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Charles Dickens

Weihnachtsmärchen

Mit 49 Zeichnungen zu den Erstausgaben

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Weihnachtsmärchen

Inhalt

Vorrede

Zweite Strophe

Dritte Strophe

Vierte Strophe

Fünfte Strophe

Die Zauberglocken

Das Heimchen am Herd

Zweites Gezirp

Drittes Gezirp

Der Kampf des Lebens

Zweiter Teil

Dritter Teil

Der Verwünschte

Zweites Kapitel

Erste Strophe

Drittes Kapitel

Impressum neobooks

Weihnachtsmärchen

Neue, durchgesehene Ausgabe unter Verwendung der

Übertragungen Von Carl Kolb und Julius Seybt mit den 49

Zeichnungen zu den Erstausgaben von Richard Doyle, Edwin

Landseer, John Leech, Daniel Mclise, Clarkson Stanfiel, Frank

Stone und John Tenniel.

Orthographie und Interpunktion wurden dem heutigen Stand

Angepasst. Titel der Originalausgaben: „A christmas carol in

prose. Being a ghoststory of Christmas“ – „The chimes, a goblin

story of some bel s that rang an old year out and a new year in”

– “The cricket on the hearth” – “The battle of life” –

“The haunted man”

Sponsored

by

Santa Claus

16. Auflage

Verlag Arthur Moewig GmbH, Rastatt

September 1985

© 1976 by Verlag Arthur Moewig GmbH, Rastatt

Gesamtausstattung: Creativ Shop München

Satz: Satz + Repro Pfaff, Inning

Druck und Bindung: Salzer – Ueberreuter, Wien

Printed in Austria

ISBN 3-8118-0062-0

Inhalt

Vorrede 4

Ein Weihnachtslied in Prosa

5

Erste Strophe. Marleys Geist

6

Zweite Strophe. Der erste der drei Geister

21

Dritte Strophe. Der zweite der drei Geister

35

Vierte Strophe. Der letzte der Geister

53

Fünfte Strophe. Der Ausgang der Geschichte

65

Die Zauberglocken

71

Das erste Viertel

72

Das zweite Viertel

90

Das dritte Viertel

106

Das vierte Viertel

121

Das Heimchen am Herd

136

Erstes Gezirp

137

Zweites Gezirp

157

Drittes Gezirp

178

Der Kampf des Lebens

197

Erster Teil

198

Zweiter Teil

215

Dritter Teil

237

Der Verwünschte

255

Erstes Kapitel. Der Empfang der Gabe

256

Zweites Kapitel. Die Verbreitung der Gabe

273

Drittes Kapitel. Die Zurücknahme der Gabe

301

Vorrede

Ich habe versucht, in diesem kleinen Geisterbuch den Geist einer

Idee zu wecken, der die Leser nicht übel aunig gegen sich selbst,

gegen andere, gegen die Jahreszeit oder gegen mich machen sol .

Möge er freundlich in ihren Häusern spucken und niemand

wünschen, ihn zu vertreiben.

Ihr

Treuer Freund und Diener

C. D.

Dezember 1843

4

Ein Weihnachtslied in Prosa

Eine Geistergeschichte der Christnacht

5

Zweite Strophe

Der erste Geist

Als Scrooge wieder erwachte, war es so finster, daß er das

Fenster kaum von den Wänden seines Zimmers unterscheiden

konnte. Er bemühte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen

zu durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der

Nachbarschaft mit vier Viertelschlägen die volle Stunde

ankündigte. Er lauschte, um die Stundenschläge zu hören.

Zu seinem großen Erstaunen schlug die Glocke fort, von sechs zu

sieben, von sieben zu acht und so weiter bis zwölf; dann schwieg

sie.

Zwölf! Es war zwei vorübergewesen, als er sich zu Bett gelegt

hatte. Das Uhrwerk mußte falsch gehen.

Ein Eiszapfen mußte zwischen die Räder gekommen sein. Zwölf!

Er drückte an die Feder seiner Repetieruhr, um die verrückte

Glocke zu kontrol ieren. Ihr kleiner lebhafter Puls schlug zwölf

und schwieg.

»Was! Das ist doch nicht möglich«, sagte Scrooge. »Ich sol den

ganzen Tag und bis tief in die andere Nacht hinein geschlafen

ganzen Tag und bis tief in die andere Nacht hinein geschlafen

haben? Es kann doch nicht sein, daß der Sonne etwas passiert

und es mittags um zwölf ist?«

Mit diesen unruhigen Gedanken beschäftigt, stieg er aus dem

Bett und tappte nach dem Fenster. Er mußte das Eis erst

wegkratzen und das Fenster mit dem Ärmel seines Schlafrockes

abwischen, ehe er etwas sehen konnte; und auch nachher konnte

er nur sehr wenig sehen. Alles, was er bemerkte, war, daß es

noch sehr neblig und sehr kalt war, und daß man nicht den Lärm

hin und her eilender Leute hörte, was doch gewiß vernehmbar

gewesen wäre, wenn Nacht plötzlich den hellen Tag vertrieben

und von der Welt Besitz genommen hätte.

Das war ein großer Trost, weil Bedingungen wie »Drei Tage

nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer

Scrooge oder dessen Order«

und so weiter bloße Vereinigte-Staaten-Sicherheiten wären,

wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zählen.

Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darüber nach,

konnte aber zu keinem Schluß kommen. Je mehr er nachdachte,

desto verwirrter wurde er, und je mehr er sich bemühte nicht

nachzudenken, desto mehr dachte er nach.

Marleys Geist machte ihm viel zu schaffen. Immer, wenn er nach

reiflicher Überlegung zu dem festen Entschluß gekommen war,

das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist wie eine

das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist wie eine

starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurück

und legte ihm erneut dieselbe Frage vor, die er schon zehnmal

überlegt hatte: »War es ein Traum oder nicht?«

Scrooge blieb in diesem Zustand liegen, bis es wieder drei

Viertel schlug. Da besann er sich plötzlich, daß der Geist ihm

eine Erscheinung mit dem Schlag eins versprochen hatte. So

beschloß er wach zu bleiben, bis die Stunde vorüber sei, und

wenn man bedenkt, daß er ebensowenig schlafen, als in den

Himmel kommen konnte, war dies gewiß der klügste Entschluß,

den er fassen konnte.

21

Die Viertelstunde war so lang, daß es ihm mehr als einmal

vorkam, er müsse unversehens in Schlaf gefal en sein und die

Uhr überhört haben. Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die

Glocke.

»Bim, bam!«

»Ein Viertel«, sagte Scrooge zählend.

»Bim, bam!«

»Halb«, sagte Scrooge.

»Bim, bam!«

»Bim, bam!«

»Drei Viertel«, sagte Scrooge.

»Bim, bam!« »Voll!« rief Scrooge freudig. »Und weiter nichts!«

Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit

einem tiefen, hohlen, melancholischen Klang tat. In demselben

Augenblick wurde es hel im Zimmer, und die Vorhänge seines

Bettes wurden geöffnet.

Ich sage euch, die Vorhänge seines Bettes wurden von einer

Hand weggezogen, und sich aufrichtend blickte Scrooge dem

unirdischen Gast, der sie geöffnet hatte, in das Gesicht. So dicht

stand er ihm gegenüber, wie ich jetzt im Geist neben euch stehe.

Es war eine sonderbare Gestalt, gleich einem Kind, aber doch

eigentlich nicht gleich einem Kind, sondern mehr wie ein Greis,

der durch einen wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem

Auge entrückt und auf diese Weise so klein geworden wie ein

Kind. Sein Haar, das in langen Locken auf seine Schultern

herabwal te, war weiß, wie vom Alter, und dennoch hatte das

Gesicht keine einzige Runzel, und um das Kinn bemerkte man

den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskulös, die

Hände ebenso, als läge in ihnen eine ungeheure Kraft. Seine

Füße, zart und fein geformt, waren entblößt, gleich den Armen.

Der Geist trug einen Talar vom reinsten Weiß; um seinen Leib

schlang sich ein Gürtel von wunderbarem Glanz. Er hielt einen

frisch-grünen Stechpalmenzweig in der Hand; aber in seltsamem

frisch-grünen Stechpalmenzweig in der Hand; aber in seltsamem

Widerspruch mit diesem Zeichen des Winters war das Kleid mit

Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, daß von

seinem Scheitel ein heller Lichtstrahl in die Höhe schoß, der al es

ringsum erleuchtete, und der gewiß die Ursache war, daß der

Geist bei weniger guter Laune einen großen Löschhut, den er

jetzt unter dein Arm trug, als Mütze aufsetzte.

Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn

wie der Gürtel des Geistes bald an dieser Stelle glänzte und

funkelte und bald an jener, und wie das, was im Augenblick hell

gewesen war, plötzlich dunkel wurde, so verwandelte sich auch

die Gestalt selbst, man wußte nicht wie: bald war es ein Ding mit

einem Arm, bald mit einem Bein, bald mit zwanzig Beinen, bald

sah man nur zwei Füße ohne Kopf, bald einen Kopf ohne Leib;

und wie einer dieser Teile verschwand, blieb keine Spur von ihm

in dem dichten Dunkel zurück, das ihn verschlang. Und das

größte Wunder dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe.

»Sind Sie der Geist, dessen Erscheinung mir vorhergesagt

wurde?« fragte Scrooge.

22

»Ich bin es.«

Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als käme

sie nicht aus dichtester Nähe, sondern aus einiger Entfernung.

»Wer und was sind Sie?« fragte Scrooge, schon etwas mehr

Mut fassend.

»Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht.«

»Einer lange vergangenen?« fragte Scrooge, seiner zwerghaften

Gestalt gedenkend.

»Nein, einer deiner vergangenen.«

Vielleicht hätte Scrooge, wenn ihn jemand befragt hätte, nicht

sagen können, warum, aber doch fühlte er ein ganz besonderes

Verlangen, den Geist unter seinem Hut zu sehen; und er bat ihn,

sich zu bedecken.

»Was?« rief der Geist. »Willst du so bald mit irdisch gesinnter

Hand das Licht, das ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug,

daß du einer von denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze

geschaffen haben und mich zwingen, durch lange, lange Jahre

meine Stirn damit zu verhüllen?«

Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht die

Absicht gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu

wissen, daß er irgend einmal in seinem Leben dem Geist Ursache

gegeben habe, sich zu bedecken. Dann war er so frei, zu fragen,

was ihn hierher führe?

»Dein Wohl«, sagte der Geist.

»Dein Wohl«, sagte der Geist.

Scrooge drückte ihm seine Dankbarkeit aus, konnte sich aber

doch nicht des Gedankens erwehren, daß ihm eine Nacht

ungestörten Schlafes mehr genützt hätte. Der Geist mußte ihn

haben denken hören, denn er sagte sogleich:

»Deine Besserung. Nimm dich in acht!«

Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach, und ergriff

sanft seinen Arm.

»Steh auf und folge mir.«

Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und

Stunde seien schlecht geeignet zum Spazierengehen, das Bett sei

warm und das Thermometer ein gutes Stück unter dem

Gefrierpunkt, er sei nur leicht in Pantoffeln, Schlafrock und

Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt den Schnupfen.

Dem Griff, war er auch sanft wie der einer Frauenhand, war

nicht zu widerstehen. Er stand auf; aber als er sah, daß der Geist

nach dem Fenster schwebte, faßte er ihn flehend bei dem

Gewand.

»Ich bin ein Sterblicher«, sagte Scrooge, »und könnte fal en.«

»Laß meine Hand dich hier berühren«, sagte der Geist, indem er

die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren

die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren

überwinden, als diese hier.«

Als er diese Worte gesprochen hatte, drangen die beiden durch

die Wand und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße,

rings von Feldern umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden.

Keine Spur war mehr davon. Die Dunkelheit und der Nebel

waren mit ihr verschwunden, denn es war jetzt ein klarer, kalter

Wintertag und der Boden mit weißem reinem Schnee bedeckt.

»Gütiger Himmel!« rief Scrooge, die Hände faltend, als er um

sich blickte.

»Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich als Knabe.«

23

Der Geist schaute ihn mit milden Blicken an. Seine sanfte

Berührung, obgleich sie nur leise und flüchtig gewesen war, bebte

immer noch nach in dem Herzen des alten Mannes. Er fühlte, wie

tausend Düfte die Luft durchwehten, jeder mit tausend

Gedanken und Hoffnungen und Freuden und Sorgen verbunden,

die lange, lange vergessen waren.

»Deine Lippen zittern«, sagte der Geist. »Und was glänzt auf

deiner Wange?«

Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Mollton in der

Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen,

Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen,

wohin er wol e.

»Erinnerst du dich des Weges?« fragte der Geist.

»Ob ich mich seiner erinnere?« rief Scrooge mit Innigkeit.

»Blindlings könnte ich ihn gehen!«

»Seltsam, daß du ihn so viele Jahre hindurch vergessen hast«,

sagte der Geist.

»Komm!«

Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Tor,

jeden Pfahl, jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in

der Ferne mit seiner Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluß

erschien. jetzt kamen einige Knaben, auf zottigen Ponies reitend,

auf sie zu, die anderen Knaben in ländlichen Wagen laut zuriefen.

Al e waren gar fröhlich und laut, bis die weiten Felder so voll

heiterer Musik waren, daß die kalte, sonnige Luft lachte, sie zu

hören.

»Dies sind nur Schatten der Dinge, die da gewesen sind,« meinte

der Geist,

»sie wissen nichts von uns.«

Die fröhlichen Reisenden kamen näher, und Scrooge erkannte

sie jetzt alle und konnte sie alle beim Namen nennen. Warum

freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein

freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein

kaltes Auge feucht, warum frohlockte sein Herz, als sie

vorübereilten, warum wurde sein Herz weich, wie sie an den

Kreuzwegen voneinander schieden und einander fröhliche

Weihnachten wünschten?

Was gingen denn Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der

Henker hole die fröhlichen Weihnachten! Welchen Nutzen hatte

er wohl jemals davon gehabt?

»Die Schule ist nicht ganz verlassen«, nahm der Geist wieder das

Wort. »Ein Kind, eine verlassene Waise, sitzt noch einsam dort.«

Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.

Sie verließen nunmehr die Heerstraße auf einem wohlbekannten

Feldweg und erreichten bald ein Haus aus dunkelroten

Backsteinen mit einem kleinen Türmchen auf dem Dach und

einer Glocke drin. Es war ein großes Haus, aber jetzt

vernachlässigt und ziemlich verwahrlost, weil die geräumigen

Gemächer wenig gebraucht waren, die Wände feucht und grün,

die Fenster zerbrochen, die Türen morsch und halb zerfallen.

Hühner gluckten und scharrten in den Ställen, und der

Wagenschuppen war mit Gras überwachsen. Auch im Innern

war nichts übriggeblieben von seiner alten Pracht, denn als sie in

den verödeten Hausflur eintraten und durch die offenen Türen in

die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur ärmlich ausgestattete,

kalte, große Räume. Ein erdiger, multriger Geruch lag in der Luft,

kalte, große Räume. Ein erdiger, multriger Geruch lag in der Luft,

eine frostige Unbehaglichkeit von allzu häufigem Aufstehen bei

Kerzenlicht und nicht al zu reichlichem Essen.

24

Der Geist ging mit Scrooge über den Hausflur nach einer Tür auf

der Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte

ihnen einen langen, kahlen, unbehaglichen Saal, den Reihen von

einfachen hölzernen Bänken noch kahler und unbehaglicher

machten.

Auf einer davon saß einsam ein Knabe neben einem schwachen

Feuer und las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und

weinte, als er sein eigenes, vergessenes Selbst sah, wie es in

früheren Jahren war.

Kein dumpfer Widerhall in dem Haus, kein Rascheln der Mäuse

hinter dem Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen

Brunnentrogs hinten im Hof, kein Seufzer in den blattlosen

Zweigen einer verlassen trauernden Pappel, nicht das Knarren

der vom Wind hin und her bewegten Tür des Vorratshauses im

Hof, selbst nicht das Knistern des Feuers war für Scrooge

verloren. Alles fiel auf sein Herz wie erweichende Töne und löste

seine Tränen.

Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in ein

Buch vertieftes Abbild. Plötzlich stand draußen vor dem Fenster

ein Mann in fremdartiger Tracht, mit einer Axt im Gürtel und

ein Mann in fremdartiger Tracht, mit einer Axt im Gürtel und

einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend.

»Was! Das ist ja Ali Baba!« rief Scrooge voller Freude aus. »Es

ist der alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich weiß es noch.

Einst zur Weihnachtszeit geschah es, daß dieser verlassene

Knabe ganz allein hier saß, und er zum ersten Male wirklich

kam, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin«,

fuhr Scrooge fort, »und auch sein wilder Bruder Orson, dort

gehen sie! Und wie heißt doch der, der mitten im Schlaf vor das

Tor von Damaskus gesetzt wurde?

Siehst du ihn nicht? Und der Stallmeister des Sultans, der von

den bösen Geistern auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er ja

auch! Ha, ha, es geschieht ihm schon recht! Wer hieß es ihn

auch, die Prinzessin heiraten wol en!«

Scrooge mit vollem Ernst über solche Gegenstände reden zu

hören und mit einer zwischen Lachen und Weinen schwankenden

Stimme, dann auch sein vor Freude aufgeregtes Gesicht zu

sehen: das wäre für seine Geschäftsfreunde in der City gewiß

eine große Überraschung gewesen.

»Da ist ja auch der Papagei«, rief Scrooge, »der mit grünem Leib

und gelbem Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn,

als er von seiner Inselumsegelung wieder nach Hause kam

›Robinson Crusoe, wo bist du gewesen?‹ Er glaubte, er träume,

aber das war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag in der kleinen

aber das war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag in der kleinen

Bucht. Es gilt das Leben. Hallo, hob, hal o!«

Dann sagte er mit einem schnel en Wechsel der Gefühle, der

seinem gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: »Der arme

Knabe!«, und er weinte wieder. Dann wischte er sich mit dem

Ärmelaufschlag die Augen, steckte die Hand in die Tasche und

murmelte: »Ich wünschte - aber es ist jetzt zu spät.«

»Was willst du?« fragte der Geist.

»Nichts«, sagte Scrooge, »nichts. Gestern abend sang ein Knabe

ein Weihnachtslied vor meiner Tür. Ich wünschte, ich hätte ihm

etwas gegeben, weiter war es nichts.«

25

Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann

sagte er: »Laß uns ein anderes Weihnachtsfest sehen.«

Scrooges früheres Selbst wurde bei diesen Worten größer, und

das Zimmer etwas finsterer und schwärzer, das Getäfel warf

sich, die Fensterscheiben sprangen, Stücke des Kalkbewurfs

fielen von der Decke und das bloße Lattenwerk zeigte sich: aber

wie das alles geschah, wußte Scrooge ebensowenig wie ihr. Er

wußte nur, daß alles stimmte und sich ganz so zugetragen habe,

und daß er's nun wieder sei, der dort al ein sitze, während die

andern Knaben nach Hause gereist waren zur fröhlichen

Weihnachtsfeier.

Weihnachtsfeier.

Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und

ab.

Scrooge blickte den Geist an und schaute mit einem traurigen

Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Tür.

Da ging sie auf und ein kleines Mädchen, viel jünger als der

Knabe, sprang herein, schlang die Arme um seinen Hals, küßte

ihn und begrüßte ihn als ihren

»lieben, lieben Bruder«.

»Ich komme, um dich mit nach Hause zu nehmen, lieber

Bruder!« sagte das Kind, fröhlich mit den Händen klatschend.

»Dich mit nach Hause zu nehmen, nach Hause, nach Hause!«

»Nach Hause, liebe Fanny?« fragte der Knabe.

»Ja!« antwortete die Kleine in überströmender Freude. »Nach

Hause und für immer! Der Vater ist so viel freundlicher als sonst,

daß es bei uns wie im Himmel ist. Eines Abends, als ich zu Bett

ging, sprach er so freundlich mit mir, daß ich mir ein Herz faßte

und ihn fragte, ob du nicht nach Hause kommen dürftest -, und

er sagte ja, und schickte mich im Wagen her, um dich zu holen.

Und du sollst jetzt dein freier Herr sein«, sagte das Kind und

blickte ihn bewundernd an, »und nicht mehr hierher

zurückkehren; aber erst sol en wir alle zusammen das

Weihnachtsfest feiern und recht lustig sein.«

»Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny!« rief der

Knabe aus.

Sie klatschte in die Hände und lachte und versuchte, bis an

seinen Kopf zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder

und stellte sich auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie

ihn in kindlicher Ungeduld zur Tür, und er begleitete sie mit

leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme im Hausflur rief: »Bringt Master

Scrooges Koffer herunter!« Es war der Lehrer selbst, der

Master Scrooge mit brutal hochnäsiger Herablassung anstierte,

und ihn in großen Schrecken setzte, als er ihm die Hand drückte.

Dann führte er ihn und seine Schwester in ein feuchtes,

fröstelnerregendes Empfangszimmer, an dessen Wänden

Landkarten und in dessen Fenster die Erd- und Himmelsgloben

vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine Flasche merkwürdig

leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren Kuchen

herbei und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen

auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig

aussehende Magd hinaus, um dem Postillion ein Gläschen

anzubieten, wofür dieser aber mit den Worten dankte, wenn es

von demselben Faß wie das vorige sei, möchte er lieber nicht

kosten. Während dieser Zeit war Master Scrooges Koffer auf

den Wagen 26

den Wagen 26

gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Rührung von

dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen und

fuhren so schnel zum Garten hinaus, daß der Reif und der

Schnee wie Schaum von den immergrünen Gebüschen

hinwegstob.

»Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte

verwelken können«, sagte der Geist. »Aber sie hatte ein großes

Herz.«

»Ja, das hatte sie«, rief Scrooge. »Ich will nicht widersprechen,

Geist. Gott verhüte es.«

»Sie starb als Frau«, sagte der Geist, »und hatte Kinder, glaube

ich.«

»Ein Kind«, antwortete Scrooge.

»Ja«, sagte der Geist. »Dein Neffe.«

Scrooge schien unruhig zu werden und antwortete kurz: »ja.«

Obgleich sie die Schule kaum einen Augenblick hinter s ich

gelassen hatten, befanden sie s ich doch plötzlich mitten in den

lebendigsten Straßen der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger

vorübergingen, wo gespenstige Wagen und Kutschen um Platz

stritten und wo das ganze wirre Leben einer wirklichen Stadt

stritten und wo das ganze wirre Leben einer wirklichen Stadt

herrschte. Am Aufputz der Läden sah man, daß auch hier

Weihnachten war; aber es war Abend und die Straßenlaternen

brannten.

Der Geist blieb vor dem Eingang eines Lagerhauses stehen und

fragte Scrooge, ob er dies kenne.

»Ob ich es kenne?« sagte Scrooge. »Hab ich hier nicht gelernt?«

Sie traten ein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer

Stutzperücke, der hinter einem so hohen Pult saß, daß er mit

dem Kopf hätte an die Decke stoßen müssen, wäre er zwei Zoll

größer gewesen, rief Scrooge in großer Aufregung:

»Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott segne ihn, es ist Fezziwig,

wie er leibt und lebt!«

Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah hinauf nach der

Uhr, deren Zeiger auf sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine

geräumige Weste herunter, schüttelte sich vor heimlichem Lachen

von Kopf bis Fuß und rief mit einer behäbigen, voll und doch

mild tönenden heiteren Stimme: »Hallo, dort!

Ebenezer! Dick!«

Scrooges früheres Selbst, jetzt zu einem Jüngling geworden, trat

flink herein, begleitet von seinem Mitlehrling.

»Dick Wilkins, wahrhaftig!« sagte Scrooge zu dem Geist.

»Wahrhaftig, er ist es. Er war mir sehr zugetan, der Dick. Der

arme Dick! Du meine Güte!«

»Hallo, meine Burschen«, rief Fezziwig. »Feierabend heute.

