Читать книгу: «Sigurd Großband 2: Laban der Schreckliche»

IMPRESSUM
Originalausgabe Juni 2020
Charakter und Zeichnung: Sigurd © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators
Text © Charly Strauss
Copyright © 2020 der E-Book-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Minden
Korrektorat: Andrea Velten Factor 7
Redaktionelle Betreuung: Ingraban Ewald
Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz
Hintergrundillustration Umschlag: © saiko3p – fotolia.com
ISBN ePub 978-3-86305-296-6
www.verlag-peter-hopf.com
Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,
Eduardstraße 48, 20257 Hamburg
www.hansrudi-waescher.de
Alle Rechte vorbehalten
Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.
Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.
INHALT
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
CHARLY STRAUSS
Laban der Schreckliche
Sigurd Großband 2
EINS
Eine lange, beschwerliche Woche lag hinter Sigurd von Eckbertstein und seinen beiden Weggefährten Bodo von Brauneck und Junker Cassim. An der Spitze einer etwas seltsam anmutenden Gruppe ritten Sigurd und Bodo. Ihnen folgten zu Fuß zwanzig gefesselte Schergen, mit Kapuzen über den Köpfen und an einer langen Leine angebunden. Der Schurke, Ritter Baldowin von Eichenkamp, bildete den Anfang dieser ungewöhnlichen Menschenkette. Cassim ritt zur Sicherung ein Stück weiter hinten. Sie brachten die Gefangenen an den Fürstenhof, um sie dort für ihr verbrecherisches Treiben im sogenannten Zauberwald vom fürstlichen Gericht aburteilen zu lassen.
Die Woche war für die Gefangenen kein Vergnügen gewesen. Auch für Sigurd, Bodo und Cassim nicht. Ständige Wachablösungen seitens der Freunde, während der schon kühl gewordenen Nächte, aufwändige Verpflegungsmöglichkeiten und die Sorge vor Befreiungsversuchen durch die Verbrecher selbst.
Aber nun war es geschafft. Die Küste lag vor ihnen. Nur noch zwei bis drei Stunden und sie wären am Ziel. Vor Sigurd und Bodo fiel ein Steilhang zum Meer hinunter. Die leichte Brandung schob sich mit kräuselnden Wellen den schmalen, steinigen Strand hinauf. In tiefem Blau lag das Nordmeer vor ihnen. Möwen kreisten im Wind, ständig auf der Suche nach Futter, denn gerade zu dieser Jahreszeit waren die Fischbestände äußerst reichhaltig.
Sigurd deutete erleichtert nach vorne. »Dort, jenseits der Bucht, liegt die Fürstenburg!« Im hellen Schein der Sonne spiegelte sich das Bauwerk verzerrt im bewegten Wasser.
Da meldete sich von Eichenkamp. »Ich hoffe, wir rasten vorher noch einmal! Ich spüre meine Füße kaum noch!« Keiner der Freunde verspürte den Drang, ihm zu antworten.
»He«, rief Cassim plötzlich nach vorne. »Seht dort drüben! In der Felsenschlucht liegt ein Schiff. Es ist vom Kiel bis zu den Mastspitzen schwarz angestrichen. Auch die Segel sind schwarz!« Ganz ruhig lag der Zweimaster vor Anker, als wartete er auf etwas Besonderes.
Sigurd wollte Cassim antworten, aber da machte er selbst eine merkwürdige Entdeckung. »Da unten«, drehte er sich Bodo zu. »Das sieht ja so aus, als ob die Männer dort hinter den Felsen am Uferweg auf der Lauer lägen.«
Bodo ritt neben Sigurd und blickte nun ebenfalls überrascht nach unten. »Tatsächlich! Was hat das zu bedeuten?«, rätselte er.
In diesem Moment ertönte ein lärmendes Geräusch. Die Freunde blickten sich fragend an. Da ratterte ein von zwei Pferden gezogener Planwagen heran. Vier Reiter sicherten mit angelegten Rüstungen das Fuhrwerk. Zwei ritten vor dem Gespann, zwei sicherten nach hinten. Jeder trug eine mit einem Wimpel bestückte Fahnenstange.
»Ob die Männer da unten es auf diese Reisenden abgesehen haben?«, überlegte Bodo.
»Hm«, meinte Sigurd kurz. »Es scheint so!«
Cassim trieb sein Pferd mit einem leichten Schenkeldruck nach vorne, um zu schauen, was die Freunde aufhielt.
»Wie dem auch sei«, entschloss sich Sigurd gerade. »Wir müssen die Reisenden warnen!«
»Ich weiß nicht«, zweifelte Bodo. »Wenn die Bewaffneten da unten einen Befehl des Fürsten ausführen?«
Doch Sigurd ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen. »Das glaube ich nicht! Männer des Fürsten würden wohl kaum wie Strauchdiebe auf der Lauer liegen. Außerdem ist auf den Standarten der Reiter das Wappen des Fürsten zu sehen!«
Bodo schüttelte ungläubig den Kopf. »Du musst Adleraugen haben, Sigurd. Ich kann die Wappen noch nicht erkennen!« Angestrengt blickte er nach dem sich rasch nähernden Wagen. »Doch! Jetzt«, bestätigte Bodo. »Du hast recht, Sigurd. Jetzt kann ich die fürstlichen Wappen erkennen.« Die Reiter hatten noch nichts von der bevorstehenden Gefahr bemerkt.
Während die Freunde noch etwas unschlüssig über ihr weiteres Vorgehen waren, wendete sich von Eichenkamp unbemerkt seinen Männern zu. »Passt auf«, raunte er den ihm nahe stehenden Schergen zu. »Das ist unsere Chance!«
Derweil formte Sigurd seine Hände zu einem Trichter und legte sie an seinen Mund. »Hallo«, rief er aus Leibeskräften in die Richtung des bewachten Transportgespanns. »Achtung, Ihr fahrt in einen Hinterhalt.« Der rechte vordere Reiter fuhr erschrocken hoch.
Doch da reagierte von Eichenkamp völlig unverhofft für die Freunde. »Los, Männer!«, gab er den Befehl.
Die ersten Schergen stürmten mit ihm nach vorne und drückten mit ihren Schultern gegen die Hinterteile von Sigurds und Bodos Pferden. Die Tiere sprangen instinktiv nach vorne und stürzten mit den beiden über den Felsenrand. Ein Hilferuf entfuhr Bodo. Doch schon riss es beide im Fallen aus den Sätteln.
Cassim, der im ersten Moment nicht begreifen konnte, was da geschah, zog sein Schwert aus der Scheide. »Das soll euch teuer zu stehen kommen«, flog er förmlich auf die Gefangenen zu.
Doch von Eichenkamp ließ sich davon nicht beeindrucken. »Mit dir werden wir auch noch fertig, junger Mann! Los, das Ganze noch einmal«, rief er seinen Leuten zu.
