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DOCTOR

WHO

ROBOTER DES TODES

CHRIS BOUCHER

Ins Deutsche übertragen von

BERND SAMBALE



Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO: ROBOTER DES TODES

wird herausgegeben von Cross Cult /Andreas Mergenthaler,

Übersetzung: Bernd Sambale; Lektorat: Jana Karsch; Korrektorat: Peter Schild;

verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Satz: Rowan Rüster;

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.

Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe: DOCTOR WHO – CORPSE MARKER

German translation copyright © 2021 by Cross Cult.

Original English language edition copyright

© die jeweiligen Autoren, BBC Worldwide Limited

und BBC Studios, 1999, 2014, 2021

Doctor Who is a BBC Wales production for BBC One.

Executive producers: Chris Chibnall and Matt Strevens

BBC, DOCTOR WHO, TARDIS, DALEK and CYBERMAN (word marks and logos)

are trade marks of the British Broadcasting Corporation and are used under licence.

BBC logo © BBC 1996. Doctor Who logo © BBC 2018.

Dalek image © BBC/Terry Nation 1963.

Cyberman image © BBC/Kit Pedler/Gerry Davis 1966. Licensed by BBC Studios.

First published in 1999, THE MONSTER COLLECTION edition published in 2014

by BBC Books, an imprint of Ebury Publishing.

A Random House Group Company.

Printausgabe: ISBN 978-3-96658-026-7 • Digitale Ausgabe: ISBN 978-3-96658-027-4

Juli 2021

WWW.CROSS-CULT.DE

VORWORT

Wenn ich das mal kurz an meinen Fingern abzähle – meine liebste Herangehensweise an die Mathematik –, habe ich diesen Roman anscheinend vor rund fünfzehn Jahren geschrieben. Mein erster Agent hatte mir vor langer Zeit gesagt, ich solle niemals ein Datum irgendwo druntersetzen, »denn dies führt immer dazu, dass man den Dingen danach immer das Alter ansehen kann«. Diesen Text hat jedoch der Herausgeber mit einem Datum versehen; falls das ein Fehler war, so war es diesmal wenigstens nicht meiner. Ich glaube, es war Harold Wilson – möge er in Frieden ruhen –, der mal gesagt hat, in der Politik sei eine Woche eine lange Zeit. Nun, fünfzehn Jahre sind in jedem Fall eine lange Zeit. Besonders wenn es ums Gedächtnis geht.

Wenn man es recht bedenkt, ist es ohnehin eine schwierige Angelegenheit, sich an etwas zu erinnern. Wollte und könnte man etwa einen absolut präzisen Bericht der vergangenen Stunde abliefern, so würde einen dies logisch betrachtet eine Stunde in Echtzeit kosten. Angenommen, man wollte und könnte nun ferner einen vollkommen akkuraten Bericht der letzten beiden Stunden abliefern, dann müsste man sich zwangsläufig auch die Stunde in Erinnerung rufen, die man gerade damit verbracht hat, sich an die erste Stunde zu erinnern …

Mit dieser kleinen Abschweifung – übrigens ein fantastisches Rezept, um Schlaflosigkeit zu kurieren – möchte ich eigentlich nur eines rechtfertigen: Als ich gebeten wurde, das Vorwort zu dieser neuen Ausgabe von Roboter des Todes zu schreiben, konnte ich mich nicht mehr gut genug an das Buch erinnern, um meine Aufgabe guten Gewissens erfüllen zu können. Erst würde ich es noch einmal lesen müssen. Und das tat ich auch. Interessanterweise – nun, ich hoffe jedenfalls, es ist interessant – ist das Erinnern ein wesentliches Handlungselement. Ich mag solche schönen Zufälle, Sie auch? Selbstverständlich nicht als Handlungselement: Zufälle im Handlungsverlauf müssen anders gerechtfertigt werden, wodurch sie dann natürlich keine Zufälle mehr sind …

Eine Fortsetzung zu schreiben wirft stets Probleme auf, und sei es nur, dass man sich präzise an die Details des Originals erinnern muss, damit man sich nicht selbst widerspricht und nachher wie ein Trottel dasteht. Das Schreiben der Romanfortsetzung zu einem Fernseh-Mehrteiler stellte mich jedoch vor weit interessantere Schwierigkeiten. Und das Wort »interessant« verwende ich hier im Sinne des chinesischen Fluchs: Mögest du in interessanten Zeiten leben. Nebensächliche Dinge wie die Kostüme, in The Robots of Death im Fernsehen eindrucksvoll aber unkommentiert, wollten in der Romanfortsetzung nun beschrieben und begründet werden. Im Gegensatz zu etwas, was man nur flüchtig auf dem Bildschirm sieht, gewinnt eine Beschreibung in Prosa sofort eine größere Bedeutung, so als würde ein Regisseur den Fokus auf etwas richten. Eine Beschreibung sagt: »Sieh her«, und »Sieh her« sagt: »Warte mal, was hat’s damit eigentlich auf sich?« Dann muss man gründlich über alles nachdenken – was lustiger ist, als es vielleicht klingt, und (so hoffe ich) auch zu einer besseren und spannenderen Geschichte führt. Ergeben Elemente einer Handlung keinen Sinn, dann verliere ich leicht das Interesse – und nicht selten auch das Bewusstsein.

Instinktiv gehe ich wohl zumeist reduktionistisch vor: Ich nehme Ideen, Gefühle und Überzeugungen auseinander und versuche herauszubekommen, wie sie tatsächlich funktionieren, nicht nur dem Anschein nach. So ausgedrückt, klingt es ein wenig nach Gottkomplex; ich glaube jedoch, es ist eher ein Komplex, der mit Göttern, Religionen, Klassensystemen, Vernunft, Mode, Tod und Verschwörungen sowie all den anderen Dingen zu tun hat, die uns meistens Angst machen und uns ansonsten gut unterhalten. Oder geht das nur mir so? Jedenfalls können Sie das ganze Zeug in diesem Buch finden, Sie müssen nur suchen. Ich würde Ihnen aber empfehlen, es nicht zu tun: Warten Sie lieber, bis es sich von hinten anschleicht und Buh ruft! Und dann gibt es noch Witze und Gewalt und sogar ein paar sexuelle Anspielungen. Ja, eigentlich kommt so ziemlich alles vor, was ich selbst von guter Unterhaltung erwarte. So bin ich schon immer ans Schreiben herangegangen: Wenn es mir keinen Spaß macht, macht es auch Ihnen keinen Spaß, und dann haben wir beide unsere Zeit verschwendet.

Ich weiß noch: Als ich beauftragt wurde, dieses Buch zu schreiben, war ich dankbar für die Arbeit und das Geld, obwohl es mehr Arbeit und weniger Geld war, als man damals beim Fernsehen bekam, oder selbst beim Radio. »Damals« ist hier das Schlüsselwort. Stephen Cole, zu dem Zeitpunkt der Redakteur, meinte, die Leute hätten Lust auf eine Fortsetzung zu The Robots of Death – ob das stimmte, ist wohl nach wie vor nicht geklärt. Ich selbst aber hatte durchaus Lust darauf und meine Familie wollte gern weiterhin den Luxus von Essen und einem Dach über dem Kopf genießen.

Wann immer ich einen Auftrag bekomme – und nur dann kann ich überhaupt schreiben –, strebe ich eine bestimmte tägliche Wortzahl an. Hoffentlich fallen nur mir jene Stellen auf, an denen ich zu kämpfen hatte, um mein Tagesziel zu erreichen. Dieses Vorwort ist natürlich ebenfalls eine Auftragsarbeit, und heute läuft es nicht gut: Zweiundfünfzig Wörter in diesem Teil des Absatzes, und keines besonders von Belang. Dies muss der Moment sein, da Sie aufhören, Ihre Zeit mit dem Vorwort zu vergeuden – lesen Sie lieber das Buch! Ehrlich gesagt – und gewöhnlich versuche ich, ehrlich zu sein, denn Lügen ist so anstrengend – war ich beim Lesen ein wenig verblüfft: Im Gegensatz zu mir scheint der Roman nämlich kaum gealtert zu sein. Mir hat es jedenfalls viel Freude gemacht, ihn noch einmal zu lesen. Ich hoffe, er gefällt auch Ihnen.

Chris Boucher

Oktober 2013

Für Linda, für immer

Inhalt

VORWORT

VORBESPRECHUNG

MARKER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

NACHBESPRECHUNG

VORBESPRECHUNG

Die gewaltige Maschine namens Sturmmine vier kriecht durch die pfadlose Ödnis des Blind Heart. Sie jagt den unbeständigen Wetterfronten der Wüste nach sowie den jähen wilden Winden, die mineralreiche Sandstürme entstehen lassen und wertvolle Erze in fliegende Flöze verwandeln.

Die wissen das alles – warum befasse ich mich überhaupt damit? Ich gebe vor, sie zu unterschätzen, damit sie sich überlegen fühlen und ihrerseits mich unterschätzen …

Ein talentierter Captain, mit einem fähigen Piloten an seiner Seite, kann an einem Sturm dranbleiben und seinen ergiebigsten Erzströmen folgen, während sie an den offenen Ansaugschächten vorüberwirbeln. Zwar können auch Roboter diese Arbeit erledigen, ebenso wie all die anderen Jobs, die nötig sind, um die Mine zu betreiben. Um jedoch das ökonomische Potenzial der Ausrüstung voll auszuschöpfen, sämtlichen Reichtum aus den dichten, sturmgepeitschten Kieswolken herauszusaugen, braucht man Instinkt und Fingerspitzengefühl. Das lässt sich nichts Geringerem als einem menschlichen Wesen einprogrammieren.

Aber es spielt keine Rolle: Sie liegen so weit zurück in der Partie, dass sie gar keine andere Wahl haben, als mich zu unterschätzen …

Gegenwärtig hat die Firma kein besseres Zweiergespann aus Captain und Pilot als Kiy Uvanov und Lish Toos in der Datenbank. Leider erreicht der Rest der Mannschaft von Sturmmine vier nicht den gleichen hohen Standard, und nachdem acht Monate des zweijährigen Einsatzes vergangen sind, kommt es zum Desaster: Es gibt einen suspekten Todesfall. Paranoia greift um sich. Feindseligkeiten, die bisher unter der Decke gehalten wurden, treten plötzlich zutage und in der zunehmend hysterischen Atmosphäre fangen die Mitarbeiter an, sich gegenseitig des Mordes zu bezichtigen.

Dann kommen sie um – einer nach dem anderen.

Fast von Anfang an besteht kein Zweifel daran, dass jemand – oder etwas – durch die leeren Ebenen und die verlassenen Korridore der enormen Mine streicht und wahllos und unerbittlich mordet.

Natürlich haben sie es trotzdem bezweifelt. Zweifel und Paranoia – wo wären wir ohne sie? Nun, ich würde mich jedenfalls sicher nicht auf diesem eigenartig rückständigen Planeten verstecken …

Als der Captain schließlich begreift, was in Wahrheit vor sich geht, sind nur noch drei aus seinem Team am Leben. Zwei sind bereits völlig irrsinnig und auch Pilotin Toos sowie Uvanov selbst verlieren allmählich den Bezug zur Realität und fangen an, Gespenster zu sehen. Im eisigen Griff des Schreckens fantasieren sie aus dem Nichts einen seltsam gekleideten Mann und ein Stammesmädchen herbei, da sie sich schwer damit tun, das Undenkbare, das Unvorstellbare anzuerkennen.

So unmöglich es auch erscheinen mag, sie haben es mit Robotern zu tun: Normalerweise funktionsfähigen und vollständig abgesicherten Vocs und Supervocs, die erst hier vor Ort, in der Mine selbst, modifiziert worden sind.

Noch immer will man es nicht glauben, doch diese Roboter sind entsichert worden, sodass sie töten können. Nachdem sie die Schächte geschlossen und die Maschinen so weit gedrosselt haben, dass die Mine nicht im Sand versinkt, beginnen Captain Uvanov und Pilotin Toos, nach Wegen zu suchen, wie sich die Killermaschinen zerstören lassen.

Ein bisschen übertrieben, aber vieles von alldem ist ja melodramatische Spekulation. Also schauen wir einfach mal, was für eine Reaktion wir rausschlagen können …

»Nein.« Die Stimme aus dem Halbdunkel hinten im Konferenzraum klang gebieterisch. »Tut mir leid, aber das glaube ich nicht.«

Carnell pausierte das Bild auf dem Demonstrationsbildschirm und stellte das Licht im Raum ein wenig heller. Er schaute den selbstbewussten Mann an, dessen kruder Anzug aus derbem, schlichtem Gewebe von seinem Wohlstand und seiner aristokratischen Herkunft zeugte, und seufzte innerlich. Einer der anderen wäre ihm lieber gewesen, einer, der weniger offensichtlich dumm war. Vergleichbare Geisteskraft hätte er auch bei einer der vielen humanoiden Maschinen bekommen können, die, reglos und unbeachtet, nur darauf warteten, den Teilnehmern dieser geheimen Versammlung zur Hand zu gehen. Er machte sich rasch eine gedankliche Notiz sicherzustellen, dass die Roboter zum Routineservice geschickt wurden, damit nicht irgendwelche Daten zu diesem Treffen zurückblieben und jemand versehentlich darauf zugriff.

»Ich glaube das nicht, tut mir leid«, wiederholte der junge Mann.

Dir hat in deinem Leben noch nie etwas leidgetan, du inzüchtiger Idiot, dachte Carnell und sagte: »Könnten Sie vielleicht etwas konkreter werden, Firstmaster Roatson?«

»Das Ganze kann unmöglich so abgelaufen sein.«

Es war eine schlichte Feststellung – oder vielmehr die Meinungsäußerung eines Mannes, der zu privilegiert war, um den Unterschied kennen zu müssen. Carnell wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich mit so jemandem anzulegen, schon gar nicht in ihrer gegenwärtigen Gesellschaft. Aber diese Sache langweilte ihn schon jetzt. Das hier hätte ein recht interessantes Spiel sein können, wenn diese engstirnigen Narren mit ihren begrenzten Ambitionen nicht gewesen wären. Wo steckten bloß die dekadenten, machthungrigen Psychotiker, wenn man sie mal brauchte? Er hob eine Augenbraue und setzte ein dünnes Lächeln auf. »Da alle Indizien aufs Gegenteil hindeuten«, sagte er und machte eine wohl bemessene Pause, »müssen Ihnen offenbar Informationen vorliegen, die man mir vorenthalten hat.«

Mehrere Vertreter der anderen Gründerfamilien und einige Emporkömmlinge der Handelskartelle kicherten unverhohlen.

Der junge Aristokrat ließ sich nicht beirren. »Die Familien«, sagte er, »waren praktisch von Anfang an in die Roboterentwicklung involviert und ich kann Ihnen versichern: Es gibt keine Möglichkeit, den Rang eines Voc in der von Ihnen beschriebenen Weise zu verändern. Niemand könnte das, nicht einmal mit allen technischen Mitteln eines voll ausgerüsteten Labors, aber ganz gewiss nicht auf einer Sturmmine, während der Fahrt und mit nichts als einer gewöhnlichen Laserson-Sonde.«

Carnell bemerkte, wie beiläufig er jenes Werkzeug erwähnte, das auf die Subsysteme der Robotergehirne angewandt worden war. Diese Information war so geheim, dass kaum jemand davon hätte wissen dürfen. Jedenfalls hätte dieser Mann, ein jüngeres Mitglied einer der zwanzig Familien, gewiss nicht damit vertraut sein sollen. War es nun Dummheit oder simple Arroganz, dass der junge Firstmaster Roatson ihm gerade verraten hatte, wie viel er bereits von dem wusste, was diese Leute in diesem Augenblick vermeintlich zum ersten Mal hörten? Carnell hatte gute Lust, ihn darauf anzusprechen, aber dies war nicht der richtige Moment, solchen Impulsen nachzugeben. »Im Normalfall würde ich Ihnen zustimmen«, entgegnete er mit sanfter Stimme. »Bloß war an Taren Capel nichts normal, schon gar nicht sein Talent für Robotertechnik.«

»Ich glaube nicht, dass es Taren Capel je gegeben hat«, merkte Roatson an.

