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Christa Enchelmaier
Unterwegs geboren
Eine heimatlose Kindheit
Autobiografische Erzählung
Für meine Kinder und Enkelkinder
2000: REISE IN DEN UNBEKANNTEN OSTEN
Ich hatte viel von Gnadental gehört, von dem weiten Land, der fruchtbaren Erde, dem guten Klima. Von dem Zusammenhalt der Dorfbevölkerung. Vom Schwarzen Meer und der heilenden Erde. Auch von den pietistischen Werten wie Frömmigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Wo war dieser ›Garten Eden‹ meiner Vorfahren? Ich wusste, dass er irgendwo im Osten am Schwarzen Meer liegen sollte. Ich fing an, mich für die Geschichte und das Land zu interessieren. Mit eigenen Augen wollte ich es sehen und erleben – das Land, in dem meine Eltern und Großeltern gelebt hatten. Das Land, von dem sie mir so viel erzählt hatten.
Anfang September 2000 meldeten meine zwei Jahre jüngere Schwester Helga und ich uns zu einer Studienreise in die ehemaligen Heimatdörfer Bessarabiens an.
Der Flughafen in Odessa war grau in grau. Wir waren im Ostblock. Die Koffer wurden rasch ausgeladen und standen in der Halle bereit, und nach kurzer Begrüßung durch unseren Reiseleiter ging es weiter in die ehemalige Kreisstadt Akkerman – heute heißt sie Belgorod-Dnestrovski.
Schon am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Taxi in das etwa 30 Kilometer entfernte Dorf Gnadental, das heutige Dolinovka. Wir sahen riesige Felder und die schwarze Erde, von der unser Vater immer so geschwärmt hat. Wir konnten nachempfinden, wie schwer es unseren Eltern damals gefallen sein musste, dieses schöne Land, ihre Heimat, zu verlassen.
Gnadental wurde 1830 von schwäbischen Kolonisten gegründet und musste 1940 wieder verlassen werden. Es liegt sehr schön in einem sanften Tal. Dennoch waren wir sehr enttäuscht und traurig, als wir in dieses Dorf hinein fuhren: Wir sahen ungepflegte Häuser, viel Unkraut und nur wenige Menschen auf den Straßen.
Die einstmals stattliche Kirche mitten im Ort ist als solche nicht mehr zu erkennen. Die Bewohner haben einen Versammlungsraum daraus gemacht.
Wir liefen durch die Obergaß zum Haus unseres Großvaters Friedrich. Dort wohnt inzwischen ein rumänisches Ehepaar mit zwei halbwüchsigen Söhnen und der Oma – gastfreundliche Leute, die uns ins Haus einluden und zum Abschied Trauben schenkten. Zwei Häuser weiter, am Ortsrand, stand der Hof unserer Eltern. Nur ein Erdhügel erinnert noch daran. Wir bedauerten sehr, dass von der mühevollen Arbeit unserer Eltern nichts übriggeblieben ist außer einem Haufen Erde.
Helga sagte: »Komisch, ich habe das Gefühl, als sei ich schon einmal hier gewesen. Mir ist alles so vertraut!«
Aber hier waren wir noch nie. Sie ist zwei Jahre nach der Umsiedlung im Warthegau geboren. Haben die vielen Erzählungen der Eltern dieses Heimatgefühl entstehen lassen?
Danach suchten wir das Haus unseres Großvaters Daniel Hermann in der Mittelgaß. Doch außer einem verwilderten Grundstück haben wir nichts finden können. Auf dem Friedhof wollten wir daher wenigstens die Grabsteine unserer Verwandten aufsuchen. Aber wieder hatten wir kein Glück: Nur russische und rumänische Gräber fanden wir, keinen einzigen Grabstein, der an Deutsche erinnert.
Maria, eine Frau aus dem Dorf, stand plötzlich vor uns. Sie sprach Deutsch und von ihr erfuhren wir, dass die Grabsteine zum Bau der Kolchose genommen und das Gelände danach eingeebnet worden war. Ein Grabstein sei dabei übersehen worden und der steht nun als einziger auf dem ehemaligen Gelände des deutschen Friedhofs. Er erinnert an einen der ersten Kolonisten in Gnadental, an Johann Christian Kappler. Er kam als 8-Jähriger 1831 mit seinen Eltern aus Kochersteinsfeld in der Nähe von Heilbronn.
PROLOG
1833 AUSWANDERUNG DES JOHANN DANIEL HERMANN
Mein Vorfahre, Johann Daniel Hermann, ist mit seiner Frau Wilhelmine Katharina, geborene Gall, und vier Kindern am 24. September 1833 von Kleinheppach (Remstal bei Schorndorf) nach Gnadental in Südrußland–Bessarabien ausgewandert. Von Beruf war er Weingärtner und seit 1809 auch Richter, d.h. Gemeinderat in Kleinheppach. Der Grund für seine Auswanderung ist schnell erzählt.
Die Bewohner von Kleinheppach führten ein karges Leben. Vorausgegangen war die Französische Revolution, die in den Jahren 1790 bis 1815 in der Gemeinde große Opfer gefordert hatte. Durchziehende Truppen plünderten und raubten den Einwohnern ihr Eigentum. Brandschatzungen standen auf der Tagesordnung. Hinzu kam, dass der Herzog in Stuttgart Rekruten aushob und Geld für die Rüstung eintrieb.
Unter Napoleon mussten württembergische Truppen 1805 gegen Österreich, 1807 gegen Preußen und 1812 gegen Russland ins Feld ziehen. Das war ein furchtbares Drama: Von 15.800 Württembergern kehrten nur 300 zurück. Aus Kleinheppach kam kein einziger aus den Kriegen zurück.
Dann war Frieden. Aber welche Tragik! 1816 war ein Hungerjahr, wie das Land es seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr erlebt hatte. So viel geregnet hatte es im Sommer noch nie und es war kalt wie im Winter. Weder Korn, noch Kartoffeln, noch Wein gediehen.
Grund dieser Katastrophe war der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Gigantische Massen Asche und Staub wurden 50 Kilometer hoch in die Luft geschleudert und verteilten sich um den ganzen Erdball und verursachten eine Abkühlung des Weltklimas. Der folgende Sommer ging in die Geschichte als ›Schneesommer‹ ein, weil keine Sonnenstrahlen durch diesen Dunstschleier dringen konnten. Scharen von Bettlern irrten auf den Straßen. Die Gemeindeverwaltung war auf solche Katastrophen nicht vorbereitet. Sie tat das Menschenmögliche, um die Not zu mildern und die Menschen durch den Winter zu bringen. Doch die Gemeinde war verarmt. Die meisten Magazine waren leer, Saatgut fürs kommende Jahr gab es nicht. Die wenigen verbliebenen Zugtiere versanken im Morast oder verhungerten. Die allgemeine Stimmung war düster.

1816 wurde das bestehende Auswanderungsverbot aufgehoben. Zar Alexander von Russland schickte Anwerber aus, um Bauern und Handwerker aus Württemberg für eine Ansiedlung in Russland zu gewinnen. Er versprach jedem Bauern 66 Hektar Land, 10 Jahre Steuerfreiheit, eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit und freie Glaubensausübung. Und – was sehr wichtig war – keine Pflicht zum Militärdienst, und das auf ewig, außerdem den Status eines Kolonisten, das heißt ein russischer und ein deutscher hoher Beamter waren für die Belange dieser Volksgruppe zuständig. Sie sollten als Vermittler (Fürsorgekomitee) dafür sorgen, dass bei der Ansiedlung alle Versprechen eingehalten werden.
Dieses Angebot kam für die verarmten Menschen im richtigen Augenblick.
Viele machten sich wenig Hoffnung, dass es in Württemberg in nächster Zeit besser werden würde. Scharenweise verließen sie ihre Heimat. Die Ersten, die sich auf den Weg machten, besaßen weder Pferd noch Wagen. Mit der legendären ›Ulmer Schachtel‹, einem primitiven Floß, fuhren sie die Donau abwärts. Sie hatten Ausbeutung, Armut und Unterdrückung im absolutistisch regierten Württemberg satt. Hinzu kam noch die unsägliche Kirchenzucht, wo zum Beispiel ein Fehlen beim sonntäglichen Gottesdienst schon ein Vergehen war und streng bestraft wurde. Viele kehrten der Kirche den Rücken und schlossen sich separatistischen Bewegungen an.
Auch die Anhängerzahl der Pietisten wuchs. Sie trafen sich in Privathäusern zur ›Stund‹ und legten dort in Eigenregie die Bibel aus.
Mit der Zeit entstand eine Weltuntergangsstimmung.
Und der Untergang sollte im Jahre 1836 stattfinden, denn der pietistische Prälat Albrecht Bengel aus Stuttgart hatte diesen Zeitpunkt errechnet. Er verkündete dieses in seinen Predigten: Der Heiland würde auf dem Berg Ararat erscheinen und dort im Osten entstünde das ›Tausendjährige Friedensreich‹.
So spielte außer der materiellen Not auch noch die Religion eine große Rolle. Die Bereitschaft zur Auswanderung wurde dadurch verstärkt.
In dieser überaus schwierigen Zeit verkauften die verarmten Kleinheppacher ihre Grundstücke, um zu überleben. Die herzogliche Kammerschreiberei nutzte die Not und erwarb sehr viele Weinberge in den besten Lagen. Dadurch waren die hiesigen Weingärtner zu besitzlosen Tagelöhnern geworden. Andere nahmen sich in ihrer Not einen auswärtigen Teilhaber, wobei die ganze Arbeit an ihnen hängen blieb. Vom Ertrag aber erhielten sie nur einen bescheidenen Teil.
Kleinheppach hatte die meisten unehelich geborenen Kinder; fünfmal mehr als der Nachbarort Hanweiler. Wer nämlich damals heiraten wollte, musste dazu die Einwilligung der Obrigkeit haben. Wer kein Vermögen hatte oder keinen sicheren Erwerb nachweisen konnte, durfte nicht heiraten.
Viele Mittellose, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, versuchten, als Kleinhändler und Hausierer ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wurden in Gemeindeprotokollen ›Viktualienhändler‹ genannt. 1830 zählte man in Kleinheppach dreißig solche Händler. Sie grasten die Gegend bis nach Welzheim ab, um Butter, Hühner, Eier und Obst einzukaufen. Auf dem Kopf, in Körben auf dem Rücken oder auf zweirädrigen Karren schafften sie diese Waren nach Hause. Dann wurden sie für den Verkauf hergerichtet und die Frauen und Töchter verkauften sie auf einem Markt. Dabei legten sie oft große Strecken zurück, um überhaupt dorthin zu gelangen.
In den Jahren 1829, 1830 und 1831 folgten drei Missernten aufeinander. Am 1. Juli 1833 richtete ein Unwetter in den Weinbergen und im Dorf schwere Verwüstungen an. Ein Haus wurde an Mauern, Fenstern und Türen schwer beschädigt. Auch sämtliche Gerätschaften waren in Mitleidenschaft gezogen. Eine Kuh ertrank. Große Mengen herunter geschwemmte Erde musste wieder nach oben geschleppt werden. Auch sehr viele Weinstöcke waren herausgerissen; neue mussten gepflanzt werden.
Am 6. Juli wurde die ins Dorf herab geschwemmte Erde dann sogar verkauft!
Schon am 8. Juli kam eine neue Sintflut, die von den Weinbergen in die Heppach schoss und drei Häuser unter Schlamm und Dreck begrub. Das am schlimmsten betroffene Haus gehörte Andreas Hermann. Er ist dadurch in Not und Elend gekommen. Bestimmt war er ein Verwandter meines Vorfahren, denn dieser und ein Georg Hermann standen später als Bürgen für das ›Prädikats & Vermögens Zeugniß‹ im Ratsprotokoll zu Kleinheppach.
