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Über dieses Buch

Nach seiner Heirat mit Thérèse geht Antoine wie die anderen Männer des Dorfs auf die Alp Derborence. Dass seine Frau schwanger ist, weiss er nicht.

Dann begräbt ein gewaltiger Bergsturz Weiden, Tiere, Hütten und Menschen unter sich, keiner der Männer scheint überlebt zu haben. Im Dorf wird verängstigt gemunkelt, dass der Teufel seine Hand im Spiel habe und die unruhigen Toten ohne christliche Bestattung nun als Gespenster durch Derborence irrten …

Zwei Monate später taucht Antoine im Dorf auf. Er hat in einer halbzerstörten Berghütte überlebt und konnte sich befreien. Kaum erkennt ihn seine Frau Thérèse, das Dorf hält den abgemagerten und verwirrten Mann für einen Geist, einer schiesst auf ihn.

Aber Thérèse lässt sich davon nicht abschrecken. Als Antoine sich erneut in die Berge zurückzieht, folgt sie ihm, um ihn zu den Lebenden zurückzuholen.

«Es ist beeindruckend, dieses Denken, eigentümlich, ausserhalb der Konvention, gigantisch egozentrisch und durch seine verquere Unangepasstheit seltsam aktuell. Einer der grössten Erzähler Europas.» Die Zeit

Einer der schönsten und gehaltvollsten Romane des Dichters Ramuz. Schweizer Feuilletondienst


Foto © KEYSTONE/ROGER VIOLLET/Gaston Paris

Charles-Ferdinand Ramuz wurde am 24. September 1878 in Lausanne geboren; sein Vater hatte ein Kolonialwarengeschäft und war später Weinhändler. Nach dem Collège classique besuchte Ramuz das Gymnasium und liess sich 1896 in der philosophischen Fakultät einschreiben. Ein Aufenthalt in Karlsruhe hinterliess wenig Erinnerungen, dafür den Entschluss, Dichter zu werden. Nicht ohne Schwierigkeiten erhielt er vom Vater die Erlaubnis, seine Studien in Paris fortzusetzen, um eine Doktorarbeit über den Dichter Maurice de Guérin zu schreiben. Daraus wurde nichts, dafür fand er sich in Paris als Dichter. Mehr als zehn Jahre verbrachte er – mit längeren Unterbrüchen – in Paris. Dort lernte er auch seine Frau kennen, die Malerin Cécile Cellier. Im Krieg lernte er Igor Strawinsky kennen; aus ihrer Zusammenarbeit entstand die «Histoire du Soldat».

Von 1926 an veröffentlichte der Pariser Verlag Grasset seine Werke. 1936 erhielt er den Grossen Preis der Schweizer Schillerstiftung. Ramuz starb am 23. Mai 1947 in Pully bei Lausanne.

Hanno Helbling (1930–2005), geboren in Zuoz, Engadin. Schulen und Studium in Zürich, Promotion in Geschichte, Deutscher Literatur und Vergleichender Literaturgeschichte 1953. Weitere Studien in Neapel, München, Rom bis 1956. Verlagslektor in Zürich bis 1958. Redaktor der Neuen Zürcher Zeitung von 1958 bis 1995; Leiter der Feuilletonredaktion von 1973 bis 1992. Ab 1994 lebte er in Rom.

Übersetzungen, vorwiegend lyrischer Texte, aus dem Französischen (Charles Ferdinand Ramuz, Benjamin Constant, Marcel Proust), Englischen (William Shakespeare, W. H. Auden) und Italienischen (Giacomo Leopardi, Eugenio Montale, Giuseppe Ungaretti, Giorgio Caproni, Mario Luzi, Dino Campana, Fabio Pusterla).

Charles-Ferdinand Ramuz

Derborence

Roman

Aus dem Französischen von Hanno Helbling

Limmat Verlag

Zürich

Erster Teil

I

Er hielt einen langen Stecken, der am Ende schwarz geworden war, er stieß ihn dann und wann ins Feuer, seine andere Hand lag auf dem linken Schenkel. Das war am 22. Juni, gegen neun Uhr am Abend.

Er ließ Funken aus dem Feuer auffliegen mit seinem Stecken; sie blieben an der rußbedeckten Wand hängen und leuchteten dort wie Sterne an einem schwarzen Himmel.

Dann konnte man ihn für einen Augenblick besser sehen, den Séraphin, während er seinen Schürstock ruhen ließ; und man sah den andern Mann besser, ihm gegenüber, viel jünger war er, hatte die Arme auch auf die angezogenen Knie gestützt, hielt den Kopf gesenkt.

«Also», sagte Séraphin, «ich sehe schon … Die Zeit wird dir lang. Dabei sind wir noch nicht lang hier.»

Sie waren gegen den 15. Juni heraufgekommen, mit denen von Aïre und einer oder zwei Familien aus einem Nachbardorf von Aïre, welches Premier heißt: Das war wirklich erst ein paar Tage her.

Séraphin fing wieder an, die Gluten zu schüren, in die er einen, zwei Tannenäste geworfen hatte; und die Tannen­äste fingen Feuer, sie brannten so hell, dass man die zwei Männer ganz deutlich sehen konnte, wie sie sich gegenübersaßen, zu beiden Seiten des Herds, jeder am Ende seiner Bank: der eine schon bejahrt, dürr, ziemlich groß, mit kleinen hellen Augen, welche tief in Höhlen ohne Brauen lagen, unter einem alten Filzhut; der andere viel jünger, zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, in weißem Hemd und brauner Jacke, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbart und mit schwarzen, kurz geschnittenen Haaren.

«Komm schon», sagte Séraphin … «Wie wenn du am anderen Ende der Welt wärst … Wie wenn du sie nie mehr sehn würdest …»

Er wiegte den Kopf, er schwieg.

Denn Antoine war erst seit zwei Monaten verheiratet, und man muss gleich wissen, dass diese Heirat nicht ohne Mühe zustande gekommen war. Als Waisenknabe war er dreizehnjährig zu einer Familie des Dorfs in Dienst gegeben worden; dagegen war das Mädchen, das er liebte, begütert. Und lange hatte ihre Mutter nichts von einem Schwiegersohn hören wollen, der nicht seinen rechten Teil zu dem Haushalt einbringen würde. Lange hatte die alte Philomène den Kopf geschüttelt, «Nein!» gesagt und «Nein!» und wieder «Nein!». Was wäre wohl geschehen, wenn Séraphin nicht gewesen wäre, nämlich ganz an der rechten Stelle, damit seine Meinung wichtig und sogar sehr wichtig war? Denn er war Philomènes Bruder, die den Maye geheiratet hatte und verwitwet war, und als Junggeselle verwaltete er den Besitz der Schwes­ter. Nun hatte Séraphin für Antoine Partei ergriffen; er hatte sich schließlich durchgesetzt.

Die Heirat war im April gewesen; und jetzt waren Séraphin und Antoine, wie man sagt, zu Berg gegangen.

Es ist bei den Leuten von Aïre der Brauch, dass sie mit ihrem Vieh gegen den 15. Juni hinaufziehen zu den Alpweiden; eine von ihnen ist die Weide von Derborence, wo sie eben an jenem Abend waren – Séraphin hatte Antoine mit sich genommen, um ihm alles zu zeigen, denn seine Kräfte ließen nach. Er hinkte, er hatte ein steifes Bein. Und da sich das Rheuma vor kurzem auf seine linke Achsel geworfen hatte, begann auch die, ihren Dienst zu verweigern; so wurde es mühsam auf alle Weise, denn die Arbeit lässt sich nicht aufschieben in diesen Berghütten, wo man zweimal am Tag das Vieh melken und jeden Tag Butter und Käse bereiten muss. So hatte Séraphin den Antoine mit heraufgenommen und gehofft, er werde bald imstande sein, ihn zu ersetzen: Aber nun sah er, dass Antoine bei diesen Verrichtungen, die ihm neu waren, nicht anbeißen wollte (wie man so sagt) und dass er Heimweh hatte nach seiner Frau.

«Nun komm schon», fing er wieder an, «gehtʼs denn nicht besser? Ist es denn so schrecklich, ungefähr noch drei, vier Tage lang mit mir zusammen zu sein, und dann hast du sie wieder?»

Er dachte nicht an sich, er dachte nur an Antoine. Und zu Antoine redete er an dem Abend noch einmal, an diesem 22. Juni, gegen neun Uhr; und da die Flamme sich wieder zu senken begann, gibt er ihr neue Nahrung und macht sie mit ein paar Tannenästen wieder lebendig.

