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Falkenrache
Spiegelmagie Band 9
Chris Svartbeck

©Chris Svartbeck 2021
Machandel Verlag
Charlotte Erpenbeck
ISBN 978-3-95959-331-1
Bildquelle cover: romankybus /www. 123-rf.com
Titelvignette: 4ek/www.shutterstock.com
Alle Personen, Namen und Vorkommnisse in diesem Buch
sind rein fiktiv und haben keine Vorlage in unserer realen Welt.
Was allerdings sehr wohl in unserer realen Welt vorkommt,
sind die diversen kleinen und großen Katastrophen
der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Vorwort
Der Falke ist ihr Wappen. Sie tragen ihn selbstbewusst trotz der Schande, die er über sie gebracht hat, denn ihr Stolz ist das Einzige, was ihnen nach der Verbannung ihrer Sippe an die Südgrenze Karapaks geblieben ist. Aber wie lange kann die Fehde der Mehme mit dem Königshaus noch andauern, bevor sie komplett ausgelöscht werden?
Zur zeitlichen Einordnung:
Dieses Buch spielt mehrere Jahrhunderte nach dem Band "Falkenblut", aber noch rund 200 Jahre vor dem Band "Königsfalke"
Hinweis:
Karapak ist eine gewalttätige, extrem patriarchalische Welt. Das Leben eines Mannes gilt wenig, das von Frauen und Kindern noch weniger, und eine falsche Geste kann Kriege auslösen.
Dass die Zauberer ebenfalls über Leichen gehen, ist noch ihre liebenswürdigste Seite.
Schlechte Nachrichten
„Das ist nicht dein Ernst!“ Großmeister Ro starrte Ze Braunhand fassungslos an.
„Kein einziger?“
„Kein einziger!“, bekräftigte Ze.
Ro sank fassungslos auf den Schemel. Das fehlte gerade noch. Die Kristallkammer war seit dem Aufstand chronisch unterbesetzt. Es hatte ihn mehr als drei Menschengenerationen Zeit gekostet, sie auch nur einigermaßen wieder arbeitsfähig zu bekommen. Aber wenn jetzt auch noch der Rohstoff fehlte ...
„Hast du in den Eisbergen nachgesehen? In den östlichen Himmelsbergen? Und im Süden?“
„Vom Nordmeer bis in die letzte Spitze der Drachenschwanzberge. Nichts. Nirgends. Kein einziger Drache mehr.“
Der letzte Sucher hatte noch Drachen fliegen sehen. Zugegeben, nur zwei sehr müde, alte Drachen, aber trotzdem ...
Das war wie lange her? Ro rechnete nach. Achtzehn Regenzeiten. Das bedeutete, sie hatten keine Jungen mehr gezeugt.
Und ohne junge Drachen gab es auch keine jungen Zauberer.
Ro wurde heiß und kalt zugleich. Sie waren die letzten. Außerhalb dieser kristallinen Wände gab es keinen einzigen Zauberer der ersten Generation mehr. Keine Verstärkung. Keinen Nachwuchs. Sie hatten ihren Ursprung verloren.
Und damit die Quelle ihrer Kraft.
Ro spürte, wie sich eine eisige Faust um ihn schloss. Wie sollte er das den anderen erklären?
Mit einer schroffen Handbewegung entließ er Ze Braunhand. Dann trat er an die Wand, zog mit dem Zeigefinger eine kaum sichtbare Linie nach. Die Wand wurde wasserklar.
Tief unter ihm lag Sawateenatari, ausgebreitet und übersichtlich wie eine Landkarte. Weit genug weg, dass er weder von dem Dreck noch von dem Lärm belästigt wurde. Nah genug, um alles im Auge zu behalten. Auch ... Ros Blick wanderte zu dem höchsten Punkt der Anhöhe, auf der die Stadt gegründet worden war. Schlanke Türme, trutzige Mauern. Der Palast. Die einzige andere Quelle der Zauberei, die Karapak verblieben war.
Und tabu.
Dieser verdammte Pakt. Welcher Sandteufel hatte ihn damals bloß bewogen, so einem hirnverbrannten Blödsinn zuzustimmen? Gewaltentrennung. Pah! Wo doch sowieso ein Zauberer auf dem Thron saß. Aber die Kristallkammer hatte es geschrieben und geschworen. Keine Einmischung in die Politik oder in Belange des Königshauses. Also konnte er von dort keinen Nachschub bekommen. Keine Zauberer und erst recht keine neuen Spiegel. Von den sehr wenigen Mitgliedern abgesehen, die freiwillig kamen, war die Nahne-Sippe für ihn sakrosankt.
Allerdings nur so lange, wie sie das Königshaus stellten.
Das musste nicht für immer sein.
Vielleicht ergab sich ja eine Möglichkeit ...
Ro war bereit, geduldig darauf zu warten. Mit Warten kannte er sich aus. Das hatte er schon einmal über ein paar Jahrhunderte bewiesen. Und gegebenenfalls konnte er ja etwas nachhelfen, wenn es zu lange dauerte.
Im Schatten
„...und Tariki hat definitiv zu viel für sein neues Pony bezahlt!“
Akiana drückte sich tiefer in die Nische und zog ihr Schultertuch über den Kopf. Mit etwas Glück würden ihre jüngeren Brüder sie für eine der Dienerinnen halten und nicht beachten.
„Das Pony hatte aber das Flussuferrennen gewonnen!“
„Klar hat es. Graf Mischekoko soll schließlich die anderen Reiter kräftig bestochen haben, dass sie ihre Ponys zurückhielten.“
„Schlauer Sandteufel!“
Schritte und Gespräch verklangen. Akiana atmete auf. Ihre Brüder hatten sie nicht bemerkt. Vorsichtig streckte sie den Kopf aus der Nische und spähte den Flur entlang. Niemand in Sicht. So lautlos wie möglich folgte sie den Prinzen.
Onkel Toleke wartete bereits im Lilienhof auf seine Schüler. Sehnsüchtig dachte Akiana an die Zeit, als sie noch offen am Unterricht teilnehmen konnte. Onkel Toleke hatte nie kapiert, dass sie nur ein Mädchen war. Was, wie ihr Vater ihr mit grimmiger Miene mitgeteilt hatte, daran lag, dass Toleke kein besonders starker Zauberer war. Der kleine Zauber, der ihre Haare immer wieder abbrechen ließ und somit kurz hielt, hatte ausgereicht, Toleke in die Irre zu führen, und er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie überhaupt einen Zauber auf sich gelegt hatte. Bei ihm, hatte ihr Vater hinzugefügt, wäre sie mit derartigen Narrheiten niemals durchgekommen. Und falls sie das je noch einmal versuchen sollte ...
Er hatte seine Drohung nicht aussprechen müssen. Akiana hatte mehr als eine Frau im Sommerharem sterben sehen, die den Unmut ihres jähzornigen Vaters erregt hatte. Selbst einer seiner Söhne hatte erfahren müssen, zu was ihr Vater fähig war. Ihr jüngster Bruder Piritoka war kaum fünf Jahre alt gewesen, als die junge Katze, mit der er so gerne spielte, dem Vater zwischen die Beine lief und ihn ins Straucheln brachte. Akiana hatte das wutverzerrte Gesicht ihres Vaters gesehen, als er Piritoka befahl, dem unnützen Tier auf der Stelle die Kehle durchzuschneiden. Ihr Bruder hatte es nicht fertiggebracht und zu weinen begonnen. Da hatte der Vater die Katze ergriffen und ihr vor den Augen des Kleinen den Kopf abgeschnitten.
Und dann hatte er das Gleiche mit ihrem Bruder getan.
Hastig verdrängte sie die Erinnerung und konzentrierte sich auf das, was Onkel Toleke gerade erklärte. Trugbilder, wie schon seit sechs Tagen. Trugbilder waren überaus nützlich. Ihre Mutter liebte es, Trugbildschmuck zu tragen. Der echte Schmuck war ihr viel zu schwer, den benutzte sie nur zu besonders feierlichen Anlässen.
Onkel Toleke allerdings zählte gerade einige Beispiele für eine viel nützlichere Anwendung auf. Zum Beispiel, dass man damit einem einfachen Stock das Aussehen eines gefährlichen Schwertes geben konnte.
„Wenn die Illusion gut genug ist, glaubt dein Gegner sie. Und wenn er sie fest genug glaubt, vermag ihn selbst eine bloße Illusion zu töten.“
„Und wenn er sie nicht fest genug glaubt?“
„Dann braucht ihr zusätzlich zu der Illusion noch eine Transformation. Selbst Holz vermag zu schneiden, wenn man ihm eine scharfe Kante verleiht. Aber so weit seid ihr noch nicht. Versucht bitte erst einmal die Illusion.“
Akiana pflückte sich ein Oleanderblatt aus dem nahen Pflanzkübel und konzentrierte sich. Drei Herzschläge später hielt sie einen schlanken, nadelspitzen Dolch in der Hand. Töten würde sie damit nicht können. Blätter waren einfach nicht so stark wie Holz. Andererseits ... Waren nicht Blatt wie Holz Produkte einer Pflanze? Wenn die Pflanze das eine wie das andere erschaffen konnte, war es vielleicht möglich, beides ineinander umzuwandeln. Sie konzentrierte sich erneut. Das Trugbild in ihrer Hand wurde schwerer, größer, passte seine Form ihren Gedanken an. Vorsichtig fühlte sie mit der anderen Hand die Klinge entlang. Tatsächlich. Echtes Holz.
„Es geht nicht!“
Die Jammerstimme Nolokatas ließ Akiana aufsehen. Ihr zweitältester Bruder hatte immer Schwierigkeiten mit den magischen Übungen.
„Du konzentrierst dich nicht genug“, tadelte Onkel Toleke. „Hier, ich zeig dir noch einmal, wie es geht. Schau auf meine Aura!“
„Wie soll ich die in der Sonne überhaupt sehen können?“
Akiana unterdrückte ein frustriertes Stöhnen. Eine Aura zu sehen war doch nun wirklich ein Kinderspiel.
Ihr Onkel unterdrückte sein Stöhnen nicht. „Hast du überhaupt etwas von dem begriffen, was wir jetzt seit acht Monden machen? Du bist nicht bei der Sache. Pass besser auf. Mach das so!“
Schon wieder folgte eine Konzentrationsübung. Akiana runzelte die Stirn. Ihr Onkel mochte Auren sehen können, lesen konnte er sie aber offenbar nicht. Sonst hätte er längst bemerkt, dass Nolokata keineswegs zu faul war zum Lernen. Er war nur schlichtweg unfähig zu höherer Magie. Nolokatas magische Fähigkeiten waren nicht größer als die jener Bastarde, die ihr Vater mit jeder vollkommen unmagischen Sklavin zeugen konnte.
Akiana starrte auf ihren Trugbild-Dolch. Und wenn sie sich jetzt verteidigen müsste? Ihre Brüder mochten Kraft genug haben, auch mit einem hölzernen Dolch zu stechen und zu schneiden, sie nicht. Sie brauchte mehr. Behutsam griffen ihre Gedanken erneut nach dem Dolch. Das Material wehrte sich. Holz und Metall waren natürliche Feinde. Mit einem Seufzer griff sie nach der Lebensenergie des Oleanders und zwang das Holz, ihren Wünschen zu gehorchen. Dann ließ sie das Trugbild fallen. Noch lebenswarm, aber bereits zu tödlicher Kühle erkaltend, lag ein reales Ebenbild des Trugbildes in ihrer Hand. Sie strich sanft mit der Fingerspitze über die Schneide. Hinter ihr fielen die letzten Blätter des verdorrten Oleanders zu Boden.
Toleke lächelte, während seine Schüler sich mit einer Verbeugung verabschiedeten. Er lächelte noch immer, während er sie davongehen sah. Erst als der letzte von ihnen außer Sicht war, erlaubte er seinen Gesichtsmuskeln, sich zu entspannen. Auf keinen Fall durften die jungen Prinzen merken, wie wenig er von ihnen hielt. Immerhin würde einer von ihnen in nicht allzu ferner Zukunft sein König sein. Toleke tippte auf Ajitaka. Er war intelligent, ehrgeizig und, was vermutlich am wichtigsten war, trotz aller offensichtlichen Mängel der beste Zauberer dieser Generation. Ausgestattet mit einem ausreichenden Mangel an Rücksicht, um diese Zauberkraft gegebenenfalls erbarmungslos gegen seine Brüder und Halbbrüder einzusetzen.
Na schön, vielleicht doch nicht der beste Zauberer, wies Toleke sich in Gedanken zurecht. Seine jüngere Schwester Akiana war eindeutig stärker. Sie führte mit ihren sieben Jahren bereits Zauber aus, deren Grundzüge ihre älteren Brüder noch nicht einmal ansatzweise begriffen hatten. Und sie wusste genau, wie sie an die dazu nötige Kraft herankam. Toleke hatte den verdorrten Oleander bemerkt.
Dummerweise war Akiana nur ein Mädchen, dazu bestimmt, in wenigen Jahren bereits verheiratet zu werden. Was effektiv jeder Ausbildung ein Veto setzte. Zumal, seit ihr Vater es ihr ausdrücklich verboten hatte, weiterzulernen.
Natürlich lauschte Akiana jetzt heimlich seinem Unterricht. Und Toleke tat so, als ob er es nicht bemerkte. Jemand, der so stark war, musste einfach ein Mindestmaß an Ausbildung bekommen. Die Kleine wäre sonst eine Gefahr für sich und den ganzen Palast. Aber es war eben auch wirklich nur ein Mindestmaß. Mehr würden ihre Brüder ohnehin nie kapieren, folglich würde er die Themen höherer Magie auch nicht im Unterricht ansprechen. Akiana würde niemals ihren Fähigkeiten entsprechend ausgebildet werden können.
Toleke seufzte. So eine Verschwendung von Potenzial! Wenn Akiana ein Junge wäre ... Seine Gedanken wanderten zu ihrem Onkel Gorato, dem älteren Bruder Ajitakas. Wenn er jemals einen guten Schüler gehabt hatte, dann ihn. So ein Talent war in der Politik geradezu verschwendet. Er hatte dem Jungen geraten, in die Kristallkammer einzutreten. Den Berichten nach war er ein äußerst fähiger Zauberer geworden. Großmeister Ro hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Teil seiner Ausbildung persönlich zu überwachen.
Großmeister Ro hätte vermutlich auch Akiana gerne in den Kristalltürmen gesehen. Nur dass Toleke sich verdammt sicher war, dass sein königlicher Bruder ihm den Kopf abreißen würde, wenn er es wagte, noch eines der königlichen Kinder für die Kristallkammer zu rekrutieren. Und wer weiß, womöglich war das sogar besser für das Mädchen. Schließlich hatte es seit mehr als vierhundert Jahren keine Frau mehr geschafft, die Ausbildung zu überleben.
Trotzdem ...
Er dachte an den schlanken, spitzen, tödlichen Metalldolch in ihrer Hand. Ein Dolch, geformt aus einem Oleanderblatt. Akiana hätte es schaffen können.
Toleke seufzte noch einmal abgrundtief, bevor er sich mühsam erhob und seinen arthritischen Körper in Bewegung zwang. Hoffentlich hatte sein Leibsklave den Mohntee bereits aufgegossen. Das war das Einzige, was sowohl seine Schmerzen linderte als auch süßen Schlummer schenkte.