Zwei Monate später ist mein Ur-Ur-Urgroßvater ausgewandert. Er war 56 und seine Frau 54 Jahre alt. Am 22. September sind sie losgefahren. Entweder mit Pferd und Wagen oder mit einem Ochsengespann.
Aus alten Unterlagen geht hervor, dass die Familie sehr beliebt und geachtet war und zum Mittelstand gehörte. Auch war er seit über zwei Jahrzehnten Mitglied im Gemeinderat und wurde von diesem und dem Bürgermeister immer wieder gewarnt, nicht nach Russland auszuwandern. Sie wollten ihn nicht gehen lassen.
In Kleinheppach sind von ihren acht Kindern im Laufe der Jahre vier gestorben. Die fünfjährige Elisabetha Katharina starb 1815. Das fünfte Kind hatte ebenfalls den Namen Elisabetha Katharina und ist 1819 im Alter von nur einem Jahr gestorben.
Die beiden letzten Kinder waren Buben: 1828 starb Johann Wilhelm im Alter von sieben Jahren und 1823 verstarb Richard mit einem Jahr.
Es war sicher nicht leicht, sich von den Kindergräbern zu verabschieden, ebenso von vertrauten Nachbarn, lieben Freunden und Verwandten.
Mit auf die Reise gingen die beiden Töchter Johanna Wilhelmine, 29 Jahre, und Wilhelmine Katharina, 26 Jahre, und die Söhne Johann Georg, 18 Jahre, und Johann Daniel, 14 Jahre. Beide Töchter waren nicht verheiratet, obwohl sie längst das Heiratsalter erreicht hatten. Vermutlich reichte das Geld nicht, um zu heiraten.
Mit dabei war noch der ledige 50-jähriger Bruder Johann Friedrich und die ledige Magd Magdalena Heubach, 33 Jahre. Magdalena wollte mitreisen, weil alle Verwandten bereits nach Sarata in Bessarabien ausgewandert waren. Sie stammte aus Grunbach.
Beschleunigt wurde dieses Vorhaben durch den überraschenden Umstand, dass J. D. Hermann an der Stelle von Johannes Idler aus Strümpfelbach ausreisen konnte. Dieser wollte nicht mehr fort und so verkaufte er für 12 Gulden alle Rechte und ließ seinen Verzicht von dem Schultheiß Krauß in Strümpfelbach beurkunden. Der Kaiserliche Russische Gesandschaftssekretär Cofedoraff hatte inzwischen dem Wunsch Daniel Hermanns entsprochen, an Stelle des Johann Idler nach Südrussland zu wandern, wenn die hierzu nötigen Bedingungen erfüllt sind. Nun mussten das Ehepaar Hermann und die volljährigen Kinder noch die Bürgerrechts-Verzichts-Urkunde des Königreiches Württemberg unterschreiben, wonach auf das Bürgerrecht zu Kleinheppach wissentlich und wohlbedächtig Verzicht geleistet wurde. Erst dann erhielt Johann Daniel Hermann den gesetzlichen Reisepass, auf dem auch Friedrich Hermann als Knecht und Marie Magdalena Heubach als Magd aufgeführt waren.
All diese Vorschriften waren eine nervenaufreibende und umständliche Prozedur. In ihren Taschen hatte Johann Daniel Hermann 600 Gulden, sein Bruder Friedrich 50 Gulden und Maria Magdalena Heubach 260 Gulden.
Obwohl der Winter vor der Tür stand, machten sie sich am 22. September auf den Weg. Eine lange Reise per Achse und ohne Anführer.
1834 kam die Gruppe in Gnadental an.
Hätte Johann Daniel Hermann damals schon gewusst, dass er bereits zwei Jahre später sterben würde und seine Frau zwei Jahre nach ihm, er wäre vermutlich in Kleinheppach geblieben.
Als die Familie in Gnadental ankam, war sie sehr enttäuscht. Viele neu angekommene Familien hausten noch in äußerst primitiven Erdwohnungen – ›Pude‹ genannt. Das waren zwei hintereinander liegende Zimmer, die in etwa einem Meter Tiefe in die Erde gebaut worden waren. Vorne die Küche und hinten ein Schlafzimmer für alle. Das Dach war mit Schilf gedeckt. Solch eine ›Pude‹ kaufte er dann für 200 Rubel und 1 Körbeltaler von dem Wagner Zeller, der weiterziehen wollte. Die Ansiedler Gnadentals waren nicht angeworbene freie Auswanderer, denen von Seiten des Staates keinerlei Unterstützung weder zur Reise, noch zur ersten Einrichtung gegeben worden ist.
So hatte er sich sein Leben nicht vorgestellt und so wollte er es auch nicht fristen. Heimweh machte sich breit. Das ganze neugegründete Dorf Gnadental beschloss einstimmig, wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Daraus wurde dann allerdings nichts, weil Krankheiten, Seuchen, Tod und vermutlich auch Geldmangel eine Rückreise unmöglich machten. Er starb 1836 in Teplitz bei seiner ältesten Tochter, die sich inzwischen nach dort verheiratet hatte. Zwei Jahre später starb auch seine Frau Wilhelmine Katharina, geb. Gall.
Johann Friedrich, der Bruder, hatte sich in Beresina niedergelassen. Er verstarb im gleichen Jahr wie Wilhelmine Katharina.
Die zweite Tochter, Wilhelmine Katharina, verheiratete sich nach Beresina. Johann Georg blieb in Gnadental und gründete dort eine Familie. Er ist mein Vorfahre mütterlicherseits (Anna Hermann, geb. 28.12.1917).
Johann Daniel, der Jüngste, erlernte in Odessa das Schneiderhandwerk und übersiedelte nach Beresina, wo er 1849 starb.
Quellenangabe:
Gnadental 1830–2002 Sippentafeln.
Ludwigsburg/Auswandererakten, Staatsarchiv.
Kleinheppach von 1967, Chronik der Gemeinde.
Heimatbuch Gnadental.
Pfarramt Korb Archiv der ev. Kirche.

UNTERWEGS GEBOREN ...
Anna stand in der vorderen guten Stube am Tisch. Vor sich hatte sie Stoff für ein neues Kleid ausgebreitet. Den hatte sie vor Kurzem im Konsum, dem einzigen Gemischtwarenladen in Gnadental, gekauft. Die Ware war neu eingetroffen und gefiel ihr ausnehmend gut, und so hatte sie gleich zugegriffen. Auch Stoff für Mullwindeln kaufte sie ein. Sie war eine junge Frau von 22 Jahren und erwartete mich, ihr erstes Kind.
Die gute Stube in dem Bauernhof bewohnte sie erst seit knapp einem Jahr. Damals hatten Robert und sie den Bauernhof von einem kinderlosen alten Ehepaar übernommen. Dafür hatten sie sich verpflichtet, für dieses Ehepaar zu sorgen. Es war ein kleiner Bauernhof. Für beide Familien reichte der Wohnraum nicht aus. Deshalb war es notwendig, eine zusätzliche separate Wohnung einzurichten. Das erreichten sie durch den Umbau des im hinteren Teil des Hauses befindlichen Kuhstalles, wo nach geraumer Zeit ein schönes Wohnzimmer und ein Schlafzimmer entstanden. Die neue Wohnung, in dem nun Emma und Gotthilf wohnten, wurde ›Altenteil‹ genannt. Meine Eltern Anna und Robert bewohnten den vorderen Teil des Hauses. Die vorhandene Küche wurde gemeinsam genutzt. Auch neue Ställe für die Kühe, die Schafe und vor allem für die Pferde wurden gebaut.
Im Hof liefen viele Hühner. Emma vom Altenteil hatte die Aufgabe übernommen, sie zu versorgen und die Eier einzusammeln. Gotthilf machte sich auch auf dem Hof nützlich und verrichtete verschiedene Arbeiten, die er noch machen konnte.
Als Robert 1939 den Hof übernommen hatte, waren die politischen Gewitterwolken noch weit weg. Im Radio und in der Zeitung wurde von einem Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, dem ›Hitler-Stalin-Pakt‹, berichtet, denn Russland war um Sicherheit in der Außenpolitik bemüht. Josef Stalin sowie der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrob und Molotow, der russische Kommissar für Äußeres, unterzeichneten in Moskau diesen Vertrag. Als dann wenig später der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch in Polen am 1. September 1939 ausbrach, fühlte sich Robert in Rumänien noch sicher und geborgen und war wenig beunruhigt. Dem Hitler-Stalin-Pakt folgte ein ›Grenz- und Freundschaftsvertrag‹ mit geheimen Zusatzprotokollen.
Robert war derweil vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf seinem Hof und den Feldern beschäftigt. Den neuen Pferdestall hinterm Haus hatte er gerade fertig gestellt. Das Geld dafür hatte er den Winter über in einer Schlosserei im Ort verdient. Auf seine Pferde war er sehr stolz und es war ihm wichtig, dass sie gut untergebracht waren. Nun freute er sich über den guten Stand der Felder und erwartete eine gute Ernte mit überdurchschnittlichen Erträgen. Wie jedes Jahr halfen ihm einige Tagelöhner bei der Arbeit, alleine hätte er es nicht geschafft. Er war Bauer mit Leib und Seele und konnte sich ein Leben ohne seine geliebten Pferde und den Bauernhof nicht vorstellen.
Am 24. Juni 1940 war es plötzlich aus mit der Ruhe. An diesem Tag forderten die Sowjets ultimativ Bessarabien von Rumänien zurück, das sie am Ende des Ersten Weltkrieges wegen militärischer Schwäche hatten abtreten müssen. Dass das strategisch wichtige Bessarabien den Rumänen zugesprochen wurde, wurde als territoriale Ungerechtigkeit angesehen.
Dieser Landstrich war immer ein Kontrollposten an der Donaumündung und Brückenkopf für sowjetische Präsenz in Südosteuropa. Außerdem gehörte Bessarabien zum fruchtbaren Schwarzerdegürtel der Ukraine und war für den Hafen in Odessa sehr wichtig.
Auch der deutsche Rundfunk berichtete und die Nachricht schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Die russische Regierung forderte Rumänien auf, innerhalb von 3 Tagen das Land bedingungslos zu räumen. Rumänien war sich dieser heiklen Situation immer bewusst gewesen, gab nun nach und entschloss sich zur freiwilligen Räumung.
Für die rumänischen Beamten und das Militär bedeutete dies, so schnell wie möglich in ihre angestammte Heimat zu flüchten.
Es wurde in aller Eile gepackt und alles, was nicht niet- und nagelfest war, zum Bahnhof gebracht und in Güterwagen verladen. Andere zogen es vor, mit beschlagnahmten vollgepackten Pferdewagen und allerlei zu Recht oder Unrecht erworbenen Gütern das Weite zu suchen. Rumänische Polizei- und Militärfunktionäre zogen ungeniert fremde Fuhrwerke ein und beluden sie mit Ausrüstungsgegenständen und Lebensmitteln. Viele deutsche Bauern versteckten daher ihre Pferde und Wagen in den meterhohen Maisfeldern, um sie nicht abgeben zu müssen.
Den Russen missfiel natürlich die Art und Weise, wie die Rumänen sich ungeniert in Bessarabien bedienten. Am 28. Juni 1940 marschierte daher die Rote Armee in Bessarabien ein. Russische Fallschirmjäger stürzten die letzten abziehenden Rumänen in ein heilloses Chaos. Hunderte von beschlagnahmten Fuhren kamen wieder zurück und die Leute, die auf den Wagen saßen, mussten zu Fuß in ihre Heimat flüchten.