«Oh, gewiss nicht», sagt Antoine.

Das war alles; er verstummte wieder. Und in diesem Augenblick, Séraphin schwieg nun auch, hörten sie um sich her etwas wachsen, das unmenschlich war und auf die Dauer nicht zu ertragen: die Stille. Die Stille des Hochgebirges, die Stille dieser verlassenen Zonen, wo der Mensch nur zeitweise auftaucht; da muss einer nur zufällig selber still sein, so kann er lang hinhorchen, er hört nur, dass er nichts hört. So konnte man jetzt lang horchen: es war, als gäbe es nirgend mehr etwas zwischen uns und dem anderen Ende der Welt, zwischen uns und dem Himmelsgrund. Nichts, das leere Nichts, die vollkommene Leere, alles hört auf zu sein, als wäre die Welt noch gar nicht erschaffen, oder sie wäre nicht mehr, als stünde man vor dem Anfang der Welt oder hinter dem Weltuntergang. Und die Angst kommt, sie zieht in unsere Brust ein, und da ist es, wie wenn eine Hand sich um unser Herz schließt.

Zum Glück beginnt das Feuer wieder zu knistern, oder ein Wassertropfen fällt herab, oder ein Wind streicht über das Dach. Und das leiseste Geräusch ist wie ein sehr lautes Geräusch. Der Tropfen fällt und hallt wider. Der Ast, den die Flamme verzehrt, kracht wie ein Gewehrschuss; das Streichen des Windes füllt ganz allein den Raum aus. Allerlei kleine Geräusche, die groß sind; da wird man selber wieder lebendig, weil sie selber lebendig sind.

«Komm schon, komm schon!», begann Séraphin wieder.

Das Feuer kracht von neuem:

«Du gehst am Samstag hinunter … Du verbringst den Sonntag mit ihr …»

«Und Ihr?»

«Oh, ich!», sagt Séraphin … «Ich bin es gewohnt, allein zu sein. Sorg dich nicht um mich.»

Er lächelt in seinen Bart, der fast weiß war, dabei war der Schnurrbart noch schwarz; gegen neun Uhr am Abend war das, am 22. Juni, in Derborence, in Philomènes Hütte, wo die zwei Männer am Feuer saßen. Im Dachwerk knackte es dann und wann.

«Du kommst zurück, wann du willst; ich kann mir immer behelfen. Und wenn du zurückkommst, ist immer noch jemand bei dir.»

Er lächelte in den weißen Bart, er hielt seine kleinen grauen Augen auf Antoine gerichtet:

«Oder zähle ich etwa nicht?»

«Redet nicht so», sagt Antoine.

«Also kann man sich doch gut leiden?»

«Aber sicher», sagt Antoine.

«Was willst du noch mehr?»

Noch einmal knackt etwas im Dachwerk, das aus Balken und großen flachen Steinen gemacht war, es stieg schräg über ihnen auf, nur in einer Richtung, denn die Hütte stand an einen Felsvorsprung gelehnt, der die Rückwand ersetzte.

«Dann ist das abgemacht für den Samstag … Das sind nur noch drei Tage …»

Etwas knackt im Dachwerk: denn die Schieferplatten sind tagsüber der Sonne ausgesetzt und dehnen sich stark in der Hitze; wenn dann der Abend kommt, ziehen sie sich in der Kälte zusammen, machen plötzliche, vereinzelte Bewegungen, als ob einer auf dem Dach umherginge. Ein Schritt, den einer droben sehr bedachtsam setzt, dann macht er Halt: wie wenn ein Dieb ganz sicher sein will, dass ihn keiner gehört hat, bevor er sich weiter vorwagt. Es knackte, knackte nicht mehr; und sie, unter dem Dachwerk, das wieder still war, sahen einander, dann sahen sie sich nicht mehr. Die Flamme steigt auf, die Flamme sinkt wieder zurück.

Doch in diesem Augenblick hatte ein neues Geräusch sich gemeldet, und Antoine hob den Kopf. Das war nicht mehr das Dach, das knackte; ein viel dumpferer Ton war das, einer, der aus den Tiefen des Raums kam. Man hätte ihn für einen Donner halten können, dem ein scharfes Krachen vorangegangen war; und nun rollte er über ihnen fort durch den Raum.

Séraphin lächelte. Er sagt:

«Ah!, da fangen sie wieder an …»

«Wer denn?»

«Ja hast du denn nichts gehört in den letzten Nächten? Sei froh, du hast einen guten Schlaf … Und dann», fährt Séraphin fort, «kennst du dich auch in der Nachbarschaft hier noch nicht aus. Dabei müsstest du nur daran denken, wie der Berg heißt … Der Kamm, ja, wo der Gletscher ist … Die Diablerets …»

Das Getöse erstarb allmählich, wurde sehr leise, fast unhörbar, wie wenn ein leichter Wind die Blätter der Bäume bewegt.

«Du weißt doch, was man sich erzählt. Dass er dort oben wohnt, auf dem Gletscher, mit seiner Frau und den Kindern.»

Das Tosen war jetzt ganz verstummt.

«Da kommt es vor, dass er sich langweilt, und er sagt zu seinen Teufelchen: ‹Nehmt Wurfsteine.› Das ist dort oben auf der Platte, am Rand des Gletschers, dort wo der ‹Kegel› ist, du weißt doch, eben der Kegel des Teufels … Das ist ein Spiel, das sie machen. Sie zielen mit ihren Wurfsteinen auf den Kegel. Ah!, mit schönen Steinen, sag ich dir, mit Edelsteinen … Blau sind die, grün, durchsichtig … Ich kann davon erzählen. Denn es kommt vor, dass die Wurfsteine den Kegel verfehlen, und du kannst dir denken, wo sie dann hingehn, ihre Geschosse. Was kommt nach dem Gletscherrand, auf unserer Seite? Die Wurfsteine können nur noch fallen. Und manchmal sieht man sie fallen, wenn der Mond scheint, und gerade jetzt scheint der Mond …»

Er sagt:

«Willst du kommen und sehn? …»

War Antoine unruhig?, das weiß man nicht, aber neugierig war er. Séraphin war aufgestanden, er steht auch auf. Séraphin geht voraus. Séraphin macht die Tür auf. Wirklich schien der Mond ganz hell; sein Licht liegt weiß und glänzend vor ihnen auf dem festgetretenen Boden.

Ein Wiesengrund ist das hier, ein flacher Grund mit ein paar Hütten. Eine Art Ebene war das, aber eng umschlossen von den Felsen, die man rings sich auftürmen sah. Die beiden Männer schauen zuerst nach Süden, dorthin, wo der Mond erschienen war: hinter vielen Zacken hervor, die dort stehen; dann kehren sie sich nach Westen und sehen, wie dort die Bergwände anfangen, hoch sind sie noch nicht, und im Halbkreis von rechts nach links weitergehen.

Von allen Seiten waren sie so umstellt, überragt vom Bau des Gebirges, und so hebt Séraphin am Grund der Senkung seinen Arm. Man sieht seine Hand in der hellen Nacht. Séraphin zeigt auf etwas dort oben, tausendfünfhundert Meter hoch über ihnen.

Und es war leicht einzusehen, dass man auch von dieser Seite, von Norden her, ganz abgeschlossen war, und von Osten her auch, wo der Eingang zur Schlucht durch den ersten Vorbau des Bergs verdeckt war. Séraphin hebt den Arm, er lässt so eine neue Wand aufsteigen, höher noch als alle andern; diese große Wand ist aber ganz durchfurcht von engen Schrunden, wo in ständiger Bewegung kleine Wasserfälle hangen. Der Blick folgt ihr auch, von unten nach oben; dann zwingt der ausgestreckte Finger Séraphins die Augen anzuhalten.

Ganz dort droben war es, ganz am Rand der Bergwand, grade auf dem Kamm. Der Kamm hing stark vor, denn über ihn, ins Leere hinaus, trat der Wulst des Gletschers. Und etwas leuchtete dort oben schwach: eine helle Borte, eine schmale Leiste, die merkwürdig schimmerte, blau oder grün schien, je nach der Stelle; ganz durchsichtig in der durchsichtigen Luft, über der Weiße des Felsens, unter einem fast schwarzen Himmel, auf dem die ersten Sterne sich zeigten – das war die Bruchstelle des Eises. Und nichts regte sich mehr, nirgends, unter der körperlosen Asche des Mondlichts; man sah es weich durch die Lüfte gehen oder fein verteilt auf den Dingen liegen, wo immer es sich hatte festhalten können.