Früher sollten die Zauberer imstande gewesen sein, Krankheiten wie die seine zu heilen.
Früher.
Heute wussten sie nur noch, wie man tötet.
Wie sein Bruder, der König, mit jedem neuen Feldzug unter Beweis stellte.
Narren, allesamt.
Akiana wartete, bis die schleifenden Schritte verklungen waren. Dann erst setzte sie sich selbst wieder in Bewegung. Ob Onkel Toleke sie bemerkt hatte? Vermutlich nicht. Er hatte kein einziges Mal zu ihr herüber gesehen.
Andererseits – Onkel Toleke hatte andere Wahrnehmungsmöglichkeiten als nur seine Augen. Wenn er sie also doch bemerkt hatte? Ein Glück, dass er ihren Vater, seinen Bruder, nicht besonders gut leiden konnte. Die beiden sprachen nur das Nötigste miteinander. Toleke würde sie vermutlich nicht verraten.
Lautlos huschte sie den Gang entlang, bog dann in den Orchideengarten ab und schlüpfte schließlich durch die kleine Pforte in den Pfauenhof. Hier war zurzeit niemand, die Pfauen waren in der Mauser und sahen wenig attraktiv aus. Hier konnte sie in Ruhe weiter üben.
Ajitaka
Es war niemals gut, wenn der König seine Söhne zu sich befahl. Ajitaka fühlte, wie sein Magen sich verknotete. Letztes Mal war er gnädig davongekommen. Hatte lediglich einen Verweis kassiert dafür, dass er mit einem seiner Freunde gewürfelt und verloren hatte.
„Wir sind Zauberer“, hatte sein Vater ihm mit finster zusammengezogenen Augenbrauen erklärt. „Wir beeinflussen das Schicksal eines ganzen Landes. Da solltest du doch wohl wenigstens fähig sein, zwei so kleine Würfel zu beeinflussen. Ein Nahne verliert nicht!“
In den folgenden Zehntagen war der Vater seines Freundes am Hof irgendwie in Ungnade gefallen und kurz danach mit seiner ganzen Familie auffällig hastig aus der Hauptstadt verschwunden.
Und Ajitaka hatte beim nächsten Spiel mit Hilfe seiner Zauberkräfte gemogelt.
Wieder und wieder ging er in Gedanken durch, was er in den letzten Monden gemacht hatte. Aber da war nichts, was seinem Vater unangenehm aufgefallen sein konnte, oder? Hatte er einen Fehler gemacht und es nicht bemerkt? Das wäre fast noch schlimmer.
Sein Vater hatte ihn in die Wappenkammer rufen lassen. Jenem Raum, in dem traditionell die Kriegsrüstungen, Waffen und Wappenfahnen der Nahne aufbewahrt wurden. Die glasierten Ziegel der Wände waren so rot wie der Fuchs auf dem königlichen Wappen.
Der König stand breitbeinig mitten im Raum, als Ajitaka eintrat. Drei weitere seiner Söhne waren bereits anwesend, und auch die restlichen fünf kamen jetzt.
Ajitaka atmete auf. Offenbar ging es nicht um Bestrafung.
Ein stechender Blick aus königlichen Augen traf ihn. Es kostete seine ganze Selbstbeherrschung, diesen Blick ruhig zu erwidern. Ajitaka sah, dass mehrere seiner Brüder die Augen niederschlugen.
Sein Vater nannte ihre Namen, befahl ihnen, an die Wand zurückzutreten.
Nur Ajitaka, Kohomeka und Nolokata standen noch vor ihrem Vater.
Der Vater öffnete die Hand. Drei kleine Feuerkugeln rollten heraus, flogen auf seine Söhne zu. Kohomeka ließ die Feuerkugel an einer magischen Barriere zerplatzen. Ajitaka sandte seine Kugel gegen die Decke, wo sie in einem Funkenregen zerstäubte. Nolokata war, wie immer, zu langsam. Die Kugel traf seine Brust. Schmerzerfüllt jaulte er kurz auf, als das Feuer ihn versengte, rührte aber keine Hand und blieb stoisch stehen.
Sein Vater musterte ihn abschätzig. „Unbrauchbar als König. Aber jemand wie du wäre vermutlich ein brauchbarer Feldherr. Geh, melde dich in der Kaserne der Garde. Ab sofort ist dein Platz dort.“
Nolokata drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Ajitaka spürte deutlich die Erleichterung seines Bruders. Kaserne, das bedeutete, dass er von den anstrengenden, langweiligen Übungsstunden bei Onkel Toleke befreit war. Genau das, was Nolokata immer gewollt hatte. Auf dem Schlachtfeld würde er glücklicher sein als im Palast.
Der Vater wandte sich Ajitaka zu. „Du reagierst brauchbar, aber zu schwach. Ich dachte, du hättest mehr von mir. Sollte ich mich so getäuscht haben, als ich dich zu meinem Thronerben ernannte?“
Er ließ seinen Blick über die versammelten Söhne wandern. „Hat Toleke euch bereits einen Seelenspiegel machen lassen?“
Ajitaka und Kohomeka bejahten mit einer Handbewegung.
„Und womit?“
Ajitaka spürte Schweißperlen auf seiner Stirn. Er war froh, dass sein Bruder antwortete. „Wir haben mit Mäusen gearbeitet.“
„Mäuse!“, sagte sein Vater verächtlich. „Das ist etwas für Schwächlinge, nicht für einen zukünftigen König. Eure Spiegel sollten Menschen sein. Mäuse sind viel zu schwach für Kriegszauber.“
Sein Blick fixierte Kohomeka. „Willst du anstelle von Ajitaka König werden?“
„Natürlich!“, entfuhr es Kohomeka.
Ein spöttisches Lächeln umspielte kurz die königlichen Lippen. „Dein Spiegel!“
Kohomeka zückte wortlos seinen Arbeitsspiegel.
Ein Wink seines Vaters. „Tihomeka!“
Der jüngste seiner Söhne löste sich von der Wand und kam unsicher zurück in die Raummitte.
„Da steht dein zukünftiger Spiegel. Sieh zu, dass du ihn vernünftig formst.“
Kohomeka war leichenfahl geworden. Die Hand, die den Spiegel hielt, zitterte. Ajitaka spürte einen Anflug von Mitleid. Kohomeka und Tihomeka waren Söhne der gleichen Mutter. Jeder im Palast wusste, wie sehr Tihomeka an seinem älteren Bruder hing und wie stark Kohomekas Zuneigung zu seinem jüngeren Bruder war.
Kohomeka hob den Spiegel.
Tihomeka begann zu weinen, lautlos, aber er blieb gerade stehen, sah seinem Bruder ins Gesicht.
Der Spiegel kam näher. Die Gestalt des Jungen zitterte unter dem unsichtbaren Sog.
Kohomekas Arm fiel herab, der Sog des Spiegels erlosch. „Ich kann es nicht.“
„Dann kannst du auch kein König sein. Ein König darf keine Schwäche zeigen. Niemals.“
Zitternd blieb Kohomeka vor seinem Vater stehen
Der Kopf des Königs fuhr herum, er nahm Ajitaka in den Blick. „Kannst du es besser?“
Wenn Ajitaka eines sicher wusste, dann die Tatsache, dass Tihomeka so oder so verloren war. Sein Vater würde ihn niemals lebend aus dem Raum entlassen. Das einzige, was er für ihn tun konnte, war, ihm ein schnelles Ende zu geben. Wortlos zückte Ajitaka seinen eigenen Spiegel, trat zu seinem jüngeren Bruder und berührte ihn mit seinem Spiegel.
Es war überraschend leicht. Ajitaka spürte kaum Widerstand. Und dann war der Spiegel in seiner Hand groß und schwer und voller Energie.
„Sieht fast so aus, als ob du doch noch der nächste König auf Karapaks Thron sein wirst.“
Ajitaka fror beim Tonfall der väterlichen Stimme. Es war noch nicht vorbei, der König noch nicht zufrieden.
„Allerdings braucht Karapak einen König, der kämpfen kann. Kannst du es?“ Sein Vater deutete auf Kohomeka. „Da steht dein Gegner! Einer von euch beiden wird der zukünftige König. Der andere verlässt diesen Raum nur noch als Spiegel.“
Er trat zurück.
„Fechtet es untereinander aus. Jetzt.“
Der Kampf konnte nur unfair sein. Kohomeka wusste das so gut wie Ajitaka. Ein Seelenspiegel gegen einen armseligen Arbeitsspiegel. Kohomeka hatte keine Chance. Aber er war verzweifelt, und die Verzweiflung trieb ihn zu einem letzten, machtvollen Aufbäumen. Ajitaka spürte, wie sein Spiegel den kleineren Arbeitsspiegel seines Bruders leer sog. Er spürte, dass bereits mit der ersten Berührung das Schicksal seines Bruders besiegelt war. Und dann ... dann verbündeten die Energien seines noch lebenden Bruders sich mit denen, die bereits im Spiegel steckten, und Kohomeka griff ihn ein letztes Mal an, packte ihn, versuchte, ihn mit in den Spiegel zu zerren. Einen fürchterlichen Moment verspürte Ajitaka nichts als Panik. Dann erinnerte er sich, fokussierte. Der Zugriff seines Bruders glitt ab, die angreifenden Energien wurden in den Spiegel gesogen. Zum ersten Mal in seinem Leben war Ajitaka aufrichtig dankbar für die endlosen Konzentrationsübungen, die Onkel Toleke ihnen immer und immer wieder auferlegt hatte.
Zwei Atemzüge, und schon war es vorbei. Der Spiegel lag schwer in seiner Hand. Makellos glatt die Oberfläche, spröde und rau die Umrahmung, dumpfe Verzweiflung darunter. Und als er von dem Spiegel hochsah, blickte er in das zufrieden lächelnde Gesicht seines Vaters.
Mit diesem Spiegel war Ajitaka endgültig der auserwählte, beneidete Thronerbe. Mit diesem Spiegel war er dauerhaft eine Gefahr für seine Brüder. Und mit diesem Spiegel loderte in ihm ein Hass gegen seinen Vater, den nur der Tod beenden konnte.
Der Sommerharem reagierte wie gelähmt. Seit Generationen hatte es nicht mehr eine so gnadenlose Probe für die Thronbewerber gegeben. Die Frauen flüsterten nur noch. Die Kinder wagten nicht einmal das. Die Mutter der beiden toten Prinzen, die Zweite Gemahlin, schrie einmal auf, als sie vom Schicksal ihrer Kinder hörte. Dann legte sie ihre Festkleidung an, ließ sich von ihrer Zofe kunstvoll schminken, schmückte sich mit allem, was ihre Truhen hergaben, schickte dann ihre Dienerinnen und Sklavinnen fort und bestieg alleine und unbegleitet den großen Eckturm an der Flussseite. Mit klopfendem Herzen stand Akiana im Pfauenhof, sah in der Ferne die winzig erscheinende Gestalt ihrer Tante, deren Geschmeide mit jeder Bewegung in der Sonne glitzerte, sah sie dort stehen, oben auf dem Turm, viele Herzschläge lang. Und sah sie verschwinden.
Es hieß, ihre Leiche sei von den Leuten aus dem Flussviertel ausgeplündert worden, bevor die Wachen sie erreichen konnten, und man habe sie halb entkleidet vorgefunden. Akiana wusste, was ihre Tante damit bezweckt und erreicht hatte. Ihr Tod würde für immer einen Flecken der Schande auf der Ehre ihres Gatten, des Königs, hinterlassen.
Es dauerte bis zur Regenzeit, bevor sich das Leben im Sommerharem einigermaßen wieder normalisierte, und es wurde nie wieder das gleiche.
Nichts für Frauen
Fast sehnte Akiana die Tage zurück, an denen sie noch neun Brüdern hatte ausweichen müssen, wenn sie etwas lernen wollte.
Jetzt hatte einer ihrer Brüder den Palast verlassen, zwei waren tot, und die restlichen versuchten, sich so unauffällig wie möglich fern von jedem Geschehen zu halten, das sie in Kontakt mit ihrem Vater bringen konnte.
Alle, bis auf einen: Ajitaka. Der zukünftige König war auch der einzige, der von Onkel Toleke noch unterrichtet wurde. Die anderen waren auf Befehl des Königs vom weiteren Unterricht verbannt.
Ajitaka lernte jetzt Kriegszauber. Zauber, die mit Spiegeln gemacht wurden, und die Tod und Zerstörung bedeuteten.
Akiana war ratlos. Nicht nur, dass es merkwürdigerweise schwieriger war, einem einzigen Bruder auszuweichen, als zuvor neun. Diese Spiegelzauber gingen auch weit über das hinaus, was sie konnte. Und dabei würde es auch bleiben, wie sie ziemlich schnell begriff, wenn sie sich nicht irgendwie einen Spiegel verschaffen konnte. Nur dass sie leider nicht einfach zu Onkel Toleke hin spazieren und um einen Spiegel bitten konnte, wie ihre Brüder es getan hatten.
Sie versuchte es trotzdem. Aber bereits der erste Lähmzauber, den sie an einer Katze ausprobierte, ließ sie so schlapp und ausgelaugt zurück, dass sie vier Tage lang ihren Pavillon nicht mehr verließ. Bei Ajitaka hatte das so leicht ausgesehen. Aber er hatte ja auch Spiegel. Mehrere, kleine und große, wie er selbst vor Onkel Toleke geprahlt hatte.
Ob man Spiegel auch selbst herstellen konnte?
Akiana versuchte es mit einer polierten Metallscheibe. Danach mit einer polierten Fliese. Und danach mit einem gläsernen Untersetzer.
Nichts funktionierte. Es musste mehr an diesen Spiegeln sein als nur die glänzende Oberfläche.
Der Zufall kam ihr zur Hilfe.
Akiana saß, wie fast jeden Tag, vor dem ockerfarbenen Papier, das für ihre kalligrafischen Übungen bestimmt war, und malte geduldig Pinselzeichen für Pinselzeichen. Ihre Handschrift war makellos, wie die anderen Frauen immer wieder betonten, aber makellos war nicht perfekt. Sie schrieb nur ein kleines Gedicht heute, über die Vergänglichkeit der Blumen. Wie zur Bestätigung ihrer Schriftzeichen fiel plötzlich von der Rose, die auf ihrem Tisch stand, ein Blütenblatt herab. Ein zweites folgte.
Akiana runzelte die Stirn. Die Blüte hatte ihre Symmetrie verloren. So sollte ihr Tisch nicht aussehen. Ein kurzer Blick – nein, keiner ihrer Dienerinnen war in Reichweite. Vermutlich schliefen sie, wie die meisten Menschen im Sommerharem um die Zeit der größten Mittagshitze. Sollten sie weiterschlafen. Eine einzelne Rose konnte Akiana sich durchaus selbst holen.