Weihnachten, Dick! Weihnachten Ebenezer! Macht die Läden

zu, schnel ! Ehe einer Jack Robinson sagen kann.« So rief der

alte Fezziwig, munter die Hände zusammenschlagend.

Kaum zu glauben, wie rasch und munter die beiden Jungen

darangingen. Sie liefen mit den Läden hinaus -eins, zwei, drei -

hatten sie eingesetzt - vier, fünf, sechs - sie zugeriegelt und

zugeschraubt - sieben, acht, neun - und kamen zurück, ehe man

zwölf sagen konnte, außer Atem, wie Rennpferde.

27

»Hussahoh!« rief der alte Fezziwig, mit wunderbarer

Geschicklichkeit von seinem hohen Sessel herunterspringend.

»Aufräumen, Jungens, und macht viel Platz! Hussahoh, Dick!

Hallo, Ebenezer!«

Aufräumen! Es gab nichts, was sie nicht wegräumen wol ten

oder wegräumen konnten, wenn der alte Fezziwig zusah. Es war

in einer Minute geschehen.

Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Winkel

geschoben, als sei es für immer aus dem öffentlichen Dienste

geschoben, als sei es für immer aus dem öffentlichen Dienste

entlassen; der Flur wurde gekehrt und gesprengt, die Lampen

geputzt, Kohlen auf das Feuer geschüttet, und der Laden war so

behaglich, so warm und hel wie ein Ballsaal und wie man es nur

an einem Winterabend verlangen konnte.

Jetzt trat ein Fiedler mit einem Notenbuch herein, er kletterte auf

Fezziwigs hohen Stuhl, machte ihn zum Orchester und begann zu

stimmen, als hätte er fünfzigfaches Bauchweh. Dann kam Mrs.

Fezziwig, ein einziges behagliches Lächeln. Dann kamen die drei

Miss Fezziwig, freudestrahlend und liebenswürdig. Dann kamen

die sechs Jünglinge, deren Herzen s ie brachen.

Dann kamen die Burschen und Mädchen, die im Haus einen

Dienst hatten: das Hausmädchen mit ihrem Vetter, dem Bäcker,

die Köchin mit ihres Bruders vertrautem Freund, dem

Milchmann. Dann kam der Bursche von gegenüber, von dem

man sagte, er habe bei seinem Herrn knappe Kost; er versuchte,

sich hinter dem Mädchen aus dem Nachbarhaus zu verstecken,

der man nachwies, sie sei von ihrer Herrschaft an den Ohren

gezogen worden. Sie kamen alle, einer nach dem andern; einige

schüchtern, andere keck, einige mit Geschick, andere mit

Ungeschick, die zerrend und jene stoßend. Dann ging es los,

zwanzig Paare auf einmal, eine halbe Runde hin und zurück, dann

die Mitte des Zimmers hinauf und wieder herab, dann in

zärtlichen Gruppen sich drehend: das alte erste Paar immer an

der falschen Stelle, das nächste erste Paar immer zur falschen

Zeit, bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte.

Zeit, bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte.

Als sie so weit gekommen waren, klatschte der alte Fezziwig

zum Zeichen, daß der Tanz aus sei, in die Hände und rief

»Bravo!«, und der Fiedler senkte sein glühendes Gesicht in einen

Krug Porter, der besonders zu diesem Zweck neben ihm stand.

Aber kaum war er wieder heraus, als er, obgleich noch keine

Tänzer dastanden, wieder aufzuspielen begann, als sei der alte

Fiedler erschöpft nach Hause getragen worden und er ein ganz

frischer, entschlossen, den alten vergessen zu machen oder zu

sterben.

Dann folgten noch mehrere Tänze und Pfänderspiele und wieder

Tänze. Dann kam Kuchen und Negus und ein großes Stück

kalter Braten, und dann ein großes Stück kaltes Siedfleisch und

Fleischpasteten und viel Bier. Aber der Glanzpunkt des Abends

kam nach dem Siedfleisch, als der Fiedler (ein heller Kopf, er

kannte sein Geschäft besser, als ihr oder ich es hätte lehren

können) den Großvatertanz »Sir Roger de Coverley«zu spielen

begann. Da trat der alte Fezziwig mit Mrs. Fezziwig an, und zwar

als das erste Paar. Sie hatten ein gutes Stück Arbeit vor sich,

drei- oder vierundzwanzig Partner, Leute, mit denen nicht zu

spaßen war, Leute, die tanzen wol ten und keine Lust hatten, zu

spazieren.

28

Aber selbst wenn es zweimal, ja viermal soviel gewesen wären,

hätte es der alte Fezziwig mit ihnen aufgenommen und auch Mrs.

Fezziwig. Sie war im vollen Sinn des Wortes würdig, seine

Tänzerin zu sein. Wenn das kein großes Lob ist, so sagt mir ein

größeres und ich will es aussprechen. Von Fezziwigs Waden

schien ein eigener Glanz auszugehen. Sie leuchteten in jedem Teil

des Tanzes wie ein Paar Monde. Ihr hättet zu keiner Minute

voraussagen können, was aus ihnen in der nächsten wird. Und

als der alte Fezziwig und Mrs.

Fezziwig alle Touren des Tanzes durchgemacht hatten, sprang

Fezziwig alle Touren des Tanzes durchgemacht hatten, sprang

Fezziwig so geschickt, als zwinkere er mit den Beinen, und kam,

ohne zu wanken, wieder auf die Füße.

Mit dem Glockenschlag elf war dieser häusliche Ball zu Ende.

Mr. und Mrs.

Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Tür auf, schüttelten

jedem einzelnen der Gäste die Hand zum Abschied und

wünschten ihm oder ihr fröhliche Weihnachten.

Als alles, außer den zwei Lehrlingen, fort war, wünschten sie

diesen das gleiche. So waren die heiteren Stimmen verklungen,

und die Burschen gingen in ihr Bett, das sich unter einem

Ladentisch hinten im Lagerraum befand.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein

Verrückter benommen.

Sein Herz und seine Seele waren bei dem Ball und seinem

früheren Selbst. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute

sich über alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung.

Nicht eher als bis die fröhlichen Gesichter seines früheren Selbst

und das Antlitz Dicks verschwunden waren, dachte er daran,

daß der Geist neben ihm stand und ihn anschaute, während das

Licht auf seinem Haupt in voller Klarheit brannte.

»Eine Kleinigkeit war's doch«, meinte der Geist, »diesen

närrischen Leuten solche Dankbarkeit einzuflößen.«

närrischen Leuten solche Dankbarkeit einzuflößen.«

»Eine Kleinigkeit!« gab Scrooge zurück.

Der Geist bedeutete ihm, den beiden Lehrlingen zuzuhören, die s

ich gegenseitig mit Lobpreisungen Fezziwigs überboten; und als

Scrooge das getan hatte, sprach der Geist: »Nun, ist es nicht so?

Er hat nur ein paar Pfund irdischen Mammons hingegeben;

vielleicht drei oder vier. Ist das so der Rede wert, daß er solches

Lob verdient?«

29

»Das ist's nicht«, sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt

und wie sein früheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend.

»Das ist's nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glücklich oder

unglücklich, unsern Dienst zu einer Lust oder zu einer Bürde, zu

einer Freude oder zu einer Qual zu machen. Du magst sagen,

seine Macht liege in Worten und Blicken, in so unbedeutenden

und kleinen Dingen, daß es unmöglich ist, sie herzuzählen: was

schadet das? Das Glück, das er bereitet, ist so groß, als wenn es

sein ganzes Vermögen kostete.«

Er fühlte des Geistes Blick und schwieg.

»Was gibt's?« fragte der Geist.

»Nichts, nichts«, sagte Scrooge.

»Aber doch etwas, wie?« drängte der Geist.

»Nein«, sagte Scrooge, »nein. Ich möchte nur eben jetzt ein paar

Worte mit meinem Kommis sprechen. Das ist al es.«

Sein früheres Selbst löschte gerade die Lampen aus, als er

diesen Wunsch aussprach, und Scrooge und der Geist standen

wieder im Freien.

»Meine Zeit geht zu Ende«, sagte der Geist. »Schnel !«

Dieses letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er

sehen konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder

sah Scrooge sich selbst. Er war jetzt älter geworden -. ein Mann

in der Blüte seiner Jahre. Sein Ges icht hatte noch nicht die

schroffen, rauhen Züge seiner späteren Jahre, aber schon begann

es Anzeichen der Sorge und des Geizes anzunehmen. In seinem

Auge brannte ein ruheloses, habsüchtiges Feuer, das Zeugnis gab

von der Leidenschaft, die dort Wurzeln geschlagen hatte, und

zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fal en

würde.

Er war nicht allein, sondern saß neben einem schönen jungen

Mädchen in Trauerkleidern. In ihren Augen standen Tränen, die

in dem Licht glänzten, das von dem Geist vergangener

Weihnachten ausströmte.

»Es ist ohne Bedeutung«, sagte sie sanft, »und für Sie von gar

»Es ist ohne Bedeutung«, sagte sie sanft, »und für Sie von gar

keiner. Ein anderes Götzenbild hat mich verdrängt; und wenn es

Sie in späterer Zeit trösten und aufrecht erhalten kann, wie ich es

versucht hätte, so habe ich keine Ursache zu klagen.«

»Welches Götzenbild hätte Sie verdrängt?« erwiderte er.

»Ein goldenes.«

»Dies ist die Gerechtigkeit der Welt!« sagte er. »Gegen nichts ist

sie so hart als gegen die Armut; und nichts tadelt s ie

unnachsichtiger als das Streben nach Reichtum.«

»Sie fürchten das Urteil der Welt zu sehr«, antwortete sie sanft.

»Al e Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor

diesem engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe Ihre

edleren Bestrebungen eine nach der andern verschwinden sehen,

bis Sie ganz die eine Leidenschaft, die Gier nach Gold, erfül te.

Ist es nicht so?«

»Und wenn es so wäre?« antwortete er. »Wenn ich soviel klüger

geworden wäre, was dann? Gegen Sie bin ich nie anders

geworden.«

Sie schüttelte den Kopf.

30

»Bin ich anders?«

»Unser Bund ist alt. Er wurde geschlossen, als wir beide arm und

zufrieden waren, unser Los durch ausdauernden Fleiß verbessern

zu können. Sie haben sich aber verändert! Damals, als er

geschlossen wurde, waren Sie ein anderer Mensch.«

»Ich war ein Knabe«, sagte er ungeduldig.

»Ihr eigenes Gefühl sagt Ihnen, daß Sie nicht so waren, wie Sie

jetzt s ind«, antwortete sie. »Ich bin noch dieselbe. Das, was uns

Glück versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren,

muß uns Unglück bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind.

Wie oft ich und wie bitter dies gefühlt habe, will ich nicht sagen;

es ist genug, daß ich es gefühlt habe und daß ich Ihnen Ihr Wort

zurückgeben kann.«

»Habe ich dies jemals verlangt?«

»In Worten? Nein. Niemals.«

»Wie dann?«

»Durch ein verändertes Wesen, durch einen andern Sinn, durch

andere Bestrebungen im Leben und durch andere Hoffnungen -

in allem, was meiner Liebe in Ihren Augen Wert gab. Wenn alles

Frühere nicht zwischen uns geschehen wäre«, sagte das

Mädchen, ihn mit sanftem, aber festem Blicke ansehend,

»würden Sie mich jetzt aufsuchen und um mich werben? Gewiß

nicht!«

nicht!«

Er schien die Wahrheit ihrer Worte wider seinen Wil en

zuzugeben. Aber er tat seinen Gefühlen Gewalt an und sagte:

»Sie glauben nicht?«

»Gern glaubte ich es, wenn ich könnte«, sagte sie, »Gott weiß es.