Nun drängten alle Schergen vor und kreisten den Junker ein. »Hinunter mit dir«, schrie einer wutentbrannt.
Cassim versuchte verzweifelt, sein Pferd herumzureißen. Doch es war zu spät. Mit einem Aufschrei stürzte auch er mit seinem Braunen kopfüber in die Tiefe.
Die verdutzten Reiter in ihren Rüstungen hatten die auf der Lauer liegenden Wegelagerer immer noch nicht bemerkt. Als Sigurd, Bodo und Cassim mit ihren Pferden den Abhang herunterstürzten, konnten sie sich überhaupt keinen Reim darauf machen, was da vor ihnen geschah. Im gleichen Moment rollten und rutschen die Freunde fast vor die Füße der Wegelagerer.
»Was zum Teufel, hat das alles zu bedeuten?«, rief einer verwirrt.
Während von Eichenkamp und seine Schergen inzwischen an einer nicht so steilen Stelle den Abhang hinunterkletterten, gab der Anführer der Wegelagerer den Angriffsbefehl, um überhaupt noch eine überraschende Wirkung erzielen zu können. »Vorwärts!«, brüllte er. »Die drei hier sind außer Gefecht, und die anderen scheinen Gefangene zu sein. Sie sind gefesselt. Von denen haben wir nichts zu befürchten.«
Mit gezogenen Schwertern stürmten sie auf die Reitereskorte zu. Doch die Bewaffneten, die den Planwagen begleiteten, überwanden ihre Überraschung schnell. Sie warfen ihre Wimpelstangen in den Staub und zückten ebenfalls ihre Schwerter. Ein heftiger Kampf entbrannte. Langsam gewannen die Wegelagerer die Oberhand und drängten die Reiter in Richtung des Strandes.
Sigurd und Bodo hatten den Sturz dank ihrer Erfahrung aus vielen gefährlichen Situationen und ihrer erworbenen Geschicklichkeit glücklich überstanden. Es blieb im Moment keine Zeit, nach Cassim zu schauen, der bewusstlos am Boden lag. Die Freunde griffen nun ebenfalls ihre Schwerter und stürmten auf den Kampfplatz. Wie ein Wirbelsturm flogen ihre Waffen durch die Reihen der Wegelagerer.
Schnell merkten die Schurken, dass sie dieser geballten Kampfkraft nicht mehr lange standhalten konnten. »Wir schaffen es nicht. Zurück!«, befahl ihr Anführer.
Da war von Eichenkamp mit seinen Leuten heran. »Nehmt uns die Fesseln ab, wir helfen euch«, rief er den schon fast unterlegenen Männern zu.
Sigurd drehte sich um und bemerkte, was hinter ihm vor sich ging. »Himmel, sie befreien von Eichenkamp und seine Schergen! Das sieht böse aus!« Doch sofort griff er wieder in den Kampf ein. »Brecht mit dem Wagen durch!«, rief er den fremden Rittern zu. »Wir halten die Räuber zurück.«
»Daraus wird nichts«, brüllte der Anführer wütend zurück, und mit einem Schwerthieb durchtrennte er die Zuggurte der Lastpferde, die in wildem Galopp auseinanderstoben.
Da geschah es. Einer der fremden Reiter wurde von einem Schwertstreich getroffen und fiel leblos vom Pferd. Der Kutscher lag bereits tot auf der Erde. Panik überfiel nun einen der anderen Ritter.
»Die Übermacht ist zu groß! Rette sich, wer kann!« Schon wendeten die drei Reiter ihre Pferde und preschten davon.
Sigurd konnte es kaum glauben. »Sie fliehen!«
»Dann sehe ich nicht ein, warum wir für sie unsere Haut zu Markte tragen sollen. Weg von hier, Sigurd!«, rief Bodo durch das Waffengeklirr, während er weiterhin die Räuber abwehrte.
»Aber Cassim …«, wandte Sigurd lautstark ein und schlug einem Feind das Schwert aus der Hand.
Auch Bodo schickte gerade einen Wegelagerer mit der Faust zu Boden. »Dort drüben liegt er. Decke mich ab, Sigurd, ich hole ihn.«
Wie durch ein Wunder waren die Pferde der Freunde ebenfalls unverletzt geblieben und standen schnaubend zusammen. Als Sigurd sah, dass Bodo kurz darauf ihren jungen Kameraden bereits vor sich auf den Sattel seines Braunen gelegt hatte, drängte er die weiterhin auf ihn einstürmende Meute mit einer letzten Kraftanstrengung von sich und rannte, so schnell er konnte, zu seinem Pferd. Mit einem wahren Hechtsprung war er im Sattel, und sofort trieben sie ihre Pferde zu einem schnellen Galopp an.
»Lasst sie laufen!«, stoppte der Anführer seine Kumpane etwas atemlos. »Was wir wollten, haben wir.«
Doch von Eichenkamp war wie besessen. »Nein, nein! Ich muss noch eine persönliche Rechnung mit dem blonden Ritter begleichen.«
Der Anführer legte seine rechte Hand auf von Eichenkamps Schulter. »Dazu ist später noch Zeit. Ihr habt gut gekämpft. Ohne Eure Hilfe wäre der Überfall misslungen. Wer seid Ihr?«
»Ein Mann, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat. Meine Männer und ich sollten vor das fürstliche Gericht gebracht werden. Uns alle erwartet die Todesstrafe«, erklärte sich von Eichenkamp.
»Oh«, bemerkte der Anführer. Ein überraschtes Grinsen überzog sein Gesicht. »Ihr passt zu uns! Ich hoffe, dass unser Kapitän meine Meinung teilt.«
»Ach«, staunte Baldowin von Eichenkamp. »Ihr seid Piraten, und das dort ist euer Schiff?«
»So ist es«, gab der Anführer zurück. »Wenn Ihr wollt … mit uns könnt Ihr reiche Beute machen!«
Von Eichenkamp strahlte mit ihm um die Wette. »Ich schlage ein!«
»Dann kommt! Wir wollen auf hoher See sein, bevor der Fürst Kunde von dem Überfall erhält.«
»Was habt ihr erbeutet?«, fragte Eichenkamp beiläufig.
»Zügelt Eure Neugierde. Wenn der Kapitän es für richtig hält, weiht er Euch bestimmt ein«, bekam er zur Antwort. Der Anführer drehte sich um. »Los, beeilt euch!« Kurz darauf bugsierten vier Männer aus dem Planwagen eine schwere Truhe herunter und trugen sie voran.
Es dauerte eine Weile, bis sie den Ankerplatz erreicht hatten.
»Da ist unser Schiff«, verkündete der Anführer stolz.
»Es sieht unheimlich aus«, antwortete von Eichenkamp etwas bedrückt.
»Das soll es auch! Außerdem ist der Anstrich für nächtliche Überfälle einfach ideal.«
ZWEI
Sorgenvoll versuchten Sigurd und Bodo, ihren jungen Freund aus der Bewusstlosigkeit wieder in die Realität zurückzuholen. Endlich schlug der Junker seine Augen auf.