Kurz darauf stand Akiana vor dem Rosenbusch, ein kleines Messer in der Hand, und überlegte, welche Blüte am besten passen würde. Schön waren sie alle, aber die meisten waren bereits zu weit geöffnet, um mehr als ein oder zwei Kerzen auf ihrem Tisch zu überstehen. Und Knospen mochte sie nicht. Schließlich entschied sie sich für eine einzelne Blüte, die ein Stück aus dem Busch herausragte und gerade erst voll erblüht war. Vorsichtig durchtrennte sie den Stängel und nahm die Rose mit zwei Fingern auf. Der Reststängel, der jetzt kahl und nutzlos aus dem Busch ragte, sah hässlich aus. Einen Moment überlegte sie, ihn abzuschneiden, aber das funktionierte nicht. In der einen Hand hielt sie das Messer, in der anderen die Blüte, und sie wollte die Blüte nicht weglegen, ihre perfekte Form mochte sonst Schaden leiden. Ihr fiel Onkel Tolekes Unterricht wieder ein. Damals, der Oleander ...
Die Hand, die das Messer hielt, berührte den herausragenden Stängel. Das hier erforderte Präzisionsarbeit. Der Oleander war verdorrt und dann in kleine Stücke zerkrümelt. Hier sollte aber nur ein einzelner Zweig zerstört werden. Vorsichtig tasteten ihre Gedanken nach der Lebenskraft der Pflanze. Der Rosenbusch wehrte sich unverhofft kräftig, es gelang Akiana nicht, die Lebenskraft einfach zurückzudrängen. Schließlich riss ihr Geduldsfaden, und sie zog sie einfach aus dem Stängel heraus.
Ein bisschen zu viel, wie sie feststellen musste. Vor ihren Augen zerfiel der halbe Busch zu Staub.
Das Sonnenlicht reflektierte auf der Messerklinge. Ein ausgesprochen merkwürdiger Reflex. Akiana sah genauer hin. Das wirkte wie ... Hastig zog sie den Daumen zurück, der schon fast die schimmernde Fläche berührt hatte. Wenn das stimmte, was sie vermutete ...
Das Messer lag auf dem Papier, zugedeckt mit einem dünnen Seidentuch. Irgendwie drang das Schimmern selbst durch das Tuch hindurch. Akiana betrachtete es, ängstlich und fasziniert zugleich. Sollte das Geheimnis wirklich so einfach sein? Eine reflektierende Fläche plus Lebenskraft ergab einen Spiegel, mit dem man zaubern konnte? Dann wäre sie jetzt in der Lage, die ganzen Aufgaben mitzumachen, die Onkel Toleke ihrem Bruder Ajitaka stellte. Interessante Aufgaben. Wichtige Aufgaben. Nur musste sie es dann auch wieder schaffen, unbemerkt den Unterricht zu belauschen. Was schwierig werden würde, denn selbst wenn Onkel Toleke sie nicht bemerkte, ihr Bruder passte mit Sicherheit besser auf.
Ein fallendes Blütenblatt riss sie aus ihren Gedanken. Was ...
Die Blüte sah aus, als ob sie kurz vor dem endgültigen Verblühen war. Wie war das möglich? Ein weiteres Blatt fiel, der Stängel begann sich schwach nach unten zu krümmen. Mit Grauen begriff Akiana. Der Messerspiegel sog das Leben aus der Blüte. Was, wenn er das auch bei ihr tat? Oder bei ihren Dienerinnen, wenn die nichtsahnend in den Pavillon kamen?
Es gab nur eine Person, zu der sie sich mit diesem Problem trauen konnte. Onkel Toleke.
Zwischen den dicken Steinwänden des Palastes war es kühler als in den Pavillons des Sommerharems. Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch wehte durch die offenen Fensterschlitze. Die zarten Seidenvorhänge kräuselten sich wie die Oberfläche eines Teiches. Trotz der kühleren Luft war es auch im Palast ruhig, Akiana begegnete niemandem außer zwei Sklaven, die mit Krügen durch die Gänge eilten.
Onkel Toleke pflegte mittags immer ein wenig zu ruhen. Akiana zögerte, als sie vor seiner Tür stand. Sollte sie ihn wirklich wecken? Ein alter Mann wie er hatte seine Ruhe verdient. Sie hob halb die Hand, um zu klopfen, senkte sie dann wieder. Nein, vielleicht doch lieber nicht. Womöglich war er zornig, wenn sie ihn störte, und würde sie gar nicht erst anhören.
Doch noch bevor sie sich abwenden konnte, wurde die Tür geöffnet. Onkel Toleke sah sie an, seufzte und sagte nur: „Komm herein.“
Akiana gehorchte.
Ihr Onkel setzte sich auf einen der gepolsterten Hocker, gab ihr mit einer Geste zu verstehen, dass auch sie sich setzten sollte. „Erzähl mir, was passiert ist.“
Sie begann, zögernd zunächst, dann schneller, bis es aus ihr heraussprudelte. „... und deshalb denke ich, dass aus dem Messer ein Spiegel geworden ist, aber ich verstehe nicht, warum er die Rosenblüte zerstört hat. Ich meine, er hat sie doch überhaupt nicht berührt! Wie soll ich mit einem Spiegel arbeiten, der sich so benimmt?“
„Du sollst mit überhaupt keinem Spiegel arbeiten.“ Onkel Tolekes Stimme war sehr ernst, sehr nachdrücklich. In seinem Blick glaubte sie Bedauern zu sehen. „Es hat seinen Grund, dass ihr Frauen nicht in der Zauberei ausgebildet werdet. Insbesondere nicht im Gebrauch von Spiegeln. Aber zunächst zu deiner Frage. Der Spiegel hat die Rose zerstört, weil er aus dem Messer gemacht wurde, mit dem du die Blüte geschnitten hast. Dadurch besaß er bereits eine starke Affinität zu der Blüte. Und er hätte sie auch über größere Entfernung töten können. Ich bin ziemlich sicher, wenn du zurückgehst, wirst du den ganzen Rosenbusch verdorrt vorfinden. Spiegel müssen niemanden berühren, um zu töten. Es ist nur einfacher, wenn sie Kontakt haben.“
Akiana schluckte. Tausend weitere Fragen brannten bereits in ihr, aber sie traute sich nicht, sie zu stellen.
„Es gibt natürlich einen Grund, weshalb ihr Frauen nicht als Zauberinnen ausgebildet werdet. Nicht nur Spiegel ziehen Lebenskraft an sich. Auch Zauberer. Und je stärker und je besser ein Zauberer ausgebildet ist, desto stärker zieht er auch Lebenskraft an sich. Ihr würdet euch gegenseitig schaden.“
Jetzt begehrte Akiana doch auf. „Aber das ist unlogisch. Ihr Männer seid doch auch Zauberer, und ihr lebt zusammen, ohne dass es euch umbringt!“
„Weil wir alle ausgebildet sind. Weil wir gelernt haben, uns abzuschirmen und zu schützen.“
„Das könnten wir Frauen doch auch lernen!“
„Ihr vielleicht. Aber was ist mit den Kindern? Sie sind zu jung, das zu lernen, und wenn sie es lernen könnten, wären sie zu schwach. Was glaubst du, weshalb es den Sommerharem gibt? Und weshalb es ihn nur hier, im Palast, gibt, und nirgends sonst? Nur in der Nahne-Sippe sind alle von Zaubererblut. Würden wir, wie es die Nichtmagischen tun, mit unseren Frauen und Kindern zusammenleben, würden das weder die Frauen noch die Kinder lange überleben. Schlimmer noch, die Kinder würden gar nicht erst geboren. Sie würden bereits im Mutterleib sterben. Der Bann in den Palastmauern wurde nicht ohne Grund eingewoben. Er schützt euch. Der äußere Bann schützt die Stadt, der innere den Sommerharem.“
Der Messerspiegel entglitt Akianas zitternden Händen. „Das heißt ... wenn ich diesen Spiegel im Sommerharem behalte, tötet er meine jüngeren Geschwister?“
„Ja.“
Sie schaute auf die glitzernde Schneide, die so klein und unschuldig zu ihren Füßen lag. „Dann müsste ich diesen Spiegel im Palast aufbewahren?“
„Nein.“ Onkel Tolekes Stimme klang jetzt geradezu grimmig. „Du musst diesen Spiegel vernichten. Sofort.“
„Aber ... warum?“
„Was glaubst du, was passiert, wenn die anderen Männer deiner Familie von diesem Spiegel erfahren?“ Er beugte sich vor, sah sie fast beschwörend an. „Du würdest keine zwei Tage überleben. Überleg doch mal! Eine Frau, deren Zauberkraft so stark ist, dass sie ohne Anleitung einen Spiegel schaffen kann, wird immer in Versuchung sein, sich auf diese Art zu schützen. Damit aber würdest du niemals imstande sein, auch nur ein einziges Kind auszutragen, und wärst damit für deinen Vater wertlos. Er könnte dich nicht mehr verheiraten.
Schlimmer noch. Du bist stärker als jeder deiner Brüder, vielleicht mit Ausnahme von Ajitaka. Du könntest jeden von ihnen besiegen. Eine Schande für die ganze Familie. Dem würden sie unbedingt zuvorkommen wollen. Deine schwächeren Brüder würden versuchen, dich zu ihrem Seelenspiegel zu machen. Dann wären es ihnen möglich, Ajitakas Position erfolgreich herauszufordern. Ajitaka würde das um jeden Preis verhindern wollen, aber nicht, um dich zu schützen. Er würde seinerseits versuchen, dich in seinen Seelenspiegel zu bannen. Damit wäre er nämlich stark genug, euren Vater herauszufordern. Die einzige Möglichkeit für ihn sicher zu sein, dass nicht umgekehrt sein Vater auf die Idee kommt, ihn als Spiegel in einem seiner zahllosen Kriege zu verbrauchen, wie er es bereits mit zwei Thronanwärtern vor Ajitaka gemacht hat.
Und sollte mein Bruder es vor seinen Söhnen erfahren – glaub mir, du wärst schneller ein Spiegel, als du schreien kannst.“
Akiana sackte zusammen. Sie bekam kaum noch Luft. In was hatte sie sich da hineinmanövriert?
„Und jetzt vernichte deinen Spiegel!“
Ihr zaghaftes „Wie?“ war nur ein Hauch.
Onkel Toleke machte eine ungeduldige Handbewegung. „Such dir etwas aus. Hier steht ja genug Kram herum. Verwandle es, solange, bis die Kraft deines Spiegels aufgebraucht ist.“
Sie brauchte eine ganze Kerze, bis sie den kleinen Keramik-Kerzenhalter in schimmernde Bronze umgewandelt hatte. Eine weitere halbe Kerze, bis aus der Schreibfeder ein pfauenblaues, hauchdünnes Seidentuch geworden war. Dann lag nur noch der Griff des Messers in ihrer Hand. Onkel Toleke schnappte sich den Griff und ließ ihn zu Wasser zerrinnen. „Besser, wir hinterlassen keine Spuren“. Er musterte sie streng. „Vergiss, was du getan hast. Denk nie wieder daran. Du kannst dir keinen Fehler mehr erlauben.“
Während Akiana hinausging, hörte sie ihn noch brummen „Und ich übrigens auch nicht.“
Sie hatte eindeutig mehr als nur sich selbst gefährdet.
Hatte Akiana zuvor nur ihren Vater gefürchtet, so fürchtete sie jetzt auch ihre Brüder. Und ihr Schlaf war von Alpträumen durchsetzt.
Das Buch
Einen halben Mond nach der nächsten Regenzeit trafen schlechte Nachrichten aus dem Norden ein. Die Nordmänner hatten die kalte Jahreszeit genutzt, nicht nur einen, sondern gleich vier karapakische Handelsposten zu überfallen. Umgehend sammelte der König seine Truppen. Das konnte er den Nordmännern unmöglich straflos durchgehen lassen, zumal unter den Toten eines der Handelsposten auch ein Adeliger aus dem Haus Kirasa-Poetoni war. Ein Haus, in das zwei Schwestern des Königs eingeheiratet hatten.
Es war geradezu eine Erlösung für Akiana. Alle ihre Brüder würden den Vater begleiten. Und die Nordlande lagen weit, weit weg. Ihr Vater würde mehrere Monde fortbleiben. Mehrere Monde, in denen sie ohne Angst leben konnte.
Wie die anderen Frauen des Sommerharems schickte auch sie ihrem Vater und ihren Brüdern die üblichen formellen Segensworte und Wünsche für ein gutes Gelingen. Im Gegensatz zu den anderen Frauen aber betete sie nicht in dem kleinen Gartentempel für ihre wohlbehaltene Rückkehr. Und dann waren die Männer der königlichen Familie fort, bis auf Onkel Toleke, und es kehrte Ruhe in den Palast ein.
Die Gelegenheit für Akiana, Onkel Toleke ein zweites Mal aufzusuchen.
Sie erschrak, als sie ihn sah. Sein Gesicht war eingefallen, sein Haar schütter und grau. Er bemerkte ihr Erschrecken und lächelte gequält. „Ich weiß, meine Kleine, ich sehe nicht mehr besonders gut aus.“
Akiana war ratlos. Klar, Onkel Toleke war älter als ihr Vater. Aber so viel älter dann auch wieder nicht. „Was ist dir passiert?“
„Der König ist mir passiert. Er hat seinen Spiegel für den Feldzug bei mir aufgeladen.“
„Aber der König ist dein Bruder! Und du hast dein Leben in der Kristallkammer aufgegeben, um seine Kinder zu unterrichten!“
Onkel Toleke kam näher, schwer auf einen Stock gestützt. „Warum glaubst du, dass er auf seinen Bruder mehr Rücksicht nimmt als auf seine Söhne?“
Eine Eisenfaust krallte sich um Akianas Herz. „Ajitaka?“
„Was denkst du, warum dein Vater alle seine Söhne mitnimmt auf seinen Feldzug? Seine eigene Lebenskraft ist nach all diesen Feldzügen mit ihren Kriegszaubern fast erschöpft, seine Spiegel schwach. Er braucht seine Söhne als Reserve. Wenn es ihm dienlich ist, wird er sie ohne Bedenken im Kampf verbrauchen. Bessere Kampfspiegel als Männer mit Zaubererblut wird er nicht kriegen. Er wird erst die Schwächeren verbrauchen. Aber bevor er eine Niederlage akzeptiert, muss auch Ajitaka herhalten.“
„Aber der Thron braucht doch einen Erben!“
„Dein Vater kann jederzeit neue Söhne zeugen.“ Onkel Toleke sprach nur leise, aber die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er schwankte leicht.
Akianas Hand schoss vor, ihn zu stützen.
„Nein! Rühr mich nicht an!“
Akiana zog erschrocken ihre Hand zurück.
