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Spiegelmagie

Band 2

FALKENKRIEGER

C. Svartbeck


Hinweis:

Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.

C. Svartbeck

Machandel Verlag

Neustadtstr.7, 49740 Haselünne

Bildquelle cover: Raisa Kanareva und tobibandi / www.shutterstock. com

2016

ISBN 978-3-95959-111-9

Bestandsaufnahme

Der Wind roch nach kaltem Brand. Der beißende Gestank des Versengtem hing in allen Kleidungsstücken. Selbst das Essen roch nach Feuer und Verkohltem.

Karados wiegte Anai sanft in seinen Armen. Das kleine Mädchen war erschöpft vom Weinen eingeschlafen. Unter seinen Fingern konnte er die Rippen fühlen. Das Feuer hatte fast alle Vorräte vernichtet. Und das wenige, was sie noch hatten, stank nach Rauch. Sicher, da war noch das Fleisch der toten Ochsen. Aber den meisten Kindern wurde schlecht, wenn sie gebratenes Fleisch nur rochen. Zwei Tage lang hatten die Totenfeuer im Hof gebrannt. Selbst Karados war im Moment nicht nach Fleisch zumute.

Meister Os aus der Nachbarprovinz hatte ihnen Hilfe und Lebensmittel angeboten. Im Tausch gegen fünf Kinder. Meister Jo hatte abgelehnt. Typisch jugendlicher Starrsinn. Ah, dieser junge Meister! Wenn er die Regeln beherrscht hätte, wäre dieses schreckliche Unglück nie passiert. Ein Zweikampf ohne den Schutz der Arena! Ein Wunder, das überhaupt jemand überlebt hatte. Karados sah zum Turm herüber. Das Dach war weg, aber der Turm stand noch, ein Symbol der Stärke des neuen Meisters. Doch egal, wie stark Meister Jo war, auch er konnte keine Lebensmittel aus der Luft herbeizaubern. Früher oder später würde er auf Meister Os Angebot eingehen müssen. Nur dass Os dann mit Sicherheit mindestens ein oder zwei Kinder mehr verlangen würde. Wenn bloß Marade noch da wäre, die hätte gewusst, was zu tun war. Leider war die Haushälterin des alten Meisters ebenfalls in dem brennenden Haus umgekommen. Ohne den eisernen Beschlag ihres Stocks hätten sie noch nicht einmal ihre Leiche identifizieren können.

Karados legte Anai sanft hin und erhob sich ächzend. Da waren noch mehr Kinder, um die er sich dringend kümmern musste.

***

Leise Unterhaltung plätscherte durch den Raum. Ioro öffnete die Augen und versuchte, den Kopf etwas zu drehen. Selbst diese winzige Bewegung reichte, um ihm einen kleinen Schmerzensschrei zu entlocken. Seine linke Körperseite brannte wie Feuer. Direkt vor sich sah er das besorgte Gesicht eines graubärtigen Mannes. Dunkelbraune Augen blinzelten, die Lachfältchen in den Augenwinkeln vertieften sich, eine fröhliche Stimme begrüßte ihn. „Mein Prinz, wie schön, dass Ihr wieder unter uns seid!“

Das war doch Mane, der Leibarzt seines Vaters? Wie kam der hierher? Überhaupt, wo war hier? Dies war nicht sein Zimmer in der Wachkaserne. Den Säulen nach befand er sich im inneren Palast. Zuletzt ... Das Letzte, woran Ioro sich erinnerte, waren die Flammen, die aus dem Scheiterhaufen nach ihm gegriffen hatten, und der Falke, der mit ausgestreckten Klauen auf ihn zugeschossen kam.

Mane bückte sich kurz und kam mit einer kleinen Flasche in der Hand wieder hoch. Er setzte sie Ioro an die Lippen. „Trinkt, mein Prinz. Das wird Euch gegen die Schmerzen helfen.“

Der Trank war bitter und hatte einen schleimig-süßlichen Nachgeschmack. Ioro trank ohne Widerrede. Sein Kopf hämmerte, sein Körper brannte, alles schmerzte. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. „Was ist passiert?“

Manes Gesicht verlor sein Lächeln. „Mein Prinz, die Göttin selbst hat Euch gerettet und damit Eure Unschuld bewiesen. Sie kam in Form eines Falken zu Euch ins Feuer und löschte es mit ihren Tränen.“

Der Falke? Das musste Jok gewesen sein. Aber was hatte es mit diesen mysteriösen Tränen auf sich? Egal, das konnte er später klären. Etwas anderes war vorrangig. „Dann bin ich begnadigt?“

Manes Lächeln kehrte zurück und leuchtete über sein ganzes Gesicht. „Nicht nur begnadigt, mein Prinz! Euer Vater, König Kanatamehme – die Göttin möge ihn und sein Haus segnen – hat offiziell verkünden lassen, dass das Urteil gegen Euch aufgehoben wurde und Ihr vollständig rehabilitiert seid. Ihr wurdet in allen Ehren wieder in das Haus Mehme aufgenommen.“

Ioro war, als ob eine schwere Last sich von ihm hob. Seine Ehre war wieder hergestellt! Alles andere war zunächst unwichtig. Er beendete das Gespräch, indem er seine Augen schloss. Hoffentlich würde Manes Gebräu seine Schmerzen bald lindern.

*

König Kanata von Karapak, in gerader Linie neunter Herrscher aus dem ehrwürdigen Haus Mehme, Erbe des Falkenthrons von Sawateenatari, starrte in die Dunkelheit seines Schlafgemachs. Neben ihm lag eine junge Frau und schlief. Ihr sanfter Atem kitzelte ihn am Arm. Kanata vermisste Miomio. Mit ihr hätte er jetzt reden können. Sie war die Einzige unter all seinen Frauen und Konkubinen gewesen, die mehr Geist als Schönheit besessen hatte. Und Miomio war sehr schön gewesen. Zu schade, dass sie sich auf seinen Befehl hin das Leben genommen hatte. Was hätte er denn auch tun sollen? Ihr gemeinsamer Sohn Ioro war als Hochverräter zum Scheiterhaufen verurteilt worden. Nach den Gesetzen Karapaks war es ihm damit unmöglich gewesen, Ioros Schwestern und Mutter zu verschonen.

Kanata schloss die Augen und wartete. Der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Seine Gedanken drehten sich im Kreis und führten ihn letzten Endes immer wieder zu der gleichen Frage: Hatte Ioro mit dem Attentat zu tun oder nicht? Ioro war eindeutig mit dem Dolch in der Hand auf ihn zugestürzt. Angeblich, um ihn vor einem tödlichen Zauber zu schützen. Aber wieso hatte nur Ioro diesen Zauber erkannt? Wie hatte er ihn brechen können? Inwieweit war sein ältester Sohn in die Machenschaften der Kristallkammer verwickelt? Welcher Zauberer hatte ihm geholfen? Diese Sache mit dem Scheiterhaufen – das Wunder der Göttin, das Ioro gerettet hatte, stank zehn Meilen gegen den Wind nach Zauberei. War die Kristallkammer direkt involviert? Hatte dieses angebliche Wunder damit zu tun, dass die Kristallkammer schon bei Ioros Geburt bemüht gewesen war, den Sohn seiner Konkubine in die Thronfolge einzubringen? Was verband Ioro mit den Zauberern?

Und wenn tatsächlich nicht Ioro der Attentäter gewesen war, wer dann? Am nächstliegendsten wäre sein zweiter Sohn und Thronerbe Tolioro. Aber der hatte sich die ganze Zeit neben ihm aufgehalten und keine verdächtige Bewegung gemacht. Wer, bei der Göttin, konnte es bloß gewesen sein?

*

Tolioro kochte vor Wut. Nicht nur, dass sein älterer Bruder das Attentat auf ihren Vater vereitelt hatte, nein, Ioro war auch noch durch göttliche Hilfe gerettet worden! Die Bewohner Sawateenataris feierten ihn seitdem als Liebling der Göttin. Es wurden sogar schon Stimmen laut, wonach Ioro besser den Thron erben sollte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

In dieser ganzen Misere gab es nur einen einzigen Lichtblick: niemand verdächtigte ihn. Außer seiner Mutter und ihm wusste keiner, wodurch das Attentat ausgeübt worden war, und seine Mutter war vorsichtig gewesen. Es gab keine Spur, die auf ihn oder Iragana hindeuten konnte.

In Zukunft würden sie noch vorsichtiger sein müssen. Zu schade. Es war die perfekte Gelegenheit gewesen.

Ein winziger Lichtblick blieb ihm aber: Ioro hatte offen gezeigt, dass er mit Zauberei zu tun hatte. Tolioro wusste genau, wie sehr sein Vater die Zauberer und ihre Machenschaften verabscheute. Blieb abzuwarten, ob er daraus Kapital schlagen konnte.

*

Iragana, erste Gemahlin König Kanatamehmes und Mutter des Thronerben, stickte behutsam einen kleinen goldenen Schmetterling auf das grüne Seidentuch. Sie konzentrierte sich. Ein kleiner Stich, ziehen, ein weiterer Stich. Ihre Hände durften nicht zittern. Bei allen Göttern – wäre sie nicht so vorsichtig gewesen, würden Tolioros und ihr Kopf jetzt zu Asche verbrennen. Jemand hatte ihre fein ausgetüftelten Pläne elegant durchkreuzt. Hoffentlich waren ihre Spitzel bald in der Lage, ihr Näheres zu erzählen. Sie musste unbedingt wissen, wer ihr Gegenspieler war. Eine der anderen Gemahlinnen? Die Zweite Gemahlin Scholinte hatte einen Sohn, der etliche Regenzeiten jünger als Tolioro war und als nächster in der Erbfolge stand. Darüber hinaus war Scholinte die Tochter des einflussreichen Herzogs Noredo und erfahren in Hofintrigen. Sie war die wahrscheinlichste Kandidatin. Es gab Möglichkeiten … Iragana hatte Erfahrung mit gewissen Dingen. Ob ihr Verbindungsmann zu den Zauberern bereit sein würde, ihr ein gutes Gift zu besorgen?

Der goldene Schmetterling war fertig. Iragana bewunderte lächelnd ihr Werk.


Die Fäden werden aufgenommen

In der Kristallkammer hatte man eine dringliche Sitzung anberaumt. Großmeister Ro, der oberste Zauberer des Reiches, dessen Haar bereits vollständig weiß war und dessen Alter sich im Dunkel der karapakischen Geschichte verlor, leitete die Versammlung.

„Wir stehen vor zwei Problemen, die an Dringlichkeit einander ebenbürtig sind“, begann er. „Ad eins ist zu klären die wundersame Rettung des Prinzen Ioro vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen durch ein vorgebliches göttliches Wunder. Wie wir bereits verifiziert haben, war an diesem Wunder eindeutig ein Spiegelzauber beteiligt. Die Signatur dieses Zaubers ist unbekannt. Wir haben es also mit einem unbekannten Zauberer von ebenfalls unbekannter Stärke zu tun, der im Bereich der Kristallkammer unkontrolliert agiert. Wir sind nicht einmal sicher, ob es ein karapakischer Zauberer ist.

Ad zwei hat es gravierende Verschiebungen im Machtgefüge der Häuser der mittleren Provinzen gegeben. Go wurde durch einen seiner Adepten besiegt.“

Leises Murmeln lief durch den Saal.

„Kollege Os war vor Ort und hat sich ein Bild von der Lage gemacht. Ich ersuche ihn, uns jetzt einen Bericht zu geben.“

Os erhob sich und zückte seinen Spiegel. „Ich habe die Veränderung in den Kraftstrukturen unmittelbar bei Eintreten bemerkt. Alle Anzeichen deuteten auf einen Kampf außerhalb einer Arena hin. Dies habe ich vorgefunden.“

Mit einer Handbewegung schuf er über seinem Spiegel eine dreidimensionale Projektion. Schweigend musterte die Versammlung das Bild der Verheerungen.

„Dies war das Haus von Kollege Go. Er wurde in einen Seelenspiegel integriert.“ Os wandelte das Bild. Jetzt war das Innere des Turms zu sehen. Ein junger Mann stand vor den Spiegeln, die rote Robe verdreckt und zerrissen, die ungekämmten schwarzen Locken wirr im Gesicht, blass und mit Ringen unter den Augen. „Wie ihr sehen könnt, ist der derzeitige Inhaber des Turmes dieser Jo, bis dato Adept im ersten Jahr.“

Erstauntes Murmeln lief durch den Saal.

„Der junge Mann war noch nicht einmal ausreichend geschult, um zu wissen, dass eine Meister-Kampfforderung nur in einer Arena ausgetragen werden darf“, fuhr Os fort. „Offenbar hat ihn das Ergebnis überrascht. Darüber hinaus ist er anscheinend weder fähig, mit der derzeitigen Lage ohne Hilfe umgehen zu können, noch kann man ihn in irgendeiner Weise als fertig ausgebildeten Zauberer betrachten. Damit stellt er eine potenzielle Gefahr für sich und andere da, was umso schlimmer ist, als er seinen Kräften nach bereits mindestens ein Zauberer der vierten Klasse ist, wenn nicht sogar schon der dritten, mit Potenzial zu einem Zauberer erster Klasse.“

Er setzte sich wieder. Diesmal brandete ein Gewirr von Stimmen im Saal auf. Alle der vierundneunzig Anwesenden wussten, was das zu bedeuten hatte.

Ro wartete, bis seine Kollegen wieder zur Ruhe kamen. Dann fasste er den einzigen Zauberer ins Auge, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. „Kollege Na! Du hast bei Go gelernt und solltest somit diesen Jo kennen. Hast du eine Erklärung für uns?“

Die Blicke aller Anwesenden wanderten zu dem jüngsten Mitglied der Versammlung.

Der zuckte mit den Achseln. „Jo war immer sehr impulsiv. Vielversprechend, aber eigenwillig. Und sehr experimentierfreudig. Ich kenne Typen wie ihn. Leute, die immer aus der Reihe tanzen. Ich habe meinen damaligen Meister Go vor ihm gewarnt. Anscheinend hat Go ihn trotzdem unterschätzt.“

„Ist er ehrgeizig?“

„Genug, um gefährlich zu sein.“

„Besondere Fähigkeiten?“

„Er hat eine hohe Affinität zu Seelenspiegeln.“

Diesmal durchzog die Versammlung ein kollektiver Seufzer.

„Das sind die Schlimmsten. Er könnte uns allen großen Schaden zufügen. Wir müssen ihn unbedingt hierherholen und vernünftig schulen.“

„Aber dann bleibt sein Haus ohne Meister zurück!“

„Nein. Du wirst das Haus solange übernehmen.“

Na zuckte zusammen. Gerade jetzt aus der Hauptstadt versetzt zu werden, wo es hier richtig interessant wurde? „Ich bin doch selbst kaum länger Meister als Jo. Könnt ihr nicht einen Erfahreneren schicken?“

Nach kurzer Diskussion einigte sich die Runde. Ak, eine der nur vier Zauberinnen im ganzen Reich, würde die Verwaltung von Jos Haus übernehmen. Ak hatte Erfahrung im Wiederaufbau, sie war eine der wenigen Überlebenden sowohl der Zaubererkriege als auch der Aufstände gegen die Kristallkammer.

Ro rief zurück zur Tagesordnung. Da war immer noch der ungeklärte Zauber im Zusammenhang mit der Rettung des Prinzen Ioro. Mangels besserer Alternativen einigte man sich darauf, den Prinzen stärker im Auge zu behalten. Auch wenn ihnen selbst der Palast verschlossen blieb, hatten die Zauberer Mittel und Wege, ihre Augen und Ohren dort einzuschleusen.

Na hielt sich weiterhin bedeckt. Er hatte seine eigene Theorie zu der Sache. War es nicht Jo gewesen, der noch vor ihm von seiner Mitschülerin Thealina gelernt hatte, durch Geisteskraft einen Falken zu leiten? Und hatte nicht ein Falke Ioro gerettet? Es sah ganz danach aus, dass Jo hier seine Hand im Spiel hatte. Aber das musste er seinen Kollegen ja nicht gleich auf die Nase binden. Es hatte Vorteile, der Jüngste zu sein. Keiner der Älteren traute ihm Wissen und Fähigkeiten zu, die sie selbst nicht besaßen. Na war nicht umsonst ein Sohn des Hauses Kirasa-Poetoni. Adelige Karapakier sogen Intrigen und Strategien bereits mit der Muttermilch auf. Er würde dafür sorgen, dass er immer einen angemessenen Wissensvorsprung behielt. Nur so konnte er zu gegebener Zeit seine Position verbessern.

Abgesehen davon war er natürlich neugierig, was Jo eigentlich bezweckte.

*

Bei allen Windgeistern! Jo schleuderte das Buch wütend in die Ecke. Er hatte den alten Meister Go sehr unterschätzt. Von wegen, er konnte einfach alles Notwendige in Gos Büchern finden. Was immer Go in seine Bücher geschrieben hatte, Zauberer-Weisheiten waren es nicht. Statt dessen – Rezepte. Go hatte Kochbücher geschrieben. Ausgerechnet Kochbücher! Was bei den Drachenzahnbergen hatte Go bewogen, ausgerechnet Kochbücher zu verfassen? Nicht, dass er sie je gebraucht hätte, die Küche war seit jeher ausschließlich eine Domäne der Diener.