Die Bevölkerung Bessarabiens war geschockt, denn sie erfuhr vom Ultimatum erst am Vorabend des russischen Einmarsches aus dem Radio. Die Besetzung erfolgte dann blitzschnell. Die Einwohner waren vor Schreck wie gelähmt und konnten kaum erfassen, was alles auf sie zukam. Unsicherheit über die weitere Zukunft machte sich breit. Die Erinnerung an die geplante Deportation aller Bessarabien-Deutschen nach Sibirien im Winter 1917 kam wieder hoch. Damals hatten sie Glück gehabt, denn starker Frost und unermesslich viel Schnee verhinderten den Abtransport von 80.000 Deutschen. Dass nach dem Versailler Vertrag und dem Ende des 1. Weltkrieges das Land dem rumänischen Staat zugeteilt wurde, war für sie ein großes Glück.
Damals sprach sich schnell herum, zu welch ungeheuerlichen Gräueltaten die Sowjets auf der anderen Seite des Grenzflusses Dnjester fähig waren. Katastrophale Agrarpolitik, Kulakenverfolgung, Hungersnöte, Massen-sterben ungeahnten Ausmaßes, politische Repressionen und Deportationen waren an der Tagesordnung.
Kulaken waren selbstständige Bauern, die Hof, Felder und Tiere besaßen. ›Kulak‹ ist in Russland ein Schimpfwort und meint einen Ausbeuter, der vernichtet werden muss. Somit galten die meisten Bessarabien-Deutschen Kolonisten als Kulaken und hätten im russischen System keine Chance gehabt. Und jetzt stand die Rote Armee vor ihrer Tür!
Sofort änderte sich alles: Die jeweiligen Dorfschulzen wurden abgesetzt und der Dorfsowjet hatte nun das Sagen. Männer der Roten Miliz standen in Zivilkleidung und bewaffnet am Dorfeingang und am Ende der langen Dorfstraße. Innerhalb kürzester Zeit waren die Lebensmittelläden leer und neue Ware kam nicht nach. Wer nicht rechtzeitig vorgesorgt hatte, hatte nun das Nachsehen.
Schon alleine diese Tatsache ließ erahnen, wie es unter russischer Verwaltung weitergehen würde. Und am 29. Juni erschien dann auch ein Erlass Stalins, dass alles unbewegliche Vermögen in Bessarabien verstaatlicht werden soll.
Mit der Zeit wurde bekannt, dass Hitler und Stalin über eine Aussiedlung der Auslandsdeutschen aus Bessarabien und der Nordbukowina verhandelten. Nun war klar, dass es den Bessarabien-Deutschen genauso ergehen würde, wie 1939 den Wolhynien-Deutschen, über die so viel berichtet wurde. Vorerst ließ man aber die deutschen Kolonisten für sich arbeiten. Sie sollten eine gute Ernte einbringen, bevor man sie gehen ließ.
Festgenommen oder verschleppt wurden deutsche Kolonisten nicht, während viele der reichen Russen, Bulgaren und Juden abgeholt wurden und zumeist nicht wieder zurückkamen.
Der Gedanke an eine Umsiedlung aus ihrer vertrauten Heimat in eine völlig ungewisse Zukunft belastete ungemein. Hier in Gnadental und auch in den anderen Dörfern hatte man sich schließlich durch harte Arbeit eine gesicherte Existenz geschaffen. Nun sollten mehr als 93.000 Deutsche die 152 blühenden, schönen Dörfer und Städte mit weit über einer Million Morgen fruchtbarem Land verlassen. Sie hatten die Steppen zu einer Kornkammer gemacht. Die Deutschen hatten immer ihre eigenen, gut funktionierenden und bewährten Dorf- und Oberämter und ab 1918, als Bessarabien rumänisch wurde, auch ihre eigene Gerichtsbarkeit. Sie hatten eigene Lehrer, Schulen, Kirchen, Ärzte, Krankenhäuser, Altenheime, Molkereien, Büchereien, Mühlen und Museen. Nun mussten sie alles aufgeben, was bis dahin ihr Leben ausgemacht hatte. Und dabei ging es nicht nur um das von den Großeltern urbar gemachte Land, sondern auch um die Gemeinschaftseinrichtungen, Kirchen und Schulen, Organisationen, Zeitungen und vieles andere mehr. Vor allem sollten sie die festgefügten Dorfgemeinschaften aufgeben, die ihnen bis dahin den Rahmen ihres Lebens abgesteckt hatten. Was sie mitnehmen konnten, war die Lebenserfahrung, ihre Grundeinstellung zu Leben und Glauben.
Christlicher Glaube bestimmte mit einer großen Selbstverständlichkeit das Leben in den deutschen Siedlungen Bessarabiens. Man sah es als Lebensaufgabe an, Gottes Gebote einzuhalten, den Worten der Bibel im Alltag zu folgen. Die Kirche war Mittelpunkt und Halt der Kolonisten.
Bessarabien wurde nun nach 22 Jahren wieder eine russische Provinz. Aber Russland war inzwischen ein anderes Russland geworden – mit einer anderen Einstellung zum Privatbesitz.
Auch hatte sich eine totale Wandlung in politischer und sozialer Hinsicht durch die Revolution vollzogen. Die Kommunisten waren an der Macht. Für die deutschen Kolonisten war das eine andere Welt, damit konnten sie sich nicht abfinden. Das neue Russland hatte die Deutschen als Pioniere nicht mehr nötig wie einst Zar Alexander, der sie ins Land rief.
Gab es überhaupt eine Alternative zur Umsiedlung ins Reich?, fragte man sich. Das Schicksal der Deutschen im Schwarzmeergebiet wäre letztlich Schikane und Deportation, was viel schlimmer als eine Umsiedlung nach Deutschland gewesen wäre.
Es war Mitte September und der Winter stand vor der Tür. Unschlüssig stand Anna vor ihrem Schrank. Was sollte sie mitnehmen, was konnte sie tragen? Nur 35 Kilogramm Handgepäck waren je Person erlaubt. All die prächtige Aussteuer, die schöne Wiege und die mit so viel Liebe gefertigte Babyausstattung! Wird das Kleine vor lauter Aufregung und Sorge noch vor der Abreise kommen? Die ›Placht‹, ein großes gewebtes Tragetuch, hatte sie schon bereitgelegt.
›Wo lege ich es schlafen‹, fragte sie sich, ›und wo kann ich unterwegs Windeln waschen und trocknen? Kann ich das Kind irgendwo baden, trockenlegen und stillen? Bekomme ich die richtige Babynahrung und frische Kuhmilch?‹ Fragen über Fragen und keine Antwort. Sie konnte es nicht fassen, dass sie in diesem Zustand ihr Haus verlassen sollte. Was passiert, wenn sie das Kind irgendwo unterwegs bekommt? Wenn es Komplikationen gibt, ärztliche Versorgung notwendig ist? Angst machte sich breit. In welch eine fatale Situation war sie geraten, und wie konnte sie mit ihr fertig werden?
Anna war eine hübsche Frau mit einem ebenmäßigen Gesicht. Ihr dunkelblondes langes Haar hatte sie zu einem Knoten verschlungen, der ihren Hals zierte. Von Gestalt war sie eher zierlich, einen Kopf kleiner als Robert.
Robert war groß und schlank mit dunkelblondem, welligem Haar. Was ihn auszeichnete, war seine Geradlinigkeit und die zupackende Art, mit der er tatkräftig und planvoll seine Aufgaben erledigte. Schlosser oder Schmied hätte er gerne gelernt. Fast alle seiner Schulkameraden lernten einen Beruf. Aber sein Vater hatte bestimmt: »Robert, du wirst Bauer!« Und das Wort des Vaters galt, Widerrede war nicht erlaubt.
Um ihn gefügig zu machen, schickte er ihn zu einem Schneider in die Lehre. Drei Wochen saß Robert da mit untergeschlagenen Beinen am Tisch und stichelte mit seinen großen Händen im Stoff. Dann hielt er es nicht mehr aus, lieber wollte er ein freier Bauer auf einem eigenen Hof sein. Vater Friedrich hatte sein Ziel erreicht. So setzte er auch andere Entscheidungen durch. In seiner Amtszeit als Bürgermeister musste er mit den korrupten rumänischen Beamten auskommen. Das war außerordentlich schwierig. Am besten erreichte er seine Vorstellungen, wenn er sie zum Essen einlud und mit seinem Wein nicht sparte. Pauline, seine zweite Frau, tischte üppig auf und war im Umgang mit den Rumänen sehr geschickt.
Robert war mit ein paar Helfern im Hof damit beschäftigt, einen Planwagen zu bauen.
Im ganzen Dorf herrschte hektische Betriebsamkeit. Jede Familie hatte mit sich selbst zu tun. In allen Häusern wurde geschlachtet, gebacken, gebraten, gepackt und wieder umgepackt. Haltbare Lebensmittel wurden für die lange Reise zubereitet.
Ihre neue Singer Nähmaschine wollte sie mitnehmen, überlegte Anna. Die hatte ihr Bruder Georg für sie in Deutschland gekauft und einführen lassen.. Nun machte sie den Weg wieder zurück! 1.000 Kilogramm Gepäck konnte jeder Pferdebesitzer mit dem Planwagen mitnehmen. Jede Person ab 14 Jahren durfte 2.000 Lei bei sich haben. Das war ein sehr bescheidener Betrag, doch selbst der war schon nach kurzer Zeit nicht mehr vom Sparkonto abzuheben, weil die Banken ohne Mittel waren.
Umsiedlungskommissionen aus Vertretern Russlands und Deutschlands regelten den Ablauf.
Wie war es wohl in Deutschland? Ihr Kind sollte dort zur Welt kommen, wenn Gott wollte. Deutschland – da ging es gerecht zu, da herrschte weder Korruption noch Ungerechtigkeit, dachte sie.
Überall im Dorf hing der Aufruf, sich an einer bestimmten Stelle beim deutschen Bevollmächtigten zu melden und sich in die Umsiedlungslisten eintragen zu lassen. Mit der Registrierung legten die Kolonisten ihre rumänische Staatsbürgerschaft ab. Von Deutschland erhielten sie das Recht, einreisen zu dürfen. Eingebürgert wurden sie erst in den Umsiedlungslagern im damaligen ›Altreich‹. Zuerst sollten die alten Leute, Frauen und Kinder und diejenigen, die keine Pferde hatten, mit deutschen Omnibussen in die Donaustadt Kilia gebracht werden. Dort sollten alle mit Schiffen die Donau aufwärts in ein sogenanntes Umsiedlungslager befördert werden. Schon am 15. September 1940 hatte die Umsiedlungskommission vor, mit der Aktion zu beginnen.
Im Dorf wurde erzählt, dass niemand auf seinem Hof bleiben darf. Diejenigen, die sich nicht zur Umsiedlung melden würden, kämen nach Sibirien.
Sibirien – allein das Wort löste Ängste aus. Es hatte sich herumgesprochen, wie schlecht es den Deutschen ging, die dorthin verbannt worden waren. Am allermeisten fürchteten sie sich davor, Kolchosearbeiter werden zu müssen und weiter in den Osten oder ins Innere Russlands verschickt zu werden. Vater, Mutter, die Kinder, jeder in einen anderen Teil des Landes, unauffindbar, unerreichbar. Schrecklich war die Vorstellung, unter Fremden neu anfangen zu müssen, wieder Land zu kultivieren, hilflos der Behördenwillkür und fremden Menschen ausgeliefert zu sein.
Von anderen Siedlungen weit im Osten hatten sie diese Dinge gehört. Und solch eine Zukunft fürchteten sie nun. Lieber wollten sie einen Neuanfang in Deutschland wagen, um freie Bauern und freie Menschen bleiben zu können. Deutsche im deutschen Vaterland!
Alle Bewohner des Dorfes meldeten sich also zur sogenannten freiwilligen Umsiedlung an. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Es wurde ihnen versprochen, dass sie nach einer kurzen Zwischenzeit einen Bauernhof im Warthegau oder Pommern-Westpreußen zugeteilt bekommen würden. Genauso, wie es bereits mit den Balten-Deutschen und den Wollhynien-Deutschen erfolgreich durchgeführt worden sei. Das Deutsche Reich braucht tüchtige Bauern, hieß es immer wieder. Dass sie dort gebraucht würden, war ihnen ein Trost.