«Dort oben …»

Séraphin hielt noch immer den Arm in die Höhe:

«Ja, dort, wo es überhängt. Aber es sieht so aus, als käme heut Abend nichts mehr.»

Seine Stimme war laut in der Stille.

«Oh!», sagte er, «das ist da immer herabgekommen, so weit man zurückdenken kann.»

Er ließ den Arm sinken:

«Die alten Männer bei uns erzählten davon, zu ihrer Zeit. Und sie waren noch ganz klein, als sie die alten Männer schon davon erzählen hörten …»

Man hörte von Zeit zu Zeit das Klingen eines Glöckchens am Hals einer Ziege irgendwo in der Nähe. Die Alphütten standen rings verstreut. Das sind kleine Hütten aus ungepflastertem Stein. Die eine Schräge des Dachs lag schneeweiß im Mondlicht; die andere verschmolz mit dem Schatten, den sie auf den Boden warf.

Und die zwei Männer warten noch einen Augenblick, um zu sehen, ob nicht noch etwas herunterkomme, aber alles war jetzt unbeweglich und still.

Höchstens trug von Zeit zu Zeit ein Windhauch das ferne Rauschen eines Wasserfalls leise ans Ohr. Der Windhauch selbst war nicht stärker, als wenn einer mit der Hand über ein Gewebe fährt; denn er streifte flach über den Erdboden hin. Alles schlief bei den Menschen, alles schlief bei den Tieren. Und dort oben …

Dort oben, wo sie noch einmal hinschauen, war nur die schmale Borte aus Eis im Mondlicht zu sehen, so fein, so dünn, dass es mitunter aussah, als bewege sie sich wie ein Faden, den ein Luftzug aufhebt.

«Ich glaube, der Teufel ist schlafen gegangen», sagte Séraphin; «und uns bleibt auch nichts anderes übrig.»

Antoine gab keine Antwort; die beiden Männer gingen in die Hütte zurück, sie zogen die Tür hinter sich zu.

Sie schliefen auf Strohsäcken, und die Strohsäcke lagen auf Brettern, die übereinander an der Wand festgemacht waren und zwei Stockwerke bildeten, sie schliefen einer über dem anderen wie auf einem Schiff.

Antoine schlief auf dem oberen Lager.

Sie hängen ihre Schuhe an den Riemen über einen Bolzen, wegen der Ratten.

Antoine stieg zu seinem Bett hinauf.

«Gute Nacht», sagte Séraphin.

Er antwortete: «Gute Nacht.»

Und schon war sie da, in seinen Träumen, kaum hatte sich Antoine in die braune Wolldecke gewickelt und sich zur Wand gedreht. Warum geht es nicht? Da ist Thérèse.

Sie kommt, sie war wieder da, sie selbst und die Felder, sie fand Platz für sich und für sie in dem engen Raum zwischen der Wand und Antoine. Er sagt ihr Guten Tag, sie sagte ihm Guten Tag. Er sagt zu ihr: «Nun und?», sie sagt: «Nun eben.» Sie mussten sich weit draußen vor dem Dorf treffen, denn es gibt immer Neugierige. Immer gibt es Neugierige, immer gibt es Leute, die sich in etwas einmischen, das sie nichts angeht. Sie trug einen Rechen auf der Schulter; er sah, wie sie mit den Zähnen des Rechens die Wolken festhielt, während sie daherkam. Die Wolken fielen ihr auf den Kopf. Warum setzt er sich über ihr auf die Böschung? Er sieht bloß ihren Rücken; sie beugt sich vor, zwischen dem Haarknoten und dem roten Halstuch wird ein Stück braune Haut sichtbar. «Es geht also nicht?» – «Oh!», sagt sie, «nicht wegen mir.» – «Oh!, und wegen wem denn?» – «Oh!», sagt sie, «wegen meiner Mutter.»

Es ging nicht, in jener Zeit.

Sie beginnt zu rutschen. Er sagte: «Wart auf mich.» Sie rutschte immer schneller, im Sitzen, dabei bewegte sie sich kein bisschen. Es war, als fahre der Boden unter ihr weg; und so floh sie immer schneller vor ihm; aber auch er rutschte ab, und die Entfernung zwischen ihnen blieb gleich; darum konnte er reden mit ihr und sie ihm antworten, und es geht rasch. Er redete mit ihr, er sagte: «Pass aber auf, wenn die Rhone kommt!» Denn unten an dem Hang war die Rhone, und Winter ist es nicht, dachte er. «Meine Mutter sagt, wir haben nichts, um zu leben, wenn wir Kinder bekommen.»

Obacht!

Es hat einen Stoß gegeben, schläft er denn noch?

Der sonderbare Lärm, den er zu hören glaubte, geht weiter.

Ist das in seinem Kopf? In seinen Ohren tönt es wie von Wasser; er schläft, schläft er noch? Er dreht sich um auf seinem Lager, er sieht, dass die Hüttentür aufgeht; einer streckt vorsichtig den Kopf ins Mondlicht hinaus, das mitten über seinem Rücken aufhört, eine grade Linie zieht.

Wo ist sie?

«Ah!», sagt er sich, «das hat sich ja seither eingerenkt … Aber sicher, jetzt sind wir verheiratet, es ist jetzt so weit; das war früher …»

Er denkt: «Am Samstag …»

Er macht die Augen wieder auf; er sieht, da ist einer hinausgegangen: und das Viereck aus Mondlicht, draußen vor der Tür, ist leer wie eine Leinwand, auf der man noch nichts gemalt hat.

Auf einmal stürzt das Dach zusammen; einer der Balken, die es getragen hatten, fuhr mit dem einen Ende herab und zerschlug das Holzgestell, wo Antoine auf seinem Strohsack lag.

II

Derborence, das Wort klingt sanft; sanft und etwas traurig klingt es in uns nach. Es beginnt mit einem festen und bestimmten Laut, dann zögert es und sinkt, noch während man es klingen lässt, ins Leere: Derborence; als wollte es so auf den Untergang, auf die Einsamkeit und das Vergessen deuten.

Denn der Ort ist jetzt verwüstet, den es nennt. Er liegt fünf, sechs Stunden über der Ebene, wenn man von Westen, vom Waadtland her, kommt. Derborence, wo ist das?, und man sagt uns: «Das ist dort dahinter.» Lange steigt man einem Wildbach entgegen, schönem Wasser, das wie Luft ist über den Steinen des Betts. Derborence, das liegt zwischen zwei unregelmäßigen Bergkämmen, gegen die man zuerst lange hinaufsteigen muss; sie sind wie zwei Messerklingen, die mit dem Rücken im Boden stecken, und die Schneide steht in die Luft voller Scharten, ihr Stahl glänzt an einzelnen Stellen und ist an andern vom Rost zerfressen. Zur Rechten und zur Linken wachsen sie an, diese Kämme; je höher man steigt, desto höher steigen sie auch; und das Wort klingt sanft in uns fort, während wir an den schönen unteren Hütten vorbeikommen, lang gestreckten, sorgsam geweißten Hütten mit Dächern aus Schindeln, die ganz ähnlich wie Fischschuppen sind. Da gibt es Ställe für das Vieh und stattliche Tränken.

Man steigt weiter; der Hang wird steiler. Jetzt kommt man zu großen Weiden, die durch steinige Absätze ganz unterteilt sind, so dass Boden auf Boden folgt. Man gelangt von einem Boden zum andern. Nun ist man nicht mehr allzu weit von Derborence; man ist auch nicht mehr allzu weit vom Gletschergebiet, denn der Anstieg führt schließlich zu einem Joch, an der Stelle, wo sich die Bergketten aneinander drängen, gerade über den Weiden und Hütten von Anzeindaz, die dort wie ein kleines Dorf bilden. Bäume hat es schon lang keine mehr.

Auf einmal bricht der Boden unter den Füßen ab.

Auf einmal zieht der Horizont des Weidlands, der sich in der Mitte senkt, seine gebuchtete Linie vor einer Leere. Und man sieht, dass man da ist, denn ein riesiges Loch tut sich jäh vor einem auf, es hat ovale Form, es ist wie ein weiter Korb mit senkrechten Wänden, über die man sich beugen muss, denn man steht auf einer Höhe von fast zweitausend Metern, und der Boden des Korbs liegt fünf- oder sechshundert Meter tiefer.