„Wenn du mich berührst, könnte ich in Versuchung kommen, meine verschwundene Lebenskraft durch deine zu ersetzen.“
„Oh.“ Bedeutete das, dass Onkel Toleke sie tatsächlich mochte?. „Aber was wird jetzt aus dir?“
„Nichts. Ich gehe zurück in die Kristallkammer. Mein Bruder hat mir mehr als deutlich gemacht, dass ich hier nicht mehr am richtigen Platz bin.“ Er lächelte müde. „Keine Angst, Kind, ich werde nicht so schnell sterben. Die Kristallkammer ist ein guter Energiesammler. Dort wird meine Lebenskraft wieder hergestellt werden.“
Er seufzte. „Ich habe dort einen Turm, weißt du? Einen schönen, hohen Turm, von dem aus ich mehr als fünf Biegungen des Tsaomoogra sehen kann. Manchmal fliegen die Falken um die Spitze des Turmes. Ich werde mich in meinen Turm begeben, über das Land schauen und ruhen. Ein paar Jahre, ein paar Jahrzehnte – es spielt keine Rolle. Und wenn ich irgendwann wieder aus dem Turm hervorkomme, wird mein Bruder nicht mehr sein als eine schlechte Erinnerung.“
„Sehe ich dich dann wieder?“
„Ich fürchte, nein“, sagte er. „In den Türmen verstreicht die Zeit anders. Auch dich wird es dann nicht mehr geben. Vielleicht sehe ich deine Kinder. Vielleicht deine Kindeskinder.“
Der Stock klackte auf dem gefliesten Boden. Tack ... tack ... tack ... Onkel Toleke ging zu dem Tisch, auf dem mehrere große Bücher lagen. Nach kurzem Überlegen zog er ein relativ dünnes aus einem der Stapel hervor. Mit dem Buch in der Hand kehrte er zurück und reichte es ihr. „Ich glaube, da steht etwas drin, was dich interessieren könnte. Wenn dein Vater ohne seine Söhne zurückkehrt, wirst du es brauchen. Wenn nicht – nun, du kannst es immer noch für deine Kinder nutzen. Ich glaube nämlich nicht, dass außerhalb des königlichen Palastes irgendein Adeliger lebt, der die Kosten auf sich nehmen würde, um seine magiebegabten Kinder tatsächlich von einem Zauberer unterrichten zu lassen. Du weißt genug, um es notfalls selbst zu können. Dieses Buch wird dir dabei helfen. Sie zu, dass es niemand außer dir zu sehen kriegt.“
Er ging schwerfällig zum Tisch zurück. Dort drehte er sich noch einmal um. „Der Abschied wird für keinen von uns leichter, wenn du wartest. Nun geh schon!“
Akiana sagte nichts. Sie wusste, Onkel Toleke sah ihre Aura, so wie sie die seine sah. Er machte sich nicht mehr die Mühe, seine Zuneigung zu verbergen. Sie verbeugte sich tief und verließ den Raum.
Onkel Toleke verließ den Palast bereits am nächsten Morgen. Aber erst einen halben Mond später traute sich Akiana, das Buch zu öffnen. Es war handschriftlich verfasst, ganz offensichtlich von Onkel Toleke selbst. Kurze, präzise Anweisungen, wie man magiebegabte Kinder zu unterrichten hatte, ohne dass sie sich selbst oder andere Menschen dabei umbrachten. Und einige einfache Zauber, die man auch ohne Spiegel ausführen konnte, zusammen mit der Warnung, sie nicht allzu häufig einzusetzen, weil jeder Zauber ein Stück der eigenen Lebenskraft verbrauchte. Zauber, die nützlich waren, wenn man es mit Menschen zu tun hatte, deren Hauptinteresse vermutlich daraus bestand, einem zu schaden. Tarnzauber, Spionagezauber, Schutzzauber, rasche Übermittlung von Nachrichten und dergleichen mehr. Akiana prägte sich genau ein, was in dem dünnen Büchlein stand. Der Tag mochte kommen, an dem sie das Buch nicht mehr besaß, es vielleicht sogar zerstören musste. Sie durfte nichts davon vergessen. Vor allem nicht, wie sie ihre Aura manipulieren konnte. Weder ihr Vater noch ihre Brüder durften jemals herausfinden, wie stark ihre Zauberkraft war. Sonst wäre ihr ein Schicksal als Spiegel sicher.
Der Gegner im Norden
Während des langen Ritts nach Norden war die Stimmung gedrückt. Kämpfe gegen die Nordmänner bedeuteten regelmäßig starke Verluste. Ajitakas Brüder waren schweigsam, und wenn sie doch einmal sprachen, dann schroff und abweisend. Die Chancen, dass sie von diesem Feldzug nicht zurückkehren würden, waren mehr als groß. Seit in der Bevölkerung kaum noch starke magische Talente geboren wurden, waren die Könige Karapaks dazu übergegangen, Reserven für ihre Kampfspiegel unter ihren eigenen Kindern zu suchen. Ajitaka war sich verdammt sicher, dass sein Vater diese Reserve nutzen würde. Die Aura des Königs zeigte nur zu deutlich, wie wenig Kraft ihm noch verblieben war.
Allerdings war er selbst jetzt noch bedeutend stärker als fast alle seine Söhne. Ajitaka war sich nicht einmal sicher, dass er selbst genug Magie besaß, um im Fall der Fälle gegen seinen Vater zu bestehen.
Es war kalt hier im Norden. Die Soldaten froren, die Offiziere froren, die Königssöhne froren. Der König fror nicht, der trug ein mit Magie aufgeladenes Gewand, das ihm angenehme Wärme spendete.
Auf der Höhe der Grauen Schluchten begann es zu regnen. Regen in der Trockenzeit? Ajitaka war mehr als schockiert. War die Kälte vorher lästig gewesen war, wurde sie jetzt mehr als unangenehm. Durch die nasse Kleidung drang die Kälte noch leichter. Nach der ersten Nacht in einem kalten Zelt auf noch kälterem Boden schuf Ajitaka aus einem herumstreunenden Dorfhund einen Seelenspiegel und sorgte dafür, dass er einen magischen Schutzschuld bekam, der den Regen ab- und die Kälte fernhielt. Sein Vater gab keinen Kommentar dazu. Er lächelte nur spöttisch.
Drei Tage machten sie in eine Befestigung am Grenzfluss Halt. Auch wenn mehr als die Hälfte der Gebäude beim letzten Überfall zerstört worden war, hatten sie hier doch wenigstens ein notdürftiges Dach über dem Kopf und eine warme Küche.
Am vierten Tag klarte der Himmel auf. Der König gab Befehl zum Aufbruch.
Der Wind war weiterhin kalt, doch die Sonne schien. Und weit und breit kein Zipfel von den Nordmännern zu sehen. Die Laune der Soldaten hob sich.
Die des Königs wurde immer schlechter.
Am späten Vormittag des elften Tages öffnete sich die hügelige Landschaft zu einer weiten grünen Ebene. Der König befahl anzuhalten. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er das Gelände. „Wo immer die Nordmänner sind, dort sind sie ganz offensichtlich nicht. Irgendetwas stimmt hier nicht. Schlagt das Lager auf. Mit extra Palisaden und vierfachen Wachen.“
Die Soldaten tauschen beunruhigte Blicke. Die Söhne des Königs warteten stoisch, bis ihr Vater sie zu sich in das königliche Zelt rief.
Er musterte sie finster. „Es ist völlig unmöglich, dass die Nordmänner unser Eindringen in ihr Land nicht bemerkt haben. Sie beobachten uns, das spüre ich. Vermutlich wollen sie uns eine Falle stellen. Oder sie haben es bereits getan, und wir haben es nicht bemerkt.“ Er legte einen Spiegel vor sich auf den Klapptisch. Einen Arbeitsspiegel von ungefähr Handgröße. Ein Wink seiner Hand. „Sahotep!“
Der jüngste seiner anwesenden Söhne trat mit unsicheren Schritten an den Tisch. „Hast du schon einmal mit einem Spiegel spioniert?“ Der junge Mann bejahte mit einer zittrigen Geste.
„Weißt du, wie man mit einem Spiegel Energiesignaturen findet?“
„Onkel Toleke hat uns darin unterrichtet.“
Der König deutete auf den Arbeitsspiegel. „Ich habe vorhin einen Fährtensucher ausgeschickt. Versuch über den Spiegel, seinen Standort zu finden.“
Mit sichtlicher Erleichterung nahm Sahotep den Spiegel auf und aktivierte ihn. Es dauerte ungefähr zwanzig Herzschläge, bis er ihn vorsichtig wieder auf den Tisch sinken ließ. „Der Fährtensucher ist im Südwesten, ungefähr zweitausend Pferdelängen entfernt.“
„Offenbar war Toleke doch zu etwas nütze.“ Der König griff nach dem Spiegel. Und berührte damit seinen Sohn.
Sahotep war so überrascht, dass er nicht einmal aufschrie, als der Spiegel ihn aufsog.
„Ihr anderen könnt gehen. Alle, außer Ajitaka.“
Er wartete, bis er mit seinem ältesten Sohn alleine im Zelt war. „Was denkst du, warum ich das getan habe?“
„Weil es einfacher ist, einen Spiegel etwas ausführen zu lassen, was er bereits kennt.“
Einen Moment sah der König fast zufrieden aus. „Richtig. Ich werde versuchen, mit diesem Spiegel die Nordmänner zu finden. Deine Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, dass ich nicht gestört werden.“
Ajitaka ging wortlos an den Eingang des Zeltes und stellte sich davor. Hinter ihm war es zunächst ruhig. Dann hörte er den Atem seines Vaters, hörte ihn nach und nach lauter werden, dann ein Keuchen und Klirren.
„Nichts“, hörte er ihn schließlich sagen. Vorsichtig drehte er sich wieder um. Der Spiegel war nur noch ein formloser Metallklumpen, sein Vater sah müde und um Jahre gealtert aus. „Da draußen ist etwas, aber es versteckt sich hinter einer magischen Barriere. Beim nächsten Versuch brauche ich einen stärkeren Spiegel.“
Der nächste Versuch kostete zwei weitere seiner Söhne. Aber der König fand, was er gesucht hatte. Nur zu spät. Noch während er in seinem Zelt versuchte, wieder zu Atem zu kommen, griffen die Nordmänner an. Es war, als ob der Boden sie ausspie. Wilde Gestalten, mit Erde beschmiert, mit Moos und Zweigen bedeckt, darunter fast nackt, in jeder Hand Schwert oder Axt. Sie sprangen über die Palisaden, hieben und stachen um sich und flohen so rasch in das Gestrüpp zurück, wie sie gekommen waren.
Dann war es gespenstisch ruhig, bis auf das Jammern der Verwundeten.
Die Bestandsaufnahme war mehr als düster. Gut ein Zehntel der Männer war tot oder kampfunfähig. Und nur zwei der Nordmänner waren auf der Strecke geblieben.
In der Nacht flogen Brandpfeile. Lediglich das königliche Zelt, durch Zauber geschützt, blieb unversehrt. Die Verwundeten verbrannten in ihren Zelten. Ajitaka schauderte bei ihren Schreien. Sein Vater schien es nicht einmal zu hören.
Und im ersten Morgengrauen griffen die Nordmänner ein zweites Mal an, nur um sich ebenso schnell wie beim ersten Mal zurückzuziehen. Dieses Mal allerdings erwarteten sie kampfbereite Soldaten, und auch die Nordmänner hatten Verluste. Trotzdem gab es zu viele neue Tote.
Nolokata sah seine Männer sterben. Er tat, was jeder gute Feldherr tun würde. Er suchte seinen Vater, den König, auf. „Wir hatten diese Nacht schon wieder hohe Verluste.“
„Und du glaubst, das hätte ich nicht bemerkt?“
Nolokata bewahrte Haltung. Lediglich seine Augenlider flatterten leicht. „Ihr habt mich zum obersten Feldherrn ernannt, königlicher Vater. Damit bin ich zuständig für die Truppen, die ich anführe. Die Nordmänner kennen das Land und jedes noch so kleine Versteck. Wir nicht. Ihr Angriff hat unsere Zelte verbrannt. Das bedeutet, wir brauchen offene Feuer für Wärme und Essen. Damit sind wir die perfekten Zielscheiben. Und wenn wir das nicht sein wollen, sind wir hungrig und frieren. So oder so, es ist schlecht für die Moral. Mal abgesehen davon, dass wir sowieso bald hungern werden, wenn wir hier bleiben. Das Feuer hat nämlich auch über die Hälfte unserer Proviantkarren vernichtet. Wenn wir in dieser Stellung verbleiben, werden wir alle sterben.“
„Wenn wir den Rückzug antreten, vermutlich auch. Oder glaubst du, die Nordmänner würden uns einfach so ziehen lassen?“
„Sie haben uns mit Feuer angegriffen“, warf Ajitaka ein. „Wir könnten ihnen dieses Feuer zurückgeben. Über einen Spiegel. Ich glaube kaum, dass sie dagegen etwas ausrichten könnten. Sie sind schließlich nur Magielose.“
„Die Männer, die uns angegriffen haben, ja. Aber was glaubst du, wer sie zuvor mit seinem Zauber geschützt hat? Da draußen wartet ein Schamane!“
Nach kurzem Überlegen entschied sich auch der König für Rückzug.
Bis zum späten Nachmittag lief alles einigermaßen gut. Dann setzte der Regen wieder ein. Und mit dem Regen kamen die Nordmänner zurück.
Angriffe in kleinen Gruppen, mal hier, mal dort, tausend Nadelstiche, jeder für sich alleine unbedeutend. Aber alle zusammen forderten sie ihren Blutzoll. Ein Dutzend Männer starb am ersten Tag. Sieben Männer am zweiten. Zweiundvierzig, als sie am dritten Tag durch eine kleine Schlucht mussten. Und die Randberge waren noch nicht einmal erreicht.
An diesem Abend ließ der König seine Söhne erneut antreten. Schwer stützten sich seine beiden Fäuste auf den Tisch, links und rechts von einem auffällig großen Spiegel, während er die vier verbliebenen jungen Männer finster musterte.
„Wenn das so weitergeht, kehrt nicht einmal die Hälfte der Truppe heim. Wir müssen die Nordmänner angreifen, gründlich genug, dass sie uns danach in Ruhe lassen. Aber dieser verdammte Schamane schützt sie nach wie vor mit seinem Tarnzauber. Also werde ich mich darum kümmern müssen.“
Ajitaka schluckte. Der Größe nach musste der Spiegel bereits ein Seelenspiegel sein. Doch er musste nicht nachdenken, um zu wissen, dass sein Vater diesen Spiegel mit noch mehr Seelen auffüllen wollte. Schließlich hatte zuvor bereits der Spiegel, den zwei seiner Brüder gebildet hatten, keinen Erfolg gebracht.
„Nolokata! Du sorgst dafür, dass deine Männer mit dem ersten Sonnenstrahl angriffsbereit sind. Sobald du dann die Nordmänner siehst, zeigst du ihnen, was karapakische Schwerter vermögen.“
Nolotaka salutierte und sah zu, dass er so schnell wie möglich aus dem Zelt wieder herauskam. Manchmal hatte es Vorteile, nur geringe Spuren von Magie zu besitzen.
Ajitaka spürte, wie ihm trotz der Kälte der Schweiß auf die Stirn trat. Was, wenn sein Vater beschlossen hatte, alle drei magiestarken Söhne in seinen Seelenspiegel einzubinden?
Der König hob den Spiegel. „Zwei Seelen sind bereits darin“, stellte er wie beiläufig fest.
Platz genug für drei weitere Seelen. In Ajitakas Ohren rauschte das Blut so laut, dass er kaum hörte, was sein Vater weiter sagte.
Der jüngere seiner Brüder trat mit gesenktem Kopf an den Tisch. Zwei Herzschläge später hatte der Spiegel ihn aufgesogen. Der zweite folgte.