Alle würden mitgehen, keiner wollte zurückbleiben – die Eltern, Geschwister und die vielen Verwandten.
Die meisten waren reiche Bauern, die an Haus, Hof und Feld hingen. Annas Eltern gehörten zu den wohlhabendsten Bauern im Ort. Sie war mit neun Geschwistern aufgewachsen. So viele Kinder waren keine Seltenheit in Bessarabien, denn man hatte genug, sodass alle gut versorgt werden konnten.
Zwei Brüder lebten mit ihren Familien in Annowka, einem Dorf, circa 50 Kilometer von Gnadental entfernt. Dort hatte ihr Vater schon vor längerer Zeit 50 Hektar Land gekauft und es den beiden Söhnen überschreiben lassen. Zwei Brüder waren Lehrer geworden, die ältere Schwester Lydia hatte in Stuttgart eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester absolviert. Emma hatte wie sie selbst einen Bauern geheiratet. Traugott war auch Bauer, zwei Schwestern waren noch nicht verheiratet.
In der Bauernschule im Nachbarort Arzis wurden seit einigen Jahren Lehrgänge im Weben, Nähen und Zuschneiden angeboten. Diese Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Auch Anna und ihre Schwester Emma lernte dort, wie man Kleider näht. Zuerst wurden Trachten genäht und später gab es Zuschneidelehrgänge. Rosa, ebenfalls eine ältere Schwester, hatte sich fürs Weben entschieden. Alle drei waren sehr geschickt und stolz auf ihre selbst gefertigte Kleidung. Anna trug sich mit dem Gedanken, in dem vorderen Zimmer eine Nähstube zu eröffnen. Die Nähmaschine stand ja schon dort vor dem Fenster.
Sicher hätte sie ihre Fertigkeit im Nähen noch ausbauen können. Das waren jetzt alles Träume und Wünsche, die sie, wie so vieles, auch in Gnadental zurücklassen musste. ›Kleider werden immer gebraucht, bestimmt auch in Deutschland‹, tröstete sie sich.
Dann hörte Anna draußen Stimmen. Ihr Schwiegervater Friedrich war in den Hof gekommen, um Robert zu holen. Er brauchte dringend Hilfe für die Erntearbeiten. Bis vor Kurzem war er noch Dorfschulz. Dann wurde er abgesetzt und unterstand jetzt dem eingesetzten Dorfsowjet. Im Kirchengemeinderat war er seit langer Zeit tätig. Er war groß und kräftig, aber nicht dick, war eine Respektsperson, auf die man hörte.
Als sein Vater starb, war Großvater Friedrich 13 und sein jüngster Bruder erst 11 Jahre alt. Er hatte insgesamt fünf Schwestern und drei Brüder. Seine Mutter musste sich mit neun Kindern alleine durchschlagen. Die Landwirtschaft, die er zurückließ, reichte nicht für alle. So mussten die Jungen einen Beruf erlernen.
Großvater Friedrich ging bei einem Schuster in die Lehre und verdiente sich so einen bescheidenen Lebensunterhalt. Als er zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen war, verliebte er sich in ein reiches Bauernmädchen. Aus ihnen wurde allerdings nichts, weil er zu arm war. Auch in Bessarabien galt die Parole: ›Liebe vergeht, Hektar besteht!‹
Im Jahr 1908 entschloss sich sein zwei Jahre jüngerer Bruder, nach Amerika auszuwandern. Diese Möglichkeit sah Friedrich auch für sich als einen Ausweg aus der Armut an. Seinem besten Freund Albrecht machte er den Vorschlag, gemeinsam auszuwandern. Albrecht hatte sich auch schon Gedanken über solch einen Schritt gemacht. Viele junge Männer gingen damals über den ›großen Teich‹, um dem gefürchteten russischen Militärdienst zu entkommen – damals gehörte Bessarabien schließlich noch zu Russland. Doch Albrecht bekam Angst vor seiner eigenen Courage und so blieben sie.
Drei Jahre später heiratete Friedrich Christine Dorsch, die Tochter des begüterten Georg Dorsch. Zur Hochzeit erhielten sie eine stattliche Hofstelle, und Friedrich betrieb neben der Landwirtschaft noch eine Schusterwerkstatt, in der er dann auch Lehrlinge ausbildete.
Robert war das erste Kind, das Christine ihm schenkte. Sie gebar noch drei Kinder, doch zwei starben schon recht früh. Aber ihr letztes Kind, Traugott, überlebte.
Christine war erst 45 Jahre alt, als sie starb. Am Morgen war ihr schwindelig. Trotzdem bereitete sie noch das Essen für die Ausfahrt auf die einige Kilometer entfernten Felder zu. Dann legte sie sich ins Bett und verlor das Bewusstsein. Friedrich ließ einen Arzt aus dem sieben Kilometer entfernten Sarata kommen. Doch der konnte ihr nicht helfen. In seiner Not wandte er sich an den Arzt aus dem Nachbarort Lichtental, aber auch der wusste keinen Rat. Sie ist dann abends ruhig eingeschlafen, noch bevor ihr siebzehnjähriger Sohn wieder von den Ländereien der weiter entfernten Steppe heimgekehrt war. Schwer hatte es auch der dreijährige Traugott. Keiner in der Familie hatte mit so einem schnellen und frühen Tod gerechnet.
Täglich bekamen die deutschen Bauern mit, was ihnen bevorstand, wenn sie bleiben würden. Es gab ständig neue Verordnungen und Vorschriften des Dorfsowjets, wann, was, und wie viel jede Wirtschaft abzuliefern habe und wie dies genau getan werden müsse. Viele der russischen Besatzer hatten kein Verständnis für den notwenigen Ablauf der Erntearbeiten. Sie waren misstrauisch und schikanierten häufig. Sie achteten streng darauf, dass alle Abgaben pünktlich geliefert wurden und drohten mit Abschiebung nach Sibirien, wenn es nicht so ablief, wie sie es wollten.
Anna hatte von Robert gehört, dass die Deutsche Umsiedlungs-Treuhandgesellschaft eine Vermögensentschädigung versprochen hatte. Umsiedlungs-Treuhandgesellschaft, Vermögensentschädigung – was für Worte! Das bedeutete, dass jede Familie ihr Vermögen auflisten musste. Es war eine schwierige und ungewohnte, aber notwendige Arbeit, Haus, Nebengebäude, Stallungen, Hausrat, Geräte und Tiere zu bewerten.
Robert hatte von seinem Vater erfahren, dass zu diesem Zweck örtliche Ausschüsse gebildet wurden, in denen auch Russen vertreten waren. Deren Aufgabe bestand darin, diese Aktion zu überwachen.
Sie waren ja die Herren des Landes und glaubten immer noch, es würde ein gewisser Prozentsatz der Deutschen zurückbleiben, die sie dann zur Ansiedlung nach Sibirien schicken konnten. Russland schätzte die Kolonisten sehr wegen ihres Fleißes und der Vorbildfunktion für andere Nationen. Die Deutschen lebten in der Mehrzahl in den von ihnen gegründeten Dörfern und Städten. Andere Nationen wie z.B. die Rumänen, Ukrainer, Bulgaren oder Moldowaner hatten auch ihre eigenen Dörfer. Es herrschte ein gutes Miteinander und jeder akzeptierte die Eigenheiten der anderen. Viele der nichtdeutschen Einwohner fanden Brot und Arbeit in den deutschen Dörfern. Als nun die Russen feststellten, dass sich alle in die Umsiedlerlisten aufnehmen ließen, konnten sie ihren Ärger nur schwer verbergen und erschwerten auf vielerlei Art die Arbeit der Kommission. Vor allem gab es heftige Auseinandersetzungen wegen der Höhe des Wertes der deutschen Höfe, weil die russischen Vertreter den Wert als sehr gering einstuften. Dieser ermittelte Wert war dann die Grundlage für die von der UdSSR zu zahlende Entschädigung an das Deutsche Reich. Das zu jedem Hof gehörende Land war nun russisches Eigentum und spielte bei der Aufstellung keine Rolle.
Diese Auseinandersetzungen waren äußerst ärgerlich und sprachen sich in Windeseile im Ort herum. Manche verkauften Sachen aus Haus und Hof. Käufer aus den umliegenden Russen- und Bulgarendörfern waren genug da. Auch wurde vor der Abreise noch viel an Bekannte aus anderen Dörfern verschenkt. Erwischen lassen durften sie sich allerdings nicht, denn dann hätte es empfindliche Strafen gegeben.
Die besten Pferde, das beste Geschirr, stabile Wagen, Laternen und Reserveräder, verstärkte Zugleinen und Werkzeuge wurden für die Reise bestimmt. Als Schutz vor Kälte und Regen wurde in hohem Bogen ein breitgewölbtes Dach aus bunten, selbstgewebten Planen oder fest gebundenem Stroh hergestellt.
Welche Dinge, die sie daheim so selbstverständlich zum Leben und Arbeiten besaßen, würden sie in ihrer neuen Heimat brauchen? Sie wussten ja nicht, wohin sie kommen und was sie vorfinden würden. Sie vermuteten, dass es ein vom Krieg verwüstetes Stück Land sein würde. Genaueres wusste man aber nicht. Nur bei einem waren sie sich sicher; dass die sowjetischen Bevollmächtigten sie bei der Ausreise scharf kontrollieren würden. Es durften keine Bücher oder Gegenstände aus Edelmetall und nur geringe Geldbeträge mitgenommen werden.
Anna und die anderen Frauen nähten nun ihre Eheringe und sonstigen Goldschmuck in Mantelsäume oder Rockaufschläge ein – das Gold sollte ihr und auch Robert später auf ihrem beschwerlichen Weg noch das Leben retten.
Lydia war gekommen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie war erst seit kurzer Zeit wieder in Bessarabien. In Stuttgart hatte sie eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester beendet. Als der Krieg ausbrach, musste sie Deutschland verlassen. Deswegen war sie wieder nach Gnadental zurückgekehrt. Sie beruhigte und tröstete ihre jüngere Schwester und meinte, dass der Geburtstermin Anfang Oktober sei. Sie erzählte Anna, dass sie vom Umsiedlungsstab für die Kranken- und Geburtsstation im Umsiedlungslager Böhmisch-Leipa eingesetzt worden war. Das sei die Zwischenstation im Sudetenland, wohin alle Gnadentaler gebracht werden sollten, berichtete sie. Von dort aus sollten sie im Warthegau angesiedelt werden.
Das beruhigte Anna und sie war froh, die Schwester an ihrer Seite zu wissen.
»Sind wir Anfang Oktober schon in Deutschland?«, fragte sie noch.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Lydia. Sie half ihr bei der Auswahl der Babysachen, die sie mitnehmen sollte und gab ihr noch manchen guten Ratschlag.
Die sechsjährige Wally, Roberts kleine Halbschwester, wohnte im Nachbarhaus und hielt sich oft bei Anna auf. Sie war ein sehr aufgewecktes Kind. Mit Wally kam sie gut zurecht, aber das Verhältnis zu Roberts Stiefmutter Pauline war weniger gut. Roberts Vater hatte sie schon ein halbes Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet. Traugott war damals erst drei Jahre alt; da ging es nicht ohne Frau im Haus. Drei Jahre später kam Wally dazu. Von Anfang an besetzte Pauline, die neue Frau im Haus, ihren Platz recht energisch. Auf Kompromisse ließ sie sich nicht ein.
Anna und Robert wohnten nach ihrer Hochzeit ein Jahr mit ihr unter dem gleichen Dach. Pauline erwartete von Anna, dass sie eine untergebene und folgsame Magd sei und ohne Nachzufragen alles so erledigen würde, wie sie es vorgab. Aber das klappte nicht und es gab Differenzen.