Und wenn doch mal auf irgend einem Pergamentfetzen ein Zauberspruch auftauchte, funktionierte er nicht. Nach wie vor blieb Jo nichts anderes übrig, als jeden Zauber mühsam über Versuch und Irrtum selbst auszutüfteln. Eine sehr zeit- und vor allem energieraubende Aktion. Kochbücher. Das konnte einfach nicht alles sein. Irgendwo musste Meister Go noch andere Aufzeichnungen verborgen haben. Und die restlichen Bücher in der Turmstube – nichts davon konnte er gebrauchen. Entweder es war Geschichte oder Viehzucht oder Gartenbau oder vollkommen unleserliches Gekrickel längst vergangener Zauberer-Generationen. Es war der pure Frust. Eine ganze Bibliothek mit nichts Brauchbarem darin.

***

Kanatas Hände umklammerten das hölzerne Gesims. Er könnte spüren, wie das feine Schnitzwerk unter seinen Fingern zerbröselte. Er verstärkte den Druck. Kleine Splitter bohrten sich in seine Handflächen. Verdammt! Wie sollte ein König regieren können, der Zauberer und Priester zugleich gegen sich hatte?

Hinter ihm räusperte sich der Hofmarschall. „Euer Majestät, wie ich bereits sagte, der Seher ist da. Natürlich will ich Euch nicht drängen, nur ... Er ist ein alter Mann, schwach und hinfällig. Wenn er noch lange warten muss, kann es sein, dass er heute nicht mehr in der Lage ist, die Geister für Euch zu befragen.“

Einen Moment lang schloss Kanata die Augen. Als er sich umdrehte, hatten sich seine Gesichtszüge wieder geglättet. „So ruft ihn.“

Der Seher betrat den Balkon unter Knochengeklapper. Knochenschnüre umschlangen seine Handgelenke, Knochenschnüre umschlangen seinen zum Erbarmen mageren Rumpf. Ein schmutziges braunes Tuch bedeckte notdürftig seinen Unterleib. Eine Halskette mit kleinen Steinchen und Tierkrallen baumelte auf seiner Trichterbrust. Er bewegte sich vorsichtig, suchend, den Kopf mit dem dünnen Kinnbärtchen vorgestreckt wie ein Geier. Die Wachen, die hinter dem Greis auf den Balkon treten wollten, hielt der Hofmarschall mit einer Handbewegung zurück. Sie verschwanden wieder im Gebäude und verschlossen die Türe fest hinter sich.

Kanata musterte den Seher. Trübe, altersblinde Augen sahen ihn an, Augen, die kaum durch das Gewirr tiefer Falten und zotteliger weißer Haarsträhnen hindurchschienen. Der Mann sah aus, als ob ihn jeder sanfte Morgenwind umblasen konnte. Dennoch ... trotz seiner unbestreitbaren Gebrechlichkeit strahlte der Seher Autorität aus. Autorität und Gefahr. Einen Moment lang zögerte der König. Aber es gab keinen anderen Weg. Er brauchte die Information.

„Du weißt, weshalb du hier bist?“

Der Seher legte den Kopf schief. „Sagt Ihr es mir, Majestät.“

„Du hast von dem Anschlag auf mich gehört.“

Der Seher nickte nur. Natürlich hatte er davon gehört. Wenn der älteste Sohn des Königs ein Attentat auf seinen Vater verübte, redete das ganze Königreich darüber. Noch dazu, wenn dieser Sohn gegen alle Wahrscheinlichkeit seine Unschuld beteuerte und durch das Urteil der Götter vor dem Scheiterhaufen gerettet und damit rehabilitiert wurde.

„Die Götter haben bezeugt, dass mein Sohn Ioro mich nur verteidigen wollte, als er mit dem Dolch auf mich lossprang.“ Kanata musste einen Moment innehalten. Wann immer er an diesen Augenblick dachte, schwoll ein Kloß in seiner Kehle. Ioro im Sprung, den Dolch in der Hand, und dann der Zauber. Ausgerechnet Ioro, dem er als einzigem seiner Söhne vollkommen vertraute, ausgerechnet Ioro hatte sich mit den verhassten Zauberern eingelassen.

„Um das bestätigt zu bekommen, braucht Ihr mich nicht.“ Die Stimme des Sehers war ausdruckslos.

„Nein.“ Wenn überhaupt, dann war Kanatas Stimme noch ausdrucksloser. „Ich will etwas anders von dir wissen. Die Zauberer haben eindeutig ihre Finger im Spiel. Und so eifrig, wie die Priester sich nach dem Gottesurteil auf Ioros Seite geschlagen haben, kann ich auch ihnen nicht trauen. Deshalb frage ich dich. Ich muss wissen, wer hinter dem Anschlag steht, und von welcher Person in der Zukunft unmittelbar eine Gefahr für mein Leben ausgeht.“

Der Seher zuckte die Achseln. „Die Götter haben mir nichts offenbart.“

„Dann frage sie!“

„Sie antworten auch mir nicht auf Kommando.“

Kanatas Hand fuhr zum Dolch. „Frage! Ich weiß, dass du eine Antwort erzwingen kannst!“

Der Seher zitterte kaum merklich. „Es ist möglich“, murmelte er. „Aber der Preis ist hoch!“

„Ich zahle, was immer du willst.“

„Nicht Ihr allein werdet den Preis zahlen“, murmelte der Seher noch leiser.

„Frage!“ Kanatas Stimme trug den Groll der Winterstürme in sich.

Der Seher verneigte sich ehrerbietig. Dann setzte er sich. Mit zitternden Fingern nestelte er eine Tierklaue von seiner Halskette und legte sie auf seine offene Handfläche. Dann begann er zu summen. Kanata blinzelte. Die Tierklaue bewegte sich und begann, sich zu vervielfältigen. Die Klauen verschmolzen mit den Fingern. Der Seher streckte die Hand aus. Vier scharfe Krallen blitzten in der Sonne. Dann schlug die Hand zu. Rotes Blut spritzte über die meerblauen Glasfliesen. Während sein Leben aus dem zerfetzten Oberschenkel pulste, begann der Seher zu reden.

Seine Stimme klang leise, wie von weit her, aber trotz ihrer geringen Lautstärke schien jedes Wort in Kanatas Ohren zu hallen. „Du hast deine Frage falsch gestellt, Königsfalke. Falsch gestellt … Es ist nicht nur einer, der dir nach dem Leben trachtet, es sind mehrere. Ein Krake, der hundert Köpfe hat und tausend Arme. Schlage einen Arm ab, so kommen die anderen umso weiter.“

Kanata erschauderte. Das war schlimmer, als er gedacht hatte. „Aber wer sind die Köpfe? Sind es Zauberer? Sind es Priester? Sind es Adelige? Kaufleute? Mitglieder meiner Familie?“

„Ja, ja, ja, ja, ja“, flüsterte die heisere Stimme des Sehers.

„Was ja? Wer ist es denn nun?“

„Du stellt immer noch deine Fragen falsch!“ Der Spott war jetzt unüberhörbar.

Kanata zwang sich zur Ruhe. „Sind es Zauberer?“

„Ja“

„Sind die Priester darin verwickelt?“

„Ja.“

„Adelige?“

„Ja.“

„Kaufleute?“

„Ja.“

„Mitglieder meiner Familie?“

„Ja.“

Kanata spürte, wie ihn ein Zittern überlief. Hatte sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen?

„Alle?“, fragte er ungläubig.

„Dummkopf“, zischte der Seher. „Einige von ihnen. Einige aus jeder Gruppe. Und überlege besser, was du fragst, Königsfalke. Die Götter werden nur wenige Fragen beantworten. Du hast dein Kontingent fast verbraucht.“

Kanata überlegte fieberhaft. Was war ihm am wichtigsten? „Wer von meiner Familie ist es?“

„Einer deiner Söhne.“

„Welcher?“ Eine hastige, fast verzweifelte Frage.

„Das steht noch nicht fest.“

„Was?“ Kanata prallte zurück und sah den Seher ungläubig an. „Wieso? Müssen die Götter das nicht wissen?“

„Die Zukunft steht nicht immer fest. Sie wird von unseren täglichen Entscheidungen beeinflusst. Niemand, nicht einmal die Götter, kann genau vorhersehen, was geschehen wird.“ Erneut war der Spott in der Stimme des Sehers unüberhörbar, auch wenn sie noch leiser war als zu Beginn.

„Dann sag mir wenigstens eines.“

Kanata fror und schwitzte zugleich.

„Hat Ioro mich bei dem Attentat angegriffen oder gerettet?“

„Zu spät, Königsfalke.“ Die Stimme des Sehers war kaum noch vernehmbar. „Die Götter haben sich bereits zurückgezogen.“ Die Gestalt des Sehers sackte auf dem Boden zusammen. Müde murmelte er: „Ich kann dir nur sagen, dass Ioro derjenige deiner Söhne ist, der Karapak gegenüber immer loyal handeln wird.“

Dann verstummte er. Im selben Moment hörte sein Blut auf zu fließen.

Kanata wagte nicht, sich zu rühren. „Ist er ... tot?“, fragte er.

Der Hofmarschall trat zu der reglosen Gestalt. Mit sichtbarer Überwindung kniete er sich nieder und fühlte den Puls am Hals des Alten. „Er lebt noch, Euer Majestät. Er lebt noch, aber sein Lebensfaden ist schwach, kaum noch spürbar. Ich bin nicht sicher, ob er den morgigen Tag noch erleben wird.“

„Schaff ihn fort.“

Kanata drehte sich brüsk um. Ein weiterer Reinfall, dieser Seher. Er war kein Stück weiter gekommen. Wie um alles in der Welt sollte ein König regieren, der niemandem mehr trauen konnte?

*

Ioro schrak aus seinen Fieberträumen hoch. Der schrille Schrei gellte immer noch in seinen Ohren. Da! Schon wieder! Nein, das hatte er nicht geträumt. Irgendwo ganz in seiner Nähe schrie ein Falke. Ioro öffnete den Mund, versuchte, seinerseits zu rufen, aber außer einem heiseren Krächzen drang nichts aus seiner Kehle.

„Wartet, mein Prinz!“ Da war Mane schon wieder, in der Hand einen Becher.

Ioro trank, einen Schluck nur, schmeckte die Bitterkeit der Medizin. Dann hob er abwehrend die Hand. Der eine Schluck hatte zumindest gereicht, seine Kehle wieder anzufeuchten, denn jetzt kamen tatsächlich vernehmbare Worte aus seinem Mund.

„Mane, ich habe einen Falken gehört ...?“

„Ganz richtig, mein Prinz“, bestätigte der Hofarzt. „Der Falke, der Euch gerettet hat, wurde ebenfalls durch die Flammen versengt. Er ist derzeit unfähig zu fliegen. Wir haben ihn deshalb ins Nebenzimmer gebracht.“

„Seit wann kümmert Ihr Euch auch um tierische Patienten? Reicht Euch der Lohn für die Behandlung der königlichen Familie noch nicht?“, versuchte Ioro zu scherzen.

Manes Gesicht bliebt ernst. „Genaugenommen gehört der Falke zur königlichen Familie“, gab er zurück, „und damit ist er wohl auch mein Patient.“

Ioro hörte das unausgesprochene „Aber“ in Manes Satz. „Ihr habt Schwierigkeiten mit dem Falken?“, fragte er.

„Nun“, Mane zögerte, „im Grunde fehlt dem Falken nichts, er hat nur ein paar verbrannte Federn, die nach der nächsten Mauser nachwachsen werden. Aber bis dahin muss er bei uns bleiben. Und, mein Prinz, er ist ganz offensichtlich nicht glücklich darüber.“

„Hackt er nach Euch?“ Ioro versuchte ein Lächeln, ließ es aber gleich wieder, als eine feurige Schmerzwelle über seine Wange strich.

„Der Falke frisst nichts“, gestand Mane. „Was immer wir ihm vorsetzen, er frisst nichts. Die königlichen Falkner geben ihm noch ein oder zwei Tage, bevor er an Entkräftung stirbt.“

„Und das“, murmelte Ioro, „wäre wahrlich ein schlechtes Omen.“

„Ihr sagt es, mein Prinz.“

Ioro dachte nach. Der Falke war nie gezähmt worden. Das Tier hatte aber – mit Joks Geist in seinem Körper – viele Stunden in seiner Gegenwart verbracht und war ihn gewöhnt. Hatte er den Falken nicht auf der einen oder anderen Jagd schon von Hand gefüttert?

„Bringt den Falken zu mir.“

Mane verbeugte sich schweigend und holte den Falken.

Der Vogel saß auf einer kurzen Holzstange, die von einem Dreibein gestützt wurde. Jettschwarze, von bernsteinfarbener Haut umgebene Augen starrten Ioro an. Ioro starrte zurück. Der Falke legte den Kopf etwas schief, als ob er den Menschen vor sich begutachtete. Ioro verlangte Fleisch. Mane reichte ihm, immer noch schweigend, eine kleine Schale. Ioro griff nach einem der kleingeschnittenen Fetzen rohen Fleisches und hielt es dem Falken hin. Er konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, als sich die Muskeln seines misshandelten Körpers unter der verbrannten Haut bewegten. Seine Hand reichte nicht ganz bis zum Schnabel des Falken hoch. Der Falke starrte. Ioro wartete. Nach einer fast endlos scheinenden Zeit bewegte sich der Vogel. Mit einer ruckartigen, zielsicheren Bewegung beugte er sich vor und schnappte den Fleischfetzen aus Ioros Fingern, warf den Kopf zurück, schluckte, und starrte erneut. Ioro griff nach dem nächsten Fleischstückchen.

*

In den nächsten Tagen fütterte Ioro den Falken regelmäßig. Er war und blieb der einzige, von dem der Vogel Nahrung annahm. Die Diener flüsterten und betrachteten den Vogel verängstigt. Der Falkner, der jeden Tag einen Kontrollbesuch machte und nach den verbrannten Federn sah, musterte sowohl Ioro als auch den Falken ungläubig. Nur Mane schien es vollständig normal zu finden, dass der Vogel der Göttin, das Wappentier des Hauses Mehme, eine so enge Bindung zu Ioro zeigte.

***

Jo, derzeit jüngster Zauberer-Meister im karapakischen Reich, starrte die Zauberin an, die vor ihm im Turmzimmer stand. Ak lächelte schmallippig. Sie hatte schon mehr als ein rebellisches Kind zur Räson gebracht. Und mehr als ein Kind war dieser Jo nicht, nicht einmal nach menschlichen Maßstäben.

„Ich werde in der Zwischenzeit deinen Turm verwalten, die Schäden beheben und alles wieder aufbauen“, wiederholte sie. „Natürlich zu den normalen Bedingungen. Ich bekomme 10 Prozent vom allgemeinen Ertrag des Turmes, solange ich hier weile, und den vollen Ertrag von jeden Auftragszauber, den ich in dieser Zeit annehme.“

Jo schob die Unterlippe trotzig vor. „Und wenn ich das nicht will?“

Ak richtete sich noch ein wenig höher auf. Die Goldmünzen an ihrer Halskette klimperten melodisch. Es waren alte Münzen, mit den Gesichtern von Herrschern darauf, die bereits vor mehreren hundert Regenzeiten gestorben waren. „Die Kristallkammer könnte auch auf die Idee kommen, dir ganz einfach den Turm abzunehmen. Nicht jeder Zauberer muss einen Turm besitzen.“

Jos Gesicht verfinsterte sich. „Ich würde um meinen Turm kämpfen.“

„Ja. Das sehe ich.“ Ak sah sich betont in dem Durcheinander um. „So wie beim letzten Mal, nehme ich an?“

Jo sackte zusammen wie ein Teigballen beim vorzeitigen Öffnen des Ofens. „Ich habe das nicht gewollt. Nicht so, jedenfalls.“

„Und genau deshalb musst du dringend geschult werden. In der Kristallkammer.“

Jo nickte in dumpfer Ergebenheit. Auch wenn er zehnmal nicht einverstanden war, eines würde er ganz gewiss nicht tun: Durch einen Kampf das Leben weiterer Kinder in seinem Turm unnötig gefährden. In einem Kampf, den er mit absoluter Sicherheit nur verlieren konnte. Er erinnerte sich nur zu gut an Meister Gos Ausführungen, warum so wenige Frauen zu Zauberinnen wurden. Jede einzelne Frau, die dieses Ziel erreichte, musste nicht nur eine herausragende Zauberin sein, sondern darüber hinaus auch absolut gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer Menschen. Diese so jung aussehende Frau, die ihm im Auftrag der Kristallkammer ein Ultimatum stellte, war wahrscheinlich imstande, alles um sich herum mit einem einzigen Zauber in Schutt und Asche zu legen und alle Bewohner seines Turms damit umzubringen.

