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Charles Sealsfield

Tokeah

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Zweiunddreißigstes Kapitel

Dreiunddreißigstes Kapitel

Vierunddreißigstes Kapitel

Fünfunddreißigstes Kapitel

Sechsunddreißigstes Kapitel

Siebenunddreißigstes Kapitel

Achtunddreißigstes Kapitel

Neununddreißigstes Kapitel

Vierzigstes Kapitel

Einundvierzigstes Kapitel

Zweiundvierzigstes Kapitel

Dreiundvierzigstes Kapitel

Impressum

Einleitung

»Mense Maji 1823 disparuit« – im Mai 1823 verschwunden – heißt es unter »Carolus Postl« im Ordenskatalog des Prager Kreuzherrenstiftes. Ende August desselben Jahres landet er, von seinen Freunden mit Geld und Gut reichlich versehen, in Neuorleans. Als Bürger der Vereinigten Staaten nahm er den Namen Charles Sealsfield an. Seine deutschen Werke ließ er jedoch ohne Verfassernamen erscheinen, die Lesewelt nennt ihn den »großen Unbekannten«, er ist der Verfasser des »Legitimen« usw. und gestattet erst gelegentlich der Herausgabe seiner Gesammelten Werke, Charles Sealsfield als Verfasser zu nennen. »Es war ihm dieses Verborgensein lieb geworden.« Daß dieser Charles Sealsfield jener Priester des Kreuzherrenordens, namens Karl Postl war, hat man erst nach seinem Tode erfahren.

Karl Postl wurde am 3. März 1793 in dem deutsch-mährischen Dorfe Poppitz bei Znaim als Sohn des Bauern, Gemeindevorstehers und Dorfrichters Anton Postl geboren. Der Vater war eine Aristokratennatur, und der Sohn ist es sein Leben lang geblieben, so sehr er auch gesundem Demokratismus huldigte. Die Mutter Juliane wünschte, daß Karl, der älteste der zahlreichen Geschwister, Geistlicher werde. So studierte er von 1802 bis 1807 am Gymnasium der Jesuiten in Znaim und kam dann als Konventstudent in das Kreuzherrenstift zu Prag, um die drei »Klassen der Philosophie« zu machen. Hier widmete er sich auch dem theologischen Universitätsstudium, legte 1814 die Ordensgelübde ab und ward 1816 zum Priester geweiht. Seit dieser Zeit war er auch Ordenssekretär. Einige Jahre scheint er mit seinem Berufe leidlich zufrieden gewesen zu sein – die Prager aristokratische Gesellschaft nahm ihn auf und bot ihm Zerstreuung, er las viel und trieb auch das Studium des Englischen und Französischen – dann brach aber doch der innere Zwiespalt durch, der noch von außen durch Zerwürfnisse mit den Ordensbrüdern und dem General und Großmeister genährt wurde. Allein auch jetzt hielt er noch an dem einmal gewählten Berufe fest, er wollte nur eine freiere Stellung als Geistlicher erringen. Da dann aber seine Hoffnung auf Anstellung als Hofsekretär in geistlichen Angelegenheiten zunichte wurde, flüchtete er nach Amerika. Seit dieser Zeit galt er in seiner Heimat als verschollen und ist nach Mähren, soweit wir unterrichtet sind, nie zurückgekehrt.

Nach längerem Wandern in Louisiana, das ihm von nun an teuer blieb und wo sich viele der von ihm erzählten Begebenheiten zutragen, und durch andere Gebiete machte er sich unter deutschen Farmern in dem pennsylvanischen Kittaning ansässig. Allein bereits im Oktober 1825 verließ er das Städtchen, reiste nach dem Südwesten, suchte wieder Neuorleans auf und blieb längere Zeit in seinem geliebten Louisiana. Im September 1825 nahm er in Frankfurt a. M. Aufenthalt, um Verbindungen mit Verlegern anzuknüpfen. Cotta in Stuttgart kaufte ihm sein erstes Werk ab: »Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Mit einer Reise durch den westlichen Teil von Pennsylvanien, Ohio, Kentucky, Indiana, Illinois, Missouri, Tennessee, das Gebiet Arkansas, Mississippi und Louisiana. Von Charles Sidons, Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika.« (Stuttgart und Tübingen 1827, 2 Bde.) Seit November 1826 lebte er in London und schrieb hier die englische Ausgabe des eben genannten Reisewerkes (London 1828) und zwei andere englische Schriften, deren eine die »Brandschrift« ist: »Austria as it is or Sketches of Continental Courts by an Eye-Witness« (London 1828) – Österreich, wie es ist, oder Skizzen der Höfe auf dem Kontinent. Von einem Augenzeugen. – Im September 1827 kam er nach Amerika zurück und schrieb unermüdlich in Philadelphia, allein die Hoffnungen, die er auf die europäischen Verleger und Zeitungsbesitzer setzte, trogen ihn, und er ging wieder nach Kittaning, wo er »Canondah« oder »Tokeah« arbeitete, nach dessen Vollendung er 1828 abermals nach dem Südwesten und diesmal auch nach Mexiko kam. Die Vermögensverluste, die er durch den Zusammenbruch seines Bankhauses in Neuorleans erlitt, zwangen ihn, von dem Beruf eines Pflanzers abzusehen und 1829 in Neuyork in die Redaktion des Hauptorgans der französischen amerikanischen Bevölkerung »Le Courrier des Etats-Unis« einzutreten. Im Jahre 1330 kaufte Graf Survilliers, der Exkönig von Spanien Josef Bonaparte, diese Zeitung, wodurch Sealsfield mit ihm und den Bonapartes in Verbindung kam. 1831 ging er im Auftrage des Grafen nach Louisiana, lebte aber dann als Berichterstatter und Mitarbeiter mehrerer Zeitungen in London und Paris, wo ihm die Empfehlungen Josef Bonapartes den Zutritt in die höchsten aristokratischen Kreise eröffneten.

Seit Ende 1831 wohnte er ständig in der Schweiz, kehrte aber noch mehrmals nach Amerika zurück, zu kürzerem Aufenthalt 1837 und 1850, zu längerem und das letztemal 1853, wo er auch Louisiana besuchte. Bis Anfang der vierziger Jahre lebte er in Tegernweilern, dann in Zürich, wo er früher schon längere Zeit ansässig war, und in Feuertalen. Im Jahre 1847 zog er nach Schaffhausen, und hier finden wir ihn seit 1851 im Hause des Kaufmanns Meyer, dessen Tochter Elise mit dem Dichter bis an sein Lebensende in freundschaftlichem Verkehre stand. Als 1853 Sealsfield Amerika besuchte, hatte er vor, sich dauernd dort niederzulassen. Allein er bemerkte hier bereits die Anzeichen einer ungesunden Entwicklung. Enttäuscht kehrte er in die Schweiz zurück und kaufte ein Bauernhaus bei Solothurn »Unter den Tannen«, das das stille Heim seines Lebensabends geworden ist.

In Kittaning vollendete Sealsfield (1827) »Canondah«, womit die Reihe seiner Romane und Erzählungen und sein eigentlich dichterisches Schaffen beginnt. Das Werk erschien (Philadelphia 1828, 2 Bde.) unter dem Titel » Tokeah or the white Rose, an Indian Tale.«

Sobald aber Sealsfield in der Schweiz ständigen Aufenthalt genommen hatte, begann er wieder deutsch zu schreiben. Hier sind alle seine Hauptwerke entstanden. Zuerst erschien ohne Verfassernamen wie die späteren Werke »Der Legitime und die Republikaner. Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Kriege« (1812 bis 1815), Zürich 1833, 3 Bde. (Gesammelte Werke, Handausgabe, 1.–3. Bd., Stuttgart 1845.) Dieser Roman ist aus dem »Tokeah« hervorgegangen; Sealsfield übertrug nämlich den ersten Teil der » Indian Tale« einfach ins Deutsche, arbeitete aber den zweiten gänzlich um. Er ist die Geschichte des Untergangs der indianischen Nation. »... Beklagenswert bleiben... die Schicksale dieses unglücklichen Volkes und groß die Leiden, welche die stärkere Seelen unter demselben fühlen müssen, bei der Trennung von dem Lande, in dem sie und ihre Väter geboren wurden. Ich habe neuerlich eine Abteilung dieser Überzügler in der Nähe des Yazoo gesehen, wie sie soeben über den Mississippi gesetzt wurden. Die Ärmern waren durchgängig in ihren gewöhnlichen Stumpfsinn versunken, äußerten weder Freude noch Schmerz, obgleich die Verpflegungsanstalten auf dem Überzuge vortrefflich waren, die Häuptlinge und die bessern Familien schienen unter der Last ihres Jammers zu unterliegen. Es war ein schmerzvoller Anblick, sie hinüberstarren zu sehen auf das östliche Ufer des Mississippi; mehrere streckten ihre Hände darnach aus. Auf dem Zuge aus ihren heimatlichen Wäldern... wandten sie sich jede tausend Schritte und schauten zurück auf die Berge und Fluren, die sie verlassen, und wurden jede Stunde düstrer und trostloser. Einige trugen die Gebeine ihrer Eltern als den köstlichsten Schatz mit sich, um sie der Erde ihrer neuen Wohnsitze zu übergeben.« »Über die beste Art der Darstellung war ich einige Zeit unentschlossen«, schreibt Sealsfield weiter. »Ich schwankte zwischen einer biographischen und romantischen (d. i. Roman-)Darstellung und entschloß mich zu letzterer, die mir um so geeigneter schien, als die seltsame Verkettung des Geschickes dieses merkwürdigen Mannes (Tokeah) mit einer Menge geschichtlicher Personen und besonders der edlen Dame (der weißen Rose) ... seinem wirklich großartigen Charakter ein ganz romantisches Gepräge verliehen und mir zugleich einleuchtete, daß diese Darstellungsart zur geschichtlichen erhoben werden könne, wenn ... der Autor dem Urbilde seines Helden treugeblieben ist. überhaupt habe ich für den wahrhaft geschichtlichen Roman ... eine große Vorliebe ... Unberechenbar sind die Wirkungen, die ein gutes geschichtliches, auf Quellen gegründetes, mit Wahrheit und ohne Übertreibung geschriebenes Buch dieser Art auf eine empfängliche und nicht gänzlich übersättigte oder überraffinierte Nation haben muß.«

Sealsfield hat gleich mit seinem ersten Roman die deutsche Leserwelt erobert. Das Fremde, das Exotische, das Amerikanische, die eigene Sehnsucht nach Freiheit – die neue, realistische, Cooper übertreffend Weise der Darstellung, die treffliche, schwungvolle Naturschilderung machten großen Eindruck.

Die günstige Aufnahme des »Legitimen« bewog den Dichter (1833 und 1834), mit zwei Bändchen seine »lebendig und frisch hingeworfenen Genrebilder des amerikanischen Lebens«, genannt »Transatlantische Reiseskizzen« (Zürich 1834) zu beginnen. Sie enthielten »George Howards Esq. Brautfahrt« (später »Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre« 1. Bd., Ges. Werke 9. Bd., Stuttgart 1846) und den humoristischen »Christophorus Bärenhäuter«, der in die Gesamtausgabe nicht aufgenommen wurde. Die »Lebensbilder« hat Sealsfield »der zum Bewußtsein ihrer Kraft und Würde erwachenden deutschen Nation als Spiegel zur Selbstbeschauung« gewidmet. – »Ich halte überhaupt wenig von Nachahmung«, sagt der Verfasser selber. »Nach meiner Ansicht muß die Natur des Gegenstandes, den wir behandeln, auch die Form und Weise der Behandlung bedingen, die Darstellung muß naturgemäß, soviel als möglich natürlich sein. Und nach diesem Grundsatze bin ich meinen eigenen Weg gegangen. So haben die Transatlantischen Reiseskizzen gewissermaßen gar keinen Grundplan; sie sind leicht hingeworfen, oft an Ort und Stelle hingeworfen und durch eine wirkliche Begebenheit zur Einheit verbunden.« Sie sind »nach einem neuen Plane verfaßt«, »als ein Versuch« herausgegeben worden, »der bereits in den Vereinigten Staaten angestellt, da nicht gelungen, in Deutschland zu gelingen versprach. Der Verfasser, der auf seinen mehrmaligen Reisen nach dem Südwesten der Union mit der Entwicklung und den Fortschritten von Osten nach Westen vertraut geworden, hatte nämlich den Gedanken gefaßt, diesen Zivilisationsprozeß in Skizzen und Bildern darzustellen. Ihm war nicht entgangen, daß bei der so unendlich verbreiteten Tagespresse in diesem Lande der bisherige familienhistorische ... Roman nicht sehr passe, daß für ein Land mit so öffentlichem Leben auch ein diesem entsprechender Roman ausführbar sein könnte.« Sealsfield hat nun weiter den Gedanken gefaßt, »dieses öffentliche Leben nicht nur in Skizzen und Bildern darzustellen, sondern so darzustellen, daß sie, obwohl lose verbunden, ein Ganzes bildeten, welches die Republik der Vereinigten Staaten, wie sie leibte und lebte, vorführen sollte.« Bei den Deutschen fanden die beiden, 1827/28 in Amerika gearbeiteten Bändchen tatsächlich eine sehr günstige Aufnahme. Allein Sealsfield traute dem Erfolge noch immer nicht recht und wartete lieber mit den Fortsetzungen, bis sich die deutschen Leser an die neue Art Roman oder Novelle gewöhnt hätten.

Inzwischen (1834) erschien eines seiner bedeutendsten Werke, der Roman »Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahr 1812« (Zürich 1835, 2 Bde., in den Ges. Werken 4. – 6. Bd., Stuttgart 1845/46), »nach denselben national-geschichtlichen Tendenzen entworfen und durchgeführt« wie die Reisebilder. »Die Grundzüge des ... Buches, das wir Bilder des öffentlichen und häuslichen Lebens in Mexiko in der angegebenen Periode nennen möchten, sind während eines Besuches des ... Verfassers in Mexiko [1828] niedergeschrieben worden. Die meisten Skizzen wurden in dem Lande selbst entworfen, so wie die Charaktere größtenteils nach der Natur gezeichnet sind; mehrere lernte der ... Verfasser persönlich kennen. Die geschichtlichen Partien sind teils aus mündlichen Überlieferungen bewährter Personen, teils aus dem offiziellen Blatte der damaligen Periode [Revolution von 1810–1825] genommen.« Da »Der Virey« infolge »der Großartigkeit des Gegenstandes, der außerordentlich kräftigen, durchaus mit dem Gegenstande vertrauten Behandlungsweise« Erfolg hatte, gab nun Sealsfield im gleichen Jahre zwei Bände »Lebensbilder aus beiden Hemisphären« (Zürich 1835) heraus, die »Die große Tour« brachten(»Morton oder die große Tour«, Ges. Werke 7. und 8. Bd., Stuttgart 1846). »Morton« ist der Roman von der Macht »der Zehn« oder des Geldes, er könnte heute geschrieben werden. Er fand die Gunst der Leser in hohem Grade und brachte den Dichter endlich zu dem Entschlusse, seinen Lieblingsgedanken auszuführen, die Vereinigten Staaten im »nationalen oder höheren Volksromane« darzustellen. Darin soll das ganze Volk der Held sein, »sein soziales, sein öffentliches, sein Privatleben, seine materiellen, politischen, religiösen Beziehungen treten an die Stelle der Abenteuer, seine Vergangenheit, seine Zukunft werden als historische Gewänder benutzt, Liebesszenen und Abenteuer nur gelegentlich als Folie, um zu beleben, hervorzuheben angewandt. Es ist in diesem Romangenre, dem er die Benennung des nationalen oder höheren Volksromans ... geben zu sollen glaubt, dem Roman die bunteste (breiteste) Unterlage gegeben, durch die derselbe zunächst der Geschichte sich anzunehmen, eine wichtige Seitenquelle derselben zu werden, berufen sein dürfte.« Sealsfield war, wie er weiter schreibt, der erste, der dem Roman diese breite geschichtliche, nationale und soziale Unterlage gab.

So erschienen 1835/36 weitere »Transatlantische Reiseskizzen«, 3.–6. Bd., auch »Lebensbilder aus beiden Hemisphären« genannt, die »Ralph Doughbys Esq. Brautfahrt«, »Pflanzerleben«, »Die Farbigen« und »Nathan, der Squatter-Regulator oder der erste Amerikaner in Texas« (Zürich 1836/37) enthielten. Diese Werke samt »George Howards Esq. Brautfahrt« bildeten später die »Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre« (Ges. Werke 9.–13. Bd., Stuttgart 1846).

Im Jahre 1838 beginnen die »Neuen Land- und Seebilder« (»Die deutsch-amerikanischen Wahlverwandtschaften« – 1–4,3 in 2 Teilen Zürich 1839/40) zu erscheinen. Sealsfield hat dann nur noch zwei, freilich sehr bedeutende Werke herausgegeben. »Das Kajütenbuch oder nationale Charakteristiken« – das den Deutschen am meisten und bis heute oft allein bekannt gewordene Werk des Deutschmährers – hätte auch als Fortsetzung der »Transatlantischen Reiseskizzen« erscheinen können. Es wurde 1840 (Zürich 1841, 2 Bde., Ges. Werke 14. und 15. Bd., Stuttgart 1847) veröffentlicht. In dem Vorworte heißt es, daß der Verfasser den Beruf in sich zu fühlen scheine, die Zeitgeschichte und ihre wichtigeren Momente in lebendigen, plastischen Bildern der Welt darzustellen. Im »Kajütenbuche« ist es der »Moment der Gründung eines neuen anglo-amerikanischen Staates auf mexikanischem Grund und Boden [1836], der Moment, wo die germanische Rasse sich abermals auf Unkosten der gemischten romanischen Bahn gebrochen ... hat ... So wie in den früheren Werken, so scheinen auch in diesem dem Verfasser Quellen zu Gebote gestanden zu sein, die weit mehr Aufschlüsse über die Entstehung des neuen Staates geben, als es bisher erschienene geschichtliche Werke taten.« Die Erzählung Phelims (»Der Fluch Kishogues oder der verschmähte Johannistrunk«) – ein tragisch-humoristisches Prachtstück irländischen Lebens und Sterbens – nahm Sealsfield auf, um die Gegensätze zwischen amerikanischem und irischem und englischem Nationalcharakter mehr hervorzuheben und so den Untertitel »nationale Charakteristiken« zu rechtfertigen.

In ästhetischer Beziehung ist unter den Romanen unseres Dichters das leider vergessene Werk »Süden und Norden« (Stuttgart 1842/43, 3 Bde.) sein bestes Buch – jedenfalls eine gewaltige Schöpfung! Sealsfield selber hat es als sein schönstes und poetischestes Werk bezeichnet; es ist in Augenblicken und Stunden des Dichters entstanden, wo seine rein poetischen Kräfte, sein Temperament die unbeschränkte Herrschaft über ihn hatten und sich in der Gewalt und dem Sturm des dargestellten Lebens, in der Glut der Farben und in der Hast der Schreibweise in voller Deutlichkeit äußerten. »Es war im November 1824, bald nach Beendigung des zweifelhaften Kampfes, der endlich doch noch Mexiko von der spanischen Botmäßigkeit losriß« (die Vorgeschichte gibt ›Der Virey‹) – »daß eine Gesellschaft junger Amerikaner – der ein Deutscher sich anzuschließen die Erlaubnis erhielt – die Hauptstadt der neugeschaffenen Republik verließ, um einen Ausflug nach dem so wenig bekannten Süden des jungen Bundesstaates zu versuchen«. Sie verirrt sich und stößt mit den Bewohnern von Tzapotecan zusammen, der Norden mit dem Süden, was den Inhalt des Romanes ausmacht. »Was die Darstellung selbst betrifft, so ist diese skizziert, fragmentarisch, wie es eine Darstellung erster Eindrücke bedingt. Nicht tiefgehend, berührt sie – nicht ohne triftige Gründe – nur oberflächlich, gleichsam im Durchfluge geselliges Leben und sittliche Zustände, die, sollen sie gründlich geschildert werden, eine längere Beobachtung erfordern. Und der Charakter des einfachsten Völkchens ist für uns häufig um so schwerer zu enträtseln, als wir dessen Zustände in der Regel durch das optisch täuschende Glas unserer mitgebrachten Vorurteile zu beschauen, diesen das Geschaute an- und unterzuordnen pflegen.« An den »Neuen Land- und Seebildern«, am »Kajütenbuch« und an »Süden und Norden« ward, wie Sealsfield selber berichtet, einiges sehr gepriesen, anderes ebensosehr getadelt. Man fand die »Neuen Land- und Seebilder« häufig zu empfindsam, zu faselnd, hatte am »Kajütenbuche« auszusetzen, daß es kein Roman sei, an »Süden und Norden«, daß die Phantasie zu üppig ausschweife.

Seit 1848 ungefähr fand Sealsfield nicht mehr die Gunst des Publikums und er hat sie, strenge genommen, bis heute nicht wieder erlangt. Daß »Das Kajütenbuch«, »Der Virey« und einige Erzählungen auf dem Büchermarkte zu haben sind, widerlegt meine Behauptung nicht. Frage ich mich nach den Gründen dieser Zurücksetzung, so muß ich leider zuerst den tiefen Stand unseres nationalen Empfindens anführen. Unsere Leserwelt findet Genügen, ja Gefallen an der ästhetisierenden, wenn nicht gar ungesunden literarischen Kost. Und Sealsfield gehört zu den starken Persönlichkeiten, die heute, in einer Verfallzeit, unbequem sind; er predigt und räsoniert und man will unbehelligt leben und genießen. Und er ist trotz allem aristokratisch und konservativ gesinnt. Freilich, er, der eminent praktische Kopf, war doch nicht praktisch genug: er hätte weiter englisch, womöglich französisch schreiben müssen, die fremde Zunge hätte Wunder bei den Deutschen gewirkt. Aber es ist doch zu hoffen, daß mit dem Siege des Rassegedankens auch das Werk Sealsfields allgemein Leser und Anerkennung finde.

Bereits die Ausgabe seiner Gesammelten Werke zeigte, daß er nicht mehr wie früher ein Liebling der Leserwelt war. Zwar brachte es die erste Ausgabe (Stuttgart 1842/46) auf 18 Bände, allein die Taschenausgabe (Stuttgart 1845/47) gedieh nur noch auf 15 Bände. »Süden und Norden« fehlt! – »Noch sind zwei Werke ... wegen der politischen Stürme ungedruckt. Er konnte sich noch nicht entschließen, sie herauszugeben«, schrieb der Dichter 1854. Diese beiden Werke (»Ein Mann aus dem Volke« und »Osten und Westen«) wie auch die Memoiren aus den dreißiger Jahren über die Familie Bonaparte hat er verbrannt. Alfred Meißner hat noch aus einem vergilbten Hefte »Die Grabesschuld« (Leipzig 1873) entziffert. Die letzten Lebensjahre war Sealsfield von Krankheit heimgesucht. Er war augenleidend, dazu kam ein schweres Unterleibsleiden. Seit dem Ausbruch des nordamerikanischen Bürgerkrieges quälte ihn auch noch die Sorge, das in amerikanischen Eisenbahnaktien angelegte Vermögen ganz zu verlieren. Doch er ertrug Krankheit, Kummer und Einsamkeit standhaft. »Ich fühle, daß meine Laufbahn keine lange mehr sein wird, und ich bin es ganz zufrieden. Ich würde es für kein Glück erachten, noch zehn Jahre zu leben.« Der Tod hat ihn auch bald erlöst. Er starb am 26. Mai 1864. »Nichts Neues von drüben?« war seine letzte Frage, sein letztes Wort an diese Welt.

Es ist die Frage aufgeworfen worden, wie Sealsfield überhaupt zum Schriftsteller geworden sei. Dazu hat ihn wohl die Not des Lebens gemacht und gerade Schriftsteller wurde er, weil er eben ein geborener Dichter war. Man hat nun freilich gemeint, daß er niemals den Dichter in sich entdeckt und gewürdigt hätte. Das ist unrichtig. Gerade das Werk, das am meisten den Dichter verrät, »Süden und Norden«, war ihm das liebste. Und wahrlich hier wirkt die Zauberkraft des echten Dichters: Wie innig-süß, wie traulich- still, wie ganz zart, hingebend, alles vergessend, wie rein aus dem Urquell geschöpft, hat er die Liebe einer Encarnacion dargestellt, wie schicksalsmächtig die einer Mariquita! Wer fühlt nicht die Macht seiner Poesie in »Süden und Norden«! Dann heißt es freilich weiter, daß er so sehr Dichter sei, daß er darüber vergesse, auch Schriftsteller zu sein. Das ist, wie Adolf Bartels treffend schreibt, eine falsche Erklärung; »es müßte etwa heißen: So sehr ist er poetisches Temperament, daß sich künstlerische Eigenschaften bei ihm nicht ausbilden konnten. Es ist ... mit ihm ein ähnlicher Fall wie mit Jeremias Gotthelf, bei dem auch immer das Temperament durchschlug.« – Welche Dichter auf ihn eingewirkt haben? Ich glaube, darüber gebe auch das Vorwort zu »Morton« Auskunft. Darnach scheint vor allen Walter Scott auf ihn von Einfluß gewesen zu sein. Daß er aber von jeher kein Nachahmer war, ist unleugbar.

Soll nun Sealsfield als Dichter charakterisiert werden, so ist zuerst zu sagen, daß er zu den bedeutendsten Romandichtern des Realismus gehört. Allein sogar Adolf Stern hat noch die ästhetische Berechtigung der Sealsfieldschen Romane bezweifelt. 1885 schreibt er mit Beziehung auf den »Virey«, dieser litte unter der Tatsache, daß ihm die eigentlich dichterische Grundidee fehle, die durch keine historische oder politische Idee ersetzt werden könne. Ja noch 1905 heißt es bei ihm: »Muß der historische Roman selbst schon als eine Außenprovinz der Dichtkunst gelten, weil es seinen Vertretern in den seltensten Fällen gelingt, die Teilnahme der Leser an die eigentlich dichterische Aufgabe, die poetischen Motive zu fesseln, so fallen Bücher wie ... die historischen Romane ›Der Legitime...‹ und ›Der Virey ...‹ Sealsfields beinahe aus der Möglichkeit poetischer Wirkung heraus. Sobald das politisch-geschichtliche oder wie in den Sealsfieldschen Werken das völkerschildernde, ethnographisch-psychologische Element überwiegt, sobald das Gewußte, Studierte, künstlich Gemachte an die Stelle des frisch und unmittelbar Vorgestellten tritt und die Motive des Darstellers wie der Anteil des Lesers gleichmäßig aus der Reflexion hervorgehen, kommt die Poesie in Gefahr.« Dem gegenüber sagt Adolf Bartels mit vollem Recht: »Die historischen und politischen Ideen gehören ja wohl auch dem Leben an und können sicher die starken Träger dichterischer Handlung abgeben und die Massen dichterischen Materials um sich gruppieren – nur nackt hervortreten dürfen sie nicht, sie müssen in den Menschen sein. Es ist wohl noch ein Rest unserer deutschen engumschränkten ›Privatexistenz‹, daß wir Privatverhältnisse als die eigentlich dichterischen ansehen, rein individuelle Seelenkonflikte der dichterischen Darstellung würdiger erachten als die großen Zusammenstöße der Völker, Rassen und Parteien. Man darf aber ruhig sagen: Es gibt nichts ›Eigentlich-Dichterisches‹, alles wird dichterisch, wenn's der richtige Mann anschaut und anfaßt ...«

Und neuestens hat ein Berliner Literarhistoriker gefunden, daß die Bücher Sealsfields das Gleichgewicht zwischen der bewegungsarmen Dichtung Stifters und den Forderungen des Durchschnittlesers an die Unterhaltungsliteratur darstellten. Er »kennt alle Wunder der fremdartigen Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt, weiß sie mit scharfem Auge anschauend und mit festem Griff zupackend vor uns hinzustellen, und ist ein Meister auch in der Erfindung oder Nacherzählung spannender Begebenheiten«. Das deutet etwa auf den exotischen (transatlantischen, ethnographischen) Roman hin, den ja der Deutsch- Österreicher zum erstenmal in der Weltliteratur meisterhaft behandelt hat, aber das Wesen seines Romans bezeichnet man nur, wenn man vom nationalen Volksroman spricht, wie es Sealsfield selber getan hat.

Seine Kraft, Menschen und Leben darzustellen, ist gewaltig. Er charakterisiert seine Menschen, die Massen, die Völker, die Rassen als Gesamtheit und in ihren hervorragenden Gestalten, die Stände und Berufe mit einer Deutlichkeit und Eindringlichkeit, die volle Plastik und Individualisierung erreicht. Es seien hier nur der Miko Tokeah im »Legitimen«, der Vizekönig Vanega, seine Schwägerin, Graf Jago im »Virey«, der Alkalde und Bob im »Kajütenbuch« und Nathan in den »Lebensbildern« genannt. Die weiblichen Gestalten sind manchmal zu zart, zu wenig Erdenkinder, die Liebesszenen werden oft widerlich sentimental und süß. Doch, seine Charakterisierungsgabe mußte um so größer sein, je mehr er sein Lieblingsvorhaben auszuführen trachtete, die Rassen in außerordentlichen Lebens- und Willensäußerungen, als lebendigen Staat darzustellen, der um Dasein, Gegenwart und Zukunft kämpft. Und wahrlich, seine Darstellungen der bewegten Massen, des in Wallung befindlichen Blutes sind unübertrefflich! Er schreibt poetische Rassengeschichte, Volksgeschichte, Geschichte des Staates, freilich nicht die, wie gesagt, des ruhigen, gefestigten, sondern des in Wandlung begriffenen, des vergehenden und werdenden – wo Rassen und Völker aufstehen, sich durchsetzen oder untergehen. Schon sein erster Roman »Der Legitime« ist dem Unglück der Rasse gewidmet.

Neben der großen Begabung Sealsfields, Massen und einzelne Charaktere klar und lebendig vor uns hinzustellen, ist die große Anschaulichkeit, die unvergleichliche Farbenpracht und Glut seiner Landschaftsschilderung zu erwähnen. Die größte Meisterschaft hierin, in der Darstellung von Naturstimmungen und Naturgewalten hat Sealsfield in »Süden und Norden« erreicht. Hier sind Natur und Menschenkind noch eins, hier herrscht Natur und Blut, und Fremde (wie die Helden aus dem Norden), die in dieses Paradies, herrlich und furchtbar, verschlagen werden, unterliegen den beiden Gewalten. »Lebensvoll, farbenlodernd und keck originell« hat man Sealsfields Werke genannt.

Viel getadelt wurde an seinen Werken der Mangel einer durchgebildeten künstlerischen inneren Form. Es fehlt die gradlinige Fortführung und Entwicklung der Fabel, der Dichter führt mitten hinein in die Ereignisse, hält aber plötzlich still, wendet sich zurück, wieder vorwärts, greift dem augenblicklichen Stand seiner Erzählung vor; auch behandelt er diese Teile nicht mit der entsprechend gleichen Ausführlichkeit, einmal erscheinen sie lang und breit ausgeführt, nichts wird vergessen, ein andermal in hastiger Eile hingeworfen, manches bleibt unerledigt. So kann es geschehen, daß die Ereignisse an uns vorüberstürmen und -fluten, dann tritt aber eine auffallende Stille und Ebbe ein; wir werden in vergangene Jahre und Ereignisse zurückgedrängt. Mag dies hin und wieder noch nicht gar zu sehr die innere Form lockern, mag hie und da in dem Stoffe selber die Notwendigkeit liegen, so zu verfahren: die volle ästhetische Wirkung des Kunstwerkes geht doch verloren. Sealsfield lockert aber das Gefüge noch weiter, indem er seiner vorliegenden Aufgabe fremden Stoff herbeischafft und bei nächstbester Gelegenheit einflicht. Anders verhält es sich nach meiner Meinung mit der Frage, ob der Dichter trotzdem imstande war, in seinen Romanen und Erzählungen eine geschlossene Fabel oder ein abgerundetes Bild zu geben. Man muß, wie ich weiter glaube, bei der Beantwortung dieser Frage die Schwierigkeiten berücksichtigen, die bezüglich der Rundung und Geschlossenheit von vornherein in den von Sealsfield gewählten Stoffen liegen. Ich möchte es daher nicht so unbedingt gelten lassen, daß alle seine Romane nur Bruchstücke, freilich große, gewaltige Bruchstücke sind. Anders wäre es, wenn man meinte, sie seien aus Bruchstücken zusammengefügt. Selbst Adolf Stern sagt z. B. bezüglich der »Transatlantischen Reiseskizzen«, daß freilich zunächst die Kunstlosigkeit und gleichsam Zufälligkeit der Komposition in die Augen falle, aber doch einzelne nur von den eingeschobenen Abschweifungen und manchen überflüssigen Räsonnements befreit zu werden brauchten, um als geschlossene, charakteristische, blut- und lebensvolle Erzählungen zu erscheinen. Ich halte auch noch den »Legitimen«, den »Virey« und »Süden und Norden« für geschlossene Romane, möchte aber keinesfalls leugnen, daß Gleichmäßigkeit und Geschlossenheit gewonnen hätten, wenn es dem Dichter gegönnt gewesen wäre, seine Werke in ruhigerer Stimmung nochmals durchzuarbeiten. Manches Episodische, manche Rück- und Ausblicke, manche Abschweifungen, Alltäglichkeiten und Plattheiten wären verschwunden und hätten die Hauptsache, das Eigenartige, Kühne noch mehr hervortreten lassen. Im besondern auch Sprache und Stil Sealsfields wären besser geworden.