»Gott sei Dank«, war Sigurd erleichtert. »Er ist zu sich gekommen!«
Cassim wirkte mit gesenktem Kopf noch sehr benommen. »Was … was ist geschehen?«, stammelte er.
Noch ehe Sigurd antworten konnte, wies Bodo auf das Meer hinaus. »Da, das schwarze Schiff segelt aus der Felsenschlucht!«
Sigurd stand auf, während Cassim sich an die Schläfe fasste und versuchte, ebenfalls wieder auf die Beine zu kommen. Sie blickten zu dem Schiff, das sich auf das offene Meer zu bewegte. Der ablandige Wind fuhr in die Segel und trieb es nun schneller voran.
Sigurd ballte die Fäuste. »Ich möchte wetten, dass von Eichenkamp und seine Schergen mit an Bord gegangen sind!« Die Enttäuschung war Sigurd förmlich anzumerken.
»Bestimmt«, meinte auch Bodo. »Etwas Besseres als dieser Überfall konnte ihm und seiner Bande auch nicht widerfahren. Sie haben ihren Hals gerettet und werden wahrscheinlich eine neue Laufbahn als Seeräuber beginnen!«
»Was nun?«, warf Cassim ein, dessen Lebensgeister langsam wieder zurückkehrten.

»Eigentlich erübrigt sich mit der Flucht von Eichenkamps und seiner Leute unser Besuch beim Fürsten«, überlegte Bodo laut.
»Nein«, antwortete ihm Sigurd bestimmt. »Der Gedanke, dass dieser Schurke jetzt dort an der Reling lehnt und sich über uns schieflacht, bringt mich noch mehr in Wut. Außerdem hat er genug Unheil über die Waldbauern gebracht. Sollen wir tatenlos zusehen, wenn er nun auch noch Schrecken und Tod auf See verbreitet?«
Bodo wusste sich keinen Rat. »Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, Sigurd«, gab er resigniert zurück.
Sigurd löste sich vom Strand und ging auf ihre Pferde zu. »Darüber bin ich anderer Meinung, Bodo! Lasst uns zurückreiten. Wir bergen den toten Ritter und bringen ihn mit dem Wagen zur Burg.«
Sie tasteten noch einmal vorsorglich die Beine ihrer Pferde ab und schwangen sich in die Sättel.
*
Als sich die Freunde ein paar Stunden später der Fürstenburg näherten, kamen ihnen einige bewaffnete Reiter entgegen. Zu ihrer großen Überraschung war einer der geflohenen Ritter unter ihnen. »Das sind die zwei Männer und der Knabe, die Schuld daran sind, dass wir den Überfall der Seeräuber nicht vereiteln konnten, Hauptmann Gerolf«, rief er laut und zeigte auf die Freunde.
»Wie?«, entfuhr es Sigurd, der glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen.
»Oh, Hauptmann Gerolf, das sind ja die Ritter Sigurd und Bodo mit ihrem Knappen Cassim«, warf einer der Berittenen ein.
»In gewisser Weise hat der Ritter recht, Hauptmann«, sagte Sigurd, der seine Fassung wiedergewonnen hatte. »Leider sind unsere Gefangenen von den Seeräubern befreit worden, die sie natürlich dann unterstützt haben. Allerdings wäre unser Kampf erfolgreich gewesen, wenn dieser Mann und seine Kameraden nicht geflohen wären, als einer von ihnen fiel.« Hauptmann Gerolf war von Sigurds Aussage überrascht.
»Das ist eine Beleidigung«, warf der fremde Ritter dazwischen.
»Ich wünsche keinen Streit«, stoppte der Hauptmann den Heißsporn. »Von Gefangenen habt Ihr nichts berichtet, Ritter Hagard!«
»Es waren auch keine Gefangenen. Die Männer gehörten zu diesen Rittern!«
»Das ist eine schwere Anschuldigung, Hagard von Stolzenfeld«, ließ sich der Hauptmann nicht aus der Ruhe bringen. »Ritter Sigurd von Eckbertstein, Ritter Bodo von Brauneck und Junker Cassim haben landauf, landab einen tadellosen Ruf.«
Nun war es an Sigurd, der langsam die Geduld verlor. »Und es ist eine völlig haltlose und lächerliche Anschuldigung dazu! Der Ritter und seine beiden Kameraden haben sich dieses Märchen ausgedacht, um ihre Feigheit zu bemänteln!«
»Ah«, rief Hagard wutentbrannt aus. »Zieht blank! Ich will Euch beweisen, wer hier feige ist!«
Jetzt hatte Hauptmann Gerolf genug von diesem Streit und zwängte sich zwischen die beiden Pferde der Streithähne »Halt! Ich dulde keinen Zweikampf! Der Fürst soll entscheiden, was geschehen soll!«
»Vorwärts, zurück zur Burg!« Mit Ritter Hagard und Hauptmann Gerolf an der Spitze, setzte sich die Reiterschar in Bewegung. Sigurd, Bodo und Cassim ritten hinter ihnen, während die Zugtiere mit dem Planwagen folgsam hinter ihnen hertrotteten.
»Junge, Junge. Dieser Hagard ist ja ein schönes Früchtchen«, wandte sich Bodo seinem Freund zu.
»Mir tut er leid«, entgegnete Sigurd. »Er und seine Kameraden können nun nicht mehr zurück. Wenn sie die Wahrheit sagen würden, wären sie erledigt. Sie haben offensichtlich nicht damit gerechnet, dass sie uns jemals wieder begegnen würden.«
Bodo nickte zustimmend. »Wir müssen auf jeden Fall auf der Hut sein. Aus Ritter Hagards Augen leuchtet kalter Hass!«
Schweigend ritten sie weiter. Bodo gab Cassim einen Wink. Der Junker verstand sofort die Geste. Er ließ sich etwas zurückfallen, um das Gespann im Auge zu behalten.
*
Nach einer halben Stunde erreichten sie endlich das vom Meerwasser umgebene stolze Burgschloss des Fürsten.
»Lasst die Zugbrücke herab!«, ertönte die befehlsgewohnte Stimme von Hauptmann Gerolf.
In der Fensteröffnung des Turmwachtzimmers erschien das Gesicht des Wachthabenden. Er nickte, und kurz darauf senkte sich mit kettenklirrendem Geräusch die hölzerne Plattform und bildete nun eine Verbindung zum Land. Auf dem Platz davor streckte eine kleine Kirche ihren Turm in die Höhe. Daran reihten sich auf beiden Seiten die Häuser der dörflichen Gemeinde an. Ein paar Dorfbewohner schauten den Reitern nach, als sie mit dem führerlosen Planwagen über die Zugbrücke in das Innere der Burg ritten.
Kurz darauf befanden sich auch die Freunde im Burghof, auf dem ein reges Treiben herrschte.
»Hier wimmelt es ja von Bewaffneten«, staunte Cassim.