Ak zeigte ein schmallippiges, wissendes Lächeln.

*

Der Ochsenkarren stand angeschirrt vor dem Tor. Jo hob den Beutel an, der seine beiden wichtigsten Spiegel enthielt. Ak runzelte die Stirn. „Moment mal, junger Kollege, nicht so eilig. Ich benötige noch das Zugangszeichen für die Arena und für die Meister-Gemächer.“

„Zugangszeichen?“, echote Jo entgeistert.

„Sag bloß, du kennst es nicht?“ Ak konnte ein ungläubiges Schnauben nicht unterdrücken. „Wie, bei den Sanddämonen, hast du es bloß geschafft, deinen Meister mit so wenig Ahnung zu besiegen?“

„Ich habe nach dem Kampf noch gar nicht den Versuch gemacht, die Arena zu betreten“, gestand Jo kleinlaut. „Und die privaten Gemächer? Was meinst du damit? Ich dachte, die Turmstube, das wären Meister Gos private Gemächer ...“ Seine Stimme verlor sich.

Ak lachte laut auf. „In so einer primitiven Behausung würde nicht einmal der einfachste Landzauberer leben wollen. Und Go war alles andere als ein Landzauberer. Er stammt aus einer alteingesessenen Adelssippe.“

„Aber ... da sind sonst keine Gemächer.“

Ak musterte ihn wie einen besonders begriffsstutzigen Esel. „Komm mit“, befahl sie, drehte sich auf dem Absatz um und eilte zum Turm. Wohl oder übel folgte Jo ihr.

Oben in der Turmkammer drehte Ak sich einmal suchend im Kreis. Dann lächelte sie und deutete auf einen schmalen dunklen Strich in der Wand. „Dort ist der Eingang“, sagte sie. „Lass sehen, ob du hineinkommst.“

Jo griff nach seinem Arbeitsspiegel und untersuchte die Wand. Wo sollte da ein Eingang sein? Da war doch nur das übliche statische Rauschen, das jede Wand der Zauberschule und des Turmes durchzog. Das hieß, nicht ganz. Irgend etwas war anders an dieser Stelle. Eine Art Muster, gut verborgen unter dem Rauschen. Er griff mit dem Spiegel nach dem Muster. Es entglitt ihm. Er fischte erneut danach. Das Muster zerrann unter seinen Gedanken. Zerrann … Wasser! Es verhielt sich wie Wasser! Und wie fing man Wasser ein? Mit grimmigem Lächeln warf Jo Kälte gegen die Wand. Fror das Rauschen ein und mit ihm das Muster. Jetzt konnte er es greifen und studieren.

Das half ihm allerdings auch nicht weiter. Er kannte das Muster nicht, konnte mit Meister Gos Zauber nichts anfangen. Gut. Wenn er den Zauber nicht entschlüsseln konnte, dann half nur eines: brutale Gewalt. Mit aller Kraft schlugen Jos Gedanken auf das eingefrorene Muster. Es zerbarst in tausend Splitter.

Im selben Moment, in dem das virtuelle Muster zerbarst, erschien in der Turmwand eine Tür.

Ak zuckte zusammen. Offenbar hatte sie den jungen Zauberer unterschätzt. Na lag wohl richtig mit seiner Einschätzung. Jo war gefährlich – er war bereits jetzt ein Zauberer dritten Grades und eindeutig steigerungsfähig. Es wurde allerhöchste Zeit, dass der junge Bursche eine vernünftige Ausbildung bekam.

Jo ignorierte die Abgesandte der Kristallkammer. Im Moment fand er die Tür viel, viel interessanter. Er stieß sie auf. Vor ihm öffnete sich eine weite, lichtdurchflutete, luxuriös eingerichtete Wohnung. Wo immer die sich befand, im Turm lag sie nicht. Er trat hinein und sah sich staunend um. Buch um Buch standen die gelehrten Werke der Zauberei auf schweren Regalen an den Wänden. Hier war der Wissensschatz, den er vergeblich gesucht hatte. Und den er, wie ihm mit jäh aufsteigender Wut bewusst wurde, vorerst dieser fremden Zauberin überlassen musste. Er ballte die Fäuste. Atmete tief ein. Es hatte keinen Sinn, ausgerechnet jetzt Ärger zu machen. Sein Blick fiel auf ein aquamarinblau leuchtendes Büchlein. Klein und schmal stand es zwischen den dicken, dunkelbraunen Leder-Folianten. Er trat an das Bord, griff sich das Bändchen heraus und steckte es ein. Ak sah ihm schweigend zu, Missbilligung förmlich ins Gesicht geschrieben. Aber dies war sein Turm! Er hatte ihn rechtmäßig erobert! Wenigstens dieses eine Buch würde er zu seiner weiteren Ausbildung mitnehmen, egal, was es enthielt. Und wenn es wieder nur Kochrezepte waren.

Mit hoch erhobenem Kopf marschierte Jo an Ak vorbei und zu dem wartenden Ochsenkarren.

***

Iragana schlug behutsam das Seidenpapier zurück. Ein Geschenk für die Erste Gemahlin des Königs von der Webergilde war immer etwas Besonderes, selbst für ihren verwöhnten Geschmack. Der Stoff, der rosenduftend zum Vorschein kam, schimmerte irisierend grün auf Purpur. Winzige goldene Blüten schmückten ihn. Iragana seufzte bewundernd. Eine meisterliche Arbeit. Sie schüttelte den hauchdünnen Schal aus. Blütenblätter fielen herab. Samtene goldfarbene Gebilde, die kleine dunkle Flecken aufzuweisen schienen. Aber niemand würde wagen, der ersten Gemahlin verdorbene Blütenblätter zu schicken. Iragana griff rasch nach ihnen, sammelte sie auf. Ihre Hofdamen durften diese spezielle Gabe nicht zu Gesicht bekommen. Vorsichtig breitete sie die zarten Gebilde vor sich aus, schob sie ein wenig herum, bis die Reihenfolge stimmte und sie den Brief lesen konnte.

„Verzeiht die ungewöhnliche Art der Kontaktaufnahme. Die Wachen um den Palast sind verstärkt, ebenso wurde der Schutzbann durch einen Blutzauber aufgefrischt, ich kann daher zurzeit nicht selbst kommen.“

Nun, das war ihr durchaus bekannt.

„Wir empfehlen Euch, vorerst nichts weiter zu unternehmen. Die Lage ist zu unsicher.“

Als wenn sie das nicht wüsste ...

„Insbesondere Euer Sohn sollte seinen üblichen Beschäftigungen nur mit äußerster Vorsicht nachgehen.“

Auch das war ihr bewusst. Nur ihrem Sohn nicht. Erst gestern hatte sie wieder eine tote Dienerin in seinen Gemächern gefunden ...

„Wir müssen die Hochzeit abwarten. Erst danach werden sich wieder gute Chancen bieten, Eure Pläne zu verwirklichen. Bis dahin sollte auch der Blutzauber abgeklungen sein, sodass ich wieder persönlich zu Euch gelangen kann.“

Nichts wirklich Neues. Den Brief hätte sich ihr Kontaktmann sparen können. Iraganas Blicke wanderten zu dem wunderschönen Schal. Nein, vielleicht hätte er ihn sich doch nicht sparen können. Der Schal sah wirklich einzigartig aus.

Sie nahm das erste Blütenblatt zwischen Daumen und Zeigefinger und rollte es, bis es zu einem unscheinbaren matschigen Klümpchen geworden war. Systematisch ließ sie die anderen folgen. Kein einziges Blatt durfte zurückbleiben.

Die Klümpchen schüttete sie vorsichtig in den Goldfischteich. Zufrieden sah sie zu, wie die Fische behäbig Blatt um Blatt von der Wasseroberfläche zupften und fraßen.

*

Ioro biss die Zähne zusammen. Nicht nur, dass seine linke Seite immer noch höllisch schmerzte, seine Beine schienen weich wie Wachs zu sein.

„Seid Ihr sicher ...“, begann Mane.

„Ich bin sicher!“, fauchte Ioro. „In zwei Monden soll mein Bruder heiraten. Wer, wenn nicht ich, soll wohl seine Braut nach Sawateenatari geleiten?“

Mane verkniff sich eine Antwort. Er konnte nur hoffen, dass die Genesung Ioros mit dessen Willenskraft Schritt hielt.

Der Falke schrie, als Ioro die Tür öffnete. Ioro verharrte. Sah zurück zu dem Falken, der vergeblich versuchte, sich mit seinen verbrannten Flügeln in die Luft zu erheben. Dann wankte er mühsam, Schritt um Schritt, zurück ins Zimmer und streckte die Hand nach dem Falken aus. Einen Moment lang regte sich niemand. Dann krächzte der Falke und sprang mit einem ungelenken Satz auf Ioros Hand. Ioro setzte ihn behutsam auf seiner gesunden Schulter ab. Die Falkenkrallen bohren sich durch seine Haut, als der Vogel nach Halt suchte. Ioro wartete, bis der Falke sein Gleichgewicht gefunden hatte. Dann arbeitete er sich entschlossen wieder zur Tür.

*

Kanata hörte das Klicken der Krücken auf dem Marmorboden. Ioro kam. Schon wieder. Sein ältester Sohn zeigte sich überaus besorgt um das politische Geschehen und die baldige Heirat seines Bruders. Zu besorgt. Der Seher hatte gesagt, Ioro sei loyal gegenüber dem Reich. Von seinem Vater und König hatte der Seher nicht gesprochen.

Erneut verfluchte Kanata das Schicksal. Ein Thronerbe, dessen Lebensinhalt darin zu bestehen schien, andere Lebewesen zu quälen und zu töten, und ein oberster Feldherr, der lahm war und mit Zauberern konspirierte. Beide Söhne hatten ihn enttäuscht. Wobei er immer noch nicht sicher war, welcher von beiden ihm zu schaden trachtete. Womöglich alle beide. Bei den Sanddämonen! Hätte nicht ein anderer seiner Söhne die Kindheit überleben können?

Aber natürlich wusste er die Antwort. Mit Tolioro im Palast hatte keiner der anderen Jungen auch nur den Hauch einer Chance gehabt, jemals erwachsen zu werden. Und er selbst hatte Tolioro gewähren lassen, eingedenk der Tatsache, dass auch er selbst etliche seiner Brüder hatte töten müssen, um den Thron zu ergattern. Etliche. Aber nicht alle. Tolioro war gründlicher. Tolioro war selbst ihm unheimlich.

Ioro verbeugte sich mühsam. Sein linkes Bein wollte sich nicht biegen, die dicken Narben spannten noch zu sehr. Kanata sah ihn kaum an. Ganz offensichtlich war sein Vater noch nicht bereit, ihm zu vergeben, was immer er auch in der Öffentlichkeit sagen mochte. Ioro wartete.

„Komm näher.“ Kanatas Stimme klang kalt. „Die Brautkarawane wird in zwei Tagen aufbrechen. Wir müssen einen geeigneten Anführer suchen.“

Ioro zuckte zusammen. „Aber traditionell führt diese Karawane der Heerführer des Bräutigams. Habt Ihr mir diesen Posten nicht wieder zugestanden?“

Sein Vater verzog keine Miene. „Ich kann keinen Krüppel an die Spitze der Brautkarawane setzen. Das könnte König Dacas von Tolor als Beleidigung auffassen.“

„Ich bin kein Krüppel!“

Kanatas Blick wanderte betont zu den Krücken in Ioros Händen.

Ioro warf sie mit zorniger Bewegung fort und richtete sich kerzengerade auf. Schmerz stach grellweiß durch seine vernarbte Seite, aber er ignorierte ihn. „Manes Idee“, sagte er. „Ihr solltet ihn kennen, Vater, schließlich ist er Euer Leibarzt. Er ist einfach übervorsichtig.“

„So“, sagte Kanata ausdruckslos. „Nun gut, dann wirst du die Brautkarawane leiten, wie geplant. Wir müssen noch einige Details besprechen. Schreiber!“

Der Schreiber wieselte dienstbeflissen heran. Ioro ging mit hölzernen Schritten zum Tisch. Eine falsche Bewegung und er fiele hin. Diese Blöße durfte er sich auf keinen Fall geben.

Und während Kanata diktierte, stand Ioro vor dem Tisch und wartete geduldig, den Schmerz weiterhin ignorierend.

Hochzeit auf karapakisch

Endlich Abend. Ioro stützte sich unauffällig am Sattelknauf ab. Ein ganzer Tag im Sattel forderte seinen Tribut. Mane hatte recht gehabt, er war noch nicht vollständig genesen. Eigentlich hätte er den Brautzug nicht anführen dürfen in seinem Zustand. Aber das würde er ganz bestimmt nicht zugeben. Der Weg nach Tolor war lang. Bis er dort eintraf, sollte er seine alte Kraft wieder hergestellt haben.

Auf seiner Schulter schrie der Falke und schlug kurz mit seinen verstümmelten Flügeln. Der Vogel würde es wohl nicht schaffen, bis zu ihrem Eintreffen in Tolor wieder fliegen zu können. Die nächste Mauserzeit lag noch in etlichen Monden Entfernung. Und der Falkner war sich nicht sicher gewesen, ob in dieser Mauser wieder gesunde Federn nachwachsen würden. Möglicherweise blieb der Falke für immer verkrüppelt.

Aber egal. Er war wieder draußen, raus aus der Stadt, raus aus dem Palast, raus aus der erstickenden Verehrung der Diener und dem lähmenden Misstrauen seines Vaters. Und vor allem weit, weit weg von Tolioro.

***

Jo versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Irgendwie war so eine Stadt doch wesentlich beeindruckender, wenn man als Mensch darin stand, als wenn man sie als Falke von oben sah. Den Kristallpalast hatte er sich irgendwie kompakter vorgestellt. Ein wenig so wie Meister Gos Turm. Aber das, was da vor ihm emporragte, war alles andere als kompakt. Höher als selbst der Königspalast, eine eisklare, glatte Fassade ohne ein einziges Fenster, die oben in einer Vielzahl kleiner, scheinbar nadeldünner Türme auslief. Den Vögeln nach zu urteilen, die als winzige Punkte um diese Turmnadeln kreisten, waren sie allerdings wohl gar nicht so klein und dünn. Ein Tor war auch nicht zu sehen. Der Ochsentreiber hatte einfach an diesem Punkt der Fassade halt gemacht, ihn ausgeladen mitsamt seinem Gepäck, und war verschwunden. Andere Menschen waren keine zu sehen. Überhaupt wirkte die Stadt in direkter Nähe des Kristallpalastes wie tot. Etliche Häuser zeigten deutliche Verfallserscheinungen. Nicht einmal Bettler oder Gassenkinder waren irgendwo zu sehen. Und Jo hatte nicht die geringste Ahnung, was er jetzt machen sollte.

Probehalber trat er an das Mauerwerk heran und berührte es. Nein, Mauerwerk war irgendwie auch nicht der richtige Ausdruck. Das war zwar so etwas wie Stein, aber er konnte keinerlei Fugen entdecken. Nahtlos glatt zog sich die Masse unter seinen Fingern hin. Eigentlich sah sie auch nicht wie Stein aus. Eher wie Glas, Glassteine. Glaskristalle. Hieß die Wohnstätte der karapakischen Zauberer etwa darum Kristallkammern? Und in der Mauer pulsierte Magie. Deutlich mehr als bei Meister Go. Wo der alte Turm ein beständiges Rauschen erzeugt hatte, dröhnten diese Mauern fast. Jo nahm hastig die Hand zurück.

Ein Tor hatte er aber auch mit seinen magischen Sinnen nicht spüren können.

Na und Uk beobachteten den jungen Zauberer. Sie waren als Empfangskommando abkommandiert worden.

„Warum kommt er nicht herein? Will er uns absichtlich warten lassen?“

„Glaube ich nicht“, gab Na zurück. „Ich denke, er weiß einfach nicht, wie man hereinkommt.“

„Was? Das kann doch jeder Adept im zweiten Lehrjahr!“

„Soweit ist Jo als Adept nie gekommen!“, erinnerte Na ihn. „Und jetzt ist er Zauberer, aber ein extrem schlecht ausgebildeter. Ich fürchte, wenn wir ihn nicht holen, steht er morgen noch dort.“

Die beiden Zauberer wechselten einen amüsierten Blick. Dann gaben sie der Wand das Kommando, sich zu öffnen.

Die Wand vor ihm schien zu zerfließen. Ein großer Tunnel öffnete sich, an seinem Ende erwarteten ihn zwei Männer. Einen davon kannte er: Na. Jo sammelte seine Habseligkeiten ein und marschierte forsches Schrittes in den Tunnel. Hinter ihm schloss sich die Fassade wieder zu einem undurchdringlichen Panzer.

Na zeigte ein irgendwie süffisantes Lächeln. Sein ehemaliger Lehrer sah beinahe unverschämt gut aus. Das Leben in der Kristallkammer schien ihm zu bekommen. Jo musterte ihn mit gemischten Gefühlen. Einerseits war es schön, wenigstens ein bekanntes Gesicht hier zu sehen. Andererseits ... Na hatte sich nicht gerade wie ein Freund verhalten. Noch nicht einmal wie ein Lehrer. Eher wie ein erbitterter Rivale. Jo blieb stumm und wartete.

