihnen steckte und die Kreuzung lag direkt hinter ihm. Es war klar, dass zumindest der silberne Focus, der zwei Autos hinter ihm gefahren war, stehen bleiben würde und so auch der grüne BMW für die Zeit, in der die Ampel auf Rot stand, eine Ruhepause einlegen musste. Denn noch wichtiger als das Nummernschild waren die beiden noch nicht gelesenen E-Mails und derjenige, der im grünen BMW hinter ihm war, würde schon wieder auftauchen – das war sicher. Zwei Blocks von seiner Wohnung entfernt war das dreistöckige Parkhaus des Einkaufszentrums, dort stellte er sein Auto im Deck B ab, denn ihm war klar, dass er sich einen anderen Weg überlegen musste, in seine Wohnung zu kommen als durch die Vordertür zu marschieren. Am besten wäre es wohl gewesen, bei Herrn Ropp am Wohnzimmerfenster zu klopfen und dort durch den Hintereingang ins Treppenhaus zu gelangen oder, ohne dass jemand etwas mitbekommt, die Feuerleiter außen hochsteigen, um dann von dort aus in seine eigene Wohnung einzusteigen. Er ließ die Lenkradsperre einrasten und überprüfte noch einmal die Waffen in seinem Halfter und an seinem Fußgelenk, denn nun hieß es aussteigen und erst einmal den Weg bis zur Diamond Street unbeschadet zu überstehen.
Kapitel 8
Deutschland einige Tage zuvor -
Lichtach war längst in großer Aufregung. Es war, als würde es gar kein anderes Thema mehr geben. Insgesamt waren in den letzten Tagen drei Polizisten und Frau Rollflügel gestorben. Die meisten Männer trauerten allerdings mehr um Frau Rollflügel als um die Polizisten. Denn Damaris Rollflügel war das, was landläufig als „Sexbombe“ bezeichnet wird. Es hatte wohl kaum einen Mann gegeben, der sich nicht nach ihr umgedreht hatte, wenn sie grazil über den Bürgersteig schwebte. Mancher Mann, der seine Augen nicht von ihr lassen konnte, musste sich dann eine Standpauke von seiner Ehefrau anhören, wenn die Wohnungstür ins Schloss gefallen und die Tüten vom Einkaufsbummel abgestellt waren. Aber das war nun vorbei, an die Schönheit des kleinen Ortes würde nur noch ein schlichtes Holzkreuz auf dem Friedhof erinnern. Ebenso wie an die drei gestorbenen Polizisten.
Jörn stand vor dem Revier und inhalierte den Rauch seiner Zigarette. Eigentlich musste es Suizid gewesen sein – aber wie bloß? Die Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden und die Füße an das Tischbein gekettet, aber zu Beginn der Befragung hatte er noch gelebt. Es blieb nur ein langsam wirkendes Gift. Gut, dass er kein Pathologe war, allein bei der Vorstellung, in Magen und Darm nach Giftrückständen zu suchen, löste bei ihm einen Brechreiz aus. Aber was wäre, wenn sie nichts finden würden? Die Kamera des Überwachungsraums hatte er selbst noch ausgeschaltet und den zweiten Polizisten, der anfangs noch im Raum gewesen war, hatte er hinausgeschickt. „Ich werde das alleine regeln“, hatte er gesagt. Sein Stresspegel stieg immer weiter.
„Darf ich mich zu Ihnen stellen?“ Weder die Stimme noch das dazugehörige Gesicht kamen ihm bekannt vor. Er musterte mit seinen Augen sein Gegenüber. Die Schuhe waren recht stabil, keine Sportschuhe und auch keine Discotreter, eher die Sorte stabiler Wanderschuh, darüber eine dunkle Cordhose, die zusätzlich von einer massiven Gürtelschnalle zusammengehalten wurde. Der Pulli schien sehr dick zu sein und um die Schultern hing ein langer schwarzer Trenchcoat. Der Bart sowie die markant dunklen Augen, die durch die randlose Brille noch betont wurden, vervollständigten das Bild.
„Lassen Sie mich raten … Reporter.“
„Nicht so vorschnell mit den jungen Pferden. Sagen wir, ich bin jemand, der sich für viele Dinge interessiert und Antworten auf Fragen sucht, die niemand stellt.“
„Also doch Reporter.“ Jörn steckte seine Zigaretten wieder ein und wollte gehen.
„Rauchen Sie lieber noch eine mit mir, Sie können in der Sache hier ganz schön Probleme bekommen und dann sind Sie bestimmt froh jemanden zu haben, der Ihnen Antworten geben kann.“
Die Eingangstür zur Wache öffnete sich, zwei Polizisten, deren Schicht wohl gerade zu Ende war, kamen heraus und gingen langsam sich unterhaltend die Treppe hinunter.
„Okay – aber nicht hier.“
„Wo denn dann?“
„Ich wollte sowieso noch etwas trinken, lassen Sie uns vorne in die Eckkneipe gehen.“
„Guter Vorschlag, dann könnten wir unser Gespräch auch gleich auf Flugblätter drucken und in der Stadt verteilen.“
„Haben Sie eine bessere Idee?“
„Lassen Sie uns einfach ins Auto steigen und ein wenig umherfahren. Es ist mir auch egal, ob wir Ihren oder meinen Wagen nehmen.“
Noch einmal schaute Jörn sein Gegenüber durchdringend an. Er ließ den Blick auf dem langen Trenchcoat haften.
„Wissen Sie, wie viel hier in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist?“
„Ja.“
„Bevor ich mit Ihnen in ein Auto steige, öffnen Sie bitte Ihre Jacke, damit ich weiß, worauf ich mich hier einlasse!“
„Kein Thema.“
Er öffnete die Jacke. Außer dem Pulli war nichts zu sehen.
„Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt“, sagte er mit einem breiten Lächeln. „Nathan Sieben.“
Jörn reichte ihm die Hand. „Jörn Becher, Kommissar in Lichtach und seit zwei Stunden vom Dienst suspendiert.“
„Ist mir bekannt, deshalb bin ich hier“
„Sie sind doch von der Presse, oder?“ Jörn hielt im Sprechen kurz inne und blickte noch einmal zu dem Fremden. Irgendwie hatte dieser schon einige Ähnlichkeit mit einem nervigen Reporter.
„Die Presse mag ich so wenig wie ein Eisbär das Ozonloch, wenn Sie verstehen, was ich meine“, sagte er, was er dachte.
„Ich arbeite so, dass nicht alle Welt davon mitbekommt und ich will auch keine Sensationsberichte, sondern nur, dass alles seine Ordnung hat.“
Herr Sieben drehte sich um und ging langsam die Straße hinunter. Die Straßenlaternen gingen erst um dreiundzwanzig Uhr dreißig an, so waren die einzigen Lichter, die die Straße erhellten, die Sterne und ein wenig Licht aus den umliegenden Fenstern.
„Kommen Sie, mir wird kalt und es ist auch schon bald zweiundzwanzig Uhr, wir sollten uns auf den Weg machen.“
Jörn wusste schon gar nicht mehr, wie lange er vor dem Revier stand. Seine Zehen schmerzten vor Kälte und die Lippen begannen langsam taub zu werden.
„Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, wo es hingeht und das interessiert doch ein wenig.“
„Das sage ich Ihnen, wenn wir unterwegs sind – vertrauen Sie mir einfach.“
Seine Waffe hatte Jörn mit der Dienstmarke zusammen abgeben müssen, somit konnte er sich darauf schon einmal nicht mehr verlassen. Aber was gab es zu verlieren? Seit drei Jahren war er geschieden, die Unterhaltszahlungen für seine Kinder fraßen den größten Teil seines Gehalts, und da es nun so aussah, dass sein Beamtendasein mit dem schönen geregelten Einkommen auch seinem Ende zuging, war er vielleicht sogar bald gezwungen, sein Haus verkaufen, das er vor acht Jahren noch mithilfe des Bauspardarlehens komplett saniert hatte. In diesem Jahr hatte er die einfache Verglasung durch schön gerahmte Doppelglasfenster aus Holz ausgetauscht und im Wohnzimmer hatten er und seine Ex-Frau, sich eine schöne neue Couchgarnitur inklusive Kamin gegönnt. In gewisser Weise waren die Couch und der Kamin auch der Grund für die Scheidung gewesen, nicht weil sie sich diesen Luxus eigentlich nicht hätten leisten können, sondern weil seine Ex-Frau ihn dort in flagranti mit seiner Kollegin erwischt hatte. Da hatte auch die Ausrede, dass sie vor der Haustür von einem plötzlichen Platzregen erwischt worden seien und ihre Kleider nur ausgezogen hätten, weil sie sonst erfroren wären, nicht geholfen. Eine Woche später war der Brief vom Anwalt mit der Scheidungsklage da gewesen. Vor einigen Tagen, als er schon einmal über seine Lebenssituation nachgedacht hatte, war er schon kurz davor gewesen, sein Leben wie Private Paula in dem Film „Full Metal Jacket“ zu beenden, aber dafür war sein Lebenswille doch zu stark gewesen und außerdem besaß er keine Pumpgun.
Aber jetzt, wenn er auch noch sein Haus verkaufen und seinen Job als Polizist an den Nagel hängen müsste, dann wäre das Maß mehr als voll. Dann wäre Schluss.
„Ich komme mit.“
Nathan Sieben blieb fünf Meter vor ihm stehen. „Dann auf, bewegen Sie Ihren Allerwertesten, oder muss ich Sie holen kommen?“
Schweigend gingen sie nebeneinander her.
„Sie haben einen guten Geschmack“, sagte Jörn, als Nathan eine Straße weiter auf den elektronischen Türöffner seines Schlüsselbundes drückte.
„Ist ein Dienstwagen.“
„Wo muss ich mich bewerben, damit ich als Dienstwagen einen so schönen Audi bekomme? Der auch noch so aussieht, als würden unter der Haube mehr PS stecken, als es von außen den Anschein macht. “
„BND.“
Jörn zog beide Augenbrauen hoch. Er wusste noch nicht, was hier gespielt wurde, aber hier lief irgendetwas richtig Großes. Dinge, in die man sich besser nicht einmischte oder, falls es gar nicht anders ging, so schnell wie möglich versuchte, wieder herauszukommen. Aber jetzt stieg er erst mal ein.
Kapitel 9
Wirren der Vergangenheit
Roter Platz in Moskau, 4. September 1989.
Einige Blätter aus einer Zeitung wurden vom Wind durch die Luft geweht. Es war wie im Leben, manchmal gab es einen kräftigen Windstoß von der Seite und die Blätter schlugen eine ganz neue Richtung ein. Es waren nur wenige Leute da, die dem Treiben der Blätter zuschauten, obwohl es noch das Interessanteste war, was an diesem Morgen auf dem Roten Platz passierte.