Man hat ihm auch vorgeworfen, daß er sich oft und oft in einem Predigertone gefalle. Nun, alle die vielen Einflechtungen, die Räsonnements und Kritiken politischer, sozialer, religiöser Art, so wenig sie wie bei Gotthelf ästhetisch am Platze sein mögen, gehören geradeso wie bei diesem Großen zu der Aufgabe des Mannes, zu seiner Persönlichkeit, und wir haben sie einfach mit in Kauf zu nehmen. Und schließlich ist noch immer die Frage zu stellen, ob sie nicht auch ihre Berechtigung zur Vervollständigung des Zeitbildes haben, wenn sie auch keine Darstellung sind.

Getadelt wird auch Sealsfields Sprache und oft hat man darüber seinen Stil vergessen. Bekanntlich hat Sealsfield als Romandichter zuerst englisch geschrieben. »Tokeah« und »A night on the banks of the Tennessee« (aus den »Transatlantischen Reiseskizzen«) gehören hierher. Und auch noch später hat er Werke, so z. B. den »Virey« in englischer Sprache entworfen. Kein Wunder, daß das Englisch auf sein Deutsch abgefärbt hat: unleidliche Anglizismen sind zurückgeblieben, selbst noch in »Süden und Norden«. Aus seinen Austriazismen, ja aus den deutsch-mährischen Spracheigentümlichkeiten und Redewendungen könnte man unfehlbar auf die Herkunft des Dichters schließen. Auch englische, spanische und französische Wörter verunzieren seine Sprache, und es entstand auf diese Weise eine widerliche Sprachmengerei: die Donnerkeule Dios, heißt es z. B. im »Virey«. Ganz anders ist es zu beurteilen, daß Sealsfield sehr oft spanische, englische und französische Gespräche in seine Werke aufnimmt. Sie dienen unleugbar der Charakterisierung und dem Kolorit. Aber es ist auch nicht zu bestreiten, daß sie samt der Sprachmengerei die Lesbarkeit seiner Werke beeinträchtigen.

Trotz allem ist Sealsfield doch ein Stilkünstler, in dem Sinne, daß er die Sprache ganz seinem Zwecke anzupassen vermag. Richtig bleibt es freilich, daß auch sein Stil ungleichmäßig ist. Einmal fließt er ruhig dahin, ein andermal hastet er; jetzt hat er geradezu klassische Form, dann ist er gekünstelt, schwulstig. Immer aber hat er eine große Ausdrucksfähigkeit und Anschaulichkeit und erreicht sicher das Ziel. Geradezu bewundernswert ist der oft dramatische Dialog unseres Dichters.

Schließlich bleibt es aber richtig, daß Postl ein genialer Skizzist, kein großer Künstler war. [Unsern Dichter hat Adolf Bartels in seiner »Geschichte der D… und verweise noch auf die »Weltliteratur« dieses Gelehrten.] Wie Alexis und Gotthelf ist er zuerst Darsteller des Lebens. Alexis weilt in der brandenburgischen Geschichte, ihn fesselt die Staatsidee; Gotthelf vertieft sich in das Volkstum in seinen sozialen Verhältnissen, er kennt die Tiefen der Volksseele; Sealsfield hat von seiner Heimat her die Überzeugung, daß das Blut, die Rasse das Eigenartige, Entscheidende im Völker- und Staatendasein ist. Die neue Welt war ganz geeignet, ihn jeden Tag in seinem Plane zu bestärken, bei Schaffung einer neuen Romangattung Rasse und Nation als Urkraft der politischen, sozialen, wirtschaftlichen, religiösen, nationalen und internationalen Bewegungen zu zeigen. Und in der Tat, er ist dann auch – und das ist sein Hauptverdienst – getreu seinem Programm »mein Held ist das ganze Volk« der Schöpfer des nationalen Volksromanes geworden. Dazu gehörte freilich auch eine Persönlichkeit wie Sealsfield, mit der Tatkraft, dem Scharf- und Weitblick, dem praktischen Sinn, die dieser deutsch-mährische Bauernsohn hatte. Er war auch ein »eminent moderner Geist«, der lange vor Gobineau und Nietzsche in den Bereich ihrer Ideen eindrang, dem, wie einem von heute, die Macht der Hochfinanz kein Geheimnis war. Nicht täuschen sollte man sich über seine »politische Zugehörigkeit« und seine Stellung zum Deutschtum. Sealsfield war kein Demokrat im landläufigen Sinne, die Bedeutung der Aristokratie war ihm durchaus klar (s. »Virey«!). Am richtigsten ist es, wenn man bei ihm von »demokratischem Aristokratismus« spricht. Wenn er die Deutschen tadelt, so geschieht es nie aus Sucht, herabzuwürdigen, sondern in dem schmerzlichen Gefühle, die Deutschen und ihre politischen und sonstigen Verhältnisse nicht so zu finden, wie er sie finden möchte.

Für die bedeutendsten Werke des Dichters halte ich »Süden und Norden« und den »Virey«, die eigenartig unübertrefflich-mächtig wirken. Im »Virey« zeigt sich Sealsfield als unübertrefflicher Meister »in der Herausarbeitung der Gegensätze der Mexiko bewohnenden Rassen. Wir haben kein zweites deutsches Buch, in dem solche ›Massenwirkungen‹ vorkämen – eine Schilderung der Orgien des farbigen Pöbels von Mexiko reißt förmlich mit in den Taumel hinein.« Noch gewaltiger war die Wirkung, die »Süden und Norden« auf mich gehabt hat. »Hier mischt sich in der Darstellung zu dem wunderbaren Farbenzauber der tropischen Landschaft die berückende Phantastik eines seltsamen Volkstums, und fast willenlos erliegt der Leser der ungeheuren Spannung, die das Werk erfüllt.« So ist es wahrlich auch mir ergangen! »Die Prärie am Jacinto« – das erste Stück in der Reihe der Erzählungen, die der Dichter im »Kajütenbuch« zusammengefaßt hat – wird mit Recht als die höchste Leistung Sealsfieldscher Kunst gepriesen. »Hier sind alle Vorzüge Sealsfields vereinigt: Die grandiose Charakteristik, der Schwung der Naturschilderung, die natürliche, aus glaublichen Abenteuern erwachsene Spannung.«

Man hat, besonders mit Beziehung auf »Süden und Norden«, behauptet, daß Sealsfields Werke mit ihrer Farbenschwelgerei, ihrem Farbenzauber und Farbenwirbel, die die Gestalten nicht zu ihrem Rechte kommen ließen, betäubend wirkten. »Das ist wohl richtig, aber selbstverständlich liegt das Narkotische so gut in der dichterischen Natur Sealsfields wie das Dämonische in der E. T. A. Hoffmanns, und im übrigen haben wir Modernen eine Art Selbstrecht der Farbe anerkannt und die durch sie erzielten Wirkungen in den großen Kreis der ästhetischen aufgenommen.«

Sealsfields Bedeutung für unsere Zeit liegt schließlich nicht in den ästhetischen Werten seiner Werke, sondern in den nationalen. Wir sollen seine Romane und Erzählungen lesen, um endlich einzusehen, daß unseres Volkstums Glück und Dauer von der Kraft abhängt, die der nationale Gedanke bei uns Deutschen erringt.

Franz Fiedler.

Erstes Kapitel

Ich zittere für mein Volk, wenn ich der Ungerechtigkeiten gedenke,

deren es sich gegen die Ureinwohner schuldig gemacht hat.

Jefferson.

An der Straße, die sich vom Städtchen Coosa nach der Hauptstadt von Georgien, Milledgeville, hinabwindet, und nahe dem Platze, wo gegenwärtig der Gasthof gleichen Namens den ermüdeten Reisenden zur Ruhe einladet, stand vor ungefähr dreißig Jahren unter einem Felsenvorsprung, auf welchem einige Dutzende roter Zedern und Fichtenbäume wurzelten, ein rauh aussehendes, mäßig großes Blockhaus. Vor demselben erhob sich ein Gerüst, das aus zwei mannsdicken Balken bestand, verbunden durch Querpfosten, zwischen welchen ein ungeheures Schild hin und her schwebte, das bei näherer Besichtigung eine groteske Figur im grellsten Farbenschmucke wahrnehmen ließ, deren Diadem von Federn, Tomahawk, Schlachtmesser und Wampum wahrscheinlich einen indianischen Häuptling bezeichnen sollte. Unter dem Schild war mit Buchstaben, ägyptischen Hieroglyphen nicht unähnlich, gekritzelt: Einkehr für Mann und Tier. Zur rechten Seite des Hauses oder vielmehr der Hütte und näher dem Fahrwege waren von Balken gezimmerte Verschläge, vom Wege nur durch eine breite Kotpfütze getrennt, und mit Haufen von Stroh und Heu angefüllt, aus denen hier und da Überreste schmutzigen Bettzeuges hervorschauten und so erraten ließen, daß diese Gemächer nicht nur für das liebe Vieh, sondern auch jene Reisenden bestimmt seien, die ihr Unstern bemüßigte, hier Ruhe und Nachtlager zu suchen. Ein paar Kuh- und Schweineställe bildeten das Ganze dieser Hinterwäldleransiedlung.

> Es war eine stürmische Dezembernacht, der Wind heulte furchtbar durch den schwarzen Fichtenwald, an dessen Abhange die Hütte gelegen war, und das schnell aufeinander folgende Krachen der Baumstämme, die der Sturm mit donnerähnlichem Getöse zur Erde brachte, verkündete einen jener wütenden Orkane, die so häufig zwischen den Blue Mountains von Tennessee und dem flachen Mississippilande ihren Zug nehmen, und auf diesem – Wälder, Hütten und Dörfer mit sich führen. Mitten in diesem tobenden Sturme ließ sich ein leises Tappen an dem Fensterladen der oben beschriebenen Hütte vernehmen, dem bald darauf ein starkes Pochen oder vielmehr heftige Schläge folgten, die die Balken, aus welchen die Hütte gezimmert war, in ihren Grundfesten erschütterten. Nicht lange nach dieser Aufforderung öffnete sich die Tür zur Hälfte, ein Kopf streckte sich heraus in die finstere Nacht, als wollte er den Grund rekognoszieren, während in demselben Augenblicke der Schaft eines Karabiners vorrückte, zweifelsohne um dem Inwohner die fernere Mühe des Öffnens zu ersparen. Zu gleicher Zeit trat eine lange Gestalt heran, riß die Türe weit auf und schritt mit starken Schritten in die Stube, wo sie vor dem Feuerplatze ihren Sitz nahm, hinter ihr drein eine Gruppe von Wesen, die halb schreitend, halb trabend ihrem Führer in einer Linie und im tiefsten Schweigen folgten.

Es dauerte ziemlich lange, bis ungefähr zwanzig dieser Nachtgestalten in die Hütte eingedrungen waren. Als der Zug sein Ende erreicht hatte, schloß sich die Türe wieder; ein kolossaler Mann näherte sich dem Feuerplatze, wo ein dicker Klotz noch glimmte, warf einige Scheite darauf und zündete einen der Pechspäne an, die in einem Haufen in der Nähe lagen, dann, auf den Schenktisch gemessenen Schrittes zutretend, ergriff er ganz ruhig ein Talglicht und setzte es angezündet auf den Tisch.

Das kunstlose – beinahe rohe Innere der Hütte, so ganz > dem Äußern entsprechend, ließ sich nun deutlicher im düstern Schein des Talglichtes – und des allmählich auflodernden Feuers ersehen. Auf einem Stuhle vor dem Feuerplatze saß der Mann, der zuerst eingetreten war, eine blutbefleckte Wolldecke über den ganzen Leib geworfen, so daß Gesicht und Gestalt verhüllt waren. Hinter ihm auf dem Lehmboden kauerte eine Gruppe von zwanzig Indianern auf ihren Hüften, ihre Schenkel ineinander verschlungen, ihre Gesichter gleichfalls in ihre nassen Wolldecken gehüllt, an denen große Blutflecken anzudeuten schienen, daß der Charakter der Expedition, von der sie kamen, ziemlich blutig gewesen sei.

Gegenüber dem Feuerplatze stand in der Ecke der Schenktisch, hinter dessen Gitterwerk ein Dutzend schmutziger Flaschen und noch schmutzigere Gläser und Krüge aufgestellt waren. Drei blau angestrichene Fäßchen mit der Überschrift French Brandy, Gin, Monongehala standen eine Stufe tiefer. Ein Haufen von Hirsch-, Biber-, Bären- und Fuchsfellen zur linken Seite reichte beinahe bis zum Geländer und zeugte von lebhaftem Verkehr mit der kupferfarbigen Rasse. Zunächst diesem erhob sich ein ungeheures Himmelbett, umringt von drei niedrigern Bettstellen und einer Wiege oder vielmehr einem Troge, einem Fragment von einem hohlen Baume, an dessen Ende Stücke von Brettern genagelt waren. In diesen verschiedenartigen Behältnissen genoß die Familie des Gastgebers, den lauten, ziemlich groben Lungentönen nach zu urteilen, einer unerschütterlichen und vollkommenen Ruhe. Die Wände der Stube zeigten die rohen und unbehauenen Baumstämme, deren einzige Ornamente breite Streifen von Lehm waren, welche die Zwischenräume ausfüllten.

In dieser Stube nun, die, nach ihren mannigfaltigen Bestimmungen zu schließen, der Leser sich ziemlich geräumig vorstellen muß, sah man den Wirt beschäftigt, die Stühle und Bänke, die die Eindringer ohne weiteres über den Haufen > geworfen hatten, wieder in Ordnung zu bringen, und dies ganz in der ruhigen, kalten, trotzigen Manier, die einen hätte vermuten lassen sollen, seine Gäste seien eher Nachbarn, als soeben von einer blutigen Expedition zurückgekehrte Wilde, vielleicht gekommen, seinen und der Seinigen Bälge als Zugabe zu ihrer Expedition mit sich zu nehmen. Nachdem er den letzten Stuhl an seinen Ort gestellt, setzte er sich selbst zunächst dem Manne, der als Führer der Bande den Platz im Vordergrunde genommen hatte.

Einige Minuten mochten so beide gesessen sein, als der letztere sich aufrichtete und einen Teil seines Hauptes entblößte, dessen andere Hälfte mit einem Stücke von Kaliko verbunden war, an dem kleine Knoten geronnenen Blutes gleich Fransen hingen. Der Hinterwäldler warf einen Seitenblick auf den Indianer, wandte jedoch sein Auge in der nächsten Sekunde dem knisternden Feuer zu.

»Hat mein weißer Bruder keine Zunge?« nahm endlich der Indianer das Wort, »oder läßt er sie warten, um sie desto besser zu krümmen?«

Die letzten Worte waren in einem tiefen, höhnischen Kehlentone gesprochen.

»Er will anhören, was der Häuptling sagen wird«, erwiderte mürrisch-trocken der Amerikaner.

»Gehe und rufe dein Weib«, sprach der Indianer in demselben tiefen Baßtone.

Der Wirt erhob sich, wandte sich gegen das gewaltige Ehebett und sprach, nachdem er die Vorhänge auseinander getan, mit seiner Frau, die sich im Bette aufgerichtet und wie es schien, eher neugierig als ängstlich, der kommenden Dinge geharrt hatte. Nach einem kurzen Zwiegespräch kam das Weib aus ihrem Hinterhalte. Sie war eine derbe Dame, breitschulterig und vollgewichtig, mit einem Zuge in ihrem eben nicht sehr zart geformten Gesichte, der deutlich aussprach, daß sie nicht leicht außer Fassung gebracht werden > könne. Ihr Überrock von Linsey-Woolsey, für täglichen und nächtlichen Gebrauch bestimmt, hob ihre gewaltige Gestalt noch mehr heraus, als sie festen Schrittes und beinahe aufgebracht neben ihrem Ehemanne heranschritt. Die drohende Ruhe ihrer Besucher jedoch, ihre blutigen Köpfe und Wolldecken, nun erhellt durch die hochaufschlagende Flamme, erschienen so üble Vorbedeutungszeichen, daß das gute Weib sichtlich zusammenschrak. Ihre ersten Schritte, die rasch und zuversichtlich auf die Indianer gerichtet waren, begannen zu wanken, und mit einem unwillkürlichen Schauder drehte sie sich nach der Seite, wo ihr Mann wieder seinen Sitz genommen hatte. Eine Minute verging in düsterm Schweigen.

Der Indianer erhob nun sein Haupt, ohne jedoch aufzublicken, und sprach im strengen Tone: »Höre, Weib, was ein großer Krieger dir sagen wird, dessen Hände offen sind und der das Wigwam seines Bruders mit vielen Hirschhäuten füllen wird. Für dieses wird er bloß wenig von seiner Schwester verlangen, und dieses wenige mag sie leicht geben. Hat meine Schwester,« fragte der Indianer mit erhöhter Stimme, einen Blick auf das Weib richtend, »hat sie Milch für eine kleine Tochter?«

Das Weib sah den Indianer verwundert an.

»Will sie«, fuhr dieser fort, »ein weniges von ihrer Milch einer kleinen Tochter geben, die sonst wegen Mangels sterben würde?«

Die Züge des lauschenden Weibes heiterten sich in dem Maße auf, als es ihr klar zu werden anfing, daß der Indianer etwas von ihr wolle und es also in ihrer Gewalt stände, eine Gunst zu gewähren oder auch zu versagen. Sie dehnte sich von der Seite ihres Ehemanns dem Indianer zu und schien mit Sehnsucht nähere Aufschlüsse über eine so sonderbare Zumutung zu erwarten.

Der Indianer, ohne sie im mindesten eines Blickes zu > würdigen, öffnete die weiten Falten seiner Wolldecke und zog ein wunderschönes Kind, in kostbare Pelze gehüllt, hervor.

Das Weib stand einige Augenblicke wie erstarrt über die liebliche Erscheinung; Verwunderung und Erstaunen schienen ihre Zunge gefesselt zu haben. Neugierde jedoch, dieses liebliche Wesen näher zu besehen und vielleicht Muttergefühl lösten nun auf einmal diese.

»Guter Gott!« rief sie, während sie beide Hände ausstreckte, das Kind zu empfangen. »Guter Gott! Was für ein lieblich, wunderlieblich kleines Ding und guter Eltern Kind muß es auch noch sein. Ihr könnt Euch drauf verlassen. Schwören wollte ich. Schaut nur einmal die Felle und die feinen Spitzen. Habt Ihr in Euerm Leben so etwas gesehen? Wo habt Ihr das Kind her? Armes, kleines Ding! Jawohl will ich's füttern. Es ist ja kein rotes Kind.«

Die Dame schien guter Lust zu sein, ihrer Verwunderung noch eine Weile freien Lauf zu lassen; ein bedeutsamer Wink ihres Mannes jedoch schloß ihr den Mund. Der Häuptling, ohne sie der geringsten Aufmerksamkeit zu würdigen, entfaltete das blaue Fuchspelzchen, streifte es dem Kinde ab und schickte sich an, es aus dem Überröckchen zu ziehen. Es war ihm nach einiger Mühe gelungen, dem Kinde auch dieses abzuziehen; allein ein drittes, viertes und fünftes erschien, in welche die Kleine gleich wie ein Seidenwurm in seine Kokons eingehüllt war. Der Indianer verlor mit einem Male die Geduld und sein Schlachtmesser ergreifend, schnitt er dem Kinde die drei noch übrigen Kleidchen vom Leibe, es dann nackt der Wirtin hinhaltend.

»Eingefleischter Satan!« kreischte das schaudernde Weib, indem sie das Kind mit Gewalt aus seinen Händen riß.

»Halt!« sprach der Indianer, kalt und unbeweglich auf den Hals des Kindes blickend, von dem ein goldnes Kettchen mit einer kleinen Medaille hing. Das Weib, ohne ein Wort > zu sagen, streifte die Kette dem Kinde über das Köpfchen ab, warf sie dem Indianer ins Gesicht und eilte ihrem Bette zu.

»Der Teufel ist in dem Weibe«, brummte der Wirt, nicht wenig, wie es schien, über ihre Heftigkeit beunruhigt.

»Der rote Krieger«, sprach der Indianer in unerschütterlicher Ruhe, »wird mit Biberfellen die Milch seiner kleinen Tochter bezahlen; aber er will behalten, was er aufgelesen hat, und die Türe muß sich öffnen, wenn er um das Kind anruft.«

»Aber,« versetzte der Wirt, dem es nun auf einmal einzuleuchten schien, daß eine nähere Erklärung nicht überflüssig sein dürfte, »aufrichtig gesagt, ich gebe nicht viel darum und behalte das Kind, obwohl ich, Gott sei Dank, deren selbst erklecklich habe. Aber sollten nun die Eltern kommen, oder der weiße Vater von dem Kinde hören, was dann? Der rote Häuptling weiß, seine Hände reichen weit.«

Der Indianer hielt eine Weile inne und sprach dann in einem bedeutsamen Tone: »Des Kindes Mutter wird nie wieder kommen. – Die Nacht ist sehr dunkel. – Der Sturm braust sehr stark. – Morgen wird nichts von den Fußstapfen der roten Krieger zu sehen sein. – Es ist weit zu den Wigwams des weißen Vaters. – Hört er von dem Kinde, dann hat mein weißer Bruder ihm davon gesagt. – Nimmt er es, so wird der rote Häuptling die Kopfhäute der Kinder seines weißen Bruders nehmen.«

»Dann nimm dein Kind wieder zurück, ich will nichts damit zu tun haben«, sprach der Hinterwäldler im entschlossenen Tone.

Der Indianer zog sein blutiges Messer und warf einen erwartenden Blick dem Bette zu, hinter dessen Vorhängen das Kind verschwunden war.

»Wir werden dafür Sorge tragen, niemand soll etwas davon erfahren«; kreischte das erschrockene Weib.

> Der Indianer steckte sein Schlachtmesser wieder ruhig in den Gürtel und sprach: »Die Kehlen der roten Männer sind trocken.«

Von dem Bette herüber ließ sich ein Gemurmel hören, das dem christlichen Wunsche nicht unähnlich klang, jeder Tropfen möge den Bluthunden zu Gift werden: der Wirt jedoch, weniger von der rachedürstenden Menschlichkeit seiner Ehehälfte beseelt, eilte ziemlich schnell dem Schenktische zu, um den Forderungen seiner Gäste Genüge zu leisten. Der Häuptling trank sein halbes Gillglas Whisky sitzend und auf einen Zug aus, dann ging es in der Runde herum. Nachdem die sechste Flasche geleert war, erhob ersterer sich plötzlich, warf ein spanisches Goldstück auf die Tafel, öffnete die Vorhänge des Bettes und hing dem Kinde eine Halskette von Korallen um, die er aus seinem Wampumgürtel gezogen hatte.

»Die Muscogees werden die Tochter eines ihrer Krieger erkennen«, sprach er, seinen Blick auf das Kind heftend, das nun ruhig am Busen der Wirtin in seinem neuen Flanellröckchen lag. Noch einen zweiten Blick warf er auf das Kind und das Weib, und dann wandte er sich stillschweigend der Türe zu und verschwand mit seinen Gefährten in der finstern Nacht.

»Der Windstoß ist vorüber«; sprach der Wirt, der den Indianern durch die Türe nachgesehen hatte, als sie sich hinab zu ihren Birkenkanus an dem Coosa stahlen.

»Ums Himmels willen! Wer ist dieser eingefleischte rote Teufel?« unterbrach ihn sein Weib, tiefen Atem holend und unwillkürlich aufschaudernd.

»Hush, Weib! halt dein Maul, bis der Coosa zwischen deiner Zunge und den Notfellen ist. Es ist kein Spaß. Ich versichere dich.«

Mit diesen Worten schloß er die Türe und näherte sich > mit dem brennenden Lichte dem Bette, wo sein Weib dem Kinde die Brust gab.

»Armes Ding,« sprach er, »könntest du, du würdest wahrlich eine Geschichte kundtun, vor der einem die Haare zu Berge stehen möchten. Ja, und sie mag uns auch unsere Haut kosten. Es ist nicht alles, wie es sein sollte. Diese roten Teufel waren auf einer Skalpexpedition. Das ist nun so gut als richtig. Aber wo sie waren, das weiß der Himmel. Wohl, wären sie noch dem Spanier über den Hals gekommen,« fuhr der Mann fort, wechselweise den Säugling und das Goldstück betrachtend, »ich scherte mich den Henker drum, aber so –.«

Mit diesen Worten warf er sich wieder ins Bett. Aber es verging eine lange Stunde, ehe der Schlaf über ihn kam. Der Vorfall schien ihm Ruhe und Rast geraubt zu haben.

Kapitän John Copeland, dies war der Name und Charakter des Schenkwirtes zum Indianischen Häuptling, war einer jener befugten Zwischenhändler, die seit zwei Jahren sich in dem Lande der Creeks unter dem Patronate der Zentralregierung und unter dem unmittelbaren Schutze des unter den Indianern residierenden Agenten niedergelassen hatten. Er hatte sich mit Hilfe von fünfzig Dollar die Sammlung obenbenannter Branntweinfässer angeschafft, seine Familie mit zwei neuen Sprößlingen, seine Habe aber bereits um das Zwanzigfache vermehrt und befand sich nun, ein Mann zwischen dreißig und vierzig, so wohl, als es nur immer einer sein konnte, der, um in der Landessprache zu reden, breitschulterig und vierschrötig in seinen eigenen Schuhen stand. Niemanden über sich, jeden, der nicht Bürger war, unter sich achtend, verband er klugermaßen gerade so viel Kneipenwitz mit seiner Kapitänswürde, als seinen ernsten Gästen und scharfen Falkenaugen zuzusagen schien. Obgleich nun aber das ganz gedeihliche Wesen John Copelands und all sein Dichten und Trachten, mehr darauf gerichtet waren, > sich die Bälge der Indianer auf gute Art zuzueignen, als seinen eigenen – und die seiner Familie zu erhalten, welche, die Wahrheit zu gestehen, nicht viel besser daran waren, gewiß nicht sicherer, als die der hart zu erlangenden Biber, so war nichtsdestoweniger in ihm ein zwar dunkles, mehr instinktartiges, aber desto richtigeres und festeres Pflichtgefühl, das nicht angestanden haben würde, Biber- und andere Felle aufzuopfern, wenn das Wohl seines Landes oder seiner hinterwäldischen Mitbürger im Spiele stand. Die Verhältnisse dieser Hinterwäldler aber mit ihren kitzligen wilden Nachbarn waren von jeher gespannt gewesen. Zwar hatten die Creeks viele Jahre hindurch mit den Amerikanern oder, eigentlich zu sprechen, mit den Bewohnern des Staates Georgien, in scheinbar gutem Einvernehmen gestanden. Sie hatten nicht nur den Agenten, den die Zentralregierung gesandt, mit allen Zeichen der Achtung aufgenommen und so die Oberherrschaft des großen weißen Vaters, wie sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu nennen pflegen, anerkannt; sie hatten sich auch sogar willig gezeigt, jenen Absichten entgegenzukommen, die die Regierung und ihr Agent zur Förderung ihrer bürgerlichen und moralischen Kultur zu verwirklichen angefangen hatten. Aber trotz diesen günstigen Anzeichen wechselseitigen Zutrauens gab es hundert unangenehme Berührungspunkte, die zu Samen künftiger oder naher Zwietracht werden konnten und mußten und die dem scharfen Auge unsers Kapitäns nicht wohl entgehen konnten. Die verschiedenen Friedensschlüsse, die diesen Indianern von den Weißen, wie sie die Amerikaner nannten, abgenötigt worden waren, hatten sie allmählich des größern und bessern Teiles ihres angestammten Besitztums beraubt. Dieses Besitztum hatte sich einst über den größern Teil von Georgien und Florida, die heutigen Staaten von Alabama und Mississippi, erstreckt. Sie hatten sich in diese Abtretungen, obwohl sie Beraubungen nicht unähnlich sahen, mit Gleichmut und > in der Hoffnung gefügt, wenigstens dasjenige, was ihnen übriggeblieben, in Frieden zu genießen. Einige Zeit, besonders während des Revolutionskrieges und der ersten zehn darauffolgenden Jahre hatte man sie auch in Ruhe gelassen. Die Bürger Georgiens, kaum imstande, sich der auswärtigen Feinde zu erwehren und ihre eignen Felder zu pflügen, hatten sich weislich gehütet, die schlummernden Wilden zu wecken. Die achtzehn Jahre jedoch, die seit der Beendigung des Freiheitskampfes verflossen waren, hatten allmählich die tiefen Wunden geheilt, die Krieg und Verheerung diesem Staat geschlagen; mit der beinahe verdoppelten Bevölkerung war auch das Bedürfnis gestiegen, sich im üppigen Westen auszubreiten. Die rüstige Jugend begann daher sehnsüchtige Blicke auf die fetten Walnuß- und Ahornniederungen zu werfen, die sich in den herrlichen Talweiten der Coosa- und Oconeeflüsse erstrecken. Nicht lange währte es, und die Überzügler kamen häufiger und häufiger mit Wagen und Pferden, Weibern und Kindern, ihren Rindern und ihrer Habe, um sich die besten Stellen des Landes auszusuchen, ohne sich um Rechtstitel oder Besitztum im mindesten zu kümmern. Dieser rechtlose Zustand hatte nur wenige Monate vor dem nächtlichen Ereignisse Veranlassung zu einer ernsten Streitigkeit wegen des Besitzes der Ländereien am Oconeeflusse gegeben. Zwar wurde diese noch durch Vermittlung der Zentralregierung beigelegt, aber der Vergleich, weit entfernt die Gemüter zu beruhigen, hatte vielmehr einen giftigen Stachel in den Herzen der Indianer zurückgelassen. Derselbe Häuptling der Creeks, der sich hatte verleiten lassen, diesen herrlichen Landstrich abzutreten, war seiner Abstammung nach gemischter Rasse, und seine Mutter eine Amerikanerin. Dieser Umstand würde schon allein hinreichend gewesen sein, das Mißtrauen der Indianer in einem hohen Grade aufzuregen, selbst wenn sich nicht ein bedeutender Stamm dieses Volkes durch den Vertrag beeinträchtigt gefühlt > haben würde; letzteres war jedoch wirklich in einem schreienden Grade der Fall gewesen, und gerade der Hauptstamm dieses ausgezeichneten Volkes, mit einem Abkömmlinge der alten Mikos oder Könige der Oconees, war durch diesen Vertrag mit seinem ganzen Stamme land- und heimatlos geworden. Dieser Miko nun stand im Rufe, der bitterste Feind der Weißen zu sein. Seine Unbeugsamkeit und Hartnäckigkeit waren zum Sprichworte geworden. Sein Einfluß, hieß es, sei unbeschränkt in seinem Stamme, und überwiegend im Rate der ganzen Nation, die nun für den Besitz ihres noch übrigen Gebietes mit Recht besorgt wurde.

Gekränkt und gedrückt in seinen Rechten, wie der heimatlose stolze Wilde sich fühlen mußte, bedurfte es nur wenig, um die glimmende Flamme der Unzufriedenheit zum Ausbruche zu bringen. Ein Krieg, so hoffnungslos er für die Unterdrückten am Ende auch sein mußte, war jedoch eine fürchterliche Geißel für die zerstreuten weißen Ansiedler in diesen Hinterwäldern. Der Tod war das Geringste, was sie von Menschen zu erwarten hatten, deren Rache und Blutdurst durch eine lange Folgenreihe von Unterdrückungen so furchtbar aufgeregt waren. Der Kapitän hatte daher ziemlich starke Gründe zum Nachsinnen erhalten, und vertraut mit dem grausamen Charakter des Volkes, unter welchem er lebte, mußte ihm die zweideutige Ruhe, die seit einiger Zeit herrschte, mehr als bedenklich erscheinen. Die Nachtszene erschien ihm wie eine Andeutung und seine Besorgnis war in voller Stärke erwacht. Welches der Entschluß war, den er gefaßt hatte, werden wir bald sehen.

Zweites Kapitel

Die ersten Strahlen der Morgensonne fanden unsern Kapitän mit Zurüstungen zu einer Reise beschäftigt, die darin bestanden, daß er statt der Linsey-Woolsey-Hosen – lederne antat, seine Mokassins hervorsuchte, an den rechten Fuß einen verrosteten Sporn schnallte, über beide ein paar Leggings oder Schenkeltücher warf, die einzeln einem mittelmäßig großen Manne sehr wohl als Mantel gedient haben könnten und schließlich sich zur wohlbesetzten Tafel niederließ, alles in der systematischen Ruhe des Hinterwäldlers: Leute, die bekanntlich langsam zu einem Entschlusse kommen, aber wenn dieser gefaßt ist, ebenso besonnen als unbeugsam ihn verfolgen, weder Hindernisse scheuen, noch Furcht kennen und in der größten Gefahr noch immer ein Mittel sehen, den Witz zu schärfen, anstatt sich dadurch abschrecken zu lassen.