„Ich bin Uk“, stellte sich der zweite Zauberer vor. Auch er sah jung aus. Aber das taten sie alle. Soweit Jo wusste, konnte Uk genauso gut mehrere Jahrzehnte alt sein wie mehrere Jahrhunderte.

„Na und ich, wir werden dich hier einführen und mit dem Leben in der Kristallkammer bekannt machen. Lass dein Gepäck hier liegen, darum kümmert man sich.“

Jo nickte stumm, behielt aber das Bündel mit seinen Spiegeln und dem kleinen blauen Buch in der Hand. Sicher war sicher.

So imposant die Kristallkammer von außen aussah, so langweilig war sie im Inneren. Eintöniges Weiß überall. Weiße Wände, weißer Boden, weiße Decke. Ein ringförmiger Korridor ohne erkennbare Türen, der einmal um den zentralen Saal herumführte. Und in diesem Saal gab es ein paar kreisförmig angeordnete Sitzreihen. Nicht viele. Jo schätzte den Raum auf ungefähr acht Dutzend Plätze. Höchstens. Einige Kristalle waren auch zu sehen, aber nicht mehr und nicht imposanter als in Meister Gos Arena.

Irgendwie enttäuschend.

Eine Etage höher war der Korridor breiter und gesäumt von Büchern. Große, schwerbeladene Regale, die genauso strahlend weiß aus der fugenlosen Wand wuchsen wie alles andere in diesem Bau. Zwischen den Regalen lagen versteckt Türen, die ein Bann schützte.

„Das“, erklärte Na, „sind die privaten Türme der Zauberer. Jeder Zauberer im karapakischen Reich hat hier seinen eigenen Turm.“

„Und auch einige Zauberer aus den angrenzenden Reichen“, ergänzte Uk. „Zwei sind hier aus den Nordlanden und einer von den Inseln. Je höher der Turm, desto wichtiger der Zauberer.“ Er grinste. „Na und ich, wir gehören zu den kleinen Türmen. Du auch, selbstverständlich.“

Jo nickte. Dass er in der Hackordnung ganz unten stand, war ihm ohnehin klar. „Woher kommt das Licht?“, wollte er wissen.

„Das Material ist so eingestellt, dass es Licht von draußen aufnimmt, speichert und über den ganzen Tag gleichmäßig abgibt.“

„So. Und was mache ich, wenn ich es zum Schlafen dunkel haben will?“

„Du kannst selbstverständlich die Helligkeit in deinem Turm regulieren.“

„Wo ist überhaupt mein Turm?“

Uk und Na führten ihn zu einer kleinen, unscheinbaren, ungeschützten Tür zwischen den Regalen mit Büchern über „Fischerei in den Nordmeeren“ und „Rufzauber für Fischer“ auf der einen Seite und „Empfängnisverhütende Zauber für Geflügel“ auf der anderen. Ganz offensichtlich hatte man ihn in die unwichtigste Ecke der Kristallkammer verfrachtet. Und die Tür würde er wohl selbst schützen müssen. Was bedeutete, dass vermutlich jeder stärkere Zauberer seinen Schutz nach Belieben knacken konnte. Und stärker waren hier alle.

Uk und Na erklärten ihm noch, wie er sie rufen konnte, dann ließen sie ihn mit seinem neuen Zuhause allein. Jo stieß die Tür auf. In einem kurzen, engen Korridor standen seine Sachen. Diener gab es hier also offensichtlich auch. Wo mochten sie leben? So, wie die Kristallkammer aufgebaut war, wahrscheinlich im Untergrund. Oder in der Stadt. Aber irgendwie konnte Jo sich nicht vorstellen, dass die Zauberer ihren Dienern erlauben würden, mehr Zeit als unbedingt nötig in der Stadt zu verbringen. Er schnappte sich sein Bündel und stieß die nächste Tür auf. Ein kleiner, runder Raum, in dessen Mitte eine Wendeltreppe nach oben führte. Dem Mobiliar nach so etwas wie ein Esszimmer.

Die Treppe führte in ein weiteres rundes Zimmer. Eindeutig ein Schlafraum. Eine weitere Etage. Hier endete die Treppe. Der Raum war gesäumt von leeren Bücherregalen und Arbeitstischen. An der Wand hingen ebenso leere Haken. Jo packte seine beiden Spiegel aus. Gotetuli bekam den Platz direkt hinter der Treppe. Er verhängte ihn sorgsam. Dann griff er nach seinem Arbeitsspiegel. Zwei Dinge waren jetzt wichtig. Jo konzentrierte sich. Zuerst der Schutzzauber. Der Einfachheit halber zog er ihn durch die ganze Wand seines neuen Turms, inklusive der Tür. Dann ein zweiter Schutzzauber. Wer immer in seinem Arbeitszimmer spionieren wollte, sollte ins Schwitzen kommen. Jo legte alle seine Kenntnisse hinein. So. Das war geschafft. Und jetzt noch ein kleiner Überblick. Er befahl seinen Wänden, durchsichtig zu werden. Der Turm gehorchte. Wörtlich. Nicht nur die Wände, auch der Fußboden wurde durchsichtig. Einen schrecklichen Moment lang hatte Jo den Eindruck, in die Tiefe zu stürzen. Dann fing er sich wieder. Göttin, waren seine Nerven schlecht!

Ein flüchtiger Blick rundum überzeugte ihn, dass die Aussicht sich nicht lohnte. Sein winziger Turm stand in einem Talkessel zwischen drei mächtigen Türmen, deren Wucht ihn fast erdrückte. Von der Stadt konnte er nichts sehen. Bei so einer Aussicht würde er trübsinnig. Jo befahl der Wand, wieder undurchsichtig zu werden.

***

Dacas wischte verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Es war lächerlich. Ein König sollte nicht weinen, wenn seine Tochter den Thronerben des Nachbarlandes heiratete. Auch nicht, wenn es seine Lieblingstochter war. Selbst dann nicht, wenn diese Tochter das Ebenbild ihrer innig geliebten Mutter war.

Wenn er wenigstens sicher sein könnte, dass Sirit glücklich würde. Aber der karapakische Erbe hatte etwas an sich, was ihn unheimlich erscheinen ließ. Und Dacas Menschenkenntnis hatte ihn selten getäuscht. Ein schöner junger Mann, intelligent und gesund, daran bestand kein Zweifel. Ein wenig eitel und sehr von sich eingenommen, aber welcher junge Mann würde sich anders verhalten, schon gar, wenn er ein Prinz war? Und trotzdem, so, wie er sich bei seinem Besuch den Dienern gegenüber benommen hatte, insbesondere den Dienerinnen … Dacas konnte den Finger nicht genau auf das legen, was ihn warnte, aber es war da. Ein kleines, nagendes Gefühl.

Sirit schien dieses Gefühl zu teilen. Die junge Braut sah aus, als ob sie zu einer Totenfeier musste, statt zu ihrer Hochzeit. Außer, dass sie keine Träne vergoss. Steif stand sie da in der üppigen blauroten Pracht ihrer Brautgewänder und starrte dem karapakischen Brautzug entgegen, der sich gerade mit zweihundert Berittenen, fünfhundert Fußsoldaten, einem Dutzend Gauklern und Musikanten, mehreren Ochsenkarren und etlichen Sänften durch die Straßen Tolors auf den Palast zu bewegte. An der Spitze ritt der älteste Sohn des karapakischen Königs, in exzellenter Haltung, einen Königsfalken auf der Schulter. Ja, wenn er der Brautgemahl seiner Tochter gewesen wäre, dann hätte er nicht um Sirit gefürchtet. Aber Ioro war nur der Feldherr. Seine Aufgabe war einzig, die Braut seines Bruders sicher nach Sawateenatari zu geleiten.

Dacas wischte eine zweite Träne aus seinem unbotmäßigen Auge.

*

Ioros Hengst tänzelte auf der Stelle. Er fasste den Zügel stärker. Die tolorische Bevölkerung hatte zwar den Brautzug pflichtschuldigst begrüßt, aber von Jubel war die Stimmung weit entfernt. Mehr als jede offizielle Äußerung ließ ihn die Zurückhaltung der Menge spüren, wie wenig dem Volk gefiel, dass ihre Prinzessin ausgerechnet den Sohn ihres Erbfeindes heiratete.

Sie waren Narren. Jede noch so schlechte Heirat einer Prinzessin war besser als Krieg zwischen den benachbarten Königreichen. Die Tolorier hatten Glück, das ihr König Dacas vernünftig genug war, um das einzusehen, zumal die Einfälle der Nomadenstämme in beiden Königreichen von Jahr zu Jahr zunahmen und es höchste Zeit wurde, beider Kräfte militärisch zu vereinen. Wenigstens die Adeligen besaßen Verstand genug, das zu begreifen.

Er lenkte den Hengst weiter. An den Eingangsstufen zum Hauptflügel des Schlosses wartete ein Page. Ioro sprang ab und warf ihm die Zügel zu. Der Hengst rollte mit den Augen, ließ sich dann aber von dem Kind zur Seite führen. Ioro schritt die Stufen hinauf und verbeugte sich vor Dacas. Der Falke flatterte, um sein Gleichgewicht zu halten.

Dacas zog die Augenbrauen überrascht zusammen. „Ihr reist mit einem verkrüppelten Falken?“

„Er ist nicht verkrüppelt!“ Schnell rief Ioro sich zur Raison. Er durfte nicht so emotional reagieren. „Seine Federn verbrannten, als er mir das Leben rettete. Sie werden nachwachsen. Er wird schon bald wieder fliegen können. Bis dahin aber ist es nur gerecht, das ich ihn trage, schließlich verdankt er mir seine vorübergehende Einschränkung.“

Dacas nickte, als ob ihm gerade etwas bestätigt wurde. Kunststück. Ioro wäre jede, absolut jede Wette eingegangen, dass Dacas genau über die vergangenen Geschehnisse in Sawateenatari informiert war. Aber der alte Fuchs war schlau genug, so zu tun, als wüsste er von nichts. Die zukünftige Familie seiner Tochter sollte ihr Gesicht wahren dürfen vor dem tolorischen Volk.

Jetzt regte auch Sirit sich, die bislang starr wie eine Marmorstatue zwischen ihrem Vater auf der einen und ihrem Bruder und ihrer Mutter auf der anderen Seite gestanden hatte. Es war nur ein winziges Kräuseln ihrer Mundwinkel, eine kaum merkbare Bewegung ihres Kopfes, aber Ioro hatte den Eindruck, dass Sirit sich über seine Verteidigung des Falken freute. Tolioro hatte mehr Glück als Verstand, dass er diese Frau heiraten durfte. Sie war zwar hässlich, aber ganz offensichtlich nicht nur intelligent, sondern auch mitfühlend. Obwohl Ioro bezweifelte, das ausgerechnet diese Eigenschaft bei seinem Bruder auf Gegenliebe stoßen würde.

Er stieg die Stufen empor, kniete vor Sirit nieder und präsentierte ihr Tolioros Brautgabe. Funkelnd brach sich die Sonne in dem blutroten Stein.

Ein kollektives Stöhnen lief durch die Menge.

Der heilige Stein der Brennenden Göttin, der Göttin Tolors! Der Stein, den Karapak vor mehr als fünf Generationen bei einem Vorstoß auf die Ebenen der Steinsäulen aus dem Roten Tempel entführt hatte! Der heilige Stein kehrte zurück nach Hause!

Sirit streckte zwei zitternde Hände aus. Behutsam nahm sie den Stein vom Kissen, führte ihn an ihre Lippen. Dann hob sie ihn über ihren Kopf, reckte ihn, so hoch sie konnte, und präsentierte ihn der Menge.

Tolor erzitterte unter einem frenetischen Freudenschrei. Der Bann war gebrochen. Jubelnde Menschen durchbrachen die Absperrungen und strömten zu den überraschten karapakischen Reitern und Fußsoldaten. Sie umarmten die völlig verblüfften Männer, steckten ihnen Blumen zu und küssten sie. Es dauerte nur wenige Momente und aus der geordneten Hochzeitskarawane war ein riesiges, feierndes, tanzendes, jubelndes Menschenknäuel geworden.

Ioro lächelte. Er hatte recht gehabt. Diese Hochzeitsgabe war die einzig richtige, die einzig mögliche, wenn Kanatas Friedensangebot überzeugend wirken sollte.

*

Sirit schob den Vorhang ihrer Sänfte ein wenig zur Seite. Das Panorama der Berge war atemberaubend schön. Es schnürte ihr die Kehle zusammen. Das letzte Mal, das allerletzte Mal in ihrem Leben, dass sie ihre heimatlichen Berge sehen konnte. Schon morgen würden sie das karapakische Flachland erreichen, das sie nie in ihrem Leben wieder verlassen sollte. Am liebsten hätte sie so laut losgeheult wie ihre Dienerinnen, die in den anderen Sänften saßen. Wenn man ihr wenigstens erlauben würde, zu reiten, dann hätte sie die Berge noch ein letztes Mal in all ihrer Schönheit genießen können, statt in diesem düsteren, stickigen Kasten zu sitzen. Aber nein, Karapakier hielten es für würdelos, wenn Frauen auf Pferden saßen. So war es ihr nicht einmal vergönnt, richtig Abschied zu nehmen von ihrer Heimat. Sirit schluckte ihre ungeweinten Tränen.

Von vorne erklangen Rufe. Die Karawane wurde langsamer. Sirit war irritiert. War schon wieder einem der Ochsenkarren ein Rad gebrochen? Die Karapaki waren verrückt, in den Bergen mit Ochsenkarren zu fahren. Kein tolorischer Händler hätte sich auf derartigen Unsinn eingelassen. Maultiere und Tragochsen, damit schafften intelligente Leute ihr Hab und Gut durch die Berge. Aber wenn sie so an Tolioro dachte, dann war es mit der Intelligenz der Karapakier wohl nicht so weit her, wie die selbst dachten. Nur von dessen älterem Bruder hielt sie ein wenig mehr. Dieser Ioro schien nachzudenken, bevor er handelte. Und er war fähig, ihr beim Spiel Paroli zu bieten.

Da kam er auch schon. Diesen speziellen Hufschlag kannte sie mittlerweile fast im Schlaf.

Sie schob den Vorhang noch ein wenig weiter zur Seite und blickte zu dem Mann auf. Der neigte höflich seinen Kopf.

„Geehrte Dame, ich habe mir erlaubt, die heutige Etappe etwas früher zu beenden“, sagte er. „Wir haben gerade das Ufer des Migao erreicht. Man hat mir gesagt, dass Ihr diesen See sehr liebt.“

Jetzt begannen ihre Tränen doch zu fließen. Sirit ließ schnell den Vorhang zufallen und versuchte, sich zu sammeln. Diese Geste des Mitgefühls hatte sie nicht erwartet. Nicht von einem königlichen karapakischen Feldherren. Ein geschenkter halber Tag für einen letzten Aufenthalt in ihren Bergen. Der See war ihr egal, Sie hatte ihn noch nie in ihrem Leben besucht. Und das musste auch der Karapaki wissen. Aber die Berge, ihre Berge … Sie dankte der Göttin, dass es Ioro war, der sie in ihre neue Heimat geleitete.

*

Tolioro hob den Krug mit billigem Wein und nahm einen Schluck. Er verzog das Gesicht. Sauer. Nun ja, das war zu erwarten gewesen. Was sollte so eine billige Kaschemme auch sonst anbieten.

Wo blieb nur sein Kontaktmann?

Am Nebentisch erhob sich ein Zecher und wankte schwankend in seine Richtung. War der das? Nein, der Mann war wirklich betrunken. Glasige Augen starrten ihn kurz an, dann schlurfte der Mann weiter. Seine Hand schleppte über den Tisch, Tolioros Krug fiel um. Sofort bildete sich eine große Lache und einige dünne Fäden Wein begannen zwischen den groben Brettern durchzusickern. Tolioro spürte, wie seine Hose nasse Flecken bekam. Einen Moment war er versucht, dem ungeschickten Tölpel die Klinge zwischen die Rippen zu rammen. Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich daran, weshalb er hier war. Angewidert starrte er auf die rote Pfütze und zog seine Beine zurück.

„War keine Absch…sch..schicht“, nuschelte der Mann und tätschelte ihm ungeschickt den Rücken. „War’n Versehn. Wirklisch. Nnn Versehn.“

Wenn der Kerl nicht bald abzog, war er tot!

Aber was tat der da? Der wollte sich doch wohl nicht wirklich zu ihm setzen?

Genau das tat der Betrunkene. Wie selbstverständlich rutschte er zu Tolioro auf die Bank, machte sich schön breit und schob dabei Tolioro ein Stück zur Seite. Dann legte er plump-vertraulich seinen Arm um Tolioros Schultern und zog dessen Kopf zu sich heran. Tolioro versteifte sich.