Seit einem Jahr hatte Anna nun ihren eigenen Hausstand und war froh, nicht mehr unter der Fuchtel der Schwiegermutter leben zu müssen.
Roberts jüngerer Bruder Traugott war dreizehn, als sie Gnadental verlassen mussten. Technik interessierte ihn, einen Beruf wollte er erlernen. Am liebsten Uhrmacher, etwas mit Feinmotorik. Bauer wollte er auf keinen Fall werden. Wenn er auf dem Acker pflügen musste, hatte er oft eine alte Taschenuhr dabei, die er im Laufen auseinandernahm und wieder zusammensetzte.
Ob die Ackerfurche gerade oder krumm war, war ihm nicht wichtig.
In Gnadental trafen sich seit einiger Zeit die Jugendlichen ab 14 Jahren regelmäßig zu Spiel, Sport und Schulung. ›Neue Bewegung‹ hieß die Zusammenkunft und der Anstoß war von Deutschland ausgegangen. In Deutschland nannten sie sich ›Hitlerjugend‹. Die jungen Menschen waren begeistert, endlich wurde etwas für sie gemacht. Es wurde Theater gespielt, Gedichte von Goethe und Schiller wurden vorgelesen und Volkslieder gesungen. Es fanden Sportfeste statt, die nicht nur die Leistungen einzelner Kameraden, sondern auch die kämpferische Haltung der jungen Mannschaft zeigten. ›Ein Volk, eine Jugend‹, war der Grundsatz. Deutscher Fleiß, Ehre und Gerechtigkeit wurden gepriesen. Dinge, die den gläubigen Pietisten wohl in den Ohren geklungen haben.
Traugott war erst 13 Jahre alt. Er war noch nicht konfirmiert und durfte nicht zu den Versammlungen gehen. Aber von seinen älteren Freunden hörte er, wie alle mit unglaublicher Begeisterung dabei waren. Er hätte auch zu gerne mitgemacht. Bei der jüngeren Generation fand die Erneuerungsbewegung durch die vielseitigen Aktionen eine große Anhängerschaft. Ihnen wurde ein idealisiertes Deutschlandbild vermittelt und gleichzeitig die Angst vor dem Kommunismus geschürt.
Durch Berichte über Gräueltaten der Sowjets auf der anderen Seite des Grenzflusses Dnjester und die Angst vor Deportation nach Sibirien waren viele Ängste vorhanden. Und mit ihnen auch eine große Ablehnung der restriktiven Minderheitspolitik der rumänischen Regierung, die ein Klima der Verunsicherung, wachsende Unzufriedenheit und Proteste erzeugte.
Das Aufkommen der Erneuerungsbewegung wurde durch die jungen Intellektuellen ins Land getragen. Diese hatten überwiegend in Deutschland studiert, und viele kehrten nach Abschluss ihres Studiums als überzeugte Nazis heim. Sie lehnten das alte System und vor allem die verschärfte Rumänisierungspolitik ab und erhofften sich Rückenwind aus NS-Deutschland für eine wirksamere Vertretung ihrer deutschen Minderheitsinteressen.
Die Volksräte in Bessarabien konnten mit der Zeit diese Stimmungslage sowie den Ansehens- und Bedeutungsverlust nicht mehr auffangen und den Zulauf zur Erneuerungsbewegung, die sich an den Nationalsozialisten in Deutschland orientierte, aufhalten. Diese Strömung schwappte auch aus dem größeren Siebenbürgen herüber. Schon 1934 gelang es den Anhängern der Erneuerungsbewegung, die Führung bei den Volksratswahlen zu übernehmen und sie bis zur Umsiedlung im Jahr 1940 zu halten. Trotz ihrer Ausbreitung stieß auch vielerorts, vor allem bei der pietistisch geprägten Bauerngesellschaft Bessarabiens, die antireligiöse und rassistische Propaganda der Nationalsozialisten auf Unverständnis und Ablehnung.
Die letzten Tage in Gnadental waren voller Hektik. Unvergesslich für alle Dorfbewohner war der letzte Gottesdienst am 22. September 1940. Die Glocken riefen, fast alle Dorfbewohner folgten. Bei der ergreifenden Predigt des Pastors über Psalm 121 wurde mancher Seufzer laut. In Begleitung der Orgel sang die Gemeinde: ›Befiel du deine Wege‹, dann stehend: ›Eine feste Burg ist unser Gott‹. Mit dem Lied ›So nimm denn meine Hände‹ verabschiedete sich die Gemeinde von ihrer Kirche. Am Nachmittag nahmen die Familien auf dem Friedhof von ihren lieben Toten Abschied. Sie schmückten ein letztes Mal die Gräber der Verstorbenen. Der frühe neblige Spätherbstabend umhüllte die Gräber und die stolze, weiße Kirche.
Plötzlich durchflutete ein Orgelspiel den großen, weiten Raum der Kirche. Ein Lehrer hatte sich an das Instrument gesetzt und spielte ›Eine feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffe ...‹. Die Melodie brauste auf – schwoll an und brandete an die dicke Kirchenmauer, stieg den Turm hinauf bis zur Spitze in die herbstlichen Nebelschwaden.
Dann erfüllten nur noch die Dämmerung und eine tiefe Stille den Raum.

Gnadentaler Kirche.


GNADENTAL – LEB WOHL ...
Am 23. September 1940, einem Montag, erfolgte der erste Transport von Gnadental zum Donauhafen Kilia. Dort war die Einschiffung in Donaudampfer vorgesehen, der die Menschen in ein Lager in der Nähe von Belgrad bringen sollte. Frauen, Kinder und ältere Leute mussten als Erste ihr Dorf verlassen. Anna sowie Emma und Gotthilf vom Altenteil gehörten auch zu dieser Gruppe. Jetzt erst merkten sie, wie schwer das Verlassen der Heimat war. Ein letzter Gang durchs Haus – von jedem Zimmer wurde tränenreich Abschied genommen.
Dann verließen die Frauen ihr Reich. Gefasst traten sie auf die Straße. Robert hatte die Pferde eingespannt und brachte sie mit dem Gepäck zum Omnibus.
Die zurückbleibenden Männer wären am liebsten ihren Angehörigen nachgefahren. Sie mussten aber wegen der Abschätzung und Übergabe des Vermögens in ihren Häusern bleiben. Das war noch eine sehr unangenehme Prozedur.
Später zahlten die Russen an Deutschland für das zurückgelassene Eigentum in Form von Getreide, Speise- und Mineralöl. Der Gewinn floss in die deutsche Reichskasse. Hitler hatte all das mühevoll erarbeitete Vermögen der deutschen Kolonisten an die Russen verkauft und den Erlös einbehalten!
Früh, noch im Dunkeln, fuhren von vielen Seiten zweispännige Fuhren die breite Dorfstraße entlang zu einem Sammelpunkt. Sie brachten Handgepäck der Umsiedler zu dem Platz, auf dem die Omnibusse und Lastkraftwagen warteten. Schnell war das Gepäck auf den Wagen verstaut, einige Lastkraftwagen hatten sogar Anhänger, was auf den unbefestigten Wegen eine außerordentliche Belastung bedeutete.
Es fing an zu regnen und viele der Gnadentaler dachten sicher, jetzt weint der Himmel zum Abschied. Es gab aber auch welche, die fröhlich waren und sich über die Ausreise freuten. In den letzten Jahren mussten die Kolonisten sehr viele Repressalien der rumänischen Besatzung hinnehmen. In den Schulen durfte nur auf Rumänisch unterrichtet werden, selbst auf den Schulhöfen war die deutsche Sprache verboten. Prügelstrafen für kleine Vergehen waren auch ohne Verhandlung oder Urteil üblich. Hohe Steuern drückten, deftige Strafen drohten denen, die die Steuererklärung nicht in rumänischer Sprache abgegeben hatten. Nicht zuletzt deshalb übte der vollmundige Ausruf Hitlers »Deutsche heim ins Reich« eine große Wirkung auf viele aus. Sie wollten endlich nicht mehr unter fremdländischer Regierung leben, sie wollten unter ihresgleichen sein.
Es wurde Abschied genommen, ein letztes Winken. Viele Fremdstämmige, hauptsächlich aus dem Russendorf Pawlowka hatten sich zum Abschied eingefunden. Viele von ihnen arbeiteten schon jahrelang für die Deutschen und erst jetzt konnten sie das Unfassbare glauben, dass diese nun tatsächlich wegziehen würden.
850 Dorfbewohner warteten auf die Abfahrt. Nach einem Hornsignal setzte sich der Zug in Bewegung. Als dann die Glocken anfingen zu läuten, flossen viele Tränen.
Die 11-jährige Alma O. konnte gar nicht verstehen, weshalb die Erwachsenen weinen. Sie durften jetzt mit dem Omnibus fahren! Das war doch etwas Besonderes! Außerdem freute sie sich darüber, dass sie nicht den schrecklichen Staubmantel anziehen musste, der sonst üblich war, wenn sie mit dem Pferdefuhrwerk über Land fuhren.
Er war ein Schutz gegen die große, aufgewirbelte Staubwolke, in die sie meistens eingehüllt waren. Nur von diesen Fahrten waren sie immer wieder heimgekehrt. Alma verstand nicht, warum es diesmal nicht so sein sollte. Nicht mehr zurückzukommen, überstieg ihre Vorstellungskraft.
Bauern aus dem Dorf kamen mit Fuhren voll Stroh, welches sie auf den Straßen ausstreuten, damit die schweren Wagen nicht ins Gleiten kamen. Das war auch notwendig, denn der Regen machte die nicht ausgebauten Straßen in kurzer Zeit unbefahrbar. Schlimm waren die vielen Löcher und die Querrinnen, schlimm vor allem, weil kein fester Untergrund vorhanden war. Es ging langsam vorwärts, aber es ging, und der Regen hörte zum Glück bald auf. Mittags wurde eine Rast eingelegt.
Eigentlich sollte die Kolonne schon gegen 14.00 Uhr in Kilia sein. Aber die Straßenverhältnisse und das Wetter hielten so lange auf, dass es Abend wurde. Der Transportbegleiter der Kolonne war mit seinem Personenwagen mal am Anfang, mal am Ende des Zuges. Er half, wo er konnte.
Vor der Hafenstadt Kilia waren die Schwierigkeiten fast unüberwindlich geworden. Tiefer Morast und Löcher in der großen Lößgrube mussten durchfahren werden. Gegen 19 Uhr fuhren die Aussiedler geschlossen in den Hafen von Kilia, bestaunt von den Bewohnern der Stadt und von den sowjetischen Soldaten.
Das Schiff war schon mittags angekommen. Schwestern des Roten Kreuzes und der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) warteten auf die Reisenden. Für die kleinen Kinder wurde Milch für die Flaschen verteilt. Die Großen bekamen Tee und verpflegten sich von ihren mitgebrachten Vorräten.
Anna wurde nach dieser anstrengenden und holprigen Fahrt ganz besonders umsichtig betreut, weil sie hochschwanger war. Auch die Mutter von Alma O. betreuten die Schwestern sehr fürsorglich. Dass auch sie schwanger war, wusste sie damals noch nicht, aber ihr war die Sonderbehandlung aufgefallen.
Ansonsten mussten alle in den Bussen warten und dann wagenweise aussteigen, um mit ihrem Gepäck durch die sowjetische Zollkontrolle zu gehen. Das nahm viel Zeit in Anspruch. Die Busse warteten lange in der dunklen Nacht. Diejenigen, die abgefertigt waren, bestiegen die Schiffe, wo ein Imbiss auf sie wartete. Die Kinder und die älteren Leute konnten sich gleich schlafen legen, denn der aufreibendste Teil ihrer Reise lag hinter ihnen. Viele auf den Schiffen blieben wach und schauten zu dem Land hinüber, das bislang ihre Heimat gewesen war.