»Sende Tomba hinauf zu den Tscherokesen mit den Bälgen; Ihr Ik-wan Sa geht hinab zum Spanier; er hat mir versprochen, sie mitzunehmen. Und haltet Euch bereit für morgen nacht, sollte ich nicht bis zu dieser Zeit zu Hause sein; hoffe, der Deputyagent ist daheim. Sollte mir nicht lieb sein, wenn ich ihn verfehlte.« – »Wann darf ich dich zurückerwarten, Mann?« fragte sein Weib.

»Das ist mehr gefragt, als ich für jetzt beantworten kann. Vielleicht daß ich auf einige Tage oben bleiben muß; komme ich nicht innerhalb zwei Tagen, dann gehst du zu den Tscherokesen. Du weißt, die in Pennsylvanien sind auf – gegen den alten Adams. Wollte, daß den Tory der Teufel holte! Sollten die Rothäute es verspürt haben, so verlaß dich darauf, daß sie sich die Konfusion zunutze machen und 's hier losgeht. Tu auf alle Fälle, wie ich dir gesagt. Sie sind rege, und wir müssen uns sputen, sonst hängen unsre Bälge nächste Woche in ihrem Councilwigwam.«

Mit diesen Worten nahm er seine gewichtige Reitpeitsche, mit der er wirklich einst einen Damhirsch zu Boden geschlagen, von der Wand, steckte eine gewaltige Pistole in seine lange Rocktasche und bestieg seinen Gaul.

Der Pfad, den unser Kapitän nun einschlug und der zur Wohnung des Deputyagenten Kapitän Mc Lellan führte, lief zuvörderst durch einen langen Fichtenwald. Der Grund, eine sanft anschwellende Anhöhe, war bedeckt mit einer leichten Schichte Schnees, der nach dem Hagelsturme gefallen war. Die tiefe Ruhe, die über die ganze weite Landschaft hingebreitet, die schwarzen, schlank sich erhebenden Fichtenstämme, deren dunkelgrüne Zweige, mit prachtvollen Schneegirlanden behangen, in der Morgensonne gleich Millionen von Brillanten blitzten, die kalte scharfe Morgenluft, die durch den Wald blies, alles das begann allmählich auf das Blut unsers Hinterwäldlers zu wirken, der im mäßigen Schritte forttrabte, noch immer über die Nachtszene brütend und sie mit den verschiedenen Äußerungen früherer Besucher zusammenhaltend, – eine Geistesarbeit, die ihn häufig in ein Brummen ausbrechen machte, aus dem die Worte »Hol' sie der Teufel!« zu entnehmen waren.

So mochte er einige Stunden fortgetrabt sein. Das Hochland senkte sich allmählich in eine breite Talweite, überwachsen mit Walnußbäumen, zwischen denen sich hie und da ein lichter Punkt zeigte, aus dem einzelne Hütten, aus Baumstämmen aufgezimmert, hervorschauten. Kleine Welschkornfelder und Tabakspflanzungen schlossen sich im Hintergrunde an die Häuschen und bildeten nicht unangenehme Ruhepunkte. Kapitän Copeland hatte sich dem Oconee genähert, an dessen reizenden Ufern die Wigwams immer häufiger erschienen. Diese Landschaft hatte bereits damals einen ziemlichen Anstrich von Kultur. Die Hütten waren hier geräumiger und nicht unähnlich den Wohnhäusern der westlichen Grundbesitzer. Man sah Ställe für das Vieh und ziemlich große Strecken von Welschkorn- und Tabakspflanzungen. Mehrere waren selbst von Obstgärten umringt. Die Stirn unsers Hinterwäldlers fing an sich zu runzeln, als er seitwärts nach den Pflanzungen und Wohnhäusern schielte, deren mehrere das seinige an Umfang und Wohnlichkeit übertrafen.

»Der Teufel weiß, was Oberst Hawkins im Sinne hat mit seinen Zimmerleuten, Webern, Schmieden und den tausend andern Leuten, die er diesen Rothäuten zuführt. Er wird doch nicht diese roten Teufel für immer in Georgien behalten wollen? Verdammt, wenn sie – und es sieht danach aus«; murmelte er nach einer Pause, während welcher er ziemlich scheelsüchtig auf ein Wohnhaus hinabblickte, das nahe an seinem Wege lag.

»Sie haben ihre komfortabeln Wohnungen und Welschkorn- und Tabakpflanzungen, mehr gleich freien Männern denn verfluchten Rothäuten, selbst Hanf brechen sie«; fuhr er in demselben mürrischen Tone fort, als sein Blick einer Gruppe von Mädchen begegnete, die hinter dem Hause um angezündete Feuer ihren Hanf lustig schwenkten. »Ich vermute, in einigen Jahren werden sie's auch versuchen, ihren Whisky zu brennen. Immer zu, mein Oberst Hawkins. Es ist noch nicht aller Tage Abend geworden. Rothaut bleibt Rothaut, und ich möchte ebenso wohl versuchen, meine Neger weiß zu waschen, als diese verräterischen Seelen zu ordentlichen Menschen zu machen.«

Diese Ansichten waren es, die bei den westlichen Ansiedlern vorherrschend zu werden anfingen. Bereits in diesen frühern Zeiten begann man mit unfreundlichem Auge auf die natürlichen und wahrhaft legitimen Besitzer dieses Landes zu sehen; man gewöhnte sich, sie als einen Auswurf zu betrachten, dessen man sich nicht früh genug entledigen könne. Man war nichts weniger als geneigt, ihre Fortschritte in den verschiedenen Zweigen der Landwirtschaft und mechanischen Gewerbe günstig anzusehen, da eben diese den festen Entschluß zu beurkunden schienen, im Lande zu verbleiben.

Oberst Hawkins war daher nichts weniger als der Liebling des Kapitäns, der mit vielen guten Eigenschaften auch mehrere zweideutigen Charakters verband und unter den letztern eine angeborne Abneigung gegen die rote Rasse, die er, seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, grimmiger als die Polecats haßte. Diese gute Meinung behielt er jedoch, wie leicht zu erachten, für sich, und selbst gegenwärtig entschlüpfte sie ihm nur in abgebrochenen Flüchen.

So hatte er etwa zwanzig Meilen zurückgelegt und war an den Abhang eines Bergrückens gekommen, von dem er eine weite Aussicht zurück auf die Niederung hatte. Noch einmal warf er einen Blick über die liebliche Gegend, als wollte er seine Erbitterung kräftigen, und gab dann seinem Klepper den Sporn. Ein dichtes Gebüsch von Hundsholz, Hickory und wilden Lorbeeren lag vor ihm, dessen weit um sich greifendes Gezweige seinem Gesichte allmählich beschwerlich zu werden anfing.

Er hatte bereits ein dutzendmal den Schnee, den es in vollem Maße über ihn schüttete, abgeworfen, als sich plötzlich ein leichtes Rauschen im Lorbeergebüsch hören ließ, das ihn stutzen machte. Einen Augenblick hielt er inne, seine grauen Augen auf das verdächtige Gebüsch gerichtet; dann zog er sich behutsam zurück, und mit der einen Hand in seine Tasche nach der Pistole fühlend, mit der andern die gewichtige Reitpeitsche ergreifend, harrte er der Dinge, die da kommen würden.

»Ja sie sind mir auf der Fährte, ich wollte wetten«; brummte er mit einem zweiten Blick auf das Dickicht, das seine buschichten Augenwimpern sträuben machte. »Verdammt, daß ich nicht gestern geritten.«

Bereits war es zu spät. Die letzten Silben des Monologs waren ihm kaum über die Zunge, als das Gebüsch sich öffnete, und eine lange, wirklich abschreckende Gestalt aus dem Gezweige hervortrat und sich vor ihm auf eine Art aufrichtete, die ein besserer Christ als er unfehlbar für ein Gespenst gehalten haben würde. Sein Pferd prallte zurück, und der Reiter war nahe daran, aus dem Sattel geworfen zu werden. Es war der Häuptling von gestern, der vor ihm stand, die Hälfte seines Hauptes noch immer mit dem Stücke Tuch verbunden, so daß nur ein Auge zu sehen war, dessen starrer Blick sich mit dem Ausdrucke der tiefsten Verachtung auf den Kapitän heftete.

»Ein mächtiger Krieger«, so sprach der Indianer nach einer langen Pause im Tone des bittersten Hasses, »hat seine Rede einem Hunde vorgeworfen, der nun geht, Unkraut in den Pfad zu säen, der zwischen den weißen und den roten Männern liegt. Hat er auch die Häupter derjenigen gezählt, die er in seinem Wigwam zurückgelassen? Wenn er zurückkehrt vom weißen Zwischenhändler, dürfte er es leicht geleert und die Kopfhäute seines Weibes und seiner Kinder bereits getrocknet im Rauche der roten Männer finden.«

Ein rauhes Hohngelächter erschallte zugleich aus dem Gebüsche, dessen Zweige sich öffneten, um zwei Reihen von drohenden Gestalten hindurch zu lassen, die sich zu beiden Seiten dem Sprecher anschlossen.

Gegenwart des Geistes war eine Tugend, die zu üben unser Hinterwäldler seit den zwei Jahren seines Verkehrs hinlänglich Gelegenheit gehabt hatte. Mit einem Gesichte, dem der vollendetste Diplomatiker unsrer Zeit kaum deutlicher den Stempel naiverer Verwunderung hätte aufdrücken können, wenn er argerweise auf einem Seitenpfade ertappt wird, erwiderte unser Kapitän:

»Und was ist es weiter? Kann ein ehrlicher Mann nicht einmal um einige Ellen Flanell für ein Nachtröckchen reiten, wenn ein großer Häuptling sein Pflegekind rein ausgezogen, gleich einem Straßen-« – räuber wollte er sagen, verschluckte jedoch das Wort klugerweise.

Des Häuptlings Auge hatte an dem Sprecher gehangen, als wollte er ihn mit seinem Blicke durchbohren. »Braucht die Tochter des Kriegers Kleider?« fragte er endlich.

»Alberne Frage!« erwiderte der Kapitän mit derselben gleichgültigen, beinahe stupid-naiven Miene. »Betsi hat bloß einen Überrock und den braucht sie selbst. Ich gebe eine Gill Whisky, wenn das arme Ding bis zu meiner Heimkehr nicht erfroren ist.«

»Der rote Krieger wird Kleider senden«, erwiderte der Häuptling, der sich sofort zum nächststehenden Indianer wandte, dem er einige Worte in die Ohren flüsterte, worauf dieser mit einem Satze im Gebüsche verschwand.

»Wohl, wenn ihr das Zeug, weshalb ich ausgeritten, zu schicken denkt, so erspare ich Mühe und Geld. Vergeßt aber nicht die Schuhe und Strümpfe oder Mokassins, was euch gut dünkt«, schloß Kapitän Copeland, seinen Gaul wendend, um aus der gefährlichen Nachbarschaft zu kommen.

Der Indianer gab jedoch ein Zeichen, das ihn halten machte.

»Der Pfade,« sprach er, »die von dem Wigwam des weißen Mannes zu seinen Brüdern führen, gibt es viele, und seine Zunge ist sehr gekrümmt; aber die Augen und Ohren des roten Häuptlings sind weit offen. Daß nicht er oder sein Volk auf diesen Pfaden von den roten Männern gefunden werde; sonst nehmen sie seine und seiner Leute Kopfhäute.«

»Aber zum Teufel,« lachte der Kapitän, »ihr werdet mich doch nicht mit Weib und Kindern zum Gefangenen in meinem eigenen Hause machen wollen, wenn so viel auswärts zu tun ist, Rum einzukaufen, Felle abzuliefern und tausend andere Dinge?«

»Der weiße Mann mag Rum holen, um den roten Mann zu betrügen und seine Kraft zu ertöten;« versetzte der Indianer mit bitterm Lachen, »aber er wird seinen weißen Bruder, zu dem er nun wollte, nicht sehen, bis der Mond dreimal gewechselt. Auch dann vergesse er nicht, seine Zunge zu bewahren.«

Der Indianer kehrte ihm nun den Rücken und verschwand im Gebüsche. Unser Kapitän aber blickte dem Wilden einige Sekunden nach, murmelte einige Flüche, und gab, nachdem er aus voller Brust Atem geholt hatte, gleich einem, der einer drohenden Gefahr entgangen, bedächtlich seinem Gaule den Zügel – um unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu kehren.

Auf dem Heimwege hatte er volle Zeit, über den sonderbaren Häuptling nachzudenken.

Daß die Indianer etwas Gräßliches im Schilde führten, schien außer Zweifel. Aber wo der Donnerschlag einfallen sollte und wie ihn zu verhindern, war mehr als er sagen konnte.

Im Verlaufe von einigen Wochen erfuhr er zu seiner größern Beruhigung, daß der Sturm ausgebrochen, aber glücklicherweise nicht den Bälgen seiner Mitbürger, sondern ihrer Bundesgenossen – der Choctaws der sechs Gebiete – gegolten habe, die näher dem Mississippi zu wohnten, und von den vereinigten Stämmen der Creeks überfallen und beinahe vernichtet worden waren. Kapitän Copeland schloß die Zeitungsnachricht mit dem gemütlichen Wunsche: »Mögen die Rothäute sich alle einander den Hals umdrehen und schinden; um so weniger lassen sie uns zu tun übrig!« Ein Wunsch, der, obgleich echt georgisch, zum Leidwesen unsers Wirtes von der Zentralregierung nicht genehmigt wurde, auf deren Befehl und Vermittlung bald darauf der Friede zwischen den beiden Stämmen wieder hergestellt wurde.

Die wiedergekehrte Ruhe gab unserm Hinterwäldler auch seine vorige Freiheit zurück, und mit dieser zugleich die günstige Gelegenheit, von dem sonderbaren Nachtereignisse den Schleier zu lüften. Wirklich versuchte er dieses, obgleich wir uns gedrungen fühlen, beizufügen, daß diese Versuche, nach den Äußerungen des Kapitäns zu schließen, nichts weniger als günstige Resultate herbeiführten, da er nur mit Widerwillen derselben gedachte. Alles, was man von ihm erfuhr, war die Vermutung, daß sein Pflegekind wahrscheinlich einer spanischen oder französischen Pflanzerfamilie am Mississippi angehöre. Mehr konnte oder wollte er nicht sagen, und das mürrische »Verdammt!«, mit dem er jedesmal eine solche Frage beantwortete, schreckte jeden Neugierigen von fernern Versuchen ab, sich für das Schicksal eines Kindes zu interessieren, das ohnehin allem Vermuten nach von einer Rasse abstammte, die zu sehr im Rufe passiven Gehorsams steht, um einer besondern Achtung von einem freiheitsstolzen Hinterwäldler zu genießen, selbst wenn die ewigen Zwistigkeiten mit den spanischen Behörden eine nähere Berührung möglich gemacht hätten. Unser Kapitän schenkte noch ferner Rum und Whisky aus, nahm dafür Hirsch-, Elend- und Biberbälge ein, und einen frischen Familienzuwachs jedes Jahr ausgenommen, ereignete sich nichts, das besondern Aufzeichnens wert gewesen wäre.

So waren beinahe sieben Sommer verstrichen. Die oben beschriebene Hütte hatte sich in dieser Zwischenzeit in ein ziemlich geräumiges Haus verwandelt, von dem man die Aussicht über den sich sanft durch üppige Niederungen dahin schlängelnden Coosa hatte, dessen Ufer bereits, mit aufblühenden Pflanzungen besetzt, der Gegend einen gewissen Anstrich von Sicherheit und Wohlstand gaben. Unser Wirt war allmählich ein gewichtiger Mann geworden.

Es war an einem herrlichen indianischen Sommerabende, als unser Kapitän mit seiner Familie und seinen Nachbarn an der Abendtafel saß, die, der Anzahl der Schüsseln nach zu schließen, eine feierliche Veranlassung hatte. Der Tisch bot eine genußreizende Mannigfaltigkeit hinterwäldischer Delikatessen dar, die auch von feinern Gaumen nicht verschmäht worden sein dürften. Wilde Truthühner, die deliziöse Bärentatze mit Fasanen, Wachteln und Hirschschenkeln, mit Kuchen allerart und Konfitüren namenlos, machten die Auswahl schwer. Obenan saß eine dünne, schmächtige Gestalt, deren jugendlich blasse Gesichtszüge und enthusiastisch frommer Blick einen methodistischen Prediger verrieten, den Eifer für die Verbreitung des Evangeliums in diese Gegend gebracht hatte, und der, nach dem nachahmungswürdigen Beispiele seiner Glaubensgenossen, das Lehramt der Kanzel mit dem der Schule verband. Der fromme Eiferer hatte regelmäßig, während der zwei Jahre seiner Mission, vier Monate hindurch bei den drei Hauptstämmen der Creeks zugebracht. Die Zeit, die er für die Obercreeks bestimmt hatte, war nun verflossen, und er war soeben im Begriffe, seinen Nachbarn und Mitbürgern Lebewohl zu sagen und die nahe indianische Niederlassung Coosa, wo er sich aufgehalten, für immer zu verlassen. An seiner Seite saß das kleine Mädchen, das sechs Winter vorher auf eine so seltsame Weise ein Mitglied dieser Familie geworden war. Es lag etwas ungemein Zartes und zugleich Edles und Verständiges in den kindlichen Zügen dieses Mädchens, dessen klare Augen sinnend und, wie es schien, wehmutsvoll an dem leidend hektischen Gesichte des Predigers hingen. Der Prediger selbst war sichtlich eingenommen von ihrem lieblichen Wesen und hatte sich viel während des Essens mit ihr beschäftigt. Bereits einigemal hatte er zu sprechen versucht, immer aber war Kapitän John Copeland ihm in die Rede gefallen. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. Er winkte endlich dem Mädchen, sich zu entfernen und diese verließ an der Hand ihrer Gespielin die Stube.

»Und so wollt Ihr denn nicht von meinem Vorschlage hören, Kapitän?« begann der Prediger. »Ich kann Euch nicht sagen, wie tief mir das Schicksal des armen Wesens zu Herzen geht. Sie hat sich seit den vier Monaten, die sie meine Schule besucht, in mein Herz ordentlich eingenistet. Die Trennung von ihr wird mir wirklich schwer. Ich will sie gerne in meine Obsorge nehmen. Ohnehin ist sie zu zart gebaut, um jemals eine rüstige Arbeiterin zu werden, und es wäre ja schrecklich, wenn sie den Indianern in die Hände fallen sollte.«

»Alles wahr,« sprach der Kapitän, »aber dann hat der Indianer jedes Jahr regelmäßig seine zehn Biber- oder Bärenfelle für Kost und Wohnung gesandt, nebst der Kleidung, und Ihr seht, ihr Anzug ist nicht der schlechteste. Obwohl bloß ein Roter, so kann ich doch nicht über sein Eigentum verfügen.«

»Und Ihr habt nie wieder von ihm gehört?« fragte der Missionär.

»Ich sah ihn noch zweimal«, erwiderte der Kapitän in einem Tone, dem man es ansah, daß er mit der Sprache nicht recht heraus wolle. – »Beide Male war er in seine blaue Wolldecke gehüllt, und ein drittes Mal sah ich sein Gesicht, jedoch nur in der Ferne. Wollte, ich wäre hundert Meilen weit von ihm gewesen. War just so eine Weiberneugierde«; fuhr er fort, seine Worte mit einem bedeutsamen Blick auf seine Frau begleitend. »Ich wollte hinüber zum Obersten Hawkins, um mit ihm des Mädchens halber zu sprechen und es vielleicht in die Zeitungen zu setzen. Ob ich nun gleich hinab nach New Orleans, hinauf nach Nashville und, wohin ich wollte, frei gehen durfte, und, mein Weib ausgenommen, keine Seele ein Sterbenswörtchen von meinem Vorhaben erfahren, der Rote, obgleich ich, einen bedeutenden Umweg genommen, wußte genau, wo ich hinzielte. Er ließ mich vierzig Meilen auf der Straße nach Milledgeville forttraben und schoß dann meinen Gaul nieder, wie einen Hund. Ja, ich habe Mistreß Copelands Neugierde teuer bezahlen müssen.«

»Und keiner von den Indianern vermochte Euch je Aufschlüsse zu geben? Ihr sagt, er selbst habe dem Kinde die Korallen umgehangen. Ist kein geheimes Zeichen an der Schnur?«

»Die Wahrheit zu gestehen, je weniger davon gesprochen wird, desto besser«; erwiderte der Kapitän. »Das Kind ist eine Französin oder Spanierin, verlaßt Euch darauf. Wenn Ihr aber gerade Lust habt, mehr zu erfahren, so ist soeben Gelegenheit dazu vorhanden. Es liegt einer der Creeks draußen in dem Schoppen.«

»Ich muß ihn sehen«, erwiderte der Prediger, der sogleich, ohne auf das Kopfschütteln des Kapitäns zu achten, seinen Sitz verließ und mit einem Glase Rum vor die Türe trat. Der Indianer lag im tiefen Schlafe auf dem Stroh, neben ihm sein Karabiner. Kaum war der Prediger vor den Wilden hingetreten, als dieser die Augen aufschlug und auf die Beine sprang. Der Prediger winkte, ihm in den Garten zu folgen und nahm das kleine Mädchen, dem er liebevoll einen Kuß auf die Stirne drückte, in seine Arme. Einen Blick warf der Indianer auf das Mädchen, einen zweiten auf die Glaskorallenschnur, und dann begann ein fieberartiges Zittern durch seine Glieder zu beben. Allmählich zog er sich erschrocken vor dem Kinde zurück und flog endlich mit dem Schreckensrufe »Hug!« wie ein Pfeil über die Hecke. In wenigen Sekunden war er im Walde verschwunden.

Der Missionär kehrte betroffen in das Haus zurück.

»Wohlan, Mister Lovering!« sprach der Kapitän mit gerunzelter Stirne. »Habt Ihr noch immer Lust zu dem Kinde?« – »Jawohl«, erwiderte der Prediger. »Und wenn Ihr einverstanden seid, so will ich mit dem Agenten sprechen.«

»Nein, damit bin ich nicht einverstanden«; erwiderte der Kapitän trocken. »Wenigstens nicht, so lange ich hier bin. Mein Wort muß ich halten, solange nämlich, als ich noch am Coosa bin. Aber die Zeit meines Bleibens hier ist die längste gewesen. Ich sehne mich nach einem ruhigem Platze, und wenn mich nicht alles trügt, so sind die Creeks wieder in Bewegung. Es wird stürmisch hergehen, verlaßt Euch darauf. Man sagt, der Häuptling der Oconees sei wieder einmal rege, und daran, sich mit dem schrecklichen Tecumseh zu verbinden. Zwei solche Menschen könnten die Welt in Flammen setzen.«

»Ja, das sind beide gefährliche Männer«; erwiderte der Prediger.

»Wenn ich unten am Mississippi bin, der nun, Gott sei Dank, uns, und nicht dem miserablen Spanier gehört, dann mögen sie tun, was sie wollen.«

»Jawohl!« bekräftigte Mistreß Copeland. »Das arme Ding, sie wird nie zur Arbeit taugen. Sie ist so linkisch, als wenn sie nicht dazu geboren wäre. Sie möchte vielleicht eine gute Hand zum Nähen und dergleichen sein, oder für eine Mädchenschule, denn sie näht artig und schreibt und liest Euch wie ein Schulmeister.«

Die gute Frau war soeben im Begriffe sich eines weitern über die Fähigkeiten ihrer Milchtochter zu verbreiten, als ein durchdringender Angstruf vom Garten her erschallte. Im nächsten Augenblick rannte der Gegenstand der soeben stattgehabten Unterhaltung bleich und zitternd in die Stube, und auf den Prediger zueilend fiel sie vor ihm hin, seine Knie mit jammernden Klagetönen umfassend.

Die unnennbare Angst des Kindes hatte die Anwesenden mit Verwunderung und Bestürzung erfüllt. Sie blickten mit starrem Auge und offenem Munde nach der Tür, als das Kind mit dem Ausrufe: »Da ist er!« zusammensank. Ein langer, hagerer Indianer trat in demselben Augenblicke in die Stube, warf einen durchdringenden Blick auf die Anwesenden und ließ sich dann auf einen Stuhl nieder. Seinem Anzüge nach zu schließen, war er ein Häuptling ersten Ranges. Seine Gestalt, obwohl sichtlich abgemagert, war kolossal und verriet ungemeine Stärke. An seinen Schläfen und nackten Armen lagen Muskeln beinahe fingerdick, die seinem Wesen mehr das Ansehen einer bronzenen Statue, als eines Lebenden gaben. Das merkwürdigste an diesem imposanten Manne war jedoch das, nach der alten Weise der Mikos oder Könige der Oconees, mit einem Diadem von Federn gekrönte Haupt. Seine Stirne war äußerst schmal, endete jedoch zu beiden Seiten in zwei ungeheuren Backenknochen, die zwischen dem dünnen Kinne und den äußerst schmalen Lippen zwei tiefe Höhlen bildeten, die den trockenen, beinahe verwitterten Zügen des fleischlosen Gesichtes einen unnennbaren Ausdruck von Tücke, Starrsinn und Intelligenz gaben. Der Anzug dieses merkwürdigen Mannes bestand in einer Weste von gegerbter Hirschhaut, die seine ungemein breite Brust vollkommen bedeckte, einem Jagdhemde von Kaliko, welches darüber geworfen war, und dem Lendentuche, das in bunten Farben gewirkt vom Wampumgürtel herabhing und die Schenkel und Knie entblößt ließ. Seine Mokassins waren reichlich verziert. In seiner Rechten hielt er einen Karabiner und in seinem Gürtel stak ein Schlachtmesser, reichlich mit Silber eingelegt.

»Tokeah!« rief der Missionär aus, den seine Wanderungen im Gebiete der Indianer mehr mit den verschiedenen Stämmen und ihren Häuptlingen bekannt gemacht hatten, als der stationäre Schenkwirt zum Indianischen König es werden konnte.

Der letztere wollte soeben sein Glas zum Munde bringen; aber seine Trinklust schien plötzlich verschwunden, als ein Name genannt wurde, der mit dem des tödlichsten Feindes seiner Landsleute gleichlautend geworden war. Er setzte das Glas auf den Tisch und überblickte den Häuptling vom Kopf bis zu den Füßen.

»Sechs Sommer und sechs Winter«, sprach dieser nach einer langen Pause, »sind gegangen und wiedergekommen, seit der Miko der Oconees seine Tochter bei seinem weißen Bruder gelassen hat. Er ist nun gekommen, sie in sein Wigwam aufzunehmen.«

»So seid Ihr es denn, der uns in jener bangen Nacht die arme Rosa hinterlassen hat, wie sie unser Prediger hier nennt? Warum habt Ihr mir jedoch Euern Namen nicht wissen lassen, oder das Kind abgeholt? Es hat uns manche bange Stunde verursacht. Wenn es nun abhanden gekommen wäre?«

»Die weißen Männer verlangen bloß nach ben Tierfellen und den Ländereien des roten Mannes; wenig ist ihnen an einem Häuptlinge und seinem Wohlgefallen gelegen«, erwiderte der Indianer mit einem bittern, verachtungsvollen Lachen. »Wenn das Kind verloren gegangen wäre, so würden Eure Kinder mit ihren Schöpfen dafür bezahlt haben. – Und nun will der rote Häuptling nehmen, was ihm gehört.«

»Ihr nennt doch nicht Rosa, deren Eltern Ihr wahrscheinlich gemordet, Euer eigen?« sprach der Prediger mit einem Mute, der selbst den Hinterwäldler staunen machte.

Der Indianer warf einen Blick der tiefsten Verachtung auf den Redner. »Wo würde nun die weiße Rose, wie du sie nennst, sein, wenn die Hand Tokeahs nicht den Arm aufgehalten hätte, der ihren Schädel an einem Baumstamme zerschmettern wollte? Wer hat für sie gejagt, als sie noch auf ihren Händen und Füßen herumkroch? Wer hat für sie die Biberfelle gesandt und hat selbst Wasser getrunken? Geh,« fuhr er mit steigendem Abscheu fort; »Ihr seid Hunde! Eure Zunge spricht von Dingen, von denen Euer Herz nichts weiß. Ihr sagt uns, wir sollen unsere Nächsten lieben, während diese uns unsre Felle, unser Vieh, unser Land nehmen, uns in die Wüste treiben.«

»Der Miko der Oconees«, erwiderte unerschrocken der Missionär, »wird sicherlich eine arme christliche Waise nicht von ihren Pflegeeltern reißen wollen? Der weiße Vater würde böse sein, und er wird gern bezahlen.«

»Nicht nötig,« rief Mistreß Copeland; »wir wollen sie gerne umsonst behalten. Wo zwölf Mäuler essen, wird auch das dreizehnte nicht verhungern.«

»Ja, sicher nicht«, fügte Kapitän Copeland etwas langsamer hinzu; – hielt jedoch inne, als er bemerkte, daß der Indianer ihm stolz ein Zeichen des Stillschweigens gab.

»Der Miko der Oconees,« sprach dieser mit würdevollem Tone, »wird nie wieder den weißen Vater sehen. Sein Pfad ist lang, sein Herz sehnt sich nach Freiheit; er will sie suchen, da wo der Weiße noch nie seinen Fuß hingesetzt hat. Er braucht seine Tochter, sein Wild zu kochen, und sein Jagdhemde und seine Mokassins zu nähen.« Nach diesen Worten öffnete er die Türe und eine Anzahl Indianer mit zwei Mädchen traten in die Stube.

»Canondah!« rief der Missionär, seine Hand dem indianischen Mädchen darreichend. Die Indianerin näherte sich dem Prediger, kreuzte ihre beiden Hände über ihrem Busen und senkte demütig das Haupt.

»Und so willst du uns denn wirklich verlassen?« fuhr der Missionär fort.

Das Mädchen gab keinen Laut von sich. Der Häuptling machte ein Zeichen, worauf das zweite Mädchen die bebende Rosa in ihre Arme hob und ihr einen Teppich umwarf, dessen untere Zipfel sie dem erstern Mädchen in die Hand gab, während sie die obern über ihre Schultern zog und dann verknüpfte. Zugleich wand sie ein breites Band um die Hüften des Kindes, das so, höher gehoben, seine Arme um den Hals seiner Trägerin zu winden genötigt und zum Aufbruche bereit war.

Der Missionär und das Weib des Kapitäns hatten mit tränendem Auge zugesehen, wie die von Schrecken erstarrte Kleine gleich einem Schlachtopfer lautlos sich binden ließ. Ersterer trat nun zur Trägerin heran und sprach im milden, zitternden Tone:

»Canondah, du bist immer ein edles Mädchen gewesen; eine Perle. – So empfehle ich denn deiner schwesterlichen Liebe und Sorgfalt diese zarte Pflanze. – Willst du ihr Mutter sein?«

Die Indianerin nickte.

»Und dieses Buch«, fuhr der Prediger fort, ihr eine Taschenbibel einhändigend, »sei dir und Rosen ein Andenken an euern Lehrer. Trage ihn, der dich erlöset hat, stets in deinem Herzen.« Dann, seine Hände auf beider Mädchen Häupter legend, gab er ihnen den Segen.

Beide verließen mit ihrer Bürde und den Indianern nun die Stube; der Häuptling war allein zurückgeblieben.

»Der Miko der Oconees«, sprach er mit Würde, sich von seinem Sitze erhebend, »hat bezahlt für die Milch, die das weiße Weib seiner Tochter gegeben. Er geht nun. – Sein Pfad ist lang, sein Weg rauh; aber sein Herz ist müde der Weißen. Möge er sie nie wiedersehen.«

Nachdem er diese Worte gesprochen, wandte er den Anwesenden den Rücken und verließ die Stube.

Ein langer Atemzug entfuhr gleichzeitig den Gästen. Kapitän Copeland war der erste, der den Gebrauch seiner Zunge wiederfand und sich von seinem Erstaunen wieder erholte. Es ergab sich aus seinen Äußerungen, daß er, im ganzen genommen, nicht ganz unzufrieden war, sich einer Sorge überhoben zu sehen, die ihm, nach seiner Versicherung, mehr schlaflose Nächte verursacht hatte, als irgend etwas in seinem Leben.

Wir selbst verlassen nun Georgien und die Familie unseres Tauschhändlers, um den Faden unserer Geschichte in einem fernen Lande, und nach Verlauf von mehreren Jahren, wieder anzuknüpfen.

Drittes Kapitel

An, nördlichen Ende des Sabinersees und mitten aus den Rohr- und Zypressensümpfen, die sich von dieser Seite her dem See zusenken, erhebt sich zwischen den beiden Flüssen Sabine und Natchez eine schmale Landzunge, die, in demselben Maße, als die beiden Flüsse sich voneinander entfernen, anschwellend, eine sanft aufsteigende Anhöhe bildet, zu deren beiden Seiten die zwei Flüsse ihre klaren und lieblichen Gewässer dem dunkelgrünen Verstecke der Zypressen und des Palmetto und dann dem oberwähnten See zuführen, der selbst wieder dem Busen von Mexiko sich öffnet.