Man beugt sich darüber, man streckt den Kopf etwas vor.

Ein kalter Hauch weht einem ins Gesicht.

Derborence, das ist zunächst ein Stück Winter, das uns mitten im Sommer entgegentritt, denn der Schatten verweilt dort fast den ganzen Tag und hält sich noch, wenn die Sonne am höchsten steht. Und man sieht, dass es da nur noch Steine gibt, Steine und nochmals Steine.

Die Wände fallen grad herab auf allen Seiten, mehr oder weniger hoch, mehr oder weniger glatt, und der Weg gleitet zu der Wand unter uns, krümmt sich dabei um sich selbst wie ein Wurm; und wo wir auch hinschauen, vor uns, links und rechts von uns, aufrecht oder flach am Boden, schwebend in der Luft oder niedergestürzt, als Sporen hervortretend oder zurückgerafft oder in enge Schründe gefaltet – überall Fels, nichts als der Fels, nichts als seine immer gleiche Nacktheit.

Die Sonne, die teilweise auf ihm liegt, färbt ihn noch auf verschiedene Weise, denn eine der Bergketten wirft ihren Schatten auf die andere, die Kette im Süden wirft ihren Schatten auf die Kette im Norden: man sieht, ganz oben sind die Wände gelb wie reife Trauben oder rot wie Rosen.

Darunter ist eine seltsam geschnittene Linie, die Grenze des Schattens.

Aber der Schatten steigt schon, er steigt immer weiter; er dringt unwiderstehlich herauf wie das Wasser in einem Brunnenbecken; und wie er steigt, erlischt alles, erkaltet alles, verstummt alles, schwindet und stirbt; während eine gleiche traurige Farbe, ein gleicher bläulicher Ton sich unter uns wie ein feiner Nebel ausbreitet, durch den man zwei kleine düstere Seen noch ein wenig glänzen, dann blind werden sieht, flach in der Wirrnis wie Dächer aus Zink.

Denn da ist noch dieser Boden, und schaut man gut hin: so rührt sich dort nichts. Man kann lang hinschauen und gut Acht haben: von den hohen Wänden im Norden bis zu denen im Süden ist nirgend ein Platz für Lebendiges. Sondern alles ist bedeckt von dem, was Leben verhindert.

Etwas liegt hier überall zwischen dem, was lebt, und uns selber. Das ist zunächst wie Sand, ein Kegel, mit der Spitze halb in die Nordwand verstrebt; und von dort aus, überall zerstreut wie Würfel aus dem Becher, wirkliche Würfel, Würfel von allen Größen, ein viereckiger Block, noch ein viereckiger Block, Blöcke aufeinander, hintereinander, kleine und große, so weit man sieht.

In früherer Zeit dagegen zogen sie in großer Zahl hinauf, nach Derborence; ja man versichert, dass es gegen hundert waren, die hinaufzogen.

Sie stiegen durch die Schlucht, die sich am anderen Ende zur Rhone hin öffnet; sie kamen von Aïre und von Premier, das sind hoch gelegene Walliser Dörfer am Nordhang des Rhonetals.

Sie brachen gegen Mitte Juni auf mit ihren kleinen braunen Kühen und mit ihren Ziegen; sie hatten droben zum eigenen Gebrauch viele Hütten aus ungepflastertem Stein mit Schieferdächern gebaut; dort blieben sie zwei, drei Monate.

Diese Weidgründe waren in jener Zeit vom Mai an schön grün gefärbt, denn dort oben führt dieser Monat den Pinsel.

Dort oben (man sagt «dort oben», wenn man vom Wallis kommt, aber wenn man von Anzeindaz kommt, sagt man «dort drüben» oder «dort hinten») ließ der Schnee dicke Polster zurück bei der Schmelze; an ihrem Rand, in der schwarzen Feuchtigkeit, die das alte Gras mit einer Art mattem Filz halb verdeckte, ließ er allerlei kleine Blumen hervorkommen; sie öffneten sich am äußersten Rand einer Eisborte, die dünner als Fensterglas war. Allerlei kleine Bergblumen mit ihrer besonderen Leuchtkraft, ihrer besonderen Reinheit, ihren besonderen Farben: weißer als der Schnee, blauer als der Himmel, strahlend orange oder violett: Krokusse, Anemonen, Apothekerprimeln. Sie bildeten von fern gesehen zwischen den grauen Schneeflecken, die sich zusammenzogen, andere Flecken, die in der Sonne glänzten. Wie auf einem Seidentuch, wie auf den Tüchern, welche die Mädchen in der Stadt unten kaufen, wenn sie zum Markt gehn, am Peterstag oder am Josephstag, und die übersät sind mit kleinen Sträußen. Dann verwandelte sich auch der Grund des Stoffs, wenn der Schnee endlich ganz geschwunden war. Alles wurde grün: das Gras kommt wieder hervor; das ist, wie wenn der Maler zuerst grüne Farbe hätte von dem Pinsel tropfen lassen, und die Tropfen flößen dann ineinander.

Ah! Derborence, du warst schön, du warst schön in jener Zeit, wenn du dich schmücktest von Ende Mai an, für die Männer, die kommen würden. Und sie ließen nicht auf sich warten; sobald du das Zeichen gabst, kamen sie. An einem Nachmittag ließ das eintönige, dumpfe Rauschen des Wildbachs in seiner Schlucht das Klingen eines Viehglöckchens frei; das Rauschen wurde durchbrochen, zerteilt. Ein erstes Tier tauchte auf, dann zehn, dann fünfzehn, dann bis zu dreihundert.

Der kleine Geißenhüter blies auf seinem Horn.

Überall hatten sie schon das Feuer angefacht in den Hütten; überall schwebte, aus den Kaminen oder durch die Türlöcher hinaus, eine hübsche kleine Fahne bläulich und zart in die unbewegte Luft.

Die Rauchfahnen wuchsen, sie wurden flach an den Enden, sie vermischten sich droben; sie bildeten über den Dächern eine durchsichtige Fläche, ähnlich einem Spinngewebe, das sorgfältig ausgespannt ist.

Und darunter fing das Leben wieder an, bei diesen Dächern, die nicht weit voneinander lagen, wie kleine Bücher auf einem grünen Teppich, all diese grau gebundenen Deckel; bei den zwei, drei kleinen Bächen, die da und dort aufglänzten, wie wenn einer ein Schwert aufhebt; mit runden Tupfen, mit ovalen Tupfen, die sich rings bewegten, und die runden waren die Männer, die ovalen die Kühe.

Als Derborence noch bewohnt war; bevor der Berg eingestürzt war.

Doch jetzt eben ist er eingestürzt.

III

Die von Anzeindaz haben gesagt: «Mit einer Artilleriesalve hat es angefangen; die sechs Geschütze der Batterie haben gleichzeitig gefeuert.»

«Dann», sagten sie, «ist ein Windstoß gekommen.»

«Dann ein Gewehrschießen, mit Salven und Rottenfeuern, wie wenn es uns gegolten hätte; der ganze Berg hat da mitgemacht.»

«Der Wind stieß die Tür ganz weit auf, wie mit einem Fußtritt. Die Asche aus dem Herd ist uns auf den Kopf gefallen, als schneite es in der Hütte …»

«Wir sind ja auch hier auf dem Joch gar nicht weit unter der Stelle, wo sich der Bergsturz gelöst hat, nur ein wenig zurück und zur Seite. Und der erste Lärm kam vom Überhang, der hinunterkrachte; und dann ging der Krieg los von einer Kette zur andern, von einem Kamm zum andern, von einer Spitze zur andern; wie Donner ging das um jedes der Hörner, die da im Halbkreis nebeneinander stehn, von der Argentine bis zu den Dents de Morcles, von den Rochers du Vent bis zum Saint-Martin.»

Sie waren schon auf. Sie waren zu dritt. Sie fanden ihr Feuerzeug nicht.

Das Vieh, das man zur Nacht hereingenommen, aber nicht angebunden hatte, drängte sich im Stall und drohte alles auf den Kopf zu stellen.

Zuerst müssen die Männer wieder Ordnung in die Herde bringen.

Sie hatten eine Laterne mit Hornscheiben, die sie zwar nicht gebraucht hätten, denn es war heller Mondschein in jener Nacht; aber bald sehen sie mit Staunen, wie der Mond ein wenig schwärzlich, ein wenig fahl wird, trüb wie bei einer Finsternis, während der Schein der Laterne umso klarer wird und auf dem kurzen Gras vor ihren Füßen einen Kreis bildet.