Carnell lächelte. »Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.«

»Genau das ist es doch.«

»Ja«, stimmte Carnell noch immer lächelnd zu, »ganz recht.«

Erneut dimmte er das Licht und ließ das Demo weiterlaufen. Diesmal regelte er das Licht noch etwas weiter herunter und intensivierte und sättigte unmerklich die Farben auf dem Bildschirm. So, hoffte er, würden sich seine Zuhörer lange genug konzentrieren können, damit er seinen weitgehend irrelevanten Vortrag rasch abschließen konnte.

Nachdem alle unmodifizierten Roboter über die Hauptdeaktivierungsschaltungen stillgelegt sind, jagen Uvanov und Toos einige der Killerroboter in die Luft. Die Bomben hierfür stellen sie her, indem sie die Basisplatten von Z9-Sprengsätzen magnetisieren. Dann erzeugen sie in den Kommunikationsverbindungen der Roboter eine Rückkopplungsschleife, die sich durch sämtliche Kontrollebenen brennt und alles überlastet, was bei den Maschinen zu katastrophalem Gehirnversagen führt. Schließlich manipulieren sie noch die Stimmerkennungssysteme. So gelingt es ihnen, dass sich Taren Capels Höllengeschöpfe schließlich gegen ihren Schöpfer selbst richten. Das schattenhafte Genie ist das letzte Opfer seiner Roboter des Todes.

Als das Rettungsteam Sturmmine vier erreicht, ist bereits alles vorbei. Die Überlebenden – Captain Uvanov, Pilotin Toos und der schwerbehinderte Oberpacker Poul – werden in die Zivilisation zurückgebracht. Die Mine wird aufgegeben und versinkt im Sand, und mit ihr alle Beweise für das, was vorgefallen ist. Man denkt sich eine Geschichte aus, um die ganze Sache zu vertuschen – vielleicht ist es auch nur Spekulation –, und weil es das ist, was alle glauben wollen, wird es rasch zur allgemein akzeptierten Wahrheit. Und die Zivilisation, wie wir sie kennen, kann fortbestehen.

Als Finale zeigte Carnell Nachrichtenmaterial aus der Zeit: die kurzen, chaotischen Interviews mit den Überlebenden; eine sorgfältige Rekonstruktion des zum Scheitern verurteilten Kampfs der mutigen Crew gegen die Erzräuber; der wütende Ruf der Öffentlichkeit nach einem harten Vorgehen der Sicherheitskräfte, um die Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Als der Film vorbei war, ließ er einen Moment verstreichen, ehe er das Licht wieder heller drehte. Er wollte, dass sein Publikum darüber nachdachte, wollte einem von ihnen Gelegenheit geben, die offensichtliche Frage zu stellen.

»Und was genau hat das nun mit dem Projekt zu tun, für das Sie eingestellt wurden?« Der Sprecher war ein hochgewachsener Mann in einem Anzug aus synthetischem Gewebe, der in der ersten Reihe saß. »Ich habe kein Interesse an einem Zusammenbruch der Wirtschaft. Wenn diese Story rauskommt, geht alles zum Teufel. Wer sollte davon profitieren? Das Heilmittel wäre schlimmer als die Krankheit.«

Carnell war ein schmaler Mann, nicht sonderlich groß, und er besaß blonderes Haar und einen blasseren Teint als alle Anwesenden. Seine Augen waren jedoch etwas Besonderes, das ihn vom Rest der Leute hier unterschied. Sie waren von einem intensiven Blau und im richtigen Licht wirkten sie stechend wie Splitter aus Eis. Nun trat er ins richtige Licht und schenkte dem Mann ein eiskaltes Lächeln. »Sie müssen mir vertrauen«, sagte er. »Gerade darum bin ich so teuer: weil man mir vertrauen kann.« Er hob den Blick und ließ ihn durch den Konferenzraum schweifen. »Ich habe Ihnen diese Geschichte erzählt, weil ich mich vergewissern muss, dass man auch Ihnen trauen kann. Wenn Sie das Bedürfnis verspüren, in Panik auszubrechen, dann möchte ich, dass Sie das hier und jetzt tun.« Er machte eine Pause. »Ich schätze es, wenn Panik gut geplant vonstattengeht.«

Eine extravagant frisierte Frau in elfenbeinfarbener Ballonseide sagte: »Und dieser merkwürdig gekleidete Mann und die kleine Wilde?«

»Eine Gruppenhalluzination«, sagte Carnell.

»Sie schienen sich Ihrer Sache ziemlich sicher zu sein«, stellte sie fest.

Noch etwas, das Sie gar nicht wissen dürften, dachte Carnell. Offensichtlich haben Sie die Aufzeichnung der vertraulichen Nachbesprechung gesehen. »Falsche Erinnerungen«, sagte er, »gegenseitig hervorgerufen und verstärkt.«

»Also lügen sie?«

»Sie glauben daran.«

Roatson hinten im Raum lachte schallend. »Eine Gruppenhalluzination«, höhnte er mit aristokratischer Geringschätzung. »Wir reden hier von zwei Personen.«

Carnell lächelte. »Drei. Oberpacker Poul hat sie auch gesehen.«

Wie er erwartet hatte, konnte Roatson nicht widerstehen, weiter auf seinem Punkt herumzureiten. »Und er hatte also einen Zusammenbruch?«

»Sie alle hatten einen«, sagte Carnell. »Darauf will ich ja hinaus.«

»Woher wollen Sie wissen, dass der Mann und das Mädchen nicht real waren?«, fragte die Frau in der exklusiv von Robotern produzierten Mode.

»Weil es unmöglich ist.«

»Genügt das denn als Grund?«

»Jedem vernünftigen Menschen schon. Wichtiger ist jedoch, dass sie keine Rolle spielen. Sie haben keinen wesentlichen Einfluss auf das, was passiert ist, was gerade passiert oder was noch passieren wird.«

Und damit hatte Carnell den zweiten fundamentalen Fehler in seiner Karriere als Psychostratege begangen.

MARKER

»Ich kann mich immer noch nicht richtig erinnern«, sagte Poul, und kurz verfinsterte sich sein ausgemergeltes Gesicht. »Na gut, seien wir ehrlich: Ich erinnere mich an nichts davon.« Er verlagerte das Gewicht im Sessel und zog an seiner Uniformjacke aus blauer Seide, sodass sie sich unter seinem schmalen Rücken glättete.

»Selbst nach so langer Zeit?«, ermunterte ihn die Therapeutin behutsam. Sie war nur eine Fassade: Eigentlich handelte es sich um einen mechanischen Analytiker, kaum mehr als ein hoch entwickelter Lügendetektor, der für die medizinische Verwendung modifiziert worden war. Sie las die Zeilen von einem verlinkten Laptop ab, der ihr auch präzise Hinweise zu Timing und Tonfall gab. Ziemlich krude für so eine Scharade und noch dazu sündhaft teuer, doch in Ander Pouls Fall schien das unumgänglich zu sein. Ohne den Puffer dieser durchschnittlich aussehenden Frau mit ihrer auf gewöhnliche Weise modulierenden Menschenstimme hätten sie mit seiner Reha nicht einmal zu beginnen brauchen. Es war von Anfang an klar gewesen, dass Robotermedizin in seinen Augen ein Widerspruch in sich war. In seiner Erinnerung verbarg sich ein Schrecken, knapp außerhalb der Reichweite seines Bewusstseins. Dieser Schrecken hatte mit den mechanischen Humanoiden zu tun, von denen diese Welt abhängig war – so viel war sicher. So viel und kaum etwas darüber hinaus.

»Selbst nach so langer Zeit?«, wiederholte sie mit derselben sanften Beharrlichkeit.

Nun seufzte er und sagte: »Schon gar nicht nach so langer Zeit.« Sein Gesicht hatte wieder diesen sturen, versteinerten Ausdruck angenommen.

»Die Zeit heilt nicht unbedingt alle Wunden«, sagte die Therapeutin. »Oder glauben Sie, dass es doch so ist?«

»Letzten Endes schon.« Nun zeigte sich das Gespenst eines Lächelns auf seinen Zügen. »Irgendwann stirbt man und dann ist man geheilt.«

Die Therapeutin las von ihrem Bildschirm ab, folgte den Anweisungen und erwiderte nüchtern: »Mag sein.« Zwei Atemzüge Pause. »Sie haben also keine Ahnung, was Ihnen widerfahren ist?« Ein Atemzug Pause. »Auf Sturmmine vier?«

»Keinen blassen Schimmer. Ich dachte, das hätte ich gerade gesagt.«

Die Therapeutin widmete sich wieder ihrem Bildschirm. Dann griff sie in die Tasche und holte eine kleine Scheibe aus schillerndem rotem Plastik hervor. Sie streckte die Hand aus und drückte Poul die Scheibe auf den Handrücken. »Wissen Sie, was das ist?«, fragte sie leise.

»Nein«, sagte er ausdruckslos. Und dann begann er zu schreien.

1

Der TARDIS gelang der Ausgleich zwischen den transdimensionalen Strömen. Sie bündelte eine endlose Zahl von Optionen in einem einzigen Punkt und kam an ihrem neuen Platz zum Stehen. Als das geräuschlose Heulen und die reglose Bewegung vorüber waren, blickte der Doktor zu dem Bild auf dem Schirm über der Tür und verkündete: »Das kommt mir enttäuschend vertraut vor.«

Der Bildschirm zeigte, dass die TARDIS in einer mehrgeschossigen Halle gelandet war. Die metallenen Wände waren von Gerüsten und Leitern gesäumt. Es gab keine Spur von Lebewesen irgendwelcher Art. Entlang der Gerüste waren in regelmäßigen Abständen Türen in die Wand eingelassen, jede mit einem Guckloch, durch das grelles grünes Licht fiel. Nichts regte sich.

»Natürlich«, fuhr der Doktor fort, »kommt einem beinahe alles enttäuschend vertraut vor, wenn man schon so viele Jahre auf dem Buckel hat wie ich.« Er holte seinen frisch geflickten langen Schal aus der Tasche des Mantels, den er stets trug, und wickelte ihn sich um den Hals. »Es ist immer eine nette Überraschung, wenn man dann doch mal an einem unbekannten Ort landet.« Er nahm den breitkrempigen Filzhut, den er bevorzugte, vom Hutständer und stülpte ihn sich über die widerspenstigen Locken. In seinem üblichen leicht exzentrischen Outfit, das sich erst dann verändern würde, wenn er selbst es tat, strahlte er Leela an. »Ich liebe Überraschungen, Sie nicht auch?«

»Nein«, erwiderte Leela. »Auf meiner Welt entpuppen sich Überraschungen in der Regel als bissig.« Sie war kleiner als der Doktor; leichter, schlanker und weitaus aggressiver.

»Sie sind aber gerade nicht auf Ihrer Welt«, rügte der Doktor. »Obwohl Sie immer noch darauf bestehen, dieses doch eher primitive Ensemble zu tragen.«

»Ensemble?« Leela löste ihren Blick nicht vom Bildschirm.

»Die Felljacke, die Lederstiefel, das Messer?«

Automatisch legte Leela die Hand auf den Griff ihres langen Jagdmessers, als würde sie halb damit rechnen, dass er versuchen würde, es ihr wegzunehmen. »Ihnen gefällt mein … Ensemble nicht?«

»Es passt nicht zu jedem Anlass. Manchmal sieht es schon ein wenig seltsam aus.«

»Aber was Sie tragen, sieht nicht manchmal seltsam aus.« Es war beinahe eine Frage, aber nicht ganz.

»Gut geschneiderte Sachen passen zu jedem Anlass«, sagte der Doktor und ließ für eine Sekunde sein wölfisches Grinsen aufblitzen. »Und ich bin nicht bedrohlich. Ich mache niemandem Angst.«

Leela löste den Blick vom Bildschirm und funkelte den Doktor böse an. »Ich mache auch niemandem Angst.«

»Tun Sie nicht?«

Leela dachte einen Moment lang nach. »Na ja, ich glaube nicht«, sagte sie schließlich. »Furcht ist der Feind der Vernunft.«

»Von wem haben Sie das denn gehört?«

»Von Ihnen.«

»Dann muss es wohl stimmen«, meinte der Doktor und bediente die Kontrollen der Tür der TARDIS. »Wollen wir mal nachsehen gehen, ob es da draußen irgendwelche Überraschungen gibt?«

»Wir sollten noch ein bisschen warten«, sagte Leela.

»Ich weiß, ich weiß«, sagte der Doktor. »Wir sollten warten, bis sich etwas bewegt, sodass wir mögliche Raubtiere identifizieren können.«

»Gefahren«, korrigierte ihn Leela. »Für Raubtiere scheint das nicht der passende Ort zu sein.«

»Ihr Messer wollen Sie trotzdem nicht hierlassen, nehme ich an?«, fragte der Doktor beiläufig.

»Nein«, erwiderte Leela unumwunden.

Der Doktor nickte nachdenklich, dann ging er zu Tür. »Geben Sie dann aber nicht mir die Schuld, wenn die Ortsansässigen sich feindselig verhalten.«

Leela folgte ihm. »Darum lass ich mein Messer ja auch nicht hier.«

»Ich dachte, das gehört zu Ihrem Kriegerkult«, bemerkte der Doktor, trat hinaus und schnupperte die trockene Luft der staubfreien, klimakontrollierten Umgebung.

»Von wem haben Sie das denn gehört?«

»Von Ihnen.«

»Ich hab gesagt, es gehört zu meiner Ausbildung.«

»Genau«, sagte der Doktor. »Dann wollen wir mal einen Blick auf die Gerüste werfen, was?«

Forsch schritt er davon. Seine Schuhe erzeugten ein dumpfes Geräusch auf dem auf Hochglanz polierten Metallboden. Leela schlich auf leisen Sohlen neben ihm her.

Der Doktor kletterte bereits eine Leiter hinauf, die zur ersten Gerüstetage hinaufführte, als Leela ihm mit gesenkter Stimme vom Boden aus zurief: »Doktor, haben Sie das gehört?«

Der Doktor kletterte weiter.

Sie rief ein wenig lauter: »Doktor, haben Sie das gehört?«

Der Doktor hielt inne und schaute nach unten. »Tut mir leid, ich hab nichts gehört. Was haben Sie gesagt?«

»Da ist jemand in der Nähe …« Leela neigte leicht den Kopf und lauschte angespannt.

»Ja?« Der Doktor bemühte sich offenbar, geduldig zu sein, was ihm nur zum Teil gelang.

»Kampflärm«, sagte Leela schließlich. »Da kämpfen Leute.«

Der Doktor kletterte weiter. »Selbst wenn das so ist«, rief er über die Schulter, »rechtfertigt es nicht das Messer.« Er erreichte die schmale Plattform und spähte wieder hinab. Leela hatte sich nicht vom Fleck gerührt. »Kommen Sie hoch?«

»Ich glaub, ich sehe lieber nach, wer da kämpft, und warum«, erklärte sie und blickte zu einer Flügeltür, die hinter den Leitern in die Metallwand eingelassen war.

»Keine gute Idee«, meinte der Doktor. »Aber Sie sagen mir bestimmt gleich, dass das zum Kriegerkodex gehört, oder?«

»Ich will nur rausfinden, was hier los ist.«

»Halten Sie sich nach Möglichkeit heraus. Und verlaufen Sie sich nicht. Begleiter, die verloren gehen, haben auch etwas enttäuschend Vertrautes an sich.«

Sie lächelte zu ihm hinauf. »Ich werde versuchen, Sie zu überraschen«, sagte sie.

Leela ging zu der Tür hinüber und suchte nach dem Bedienmechanismus. Auf dem Steg hoch über ihr näherte sich der Doktor der ersten grün erleuchteten Kammer und spähte durch das Guckloch.