Beinahe scheint es, als ob die Natur in ihrer Laune den Einfall gehabt hätte, die Grenzscheidung der beiden mächtigen Staaten, die der erstgenannte dieser Flüsse bildet, recht augenscheinlich zu setzen. Ein schwarzer, undurchdringlicher Wald bedeckt das rechte Ufer des Sabine, so dicht verwachsen von ungeheuern Dornen, daß selbst der verfolgte Damhirsch oder Sawannenwolf nur selten tiefer einzudringen vermag. Der Grund ist überzogen mit einem undurchdringlichen Teppiche von Schlingpflanzen, unter deren verräterischer Hülle gefleckte und schwarze Klapperschlangen, Kingsheads und Copperheads sich umherwinden, auf wilde Tauben, Spottvögel, Paroquets oder schwarze Eichhörnchen lauernd. Nur selten ist dieses undurchdringliche Dunkel durch eine Lichtung unterbrochen, und wo eine solche sich findet, ist es ein Chaos modernder Baumstämme, entwurzelt durch einen der häufigen Tornados, und übereinander geschichtet, als ob sie zu einem künstlichen Festungswerke bestimmt wären. Diese wilde Üppigkeit erreicht ihren höchsten Grad in der Nähe der Zypressenniederung, nimmt aber auf der andern Seite des Sumpfes einen sanftern Charakter an, und der verirrte Schiffer sieht sich wie durch einen Zauberschlag in eine der entzückendsten Landschaften Mexikos versetzt, wo die hängende Myrte und der prachtvolle Tulpenbaum und die Palma Christi mit der dunkeln Mangrove wechseln, und auf der schwellenden Anhöhe der Kottonbaum und die Sykomore ihre grünlich silbernen Zweige über einen Wiesengrund des zartesten Grüns ausbreiten. Der ganze Wald ist gleich einem ungeheuern Gezelte, mit dem Jasmin und der wilden Rebe durchwirkt, die aufschießt vom Grunde, sich am Stamme aufhängt und zum Gipfel hinanrankt, wieder herabsteigt, um dem nächsten Stamme sich zuzuwenden und so von der Mangrove zur Myrte, von der Magnesie zum Papaw, vom Papaw zum Tulpenbaum kriechend, eine große, endlose Laube bildet. Der breite Gürtel selbst, auf welchem der Natchez seine Gewässer dem See zusendet, bietet dem Auge ein üppig wallendes Feld säuselnder Palmettos dar, das vom Walde ungefähr eine halbe Meile dem Ufer zuläuft, wo die Mangrove und Zypresse ihre trauernden Zweige tief in die Fluten tauchen. Der Winter nähert sich diesem entzückenden Verstecke nie; aber lang anhaltende schwere Regengüsse füllen während der sogenannten Wintermonate Flüsse und Sümpfe und bereiten so ein furchtbares Tagewerk für die heiße mittägliche Sonne. Dann hört man ein Gebrüll aus dem erstickenden Dunstmeere, dessen grauenerregender Ton Tiere und Menschen ferne hält.

Der Herbst jedoch ist eine prachtvolle Jahreszeit in dieser paradiesischen Gegend und besonders jener Spätherbst, der indianische Sommer genannt, der auch im Norden der großen Republik, gleich dem Abschiedslächeln einer holden Schönen, mit Wonne empfangen wird.

Es war einer dieser herrlichen Indianer-Herbstnachmittage. Die Sonne, prachtvoll und golden, so wie sie nur in dieser Gegend und zu dieser Jahreszeit zu sehen, neigte sich bereits hinter die Gipfel der Bäume, welche das westliche Ufer des Natchez umgürten, ihre Strahlen spielten bereits in jene Mannigfaltigkeit von Tinten, die im Westen so sehr bewundert werden, und vom Hellgrünen in die Gold-, von der Purpur- in die Orangefarbe verschmelzen, je nachdem die Strahlen von der Myrte, Magnesie, der Palma Christi ober einem der hundert Prachtgewächse zurückgeworfen werden. Kein Wölkchen war am Himmelszelte zu sehen, balsamische Düfte wehten durch die Luft und füllten die Atmosphäre mit einer zitternd elastischen Wollust, die die Sehnen zum üppigen Leben spannt. Die leise Stille war nur selten durch einen plappernden Paroquet oder einen pfeifenden Spottvogel unterbrochen, oder das Geräusche vom Auffliegen einer Schar Wasservögel, die zu Tausenden am breiten Wasserspiegel des Natchez ihr Wesen trieben und zum Winterzuge ihr Gefieder putzten.

Auf dem schmalen Pfade, den die Natur zwischen dem Walde und dem erwähnten Palmettofelde recht eigentlich selbst gebahnt zu haben schien, sah man eine weibliche Gestalt einem offenen Waldplätzchen zutanzen, das, gebildet durch eine entwurzelte Sykomore, sich am äußersten Ende des Pfades befand. Als sie vor dem Baumstamme angelangt war, lehnte sie sich an einen der Äste, um Atem zu holen. Ihre Hautfarbe verriet indianische Abstammung. Sie war ein gereiftes Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit einem äußerst interessanten, ja edeln Gesichte. Die wohlgeformte Stirn, das schwarze, beinahe schelmische Auge, die fein geschnittenen Lippen, sowie die Umrisse der beweglichen Züge überhaupt, verrieten eine freie, muntere Stimmung, während hinwieder die römische Adlernase ihr einen Anstrich von Entschlossenheit und Selbständigkeit gab, mit denen Haltung und Anzug übereinzustimmen schien.

Dieser Anzug erhob sich weit über das gewöhnliche Kostüm indianischer Mädchen und zeichnete sich ebenso durch Einfachheit als Geschmack aus. Sie trug ein Kleid von Kaliko ohne Ärmel, das ihr bis auf die Knöchel reichte. Ihre Haare, statt lang und straff herabzuhängen, wie es gewöhnlich bei Indianerinnen der Fall ist, waren in einen Knoten geschlungen, den ein eleganter Kamm am Scheitel festhielt. Ein paar goldene Ohrringe und Brasseletts von demselben Metalle, Halbstiefel von Scharlach und der Alligatorhaut vollendeten das zierliche Äußere dieser interessanten Gestalt. Von ihrem Gürtel herab hing ein ziemlich langes Taschenmesser und in ihrer Hand trug sie einen großen, leeren Handkorb. Ihr Gang konnte nicht Gehen, noch Laufen genannt werden; es war ein drolliges Hüpfen oder vielmehr Springen. Immer nach zehn oder zwölf Sätzen hielt sie inne, blickte auf den zurückgelegten Pfad mit Sorglichkeit zurück und hüpfte wieder vorwärts, um wieder auf dieselbe Weise zurückzuschauen.

Keuchend hatte sie nun ihren Standpunkt am Kottonbaume genommen, während ihr Auge spähend auf den Pfad gerichtet war.

»Aber Rosa« – rief sie zuletzt in der indianischen Sprache und mit einem Ausdrucke leichter Ungeduld, während sie wieder zehn oder zwölf Schritte zurücktanzte und sich einem zweiten Mädchen näherte, das die Windungen des erwähnten Pfades nun sichtbar werden ließen.

»Aber Rosa«, wiederholte sie, »wo bleibst du denn?« und mit diesen Worten sprang sie auf das Mädchen zu, sank auf ihre Schenkel, kreuzte sie und umschloß, so sitzend, mit beiden Armen das vor ihr stehende Mädchen mit einer Schnelligkeit und Gelenkigkeit, die den Windungen einer Schlange abgelernt zu sein schienen.

»Ach, die weiße Rose«, klagte sie, »ist nun nicht mehr dieselbe. Sieh, wie das Gras auf dem Pfade wächst, den dein Fuß so oft betreten. Warum ist meine weiße Rose betrübt?«

Die klagende Stimme der Indianerin war so rührend, ihr ganzes Wesen, als sie ihre Arme um ihre Freundin schlang, so flehend, Liebe und Ängstlichkeit waren so unverhohlen in ihrer Miene zu lesen, daß es wirklich zweifelhaft schien, ob das Interesse, das sie an ihr nahm, von näherer Verwandtschaft oder den lieblichen Reizen des Gegenstandes entsprang, den sie nun so rührend liebkoste und der kaum aus dem Kindesalter getreten zu sein schien.

Das herrliche schwarzbraune Auge, das feurig-schmachtend und doch wieder so kindlich zart, von seidenen Augenwimpern beschattet, nun auf der flehenden Indianerin ruhte und wieder aufblickte und in die Ferne schweifte, gleichsam als suche sie etwas Namenloses, das Erbeben des zarten Busens, die Wangen, angehaucht von einer rosigen Tinte, die Form selbst so zart, beinahe Luftgestalt und doch so elastisch, schienen der verjüngten Liebesgöttin anzugehören; wieder jedoch gab der kindlich ruhige Blick, die edel geformte Stirne, der rosige Saum am Munde, der ein paar Korallenlippen eher anzudeuten als zu zeigen schien, und ein gewisses Etwas dieser Gestalt einen Anstrich von so reinem Adel und würdevoller Besonnenheit, der auch den leisesten sinnlichen Gedanken verscheuchte und unwillkürlich mit achtungsvollem Entzücken erfüllte. Ihr dunkelblondes Haar fiel in langen Locken um einen schneeweißen, herrlich geformten Nacken. Ein grünseidenes Kleid umhüllte ihre Glieder und reichte züchtig bis zu einem Paar der kleinsten Füße, die je eine weibliche Gestalt trugen. Sie hatte Scharlachmokassins, wie die Indianerin. Um ihren Hals war ein weißes Seidentuch in einen Knoten geschlungen, und in der Hand trug sie einen Strohhut.

Dieses liebliche Kind war die nämliche Rosa, deren Bekanntschaft wir sieben Jahre zuvor in der Schenke zum Indianischen König gemacht haben. Ihr Blick ruhte liebevoll erwidernd, nun sinnend wehmütig, auf ihrer Freundin; eine Träne drängte sich in ihr Auge, und ihr Haupt neigend, preßte sie einen Kuß auf die Lippen des indianischen Mädchens, indem sie dieses umschlang.

Eine geraume Weile hörte man die beiden Mädchen schluchzen. Endlich sprach die Indianerin in einem klagenden Tone: »Sieh, Canondahs Busen ist offen für Rosas Weh.«

»Meine teure Canondah!« lispelte das schöne Kind, und ein frischer Tränenstrom entstürzte ihrem Auge.

»O, sage deiner Canondah«, bat die Indianerin, »was dein Herz betrübt. Sieh,« sprach sie, und ihre Stimme nahm nun einen melodisch wehmütigen Ton an, »sieh, diese Arme haben die weiße Rosa getragen, als sie noch sehr klein war. Auf diesen Schultern hing sie, als sie über den großen Fluß setzte. Auf diesem Busen ruhte sie gleich einem Wasservogel, der auf dem breiten Spiegel des Natchez sich sonnt. Canondah ist der Spur der weißen Rosa, wie die Hirschmutter ihren Jungen, Tag und Nacht gefolgt, sie vor Schaden zu bewahren; und nun sie groß und zur weißen Rosa der Oconees gewachsen ist, will sie ihr Herz verschließen. O, sage deiner Canondah, was deinen Busen hebt und dich erblassend zittern macht?«

Rosa sah einen Augenblick ihre Freundin an und sprach dann in leisem Tone: »Was mir am Herzen liegt? Weiß es Canondah nicht? Wohl hat die arme Rosa Ursache, bange und ängstlich zu sein!«

»Ist es der große Häuptling der Salzsee, der ihr diesen Schmerz verursacht?«

Rosa erblaßte, sie trat zurück und bedeckte das Gesicht mit ihren beiden Händen, laut schluchzend.

Die Indianerin sprang von der Erde, und ihren Arm um den Leib Rosens geschlungen, zog sie das weinende Mädchen sanft einem Kottonbaume zu, an dessen Stamm eine Rebe sich hinangewunden hatte, die bis zum Gipfel aufsteigend zahlreiche Festons herabsenkte, an denen die Trauben in üppiger Reife hingen.

»Traurig ist der Pfad eines Oconeemädchens«, brach die Indianerin nach einer langen Pause aus, während welcher sie die Trauben einsammelte. »Wenn die Krieger auf die Jagd gehen, verseufzen wir Ärmsten in den Wigwams unsre Tage oder pflügen Korn. O! wäre doch Canondah ein Mann.«

»Und El Sol?« lispelte Rosa mit einem melancholischen Lächeln. »Canondah sollte nicht klagen.«

Die Indianerin hielt ihr mit der einen Hand den Mund und drohte ihr mit der andern. »Ja,« erwiderte sie, »El Sol ist ein großer Häuptling, und Canondah verdankt ihm ihr Leben, und sie will sein Wildbret bereiten und sein Jagdhemde weben und ihm mit leichtem Herzen folgen, und die weiße Rosa wird horchen, was ihre Schwester ihr in das Ohr singen wird. El Sol wird bald im Wigwam der Oconees sein, und dann will ihm Canondah sanft ins Ohr lispeln. Er ist ein großer Häuptling, und der Miko wird seine Rede anhören: er wird die Geschenke, die der Häuptling der Salzsee geschickt, zurücksenden und dann wird die weiße Rosa sein Wigwam nie sehen.«

Die letztere schüttelte den Kopf zweifelhaft. »Kennt Canondah ihren Vater so wenig? Der Sturm mag wohl das schwache Rohr beugen, aber nie den silbernen Stamm des dicken Baumes. Entwurzeln mag er ihn, brechen in seinem Falle, aber nicht beugen. Der Miko«, setzte sie mit einem hoffnungslosen Seufzer hinzu, »sieht den Häuptling der Salzsee mit den Augen eines Kriegers und nicht mit denen eines Mädchens. Er hat ihm Rosa verheißen, und deine arme Schwester« – ein leichter Schauder durchzitterte ihre Gestalt – »wird eher sterben als« –

»Nein, nein,« sprach die Indianerin, »Rosa muß nicht sterben. El Sol liebt Canondah, und der Miko der Oconees weiß wohl, daß er ein größerer Krieger ist, als der Häuptling des Salzsees.«

»Aber horch! was ist das?« rief sie, auf einmal ihr Ohr in der Richtung des Flusses hinhaltend, von dem her ein entferntes Getöse gehört wurde.

»Was ist dieses?« wiederholte Rosa.

»Vielleicht ein Alligator oder ein Bär«; versetzte die Indianerin.

Das Getöse, obgleich schwach, war noch immer zu hören. »Canondah!« rief nun Rosa mit sichtbarer Unruhe; »du willst doch nicht wieder die große Wasserschlange jagen?«

Ihre Worte waren jedoch vergeblich. Die Indianerin brach mit der Schnelligkeit eines Hirsches durch das dichte Rohr und war in wenigen Augenblicken verschwunden. Es blieb Rosa nichts übrig, als ihr durch das krachende Rohr hindurch zu folgen. Während sie sich mühsam durch die zahllosen Stämmchen hindurchwand, hörte sie einen Ruf; es war jedoch nicht die Stimme Canondahs. Ein Fall, wie der eines schweren Körpers ins Wasser, folgte bald darauf, begleitet von einem kurzen heftigen Umherschlagen im Schlamme und dann war alles wieder ruhig.

Rosa hatte sich atemlos durch das dichte Rohr hindurchgedrängt und war nach einem unbeschreiblich mühsamen Laufe endlich am Ufer des Flusses angelangt. Ihr Auge suchte die Indianerin zwischen den Zypressen und Mangroven, die bis in den Fluß hineinstanden.

»Rosa!« rief diese. – »Canondah!« schalt das Mädchen im Tone bitteren Vorwurfs, als erstere auf einen Alligator hinwies, der röchelnd sich noch im Schlamme umherschlug. »Warum tust du mir dies zuleide? Soll Rosa ihre Schwester verlieren, weil sie töricht ein Mann sein und das Jagen nach der Wasserschlange nicht aufgeben will?«

»Sieh doch!« erwiderte die Indianerin, indem sie auf eine tiefe Wunde im Nacken des Alligators wies und das blutige Messer triumphierend schwang, »ich begrub es bis zum Hefte in seinem Halse. Die Tochter des Miko der Oconees weiß die Wasserschlange zu treffen; aber,« fügte sie gleichgültig hinzu, »sie war noch jung und bereits erstarrt, denn das Wasser beginnt kühl zu werden. Canondah ist bloß ein schwaches Mädchen; aber sie könnte den weißen Jüngling lehren, die Wasserschlange zu töten.«

Als sie die letzten Worte sprach, fiel ihr Blick auf einen Zypressenbaum, der wenige Schritte vom Rande des Wassers in der Untiefe stand.

»Der Weiße Jüngling?« fragte Rosa.

Die Indianerin legte ihren Zeigefinger bedeutsam auf den Mund, wusch das Blut von Messer und Händen und trat dann unter den Baum. Mit der linken Hand bog sie die herabhängenden Zweige auseinander, während sie ihre flache Rechte vorstreckte, als Friedens- und Freundschaftszeichen, und dann auf das Ufer hinwies, auf das sie langsam, ihren Blick auf die Zypresse gerichtet, zuschritt. Die Zweige öffneten sich jetzt, und ein junger Mann näherte sich vorsichtig dem Rande des Wassers, während seine Hände nach dem zunächststehenden Rohre langten.

»Wie kam dieser hierher?« fragte leise Rosa die Indianerin, ihre Augen auf den Jüngling gerichtet.

Die Indianerin wies schweigend auf ein Boot, das zwischen dem Rohre steckengeblieben und das der Jüngling offenbar hindurchzuzwängen bemüht gewesen war.

Dieser hatte sich bereits dem Ufer bis auf wenige Schritte genähert, als er zu schwanken und dann zu sinken anfing. Canondah kam noch gerade zu rechter Zeit, um seinen Fall ins Wasser zu verhüten. Sie fing ihn in ihren Armen auf und zog ihn dem Ufer zu, an dessen Bank sie ihn lehnte. Die Ursache der Schwäche des Fremdlings zeigte sich nun in dem Blutstrome, der seinem Schenkel entquoll. Der Alligator hatte ihn in der Mitte desselben mit seinem Rachen angefaßt und ihm eine tiefe Wunde beigebracht. Kaum war die Indianerin derselben ansichtig geworden, als sie auf das Ufer an die Seite Rosas sprang und ihr mit den Worten: »Dein weißer Bruder ist von der Wasserschlange gebissen, und du siehst, Canondah hat bloß ihr Kleid an«, das seidene Tuch vom Halse löste, dann mit eben der Schnelle unter den Kräutern auf der Erde herumsuchte, ein Büschel ausriß, eine junge Palma Christi über ihrem Knie brach, und das zarte Fleisch, das unmittelbar unter der Rinde dieses Baumes liegt, ablöste. Hierauf sprang sie hinab in den Fluß an die Seite des Fremdlings, verstopfte zuerst die Wunde mit den weichen Fasern, belegte sie mit den Kräutern und verband sie dann mit dem Halstuche. Das Ganze war das Werk eines Augenblicks, und so schnell und bestimmt waren alle ihre Bewegungen gewesen, daß Rosa mit Erröten sich ihres Busentuches verlustig fand, nachdem dieses bereits um den Schenkel des Fremdlings gewunden war.

»Und nun deine Hände, liebe Schwester«; sprach die Indianerin zu Rosa, die noch immer auf der Uferbank stand, mit ihren Händen den Busen bedeckend, dessen leichtes Beben eine kleine Bewegung zu verraten schien. Die Indianerin war ein wenig ungeduldig geworden. Sie deutete schweigend auf den jungen Mann, faßte ihn selbst um den Leib herum, und, unterstützt von ihrer Freundin, hoben sie ihn beide auf das Ufer.

So schnell und bestimmt alle Schritte der Indianerin bisher gewesen, so sorgsam und ernst schien sie nun auf einmal zu werden. Sie hatte kaum den Jüngling ans Ufer gebracht, als sie nochmals in den Fluß hinabstieg und das Boot sorgfältig untersuchte, dann kopfschüttelnd zu dem Fremdling trat, einen durchdringenden Blick auf ihn warf und wieder dem Boote zurannte. Plötzlich wandte sie sich zu Rosa und flüsterte dieser einige Worte zu, die eine Totenblässe über die Wangen des Mädchens brachten. Auch diese näherte sich dem Jünglinge. Ihr Blick hing forschend an seinen leidenden Zügen und seinen gebrochenen Augen, die den höchsten Grad von Erschöpfung verrieten. Er schien seiner Auflösung nahe zu sein. Seine erdfahle Gesichtsfarbe, seine eingefallenen Wangen und Augen verrieten vielleicht wochenlange Entbehrungen. Er glich mehr einer von den Wogen ans Meeresufer geworfenen Leiche, als einem Lebenden. Seine Haare waren vom Seewasser gebleicht, hingen in Flechten um Stirne und Nacken, die Farbe seiner Kleider war kaum mehr zu erkennen, übrigens schien er noch sehr jung; seine Züge, so viel sich entnehmen ließ, waren nichts weniger als unangenehm und ungeachtet der äußersten Erschöpfung noch immer anziehend.

Sie hatten sein Haupt an den Stamm einer Zypresse gelehnt, durch deren Zweige die Strahlen der Sonne auf seinem Gesichte spielten, seine leidenden Züge gleichsam verklärend.

»Unser weißer Bruder«, sprach die Indianerin im leisen, beinahe scheuen Tone, »ist im Kanu des Häuptlings der Salzsee angekommen; aber er ist keiner seiner Krieger.«

»Er ist vielleicht, was sie einen Matrosen nennen«, bemerkte Rosa.

»Nein«; sprach die Indianerin im bestimmten Tone. »Sieh nur einmal seine Hände, sie sind kaum stärker als die meinigen, und zart, wie die eines Mädchens; das Salzwasser hat sie bloß gelb gefärbt.«

»Vielleicht ist er ein Bote«, wisperte Rosa, auf eine Weise, die jedoch Zweifel auszudrücken schien.

Die Indianerin schüttelte wieder den Kopf. »Sieh, er kommt von der Salzsee durch den großen See, der das Wasser unsers Stromes trinkt; aber er weiß nicht einmal ein Boot durch das dicke Gras zu bringen. Er wähnte, die große Wasserschlange sei ein fauler Baum, und trat auf sie, und sie begrub ihre Zähne in seinem Fleische. Dein weißer Bruder ist dem Häuptling der Salzsee entflohen.« Sie sprach diese Worte mit einer Bestimmtheit und Zuversicht, als wenn sie den Fremdling auf seinem abenteuerlichen Zug begleitet hätte.

»Und würde Canondah zugeben, daß ihr Bruder in der kalten Nacht erstarre, oder daß das Fieber ihm sein Leben raube, ihm, der ihr und den Ihrigen nie etwas zuleide getan hat?«

»Meine Schwester spricht wie eine Weiße, Canondah ist aber die Tochter des Miko«; entgegnete die Indianerin ein bißchen trotzig; doch erfaßte sie Rosas Hand, ihre Züge hellten sich auf, und sie fügte im leisern Tone hinzu: »Canondah will die Stimme ihrer Schwester zugunsten ihres weißen Bruders hören. Wir müssen ihn aber in den hohlen Baum bringen.«

Beide Mädchen hoben nun den Jüngling, und jede einen seiner Arme erfassend, schleppten sie ihn durch das dichte Rohr. Während die voranschreitende Rosa ihn durch das Palmetto hindurchzuziehen versuchte, bemühte sich die Indianerin, vorzüglich seinen Fall zu verhüten. Es war ein langsamer und mühsamer Zug. Blutverlust und frühere Erschöpfung hatten die Kräfte des jungen Menschen so ganz aufgerieben, daß sie ihn kaum mit Anstrengung aller ihrer Kräfte aufrechterhalten konnten.

»Rosa!« schrie die Indianerin plötzlich, »denke an die Squaws, an den Miko; die Spuren werden noch nach Monden zu sehen sein.«

Rosa hätte wohl mit ihrer ätherischen Gestalt durch die zahllosen dicht aneinandergereihten Stämmchen dringen können; allein der seitwärts nachgeschleppte Fremdling brach mit jedem Schritte einige Rohre. Sie waren noch nicht zur Hälfte des Palmettofeldes gelangt, als seine gänzliche Auflösung nahe schien. Alle Kraft war von ihm gewichen, und beide Mädchen vermochten nur mit äußerster Anstrengung, ihn den Rest des Feldes hindurchzuschleppen.

Keuchend und stöhnend waren sie endlich am Rande angelangt, Rosa war im Innern niedergeschlagen, unfähig sich zu erheben; die Indianerin hatte noch so viel Kraft, ihre Last aus dem Palmetto zu schleppen, und sank dann gleichfalls erschöpft auf den Rasen hin.

Die letzten Strahlen der Sonne vergoldeten noch die Gipfel der höheren Bäume, die untern Zweige schwanden bereits in das mattere Zwielicht, als Rosa zur Indianerin trat und sie mit den Worten: »Die Sonne steht tief«, aus ihrer Bewußtlosigkeit aufregte. Die Indianerin sprang auf, und beide Mädchen trippelten tiefer in den Wald, da wo der Boden sich gegen den Sabine zu senkt. Vor einem ungeheuern Kottonbaume hielten sie. Mehrere riesenstämmige Weinreben, in deren gewaltiger Umarmung dieser kolossale Stamm abgestorben war, umwanden noch immer mit ihren glänzendroten Ranken den herrlichen Koloß, dessen Inneres mit seinen modernden Zacken, ausgehöhlt vom Zahne der Zeit, in tausend phantastischen Gestalten sich darstellte, und, einer gotischen Kapelle nicht unähnlich, so geräumig war, daß zwanzig Menschen darin Platz fanden. Die Sorgfalt, mit der diese Höhle gereinigt war, und eine nachbarliche Salzquelle, verrieten, daß sie den zur Nachtzeit jagenden Indianern als Anstandspunkt diente. Canondah näherte sich vorsichtig der Öffnung, trat behutsam ins Innere und kehrte mit der Nachricht zurück, daß es leer sei. Beide Mädchen eilten nun einer Zypresse zu, von deren Ästen sie ein Bündel spanischen Mooses rissen, und das sie in der Höhle zum weichen Lager bereiteten. Die Indianerin rollte noch mehrere morsche Blöcke vor den Eingang, wahrscheinlich um ihn gegen den nächtlichen Besuch von Bären oder Panthern zu verwahren.

»Gut«, sagte sie, als diese Vorbereitungen beendigt waren, ihren Arm um Rosa schlingend und dem Fremden zueilend. Die Indianerin, ohne auch nur einen Augenblick zu verweilen, schob ihre Linke unter den beiden Schenkeln des Verwundeten hindurch und winkte Rosen, ihre Hand zu fassen, während ihre Rechte dem Verwundeten zur Lehne diente. Rosa errötete.

»Scheut sich die weiße Rose, ihren Bruder zu berühren, um dessen Leben sie ja eben gebeten?« sprach sie mit einem sanften Vorwurfe.

Das Mädchen, statt aller Antwort, faßte die Hand der Indianerin, und die beiden hoben ihre Bürde auf die soeben angezeigte Weise mit verschlungenen Händen und trugen sie der Baumhöhle zu, in welcher sie sie niederließen. Die Indianerin bog sich über ihn herab und wisperte: »Wenn die Erde in Dunkel gehüllt ist, wird Canondah zu ihrem Bruder kommen, und dann wird sie Balsam in seine Wunden gießen.«

Ihre Worte jedoch waren, wie zu erwarten stand, ungehört verschollen, und, ein leises Atmen ausgenommen, gab der Fremdling kaum mehr ein Zeichen des Lebens. Noch waren die Baumgipfel in glänzendem Purpur gerötet, während über die Tiefen das Dunkel heranzog, als die beiden Mädchen wieder an den Ort kamen, wo sie die Trauben eingesammelt hatten. Hastig ihren Vorrat aufraffend, schlugen sie den engen Pfad ein, den sie gekommen waren und auf welchem wir ihnen nun vorzueilen gedenken, um unsere Leser in eine neue Welt einzuführen.

Viertes Kapitel

Nicht fern von dem Schauplatze des soeben erzählten Abenteuers öffnete sich eine weite Lichtung, die etwa drei Meilen längs dem Ufer sich erstreckend, eine halbe Meile vom Flusse gegen den Wald zulief. Diese Lichtung war Palmettofeld gewesen, das, wie bereits erwähnt, sich längs dem rechten Ufer des Flusses ungefähr eine halbe Meile gegen den Wald hinziehend, von den kolossalen Stämmen dieser Urwälder gleich einem Rahmen eingefaßt wird. Augenscheinlich hatte man diese Lichtung durch Verbrennen des Rohres bewirkt, an dessen Stelle ein Teppich des üppigsten Wiesengrundes mit prachtvollen Baumgruppen getreten war, zwischen welchen irreguläre Hecken von Myrten, Mangroven, Palmen und Tulpenbäumen sich hindurchschlängelten, das Ganze einem Parke mit seinen Baumgruppen und Pflanzungen ähnelnd. Hie und da ließen sich Rauchwölkchen sehen, die sich durch die silbergrünlichen Äste der Sykomore und Kottonbäume hinaufschlängelten und auf das Dasein menschlicher Wesen schließen ließen, und bei näherer Besichtigung fand man unter den Baumgruppen eine oder mehrere Hütten friedlich an einen Baum gelehnt und von kleinen Welschkorn- und Tabakpflanzungen eingesäumt. Weiter hinauf nahm ihre Anzahl allmählich zu, so daß ihrer nicht weniger denn fünfzig sein mochten.

Es war keine besondere Ordnung in ihrer Aufstellung oder Bauart bemerklich. Man schien bei ihrer Errichtung weniger den Geschmack als einen gewissen Hang zur Indolenz berücksichtigt und sich beim Aufbau nichts weniger als hart angestrengt zu haben. Man hatte sich die einfachsten Baumaterialien genügen lassen, roh, wie sie die Natur darbietet. Sie waren aus den kleinen Ästen von Kottonbäumen gezimmert und aufgerichtet, die Lücken ausgefüllt mit Tillandsea oder spanischem Moose. Statt der Dachdauben, mit denen westlich von dem Alleghaniegebirge häufig die Wohnungen ärmerer Landleute gedeckt sind, hatte man hier das Palmettorohr genommen: eine Wahl, die dem Ganzen einen ungemein zarten Anstrich von Ländlichkeit und Einfachheit gab. Die Wohnungen selbst waren größtenteils ohne Fenster und erhielten ihr Licht durch die Kaminöffnung oder die Türe, statt welcher eine Wildbüffelhaut vom Türpfosten herabhing, die während des Tages auf das niedrige Dach zurückgeworfen wurde. Der Hauptreiz dieses Dörfchens lag jedoch nicht sowohl in seiner Bauart, als den vielen Baumgruppen, unter welchen die niedlichen Hütten zu nisten schienen: eine Maßregel, die wahrscheinlich die große Hitze während der Sommermonate in einer Gegend nötig machte, die bekanntlich der Scheidepunkt zwischen der nördlichen und südlichen Hälfte der westlichen Welt bildet. Die außerordentliche Reinlichkeit des Dörfchens war nicht weniger bemerkenswert und trug viel dazu bei, den günstigen Eindruck zu vermehren. Es war wirklich ein liebliches Plätzchen, wie noch aus seinen Ruinen zu ersehen ist. Der Wasserspiegel des Natchez, der hier gewaltig der See zuschwillt, der Rahmen von dunkeln Zypressen und Mangroven, mit denen beide Ufer eingefaßt und deren kolossale Schatten sich auf dem Wasser vertausendfachen, die zahlreichen Baumgruppen, unter denen die Wohnungen gleich so vielen Einsiedeleien hingezaubert, und endlich der breite Gürtel selbst, begrenzt auf beiden Seiten durch die prachtvoll wogenden Palmettofelder, auf der dritten durch einen Wall riesiger Urbäume, gaben dem Ganzen einen Anstrich entzückender Abgeschiedenheit.

Die Bewohner dieses abgeschiedenen Fleckchens dürften vielleicht, mit einigen Ausnahmen, weniger reizend, im ganzen genommen jedoch kaum minder interessant gewesen sein. Vor den äußersten Hütten war eine Gruppe glänzend dunkelfarbiger Wesen zu ersehen, die man auf den ersten Anblick ohne Zweifel für eine Herde Affen gehalten haben würde, so drollig waren ihre Bewegungen. Bald hüpften sie über Hecken und Stauden, gleich einer Herde dieser Tiere, wanden sich dann gleich Schlangen und rollten den Abhang zum Flusse hinab, mit einer Behendigkeit und Schwungkraft, der kein menschliches Auge zu folgen schnell genug gewesen wäre. Weiter ins Dörfchen hinein sah man Züge von erwachseneren Jungen in ihren kriegerischen Übungen begriffen. Sie stellten den Spähertanz dar. Während eine Anzahl auf dem Rasen gleich einem Schlangenknäuel fortkroch, hatten sich andere in weiter Ferne in horchender Stellung zur Erde geworfen, die, ihre Köpfe tief in den Boden eingedrückt, lauschend auf die Bewegungen ihrer Gegner, denen sie sich windend zuletzt näherten, plötzlich aufsprangen und über sie herfielen. Als dieses kriegerische und die Sinne äußerst schärfende Spiel einige Male wiederholt worden war, formten sie sich in die sogenannte indianische Reihe und rückten zum wirklichen Kampfe mit drohenden Gebärden aufeinander los. Ihre stumpfen hölzernen Tomahawks schwingend und schreckliche Hiebe einander zumessend, bewegten sie sich, flohen, prallten an, krümmten sich unter den Hieben oder wichen ihnen aus mit den plumpesten, ungeschlachtesten und hinwieder graziösesten Wendungen.