Ajitaka erwiderte den Blick seines Vaters, auch wenn er am liebsten weggelaufen wäre. Der König lächelte maliziös. „Du bleibst. Noch. Dich brauche ich als Verstärkung, wenn sich der Spiegel zu schnell leert.“
Die Nacht wurde lang. Ajitaka wartete. Der König wartete. Das ganze Lager wartete. Kampfbereit, aufbruchsbereit.
Als das erste ferne Grau am Horizont den kommenden Tag ankündete, griff der König zu seinem Spiegel und aktivierte ihn. Ajitaka fühlte die Macht des Zaubers, die über ihn hinwegbrandete, einen Teil von ihm mitriss und sich in das ganze Umland ausbreitete. Der König suchte seinen Gegner. Drei Seelen, vereint in einem Spiegel, und darüber die Signatur des Königs, mächtig, drohend, schwer. Ajitaka fühlte, wie unsichtbare Fühler vorwärts krochen, jeden Busch, jeden Baum, jeden Felsen abtasteten.
Der Schamane blieb verborgen.
Fast hätte er es ebenfalls nicht gesehen. Es war blanker Zufall, dass der Teil von Ajitaka, der im väterlichen Energiestrahl schwamm, sich umdrehte, versuchte, zurückzukommen in seinen Körper, und dabei den Schatten gewahrte. Die Auren der Soldaten, die das Lager deutlich kennzeichnete, die in kleinen Gruppen in der Umgebung verstreuten Auren der Nordmänner, deren Standorte Ajitaka jetzt mühelos erkennen konnte, die schwachen, aber noch immer sichtbaren Energien der Bäume der restlichen Vegetation, durchsetzt mit den kleinen Funken der Tiere, die sich darin verbargen, und dann diese eine Stelle, an der nichts war. Überhaupt nichts.
Ein starkes Tarnfeld. Der Schamane!
In dem Moment, in dem Ajitaka es dachte, erreichte die Information auch seinen Vater. Mit dem mentalen Äquivalent eines Fluches wandte der König den Fluss der Energien zurück, ließ sie gegen die Dunkelheit anbranden.
Ajitaka hätte hinterher nicht zu sagen gewusst, was da genau geschehen war. Alles, was er spürte, war die Wucht, mit der die beiden feindlichen Energien aufeinander prallten. Die Auren flammten auf, wogten wie sturmgepeitschte Gewitterwolken. Eine Ewigkeit schienen sie sich ineinander zu verbeißen, zugleich wusste Ajitaka, dass bislang kaum ein Herzschlag vergangen war. Sein Vater war der bessere Kämpfer, der stärkere Zauberer, doch der Schamane war jung, und was ihm an Erfahrung fehlte, machte er mit Entschlossenheit wett. Ajitaka fühlte den Sog. Und er begriff. Sein Vater hatte den Spiegel bereits erschöpft. Im Gegensatz zu dem Schamanen, der nur mit seinen eigenen Kräften kämpfte und entsprechend haushälterisch mit ihnen umging, war sein Vater es gewohnt, jederzeit Nachschub zu finden. Er hatte die Energien, die ihm zur Verfügung standen, so leichtfertig verschwendet, als wäre der Kampf nichts weiter als ein Spiel. Und seine eigene Energie war fast erschöpft.
Der Schamane war kräftiger. Nicht viel. Aber es reichte, dass er gewinnen konnte. Und so setzte der König an, den letzten ihm verbliebenen Sohn ebenfalls in den Spiegel zu zwingen und mit seiner Seelenkraft das Duell zu gewinnen.
Sein Vater verlor nicht gerne.
Ajitaka allerdings auch nicht.
Er begriff seine Chance und wehrte sich. Einen Herzschlag lang. Einen zweiten Herzschlag lang. Einen weiteren.
Beim achten Herzschlag erlosch der Spiegel seines Vaters. Die Aura des Königs floss in seinen Körper zurück. In einen Körper, der, wie Ajitaka erkannte, erschöpft zusammenbrach und vorerst keine Gefahr mehr darstellte. Das dringendere Problem stand direkt vor ihm. Der Schamane.
Alt und jung zugleich, den Körper fast verbraucht von dem erbarmungslosen Kampf, materialisierte dessen Bild vor seinem geistigen Auge.
„Willst du weiterkämpfen?“
„Ich würde gewinnen. Da ist immer noch ein Seelenspiegel, den ich bislang nicht eingesetzt habe.“
„Ja, das würdest du. Ich bin erschöpft, du nicht. Und du hast die Reserve deines Spiegels. Aber ich bin nicht der einzige Schamane hier im Norden. Noch vor der Grenze würdest du auf einen meiner Brüder treffen. Und verlieren.“
„Und wenn ich nicht kämpfe?“
„Würde ich dich und deine Männer ziehen lassen. Für dieses Mal.“
Da gab es nichts zu überlegen. Ajitaka erklärte sich einverstanden.
Um ihn herum schrien Männer. Ajitaka benötigte einige kostbare Augenblicke, um sich in seinem eigenen Körper wieder zu orientieren. Dann begriff er. Das Lager wurde von den Nordmännern angegriffen. Sein Vater lag halb über dem Tisch, bewusstlos, unfähig zu kämpfen, unfähig, Kommandos zu geben. Ajitaka riss die Zelttür auf. Überall kämpfende Männer. In der Dämmerung ließ sich kaum ausmachen, wer Feind war und wer zu den eigenen Leuten gehörte. Er griff nach seinem Schwert.
Schattenhafte Gestalten huschten davon. Und plötzlich war es ruhig. Solange, bis die ersten Verwundeten zu stöhnen und zu schreien begannen.
Ajitaka suchte seinen Bruder. Er fand ihn unter den Sterbenden, die die Soldaten im Lager zusammentrugen.
Nolotaka lächelte schwach, als er seinen Bruder sah. „Du lebst noch. Dann hat der König also gewonnen.“
Ajitaka entschied, dass er die letzten Atemzüge seines Bruders nicht mit der Wahrheit vergällen wollte.
„Die Nordmänner ziehen sich zurück. Damit hast du ebenfalls gewonnen.“
Die Lippen seines Bruders bewegten sich. Lautlos zunächst, dann aber drangen doch noch Worte daraus hervor. „Sie kamen aus dem Nichts, wie zuvor. Wir haben sie einfach nicht gesehen. Wie willst du gegen Geister kämpfen? Und dann, plötzlich, konnte ich sie sehen. Auch den Rotbärtigen, der mit seiner großen Axt vor mir stand und zuschlug. Ich kriegte nicht einmal mehr mein Schwert hoch. Aber statt mich zu töten, drehte er sich dann um und lief weg.“
Ajitaka dachte an den Schamanen und dessen Versprechen. „Wir kehren nach Hause zurück, mein Bruder. Deine Asche wird bei unseren Vorfahren ruhen.“
Nolotaka starb eine halbe Stunde später. Der König lebte noch, wachte aber nicht aus seinem komatösen Schlaf auf, und Ajitaka hütete sich, ihm zu nahezukommen. Den Soldaten, die sich um ihn kümmern mussten, befahl er, den Körper des Königs auf keinen Fall mit bloßen Händen zu berühren. Fehlte gerade noch, dass sein Vater durch den direkten Kontakt die Lebenskraft der Männer anzapfen konnte und wieder handlungsfähig wurde. Das auf keinen Fall! Nur ein toter König würde ein guter Vater sein.
Mit dem bewusstlosen König und der Leiche seines Bruders auf einem der Proviantkarren trat der Heerzug den Rückweg an, während hinter ihnen die Totenfeuer der gefallenen Soldaten brannten. Niemand hatte Lust, zu warten, bis die Feuer herabgebrannt waren und man die Asche einsammeln konnte. Ihre Seelen würden in den Winden aufgehen. Mochten sie von dort die Träume der Nordmänner heimsuchen.
Der König starb, noch bevor sie wieder karapakischen Boden erreichten. Ajitaka wartete, bis der Leichnam seines Vaters erkaltet war, bevor er ihn zu berühren wagte und einen Erhaltungszauber über ihn legte, wie schon zuvor über seinen Bruder.
Die Soldaten, deren Befehlshaber er jetzt war, betrachteten ihn mit der gleichen Vorsicht, die man einem Skorpion entgegenbrachte. Sie wussten, dass der Feldzug ein komplettes Desaster war, das eigentlich niemand von ihnen hätte überleben dürfen. Und sie vermuteten, dass es Ajitaka war, dem sie ihre Rückkehr zu verdanken hatten. Aber er hatte nichts weiter getan, als im königlichen Zelt zu stehen und dort zu warten, bis sein Vater, der König, sterbend zusammenbrach.
Ajitaka war ihnen unheimlich.
Er spürte das Misstrauen, die Vorsicht, die Angst. Es war ihm egal. De facto war er bereits ihr König. Und wenn die Männer schlau waren, taten sie gut daran, über das zu schweigen, was auf diesem Feldzug geschehen war. Er würde seinen toten Vater und seinen toten Bruder nach Hause bringen, für eine gebührende Totenfeier sorgen und sofort den Thron Karapaks besteigen.
Und dann würde er leben. Endlich. Sorglos, denn da war kein Vater mehr, dessen bloße Laune ihn vernichten konnte, und kein Bruder, der ihn um den Thron beneidete und seinen Dolch in sein Herz versenken wollte. Er konnte endlich all das tun, um was er seinen Freund Dakane immer beneidet hatte.
Nach außen zeigte Ajitaka eine steinerne Miene. Aber sein Herz jubelte.
Rückkehr
Die Nachrichten waren, wie immer, schneller als die Heimkehrer.
Der Feldzug war ein Fiasko. Auch wenn keiner der Boten Genaueres wusste, die zusammengeschmolzene Anzahl der Teilnehmer, der Zustand der Überlebenden, der tote Feldherr und nicht zuletzt die Leiche des Königs selbst sprachen Bände. Seit über dreihundert Jahren war es das erste Mal, dass ein Herrscher Karapaks bei einem Feldzug umgekommen war. Die Geschichtsschreiber rätselten schon jetzt, wie, um der Götter willen, sie dieses Desaster in den Annalen formulieren sollten. Eine geschlagene Armee, ein toter König und nur ein einziger Königssohn, der überlebt hatte. Wenigstens war es der Thronerbe. Aber das war auch schon der einzige Lichtblick in diesem Schandfleck auf Karapaks Ehre.
Großmeister Ro hatte sich jedes Detail von seinen Zuträgern berichten lassen. So weit waren sie also schon gekommen: Dass ein primitiver Schamane einen Zaubererkönig besiegen konnte. Trotz Seelenspiegel auf der Gegenseite. Ro verspürte ein Gemisch aus Sorge und grimmiger Genugtuung. Er hatte recht gehabt. Die Nahne verschwendeten sinnlos ihr Zaubererblut. Es wurde allerhöchste Zeit, dass die Kristallkammer das abstellte.
Und da seine Kollegen mit Sicherheit Skrupel und Einwände haben würden, war es an ihm als Großmeister, dafür zu sorgen, dass etwas geschah. Wie auch immer er es hinkriegen konnte, Ajitaka würde der letzte Nahne-König auf Karapaks Thron sein. Jetzt fehlte ihm nur noch ein passender Gegenspieler, den er manipulieren konnte.
Ro konnte warten. Über die Jahrhunderte hatte er reichlich Übung darin bekommen. Irgendwann würden die Götter ihm eine Gelegenheit präsentieren. Und er würde sie ergreifen.
Die Erste Gemahlin hörte mit steinerner Miene, was der Bote aus dem Norden zu berichten hatte. Ihr Gemahl war tot, ebenso ihre beiden noch verbliebenen Söhne. Nur der Sohn der Dritten Gemahlin, Ajitaka, hatte überlebt. Und der Feldzug als Ganzes war gescheitert, die Toten also ohne Ehre gestorben.
Sie klagte nicht.
Sie kleidete sich in Weiß, rief für den Sommerharem einen Trauermond aus, regelte, was es zu regeln gab, übergab der Dritten Gemahlin, jetzt Mutter des Königs, die Leitung des Sommerharems und zog sich umgehend mit der Zweiten und Vierten Gemahlin in den Winterharem zurück, um dort abgeschieden und in Ruhe zu trauern.
Es dauerte weitere zwei Zehntage, bis Ajitaka mit der durch Zauber konservierten Leiche seines Vaters eintraf. Die Straßen waren menschenleer, als das geschlagene Heer sie durchzog. Lediglich das Klagen der Frauen in den Häusern begleitete sie.
Auf dem großen Platz vor dem Palast hielt der Heerzug inne. Die Klanghölzer klagten. Die überlebenden Offiziere traten vor und bildeten vor dem Eingang des Palastes ein Spalier. Ein letztes Mal salutierten sie ihrem Anführer und Herrscher, als dessen Leiche auf einer mit weißem Tuch bedeckten Bahre an ihnen vorbeigetragen wurde. Dann sank einer nach dem anderen tot zu Boden, den eigenen Dolch im Herzen. Sie hatten ihren König nicht verteidigen können. Doch wenigstens im Tod konnten sie ihm ihre Treue beweisen.
Ajitaka übernahm sofort die Regierungsgeschäfte, auch wenn er noch nicht offiziell der König war. Es gab ja niemanden mehr, der ihn hätte herausfordern können.
Wie es der Brauch verlangte, klagten die Frauen des Sommerharems einen Tag lang im Thronsaal vor der aufgebahrten Leiche des Königs. Akiana klagte mit ihnen, aber in ihrem Herzen war nichts als Erleichterung. Ihr Vater war ein Ungeheuer gewesen. Ihr Bruder konnte nur besser sein. Und welches Schicksal auch immer er ihr bescherte, er würde es nicht aus Boshaftigkeit tun.
Zwei Tage später brannte der königliche Scheiterhaufen im Innenhof des großen Tempels unter den wachsamen Augen des Thronrates und jedes Adeligen, der nahe genug der Hauptstadt wohnte, um rechtzeitig einzutreffen.
Und am folgenden Tag erklärten die Priester Ajitaka mit dem Segen der Götter zum König Karapaks. Wie üblich wurde auch das Orakel befragt, wie die Regierungszeit dieses Königs ausfallen mochte. Das Ergebnis war allerdings so beunruhigend, dass der Hohepriester noch am selben Abend eine Privataudienz bei dem frischgebackenen König verlangte.
Ajitaka war nicht begeistert, seine heißersehnte Krönungsfeier verlassen zu müssen.
„Hätte das nicht warten können?“
„Es ist eine Warnung“, gab der Priester unbeeindruckt zurück. „Warnungen des Orakels haben es so an sich, dass sie zeitlich unbestimmt sind. Was immer sie ankündigen, es kann heute eintreten oder an Eurem letzten Lebenstag. Wenn Ihr es natürlich vorzieht, derzeit nicht informiert zu werden ...“
Ajitaka wehrte unwirsch ab. „Du bist jetzt eh hier, also sage, was du zu sagen hast.“
Der Körper des Priesters straffte sich. Sein Blick ruhte jetzt nicht mehr auf seinem König, sondern suchte die Ferne der Götter. Auch seine Stimme veränderte sich. Ajitaka spürte, wie ihm ein kalter Schauder über den Rücken kroch.