»Du hast wohl vergessen, dass Fürst Friedrich in Fehde mit Fürst Eberhardt liegt«, erinnerte Sigurd ihn.
Im selben Moment verhielt Hauptmann Gerolf und lenkte sein Pferd an ihre Seite. »Ich melde Eure Ankunft unserem Herrn, Ritter Sigurd. Wartet hier im Innenhof.«
Die Freunde stiegen von ihren Pferden und schauten sich das rege Treiben im Burghof an, während sie ihre Pferde zu den Stallungen brachten.
Nach einer Weile kam der Burghauptmann wieder zurück. Zunächst konnte er die Freunde nicht ausfindig machen. Als er aber den Durchgang zum großen und weiträumigen Schlossplatz erreichte, kamen ihm Sigurd, Bodo, und Cassim entgegen. Sigurd schaute ihn erwartungsvoll an.
»Mein Herr glaubt Euch, dass die Männer, die den Kampf für die Seeräuber entschieden haben, Eure Gefangenen waren, Ritter Sigurd!«
»Gut«, entgegnete Sigurd erleichtert. »Führt uns zu Eurem Herrn!«
Der Hauptmann blickte etwas betreten zu Boden. »Das kann ich leider nicht! Mein Herr lässt Euch mitteilen, dass Euer Besuch unerwünscht ist und bittet Euch, die Burg sofort zu verlassen.«
»Aber …«, reagierte Bodo fassungslos.
»Ihr müsst verstehen«, unterbrach ihn Hauptmann Gerolf. »Wenn auch unschuldig, so seid Ihr doch die Ursache für den geglückten Überfall der Seeräuber.«
»Das ist Unsinn«, widersprach Sigurd sofort.
Doch der Hauptmann ließ ihn nicht weiterreden. »Wie dem auch sei, der Fürst ist außer sich, dass der Transport verloren ist. Auf dem Wagen waren die Abgaben seiner Lehnsmänner für ein halbes Jahr. Ein Vermögen!« Er legte seine Hand beruhigend auf Sigurds Schulter. »Mit diesem Geld sollten seine Truppen entlohnt werden! Bitte reitet jetzt! Ich möchte nicht auch noch in Ungnade fallen.«
Sigurd nickte verstehend. »Schon gut, Hauptmann Gerolf!« Er erkannte, dass es sinnlos war, weiter auf ein Gespräch mit Fürst Friederich zu hoffen und zu drängen. Er reichte dem Hauptmann die Hand und wandte sich seinen Freunden zu. »Ihr habt es gehört, lasst uns von hier verschwinden.«
*
Enttäuscht über den Verweis aus der Burg, befanden sich die Freunde kurz darauf wieder in den Gaststallungen am anderen Ende des großen Burghofes. Ohne Worte hatten sie ihre Pferde gesattelt und führten sie aus den Stallungen hinaus. Sigurd drehte sich noch einmal kopfschüttelnd um. Dann gab er seinen Freunden mit einem Kopfnicken das Zeichen zum Aufsteigen. Die Tiere schnaubten und wieherten kurz, als die drei die Zügel locker ließen. Sigurd schnalzte mit der Zunge, und sie ritten über den Platz, erreichten den kleinen Innenhof und setzten im Galopp über die immer noch herabgelassene Zugbrücke.
Nachdem die Freunde die sich anschließende kleine Bogensteinbrücke passiert hatten, fanden sie sich auf dem Dorfplatz wieder. Sie ritten an der Kirche vorbei, als plötzlich ein lauter Ruf hinter ihnen ertönte.
»Nicht so eilig, Ihr Herren!« Es war Ritter Hagard von Stolzenfeld, der mit seinen beiden Begleitern herangeritten kam.
Die Freunde zügelten ihre Pferde. »Wenn Ihr mit uns Händel anfangen wollt, dann rate ich Euch, lieber gleich umzukehren«, stoppte Sigurd die ungestümen Ritter.
Doch Hagard unterbrach ihn sofort lautstark. »Der Fürst hat Euch geglaubt! Wir sind in Ungnade gefallen und mussten die Burg verlassen!«
»Ihr seid des Todes«, drohte nun auch noch einer seiner Begleiter.
Ritter Hagard war mit seiner wütenden Rede noch nicht am Ende und deutete mit seiner linken Hand nach vorne. »Dort hinter der Wegbiegung beginnt Eure Reise in die Ewigkeit!«
Doch damit konnte er Sigurd nicht aus der Ruhe bringen. »Was für große Worte«, sinnierte er.
»Der Ritter war wohl bei einem Schmierentheater, bevor er in die Dienste des Fürsten trat«, gab nun auch noch Cassim etwas vorlaut seinen Beitrag zum Besten. Hagard von Stolzenfeld reagierte nicht auf die Worte des für ihn nicht beachtenswerten Jünglings.
Schließlich ritt die so gegensätzliche Gruppe bis zur von Hagard bezeichneten Wegbiegung hinter dem Dorf. Sie bogen um die Wegkurve und waren somit außer Blickweite von Fürst Friedrichs Burg. Auch hier fiel der Felsen steil zum Meeresstrand hinunter. Nur ein schmaler Weg führte an der Steilwand die Küstenlinie entlang.
Da versperrten Hagard und seine Begleiter mit gezogenen Schwertern den Weg. »Wir sind angelangt. Zieht blank«, forderte Ritter Hagard von Stolzenfeld.
Sigurd zuckte nur mit der Schulter. »Ihr habt es nicht anders gewollt!«
Während Bodo auf dem schmalen Weg, der entlang der Steilküste verlief, ohne zu zögern Hagard angriff, drängten die zwei anderen Ritter mit ihren Pferden Sigurd an den Schluchtenrand. Um sich zu verteidigen, hob Sigurd abwehrend sein Schwert, weil er immer noch nicht einsah, hier und jetzt einen Kampf auf Leben und Tod führen zu müssen, der aus seiner Sicht völlig unnötig war.
Da surrte plötzlich vom oberen Felsenrand ein Pfeil heran, der sich mitten in Sigurds Brust bohrte. Die Waffe glitt aus seiner Hand, und mit einem Aufschrei fiel er rücklings vom Pferd. Ehe er sich‘s versah, stürzte er über den Steilhang hinab ins unruhig gewordene Meer.
Entsetzt und außer sich vor Wut drängte Bodo mit seinem Pferd heran und schlug mit seinem Schwert auf Ritter Hagard ein, der den Hieb jedoch parieren konnte. »Ihr elenden Feiglinge! Nicht einmal im Zweikampf könnt Ihr ehrlich bestehen. Jetzt habt Ihr auch noch einen Meuchelmörder gedungen!«
Auch Cassim wollte seinen Freund Bodo mit erhobenem Schwert unterstützen und ritt mutig hinzu. Wieder entging Ritter Hagard einem wuchtigen Streich von Bodo.