Den meisten war es ohnehin egal, ob hier Blätter hin und her flogen oder nicht, sie hielten den Kopf gesenkt und wer einen Schal dabei hatte, hielt ihn schützend vor Mund und Nase. Gemütlicher war es da schon im Café Kathinka an der Ostseite des Platzes. Die komplette Front bestand aus Doppelverglasung und im Sommer konnte man im Freien Kaffee oder Cappuccino trinken. Aber auch jetzt in der kalten Jahreszeit waren viele Gäste gekommen, um sich mit Freunden zu treffen und einen schönen Nachmittag zu verbringen. Das Ambiente war zwar sehr schlicht und die meisten Stühle knarrten verdächtig, aber im Laufe der Jahre hatte sich ein eigenes gemütliches Flair entwickelt. Die Wanduhr zeigte sechzehn Uhr dreißig, das Kuchenbuffet hatte sich bereits geleert und viele ihren Kaffee schon getrunken.
Er war aber nicht in Hektik zu bringen. Er saß nun seit über drei Stunden hier, las seine Zeitung und trank Kaffee oder Tee. Er wird schon kommen, dachte er sich.
Kapitel 10
Kaleb sah sich um, ob ihm etwas Verdächtiges auffallen würde. Im Parkdeck C füllten sich immer mehr Plätze, da das Parkhaus sehr günstig lag und viele Leute, die in der Innenstadt arbeiteten, hier ihr Auto abstellten. Der Eingang zum Treppenhaus und der Fahrstuhl lagen direkt nebeneinander. Eine weitere Möglichkeit, entweder auf das Dach oder in das Erdgeschoss zu gelangen war über die Feuerleiter an der Stirnseite. Kaleb nahm seine Jacke und legte sie auf den Rücksitz. Er hätte gerne auch noch seinen Pulli ausgezogen, da es nicht mehr lange dauern würde, bis die Sonne die Luft auf schwüle fünfunddreißig Grad erhitzt hätte, aber wenn jeder direkt sähe, dass er ein Schulterhalfter mit einer Waffe trug, wäre das nicht gerade vorteilhaft gewesen. Dann hätte er sich genauso gut direkt ein Schild mit der Aufschrift „Polizist oder Gangster – wählen Sie selbst“ um den Hals hängen können. Da nahm er doch lieber in Kauf zu schwitzen.
„Hast du schon die Acht-Uhr-Nachrichten gehört?“
Kaleb drehte sich langsam um. Hinter ihm gingen zwei sich angeregt unterhaltenden Frauen vorbei. Leider bekam er nicht mehr mit, was in den Nachrichten gemeldet wurde, da das Gesprächsthema nahtlos von den Nachrichten auf das blau geblümte Kleid der Frau überging, die sich gerade bemühte, ihr Kind aus dem Kindersitz ihres Autos in den bereitstehenden Kinderwagen zu setzen. Im gleichen Moment fiel der Lichtkegel eines Autos, das die Auffahrt hochfuhr, auf die karge Betonwand vor ihm. Seine Gedanken sprangen zurück zu den Möglichkeiten, die sich ihm boten, das Parkdeck zu verlassen.
Die Frau mit dem blauen Kleid schob nun den Kinderwagen mit dem schreienden Baby an ihm vorbei. Wirklich ein hübsches Kleid, dachte sich Kaleb. Die Spaghettiträger waren auf den gebräunten Schultern kaum zu sehen und das Kleid ging nur bis kurz über die Knie.
Er stocherte mit dem Schlüssel in seinem Fahrerschloss herum. Seit Wochen hakte nun schon das Türschloss, sodass er Probleme hatte, die Tür auf- und zuzuschließen. Wenn er sich nicht bald darum kümmerte, käme der Tag, an dem der Schlüssel abbrechen und im Schloss stecken bleiben würde. Das wäre wesentlich ärgerlicher und auch teurer, als nur das Schloss austauschen zu lassen. Endlich machte es leise klack und die Tür war verschlossen. Wie erwartet, hatte die Frau sich für den Fahrstuhl entschieden, um in eines der unteren Stockwerke zu gelangen. Zum Glück waren Frau und Kinderwagen nicht das schnellste Gespann, sodass er mit ihnen in den Fahrstuhl steigen konnte. Es war schwer einzuschätzen, aber er hatte das Gefühl, dass die Frau besonders langsam machte, vielleicht, damit er mit ihr in den Fahrstuhl kommen konnte. Oder war es nur das Kleid, das ihn fast schon magisch anzog?
Höchstens zweieinhalb Quadratmeter, mehr Platz bot der Fahrstuhl nicht, in dem er sich nur Sekunden später befand.
Viel Zeit für ein Gespräch hatte er nicht, da die Lampe des ersten Stocks leuchtete und dies darauf hinwies, dass Kleid, Frau und Kinderwagen ihn dort wieder verlassen würden.
„Wirklich interessant, was in der Welt so passiert.“
„Ich finde es nicht wirklich interessant, sondern eher merkwürdig, dass zwei Minister am selben Tag Selbstmord begangen haben sollen.“
Das war wirklich interessant.
Die Frau bückte sich nach vorne und schob dem quengelnden Kind den Schnuller in den noch zahnlosen Mund zurück. Dabei wurden die bisher so gekonnt vom Kleid verdeckten Kurven sichtbar. Die Frau trug zu Recht ein hübsches Kleid.
Es war so weit, der Fahrstuhl drosselte seine Geschwindigkeit und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sich die Türen zum ersten Stock öffneten. Geräuschlos schob sich die silberne Fahrstuhltür nach links in den dafür vorgesehenen Spalt.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“
Mit Kinderwagen voraus, schritten die Frau und das hübsche blaue Kleid mit Mohnblumen wieder aus seinem Leben. Wie lange blieb so eine Tür wohl offen? Drei, vier oder gar fünf Sekunden? Auf alle Fälle lange genug, um in seinem Blickfeld wahrzunehmen, was dort passierte. Die Frau, deren Namen er nicht wusste, die sich aber gerade von ihm verabschiedet hatte, ging nach rechts – genau dorthin, von wo der langsam fahrende grüne BMW heranfuhr. Kaleb machte einen Satz in die rechte Ecke des Fahrstuhls, in der Hoffnung, dass die Tür zuging, bevor – wer auch immer – einen Blick in den Fahrstuhl werfen konnte. In der sich schließenden Tür spiegelte sich auf dem glänzend polierten Silber die Frau mit dem Kinderwagen. Sie war anscheinend von dem BMW-Fahrer angehalten worden und zeigte nun mit dem linken Arm in seine Richtung.