Die Männer sollten 14 Tage später mit dem Fuhrwerk nach Galatz an der Donau folgen. Dort mussten sie Pferd und Wagen abliefern. Ihr Gepäck wurde mit der Bahn weitertransportiert und sie selbst sollten mit einem bereitgestellten Schiff fahren, das sie ebenfalls ins Zwischenlager nach Prachowo brachte.


ZWISCHENLAGER PRACHOWO
Von Kilia aus sollte die Fahrt die Donau aufwärts in den bulgarisch-jugoslawischen Grenzhafen Prachowo gehen. Dort war von der Umsiedlungskommission eine Zeltstadt aufgebaut worden. Es war das kleinere Lager und befand sich noch vor dem ›Eisernen Tor‹, dieser gefährlichen engen Schiffspassage.
Überall flatterten Deutschlandfahnen, am Aufgang hing ein Plakat mit der Aufschrift: ›Großdeutschland grüßt Euch!‹
Nun ging die Reise mit einem weißen Donauschiff weiter in Richtung Deutschland. Auf diesem großen Dampfer zu fahren, war ein völlig neues Erlebnis für viele.
Da es schon spät am Abend war, bis alle eingestiegen waren, suchten sich die meisten gleich einen Schlafplatz. Ein sehr anstrengender Tag lag hinter ihnen und die Müdigkeit überwältigte die Umsiedler. Jede Ecke auf dem Schiff war als Liegestätte oder Nachtlager vorbereitet und mit Matratzen und Strohsäcken ausgelegt. Auch hier wurden die schwangeren Frauen bevorzugt behandelt und erhielten einen guten Platz. Viele dachten sicher an ihre warmen und weichen Betten. Die kleinen Kinder quengelten und konnten nicht verstehen, warum sie nicht nach Hause in ihre vertrauten Zimmer durften, während die älteren Kinder voller Entdeckungslust das Schiff erkundeten.
Am nächsten Tag gab es auf dieser Strecke viel Neues zu sehen. Hin und wieder legten die Schiffe an und es dauerte lange, bis sie wieder weiterfuhren. Die Familien saßen zusammen. Einige Frauen hatten extra für die lange Reise eine süße Moccacreme zubereitet und in Dosen gefüllt, die sie nun mit heißem Wasser verdünnt tranken.
Ein herrlicher Kaffeeduft breitete sich aus. Fast so wie zu Hause, ist Alma O. in Erinnerung geblieben.
Interessiert betrachteten alle die vorbeiziehende Landschaft. So einen breiten Fluss mit den vielen großen Fischen hatten die wenigsten bislang gesehen. Die meisten hingen ihren Gedanken nach und dachten an ihr entferntes Zuhause.
Viele Donauschwaben waren einst auf den legendären ›Ulmer Schachteln‹ die Donau abwärts in diese damals noch unbekannte Welt ausgewandert. Hatten gelitten und gestritten, viele Tränen vergossen und sich aufgeopfert für eine bessere Zukunft. Es bestanden enge verwandtschaftliche Verknüpfungen zwischen der Zarenfamilie in Russland und dem Haus Württemberg in Stuttgart. In Deutschland herrschte damals eine große Hungersnot. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen ihres Fleißes und der großen Zuverlässigkeit suchte der Zar dann in Deutschland, vor allem in Süddeutschland, Kolonisten. Sein Onkel, König Friedrich aus Württemberg (1754–1816), hatte notgedrungen die Erlaubnis zur Anwerbung gegeben. Es wurden viele Werber ausgeschickt, um tüchtige Bauern und Handwerker anzuwerben. Sie sollten im dünn besiedelten Bessarabien heimisch werden.
Und nun, nach fünf Generationen, ging es wieder zurück nach Deutschland! Sie mussten Hab und Gut einfach zurücklassen und wegziehen. Es war nicht zu fassen! Je weiter sie sich entfernten, umso mehr schmerzte sie der Verlust.
Die Verwandten saßen zusammen, viel sprachen sie nicht.
Anna ging es nicht gut. Sie war von der holprigen Fahrt nach Kilia gestresst und litt auf dem schwankenden Schiff. Ihre Mutter und die Geschwister trösteten und umsorgten sie. »Vertraue auf Gott, er wird es richten!«
Annas Mutter, Lydia Hermann, geb. Bantel, hatte in Gnadental oft Fremde bewirtet, wenn sie durch den Ort fuhren und einkehren wollten. Gaststätten gab es ja in den Dörfern nicht. Im weiteren Umkreis war dann schnell bekannt geworden, dass es bei Hermanns immer etwas zu essen und zu trinken gab. Wer würde jetzt die Fremden und Durchreisenden bewirten? An den guten Wein im Keller dachte sie, an die vielen Vorräte, die sie nicht mitnehmen konnte. Und die 22 Kühe im Stall – wer würde sie melken?
So hingen alle ihren Gedanken nach und wären nach dieser anstrengenden Nacht allzu gerne wieder zurück in ihre Häuser gefahren.
Als dann eine halbe Stunde vor Ankunft des Schiffes im stillen Lager die Alarmglocke ertönte, wurde es überall schnell lebendig. Die Männer vom Arbeitsdienst, die Sanitäter mit Krankenwagen, die Pfleger und Helferinnen vom Roten Kreuz waren da. Schwabenmädchen aus dem Banat zogen singend mit der Lagerkapelle zum Landeplatz. Dichtgedrängt standen die Frauen, Kinder, Halbwüchsige und Alte an Bord der großen weißen Schiffe, die rauschend näher kamen. Im Licht der Scheinwerfer schauten sie ihnen entgegen; es war ein ergreifender Augenblick.
Die Klänge der Lagerkapelle mischten sich in das Rauschen und Krachen der anlegenden Dampfer. Und dann nach einer unheimlichen, gespannten Stille, begrüßte der Lagerleiter vom Steg aus die Ankommenden.
Vorsichtig, ja, fast zaghaft kamen die ersten über den Landungssteg ans Ufer. Alle hatten eine sichtbar um den Hals gehängte Erkennungsmarke – ihr Pass für Deutschland. Die Mütter hatten ihr Jüngstes in buntgestreifte Tragetücher an den Leib gewickelt. In ihren Händen trugen sie übervolle, große Basttaschen. Die vielen Kinder drängten sich eng an sie, jedes von ihnen, selbst die Kleinen, schleppten ein Bündel. Am großen Anlegeplatz standen dann die einzelnen Familien dicht beisammen. Kinder wurden beaufsichtigt und Körbe wurden gezählt.
Das Lager Prahowo, wo zuerst meine Mutter und später dann auch mein Vater Zwischenstation machten, hatte eine Flächenausdehnung von 5 Hektar. 34 Zelte, dazu die notwendigen Verwaltungs- und Lagerbaracken, Funkturm, Küchenhallen und Waschräume standen dort bereit. Eine Bahnrampe wurde zur Abwicklung für den Transport der Umsiedler und ihres Gepäcks errichtet.
Viele alte Männer hatten hohe Pelzmützen und einen bis zum Boden reichenden zottigen Schafspelz an. Die Füße steckten in hohen Stiefeln. Sanitäter und Rotkreuzschwestern bemühten sich um die Alten und Gebrechlichen. Mit aufmunternden Worten wurden sie in die bereitstehenden Krankenwagen gehoben und ins Lager gefahren. Hinter den abfahrenden Sanitätsfahrzeugen stellten sich die Ankommenden in Reihen auf, und langsam bewegte sich dieser Zug dem Lager zu.
Viele deutsche Fahnen wehten auf hohen Masten, so fühlten sie sich geschützt und fast schon in Deutschland. Die Alten fragten immer wieder: »Sen mer scho in Deitschland?«
Im großen Lagerzelt ging alles schnell und reibungslos weiter. Der Zeltaufseher und seine Helferinnen wiesen ihnen die auf dem Boden liegenden Strohsäcke zu, immer familienweise eng einer neben dem anderen. Auf dem langen Tisch in der Mitte des Zeltes standen Tee, Milch und Brot zur Stärkung bereit.
Als Erstes wurden die müden Kinder für die Nacht versorgt. Dicht aneinander geschmiegt auf den Strohsäcken und unter warmen Decken schliefen sie schnell ein.
Unter diesen Ankommenden war auch meine Mutter. Sie war bestimmt erschöpft von der langen Reise. Ihr Kind wollte sie sicher nicht in diesem Lager gebären. Sie hoffte, dass es in Deutschland auf die Welt käme. Erzählt hat sie mir sehr wenig von diesem Lager. Ich habe nur an ihrer Reaktion gemerkt, dass es ihr dort nicht gut ging. Eine dumpfe Vorahnung all der kommenden belastenden Ereignisse hatte sie von Anfang an bedrückt.
Sie besaß die Fähigkeit, viele Dinge vorauszuahnen; auf ihren siebten Sinn konnte sie sich immer verlassen.
Nun machte sie sich große Sorgen. ›Hoffentlich lassen die Russen die Männer ausreisen!‹, bat sie in Gedanken und fragte sich: ›Kommt die Familie wieder zusammen?‹, und auch: ›Nehmen die Russen dem Robert die Nähmaschine weg?‹ Es war schließlich ihre geliebte Singer-Nähmaschine, extra aus Deutschland importiert. Zu Hause in Gnadental hatte sie geholfen, sie gut zu verpacken, sodass der weite Transport ihr nicht schaden würde.
Und sie, so denke ich mir, dachte sicher auch oft an die mit großem Geschick gefertigte Aussteuer, an all die gestickten Decken, die Babyausstattung, von der sie nur einen kleinen Teil mitnehmen konnte. Vom Schreiner nach eigenen Wünschen gefertigte Möbel in der guten Stube, im Schlafzimmer und in der Küche, der neu fertig gestellte Pferdestall im Hof.
Knapp zwei Jahre war sie verheiratet und seit etwa einem Jahr auf dem eigenen Hof. Ihr Schwiegervater hatte sich sehr darum bemüht, seinem ältesten Sohn eine Hofstelle zu besorgen, was nach den rumänischen Bestimmungen nicht einfach war. Ein kinderloses altes Ehepaar in der Nachbarschaft wollte aufs Altenteil gehen und suchte einen tüchtigen Bauern. So kam es, dass sie den Hof übernehmen konnten, allerdings mit der Verpflichtung, das in die Jahre gekommene Paar zu versorgen. Unter rumänischer Verwaltung war es ein schwieriges Unterfangen, wenn ein Jungbauer einen eigenen Hof bewirtschaften wollte. Land durfte er nicht kaufen, das war verboten. Land von einem anderen Bauern pachten und auf die Hälfte säen, das heißt die Ernte wurde hälftig geteilt, oder Land erben waren die Alternativen. Sie hatte 10 Hektar gutes Ackerland, zwei Milchkühe und einige Schafe und Hühner mit in die Ehe gebracht. Ihrem Robert wurden weitere fünf Hektar Land überschrieben. 15 Hektar säte er zur Hälfte … Es war alles noch im Aufbau und am Beginn. Dann war da noch das Land seines Vaters, auf dem er auch mithalf. Ohne Hilfskräfte hätte das keiner geschafft, er auch nicht.
Über die Ausstattung meiner Mutter weiß ich kaum etwas. Ob sie auch Basttaschen dabeihatte wie die meisten Frauen oder handgewebte bunte Taschen oder ein Holzköfferchen? Das Tragetuch war jedenfalls dabei, in dem trug sie mich später. Was hatte sie alles mitgenommen? Das Packen war ihr sicher schwer gefallen, denn so eine lange Reise hatte sie noch nie gemacht. Ein Besuch mit der Kutsche bei ihren beiden älteren Brüdern Immanuel und Reinhold, die in Annowka etwa 50 Kilometer entfernt gesiedelt hatten, war bis dahin ihr größter Ausflug gewesen. Mit dem Zug oder gar mit einem Schiff war sie noch nie verreist.