Nicht die mindeste Neugierde oder Teilnahme der übrigen Bewohner des Dörfchens. Die größte Apathie und die größte Kraftäußerung bildeten hier durch ihre Ungezwungenheit nur um so größere Kontraste. Vor den offenen Hütten saßen einige Squaws mit ihren Töchtern, Welschkorn aushülsend, Hanf brechend oder Tabakpflanzen schichtend; die Kinder hingen an den Außenwänden auf einem langen, hohlen, trogartigen Brettchen oder einer Rinde ausgestreckt, ihre Hände und Füße mit Wildbüffelriemen an das hohle Brett geschnallt, mit keiner andern Bekleidung als einem Streifen Kaliko um die Hüften: die gewöhnliche Art dieser Indianer, ihre Kinder das ganze Leben hindurch in der aufrechten Stellung zu erhalten, die sie und ihre Besieger so sehr charakterisiert.

Nicht ferne vom obern Ende der Niederlassung standen zwei größere Hütten, die man auf den ersten Anblick für hölzerne Schulgebäude oder religiöse Versammlungsplätze in unsern Hinterwäldern hätte nehmen können.

Beide waren gleich den übrigen an Sykomorebäume gelehnt, zeichneten sich jedoch sowohl durch ihren großem Umfang, als ihre gesuchtere Bauart aus und waren von Lauben von Palmen und Mangroven umgeben, mit ziemlich großen Rasenplätzen vor den Türen. Vor einem dieser kleineren Häuser und mitten auf dem freien Rasenplätze kauerte eine Gruppe von etwa fünfzig Männern am Boden, in dichte Rauchwolken gehüllt, die Tabakspfeifen von drei bis fünf Fuß Länge entstiegen, mit denen alle versehen waren. Ihre Kleidung bestand in einem Jagdhemde von Kaliko, das, vorn offen, die nackte Brust bis zum Wampumgürtel sehen ließ. Ihre Lendenhemden, am Wampumgürtel befestigt, reichten bis an die Knie und an einem Riemen, der quer über die Schultern hing, war ihr Tabaksbeutel befestigt. Sie trugen ihr volles Haar, und keiner hatte den sogenannten Skalpierzopf. Obgleich die Versammlung bloß zufällig und die Unterhaltung mehr eine vertrauliche schien, so hatten die Männer doch augenscheinlich ihre Plätze nach ihrem Range eingenommen. Der innere Halbzirkel nämlich war von den Ältern besetzt, während die Jüngern einen zweiten und dritten Halbkreis bildeten. In der Mitte dieses Bogens saß ein alter Mann, auf den die Blicke der Versammlung mit einem besondern Ausdruck von Vertrauen und Ehrfurcht gerichtet waren und dessen merkwürdiges Äußere, verbunden mit dieser ausgezeichneten Achtung, das Oberhaupt des Völkchens andeutete.

Es ließ sich nicht leicht etwas Interessanteres denken als diesen Mann, dessen Körper aus nichts als Haut und Knochen zu bestehen schien. Alle fleischigen, gröbern Teile waren aufgetrocknet und nichts war übriggelassen als Sehnen und Adern. Sein offenes Jagdhemde ließ eine Brust erblicken, die, viel breiter als die der übrigen, einem verhackten Brette glich und ein gräßliches Hautrelief von Narben und Wunden darbot. Auf dem Gesichte ruhte finsterer, stoischer Ernst, mit einem Ausdrucke von Resignation, der seinen stolzen vertrockneten Zügen ein seltsames Gepräge schwerer Kämpfe und furchtbarer Seelenleiden gab. Sieben Jahre von Verbannung und der Sturz seines Stammes hatten diese Veränderung im Miko der Oconees hervorgebracht. Sein Haupt war auf die Brust gesunken, und er saß vertieft in Gedanken.

»So hat denn unser Volk abermals eine Hälfte seines Landes verloren«, sprach ein alter Indianer, der im inneren Halbzirkel saß, mit einer Betonung, die zwischen Frage und Bemerkung die Mitte halten sollte.

Der alte Mann, den wir soeben beschrieben, hielt eine Weile inne und sprach dann, ohne seine Stellung zu verändern, im tiefen Kehlentone und mit einer Würde, die jeden Zweifel zu verbieten schien.

»Ein Elk kann dreimal über unseres Volkes Land zwischen Sonnenauf- und Untergang jagen.«

Dem Indianer, der die Frage getan, entfuhr ein tiefes Klaggestöhn; dann griff er in den Tabaksbeutel, nahm einige Blätter zwischen die Finger und den Daumen und schnitt sie in kleine Teilchen, die er in die flache Hand fallen ließ, einigemal mit der andern rieb und dann in seine Pfeife stopfte. Er zündete diese sofort mittelst eines Schwammes an, setzte sie auf die Erde und hüllte sich in eine Rauchwolke.

»Und der heilige Grund wurde gefärbt mit dem Blute der roten Männer?« fragte ein zweiter.

»Der Gräber der Erschlagenen sind zwanzigmal mehr, als der Männer der Oconees, die nun mein Auge sieht«, erwiderte der Miko in demselben Trauertone. »Ihre Leichname lagen auf der Erde gleich den Blättern der Bäume, und die langen Messer und die Gewehre der Weißen waren tief in ihr Blut getaucht. Nie werden die Creeks imstande sein, die Tomahawks aus dem Grunde zu graben. Aber«, fuhr er fort, sein Antlitz erhebend, dessen Züge einen besonderen Ausdruck annahmen, während seine schwarzen, feurigen Augen Blitze schossen, »Tokeah hat es seinen Brüdern vorausgesagt, als er vor sieben und vor siebenmal sieben Sommern zu ihnen gesprochen. Seht, das waren seine Worte: Der weißen Männer sind nur wenige, ihre Stärke ist die der Weinrebe, die sich um unsre Bäume windet. Ein einziger gut treffender Hieb des Tomahawks, und die schwache Ranke ist vom Baume gehauen, und er ist befreit von der wuchernden Schlingpflanze. Laßt sie aber nur zehn Jahre wachsen, so wird sie ihre Sprößlinge um die Bäume winden, mit ihren verräterischen Armen sie umschlingen und sie langsam töten. Seht in diesen Reben den weißen Mann; schwach ist er gekommen, schwach war er noch, als Tokeah zuerst seinen Tomahawk geschwungen; aber er hat sich seitdem gewunden und gekrümmt wie die Rebe, und wie die Rebe hat er sich über unsre Wälder und Täler verbreitet und zahlreich wie die Reben sind die Weißen geworden und werden, so wie diese unsre Bäume, uns ersticken mit ihrem Feuerwasser und uns ertöten mit ihren langen Messern und aufessen mit ihrem nimmersatten Hunger. Und alles Korn unsrer Felder und Wild unsrer Wälder wird nicht zureichen für ihre ewig leeren Magen, und der rote Mann wird weichen müssen vor ihnen. Es ist geschehen«, sprach der alte Mann mit feierlicher Stimme. »Nochmals hat sie der Miko vor sieben Sommern gewarnt. Es war seine letzte Warnung. Damals hat er seine Boten zum großen Tecumseh gesandt, das Band der Einigung zwischen beiden Völkern wieder anzuknüpfen. Seine Boten haben die Pfeife des Friedens mit dem großen Häuptling geraucht, und er hat versprochen loszuschlagen, wenn die Muscogees das Kriegsgeschrei erheben würden. Aber unsre Brüder unter den Muscogees haben ihre Augen und Ohren vor dem Miko verschlossen und Tokeah als einen betrachtet, der damit umging, den Samen der Zwietracht zwischen seinen Brüdern und den Weißen zu säen. Ja!« sprach er mit Würde nach einer kurzen Pause. – »Tokeah hat gesucht, diesen Samen der Zwietracht zu säen, er hat sich bemüht, die verräterische Freundschaftskette zu brechen, welche die Roten mit den Weißen nicht verband, sondern sie fesselte an diese. Ja, er wollte den Samen der Zwietracht säen, auf daß die Saat seine und ihre Feinde vertilge, sie vertilgt für immer von dem Lande unsrer Vorfahren, auf dem wir nun heimatlose Flüchtlinge sind. Aber die Muscogees wähnten im Miko einen Verräter zu sehen, und die falsche Zunge seiner Brüder, die das Feuerwasser der Yankees und Korallen mehr liebt, als die Freiheit, hat seine Reden dem weißen Vater verraten, und Tokeah hatte das Land seiner Vater zu meiden, wollte er nicht den Feinden seines Geschlechtes ausgeliefert werden. Der große Geist hat die roten Männer verblendet, so daß sie ihre wahren Brüder nicht mehr erkennen konnten und im Miko der Oconees ihren Feind sahen. Sie haben zugegeben, daß die Yankees sich über das ganze Land verbreitet, und, nachdem sie zahlreicher geworden als der Büffel auf den Fluren der großen Cumanchees, haben sie, die Toren, das Kriegsgeschrei erhoben, und wurden – geschlagen und vernichtet.«

Ein dumpfes Stöhnen erhob sich in der Versammlung und dauerte eine geraume Weile. Der Sprecher fuhr fort.

»Ihre bleichenden Gebeine sind nun mit Erde bedeckt, und ihr Blut ist vom Regen weggewaschen; aber ihr Land ist von ihnen genommen, auf ihren Flüssen schwimmen nicht mehr ihre Kanus. Die Rosse der Weißen laufen nun auf breiten Pfaden durch ihre Wälder, die angefüllt sind mit Krämern und absterben durch ihre verwüstenden Hände. Was ihre Kugeln und ihre langen Messer übriggelassen, wird ihre gekrümmte Zunge, ihr Feuerwasser vollends aufreiben. Tokeah hat ihn gesehen, den heiligen Grund, er hat sie gesehen, die verbrannten, zerstörten Dörfer seines Volkes, er hat also gesehen seine Brüder, sie gesehen, wie sie vor den Häusern mit gemalten Schildern lagen, Schweinen gleich, ihre Gewehre und Tomahawks mit Kot besudelt, sie selbst die Zielscheibe der Verachtung und Beschimpfung der schwarzen Sklaven.«

Die letzten Worte hatte er mit einer beinahe schmerzlichen Wut mehr herausgestoßen als ausgesprochen. Ein dumpfes Geheul entfuhr der Versammlung. Der alte Mann fuhr fort:

»Durch die Wälder, in denen Tokeah als Häuptling, als ein mächtiger Miko gejagt, hat er gleich einem Diebe im Dunkeln schleichen müssen, wenn die Sonne hinter den Bergen war. Sein Volk, die Blüte des roten Geschlechtes, hat er im Unflate, in Pfützen sich wälzen gesehen.« Als er diese Worte gesprochen, fiel sein Haupt wieder in seine beiden Hände, und eine lange Pause erfolgte.

»Und hat der große Miko nicht zu seinen Brüdern geredet?« fragte der zweite Indianer. Der Häuptling erhob sein Antlitz und betrachtete den Sprecher einige Augenblicke mit einem würdevollen Ausdrucke.

»Hat mein Bruder vergessen,« sprach er endlich, »daß unsre roten Brüder jenseits des großen Flusses selbst das Band zerrissen haben, welches Tokeah und seine Männer an sie knüpfte, und daß sie ihn und die Seinigen verrieten und sie zwangen, dem Lande ihrer Väter den Rücken zu wenden? Nur ein Tor wird zweimal sprechen. Seine Brüder haben ihre Ohren verschlossen vor sieben Sommern, als es noch Zeit war, einen Schlag zu tun; und nun hat der Miko seinen Mund verschlossen. Seine Zunge war gebunden, als er das Grab seiner Väter zum letzten Male sah; denn sein Herz war mit seinen treuen Männern. Aber nicht lange, und die Muscogees werden von den Weißen aus ihrem noch übriggebliebenen Besitze getrieben werden, so wie sie die Hirsche und Elke über den großen Fluß getrieben. Sie werden kommen, um ihre Wigwams auf dieser Seite des großen Flusses aufzuschlagen; dann wird Tokeah seine geöffnete Hand ausstrecken, um sie zu empfangen. Sein Wigwam wird für sie bereitstehen. Seine Männer haben Fülle von Wild und Korn, und ihre Mädchen wissen Jagdhemden zu weben. Er wird teilen mit den Ankommenden, was er besitzt, und dann wird die gebrochene Kette des Verbandes wieder geschlossen werden.«

Der laute achtungsvolle Zuruf, mit dem die Worte des Sprechers aufgenommen wurden, schien eine schmerzliche Wirkung auf ihn hervorzubringen; ohne ein Wort zu erwidern, neigte er sein Haupt auf seine Brust und versank wieder in tiefes Sinnen.

Die Sonne sank nun in einer Flut von Glorie den westlichen Rücken des Natchez hinab, der breite Gürtel des östlichen schimmerte noch in tausend prachtvollen Tinten. Allmählich schmolzen die gold- und purpurfarbenen Gipfel der Bäume in graues Helldunkel, der silberne Wasserspiegel des grauen Natchez dämmerte ins Dunkelblaue – die Natur schien sich zur Rast begeben zu wollen – ruhig, friedlich, prachtvoll. Der Miko warf einen letzten Blick auf die zitternd zaudernden Strahlen, als sie ermattend ineinander verschmolzen; allmählich zogen sich seine Schenkel aus ihrer kreuzweisen Verschlingung voneinander, und die Fersen auf den Boden stemmend, erhob er sich langsam ohne Anstrengung und ohne seine Hände zu gebrauchen. Sein Aufstehen war das Zeichen des allgemeinen Aufbruches. Alle erhoben sich auf dieselbe Weise, und es schien einen Augenblick, als wenn sie aus der Erde gewachsen wären.

Der Häuptling schritt nun auf das hinter der Laube stehende Häuschen zu. Nachdem er eingetreten, schloß er die Tür hinter sich. Das Innere bestand aus zwei Stübchen, die voneinander durch einen Teppichvorhang getrennt waren. Der Fußboden und die Wände waren mit Matten überzogen. Längs den Wänden lief ein niedriger Sitz, einem Diwan nicht unähnlich, und ganz mit spanischem Moose ausgefüllt und gleichfalls mit einer Matte überzogen. Zunächst der einen Wand stand eine längliche Tafel von einfacher, kunstloser Arbeit. Auf derselben Seite hing ein Karabiner von amerikanischer Arbeit und daneben ein zweiter sehr schön gearbeiteter, doppelläufiger Stutzen und eine Jagdflinte. Gegenüber waren indianische Waffen in zierlicher Ordnung gereiht: Köcher von Damhirsch- und Alligatorfellen, Bogen, Schlachtmesser und Tomahawks. In der Mitte war eine ziemlich große, kunstreich verzierte Tasche zu sehen, die, einer Jagdtasche nicht unähnlich und auf Wampumart reichlich gewirkt, wahrscheinlich die mysteriöse Medizin des Häuptlings enthielt, die bekanntlich von Vater auf Sohn übergeht, und welcher der amerikanische Wilde, als Symbol der Gewalt, ebensoviele Ehrfurcht bezeugt, als die europäischen Völker den Zeptern, Tiaren und Kronen ihrer geistlichen und weltlichen Herrscher vor alters erwiesen. Die Dämmerung, kurz in diesen Gegenden, war bereits in Dunkelheit übergegangen, als zwei weibliche Gestalten in die Stube traten.

»Meine Töchter sind lange ausgeblieben«, sprach der alte Mann, der sich auf dem erwähnten Tillandseasitze niedergelassen hatte, seinen Kopf in beiden Händen ruhend.

»Sie haben die Trauben gesammelt, die Vater so sehr liebt«, erwiderte eines der Mädchen.

Canondah, die mit Rosa zurückgekehrt war, nahm nun ein irdenes Geschirr, füllte es mit Trauben und setzte es mit zwei andern, deren eines getrocknete Hirschschinken und das andere geröstete Maiskörner enthielt, vor ihren Vater. Sie goß dann eine Flüssigkeit aus einem irdenen Kruge in einen Becher und reichte diesen gleichfalls dem alten Mann, der, nachdem er einen Zug getan, ihn wieder zurückstellte, hierauf einige Stücke vom Hirschschinken schnitt und eine Handvoll gerösteten Kornes nahm. Sein Mahl war ebenso schnell geendigt, als die Vorbereitungen dazu kurz waren, und in wenigen Minuten räumte Canondah die Tafel.

»Sind meine Kinder nicht hungrig?« fragte er seine mit Wegtragung der Gerichte beschäftigte Tochter.

»Sie haben von den Trauben gegessen.«

»Gut!« versetzte der alte Mann und legte sein Haupt wieder in seine vorige Stellung. Das Mädchen hatte kaum diese Bewegung bemerkt, als sie vorwärts glitt, und, vor dem Häuptling niedersinkend, ihre Hände auf ihrem Busen faltete. Er hatte die seinigen auf ihre Schultern gelegt, gleichsam als segnete er sie. So wie sie die Berührung fühlte, brach sie in eine Art melodischen Sumsens aus, das dem Tone entfernter Blasinstrumente nicht unähnlich war. Allmählich jedoch wurde ihre Stimme lauter und stärker, wirbelnd ging sie in die wilden leidenschaftlichen Töne ihres Volksstammes über und wieder in die sanftern der weiblichen Brust. Als sie eine Weile in ihrem improvisierenden Gesang fortgefahren, schien sich ihre Begeisterung dem alten Manne mitzuteilen. Er beugte sich herab zur Sängerin, und seine Stimme vereinte sich mit der ihrigen in den gewöhnlichen tiefen indianischen Kehlentönen. Plötzlich hielt sie inne und fragte singend in den melodischsten Tönen nach der Ursache der Schwermut ihres Vaters.

»Warum«, sang sie, »ist der Blick des Miko der Oconees trübe, sein Angesicht verfinstert? Er ist ferne von den Gräbern seiner Väter, aber der große Geist ihm nahe; seine Wolken schwimmen beschützend über seinem Haupte, ihn verbergend seinen Feinden, auf daß sie ihn nicht sehen mögen, bis er erstehen wird in seinem gerechten Zorne.« Und sie brach aus in eine melancholische, wild prachtvolle Phantasie, besingend die Großtaten der Mikos der Oconees auf dem Kriegspfade und auf der Jagd; dann sang sie den Ruhm ihres Vaters, seine Wunden und Taten, malte die Schlachten, die er gegen die Tscherokesen und die Weißen geliefert, die Gefahren seines Zugs über den großen Fluß, seine kindliche Frömmigkeit, die ihn nicht ruhen ließ, bis er wieder die Gräber seiner Väter gesehen hatte, und ihren Ton herabstimmend, rief sie den großen Geist an, seinen Pfad von Dornen auf der bevorstehenden Jagd freizuhalten.

Es war nicht ein eigentlicher Gesang, sondern vielmehr eine Improvisation; aber die reiche Melodie und die außerordentliche Biegsamkeit ihrer Stimme, die von den tiefsten Tönen zu den höchsten hinaufwirbelte und wieder das seufzende Lüftchen oder den heulenden Sturm nachahmte, und zuletzt gleich einer begeisterten Seherin Trost wie aus höheren Sphären sprach – alles dies gab ihrem Gesange eine unbeschreibliche Wirkung.

»Meine Tochter«, sprach der alte Mann, »hat vergessest, zum Lobe des großen Häuptlings der Cumanchees zu singen.«

»Sie will ihre Töne in sein Ohr wispern, wenn er im Wigwam ihres Vaters sein wird«, erwiderte sie. »Gut!« war die Antwort.

»Und hat die weiße Rosa keine Zunge, den Gesang der Oconees zu singen?« fuhr er nach einer kleinen Pause fort. Canondah wandte sich und fühlte mit ihrer Hand. Keine Rosa war da. Sie stand auf, suchte herum in der dunkeln Stube, die weiße Rosa war nicht zugegen.

»Sie ist unter dem großen Baume«, sagte sie, indem sie sich langsam, und wie es schien, mit einem schweren Herzen anschickte, sie aufzusuchen.

Als Rosa mit Canondah ins Zimmer getreten war, zog sie sich zum Vorhange zurück, der beide Stübchen voneinander trennte. Da blieb sie ängstlich harrend eine Weile stehen, wahrscheinlich in der Hoffnung, der Häuptling würde sogleich nach seinem Mahle sich zur Ruhe begeben.

Als Canondah jedoch sich vor ihm niederließ und in die wohlbekannten Töne des Nachtgesanges ausbrach, schien sie ihre ganze Besonnenheit zu verlieren. Sie schwankte vorwärts, rannte zurück – sie zitterte und bebte. Endlich eilte sie rasch durch die Türe in das zweite Stübchen, legte ihr Seidenkleid ab und warf sich in ein leichtes Kalikoröckchen, nahm dann eine Wolldecke, warf sie über einen Korb und stahl sich ins erste Gemach. Zitternd war sie an der Schwelle angelangt, bebend hatte sie diese überschritten. Ihre Brust schlug laut, ihre Knie schlotterten, als sie sich der Wand näherte und die mysteriöse Tasche berührte und endlich durch die Dunkelheit bis zur Türe forttappte.

Die Bewohner des Dörfchens waren bereits in tiefen Schlaf begraben, die Gipfel der Bäume glänzten im silbernen Mondlichte gleich Riesengestalten, während die Nachtdünste von dem nahen Wasserspiegel, ähnlich den Geistern der Vorwelt, in ungeheure Leichentücher gehüllt, über die Hütten wellenförmig sich fortbewegten. Nicht eine menschliche Gestalt war zu sehen. Das Mädchen hielt eine Weile inne und eilte dann rasch, gleich einem erschrockenen Damhirsche vorwärts, dem Pfade zu, der längs der Niederlassung dem Walde zuführte. Keuchend und erschöpft war sie mit ihrer Bürde vor der Baumhöhle angekommen. Da hielt sie inne für einen Augenblick, sah sich furchtsam um, ob sie gesehen würde, näherte sich der Öffnung und zog sich wieder zurück. Der Fremde ist kalt und krank und hungrig, wisperte sie sinnend. Und mit einem Satze war sie über einen der Blöcke. Der Verwundete schlief. Sie kauerte sich zu ihm herab und streifte das Moos ab, mit dem er bedeckt war. Das Blut floß noch immer in großen Tropfen und hing in geronnenen Klümpchen am seidenen Tuche. Sie löste es behutsam ab, befühlte die Wunde und goß eine flüssige Substanz hinein. Ein Schmerzensschrei entfuhr dem Fremden.

»Stille, ums Himmels willen stille!« bat das Mädchen. »Es ist Balsam, und Balsam aus der Medizintasche des großen Miko. Er wird deine Wunde heilen. Aber die Bäume haben Ohren und der Wind bläst von unten herauf. Ich bin es, Canondah ist es«, wisperte sie mit einer Stimme, deren Zittern sie Lügen strafte.

»Es ist Canondah«, wiederholte sie, indem sie noch einige Tropfen Balsams in seine Wunden goß, sie dann mit Bandagen umwand und endlich verband. »Hier«, flüsterte sie, »ist der Saft von Trauben. Hier ist gebratenes Fleisch von unsern Wasservögeln und Wildbret. Und dies wird dich warm halten«, fuhr sie fort, ihn in die Wolldecke hüllend. Noch einmal wandte sie sich, als sie am Ausgange stand und dann kletterte sie wieder zurück über den Stamm und floh ihrer Wohnung zu. Je näher sie der Hütte kam, desto langsamer, schwankender wurden ihre Schritte. Als sie in die Laube trat, suchte ihr Auge die Gestalt Canondahs.

»Rosa«, murmelte die Indianerin. »Was hast du getan? Der Miko hat nach dir gefragt?«

»Hier«, erwiderte das Mädchen, ihr atemlos die Phiole reichend.

»Komm!« sagte die erstere, und sie bei der Hand fassend, traten beide in die Stube.

»Die weiße Rosa hat das Blut von ihren Wangen verloren; seit den letzten zwei Monden sind ihre Augen mit Wasser gefüllt. Der Häuptling der Salzsee wird sie trocknen«, sprach der alte Mann.

Ein tiefer Seufzer entstieg der Brust des Mädchens. Sie begann zu schluchzen und laut zu weinen.

»Die weiße Rosa«, fuhr der Miko kalt und ruhig fort, »wird das Weib eines großen Kriegers sein, der ihr Wigwam mit der Beute seiner Feinde füllen wird. Ihre Hände werden nie arbeiten dürfen, und sie wird von allen Squaws beneidet sein.« Und mit diesen Worten streckte er seine Schenkel auf die Bank, hüllte sich in seine Wolldecke und legte sich zur Ruhe. Canondah ergriff Rosas Hand, und sie sanft mit sich in das zweite Gemach ziehend, führte sie sie gleichfalls ihrem ländlichen Diwan zu und drückte sie sanft auf diesen nieder.

Rosa legte sich schweigend, aber vergeblich bemühte sie sich, ihre Augen zu schließen. Die blasse, sterbende Gestalt des Fremden stand vor ihrem Blicke und raubte ihr Ruhe und Rast. Eine Stunde verging nach der andern, und sie war noch immer wach. Endlich ließ sich ein Geräusch in der Vorderstube hören, das andeutete, daß der Miko bereits aufgestanden war.

Canondah sprang vom Lager, näherte sich Rosen, bog sich über das Mädchen, legte ihren Zeigefinger auf ihre Lippen und eilte in ihres Vaters Stube. Der Häuptling war mit Anstalten zu einem weiten Ausfluge beschäftigt, der großen Herbstjagd nämlich, die bei diesen Stämmen mehrere Wochen und selbst Monate dauert und sich über Landstrecken von Hunderten von Meilen ausdehnt. Seine Vorbereitungen waren bald getroffen. Er nahm einen großen Beutel, mit Tabak gefüllt, einen andern mit Blei, legte beide sorgfältig in seine Jagdtasche und hing diese über seine Schulter. Hierauf steckte er sein Schlachtmesser in seinen Gürtel und nahm den doppelläufigen Stutzen. Ein junger Indianer trat herein, dem er Bogen, Pfeile und einen Sack, mit Lebensmitteln gefüllt, übergeben ließ. Seine Tochter hatte dies schweigend getan. Sie stand nun mit gefalteten Händen und erwartete die Befehle ihres Vaters. Dieser legte seine flache Rechte auf ihre Stirne, blickte ihr eine Weile teilnehmend ruhig ins Gesicht – dann schienen seine Züge sich zu mildern, die Augen von Vater und Tochter begegneten sich, und gleichsam als ob sie sich verständigt hätten, wandte sich ersterer der Türe zu.

An fünfzig Männer waren bereits vor der Hütte versammelt, vollkommen gerüstet und bewaffnet. Still und schweigend waren sie gekommen; kein Laut, kein Fußtritt war zu vernehmen gewesen. Kaum war ihr Häuptling in ihrer Mitte, als sie eben so still sich ihm anschlossen und mit einer Heimlichkeit der Uferbank zueilten, die im Zwielichte beinahe Grauen erregte.

Die Tochter hatte ihren Vater nicht weiter als bis zur Türe begleitet, wo der Wink des letztern sie stillstehen hieß. Horchend stand sie eine Weile, bis der leise Wasserschlag der Ruderer gehört wurde; dann schloß sie die Türe und eilte ins innere Gemach.

»Sie sind gegangen«, sagte sie.

»Dann laß uns zum Fremden eilen«, erwiderte Rosa.

»Die weiße Rosa«, sprach die Indianerin im milden, aber ernsten Tone, »muß schlafen, sonst wird ihr blasses Gesicht verraten, was in ihrem Busen begraben ist. Meine roten Schwestern sind fein und verschlagen, ihre Augen weit offen. Sie würden die Spuren leicht finden, die wir gestern im Rohrfelde gelassen haben. Ein Mädchen könnte nun den Miko einholen. Canondah will nach dem Fremden sehen; aber ihre Schwester muß ausruhen.« Sie preßte ihre Freundin sanft auf das Lager und verschwand hinter dem Vorhange.

War es die ruhige, milde Sprache der Indianerin, deren Treue und schwesterliche Liebe ihr wohl bekannt sein mochte, oder Müdigkeit? Rosa fiel nach wenigen Minuten in einen tiefen Schlaf.

Fünftes Kapitel

Der Indianer hat neben vielen edlen und großartigen Zügen, die zusammengenommen feinen Nationalcharakter bilden, und zwar einen Nationalcharakter, dessen moralische Höhen und Tiefen bei weitem noch nicht gehörig gewürdigt sind, einen, der ihn minder vorteilhaft kleidet und den der Sittenmaler seiner Nation gerne vermissen würde. Es ist dies die auffallend rohe, selbstische Gleichgültigkeit oder vielmehr Fühllosigkeit, mit der sie ihre Weiber behandeln: eine Fühllosigkeit, die zwischen den unglücklichen Geschöpfen und einem Haustier nur wenig Unterschied kennt. Vielleicht sind dieser Fühllosigkeit einzig und allein jene schwarzen Flecken zuzuschreiben, die ihrem häuslichen und öffentlichen Leben den so widerlichen Stempel tierischer Grausamkeit und Unempfindlichkeit und hinwieder der stupidesten Indolenz aufdrücken: ein Stempel, der aus einem indianischen Sittengemälde bloß eine fortgesetzte Szene von Grausamkeiten oder ekelhaftem Faulleben bildet, nur selten durch eines jener sanftem Reliefe aufgehellt, die ein höherer Grad von Achtung gegen das weibliche Geschlecht notwendig erzeugen müßte. Die indianischen Völkergeschichten haben auffallend bewiesen, daß Nationen, wo bloß die eine Hälfte Menschenrechte genießt, immer nur Wilde oder Barbaren sein werden, und daß jene Reibung im gesellschaftlichen Leben, wo das Weib dem Manne mit gleichem Rechte gegenüber steht, zur Veredlung des Geschlechtes unumgänglich nötig sei.

Ein Volk, bei dem das Weib auf einer, ihrer ursprünglichen Würde nicht angemessenen Stufe steht, wird jederzeit mehr oder weniger barbarisch sein, und der richtigste Maßstab der Aufklärung eines Volkes wäre wohl das Verhältnis, in welchem die zweite Hälfte zur erstern in ihren Privat- und öffentlichen Verhältnissen steht. Des Weibes Bestimmung ist weder die des Lasttieres, noch der Sklavin der sinnlichen Begierden des Mannes – sie soll weder das frivole Spielwerk müßiger Stunden, noch die Abgöttin seiner törichten Leidenschaften sein. Sie soll sein die Teilnehmerin an dem Wohl und Wehe ihres Mannes – seiner drückenden sowie erhebenden Gefühle innigste Vertraute, die Freundin seines Herzens, der Leuchtturm seines Verstandes, der ihn auf seinem Lebenspfade leitet, der schützende Genius seiner Kinder, der künftigen Generation. Des Mannes ertötender Sinn soll sie aufregen, und so wie sie die beschützende Gottheit des häuslichen Heiligtums ist, soll sie wehren helfen durch Mut und Festigkeit, daß keine verruchte Hand sich an diesem vergreife. Nur die Nation, wo das Weib dieses errungen, sich so hoch emporgeschwungen, – nur sie ist zur Freiheit geboren. Und nie wird diese Göttin einkehren, wo sie nicht ihren häuslichen Herd unbeschränkt besitzen und dem Tyrannenknecht das Eindringen in ihr Heiligtum wehren darf und kann.

Es ist merkwürdig und unsern Satz ganz bestätigend, wie bei jenen wilden Stämmen und Völkerschaften, die allmählich eine gewisse Kulturstufe erreicht, auch der Zustand des weiblichen Geschlechtes sich verbessert hat. Die Weiber der Tscherokesen sind bereits mehr Ehehälften ihrer Männer als die der Creeks, und so richtig und bestimmt ist dieser Maßstab, daß die Grenzlinie der Weiberrechte bei den verschiedenen Nationen auch die der größern individuellen Freiheit und nationalen Kultur sind.

Das Völkchen, von dessen Niederlassung wir im vorhergehenden Kapitel eine Schilderung gegeben, war gewissermaßen auf der ersten Stufe gesellschaftlicher Kultur. Die Morgenröte war herangebrochen, es hatte bereits einen Vorgeschmack von den Vorteilen, die Ackerbau und die verschiedenen Künste des Lebens diesem gewähren, und obwohl dies bloße Anfänge waren, so hatten sie doch bereits einen bedeutenden Einfluß auf das Wohl und Wehe ihrer Weiber geäußert. Diese Weiber waren zwar noch immer ihren Männern dienstpflichtig, sie hatten mit ihren Töchtern Korn zu säen, zu pflügen, umzugraben, zu ernten, den Tabak zu bauen, die Hirsch- und Alligatorhäute zu gerben und ihren Kotton zu spinnen; aber eben die gesteigerten Bedürfnisse ihrer Männer und ein gewisses Behagen, das im friedfertigen ununterbrochenen Genusse derselben sich mit eingeschlichen hatte, konnte nicht verfehlen, ihren Weibern in ihren Augen eine größere Wichtigkeit zu geben, die allmählich auch größere Achtung zur Folge hatte.