Hier entwickelte sich gerade ein Katz-und-Maus-Spiel der ganz besonderen Art. Im Moment war Kaleb die Maus und saß in einer fahrenden Mausefalle. Bevor die Rollen getauscht würden, galt es, sich eine Zeitung zu besorgen und endlich den Inhalt der letzten beiden Mails zu erfahren.
Eine Maus entkommt der Katze nur, wenn sie entweder nicht aus dem Loch kommt oder Wege geht, die die Katze nicht kennt. Für ihn galt beides, er musste aus dem Loch hier raus und Wege gehen, die er bisher so nicht geplant hatte.
Die Decke des Fahrstuhls bestand aus locker aufgelegten, schwarz eingefärbten Gipsplatten. Es war ein Leichtes, sie zur Seite zu schieben und sich an der Fahrstuhlwand abgestützt auf dessen Dach hoch zu schwingen, während die Fahrstuhltür wieder zurückglitt und der Aufzug sich in Bewegung setzte.
Alle Fahrstühle sind nach dem gleichen Prinzip gebaut, während der Fahrstuhl nach oben oder unten fährt, bewegt sich mit gleicher Geschwindigkeit ein Stahlseil mit Gegengewicht in die andere Richtung. Mit einem kurzen Ruck stoppte der Fahrstuhl im Erdgeschoss. Kaleb kniete auf dem Dach und ein gleitendes Geräusch zeigte ihm, dass die Tür sich öffnete. Stimmen waren keine zu hören, sondern nur die Schritte einer einzelnen Person. Gerne hätte Kaleb gewusst, ob es der Fahrer des BMW war, aber es war zu gefährlich, die Deckenplatten zur Seite zu schieben und zu schauen. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Aber es war nur eine kurze Reise, denn nach einem Stockwerk war schon wieder Schluss. Die Tür öffnete sich und wieder hörte Kaleb nur einzelne Schritte, die in die Ebene des zweiten Stockes traten, ohne dass eine andere Person den Fahrstuhl betrat. Kaleb schob die Gipsplatte zur Seite und ließ sich genauso geschmeidig wieder nach unten gleiten, wie er sich zuvor auf dessen Dach geschwungen hatte. Wenn er dieses Katz-und-Maus-Spiel beenden oder gar vom Gejagten zum Jäger werden wollte, musste er hier raus. Das Parkhaus hatte drei Stockwerke. Den BMW hatte er im ersten Stock gesehen und sein Auto stand auf Deck C. In solchen Situation half Kaleb nur eins und das war der Bauch. Der sagte ihm, er solle zum Auto zurück. Die kleine Handfeuerwaffe aus dem Halfter am Fuß ließ sich am besten unauffällig in die Hosentasche stecken. Er ging vor der Fahrstuhltür in die Hocke um im Fall der Fälle nicht mit der ganzen Körpergröße als Zielscheibe zu dienen. Wieder schob sich die Tür zur Seite auf und gab langsam den Blick auf das Parkdeck C frei. Es war nichts zu sehen oder zu hören. Entweder war sein Auto schon entdeckt worden oder es konnte nicht mehr lange dauern. Möglichkeiten, Deckung zu suchen, bot das Parkdeck genügend. Jedes der parkenden Autos oder auch die Betonpfeiler, die das Dach des Parkhauses trugen, waren Möglichkeiten, Schutz zu finden. Zwei Parkplätze von seinem Auto entfernt war einer dieser Pfeiler. Er bot ausreichend Schutz und einen freien Blick auf das Coupé. Minute um Minute verstrich, ohne dass etwas passierte. Sogar der Fahrstuhl blieb mit geschlossener Tür stehen und die Anzeige in der Wand zeigte an, dass dieser noch nicht nach unten bestellt worden war. Die Tür zum Treppenhaus konnte er von hier aus auch beobachten, sie war höchstens fünf Meter vom Fahrstuhl entfernt. Vielleicht war derjenige, der ihn verfolgte ja schon am Auto gewesen, aber er konnte nichts sehen. Wenn er ein Profi war, dann war ein Peilsender oder eine kleine Sprengladung auch nicht am Nummernschild oder der Antenne befestigt worden, sondern so, dass sie nur bei genauerer Untersuchung gefunden werden konnten. Er wendete seinen Blick wieder vom Auto zum Fahrstuhl und auf die Tür des Treppenhauses. Die Tür befand sich immer noch im Dornröschenschlaf, aber die Anzeige des Fahrstuhls stand nicht mehr auf drei, sondern blinkte auf der zweiten Etage. Kaleb hatte die Waffe ruhig in der Hand und konzentrierte sich mit allen Sinnen auf die beiden einzigen Zugangsmöglichkeiten zum Parkdeck.
Kapitel 11
Die Vergangenheit nimmt ihren Lauf
Roter Platz in Moskau, 4. September 1989, 17:22 Uhr.
„Darf ich Ihnen noch einen Kaffee bringen?“
Die Stimme des Obers hatte einen sehr ruhigen Klang.
„Nein danke.“
Er hatte schon so viel Kaffee getrunken, dass sein rechtes Augenlied bereits angefangen hatte, zu zucken.