„Blutige Schwingen kreisen über dem Thron Karapaks. Die Taten der Väter fallen auf ihre Söhne. Gib acht auf das, was im Schlamm des Tsaomoogra wartet. Gib acht auf das, was aus der Vergangenheit kommt. Gib acht, dass der Schatten des Drachen dich nicht verschlingt.“
Ajitaka ballte die Fäuste. Typisch Priester! Diese verdammten Orakelsprüche verstand kein Mensch. „Und was, bitte, soll mir das jetzt sagen? Ich gehe nicht im Schlamm des Tsaomoogra spazieren. Und aus der Vergangenheit kommt nichts, die sind alle schon lange tot. Auch mein Vater. Was immer er gemacht hat, ich kann es ohnehin nicht mehr ändern. Und erst recht gibt es keine Drachen mehr, also auch keine Drachenschwingen. Diese Warnung ist schlechter als nichts.“
Die Gestalt des Priesters sackte wieder zusammen, jetzt war er nur noch ein müder alter Mann. „Eure Entscheidung, wenn Ihr das Orakel ignorieren wollt, mein König.“ Ohne seine Entlassung abzuwarten, drehte er sich um und schlurfte hinaus.
Ajitaka starrte ihm nach. Wenn es das war, was das Orakel produzierte, dann wusste er jetzt, weshalb sein Vater so wenig davon gehalten hatte. Dieser Spruch war ihm keine Hilfe. Ganz und gar nicht. Alles, was er davon verstanden hatte, war die Tatsache, dass irgendetwas ihn irgendwann bedrohen würde. Aber diesen Zustand hatte er sein ganzes Leben lang gehabt.
Er beschloss, diesen unverständlichen Orakelspruch so schnell wie möglich zu vergessen. Und am leichtesten ging das, wenn er jetzt wieder zu seinem Fest und seinen gut gelaunten Gästen zurückging und mit denen kräftig auf sein eigenes Wohl trank. Sollte das Orakel doch sehen, wo es blieb. Die Götter würden so oder so auch weiterhin Glück und Unglück nach ihrem eigenen Belieben verteilen. Und bis er merkte, was ihm zuteilwurde, konnte er genauso gut sein Leben genießen.
Experimente
Es gab jetzt nur noch einen einzigen erwachsenen männlichen Nahne im Palast: ihren Bruder. Und der hatte gerade anderes zu tun, als seine kleine Schwester zu kontrollieren. Akiana begann vorsichtig damit, weitere Zauber aktiv auszuüben.
Am brauchbarsten war der Tarnzauber. Zuerst testete sie ihn im Sommerharem. Die Gespräche ihrer Tanten und Halbgeschwister zu belauschen war genauso langweilig, wie sich direkt mit ihnen zu unterhalten. Aber niemand entdeckte sie, selbst wenn sie kaum eine Armlänge entfernt stand. Lediglich zwei ihrer Tanten schienen etwas zu spüren und sahen sich suchend um.
Beim nächsten Mal schlich Akiana sich in den Palast. Eigentlich wollte sie ja den Kronrat belauschen. Gerade noch rechtzeitig erkannte sie ihren Fehler. Dem Thronrat gehörten ja auch Zauberer der Kristallkammer an. Ihren Bruder mochte sie mit etwas Glück noch täuschen können, diese Männer nicht. Die würden ihre Tarnung umgehend auffliegen lassen.
Stattdessen spazierte sie durch die Quartiere der adeligen Gäste, der Mitglieder des Thronrates und ihrer Söhne. Während ihre Väter über Politik debattierten, vertrieben die jungen Männer sich mit genau den gleichen Dingen die Zeit, die ihre Brüder immer geliebt hatten. Kleine Pferderennen, Geschicklichkeitsspiele, Übungskämpfe und natürlich Wetten aller Art.
In dem großen Übungshof hinter der Kaserne erregten laute, vergnügte Stimmen ihre Aufmerksamkeit. Ein halbes Dutzend junger Adeliger demonstrierte dort gerade ihre Geschicklichkeit im Bogenschießen. Unter ihnen eine breitschultrige Gestalt in einem weiß-blauen Wappenrock. Unverkennbar der Schwan der Vuhon-Grafen. Das musste Dakane sein, der Freund, von dem ihr Bruder Ajitaka ihr erzählt hatte. Der, von dem er mal halb im Scherz gesagt hatte, dass er vielleicht Akianas Ehegatte werden könne.
Dakane war gerade an der Reihe. Er war ein guter Schütze. Die Pfeile, die er einen nach dem anderen verschoss, landeten fast alle im schwarzen Zentrum der Scheibe.
Mit gerunzelter Stirn setzte er den Bogen ab. „Das ist zu einfach. Wir brauchen ein anspruchsvolleres Ziel. Am besten eines, das sich bewegt. Holt uns Hunde.“
„Aber nur solche, die nicht in der königlichen Meute sind, sonst gibt’s Ärger“, fügte einer der anderen hinzu. „Welche von denen draußen.“
Zwei Sklaven rannten davon. Geraume Zeit später kamen sie zurück, einen Korb mit mehreren gefesselten, jaulenden Hunden zwischen sich.
Der erste freigelassene Hund bewegte sich kaum. Verängstigt stand er auf dem Platz, den Schwanz zwischen die Hinterläufe geklemmt. Dakane schoss fast achtlos. Der Hund war sofort tot.
„Ich hoffe, ihr habt auch welche dabei, die laufen können.“ Seine Stimme klang ruhig, aber Akiana sah, wie die Sklaven zusammenzuckten.
Den nächsten Hund ließen sie nicht einfach frei, sondern warfen ihn im hohen Bogen auf den sandigen Platz. Der Hund traf am Boden auf, überschlug sich, kam wieder auf die Läufe und versucht, von den Menschen fortzurennen. Dakane wartete, bis der Hund fast am Ende des Übungsplatzes angekommen war, bevor er seinen Befehl gab. Fünf Pfeile trafen den Hund. Drei davon tödlich. Und natürlich gehörte einer dieser drei Pfeile Dakane. Akiana wandte den Blick ab, als die Aura des Hundes erlosch.
„Immer noch langweilig“, befand Dakane. „Die haben ja überhaupt keine Ahnung, was Pfeile bedeuten. Wir brauchen eine bessere Herausforderung.“ Das maliziöse Lächeln, das diese Worte begleitete, ließ Akiana zusammenzucken.
„Ihr da! Macht den Hunden Beine, oder ihr seid die nächsten Ziele!“
Die beiden Sklaven wurden aschfahl. Mit zitternden Händen griff der Ältere einen weiteren Hund aus dem Korb und löste seine Fesseln. Kurz verständigte er sich mit dem anderen Sklaven, dann ließen sie den Hund los. Beide Männer liefen sofort hinterher. Der Hund, eingedenk früherer schlechter Erfahrungen mit Menschen, winselte, sprang zur Seite und versuchte, seinen Verfolgern zu entkommen.
„Das sieht schon besser aus“, sagte Dakane. „Ich kriege den ersten Schuss. Wenn ich treffe, kann ich weiter schießen. Wenn ich verfehle, ist der nächste dran. Und jeder, der einen meiner Sklaven trifft, schuldet mir ein Silberstück.“
Dakanes erster Schuss ratschte über den Rücken des Tieres. Der Hund jaulte auf, stolperte, fing sich wieder und rannte weiter. Der zweite Schuss sauste haarscharf am Ohr des jüngeren Sklaven vorbei, zwei Mannslängen entfernt von dem Hund. Die Aura des Mannes wechselte zu jenem Graurot, das von Todesangst kündete. Akiana begriff. Die wahre Herausforderung war nicht der Hund, sondern der Sklave. Die Männer wollten herausfinden, wer am dichtesten an dem Mann vorbeischießen konnte.
Was die Sklaven natürlich nicht wussten. Ebenso wie der Hund rannten sie jetzt um ihr Leben, schlugen Haken und versuchten gleichzeitig, das Tier in Bewegung zu halten, wie Dakane es ihnen befohlen hatte. Jeder der Schützen kam mit zwei Pfeilen zum Zuge, einen auf den Hund, einen in Richtung der Sklaven, alles in schneller Reihenfolge, denn die Männer warteten bereits mit gespanntem Bogen auf ihren Einsatz.
Jetzt war Dakane wieder an der Reihe. Er hob den Bogen und schoss. Der Hund überschlug sich lautlos und blieb liegen. Der ältere Sklave schrie auf, als der zweite Pfeil seine Hand traf.
„Mist“, sagte Dakane mit breitem Grinsen. „Jetzt muss ich mir selbst ein Silberstück zahlen.“ Seine Stimme wurde wieder lauter. „Der nächste Hund!“
Akiana hatte genug gesehen. Dakane war jung und sah gut aus, ja, aber er war grausam und genoss die Angst anderer. Wenn ihr Bruder wirklich vorhatte, sie an diesen Mann zu vergeben, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis Dakane sich irgendwann gegen sie wenden würde. Unwahrscheinlich, dass sie dann nicht auf ihre Zauberkräfte zurückgreifen würde. Danach wären sie beide tot. Dakane, weil sein Zaubererblut zu schwach war, um gegen sie zu bestehen. Und sie, weil ihr Bruder, sobald er von ihrer Aufsässigkeit hörte, sie umgehend in einen Spiegel wandeln würde.
Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr Vater hätte sie noch vor dem Feldzug einem der älteren Adeligen als Gattin gegeben.
Ein Entschluss
„Wirst du es versuchen?“
Na-Ochone warf seinem Cousin einen spöttischen Blick zu. „Was denkst du denn? Natürlich werde ich es versuchen. In dieser lausigen Wüstenfestung will ich jedenfalls nicht alt werden. Oder hast du etwa Lust, den Rest deines Lebens Skorpione zu erschlagen und den Wüstenkriegern lästig zu fallen?“
„Wir könnten sie ja auch einfach mal angreifen.“
„Hat schon mein Vater vergeblich versucht. Und mein Großvater. Und mein Urgroßvater. Und so weiter. Die Wüstenratten sind so wenig zu fassen wie die Trugbilder, die die Wüstenwinde herantragen.“
„Und jetzt meinst du, in der Hauptstadt kannst du es weiterbringen?“
„Zumindest sind dort mehr Frauen.“
Chatchio grinste. „Ist ja klar, dass du nur an Frauen denkst. Du solltest heiraten, dann legt sich das.“
„Pah!“ Na-Ochones Spucke landete einen halben Finger neben der einsamen Fliege, die an der Mauer saß.
„Hast auch schon besser gezielt!“
„Und du hattest besser argumentiert. Heiraten? Hier? Wen denn? Eine Bäuerin wie die, die dein Bett wärmt? Wenn ich meinen Nachkommen nicht ganz gewaltig Ärger machen will, brauche ich eine Adelige, das weißt du so gut wie ich. Und es sind einfach keine hier. Niemand will seine Tochter in diese götterverlassene Grenzfestung an einen völlig unbedeutenden Wappenträger verheiraten.“
„Und du meinst, das ändert sich, nur weil du einen Besuch in der Hauptstadt machst? Wenn überhaupt, bist du dort noch unbedeutender als hier.“
„Aber ich könnte die Aufmerksamkeit des Königs erringen.“
Chatchio wandte den Kopf ab und sah betont gleichgültig über die Mauerzinne. „Wenn ich mich richtig entsinne, hat der gleiche Versuch bei deinem Vater damit geendet, dass besagter König ihn rausschmiss und ihm für den Rest seines Lebens verbot, die Hauptstadt je wieder zu betreten. Na ja, immerhin hat er auf dem Rückweg noch eine halbwegs passable Frau auftreiben können.“
„Was ihn die Einnahmen von drei Regenzeiten gekostet hat.“
„Könnte dich noch mehr kosten, so, wie du aussiehst. Ich wette, deine Nase ist doppelt so groß wie die deines Vaters. Du bist hässlich.“
„Das nimmst du zurück!“
„Warum? Ich habe nur die Wahrheit gesagt!“
Er duckte sich gerade noch rechtzeitig weg, sodass Na-Ochones Faust ihn nur streifte. Im nächsten Moment rollten die beiden Cousins katzbalgend durch den Wüstenstaub, der die Turmplattform ebenso stetig bedeckte wie alles, was die Wüstenfestung enthielt.
Der alte Soldat, der auf dem zweiten Wachturm stand, schmunzelte. Junge Männer! Zu viel Kraft und zu wenig Verstand. Es war immer das Gleiche mit den jungen Leuten.
Aber zumindest war der junge Herr noch nicht so gebrochen, wie sein Vater es nach der Rückkehr aus der Hauptstadt gewesen war. Der junge Herr konnte noch lachen. Der alte Soldat schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, dass es so bleiben möge. Im selben Moment heulte der Wind spöttisch auf.
Eigentlich war es nur ein Tagtraum von ihm gewesen. Aber jetzt, wo er es seinem Cousin gegenüber ausgesprochen hatte ... Der Gedanke an die Hauptstadt ließ Na-Ochone nicht mehr los. Und wenn es ihm so ging wie seinem Vater? Was hatten die Nahne eigentlich gegen die Mehme-Sippe, dass sie ständig so auf ihnen herumhacken mussten? Das konnte doch unmöglich noch mit dieser uralten Sache zu tun haben. Oder hatten die auch so ein bescheuertes Ritual wie die Mehme?
Na-Ochone konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als er volljährig wurde, vor Stolz darüber fast platzend, wie es nur ein Vierzehnjähriger konnte. Sein Vater hatte ihn nach dem Ritual in der kleinen Tempelkapelle in seinen Arbeitsraum zitiert. Ein Raum, der noch hässlicher war als der Rest der Festung, wenn das überhaupt möglich war. Kahle graue Wände, davor lange Regale mit den Aufzeichnungen für das königliche Archiv und die Steuer. Aufzeichnungen, die seit mehr als sieben Generationen niemand mehr abberufen hatte. Kein Bild, kein Teppich, keine Feuerpfanne, nur ein schlichter hölzerner Schreibtisch mit einem ebenso schlichten hölzernen Stuhl vor dem Fenster.
Sein Vater hatte ihm die Geschichte seines Urahns Tiko erzählt, zum ersten, aber keineswegs zum letzten Mal. Immer wieder hatte er sie hören müssen. Schikanen, Demütigungen und jene letzte Zurschaustellung, als der König den Mehme wegnahm, was sie in den Grenzbergen so mühsam als prosperierendes Lehen aufgebaut hatten. Die Anordnung jenes neuen Wappens mit dem Falken, das ihnen bei jedem Anblick ihrer Banner noch einmal unter die Nase rieb, wie sehr sie versagt hatten. „Schwöre!“, hatte sein Vater finster gesagt. „Schwöre bei deiner Ehre und dem Blut deiner Familie, dass du alles daransetzen wirst, diese Schmach zu tilgen!“
Er hatte geschworen, auch wenn es ihm absolut schleierhaft war, wie er diesen Schwur jemals halten sollte.
Sein Vater hatte diese Sache jedes Jahr wiederholt, solange er lebte. Er hatte geschworen, jedes Jahr. Und sich mit jeder verstreichenden Regenzeit mehr gefragt, was dieser ganze Schwachsinn sollte. Nach so vielen Generationen hätte dieser Zwist längst begraben sein müssen.