Wenn ich eine Wahrheit wie diese erkannt habe, weiß ich, wie

unwiderstehlich sie sein muß. Aber sol ich glauben, daß Sie ein

armes Mädchen wählen würden, wenn Sie heute oder morgen

oder gestern frei wären, Sie, der selbst in den vertrautesten

Stunden al es nach dem Gewinn mißt? Oder sol ich mir

verhehlen, daß Sie gewiß einst sich getäuscht und bittere Reue

fühlen würden, weil Sie für einen Augenblick Ihrem einzigen

leitenden Grundsatz untreu werden? Nein, und deswegen gebe

ich Ihnen Ihr Wort zurück: wil ig und um der Liebe dessentwillen

der Sie einst waren.«

Er wol te sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort:

»Vielleicht - der Gedanke an die Vergangenheit läßt es mich fast

hoffen - wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und

Sie werden dann die Erinnerung daran fallenlassen, wie die

Gedanken an einen nichtigen Traum, aus dem zu erwachen ein

Glück für Sie war. Möge Sie alles Glück auf dem gewählten

Lebensweg begleiten!«

Sie schieden.

Sie schieden.

»Geist«, sagte Scrooge, »zeig mir nichts mehr, führ mich nach

Hause. Warum erfreust du dich daran, mich zu quälen?«

»Noch einen Schatten«, rief der Geist aus.

»Nein«, rief Scrooge. »Nein. Ich mag nichts mehr sehen. Zeig

mir nichts mehr.«

31

Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Händen fest

und zwang ihn, zu betrachten, was als nächstes geschah.

Sie befanden sich an einem andern Ort, in einem Zimmer, nicht

sehr groß oder schön, aber voller Behaglichkeit. Neben dem

Kamin saß ein schönes junges Mädchen, das der, die Scrooge

soeben gesehen hatte, so ähnlich war, daß er glaubte, es sei

dieselbe, bis er diese, jetzt eine stattliche Matrone, der Tochter

gegenüber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr,

denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner

Aufregung zählen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig

Kinder wie eins, sondern jedes Kind wie vierzig. Die Folge

davon war ein Lärm sondergleichen; aber niemand schien sich

darüber aufzuregen. im Gegenteil, Mutter und Tochter lachten

herzlich und freuten sich darüber, und die letztere, die sich bald in

die Spiele mischte, wurde von den kleinen Schelmen gar

grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines

grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines

dieser Kinder zu sein, obgleich ich nie so ungezogen gewesen

wäre! Nein, nein! Für al e Schätze der Welt hätte ich nicht diese

Locken zerdrückt und zerwühlt; und diesen lieben, kleinen Schuh

hätte ich nicht entwendet, selbst um mein Leben zu retten. Im

Scherz ihre Taille zu messen, wie die dreiste junge Brut tat, hätte

ich nicht gewagt aus Furcht, mein Arm würde zur Strafe krumm

und nie wieder gerade wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe

es, hätte ich ihre Lippen berührt; wie gern sie ausgefragt, damit

sie s ich geöffnet hätten; wie gern hätte ich die Wimpern dieser

niedergeschlagenen Augen betrachtet, ohne ein Erröten

hervorzurufen; wie gern dieses wogende Haar gelöst, von dem

eine einzige Locke ein unschätzbares Andenken gewesen wäre:

kurz, wie gern hätte ich das kleinste Vorrecht eines dieser

Kinder gehabt, mit der Bedingung, Manns genug zu bleiben, um

seinen Wert zu fühlen.

Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Tür laut, was einen so

allgemeinen Ansturm hervorrief, daß sie mit lachendem Gesicht

und zerknülltem Kleid in der Mitte eines lärmenden Haufens nach

der Tür gedrängt wurde, dem Vater entgegen, der nach Hause

kam in Begleitung eines mit Weihnachtsgeschenken beladenen

Mannes. Aber nun das Geschrei und das Gedränge und der

Sturm auf den verteidigungslosen Träger! Wie sie an ihm auf

Stühlen hinaufstiegen, in seine Taschen guckten, die

Papierpäckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an seinem

Halse hingen, ihm auf den Rücken trommelten oder an die Beine

stießen - alles in unwiderstehlicher Freude! Dann die Ausrufe der

stießen - alles in unwiderstehlicher Freude! Dann die Ausrufe der

Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes

Päckchens begrüßt wurde! Die schreckliche Kunde, daß das

Kleinste ertappt worden sei, wie es die Puppenbratpfanne in den

Mund gesteckt und wohl gar das hölzerne Huhn samt der

Schüssel hinuntergeschluckt habe! Die große Beruhigung, als

man entdeckte, daß es falscher Alarm gewesen war! Die Freude

und die Dankbarkeit und das Entzücken! Dies alles übertrifft alle

Beschreibung. Es muß genügen, zu wissen, daß die Kinder und

ihre Freunde endlich aus dem Zimmer kamen und über eine

Treppe in den obersten Stock hinaufgingen, wo sie zu Bett

gebracht wurden und blieben.

32

Und als Scrooge jetzt sah, wie sich der Herr des Hauses, die

Tochter zärtlich an seine Seite geschmiegt, mit ihr und ihrer

Mutter an seinem eigenen Herd niedersetzte; und wie er dachte,

daß ihn ein solches Wesen ebenso lieblich und hoffnungsfroh

hätte Vater nennen und wie der Frühling im öden Winter seines

Lebens hätte sein können, da wurden seine Augen wirklich

trübe.

»Belle«, sagte der Mann, sich lächelnd zu seiner Gattin wendend,

»ich sah heut nachmittag einen alten Freund von dir.«

»Wer war es?«

»Rate mal.«

»Wie kann ich das? Ach, jetzt weiß ich schon«, fügte sie sogleich

hinzu, lachend, und auch er lachte. »Mr. Scrooge.«

»Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Kontorfenster vorüber;

und da kein Laden davor war und Licht brannte, mußte ich ihn

sehen. Sein Kompagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er war

sehen. Sein Kompagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er war

allein. Ganz allein in der weiten Welt, glaube ich.«

»Geist«, rief Scrooge mit bebender Stimme, »führe mich weg

von diesem Ort.«

»Ich sagte dir, daß dies Schatten gewesener Dinge sind«, sagte

der Geist. »Gib nicht mir die Schuld, daß sie sind, wie sie sind.«

»Führe mich weg«, rief Scrooge aus. »Ich kann es nicht

ertragen.«

Er wandte sich dem Geist zu, und wie er sah, daß er ihn mit

einem Gesicht anblickte, in dem sich auf eine seltsame Weise all

die Gesichter zeigten, die er bisher gesehen hatte, rang er mit

ihm.

»Verlaß mich, führ mich weg. Verfolge mich nicht länger.«

In dem Kampf, wenn es ein Kampf genannt werden kann, wie

der Geist, ohne sichtbaren Widerstand seinerseits, von den

Angriffen seines Gegners unberührt blieb, bemerkte Scrooge,

daß das Licht auf seinem Haupt hoch und hel brannte, und in

einem dunklen instinktiven Gefühl jenes Licht sei mit des Geistes

Einfluß auf ihn verbunden, ergriff er den Löschhut und stülpte ihn

auf des Geistes Haupt.

Der Geist sank zusammen, so daß der Löschhut seine ganze

Gestalt bedeckte; aber obgleich Scrooge ihn mit seiner ganzen

Kraft niederdrückte, konnte er das 33

Licht nicht ganz verbergen, das darunter hervor- und mit hellem

Schimmer über den Boden floß.

Er fühlte sich erschöpft und von einer unüberwindlichen

Schläfrigkeit befallen und wußte, daß er in seinem eigenen

Schlafzimmer war. Er gab dem Löschhut einen letzten Druck und

fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, bevor er in tiefen Schlaf

sank.

34

Dritte Strophe

Der zweite Geist

Scrooge erwachte mitten in einem tüchtigen Geschnarche und

setzte sich im Bett auf; um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal

hatte niemand nötig, ihm zu sagen, daß es gerade eins sei. Er

fühlte, daß er just zu der rechten Zeit und zu dem ausdrücklichen

Zweck erwacht sei, um eine Zusammenkunft mit dem zweiten an

ihn durch Jacob Marleys Vermittlung abgesandten Boten zu

haben.

Aber bei dem Gedanken, welche seiner Bettgardinen das neue

Gespenst wohl zurückschlüge, wurde es ihm ganz unheimlich

kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Händen zurück.

Dann legte er s ich wieder zurück und beschloß, genau

aufzupassen, denn er wol te den Geist in dem Augenblick seiner

Erscheinung anrufen und wünschte nicht überrascht und

erschreckt zu werden.

Leute von keckem Mut, die sich schmeicheln, es schon mit

etwas aufnehmen zu können und immer an ihrem Platz zu sein,

drücken den weiten Bereich ihrer Fähigkeiten mit den Worten

aus: Sie wären gut für al es, vom Brotessen bis zum

Menschenverschlingen, da zwischen beiden Extremen ohne

Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Betätigung ihrer Kräfte liegt.

Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Betätigung ihrer Kräfte liegt.

Ohne gerade zu behaupten, daß es Scrooge so weit gebracht

hätte, muß ich doch von dem Leser den Glauben fordern, daß er

auf eine recht schöne Auswahl von Erscheinungen gefaßt war

und daß ihn nichts zwischen einem Wickelkind und einem

Rhinozeros al zusehr in Verwunderung gesetzt hätte.

Eben weil er beinahe auf alles gefaßt war, war er nicht

vorbereitet, nichts zu sehen; und daher überfiel ihn ein heftiges

Zittern, als die Glocke eins schlug und keine Gestalt erschien.

Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde vergingen, aber

es kam nichts. Die ganze Zeit über lag er auf seinem Bett, dem

Kern und Mittelpunkt eines rötlichen Lichtes, das sich darüber

ergoß, als die 35

Glocke die Stunde verkündete, und das, weil es nur Licht war,

viel beunruhigender als ein Dutzend Geister war, da es ihn

unmöglich erraten ließ, was es bedeute oder was es wol e. Ja, er

fürchtete zuweilen, er könnte in diesem Augenblick ein

merkwürdiger Fall von Selbstentzündung sein, ohne den Trost zu

haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu begreifen, daß

die Quelle dieses geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden

Zimmer sei, aus dem es bei näherer Betrachtung zu strömen

schien. Wie dieser Gedanke die Herrschaft über seine Seele

bekommen hatte, stand er leise auf und schlich in den Pantoffeln

nach der Tür.

In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf die

In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf die

Klinke legte, rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hieß ihn

eintreten. Er gehorchte.

Es war sein eigenes Zimmer. Daran ließ sich nicht zweifeln. Aber

eine wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wände

und Decke waren ganz mit grünen Zweigen bedeckt, daß es

aussah wie eine Laube, in der überall glänzende Beeren

schimmerten. Die glänzenden, starren Blätter der Stechpalme,

der Mistel und des Efeus warfen das Licht zurück und erschienen

wie ebenso viele kleine Spiegel. Eine so gewaltige Flamme

loderte die Esse hinauf, wie sie dieses Spottbild eines Kamines

zu Scrooges oder Marleys Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht

gekannt hatte. Auf dem Fußboden waren zu einer Art von Thron

Truthähne, Gänse, Wildbret, große Braten, Spanferkel, lange

Reihen von Würsten, Pasteten, Plumpuddings, Austerfäßchen,

glühende Kastanien, rotbäckige Äpfel, saftige Orangen,

appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende

Punschbowlen aufgehäuft, die das Zimmer mit köstlichem

Geruch erfül ten. Auf diesem Thron saß behaglich und mit

fröhlichem Angesicht ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der

Hand trug er eine brennende Fackel, fast wie ein Füllhorn

gestaltet, und hielt s ie steil in die Höhe, um Scrooge damit zu

beleuchten, wie er in das Zimmer guckte.

»Nur herein«, rief der Geist. »Nur herein, und lerne mich besser

kennen.«

Scrooge trat schüchtern ein und senkte das Haupt vor dem

Geiste. - Er war nicht mehr der hartfühlende, nichtsscheuende

Scrooge von früher, und obgleich des Geistes Augen hell und

mild glänzten, wünschte er ihnen doch nicht zu begegnen.