Sturmmine sieben fräste sich langsam ihren Weg zum gigantischen Dock. Das riesige Kettenfahrwerk bestand aus mehreren Reihen schwerer Panzerketten, die leicht versetzt montiert waren, individuell angetrieben wurden und in der Lage waren, sich horizontal um fünfzehn Grad zu neigen – doch nun waren sämtliche Raupenlaufwerke gleichgeschaltet und bewegten sich vollautomatisch in dieselbe Richtung. Diese letzten Arbeitsabläufe waren die einfachsten und elementarsten. Das Anlegemanöver, um am Terminal anzudocken, hätte die Energiereserven eines Voc kaum belastet, und die eines Supervoc erst recht nicht, doch Captain Lish Toos kümmerte sich trotzdem lieber selbst um solche Sachen.

Die Erzsilos waren voll, in den meisten Fällen mit hochwertigem Lukanol. Toos hatte ein paar Probeanalysen vorgenommen und wusste, dass das Zeug beim Abscheiden ungefähr bei der 70-Prozent-Marke liegen würde. Das war rein genug, um der Besatzung Profitanteile zu sichern, was für jeden von ihnen eine ordentliche Stange Geld bedeuten würde. Es war eine sehr erfolgreiche Fahrt gewesen, selbst nach ihren eigenen außergewöhnlich hohen Standards.

Nicht viele Captains besaßen ihr Talent, über die Jahre immer wieder die reichhaltigsten Erzströme zu finden. Deswegen hatte sie auch, obwohl ihr Ruf als Exzentrikerin ständig wuchs, nie irgendwelche Schwierigkeiten, Leute dazu zu bringen, sich für die Achtzehn-Monats-Einsätze zu verpflichten.

Ihre seltsamen Macken zwangen die Mannschaft dazu, deutlich härter als sonst zu arbeiten, aber bei ihr wurden die Leute auch wesentlich reicher als anderswo. Deswegen gab es mit ihr als Captain lediglich die üblichen Streitereien und Ressentiments, die sich bei Langstreckeneinsätzen auf solchen Minen nie ganz vermeiden ließen.

Roboter durften das Kontrolldeck nicht betreten, ganz egal aus welchem Grund. Dies führte dazu, dass die Arbeiter ein brutaleres Schichtsystem als auf anderen Minenfahrzeugen ertragen mussten. Toos bestand darauf, dass jeder Job, der von einem Menschen erledigt werden konnte, auch von einem Menschen gemacht wurde. Daneben blieb noch Zeit zum Essen und Schlafen, mehr nicht. Weitere Probleme ergaben sich aus ihrer Vorschrift, dass Roboter auf jene Abschnitte der Mine beschränkt waren, in denen sie selbst nicht arbeitete. Eine andere Regel erlaubte Robotern den Zugang zum Wohnbereich nur dann, wenn es einen expliziten Auftrag zu erledigen gab – in ihrem persönlichen Quartier allerdings unter gar keinen Umständen. Im Verlauf einer Tour erhöhte sich die Zahl deaktivierter Roboter stetig, bis beim Andocken schließlich kaum noch ein funktionierendes Exemplar auf der Mine zu finden war. Einmal waren ihnen tatsächlich die schillernden roten Scheiben ausgegangen, mit denen sie abgeschaltete Roboter markierten. In der Firma wurde es zum Dauerbrenner, Witze darüber zu machen, dass Toos nicht robophobisch sei – ihr gefalle schlicht und ergreifend der Anblick dieser Leichenmarker, besonders an Robotern.

Wohlgemerkt: Hätte Toos tatsächlich krankhafte Angst vor den glänzenden Androiden mit ihrem stilisierten Aussehen gehabt, deren Arbeitskraft unverzichtbar war, wäre eine Entlassung aus medizinischen Gründen unumgänglich gewesen, und die Firma hätte einen ihrer einträglichsten Sturmminen-Captains verloren. Außerdem wären unbequeme Fragen gestellt worden. Warum zum Beispiel war jemandem mit einer derart fragilen Persönlichkeit überhaupt das Kommando über eine Sturmmine gegeben worden? Und warum war Lish Toos dienstälteren Kandidaten vorgezogen und zum Captain befördert worden? Diese Fragen blieben lieber ungestellt. Folglich war sie nicht robophobisch, sondern einfach nur eigensinnig.

Ein mahlendes Knarren ließ die Mine erbeben, während sich das metallische Ächzen und Stöhnen zu einem kurzen Crescendo steigerte und langsam verklang. Dann wurde es ruhiger, nur noch gelegentlich war ein Scheppern oder ein plötzlicher Knall zu hören. Der Pilot berichtete: »Hangar-Level konstant, Druck in allen Verbindungspunkten ausgeglichen, Sturmmine sieben steht, alle Maschinen sind aus. Voller Halt, ich wiederhole, voller Halt.«

»Voller Halt. Danke, Tani«, sagte Toos und lächelte, gefühlt zum ersten Mal seit Monaten. Wenn sie so darüber nachdachte, musste es tatsächlich Monate her sein. Sie aktivierte mit dem Daumen das Funkgerät. »Dock, hier spricht Captain Toos: Sturmmine sieben ist gestoppt, abgeschaltet und gesichert.«

»Danke, Captain«, bestätigte die Stimme von der Andock-Koordination. »Willkommen zurück in der Zivilisation. Haben Sie diesmal ein paar Roboter übrig gelassen?«

Tani stand auf und streckte sich. »Die nehmen bestimmt schon Wetten an, wie viele es sind«, sagte er.

Toos nickte. »Ich weiß«, sagte sie, »aber ich bin zu müde, zu schön und außerdem viel zu reich, als dass es mich jucken würde.« Sie drückte wieder auf den Kommunikationsknopf. »Docker, ich möchte, dass das komplette Abladen unabhängig überwacht wird.«

»Vertrauen Sie uns etwa nicht, Captain?« Die Stimme klang zu etwa gleichen Teilen amüsiert und verletzt.

»Nur so weit, wie ich jedem vertraue, der mein Geld für mich zählt«, sagte Toos. »Sorgen Sie dafür, dass alles ordentlich beglaubigt wird – und keine Vetternwirtschaft.«

»Ihre oder meine Vettern?«, wollte die Stimme wissen.

»Ich hab weder Vettern noch andere Verwandte«, erwiderte Toos. »Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie so weit sind.« Sie brach die Verbindung ab und gähnte ausgiebig.

»Ruhen Sie sich ruhig etwas aus, Captain«, sagte Tani. »Ich pass auf, dass keiner von denen versucht, einen Dockmaster-Anteil abzuzweigen.« Der Pilot war ein untersetzter Mann mit einem großen Kopf und einem breiten, mürrischen Lächeln. »Oder vertrauen Sie mir auch nicht?«

»Das müssen Sie mich wohl kaum fragen«, meinte Toos, nahm ihre Mütze ab und warf sie auf den Sitz im Ruhebereich. Dann schüttelte sie ihr langsam ergrauendes hellbraunes Haar, sodass es ihr locker über die Schultern fiel, rieb sich die Augen mit den Handballen und gähnte noch einmal. »Klar, warum nicht? Gute Idee, mal ein bisschen zu schlafen.«

Tani schaltete die Trichterüberwachung auf sein Mainboard und stellte einen Verschlussalarm ein. »Eine ordentliche Feier steht auf dem Plan. Da wird Ausdauer gefragt sein.«

Toos schlenderte auf den Eingang des Kontrolldecks zu. »Ausdauer ist was für Roboter und Arme«, sagte sie und wiegte übertrieben die Hüften. »Wir brauchen so was nicht, Tani. Wenn wir des Feierns müde werden, stellen wir einfach Leute ein, die das für uns machen. Sie kennen ja die alte Redensart: Wedle mit Geldscheinen und niemand wird wissen, wie knapp bei Kasse du bist.«

Die Tür glitt auf und sie trat in den Korridor hinaus. Der Pilot rief ihr nach: »Sie wollen hoch hinaus, oder, Captain?«

»So hoch, dass ich nie wieder hochgucken muss«, rief Toos fröhlich zurück, »zu niemandem.«

Die Tür schloss sich zischend hinter ihr und Toos machte sich auf den Weg zu ihrem Quartier. Sie konnte sich endlich entspannen und freute sich schon darauf, sich bei einem Bad und einem Nickerchen zu erholen, ehe sie die Mine verlassen und die Geschäftsdetails der Fahrt abschließen würde. Die Auflistung der Mineralien musste abgehakt, Schadensberichte und Ausrüstungsinventuren durchgesehen werden.

Außerdem würde sie natürlich das Dokument zur Anzahl der deaktivierten Roboter unterzeichnen müssen, die mit einem Leichenmarker versehen worden waren und ins Produktionszentrum zurückgeschickt werden würden. Die Kosten für die Roboterreaktivierung ging vom Profit ab, doch was Toos anging, war es den Preis wert: So musste man die Dinger nicht ständig sehen und sie schlichen nicht hinter einem herum – vor allem Letzteres wollte sie vermeiden.

Das unabhängige Kraftwerk der Mine hatte mit dem Herunterfahren begonnen, sobald die Versorgungsschläuche des Hangars angeschlossen worden waren und die Energieversorgung übernommen hatten. Selbst wenn jemand aufpasste – und Toos wusste, dass ihre Oberpackerin Simbion zu dieser Zeit schon ziemlich betrunken sein würde –, kamen bei solchen Transfers Phasenverluste vor und zeitweilige Stromausfälle waren alltäglich. Als die Lichter im Gang außerhalb ihres Quartiers zu flackern begannen, schien ihr das kein ernstes Problem zu sein, und sie war weder überrascht noch übermäßig beunruhigt, als sie plötzlich in völliger Finsternis dastand. Es ärgerte sie ein wenig, aber sie wartete einfach geduldig darauf, dass die Überbrückungen anspringen und die Systeme wieder anlaufen würden. Dann würde sie die Tür öffnen und sich ihrer wohlverdienten Pause widmen.

Für Dunkelheit hatte sie nie viel übrig gehabt, aber sie fürchtete sich auch nicht davor. Lieber wäre sie in ihrem Quartier ein- als ausgeschlossen gewesen, aber es bestand kein Grund zur Panik. Sie war nicht in Zeitnot. Und die Dunkelheit machte ihr nicht wirklich etwas aus.

Die Überbrückungen schienen allerdings länger zu brauchen als sonst. Simbion sollte mal lieber aufwachen und achtgeben! Toos musste nämlich nicht über ihre Trinkerei hinwegsehen. Wahrscheinlich bildete sie es sich nur ein und es waren nicht mehr als ein paar Sekunden. Und die Dunkelheit machte ihr ja ohnehin nicht viel aus.

Wäre die Mine voller funktionstüchtiger Roboter gewesen, hätte sie sich vielleicht größere Sorgen gemacht: Sie konnten auf andere Wellenlängen umschalten, sich in der Dunkelheit fortbewegen und einen finden. Um jemanden in der Finsternis aufzuspüren, musste ein Roboter ja einfach nur die Infrarot…

Sie schauderte und spähte ins Dunkel, konnte jedoch nichts erkennen.

Aber es gab ja keine Roboter auf dieser Ebene und die Dunkelheit machte ihr nichts aus. Es waren nur noch sehr wenige funktionstüchtige Roboter an Bord. Wie viele waren es – drei? Nein, es waren mehr als drei. Wie viele also? Fünf, vielleicht sechs? Höchstens sechs. Ja, genau, sechs waren es. Und sie standen alle in der Dunkelheit. Aber nicht in dieser Dunkelheit. Nicht hier, weil keiner von ihnen auf diese Ebene durfte. Sie waren auf der Ebene, wo die gröbste Arbeit anfiel, ihre Befehle hielt sie dort fest. Roboter taten, was man ihnen befahl – dazu waren Roboter ja da. Außer … Außer wenn eben sie nicht taten, was man ihnen befahl, aber das war nur einmal passiert. Unmöglich, dass es sich wiederholte, und schon gar nicht jetzt. Einmal und nie wieder. So was konnte unmöglich je wieder geschehen.

Die Dunkelheit störte sie nicht, aber länger als sonst dauerte der Ausfall schon. Das Notsystem hätte eigentlich bereits laufen müssen. Die Finsternis war so vollkommen, dass sie schon angefangen hatte, Lichter darin auszumachen. Aber sie wusste ja, dass sie sich unter solchen Umständen nicht auf ihre Augen verlassen konnte. Da waren keine Lichter. Aber die Beleuchtung hätte längst wieder angesprungen sein müssen. Das dauerte definitiv zu lange.

Wo trieb sich Simbion bloß herum? Sie würde dieser faulen, unzuverlässigen Säuferin Feuer unterm Hintern machen, wenn sie die Arbeit nicht erledigte, für die sie bezahlt wurde, und zwar sofort. »Simbion!«, brüllte sie. »Simbion!«

Noch während sie schrie, wusste sie, dass es ein Fehler war: Sie fühlte sich dadurch nicht besser; ihr Wutausbruch war ein Kontrollverlust, schmeckte nach Panik. Aber sie konnte sich nicht zurückhalten. »Simbion«, schrie sie aus voller Lunge, »kriegen Sie Ihren Fettarsch hoch und bringen Sie die Systeme wieder zum Laufen!«

Mittlerweile zitterte sie und winzige Leuchtkugeln explodierten lautlos vor ihren Augen. Sie keuchte: das flache Röcheln eines sterbenden Tieres. Die Dunkelheit war zu dunkel und sie wollte einfach nicht weichen – und überall um sie herum waren Roboter. Angestrengt versuchte sie, ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Sie musste leise sein. Sie konnte hören, wie sie näher kamen, spüren, wie sie nach ihr griffen, sie umringten, und sie wollte auf der Stelle sterben, jetzt, ehe es geschehen konnte, unweigerlich geschehen musste.

Plötzlich flammte das Licht auf und einen Moment lang konnte Toos nichts sehen. Doch dann passten sich ihre Augen an die gleißende Helligkeit an und sie nahm eine Bewegung wahr, weiter hinten im Gang, bei einer Stützstrebe. Panisch hämmerte sie auf das Bedienfeld ihrer Quartiertür ein und verfehlte den Aktivierungsknopf. Als die Tür sich nicht öffnete, trat und schlug sie hysterisch dagegen. Der Schmerz riss sie aus ihrer blinden Furcht und ihr Zorn flammte wieder auf. Sie war Lish Toos, Captain von Sturmmine sieben. Sie wandte sich um, wollte sich dem stellen, was dort in den Schatten lauerte. Nichts und niemand würde sie je wieder herumschubsen. Nie wieder!

Steifbeinig marschierte sie den Gang entlang bis zu der Stelle, wo sie es gesehen hatte. Da war nichts. Sie war erleichtert und kam sich reichlich dämlich vor. Sie kehrte zu ihrem Quartier zurück, öffnete die Tür und trat ein. Am Sprechgerät wählte sie den Packerbereich an und blaffte: »Was ist hier los, Simbion?«

»Was soll los sein, Captain?« Simbion sprach undeutlich. Offenbar hatte sie bereits ordentlich einen intus, wie Toos vermutet hatte.

»Wir hatten gerade einen Stromausfall.«

»Stromausfall?«

»Wenn ich ein Echo hören will, schrei ich in einen Erztrichter. Ich stand hier gerade in totaler Finsternis, vor meinem Quartier – wie genau kommt das?«

»Keine Ahnung, Captain.«

»Natürlich haben Sie keine Ahnung.« Toos legte so viel vernichtenden Spott in ihre Stimme, wie sie aufbringen konnte. »Blöde Frage.«

»Der Systemtransfer lief wie geschmiert«, fuhr Simbion mit der unerschütterlichen Gutmütigkeit einer fröhlichen Säuferin fort. »Es gab keinen Stromausfall. Muss ein punktueller Fehler gewesen sein. Soll ich mir den Abschnitt mal ansehen?«

»Können Sie ohne Hilfe überhaupt so weit laufen?«

»Ich kann mich ja von einem Roboter bringen lassen.« Simbion klang, als müsste sie einen Kicheranfall unterdrücken.

»Vorsicht, Simbion«, schnurrte Toos. »Ihr Anteil lässt sich schnell umverteilen. Am Ende kostet Sie die Fahrt noch Geld.« Sie kappte die Verbindung und ging, um endlich ihr Bad zu nehmen.