Als sein Vater dann am Biss einer Lanzenotter starb und diese blöde Zeremonie damit endgültig aufhörte, nahm Na-Ochone sich jedenfalls vor, eine andere Lösung zu finden. Bloß, dass er keine Idee hatte, welche. Sein Vater musste beim König ziemlich viel verbrannte Erde hinterlassen haben, so vollkommen, wie seine Verbannung zurück an den Rand der Wüste gewesen war.
Na-Ochone lag mit offenen Augen auf seinem Nachtlager, starrte durch das glaslose Fenster hinaus in die sternengleißende Wüstennacht und träumte von sanften, anschmiegsamen, antilopenäugigen Frauen inmitten einer großen Stadt.
Die Schicksalsmächte schienen seinen Wunsch vernommen zu haben. Kein halbes Jahr später erreichten Gerüchte die Festung, dass der König tot sei. Achtzehn Tage später folgte der offizielle Bote. Sein Bericht klang verdächtig vage. Soweit Na-Ochone es sich aus den allgemeinen Gerüchten und den wenigen Brocken der offiziellen Informationen zusammenreimte, hatte der König sich auf einem Feldzug gegen die Nordländer im magischen Zweikampf gegen einen Schamanen derart verausgabt, dass seine restliche Lebensenergie wenige Tage später erlosch. Sein ältester legitimer Sohn Ajitaka war wenige Tage nach der Einäscherung in einer pompösen Zeremonie der neue Herrscher Karapaks geworden.
Ein neuer Herrscher!
Das war die Gelegenheit. Ajitaka war kaum älter als er selbst, und er hatte seinen Vater niemals getroffen. Wenn es überhaupt eine Chance gab, den ganzen alten Rachequatsch zu begraben und auf einer vernünftigen Basis neu zu beginnen, dann jetzt. Na-Ochone war bereit zum Aufbruch.
Natürlich kam sein Cousin mit. „Ich kann dich doch nicht alleine lassen! Du würdest nur Unfug anstellen und kein Fettnäpfchen auslassen“, spottete er.
„Hey, ich brauche keinen Aufpasser!“ Na-Ochone verzog das Gesicht. „Falls du es noch nicht gemerkt hast, ich bin seit acht Jahren erwachsen!“
„Merkt man bloß nichts davon. Vermutlich hat die Wüstenluft deine Eingeweide so sehr ausgetrocknet, dass deine Volljährigkeit dein Denken noch nicht erreichen konnten. Ich glaube, sie sitzt immer noch zwischen deinen Beinen und wartet darauf, eine Chance zu kriegen, auch in dein Gehirn zu kriechen.“
Chatchio bückte sich lachend, als das fadenscheinige Kissen durch die Luft flog. Es traf hinter ihm auf die Wand, zerplatzte und gab eine Wolke halbzerfallener Federn frei.
Die Hauptstadt
Sawateenatari war groß. Sehr groß. Viel größer, als er sich das vorgestellt hatte. Na-Ochone hatte sein Pferd auf der kleinen Anhöhe gezügelt und starrte reglos auf die beeindruckende Masse an Gebäuden, die vor ihm förmlich aus dem Boden zu quellen schien. Einen halben Tagesritt waren sie noch entfernt, und trotzdem schien die Stadt schon fast über sie herzufallen.
Chatchio hatte inzwischen aufgeschlossen und starrte nicht weniger fasziniert als sein Cousin auf das beeindruckende Panorama. „Was, bei den Göttern, ist das?“ Er flüsterte die Frage nur. Seine Augen klebten an dem Gebilde aus nadelspitzen Türmen, die in allen Regenbogenfarben schillernd hoch über Sawateenatari ragten.
Na-Ochone sah die Türme jetzt auch – und begriff im selben Moment, dass sie die ganze Zeit dagewesen sein mussten. Warum hatte er etwas so Offensichtliches direkt vor seiner gewiss nicht kleinen Nase nicht wahrgenommen? Ein eisiger Schauder lief ihm über den Rücken. „Das muss die Kristallkammer sein.“
Chatchio ruckte unwillkürlich am Zügel, sodass sein Pferd nervös einen Schritt zurück machte. „Du meinst, da, in dem Ding dort, da leben die Zauberer?“
„Soweit ich weiß, ja.“
„Uhhhh.“
„Geht mir genauso. Das ist unheimlich.“
„Wir sollten umdrehen.“
Na-Ochone sah Chatchio verblüfft an. „Jetzt? Einfach so? Nachdem wir mehr als einen halben Mond unterwegs waren?“
„Ich habe ein miserables Gefühl bei dieser Sache.“
„Unsinn. Wir wollen ja nicht zu den Zauberern, sondern zum König.“
„Der aber auch ein Zauberer ist.“
„Aber er zaubert nur im Krieg.“
„Sagt man uns.“ Chatchio klang nicht überzeugt. „Was, wenn nicht? Ist unser Haus nicht schon genug verflucht? Wir sollten es lieber lassen.“
„Auf keinen Fall! Jetzt sind wir schon so weit geritten, jetzt will ich es wissen. Soll der König mir selbst sagen, warum er glaubt, diese blöde alte Fehde immer weiterlaufen lassen zu müssen. Falls er es überhaupt noch weiß. Und wenn nicht, dann können wir dieses Kapitel vielleicht endgültig abschließen. Und ich kann eine angemessene Frau finden.“
Na-Ochone gab seinem Pferd die Sporen. Das Tier setzte sich in einen ruckeligen Trab. Ausdauernd waren sie zwar, diese Pferde mit Wüstenblut, und schnell wie der Wind, aber ihre Gangarten ließen zu wünschen übrig. Vielleicht konnte er ja nicht nur eine Frau finden, sondern auch noch einen guten Zuchthengst ergattern, um die Blutlinien der Mehme-Pferde mal wieder etwas aufzufrischen.
Na-Ochone grinste. Blutlinien auffrischen passte, sowohl für ihn wie auch für seine Pferdezucht.
Die Kristallkammer hatte er bereits wieder vergessen.
Chatchio nicht. Mit eingezogenem Kopf und einem flauen Gefühl in der Magengegend folgte er seinem Cousin. Er konnte es ihm einfach nicht antun, ihn hier in Stich zu lassen. Auch wenn er den Eindruck hatte, geradewegs ins offene Maul einer Sandviper zu reiten.
Es war verdammt schwer, eine brauchbare Unterkunft zu finden. Nicht, dass es in Sawateenatari keine Gasthäuser gab, im Gegenteil. Allerdings war die eine Hälfte zu teuer, und die andere bestand aus heruntergekommenen Kaschemmen, die zehn Schritte gegen den Wind nach Pisse und Ungeziefer stanken. Keine brauchbare Unterkunft für einen Adeligen.
„Wenn wir eines der teureren Häuser nehmen, reichen unsere Mittel höchstens für zwei Monde.“ Na-Ochone musterte das Gasthaus, vor dem sie standen, mit finsterem Blick. „Mann sollte meinen, dass es in einer Stadt dieser Größe auch ein paar günstige, aber annehmbare Unterkünfte gibt.“
Der rotznäsige Bengel, der sie hergeführt hatte, schniefte und hielt die Hand auf. „Vielleicht fällt mir ja eine ein.“
Chatchio warf seinem Cousin den Zügel seines Pferdes zu, sprang ab und war mit zwei langen Schritten bei dem Jungen. Zu spät erinnerte der sich daran, dass er ja weglaufen könnte. Seine Beine traten Luft. Chatchio hatte ihn im Klammergriff. „Hör zu, du kleine Ratte. Du hast die Wahl. Entweder du bringst uns zu einer brauchbaren, erschwinglichen Herberge und bekommst von mir ein ganzes Kupferstück, oder du tust es nicht – und schmeckst mein Messer.“
Der Junge hörte auf zu zappeln. „Ist ja schon gut“, maulte er. „Ich tu alles, was Ihr wollt. Lasst mich herunter, damit ich Euch den Weg zeigen kann.“
„Hältst du mich für blöd? Wenn ich dich loslasse, bist du schneller in einem deiner Rattenlöcher verschwunden, als ich gucken kann.“ Er klemmte sich den Jungen unter den linken Arm, ging an seine Satteltasche und holte ein Stück Seil heraus, das in einer Schlinge endete. „Normalerweise fange ich mir damit unterwegs mein Abendessen“, plauderte er gelassen. „Aber man kann damit auch ganz leicht nichtsnutzige, freche Bengel aufhängen.“ Schon landete die Schlinge um den Hals des Jungen.
Der war sichtlich blass geworden. „Ich bin nicht nichtsnutzig, Herr! Ich schwöre, ich kann Euch führen, ich bin nützlich!“
Chatchio saß wieder auf. Das Ende des Seils behielt er fest in der Hand. „Beweise es!“
Der Junge krallte seine Finger in die Schlinge, konnte sie aber nicht lösen. Chatchio grinste. Mit mürrischem Gesicht stapfte der Junge los.
Er führte sie aus dem Hafenviertel heraus, durch die Gassen der Freude, über den Pferdemarkt, durch das Handwerkerviertel und dann ins Händlerviertel. Na-Ochone sah sich zweifelnd um. Diese Häuser wirkten reich. Zu reich für jemanden mit seinem schmalen Geldbeutel. Aber der Junge schien ohnehin ein anderes Ziel zu haben, er lief stetig weiter.
Schließlich kamen sie in einen Bereich, in dem die Häuser wieder schmaler und schäbiger wurden, dazwischen große Bereiche, die als Viehpferche abgetrennt waren. „Die Karawanenhäuser“, erklärte der Junge. „Nicht zu teuer. Sauber, ruhig und vor allem bewacht.“ Er deutete auf ein Haus mit blauen Wänden und einer dunkelroten Tür. „Da nehmen sie auch einfache Reisende auf.“
Na-Ochones Hand lag auf dem Dolch. „Und warum hast du uns nicht gleich hierher geführt?“
„Zu wenig Verdienst. Hier kriege ich keine Prozente, und ihr seid geizig.“
„Immerhin ist er ehrlich“, sagte Chatchio, beugte sich im Sattel und löste die Schlinge vom Hals des Jungen. Der sprang sofort einen Satz zurück, lief aber nicht weg.
„Und mein Lohn?“
Chatchio lachte und fingerte die versprochene Kupfermünze aus seinem Beutel. Sie landete zielsicher in der schmutzigen kleinen Hand. Der Junge verbeugte sich grinsend. „Vielen Dank, edle Herren! Wenn Ihr noch einen Auftrag für mich habt ...“
„Verschwinde!“, knurrte Na-Ochone.
Noch immer grinsend lief der Junge zurück.
„Vermutlich haben wir ihm viel zu viel bezahlt.“
Chatchio zuckte mit den Schultern. „Na und? Wir sind in einer Gegend, wo uns nicht jeder sofort im Schlaf die Gurgel durchschneidet, und was wir bei ihm zu viel bezahlt haben, können wir bei der Unterkunft vermutlich sparen. Ich finde, das war es wert.“
Na-Ochone antwortete nicht mehr. Er hatte den sehr unangenehmen Verdacht, dass sie beide gerade bewiesen hatten, was für unwissende Provinzler sie waren. Hoffentlich war das kein Vorgeschmack darauf, wie der königliche Hof sie empfangen würde! Mürrisch trieb er sein Pferd an, der roten Tür entgegen.
Der Empfang war nicht gerade herzlich. Ja, es gab freie Zimmer, und ebenfalls ja, sie waren für einen annehmbaren Preis zu haben, inklusive eines Platzes für ihre Pferde. Aber die Männer, die in Vorderraum beisammen saßen, aßen und tranken, sahen misstrauisch zu den beiden neuen Besuchern, die ganz offensichtlich keine Händler waren. Die ebenso offensichtlich ein Wappen führten, was sie als Adelige auswies. Der Wirt zeigte ihnen das Zimmer. Ein Zimmer, ein Bett. Na-Ochone hatte den Verdacht, dass er sein Gold noch anderweitig brauchen würde. „Ihr könnt was zu essen haben von dem, was alle hier kriegen“, sagte der Wirt. „Ich bringe es Euch aufs Zimmer.“
Chatchio kniff die Augen zusammen. „Warum?“
„Weil meine anderen Gäste sich in einer Gesellschaft wie der Euren nicht wohlfühlen würden.“
Na-Ochone winkte ab, als Chatchio antworten wollte. „Schon gut. Bringt uns etwas. Und einen Krug Wasser.“
Der Wirt sah zweifelnd drein. „Wasser? Keinen Wein?“
„Wasser“, bekräftigte Na-Ochone.
Der Wirt verschwand kopfschüttelnd.
Na-Ochone sah sich in dem Zimmer um. Roher Dielenboden, weiß gekalkte Wände, ein Strohdach. Dazu ein Schemel, ein Gestell, das vermutlich für Kleidung gedacht war, und das Bett. Eine Holzkonstruktion mit einem Strohsack und einer Wolldecke. Chatchio hob bereits den Strohsack an.
„Scheint kein Ungeziefer drin zu sein. Und breit genug, dass wir beide darauf liegen können, ist es auch.“
„Aber es ist eine Unterkunft weit unterhalb meines Standes“, gab Na-Ochone mürrisch zurück.
„Na und?“
„Ja und! Wenn die anderen Adeligen am Königshof hören, wo wir abgestiegen sind, werden sie uns garantiert nicht für voll nehmen.“
„Spielt das eine Rolle? Nach allem, was dein Vater erzählt hat, tun sie das sowieso nicht.“
Na-Ochone ballte die Fäuste. „Sie sollen es aber! Ich muss es einfach schaffen!“
Chatchio antwortete nicht.
Na-Ochone hatte gewusst, dass es schwer werden würde. Aber er hatte es sich nicht sooo schwer vorgestellt. Eine Audienz beim König? Das ging nicht einfach so. Wäre ja noch schöner, wenn jeder dahergelaufene Provinzadelige einfach so beim König vorsprechen könnte, hatte ihm der Zeremonienmeister hochnäsig erklärt. Es hatte dreier Goldstücke bedurft, um überhaupt mit auf die Liste zu kommen. Und dann hieß es warten. Elend lange warten.
Nach dem ersten Mond hatte nicht einmal Chatchio noch Lust, durch die Stadt zu streifen oder Karten zu spielen. Es war geradezu ein Glücksfall, dass einer der Händler mit einem lahmenden Pferd ankam. Zufällig hörte Chatchio, wie der Mann davon sprach, das Tier an den Schlachter zu verkaufen. Er bot dem Mann an, das Pferd binnen einer Handvoll Tage zu kurieren. Gegen einen kompletten Abend für ihn und Na-Ochone mit Freibier, wenn er Erfolg hatte.
Die Wüstenkräuter halfen. Noch besser halfen Chatchios kräftige Hände, die genau wussten, wie die Gelenke eines Pferdes sich anzufühlen hatten. Und das anschließende Besäufnis war eines der besten, was sie beide seit langem gehabt hatten.
Danach war das Warten erträglicher. Der Nachschub an kranken Pferden kam praktisch mit jeder Karawane. Und die Tatsache, dass sogar Na-Ochone mit Hand anlegte, ließ die Vorbehalte der Händler gegen die beiden Adeligen schwinden. Jetzt hatten sie nicht nur genug zu trinken, sondern auch Unterhaltung.