»Ich bin der Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht«, sagte die

Gestalt. »Sieh mich an.«

Scrooge tat es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war

gekleidet in ein einfaches, dunkelgrünes Gewand, mit weißem

Pelz verbrämt. Die breite Brust war entblößt, als verschmähe sie,

sich zu verstecken. Auch die Füße waren bloß und schauten

unter den weiten Falten des Gewandes hervor; und das Haupt

hatte keine andere Bedeckung, als einen Stechpalmenkranz, in

dem hie und da Eiszapfen glänzten. Seine dunkelbraunen Locken

wallten fessel os auf die Schultern. Sein munteres Gesicht, sein

glänzendes Auge, seine fröhliche Stimme, sein ungezwungenes

Benehmen, alles sprach von Offenheit und 36

heiterem Sinn. Um den Leib trug er eine alte Degenscheide

gegürtet; aber sie war von Rost zerfressen und kein Schwert

steckte darin.

»Du hast meinesgleichen nie vorher gesehen«, rief der Geist.

»Niemals«, entgegnete Scrooge.

»Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie

»Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie

abgegeben; ich meine (denn ich bin sehr jung) meine älteren

Brüder, die in den vergangenen Jahren geboren worden sind?«

fuhr das Phantom fort.

»Ich glaube nicht«, sagte Scrooge. »Doch es tut mir leid, es nicht

getan zu haben. Hast du viele Brüder gehabt, Geist?«

»Mehr als achtzehnhundert«, sagte dieser.

»Eine schrecklich große Familie, wenn man für sie zu sorgen

hat«, murmelte Scrooge.

Der Geist der diesjährigen Weihnacht erhob sich.

»Geist«, sagte Scrooge demütig, »führe mich, wohin du willst.

Gestern Nacht wurde ich durch Zwang hinausgeführt und mir

wurde eine Lehre gegeben, die jetzt Wirkung zeigt. Heute bin ich

bereit zu folgen, und wenn du mich etwas zu lehren hast, will ich

gern hören.«

»Berühre denn mein Gewand.«

Scrooge tat wie ihm geheißen und hielt es fest.

Stechpalmen, Misteln, rote Beeren, Efeu, Truthähne, Gänse,

Spanferkel, Braten, Würste, Austern, Pasteten, Puddings,

Früchte und Punsch, al es verschwand blitzschnell. Auch das

Zimmer verschwand, das Feuer, der rötliche Schimmer, die

Zimmer verschwand, das Feuer, der rötliche Schimmer, die

nächtliche Stunde, und sie standen in den Straßen der Stadt, am

Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute - denn es war sehr

kalt - eine rauhe, aber fröhliche und nicht unangenehme Musik

machten, indem sie den Schnee von dem Straßenpflaster und

den Dächern der Häuser zusammenfegten. Und daneben standen

die Kinder und freuten sich und kreischten, wenn die

Schneelawinen von den Dächern herunterstürzten und in

künstliche Schneestürme zerstoben.

Die Häuser erschienen schwarz und die Fenster noch schwärzer,

verglichen mit der faltenlosen, weißen Schneedecke auf den

Dächern und dem schmutzigeren Schnee auf den Straßen. Dort

war er von den schweren Rädern der Wagen und Karren in tiefe

Furchen gepflügt; Furchen, die sich hundert- und aberhundertmal

kreuzten, wo eine Straße abging, und die in dem dicken, gelben

Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische Gerinnsel

bildeten. Der Himmel war trübe, und selbst die kürzesten

Straßen schienen sich in einem dicken Nebel zu verlieren, dessen

schwerere Teile in einem rußigen Regen niederfielen, als hätten

alle Essen von England s ich auf einmal entzündet und qualmten

jetzt nach Herzenslust. Es war in der ganzen Umgebung nichts 37

Heiteres, und doch lag etwas in der Luft, was die klarste

Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht hätten verbreiten

können.

Denn die Leute, die den Schnee von den Dächern schaufelten,

waren lustig und mutwilliger Laune. Sie riefen von den Dächern

waren lustig und mutwilliger Laune. Sie riefen von den Dächern

einander zu und wechselten dann und wann einen Schneeball -

ein Pfeil, der harmloser war als manches Wort - und lachten

herzlich, wenn er traf, und nicht minder herzlich, wenn er fehlging.

Die Läden der Geflügelhändler waren noch halb offen und die

der Fruchthändler strahlten in heller Freude. Da sah man - als

wären es Westen lustiger alter Herren - große runde,

dickbäuchige Körbe mit Kastanien an den Türen lehnen oder in

ihrem apoplektischen Überfluß auf die Straße rol en. Da sah man

braune, umfangreiche, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettigkeit

spanischen Mönchen gleichend und mutwil ig den Mädchen

winkend, die vorübergingen und verschämt nach dein

Mistelzweig schielten. Da sah man Birnen und Äpfel zu

Pyramiden aufeinandergepackt: Trauben, die der Kaufmann in

seiner Gutmütigkeit recht augenfällig im Gewölbe hängen ließ,

daß den Vorübergehenden der Mund gratis wässerte, Haufen

von Haselnüssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft an

vergangene Streifzüge im Wald durch das raschelnde, fußhohe,

welke Laub erinnernd, Norfolk-Biffins, fett und kraus, mit ihrer

Bräune von den gelben Orangen abstechend und gar dringlich

bittend, daß man sie nach Hause trage und nach Tische esse. Ja,

selbst die Gold-und Silberfische, die in einem Glase mitten unter

den erlesenen Früchten standen, schienen zu wissen, daß etwas

Besonderes los sei, obgleich sie von einem dick- und kaltblütigen

Geschlecht waren, und schwammen um ihre kleine Welt in

langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.

Ach die Kolonialwarenläden! Fast geschlossen waren sie,

Ach die Kolonialwarenläden! Fast geschlossen waren sie,

vielleicht ein oder zwei Laden vorgesetzt: aber welche

Herrlichkeiten sah man durch diese Öffnungen! Nicht al ein, daß

die Waagschalen mit fröhlichem Klingklang auf dem Ladentisch

rumorten, oder daß der Bindfaden so munter von seiner Rolle

schnurrte, oder daß die Büchsen blitzschnell hin und her fuhren

wie durch Zauberei, oder daß der Mischgeruch von Kaffee und

Tee der Nase so wohl tat, nicht daß die Rosinen so

wunderschön, die Mandeln so außerordentlich weiß, die

Zimtstengel so lang und gerade, die andern Gewürze so köstlich,

die eingemachten Früchte so dick mit geschmolzenem Zucker

belegt waren, daß der kälteste Zuschauer entzückt wurde; nicht

al ein, daß die Feigen so saftig und fleischig waren, oder daß die

Brignolen in bescheidener Koketterie in ihren verzierten Büchsen

erröteten, oder daß alles so gut zu essen oder so schön in seinem

Weihnachtskleid war: das war es nicht al ein. Die Kaufenden

waren auch alle so eifrig und eilig in der Vorfreude auf das Fest,

daß sie in der Türe gegeneinanderrannten, wie von Sinnen mit

ihren Körben zusammenstießen und ihre Einkäufe vergaßen und

wieder zurückliefen, um sie zu holen, und tausend ähnliche

Irrtümer in der bestmöglichen Laune begingen, während der

Kaufmann und seine Leute so frisch und froh waren, daß die

blanken Herzen, die ihre Schürzen hinten zusammenhielten, ihre

eigenen hätten sein können.

38

Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und den

Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und den

Kapellen, und die Leute gingen in ihren besten Kleidern und

ihren feiertäglichsten Gesichtern durch die Straßen. Und zu

derselben Zeit strömten aus den Nebenstraßen und Gäßchen und

namenlosen Winkeln zahllose Leute, die ihr Mittagessen in die

Backstuben trugen. Der Anblick dieser Armen und doch so

Glücklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen,

denn er blieb mit Scrooge neben eines Bäckers Tür stehen, und

während er die Deckel von den Schüsseln nahm, als die Träger

vorübergingen, bestreute er ihr Mahl mit Weihrauch seiner

Fackel. Und es war eine gar wunderbare Fackel, denn ein

paarmal, als einige von den Leuten zusammengerannt waren und

darüber heftige Worte fielen, besprengte er sie mit etlichen

Tropfen Tau daraus, und ihre gute Laune war augenblicklich

wiederhergestel t. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am

Weihnachtstag zu zanken.

Jetzt schwiegen die Glocken, und die Läden der Bäcker wurden

geschlossen: und doch schwebte noch ein Schatten von al en

diesen Mittagessen und dem Fortgang ihrer Zubereitung in dem

getauten, nassen Fleck über jedem Ofen; und vor ihnen rauchte

das Pflaster, als kochten selbst die Steine.

»Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut?«

fragte Scrooge.

»Ja. Meine eigene.«

»Und wirkt sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tag?« fragte

Scrooge.

»Auf jedes, sofern es gern gegeben wird. Auf ein ärmliches am

meisten.«

»Warum auf ein ärmliches am meisten?«

»Weil das meiner Kraft am meisten bedarf«

»Geist«, sagte Scrooge nach kurzem Nachdenken, »mich

wundert's, daß du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns

herum wünschen sol test, diesen Leuten die Gelegenheit eines

unschuldigen Genusses zu rauben.«

»Ich?« rief der Geist.

»Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebten Tag zu Mittag

zu essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie überhaupt zu

Mittag essen können«, sagte Scrooge.

»Ich?« rief der Geist.

»Du willst doch Backstuben und ähnliche Plätze am siebten Tag

geschlossen halten - das kommt doch auf dasselbe heraus.«

»Ich?« rief der Geist.

»Verzeih mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen

»Verzeih mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen

geschehen oder wenigstens in dem deiner Familie«, sprach

Scrooge.

»Es gibt Menschen auf Eurer Erde«, entgegnete der Geist, die

uns kennen wol en und die ihre Taten des Stolzes, der Mißgunst,

des Hasses, des Neides, 39

des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen tun; die

uns in allem, was zu uns gehört, so fremd sind, als hätten sie nie

gelebt. Bedenke dies und schreibe ihre Taten ihnen selbst zu und

nicht uns.«

Scrooge versprach es, und sie gingen weiter in die Vorstadt,

unsichtbar wie bisher. Es war eine wunderbare Eigenschaft des

Geistes (Scrooge hatte sie bei dem Bäcker bemerkt), daß er, bei

seiner riesenhaften Gestalt, doch überal leicht Platz fand, und daß

er unter einem niedrigen Dach ebenso schön und gleich einem

übernatürlichen Wesen dastand, wie in einem geräumigen, hohen

Saal.

Vielleicht war es die Freude, die der gute Geist darin fühlte,

diese Macht zu zeigen, viel eicht auch seine warmherzige,

freundliche Natur und seine Teilnahme mit allen Armen, was ihn

freundliche Natur und seine Teilnahme mit allen Armen, was ihn

gerade zu Scrooges Kommis führte: denn er ging wirklich hin und

nahm Scrooge mit, der sich an seinem Gewand festhielt. Auf der

Schwel e stand der Geist lächelnd still und segnete Bob Cratchits

Wohnung mit dem Tau seiner Fackel. Denkt doch! Bob hatte

nur fünfzehn ›Bobs‹ die Woche; er steckte sonnabends nur

fünfzehn seiner Namensvettern in die Tasche, und doch segnete

der Geist der dies jährigen Weihnacht sein Haus.

Im Zimmer stand Mr. Cratchits Frau in einem ärmlichen, zweimal

gewendeten Kleid, schön aufgeputzt mit Bändern, die billig sind,

aber für sechs Pence hübsch genug aussehen. Sie deckte den

Tisch, und Belinda, ihre zweite Tochter, half ihr dabei, während

Master Peter mit der Gabel in eine Schüssel voll Kartoffeln stach

und die Spitzen seines ungeheuren Hemdkragens (Bobs

Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des Festes

geliehen) in den Mund nahm, voller Stolz, so schön angezogen zu

sein, und voll Sehnsucht, sein weißes Hemd in den fashionablen

Parks zur Schau zu tragen. jetzt kamen die zwei kleinen

Cratchits, ein Mädchen und ein Knabe, hereingesprungen und

schrien, daß sie an des Bäckers Tür die gebratene Gans

gerochen und gewußt hätten, es sei ihre eigene, und in freudigen

Träumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch und

erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, während er

(aber gar nicht stolz, obgleich ihn der Hemdkragen fast erstickte)

in das Feuer blies, bis die Kartoffeln hochquollen und an den

Topfdeckel klopften, daß man sie herauslassen und schälen

möge.

möge.