»Nein, nein«, rief Hagard lauthals und strauchelte fast vom Pferd.
»Vorsicht, Ritter Bodo«, rief plötzlich Hagards Mitstreiter, Ritter Udo von Hohenberg, in das Kampfgetümmel hinein.
Bodo schreckte auf, und in diesem Moment sauste ein weiterer Pfeil haarscharf von schräg oben an seiner Brust vorbei.
»Schnell fort von hier!«, beendete Ritter Hagard den Kampf.
Bodo, der für einen Moment starr vor Schreck im Sattel saß, fasste sich wieder und sprang von seinem Pferd. »Fliehe, Cassim! Ich muss wissen, was aus Sigurd geworden ist.«
Der Junker riss schweren Herzens seinen Braunen herum und sprengte auf dem schmalen Felsenweg davon. Die Ritter Hagard von Stolzenfeld, Udo von Hohenberg und Gernot von Giesenhain folgten ihm sofort. Sigurds und Bodos Pferde, sowie das unberittene Pferd des beim Überfall auf den Goldtransport getöteten Ritters aus Hagards Gruppe, galoppierten instinktiv hinterher.
Bodo sprang, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen, über den Klippenrand. Im letzten Moment konnte er seinen Fall auf einem kleinen Felsvorsprung abfangen und lehnte sich aufatmend gegen die steil abfallende Wand. Da entdeckte er, wie sich Sigurd bemühte, sich auf einen am Rand des Wassers liegenden Felsblock zu ziehen. »Gott sei Dank«, stieß er erleichtert aus. »Sigurd lebt.«
Doch in diesem Moment sah er, dass sein Freund wieder abrutschte und von seinem Kettenhemd unter die Wasseroberfläche gezogen wurde. »Himmel, er geht unter«, durchzuckte ihn ein eisiger Schreck. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, stieß er sich von der Felswand ab und sauste mit einem gewagten Kopfsprung dem kühlen Nass entgegen.
DREI
Der Bogenschütze war zufrieden. »Die drei Ritter und der Knappe sind geflohen«, nickte er befriedigt. »Sigurd habe ich getroffen … jetzt bleibt nur noch Bodo.« Aus seinem als Versteck genutzten Gebüsch schob er sich vorsichtig nach vorne und blickte in die Tiefe. »Von hier aus kann ich den Strand leider nicht sehen«, überlegte er. »Hm … ich muss es wagen. Bodo darf auch nicht überleben!« Vorsichtig kletterte er den Hang hinab.
*
Zum Glück war es Bodo inzwischen gelungen, seinen Freund auf das felsige Ufer zu ziehen. »Großer Himmel, bist du verletzt?«, rief er aus.
»Keine Angst, Bodo«, beruhigte Sigurd seinen Freund mit noch etwas matter Stimme. Er lehnte sich gegen die Felsenwand und zog mit einem Ruck das Geschoss aus der Brust. »Der Pfeil ist nur ganz wenig durch das Panzerhemd gedrungen. Aber der Anprall hat mir die Luft genommen.« Ein leichtes Lächeln überzog sein Gesicht. »Es … geht … mir schon wieder besser«, fügte er noch etwas stockend hinzu, als er sich aufrichtete. Bodo war davon noch nicht ganz überzeugt. Aber er war froh, dass Sigurd so ein Glück im Unglück widerfahren war. »Was ist mit Cassim?«, fragte Sigurd mit etwas besorgter Stimme.
»Ich habe ihm zugerufen, dass er fliehen solle«, deutete Bodo nach oben.
Sigurd setzte an, sich zu erheben. »Ich bin doch noch etwas wackelig auf den Beinen. Hilf mir beim Hinaufklettern … dann schaffe ich es.«
Bodo blickte prüfend nach oben. »Gut! Ich … schnell, hinter den Felsen«, unterbrach er sich selbst, während schon wieder ein Pfeil die beiden Freunde knapp verfehlte.
*
Zeitgleich donnerten immer noch die Hufe der galoppierenden Pferde über den schmalen Felsensaum. »Fliehe nicht«, rief Ritter Hagard.
Doch Cassim hatte, wie von Furien gehetzt, seinen Vorsprung schon etwas vergrößert.
»Wir schwören dir, dass wir nichts mit dem heimtückischen Bogenschützen zu tun haben!« Cassim reagierte nicht.
»Er hört nicht«, gab Hagard auf und zügelte sein Pferd. Auch die anderen beiden Ritter hielten ihre schnaubenden Pferde an. »Lasst uns zurückreiten. Diese Schmach will ich nicht auch noch tragen.« Zum Glück waren auch die drei reiterlosen Pferde stehen geblieben. Die drei Ritter wendeten vorsichtig ihre Reittiere.
Cassim hatte seine Flucht ebenfalls gestoppt und folgte nun seinerseits den Rittern in sicherem Abstand, nachdem er die drei reiterlosen Pferde mit einem langen Seil gesichert hatte.
Da sie alle schon ein beträchtliches Stück des Weges hinter sich gebracht hatten, ritten die Ritter Hagard, Udo und Gernot in scharfem Galopp zurück und hatten bald darauf ihren Ausgangspunkt wieder erreicht.
Hagard deutete hinauf. »Wir müssen den Bogenschützen fassen! Dort oben müsste er verborgen sein.« Die drei Ritter stiegen, so schnell es ihre Rüstungen zuließen, von ihren Pferden.
Udo von Hohenberg, vom Kampfgeist erfüllt, begann bereits, die der Wand vorgelagerten Felsen zu besteigen. »Leise!«, raunte er Hagard und Gernot zu.
Endlich hatten sie die Wand überwunden. »Wir sind zu spät zurückgekommen, der Vogel ist ausgeflogen«, stellte er enttäuscht fest. Doch da entdeckte er den Schützen mit schussbereitem Bogen, der sich unter ihnen über den Rand der Schlucht beugte. »Seht mal, da unten auf dem Weg!«
Hagard drehte sich um und griff blitzschnell nach einem der umherliegenden Steine. Mit einem wütenden Schrei schleuderte er den zu einem Wurfgeschoss umgewandelten kleinen Felsbrocken hinab. Ein schepperndes Geräusch verriet die Treffsicherheit von Hagards Wurf, als der Stein gegen den Helm des Mordschützen prallte. Mit einem entsetzten Aufschrei verlor dieser den Halt, und während ihm der Bogen und der angelegte Pfeil aus den Händen glitten, stürzte nun auch er, den Kopf voran, in die Brandung.
Dicht vor Sigurd und Bodo tauchte er in die Fluten. Nur eine Hand ragte noch aus dem Wasser. »Hole ihn heraus, Bodo«, bat Sigurd seinen Freund. »Ich will wissen, wer der feige Schütze ist!«
»Gut«, entgegnete Bodo und sprang dem Untergehenden hinterher.
In diesem Moment beugten sich Hagard, Udo und Gernot über die Klippe. »Sigurd! Bodo!«, hallte Hagards Ruf hinunter.