Sie gehen nicht lang. Sie begreifen geschwind. Sie sehen vor sich die bleiche Wolke aufsteigen. Die Stille kam allmählich wieder; doch die Wolke wächst hinter dem Berggrat, der ihnen die Gründe von Derborence verdeckte; sie war dort wie eine Mauer, die hinter einer Mauer aufsteigt. Wie ein Nebel, aber langsamer, schwerer; und ihre Masse drängte über sich selber hinauf, wie Teig, wenn er aufgeht, wenn der Bäcker ihn in den Trog getan hat, und er schwillt in dem Trog, er läuft über.

Das ist der Berg, der eingestürzt ist.

Die Männer husteten, sie mussten niesen; ein Prickeln kam ihnen unter die Lider; sie senkten den Kopf und suchten sich mit dem Hutrand zu schützen.

Aber das war ein feiner Staub, ein ungreifbarer Staub, der überall hing, alles durchdrang; und sie haben wohl oder übel hineintauchen müssen, denn er kam jetzt über sie herab. Sie tun ein paar Schritte darin, dann noch ein paar Schritte, sie bleiben stehen; und einer sagt sogar:

«Ist das klug, noch weiterzugehn?»

Er sagte:

«Hält denn das unter uns? Und wir sehn bald nichts mehr.»

Der Stolz treibt sie aber noch vorwärts.

Und man hört auch immer seltener etwas, in immer größeren Abständen, es tönte immer dumpfer, immer mehr von innen, wie am Anfang einer langen Verdauung; es kam jetzt von unten und wie aus der Erde heraus; so dass die drei Männer leichter vorankommen bis an den Rand der Leere, dorthin wo das Joch ist.

Sie sahen nichts. Sie sahen nur die weiße Masse, die sich da bewegte. Sie hatten bald gar keine Sicht, bald erkannten sie durch eine Spalte oder einen Riss in dem Qualm gerade ihn selber, aber er lag über allem. Er lag nicht nur über dem Boden der Senke, sondern auch vor den Wänden rings um sie her; und so konnte man nicht ausmachen, wo sich der Bergsturz gelöst hatte, und man konnte ihn selber nicht ausmachen; nichts konnte man ausmachen, noch nichts als diesen Brodem, wie wenn man in einen Wäschetrog schaut; nichts als seinen eigenen Tumult, auf den der Mond ein unbestimmtes Licht warf, wie gerötet von ihm, er stand rot am Himmel, dann verschwand er am Himmel, dann erscheint er noch einmal.

Die Laterne, die neben den Männern stand, wurde schwächer, gewann wieder Kraft, sie nahm wieder ab; die Männer hatten sich auf den Bauch gelegt, sie streckten nur den oberen Teil des Gesichts über den Rand, die Stirn und die Augen.

Und einer sagt:

«Wie viel meinst du, dass da unten waren?»

«Weiß der Himmel!»

Der Dritte sagt:

«Kommt drauf an, ob schon alle droben waren oder nicht … Fünfzehn, zwanzig …»

Sie hatten sich jetzt fast an die Stickluft gewöhnt, muss-­­ten nur dann und wann husten, sie blieben auf ihrem Pos­ten; leise hatten sie zu reden begonnen; und dazu grollte es dumpf unter ihnen; und da sie mit dem Bauch an dem Berg lagen, hörten sie mit dem Bauch das Grollen des Bergs, das heraufstieg durch ihre Körper bis zu ihrem Gehör.

Während sie dalagen, die drei, und den Kopf schüttelten und sagten:

«Und wie viel Vieh?»

«Weiß der Himmel – gut hundert Stück.»

Und da seufzt einer von ihnen; und da seufzt auch der Berg, er hebt schwer seine steinerne Brust, lässt sie schwer wieder sinken.

Die vom Sanetsch eilten auch herbei, also die von der Nordwestseite, vom anderen Ende der großen Fluh; sie hielten sich über dem Durchgang vom Porteur de Bois, der durch Kamine grad zu den Weidgründen dort hinabstößt. Und sie redeten zueinander in ihrer Sprache, in einer Sprache, die man nicht versteht, denn sie ist deutsches Geröll; sie redeten und machten Handbewegungen, die keiner sah, die sie selber nicht sahen. Sie hatten ein ganzes Karrenfeld überqueren müssen, um bis dahin zu kommen; das sind Felsen, die schon vor langer Zeit das Regenwasser zerwaschen hat, sie gleichen einem erstarrten Meer, mit ihren Kämmen, Furchen, Überhängen, die alle voll runder Löcher sind. Und auch sie, die Männer vom Sanetsch, fragten in die Tiefe hinab, aus der zur Antwort nur unerklärliches Grollen, sinnloses Brummen heraufkam; aus der nur die Zungen und Wirbel aus Staub emporstiegen.

Sie wurden hineingenommen, sie hatten einen Ge­­schmack von zermalmtem Schiefer im Mund; sie waren in einer Wolke, dann wieder in einer Wolke; eingehüllt, dann weniger dicht eingehüllt, dann noch einmal eingehüllt.

Die von Zamperon dagegen haben sich an ihren Strohsäcken festgeklammert, bis der Tag anbrach. Das sind drei oder vier Hütten, zu denen die Leute von Premier hinaufziehn, von dem Dorf gleich neben Aïre. Zamperon, die drei, vier Hütten liegen ein wenig unterhalb Derborence, am Ausgang zu der Schlucht, die hinabführt zur Rhone. Die Bewohner sind also gerade in der Linie des Luftdrucks gewesen, als der herabkam, die Steine von den Dächern riss, ja von zwei, drei kleinen Schobern dort die ganzen Dächer forthob und wie Strohhüte davontrug, auf einem Vorsprung des Bergs einen Jungholzbestand wegfegte und durch die Löcher der ungepflasterten Mauern die Männer auf ihren Strohsäcken wie mit Stockspitzen anstieß, von ihren Lagern warf.

Man hörte die Käsezuber stürzen, die Bänke umfallen, hörte an den Türen unsichtbare Hände rütteln. Zur gleichen Zeit bewegt es sich und grollt, zur gleichen Zeit kracht es und pfeift; das ging in der Luft vor sich, an der Erdoberfläche, unter dem Boden, als vermischten die Elemente sich alle; man unterschied nicht mehr, was Lärm, was Bewegung war, was der Lärm bedeutete, wo er herkam und wo er hinging; als wäre das Ende der Welt da. So dass sich die Männer von Zamperon an den Betträndern festhielten, um nicht hinausgeschleudert zu werden, und platt liegen blieben, eher tot als lebendig. Starr, ohne zu schreien, den Mund vor Schrecken geöffnet, aber den Mund voller Schweigen, von Schauern geschüttelt, in allen Gliedern von der Lebenskraft verlassen, rührten sie sich lange Zeit nicht. Dann kam die Luft allmählich zur Ruhe, war wieder wie sonst; der Lärm entfernte sich allmählich, wurde schwächer; und allmählich hört man nur noch dumpfe Verschiebungen, fernes Rutschen: sie sagten noch immer nichts, sie riefen einander noch nicht.

Sie haben warten müssen, bis der Tag anbrach, zum Glück kommt er in dieser Jahreszeit früh. Von halb vier Uhr an regt es sich sonst schon, flackert es bleich und unbestimmt über den Kämmen des Bergs im Osten, lässt einen Stern nach dem andern vom Himmel fallen wie die Früchte vom Baum, wenn sie reif werden. Aber an diesem Morgen ist da kein Berg und auch keine Sonne. Der Tag kommt zu spät und breitet sich mühsam aus und beginnt nicht an einem bestimmten Punkt am Himmel. Man sieht, dass ein gelber Nebel den ganzen Raum füllt, und der erste Mann, der aus seiner Hütte kommt, staunt darüber, und er staunt, weil er selber darin steht, und dann macht ihn anderes staunen, und er weiß noch nicht einmal, was.

Da war einer, der Biollaz hieß, aus Premier.

Er hatte sich auf seinem Strohsack aufgerichtet, weil man jetzt etwas sehen konnte, und hatte seinem Nachbarn gerufen; er sagt zu ihm: «Kommst du?» Keine Antwort. Er rief nochmals: «Loutre! He, Loutre», und keine Antwort. «Oder bist du tot?», fragte er ihn.