»Wo nur der Vater bleibt?« fragte Mrs. Cratchit.

Und dein Bruder Tiny Tim; und Martha kam vorige Weihnachten

eine halbe Stunde früher.«

»Hier ist Martha, Mutter«, sagte ein Mädchen, zur Tür

hereintretend.

»Hier ist Martha, Mutter«, riefen die beiden kleinen Cratchits.

»Hurra, so eine Gans, Martha!«

»Gott grüß dich, liebes Kind! Wie spät du kommst!« sagte Mrs.

Cratchit, sie mehrmals küssend und ihr mit zutulichem Eifer Schal

und Hut abnehmend.

40

»Wir hatten gestern abend viel zurecht zu machen«, antwortete

das Mädchen,

»und mußten heute mit al em fertig werden, Mutter.«

»Nun, es schadet nichts, da du doch da bist«, sagte Mrs.

Cratchit. »Setz dich ans Feuer, liebes Kind, und wärme dich.«

»Nein, nein, der Vater kommt«, riefen die beiden kleinen

Cratchits, die überall zu gleicher Zeit waren. »Versteck dich,

Martha, versteck dich!«

Martha, versteck dich!«

Martha versteckte sich, und jetzt trat Bob herein, der Vater.

Wenigstens drei Fuß, ungerechnet der Fransen, hing der Schal

auf seine Brust herab, und die abgetragenen Kleider waren

geflickt und gebürstet, um ihnen ein Ansehen zu geben. Tiny Tim

saß auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim! Er trug eine kleine

Krücke, und seine Glieder wurden von eisernen Schienen

gestützt.

»Nun, wo ist unsere Martha?« rief Bob Cratchit und schaute im

Zimmer herum.

»Sie kommt nicht«, sagte Mrs. Cratchit.

»Sie kommt nicht?« sagte Bob mit einem plötzlichen Absinken

seiner fröhlichen Laune; denn er war den ganzen Weg von der

Kirche Tims Pferd gewesen und in vollem Laufe nach Hause

gerannt. »Sie kommt nicht zum Weihnachtsabend?«

Martha wol te ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus

Scherz, und so trat sie hinter der Tür hervor und schlang die

Arme um seinen Hals, während die beiden kleinen Cratchits sich

Tiny Tims bemächtigten und ihn nach dem Waschhaus trugen,

damit er den Pudding im Kessel singen höre.

»Und wie hat sich der kleine Tim aufgeführt?« fragte Mrs.

Cratchit, als sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit geneckt und

Bob seine Tochter nach Herzens lust geküßt hatte.

Bob seine Tochter nach Herzens lust geküßt hatte.

»Wie ein Goldkind«, sagte Bob, »und noch besser. Ich weiß

nicht, wie es kommt, aber er wird jetzt so träumerisch vom

Alleinsitzen und sinnt sich die seltsamsten Dinge zurecht. Heute,

als wir nach Hause gingen, sagte er, er hoffe, die Leute sähen ihn

in der Kirche, denn er sei ein Krüppel, und es wäre vielleicht gut

für sie, sich am Christtag an den zu erinnern, der einst Lahme

gehen und Blinde sehen machte.«

Bobs Stimme zitterte, als er dies sagte, und zitterte noch mehr,

als er hinzufügte, daß Tiny Tim stärker und gesünder werden

würde.

Man hörte jetzt seine kleine Krücke auf dem Fußboden, und ehe

noch mehr gesprochen ward, war Tim wieder da und wurde von

seinem Bruder und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben

dem Feuer geführt. Während jetzt Bob, seine Rockaufschläge

zur Schonung in die Höhe krempelnd - als ob es möglich

gewesen wäre, sie noch mehr abzutragen -, in einer Bowle aus

Gin und Zitronen eine heiße Mischung zubereitete und sie

umrührte und wieder an das Feuer setzte, damit s ie s ich warm

halte, gingen Master Peter und die zwei 41

allgegenwärtigen kleinen Cratchits die Gans holen, mit der sie

bald in feierlichem Zug zurückkehrten.

Daraufhin erhob sich ein solcher Lärm, als wäre eine Gans der

Daraufhin erhob sich ein solcher Lärm, als wäre eine Gans der

seltenste al er Vögel, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein

schwarzer Schwan etwas ganz Gewöhnliches ist - und wirklich

war sie es auch in diesem Hause. Mrs. Cratchit ließ die

Bratenbrühe aufwallen, Master Peter schmorte die Kartoffeln mit

unglaublichem Eifer, Miß Belinda machte die Apfelsauce süß,

Martha wischte die gewärmten Tel er ab, Bob nahm Tiny Tim

neben sich in eine behagliche Ecke am Tisch, die beiden kleinen

Cratchits stellten die Stühle zurecht, wobei sie sich nicht

vergaßen, und nahmen ihren Posten ein, den Löffel in den Mund

steckend, um nicht nach Gans zu schreien, ehe die Reihe an sie

kam. Endlich wurde das Gericht aufgetragen und das Tischgebet

gesprochen. Darauf folgte eine atemlose Pause, als Mrs. Cratchit

das Vorschneidemesser langsam von der Spitze bis zum Heft

betrachtete und sich anschickte, es der Gans in die Brust zu

stoßen. Aber, als s ie es tat und sich der langerwartete Strom der

Füllung ergoß, ertönte um den ganzen Tisch ein freudiges

Gemurmel, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen

Cratchits in Feuer gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers

auf den Tisch und rief ein schwaches Hurra.

Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht,

daß jemals eine solche Gans gebraten worden sei. Ihre Zartheit

und ihr Fett, ihre Größe und ihre Billigkeit waren der Gegenstand

allgemeiner Bewunderung. Mit Hilfe der Apfelsauce und der

geschmorten Kartoffeln gab sie ein hinreichendes Mahl für die

ganze Familie. Und als Mrs. Cratchit einen einzigen kleinen

Knochen noch auf der Schüssel liegen sah, sagte sie mit großer

Knochen noch auf der Schüssel liegen sah, sagte sie mit großer

Freude, sie hätten doch nicht alles aufgegessen! Aber jeder von

ihnen hatte genug, und die kleinen Cratchits waren bis an die

Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. jetzt wurden

die Teller von Miß Belinda gewechselt, und Mrs. Cratchit verließ

das Zimmer allein, denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu

können, wenn sie den Pudding herausnahm und hereinbrachte.

Wenn er nicht ausgebacken wäre! Wenn er beim Herausnehmen

in Stücke zerfiele! Wenn jemand über die Mauer des

Hinterhauses geklettert wäre und ihn gestohlen hätte, während

sie sich an der Gans erquickten - ein Gedanke, bei dem die

beiden kleinen Cratchits vor Schrecken bleich wurden.

Hallo, eine Dampfwolke! Der Pudding war aus dem Kessel

genommen. Ein Geruch, wie an einem Waschtag! Das war die

Serviette. Ein Geruch wie in einem Speisehaus, mit einem

Pastetenbäcker auf der einen und einer Wäscherin auf der

andern Seite! Das war der Pudding. Nach einer halben Minute

trat Mrs.

Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lächelnd und vor sich den

Pudding haltend, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel,

in einem Viertelquart Rum flammend und in der Mitte mit der

festlichen Stechpalme geschmückt.

Oh, welch wunderbarer Pudding! Bob Cratchit erklärte mit

ruhiger und sicherer Stimme, er halte das für das größte

Kochkunststück, das Mrs. Cratchit 42

Kochkunststück, das Mrs. Cratchit 42

seit ihrer Heirat geliefert habe. Mrs. Cratchit meinte, da die Last

von ihrem Herzen sei, wol e sie nur gestehen, daß sie wegen der

Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. jeder hatte

darüber etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei

doch ein zu kleiner Pudding für eine so große Familie. Das wäre

offenbare Ketzerei gewesen. jeder Cratchit würde sich geschämt

haben, an so etwas nur zu denken.

Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war

abgedeckt, der Herd gesäubert und das Feuer geschürt. Das

Gemisch im Krug wurde gekostet und für fertig erklärt, Äpfel

und Apfelsinen auf den Tisch gesetzt und ein paar Hände voll

Kastanien auf das Feuer geschüttet. Dann setzte sich die ganze

Familie Cratchit um den Kamin in einem Kreis, wie es Bob

Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war,

Bob in die Mitte und neben ihm der Gläservorrat der Familie:

zwei Paßgläser und ein Milchkännchen ohne Henkel.

Diese Gefäße aber hielten das heiße Gemisch aus dem Krug so

gut, als wären es goldene Pokale gewesen, und Bob schenkte

mit strahlenden Blicken ein, während die Kastanien auf dem

Feuer spuckten und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor.

»Uns allen eine fröhliche Weihnacht, meine Lieben! Gott segne

uns!«

Die ganze Familie wiederholte den Toast.

»Gott segne jeden von uns!« sagte Tiny Tim, der letzte von al en.

Er saß dicht neben dem Vater auf seinem Stühlchen, Bob hielt

seine kleine welke Hand in der seinigen, als ob er das Kind liebte

und wünschte, es bei sich zu behalten, aber fürchte, es könnte

ihm bald genommen werden.

»Geist«, sprach Scrooge mit einer Teilnahme, wie er sie noch nie

empfunden hatte, »sag mir, wird Tiny Tim am Leben bleiben?«

»Ich sehe einen leeren Stuhl in der Kaminecke«, antwortete der

Geist, »und eine Krücke ohne Besitzer, sorgfältig aufbewahrt.

Wenn die Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind

sterben.«

»Nein, nein«, drängte Scrooge. »Ach nein, guter Geist, sag, daß

es am Leben bleiben wird.«

»Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert«, antwortete

der Geist abermals, »wird kein anderer meines Geschlechtes das

Kind noch hier finden.

Was tut es auch? Wenn es sterben muß, ist es besser, es tue es

gleich und vermindere die überflüssige Bevölkerung.«

Scrooge senkte das Haupt, da er seine eigenen Worte von dem

Geist hörte, und fühlte sich überwältigt von Reue und Schmerz.

Geist hörte, und fühlte sich überwältigt von Reue und Schmerz.

»Mensch«, sprach der Geist, »wenn du ein menschliches Herz

hast und kein steinernes, so hüte dich, so heuchlerisch zu reden,

bis du weißt, was und wo dieser Überfluß ist. Willst du

entscheiden, welche Menschen leben, welche 43

Menschen sterben sol en? Vielleicht bist du in den Augen des

Himmels unwürdiger und unfähiger zu leben als Millionen gleich

dieses armen Mannes Kind. O Gott! Solch Gewürm auf einem

Blättlein reden zu hören über zuviel Leben unter seinen hungrigen

Brüdern im Staub!«

Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demütig hin und schlug die

Augen nieder, aber er blickte schnel wieder in die Höhe, als er

seinen Namen nennen hörte.

»Es lebe Mr. Scrooge!« sagte Bob, »Mr. Scrooge, der Schöpfer

dieses Festes!«

»Der Schöpfer dieses Festes, wahrhaftig!« rief Mrs. Cratchit mit

glühendem Gesicht. »Ich wol te, ich hätte ihn hier. Ich wol te ihm

ein Stück von meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe,

sie würde ihm schmecken.«

»Liebe Frau«, sagte Bob beschwichtigend, »die Kinder! - Es ist

Weihnachten.«

»Freilich muß es Weihnachten sein«, sagte sie, »wenn man auf

»Freilich muß es Weihnachten sein«, sagte sie, »wenn man auf

die Gesundheit eines so niederträchtigen, geizigen, fühllosen

Menschen, wie Scrooge ist, trinken kann. Und du weißt es,

Robert, daß er so ist, niemand weiß es besser als du!«

»Liebe Frau«, antwortete Bob mild, »es ist Weihnachten.«

»Ich will auf seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu

Gefallen,« sagte Mrs. Cratchit, »nicht seinetwegen. Möge er

lange leben! Ein fröhliches Weihnachten und ein glückliches

neues Jahr! - Er wird sehr fröhlich und sehr glücklich sein, das

glaub ich.«

Die Kinder tranken nach ihr. Es war das erste, was sie an

diesem Abend ohne Herzlichkeit und Wärme taten. Tiny Tim

trank zuletzt, aber er gab keinen Pfifferling darum. Scrooge war

das Schreckbild der Familie. Die Erwähnung seines Namens

warf über al e einen düsteren Schatten, der volle fünf Minuten

zum Verschwinden brauchte.