Auf dem Gang vor ihrem Quartier stand der Roboter einen Augenblick lang da, wie es ihm befohlen worden war. Dann wandte er sich ab und verschwand rasch wieder in den Eingeweiden der Mine.

Der Doktor spähte durch die Gucklöcher in fünf weitere grün erleuchtete Kammern, um sich davon zu überzeugen, dass es sich weder um einen Zufall noch um eine optische Täuschung handelte.

In jeder Kammer befanden sich sechs Individuen, drei identische Männer und drei identische Frauen. Schwerelos trieben sie in einer schwach leuchtenden grünen Flüssigkeit, mit der ihre Zellen komplett gefüllt waren. Anscheinend waren sie bewusstlos, und obwohl sie alle zu atmen schienen, waren sie mit nichts verbunden, das sie mit Luft versorgte.

Wie Kiemenatmer sahen sie für den Doktor nicht aus, also konnte man entweder die Flüssigkeit atmen oder diese hier unterschieden sich von den üblichen Luft atmenden, zweibeinigen Klonen, denen er bisher begegnet war. Aber das war nicht das einzig Seltsame. Sie trugen alle einheitliche Arbeitsuniformen: hemdartige Kittel und eng anliegende Leggings. So weit er erkennen konnte, unterschied sich jede Sechsergruppe von den anderen allein durch die Farbe der Outfits. Trotz der gleichen Gesichtszüge und der Standardbekleidung gab es keinen Zweifel daran, dass in jeder Gruppe drei Männer und drei Frauen waren.

Doch warum steckten sie überhaupt in voller Montur in diesen Reanimations- oder Erhaltungskammern? Dem Doktor kam der Gedanke, dass es sich um eine jener extrem konformistischen Gesellschaften handeln könnte, die einem strengen Dresscode folgten und bei denen die Angst vor Nacktheit zur repressiven Praxis gehörte. Er hoffte, dass er sich irrte. Seiner Erfahrung nach neigten solche Gesellschaften zu Gewalt und Leelas Tendenzen gingen ohnehin schon in diese Richtung.

Wurden hier möglicherweise Kolonisten künstlich am Leben erhalten und durch die Tiefen des Weltraums befördert? Das Verhalten der TARDIS hatte nichts dergleichen angedeutet und die Anzeigen hatten dieses Szenario komplett ausgeschlossen, doch nun, da er sich die vier leicht gebogenen Wände dieses Gebäudes ansah, die hoch über ihm in einer flachen Kuppel zusammenliefen, war sich der Doktor nicht mehr so sicher. »Alles ist möglich«, sagte er laut, »bis jemand das Gegenteil beweist.« Die Akustik verriet ihm nichts Neues. Er versuchte es mit etwas mehr Lautstärke. »Eliminiere das Unmögliche«, rezitierte er aus vollem Hals, »und was übrig bleibt, wie unwahrscheinlich es auch erscheinen mag, muss die Wahrheit sein.« Es geschah nichts Überraschendes. Von einem großen Nutzraum, der nicht für Konzerte oder Theateraufführungen erbaut worden war, konnte man wohl keine besseren Soundeffekte erwarten.

Er zuckte mit den Schultern. »Natürlich kannte Conan Doyle die Antworten von Anfang an«, sagte er zu sich selbst. »Und das hilft immer.«

Als er durch ein weiteres Guckloch blickte, bemerkte er, dass eine Veränderung vonstattenging. Die Gruppe in dieser Kammer hatte angefangen, sich zu bewegen. Hände bebten leicht, Köpfe zuckten plötzlich, Beine und Arme machten zaghafte Schwimmbewegungen. Und das alles geschah synchron. Jedes Gruppenmitglied tat exakt das Gleiche zur selben Zeit. Es sah aus wie ein perfekt koordiniertes Unterwasserballett, aufgeführt von einer Truppe von Tänzern, die ihre Choreografie mit mechanischer Präzision beherrschten. Er überprüfte eine andere Kammer. Dort ging das Gleiche vor sich, doch nun waren die Bewegungen ausgeprägter und wirkten einstudiert. Das Ganze erzeugte einen bedrohlichen, unheimlichen Effekt. Er musste an einen unterseeischen Tanz denken, dessen Aufführung er einmal beigewohnt hatte: ein religiöser Ritus einer Amphibienspezies auf einem Planeten, den er nie ordentlich hatte identifizieren können. Das … Das Volk, das über und unter Wasser atmen konnte … War das der Name gewesen? … Nun, wie sie sich auch genannt haben mochten, sie hatten einen Großteil ihres Lebens dem Training, der Askese und der Übung gewidmet, dennoch war ihr Tanz nicht annähernd so perfekt koordiniert gewesen wie das, was er hier vor sich sah.

Alle Kammern, in die er blickte, offenbarten das gleiche Schauspiel. Sämtliche Personen darin bewegten sich und zwar mit zunehmender Heftigkeit, doch egal, wie wild und übertrieben ihre Bewegungen auch waren, jedes Individuum blieb stets in perfektem Einklang mit allen anderen. Der Doktor hatte natürlich keine absolute Gewissheit, war jedoch ziemlich sicher, dass die Kammern miteinander synchronisiert waren, sodass sich jede Sechsergruppe im Einklang mit allen anderen bewegte. Hätte er sie alle zugleich sehen können, wäre es dem Beobachter sicher so vorgekommen, als würde man einem Fischschwarm zuschauen. Dann sah er, dass der Flüssigkeitspegel in den Kammern zu sinken begann.

Leela folgte den Kampfgeräuschen und fand ohne große Schwierigkeiten den Weg nach draußen. Tatsächlich hinauszugelangen entpuppte sich jedoch als größeres Problem: Sobald sie die große Flügeltür in der Metallwand hinter den Leitern aufgestoßen hatte und einen kurzen Korridor hinuntergegangen war, versperrte ihr ein komplizierteres System aus kleineren, verschlossenen Türen den Weg. Sie vermutete, dass sich der Doktor aus diesem Grund nicht größere Mühe gegeben hatte, sie aufzuhalten: Er glaubte, sie sei nicht in der Lage, solche Türen zu öffnen. Vielleicht hatte er vergessen, wie leicht sie die Tür der TARDIS aufgemacht hatte. Es stimmte: Sie hatte sich das von ihm abgeschaut. Affen machen alles nach, hatte der Doktor gesagt. Sie wusste zwar nicht, was das bedeutete, aber als Lob war es sicher nicht gemeint gewesen. Dennoch hatte sie ein paar Dinge über solche Mechanismen gelernt und wusste, wie man sie in Bewegung setzen konnte.

Durch eine transparente Platte in der ersten Tür sah sie, dass der Durchgang von mindestens einer weiteren Tür versperrt wurde, die von der ersten durch einen kurzen Gang getrennt war. Die zweite Tür besaß kein solches Fenster, daher konnte sie nicht feststellen, was dahinter lag – es hätte eine ganze Reihe von Türen und Zimmern folgen können, doch Leela war überzeugt, dass sie kein Problem mehr für sie darstellen würden, sobald sie die erste geöffnet hatte.

Sie konnte weder Hebel noch Schalter entdecken, aber irgendetwas von der Art musste es geben, und zwar ziemlich sicher in der Nähe der Tür. Selbst wenn der Mechanismus aus der Ferne betätigt wurde wie in der TARDIS, würde man von dort aus immer noch die Tür im Blick haben. Allerdings fehlte hier der Platz dafür, um den Ausgang so zu bedienen. Aber warum sollte man eine Tür öffnen oder schließen wollen, die man gar nicht sehen konnte? Sie kam zu dem Schluss, dass es eine andere Sorte von Hebel oder Schalter geben musste und dass dieser sich höchstwahrscheinlich an der Tür selbst befand.

Es dauerte eine Weile, doch schließlich fand sie die Stelle am Rahmen, die man berühren musste, damit die Tür zur Seite glitt. Als sie triumphierend hindurchschritt, spürte sie, wie die Luft zusammen mit ihr ins Zimmer drängte. Zu spät fiel ihr wieder ein, was ihr Kriegerlehrmeister ihr wieder und wieder gesagt hatte: Du darfst dich nie siegreich fühlen. Siegesfreude macht einen dumm und die Dummen sterben zuerst. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Tür sich sofort wieder schließen würde – und die Dummen sterben zuerst –, sodass sie in dem kleinen Raum gefangen war. Erschrocken zog sie ihr Messer und ging in Verteidigungsstellung, bereit, sich aus dem Hinterhalt freizukämpfen, wie es ihr beigebracht worden war. Als niemand kam und nichts weiter zu passieren schien, entspannte sie sich ein wenig, steckte das Messer wieder in die Scheide und untersuchte die Tür, durch die sie hereingekommen war. Wie auf der anderen Seite ertastete sie auch auf dieser einen Punkt, den man berühren musste und abermals öffnete sich die Tür, wobei ihr erneut ein kleiner Windstoß entgegenkam. Sie wartete. Die Tür schloss sich wieder. Sie löste den Mechanismus noch einmal aus, mit dem gleichen Ergebnis. Offenbar konnte sie im Notfall jederzeit den Rückzug antreten. Sie fand einen ähnlichen Auslöser an der anderen Tür. Als sie aufglitt und Tageslicht hereinströmte, zog sie erneut ihr Messer.

Der Kampflärm war nun sehr deutlich zu hören. Ringsumher musste es erbitterte Scharmützel geben, auch wenn noch keines davon in Sicht war. Sehr vorsichtig trat sie ins Freie. Nahezu im selben Moment ging ein Alarm los; hinter Leela schloss sich die Tür und eine Schutzplatte rastete abrupt ein.

»Das kann nicht sein!«, schrie Kiy Uvanov aus vollem Hals. »Das kann nicht sein, und wenn doch, wenn doch, dann sorge ich dafür, dass der Sicherheitschef dieses Standorts gefeuert wird – nein, nein, das mach ich nicht, erst lass ich ihm die Eingeweide rausreißen und was übrig bleibt, wird gefeuert! Und ich kümmer mich darum, dass seine Kinder niemals Arbeit finden und seine Kindeskinder nicht und seine Kindeskindeskinder auch nicht. Die ganze Sippe wird nie wieder aus den Sewerpits rauskommen, solange sich noch irgendwer vage an seinen Namen erinnert.« Er funkelte seine Chefassistentin an. »Wie heißt er überhaupt?«

Cailio Techlan zuckte mit den schmalen Schultern und schüttelte ihren rasierten Kopf. »Ich schau mal nach«, sagte sie in ihrem üblichen desinteressierten Tonfall, der ihm jedes Mal auf die Nerven ging. »Unterdessen sollten Sie sich beruhigen, Kiy. Sonst kriegen Sie noch einen Schlaganfall.«

Trotz der Dringlichkeit der Krisenlage, in der sie sich befanden, starrte Uvanov der jungen Frau unwillkürlich hinterher, als sie zur Tür ging: Mit ihrem Outfit und ihren Bewegungen, alles durch die gängige Mode vorgegeben, wirkte sie wie eine lächerliche Parodie eines Voc-Roboters. Was war nur mit dieser Aristo-Jugend los, dass sie alles Wichtige so wenig kümmerte? Wieso standen Leute, die so dumm und im Grunde so nutzlos waren, immer ganz vorn in der Schlange, um das Beste vom Besten abzustauben? Die Dinge änderten sich nie. Man konnte diese Leute nicht besiegen, aber auch keiner von ihnen werden. Die zwanzig Gründerfamilien waren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mehr gab es nicht. Das war alles. Und der Witz – ein wirklich guter Witz, fand er, weil man nicht sicher sein konnte, auf wessen Kosten er ging: Ihnen kam nicht einmal in den Sinn, dass etwas, das sich nicht ändern ließ, vielleicht vernichtet werden musste.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der kleinen Ansammlung von Bildschirmen auf seinem Arbeitstisch zu. Der Output der Sicherheitsscanner in der zentralen Service-Einrichtung war lückenhaft. Wer die Saboteure auch waren, offensichtlich wussten sie, wo sich die wichtigsten Überwachungskameras befanden. Aber das lag ja auf der Hand, nicht wahr? Das war keine zufällige Attacke irgendwelcher Bekloppter von der ARF. Dies war ein gut geplanter Angriff, der sich direkt gegen das Projekt richtete. Und das bedeutete: direkt gegen ihn.

Er schaltete durch die verfügbaren Feeds, suchte nach Bildern, egal wie vage oder verzerrt, die ihm helfen würden, den Ernst der Lage einzuschätzen. Die äußere Sicherheitszone hatten sie anscheinend überwunden. Nun, offensichtlich haben sie das, sonst wären sie ja nicht hier, dachte er, wütend auf sich selbst. Und es wurde gekämpft. Hin und wieder erhaschte er einen Blick auf sporadische Scharmützel, aber das Bild war stets verschwommen. Rennende Menschen. Trupps von Stop-Dums, die auf Anweisungen warteten. Sicherheitsleute, die ihre Stun-Kills sprechen ließen. Wo hatten sie die her? Sie gehörten nicht zur Ausstattung der Firma. Da drüben herrschte Chaos. Er hatte keine Wahl – er musste persönlich hin. Einmal klickte er sich noch durch die Feeds, in der Hoffnung, dass beim Umschalten irgendetwas wieder anspringen würde. Hatten sie die Brutkuppel schon erreicht? Die oberste Priorität war, die erste Produktionsreihe zu beschützen. Diese erste ultrageheime Produktionsreihe. Ultrageheim, dachte er bitter, ja, sicher doch. Zu viel stand auf dem Spiel, als dass dies ein Zufall hätte sein können.

Plötzlich bekam er ein Außenbild der Brutkuppel auf den Schirm. Das Gebäude sah aus wie jeder andere Wartungsblock. Seine wahre Bezeichnung war nur ihm bekannt, ferner dem Produktionsleiter, der ebenso viel zu verlieren hatte wie er selbst, und einer Handvoll zuverlässiger Techniker. Mitglieder des Firmenvorstands wussten zwar, was dort vor sich ging, aber nicht wann, wo oder wie. Irgendjemand musste diesen Leuten einen Hinweis gegeben haben. Irgendjemand schmiedete ein Komplott gegen ihn.

Just in dem Moment fiel ihm etwas auf: dieses seltsame Mädchen von Sturmmine vier. Das konnte nicht sein! Sie hatte sich überhaupt nicht verändert. War kein bisschen älter geworden. Hatte nicht einmal die Kleidung gewechselt, trug immer noch Felle und Leder. Auch das mörderische Messer hatte sie nach wie vor bei sich. Und ebenso schnell, wie sie erschienen war, war sie wieder aus seinem Sichtbereich verschwunden. Er versuchte, die Kamera zu verstellen, aber es gab keinen Weg, den Bildausschnitt zu vergrößern oder irgendwie anders zu erweitern, und nach ein, zwei Momenten brach die Verbindung zur zentralen Service-Einrichtung vollends ab.

Still saß er da und starrte die toten Bildschirme an. Schließlich sagte er laut: »Das war sie nicht.« Ein Schauer lief seinen Rücken hinab. Noch ein Gespenst konnte er nun wirklich nicht gebrauchen. »Das war sie nicht«, sagte er noch einmal. »Das hab ich mir nur eingebildet. Liegt am Stress. Genau das wollen sie ja erreichen. Glauben die etwa, dass sie mich so mürbe machen können? Nein, so werden sie mich ganz gewiss nicht kleinkriegen.«

Er hämmerte auf die Sprechanlage ein. »Cailio? Kommen Sie rein.«

Wenn die glaubten, dass ein Sicherheitspatzer und ein Haufen schlechter Publicity ihn brechen und vom Firmenvorstand fernhalten würden, dann unterschätzten sie Kiy Uvanov aber ganz gewaltig. Sie wussten es vielleicht nicht, aber sie hatten es mit einem Mann zu tun, der Killerroboter umgebracht hatte. Ihm machte gar nichts Angst. Ihn konnte man nicht mürbe machen.

Cailio Techlan kam wieder herein. Sie lächelte. Warum, fragte sich Uvanov, lachte ihn diese hochnäsige kleine Aristo-Schlampe aus?