Er sah den Himmel durch ein Loch, das der Wind in der Nacht durch das Dachwerk gestoßen hatte; dieses Loch war grad über ihm, es war groß genug, dass ein Mann hindurchging. Und er, da er noch immer keine Antwort hörte, streckt ein Bein unter der Decke hervor, ein Bein in der Hosenröhre, denn er schlief in den Kleidern; so bleibt er und horcht. Da war nichts, immer noch nichts; er nimmt das andere Bein hervor: «Loutre?»

Aber da hat sich Loutre nun doch bewegt.

Biollaz sieht Loutre, der ihn jetzt anschaute, auf seinem Bett saß; er sagt zu ihm: «Kommst du denn nicht?» Der andere schüttelt den Kopf. «Dann halt nicht, ich geh trotzdem.»

Biollaz steht auf. Es ist jetzt ganz hell in dem Raum, dank dem Loch in der Decke, so dass Biollaz leicht vorwärts kommt und nur feststellt, wie in der Hütte alles am Boden herumliegt, wie die Sachen, die an Bolzen hingen oder auf Borden standen, ihre Bolzen und ihre Borde verlassen haben, wie die Milchkübel umgekippt sind.

Biollaz findet seinen Weg zwischen den Pfützen hindurch bis zur Tür.

Er will sie aufmachen; die Tür geht nicht mehr auf. Die Mauer hat sich gesenkt und den Rahmen verschoben.

Biollaz muss durch das Loch aufs Dach steigen, Loutre hilft ihm nun schließlich.

Loutre hält ihn an den Beinen; Biollaz kommt so ins Freie, und da er draußen zu Boden springt, staunt er über den Nebel, in dem er steht, er staunt auch, wie groß die Stille ist.

Denn etwas fehlt; etwas war da und ist jetzt nicht mehr da; Biollaz versucht darauf zu kommen, was es war; auf einmal hat er es: Man hört den Wildbach nicht mehr, und dabei führt er zu dieser Zeit doch am meisten Wasser.

«Loutre, Loutre, wo bist du?»

Loutre:

«Hier.»

«Loutre, hörst du … Die Lizerne …»

Da sagt Loutre:

«Ich komme.»

Draußen finden sie sich wieder. Sie gehen miteinander auf dem Weg, der von Schieferplatten übersät ist, der Wind hat sie herabgetragen, und sie sind beim Fallen mittendurchgebrochen und haben Fasern wie Holz.

Aus den anderen Häusern kamen sie auch.

Sie konnten einander von weitem kaum sehen, und aus der Nähe erkannten sie sich nicht einmal, erschreckten einander mit ihren entstellten Gesichtern.

Sie reden noch kaum; sie seufzen, sie sehen sich an, sie schütteln lange den Kopf. Und wie sie zum Haus der Donneloye kamen, geht auf einmal die Tür auf; ein junger Bursche kommt heraus, er schaut sie an, aber sieht er sie überhaupt?, denn plötzlich läuft er davon, auf dem Weg zum Tal. Sie rufen ihm: «He! Dsozet!», er hört nichts. Sie rufen ihm: er ist schon verschwunden, aufgeschluckt von der dicken Luft, die sich auftut, sich wieder schließt.

Sie gehen weiter auf dem Weg, der nach Derborence führt. Keine Viertelstunde ist es dorthin. Sie kämpften sich durch eine Art Nebel, wie aus Fetzen schmutziger Watte, die hintereinander hingen, mit Lufttaschen dazwischen, wie die Seiten eines Buchs, die oben der Einband zusammenhielt, die sich unten auffächerten. Aber der Nebel zerfaserte immer mehr, und immer mehr Licht drang herein; schließlich können sie sehen, was vor ihnen ist. Das heißt, sie bleiben stehen auf dem Weg und sehen, dass der Weg versperrt war. Sie sehen, dass da eine große Mauer über den Weg ging und dass über den Weg etwas lag wie der Vorbau einer Befestigung, mit einer Brustwehr, mit Wehrgängen, Schießscharten, Zinnen. Die Mauer stand da vor ihnen, sie war über Nacht herabgekommen; herabgekommen von wo?, das sah man noch nicht. Aber sie war da, sie bildete eine Sperre, mit großen und kleinen Blöcken, mit Sand, mit Geröll, mit Mörtel, und das Bett des Wildbachs, das darunter hervorkam, war ausgetrocknet, zeigte den nackten Grund, ein paar Lachen waren da sitzen geblieben.

In diesem Augenblick ruft ihnen einer zu: «Bleibt stehn!»

Das war der alte Plan, der die Schafe hütet in den hohen Schluchten der Derbonère.

Von ihnen aus links, nach Südwesten hin, öffnet sich in der Bergkette ein sehr steiler Trichter, so felsig und karg, dass nur die Schafe dort weiden.

Man sieht die Herde durch das Gestein purzeln, und sie ist selbst wie ein Steinschlag.

Man sieht sie am Grund einer Senke, und sie ist wie ein kleiner See mit rauem Wasser, wenn ein wenig Wind darüber hinfährt.

Man sieht sie über die Hänge irren, wo sie wie der Schatten einer Wolke ist.

Man sah sie, und vor ihr war der alte Plan:

«Bleibt stehn!»

Er hockt oben auf einem Felsblock, dort streckte er die Hand gegen sie aus:

«Geht nicht weiter!»

Der Kopf mit seinem weißen Bart bewegt sich, er trug eine lange Pelerine. Und die Pelerine war rostfarben, moosfarben, rinden- und steinfarben; sie hatte die Farbe der Dinge da droben, kannte wie sie seit langem den Brand der Sonne, die Regengüsse, den Schnee, die Kälte, die Hitze, den Wind, Aufruhr und Stille der Luft, die lange Reihe der Tage und Nächte:

«Geht nicht weiter! D… I…»

Er lachte:

«D… I… A… B… Ihr versteht.»

Und wie er so redete, sah man, dass sich etwas bewegt, dort vorn in den Steinen; da kam einer, oder er versuchte zu kommen.

Sie sehen, dass es ein Mann ist, doch dieser Mann hielt sich kaum mehr aufrecht, er tat einen Schritt; er musste sich mit beiden Händen an den nächsten Fels klammern, um wieder einen zu tun, doch er wagte ihn, fiel dann zur Seite.

«Ah!», sagen sie, «das ist Barthélemy!»

Und sie laufen ihm entgegen, während man den alten Plan rufen hörte:

«Obacht!, nicht weiter … He dort, bleibt stehn!»

IV

Thérèse hatte sich am Abend vorher auf die Bank gesetzt, vor ihrem Haus. Sie saß da in ihrem braunen Rock mit vielen Falten, aus dem die Ärmel ihres Hemds aus dickem Hanftuch hervorsahen. Sie saß da, saß vornübergebeugt, die Arme auf den Knien; sie schaute halb ins Leere, halb sah sie unter sich, über die kleinen Bäume des Obstgartens hinweg am Fuß des großen Abhangs den Talgrund, die Ebene, eine weite Ebene, glatt wie ein Blatt Papier, wo die Rhone fließt.

Ah, das dauert!, ah, das zieht sich! Erst acht Tage ist er fort, aber acht Tage sind wie acht Monate!

Sie ließ den Kopf nach vorn sinken; das war die Rhone, die sie dort sah, auf dem flachen Grund, der grün war. Die Rhone war grau und weiß, sie hatte ein viel zu breites Bett, denn ihr Lauf führt Sand und Steine mit, die sich an den Ufern festsetzen (darum hat man sie dann korrigiert).

Sie zeichnete sich ab wie eine Straße auf der Landkarte, ihr Bett war eigentümlich gewunden und launenhaft mit seinen Rändern aus grauem Lehm; und sie selber lief in der Mitte dahin, und man sah, wie sie sich in der Mitte bewegte, ihr Grau war heller, fast weiß, sie wand sich auf dem Bauch wie eine Viper.

Das dauert dort auch, dort ändert sich auch nichts; ­

ah, man kennt sie doch, diese Rhone, nur zu gut kennt man sie!

All die Zeit, dachte sie, all die Zeit, da sie uns ihre immer gleiche Geschichte erzählt (man hätte sie hören können, wenn man gelauscht hätte, noch besser hört man sie nachts), brummelnd wie ein alter Mann, der da faselt.

Vielleicht kommt ja Antoine am Sonntag heim, aber dann muss er wieder hinauf. Kaum sind wir beisammen, sind wir getrennt; kaum verheiratet, wieder geschieden; kaum zueinander gekommen, auseinander geschickt; wenn doch Antoine für immer heimkommen könnte!, und ich seh mir die Rhone an; wenn man zu zweit ist, hat man da Zeit, sich um sie zu kümmern?