Als er weg war, waren sie zehnmal lustiger als vorher, schon weil

sie Scrooge los waren, den Schrecklichen. Bob Cratchit

erzählte, daß er eine Stelle für Peter in Aussicht habe, die diesem

ganze fünf und einen halben Shilling wöchentlich eintragen werde.

Die beiden kleinen Cratchits lachten fürchterlich bei dem

Gedanken, Peter als Geschäftsmann zu sehen; und Peter selbst

blickte gedankenvol zwischen seinen Kragenenden hervor in das

Feuer, als überlege er, in welchen Aktien wohl am besten seine

Feuer, als überlege er, in welchen Aktien wohl am besten seine

Ersparnisse anzulegen seien, wenn er in Besitz dieser

unglaublichen Summe käme. Martha, die bei einer Putzmacherin

Gehilfin war, erzählte ihnen, was für Arbeit sie jetzt mache und

wieviel Stunden sie in der guten Zeit arbeiten müsse und wie sie

morgen früh auszuschlafen gedenke; denn morgen war für sie ein

Feiertag. Auch erzählte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Gräfin

und einen Lord gesehen, und daß der Lord fast so groß wie

Peter gewesen sei; bei diesen Worten zupfte Peter seinen

Hemdkragen so in die Höhe, daß sein Kopf darin verschwand.

Während dieser ganzen Zeit gingen Punsch und reife Kastanien

um, und dazwischen sang Tiny Tim mit 44

seiner klagenden Stimme ein Lied von einem Kind, das sich im

Schnee verlaufen: und sang es recht hübsch.

In al edem war nichts Besonderes. Es waren keine hübschen

Gesichter in der Familie; sie waren nicht schön angezogen, ihre

Schuhe waren nichts weniger als wasserdicht, ihre Kleider waren

ärmlich, und Peter mochte wohl das Innere eines

Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren glücklich, voller Dank

für ihre bescheidenen Freuden, einig untereinander und zufrieden:

und als ihre Gestalten verblichen und in dem scheidenden Lichte

der Fackel des Geistes noch glücklicher aussahen, verweilte

Scrooges Auge immer noch auf ihnen und hing vor al em an Tiny

Tim.

Es war jetzt ganz dunkel geworden, und es fiel ein starker

Schnee; und als Scrooge und der Geist durch die Straßen

Schnee; und als Scrooge und der Geist durch die Straßen

gingen, leuchtete der Glanz der lodernden Feuer in Küchen,

Putzstuben und Gemächern al er Art über alle Maßen

wundervoll. Hier zeigte die flackernde Flamme die

Vorbereitungen zu einem traulichen Mahl, die heißen Teller, wie

sie sich vor dem Feuer durch und durch wärmten, und die

dunkelroten Gardinen, bereit, Kälte und Nacht auszuschließen.

Dort liefen alle Kinder des Hauses auf die verschneite Straße

hinaus, ihren verheirateten Schwestern, Brüdern, Vettern, Basen,

Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begrüßen. Hier

zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gäste; dort

eine Gruppe hübscher Mädchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln,

alle zugleich redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars

Haus eilend. Wehe dem Junggesel en, der sie dort strahlend

eintreten sah - und sie wußten es, die durchtriebenen kleinen

Hexen!

Wenn man nach der Zahl der Leute hätte urteilen wollen, die zu

freundschaftlichen Besuchen eilten, hätte man glauben mögen, es

sei niemand da, sie zu bewillkommnen. Aber statt dessen

erwartete jedes Haus Gäste und in jedem Kamin loderte die

Flamme. Wie s ich der Geist freute! Wie er seine breite Brust

entblößte und seine volle Hand auftat und dahinschwebte,

freigebig seine heitere und harmlose Fröhlichkeit über alles in

seinem Bereich ausschüttend!

Selbst der Laternenanzünder, der durch die dunklen Straßen

rannte, um ihre trüben Nebel mit Licht zu erhellen, und der

rannte, um ihre trüben Nebel mit Licht zu erhellen, und der

bereits herausgeputzt war, um den Abend irgendwo zuzubringen,

lachte laut auf, als er den Geist vorüberschweben fühlte.

Und jetzt, ohne daß vorher der Geist etwas gesagt hätte, standen

sie auf einer kahlen, öden Heide, wo ungeheure Felsblöcke

verstreut lagen, als wäre hier eine Begräbnisstätte von Riesen.

Und Wasser breitete sich aus, wo es nur Lust hatte -

oder es hätte sich ausgebreitet, wenn es der Frost nicht

gefangengehalten hätte; und nichts wuchs dort als Moos und

Gestrüpp und hartes, spitzes Gras. Tief im Westen hatte die

untergehende Sonne einen Streifen glühenden Rots gelassen, der

einen Augenblick auf die öde Steppe niedertauchte, wie ein

zürnendes Auge, und immer tiefer und tiefer sank, bis er sich im

Dunkel der tiefsten Nacht verlor.

»Was ist das für ein Ort?« fragte Scrooge.

45

»Ein Ort, wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten«,

antwortete der Geist.

»Aber sie kennen mich. Sieh!«

Ein Licht strahlte aus dem Fenster einer Hütte, und sie

schwebten schnel darauf zu. Hier fanden s ie eine fröhliche

Gesellschaft um ein wärmendes Feuer sitzen: ein alter, alter

Gesellschaft um ein wärmendes Feuer sitzen: ein alter, alter

Mann und eine greise Frau mit ihren Kindern und Enkeln und

Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der Alte sang ein

Weihnachtslied mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des

Windes auf der Einöde übertönte; es war schon ein sehr altes

Lied gewesen, als er noch ein Knabe war; und von Zeit zu Zeit

fielen sie alle im Chor ein. Und stets, wenn ihre Stimmen

ertönten, wurde der Alte lebendig und laut; und immer, wenn sie

aufhörten, sank seine Kraft wieder. Der Geist verweilte hier

nicht, sondern befahl Scrooge, sich an seinem Gewand zu halten.

Sie schwebten über die Öde, aber wohin? Doch nicht aufs

Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge eine

Reihe graus ig steiler Klippen und hinter sich das Land

verschwinden, und sein Ohr wurde betäubt von dem Donner der

Wogen, wie sie unten in den grausenden Höhlen, die s ie genagt

hatten, heulten und brüllten und wüteten und mit wildem Grimm

die Erde zu unterwühlen trachteten.

Auf einer öden, halb im Wasser versunkenen Klippe, gewiß eine

Meile vom Land entfernt stand ein einsamer Leuchtturm. Das

ganze trostlose Jahr hindurch umschäumten und umtol ten ihn die

Wogen. Große Haufen von Seekraut umgaben seinen Fuß, und

Sturmvögel - man konnte glauben, daß sie vom Winde geboren

waren wie das Seekraut von den Wellen - Sturmvögel hoben

und senkten sich um seine Spitze, wie die wogenden Wellen

unten.

Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer

Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer

angezündet, das durch das Guckloch in der dicken, steinernen

Mauer einen hellglänzenden Streifen auf die nächtliche See warf.

Die harten Hände sich über den Tisch hinreichend, an dem sie

saßen, wünschten sie einander fröhliche Weihnachten und stießen

mit den Grogbechern darauf an. Und einer der beiden, der

Ältere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm und Wetter

gebräunt und gefurcht, wie die Galionsfigur eines alten Schiffes,

stimmte ein mächtiges Lied an, das wie ein Sturmwind erdröhnte.

Immer noch schwebte der Geist über die dunkelwogende See

dahin, immer weiter und weiter, bis sie, wie der Geist zu Scrooge

sagte, fern jeder Küste, sich auf einem Schiff niederließen. Sie

standen neben dem Steuermann an dem Rad, dem Ausguck

vorn, neben den Offizieren, die gerade Wache hatten. Wie

dunkle, gespenstige Gestalten standen diese auf ihrem Posten,

aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte

einen Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinem

Kameraden von einem früheren Weihnachtsabend und

heimatlichen Hoffnungen, die s ich daran knüpften. Und jeder

einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder schlecht,

hatte an diesem Tag ein herzlicheres Wort für seine Kameraden

gehabt als an jedem andern Tag des Jahres und ihn wenigstens

einigermaßen gefeiert; und hatte an die gedacht, die sich jetzt in

der 46

Ferne seiner erinnerten, und hatte gewußt, daß sie jetzt seiner

freundlich gedächten.

freundlich gedächten.

Eine große Überraschung war es für Scrooge -während er dem

Stöhnen des Windes lauschte und darüber nachdachte, wie es

doch schauerlich sei, durch die öde Nacht über einen

unbekannten Abgrund dahinzugleiten, der Geheimnisse barg, so

tief wie der Tod - eine große Überraschung war es für Scrooge

sage ich, plötzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen. Noch

größer war Scrooges Überraschung, als er darin das Lachen

seines eigenen Neffen erkannte und sich in einem hellen,

behaglich warmen Zimmer wiederfand, während der Geist an

seiner Seite stand und mit beifälligem, mildem Lächeln auf diesen

Neffen herabblickte.

»Haha!« lachte Scrooges Neffe. »Hahaha!«

Wenn jemand durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall einen

Menschen weiß, der glücklicher lachen kann als Scrooges Neffe,

so kann ich nur sagen, ich möchte ihn auch kennenlernen. Stellt

mich ihm vor, und ich werde mit ihm Freundschaft pflegen.

Es ist doch eine gerechte und schöne Anordnung, daß, wie

Krankheit und Kummer, auch in der ganzen weiten Welt nichts

so unwiderstehlich ansteckend ist wie Lachen und Fröhlichkeit.

Als Scrooges Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem

Kopf wackelte und die allermerkwürdigsten Gesichter schnitt,

lachte Scrooges Nichte so herzlich wie er. Und die versammelten

Freunde, nicht faul, fielen in den Lachchor ein.

Freunde, nicht faul, fielen in den Lachchor ein.

»Haha! Haha! Haha!«

»Er sagte, Weihnachten sei dummes Zeug, so wahr ich lebe«, rief

Scrooges Neffe. »Und er glaubt es auch.«

»Die Schande ist um so größer für ihn, Fred«, sagte Scrooges

Nichte entrüstet.

Gott segne die Frauen! Sie tun nie etwas halb. Sie sind immer in

vollem Ernst.

Sie war hübsch, sehr hübsch. Sie hatte ein liebliches,

schelmisches Gesicht, einen frischen vollen Mund, der zum

Küssen gemacht schien - wie er es ohne Zweifel auch war; al e

Arten lieber kleiner Grübchen um das Kinn, die

ineinanderflossen, wenn sie lachte, und das sonnenhel ste Paar

Augen, das je erblickt werden konnte. Ja, sie war reizend,

liebenswürdig, bezaubernd.

»Er ist ein komischer alter Herr«, sagte Scrooges Neffe, »das ist

wahr, und nicht so angenehm, wie er sein könnte. Doch seine

Fehler bestrafen nur ihn selbst, und ich habe keinen Grund,

etwas gegen ihn zu sagen.«

»Er muß doch sehr reich sein, Fred«, meinte Scrooges Nichte.

»Wenigstens sagst du es immer.«

»Und wenn schon, Liebste!« sprach Scrooges Neffe.

47

»Sein Reichtum nützt ihm nichts. Er tut nichts Gutes damit. Er

macht sich selbst nicht einmal das Leben damit angenehm. Er hat

nicht einmal das Vergnügen zu denken - hahaha -, daß er uns am

Ende damit eine Freude machen wird.«

»Ich habe keine Geduld mit ihm«, bemerkte Scrooges Nichte.