Das normale Verhalten des Obers wäre es wohl gewesen, auf dem Absatz umzukehren und wieder in die Küche zu gehen. Aber er schien wie vom Blitz getroffen zu sein. Er stand einfach nur da. Seine Lackschuhe waren schon ein wenig abgetragen, aber für einen Ober in Russland sehr schick. Seine schwarze Hose schien maßgefertigt zu sein.
Der Ober hatte ihn schon die ganze Zeit bedient. Allerdings stand er nun zum ersten Mal mit einer Hand in der Hosentasche vor ihm und bewegte sich nicht.
Nun war auch klar, weshalb er eine ordentliche Hose aus einem ordentlichen Stoff mit einem guten Schnitt trug. Diese Hosentaschen boten mehr Platz.
Es war auch sicher, dass der Mann nicht mit dem Finger auf ihn zeigte.
Der Wind wehte immer noch die Blätter über den Roten Platz und nun waren auch die Leute unterwegs, die morgens oder nachmittags noch hatten arbeiten müssen.
Es war bedeutend mehr los als noch vor einigen Stunden. Es sah fast so aus, als ob sich halb Moskau auf den Beinen befand.
In einer Ecke trafen sich die ersten Jugendlichen, die abends dort die Zeit totschlugen und wenn sie sie nicht einfach nur mit Nichtstun vergeudeten, dann pöbelten sie vorbeikommende Passanten an.
Der Ober sah Kaleb weiter an.
Das weiße Hemd ließ erahnen, dass er vermutlich ziemlich durchtrainiert war.
„Naja, wenn Sie darauf bestehen, trinke ich doch noch einen Kaffee und Sie können mir dann auch noch ein Stückchen von dem Kirschkuchen bringen, der war sehr lecker!“
Der Ober reagierte nicht.
Die Wanduhr im Café Kathinka sprang auf siebzehn Uhr zweiundzwanzig.
Hinter der Theke stand noch eine weitere Bedienung. Eigentlich hatte er die ganze Zeit darauf gehofft, dass er von ihr bedient werden würde. Denn ihre langen roten Haare leuchteten wie Feuer und außerdem hatte sie eine tolle Figur.
„Sehen Sie, wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, bekommt man auch wieder Hunger – ich werde Ihnen zu dem Kaffee und dem Kuchen auch noch eine neue Serviette bringen.“
Die Jungs auf dem Roten Platz wurden immer mehr. Bei den Ersten schien sich auch schon der billige Wodka im Blut bemerkbar zu machen. Aber was sollten sie auch tun? Ihr Leben war bedauernswert. Viele wohnten in hässlichen, kleinen Wohnungen und hatten oft kein eigenes Zimmer. Die Wände der Häuser waren dünn und man hörte immer wieder Dinge, die man eigentlich nicht hören wollte.
Und ihr Blick in die Zukunft sah genauso grau aus wie die ungestrichenen Betonwände der Wohnungen, in denen sie lebten. Also halfen der Wodka oder auch der Klebstoff, das Elend zumindest ein wenig zu verdrängen.
Allein wegen diesen Jungs musste der Deal über die Bühne gehen.
Denen, die da draußen mit ihrer Wodkaflasche saßen, war mit Sicherheit nicht klar, dass keine hundert Meter von ihnen entfernt die Weichen für ihre Zukunft gestellt wurden.
„Hier, Ihr Kaffee und der Kirschkuchen.“
Der Ober nahm das benutzte Service und stellte es auf sein braunes Tablett.
„Ich hoffe, Ihr Aufenthalt in Moskau hat Ihnen gefallen und Sie müssen uns für lange Zeit nicht mehr besuchen kommen.“
Während er dies sagte, legte er die Serviette neben den Teller.
Kaleb nahm einen Schluck von dem frischen Kaffee und fuhr sich anschließend mit der Serviette über den Mund. Die Serviette war wesentlich fester als die, die er zuvor gehabt hatte. Es fühlte sich an wie ein kleiner Umschlag, der zwischen den dünnen roten Blättern lag.
Die beiden Männer schauten sich eine Zeit lang in die Augen.
Die rechte Hand des Obers war wieder in seiner Hosentasche verschwunden. Aber keiner ließ mit seinem Blick von dem anderen ab.
„Wenn alles in Ordnung ist, dann können Sie bestimmt bald in Berlin oder Hamburg Ihr eigenes Lokal aufmachen.“
Kaleb holte aus seiner Geldbörse fünfzig Rubel. Das war mehr, als er vertrunken oder gegessen hatte.
Hoffentlich geht das hier gut, dachte er sich.
Noch einmal schaute er in das markante Gesicht des Obers. Dann verließ er das Café und würde es vielleicht auch nie wieder betreten.
Kapitel 12
Kaleb schaute immer noch auf die blinkende Anzeige des Fahrstuhls. Jetzt musste er sich entscheiden. Es galt, in die Offensive zu gehen. Das Treppenhaus war einfach zu riskant. Dort konnte sich jederzeit jemand hinter einer der Türen zu den Parkdecks verstecken.
Noch einmal schaute er sich nach allen Seiten um, aber es war niemand zu sehen. Selbst Vögel waren keine unterwegs. Denen war es vermutlich auch schon zu heiß und sie hielten sich lieber in den Wipfeln und Ästen vom Bäumen auf anstatt auf einem Parkdeck.