Ob sie damals auch nach Deutschland wollte, habe ich sie mal gefragt. Alle in ihrem Dorf, hatte sie geantwortet, hatten sich für die Umsiedlung gemeldet. Alle! »Wir waren ein Dorf, wie eine Familie, wir wollten alle zusammen bleiben. Auch in der neuen Heimat. Wenn wir geblieben wären, was hätten die Russen mit uns gemacht? Mit unseren Kindern? Wir wollten Deutsche bleiben. Wir wollten freie Menschen bleiben!«
Sie war sich sicher, dass es die richtige Entscheidung war, die sie vor einer noch dunkleren Zukunft bewahrt hatte.
Tief beeindruckt waren die Ankommenden, als sie erfuhren, dass die gesamte Arbeit im Lager von den Volksdeutschen aus Jugoslawien geleistet wurde. Freiwillig und unentgeltlich, mit einer ganz selbstverständlichen Hilfsbereitschaft. Es war für sie ein ›Ehrendienst‹! Sie leisteten ihn wochenlang, obwohl die meisten von ihnen Bauern waren, eigene Wirtschaften mit großen Feldern und Weingärten hatten. Dort wurde während der Erntezeit jede zupackende Hand gebraucht.
Und die Umsiedler konnten kaum fassen, dass die Verpflegung im Lager, die wohlschmeckenden Mahlzeiten, die da so reichlich angeboten wurden, Spenden der Banater Schwaben waren. Die Mädchen in ihren schönen Trachten nähten Kleider und Wäsche für sie und waren im Lager bei der Betreuung und Verpflegung sehr behilflich.
Es war für sie alle ein großes Bedürfnis, den deutschen Brüdern und Schwestern in ihren schweren Stunden beizustehen. Sogar eine Lagerkapelle hatten sie organisiert, die beim Eintreffen eines Dampfers flotte Märsche spielte. Am Abend spielten die Mädchen der Banater Schwaben Theater, sangen oder tanzten in den Zelten, um die Umsiedler zu erfreuen.
Für die enteigneten Bessarabien-Deutschen war es eine unsagbare Wohltat in dieser stürmischen Zeit. Sie konnten für einige Stunden ihre großen Sorgen wegen der ungewissen Zukunft vergessen. Und ihre Augen leuchteten, denn dieses Verhalten war ihnen etwas Vertrautes. Auch in ihrer gesamten Volksgruppe hatten sie seit eh und je nach dem alten Kolonistenspruch gelebt: »Einer für alle und alle für einen.«
Einige hatten Fotos ihrer Wirtschaft und des Dorfes mitgenommen. Eine unschätzbare Kostbarkeit. Sie wurden jetzt den neuen Freunden gezeigt. »Das war unsere Kirch, das die Schul und das unser Haus …«, hieß es dann.
Es waren keine verzagten, verzweifelten und klagenden, sondern gläubige und hoffende Menschen. Sie legten ihr Schicksal in Gottes Hand, mit seiner Hilfe würde es einen neuen Anfang geben, trösteten sie sich.
Besonders die Alten saßen mit sorgenvollen Gesichtern beieinander. Auch wenn sie sicher waren, dass die Jungen es schon schaffen würden. Sie würden sich umstellen und so manches dazulernen können. Mit ganzer Kraft und zähem Willen würden sie die neuen Aufgaben bewältigen können. Doch es beschäftigte sie sehr, was aus ihren verlassenen Höfen und den Dörfern werden würde. Keiner wusste, was man mit ihren gepflegten Wirtschaften und den großen, schönen Dörfern vorhatte. Wer würde sie übernehmen? Sie waren fest davon überzeugt, dass da mit Willkür und Unkenntnis vieles verdorben und die jahrzehntelange harte Arbeit sinnlos vernichtet werden würde. Aber die Frage ›wer‹ als Nachfolger der Richtige wäre, ließ sie nicht los. Am geeignetsten erschien ihnen der Bulgare. Sie kannten ihn als arbeitsfreudig und fleißig. Er würde Land und Vieh gut versorgen und die Häuser sauber halten. Oder doch der Ukrainer? Das wäre auch noch annehmbar. Die hatten viel von den deutschen Bauern gelernt. In einem waren sich aber alle einig: »Nur nicht die Gagausen!« Dieser Volksstamm, ein Überbleibsel aus der Türkenzeit, war allen fremd. Fremd ihre türkische Sprache, fremd ihre Lebenshaltung, fremd ihre mongolischen Gesichter. Wenn die Siedler durch die zerstreut zwischen deutschen Siedlungen liegenden kleinen Gagausendörfern fuhren, konnten sie nicht verstehen, wie man so leben konnte. Die kleinen unsauberen schilfgedeckten Häuser waren aus Lehm und Stroh gebaut und standen ungeschützt in der glühenden Sommerhitze. Ohne Bäume und Blumen, wie es in den deutschen Dörfern so selbstverständlich war. Das ungepflegte Vieh war mager, die meisten kleinen Felder waren planlos angelegt und schlecht bestellt. Wie diese Menschen mit ihren vielen Kindern von einer so kleinen Ernte leben konnten, war unvorstellbar. Mit einer heftigen Abwehr reagierten die Alten auf diese Vorstellung. Auch die Rumänen waren keine erwünschten Nachfolger ihrer Wirtschaften. Diese konnten ja kaum für ihren eigenen kleinen Besitz richtig sorgen. Ihre Genügsamkeit und der Verdienst aus gelegentlicher Hilfsarbeit ermöglichte ihnen nur ein bescheidenes Leben. Doch sie konnten spekulieren, so viel sie auch wollten, die bange Frage nach dem Nachfolger blieb offen.
Nach drei oder vier Tagen Aufenthalt im Lager war ein Weitertransport geplant. Wenn dann am frühen Morgen durch Lautsprecher gemeldet wurde: »Achtung, Achtung, alle mit der Erkennungsnummer Ki 5 oder A 4 fahren heute weiter«, war dann die Aufregung groß. Jetzt ging es endlich nach Deutschland. Aber wohin genau? Wie weit war es noch? Würden die nachkommenden Männer den Ort im Deutschen Reich finden? Wer sagt ihnen, wo ihre Familien gelandet waren?
IM UMSIEDLUNGSLAGER BÖHMISCH-LEIPA
Mit dem Zug ging es weiter nach Deutschland. Es mussten dort 93.000 Umsiedler untergebracht werden, bevor sie Haus und Hof erhielten. Dazu benutzte man große Gebäude mit entsprechenden Räumen, sogenannte ›Umsiedlungslager‹. Es waren etwa 800 verschiedene ›Auffang- und Beobachtungslager‹ vorgesehen, auf die die Bessarabien-Deutschen verteilt wurden. Sie befanden sich hauptsächlich in Sachsen, Franken, Bayern, im Sudetenland und in Österreich. Es wurde darauf geachtet, dass die Dorfgemeinschaften nach Möglichkeit zusammenblieben. Gnadentaler Bewohner kamen nach Böhmisch-Leipa im Sudetenland, eine Kleinstadt in Nordböhmen circa 70 Kilometer nördlich von Prag.
Zuerst trafen die Frauen und Kinder ein, die mit dem Zug vom Zwischenlager Prachowo über Zagreb und Villach nach Böhmisch-Leipa gereist waren. Und so erfuhren auch sie zuerst, dass das Lager eine ehemalige Spinnerei war, die einem Wiener Juden mit Namen Rosenthal gehört hatte. Es hieß, die SS hätte ihn abgeholt und nach Treblinka gebracht.
Die Fabrik war ein zweiflügliges großes, vierstöckiges Gebäude mit einigen Nebengebäuden und Baracken. Vierzehn große Räume waren für 1.700 Umsiedler vorbereitet worden. Statt Produktionsmaschinen stand nun alles voll mit primitiven, zweistöckigen mit Strohsäcken belegten Holzpritschen. Trennwände für die Familien waren nicht vorhanden.
Die Ankommenden konnten es nicht glauben, dass ihnen so etwas zugemutet wurde. »Da hatten es ja unsere Tiere in Bessarabien besser!«, stellten sie fest. Widerwillig nahmen sie die ihnen zugeteilten Betten dann aber dennoch in Besitz. Mit Tüchern und Decken, die sie als Sichtschutz aufhängten, schafften sich einige Familien etwas Privatsphäre.
Das Stimmengewirr und die Geräusche, die Gesprächsfetzen von Nachbarn, das Weinen der Kinder und Alten, all das machte den künftigen Tagesablauf aus. Gegessen wurde im großen ›Speisesaal‹, der in einem Nebengebäude zu finden war. Das Lager beherbergte außer den 1.200 Gnadentalern noch 500 Personen aus Neuarzis und 100 von dem Weiler Demir-Chadschi, beides Ortschaften, die im Umkreis von Gnadental zu finden waren.
Jungs und Mädchen ab 15 Jahren wurden getrennt in verschiedenen Sälen einquartiert. Unterrichtet wurden die Kinder von Lehrern aus unseren Heimatgemeinden. Schüler, die eine weiterführende Schule besuchen wollten, gingen in die Oberschule der Stadt Böhmisch-Leipa.
Im ersten Stock der Fabrik hatte das Umsiedlungskomitee in einer Ecke eine behelfsmäßige Entbindungsstation eingerichtet, wo ich eine Woche später auf die Welt kam – das erste Kind, das dort geboren wurde. Meine Tante Lydia, die in Stuttgart Kinderkrankenschwester gelernt hatte, war zuständig für diese Station und half meiner Mutter bei meiner Geburt, die ohne Komplikationen verlief. Mutter war danach noch einige Zeit in dieser Station untergebracht, in der wir gut versorgt wurden.
Alma O. kann sich noch daran erinnern, dass in der ersten Zeit auf der anderen Seite der Straße im ersten Stock einer Villa ein älterer tschechischer Arzt eine Krankenstation hatte.
Etwa drei Wochen später trafen die Männer und noch ein paar Frauen in der neuen Unterkunft ein. Sie waren den gleichen Weg gekommen wie ihre Familien. Viele liefen ihnen entgegen und man freute sich so über das Wiedersehen.
Meinem Vater wurde sofort berichtet, dass er eine gesunde Tochter bekommen hatte. Er hätte ja lieber einen Jungen gehabt, aber als er mich das erste Mal im Arm hatte und ich ihn anlächelte, war alles andere vergessen, erzählte er mir später.
Alle waren wieder glücklich beisammen.
Viele Fragen wurden gestellt, viele Informationen ausgetauscht. »Wie war es, als ihr Gnadental verlassen habt? Seid ihr mit dem Treck gut nach Galatz gekommen? Wer versorgt jetzt die Tiere, melkt die Kühe? Wer wohnt in unserem Haus?«
Die Gruppe wurde immer größer und die Männer berichteten abwechselnd: »In Gnadental haben wir mit vollgeladenen Planwagen ungeduldig auf den Tag der Abfahrt gewartet. Der zu erwartende Herbstregen beunruhigte uns, weil wir wussten, dass dann im aufgeweichten Boden ein Vorwärtskommen unmöglich war. Es war aber nicht nur die zu erwartende Regenzeit, die uns Sorgen machte. Es war das völlig fremde, veränderte Leben, das seit der Übernahme durch die Sowjets das Dorf beherrschte.«
Ihre festgefügte und selbstverständliche Lebensordnung war gestört und sie fühlten sich nicht mehr als freie Menschen. Sie lebten in ihren Wirtschaften, aber es war nicht mehr ihr Zuhause. Die vielen Verordnungen des Dorfsowjets erfüllten sie sorgfältig. Aber es kamen immer neue dazu. Wie Kolchosearbeiter mussten sie den neuen Herrschern gehorchen, um nicht den Ablauf der Umsiedlung zu gefährden oder sogar in Haft genommen zu werden.