»Oh«, blickte Sigurd überrascht hinauf. »Die drei Ritter?«
»Ich hoffe, unser Eingreifen überzeugt Euch, dass wir nichts mit dem Mordschützen zu tun haben«, setzte Hagard nach.
Im selben Moment ertönte Bodos Ruf aus dem Wasser. »Ich habe ihn, Sigurd.«
Während Sigurd sich wieder Bodo zuwandte, begannen Hagard und seine beiden Mitstreiter, etwas mühselig durch die Behinderung ihrer Rüstungen, die Uferklippe hinunterzuklettern. »Wir kommen und helfen Euch«, rief Hagard und erreichte Sigurd als Erster.
Als Bodo mit dem bewusstlosen Bogenschützen nahe ans Ufer heranschwamm, stutzte Ritter Hagard. »He! Das … das ist ja Benno! Er gehört zur Leibwache von Fräulein Margarete, der Nichte des Fürsten. Sie …« Weiter kam er nicht.
»Schnell ans Ufer! Dort … ein Haifisch«, fuhr Gernot von Giesenhain noch beim Herunterklettern dazwischen.
So schnell er konnte, drehte sich Sigurd um und zog Bodo im letzten Moment auf den sehr schmalen, felsigen Strand. »Großer Himmel«, rief er entsetzt aus. Da war der Hai heran, bohrte seine scharfen Fangzähne in Bennos Schulter und zog ihn unter Wasser.

»Er hat ihn erwischt«, stieß Ritter Gernot etwas außer Atem aus. »Doch er soll mit ihm nicht davonkommen.« Er zückte seinen Dolch und schleuderte ihn dem Hai nach. »Getroffen«, rief er erregt aus. Das Wasser schäumte auf.
»Da!«, meldete sich nun auch Ritter Udo zu Wort. »Der Haifisch flieht ohne seine Beute!«
Ehe es Sigurd verhindern konnte, sprang Bodo zurück ins Wasser und hievte Benno mithilfe von Ritter Udo auf die Uferfelsen.
»Hier kommt jede Hilfe zu spät! Benno ist tot«, konstatierte Hagard. »Er hat es nicht besser verdient! Am besten, wir überlassen ihn dem Meer!«
»Nein«, wandte Sigurd sofort ein. »Ich glaube Euch, dass Ihr drei nichts mit diesem Meuchelmörder zu schaffen habt, Hagard. Aber gerade deshalb möchte ich wissen, warum er uns aufgelauert hat. Meine Freunde und ich kennen diesen Benno nicht. Er hat bestimmt nicht aus eigenem Antrieb gehandelt. Jemand muss ihn dazu angestiftet haben.«
»Ja«, antwortete Bodo, der völlig durchnässt anfing zu frieren. »Aber wer könnte das gewesen sein? Ich wüsste niemanden am fürstlichen Hof, der uns feindlich gesinnt ist.«
Sigurd hob Benno mit beiden Armen vom Boden hoch. »Kommt! Ich will vom Fürsten Aufklärung verlangen.«
Mit Unterstützung von Bodo und Hagard kämpften sie sich den Hang hinauf. Während Sigurd den toten Benno über den Klippenrand zog, trabte Cassim mit den Pferden heran.
»Erwartet nicht von uns, dass wir Euch begleiten«, ächzte Udo von Hohenberg, als er sich ebenfalls über die Felsenkante zog. »Ich möchte nicht noch einmal von dem Fürsten gedemütigt werden.«
»Ich verstehe Euch«, antwortete ihm Sigurd, während er Benno quer über sein Pferd legte.
»Gut«, warf Hagard mit sehr ernstem Gesichtsausdruck ein, während er und seine Mitstreiter ihre Pferde an den Zügeln festhielten und aufsaßen. »Dann versteht Ihr sicher auch, dass meine Forderung zum Zweikampf mit Euch bestehen bleibt!« Die drei Ritter trieben ihre Pferde mit kräftigem Schenkeldruck an. Das Pferd ihres gefallenen Begleiters, Ritter Balderich von Pinzenau, führte Ritter Udo mit sich.
Hagard blickte sich noch einmal um. »Der Zwischenfall hat ihn nur aufgeschoben! Wenn wir uns einmal wieder begegnen sollten, dann begrüße ich Euch mit dem Schwert in der Hand.«
Sigurd und Bodo blickten den davonreitenden Rittern nach. »Lebt wohl«, rief Sigurd hinterher. »Und … vielen Dank. Ihr habt Bodo und mir ja immerhin das Leben gerettet!«
»Ein seltsamer Mensch, dieser Hagard«, schüttelte Bodo den Kopf.
»Das kann man wohl sagen«, nickte Sigurd zur Bestätigung.
Die beiden Freunde stiegen nun ebenfalls auf ihre Pferde und machten sich mit Cassim in die entgegengesetzte Richtung zur Burg des Fürsten Friedrich auf den Weg. Sigurd hatte etwas Mühe, den toten Benno mit einer Hand festzuhalten und mit der anderen Hand die Zügel seines Pferdes nicht zu locker zu führen. Doch auf seinen Braunen konnte er sich wie stets verlassen, der genau in der Spur blieb.
*
Es dauerte nicht lange, bis sie nach scharfem Ritt das der Burg vorgelagerte Dorf wieder erreicht hatten. Staub wirbelte unter den Hufen ihrer Pferde auf und trieb über den Dorfplatz.
Kurz darauf sprengten die Freunde in vollem Galopp über die Zugbrücke. Im letzten Moment konnte sich eine der Torwachen mit einem verzweifelten Sprung vor den Hufen von Cassims Pferd in Sicherheit bringen.
Burghauptmann Gerolf, der gerade den neu angekommenen Söldnern Hinweise gab, sah überrascht auf und trat den Freunden entgegen. »Was wollt Ihr noch? Ihr seid hier unerwünscht.« Der Groll in seiner Stimme war nicht zu überhören.
»Das ist einerlei«, rief Sigurd ihm entgegen. »Wir müssen mit dem Fürsten sprechen.« Sie zügelten ihre Pferde, die sich anschickten, an dem Hauptmann vorbeizutraben.
»Halt!«, donnerte seine kräftige Stimme über den Burghof. »Das möchten viele«, schickte er aufgebracht hinterher.
Sigurd ließ sich nicht mehr abwimmeln. Dennoch stoppten die Freunde, jeder mit einem leichten Zug am Zügel, ihre Pferde. »Davon bin ich überzeugt, Hauptmann Gerolf«, entgegnete Sigurd mit fester Stimme. »Allerdings … nicht jeder hat so triftige Gründe wie wir. Hier«, er deutete mit seiner rechten Hand auf den leblosen Körper vor sich. »Dieser Mann wollte uns umbringen. Es ist Benno aus der Leibwache Fräulein Margaretes!«
»Was?«, entgegnete der Burghauptmann ungläubig. Doch als Sigurd den Kopf des toten Benno anhob, änderte sich die Ablehnung Hauptmann Gerolfs schlagartig. »Wartet hier«, bedeutete er den Freunden, die nun befriedigt von ihren Pferden stiegen. »Ich mache dem Fürsten Meldung!«
*
Hauptmann Gerolf beeilte sich, nach der Eröffnung von Sigurd, Fürst Friedrich zu benachrichtigen. Während er sich der Pforte näherte, die den Zugang zur Treppe in die oberen Räume freigab, schloss sich schräg über ihm ganz leise ein Fenster.