Mit einem kurzen Sprint gelangte er zu seinem Auto, wo er einen kleinen Spiegel neben den linken Hinterreifen legte. Wenn alles passte, müsste dieser ihm einen Blick in den Fahrstuhl gewähren, sobald der sich öffnete. Von seinem Auto aus waren es dann nur noch wenige Meter bis zum nächsten Betonpfeiler. Von hier aus konnte er auf den Spiegel schauen. Außerdem war der Pfeiler nah an der Feuerleiter und er konnte das Parkhaus an der Nordseite verlassen oder gegebenenfalls auf das Dach flüchten.
Die Sekunden verstrichen. Das Blinken der Anzeige im zweiten Stock hatte aufgehört und es leuchtet nun die Anzeige von Parkdeck C.
Kein Windhauch, kein Vogel, der zwitscherte, keine Sirene und keine Stimmen waren zu hören, nur das metallene Geräusch der sich öffnenden Fahrstuhltür.
Wenn es jemand eilig gehabt hätte, wäre er längst herausgetreten. Aber es war nichts zu sehen und auch nichts zu hören.
Die Fahrstuhltür blieb offen. Dort handelte jemand auf alle Fälle überlegt und nicht überhastet. Der Spiegel zeigte den Innenraum, dort war nichts zu sehen. Aber wieso blieb dann die Tür offen?
War es möglich, dass jemand in so kurzer Zeit etwas an der Elektronik manipuliert hatte? Ausschließen konnte er das nicht.
Kalebs Blick blieb fest auf dem Spiegel, da es fast unmöglich war, dass sich nichts tun würde. Aber die Sekunden verstrichen weiter und nichts passierte.
Kaleb wagte es kaum, sich zu bewegen, das war alles sehr mysteriös. Aber er musste: Sein Blick wanderte vom Spiegel zum Fahrstuhl und von dort aus weiter zur Tür, die zum Treppenhaus führte.
Eins war klar, hier war jemand unterwegs, der seine Sache wirklich verstand. Die Tür zum Treppenhaus war nur noch angelehnt und Kaleb hätte wetten können, dass sie, als er vorhin dort hingeschaut hatte, geschlossen gewesen war.
Aber er war auch noch nicht entdeckt worden.
Im Spiegel war immer noch nichts zu sehen. Er hielt in seiner rechten Hand ruhig die Waffe, die er in der Zwischenzeit aus seinem Schulterhalfter gezogen hatte.
Kaleb sah im Spiegel, dass die Tür des Aufzugs sich schloss und nach unten fuhr.
Die Sekunden verstrichen. Der Fahrstuhl war vermutlich bereits im ersten Stock angekommen. Aber es waren immer noch keine Stimmen zu hören. Von der Straße kam das Hupen eines Autos.
Dann war es wieder still. Wo war –.
Ja wo war wer?
Wer war hier hochgekommen und wo war er?
Kaleb hätte jetzt einen zweiten Spiegel gebraucht, um zu besser sehen zu können, was hinter ihm passierte. Ab und zu drehte er den Kopf über die linke Schulter in Richtung der Feuerleiter, aber auch dort war nichts. Nun surrte ein Motor und ein B-Corsa fuhr die Auffahrt zum Parkdeck hoch. Der Fahrer sah aus, als ob er entweder bei einer Bank oder einer Versicherung arbeitete und vermutlich war sein Leben genauso spannend wie sein Auto.
Die ruhige Zeit auf dem Parkdeck schien zu Ende zu gehen. Denn auch der Fahrstuhl hatte sein Ziel erreicht und der Mann, der ausstieg, ging zu seinem Auto, das direkt neben dem Coupé stand. Kaleb wandte seinen Kopf wieder nach hinten. Alles ruhig. Ein Blick zum Auto. Alles ruhig.
Der Corsafahrer hatte einen Parkplatz gefunden. Eigentlich hätte er sein Auto gar nicht abschließen müssen, denn wer Corsas klaut, dem muss es wirklich schlecht gehen.
Der Mann aus dem Corsa ging auf die Tür zum Treppenhaus zu. In der einen Hand hatte er ein dunkles Sakko und in der anderen eine Aktentasche. Von dem Jeep waren inzwischen nur noch die Hinterreifen zu sehen. Dafür war nun die Betonsäule ganz in seinem Blickfeld, die bisher zum größten Teil von dem Jeep verdeckt worden war und das war gut.
Es herrschte wieder Stille.
Manchmal muss man auch Glück haben. Kaleb konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenn der Jeep nicht weggefahren wäre und der Corsa nicht so günstig geparkt hätte, dann hätte er noch lange warten und suchen können. Denn wen auch immer er suchte, er hockte ziemlich sicher hinter der Betonsäule neben seinem Mustang, um dort auf ihn zu warten.
Kaleb lächelte und entsicherte seine Waffe.
Kapitel 13
- Deutschland einige Tage zuvor -
Jörn setzte sich auf den Beifahrersitz des Audis. Das Auto war höchstens ein Jahr alt. In der kalten Jahreszeit würde die Sitzheizung dieses modernen Autos bestimmt gut tun und seine durchgefrorenen Glieder würden gleich wieder auftauen.
Nathan Sieben, der eben in sein Leben getreten war, ließ den Motor an und legte den Schalthebel auf D.
„Naja, ein Automatikgetriebe“, dachte Jörn, aber er behielt seine Gedanken für sich.
Jörn wollte das Gespräch ohnehin nicht beginnen. Der Mann vom BND hatte ihn aufgesucht und so wollte er bestimmt etwas von ihm.
Der Wagen schwebte mehr über die Straße, als dass er fuhr, und auch wenn er ein Automatikgetriebe hatte, machte er einen recht sportlichen Eindruck und lag ruhig und sicher auf dem Asphalt.