Ich hab lange Zeit – lange Zeit …

Man hörte Schritte hinter dem Haus, denn die Leute kamen heim, ihre Suppe zu essen.

Der Tag war zu Ende; er beginnt um vier Uhr, er endet abends um acht.

Sie kamen heim; man hörte ihre Schritte, bald dumpf, bald knirschend; dumpf wegen des Straßenkots, knirschend wegen der dicken Steinplatten, die in Abständen hineingelegt sind wie zu einer Furt und in die sich beim Auftreten die Schuhnägel einhaken.

Ihr wurde kalt an den Schultern.

Hier auf der Vorderseite haben die Häuser zweifarbige Mauern, unten weiß, oben braun; auf der andern überragt die niedrigere Rückwand kaum den engen Durchgang zwischen ihnen und der nächsten Häuserreihe; so sind sie schwarz und weiß nach vorn hin, sind nach vorn hin reinlich geordnet, getrennt wie in einem Garten die Bienenstöcke; hinten hinaus ganz schwarz und verschwommen in dem Schatten, den sie auf den morastigen Durchgang werfen.

Und vor den Häusern war niemand, doch hinten in der Gasse, da kamen und gingen in einem fort Leute: Frauen, den Rechen auf der Achsel, kleine Mädchen mit Wassereimern und nur ein, zwei Männer, denn im Sommer sind aus einem solchen Dorf fast alle, die alt genug und kräftig genug sind, zu Berg gezogen, und nur die Gebrechlichen und die Alten und die nicht ganz Gescheiten bleiben zurück.

Das Wetter war sehr schön. Sie sah zwischen ihren Füßen kleine rote Ameisen, die in einer Reihe ihre Eier trugen, unten in der engen Furche, die sie in den Staub gelaufen hatten; auch das eine Art Gasse, denn die Ameisen sind wie wir, dachte sie; die Ameisen mit ihren Eiern, die dicker sind als sie selbst, wie wir mit unseren Heubündeln, die auch dicker sind als wir selber …

Aber da wird ihr wieder kalt zwischen den Schultern, dabei steigt ihr eine Blutwelle in die Wangen, heiß unter die Haut, und braust ihr in den Ohren. Das Atmen macht ihr Mühe.

Was ist das?, was stößt ihr zu?

Sie fragt sich; und ein Gedanke meldet sich in ihr: Sie ist ja verheiratet, seit zwei Monaten ist sie verheiratet.

Ah! Könnte es das sein?

Wieder wechselt sie die Farbe, ihre braune Haut ist gelb geworden, die Lippen sind grau, und dann wird ihr ein wenig schlecht; ah, das ist sicher das, sagt sie sich; was könnte es sonst wohl sein?, denn sie ist doch gesund.

Sicher ist es das!, da wird sie noch einmal anders, das Blut steigt ihr wieder ins Gesicht, die Lippen sind wieder so rot wie ihr Tuch, sie hat den Kopf zurückgelegt, sie hat den Kopf an die Mauer gelehnt, und ihr dicker Haarknoten macht, dass es weich ist hinter dem Kopf.

So istʼs gut, sie bewegt sich nicht. «Denn wenn es das ist … Wenn es das ist, bin ich dann nicht mehr allein. Und wir sind zu zweit, solang er fort ist, und wenn er wieder da ist, sind wir zu dritt …»

Ihr gegenüber, grad auf ihrer Augenhöhe, sind ­

die Berge. Da hat es nicht nur einen oder zwei oder zehn, sondern viele hundert; sie sind im Halbkreis geordnet,

wie ein Blumengewind, das unten am Himmel aufgehängt ist.

Das geht höher als die Wälder, höher als die Weiden, höher als die Felsen; da ziehn sich all diese Schneefelder, all die gefärbten Eiswände hin, die seltsam gelöst sind von dem, was sie trägt, die sich getrennt haben von ihrem Unterbau, der schon schwarz ist vom Schatten. Je mehr der Schatten wächst unter ihnen, desto leichter werden sie, desto größer wird ihre Helle, die aus allem Rosa, aus allem Rot, aus allen Gold- und Silbertönen gemacht ist.

Da wird es ihr weich um das Herz. Im April, bei der Heirat, blühten die Pfirsichbäume. Sie fangen wieder zu blühen an, das ist ein Versprechen. Sie geht mit den Augen noch einmal über die Bergkette: das ist, wie wenn der Pfirsichbaum blüht, ja, wie wenn sich die Buschrose auftut, wie wenn der Quittenbaum, unsicherer, scheuer, später als die andern, zuletzt seine kleinen malvenfarbigen Büschel aufsteckt; denn die Berge beginnen jetzt bleich zu werden, zu verblühen; sie verwelken, sie werden grau; doch was macht das?, sagt sie sich, morgen blühen sie wieder.

Niemand ging mehr durch die Gasse. Die Frauen riefen die Kinder herein. Sie kamen auf die Türschwellen, sie riefen einen Namen, zwei-, dreimal hintereinander, dann riefen sie wieder einen Namen.

Und auf einmal merkte Thérèse, dass sie sich verspätete, dass ihre Mutter sicher auf sie wartete, denn sie aß bei ihrer Mutter, seit Antoine nicht mehr daheim war.

Sie beginnt zu laufen. Sie läuft durch die Gärten, um niemanden anzutreffen, sonst müsste sie stehen bleiben und würde noch mehr Zeit verlieren. Sie sieht die Tür am Haus ihrer Mutter, ein rotes Viereck über der Außentreppe, die sie hinaufrennt, sie hält sich am Geländer, weil sich ihr der Kopf ein wenig dreht.

«Nun», hört sie sagen, «es war höchste Zeit …»

Man sieht Philomène, die ganz schwarz vor dem Herd steht, wo der Kessel am Haken hängt. Philomène dreht den Kopf nach ihr um, da sie hereinkommt, dann sagt sie: «Los, mach schnell Licht.»

Thérèse nimmt einen Lärchenzweig – an diesem Abend des 22. Juni, gegen halb neun Uhr vielleicht, während Séraphin und Antoine vor dem Feuer in Derborence saßen, sie saßen vor dem Feuer, Séraphin und Antoine, und die Sterne traten einer nach dem andern hervor, und der Mond ging auf. In der großen schwarzen Küche gibt es eine helle Stelle, das Feuer, ihre Mutter steht davor; Thérèse nimmt den Lärchenzweig, und den Lärchenzweig streckt sie zum Feuer – am 22. Juni. Sie wendet sich um, sie hält in den Händen, die inwendig hell sind, das kleine zitternde Licht, sie bringt es zu dem ölgetränkten Docht der Lampe, die an ihrer Kette unter einem Deckenbalken hängt.

Man sieht, dass auf dem gut gefegten Nussbaumtisch zwei Zinnteller einander gegenüberstanden.

Und Philomène kommt mit dem Kessel, den sie gleich auf den Tisch stellt, auf ein rundes, tannenes Brettchen, dann setzt sie sich an den Tisch, und sie sagt nichts weiter.

Philomène beginnt ihre Suppe zu essen; am 22. Juni, während sechshundert Meter tiefer, in der Ebene unten, die Rhone weiter auf dem Bauch kriecht und den Bauch an den Steinen reibt, das macht in der Luft ein Geräusch, wie wenn einer durch dürres Laub geht.

Auf einmal hört Philomène auf zu essen, sie hält ihren großen runden Zinnlöffel halbwegs zwischen Teller und Mund:

«Was hast du?»

«Nichts.»

«Warum isst du dann nicht?»

«Ich weiß nicht», sagt Thérèse, «ich hab keinen Hunger.»

Philomène zuckt die Achseln.

«Oh, natürlich, weil er nicht da ist … Nun komm, armes Kind. Das passiert nicht nur dir … Mich hat dein Vater auch allein gelassen, den ganzen Sommer, wenn er zu Berg ging …»

Sie redete nicht sanft, denn ein Rest von Gereiztheit war noch in ihr, ohne dass sie es merkte; sie sagt weiter:

«Und dann hast du ihn dir ja ausgesucht, deinen Mann, oder nicht? Du weißt doch, was der Brauch ist hierzuland, seit du auf der Welt bist; du hast wissen müssen, dass man bei uns mindestens zwei Monate im Jahr Witwe ist …»

Aber Thérèse schüttelt den Kopf.