2

Der Doktor war fasziniert. In der Zelle, die er beobachtete, war die Flüssigkeit vollends abgelaufen. Die sechs Gestalten lagen auf dem Gitterboden und zappelten und zuckten, als wären sie eine einzige Person. Dabei klappten sie den Mund auf und zu wie eine Handvoll gestrandete Fische. Er glaubte, von irgendwo unter dem Gerüst das Geräusch von Pumpen zu hören, und kam zu dem Schluss, dass er hier eine Art medizinische Einrichtung oder irgendeinen industriellen Prozess vor sich hatte. Möglicherweise beides gleichzeitig.

Er beugte sich vor und presste die Stirn gegen das Guckloch, um den Boden der Kammer besser erkennen zu können. Er spürte das sanfte Klicken, als die Front der Kammer sich leicht öffnete und beiseiteglitt. Rasch trat er zurück und blickte sich um. Überall in dem riesigen Kuppelbau, auf allen Stockwerken, öffneten sich die Kammern. Sofort stieg ihm ein schwacher beißender Geruch in die Nase, der ihn an heißes Meerwasser und verrottenden Seetang erinnerte. Mit einem Mal wurde ihm klar: Was hier auch vor sich gehen mochte, er sollte es sich lieber aus sicherer Entfernung ansehen. Er eilte zur Leiter und kletterte wieder nach unten. Über ihm kamen Gestalten aus den Zellen gewankt. Unnatürlich leise wanderten sie ziellos auf den Gerüsten umher. Dem Doktor fiel auf, dass sie sich zum ersten Mal, seit er sie gefunden hatte, unabhängig voneinander bewegten. Zumindest bis sie ihn sahen – in dem Moment nahm ihr zielloses Umherirren ein jähes Ende. Sie alle starrten zu ihm herunter. Seiner Schätzung nach mussten es zweihundert oder mehr sein.

»Hallöchen«, rief er und hob die Hand, wobei er hoffte, die Geste würde so freundlich und so wenig bedrohlich wie möglich wirken. »Ich bin der Doktor. Wer seid ihr?« Niemand antwortete oder regte sich. »Sprecht aber nicht alle auf einmal.« Keiner von ihnen schien ihn gehört zu haben. »Könnt ihr vielleicht mal kurz grunzen oder so?« Er präsentierte ihnen sein schönstes Lächeln. »Natürlich müssen nicht alle grunzen, ihr könnt auch einen Hauptgrunzer bestimmen, der das für euch übernimmt.« Er ließ seinen Blick über die Gerüste voller starrender Leute schweifen. »Da hebt sich ja nicht ein Mundwinkel«, bemerkte er. »Schwieriges Publikum. So sagt man doch, oder?« Er ließ die Hand sinken und zuckte mit den Schultern. »Ich frage mich, was als Nächstes passiert.«

Die zweihundert nicht ganz identischen Individuen bewegten sich mit stiller Entschlossenheit auf die Leitern zu und machten sich an den Abstieg.

»Irgendwie hab ich keinen Draht zu euch«, sagte der Doktor. Er konnte nicht sicher sein, aber es sah so aus, als wollten sie zu ihm. Er hatte sich in Menschenmengen noch nie wohlgefühlt: Allzu leicht verwandelten sie sich in Mobs und dieser Haufen schien auf dem besten Weg dahin zu sein. Rasch revidierte er seine Vorstellung von einer sicheren Entfernung und kam zu dem Schluss, dass die vernünftigste Option wohl wäre, mit der TARDIS abzufliegen. Es gab jedoch ein Problem: Er konnte Leela nicht hier zurücklassen, hatte aber im Augenblick keine Ahnung, wo sie steckte.

Die entwaffnete Frau befand sich auf Händen und Knien am Boden vor ihm und der stämmige Sicherheitsmann genoss es sichtlich, den Stun-Kill gegen sie einzusetzen. Wieder stieß er zu und benutzte gerade genug Saft, dass sie auf den Rücken fiel, zuckte und vor Schmerzen schrie. »Siehst du, siehst du«, zischte er durch zusammengebissene Zähne. »Roboter machen so was nicht.« Er tippte ihr Bein mit dem Elektroschocker an und grinste, als ihre Muskeln sich verkrampften und zuckten. »Warum kämpft ihr dann gegen Roboter?«

»Mach ich nicht«, keuchte sie. »Ich kämpfe gegen Gossenabschaum.«

»Oh.« Er kicherte. »Gossenabschaum? So denkst du also von mir?« Er setzte ihre Schulter unter Strom und gluckste, als sie hart auf die Seite krachte. »Ich bin wirklich verletzt.« Er drehte den Stun-Kill auf. »Das schreit geradezu nach Schmerz, findest du nicht auch? Ich finde, das schreit nach großem Schmerz.«

Leela stand an die Wand gedrückt und musterte den Mann und die Waffe, die er gegen die wehrlose Frau einsetzte. Inzwischen hatte sie genug gesehen. Sie kam aus ihrer Deckung und trat hinter ihn. »Du hast recht«, sagte sie. »Das schreit nach Schmerz.«

Als der Mann sich umdrehte, zertrümmerte sie ihm die Nase mit dem Knauf ihres Messers. Er war fett und außer Form und wie erwartet kam er mit Schmerzen offenbar nicht gut zurecht.

»Au, meine Dase«, schluchzte er und taumelte rückwärts.

Leela ließ die Klinge des Messers auf sein Handgelenk niederfahren. Sie drang tief ein und lähmte die Hand, sodass er seine Waffe fallen ließ.

Die junge Frau auf dem Boden schnappte sie sich und kämpfte sich hoch.

Leela drehte sich und trat dem bezwungenen Mann zwischen die Beine. Er ging zu Boden, rollte sich zusammen und stöhnte erbärmlich.

Die junge Frau stand aufrecht, schwankte jedoch. Leela wollte sie stützen, aber die Frau schüttelte sie ab. Sehr bedächtig stellte sie die Waffe ein und drückte sie dem Mann gegen die Schläfe.

»Er ist besiegt«, sagte Leela. »Lassen Sie ihn fortkriechen und seine Schande verbergen.«

Die junge Frau feuerte die Waffe ab. Der Mann bebte und zuckte. Sein Fleisch verkokelte und sein Kopf verwandelte sich in einen qualmenden geschwärzten Totenschädel. »Der wusste doch gar nicht, was Schande ist«, sagte sie.

»Und jetzt lernt er’s auch nicht mehr«, sagte Leela und wandte sich zum Gehen. Die Front des Gebäudes, wo sie den Doktor zurückgelassen hatte, war komplett abgeriegelt, daher suchte sie nach einem Weg, der zur Rückseite führte.

»Warten Sie mal«, rief ihr die junge Frau nach. »Was haben Sie denn gedacht? Dass ich ihn gefangen nehme?«

»Sie wollten ihn umbringen«, erwiderte Leela mit einem kurzen Blick über die Schulter, »und das haben Sie auch getan.«

Nicht weit entfernt sah sie eine chaotische Ansammlung grauer Gebäude, einige größer als andere, ein paar davon hatten Kuppeln wie das Bauwerk, in dem sich der Doktor und die TARDIS befanden. Sie musste sich konzentrieren. An einem Ort wie diesem konnte man sich leicht verirren. Alle Gebäude waren durch schmale Wege miteinander verbunden, während breitere Wege zu den Vordereingängen führten. Sie hielt inne, um sich zu orientieren.

Die junge Frau schloss eilig zu ihr auf. »Er hätte mich umgebracht.«

Sie war kleiner als Leela und ein bisschen älter, hatte blassblaue Augen und kurz geschnittenes blondes Haar. Der Kontrast zwischen den beiden hätte größer kaum sein können. Leela bemerkte, dass sie einen Kampfanzug trug, aber sie bewegte sich nicht wie eine ausgebildete Kämpferin und benahm sich ganz gewiss nicht wie eine Kriegerin.

»Ich hatte ihn schon unschädlich gemacht«, sagte Leela tonlos.

»Nur für den Augenblick.«

»Und allein darauf kommt es an.« Leela entdeckte den Pfad, den sie nehmen wollte, und ging darauf zu.

»Ich würde es jederzeit wieder tun.« Die junge Frau packte Leelas Arm, um sie aufzuhalten. Sie zog sie zu sich herum und blickte ihr geradewegs ins Gesicht. »Sie wissen, was das für einer war«, zischte sie wütend. »Abschaum aus den Sewerpits. Einfach bloß ein weiterer Irrer, den die Firma angeheuert hat, weil sie die Roboter nicht dazu kriegt, die richtig dreckige Arbeit zu machen. Was stimmt nicht mit Ihnen? Ich hab der Welt einen Gefallen getan!«

»Nein«, entgegnete Leela. »Haben Sie nicht. Ein Gefallen ist etwas Persönliches. Was ich gemacht habe, war ein Gefallen. Ich habe Ihnen einen Gefallen getan.«

Die junge Frau schnaubte. »Was hätten Sie denn sonst tun wollen? Zusehen, wie dieses Stück Scheiße mich weiter mit seinem Stun-Kill foltert? Auf wessen Seite stehen Sie überhaupt?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Leela. »Darum bin ich hier rausgekommen.«

Sie konnte nach wie vor Kampflärm in der Umgebung hören, doch nun hörte es sich so an, als wären die Kämpfer auf dem Rückzug. Es war wie ein Gefecht zwischen Stämmen, keine geordnete Schlacht mit Sinn und Verstand. »Wie viele Seiten gibt es denn?«

»Wo kommen Sie eigentlich her?« Eine gedämpfte Explosion ließ die junge Frau zusammenzucken. Nervös blickte sie sich um.

Leela zeigte auf den Kuppelbau. »Von da.«

»Kommen Sie schon, wir müssen hier weg!« Die Frau machte ein paar unsichere Schritte, zögerte dann jedoch, als Leela sich nicht rührte. »Wie heißen Sie?«

»Leela. Und Sie?«

»Mein Kampfname ist Padil.«

»Sie haben einen Kampfnamen?« Leela unternahm keinen Versuch, ihre amüsierte Geringschätzung zu verbergen. »Man hat Ihnen den Namen einer Kriegerin verliehen?«

»Ja«, erklärte die Frau in defensivem Ton. »Ich hab ihn mir selbst ausgesucht. Sie wollen mir bestimmt weismachen, dass Sie Ihren echten Namen verwenden. Und was tragen Sie da eigentlich?«

»Das ist mein Stammes-Ensemble«, sagte Leela. »Was stimmt damit nicht?«

Padil zuckte mit den Schultern. »Ist ’n bisschen schrill, finden Sie nicht? Für eine tarenistische Guerilla-Kämpferin. Capel, Menschlichkeit sei in ihm, ermahnt uns immer, uns für den Kampf unauffällig zu kleiden.«

Leela verlor allmählich die Geduld mit dieser Padil. Sie war nicht in der Stimmung, sich von einer unausgebildeten, gedankenlosen Scharfrichterin Vorträge halten zu lassen, und sie hatte nicht vor, sich von ihr behindern zu lassen, während sie das tat, was getan werden musste. »Ihr Anführer sollte Ihnen zuerst beibringen, wie man kämpft, und nicht, was man dazu anzieht«, sagte sie. Sie hob die Hand, jene Geste, die laut dem Doktor von den meisten Leuten als freundlich erkannt wurde. Dann fuhr sie mit fester Stimme fort: »Leben Sie wohl, Padil.«

Dieses Mal schien die Frau den Wink zu verstehen: Sie versuchte nicht, Leela zu folgen, als sie schließlich um die Ecke des Kuppelbaus verschwand. Prompt liefen ihr zwei Männer über den Weg. Sie trugen die gleichen Stammeszeichen und hatten die gleichen Waffen bei sich wie der Mann, den Padil niedergemacht hatte: jene Dinger, die Stun-Kills hießen.

»Na«, sagte einer von ihnen, »was haben wir denn hier?«

»Spaß«, sagte der andere und fuchtelte mit seinem Stun-Kill in ihre Richtung. »Wir dürfen ein bisschen Spaß haben. Das haben wir uns ja auch redlich verdient.«

Leela ärgerte sich über sich selbst. Sie hätte die Männer kommen hören und diese unnötige Konfrontation vermeiden müssen. Sie ließ sich in eine Kampfhaltung sinken, das Messer vor sich ausgestreckt. Beide Männer kamen auf sie zu und entfernten sich ein wenig voneinander, um sie in die Zange zu nehmen. Leela bewegte sich nach links und wechselte das Messer von einer in die andere Hand und wieder zurück. Sie hoffte, die Männer würden ihre Fingerfertigkeit erkennen und begreifen, dass sie in der Lage war, sie beide umzubringen. Wenn die Drohgebärde sie schon nicht davon überzeugte, sie unbehelligt vorbeizulassen, so würde sie vielleicht wenigstens ein bisschen Zweifel in ihnen aufkommen lassen. Zweifeln macht langsam. Pass auf, dass dein Feind mehr zweifelt als du. Das war eine der ersten Sachen, die sie gelernt hatte, und sie hatte lange gebraucht, um zu begreifen, dass es bei der Lektion vor allem darum ging, ihre eigenen Zweifel unter Kontrolle zu bringen.

»Du musst es dir nicht unnötig schwer machen, Mädel«, sagte der größere der beiden Männer.

»Vielleicht gefällt’s dir ja sogar«, kicherte der andere. »Wenn du dich benimmst.«

»Und uns keine Schwierigkeiten machst.«

»Und nett zu uns bist.«

»Ausgesprochen nett.«

»Nicht, dass du irgendeine Wahl hättest.«

»So allein, wie du hier rumläufst, Mädel. Nur ein halbes Hemd.«

Der kleinere der beiden Männer geriet in Aufregung. »Hübsche Beine«, sagte er und schmatzte geräuschvoll mit den Lippen. »Hübsches Outfit.«

Beide standen sie einfach nur da und grinsten, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, eine Verteidigungshaltung anzunehmen. Leela war klar, dass sie keine Chance hatte, die beiden von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie waren keine Krieger und erkannten die Gefahr nicht, die von ihr ausging. Manchmal waren solche Leute gefährlicher als ordentlich ausgebildete und ernst zu nehmende Widersacher. Sie konnten unberechenbar sein.

»Wirf das Messer weg, Mädel.«

Diese beiden waren natürlich völlig berechenbar.

»Die Stiefel sind echt sexy.«

Wie der, mit dem sie es zuvor zu tun gehabt hatte, waren sie kaum trainiert oder kampferprobt, das erkannte Leela sofort. Ihre Reaktionen würden langsam sein und Schmerz würde sie noch mehr verlangsamen. Sie waren dumm und abstoßend, aber reichte das als Grund, sie umzubringen?

Eine weitere Explosion erklang in der Ferne und die beiden Männer wechselten einen Blick. »Sieht so aus, als hätten wir keine Zeit«, meinte der Größere.

»Ach, komm schon, Hudge.« Der Kleinere wirkte enttäuscht. »Wie lange kann es schon dauern?«

»Bring sie um und dann verschwinden wir.« Der mit dem Namen Hudge stellte seinen Stun-Kill so ein, wie Padil es getan hatte. Leela wusste also, dass die Waffe nun tödlich war. »Du wirst dich mit dem Kopfgeld zufrieden geben müssen.«

Der kleinere der beiden regelte seinen Stun-Kill auf dieselbe Weise hoch. »Was für eine Verschwendung«, maulte er. »Wir hätten das Geld kriegen und unseren Spaß mit ihr haben können. Das ist die Leckerste, die uns bis jetzt begegnet ist.«

»Du würdest zu lange brauchen, du gieriger kleiner Perversling«, sagte Hudge. »Weißt du nicht mehr, was letztes Mal passiert ist?« Er streckte den tödlichen Stab vor sich aus und kam auf Leela zu. »Wir bringen sie um und fertig.«

Leela ließ das Messer ein Stück sinken und machte einen halben Schritt rückwärts. Sie neigte sich leicht zur Seite, als wollte sie versuchen, außer Reichweite des Stun-Kill zu gelangen.

»Leicht verdientes Geld«, höhnte Hudge und machte einen Satz auf sie zu.