„Du werscheischt mir, hä?“

Während Tolioro noch überlegte, welchen Körperteil er dem Mann zuerst abschneiden sollte, rückte der mit seinem fettigen Bart noch näher und flüsterte: „Tut so, als ob Ihr auch betrunken seid. Geht auf mein Spiel ein, Ihr wollt doch keine Aufmerksamkeit erregen, nicht hier, oder?“ Dann fuhr er in normaler Lautstärke fort: „Isch geb disch ein aus. Ein guten. Nich hier, woanners, wo’s bescher schmeggt. Komm.“ Er zerrte Tolioro hoch und Richtung Ausgang. Tolioro ließ sich widerwillig mitziehen. Niemand beachtete sie.

Hinter der nächsten Straßenecke riss Tolioro sich ungestüm los, zückte seinen Dolch und setzte ihn dem Fremden an die Kehle. „Was sollte das gerade?“, zischte er.

„Ihr seid inkognito, oder?“, gab der andere kalt mit plötzlich nüchterner Stimme zurück. „Es erschien mir am einfachsten, auf diese Art und Weise Eure Tarnung zu bewahren.“

Tolioro knurrte wütend. „Und warum sollte ich dir nicht trotzdem für dein unverschämtes Verhalten die Kehle durchschneiden?“

„Weil Ihr dann nicht hören würdet, was Graf Chilikit Euch ausrichten lässt“, gab der Mann unbeeindruckt zurück.

Tolioro steckte nach kurzem Zögern die Waffe weg. „Dann lass hören.“

„Nicht hier. Gehen wir an einen weniger öffentlichen Ort.“

Tolioro musterte spöttisch die ramponierten Mauern und die zugenagelten Fenster der benachbarten Gebäude. „Öffentlich?“

„Auch Ratten haben Ohren.“

Wenige Straßen weiter führte der Fremde ihn in ein kleines fensterloses Haus und verschloss hinter ihnen die Eingangstür. Er entzündete ein Licht. Tolioro wartete in einigem Abstand. Sein Misstrauen war noch nicht besänftigt.

Sein Gegenüber hob in gespielter Ergebenheit die Hände. „Keine Gefahr, ich bin unbewaffnet gekommen. Ihr mögt mich durchsuchen, wenn Ihr mir nicht glaubt“, fügte er mit leichtem Spott hinzu.

Tolioro ballte die Faust hinter dem Rücken. Verdammter hochnäsiger Kerl. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. „Was also lässt mir Graf Chilikit ausrichten?“

„Eure Braut ist unterwegs.“

Tolioro schnaubte verächtlich. Daran hatte er keinen Moment gezweifelt. Ioro holte seine Braut schließlich, Ioro, sein wunderbar guter, wunderbar zuverlässiger Bruder.

„Eure Brautgabe hat alle in Tolor von Euren lauteren Absichten überzeugt. Ganz Tolor feiert Euch.“

Ja, aber auch das nur, weil sein Bruder wieder so oberschlau gewesen war. Ioros Vorschlag war es gewesen, dieses dämliche Juwel nach Tolor zurückzuschaffen. Na gut, wenigstens feierten sie ihn dafür und nicht Ioro. Trotzdem …

„Wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass euer Vater Ioro nach wie vor nicht traut.“

Das war endlich mal eine gute Nachricht. Aber woher konnte Chilikit das wissen?

„Wenn Ihr Euch bei dieser Heirat schlau verhaltet und überzeugend für euren Vater schauspielert, dann habt Ihr gute Karten.“

Das wiederum hatte er sich selbst denken können. Mal ganz abgesehen davon, dass seine Mutter ihm seit Tagen damit in den Ohren lag.

„Ihr werdet, als frisch verheirateter Ehemann, vermutlich sehr viel Zeit mit Eurer Frau verbringen wollen.“

Mit dieser hässlichen, blassen Missgeburt? Bestimmt nicht!

„Sollte Euch aber dennoch einmal der Sinn nach etwas Abwechslung stehen, so erlaubt sich Graf Chilikit, Euch als Hochzeitsgeschenk ein bestimmtes Haus in Sawateenatari zukommen zu lassen. Ein Haus, in dem einige der schönsten jungen Frauen Tolors auf Euch warten. Weit genug entfernt vom Palast und gut abgeschirmt vor den spähenden Augen eures Vaters.“

Das hörte sich schon besser an.

„Da Graf Chilikit weiß, dass ihr einen hohen Bedarf an jungen Frauen habt, wird er immer rechtzeitig für Nachschub sorgen. In den Bergen gibt es viele Dörfer. Ein paar Esser weniger am Tisch werden dort begrüßt. Und niemand stellt Fragen.“

Das hörte sich sogar ausgezeichnet an! Tolioro fühlte, wie ihm das Blut in die Lenden schoss.

„Das“, sagte der Zauberer, „war nur die höfliche Vorrede. Jetzt kommen wir zum ernsten Teil der Botschaft, zum Geschäft.“

Geschäft? Ja, da war noch diese Kleinigkeit, die er Graf Chilikit zugesichert hatte.

„Ich war nicht derjenige, der meinem Vater diese illegalen Geschäfte unter die Nase gerieben hatte“, knurrte er wütend.

„Das wissen wir.“ Der Zauberer lächelte so liebenswürdig wie eine Baumschlange. „Seid gewiss, das wissen wir. Nein, diese Erkenntnisse hatte Euer Vater von seinem Geheimdienst. Und der wiederum hatte einen Tipp bekommen vom tolorischen Geheimdienst. Sozusagen ein Freundschaftsdienst unter Königen. Wir wissen, wer es war. Die undichte Stelle existiert nicht mehr.“

Tolioro konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken.

„Aber die Geheimdienste sind jetzt alarmiert. Wir werden unsere Geschäfte für einige Zeit einstellen müssen. Jetzt liegt es an Euch, Hoheit, Bedingungen zu schaffen, dass wir sie wieder aufnehmen können.“

„Und wie stellt Ihr Euch das vor?“, fragte Tolioro verärgert. „Soll ich zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater, sei doch mal so nett und erlaube diesem bestimmten Tolorier, zollfrei illegale Waren nach Karapak einzuführen? Überreden oder gar bestechen kann den König niemand.“

„Genau das ist der Punkt.“ Die Augen des Fremden glitzerten im Zauberlicht. „Der König wird sich nie darauf einlassen. Nicht, solange er lebt. Und auf unserer Seite … nun, sagen wir, König Dacas ist eher noch weniger als Euer Vater geneigt, ein Auge zuzudrücken. Wenn wir freien Handel und gute Geschäfte wollen, müssen wir die passenden Rahmenbedingungen schaffen.“

„So, passende Rahmenbedingungen.“

„Passende Rahmenbedingungen, ja“.

„Eure Rahmenbedingungen schließen nicht zufällig den plötzlichen Tod zweier Könige ein?“

„Ich sehe, wir verstehen uns prächtig“, sagte der Fremde und lächelte.

*

Ganz Sawateenatari war auf den Beinen und jubelte. Zumindest schien es Sirit so. Zur Abwechslung war sie froh um die Sänfte und ihre Vorhänge. Wer wusste, ob die Karapaki noch jubeln würden, wenn sie sehen könnten, was für eine Frau ihr Kronprinz heiraten sollte. Das eine wusste sie mittlerweile mit Sicherheit: Hellhäutige Menschen gab es so gut wie gar nicht im Reich Karapak, und die Karapakier betrachteten helle Haut und helle Augen als abgrundtief hässlich. Freiwillig hätte Tolioro sie bestimmt nie genommen. Es war also zumindest zweifelhaft, ob diese Jubelrufe wirklich ihr galten.

Natürlich konnte auch Ioro der Adressat sein. Von dieser Brandnarbe abgesehen, sah der junge Mann wirklich gut aus. Ja gut, er hatte die Falkennase aller Männer aus dem Hause Mehme, aber in seinem Gesicht wirkte sie irgendwie passend. Man konnte sich daran gewöhnen. Insbesondere dann, wenn er lächelte. Dann strahlten auch seine Augen förmlich. Schade, dass nicht Ioro ihr Gemahl sein würde.

Sirit hörte den schrillen Ruf des Falken, der Ioro ständig begleitete. Der Prinz konnte nicht weit weg sein. Sie hatte ihn jetzt mehrere Wochen jeden Tag gesehen, mit ihm gespeist und mit ihm gesprochen. Er war ein guter Unterhalter, wusste genau, was bei Frauen gut ankam. Mindestens jede zweite ihrer Dienerinnen war in den Prinzen verliebt. Ioro hatte sie alle höflich, aber bestimmt abgewiesen. Wirklich sehr, sehr schade, dass nicht Ioro der Kronprinz von Karapak war.

*

Iragana beobachtete das Eintreffen der Hochzeitskarawane unten im großen Hof des Palastes. Ihr Mann und Tolioro standen vor den bronzebeschlagenen Flügeltüren. Die Sänfte mit den aquamarinblauen Vorhängen wurde nach vorne getragen. Ioro sprang vom Pferd und schritt zu der Sänfte, um die Vorhänge zurückzuschlagen. Dann erschien eine zarte, sehr blasse Hand. Ioro ergriff sie und half der zukünftigen Frau seines Bruders, die Sänfte in formvollendeter Haltung zu verlassen.

Iragana nickte zufrieden. Die Tolorierin hatte es nicht gewagt, die Sitten ihrer barbarischen Heimat einzuführen. Sie trug, wie jede ehrbare karapakische Frau, den blauen Hochzeitsschleier über den Kopf gezogen. Die schweren Kleider ermöglichten ihr keine raumgreifenden Bewegungen, sie trippelte neben Ioro her, fast wie ein kleines Mädchen. Sie war tatsächlich sehr kurz geraten. Das war gut, Tolioro mochte kleine Frauen. Allerdings … wenn man genauer hinsah, konnte man sehen, dass diese tolorische Frau deutlich fülliger war als eine Karapakierin. Und nach allem, was Iragana gehört hatte, war diese fremde Prinzessin ziemlich hässlich. Blasse Haut, blaue Augen, zu dick. Nichts, was Tolioro anziehend finden würde. Nicht einmal ihr Name war schön. Sirit. Hart klang das. Aber was sollte man von einem Weib aus den Bergen schon besseres erwarten.

Zumindest bestand so die Chance, dass sie lange genug leben würde, um Tolioro einen Erben zu gebären.

*

Sirit schielte durch den dünnen Stoff ihres Schleiers hoch zu den beiden Männern. Kanata sah aus wie Ioro. Wie ein deutlich älterer Ioro. Die gleiche Haltung, die gleiche Nase, die gleiche Selbstsicherheit. Neben ihm wirkte Tolioro wie ein grüner Junge. Es verbesserte keineswegs die Lage, dass er ziemlich gelangweilt wirkte und seine zukünftige Ehefrau keines Blickes würdigte.

Sirit verbeugte sich schweigend. Nur gut, dass das Protokoll von ihr keine Worte verlangte. Zwar konnte sie fließend Karapakisch, aber jetzt und hier … sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich ein Wort herausgebracht hätte. Ein dicker Kloß schien in ihrem Hals zu stecken.

Kanata winkte sie herauf. Sirit gehorchte und stellte sich neben Tolioro. Kanata winkte erneut. Ein Schreiber präsentierte ihm den Vertrag. Kanata tat, als ob er ihn lesen würde, aber sein Blick ruhte dabei auf Sirit. Sie hob trotzig das Kinn. Was sollte das? Auch ihr Vater war ein König! Kanata nickte und unterschrieb. Dann wandte er sich an das junge Paar. „Morgen, wenn ihr die Ehe vollzogen habt, werde ich den Vertrag siegeln.“

Dann stolzierte er zurück in den Palast.

Sirit stand wie vom Donner gerührt. Das war alles? Das sollte ihre Hochzeitszeremonie sein? Die hatte sie sich anders vorgestellt. Kanata hatte ihr überdeutlich gezeigt, dass nicht sie selbst wichtig war, sondern nur der Vertrag. Sie schluckte. Ioro hatte ihr immer wieder gesagt, dass in Karapak die Frauen nicht die gleiche Rolle spielten wie in Tolor. Zum ersten Mal glaubte sie ihm wirklich.

Tolioro zerrte ungehalten an ihrem Ärmel. Er wollte hinein. Sirit senkte den Kopf und folgte ihrem Ehemann.

Kindersegen

Tolioro sah angewidert auf seine schluchzende Frau herab. Ihre blassen Rundungen wirkten in den blauen Kissen noch mehr als sonst wie die Haut eines toten Fisches. Hässlich, hässlich, hässlich. Mit Kleidern hatte er sie schon hässlich gefunden. Ohne war sie regelrecht abstoßend. Na gut, für heute Nacht hatte er seine Pflicht bei ihr erfüllt. Die dunkelroten Flecken auf den Kissen zeugten davon. Kanata würde zufrieden sein. Man sah den Flecken nicht an, dass die meisten davon aus Sirits gebrochener Nase stammten. Nicht, dass ihre Nase dadurch gewonnen hatte. Sie war vorher schon zu klein gewesen. Jetzt war sie fast ganz platt. Dumme Pute. Jedenfalls wusste sie nun, wer der Herr im Haus war. Noch einmal würde sie es nicht versuchen, ihn zurückweisen zu wollen. Nur weil sie noch nicht bereit gewesen war. Pah. Eine Frau hatte immer für ihren Mann bereit zu sein. Tolioro versetzte Sirit noch einen letzten Fußtritt, dann schlenderte er aus dem Zimmer. Nur gut, dass Graf Chilikit seine Versprechungen immer schnell in die Tat umsetzte. Ihm war jetzt nach einer richtigen Frau.

*

Kanata schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte Tolioro nur so dumm sein! Seine Frau in der Hochzeitsnacht alleine zu lassen, und noch dazu in dem Zustand? Hielt Tolioro jeden im Palast für stumm und taub? Oder, noch schlimmer, für dumm? Wie ein Lauffeuer war es durch alle Gemächer gegangen. Tolioro hatte keinen Gefallen an seiner neuen Frau gefunden. Gut, er hatte Verkehr mit ihr gehabt, schließlich war es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, den nächsten Thronerben zu zeugen. Aber er hatte es auf seine übliche, abstoßende Art getan. Sirit wurde gerade von ihren Dienerinnen verbunden, ihre Nase gerichtet und mit kühlenden Kompressen versorgt. Sollte König Dacas je zu Ohren kommen, wie es seiner geliebten Tochter erging, dann, Vertrag hin, Vertrag her, würde Dacas rot sehen. Dafür kannte Kanata seinen königlichen Kollegen gut genug. Die Familie ging dem über alles.

Er gab dem Hofmarschall einen Wink. Der Mann nickte und verschwand. Er würde dafür sorgen, dass die Kunde von Tolioros Benehmen nicht über die Mauern des Palastes hinausdrang. Was Tolioro anging, dem würde er selbst die Leviten lesen müssen. Wieder beschlich ihn das unangenehm nagende Gefühl, den falschen Sohn als Thronerben gewählt zu haben.

*

Arme Sirit. Ioro verspürte einen Anflug von Mitleid. Auch wenn die junge Frau seines Bruders wirklich hässlich war, so etwas hatte sie nicht verdient. Die junge Prinzgemahlin besaß alle Qualitäten für eine gute Königin, von ihrem Äußeren einmal abgesehen. Und sie vereinte die Zukunft zweier Königsreiche. Ioro seufzte. Sein Bruder war ein Vollidiot. Eine intelligente, gutwillige Frau, die strategisch denken konnte und ihm später bei der Regierungsarbeit eine wirkliche Stütze gewesen wäre, so zu verprügeln. Keine Chance, dass Sirit nach dieser Hochzeitsnacht jemals mit mehr als Hass an ihren Mann denken würde. Dafür kannte Ioro sie mittlerweile zu gut. Er konnte nur hoffen, dass ihre Loyalität zum Reich und zu dem Friedenspakt ihres Vaters Sirit dazu bewegen würde, ruhig zu bleiben und keinen Aufstand zu machen.

Sonst würde der nächste Krieg nicht gegen die Wüstenstämme, sondern gegen Tolor geführt.

***

Jo legte seine Hand auf die Wand seines Turmes und lauschte dem Strom der Energie. So viel Kraft! So unendlich viel Kraft!

Wie lange bestand die Kristallkammer schon?

Seit mehr als tausend Regenzeiten hatten diese Kristalle nichts weiter gemacht, als die Energie der Stadt Sawateenatari anzuzapfen und zu speichern. Und die Kristalle wuchsen weiter. Regenzeit um Regenzeit. Wofür wurde all diese Energie gespeichert? Und warum war Meister Go lieber aufs Land geflüchtet und hatte in einem primitiven kleinen Steinturm gewohnt, wenn er doch hier hätte leben können?

Jo verzog das Gesicht. Für jede Frage, die er beantworten konnte, taten sich ein Dutzend weiterer, unbeantworteter auf. Aber vielleicht konnte sein derzeitiger Lehrer, Meister Ri, ihm wenigstens ein paar davon beantworten. Es wurde Zeit für seinen täglichen Unterricht.