«Das ist es nicht.»

«Was ist es denn?»

«Ich weiß nicht.»

Am 22. Juni, gegen neun Uhr am Abend, unter der Öllampe mit ihrer kleinen gelben Flamme, die aussieht wie ein umgekehrtes Herz.

«Du weißt nicht?»

«Nein», sagt sie, «nur ein bisschen schlecht ist mir.»

«Schlecht ist dir?»

«Und dann dreht sich mir auch der Kopf.»

«Ah!», sagt Philomène, «seit wann denn?»

«Seit heute.»

«Hast du deine Tage?»

Thérèse sagt nichts. Und man sieht, dass Philomène jetzt lächelte, das war nicht mehr vorgekommen seit der Heirat ihrer Tochter, und ihre Tochter ansah; dann sagt sie:

«Oh!, wenn es das ist, das ist eine gute Krankheit; ja, das ist eine von den Krankheiten, die man willkommen heißt, wenn sie eintreten.»

Während Thérèse noch einmal spürte, wie ihr alles Blut ins Gesicht steigt, eine heiße Welle unter der Haut, und wieder vergeht:

«Das ist sicher das … Und man wirdʼs ja bald wissen … Oh!», sagte Philomène, «das ist eine gute Krankheit. Du musst keine Angst haben, und du musst dich auch nicht zwingen. Wenn du keinen Hunger hast, iss nicht … Ich mache dir eine Tasse Kamillentee, und dann gehst du schlafen …»

Und sie sagt:

«Und Antoine, der weiß nichts davon? Ah, gut! Das wird eine schöne Überraschung für ihn.»

Sie war schlafen gegangen.

Das war in ihrem eigenen Haus, in einem Haus, das für sie beide wiederhergerichtet worden war. Das Bett war ein großes Bett aus Lärchenholz, ein Bett, das gleich breit wie lang war, das mit Bolzen an der Wand befestigt war und das sich auf seinen hohen Füßen fast bis zur Decke erhob.

Ich kann mich quer hineinlegen, wenn er nicht bei mir ist.

Aber er wird bald wieder kommen, er wird vom Berg herabkommen; und dann werde ich ihm sagen: «Mein Herr, steigt ins Bett.»

Sie fand es lustig, an ihn zu denken, an diesem Abend des 22. Juni, weil da Platz für zwei war. Sie sagte zu ihm: «Du riechst nach dem Berg, du Schlimmer; du riechst nach Rauch und nach Bock … Das macht nichts, mein Herr», sagte sie, «kommt trotzdem zu mir her, denn ich bin allein, und ich friere … Und dann muss ich dir etwas sagen.»

Wozu hätten sie uns ein so breites Bett gemacht, als dass wir darin zu zweit sind? «Ich kann der Länge nach drinliegen, siehst du, aber ich kann auch quer drinliegen, wenn ich will, das ist langweilig; komm schnell zu mir.»

Sie würde zu ihm sagen: «Leg dich da her, aber du darfst mich nicht anrühren … Ich muss zuerst mit dir reden, es ist ein Geheimnis … Versprich, dass duʼs niemandem sagst. Versprichst duʼs?»

Ich halte ihm die Hände fest, wennʼs sein muss. Ich sage zu ihm:

«Rühr mich nicht an … Mein Herr, oh!, mein schöner Herr, was Ihr da tut, ist verboten.»

Sie sah schon, wie alles gehen würde: «Antoine, mein Antoine, noch nicht …» Und er würde sagen: «Einen kleinen Kuss, nur einen …» Sie würde sagen: «Wohin?» – «Auf das Augenlid.» – «Nein», sagte sie, «denn ich muss dir zuerst etwas sagen. Dreh dein Gesicht hinauf, ich lege meinen Kopf flach hin, so sticht mich dein Bart nicht mehr. Und so hab ich dein Ohr ganz nahe am Mund, das ist wegen des Geheimnisses, das ich dir sagen muss, Antoine …»

Sie dreht sich wieder um in dem großen Bett; die Nachtstunden setzten sich in Gang. Vielleicht war sie eingenickt.

Da muss ein Gewitter im Anzug sein.

Er sagte: «Was ist das denn für ein Geheimnis? Ist es Geld?, ist es ein Besuch?»

Sie sagte: «Rate!»

Da war immer noch das Gewitter. Das Geräusch, das in ihrem Traum begonnen hatte, gleitet ganz sacht in die Wirklichkeit. Sie macht die Augen auf, sie hört es immer noch. Das war ein Donnerrollen. Es dauert noch an und rumort über den Bergen, im Norden; dann kommt es mit Stößen, wie ein schwer beladener Karren mit Tannenklötzen, die aneinander schlagen. Es geht über sie hinweg; gleich bricht es sich an der Südkette, auf der anderen Talseite.

Es kommt wieder zurück, es bricht sich an sich selber.

Die Läden klappern, man hört eine Leiter umfallen, die an eine Mauer gelehnt stand; die Fenster ihres Zimmers, die nicht recht geschlossen waren, gehn von selber weit auf.

Sie friert in ihrem Hemd, während sie hinläuft, um sie zu schließen, aber da sieht sie nun auch, dass es gar nicht blitzt, trotz dem lauten Donner, der über dem Dach dröhnt wie Wirbel, und dazwischen Krachen um Krachen.

Sie sieht, es ist eine schöne Nacht, in Mondlicht gebadet; die Bäume krümmen sich noch seltsam, strecken die Arme empor mit den Blättern, die sich wie Borsten aufrichten, dann zurücksinken, ohne Bewegung sind und wieder rund werden unter dem sanften, schimmernden Lichtregen, der auf sie herabtropft wie auf glattes Gefieder.

Was gibt es denn nur?

Sie hört, wie geredet wird auf der Straße, das Küchenfenster geht dort hinaus; sie geht schnell in die Küche, sie hat nichts an unter dem Hemd, sie ist barfuß, sie öffnet das Fens­ter. Der Donner verstummt allmählich.

Nun kracht es noch ab und zu wie im Holzgetäfer, wenn es heiß oder kalt wird; und alles scheint wieder ruhig zu sein, nur dass rings im Dorf die Fenster und Türen aufgehen.

Köpfe zeigen sich in den Fenstern; vor den Türen zeigen sich ganze Gestalten, und man fragt: «Was gibt es denn nur?»

Die Leute wenden sich zueinander; man hebt den Kopf; man sieht, dass die Sterne am Himmel auf ihrem gewöhnlichen Platz stehn: ein dicker roter, ein grüner, ein kleiner, der weiß ist. Spitzige, runde, stete und unstete.

Man sagte:

«Das ist kein Gewitter.»

Sie traut sich nicht recht, sich zu zeigen.

Die Männer haben Hosen angezogen, die Frauen haben einen Rock über das Nachthemd gestreift; man hört eine Frau sagen:

«Ja – kann man das wissen?»

Thérèse traut sich nicht, sich zu zeigen, sie ist ganz bloß unter dem Hemd, das ihr von der Achsel rutscht.

«Was wird es sein? … Manchmal schneiden die Berge ein Gewitter entzwei. Es kann schön sein bei uns und regnen im Deutschen drüben …»

Die Leute blicken zu dem Berg hinauf, den man nach Norden zu nur stellenweise sieht, zwischen den Häusern; alles ist ruhig bis zu den Kämmen hinauf.

«Glaubt ihr? Man würde doch das Leuchten sehen.»

«Das Leuchten?»

«Von den Blitzen …»

«Oder es wird gesprengt», sagt einer.

«Du bist verrückt. Ich sage, das ist ein Erdbeben. Mein Bett hat sich bewegt unter mir.»

«Meines auch.»

«Bei mir», sagt ein Carrupt – denn sie heißen fast alle Carrupt in Aïre –, «bei mir warʼs ein Fass, das nicht richtig lag, es ist bis an die Kellertür gerollt.»

Die Männer sind weiß und schwarz im Mondlicht; die Frauen sind weiße Flecken, die ihre kleinen, hellen Fenster­öffnungen fast ausfüllen.

«Aber der Lärm?»

«Oh!», sagt ein andrer, «der Lärm, den gibtʼs immer bei Erdbeben.»

«Und der Wind?»

«Wind gibtʼs auch.»

«Meinst du?»

«Ich weiß es.»

«Und jetzt?»

«Jetzt hatʼs aufgehört.»

«Dann geht man wieder ins Bett?»

Einer fragt noch:

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