„Sie fragen sich bestimmt, was hier vor sich geht?“
„Nein, wie kommen Sie darauf? Eigentlich ist das ja alles ganz normal und ich fahre jeden Abend mit jemandem vom BND durch die Gegend!“
„Dann wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, dass sich für Sie ab heute einiges ändern wird.“
„Was meinen Sie mit ändern? Ändern im Sinn von besser werden oder ein Ändern wie bei einem Chamäleon, dass mich ab morgen keiner mehr erkennt?“
„Eher die zweite Möglichkeit.“
„Darin bin ich aber nicht so gut.“
„Keine Angst, dafür werden wir schon sorgen. Wir brauchen Sie.“
„Was heißt ‚wir brauchen Sie‘?“
„Wir brauchen Sie, das ist alles, was ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann.“
„Dann sagen Sie mir wenigstens, wo wir hinfahren.“
Aus dem Fenster sah Jörn die Lichter von Lichtach. Am Ortsrand konnte man die Bäckerei erkennen und im Gewerbegebiet zeigten die hell erleuchteten Hallen an, dass die Arbeit dort noch lange nicht zu Ende war.
„Wir fahren ins Ungewisse. Zumindest was so manche Dinge angeht und im Moment fahren wir erst mal zum nächsten Drive-in, denn ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht – ich jedenfalls habe einen Mordskohldampf.“
„Aber Sie zahlen – denn wie ich die Bundesbehörden kenne, können Sie das doch sowieso alles als Spesen absetzen.“
Lichtach verschwand im Hintergrund. Jörn versuchte noch einmal, seine Gedanken zu sortieren und überlegte, was hier vor sich ging. Aber wann würde er weitere Informationen erhalten?
„Darf ich rauchen?“ Jörn drehte den Kopf leicht nach links.
„Ja, machen Sie aber das Fenster auf!“
Die elektrischen Fensterheber ließen die Scheibe fast geräuschlos in der Tür verschwinden.
Bis zum Drive-in herrschte Schweigen im Auto. Im Fast-Food-Restaurant war nicht viel Betrieb. Die zwei Frauen, die hinter der Theke die Bestellungen entgegen nahmen, sahen aus wie Studentinnen. Die eine hatte einen Ohrring, der aussah als stamme er aus einem Esoterikshop – vermutlich studierte sie Pädagogik. Die andere war dezent geschminkt und ihre Haare waren streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. So wie sie aussah, studierte sie bestimmt Jura. In dem Fast-Food-Laden liefen mehrere Fernseher und eine der Leuchtreklamen flackerte.
Die Bestellungen landeten auf den Tabletts. Die Pädagogikstudentin machte den Eindruck, als ob ihr der Job wenigstens ein wenig Spaß machte. Die angehende Staatsanwältin dachte sich vermutlich, dass sie etwas Besseres verdiente, als Burger zu wenden, an einer Kasse zu stehen und Kleingeld zu zählen – aber wer hat nicht etwas Besseres verdient?
Der Tisch ganz hinten in der Ecke war genau der Richtige, um alles im Blick zu haben und sich trotzdem ungestört unterhalten zu können.
Nathan Sieben schaute Jörn direkt in die Augen, ohne zu zwinkern oder zu lächeln, er schaute ihn einfach nur an.
„Können Sie sich noch an den fünften September neunundachtzig erinnern?“
Jörn hielt Nathans Blick Stand.
„Können Sie sich noch an den siebzehnten März zweiundneunzig erinnern?“
Nathan reagierte nicht. Er zwinkerte nicht mit den Augen oder schaute zur Seite. Er schaute Jörn weiter intensiv an.
Die beiden Studentinnen an der Theke hatten diesen Abend nicht viel zu tun. Eine ging nach hinten in den Bereich, in dem Burger und Pommes vorbereitet wurden. Vermutlich gab es eine Anweisung vom Chef, dass, wenn nicht so viel zu tun war, hinten die Fliesen geschrubbt oder die Dunstabzugshaube vom Fett befreit werden musste.
Das Reklameschild mit dem flackernden Licht hatte nun ganz den Geist aufgegeben und war ausgegangen.
Nathan nahm seine Cola und zog kräftig am Strohhalm. Das schwarze, koffeinhaltige Getränk machte sich auf den Weg aus dem Becher, befeuchtete nur ein wenig die Lippen und landete dann im Mund. Dann stellte er den Becher wieder auf das Tablett vor sich.
„Ich muss mich nicht an den siebzehnten März zweiundneunzig erinnern, und Sie sollten sich auch nicht an den fünften September neunundachtzig erinnern können.“
In seinem rechten Augenwinkel konnte Jörn sehen, wie die Tür zu dem Restaurant aufging.
„Wieso fragen Sie mich dann danach?“
Eine Gruppe Jugendlicher tummelte sich nun vor der Jurastudentin, und die Pädagogikstudentin war auch wieder nach vorne geeilt, um bei den Bestellungen zu helfen. Sie waren vermutlich auf dem Weg zu einer Party und ihre ersten Angrabopfer waren diese beiden jungen hübschen Mädchen.
Die Augen von Nathan ruhten jetzt wieder auf Jörns Gesicht und es war ihm anzusehen, dass er mit sich rang, ob er etwas sagte oder nicht.
„Sie waren am fünften September neunundachtzig in München.“
Jörn sah ihn erstaunt an.
„Ich – in München?“
„Ja, Sie waren in München und zu dieser Zeit waren Sie auch noch einer der Top Agenten des BND.“
Jörn hatte schon immer gedacht, dass er zu mehr berufen sei als in Lichtach kleine Verbrecher zu jagen. Allerdings war die Hoffnung gewesen, dass seine Zukunft spannender sei. Nun stellte sich heraus, dass die großen Erlebnisse seines Lebens in der Vergangenheit lagen.