Leela ließ zu, dass Hudge durch seinen eigenen Schwung aus dem Gleichgewicht geriet. Im letzten Moment trat sie seinen ausgestreckten Arm mit dem Stun-Kill beiseite und rammte ihm das Messer von unten in den Brustkorb. Der Mann hatte kaum Zeit, ein überraschtes Gesicht zu machen, ehe er starb.

»Halt sie fest, Hudge!« Der kleinere Mann eilte herbei und fuchtelte wild mit seinem Stun-Kill, wollte Leela unbedingt niederbrennen, bevor sie sich befreien konnte. Da er so wahllos um sich schlug, ließ sich schwer erkennen, ob er wusste, dass Hudge bereits tot war. Wie es schien, hätte er den Tod seines Kameraden ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf genommen, um an Leela heranzukommen. Fast beiläufig drehte sie den Waffenarm des Toten nach außen und der kleinere Mann lief geradewegs in den geladenen Stun-Kill hinein. Leela spürte den Stromstoß, der ihn durchfuhr. In einer Wolke qualmender Funken wurde er zu Boden geschleudert. Dort wand er sich und zuckte. Leela zog dem größeren Mann das Messer aus der Brust und ließ den Leichnam fallen.

»Ich dachte, Sie halten nichts vom Töten«, sagte Padil hinter ihr. »Soll aber keine Kritik sein.« Sie lächelte voll unverhohlener Bewunderung. »Das war beeindruckend.«

»Es war deren Entscheidung«, sagte Leela.

»Zu sterben?«

»Sie haben sich fürs Töten entschieden.« Es war ihr unangenehm, dass Padil sie für etwas lobte, worauf sie selbst nicht stolz war. Es war ein barbarischer Kampf gewesen, unnötig und ohne jedes Können.

Padil nickte grimmig. »Töten gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Gehen wir jetzt?«

Leela wandte sich wieder dem Kuppelbau zu. »Ich muss wieder da rein.«

»Das geht aber nicht ohne reichlich Sprengstoff«, sagte Padil. »Sobald der Alarm losgeht, kommt man in keine der Kuppelbauten mehr rein. Das gehört zu dem, was wir rausfinden wollten. Das, und wie gut die Sicherheitsleute sind.« Sie blickte sich nervös um. »Und wie viele es gibt.«

Leela machte eine Kopfbewegung in Richtung der zwei Männer, die sie umgebracht hatte. »Das sind die Sicherheitsleute?«

»Abschaum aus den Sewerpits.«

»Was ist ihr Zweck?« Sie hockte sich hin, um sich die Stammeszeichen auf ihrer Uniform genauer anzusehen. Den Blitzsymbolen nach zu urteilen gehörten sie vielleicht zum Stamm der Gewitterwolke. Vielleicht hatte es auch etwas mit den Stun-Kill-Waffen zu tun, die sie bei sich trugen. Oder sie taugten als Kämpfer einfach nichts. Leela war schon früher der Gedanke gekommen: Je ineffektiver eine Kriegerkaste war, umso protzigere und prahlerischere Abzeichen trugen sie. Der Doktor nannte dies das inverse Gesetz der Werbung: Je unwichtiger etwas war, desto wichtiger war es, damit anzugeben.

»Sie hatten die Aufgabe, das alles hier zu bewachen«, erklärte Padil mit finsterem Blick.

Leela stand wieder auf. »Vor Ihnen?«, fragte sie.

»Vor allen! Warum wissen Sie so was nicht? Jeder weiß das. Es ist offensichtlich.«

»Wenn’s offensichtlich wäre«, erwiderte Leela verhalten, »müsste ich Sie nicht fragen.«

Padil wurde misstrauisch. »Sind Sie von irgendwo geflohen? Aus irgendeiner Einrichtung? Werden Sie wegen irgendwas behandelt?« Und dann wirkte sie plötzlich sehr beunruhigt. »Sie sind doch kein Roboter, oder?« Sie wich einen Schritt zurück. »Sind Sie ein Roboter?«

Leela merkte, dass die Frau ganz offensichtlich Angst hatte. »Diese gruseligen Metallmänner?«, fragte sie. »Gibt’s diese gruseligen Metallmänner hier etwa auch?«

»Sind Sie ein Roboter?«, fragte Padil noch einmal.

»Natürlich nicht«, sagte Leela.

»Sind Sie sicher?«

»Seh ich wie ein Roboter aus?«

»Nicht wie ein konventioneller.« Padil trat näher und schaute Leela suchend in die Augen. »Aber es gibt Gerüchte über eine neue Klasse …« Sie brachte den Satz nicht zu Ende.

Leela wandte sich zu dem Kuppelbau um. »Und wo kriege ich nun reichlich Sprengstoff her?«

»Sie sind ganz schön seltsam.«

»Beantworten Sie meine Frage.«

»Nirgendwoher«, sagte Padil. »Kommen Sie schon, wir müssen weg – sofort!« Sie zeigte mit dem Finger auf etwas.

Leela hatte die Gruppe vom Stamm der Gewitterwolke bereits erspäht, die gerade hinter einem flachen, eckigen Gebäude hervorkam. Sie waren zu zehnt und marschierten rasch in Zweierformation. Sie wirkten weit disziplinierter und bestimmter als die, denen sie bisher gegenübergestanden hatte. Leela spürte den Drang, sich mit ihnen zu messen – eine Frage des Stolzes. Sie wusste jedoch, dass dies als Grund nicht ausreichte, jemanden umzubringen. Aus der entgegengesetzten Richtung näherte sich eine weitere Gruppe, diesmal acht Personen. Leela hatte das Gefühl, dass es eine Falle war.

Padil zog an ihrem Arm. »Kommen Sie schon! Hier lang.«

Widerwillig ließ Leela sich durch ein Labyrinth aus Wegen führen. Schließlich überquerten sie einen offenen Platz und gelangten zu einem großen Loch, das in den Einfassungszaun geschnitten worden war. Padil duckte sich hindurch. Leela schaute ihr nach und fragte sich mit einem Mal, warum die Frau den komplizierten Weg so leicht und ohne Zögern hatte finden können, und warum ihnen niemand vom Stamm der Gewitterwolke gefolgt war.

Seine erste Krise hatte er erlebt, als man ihm befohlen hatte, DAS ZU SEIN, WOFÜR ER GEDACHT WAR. Möglicherweise war ihm bereits gesagt worden, wofür er gedacht war, und er hatte bloß nicht verstanden, wie man so WAR.

Das Entwicklungslabor lag tief unter der Erde und war als Level-7-Sicherheitszone klassifiziert. Dadurch war es so geheim, dass es offiziell gar nicht existierte. Menschen waren bei der Errichtung nicht involviert gewesen. Dies war unscheinbaren, handelsüblichen Robotern überlassen worden, die hinterher routinemäßig gewartet worden waren. Man hatte also keinerlei Neugier erregt und nichts von den Baudetails war im Speicher der eigentlichen Baumeister verblieben.

Sobald die voll ausgestatteten unterirdischen Räumlichkeiten vollendet gewesen waren, war unter dem Deckmantel der Gebäudeinstandhaltung der verborgene Zugang eingelassen worden, von Robotern, die danach rasch in die Wartung kamen, aber nicht so schnell, dass irgendjemand Verdacht schöpfen würde. Anschließend waren die vollständig autarken Wohnquartiere heimlich von Supervocs eingerichtet worden, die dann als Hilfskräfte im Labor geblieben waren.

Eine kleine Gruppe erstklassiger Ingenieure, Spezialisten für Robotertechnik, bekam im Geheimen die ungeahnte Gelegenheit geboten, in einem ehemals verbotenen Bereich zu forschen. Sie alle nahmen das Angebot eifrig an und ließen sich bereitwillig in dem verborgenen Komplex einschließen.

Da das Team mit den Plänen und Schaltbildern arbeiten konnte, die in Taren Capels Kabine auf Sturmmine vier gefunden worden waren, brauchte es nicht lange, um seinen Durchbruch zu reproduzieren und das Ganze so weiterzuentwickeln, dass es optional und vollständig umkehrbar wurde.

Dabei hatte das Team bewusst die offizielle Entwicklungslinie ignoriert, wenngleich daraus ein experimentelles Modell mit bemerkenswertem Potenzial hervorgegangen war. Jener Roboter, getarnt als Dum mit der Bezeichnung D84, hatte sogar verdeckt operiert und dazu beigetragen, den abtrünnigen Taren Capel zur Rechenschaft zu ziehen. Das Problem an diesem Versuch, die Fähigkeiten von Robotern zu erweitern: Die Standard-Forschungsserie neigte dazu, eigensinnige Maschinen hervorzubringen, die individuelle Tendenzen sowie eine potenziell gefährliche Unberechenbarkeit an den Tag legten.

Man war der Ansicht gewesen, dass der perfekte Roboter über alle hoch entwickelten Fähigkeiten verfügen sollte, die allerdings nur auf Abruf ausgelöst werden konnten. Die Aufgabe, die das Team sich selbst gestellt hatte: Der Roboter sollte sich vom einfachsten Dum über eine komplexere Maschine bis hin zum komplexesten Supervoc entwickeln können, ohne – und dies war das Wesentliche – selbst etwas von der Veränderung mitzubekommen. Um dieses Ideal zu erreichen, musste jede Kontrollebene zugänglich sein.

Taren Capel hatte einen destruktiven Weg gefunden, auf eine fundamentale Beschränkung zuzugreifen, die alle Roboter gemeinsam hatten, und sie zu modifizieren. Das Technikerteam machte sich daran, das destruktive Element zu entfernen und Taren Capels Entdeckung zu ihrer logischen Vollendung zu bringen. Mit SASV1 bauten sie am ultimativen Roboter. Zumindest glaubten sie das.

Seine zweite Krise hatte er erlebt, als man ihm befohlen hatte, NICHT ZU SEIN, WOFÜR ER GEDACHT WAR. Möglicherweise war ihm bereits mitgeteilt worden, wofür er gedacht war, und er hatte einfach nur nicht verstanden, wie man NICHT SO WAR.

Er verstand nun, wie man WAR. NICHT ZU SEIN war komplizierter.

Poul ließ sich in seinen Sessel zurücksinken und gähnte. Er wusste nicht, warum er so müde war. Er hatte kaum etwas getan und hatte vor, sogar noch weniger zu tun. Die meiste Zeit tat er sehr wenig. Es kümmerte ohnehin niemanden, und ihn am allerwenigsten. Gleich nachdem er sich von seinem Zusammenbruch erholt hatte, hatten sie ihn gefragt, ob er seinen alten Job in der Sicherheitsabteilung der Firma wiederhaben wollte, und er hatte ja gesagt, weil ihm nichts besseres eingefallen war, was er sonst hätte tun sollen. Er hätte zurücktreten und eine Krankheitspension beziehen können, aber wer, der noch bei vollem Verstand war, würde sich denn bitte selbst eingestehen, dass das Leben vorbei war und man nur noch auf den Tod wartete? Hierin lag natürlich die besondere Ironie: Er war schießlich nicht bei vollem Verstand. In Wahrheit hatte er sich nie gänzlich von seinem Zusammenbruch erholt. Die Albträume hatten aufgehört und er konnte es mit Mühe und Not ertragen, mit einem Roboter im selben Zimmer zu sein. Aber ein Teil seines Lebens und sämtliche Details jenes letzten verdeckten Auftrags waren wie ausgelöscht. Er konnte sich schlicht an nichts mehr erinnern. Wie sollte man zu seinem alten Job zurückkehren, wenn man sich nicht daran erinnerte, worum es sich bei diesem alten Job handelte? Nicht, dass es ihn allzu sehr zu behindern schien: Er war mehrfach befördert worden, und zwar völlig ohne ersichtlichen Grund – ganz im Gegenteil. Er war am Leben und erschien einigermaßen regelmäßig zum Dienst, aber das war auch schon so gut wie alles.

Er schniefte und lächelte säuerlich. »Vielleicht liegt es ja an meinem Charme«, brummte er und blickte durch die gläserne Trennwand, die ihn vom Rest der Betriebsgalerie abschirmte. Dort herrschte große Geschäftigkeit. Irgendetwas ging vor sich. Offenbar hatte es etwas mit der zentralen Service-Einrichtung zu tun; also war es ein roboterbezogenes Problem – was hieß, dass er nichts damit zu tun hatte. Er befasste sich mit Menschen. Ausschließlich mit Menschen. Chef der Sicherheitsabteilung (Menschen) stand an seiner Tür. Es gab eigentlich keine solche Abteilung. Wahrscheinlich blieb daher vom Bereichsbudget genug übrig, um ihn derart großzügig fürs Nichtstun zu bezahlen. Die Frage nach dem Warum beantwortete dies natürlich nicht …

»Helfen Sie uns nun mit der Sache oder nicht?« Stenton »Fetti« Rull füllte den Türrahmen aus.

»Ich denk mal, es läuft auf ›oder nicht‹ hinaus«, sagte Poul.

Der Operations-Supervisor machte ein böses Gesicht. Er hatte Poul nichts zu sagen, und das wussten sie beide. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, es trotzdem ständig zu versuchen. »Kriegen Sie Ihren faulen Hintern hoch, Poul. Dieser Abschaum von der ARF hat ’ne Riesenaktion gegen uns gestartet. Wir brauchen da draußen jeden Mann.« Er deutete mit seinem fetten Daumen über die Schulter.

»So wie es aussieht«, sagte Poul, während er an ihm vorbeispähte, »haben Sie da draußen schon jeden Mann, abgesehen von den prächtigen Exemplaren, die Sie für die Streife an den verschiedenen Standorten angeheuert haben. Und ich vermute, diese Killer vom Grabbeltisch machen gerade genau das, wofür Sie sie bezahlen, stimmt’s?«

»Was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann.«

Poul lächelte. »Sie bezahlen mich nicht, Rull.«

»Ich weiß nicht, warum’s irgendwer tut«, sagte Rull.

»Das liegt daran, dass ich so gut aussehend, charmant und allgemein beliebt bin.«

»Ist echt eine wahre Freude, Sie um sich zu haben.«

»Ganz genau. Und jetzt hauen Sie ab, Fetti.«

»Zwingen Sie mich doch«, höhnte Rull und trat weiter ins Zimmer.

Poul stand auf. Er nahm seine Jacke vom Haken an der Wand. »Entschuldigen Sie mich«, sagte er höflich und drückte sich vorsichtig an dem Schwergewicht vorbei.

Er ging durch die Betriebsgalerie hinaus und nahm dabei kaum Notiz von den unzusammenhängenden Bildern auf den normalerweise perfekt koordinierten Monitorbildschirmen und den eindringlichen Stimmen der Sicherheitsleute, die versuchten, den Kontakt mit den Bodentruppen aufrechtzuerhalten.

Das andauernde Ringen mit der ARF war ein zweckloser, hässlicher Kleinkrieg, der jäh und eher unerwartet zu eskalieren schien. Er konnte nur vermuten, dass die Geheimhaltungsabteilung der Firma, der er anscheinend einmal angehört hatte, ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht hatte. Angesichts der regelmäßigen Infiltrationen der Anti-Roboter-Front hätten sie eigentlich mit alldem hier rechnen müssen. Selbst ohne einen Spion in der Organisation hätte die Spionageabteilung – was für ein Witz sie doch war – fähig sein müssen, die ARF aufzuspüren. Verdammt, diese Leute waren doch berechenbar genug, ebenso wie die Reaktion der Firma auf sie. Es war alles deprimierend vorhersehbar und vorhersehbar irrational. Und ein totales Tohuwabohu, wie üblich. Schwer zu sagen, was diese Eskalation ausgelöst hatte, aber sicher kam sie nicht von ungefähr. Jemand hätte also in der Lage sein müssen, das Ganze vorherzusehen. Jemand hätte darauf achtgeben müssen. Vielleicht hätte er selbst besser achtgeben müssen …

Draußen auf der Straße blieb Poul einen Augenblick lang stehen, um zu entscheiden, ob er zu Fuß zu seinem Apartment laufen oder ein programmierbares Auto-Trike nehmen sollte. Er nahm nie die luxuriöseren robotergezogenen Buggys – nicht weil er sie sich nicht hätte leisten können, sondern weil er sich so nahe bei den Vocs, die unermüdlich die zweirädrigen Gefährte zogen, einfach nicht entspannen konnte. Nicht entspannen können traf es vielleicht nicht ganz. Tatsächlich konnte er ihnen nicht nahe kommen, ohne dass ihm vor lauter Panik der kalte Schweiß ausbrach.