Meister Ri empfing ihn mit seinem üblichen leutseligen Lächeln. „Ein wunderschöner Tag!“, strahlte er über beide Pausbacken und wippte auf den Zehenspitzen, dass sein kugeliger Bauch wie Brei wackelte. „Was lernen wir denn heute? Ach ja, wir waren bei den einfachen Feldzaubern stehen geblieben.“

Jo stöhnte. Noch ein Tag mit Schädlingsbekämpfungszaubern, Anti-Rostpilz-Zaubern und primitiven Fruchtbarkeitszaubern. So würden seine Fragen nie beantwortet werden. Er wagte einen direkten Vorstoß.

„Meister Ri, ich weiß, das hat nichts mit unserem heutigen Thema zu tun, aber ich muss unbedingt etwas wissen.“

„Schieß los, Junge.“

„Die Kristallkammer besteht aus reiner Energie“, begann Jo zögernd.

Meister Ris Lächeln wurde etwas weniger leutselig.

„Das heißt, wir benutzen Energie, um Materie zu erzeugen.“

Meister Ris Lächeln fror ein.

„Könnte man dann nicht auch umgekehrt Materie benutzen, sie zerlegen, um Energie zu erzeugen?“

Meister Ris Lächeln zersplitterte. Er holte tief Luft. „Nein!“ Mit Nachdruck setzte er hinzu: „Auf gar keinen Fall!“

„Warum nicht?“

„Das hat schon einmal jemand versucht. Meister Ki, vor rund 600 Regenzeiten.“

„Und?“

„Von ihm und seinem Turm ist nur noch ein ziemlich großer Krater übrig geblieben.“

*

Jo musterte seine Bibliothek. Nicht gerade umwerfend. Ein paar zerfledderte alte Bände über Spiegel-Magie-Grundlagen, die er aus der allgemeinen Bibliothek entliehen hatte. Und ein Buch über Rufzauber. Keines dieser Bücher hatte ihm umwerfende Neuigkeiten verkünden können. Außerdem hatte er im Moment absolut keine Lust auf weitere trockene Traktate über irgendwelche kleinlichen Zaubereien. Er beschloss, sich zur Entspannung heute einfach einmal der Vergangenheit zu widmen. Entschlossen griff er nach dem kleinen blauen Büchlein aus Meister Gos Bibliothek.

Der Einband fühlte sich wie Seide an. Ein sehr unpraktischer Einband für ein Gebrauchsbuch. Na ja, ein Zauberer hatte natürlich Möglichkeiten, Bucheinbände zu säubern. Jo öffnete das Buch.

Ungläubig starrte er auf die Zeichnung. Auf der ersten Seite prangte eines der alten königlichen Wappen von Karapak. Darunter das Namenszeichen des Besitzers. Goratamonahne. Das durfte doch nicht wahr sein! Go war aus königlichem Geschlecht! Die Sippe Nahne hatte Karapak fast 600 Regenzeiten lang regiert, bevor die heutige Königssippe, die Mehmes, die Führung übernommen hatte. In allen Geschichtsbüchern stand, dass das königliche Haus Nahne damals mangels Erben ausgestorben war. Was niemanden wunderte, hatte doch die Sippe Mehme alle männlichen Mitglieder der Sippe Nahne kurzerhand umbringen lassen, bis hin zum letzten noch ungeborenen Kind.

War das der Grund, warum Go sich in der Provinz verkrochen hatte? Weil er sich verstecken wollte, um sein Leben fürchtete? Oder – Jo kam ein anderer Gedanke. Hatte Meister Go nur einen Platz gesucht, an dem er ungestört gegen das Haus Mehme konspirieren konnte? Plötzlich machte König Kanatas allseits bekannte Abneigung gegen Zauberer sehr viel mehr Sinn.

Vorsichtig, als könne das Buch ihn beißen, wandte Jo die nächste Seite um. Schöne, geschwungene Buchstaben, vielleicht ein klein wenig zittrig geschrieben, die er nur zu gut von den Kochbüchern her kannte. Nur dass dies kein Kochbuch war. Es schien sich vielmehr um private Aufzeichnungen Gos zu handeln. Das war wirklich ein interessanter Fund. Jo suchte sich einen bequemen Sessel, zauberte mit einer Handbewegung ein paar Kleinigkeiten zu Essen und zu Trinken herbei, und begann zu lesen.

Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Mein Kopf will keine Worte formen. Die schrecklichen Bilder, die ich gesehen habe, überdecken alles. Mein Bruder, der König. Seine leeren Augen in dem hohlwangigen Gesicht, die zur Decke heraufstarrten. Er war der einzige, der nicht blutüberströmt war, ihn hatte das Flussfieber getötet und damit die Bahn frei gemacht für den Putsch. Ich weiß nicht mehr, warum ich so wild darauf war, im Palast nachzusehen. Meister Ow hatte recht, dass er mich zurückhalten wollte. In meiner jugendlichen Narrheit wollte ich nicht hören. So habe ich sie alle gesehen. Meine Brüder, meine Schwestern, die vielen Kinder. Alle tot. Ströme von Blut sind durch den Palast geflossen. Auch wenn die Mehmes selbst die meisten Frauen des Königshauses verschont hatten, so war doch kaum noch eine von ihnen am Leben. Meine Schwestern hatten es vorgezogen, ihrem Leben auf ehrbare Weise ein Ende zu bereiten, anstatt als niedere Dienerinnen und Konkubinen im Hause Mehme ein elendes Dasein zu fristen.

Auch meine Zwillingsschwester Laranainata fand ich mit dem Dolch im Herzen. Ihr Unterleib war entblößt, ihre Beine blutüberströmt.

Hätte mein Eid mich nicht zurückgehalten, ich hätte in diesem Moment mit dem größten Vergnügen den ganzen Palast dem Erdboden gleich gemacht.

Oh-oh. Das klang aber ganz anders als in den Geschichtsbüchern. Wie hatte einer seiner Lehrer es noch mal gesagt? Ach ja: „Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ Zu den Siegern zählte das Haus Nahne offensichtlich seit diesem Putsch nicht mehr.

Jo blätterte weiter. Die ersten sechs Dutzend Seiten schienen mehr eine Art inneres Zwiegespräch zu sein. Go schrieb hier über sich, über die Geschichte seiner Familie, seine vergeblichen Hoffnungen und seine Alpträume. Die Schrift war unregelmäßig, fast wie zerhackt. Im zweiten Drittel des Buches wandelte sich der Schreibstil. Die Buchstaben wurden wieder flüssiger und gleichzeitig kleiner. Es war, als ob zwischen diesen beiden Eintragungs-Teilen eine längere Zeit verstrichen war. Hier schrieb Meister Go über seine Arbeit als Zauberer.

Sieh an, da tauchte auch etwas auf, was Jo dringend interessierte! Meister Go beschrieb seine eigenen Zauber-Experimente. Vielleicht konnte er hier mehr über die Spiegelmagie lernen.

Ich habe heute wieder versucht, Kontakt mit Adept Rak im Spiegel aufzunehmen. Es ist, als würde man mit einem Schlafwandler zu kommunizieren versuchen. Aber ich bin überzeugt, dass Raks ganze Wesenheit noch vollständig erhalten ist. Solange man den Spiegel nicht verbraucht, bleibt die Lebensenergie der Seelen erhalten, heißt es. Ich glaube, es ist mehr als nur die Seele, die im Spiegel erhalten bleibt. Theoretisch müsste es möglich sein, eine Seele mitsamt ihrem Körper wieder aus dem Spiegel herauszulösen. Theoretisch. Ich traue mich nicht, tiefer in den Spiegel einzutauchen. Meisterin Ak hat mich gewarnt. Ein Spiegel vermag einen zu schwachen Zauberer aus eigener Kraft zu schlucken.

Jo setzte sich fasziniert auf. Man konnte Seelen aus dem Spiegel wieder herausholen? Sein Freund Tev saß in so einem Spiegel fest. Was, wenn er ihn retten könnte? Wie weit war Go mit seinen Experimenten gekommen?

Ich denke, ich werde erst einmal eine Reihe von Experimenten starten. Kleine Spiegel, klitzekleine. Vielleicht aus der Seele einer Maus oder auch nur einer Kellerassel. Die dürften klein genug sein, dass ich gefahrlos damit arbeiten kann.

Jo blätterte weiter.

Die Maus war ein Fehlschlag. Selbst ihr nur handtellergroßer Seelenspiegel entfaltete einen solchen Sog, dass ich das Experiment abbrechen musste. Die Kellerassel war besser geeignet. Ihr Seelenspiegel war kaum mehr als ein Staubkorn. Es gelang mir, sie aus dem Spiegel wieder herauszuziehen. Leider nicht ganz nebenwirkungsfrei. Sie war anschließend deutlich kleiner und die Restenergie des Spiegels entlud sich in einer Explosion, die mein halbes Labor verwüstete. Die Assel habe ich sicherheitshalber in ein Glas gesperrt. Mal sehen, ob sie jetzt normal weiterlebt.

Ein weiteres Blatt. Dem Datum nach über drei Regenzeiten später.

Gut, dass ich die Assel aufbewahrt habe. Sie ist … außergewöhnlich. Sie wächst nicht, sie frisst nichts, und sie altert nicht. Sozusagen eine unsterbliche Assel. Ansonsten sieht sie ganz normal aus und benimmt sich auch normal. Ihr Lieblingsplatz ist unter einem feuchten Blatt. Ich habe versucht, sie zu zerquetschen. Kein Erfolg. Genauso hätte ich versuchen können, einen Diamanten zu zerdrücken. Was, wenn sie entkommt? Was, wenn sie diese Eigenschaften an etwaige Nachkommen vererbt? Die Welt würde in Asseln ersticken. Ich werde sie umgehend wieder in einen Spiegel verwandeln müssen.

Jos Hand zitterte. Wenn das für jede befreite Seele zutraf, dann konnte, dann durfte er Tevi nicht befreien. Eine solche Freiheit, die ihn außerhalb der Menschheit ansiedelte, würde Tevi zugrunde richten. Kein Mensch war für die Ewigkeit geschaffen.

Die Assel ist wieder ein Spiegelkorn. Mir ist nicht wohl mit diesem Spiegel. So winzig er ist, seine Gegenwart stört mich kolossal. Ich werde ihn so schnell wie möglich verbrauchen.

Jo legte das Buch weg und griff nach dem Weinglas. Für heute hatte er genug, über das er nachdenken konnte. Jetzt brauchte er etwas, was ihm einen schnellen, traumlosen Schlaf bescherte.

***

Sirits Hand verharrte einen Moment, bevor sie die Pinselspitze auf das Papier setzte. Sag ihm, deine Dienerinnen seien am Flussfieber gestorben, hatte Tolioro ihr befohlen. Das war durchaus glaubhaft, nicht einmal die Zauberer hatten es geschafft, das Flussfieber auszurotten. In regelmäßigen Abständen flackerte es in Karapak auf. Und im Gegensatz zu den Karapakiern hatten ihre tolorischen Damen kaum Widerstandskräfte gegen dieses Fieber. Tolioro. Sirit musste ihre Hand zwingen, ruhig zu bleiben. Die Buchstaben durften nicht verschmieren. Tolioro hatte befohlen und sie würde gehorchen. Wortwörtlich.

Ich soll Euch sagen, dass meine Dienerinnen alle am Flussfieber gestorben sind, sagt mein Gatte. Ihr Vater würde wissen, was er davon zu halten hatte.

Ihre Hand begann jetzt doch zu zittern. Sirit legte den Pinsel ab und starrte auf das fast leere Blatt Papier. Das Papier leuchtete unschuldig hell. Fast so, wie die Haut ihrer kleinen Leibsklavin ausgesehen hatte, der letzten Frau, die aus ihrem tolorischen Gefolge noch im Palast verblieben war, zarte, helle Haut auf ihrem blutleeren, zerstörten Leib, in ihren schmerzverzerrten Zügen, die nicht einmal der Tod hatte glätten können. Dala war erst zwölf Regenzeiten alt gewesen, kaum mehr als ein Kind, das gerade erst lernte, was es bedeutete, eine Frau zu sein.

Tolioro hatte sie all das gelehrt, was eine Frau nie kennenlernen sollte.

Und es war ihre, Sirits, Schuld. Sie hatte Tolioro gebeten, sie mit seiner Aufmerksamkeit zu verschonen, weil sie schwanger war. „Ach ja?“, war seine einzige Reaktion auf die Neuigkeit gewesen. Dann hatte er sich von ihr erhoben, sich kurz im Raum umgeschaut und war zielsicher auf die winzige Schlafkammer der Zofe zugesteuert. Das schlaftrunkene Mädchen hatte kaum begriffen, was ihm geschah.

Wenn sie ihren Mann bloß nicht abgewiesen hätte! Göttin, was hatte sie getan!

Ihr Mann war ein Monster. Dessen war sie sich jetzt sicher, unumstößlich sicher. Die Art, wie er gelacht hatte, als er über dem schreienden Mädchen stand, die Art, wie er sie verspottet hatte, als Dala vergeblich versuchte, ihre hervorquellenden Eingeweide wieder in ihre Bauchhöhle zu drücken. Seine glitzernden Augen, als er ganz dicht über dem sterbenden Mädchen kniete und zusah, wie sie ihren letzten Atemzug tat. Und dann die Art, wie er anschließend seine Frau musterte.

Sirit schauderte. Tolioro hatte sie angesehen wie Ungeziefer. Alles, was er von ihr wollte, war ein Sohn, Sie selbst war es ihm nicht einmal wert, sie zu töten.

*

Tolioro starrte auf das kleine Geschöpf, das die Hebamme ihm mit zitternden Händen hinhielt. Es war nackt, sodass er jede Einzelheit genau sehen konnte. Nase, Augen, Mund, Arme, Beine, Hände, Füße. Nur das, was er suchte, fand er nicht. Es war ein Mädchen. Nur ein Mädchen.

Verdammt, er brauchte keine Mädchen. Wenn er je eine Chance haben wollte, Tolor ohne Krieg zu erobern, brauchte er einen Sohn. Mit jäh aufwallender Wut packte er zu. Ein Kinderhals war klein. Er konnte ihn mit einer Hand umfassen. Das Kind zappelte. Tolioro drückte fester. Etwas knackte. Dann war der kleine Körper reglos.

Sirit, die fassungslos zugesehen hatte, stieß einen erstickten Schrei aus.

„Hab´ dich nicht so“, beschied Tolioro ihr. „Hättest du einen Sohn geschafft, wäre das nicht nötig gewesen. Ich habe nur dafür gesorgt, dass wir keine unnötige Zeit verlieren. In fünf Tagen werde ich dich wieder aufsuchen. Dann zeuge ich dir einen Sohn.“

Sirit presste die Hand vor den Mund, um ihr Würgen zu unterdrücken.

„Was sollen wir mit ihr machen?“, fragte die Hebamme zögernd.

Tolioro runzelte die Stirn. Einen Moment lang war er versucht, den kleinen Kadaver als Hundefutter mitzunehmen. Allerdings hätte er sich damit ziemlich sicher massiv Ärger mit seinem Vater eingehandelt. „Da ist doch dieser langweilige Liliengarten, in dem meine Gattin immer sitzt“, sagte er. „Trennt ihn mit einer neuen Mauer ab von den Teichen. Dann braucht meine Mutter diese Hässlichkeit bei ihren Spaziergängen nicht mehr zu sehen. Und die Asche dieses unnützen Dings könnt ihr meinethalben dort mit einmauern.“

Als Tolioro hinausstolzierte, konnte die Hebamme einen erleichterten Atemzug nicht unterdrücken. Wenigstens hatte er der Mutter einen Ort zum Trauern erlaubt. Wenigstens das.

Vom Umgang mit Frauen

Sirit hörte wortlos der Predigt ihrer Schwiegermutter zu. Einen roten Faden um das linke Handgelenk tragen. Keine Sket-Früchte essen. Niemals mit der linken Hand eine Türe öffnen. Keine gelbe Seide tragen. Glaubte Iragana wirklich, dieser Mumpitz würde ihr einen Enkelsohn sichern? Sirit verkniff sich einen Kommentar. Der Ersten Gemahlin des Königs widersprach man nicht. Schon gar nicht, wenn man mit ihr im königlichen Harem festsaß. Und wenn man bislang nur eine Tochter geboren hatte.

Als Iragana sie endlich entließ, war sie erleichtert. Mit gesenktem Kopf verließ sie eilig das Gemach, nur, um draußen prompt mit jemandem zusammenzustoßen. „Nicht so hastig, kleine Frau!“, hörte sie eine belustigte Stimme.

Ihr Schwiegervater Kanata! Was tat der in den Gemächern seiner Frau? Dem Klatsch im Harem nach hatten die beiden doch schon jahrelang nicht mehr miteinander geschlafen.

Sirit verneigte sich ehrerbietig.