Vielleicht trug der Umstand, daß Canondah an der Spitze der zweiten Hälfte dieses Völkchens stand, das Seinige dazu bei. Das unbegrenzte Vertrauen der Männer zu ihrem Vater und ihre tiefe Ehrfurcht konnte sich natürlicherweise nicht roh gegen seine Tochter äußern. Abgesehen von diesem Umstande war auch Canondah ganz dazu geschaffen, ihr Geschlecht im Wigwam in eine höhere Stellung zu bringen, und alle ihre Handlungen schienen zu beweisen, daß sie das unrichtige Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern nicht nur erkannt, sondern auch darauf ausging, es in ein weniger beleidigendes umzuwandeln. Das Mädchen hatte einen Scharfsinn, einen Mutterwitz, der unter den roten Naturkindern nicht selten zu finden ist und einen richtigen Takt zur Grundlage hat, der sie gewöhnlich sicherer leitet, als unsere durch Pensionsanstalten verschraubten Figürchen. Mit unerreichbarer Gewandtheit hatte sie gewußt, jeden Umstand zu benutzen, der sie auf eine nähere oder entferntere Weise ihrem Ziele zuführen konnte, eine gewisse wohltätige Herrschaft, die sie gleich einem Netze über die Männer auszubreiten und mit unverrücktem Blicke zum Besten ihrer Schwestern zu verfolgen wußte. Sie hatte ihre Erziehung in einer jener vortrefflichen Anstalten erhalten, die der philanthropische Oberst Hawkins unter den Creeks zum Behuf ihrer sittlichen und bürgerlichen Bildung errichtet, und hatte sich in vielen Zweigen der weiblichen Haushaltung auf eine Weise vervollkommnet, die sie zu einer trefflichen Hausfrau auch unter zivilisierten Völkern gemacht haben würde. Sie strickte und wob vortrefflich, ihre Röcke und Jagdhemden saßen am besten, ihr Wein war wohlschmeckender und feuriger, als der von andern Weibern oder Mädchen gekelterte: ja sie hatte während ihres Wohnens unter den Amerikanern sogar das Geheimnis, das unschätzbare Feuerwasser zu ziehen, glücklich ihren Wirten abgelauscht: ein Vorteil, dessen Bedeutung sie vollkommen zu würdigen verstand, und den sie, als unverbrüchliches Geheimnis, nur mit Rosa teilte. Sie hatte hinlängliche Zeit, sich unter den Amerikanern aufzuhalten, um den ungeheuren Abstand zwischen den Frauen der Weißen und den Squaws ihres Volkes zu erkennen, und ihr zartfühlender Scharfsinn hatte sie auch richtig auf den Weg geleitet, diesem schreienden Mißverhältnisse nach Möglichkeit Einhalt zu tun. – In jeder Hütte war sie zu Hause, und wenn sie vorbeieilte an einer Türe, so wich sie auch nicht, bis der Mann sein pflügendes oder grabendes Weib abgelöst hatte. Sie belohnte die Willigen mit einer Kürbisflasche des deliziösen Feuerwassers, während sie sie dem Mürrischen oder Widerspenstigen mit demselben schlauen Lächeln mit reinem Quellwasser füllte. So hatte sie allmählich die Männer gewöhnt, die Lasten ihrer Weiber zu teilen. Sie hatte Mittel, allen zu gefallen und jeden zu lenken.

Die Morgenröte hatte kaum durch den Wald zu schimmern angefangen, als die dunkeln Gestalten der Squaws und ihrer Töchter dem Landungsplatze zueilten, wo einige Stunden zuvor ihre Männer und Väter sich eingeschifft hatten.

Der Fluß bildet da eine kleine Bucht, in welcher die Marine des Stammes, fünf Palmrindekanus, an Strängen von Wattap ruhig vor Anker lagen. Zu beiden Seiten des kleinen Hafens erhob sich das Ufer etwa zwanzig Fuß hoch; dieser Gürtel war mit Myrte und Mangrovgesträuch überwachsen, durch die ein Pfad sich schlängelte.

Die ältesten unter den Weibern hatten graue Haare, die in langen Flechten roßhaarartig über ihre Schultern hingen, ihre mumienartigen Gesichter waren runzlig und beinahe vertrocknet, und wenn ihre Züge einen gewissen Stumpfsinn verrieten, so deuteten hinwieder die schwarzfunkelnden, tiefliegenden Augen auf eine Wildheit, die zu schlummern und nur auf eine Gelegenheit zu lauern schien, um in ihrer ganzen ungezähmten Wut hervorzubrechen. Die Mütter zeigten bereits mehr Milde in ihren Gesichtszügen; auf sie hatte der Verkehr und das gesellschaftliche Leben mit den Amerikanern offenbar eine humanisierende Wirkung geäußert; die Mädchen jedoch waren durchgängig wohlgewachsen, viele grazienartig, ihre Kupferfarbe nicht viel dunkler als die sonnverbrannten Gesichter südlich europäischer Landschönen, obgleich ihre Züge ungleich mehr Ruhe und Besonnenheit ausdrückten, und wären es nicht die hervorragenden Backenknochen gewesen, welche die meisten entstellten, so könnten sie als Muster für den Bildhauer gedient haben. Sie trugen kurze Kalikoröckchen, die ihnen bis über die Knie gingen, um den Nacken jedoch hatten bloß wenige eine Bekleidung, alle hatten Mokassins und silberne Ohrringe. Nachdem die weibliche Partie sich versammelt hatte, teilte sie die älteste Squaw in drei Gruppen, deren jede einen bestimmten Anteil an der Arbeit erhielt, von welcher wir nun eine nähere Beschreibung geben wollen. Es war der Bau eines Palmenrindekanus.

Die erste Abteilung hatte kurze Pfähle abzuschneiden und in der Entfernung von einem und einem halben Fuße in die Erde zu treiben, so daß ihre Anzahl ungefähr vierzig wurde.

Die zweite nähte Stücke der Palmenrinde mit Wattap zusammen, hing sie dann auf die Pfähle und befestigte sie daran so, daß die Rinde lose hing und den beiden aufrecht gehaltenen Deckeln eines Buches ähnelte, dessen Rücken abwärts gekehrt ist. Die dritte Abteilung hatte Querhölzer zu setzen, um so den Rand auszupressen und dem obern Rahmen die Form zu geben, welche das Kanu erhalten sollte. Dieselbe Abteilung setzte dann die Rippen und legte die Bekleidung in breiten Streifen zwischen diese und die Rinde, während eine Anzahl von Mädchen Rippen und Rinde herauspreßten und so dem Boote Tiefe und den Seitenwänden Gestaltung gaben. Nachdem das Werk so weit vorgerückt war, legten sie Gewichte und Steine auf den Boden der Rippen, die früher im Wasser erweicht worden waren, und dann ließen sie das Ganze trocknen. Während der Arbeit, die eine Stunde gedauert haben mochte, war das tiefste Stillschweigen beobachtet worden. Es war kein Lachen, kein Schäkern zu hören, kein Umhertreiben zu sehen. Jede verrichtete die ihr angewiesene Arbeit, ohne einen Laut von sich zu geben, und die einzige, die etwas mehr Freiheit sich herauszunehmen schien, war Canondah. Das unruhige Mädchen schlüpfte unter den düstern Wesen mit der Miene eines verdorbenen Kindes umher, wisperte hier einem Lieblinge einen Scherz ins Ohr, zischelte dort einer andern zu und half einer dritten oder zwang einer vierten ein ruhiges Lächeln ab. Als die Weiber ihre Arbeit verrichtet hatten, trennten sie sich auf dieselbe stille düstre Weise.

Canondah trippelte auf ihres Vaters Hütte zu. Sie fand Rosen noch immer schlafend. Ein liebliches Lächeln spielte um den Mund des reizenden Kindes, und ihre zarten Lippen bewegten sich. Die Indianerin bog sich herab auf das entzückende Wesen und konnte nicht widerstehen, einen Kuß auf ihren Mund zu drücken. Rosa öffnete die Augen. »Canondah,« sprach sie, dieselben reibend, »ich hatte einen bösen, bösen Traum. Wir beide standen in einem tiefen, tiefen Tale, der Fremdling auf dem Berge – er kehrte uns den Rücken. Hast du ihn gesehen? Und ist er nicht mehr krank? Und sieht er nicht mehr so bleich aus, und zittert er nicht mehr fieberisch? Und bat er von den Früchten gegessen und von dem Weine getrunken?«

»Rosa«, versetzte die Indianerin mit einem schlauen Lächeln, »hat nicht so viel diese letzten zwanzig Sonnen gefragt. Der Fremde ist unter dem großen gefallenen Baume.«

»Aber wie kam er dahin?«

»Die Schultern Canondahs trugen ihn.«

»Und die Spur, die wir zurückgelassen, und die große Schlange und das gebrochene Rohr«, sprach das liebreizende Kind, in mädchenhafter Verwirrung errötend über die unschuldige Verstellung, mit der sie ihre Freundin zu täuschen suchte.

Die Indianerin, die ein Überschuß von sechs Jahren vor Rosa ohne Zweifel ein wenig mit den Künsten bekannt gemacht hatte, deren eines ihre Freundin soeben auf sie anzuwenden willig schien, brach in ein lautes Gelächter aus. »Seht einmal,« rief sie, »wie die weiße Rosa zu lügen gelernt hat in einer Nacht. Sie spricht zu ihrer Schwester von der Fährte und dem gebrochenen Rohre, um das sie sich gerade so viel kümmert wie der Miko um Glaskorallen, während ihr Herz bei dem Fremdlinge ist. Canondah wird die weiße Rosa dafür züchtigen.«

»Und wundert sich Canondah,« fragte die letztere im sanften Tone, »daß ihrer Schwester Herz bei dem Anblick eines weißen Bruders höher schlägt? Würde Canondahs Herz nicht auch klopfen, wenn sie, unter den Weißen lebend, plötzlich einen Bruder ihres Stammes, ihrer Farbe sähe?«

Die Indianerin starrte sie mit offenen Augen an. »Und sehnt sich meine Schwester zu den Weißen?« fragte sie gespannt.

Des Mädchens Haupt war auf ihr Kissen gesunken, sie weinte. Die Indianerin sprang an sie heran und schloß sie in ihre Arme. »Canondah will ihrer Rosa viele, viele Freude machen; aber sie darf nicht betrübt sein, sie darf nicht zu den Weißen, Canondah könnte nicht ohne sie leben. Aber komm,« fuhr sie fort, indem sie ihr ein Kalikokleid hinhielt, »Rosa muß heute dieses nehmen und die Squaws betrügen helfen.«

Das Mädchen schlüpfte seufzend in das Überröckchen, warf ein Tuch um ihren Busen, trippelte vor die Hütte, vor der ein klarer Quell sprudelte, und kehrte lieblich wie die Morgenröte in das Stübchen zurück, um mit der Freundin ihr Frühstück zu verzehren. Zwei Körbchen mit Trauben gefüllt, Kuchen von indianischem Korn und eine Schale Milch. Rosa schien mit Ungeduld in der Hütte zu verweilen; aber die Indianerin schwieg hartnäckig still, und kaum hatte sie ein paar Bissen gegessen, so schlüpfte sie allein zur Türe hinaus.

Rosa setzte sich seufzend zu einem kleinen Tischchen, auf dem ihr Arbeitszeug lag: ein Stück Seidenzeug, dessen Hiersein wohl Befremden erregen konnte.

Es war ein Stück ausgesuchten Gros de Naples, das bereits zu einem Kleide zugeschnitten war. Drei Stunden mochten verflossen sein, als die Indianerin zurückkehrte; ein zufriedenes Lächeln spielte um ihren Mund.

»Wir haben ein Kanu gebaut, während Rosa schlief,« sprach sie, »und sie muß mitgehen und unsre erste Fahrt sehen.«

Beide Mädchen gingen sofort dem Flusse zu, wo sich die Squaws und Mädchen neuerdings versammelt hatten und bloß auf die Tochter des Häuptlings warteten, um ihre Arbeit zu vollenden. Sobald die beiden Mädchen am Ufer angekommen waren, rissen die Squaws die Pfähle, an welche das bereits fertige Kanu befestigt war, los, und alle Hände waren beschäftigt, die Öffnungen mit Gummi auszufüllen. In einer halben Stunde war dieses getan. Die Alte, die das Ganze geleitet hatte, übersah nun noch einmal die einzelnen Teile, und als sie ihr »Gut« ausgesprochen hatte, winkte Canondah vier Mädchen, die sogleich das leichte Fahrzeug ergriffen und es dem Wasser zutrugen. Sie selbst, mit drei Gespielinnen, hatten sich mit Rudern versehen, und sie sprangen, als der Kahn ins Wasser gesetzt wurde, in denselben.

»Rosa«, rief die Indianerin, »ist ein wenig furchtsam, und muß deshalb zurückbleiben; aber das nächstemal, wenn das Kanu nicht bricht, wird sie mit uns kommen.«

Das Fahrzeug hatte sich inzwischen, einer leichten Feder gleich, in schaukelnde Bewegung gesetzt. Ein einziger Ruderschlag war hinlänglich, es weit in den Strom hinauszutreiben. Die Indianerin ergriff nun mit ihren Gespielinnen die Ruder.

Nichts konnte der Geschicklichkeit und Grazie gleichkommen, mit der die Mädchen ihre Ruder handhabten. Sie saßen im Hinterteile des Kahnes, und, das Ruder ins Wasser senkend und ihre Körper vorwärts biegend, brachten sie es schnell in eine parallele Linie mit ihrer Schulter, wandten die Schneide der Strömung zu und gewannen so die nötige Richtung. Die Art des Ruderns der Eingeborenen in diesen Gegenden unterscheidet sich von dem gemessenen Ruderschlage der Amerikaner und ist der Bewegung der Wasservögel nicht unähnlich. So wie die Ente ihren Fuß mit einem kurzen Stoß vorwärts wirft und dann zurückzwingt, mit ebenso vieler natürlichen Behendigkeit behandelten die Mädchen ihre Ruder. Zuerst fuhren sie eine kurze Strecke stromaufwärts, wandten sich dann und flogen mit Blitzesschnelle abwärts, wandten sich wieder und trieben so eine geraume Zeit ihr Spiel. Die andern Kähne hatten sich mittlerweile gleichfalls mit Mädchen gefüllt, und die sechs Schiffchen schienen nun ernstlich willens, sich in ein Wettrudern einlassen zu wollen. Zuerst stellten sie sich in eine Linie, und als mit lautem Rufe von dem Truppe der Squaws am Ufer das Zeichen gegeben wurde, setzten sie ihre Hände in Bewegung. Es war jedoch bald zu ersehen, daß das neue Kanu die Überhand gewann. Ehe die übrigen den ziemlich großen Bogen, den hier der Fluß bildet, verlassen hatten, war es bereits weit in der Strömung vorangeeilt, die unmittelbar darunter anfängt. Plötzlich wurde ein scharf durchdringender Schrei gehört. Noch einen Augenblick wurde das Kanu von den andern gesehen, und dann verschwand es zwischen dem Rohre. Von allen fünf stieg nun ein gleich durchdringender Schrei aus, der für die Mädchen und Weiber am Ufer das Signal zu einem um so schnellern Wettlaufe wurde, als Ängstlichkeit und Neugierde die spornende Veranlassung waren.

Rosa war sinnend dagestanden. Sie hatte wohl einen Schrei gehört, aber sie wußte nicht, woher er kam. Nun hatte sie sich vom Strudel mit fortreißen lassen und war so viel als möglich geeilt, mit den vordersten gleichen Schritt zu halten. Auch war es ihr eine Zeitlang gelungen, so lange nämlich als die Richtung, die die laufenden Weiber nahmen, nicht ganz deutlich war. Als aber die vordersten die Lichtung bereits überschritten und den bekannten Pfad einschlugen, begann ihr Herz zu pochen. Immer langsamer wurden ihre Schritte, ihre Füße schienen ihr den Dienst zu versagen, und sie mußte einige Zeit innehalten. Daß es dem Fremdlinge galt, dessen war sie gewiß. Aber warum hatte Canondah die Squaws selbst auf die Spur gebracht? Sie keuchte zitternd dem Pfade entlang, wo sie endlich, am Kottonbaume angelangt, Weiber, Mädchen, Jünglinge und Knaben versammelt fand, die Jüngern voll Verwunderung, die Alten mit finstrer Miene den Fremdling anstarrend.

Ein dumpfes Gemurmel, das sich erhob und stärker und stärker wurde, schien eben kein sehr günstiges Vorbedeutungszeichen der Gastfreundschaft der roten Weiber für den Jüngling, der, auf den Baumstamm gelehnt, seine Augen noch immer geschlossen hatte, allem Anschein nach sich dessen unbewußt, was um ihn herum vorging. Der Teppich und das Halstuch waren jedoch verschwunden, und seine Wunde lag den Blicken der Menge offen.

»Seht,« sprach Canondah, die mitten im Kreise der Squaws und Mädchen stand, »der Häuptling der Salzsee hat einen Boten in seinem Kanu gesandt, und die große Wasserschlange hat ihn gebissen.«

Sie warf diese Worte mit einer Zuversicht hin, die allem, was sie sprach und tat, jenes bestimmte Gepräge gab, dem man nicht leicht widersprechen konnte. Mit der nämlichen Offenherzigkeit erzählte sie, daß sie in ihrem Wettrennen bis zur Stelle gekommen, wo der Fremde es versucht hatte, sich dem Ufer zu nähern. Ob jedoch sie selbst ihre Gefährtinnen auf die zurückgelassenen Merkmale seines Versuches aufmerksam gemacht, oder ob die drei Mädchen mit der den Indianern eigenen Scharfsichtigkeit die Entdeckung gemacht, war noch immer zweifelhaft. Diese erzählten jedoch ganz unbefangen die gemachte Entdeckung, wie der Jüngling sich mühsam durch die Palmettofelder gezwungen und erschöpft am Baume niedergesunken sein müsse. Einige der alten Squaws hatten den Bericht schweigend, aber mit einer Miene angehört, die nichts weniger als Überzeugung auszusprechen schien. Sie hatten ihre Blicke auf die Erde gerichtet, und mehrere waren selbst in den Bruch eingedrungen. Canondah, ohne sie der geringsten Aufmerksamkeit zu würdigen, winkte einigen Mädchen eine Handbahre zu bereiten, und ihre Worte hatten sogleich die gewünschte Wirkung. Die alten Squaws, ferneres Nachspüren aufgebend, beeilten sich den Mädchen zuvorzukommen. Sie schnitten zwei Stämme mit ihren langen Taschenmessern ab, legten über diese Palmettostangen und belegten sie mit spanischem Moose. Canondah lächelte freundlich den alten Squaws zu, sie bedeutete ihnen, den Fremdling auf diese Bahre zu legen: ein Wink, der unverzüglich und mit einer Schonung ausgeführt wurde, die dem Leidenden auch nicht die geringsten Schmerzen zu verursachen schien. Ehe sich der Zug in Bewegung setzte, hatte sie Rosa zugeflüstert: »Mein Bruder ist krank und wund, ich empfehle ihn der Sorgfalt seiner Schwester«, und dann verschwand sie mit ihren Gefährtinnen im Palmettofelde, dem Flusse und ihren Kanus zueilend.

Rosa, noch immer halb träumend, näherte sich nun der Bahre, die, von den Trägerinnen gehoben, sich in Bewegung setzte. Der Zug ging schweigend und ohne Gefährde dem Dörfchen zu. Vor einer Hütte, die etwas zurück von den übrigen dem Waldesabhange näher lag und deren herabgelassene, sorgfältig befestigte Büffelhaut ihr Leersein bedeutete, wurde haltgemacht. Canondah stand bereits vor der Türe; auf ihr Geheiß ließen die Trägerinnen ihre Bürde nieder.

»Rosa«, sprach die Indianerin, »muß hier warten, bis Canondah mit den Squaws gesprochen; und abwärts tretend, versammelte sie die Weiber in einen Kreis und eröffnete eine kurze Beratschlagung in Hinsicht des Fremdlings. Man hatte sie schweigend angehört und ihr überlassen, nach Gutbefinden zu handeln. Sie dankte den Squaws mit würdevollem Anstande für ihr Vertrauen und befahl dann zweien der ältesten Weiber die Türe oder vielmehr die Büffelhaut zu öffnen, die in das Innere der Stube führte. Als dieses geschehen war, trugen sie den Verwundeten hinein und legten ihn auf ein dem oben beschriebenen Tillandseadiwan ähnliches Lager. Er zitterte am ganzen Leibe. Ein heftiges Wundfieber hatte ihn ergriffen, zu dem wahrscheinlich in der letzten kühlen und nassen Nacht das kalte hinzugekommen war.

Nach Verlauf einer halben Stunde trat endlich Canondah wieder in die Hütte, begleitet von einer grauen Squaw, die mühsam und mit langsamen Schritten sich dem Lager des Verwundeten näherte. Sie besah ihn einige Augenblicke vom Kopfe bis zu den Füßen, ließ sich dann auf das Moos nieder, hob seine Hände, untersuchte seinen Puls und faßte dann das verwundete Knie, an dem sie die Wunde mit der Aufmerksamkeit eines praktizierenden Arztes untersuchte.

»Morgen wird das Fieber verschwunden sein; aber«, setzte sie hinzu, und ihr hohles, düstres Auge ruhte forschend auf Canondah – »wie ist der Saft der großen Medizin in seine Wunden gekommen?«

»Der Häuptling der Salzsee«, versetzte Canondah bedeutsam.

»Hat seinem Boten doch nicht von seiner Medizin mitgegeben?« Sie besah mit diesen Worten neuerdings die Wunde und schüttelte stärker ihr greises, runzliges Haupt. »Der Balsam ist der des Mikos,« sprach sie bedenklich; »aber es war weder der Miko noch seine Tochter, die ihn in die Wunde gegossen. Es ist die verruchte, ungläubige Hand einer Weißen. Winondah sieht, daß der große Zauber nicht ausgesprochen, und daß die große Medizin zum Gifte geworden.« Ihr Blick fiel durchbohrend auf Rosa.

Canondah hatte betroffen die letzten Worte angehört. »Und warum sollte der Häuptling der Salzsee nicht vom Balsam haben, den der große Geist den Vätern des Miko gegeben? Er ist ein großer Häuptling und vor ihm zittern die Weißen.«

Die Alte schüttelte ihr Haupt. »Der Häuptling der Salzsee ist ein Weißer; der große Geist hat zweierlei Gaben. Den Weißen hat er die geringern gegeben, den auserwählten roten Männern die bessern; die Medizin des Miko«, sprach sie zuversichtlich, »ist die eines sehr großen Häuptlings.«

»Canondah«, sprach das Mädchen, »hat die Spur des Boten des Freundes ihres Volkes gesehen und ist ihr gefolgt. Sie hat den Fremdling gefunden und hat ihn auf den Rat ihrer klugen Schwestern in die leere Hütte ihres Wigwams geführt. Soll er verschmachten, weil eine Medizin in seinen Adern ist, die eine unbekannte Hand hineingoß? Was würde der Miko, was der Häuptling der Salzsee sagen?«

»Canondah hat recht,« sprach die Alte; »sie ist die kluge Tochter des großen Miko und sieht mit hellen Augen.«

»Und ihre Hand«, setzte das Mädchen bedeutsam hinzu, »ist nicht geballt, und ihre Kürbisflaschen mit Feuerwasser sind nicht geschlossen.«

Ein schlaues, beifälliges Lächeln grinste, als sie diese Worte hörte, um den Mund der Alten. Sie nickte mit dem Kopfe und entfernte sich.

Die beiden Mädchen waren allein mit dem Verwundeten in der Hütte geblieben und saßen nun in tiefes Sinnen versunken. Wirklich hatte das rasche Mitleid Rosa zu einer Tat verleitet, die, obwohl sie ihrem Herzen zur Ehre gereichte und einer Weißen ganz natürlich vorkommen mochte, in den Augen einer Indianerin Hochverrat war. Sie hatte, im Drange ihrer Angst um den Verwundeten, Hand an das Heiligtum des Stammes, die mysteriöse Medizin, gelegt, hatte von dem Heiligtume, das selbst der Miko nie ohne religiöse Vorbereitung in die Hand nahm, frevelhafterweise Gebrauch gemacht. Eine solche Entheiligung hatte selbst Canondah in Schrecken versetzt. Die Folgen davon konnten fürchterlich sein.

Es waren peinliche Minuten für die arme Rosa. Dem düstern Schweigen machte die Ankunft der Alten ein Ende, die, eine dampfende Kürbisflasche in ihrer Rechten und einen irdenen Becher in ihrer Linken, sich dem Verwundeten näherte, und ihm, den beide Mädchen aufgerichtet hatten, ein heißes braunes Getränk in den Mund goß. Zweimal füllte sie den Becher und leerte ihn. Dann hüllte sie ihn in die Wolldecken und zog sich zurück, die Wirkung ihrer Medizin zu beobachten. Es dauerte nicht lange, so zeigten sich große Schweißtropfen an seiner Stirne, auf die sie Canondah mit einem schlauen Winke aufmerksam machte. Diese nickte, entfernte sich mit der geleerten Kürbisflasche und kam in wenigen Minuten mit ihr zurück.

»Von den Augen zur Zunge ist es nicht weit«, sprach das Mädchen, der Alten die volle Kürbisflasche entgegenhaltend. »Will meine Mutter den Weg verlängern, so daß die letzte vergißt, was die erstern gesehen?« Die Alte grinste die Sprecherin mit einem zweifelhaften Blicke an.

»Canondah«, fuhr das Mädchen fort, »ist die Tochter des Miko, sie bewacht seinen Wigwam. Kann das Auge Winondahs wissen, was in diesem vorgefallen ist?« Die Alte schwieg noch immer.

»Canondah will selbst mit dem Miko sprechen.«

»Die Augen Winondahs haben gesehen, ihre Nasenlöcher haben gerochen, aber ihre Zunge ist nicht die eines geschwätzigen Mädchens. Sie weiß zu ruhen. Sie liebt die Tochter des Miko sehr.«

»Und Canondah wird die Kürbisflasche noch zweimal füllen«, schloß das Mädchen. Ein freudiges Grinsen bezeugt? die Zufriedenheit der Alten, die sofort die Stube verließ.

Die Unterhaltung hatte auf dem Gesichte der Indianerin einen Ausdruck von Ernst zurückgelassen, der sich durch ein tiefes, beinahe finsteres Schweigen beurkundete. Nach einer langen Weile ergriff sie die Hand ihrer Freundin, und beide verließen nun die Hütte, um nach der ihres Vaters zu gehen.

»Rosa!« sprach die erstere, als sie auf der Moosbank in ihrem Stübchen wieder Platz genommen hatten, »Canondah, hat die Augen der Squaws geblendet, um ihrer Schwester ein Freudelächeln abzugewinnen. Sie hat den Feind ihres Volkes und des Häuptlings der Salzsee in das Wigwam ihres Vaters aufgenommen, den Späher.«

»O meine Canondah,« rief Rosa, »sieh doch, wie das Auge meines Bruders offen ist. Ist sein Auge treu, kann seine Zunge wohl falsch sein? Sieht er einem Feinde unsers Volkes wohl ähnlich?«

»Meine Schwester ist sehr jung, und sie kennt nur sehr wenig unsre Feinde, die Yankees. Sie senden ihre jungen Männer in die Wigwams der roten Männer, um ihre Herden, ihr Korn, ihre Büffelfelle zu zählen, und wenn sie wieder zu den Ihrigen kommen, dann zeigen sie ihnen die Pfade, die zu der Roten Dörfer führen, und dann kommen sie und nehmen unser Vieh und Korn und lachen der roten Männer.«

»Und denkt meine Schwester,« erwiderte Rosa schüchtern, »daß der Fremdling einer dieser Spione ist?« Die Indianerin schüttelte ihr Haupt bedenklich. »Hat er nicht die Augen und Haare eines Yankee? – Sieh, Schwester!« fuhr sie nach einer Weile fort, »Canondah hat ihre Hand in Freundschaft dem Fremden entgegengestreckt, als sie sah, daß das Herz der weißen Rosa sich nach ihm sehnte, aber die Tochter des Miko hat nicht gehandelt, wie sie sollte. Sie hat die Nacht zwischen den Miko und den Fremdling gestellt, und nun nimmt sie ihn in ihres Vaters Wigwam, nachdem dieser den Rücken gekehrt?«

»Aber er würde im Walde gestorben sein«, versetzte die andere. »Sieh, wie der Fieberfrost seine Glieder schüttelt. Die Morgen- und Nachtluft ist sehr kühl und der Nebel sehr feucht.«

»Und der Miko?« versetzte die Indianerin gespannt.

»Wird seine Faust nicht gegen einen Bruder ballen, dem seine Tochter ihre Hand entgegenstreckt.«

»Wenn aber seine Tochter eine Törin gewesen, und ihre Hand einem Feinde ihres Volkes gereicht, wird das Auge des Miko nicht finster auf seine Tochter fallen?«

»Und muß er von dem Fremdlinge wissen?« lispelte Rosa stammelnd, als fürchtete sie das Wort auszusprechen.

Ein flüchtiges Hohnlächeln flog über die Lippen und verzog für einen Augenblick das edle Gesicht der Indianerin. »Der Miko der Oconees«, sprach sie mit einer leichten Anwandlung von Stolz, »riecht den Atem eines weißen Mannes zehn Tage, nachdem er ihn ausgeatmet, und erkennt die Spuren seiner Fußstapfen zwanzig Tage, nachdem sie dem Grase eingedrückt sind. Canondah mag die Squaws täuschen, aber nicht den Miko. Und hat Rosa«, fuhr sie fort, ihren Blick auf die Freundin richtend, »hat die weiße Rosa nicht gesehen und gehört, was der alten Winondah Zunge und Augen sprachen? Sie sollte nicht dort ihre Hände gehabt haben, wo das Heiligtum des Miko verwahrt ist«, sprach sie mit ernstem Tadel. »Die Zunge Winondahs ist besänftigt, aber die der Squaws gleichen den Eichhörnchen, die in ewig törichter Bewegung umherspielen. Und wenn sie ihren Männern sagen, was ihre Augen gesehen, werden die Krieger nicht ins Ohr des Miko wispern? Und soll die Tochter Tokeahs vor ihrem Vater als eine Lügnerin dastehen? Nein, nimmer!« sprach sie entschlossen. »Canondah liebt die weiße Rosa sehr, aber ihren Vater muß sie nicht betrügen. Ist der junge Mann ein Späher, abgesandt von Yankees, so wird ihr Vater es gewahr werden.«

»Und mein Bruder?« unterbrach sie Rosa mit zitternder Stimme. »Wird zu sterben wissen«, beschloß die Indianerin fest und bestimmt. »Aber der Fremdling wird hungrig sein, und Canondah muß für ihn sorgen.« Mit diesen Worten erhob sie sich von ihrem Sitze und eilte aus der Hütte.

Canondah war eine Indianerin im vollen und edelsten Sinne des Wortes. Sie lebte und webte in ihrem Vater und ihrem Volke; aber zugleich hatten ihre angebornen sanftern Gefühle durch den Verkehr mit den Weißen eine bestimmte Richtung erhalten, und ihre indianische Natur trat gewissermaßen verschönert hervor und ganz mit jener Geistesstärke, die wir an ihr bereits zu bemerken Gelegenheit gefunden, und die allem ihrem Tun und Lassen das Gepräge einer seltenen Verstandsschärfe gab. Rosa im Gegenteile war noch mehr Kind, eine schöne, dem Anschein nach passive Seele, die sich ohne Murren der Leitung ihrer altem Freundin überließ, gewiß nicht aus Geistesschwäche oder Indolenz, sondern vielmehr angetrieben von jenem lieblichen Zartsinn, der andern das schmeichelhafte Gefühl von Überlegenheit so gerne gönnt. Die Überlegenheit Canondahs, weit entfernt, sie zu verwunden, erfüllte sie mit Wonne; es war ein Tribut der Dankbarkeit, den sie der Indianerin wahrscheinlich auf diese Weise zollte. Und vielleicht hatte eben diese zarte und in ihrer Lage notwendige Ergebung, mit der sie sich in die bestimmt ausgesprochene Leitung der Tochter des Miko fügte, mehr als selbst ihre ausgezeichnete Schönheit beigetragen, daß sie nicht bloß das Entzücken der Tochter, sondern auch die Freude des kalten Vaters geworden war.