Sie hatten ihm gesagt, dass er sich früher einmal in der Gesellschaft von Robotern wohlgefühlt hatte. Angeblich hatte er während seiner Undercover-Arbeit auf Sturmmine vier sogar einen Robotergehilfen gehabt. Er hatte keinen Grund, ihnen nicht zu glauben. Nun, eigentlich hatte er schon einen, er hatte sogar einen guten Grund. Denn das bedeutete ja, ein Roboter hätte verdeckt gearbeitet, doch in was für einer Rolle hätte er verdeckt arbeiten sollen und woher in Gottes Namen hätte er wissen sollen, was es bedeutete, verdeckt zu arbeiten?

Sie hatten es ihm nicht verraten. Sie hatten gesagt, dass der Roboter ein Experiment gewesen sei, dass er zerstört worden sei, aber sie hatten ihm nicht gesagt, was die Maschine zerstört hatte. Oder was ihn selbst, Poul, zerstört hatte. Es sei besser, wenn er sich selbst erinnerte.

In der Sache sollte er ruhig ihnen und ihren guten Absichten vertrauen. Nun, daraus würde nichts werden. Die Firma war nicht altruistisch. Sich kümmern und miteinander teilen? Nein, daran glaubte er nicht. Medizinische Behandlung, ein Job, Beförderung. Für all das musste es einen Grund geben, und wenngleich er ihn nicht kannte: Irgendjemand wusste Bescheid.

Er seufzte. Die Auto-Trikes waren ungemütlich und knifflig zu programmieren und nun, da er aus dem Gebäude heraus war, war seine Müdigkeit verflogen. Er hatte es nicht sonderlich eilig und das Wetter heute war herrlich, also konnte er ebenso gut zu Fuß gehen.

Momentan herrschte Trockenzeit und oft blies der Winterwind rasierklingenscharf direkt aus dem Blind Heart herüber. Die Leute nannten diesen Wind die Leere. Manchmal war er so eisig, dass einem die Knochen wehtaten. Wenn es jedoch so windstill wie heute war, dann war das Wetter oft ruhig und mild – Erztraum nannten das die Arbeitslosen aus den Sewerpits.

Trotz der Depression, die ihm auf Schritt und Tritt folgte wie eine dunkle Wolke, fing Poul an, den Spaziergang durch die stillen Straßen zu genießen. Er hatte etwa die Hälfte des Wegs zu seinem Apartment zurückgelegt, als er bemerkte, dass er verfolgt wurde. Er wusste – weil sie es ihm als Teil seiner Behandlung gesagt hatten –, dass er in seiner Verfassung anfällig für paranoide Wahnvorstellungen war. Möglicherweise war das hier lediglich eine dieser Fantasien. Möglicherweise bildete er sich die Gestalt nur ein, die er aus dem Augenwinkel erspäht hatte und die ihm an den Fersen klebte. Beiläufig überquerte er die baumgesäumte Straße und schlenderte in die Imbisspassage hinein.

Er entschied sich für einen Becher spritzigen Perlweins aus dem Spender und setzte sich damit demonstrativ entspannt an einen Tisch am Eingang der Passage. Er gab sich Mühe, nicht zu dick aufzutragen, und blickte beiläufig die Straße hinauf. Zu seiner Überraschung war die Gestalt, die ihm gefolgt war, genau dort, wo er sie erwartete. Anscheinend hatte sie einfach angehalten, stand nun vollkommen reglos da und starrte in seine Richtung.

Poul nippte an seinem Wein. Seine Hand zitterte und es fiel ihm schwer, den Becher an seine Lippen zu führen, ohne die klebrig-süße Flüssigkeit zu verschütten. Wieder ließ er den Blick über die Straße schweifen. Der Mann – er sah definitiv wie ein Mann aus, obwohl es aus der Distanz schwer zu erkennen war – hatte sich weder bewegt noch weggeschaut. Was stimmte nicht mit ihm? War er einfach nur schlecht in seinem Job? Andererseits wusste Poul ja nicht genau, was das überhaupt für ein Job war. Offenbar kam es nicht darauf an, dass der Mann unbemerkt blieb. Warum stand er so da? Warum bewegte er sich nicht wenigstens ein bisschen?

Poul nahm noch einen Schluck Wein, dann schaute er den Mann direkt an. Einen langen Moment starrte er weiter in seine Richtung und als der Mann noch immer keine Reaktion zeigte, hob er seinen Becher zu einem kleinen, ironischen Gruß. Nichts. Keine Reaktion. Seltsamerweise war Poul das Ganze ein wenig peinlich, so als hätte er irgendeinen Aspekt der Etikette missachtet oder wäre auf einer Party von einem Bekannten absichtlich ignoriert worden.

Er warf den Becher in die Mülltonne und dachte über seine Optionen nach: den Mann zur Rede stellen, den Mann ignorieren, den Mann abhängen. Er entschied sich für die Konfrontation, und sei es nur, um das Unbehagen loszuwerden, das wegen seines missglückten Versuchs, theatralisch zu sein, noch in ihm nachhallte. Gesten bedeuteten nichts, wenn sie ignoriert wurden. Es war nichts Geheimnisvolles an Körpersprache. Durch Sprechen wurde sie unnötig. Menschen kommunizierten, indem sie miteinander redeten. Er hielt inne. Körpersprache? Wo kam der Gedanke her? Irgendwann war ihm einmal beigebracht worden, wie man nonverbale Signale deutete. Warum fiel ihm das gerade jetzt ein?

Poul verließ die Passage und überquerte abermals die Straße, dann ging er zügig und schnurstracks dorthin, wo der Mann stand und ihm entgegenblickte. Als er näher kam, sah er, dass es tatsächlich ein Mann war. Er war durchschnittlich groß, hatte braunes Haar und trug ein schlichtes Hemd und Leggings wie ein Mann mit Geschmack und einem gewissen Wohlstand. Es gab jedoch noch immer nicht das geringste Anzeichen, dass er Poul in irgendeiner Weise wahrnahm. Keine menschliche Geste irgendeiner Art. Allmählich wurde Poul wütend. Das Ganze war beleidigend. Zutiefst beleidigend. Er wurde behandelt, als wäre er es nicht wert, dass man sich mit ihm abgab. Als wäre er nicht wichtig genug, dass man ihn überhaupt zur Kenntnis nahm. Hätte sich der Kopf nicht nahezu unmerklich bewegt, eine winzige Drehung, um ihn weiter ihm Blick zu behalten, so hätte Poul gedacht, dass dieser Mann nicht einmal lebendig, ja überhaupt kein Mann war. Er hätte ihn für einen Roboter gehalten.

Er hätte gedacht, dass es ein Roboter war. Er hätte gewusst, dass es ein Roboter war.

Es war ein Roboter.

Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte es nicht einmal in Erwägung gezogen. Just in diesem Augenblick war alles, was er für wahr halten wollte, eine Lüge. Die Welt, seine Welt, schwand dahin und er spürte, wie er sich selbst aufzulösen begann. Sein Herz hüpfte und flatterte panisch und das Zittern füllte seine Kehle und drohte, ihn zu ersticken. Er bekam keine Luft. Seine Lunge krampfte sich zusammen und machte es unmöglich, Atem zu holen, so sehr er sich auch bemühte. Unwillkürlich zuckten und verspannten sich seine Armmuskeln. Sein Magen machte einen Satz und zog sich zusammen. Er merkte, wie ihm die Kraft aus den Beinen wich, sodass seine Schritte unsicher wurden und er schwankte. Sein Gleichgewichtssinn ließ ihn im Stich und er wäre um ein Haar gestürzt. Er kam sich ein wenig lächerlich vor, ungewollt komisch. Ein kreischendes Entsetzen füllte seinen Kopf und er wusste nicht, ob er den Schrei ohne Atem überhaupt herausbringen konnte.

Es war ein Roboter.

Er wollte nicht weiter darauf zugehen. Es war ein Roboter.

Er wollte stehen bleiben, sich umdrehen und davonlaufen. Doch irgendwie gelang ihm nichts davon, nun, da die Welt zu Ende ging.

Es war ein Roboter.

Er zwang sich zum Anhalten, stand schwankend da und starrte den Mann in schreiender Stille an.

Es war ein Roboter.

»Was willst du?«, brachte er am Ende heraus … Oder schrie er es am Ende? Oder krächzte er es am Ende? Am Ende wusste er es nicht. »Du verfolgst mich. Warum verfolgst du mich?«

»Ander Poul«, sagte der Roboter höflich, »ich wurde geschickt, um Sie zu töten.«

3

»Leute? Leute!«, rief der Doktor und klatschte in die Hände. Er versuchte, eine gewisse Ordnung in das Gewühl seltsamer Sechslinge zu bringen. Wie befürchtet war der Versuch leider reine Zeitverschwendung. Sie wanderten umher wie Kleinkinder im Körper von Erwachsenen, untersuchten neugierig alles, was in ihre Reichweite kam, und verloren rasch wieder das Interesse. Sie schienen die Aufmerksamkeitsspanne von behuften Pflanzenfressern zu haben. Aber sie waren nicht grundsätzlich dumm. Er konnte erkennen, dass sie die ganze Zeit lernten. Und sie taten es in beinahe vollkommener Stille. Obgleich sie nicht sprachen, schienen sie zu verstehen, was er zu ihnen sagte. Als er fragte: »Weiß irgendwer von euch, wo ihr herkommt?«, zeigten ein paar von ihnen zu den Gerüsten hinauf, ehe er und seine Fragen sie zu langweilen begannen und sie sich von irgendetwas ablenken ließen. Einige hatten den Weg in die TARDIS gefunden, also musste er sie wieder hinausgeleiten und die Tür vor den anderen verschließen.

Während er ihnen zusah, wurde ihm klar, dass alle sechs Mitglieder jeder Gruppe ihr Wissen teilten – was eines von ihnen lernte, lernten alle. Wie sie Informationen miteinander teilten, war dem Doktor noch nicht klar, und er konnte nicht sagen, ob dieselbe Art von Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen stattfand. Waren sie fabrikproduzierte Klone? War jede Sechsergruppe quasi ein vervielfachtes einzelnes Individuum? Und war dies der Ursprung ihrer mysteriösen Kommunikationsfähigkeiten?

Ich muss aufhören, meine Zeit mit nutzloser Spekulation zu verschwenden, dachte der Doktor. Ich habe noch nicht mal abschließend geklärt, ob sie überhaupt auf mysteriöse Weise kommunizieren, und schon erwäge ich die Telepathie von Klonen oder möglicherweise das Klonen von Telepathen.

Tatsächlich war industrielles Klonen nicht sonderlich ungewöhnlich, obwohl der Doktor auf seinen Reisen selten damit in Berührung gekommen war. Viel öfter hatte er Gerüchte über diese Praxis gehört sowie über die bizarren Nebenwirkungen, die dabei wohl manchmal auftraten. Gerüchten schenkte er jedoch nie viel Beachtung. Er behandelte sie mit derselben stillen Geringschätzung, die er für alles bereithielt, was mit den Worten Es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass … oder Es geht gegen das Wort Gottes … begann.

»Leute! Leute?«, rief er wieder. »Hallo? Weiß irgendwer von euch, wie man hier rauskommt? Besteht die geringste Möglichkeit, dass irgendjemand eine Ahnung hat, wo ihr hinsollt?«

Diesmal streckte niemand den Arm aus und deutete in irgendeine Richtung. Tatsächlich hielten die meisten bei dem inne, was sie gerade taten, wandten sich ihm zu, standen still da und warteten geduldig und respektvoll.

»Ich verstehe«, meinte er und lächelte fröhlich in die Runde. »Ihr erwartet, dass ich euch sage, wohin ihr gehen müsst. Da gibt es allerdings ein winziges Problem: Ich weiß es ebenso wenig wie ihr. Weder weiß ich, wo ihr herkommt, noch wo ihr hinsollt, noch warum.« Er zuckte mit den Schultern und wühlte in der Tasche seines langen Mantels herum. »Die elementaren Fragen sind: was, wo, wann, wie und warum«, sagte er. »Und wir können nicht mal eine davon beantworten, oder?« Er zog eine ramponierte Papiertüte hervor. »Hat jemand Lust auf ein Gummibärchen?«, fragte er, nahm selbst eins und hielt den Gestalten die Tüte hin. Niemand griff zu. Er steckte die Tüte wieder weg. »Ihr wisst nicht, was euch entgeht«, erklärte er. »Die sind extrem gut. Meiner Ansicht nach ist die Verfügbarkeit von Gummibärchen ein Indikator für die Reife einer Zivilisation.« Er kaute gedankenverloren. »Um hier rauszukommen«, sagte er, »benötigen wir Vorstellungskraft und eine brillante Idee. So viel ist klar.« Er schnippte mit den Fingern und strahlte. »Versuchen wir’s doch mal mit den Türen.«

Als er auf die Türen zuschritt, folgten ihm die seltsamen Leute. Sie lächelten, und hätte der Doktor besser achtgegeben, wäre ihm aufgefallen, dass sie alle den Kiefer bewegten, als würden sie auf etwas herumkauen.

Mit einem Firmenflieger wäre Uvanov schneller gewesen – was einer der Gründe dafür war, warum er sich für die Reise mit dem Schienenfahrzeug entschieden hatte. Er konnte rein gar nichts tun, um das Desaster aufzuhalten, das sich gerade in der zentralen Service-Einrichtung ereignete, doch wenn er zu früh eintraf, käme er genau richtig, um selbst den Kopf hinhalten zu müssen. Niemand bei Verstand wollte der Höchstrangige vor Ort sein, wenn ebenjener Ort gerade in Flammen stand. War man so gerissen und ehrgeizig wie er, dann tauchte man bei solchen Pannen erst auf, wenn sich der Rauch bereits verzog. Zu dem Zeitpunkt war bereits zu erkennen, was getan werden musste und wer die Schuld daran trug, dass es nicht längst erledigt worden war. Mit dem richtigen Timing konnte man sich selbst auf die Fahne schreiben, das Durcheinander beseitigt zu haben, ohne das Risiko einzugehen, sich die Hände schmutzig zu machen oder den kostbaren Ruf zu verderben. Man konnte der Held des Augenblicks werden, jedermanns liebster Feuerwehrmann. Timing war alles und sein Instinkt für die Rhythmen eines Wüstensturms, der ihn zu einem so großartigen Minen-Captain machte, schien ihm in der windigen Einöde der Firmenpolitik ebenso gute Dienste zu leisten.

»Mit dem Flieger wären wir schneller gewesen«, merkte Cailio Techlan an und schlurfte vom Führerhäuschen in die Passagierkabine. Sie reichte ihm die Ausdrucke, setzte sich ihm gegenüber und verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf einen der Beobachtungsschirme zu erhaschen, die nach vorn zeigten.

Uvanov ignorierte die Kritik, die in ihren Worten mitschwang. »Anscheinend ist der Produktionsablauf nicht behindert worden«, sagte er, während er sich die neuen Datenblätter ansah. »Sind die Techniker, die für Kuppel sechs zuständig sind, im Gebäude selbst oder im Überwachungszentrum?«

»Das fragen Sie mich?«, fragte sie. Es gelang ihr, Ungläubigkeit und Langeweile in ihre gespielt monotone Stimme zu legen.

»Damit will ich Ihnen sagen, dass Sie die Service-Einrichtung anrufen und nachfragen sollen«, sagte Uvanov.