Zwei Finger legten sich unter ihr Kinn, zwangen sie mit sanftem Druck, den Kopf zu heben. „Nicht schön, nein“, sagte Kanata leise, mehr wie zu sich selbst. „Aber intelligente Augen. Zu schade, dass mein Sohn das nicht zu würdigen weiß.“ Dann verschwand er im Gemach seiner Gemahlin.

Sirit sah im verblüfft nach. Das gerade musste das nächste zu einer Entschuldigung gewesen sein, was ihrem königlichen Schwiegervater in seinem ganzen Leben über die Lippen gekommen war.

*

Iragana vermochte nicht, ihr Erstaunen ganz zu unterdrücken. Seit mehr als einem Dutzend Regenzeiten schon hatte ihr Gemahl sie nicht mehr in ihrem Schlafgemach aufgesucht. Wollte er etwa …? Aber nein, er machte nicht den Eindruck. Dazu kannte sie ihn zu gut. Zudem wirkte er irgendwie nervös.

„Wir müssen reden.“

Kanatas Stimme klang emotionslos. Nur am Beben seiner Nasenflügel erkannte sie, dass dem nicht so war. Iragana neigte den Kopf. „Wie Ihr wünscht, mein Gemahl.“

„Seht mir in die Augen!“

Iragana hob den Kopf wieder.

„Euer Sohn, Tolioro …“ Kanata unterbrach sich, korrigierte sich: „… unser Sohn, Tolioro. Er benimmt sich … falsch.“

Iragana wartete.

„Wir stehen kurz vor einem großen Feldzug gegen die Wüstenstämme“, fuhr Kanata fort. „Ein Feldzug, den ich seit drei Regenzeiten geplant habe, der vermutlich mehrerer Regenzeiten dauern wird, und den wir nur durchführen können, wenn Tolor ruhig bleibt. Wir brauchen diesen Frieden mit Tolor. Zumindest jetzt. Und ich dulde nicht, dass er gefährdet wird. Nicht einmal durch unseren Sohn.“

Iragana wartete.

„Ich weiß, dass er mich zwar fürchtet, aber dennoch gegen meine Befehle handelt.“ Mit einem Anflug zorniger Belustigung fügte Kanata hinzu: „Das tat ich auch bei meinem Vater, als ich in Tolioros Alter war.“ Dann war seine Stimme wieder kalt wie zuvor. „Aber im Gegensatz zu Eurem … unserem Sohn war ich intelligent genug, um zu wissen, wo mein persönliches Vergnügen aufhörte und die Staatsraison begann. Und ich erwarte“, er beugte sich näher zu Iragana herab, „dass Ihr Euren Pflichten als Erste Königliche Gemahlin nachkommt und unserem Sprössling Verstand einredet. Zufällig weiß ich nämlich, dass er auf Euch eher hört als auf mich. Warum auch immer. Vielleicht habt Ihr ja etwas gegen ihn in der Hand, von dem ich noch nichts weiß.“

Kanata trat zurück. „Wie gesagt, ich erwarte, das Ihr Eure Pflicht tut.“

Dann verließ der König das Gemach seiner Gattin mit schnellen, energischen Schritten.

Iragana starrte hinter ihm her.

*

Tolioro drückte den Dolch tiefer, stellte sich vor, es wäre sein Vater, der da stöhnend am Boden lag und Blut spuckte. Warum bei allen Staubgeistern hatten die Götter bloß den alten Mann mit so viel Glück begnadet? Schon wieder ein Anschlag fehlgeschlagen!

Dabei hatte er alles so gut eingefädelt. Ein gutes, schnelles Gift, gerade nur soweit verzaubert, dass niemand es schmecken konnte. Sein Kontaktmann hatte geradezu eine Unsumme Geld dafür verlangt.

Er hatte es selbst in den Palast geschmuggelt, um den Schutzbann auszutricksen. Er hatte es selbst in den Weinkrug geschüttet, aus dem sein Vater immer vor dem Schlafen trank.

Es hätte klappen müssen.

Tolioro drehte den Dolch. Die Frau krümmte sich. Ein zweiter, noch größerer Schwall Blut brach aus ihrem Mund.

Diese dämliche neue Konkubine! Hätte sie es sich nicht verkneifen können, vom Wein des Königs zu nippen? Das Gift war wirklich gut gewesen. Zu gut. Die Frau war gestorben, bevor König Kanata den ersten Schluck trank. Und bei der näheren Untersuchung des Weines war herausgekommen, dass er verzaubert war.

Für einen winzigen Moment lang verzog Tolioros Mund sich zu einem angedeuteten Lächeln, als er an die Reaktion seines Vaters dachte. Den hatte fast der Schlag getroffen, als schon wieder ein Anschlag auf sein Leben mit einem Zauber verknüpft war. Kanata hatte getobt, dass man es durch den ganzen Palast hörte. Alles und jeden hatte er angeblafft, inklusive Ioro, der ja wohl ganz offensichtlich seiner Pflicht, den König zu schützen, nicht ausreichend nachgekommen war.

Doch danach …

Tolioro drehte den Dolch noch einmal. Die Frau würgte erneut Blut, aber die Menge war jetzt geringer. Enttäuschend. Wütend rammt er seinen Dolch in ihre Brust.

Er brauchte eine zweite Frau.

Danach hatte der König seine Söhne zu sich zitiert. Hatte ihn und Ioro vor sich strammstehen lassen. Hatte ihnen beiden erklärt, dass er den dringenden Verdacht hegte, dass einer von ihnen den Anschlag eingefädelt hatte. Und dass sie alle beide einen Kopf kürzer gemacht würden, wenn das noch einmal vorkäme. Beide. Egal, wer schuld sei.

Er könne schließlich neue Söhne zeugen, hatte sein königlicher Vater abschließend hinzugefügt.

Tolioro zog den Dolch aus der Brust der Frau. Die Klinge löste sich mit einem leicht schmatzenden Geräusch aus dem Fleisch.

Er brauchte wirklich dringend eine neue Frau.

***

In der Kristallkammer war eine Krisensitzung einberufen worden. Jo war völlig überrascht, das man auch ihn herbeizitierte. Na erklärte ihm mit einem feinen, kaum merklich spöttischen Lächeln, dass dieser spezielle Ruf immer an alle in der Hauptstadt anwesenden Zauberer ging. Und ein Zauberer sei er ja wohl jetzt, wenn auch immer noch ein sehr ungeübter. Bei dem „sehr“ krümmten sich Nas Mundwinkel noch ein kleines bisschen mehr nach oben. Jo hätte ihm am liebsten die Fresse poliert. Natürlich ging das nicht. Unter Zauberern prügelte man sich nicht. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. Irgendwann würde er noch eine Gelegenheit finden, Na seine kleinen und großen Gemeinheiten heimzuzahlen.

Großmeister Ro räusperte sich. Sofort kehrte Stille im Saal ein. „Wir haben nach dem kürzlichen Fiasko im Königshaus die Orakelsteine über den Spiegeln geworfen“, begann er. „Sie haben nur wenig Gutes zu verkünden gehabt.“

Eine Welle der Unruhe lief durch den Raum.

„Es gelang uns zwar, unter dem Spiegel der Wahrheit den König davon zu überzeugen, dass die Kristallkammer in den Anschlag nicht involviert war. Ein Rest von Misstrauen ist aber geblieben. König Kanata hat vorerst alle Zauberer von den internen Beratungen des Staatsrates ausgeschlossen. Die Orakelsteine konnten uns keine Besserung des Verhältnisses zwischen Palast und Kristallkammer in absehbarer Zeit verkünden. Im Gegenteil. Wir bekamen ausschließlich warnende Zeichen. Und nicht nur für uns. Insbesondere für das Königshaus stehen die Zeichen grundlegend schlecht. Wir sahen verlustreiche Kriege. Wir sahen Streit und Tod in der Familie. Und wir sahen, dass Tolioro mit seiner Gemahlin niemals einen Sohn zeugen wird. Und das gilt nicht nur für seine Gemahlin. Tolioro wird niemals einen männlichen Erben zeugen.“

Diesmal fiel die Unruhe noch intensiver aus.

„Damit ist ein Bürgerkrieg fast schon vorprogrammiert“, fuhr Großmeister Ro fort. „Wir müssen eingreifen.“

„Und wie?“, wollte ein untersetzter Zauberer mit kleinem Ziegenbart wissen. „König Kanata wird nach diesem Vorfall weniger denn je gewillt sein, unseren Rat anzunehmen. Und wir können ihn nicht einmal unter der Hand beeinflussen. Dank des Schutzbanns können wir den Palast kaum richtig beobachten, geschweige denn betreten.“

„Und doch sind noch heute Nacht frische Zauber-Signaturen im Palast aufgetaucht.“

Jetzt brach ein regelrechter Tumult los. Ro brauchte mehrere Anläufe, bis er die Ruhe wieder hergestellt hatte.

„Mag sein, dass wir nicht in den Palast hineinkönnen. Jemand anderes kann es aber offensichtlich doch. Und wir müssen dringend herausfinden, wer dieser andere ist. Außerdem brauchen wir mehr Informationen über die königliche Sippe aus erster Hand. Ich bezweifele langsam, dass unsere Quellen wirklich zuverlässig sind.“

„Ich wiederhole mich ungern“, gab der Kleine mit dem Ziegenbart scharf zurück. „Aber ich erinnere noch einmal daran: Wir können den Schutzbann nicht durchdringen.“

„Richtig.“ Ro lächelte nachsichtig. „Aber auch die Angehörigen der Königssippe verlassen hin und wieder den Palast. Dann können wir sie erreichen. Sie werden uns Antwort geben, willentlich oder nicht.“

„Zu gefährlich. Kanata kennt alle Zauberer und er hat ein verdammt gutes Gedächtnis. Wenn er merkt, dass wir ihm nachspionieren, wird unser ohnehin angespanntes Verhältnis vermutlich endgültig den Bach heruntergehen.“

„Nein. Kennt er nicht.“

Schweigen. Unsichere Blicke wurden gewechselt. Ro seufzte. „Denkt doch mal nach. Wir haben zwei Neue unter uns. Na und Jo. Beide hat Kanata noch nie gesehen.“

„Das könnte gehen, zumindest bei einem. Na würde wissen, wie er sich zu verhalten hat. Wenn ich mich recht entsinne, stammt er aus dem Adelshaus Kirasa-Poetoni. Er kennt die Etikette. Aber Jo? Wollen wir wirklich einen Bauernjungen aus der Provinz auf die Sippe Mehme loslassen?“

„Kein Problem“, mischte Na sich ein. Seine Augen glitzerten belustigt. „Ich werde ihn einfach als meinen Diener ausgeben.“

Jo wollte gerade wütend auffahren, da fuhr Na fort: „Diener werden kaum beachtet. Diener kommen überall hin. Und Diener reden, untereinander jedenfalls. Als Diener hat er die besten Chancen, etwas zu erfahren.“

Ja, dachte Jo. Na hat Recht. Jetzt war es an ihm, zu lächeln. Na hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel er von Ioro bereits über den Adel und das Königshaus gelernt hatte. Na wusste ja nicht einmal, dass er den Königssohn kannte. Das war die Gelegenheit, unauffällig wieder Kontakt zu Ioro zu knüpfen und von ihm die Lage aus erster Hand geschildert zu bekommen.

Na sah zu Jo herüber. Der junge Mann blieb auffällig still. Gut so. Offenbar hatte er doch etwas gelernt. Ob Jo ihm gegenüber zugeben würde, dass er Kontakt zu Prinz Ioro gehabt hatte? Na war sich absolut sicher, dass nur Jo in Falkengestalt Ioros Rettung geschafft haben konnte. Niemand sonst kam dafür infrage. Soweit Na wusste, waren Jo und er selbst als einzige noch von denen am Leben, die von dem Geheimnis des Falkenfluges gewusst hatten.

Blieb nur zu klären, wie lange Jo und Ioro schon in Verbindung standen, und was genau sie voneinander wussten.

Ro musterte seine eifrig diskutierenden Kollegen. Was für ein Glück, dass er seinerzeit bei dem Antrag auf Änderung der Thronfolge so vorsichtig gewesen war und nur wenige von ihnen eingeweiht hatte. Tolioro war der letzte erwachsene Mehme ganz ohne Zaubererblut. Wenn alle hier gewusst hätten, dass es sein Bannzauber war, der verhinderte, dass dieser Prinz jemals einen Sohn zeugen würde ... Das mindeste, was er zu erwarten gehabt hätte, wären einige sehr unangenehme Fragen gewesen. Beispielsweise die, warum ausgerechnet einer, der seinerzeit so vehement die Trennung von Thron und Magie vertreten hatte, seine Meinung so vollständig geändert hatte.

Seine Kollegen wussten nicht alles, was er im Spiegel der Zukunft gesehen hatte.

Und wenn es nach ihm ging, würden sie es auch nie erfahren.

Ro war sich nicht wirklich sicher, was die Zukunft bringen würde. Eines aber schien der Spiegel eindeutig zu sagen: Ohne einen König mit Zaubererblut auf dem Thron würde Karapak untergehen.

Und mit einem Zauberer-König?

Ro seufzte. Die Vergangenheit hatte mehr als genug bewiesen, dass das auch keine gute Option war. Aber sie war immer noch besser als die Vernichtung.

***

Ioro marschierte mit steif durchgedrücktem Rücken zum Stall. Er kochte vor Wut. Der Rat versammelte sich, und sein Vater hatte ihn hinausgeschickt, um nach einer Lieferung neuer Pferde zu sehen. Demonstrativer hätte der König sein Misstrauen nicht zeigen können. Tolioro hatte als Thronerbe natürlich bleiben dürfen. Tolioro! Dieser Hohlkopf von seinem Bruder, der nicht einmal zu kapieren schien, wie sehr sein Verhalten den Frieden zwischen Karapak und Tolor gefährdete!

Nicht nur, dass Tolioro seine Frau öfter verprügelte als beschlief, nicht nur, dass er ihre tolorischen Dienerinnen und Hofdamen der Reihe nach bei seinen perversen Vergnügungen umgebracht hatte, nein, er hatte auch noch die Dreistigkeit besessen, sein erstes Kind ohne viel Federlesen zu töten. Nur weil es ein Mädchen war.

Während er missmutig befahl, die neuen Pferde vorzuführen, kalkulierte er seine Truppenstärke. Ohne die Grenzwachen, die er auf keinen Fall abziehen durfte, standen ihm rund 50 000 Soldaten zur Verfügung. Und mindestens die Hälfte davon würde er alleine für den geplanten Wüstenfeldzug benötigen. Die verbliebene Hälfte war zu schwach, um gegebenenfalls gegen Tolor zu kämpfen, zumal er alle Kavallerie-Truppen abziehen musste. Wenn also Tolor angriff, während sie gerade in der Wüste kämpften, würde Karapak unterliegen. Und wenn er die notwendige Anzahl Männer zurückhielt, um notfalls gegen Tolor bestehen zu können, reichten seine Streitkräfte nicht mehr aus, um die Wüstenstämme sicher abzuwehren. Sie würden wertvollen Boden verlieren. Nicht, dass König Kanata auch nur eine Träne um die wertlosen Bauern weinen würde, die nahe der Grenze siedelten. Aber dort lagen die wichtigsten Eisenerzminen des Reiches. Die durften einfach nicht in die Hände der Wüstenstämme fallen. Wie er es auch drehte und wendete, es gab nur zwei Optionen. Mehr Soldaten, was sein Vater der Kosten wegen als indiskutabel betrachtete, oder die Sicherung des Friedens mit Tolor um jeden Preis.

Eine Tatsache, die Tolioro anscheinend nicht in den Kopf gehen wollte.

„Verdammt, schafft den Hengst da weg! Welcher Trottel hat den überhaupt eingekauft? Ich habe doch ausdrücklich Wallache verlangt!“

Die Stimme des Stallmeisters riss Ioro aus seinen Gedanken. Der Hengst wieherte schrill, als der Stallbursche ihn fortführen wollte, und begann zu steigen.

„Verdammtes Biest!“ Der Stallmeister war offensichtlich mehr als sauer. „Ich schneide dir persönlich die Eier ab! Willst du wohl kuschen!“

Der Hengst dachte nicht daran. Seine Hufe wirbelten durch die Luft. Der Stallbursche ließ die Trense entsetzt los und suchte das Weite. Der Stallmeister griff nach seiner Peitsche.