Der Mond stand bereits hoch, als eine leichte Bewegung des Verwundeten anzeigte, daß er erwacht sei; zu seinem Haupte saßen die beiden Mädchen und die Alte. Ein brennender Zederspan verbreitete ein zitterndes Helldunkel über das Stübchen. Die letztere hatte kaum die Bewegung am Kranken wahrgenommen, als sie auf diesen zueilte, und, sein Haupt erfassend, ihm in die Augen starrte. Dann fühlte sie seinen Puls, und den Schweiß von seiner Stirne wischend, beobachtete sie sorgfältig die etwas hellere Farbe seines Gesichtes.

»Das Fieber ist gewichen, die Wunde weiß Canondah zu heilen«, und mit diesen Worten verließ sie die Stube. Auf den jungen Mann, der nun zum ersten Male seit sechsunddreißig Stunden wieder die Augen aufschlug, schien das triumphierende Grinsen der verdorrten, düstern Alten nicht den günstigsten Eindruck hervorzubringen. Canondah jedoch, als hätte sie dies vermutet, trat schnell an ihre Stelle und rückte einen Stuhl an sein Lager, auf dem einige Erfrischungen standen. Eine junge wilde Ente, auf indianische Weise unter dem Rasen geröstet, mit frischem Welschkornkuchen. Rosa hatte einen Becher mit Wein gefüllt, den ihm die Indianerin gleichfalls reichte, nachdem sie sich auf ihre Knie niedergekauert und ihn dann in eine sitzende Stellung gebracht hatte. Seine Lippen verzogen sich krampfartig beim ersten Versuche, und er stieß den Becher beinahe mit Gewalt zurück; aber es währte nicht lange, so überzog eine leichte Röte sein Gesicht, und seine Hand griff wieder nach dem Becher. Hierauf nahm er ein Stück von der Ente und dem Kuchen.

Die Indianerin verwandte kein Auge von ihm, ihr Blick folgte jedem Bissen, den er zum Munde führte. Beinahe schien es, als ob das Mädchen etwas Näheres vom Charakter des jungen Mannes aus dieser tierischen Verrichtung ersehen wollte; sie winkte von Zeit zu Zeit Rosen, die in der Ecke des Stübchens stand, und gleichfalls ihre Augen auf den Essenden gerichtet hatte. Es schien, als ob die beiden Mädchen mit Vergnügen ihm zusähen. Wirklich aß der junge Mann mit so viel Anstand und Ungezwungenheit, die wahrscheinlich von der rohen Gier ihrer Stammesgenossen, den einzigen Vorbildern, die sie vor sich hatten, zu sehr abstechen mochte, um sie nicht etwas Höheres in ihrem Gaste vermuten zu lassen. Obwohl wir in den beiden Mädchen keineswegs eine feinere Bildung voraussetzen können, so ist doch in der weiblichen Natur jener sichere Takt, der, wenn nicht verdorben oder irregeleitet, nur selten trügt. Es schien, als ob die Mädchen einen tiefem Blick in die Seele ihres Gastes getan hätten. Rosas Herz schlug sichtbar leichter, und selbst Canondah fing an, ihn mit einem ruhigern, vertrauensvollern Auge zu betrachten.

Als er sein Mahl geendigt hatte, legte sie ihn wieder auf sein Lager zurück; dann öffnete sie den Verband, den sie um seine Wunden geschlagen. Ihre Finger berührten kaum die tiefe Fleischwunde, und mit so vieler Geschicklichkeit und Schonung verrichtete sie ihre Aufgabe, daß ihr Patient unter ihren Händen wieder entschlief.

»Der Balsam wird die Wunde in acht Sonnen heilen«, sprach sie mit Zuversicht, blies dann das Fackellicht aus und warf ihren Arm um Rosa. Die beiden Mädchen eilten ihrer Hütte zu.

Sechstes Kapitel

Die außerordentliche Geschicklichkeit der Indianer, Wunden und Fieber zu heilen, denen sie schon wegen ihres ewigen Kriegs- und Waldlebens häufig ausgesetzt sind, offenbarte sich auf eine erstaunenswürdige Weise an dem Jünglinge, den sein glückliches oder unglückliches Gestirn zu einem dieser Völkchen geführt hatte. Das Wund- und kalte Fieber war bereits nach sechsunddreißig Stunden verschwunden, und es waren noch nicht acht Tage seit seinem Hiersein verflossen, als auch die Wunde bereits zu heilen anfing. Seine leichenartig gelbe Gesichtsfarbe hatte sich in ein frisches Rot verwandelt, das eine leichte Blässe angenehm hervorhob, seine matt und kraftlos eingefallenen Augen waren munter geworden und schienen eher zum Lachen als zur Traurigkeit aufgelegt zu sein. Ein Zug um den Mund verriet eine fröhliche, harmlose Natur, und voll aufblühende Backen einen kräftig lebendigen Frohsinn. Er hätte bereits versucht, aus der Hütte zu treten und sich im Freien umzusehen, wäre ihm dies nicht von seiner Wärterin mit der Drohung untersagt worden, daß das Fieber wieder kommen werde, wenn er sich der feuchten Luft aussetze. So hütete er noch immer sein Stübchen. Dieses war von mäßiger Ausdehnung und zeigte dem Auge die kunstlos zusammengefügten Stämme des Kottonbaumes, mit Tillandsea und Gummi ausgestopft, und mit keiner andern Verzierung als einem Tomahawk und Schlachtmesser, die an der Wand hingen. Eine etwa anderthalb Fuß hohe Bank, mit Tillandsea bedeckt, lief an den Wänden der Stube hin und diente ihm zum Sitz und Lager. Ein ebenso einfacher Tisch war mit Palmblättern und Früchten besetzt, die mit einer zarten Rücksicht für seinen Genesungszustand gesammelt schienen: Weintrauben und in Zucker eingelegte wilde Pflaumen und Bananen. Während sein Auge auf diesen Gaben ruhte, trat Canondah ein, in ihren Händen einen Teller mit frisch gebratenen Wachteln haltend. Sie setzte das Gericht auf den Tisch und eilte dann zur Türe zurück, um die Büffelhaut herabzulassen, so daß die Strahlen der Morgensonne, die durch die Öffnungen einfielen, die Gegenstände im dunkeln Stübchen mehr erraten als sehen ließen.

»Guten Morgen!« sprach der junge Mann, der mit Verwunderung der Indianerin einen Augenblick zugesehen hatte. Die Begrüßung wurde mit Stillschweigen aufgenommen. Die Indianerin deutete auf die Wachteln und ließ sich dann auf dem entgegenstehenden Sitze nieder, auf dem sie ruhig abwarten zu wollen schien, bis der junge Mann gegessen haben würde.

»Mein junger Bruder,« hob sie endlich an, als sie gewahrte, daß dieser keine Miene machte, das Mahl zu versuchen, »ist im Kanu des großen Häuptlings der Salzsee angekommen. Hat er in seinem Wigwam gelebt und die Pfeife des Friedens mit ihm geraucht?« Sie sprach diese Worte in ziemlich geläufigem Englisch, obwohl in dem tiefen und stark hervorstoßenden Kehltone ihrer Nation.

»Kanu! Wigwam! Pfeife des Friedens!« wiederholte der junge Mann, der, wie es schien, keine Silbe von dem Ganzen verstand. »Ja, in einem Kanu bin ich gewesen,« fuhr er halbfröhlich fort, »und das mag der Henker holen! Ich will mein ganzes Leben daran denken. Brr!« murmelte er, »das war kein Spaß, wenn man seine acht Tage, oder Gott weiß wie lange, auf der Salzwelle herumtanzt und an seinen Schuhsohlen Mittagsmahl halten muß. Hole der Teufel unsere Schildkrötenjagd und Austernliebhaberei. Will in meinem Leben auf keine mehr gehen. Sag' mir nur einmal, liebes Mädchen, wo ich eigentlich bin. Die letzten zwei Tage erinnere ich mich zwischen Sümpfen und Morästen gewesen zu sein, in denen nichts Eßbareres zu sehen war, als Alligatoren und wilde Gänse, die leider Flügel hatten. Wo ich aber gegenwärtig zu sein die Ehre habe, weiß ich wahrlich nicht.«

Die Indianerin stutzte ein wenig über den fröhlich-humoristischen Wortschwall, der ihm entfahren, und sie schien eine Weile das Gesagte in ihrem Gedächtnisse zu ordnen. Endlich mochte sie damit zu Ende gekommen sein; ihre Miene jedoch, weit entfernt, im nämlichen Tone zu erwidern, drückte eher Mißfallen aus.

»Mein Bruder hat nicht auf die Frage seiner Schwester geantwortet. – Hat er bei dem Häuptling der Salzsee gelebt und die Pfeife des Friedens mit ihm geraucht?«

»Das habe ich«, erwiderte er, der sie nun zu begreifen wähnte. »Ich habe bei dem Häuptling der Salzsee gelebt, wenn du, was natürlich, darunter unsere Nation verstehst; aber was das Rauchen aus der Pfeife betrifft, das habe ich nicht getan. Wir rauchen nie aus Pfeifen, das ist nicht Mode bei uns; bloß die Franzosen und Neger tun es. Schmutzige Tiere!« fügte er hinzu.

»Mein Bruder«, versetzte die Indianerin ebenso gelassen, »hat eine gekrümmte Zunge, und er will seine Schwester zum Narren machen. Canondah ist die Tochter des Miko«, sprach sie mit Würde.

»Canondah, Tochter des Miko«; wiederholte der junge Mann. »Englische Worte, aber wenn ich sogleich mit der Kanonenbraut kopuliert werden sollte, ich weiß wahrlich keine Antwort zu geben.«

»Wie ist mein Bruder zum Kanu gekommen, in welchem ihn seine Schwester gefunden hat?«

»Wie kann ein ehrlicher englischer Midshipman, der während seines Austernsuchens von einem französischen Hunde von Seeräuber überfallen und gefangen in seine Räuberhöhle geschleppt wird, zu einem Boote kommen? Ich nahm es während der Nachtzeit und machte mich aus dem Staube. Wollte Gott, Tom und Bill hätten mitgekonnt; aber der Spitzbube hat uns einzeln eingesperrt.«

Der junge Mann, in fröhlicher, munterer Laune, schien die rhapsodische Skizze mehr zu seiner eigenen Unterhaltung, als der Aufklärung der Indianerin zu geben.

»Mein Bruder«, sprach wieder die Indianerin, die aufmerksam zugehört hatte, »hat also das Kanu dem Häuptling der Salzsee genommen und ist in der Nachtzeit aus seinem Wigwam gewichen?«

»Das Kanu gehört einem Hunde von Piraten; – den wirst du doch unter dem Häuptling der Salzsee nicht meinen?« fragte der Brite etwas aufmerksamer.

Die Indianerin schüttelte den Kopf und maß ihn mit einem Blicke, der den Humor des jungen Seemannes ein wenig herabstimmte.

»Mein Bruder ist sehr jung«, sprach sie, »um auf den Kriegspfad des großen Häuptlings der Salzsee zu gehen. Er sollte zuvor lernen, den Hirsch und den Büffel zu jagen und die große Wasserschlange zu töten, ehe er in den Krieg zieht; oder die Töchter seines Volkes werden über der Leiche meines gefallenen Bruders weinen.«

Sie sprach diese Worte mit einem Ausdrucke, der Mitleiden und Hohn ziemlich deutlich zu verstehen gab, und schien auf eine Antwort zu warten.

»Aber du wirst doch nicht glauben, daß ein englischer Offizier oder vielmehr Quasioffizier, verflucht unsere Offizierschaft, mit einem Piraten Krieg führen wird? – Solche Hunde fängt man und knüpft sie auf.« Die Indianerin maß ihn mit einem verächtlichen Blicke.

»Sieh!« erwiderte sie kalt und verächtlich, »wenn die roten Männer auf den Kriegspfad gegen ihre Feinde ziehen, so schlagen sie die Krieger und Häuptlinge ihrer Feinde entweder auf dem Schlachtfelde tot, oder sie führen sie gefangen heim, um sie ihren jungen Männern zu zeigen, daß diese ebenso brav werden mögen, wie sie. Aber dann bewachen sie dieselben, daß sie nicht entfliehen können. Mein junger Bruder jedoch ist keiner ihrer Häuptlinge oder Krieger. Seine Hände sind klein wie die eines Mädchens und haben nie einen Tomahawk gehoben. Der große Häuptling hat ihn gefangen mit andern Knaben und Mädchen seines Volkes und ihn in sein Wigwam gesandt. Der Häuptling der Salzsee ist groß, und er tötet Männer, aber er bekümmert sich nicht um Weiber und Kinder. Mein junger Bruder hat eine starke Zunge, aber sein Arm ist schwach.«

»Beinahe sollte ich glauben, daß du von dem Häuptling der Salzsee, wie du den Seeräuber nennst, mehr weißt, als mir und dir gut sein dürfte«, erwiderte der junge Mann, der nun gespannt zu werden schien. »Der Häuptling der Salzsee ist ein großer Krieger, und seine Name ist weit bekannt«; sprach das Mädchen trocken.

»Und wie weit ist es von hier zu seinem Wigwam?« fragte er, den Ausdruck gebrauchend, der von der Indianerin am leichtesten verstanden werden konnte.

»Mein Bruder«, erwiderte die Indianerin spöttisch, »ist ja von seinem Wigwam in seinem Kanu angekommen. Wenn die roten Männer ihre Späher und Spione aussenden, dann wählen sie solche, die wissen, wie lang der Pfad ist, der zum Feinde führt. Tun es die Weißen anders? Canondah ist ein schwaches Mädchen, aber sie ist die Tochter des Miko.« Sie hatte die letzten Worte mit einer Würde und Bestimmtheit ausgesprochen, die zugleich zu sagen schienen, daß seine bisherige Vertraulichkeit nicht am rechten Orte angewandt sei.

»Aber du wirst doch nicht glauben, daß ich ein Spion bin, der ausgegangen, um den Freibeuter auszuspähen?«

»Mein weißer Bruder spricht mit der Zunge unserer Feinde, oder spricht er mit einer doppelten Zunge?«

»Wirklich,« sprach der Jüngling, »ich weiß nicht, träume oder wache ich mit dir, liebes Mädchen. Vielleicht bist du es, der ich mein Leben schulde. Wenn dem so, dann nimm meinen aufrichtigen innigen Dank. Ich bitte um Vergebung, wenn meine Ausdrücke, die du mißzuverstehen scheinst, dich beleidigen. Sage mir nur, wo ich bin. Ich erinnere mich dunkel eines kupferfarbigen, artigen Mädchens, die zu meinem Beistande kam, als ich soeben vom Alligator gepackt wurde, auf den ich, ihn für einen Baumstamm ansehend, meinen Fuß setzte; und dann schwimmt vor meiner trüben Phantasie eine liebliche Göttergestalt, mehr Kind als Mädchen, die gleich einem Engel nur im Traume mir erschien. Wo ist das Mädchen? Sie ist eine Weiße, sie wird mich, ich sie eher verstehen. Aber die Wahrheit zu sagen – obwohl ich die Verhältnisse nicht kenne, in denen du zum Seeräuber stehen magst – ich habe Ursache, gegen ihn aufgebracht zu sein. Wir waren von unserer Station in Jamaika abgegangen, um die Mündungen des Mississippi zu sondieren. Ich mit einigen meiner Kameraden hatte von unserem alten Brummbär, ich meine unsern Kapitän, Erlaubnis erhalten, nach Schildkröten und Austern zu jagen. Wir hatten uns ziemlich weit von der Fregatte entfernt und waren in eine tiefe Bucht eingelaufen, wo wir treffliche Austernbänke fanden. Als wir am besten mit unseren Rechen beschäftigt waren, sahen wir plötzlich eine bewaffnete Jacht vor uns. Was zu tun? Unsere Kutlasse und Pistolen hatten wir natürlich zurückgelassen, und so mußten wir uns samt und sonders ergeben, wurden dann fortgeschifft und gelangten in der Nacht in eine Art Blockhaus, wo wir dann abgesondert und eingesperrt wurden, und woher ich nun stehenden Fußes komme.« Die Indianerin hatte natürlich von der Erklärung des jungen Briten nur die Hälfte begriffen, und sie schüttelte noch immer den Kopf.

»Mein Bruder spricht mit einer sehr gekrümmten Zunge. Will er sagen, daß er und die Seinigen nicht auf dem Kriegspfad gegen den Häuptling der Salzsee gewesen? Der Häuptling stiehlt nicht junge Männer. Warum sollte er ihn gefangen haben?«

»Wahrscheinlich weil er befürchtete, und zwar mit Recht, daß, wenn wir seinen Schlupfwinkel ausfindig machen, wir ihm auch das Nest zusammenschießen und ihn auf den Trümmern aufhängen.«

»Hab' ich nicht gesagt, daß mein weißer Bruder mit einer Doppelzunge spricht«, fuhr die Indianerin heraus. »Meines Bruders Volk ist auf dem Kriegspfad mit dem Häuptling begriffen, und er hat ihn mit den Seinigen in den Hinterhalt gelockt. Ist es nicht so?«

»Mein liebes Mädchen«, erwiderte der Brite, der müde zu werden schien, sich nicht verstanden zu sehen. »Wir sind nicht mit den Piraten im Kriege, obwohl wir ihn, wenn er in unsere Hände gerät, als solchen aufknüpfen, und das zwar in Ketten; aber wir haben diese Ehre des Krieges unserem widerspenstigen Bruder Jonathan angetan, den Yankees. Mit diesem sind wir im Kriege, das heißt nicht eben im Kriege, aber wir haben einige Schiffe und Truppenkorps abgesandt, sie zu züchtigen.«

»Meines Bruders Volk ist nicht auf dem Kriegspfade gegen den Häuptling der Salzsee begriffen, und doch würde ihn sein Volk beim Halse aufhängen. Meines Bruders Volk verdient wie die Hunde totgeschlagen zu werden.« Des Briten Miene zuckte unwillkürlich. »Mein Bruder sprach von den Yankees«, fuhr das Mädchen fort. »Hat er nicht gesagt, daß sein Volk, mit ihnen im Kriege begriffen, sie züchtigen will? Mein Bruder ist doch ein Yankee, seine Zunge ist die eines Yankee?«

»Ich habe die Ehre ein Engländer zu sein«, erwiderte der junge Mann mit jenem selbstgefälligen Schmunzeln eines verwöhnten Kindes, das seine Lippen wie die Schnauze eines gewissen Tieres streckte und zusammenzog und ihm jenen albernen Ausdruck gab, den wir so oft an unsern Verwandten zu belächeln Gelegenheit gefunden haben, wenn ihre Eigenliebe sich auf recht komfortable Weise gekitzelt fühlt.

»Ein Engländer«, wiederholte das Mädchen sinnend. »Der Häuptling unserer Schule hat uns vieles von einem Volke gesagt, das auf einer Insel weit gegen die aufgehende Sonne wohnt. Sie haben einen Häuptling, der ein alter, unschuldiger Mann ist«; bei diesen Worten deutete sie auf die Stirne. »Die Köpfe der Männer sind voll Nebel, und sie sind vielfräßig und hungrig immer. Sie haben ehemals Häuptlinge in das Land der Yankees gesandt, bis diese sie vertrieben haben. Gehört mein Bruder zu diesem Volke?«

Der Brite, der hier einen Katechismus hörte, wie ihn häufig westliche Schulmeister ihren Zöglingen auf eine seinen Landsleuten eben nicht sehr schmeichelhafte Weise einprägen, antwortete mit einem verlegenen Gesichte: »Ich bin allerdings aus einer Insel, und unser Häuptling, wie du unsern König taufst, hat wirklich so eine Art Spleen gehabt, und unser Oberhaus für Pfauen angesehen; aber ich habe nicht die Ehre«, fuhr er lachend fort, »meine Landsleute in der Beschreibung zu erkennen.«

»Meines Bruders Zunge hat sich wieder gekrümmt«, fuhr das Mädchen spöttisch fort. »Gehört er zu dem Volk, das viele Schiffe hat, und gegen welches der große weiße Vater den Tomahawk erhoben?«

»Ich denke, ich gehöre ihm an«, erwiderte der junge Mann ein wenig verdrießlich.

»Und sein Volk«, sprach sie mit einem mitleidsvollen Lächeln, »will die Yankees züchtigen?«

»Ja, das wollen wir«, fuhr der Brite mutig heraus.

»Arme Narren!« erwiderte die Indianerin. »Meines Bruders Volk wird sich derbe Schläge holen. Haben die Yankees ihm sein Land weggenommen?« fragte sie weiter.

»Der Teufel sollte sie holen, wenn sie sich so etwas in den Sinn kommen lassen wollten. Sie haben sich aber angemaßt, uns die Herrschaft der Salzsee, um indianisch zu sprechen, streitig machen zu wollen, und im Grunde auch das nicht; die Wichte haben sich nur geweigert, ihre elenden Schiffe von uns visitieren zu lassen, wozu sich doch alle übrigen, Franzosen und Russen, verstehen müssen. Dann wollen sie uns auch wehren, ihre Seeleute allenfalls der Ehre des britischen Rechtes auf den neunten Mann zu würdigen.«

Der Brite hatte in guter, gedrängt seemännischer Sprache und ziemlich genau die Ursachen des zweiten Krieges der Vereinigten Staaten mit England angegeben. Das Recht oder vielmehr die Anmaßung der Briten, amerikanische Schiffe zu visitieren, und die größere Anmaßung, solche Seeleute, die ihnen annehmlich schienen, von den amerikanischen Schiffen zu nehmen, hatte wirklich die amerikanische Nation veranlaßt, den Fehdehandschuh dem übermütigen England hinzuwerfen.

Die Indianerin hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem jungen Briten zugehört, und obgleich sie vermutlich das Ganze seiner Rede nicht begriff, so ließ sie ihr durchdringender Verstand ziemlich den Sinn erraten.

»Weil also die Yankees mit ihren großen Kanus auf der Salzsee fahren wollten, hat das Volk meines Bruders den Tomahawk gegen sie gehoben?« fragte sie.

»Ja, so etwas dergleichen!« war die Antwort.

»Und werden sie den Tomahawk auf der Salzsee, in den Wäldern oder in ihren Wigwams erheben?«

»Das ist eben die Frage. Wir waren abgesandt, die Mündungen des Mississippi zu sondieren, das heißt, ihre Tiefe zu untersuchen, ob sie nämlich größere Schiffe zulassen. Das Resultat war ziemlich genügend. Nur ist eine verwünschte Sandbank, die, gerade vor der Mündung hingepflanzt, uns den Eingang verwehren wird. Wäre das nicht, so gingen wir gerade nach New Orleans hinauf und schössen ihnen das Nest, wie ihr Washington, über den Köpfen zusammen; das heißt, wenn sie sich nicht gutwillig ergäben.«

»Meines Bruders Volk wird also seine großen Kanus verlassen, um die Tomahawk im Lande der Yankees zu erheben und es einzunehmen?« »Ja«, versicherte der Brite.

»Und mein Bruder, während er mit seinem Volke den großen Fluß hinauf ging, ist vom Häuptling der Salzsee gefangengenommen worden?«

»Wenn du mit dieser ehrenvollen Benennung den Piraten bezeichnest, ja.«

»Und was möchte nun mein Bruder weiter tun?«

»Sobald als möglich wieder zu den Meinigen zurückkehren; sonst sind sie imstande und streichen mich aus der Midshipmansliste, und ich bin nahe am Avancement. Ich kann nicht weit vom Mississippi sein. Unsre Armee muß um diese Zeit gelandet sein.«

»Und wenn mein Bruder den Yankees in die Hände fällt?«

»Ich werde mich hüten.«

»Die Yankees haben alles Land inne, das zwischen dem großen Strome und der zweiten großen Salzsee liegt. Ihre Augen sind die des Adlers. Mein Bruder kann nicht durch ihre Niederlassungen. Seine Fußstapfen werden ihn verraten. Sie werden meinen Bruder ergreifen und ihn töten.«

»Einen Mann ohne Waffen? Sie sind nicht zu gut dazu, aber doch traue ich ihnen diese Schlechtigkeit nicht zu; es ist britisches Blut in ihnen.«

»Sie werden meinen Bruder als Späher fangen und ihn beim Halse an einen Baum hängen.«

Die letzten Worte schienen auf den jungen Mann einigen Eindruck zu machen. Nach einer kurzen Pause erwiderte er: »Sie können, dürfen nicht. Auf alle Fälle muß ich es versuchen.«

»Mein Bruder«, brach die Indianerin plötzlich aus, »hat seine Zunge viel gekrümmt, um der Tochter des Miko große Lügen aufzubinden. Glaubt mein Bruder, die Tochter des Miko sei eine Närrin? Er sagt, sein Volk ist nicht mit dem Häuptling der Salzsee auf dem Kriegspfade, und doch würde es ihn an den Baum beim Halse aufhängen. Und wieder sagt er, sein Volk ist mit den Yankees im Kriege, und er will durch ihr Land und ihre Wigwams. – Mein Bruder«, sprach sie im bestimmten, beinahe drohenden Tone, »hat sich in das Wigwam des Häuptlings der Salzsee gestohlen und ist von da in das des Miko gekommen, um den Pfad seinem Volke, den Yankees, zu zeigen. Mein Bruder ist ein Späher der Yankees.« – Sie begleitete ihre letzten Worte mit einem Blicke, der dem jungen Manne eben nicht sehr schmeichelhaft war, und stand im Begriffe, das Stübchen zu verlassen.

Der Brite hatte ihr mit einer Spannung zugehört, die seinen jugendlichen, seemännisch launigen Zügen einen Ausdruck von Bitterkeit gab. Bei den letzten Worten schien er besonders beleidigt zu sein, und bittrer Hohn spielte um seinen Mund. Er versuchte zu antworten, stockte aber und brachte bloß ein »Aber ich muß dir sagen –« heraus. Die Indianerin machte ihm trocken ein Zeichen, zu schweigen.

»Mein Bruder ist noch krank und wund. Er hat bereits zu viel gesprochen. Er muß essen, um gesund zu werden. Der Miko ist groß und weise; er wird sehen.« Mit diesen Worten trat sie aus her Türe, vor der sie Rosa fand. Beide Mädchen wandelten Arm in Arm durch die Hecken und Pflanzungen ihrem Häuschen zu, ohne ein Wort zu sprechen. Die Indianerin war augenscheinlich in tiefes Nachdenken versunken. Plötzlich stand sie stille.

»Mein junger Bruder ist sehr jung, und seine Zunge faselt wie die eines albernen Mädchens; aber unter dieser Narrheit ist die Schlange verborgen.« Sie sah, während sie sprach, Rosen an, als ob sie von ihr Bestätigung des Gesagten erwartete. Diese schwieg.

»Seine Augen«, fuhr die Indianerin fort, »sind die der Taube, aber seine Zunge ist die der Rasselschlange.« Dasselbe Stillschweigen. »Haben die Ohren der weißen Rosa die vielen Lügen aufgefangen, die ihr weißer Bruder gesagt hat?«

»Sie hat die Worte ihres weißen Bruders gehört«, erwiderte diese; »aber sie hat nicht in sein Herz geblickt. Wie kann meine Canondah sagen, daß unser weißer Bruder Lügen gesagt hat?«

»Die weiße Rosa ist gut, sehr gut, Canondah liebt sie mehr als ihr Leben, und sie ist ihres Vaters Freude; aber sie sieht nicht mit den Augen Canondahs, noch des Mikos.« Ein tiefer Seufzer entquoll dem Busen Rosas. »Sie ist unglücklich, wie ihr weißer Bruder«; lispelte sie vor sich hin.

»Rosa ist die Taube, mein weißer Bruder ist die Schlange. Er ist ein Späher«; sprach die Indianerin mit Unwillen. Rosa schüttelte ihr Köpfchen. »Wer hat Canondah dies gesagt?«

»Rosas Augen«, erwiderte die Indianerin, »haben nur auf die weiße Haut und die zarten Hände meines Bruders gesehen, aber die Tochter des Miko hat seine Lügen gehört. Ist er nicht im Kanu des Häuptlings der Salzsee heraufgekommen? Hat seine Zunge nicht gesagt, daß er in seinem Wigwam gewesen, ohne die Pfeife des Friedens mit ihm geraucht zu haben? Ist nicht sein Volk auf dem Kriegspfade gegen den Häuptling? Sagte er nicht selbst, daß es den Häuptling an einen Baum hängen wollte, wenn es ihn hätte? und doch sagt die weiße Schlange, daß es nicht den Tomahawk aufgehoben. Wie kann er anders in das Wigwam des Häuptlings gelangt sein, denn als ein Späher? Und spricht er nicht mit der Zunge eines Yankee, und doch sagt dieselbe Doppelzunge, daß sein Volk auf dem Kriegspfade gegen die Yankees begriffen? Und mit der nämlichen Zunge widerspricht er und sagt, daß die Yankees ihn nicht töten würden, und deshalb«, schloß sie höhnisch, »will er durch ihre Wigwams. Glaubt er, Canondah sei eine Törin?«

Die Erzählung des Briten hatte allerdings etwas an sich, das dem ungekünstelten, mit den Grundsätzen des Völkerrechts gänzlich unbekannten Naturkinde ziemlich unwahrscheinlich vorkommen mußte. Sie dachte sich die Verhältnisse großer Nationen im winzigen Maßstabe ihres eigenen Völkchens, oder höchstens des Stammes der Creeks, und schloß ebenso natürlich den Häuptling der Salzsee oder, besser zu sagen, den Seeräuber in diese Parallele mit ein. So mußte sie notwendig die Sprache des jungen Mannes sonderbar finden, der in seiner seemännischen Offenheit ganz unumwunden zu verstehen gab, daß der Pirate aufgeknüpft werden würde, während er zur selben Zeit die Zumutung, daß seine Nation im Kriege mit ihm stehe, mit Verachtung von sich wies. Ebensowenig war seine Erklärung in bezug auf die Amerikaner für die Indianerin befriedigend. Daß seine Nation im Kriege gegen die Yankees begriffen sei, war an sich schon der gegen Weiße mißtrauischen Tochter des Mikos auffallend, die bemerkte, daß er die nämliche Sprache mit diesen rede; aber daß er ungeachtet des obwaltenden Krieges noch eine Art Großmut von seinen Feinden erwarte, und, von ihnen aufgefangen, nicht getötet zu werden fürchte, ging so weit über die Begriffe der indianischen Kriegsgesetze, daß ihn dies allein in ihren Augen zum Betrüger stempeln mußte.

Auf der andern Seite mochte unser Brite nicht weniger an der Indianerin irre geworden sein.

Wer war diese junge Wilde, die sich herausnahm, ihn wie einen aufgefangenen Spion auszufragen, und zwar auf eine Weise, die ihn unwillkürlich gezwungen hatte, ihren Fragen Rede zu stehen? Woher dieser Herrscherton, der, bei aller Einfalt, Würde und Selbstbewußtsein aussprach? Was hatte sie nach dem Seeräuber zu fragen? Gehörte sie zu seiner Bande? Ihr Wesen widersprach einem so herabwürdigenden Gedanken. »Pshaw! Mädchenneugier!« rief er sich zu, »die da gerne etwas zu plappern haben möchte.« Und mit diesem Troste entließ er für diesmal seine weitern Gedanken über die sonderbare Besucherin.

Siebentes Kapitel

So waren wieder zwei Tage verflossen. Der junge Mann fühlte seine Gesundheit allmählich hergestellt, des Balsams wunderbare Kraft hatte sich nun vollkommen bewährt, und er konnte bereits ohne Schmerz umherwandeln. Immer war ihm dies jedoch von der Indianerin strenge untersagt worden. Er hatte sich einigemal ins Dörfchen hinausgewagt; aber die Squaws waren ihm stets mit so unzweideutigen Beweisen feindlicher Gesinnung entgegengekommen, daß er immer umzukehren genötigt gewesen. Die Indianerin hatte ihm seine Mahle regelmäßig jeden Morgen und Abend gebracht, hatte jedoch kein Wort weiter gesprochen, und ein ruhig forschender Blick, während sie seinen Puls untersuchte, war alles gewesen, was einigermaßen nähere Teilnahme beurkundete.

Es war in der Nacht des zehnten Tages seit seiner Anwesenheit. Er hatte sich bereits auf sein Lager hingestreckt und soeben zu schlummern angefangen, als plötzlich der Widerschein heller Flammen durch die Öffnungen der Büffelhaut drang. Er sprang mit dem Ausrufe auf: »Das Dorf ist in Feuer!« stürzte zur Türe hinaus, durch die Hecken und Gebüsche der Flamme zu. Der Widerschein der Fackeln fiel auf eine ziemlich große, dem Anscheine nach niedliche Hütte. Es war die Wohnung des Miko. Soeben trat eine weibliche Gestalt aus der Türe und blieb vor derselben stehen. Sie horchte eine Weile und schien sich dann der Gegend zuwenden zu wollen, wo er sich im Gebüsche verborgen hatte. Langsam wandte sie sich jedoch der Ecke zu, von der sie eine Aussicht auf den von mehreren hundert Pechfackeln erglänzenden Wasserspiegel des Flusses hatte. Er hatte nun Gelegenheit, sie ins Auge zu fassen. Langsam und leise, Schritt für Schritt, als fürchtete er, die liebliche Erscheinung möchte zur Luftgestalt werden, näherte er sich ihr. Bloß eine Acacia Mimosa trennte ihn noch von ihr. Es war Rosa. Eine Weile stand er in Anschauung versunken, und dann trat er näher.