All ihr Tun wurde misstrauisch vom Dorfsowjet und den Männern der roten Miliz beobachtet. Nun konnten sie sich vorstellen, wie sich ihr Leben gestalten würde, wenn sie bleiben würden. Mit selbstständiger Bauernarbeit wäre es für alle Zeiten vorbei. Alles musste nach dem Befehl des Dorfsowjets geschehen, auch wenn es gegen jede Erfahrung und noch so unsinnig war. Jeder noch so kleine, selbst berechtigte Einspruch wäre zwecklos und jeder Widerstand gefährlich. Es wurde ständig mit Abschiebung nach Sibirien gedroht.
Nachdem die Frauen und Kinder weg waren, herrschte eine unheimliche Stille in den Häusern. Meistens war nur der Vater mit einem oder mehreren erwachsenen Söhnen zurückgeblieben. Der Wagen mit dem Gepäck war gerichtet, ein Verdeck zum Schutz vor Regen angebracht. Man wartete nur noch auf den Abmarschbefehl.
Die Männer rückten zusammen. Oft waren 10 bis 12 Wagen auf einem Hof zusammengeschart und es wurden Wachen aufgestellt. Und wer diesen Dienst zu versehen hatte, hatte es nicht gerade leicht. In den Abendstunden erhob sich nämlich das Geheul der zurückgebliebenen Hunde auf den leeren Höfen, das die Nacht hindurch anhielt. Die zurückgelassenen Haustiere, die Pferde, Kühe und Schafe, waren den Russen übergeben und in große Gehege eingepfercht worden. Das Brüllen, Blöken und Wiehern mischte sich in das Heulen der Hunde und weckte Mitleid und Betroffenheit bei denen, die es anhören mussten.
Sie waren erleichtert, als auch Gnadental den Aufruf zur Abfahrt erhielt. Im Morgengrauen ordneten sie die Planwagen auf der breiten Dorfstraße. Es wurden Wagen, Pferde und Umsiedlungsnummern kontrolliert und der lange Zug in Kolonnen eingeteilt. Einige Männer der Umsiedlungskommission, die den Treck bis zum Donauhafen begleiteten, gaben das Signal zur Abfahrt.
Unter dem feierlichen Geläut der Kirchenglocken setzte sich der lange Zug in Bewegung. Sie fuhren langsam, schauten immer wieder zurück. Sie fuhren an Feldern vorbei, auf denen sie jahrelang gearbeitet hatten. Es waren noch die tiefen Radspuren von den vollgeladenen Erntewagen zu sehen. Und auch die großen Strohschober, Zeugen der letzten Ernte, zeichneten sich noch dunkel gegen den hellen Morgenhimmel ab. Der noch nicht geerntete Mais auf den Feldern und die Rebstöcke in den Weingärten – dieser Anblick wird wohl ein Leben lang in ihrer Erinnerung bleiben.
Sie fuhren gen Süden, zur Donau, an verlassenen deutschen Dörfern vorbei. Sie fuhren an großen, ungeernteten Maisfeldern und an Stoppelfeldern vorbei, durchquerten eine leere Steppe, bis sie an einen Wasserlauf oder Brunnen kamen, wo sie einen Rastplatz für die erschöpften Menschen und Tiere fanden. Sie gönnten sich nur eine kurze Nachtruhe und fuhren ganz früh am Morgen weiter durch einsame, leicht wellige Landschaften, durch die sie ab und zu riesige Schafherden ziehen sahen.
Manchmal führte sie der Weg auch durch bulgarische und russische Dörfer. Oft standen dann Leute am Wegrand, um ihnen ein Abschiedswort zu sagen. Einige reichten gekühlten Wein, Trauben oder Melonen zur Erfrischung. Die Frauen weinten und die jungen Burschen riefen: »Nehmt uns doch mit, wir wollen auch nach Deutschland, dort mit euch arbeiten!«
Noch fuhren sie durch bekannte Gegend, aber je weiter sie in den Süden kamen, umso fremder wurde die Landschaft. Als es dann auch noch zu regnen begann, waren sie der Verzweiflung nahe. Nur langsam ging es jetzt vorwärts, doch glücklicherweise hörte der Regen nach kurzer Zeit auf.
Abends erreichten sie die gefürchteten Lösschluchten. Hätte es in der Nacht weitergeregnet, wären sie in der weichen Erde, in der sich das Wasser gestaut hätte, stecken geblieben.
Hier nächtigten sie, bauten eine große Wagenburg als Schutz vor Kälte und vor Überfällen und wärmten sich am Lagerfeuer.
Ohne besondere Vorfälle durchquerten sie am nächsten Morgen die großen, gefahrvollen Lösschluchten und gelangten an die Grenze. Im Donauhafen Reni kontrollierten die Russen die Umsiedlungslisten und durchsuchten das Gepäck. Alles Essbare wurde konfisziert. Mit Stöcken wurde in Hab und Gut herumgestochert und nach Wertvollem gesucht.
Als diese Kontrollen endlich überstanden waren, war den Menschen die Erleichterung anzumerken. Die nächste Herausforderung stand aber schon bevor; die behelfsmäßig errichtete Pontonbrücke über den Grenzfluss Pruth. Sie schwankte und die Pferde weigerten sich weiterzugehen. Nur mit sehr viel Geduld und Zuspruch schafften sie die Überfahrt nach Rumänien.
Nach tagelanger, anstrengender Steppenfahrt erreichten sie dann den Hafen von Galatz. Der Anblick der Donau mit den vielen großen Schiffen war für die meisten ein großes Erlebnis. Viele kannten Erzählungen ihrer Väter und Großväter, die ihr Getreide in Galatz verkauft hatten. Nun waren sie den gleichen Weg gefahren, aber nicht um Geschäfte zu machen, sondern um alles, was sie sich erarbeitet hatten, endgültig zurückzulassen.
Ihr übriggebliebenes Gepäck luden sie im Hafen aus. Es wurde registriert und auf Frachtern nach Wien weitergeleitet. Mit dem leeren Wagen fuhren sie dann in das umzäunte und streng bewachte Sammellager, wo sie ihre Pferde bei einer deutschen Kommission abgeben mussten. Und dabei waren die Pferde eines bessarabischen Bauern ganzer Stolz. Sich von ihnen zu trennen, tat besonders weh.
Von der Donaufahrt erzählten die Männer wenig. Sie waren erschöpft und müde und wollten ihre Ruhe haben.
Die Männer hatten nur einen kleinen Koffer mit den nötigsten Wäschestücken dabei. Die übrigen Sachen sollten von Wien aus an die neuen Ansiedlungsorte versandt werden.
Nach Erhalt und Öffnen der Kisten und Koffer sollten sie später aber mit Schrecken feststellen, dass fast alle wertvollen Gegenstände fehlten. Auf Reklamationen beim SS-Ansiedlungsstab erfolgte keine Antwort. Wie aber später dann bekannt wurde, war im Zentrallager in Wien eine Diebesbande am Werk, die organisierten Raub betrieben. Während sonst im Reich auf Plünderungen die Todesstrafe stand, wurden jene am Hab und Gut der Umsiedler durch amtliche SS-Stellen geduldet, teilweise sogar selbst betrieben. Nach durchgeführten Erhebungen wurden 30 bis 50 Prozent des Umsiedlergroßgepäcks gestohlen, was einem Wert von mehreren Millionen Mark gleichkam.
Offiziell wurden die Umsiedler von der NS-Propaganda feierlich willkommen geheißen, von der Lagerleitung aber oft als Menschen zweiter Klasse angesehen. Die Einheimischen bezeichneten die Einwanderer sogar als weiße Araber oder Russen und Balkanesen.
Das Regime in diesem Lager glich dem eines KZ. Die zugeteilten Rationen von Lebensmitteln wurden zum größten Teil gestohlen. Lagerverwalter, Verwaltungs-personal, Köchinnen und deren Mitläufer bedienten sich, während die Insassen hungerten.
Die moralische Wirkung dieser Vorgänge auf die Umsiedler war katastrophal. Diebstahl, Ungerechtigkeit, Übergriffe auf persönliche Freiheit, Brutalität und Frechheiten mussten sie über sich ergehen lassen.
Zusammengepfercht in den großen Hallen lebten sie ohne Privatsphäre. Trostlose Langeweile machte ihnen zu schaffen. Mathilde H. berichtete, dass die Betten voller Wanzen und Flöhe gewesen seien. Ihr kleiner Sohn sei jeden Morgen am ganzen Körper mit roten Flecken übersät gewesen. Auch Albert B. erzählte, dass viele Insassen mit stark juckenden roten Flecken oder Quaddeln auf der Haut zu kämpfen hatten. Man spürte den Biss der Bettwanze nicht, erst am nächsten Morgen fängt er an zu jucken. Hinzu kamen Krankheiten hauptsächlich durch Mangelernährung und eine erhöhte Ansteckungsgefahr durch die beengten Verhältnisse. Der hohe Geräuschpegel belastete vor allem die alten Menschen. Sie konnten sich an die Unruhe nicht gewöhnen.
Alles in allem waren es unmenschliche Bedingungen. Und niemand ahnte, dass das Lagerleben fast ein Jahr dauern würde.
Nach einer Quarantänezeit erfolgte im Dezember 1940 dann die Einbürgerung. Bei diesem Vorgang wurden alle Lagerbewohner einer als Gesundheitsprüfung getarnten rassischen, erbbiologischen und gesundheitlichen Selektion unterzogen. Auch die politische Zuverlässigkeit sowie die berufliche Einsatzmöglichkeit wurden geprüft.
Albert B. berichtete: »Eine Mannschaft aus Ärzten, Schwestern und SS-Leuten führten die Untersuchungen durch. Die ›Patienten‹ mussten sich nackt ausziehen, dann wurden sie einer nach dem anderen von oben bis unten untersucht, es wurde nach früheren Krankheiten gefragt, die Lunge wurde abgehört, die Körpergröße gemessen, der Zustand der Zähne vermerkt. Blut wurde abgenommen und es wurde nach Erbkrankheiten gefragt. Man musste den Ahnenpass vorlegen und es wurde genau geprüft, ob die Ahnenreihe stimmte, ob es bestimmte Krankheiten oder Behinderungen gegeben hat. Nach Können und Fähigkeiten wurde gefragt und alles penibel in Karteikarten eingetragen. Zum Schluss wurden alle mit einer umgehängten Registriernummer fotografiert. Nach dieser Prozedur wurden sie in O-Fälle, A-Fälle und S-Fälle eingestuft.«
Diese Behandlung empfanden vor allem die Erwachsenen als sehr verletzend.
Die Urkunden, Stammbäume, Familienbücher und Auszüge aus dem Kirchenregister hatten die Umsiedler schon bei der Registrierung zur Ausreise aus Gnadental benötigt und so konnten sie nun ihre Herkunft belegen.
Durchgeführt wurde diese Prozedur auf Weisung Himmlers von ›Fliegenden Kommissionen der Einwandererzentralstelle‹, einer Einrichtung des Reichssicherheitshauptamtes. Die Einwanderungszentralstelle, zusammengesetzt aus Polizei, SS und Sicherheitsdienst, entschied über das weitere Schicksal von ganzen Familienverbänden.
Das Versprechen bei der Umsiedlung, dass alle im Warthegau einen Hof zugeteilt bekämen, erwies sich nun als Lüge. Nur die ›besseren Umsiedler‹, die sogenannten O-Fälle, sollten in den Ostgebieten, das heißt im damaligen Warthegau oder in Westpreußen, angesiedelt werden.
Die Einstufung als A-Fall war das Schlimmste, was den Menschen passieren konnte. Sie sollten ins Altreich zur Umerziehung geschickt werden und in Fabriken arbeiten. Sie mussten Abschied nehmen von der Volksgruppe, von der Dorfgemeinschaft, von Verwandten und Bekannten, teilweise auch von ihren Familien, wenn die anderen Geschwister O-Fälle waren und im Osten angesiedelt wurden.
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