Es dauerte nicht lange, und ein Söldner der Burgbesatzung trat an Sigurd, Bodo und Cassim heran. »Der Hauptmann schickt mich. Folgt mir bitte«, sagte er in verbindlichem Ton. »Unser Herr erwartet Euch.«
Die Freunde schauten erleichtert auf und nahmen das Angebot dankbar an. Endlich war es so weit, und sie konnten mit Fürst Friedrich persönlich sprechen. Sie waren auch nicht verwundert, als der Bedienstete, statt in die oberen Gemächer, die Treppe nach unten in den Kellerbereich hinabstieg. Mit ausdrucksloser Miene öffnete er eine Tür. »Bitte«, deutete er mit seiner linken Hand in den schwach erleuchteten Raum.
Ohne Argwohn ging Sigurd als Erster durch die Tür und stieg ein paar Stufen hinab. Er wunderte sich etwas über die kühle und feuchte Luft, die ihm entgegenschlug. Er dachte sich aber nichts Arges dabei, da Räumlichkeiten in Burgen, selbst bei heißen Sommertemperaturen, durch ihre dicken Wände stets kühle Temperaturen aufwiesen. Die Treppe war so schmal, dass Bodo und Cassim nur nacheinander folgen konnten.
Plötzlich bekam der Junker einen kräftigen Stoß in den Rücken, sodass er gegen Bodo und der wiederum gegen Sigurd stolperte. Ein dumpfer Schlag ließ die Tür ins Schloss fallen. Das Echo schlug von den Wänden des hallenartigen Raumes zurück. Zum Glück konnten sie alle ihr Gleichgewicht bewahren und drehten sich zur Tür um. »Bei allen Teufeln«, rief Cassim entsetzt. »Der Kerl riegelt die Tür zu!«
»Was hat denn das nun wieder zu bedeuten?«, setzte Bodo mehr überrascht als erschreckt nach.
Sigurd schien in diesem Moment fast nichts mehr aus der Ruhe bringen zu können. »Auf keinen Fall etwas Gutes«, stellte er sachlich fest. »Seht euch nur an, in was für einem seltsamen Raum wir eingesperrt sind.«
Nur allmählich gewöhnten sich die Augen der Freunde an das Dämmerlicht, nachdem sie gerade erst aus dem sonnendurchfluteten Burghof hereingekommen waren.
»Hier ist ja ein riesiges Bassin, aber …«, stockte Bodo im ersten Moment der Atem. Die einzige Lichtquelle bildete ein schwaches Schimmern, das durch die Wasseroberfläche vom Grund des Bassins nach oben drang. Da schäumte plötzlich die bisher ruhige Wasseroberfläche des großen Beckens auf, und vier Flossen durchpflügten das dämmerige Nass. »Seht … was darin umherschwimmt«, überschlug sich Bodos Stimme.
In diesem Moment tauchte der riesige Schädel eines Haifisches aus dem Wasser. Sein Maul war geöffnet, und seine furchtbaren Zähne deuteten seine Fressgier an.
»Verdammt«, entfuhr es Sigurd. »Wir sind in eine Falle geraten! Der Bursche, der uns hierhergeführt hat, war gar nicht vom Hauptmann geschickt worden.«
»Bestimmt nicht«, warf Bodo aufgeregt ein. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fürst Friedrich uns so einen üblen Streich spielen würde. Ich verstehe nur nicht, was das soll. Früher oder später wird man uns doch hier finden.«
Sigurd überlegte kurz. »Vielleicht will unser unbekannter Feind nur Zeit gewinnen … ja, so wird es sein! Er weiß ja nicht, dass Benno tot ist und ihn nicht mehr verraten kann.«
Da unterbrach ihn Cassim kurz mit einem erschreckten Ausruf.
»Was ist, Cassim?«, wandte sich Sigurd an den jungen Freund.
Cassim wies nach vorne. » Seht doch, das Wasser im Becken steigt.«
»Allmächtiger«, reagierten Bodo und Sigurd gleichzeitig. Nachdem sich ihre Augen immer besser an das diffuse Dämmerlicht gewöhnt hatten, schauten sie sich um.
»Seht«, zeigte Bodo auf die Wand neben der Treppe, nachdem sie die vier Stufen hinabgestiegen waren und nun auf der Umrandung des Wasserbeckens standen. »Die Mauer ist bis zur Unterkante der Tür dunkler gefärbt. Sie ist feucht! Das bedeutet …«
»… dass das Wasser bei Flut bis dort hinaufsteigt«, vollendete Sigurd den Satz seines Freundes.
»Himmel«, stieß Cassim angstvoll aus. »Und wir dachten erst, unser Feind wollte nur Zeit gewinnen!«
Sigurd ballte seine rechte Hand zur Faust. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fürst Friedrich unseren Tod beschlossen hat.«
»Natürlich nicht«, bestätigte ihm Bodo. »Der Kerl, der uns hierherbrachte, wurde von jemand anderem geschickt.«
Sigurd nickte. »Es ist unschwer zu erraten, dass dieser Jemand derselbe ist, der den Mordschützen Benno beauftragt hat!«
»Aber wer …?«, rätselte Bodo.
Doch Sigurd unterbrach ihn. »Darüber können wir uns den Kopf zerbrechen, wenn wir lebend aus diesem Raum herauskommen.« Ohne auf eine Antwort von Bodo zu warten, stürmte Sigurd plötzlich die Treppenstufen hinauf und warf sich mit seiner rechten Schulter in voller Wucht gegen die Pforte. Schmerzvoll zuckte er zurück. »Die Tür ist zu stark«, bemerkte er angestrengt. »Ich breche mir eher die Schulter, als dass sie auch nur erschüttert wird.«
»Lass es uns gemeinsam versuchen«, munterte Bodo ihn auf.
Sigurd sah ihn an. »In Ordnung«, nickte er. Langsam stieg er die Treppe wieder hinunter, um im gleichen Moment, gemeinsam mit Bodo, wieder hinaufzuhasten. Beide prallten mit ihren linken Schultern gegen das feste Holz. Doch auch diesmal ohne Erfolg. Sigurd wirkte niedergeschlagen.
»Was nun?«, fragte ihn auch Bodo ratlos.