„Ich – ein Topagent des BND?“
„Richtig.“
Einer der Jugendlichen probierte anscheinend, die Telefonnummer von der Jurastudentin zu bekommen. Seine Bestellung stand längst auf seinem Tablett. Er hatte einen Stift in der Hand und grinste sie an.
Der Jurastudentin schien der Flirt zu gefallen.
„Ich will Ihnen einen Zeitungsartikel von damals geben.“ Nathan holte eine Zeitung aus seiner schwarzen Tasche, die neben ihm auf dem Boden stand.
„Oh, da bin ich aber gespannt. Vielleicht war ich in dem Jahr ja nicht nur Geheimagent wie James Bond, sondern habe auch noch im Jahr davor mit der Fußballnationalmannschaft in der Europameisterschaft gekickt.“
„Sie hätten vielleicht besser mitgespielt. Dann hätten wir im Halbfinale nicht gegen die Holländer verloren und unsere orangefarbenen Freunde wären nie Europameister geworden.“
Die Zeitung lag mit dem Leitartikel nach oben vor ihm und war vom fünften September 1989. Auf der Titelseite waren zwei Männer zu sehen. Beide trugen dunkle Anzüge und standen vor dem ehemaligen Bundestagsgebäude auf dem Hardtberg in Bonn.
Sie waren sich von ihren Rednerpulten aus entgegengekommen und reichten sich symbolisch die Hände. Einer der beiden Männer war der Altbundeskanzler Helmut Kohl, der Zweite war Michail Gorbatschow, der zu diesem Zeitpunkt noch Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war und erst zwei Jahre später der Präsident der Sowjetunion werden sollte.
Jörn schaut auf das Datum der Zeitung. 5. September 1989. Also genau aus der Zeit, in der er als Geheimagent tätig gewesen sein sollte.
„Habe ich damit etwas zu tun?“
Langsam brannte es Jörn doch unter den Nägeln. Er hatte ja anscheinend doch einmal ein Leben gehabt, das wirklich spannend war.
„Sie haben dort nicht die Stühle gestellt und auch keinem der Männer das Wasser gereicht.“
Nathan nahm die Zeitung und steckte sie wieder in seine Tasche. Nun legte er einen großen schwarzen DIN-A4-Umschlag auf den Tisch und schaute Jörn ruhig, aber bestimmt an.
Der Flirt an der Theke schien ein Ende gefunden zu haben und dem Gesicht der Beiden nach zu urteilen, würden sie sich vermutlich noch einmal an einem Ort treffen, an dem es nicht nach Pommes und Burgern roch.
Sowohl Jörn als auch Nathan hatten ihre Menüs aufgegessen und die Pappbecher, die eben noch mit Cola gefüllt waren, waren auch leer.
„Bevor Sie mir sagen, was in dem Umschlag auf mich wartet, möchte ich wissen, wer ich wirklich bin und was an diesem fünften September neunundachtzig geschehen ist.“
Da keine anderen Kunden außer ihnen da waren, hatten sich beide Studentinnen von der Theke entfernt und waren entweder eine rauchen gegangen oder in der Küche die Fliesen putzen.
Auf den Fernsehern lief gerade ein altes Video von Guns N' Roses. Slash und Axl Rose gaben wie immer alles. Von Slash war nicht einmal das Gesicht zu sehen und die Finger huschten wie eine flinke Eidechse über den Hals der Gitarre. Diese Band mit ihren großen Erfolgen in den Achtzigern und Neunzigern gehörte zu einer langsam verblassenden Rock-and-Roll-Kultur.
„Sie möchten also wissen, was damals geschehen ist?“
„Ja.“
Nathan spielte mit seiner Hand an dem schwarzen DIN-A4-Umschlag und einer seiner Füße schien im Rhythmus von Knockin' on Heaven's Door zu wippen.
„Sagt Ihnen der Name Kaleb Geidi etwas?“
„Nein.“
„Mit ihm waren Sie zusammen in München haben dort Dinge entdeckt und herausgefunden, die von nationaler Bedeutung sind.“
Sanft glitt die Tür des Fast-Food-Restaurants auf und der Jugendliche, der eben vermutlich nach der Telefonnummer gefragt hatte, trat wieder an die Theke.
„Glauben Sie mir, daran könnte ich mich erinnern, ich weiß ja sogar noch, wie ich mit fünf Jahren mit meinem Fahrrad gegen einen Baum gefahren bin.“
Jörn grinste und überlegte, ob heute der erste April sei. Oder war er bei Versteckte Kamera?
Er schob seinen Müll auf dem Tablett zusammen und wollte aufstehen.
„Sie sind mit fünf Jahren mit keinem Fahrrad gegen einen Baum gefahren.“
Jörn stand auf und legte die Fäuste geballt auf den Tisch. Mit seinem Gesicht ging er ganz nah an das von Nathan Sieben.
Ihre Augen waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt und Jörn konnte sehen, wie sich Nathans Nasenhaare beim Atmen bewegten.
„Sie sagen mir jetzt, was hier läuft oder ich bin weg.“
In diesem Satz lag viel Nachdruck. Jörn meinte es ernst.
„Sie sind ein ehemaliger Spitzenagent des BND und seit neunundachtzig sozusagen im Ruhestand, und wenn wir nicht auf Sie aufpassen würden, dauerte es keine vierundzwanzig Stunden mehr, und Sie wären tot. Sie werden gesucht und mit Sicherheit nicht von einem Wohltätigkeitsverband.“
Von den beiden Studentinnen war nichts mehr zu sehen, aber man hörte sie noch lachen und kichern. Vermutlich unterhielten sie sich über den Jungen, der nach der Telefonnummer gefragt hatte.
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