Der leise Fußtritt war von ihr gehört worden, sie wandte sich und schwebte auf ihn zu. »Fürchte dich nicht, Fremdling,« sprach sie in wohlklingendem Englisch, »unsere Weiber und Mädchen führen den Nachttanz auf.«

»Miß! ich bitte tausendmal um Vergebung wegen meiner Zudringlichkeit. – Sie werden vergeben, aber wirklich alles, was mir begegnet ist, ist so wunderbar.«

Das Mädchen sah ihn mit ihren klaren Augen forschend an. Ihr ängstlich werdender Blick schien beinahe fragen zu wollen, ob es auch in seinem Gehirn richtig sei, so befremdete sie die sonderbare, echt englische Anrede. Sie faßte seine Hand. »Vergeben meinem Bruder? Was soll ich dir vergeben, du hast mir nie etwas zuleide getan?«

»So täuscht mich denn meine Phantasie nicht, und was ich Traum wähnte, hat sich verwirklicht?« erwiderte er. Sie sah ihn betroffen an. »Hat mein Bruder einen Traum gehabt?«

Hatte des Mädchens ideale Schönheit und ihre leichte Feengestalt den jungen Mann in Verlegenheit gesetzt, die ihm in der Verwirrung die eben erwähnte Londoner Formel auf die Zunge brachte, so war ihre Antwort und nächste Frage eben nicht geeignet, diese Verwirrung zu mindern. Die melancholischen Töne eines Instrumentes, die sich nun hören ließen, brachen unterdessen die Unterhaltung ab. Er hörte befremdet den seltsamen, tiefen, grausen Tönen zu.

»Die Nacht ist kühl und feucht. Die Dünste ziehen mehr und mehr vom Flusse über das Wigwam. Mein Bruder darf nicht im Freien bleiben, sonst kommt das Fieber wieder; aber er kann«, fügte sie nach einer Pause hinzu, »die Mädchen in unserer Stube tanzen sehen.«

Mit diesen Worten reichte sie ihm ihre Hand, führte ihn in die Hütte und durch den Vorhang in ihr Stübchen, das ein kleines Fenster, welches auf das Ufer des Flusses sah, vollkommen erhellte. Es erfolgte nun eine Szene, die Salvator Rosas Pinsel eines der ergreifendsten Nachtstücke geliefert haben würde. – Rings um die Bucht herum, wo acht Tage zuvor das Birkenkanu gebaut worden, war eine Schar von nahe an zweihundert Mädchen, Weibern und jungen Wilden in einem weiten Ringe versammelt. Jeder und jede hielten in der einen Hand eine lange brennende Pechfackel, in der andern eine Schelle. Vier erwachsene Jungfrauen hatten ihren Platz unmittelbar auf dem erwähnten Uferkamme und spielten auf indianischen Trommeln und Flöten.

Das erste dieser Instrumente glich einem mit Klappern versehenen Tamburin. Die jungen Wilden hielten dieses Instrument hoch empor und schlugen mit kurzen, dicken Stäben darauf. Das zweite war eine Flöte mit drei Löchern, die einen ungemein tiefen, melancholischen Ton von sich gab.

Die Musik war anfangs schwach und gedämpft; obgleich kunstlos und ungeordnet, waren doch die Töne der Flöte nicht ohne Melodie und den Tönen eines Schweizer Alphorns zu vergleichen. Allmählich wurden sie in dem Maße stärker, als die Bewegungen der jüngern Squaws und Mädchen das Erwachen der Tanzleidenschaft verkündigten. Als nun die Tamburins einfielen, gab das Ganze eine zwar wilde, regellose, aber nicht unangenehme Musik. Es erhob sich jetzt eines der Mädchen, das mit den lieblichsten Gebärden sich in den Kreis wand und drehte, während aus dem gegenüberstehenden Bogen ein anderes ihr entgegenkam. Beide hatten Tamburins. Anfangs wirbelten sie im Kreise herum, sich zu den Mädchen herabbückend, und dann mit schlangenartiger Gewandtheit sich kreisend und wendend, tanzten sie in die Mitte, wandten sich einige Male im Kreise und fingen dann den eigentlichen Tanz an. Ihre Füße schienen sich nicht zu bewegen, während sie pfeilschnell nach den Schlägen des Tamburins im Kreise herumflogen, und ihre Fersen hebend sich immer und immer und immer fortbewegten, mit ihren Tamburins die graziösesten Pantomimen ausdrückend. Nichts konnte der Zartheit und dem Anmute dieser Tänzerinnen verglichen werden, die die natürlichen Leidenschaften der Wilden in so veredelter und reizender Mimik darzustellen wußten. Nachdem sie vielleicht zehn Minuten getanzt hatten, nahmen sie wieder ihre Sitze ein.

Zwei andere Mädchen folgten und führten denselben Tanz aus, doch war ihr Gebärdenspiel bei weitem nicht so sprechend, einfach und graziös, wie das der ersten. Als sie geendet hatten, trat ein Knabe mit einer Federkrone auf seinem Haupte ein. Sein Gesicht war mit den gewöhnlichen Kriegerfarben bemalt; den Schreck, den sie einzuflößen bestimmt waren, suchte er noch durch die wildesten Verzerrungen zu steigern, deren seine jugendlichen Züge fähig waren.

Ein zweiter, auf dieselbe wild phantastische Weise herausgeputzt, folgte ihm, und nun fingen beide den Kriegertanz an. Zu verschiedenen Malen warfen sie sich der ganzen Länge nach auf die Erde hin, daß man hätte glauben sollen, jeder ihrer Knochen sei aus dem Gelenke gerissen; dann krochen sie unglaublich schnell herum, krümmten ihre Schenkel, sprangen auf und fielen mit wütenden Gebärden aufeinander. Plötzlich wandten sie sich dem Halbkreise zu, wo ihre Gespielen saßen, rissen den beiden Trommelschlägern ihre Trommeln aus den Händen und waren kaum in die Mitte des Kreises zurückgesprungen, als dieser sich in zwei Hälften teilte, von denen die eine gegen die andere zu traben anfing. Squaw gegen Squaw, Mädchen gegen Mädchen, trabten einige Male vorwärts, dann rückwärts, schwenkten dann zuletzt ihre Fackeln, schüttelten ihre Schellen und rannten und trabten schneller und schneller, bis das Ganze zuletzt ein Knäuel der wildesten Verwirrung wurde.

Der grelle Widerschein von mehreren hundert Fackeln, unter dem Nebelsaume des Flusses hinabflackernd, gab diesem das Ansehen eines glühenden Höllenflusses; die alten Squaws, die mit aufgelösten Haaren und welken knochigen Gesichtern in ungeschlachten Kreuz- und Quersprüngen sich umhertrieben und mit ihren Feuerbränden mehr Kobolden als menschlichen Wesen glichen; das durchdringend gellende Geheul, das die Luft zittern machte und wieder plötzlich innehielt, um die melancholischen Töne der Flöte und die dumpfen Schläge der Trommel hervorbrechen zu lassen, gaben dem Ganzen mehr den Charakter eines Hexentanzes, als den weiblicher Wesen. Plötzlich wurde noch ein wütender Schrei, wie aus tausend Kehlen, gehört; die Fackeln versammelten sich in einen Klumpen, verloschen, und tiefe Finsternis herrschte. Und nach dem langen, schweigsamen Dahinstarren zu schließen, in welches unsern Briten dieser Auftritt versetzt hatte, schien es wirklich zweifelhaft, ob er nicht etwas Höllisches im Hintergrunde sehe. Die plötzlich eintretende Finsternis mochte nicht wenig dazu beitragen, die Sinne des jungen Menschen zu verwirren.

»Das sind ja verdammte – Bitte um Vergebung, Miß – das sind wirklich furchtbare Gestalten«, rief er aus. »Wo sind wir nur, ums Himmels willen?«

»Im Wigwam des Miko«; versetzte das Mädchen.

»Miko? Miko? Was ist dieser Miko?«

»Der Häuptling der Oconees«; lispelte sie mit bebender Stimme.

»Der Miko ist ferne,« sprach eine Stimme hinter ihnen, die die Gegenwart der Indianerin verriet, »aber wird sein Geruch nicht die Spur des Fremdlings wittern? Meine Schwester sollte nie vergessen, daß sie zugleich die Tochter des Miko und sein Gast ist.«

»Um Gottes willen!« rief diese, »mein Bruder muß gehen, er darf nicht länger in der Hütte des Miko verweilen. Wenn der Miko –.«

»Nur ein Wort, dieser Miko?«

»Mein Bruder«, sprach das Mädchen dringender, »muß wirklich gehen. Meine roten Schwestern sind sehr mißtrauisch, und ihre Augen würden sich verfinstern, wenn sie ihn mit Rosa in dem Wigwam fänden.«

»Wohl! Wohl! Ja, ja gewiß«; erwiderte der junge Mann, ihre Hand plötzlich fahren lassend. »Gute Nacht, Gott segne dich, du lieblichstes aller Wesen!«

»Gute Nacht, mein Bruder!« lispelte sie ihm nach.

Er fing den Ton ihrer Stimme auf, als er durch den Vorhang eilte. Er rannte durch die äußere Stube, durch die Türe und beinahe über die Indianerin. Himmel und Erde tanzten vor seinen Augen. Er suchte seine Hütte, sie war unsichtbar. Der silberartige Flor hatte sich über den ganzen Uferkamm hingelagert. Kein Dach, kein Haus, kein Licht war zu ersehen. Alles war in tiefe Nacht begraben. Die Dünste, die kalt und feucht von dem Strome herüberkamen, fingen an, seine Hitze zu kühlen, eine Fieberkälte begann seinen Rücken herabzurieseln.

»Mein Bruder«, sprach eine sanft melodische Stimme, während eine Hand die seinige ergriff, »ist zu viel gerannt. Will er nicht in seine Hütte zurückkehren?«

Er blickte auf und sah die Indianerin vor sich.

»Meine Schwester scheint mich sehr im Auge zu behalten«; erwiderte er nicht ohne Mißmut. Sie blickte ihn an, ohne den Sinn seiner Worte zu begreifen. »Meine Schritte zu bewachen«, fuhr er in demselben Tone fort.

»Unsere jungen Männer sind mit dem Miko auf der Jagd, Canondah ist die Tochter des großen Häuptlings«; sprach sie ernsthaft.

»Du bist also die Tochter des Indianerhäuptlings?« fragte er mit etwas mehr Interesse. Sie nickte und sprach: »Canondah hat es bereits ihrem Bruder gesagt; die Nacht ist kühl, mein Bruder muß in das Wigwam, oder mit der frischen Sonne wird er das Fieber haben.« Mit diesen Worten deutete sie vorwärts und schlüpfte voran. »Hier«, sprach sie auf die Hütte deutend, »wird mein Bruder Rast und Ruhe finden; und die Büffelhaut aufhebend, ließ sie ihn hindurch und entfernte sich eilends.

»Sie ist die Tochter des Miko, des großen Häuptlings der Oconees«; rief der Brite, den die kühle Nachtluft und die drohende Gestalt der Indianerin plötzlich aus seiner Phantasmagorie zurückgebracht hatte. »Fürwahr! würde nicht geglaubt haben, daß unsere Schildkröten- und Austernexkursion uns die Ehre so hoher Bekanntschaften zuwege bringen würde«, fuhr er lachend fort. »Wenn nur der Tom da wäre. Was würde der zu dem herrlichen Engel sagen? Wohl, wohl, Hodges, da könntest du so eine Art Roman spielen, und wenn es gut geht, von der Liste weggestrichen werden oder wenigstens für vierzehn Tage alle Sterne am Himmel abzählen. Ich möchte nur wissen, was unser alter Brummbär sagen wird?«

Der Morgen, der auf die etwas unruhige Nacht folgte, war schön und hell. Die Strahlen der Dezembersonne gossen über Dorf und Flur eine milde Wärme, die Fluß- und Hüttenbewohner neu belebte. Tausend wilde Enten, Gänse und Schwäne trieben ihr Wesen auf dem prachtvollen Strome, während Spottvögel, Paroquets und Bluebirds ihre harmonischen Töne aus den Gebüschen hören ließen. Herüber von dem Waldende hörte man den Gesang einer Schar Mädchen, die um eine kleine Herde gezähmter Büffelkühe beschäftigt waren; und etwas näher dem Strome zu war ein großes Feuer zu sehen, um das ein großer Haufe von Jungen und Mädchen sich herumtrieb. Sie verbrannten jauchzend eine lange, dicke, mit Stroh ausgefüllte Figur, deren weißes Gesicht einen Yankee vorstellen sollte und in dessen Wamse zahllose Pfeile steckten.

Aus der Hütte, in der unser Midshipman der indianischen Gastfreundschaft genoß, kam Canondah, ein Körbchen am Arme. Sie hatte sich bereits der Wohnung ihres Vaters genähert und schien eilig zu sein, als die Büffelhaut der Hütte sich öffnete und der junge Mann ihr nachgelaufen kam. Sein schneller, fester Schritt bezeugte, daß er sich beinahe gänzlich erholt habe. Das Äußere des jungen Mannes verriet jenes humoristisch waghalsige und derbe Wesen, das einen jungen Seekadetten so wohl kleidet, in dem der spaßhafte Geist des Matrosen mit dem ernsten, herrischen Wesen des Offiziers und den halb geschliffenen Manieren des Landjunkers noch immer um die Oberhand streiten. Die bleiche Jammergestalt war zum kräftigen, rotbackigen Sprossen John Bulls geworden, in dessen muntern blauen Augen sich ein gewisses behagliches Gefühl, mit viel gesundem Menschenverstand, abspiegelten, während der um sein Kinn aufgesprossene ziemlich lange Flaum und die Adlernase dem noch immer wettergebräunten Gesichte einen Ausdruck von Kraft und Männlichkeit gaben. Mit diesem anziehenden Äußern jedoch stach seine Garderobe nur zu sehr ab, die, die Wahrheit zu sagen, nichts weniger als einladend war. Zu geschweigen des Halskragens, der seit mehreren Wochen der Seife entbehrt haben mochte, war seine Jacke stellenweise durchlöchert, und ein Stück Kottontuches verbarg nur kümmerlich den Schaden, den die Zähne des Alligators an seinen Beinkleidern angerichtet hatten.

Die Indianerin hatte kaum die Fußtritte des Nahenden gehört, als sie sich umwandte und ihm freundlich entgegenging. In ihrer Miene lag nichts von jener kalten Härte, die früher an ihr sichtbar gewesen; im Gegenteil, sie war heiter und fröhlich.

»Mein Bruder«, rief sie ihm von weitem lachend zu, »hat den Schlaf eines Bären, den weder die Wasservögel, noch die schreienden Squaws aufwecken können. Die Sonne ist bereits hoch, und doch hat er seine Schwester nicht gehört.«

»Ja doch,« versicherte er, »und der beste Beweis davon ist, daß ich mich sogleich aufmachte, um den Besuch zu erwidern.«

Das Kompliment schien von dem Mädchen wieder nicht verstanden zu werden, und sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger. »Mein Bruder spricht wieder mit einer Doppelzunge.«

»Ich bin gekommen, meiner freundlichen, guten Schwester meinen Morgengruß anzubieten,« erwiderte er, sich die Lippen beißend, »aber was die Doppelzunge betrifft, so muß ich zu meinem Leidwesen gestehen, daß ich nur die schlichte, ehrliche Zunge von meinem Altengland spreche. Mein weniges Französisch habe ich seit meinem achtzehnmonatigen Schiffsleben so ziemlich wieder vergessen.« Die unbekümmert behagliche Weise, mit der er diese Worte sprach, und das ganze Wesen des vollen, blühenden Jünglings, in dem kein Arges zu sein schien, brachten sichtlich einen günstigen Eindruck auf die Indianerin hervor. Ihre Augen hingen mit Wohlgefallen an ihm; sie sann einige Augenblicke nach, ergriff plötzlich seine Hand, und auf seine Hütte deutend, sprach sie: »Mein Bruder wird da seine Schwester erwarten.«

Sie flog dann zur Türe ihres Häuschens, stellte das Körbchen nieder und eilte zur zweiten größern Hütte, aus der sie nach einer Weile mit einem ziemlich großen Bündel kam. Mit diesem flog sie der Hütte des Briten zu.

»Meines Bruders Gürtel und Hemd sind sehr schmutzig und zerrissen«; sprach sie. »Hier wird er finden, was ihn besser kleiden wird.«

»Was ist das, liebe Schwester?« versetzte er, der sich allmählich an ihre Phraseologie gewöhnte.

»Meines Bruders Schwester wird wieder kommen, wenn er dieses mit seinen unsaubern, häßlichen Kleidern vertauscht hat«; sprach sie, durch die Türe schlüpfend.

Neugierig untersuchte er nun das Päckchen. Es war ein vollkommener Anzug mit frischer Wäsche. Ein Überrock von blauem Tuche, ganz im Schnitte britischer Seeoffiziere, Pantalons, Weste und Stiefel. Das sonderbare Geschenk war nicht geeignet, die Zweifel zu beschwichtigen oder ihn über seine Lage aufzuklären. Woher hatte die Indianerin diese Kleidung? Der Seeräuber fiel ihm von neuem ein. Durfte er, ein britischer Offizier, von dieser Kleidung Gebrauch machen? Sein Auge fiel auf seine abgetragene Garderobe, die, nur mühsam zusammenhaltend, jeden Augenblick eine furchtbare Blöße androhte. Not kennt kein Gebot. »Es ist nicht die erste Kriegslist, durch die ein ehrlicher britischer Midshipman in eines andern Stelle schlüpfte«; rief er lachend, seine Fragmente abwerfend und sein neues Kostüm mit den Kenneraugen eines Newbondstreet-Costumers prüfend.

Die Umwandlung war wirklich zu seinem Vorteile ausgefallen. Der knapp anliegende blaue Rock, die eleganten Pantalons, die lichtgelbe, echt britische Weste kleideten ihn trefflich. Mit einer Art komischen Abscheus stieß er die Reste seines vormaligen äußern Menschen zur Türe oder vielmehr zur Büffelhaut hinaus, um sie im nahe gelegenen Gebüsche jedem menschlichen Auge zu entziehen.

Mitten in dieser Beschäftigung überraschte ihn Canondah. Einen Augenblick hing ihr Auge an dem wohlgebildeten, nun wirklich schönen Jünglinge, und dann ergriff sie lächelnd seine Hand, ihn rasch mit sich fortziehend. Vor der Türe ihrer Hütte angelangt, winkte sie ihm bedeutsam, schlüpfte dann in die Stube und kehrte Hand in Hand mit Rosen zurück und flog hernach dem brennenden Scheiterhaufen zu.

Achtes Kapitel

Die betroffen staunende und halb verlegene Miene, mit der er sich ihr näherte und die erst allmählich in den freien Anstand überging, die einer guten Erziehung und gutem Umgang eigentümlich sind, hatte seinem ganzen Wesen einen so zarten Anstrich von Aufmerksamkeit und Überraschung gegeben, daß das Mädchen bis zur Nagelspitze errötete. Es war das erstemal, daß sie auf eine so zarte Weise den Triumph ihrer idealen Schönheit genoß und das wohltuende Gefühl fremder Anerkennung schien ihren Busen zu heben und ihrem ganzen Wesen eine veredelte Gestalt zu geben.

»Ein herrliches Bild«, sprach er endlich mit Feuer und Rührung, »schwebt meinem trüben Blicke vor. Es ist ein Engelsbild, das mich liebend umschlang, als mich das Ungetüm in seinen Rachen faßte. Es kam, als mich die Nacht des Todes umfing, und wärmte mich, als Fieberfrost meine Glieder schüttelte. Es hat mich gepflegt und heilenden Balsam auf meine Wunde gegossen. Wahrlich Miß, wäre es nicht heller Tag, ich glaubte zu träumen.« Sie hatte schweigend ihr Auge auf die Erde geheftet. »Sie sind es denn,« fuhr der Jüngling fort, »der ich mein Leben, meine Gesundheit danke, die mich gepflegt, die mich liebreich gewartet?«

»Der Arm Rosas ist schwach, mein Bruder,« fiel sie ein, ihm mild und vertrauensvoll ins Äuge blickend, »sie würde ihren Bruder nicht aufrechterhalten haben können. Es ist Canondah, die dich aus dem Rachen der Wasserschlange gerettet. Es ist sie, die dich in die Baumhöhle, in dieses Wigwam getragen. Sie ist es, die Winondah vermochte, das Fieber zu vertreiben.«

»Die Indianerin!« rief der Jüngling. »Dieselbe, die mich so unbarmherzig auf die Folter spannt, jeden meiner Schritte belauert?«

Der Blick des Mädchens ruhte beinahe wehmütig auf ihm. »Canondah ist die Tochter des Miko, sie ist die Mutter der Oconees, sie ist der Trost und die Hoffnung aller; aber der Miko und sein Volk sind rot«; sprach das Mädchen bedeutsam und unwillkürlich schaudernd.

»Ich verstehe«; sprach der Brite.

»Sie sind sehr gut, aber sie haben vieles von unsern weißen Brüdern gelitten.«

»Den Yankees?« versetzte der Jüngling. »Aber wie kommen Sie, Miß, hierher; darf ich bitten, mir hierüber Aufklärung zu geben?«

»Der Miko nahm Rosa aus der Hütte des weißen Zwischenhändlers.«

»Aber wer ist dieser Miko, dieses Dörfchen hat doch gar keinen wilden Anstrich. Beinahe alles, was man bei uns sieht. – Wo sind denn die Männer?«

»Sie sind mit dem Häuptlinge auf die Herbstjagd ausgezogen.«

Die Augen des Briten zuckten, seine Miene heiterte sich auf. »Können Sie mir sagen, teure Miß, wo wir sind?« fuhr er zutraulich fort, ihre Hand ergreifend. Es schien beinahe, als ob das Zartgefühl des Mädchens das Selbstische, das in seiner Frage lag, geahnt hätte. – Sie sah ihn mit ihren klaren Augen forschend an und sprach: »Wir sind weit von den Weißen. Weit vom großen Flusse gegen die untergehende Sonne. Wir hatten vierzig Tage diesen überschritten und noch immer waren wir nicht am Ziele.«

Der junge Mann schüttelte sein Haupt. »Verzeihen Sie, das kann nicht sein. Ich war bloß acht Tage von dem Blockhause des Piraten weg, und die Golfströmung konnte mich unmöglich so weit vom Mississippi weggetrieben haben. – Wissen Sie nicht den Namen dieses Flusses?«

Sie verneinte es. »Am jenseitigen Flusse oberhalb wohnen die Coshattaes und weiter oben die Sabineindianer.«

»Sabine? dann sind wir am Sabine.«

»Der andere Fluß mag so heißen. Hier«, fuhr sie fort, »sind wir ringsum eingeschlossen. Nur auf dem Strome oder von jenseits gelangt man zu uns. Auf dieser Seite würde auch der Wolf vergebens zu uns zu dringen versuchen. Mein Bruder muß nicht auf Flucht denken.«

Der junge Mann war in tiefes Nachdenken versunken. »Sabine,« murmelte er, »das ist die Grenze der Vereinigten Staaten gegen Mexiko. Zu Lande höchstens vierhundert Meilen, nicht unmöglich –.«

»Mein Bruder«, wiederholte sie, »muß nicht auf Flucht denken. Der Miko ist gut, wenn du«, fuhr sie zögernd fort, »ein Feind der Yankees bist. – Er wird dir mit Freuden die Hand reichen, wenn –«

»Wenn?« fragte der Jüngling gespannt.

»Wenn du nicht als Späher gekommen bist«; fuhr sie zögernd heraus.

»Späher, Spion? Pfui! – Wie können Sie, Miß, so Arges von mir denken?«

Das jungfräuliche Kind hatte ihn mit den klaren, ruhigen Augen kindlicher, aber tief dringender Unschuld angesehen.

»Mein Bruder,« sprach sie mit naiver Einfalt und einer Miene, die um Aufklärung zu bitten schien, »mein Bruder sagt, daß sein Volk nicht im Kriege gegen den Häuptling der Salzsee begriffen, und es ihn doch an einen Baum hängen würde, im Fall es ihn in seine Hände bekäme.«

Ein unwillkürlich ironisches Lächeln überflog den Mund des Briten bei Anhörung dieser sonderbaren Rede; aber ein Blick auf das Mädchen, das in edler Einfalt und natürlicher Würde vor ihm stand, machte ihn über seine Gemeinheit erröten. »Wir sind, und wir sind nicht im Kriege mit dem Seeräuber, liebe Miß«, sprach er. »Nicht im Kriege, weil der eigentliche Krieg bloß zwischen zwei Nationen, die legitime Regierungen haben, geführt werden kann; was Sie aber den Häuptling nennen, ist bloß ein Seeräuber, ein Seedieb, ein Elender, der mit dem Auswurfe des menschlichen Geschlechtes Schiffe plündert, Weiber, Kinder und Männer ermordet. Gegen solche Räuber ziehen wir nicht in den Krieg; wir senden aber Schiffe aus, sie aufzusuchen und einzufangen, und dann werden sie zum Lohne ihrer Verbrechen gehängt.«

Der junge Mann hatte nicht bemerkt, wie das Mädchen während seiner Erklärung leichenblaß geworden war. »Der Häuptling der Salzsee ein Dieb?« fuhr sie erschrocken heraus.

»Wissen Sie dies nicht?« erwiderte er. »Er ist schlechter als ein Dieb. Er ist ein Räuber, ein Mörder, mit einem Worte ein Seeräuber.«

Erst jetzt bemerkte er mit Verwunderung den Eindruck, den seine Worte auf sie gemacht hatten. Sie war totenblaß geworden. Zitternd bedeckte sie mit beiden Händen das Gesicht, sie schwankte und eilte der Türe der Hütte zu. Ehe sie jedoch diese erreicht hatte, sank sie bewußtlos auf der Schwelle nieder. Er war herzugerannt, um die liebliche Gestalt vom Sinken zu bewahren, als ein Schrei des Entsetzens sich hören ließ und die Indianerin mit einem Sprunge an seiner Seite stand. Ohne ihn nur eines Blickes zu würdigen, umfaßte sie ihre Freundin mit beiden Armen, drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Lippen und trug sie in ihre Wohnung.

Der junge Brite hatte den beiden Mädchen mit der Miene eines Mannes nachgesehen, der einer fürchterlichen Entdeckung auf die Spur gekommen. Sein Auge hing mit Scheu an der Türe, als ob sie ein schauderhaftes Geheimnis verschlösse. Unwillkürlich wandten sich seine Schritte zuerst langsam und dann schneller und schneller, als ob er der furchtbaren Entwicklung entfliehen wollte, die der befremdenden Szene folgen müsse. Verstört eilte er in seine Hütte und warf sich auf das Lager. Es lag etwas Gräßliches in dem namenlosen Schmerze, der in dem Busen des Mädchens bei seiner Erklärung rege geworden. Ein erschütterndes Geheimnis! Diese Teilnahme in einem solchen Wesen für einen solchen Menschen – war grauenhaft.

Dem Selbstgespräch machte die eintretende Indianerin ein Ende. Ernst und prüfend schritt sie auf ihn zu. Ihr Blick war beinahe feierlich. Sie hob ihre Hand auf und winkte ihm, als sie bemerkte, daß die Speisen noch unberührt standen. Er war aufgestanden, um ihr entgegenzukommen.

»Mein Bruder muß essen,« sprach sie; »wenn er es getan hat, dann will ihm seine Schwester etwas in das Ohr wispern.« Mit diesen Worten ließ sie sich am entgegengesetzten Ende des Ruhelagers nieder.

»Ich habe keinen Hunger, meine Schwester,« erwiderte der junge Mann, »und bin bereit, dich anzuhören. Wie ist's der weißen Rosa?« fragte er in sichtbarer Verlegenheit.

»Meine Schwester«, erwiderte die Indianerin, »ist krank; aber sie ist nicht krank wie mein Bruder, sie ist krank im Herzen. Mein Bruder kann die weiße Rosa gesund machen. Sie ist Canondah sehr lieb, mehr als ihr Leben.«

Sie zitterte, sie suchte augenscheinlich nach Worten, allein sie konnte keines hervorbringen. Sie war sichtlich sehr angegriffen. Ihr Busen hob sich, ihr ganzes Wesen drückte die innigste Teilnahme für ihre Freundin aus. Der Jüngling sah sie mit Verwunderung an.

»Will mein Bruder sie gesund machen?« fragte sie leise.

»Und meine Schwester fragt?« erwiderte er. »Was in meinen Kräften steht, will ich gerne tun.«

»Mein Bruder hat etwas in das Ohr der weißen Rosa geflüstert, das sie krank gemacht hat.«

»Das tut mir leid; hätte ich auch nur entfernt ahnen können, daß dieses liebliche Wesen an dem Ungeheuer den leisesten Anteil nimmt, nie würde ein Wort über meine Zunge gekommen sein.«

Die Indianerin sah ihn kopfschüttelnd an. Sie trat einige Schritte zurück und sprach forschend: »Würde mein Bruder es gerne sehen, wenn der Häuptling der Salzsee die weiße Rosa in sein Wigwam führte?«

»Gott bewahre!« rief der junge Mann. »Dieses wüste Ungeheuer das engelreine Wesen.« Er sprach die Worte mit Heftigkeit, mit Abscheu.

Das Mädchen fuhr freudig auf, seine Hand ergreifend. »Mein Bruder hat wohl gesprochen. Mein Bruder hat etwas in das Ohr der weißen Rosa geflüstert. Hat er keine Lüge gesagt?«

»Lüge?« entgegnete er rasch. »Nein, liebes Mädchen, kein Gentleman sagt eine Lüge.«

»Und der Häuptling der Salzsee ist ein Dieb, ein Räuber?« fragte sie. Sie blickte ihn an und nickte. »Er ist ein Panther der Salzsee, der rote Hund, die Mokassinschlange?« Ihre Augen blitzten vor Wut und Verachtung.

»Er ist wirklich ein Dieb, mit allen den Seinigen, der Auswurf des Menschengeschlechtes, der raubt, stiehlt, mordet. Er ist vogelfrei, und wenn wir ihn heute erwischen, so hängt er morgen in Ketten«, sprach der junge Mann.

»Und mein Bruder ist kein Yankee?« fragte sie.

»Nein«, sprach er, sich stolz in die Brust werfend. »Gott sei Dank, ich habe die Ehre, ein Engländer zu sein; von der Nation, die den Ozean beherrscht und alle Könige und Kaiser in ihrem Felde hält und tausend Schiffe auf allen Meeren hat.«

Der Ausdruck des jungen Mannes, der Indianerin gegenüber, hatte jene hier ziemlich alberne Prahlerei angenommen, der sich jedoch auch der sonst vernünftige Brite so gerne und nie mehr als dann überläßt, wenn es sein Vorteil zu erheischen scheint, Fremden eine recht große Idee von seinem Lande und so gelegentlich von sich selbst beizubringen.

Diesmal schien die Indianerin nicht ohne Vergnügen die Lobpreisungen seines Landes anzuhören.

»Mein Bruder«, sagte sie, »ist kein Späher, dies ist nicht die Zunge eines Spähers. Nein, mein Bruder ist ein junger Krieger. Und will er dem Miko sagen, daß der Häuptling der Salzsee ein Dieb ist?«

»Und der Miko weiß dies nicht?« fragte er.

Die Indianerin verneinte es. »Wenn der Miko es mir erlaubt, dann will ich ihm bald Beweise liefern. Der Seeräuber wird es nicht lange mehr treiben. Sein letzter Streich hat das Maß gefüllt. Wahrscheinlich ist er bereits eingefangen.«

»Mein Bruder«, erwiderte sie, »wird den Miko sehen, der Miko wird die Palme seiner Hand öffnen, und ihm ein Wigwam geben und Rosa zur Squaw schenken. Er wird meinen Bruder lehren, die Wasserschlange töten und den schlafenden Bären und den schnell springenden Panther schießen. Mein Bruder wird ein großer Krieger werden. Und Rosa«, flüsterte sie ihm zu, »wird einst sein Wildbret kochen und sein Jagdhemde nähen, und der Dieb soll sie nicht haben.« Mit diesen Worten eilte sie von dannen.

»Verfluchte Robinsonade!« schrie der Brite, als die Indianerin den Rücken gekehrt hatte, und ein lautes Hohngelächter entfuhr ihm. »Glaubt sie mich zum Ersatze für den abscheulichen französischen Hund zu nehmen? Wahrlich, James, du müßtest dich trefflich in den Mokassins und Wampums, rot bemalt, ausnehmen. Ins Wigwam ziehen! Wildbret kochen! Nein, es ist zum Tollwerden!«

Und wahrlich für einen jungen, kaum zwanzigjährigen Midshipman, der die Liebe höchstens aus Romanen kannte, mußte der Vorschlag, sein Leben in einem indianischen Wigwam zwischen Wilden zuzubringen, eben nicht sehr erfreulich klingen.

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590 стр.
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9783754177082
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Bookwire
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