Selbst der Wirt wurde umgänglicher. Eines schwülheißen Abends, als sie bei einem Bier im Schankraum saßen, kam er zu ihnen an den Tisch.
„Ich hab´gehört, Ihr wartet auf eine Audienz.“
Na-Ochone brummte zustimmend.
„Ihr habt mit dem Zeremonienmeister gesprochen?“
„Vermutlich haben eher meine drei Goldstücke mit ihm gesprochen.“
Der Wirt nickte bedächtig. „Drei Goldstücke sprechen ziemlich leise. Ihr hättet die zehnfache Menge gebraucht. Aber vermutlich habt Ihr die nicht, sonst würdet Ihr nicht hier wohnen.“
Na-Ochone ballte die Fäuste. „Heißt das, wir bekommen keine Audienz?“
„Das heißt, ihr braucht einen Fürsprecher. Sonst wartet Ihr im nächsten Sommer noch immer.“
„Und du weißt – rein zufällig natürlich – einen solchen?“
„Eine solche. Ich kenne eine Kurtisane, die das Ohr eines ganz bestimmten hochrangigen Mitglieds des königlichen Hauses hat.“
„Und weshalb sollte diese Dame gewillt sein, mir zu helfen? Ihre Dienste dürften ja wohl deutlich teurer sein als dreißig Goldstücke.“
„Besagte Dame ist die Tochter des dritten Sohnes der zweiten Frau meines Vaters. Sie verdankt es mir, dass sie einen Platz im Seidenschloss bekam und damit Zugang zum Hof des Königs.“
Das Seidenschloss kannte Na-Ochone, wenn auch nur von außen. Es war eines der angesehensten Vergnügungshäuser der Stadt. Ausschließlich der Adel verkehrte dort.
„Weshalb ist dir plötzlich so an unserem Wohlergehen gelegen?“
Der Wirt breitete beide Hände aus und grinste schief. „Weil Ihr gut für mein Geschäft seid. Seitdem Ihr das mit den Pferden macht, hat sich meine Kundschaft glatt verdoppelt. Und ich zahle prinzipiell gerne meine Schulden zurück.“
Was immer die Nichte des Wirts tat, es funktionierte. Keine fünf Tage später bekam Na-Ochone Nachricht, dass er zur Audienz geladen war.
Audienz
„Wappenträger Na-Ochone aus dem Hause Mehme!“
Ajitaka, König Karapaks, aus dem ruhmreichen Haus Nahne, hob kaum merklich die Augenbrauen. Mal wieder ein Mehme! Augenscheinlich hatten sie den Versuch noch nicht aufgegeben, bei Hofe wieder an Boden zu gewinnen. So zuverlässig, wie eine Generation der anderen folgte, stand bei jedem Nahne-König irgendwann einer von ihnen im Audienzsaal und versuchte, die nicht vorhandenen Fähigkeiten seiner Sippe anzupreisen. Und wie schon sein Vater vor ihm war auch Ajitaka gewillt, das Spielchen mitzumachen. Es war schließlich überaus amüsant, zu sehen, wie sie sich drehten und wanden und mühten. Die Mehme begriffen einfach nicht, dass sie keine Chance hatten und auch nie eine kriegen würden, magielos, wie ihr Haus war.
Um den Mund des Wesirs spielte die Andeutung eines spöttischen Lächelns, und etliche Adelige zeigten mehr als nur eine Andeutung. Diese spezielle Audienz versprach lustig zu werden. Insbesondere, da die Mehme es anscheinend nie merkten, dass sie bei ihren Auftritten vor dem König lediglich die Stelle eines Hofnarren einnahmen.
Der junge Mehme trat mit federnden Schritten und selbstbewusst erhobenem Haupt den Thronsaal.
Sein Begleiter folgte etwas vorsichtiger. Offenbar ebenfalls ein Mehme, der Nase nach zu urteilen, auch wenn er das Wappen nicht trug. Ein Bastard also. Unwichtig. Und richtig, der Mann trat rasch zur Seite und ließ den ersten Mann alleine nach vorne zum König gehen.
Na-Ochone sah eigentlich nicht unsympathisch aus. Nur verdammt hässlich mit dieser langen, gekrümmten Nase. Mal ganz zu schweigen von der Tatsache, dass seine Tunika einen Schnitt hatte, der seit mindestens sechs Jahren völlig aus der Mode war, und er tatsächlich seine Haare noch in diesem völlig altmodischen Kriegerknoten trug, den nicht einmal die reguläre Armee noch forderte.
Das Lächeln des Wesirs wurde eine Spur deutlicher. Einen Moment spielte Ajitaka mit dem Gedanken, das genaue Gegenteil von dem zu tun, was seine Berater und die ganzen Speichellecker vor ihm erwarteten, und den Mehme wirklich offen und ehrlich willkommen zu heißen. Die schockierten Gesichter wären bestimmt Gold wert.
Aber ein König konnte es sich nicht leisten, gewisse Leute zu verprellen. Insbesondere dann nicht, wenn diese Leute die nächsten Feldzüge im Norden mit finanzieren sollten. Also war der Mehme das Opfer dieses Spiels. Zwangsläufig.
Und wenn er schon spielte, dann gründlich. Schließlich wusste er genau, was seine Leute von ihm erwarteten. Ajitaka zauberte etwas auf seine Lippen, das mit viel gutem Willen als gönnerhaftes Lächeln bezeichnet werden konnte, während er gleichzeitig eine Falte leichter Besorgnis zwischen seine Augenbrauen setzte.
Der Mehme hielt exakt in den vorgeschriebenen zwölf Schritten Abstand zum Thron an, sank auf die Knie und neigte den Kopf zu einem formvollendeten Gruß.
„Wappenträger Mehme!“ Schon die Tatsache, dass er lediglich die beiden Silben des Hausnamens aussprach, entsprach einer leichten Rüge, und das Lächeln des Wesirs vertiefte sich erneut. Der Mann nahm sich eindeutig zu viel heraus. Als Wesir hätte er neutral bleiben müssen. Ajitaka machte sich eine geistige Notiz, den Mann bei nächster Gelegenheit freundlich, aber bestimmt auf seinen Platz zu verweisen. Aber jetzt war erst einmal der Mehme dran.
„Euch habe ich nicht erwartet. Nicht so rasch jedenfalls. Hat sich an der Grenze etwas ereignet, über das Ihr mir persönlich berichten müsst?“
Der Mehme beherrschte sich bemerkenswert gut. Er zuckte nicht einmal zusammen. „Die Grenze ist ruhig, wie immer in den letzten Jahren, mein König. Ich kam, um meinem neuen Herrscher meine unverbrüchliche Treue zu versichern.“
„Sehr lobenswert. Allerdings bedeutet das wohl auch, dass Eure Festung derzeit unterbesetzt sein dürfte, oder irre ich mich?“ Jetzt war der Mehme doch ein wenig zusammengezuckt.
„Niemals würde ich so leichtfertig handeln. Ich weiß, was ich Euch und dem Reich schuldig bin. Selbstverständlich habe ich dafür gesorgt, dass zusätzliche Soldaten für die Dauer meiner Abwesenheit in der Festung stationiert wurden.“
„Ich hoffe, Ihr konntet das einrichten, ohne die königlichen Kassen zu plündern.“
Der Mehme schluckte sichtlich. Offenbar hatte er darauf gebaut, tatsächlich Unterstützung aus besagten Kassen zu bekommen. „Natürlich, Euer Majestät. Ich würde es niemals wagen, Euch wegen solcher Kleinigkeiten zu behelligen. Diese Männer bezahle ich selbstverständlich selbst, und es ist mir eine Ehre, das für das Reich tun zu dürfen.“
Gut gekontert. Verstand hatte der junge Mann, wenn auch seine Einstellung so altmodisch und verstaubt war wie sein Aussehen.
Ajitaka beschloss, ihm vorerst eine lange Leine zu lassen. Es würde deutlich unterhaltsamer sein, zuerst die Hoffnungen des Mehme aufzubauen und ihn dann, wenn er sich am Ziel wähnte, um so tiefer hinabzustoßen.
Großmeister Ro wartete, bis die Audienz beendet und der König in seine privaten Räume zurückgekehrt war. Dann trat er aus den Schatten. „Dieser junge Mehme-Wappenträger – Ihr habt ihn deutlich zurückgewiesen. War das klug?“
Ajitaka zuckte mit den Achseln. „Vermutlich nicht. Seine Aura zeigte mir überdeutlich, wie wütend er wurde. Aber was macht das schon? Er ist keine Gefahr, egal, was er in seiner Wut eventuell anstellt. In ihm ist kein Funken Magie.“ Er wandte sich wieder seiner Karte zu, legte den Finger auf die rot markierte Stelle am Rand der Grauen Schluchten. „Werdet Ihr mir jetzt helfen oder nicht?“
Ro seufzte hörbar. „Der Pakt von Tarakor verbietet mir jede Einmischung. Das wisst Ihr genau.“
„Dann seid Ihr genauso nutzlos wie der ganze Rest der Kristallkammer.“
Es kostete Ro jedes Quäntchen seiner Selbstbeherrschung, um darauf nicht zu antworten. Nutzlos? Er? Die Kristallkammer? Wusste dieser jugendliche Trottel denn überhaupt nichts über die magischen Mächte?
Leiser als der Hauch der Sommerwinde glitt er zur Tür, öffnete sie lautlos und ging ohne Abschied.
Doch jeden Schritt seines Weges gärte es weiter in ihm. Nutzlos? Bei all dem, was die Zauberer für das Reich taten? Wie viele Leben hatte es gekostet, Karapak zu jener blühenden Großmacht zu formen, die heute fast die ganze Ebene beherrschte? Wie viele Spiegel waren verbraucht worden, um die Böden fruchtbar genug zu machen für so viele Menschen, um die Grenzen zu sichern, die Seuchen einzudämmen oder Wege und Straßen zu schaffen an Stellen, an denen die Kunst der menschlichen Baumeister versagte? Nutzlos! Pah!
Allerdings mochten sie in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich nutzlos werden. Dann nämlich, wenn ihnen der Rohstoff sowohl für den Zauberer-Nachwuchs als auch für die Spiegel ausging. In der Kristallkammer war keine Zeugung möglich. Die Ungeborenen waren zu schwach, sich gegen den Sog des Kristalls zu wehren. Und die königliche Sippe vernichtete in jeder Generation kostbare Blutsträger im Kampf um den Thron und in sinnlosen Grenzscharmützeln, während sie die Frauen als Gunstbeweise an die Adelshäuser verteilten und somit auch diese Blutlinien verwässerten.
So viele Drachenblutträger, deren Leben sinnlos vergeudet wurde.
Nutzlos.
Das Einzige, was wirklich nutzlos war, war die Magie im Königshaus. Das Gleichgewicht der Kräfte war stabil, seit dem Aufstand in den Drachenbergen gab es keine großen Kriege mehr. Die Sicherung der Grenzen konnte jeder nichtmagische Mann gewährleisten, der imstande war, einen entsprechenden Befehl zu geben. Langsam begann sich jene Idee in ihm zu entfalten, die schon längere Zeit unterschwellig gegärt hatte. Die Zeit war gekommen, dass er dem Schicksal nachhelfen konnte.
Nutzlos. Ungefährlich. König Ajitaka hatte ein Talent, sich Feinde zu schaffen. Er würde merken, wie wenig klug das gewesen war.
Dakane, ältester Sohn des gräflichen Hauses Vuhon und damit Erbe des Titels, kräuselte seine Lippen zu einem schmalen Lächeln. Wie gut, dass er der heutigen Audienz beigewohnt hatte. Dieser Mehme – wie hieß er doch noch gleich? Ach ja – Na-Ochone, der war interessant.
Stolzierte in den Saal wie ein preisgekrönter Kampfhahn. Klar musste das dem König übel aufstoßen. Zumal, welchen Grund hatte dieser Mehme, sich so stolz zu geben? Dakane konnte sich nicht entsinnen, von dieser merkwürdigen Wappenträgersippe je zuvor gehört zu haben, auch wenn der König sie offensichtlich kannte. Er würde Informationen einholen müssen. Eines aber wusste Dakane jetzt schon: Der Mehme hatte nicht die geringste Ahnung von dem, was bei Hofe vor sich ging. Er war ein völlig unbedarfter Neuling. Noch dazu einer, den der König ausgesprochen geringschätzte.
Wäre er alleine und unbeobachtet gewesen, Dakane hätte sich voller Vorfreude die Hände gerieben. Mit dem Mann konnte er spielen. Na-Ochone hatte weder eine mächtige Sippe noch hochrangige Freunde, die ihre schützende Hand über ihn hielten. Die nächsten Monde würden interessant werden.
Akiana hörte dem Klatsch der Dienerinnen nur mit halbem Ohr zu.
„Hässlich soll er sein. Soll ein ganz entstelltes Gesicht haben“, erzählte Tsi gerade, während sie mit Ken die bislang roten Vorhänge gegen lindgelbe austauschte, passend zu den gelben Lilien, die gerade vor Akianas Fester blühten.
„Ich hab gehört, der kommt aus einer der Randprovinzen nahe der Wüste. Vielleicht hat er ja bei einem Kampf etwas abgekriegt. Die Barbaren da unten sollen ja immer wieder Schwierigkeiten machen.“
„Wenn jemand da unten lebt, dann ist er entweder völlig bedeutungslos oder strafversetzt. Warum sollte so jemand überhaupt eine Audienz beim König bekommen?“
„Der Vuhon Dakane soll gemeint haben, unser König will sich mit dem Neuen nur ein bisschen amüsieren.“
Amüsieren? Das ging zu weit. Akiana richtete einen kühlen Blick auf ihre Dienerinnen. „Mein Bruder amüsiert sich nicht auf Kosten von Untertanen, die für ihn ihr Leben an der Grenze einsetzen.“
Tsi und Ken zuckten zusammen. Den Rest ihrer Arbeit erledigten sie schweigend.
Gut so. Irgendwelche Krieger aus dem Süden hatten die Dienerinnen nicht zu interessieren. Der Mann musste allerdings wirklich hässlich sein, wenn das Gerücht darüber es bis in den Sommerharem schaffte. Egal. Akiana hatte Wichtigeres im Sinn, als sich mit diesem Mann zu beschäftigen. Sie musste ihre Magie üben. Unbedingt. Einmal war ihr der Tarnzauber fast entglitten. Eine ihrer Tanten hatte etwas gemerkt und sich nach ihr umgesehen. Wenn ihr das vor einem ausgebildeten Zauberer passierte, war sie geliefert. Sie musste ihre Technik perfektionieren, damit – ihr Herz klopfte schneller – sie es mit dem Tarnzauber wagen konnte, aus dem Palast hinaus zu gelangen. Oder zumindest in jenen Teil, der ausschließlich den Männern vorbehalten war. Nur dort gab es Fenster, aus denen man die Stadt wirklich sehen konnte. Fenster, die mehr zeigten als nur die Spitzen der Dächer. Sie war es so leid, immer nur Mauern um sich zu sehen. Akiana summte leise ein Lied, während sie sich vorstellte, wie sie unerkannt durch die Flure streifte. Und vielleicht sogar durch die Straßen Sawateenataris. Das wäre jeden noch so illegalen Zauber wert.
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