»In diesem Raum gibt es nichts, an dem wir hinaufklettern und uns festhalten könnten, bis die Ebbe das Wasser wieder sinken lässt«, trat Cassim zu ihnen und hämmerte mit seinen Fäusten gegen die unnachgiebige Tür. »Aufmachen, aufmachen«, rief er verzweifelt. »Hört mich denn niemand? Aufmachen!« Immer wieder trommelte er gegen das starke Eichenholz der Pforte.
»Gib es auf«, hielt Sigurd ihn zurück. »Wenn man dich hören könnte, hätte sich unser unbekannter Feind bestimmt etwas anderes ausgedacht, um uns zu beseitigen.« Er wandte sich wieder dem Becken zu. »Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen … und diese Tatsachen sind Haifische, vier sehr große Haifische!«
Bodo und Cassim gesellten sich zu ihm. Die Haifische hatten sehr wohl die Bewegungen der Freunde außerhalb ihres Elements wahrgenommen. Unruhig durchpflügten die vier Rückenflossen die Wasseroberfläche des Bassins.
Cassim hielt eine Faust vor den Mund. »Wir haben keine Chance«, presste er mit einem angstvollen Blick heraus. »Wir sind verloren!« Sie traten noch einen Schritt näher an den Beckenrand. »Wenn das Wasser so weitersteigt, erreicht es in einer halben Stunde die Treppe«, kombinierte Cassim weiter.
Sigurd staunte über seinen jungen Gefährten, der trotz seiner sichtbaren Angst die Lage so treffend beurteilen konnte. Er wollte gerade etwas erwidern, als urplötzlich der gewaltige Leib eines Hais aus dem Wasser schoss und genau auf sie zukam. »Vorsicht!« Mit aller Kraft stieß Sigurd den erstarrten Cassim zur Seite. Der Junker riss Bodo im Fallen mit sich, und beide landeten unsanft rückwärts auf dem Steinfußboden. Noch ehe der Hai den Beckenrand berührte, hatte Sigurd blitzschnell seinen Dolch aus der Klingenscheide gezogen und stürmte von der Seite auf den Meeresräuber zu. »Deine Voreiligkeit soll dir zum Verhängnis werden«, rief er ihm zu. Mit einem beherzten Sprung landete er auf dem Rücken es mächtigen Tieres. Mit der linken Hand hielt er sich an der Rückenflosse fest und trieb mehrmals das Messer in den Körper des Fisches hinein. Keuchend richtete er sich auf.
»Er … er ist tot«, stellte Sigurd befriedigt fest. Er packte die Fressmaschine in Fischgestalt und zog sie parallel zum Rand des Bassins. »So«, meinte er trocken. »Nun zurück ins Wasser mit ihm! Hilf mir, Bodo, aber sieh dich vor. Er schlägt noch mit dem Schwanz!« Beide drückten, unter Aufbietung ihrer ganzen Kräfte, den blutenden Kadaver ins Wasser zurück. Seine drei Artgenossen schwammen wild heran. Die Freunde hatten sich sofort auf der Treppe außer Reichweite gebracht.
»Der Blutgeruch macht die anderen Haie toll«, rief Bodo aus. »Sie zerfleischen sich gegenseitig!«
»Das hatte ich gehofft«, nickte Sigurd zur Bestätigung.
Der mörderische Kampf der außer Rand und Band geratenen Tiere dauerte nicht lange. Am Ende hatte nur einer der Haie schwer verletzt überlebt.
Sigurd zögerte keinen Moment. Mit dem Dolch noch immer in der Hand, stieß er sich vom Rand des Beckens mit einem Kopfsprung ab. »Ich gebe ihm den Gnadenstoß«, rief er seinen Freunden zu und war Augenblicke später untergetaucht. Zwischen den leblos im Wasser treibenden Haifischen erblickte Sigurd den aus vielen Bisswunden blutenden Hai im dunklen Wasser. Vorsichtig schwamm er näher heran. Als Sigurd den großen Fisch an der Flanke erreichte, wälzte sich der Hai instinktiv langsam herum. Vorsichtig legte Sigurd seinen Arm um das waidwunde Tier. Trotz seiner großen Schwäche durch den Kampf mit seinen Artgenossen zuckte reflexartig der massige Schädel des Haifisches nach oben. Das Maul war weit aufgerissen. Sigurd hatte die gefährlichen Zähne vor seinem Gesicht. Doch noch ehe die Bestie weiter reagieren konnte, stieß Sigurd zu. Immer wieder jagte er seinen Dolch in den Kopf des Raubfisches.
Endlich …, ein letztes Zucken, und der leblose Körper trieb von Sigurd weg. Das Wasser im Umkreis war rot gefärbt. Gierig saugte Sigurd Luft in seine angespannten Lungen, nachdem er die Oberfläche dieses nun nicht mehr tückischen Gewässers wieder erreicht hatte. »Es ist geschafft, Freunde«, schnappte er noch etwas außer Atem. »Ich …«
»Es ist nicht zu fassen«, rief Cassim mit großer Erleichterung dazwischen.
Sigurd winkte den Freunden zu. »Ich suche nach der Öffnung, durch die das Wasser hereinströmt. Vielleicht können wir dort diesen unfreundlichen Raum verlassen!«
Sigurd atmete ein paar Mal kräftig ein und aus. Mit einem tiefen Atemzug füllte er seine Lunge mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff und tauchte nach dem Grund des Bassins hinab. Je tiefer er kam, desto mehr erhellte sich seine Umgebung, und er fühlte eine stärker werdende Strömung. Endlich entdeckte er den Ursprung des Lichtscheins. Sigurd spannte seine Muskeln an und schwamm mit kräftigen Zügen darauf zu. Da ist die Öffnung, durchfuhr es ihn erleichtert. Doch seine Zuversicht wurde gleich wieder getrübt, als er beim Heranschwimmen ein eisernes Gitter bemerkte, das den Durchgang versperrte. Mit letzter Hoffnung ergriff er zwei der dicken Gitterstäbe und stemmte seine Füße auf den Grund. Ja, erhellte sich sein Gesicht. Es lässt sich hochdrücken. Sigurd wusste, dass er bald auftauchen musste. Die Luft wurde ihm knapp.
Nachdem er das eiserne Gitter einen größeren Spalt hochgedrückt hatte, zwängte er sich unter ihm hindurch. Er schwamm, so schnell er konnte, durch einen kleinen, dahinter gemauerten Tunnel hindurch, während es um ihn herum immer heller wurde. Mit letzter Kraft schoss sein Oberkörper durch die Meeresoberfläche.
»Endlich … Luft«, rang er nach Atem. Hinter ihm erhob sich die Mauer, auf der die trutzige Burg des Fürsten Friedrich ruhte. Zum Glück war das Meer relativ ruhig, sodass Sigurd nicht befürchten musste, gegen die Mauer geworfen zu werden. Nachdem er sich etwas erholt hatte, erfüllte ihn wieder volle Zuversicht. Bodo und Cassim können es auch schaffen, war er sich sicher und tauchte mit großem Schwung wieder in die Tiefe.
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