»Was, jetzt?«

»Ja, jetzt.«

»Kuppel sechs? Warum interessiert Sie ausgerechnet Kuppel sechs?«

Uvanov beugte sich vor und brachte sein Gesicht nahe an ihres heran. »Weil ich der Chef bin«, zischte er, »und Sie sind meine Assistentin. Das heißt, dass Sie tun, was ich sage, wenn ich es sage, und zwar ohne alle möglichen unverschämten Fragen zu stellen.«

Zwei Dinge gefielen ihm daran, Cailio Techlan als Chefassistentin zu haben: Das Wichtigste war, dass sie zu dumm war, um eine Bedrohung für ihn darzustellen; das Angenehmste: Sie war ein Mitglied – ja, ein unwichtiges, aber dennoch ein Mitglied – der zwanzig Familien und es machte ihm einen Heidenspaß, sie hin und wieder in die Schranken zu weisen.

»Sie arbeiten immer noch an dem Schlaganfall, Kiy«, entgegnete sie trocken. »Sie sollten versuchen, ruhig zu bleiben.«

»Ich bin völlig ruhig«, blaffte er.

»Es war übrigens nur eine unverschämte Frage.« Sie lächelte ihn an. »Und zwar die, die man mir stellen wird, das ist alles.« Sie stand auf und ging wieder zum Führerhäuschen, wo sich die Sprechanlage befand.

»Sagen Sie denen, was ich Ihnen gesagt habe«, rief Uvanov.

»Sie sind der Chef«, erwiderte sie in ihrem roboterartigen Aristo-Singsang.

Uvanov warf ihr einen bösen Blick hinterher. Sie in die Schranken zu weisen klappte nicht immer so gut, wie er sich das wünschte. Manchmal kam es ihm so vor, als würde sie sich über ihn lustig machen. Er versuchte, sich auf die Produktionsbögen zu konzentrieren. Eigentlich kam es ihm immer so vor, als würde sie sich über ihn lustig machen. Wie machte sie das bloß? Wie machten die das?

Wenn die Produktionsauslesungen stimmten, war der Überfall bis jetzt nahezu ineffektiv gewesen. Es war das übliche ARF-Gehabe: ein bisschen Ausrüstung zerschlagen, ein paar Dums vernichten, ein paar Voc-Einheiten zerstören. Nur Rauch und Funken für die Publicity. Vielleicht war es doch nur ein Zufall?

»Sie sind im Überwachungszentrum.« Sie war zurück. »Die Techniker aus Kuppel sechs sind im Überwachungszentrum.«

Er schaute nicht auf. »Also war keiner da, als sich alles abgeriegelt hat?«

»Wollen Sie, dass ich nachfrage?«

»Nein, ich hab nur laut nachgedacht.«

»Ist das ein Problem?«

Nun blickte er auf und funkelte sie an. Versuchte sie mal wieder, witzig zu sein? »Was haben Sie gesagt?«

»Ist das ein Problem, dass keiner drinnen war?«

»Nein.«

Natürlich war es sehr wohl ein Problem. Die Prägung musste sofort erfolgen. Wenn die erste vollständig produzierte Charge psychotisch wurde oder die Roboter sich als Dums erwiesen, weil niemand bereit stand, der die ersten Leitmuster vorgeben konnte, würde das kein gutes Licht auf das Projekt werfen. Mit einem Mal ging ihm auf, dass genau das vielleicht der Sinn des Überfalls gewesen sein könnte: Sie lange genug von der Brutkuppel fernzuhalten, dass die gesamte Charge ruiniert wurde. Das würde jedoch wirklich bedeuten, dass es einen schlimmen Störfall im Sicherheitssystem gegeben hatte. Er starrte Cailio Techlan eindringlich an. Wusste sie davon? Hatte sie es herausbekommen und es an irgendeine geheime Aristo-Verbindung weitergegeben? Er wusste, dass die vor nichts haltmachen würden, um ihn aus dem Vorstand herauszuhalten.

Sie bemerkte seinen Blick. »Soll ich sonst noch irgendwas tun?«, fragte sie.

So oder so, dachte Uvanov, Zufall oder Verschwörung, für mich ist wichtig, dass es ein ernster Überfall ist. Er brauchte mehr als Feuerwerk und Hirngespinste, wenn er sich absichern wollte. »Gibt es Tote?«, fragte er.

»Jetzt wollen Sie, dass ich das herausfinde?« Monotone Langeweile mit einem Hauch von Ärger.

Uvanov lächelte unaufrichtig. »Genau das will ich.«

»Wir sind jeden Moment da. Selbst in diesem Ding dauert’s nicht mehr lange.«

Uvanovs Lächeln veränderte sich nicht. »Dann sollten Sie sich lieber beeilen«, sagte er.

Sie machte sich wieder auf den Weg zur Front des Gefährts. »Wollen Sie die Namen wissen?«

Uvanov verspürte eine absurde Befriedigung, als er ihren monotonen Sarkasmus hörte. »Nur wie viele und auf welcher Seite sie gestanden haben«, entgegnete er fröhlich.

Das Erste, was Poul bewusst wahrnahm, war der Schmerz in seinen Knien und dann in seinen Händen und Ellenbogen. Das Bett war viel härter, als er es in Erinnerung hatte. Und kälter. Wesentlich kälter.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte eine Stimme.

Wer war das? Wem gehörte diese Stimme? Die Stimme des Roboters.

Ander Poul, ich wurde geschickt, um Sie zu töten.

»Geht es Ihnen gut?«, wiederholte die Stimme. »Wollen Sie, dass ich einen MedVoc rufe?«

Einen MedVoc? Einen Roboter? Einen Roboter hier in sein Apartment rufen? An diesen Ort, wo er sicher war, weil sie nicht wussten, dass er hier war, wo sie nicht rein konnten? Oh nein, nein nein nein … Sie durften hier nicht rein, aus absolut keinem Grund, oh nein, nein nein nein … »Nein!« Er schrie so laut, dass er sich selbst aus dem Schlaf riss, öffnete die Augen und setzte sich im Bett auf und stellte fest, dass er auf der Straße gelegen hatte. Ein Mensch, der ein bisschen wie ein Roboter gekleidet war, beugte sich über ihn.

Die Mode der Jugend. An wen erinnerte ihn diese Aufmachung? Er hatte einmal einen gesehen, der wie ein Roboter angezogen war, als es drauf angekommen war. Da war es um Leben und Tod gegangen, Leben und Tod von allem.

»Sie sind wohl ohnmächtig geworden«, sagte der Junge, der ein bisschen wie ein Roboter angezogen war.

»Haben Sie einen Roboter gesehen?«, fragte Poul.

»Was?« Der Jugendliche beugte sich zu ihm herunter. »Was haben Sie gesagt?«

»Da war ein Roboter«, sagte Poul lauter. »Haben Sie den Roboter gesehen?«

Der Junge schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. »Können Sie aufstehen?« Er reichte ihm die Hand.

Poul nahm sie und kam mühsam auf die Beine. Ihm war schwindlig und übel. Er spürte den Schweiß auf Stirn und Nacken, schmierig und kalt. »Er hat versucht, mich umzubringen«, sagte er.

Der Junge zögerte. »War er vielleicht wie ein Roboter angezogen?«, schlug er unbehaglich vor.

»Nein, nein, nicht wie Sie«, versicherte ihm Poul. »Es war ein Roboter. Er hat mir gesagt, dass er geschickt wurde, um mich umzubringen.«

»Ein Roboter hat gesagt, er sei geschickt worden, um Sie umzubringen?«

»Er ist mir gefolgt.«

»Hören Sie zu, Topmaster«, meinte der Junge. »Ich weiß nicht, was Sie genommen haben, aber lassen Sie lieber die Finger davon. Es tut Ihnen nicht gut.«

Poul nickte und musste sich prompt am Arm des Jugendlichen festhalten, weil sich die Welt sofort zu drehen begann. »Danke«, sagte er. »Nächstes Mal verdünne ich’s mehr.«

»Sie sollten sich wirklich mal durchchecken lassen.«

Poul rang sich ein Lächeln ab. Offenbar wollte der Junge immer noch einen MedVoc rufen. Wenn er nach all dem Gebrabbel über Killerroboter einen Schreikrampf bekam, sobald sich ein Robotersanitäter näherte, würde er wahrscheinlich den Rest seines Lebens auf der geschlossenen Station verbringen. »Es geht mir schon viel besser. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen. Ich werde jetzt wieder rüber zur Imbisspassage gehen.« Er machte eine vage Geste über seine Schulter hinweg. »Muss erst mal wieder zu Atem kommen.«

»Imbisspassage?«, fragte der Jugendliche. »Welche Imbisspassage?«

Poul wandte sich zu der Passage um, wo er gesessen und den Roboter dabei beobachtet hatte, wie der ihn beobachtete – war es wirklich ein Roboter gewesen? Er fing schon selbst an, daran zu zweifeln. Die Imbisspassage, wo er an einem Tisch gesessen hatte. Die Imbisspassage, die nirgends zu sehen war.

Er schaute sich gründlicher um. Er befand sich nicht mehr dort, wo er dem Ding gegenübergestanden hatte, oder dem Mann, es musste ein Mann gewesen sein – Ander Poul, ich wurde geschickt, um Sie zu töten … Stimmen waren Schall und Rauch, eine Stimme hatte gar nichts zu sagen. Dies war nicht die Stelle. Dieser Ort lag nicht auf dem Weg zu seinem Apartment, den er eingeschlagen hatte. Wo war er? Gerade noch rechtzeitig hielt er sich davon ab zu fragen: Wo bin ich? Stattdessen sagte er: »Es ist ein paar Straßen weiter in die Richtung.« Er tätschelte dem Jungen die Schulter. »Bisschen runtergekommen. Nicht nach jedermanns Geschmack. Ich würde Ihnen aber gern einen Becher von dem Spezial-Süßwein ausgeben, den es dort gibt …«

Erleichtert sah er, dass er ungefähr den richtigen Ton getroffen hatte. Jetzt war es an dem Jungen, unbeholfene Ausreden zu finden, um rasch wegzukommen. Als Poul dem Typen mit seiner Robotermode und seinem modischen Robotergang nachschaute, erschien es ihm mehr als naheliegend, dass er sich geirrt hatte. Roboter konnten niemanden umbringen. Roboter konnten nicht einmal drohen, jemanden umzubringen. Es war ein Mann gewesen. Ein Mann, der vorgab, ein Roboter zu sein. Das war die einzige Erklärung. Nun gut, wie war er also hierhergekommen? Und wichtiger noch: Wo genau war er?

Er sah sich um und stellte fest, dass er sich am Rand eines nichtssagenden Gewerbegebiets befand. Kleine Manufakturen und Geschäfte, alles geschlossen und verrammelt. Er sah sich nach irgendwelchen auffälligen Gebäuden oder Ähnlichem um, irgendwas, das er wiedererkannte. Etwas zu finden durfte eigentlich kein Problem sein. Er kannte den Großteil der Stadt. Er musste sich einfach nur orientieren.

Und warum sollte ihm überhaupt jemand solche Angst machen wollen? Vielleicht war das eine Straßenräubermasche. Er untersuchte seine Jackentaschen. Nichts fehlte. In einer der Taschen entdeckte er sogar etwas, an das er sich gar nicht erinnerte: so was wie eine Münze. Er holte die kleine Scheibe aus schillerndem rotem Plastik hervor und musterte sie eingehend. Was war das? Er wusste, was es war – wenn er sich doch nur erinnern könnte. Wie hatten sie es genannt? Ja, das war es, genau. So hatten sie es genannt. Sie nannten es Leichenmarker. Es war eine Roboterdeaktivierungsscheibe.

Er hörte selbst kaum, wie er schrie.

Sie erwachte in Finsternis. Die vollkommene Stille verwirrte sie. Etwas stimmte nicht, das wusste sie, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. Sie erinnerte sich nicht. Wo war sie? Panisch wirbelten die Gedanken in ihrem Kopf herum. Woran genau erinnerte sie sich nicht? Warum stimmte irgendetwas nicht? Da waren Fetzen von Träumen und Schrecken und halb erinnertem Grauen. War sie tot? Hatte man sie beerdigt? Griffen die Roboter noch immer nach ihr? Was genau stimmte denn so ganz und gar nicht?

»Licht«, sagte sie automatisch. Das Licht in ihrem Schlafquartier ging an und wurde langsam heller.

In dem Augenblick fiel Toos wieder ein, was nicht stimmte, was so anders war. Die Fahrt war vorbei. Die Mine befand sich im Dock. Das stete Hintergrundgeräusch und die konstante Bewegung, beides hatte, nachdem es endlose Monate lang mehr oder weniger unbemerkt fortgedauert hatte, endlich aufgehört.

Damit einhergehend war auch die Anspannung ihrer Rolle als Captain von ihr abgefallen, die Furcht vor dem Versagen, das Risiko, irgendjemanden, und sei es sie selbst, bemerken zu lassen, wie sehr die Roboter sie in Wahrheit in Angst versetzten … Alles vorbei oder fast vorbei. Endlich konnte sie sich entspannen.

»Licht beibehalten«, befahl sie und das Licht stabilisierte sich. Sie streckte sich genüsslich und setzte sich im Bett auf.

Und das Beste: Sie war reich. So unverschämt reich, dass sie praktisch unantastbar war. Sie schaute auf die Uhr. Sie hatte länger geschlafen, als sie es vorgehabt hatte. Nicht dass es eine Rolle spielte, die Reichen folgten ihrer eigenen Uhr. Sie befand sich nun in der Wenn-ich-spät-dran-bin-warten-Sie-eben-Zeitzone. Die Mannschaft würde das sicher anders sehen. Warum auch nicht? Sie kannten sie zu gut, um sich von ihrem Geld zum Narren halten zu lassen. Wenn sie die Party für sie schmeißen wollte, die sie ihnen schuldig war, die sie sich selbst schuldig war, dann sollte sie lieber mit den Vorbereitungen anfangen. Sonst würden sie sich betrinken, zanken und getrennte Wege gehen, während sie selbst ihre Chance verpassen würde, ihr neues Leben als superreiches Miststück mit der angemessenen, skandalösen Sause einzuläuten.

Sie streckte die Hand nach dem Sprechgerät aus und stellte eine Verbindung nach draußen her. Während sie darauf wartete, dass sie zustande kam, dachte sie darüber nach, was sie danach tun würde, wenn das ganze Geschäft abgewickelt und die Party gefeiert war. Vielleicht würde sie etwas gegen das Roboterproblem unternehmen – zum Beispiel einer der Anti-Roboter-Gruppierungen beitreten. Zum Teufel, vielleicht würde sie ihre eigene Gruppe finanzieren. So eigenartig war es auch wieder nicht, robophobisch zu sein. Konnte jedem passieren. Was hatte Uvanov gesagt, damals während der Schlussbesprechung? Man muss gar nicht wissen, ob sie einen umbringen werden – es reicht zu denken, dass sie es könnten. Der Mann wusste, wie man sich durchschlug. Vielleicht würde sie ihn mal anrufen. Sie könnten über alte Zeiten sprechen. Und sie könnte herausfinden, an wie viel er sich noch erinnerte …

Der Doktor hatte es durch die Isolationstüren der Luftschleuse geschafft, obwohl ihm die auf geduldige Weise neugierige Menge kauender Leute gehörig auf die Pelle gerückt war. Die automatisch ausgelösten Blockaden waren nicht sonderlich kompliziert. Soweit er feststellen konnte, waren sie dazu gedacht, bei einem Alarm oder Notfall jeden aufzuhalten, der hier sonst üblicherweise ein und aus ging. Die äußeren Schutzgatter, die seiner Vermutung nach das komplette Gebäude umgaben, waren etwas anderes. Sie waren wahrscheinlich explosionsresistent und offensichtlich hatte man dafür gesorgt, dass sie gegen jegliche Manipulationsversuche gefeit waren. Der Doktor wusste, dass ein Einbruch keine guten Erfolgsaussichten hätte, schließlich rechnete man ja mit einer Bedrohung von außerhalb. Von innen auszubrechen hingegen war eine weniger große Herausforderung. Mit seinem Schallschraubenzieher und einem Taschenmesser machte er das richtige Terminal ausfindig und kehrte die Polarität um. Nachdem das geschafft war, brauchte er eigentlich nur noch eine kleine elektrische Ladung, um das Schloss aufzubekommen und das schwere Rollgatter anzuheben, das ihm den Weg versperrte.

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