„Nicht!“

Wo kam dieser dürre, kleine Bauer her? Den hatte Ioro noch nie unter den Stallburschen gesehen. Der Bursche stand jetzt beim Stallmeister. „Lasst es mich versuchen, Herr. Ich habe eine Gabe für Tiere. Er wird sofort wieder brav werden, ganz sicher, lasst mich nur mit ihm reden.“

„Reden, so“, höhnte der Stallmeister. „Ich wäre mehr dafür, Gulasch aus dem zu machen. Und aus dem Händler gleich dazu. Uns dieses Mistvieh als Reittier zu verkaufen! Der ist doch noch nie in seinem Leben geritten worden!“

Der Bursche ließ sich nicht beirren. „Bitte, Herr. Ich kann es ja wenigstens versuchen!“

„Dann geh doch und lass dir den Schädel einschlagen!“

Der Bursche nickte und ging langsam auf den Hengst zu, der mit rollenden Augen und zitternden Flanken in die hinterste Ecke der Koppel geflüchtet war. Aber er ging nicht ganz zu ihm. Statt dessen setzte er sich in drei Mannslängen Entfernung von dem Pferd einfach auf den Boden und begann zu reden. Völlig verblüfft sah Ioro zu. Dem Stallmeister hing die Kinnlade runter. Er öffnete gerade wieder den Mund, um loszubrüllen, da berührte Ioro sacht seinen Arm. „Lass es gut sein. Ich will sehen, ob dieser kleine Bauer schafft, was er so volltönend versprochen hat.“

Der Stallmeister erkannte seinen Besucher, zuckte zusammen und verneigte sich, bevor er hastig den Rückzug antrat.

Mittlerweile hatte der Hengst sich beruhigt. Zwar schlugen seine Flanken noch kräftig, aber seine Augen blickten wieder normal und seine Ohren zuckten neugierig nach vorne. Der Bursche redete immer noch. Wie von einem Magneten gezogen begann der Hengst, sich auf den jungen Mann zu zu bewegen. Langsam, fast widerwillig, setzte er Huf vor Huf. Schließlich berührte sein Maul den Kopf des Burschen. Der legte seinen Arm um den Hals des Hengstes. Immer noch plaudernd stand er auf, streichelte den Hengst, berührte ihn mit seinen Händen an Hals und Widerrist, fuhr fort mit seinen Berührungen bis zur Kruppe, dann wieder zurück zum Hals. Dann packte er die Trense. Der Hengst stand wie eine Eins. Ein kurzes Kommando von dem Burschen und der Hengst ging in aller Seelenruhe neben ihm her, als ob er kein Wässerchen trüben konnte. Ioro staunte. Und das war dasselbe Tier, das gerade vorher versucht hatte, jeden Menschen in Reichweite seiner Hufe zu erschlagen?

Der Bursche blieb vor ihm stehen. Er hob den Kopf und sah Ioro an. Keine Manieren, diese Bauern. Selbst wenn er nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte, sollte er die Kleidung eines Adeligen erkennen können. Jetzt lächelte der Mann auch noch. Ioro stutzte. Dieses Lächeln kam ihm irgendwie bekannt vor. Der Mann auch, wenn er es genau bedachte. Einer seiner Soldaten? „Dein Name?“, schnarrte er.

„Jokon.“

Für einen Moment schien sich der Erdboden aufzutun und der Himmel Purzelbäume zu schlagen. Das konnte nicht sein! Das war vollkommen unmöglich! Oder doch nicht?

Seine Zunge fühlte sich wie ein dicker, pelziger Fremdkörper in seinem Mund an, und nur mühsam konnte er seine nächste Frage herausquetschen.

„Jokon aus Maneetimaai?“

„Ja, Hoheit!“

Endlich erinnerte sich der Bursche wieder an seine offizielle Pflicht und verneigte sich ehrerbietig. Nicht, ohne weiter zu lächeln. Ganz wenig nur, gerade genug, dass Ioro es sah.

„Du kannst diesen Hengst für mich zureiten?“

„Nein, Hoheit.“ Diesmal lag aufrichtiges Bedauern in seinem Ton. „Ich habe nie gelernt, ein Pferd zu reiten. Wie ihr wisst, ist uns Landleuten nur der Ochsenkarren erlaubt. Aber ich kann ihn so beeinflussen, dass jemand anderes ihn leicht für Euch zureiten kann.“

Ja, das konnte er sicher, dieser Zauberer. „Das wirst du mir näher erklären müssen. Komm mit!“ befahl Ioro.

„Und der Hengst?“

„Der kann vorübergehend genauso gut in der Koppel bleiben wie im Stall.“

Ioro drehte sich um und marschierte zur Wachstube. Hinter sich hörte er die leisen Sandalentritte Jokons.

Jo atmete erleichtert auf. Ein Glück, dass Ioro an den Schutzbann gedacht hatte und ihn nur in die Wachstube mitnahm. Ins Schloss wäre er niemals hineingekommen, ohne sich vor Schmerzen zu krümmen oder gar das Bewusstsein zu verlieren. Während er hinter Ioro hertrottete, musterte er den Prinzen aufmerksam. Von dessen Verletzung war kaum noch etwas zu merken. Natürlich zog sich die Narbe nach wie vor über seine ganze linke Seite, aber sie schien weich und geschmeidig zu sein und behinderte ihn offensichtlich nicht. Ins Gesicht ragte ohnehin nur ein kleiner Teil der Narbe. Jo war sich sicher, dass diese kleine Verunzierung Ioro für die Frauen eher noch interessanter machte. Jo war zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Seine heilenden Zauber hatten ausreichend gewirkt und Schlimmeres verhindert.

In der Wachstube saß ein älterer Soldat am Schreibtisch. Ioro schickte ihn mit einem knappen Befehl hinaus und schloss persönlich die Tür. Dann stand er da, den Rücken an die Tür gepresst, die Hand am Dolch, und sah Jo aus schmalen Augenschlitzen an.

„Ich dachte, du wärst in irgendeinem Turm in der Provinz eingesperrt?“

Jo zuckte mit den Schultern. „Nicht mehr. Ich habe meinen Meister herausgefordert.“

„Und?“

„Ich habe gewonnen. Der Turm gehört jetzt mir.“

„Dann … heißt du jetzt Jo?“

„Ja.“ Gut, Ioro erinnerte sich offensichtlich an das, was er ihn gelehrt hatte. „Aber ich nenne mich hier wieder Jokon. Niemand von deinen Leuten darf wissen, dass ich ein Zauberer bin.“

„Warum nicht?“

„Weil die Kristallkammer mich geschickt hat. Ich soll die Dienerschaft aushorchen und über diesem Umweg im Königshaus spionieren.“

Ioro löste seine Hand vom Dolch. „Du verrätst deine Zunft?“

„Ich stehe treu zu meinem Freund. Und mit ihm zum Königshaus. Und zu Karapak. Soll mir die Kristallkammer wichtiger sein?“

Endlich löste Ioro sich von der Tür und trat auf ihn zu. Seine Augen strahlten und seine Stimme war sanfter, als er ihn umarmte. „Sei mir willkommen, mein Freund, mein Retter. Und verzeih mir, dass ich einen Moment lang misstrauisch war. Ich habe viel zuviel Zeit im Palast verbracht, da sieht man selbst dort Schatten, wo keine sind. Werde ich dich öfter sehen können?“

„Ganz sicher!“ Jo lächelte zurück. „Selbst der Großmeister der Kristallkammer weiß, dass es schwierig ist, im Hause Mehme zu spionieren, ohne es zu betreten. Er wird nicht erwarten, dass ich innerhalb weniger Tage Antworten bringe. Schließlich bin ich nur ein einfacher Stallbursche, bitte sehr, ehrenwerter Herr, der unmöglich sofort die richtigen Kontakte in den Palast haben kann.“

„Das ist auffallend richtig.“

Ioro begann augenscheinlich, Spaß an der Sache zu haben.

„Ich bin allerdings nicht der einzige Spion“, warnte Jo ihn. „Mein Kollege Na ist ebenfalls ausgeschickt worden. Und im Gegensatz zu mir ist er adeliger Abstammung, er kommt aus dem Haus Kirasa-Poetoni. Er könnte dir also recht schnell nahe kommen.“

Er gab Ioro eine schnelle, detaillierte Beschreibung Nas. Der Prinz wiederholte sie ohne Stocken und ohne Fehler, dann nickte er zufrieden. „Um einen bekannten Feind mache ich mir keine Sorgen. Die unbekannten sind es, die mich mehr schrecken.“

Er gab Jo eine kurze, aber gründliche Zusammenfassung der Dinge, sie sich seit dem Tag des Gottesurteils im Palast, in Karapak und in Tolor ereignet hatten. „Du siehst“, schloss er, „ich habe Grund genug, niemandem mehr zu trauen. Mein Vater kann nicht sehen, was er tun müsste, und mein Bruder will es nicht sehen. Beide misstrauen einander, sind sich aber einig in ihrer Ablehnung mir gegenüber, und müssen mich trotzdem im Amt halten, der Tradition und der Ehre unseres Hauses wegen. Mein Vater will Krieg gegen die Wüstenstämme, mein Bruder will Tolor erobern, darüber hinaus versucht mein Bruder, seine Frau, seinen Vater und mich loszuwerden, und irgendein Zauberer schafft es, trotz Schutzbann seine Boten und seine Meuchelmörder in den Palast einzuschleusen.“

„Dann“, versetzte Jo, „ist es wohl nicht nur im Interesse der Kristallkammer, wenn die Geschehnisse im Palast näher in Augenschein genommen werden. Wir sollten uns zusammentun. Ich kann nicht in den Palast, kenne mich aber bestens mit Zaubern aller Art aus. Du kannst dich im Palast frei bewegen, weißt aber viel zu wenig über Zauberer und Zauberei. Wir sollten gegenseitig unsere Wissenslücken schließen.“

Ioro nickte zufrieden. „Ich werde einen Weg finden, dass wir regelmäßig ungestört miteinander reden können. Und jetzt musst du zurück zum Stall, sonst beginnt man dort, sich sehr zu wundern, was wir wohl so lange miteinander zu besprechen haben.“ Er schlug Jo krachend auf die Schulter.

„Außerdem haben, glaube ich, deine misstrauischen Zunft-Kollegen mir mit deiner Spionage-Mission einen großen Gefallen getan. Wie es aussieht, benötige ich deine Dienste bei den Pferden, mein Zauberer-Freund. Ich muss für meinen nächsten Feldzug eine Armee von Fußsoldaten zu Reitern umrüsten.“

*

Die Pferde waren der perfekte Grund. Ioro brauchte sich nicht einmal einen Vorwand auszudenken. Für die geplanten Feldzüge kamen so viele neue Pferde zu den Kasernen, dass Jos Hilfe im Stall mehr als willkommen war. Und weil der kleine Bauer es ganz augenscheinlich ohne Hilfsmittel schaffte, selbst den widerspenstigsten Gaul in wenigen Herzschlägen lammfromm zu bekommen, war Jo überall wohlgelitten. Selbst der Stallmeister schenkte ihm gelegentlich ein gönnerhaftes Lächeln. Dass er ein Zauberer war, auf die Idee kam keiner. Welcher Zauberer würde schon die Mistgabel schwingen und Sättel putzen.

Ioro fand genügend Gelegenheiten, sich mit seinem Freund zu unterhalten, vorgeblich über die gerade problematischsten Pferde. Um sich das Leben zu vereinfachen, ernannte er offiziell den Bauern Jokon zum Stallburschen, hieß ihn, Reiten zu lernen, und nahm in dann auf seinen Ausritten zu den Übungsmanövern mit.

Jo lernte Reiten mit einer geradezu aberwitzigen Geschwindigkeit. Ioro hatte Mühe, sich zu vergegenwärtigen, dass das für Jo vermutlich normal war. Schließlich konnte er die Tiere alleine mit seinem Willen lenken und sich mit seinen Gedanken in sie hineinfühlen.

Unterwegs konnte er Jo einfacher über die aktuelle Lage im Palast unterrichten. Nicht, dass es viel zu berichten gab. Sirits Schwangerschaft war weit fortgeschritten. Es wurden schon Wetten darauf abgeschlossen, ob sie diesmal einen Sohn gebären würde. Kanata traute nach wie vor niemandem und schon gar nicht seinen Söhnen. Und Tolioro benahm sich verdächtig ruhig und normal. Immer dann, wenn Ioro den Eindruck hatte, sein Bruder wäre kurz davor, über die Stränge zu schlagen, verschwand er ein oder zwei Nächste in der Stadt. Wohin, das hatten Ioros Geheimdienstleute bislang noch nicht herausbekommen. Jemand schien schützend über Tolioros nächtliche Ausflüge zu wachen. Bei seiner Rückkehr schien der Kronprinz sich regelmäßig wieder beruhigt zu haben.

Jo verschwieg Ioro lieber, was er von Na wusste: Dass Ioros königlicher Bruder zu einem geheimen Lusthaus ging, das ihm der tolorische Graf Chilikit eingerichtet hatte, und dort seinen Blutdurst an Sklavinnen stillte.

Etwas anderes war ihm wichtiger. Immer noch hatte die Kristallkammer keinen Anhaltspunkt, wer die fremden Zauber-Signaturen im Palast erzeugte, geschweige denn, wie sie überhaupt dort hineingelangen konnten. Er brauchte jemand im Palast, der sich wenigstens rudimentär mit Zaubern auskannte. Und er wusste, dass Ioro für Zauberei empfänglich war.

Zögernd nur erklärte Ioro sich bereit, wenigstens einige Basis-Unterweisungen in der Zauberei zu akzeptieren. Ihm war alles andere als wohl. Einmal hatte er schon die Flammen des Scheiterhaufens gespürt. Sollte sein Vater je eine Bestätigung dafür bekommen, dass er, Ioro, immer noch oder schon wieder mit Zauberern zusammen arbeitete, dann wäre ihm der Flammentod sicher.

Trotzdem stimmte er zu. Irgend jemand musste seinen Vater vor weiteren Zauber-Anschlägen schützen. Und wie es aussah, war er der einzige mögliche Kandidat für den Posten.

***

Großmeister Ro war nicht zufrieden. Unter finster zusammengezogenen Brauen blickte er auf seine beiden jungen Kollegen, die ihm gerade Bericht erstattet hatte. Na hatte sich erfolgreich in den engeren Kreis um Tolioro eingeschleust. Leider konnte er nichts Aufregenderes berichten als Tolioros Saufgelage, ein paar unflätige Bemerkungen über seinen Vater, den König, was durchaus zu erwarten war, und ein paar noch unflätigere Bemerkungen über seine hässliche Frau Sirit. Auch das war völlig normal. Und die Sklavinnen … solange Tolioro sich an ausländischen Sklavinnen austobte, würde sich niemand beklagen. Aber sonst … Keine Kontakte zu fremden Zauberern, nichts.

Und Jo, der hatte sich über die Pferde bei Ioro eingeschlichen. Auch das ohne Schwierigkeiten. Wahrscheinlich kam dem obersten Feldherren nicht einmal der Verdacht, er könne es mit einem Zauberer zu tun haben. Ioro war viel zu geradlinig für solche Winkelzüge. Jo schnappte Klatsch und Tratsch aus dem Palast auf. Aber auch er konnte keinerlei Ergebnisse in Hinblick auf die fremden Zauber aufweisen.

Sie waren kein bisschen weiter gekommen.

„Wir blasen die Sache ab“, sagte Ro.

„Das würde ich nicht tun“, gab Jo zurück. „Im Palast denkt man, ich wäre ein Bauer, der es gerade geschafft hat, ein königlicher Stallbursche zu werden. Wenn ich plötzlich nicht mehr komme, wird es auffallen. Kein Bauer im ganzen Reich würde eine solche Chance leichtfertig verspielen. Ich kann nicht einfach aufhören, ich brauche schon einen sehr plausiblen Grund, wenn ich diese Arbeit aufgebe.“

Na pflichtete ihm bei. „Es ist zu früh für einen Rückzug“, sagte er. „Und“, fügte er listig hinzu, „ist es nicht so, dass wir Zeit haben? Viel Zeit?“

„Klar haben wir Zeit“, knurrte Ro, „aber die Situation nicht. Karapak ist ein Pulverfass. Fehlt nur noch die Lunte.“

Immer dieser unangebrachte Enthusiasmus der Jugend. Pah. Na gut, sollten die jungen Kerle weitermachen, wenn sie sich etwas davon versprachen.

***

„Noch einmal!“, drängte Jo.

Ioro nahm die Wasserschale in beide Hände, sah hinein in die tintige Schwärze und konzentrierte sich. Auf der Oberfläche des Wassers erschien verschwommen ein Bild. Wenige Herzschläge später klarte es auf. Ein perfekter Blick in den Palast, glasklar, jede Einzelheit war zu erkennen, vom gerupften Huhn auf dem Tisch bis hin zum Herdfeuer, über dem gerade eine der Köchinnen ein Fladenbrot buk. Nur, dass sie eigentlich nicht die Küche sehen wollten. Ioros Talent war eben noch sehr ungeschliffen. Immerhin konnte der Prinz den Schutzbann durchdringen, was Jo trotz aller Mühe noch immer nicht gelang. Als Falke hätte er es können. Und ein Falke war schließlich immer in der Nähe. Der Falke, den Jo einst geflogen und mit dem er Ioro gerettet hatte. Der war praktisch zu Ioros Markenzeichen geworden. Die halbe Zeit ließ er sich von dem Prinzen durch die Gegend tragen. Ja, er hätte den Falken nehmen können. Aber irgend etwas hielt ihn davon ab. Eine ihm selbst unbegreifliche Scheu hinderte ihn, den Vogel auch nur mit dem kleinsten Zauber zu berühren.

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9783959591119
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