Die Schwester von Scrooges Nichte und al e die andern Damen

waren derselben Meinung.

»Oh, ich habe Geduld«, sagte Scrooges Neffe. »Mir tut er leid;

ich könnte nicht böse auf ihn werden, selbst wenn ich's

versuchte. Wer leidet unter seiner bösen Laune? Er selber allein,

sonst niemand. jetzt hat er sich's in den Kopf gesetzt, uns nicht

leiden zu können, und will unsere Einladung zum Mittagessen

nicht annehmen. Was ist die Folge davon? Er verliert nicht viel an

unserm Essen.«

»Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen«, unterbrach ihn

Scrooges Nichte. Die andern sagten dasselbe, und man konnte

ihr Urteil darüber nicht bestreiten, weil sie eben zu essen

aufgehört hatten und jetzt mit dem Dessert bei Lampenlicht um

den Kamin saßen.

»Nun, es freut mich, das zu hören«, sagte Scrooges Neffe, »weil

»Nun, es freut mich, das zu hören«, sagte Scrooges Neffe, »weil

ich kein großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen setze. Was

sagen Sie dazu, Topper?«

Ganz klar war's, Topper hatte ein Auge auf eine der Schwestern

von Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein

Junggesel e sei ein unglücklicher, heimatloser Mensch, der kein

Recht habe, eine Meinung darüber auszusprechen: Worte, bei

denen die Schwester von Scrooges Nichte - die Runde mit dem

Spitzkragen, nicht die mit der Rose im Haar - rot wurde.

»Weiter, weiter, Fred!« sagte Scrooges Nichte, in die Hände

klatschend. »Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er ist

ein so närrisches Kerlchen.«

Scrooges Neffe schwelgte in einem andern Gelächter, und es

war unmöglich, sich von der Ansteckung fern zu halten, obgleich

es die runde Schwester sogar mit Riechsalz versuchte; sein

Beispiel wurde einstimmig nachgeahmt.

»Ich wol te nur sagen«, meinte Scrooges Neffe, »daß die Folge

seines Mißfallens an uns und seiner Weigerung, mit uns fröhlich

zu sein, die ist, daß er einige angenehme Augenblicke verliert, die

ihm nichts schaden würden. Gewiß verliert er angenehmere

Unterhaltung, als ihm seine eigenen Gedanken in seinem

dumpfigen alten Kontor oder in seiner Wohnung bereiten. Ich

versuche ihm jedes Jahr Gelegenheit dazu zu geben, mag es ihm

nun gefal en oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf

nun gefal en oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf

Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er muß doch endlich

besser davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu

ihm kommen sieht, mit den Worten: ›Onkel Scrooge, wie geht es

Ihnen?‹ -

Wenn es ihm nur den Gedanken einflößt, seinem armen Kommis

fünfzig Pfund zu hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas:

und ich glaube, ich packte ihn gestern.«

48

Jetzt war an ihnen die Reihe zu lachen bei dem Gedanken, daß

er Scrooge gepackt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig

war und sich nicht viel darum kümmerte, worüber sie lachten,

wenn sie überhaupt lachten, so stimmte er in ihre Fröhlichkeit mit

ein und ließ die Flasche wacker herumgehen.

Nach dem Tee kam Musik an die Reihe. Denn es war eine

musikalische Familie, und sie wußten, was sie taten, wenn sie

einen Glee oder Catch sangen, darauf könnt ihr euch verlassen,

namentlich Topper, der den Baß nach Noten brummen konnte,

ohne daß die großen Adern auf der Stirn anschwollen oder sich

sein Gesicht rötete. Scrooges Nichte spielte die Harfe recht gut,

und spielte unter anderen Stücken auch ein kleines Liedchen (ein

bloßes Nichts, ihr hättet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), das

jenes Kind oft gesungen hatte, von dem Scrooge aus der Schule

geholt worden war, wie ihm der Geist der vergangenen

Weihnachten gezeigt hatte. Als Scrooge dies Liedchen hörte, trat

Weihnachten gezeigt hatte. Als Scrooge dies Liedchen hörte, trat

alles, was ihm der Geist gezeigt hatte, abermals vor seine Seele:

er wurde weicher und weicher und dachte, wenn er es vor

Jahren hätte oft hören können, so hätte er die freundlichen Seiten

des Lebens genießen können, ohne erst zu Marleys Geist seine

Zuflucht um Belehrung nehmen zu müssen.

Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach

einer Welle fingen sie Pfänderspiele an, denn es ist gut, zuweilen

Kind zu sein, und vorzüglich zu Weihnachten, da der Urheber

dieses Festes selbst noch ein Kind war. Doch halt, erst spielten s

ie Blindekuh. Und ich glaube ebensowenig, daß Topper wirklich

blind war, wie ich glaube, er habe Augen in seinen Stiefeln. Ich

vermute, die Sache war zwischen ihm und Scrooges Neffen

abgekartet, und der Geist der diesjährigen Weihnachten wußte

es wohl! Die Art, wie er die runde Schwester in dem

Spitzenkragen verfolgte, war eine Beleidigung aller menschlichen

Leichtgläubigkeit. Wo sie ging, ging auch er, die Feuereisen

umstoßend, über Stühle stolpernd, an das Piano anrennend, sich

in den Gardinen verwickelnd. Immer wußte er, wo die runde

Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wäre, wie es

einige machten, oder sich vor ihn hingestellt hätte, würde er getan

haben, als bemühe er sich, ihn zu ergreifen, wäre aber

augenblicklich umgekehrt, der runden Schwester nach. Sie rief

oft, das sei nicht ehrlich, und das war es auch in der Tat nicht.

Aber endlich hatte er sie gefunden und ungeachtet ihres

Sträubens zwängte er sie in eine Ecke, aus der keine Flucht

möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich.

möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich.

Denn sein Vorgeben, er kenne sie nicht, er müsse erst ihren

Kopfputz anfassen und, um sie zu erkennen, einen gewissen Ring

auf ihrem Finger und eine gewisse Kette um ihren Hals befühlen,

war ganz, ganz abscheulich! Und gewiß sagte sie ihm auch

tüchtig ihre Meinung darüber, denn als ein anderer Blinder an der

Reihe war, tuschelten sie hinter den Gardinen sehr vertraut

miteinander.

Scrooges Nichte nahm nicht teil an dem Blindekuhspiel, sondern

saß gemütlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhl mit

einem Fußbänkchen davor, und der Geist und Scrooge standen

dicht hinter ihr. Aber bei den Pfänderspielen tat sie mit und liebte

ihre Liebe mit allen Buchstaben des 49

Alphabets zur allgemeinen Bewunderung. Auch in dem Spiel

›Wie, Wann und Wo‹ war sie sehr tüchtig und stellte zur

geheimen Freude von Scrooges Neffen ihre Schwestern gar sehr

in den Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite Mädchen

waren, wie es uns Topper hätte versichern können. Es mochten

ungefähr zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie

spielten alle, und auch Scrooge spielte mit; denn in seiner

Teilnahme an den Vorgängen ganz vergessend, daß ihnen seine

Stimme nicht hörbar war, gab er oft seine Antwort auf die

Fragen ganz laut und riet auch oft ganz richtig.

Dem Geist gefiel es sehr gut, ihn in dieser Laune zu sehen, und er

blickte ihn so freundlich an, daß ihn Scrooge wie ein Knabe bat,

blickte ihn so freundlich an, daß ihn Scrooge wie ein Knabe bat,

noch warten zu dürfen, bis die Gäste fortgingen. Aber der Geist

sagte, dies könne nicht geschehen.

»Es fängt ein neues Spiel an«, sagte Scrooge. »Nur eine einzige

halbe Stunde, Geist.«

Es war ein Spiel, das man ›Ja und Nein‹ nennt, wo Scrooges

Neffe sich etwas zu denken hatte und die anderen erraten

mußten, was; auf ihre Fragen brauchte er dann nur mit Ja oder

Nein zu antworten. Die schnell aufeinanderfolgenden Fragen, die

ihm vorgelegt wurden, ergaben denn endlich, daß er sich ein

Geschöpf dachte -. ein lebendiges Wesen, ein häßliches, wildes

Geschöpf, das zuweilen brumme und zuweilen spreche und sich

in London aufhalte und in den Straßen herumlaufe und nicht für

Geld gezeigt und nicht herumgeführt werde und nicht in einer

Menagerie sei und nicht geschlachtet werde, und weder ein

Pferd, noch ein Esel, noch eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein

Tiger, noch ein Hund, noch ein Schwein, noch eine Katze, noch

ein Bär sei. Bei jeder neuen Frage, die ihm gestellt wurde, brach

Scrooges Neffe aufs neue in ein Gelächter aus und konnte gar

nicht wieder herauskommen, so daß er vom Sofa aufstehen und

mit den Füßen stampfen mußte. Endlich rief die runde Schwester

mit einem ebenso unauslöschlichen Gelächter:

»Ich habe es, Fred, ich weiß es, ich weiß es.«

»Was ist es?« rief Fred.

»Es ist Onkel Scrooge.«

Und der war es auch. Verwunderung war das al gemeine Gefühl,

obgleich einige meinten, die Frage: »Ist es ein Bär?« hätte mit Ja

beantwortet werden müssen, denn eine verneinende Antwort sei

schon hinreichend gewesen, ihre Gedanken von Scrooge

abzubringen, selbst wenn sie auf dem Wege zu ihm gewesen

wären.

»Nun, er hat uns Freude genug gemacht«, sagte Fred, »und so

wäre es undankbar, nicht auf seine Gesundheit zu trinken. Hier

ist ein Glas Glühwein dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!«

»Es lebe Onkel Scrooge!« stimmten alle ein.

50

»Fröhliche Weihnachten und ein glückliches Neujahr dem Alten,

sei er, wie er wol e!« sagte Scrooges Neffe. »Er wol te meinen

Wunsch nicht annehmen, aber er sol ihn dennoch haben.«

Dem Onkel Scrooge war es unmerklich so fröhlich und leicht zu

Sinne geworden, daß er der von seiner Gegenwart nichts

ahnenden Gesel schaft ihren Toast erwidert und mit einer

unhörbaren Rede gedankt haben würde, hätte ihm der Geist Zeit

dazu gelassen. Aber alles verschwand im Hauch vom letzten

Wort des Neffen, und Scrooge und der Geist waren schon

wieder unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten

manchen Herd, aber immer spendeten sie Glück. Der Geist

stand neben Kranken, und sie wurden heiter und hoffend; neben

Wanderern in fernen Ländern, und sie träumten von der Heimat;

neben solchen, die mit dem Leben rangen, und sie harrten

geduldig aus; neben Armen, und sie wurden reich. Im

Armenhaus und im Lazarett, im Kerker und in jedem

Zufluchtsort des Elends, wo der Mensch in seiner kurzen

Zufluchtsort des Elends, wo der Mensch in seiner kurzen

ärmlichen Herrschaft dem Geiste die Tür verschlossen hatte,

spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge seine Weise.

Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber

Scrooge zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen

in die Zeit, in der sie miteinander verrannen, zusammengedrängt

zu sein. Es war auch sonderbar, daß der Geist offenbar älter

wurde, während Scrooge äußerlich ganz unverändert blieb.

Scrooge hatte diese Veränderung zwar bemerkt, sprach aber nie

davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesel schaft

weggingen, wo er bemerkte, daß des Geistes Haar schnel grau

geworden war.

»Ist das Leben der Geister so kurz?« fragte Scrooge.

»Mein Leben ist sehr kurz auf dieser Erde«, sagte der Geist, »es

endet noch in dieser Nacht.«

»In dieser Nacht noch!« rief Scrooge.

»Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet schon.«

Die Glocke schlug drei Viertel auf zwölf

51

»Vergib mir, wenn ich nicht recht tue, zu fragen«, sagte jetzt

»Vergib mir, wenn ich nicht recht tue, zu fragen«, sagte jetzt

Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, »aber ich

sehe etwas Seltsames unter deinem Mantel hervorblicken, was

nicht zu dir zu gehören scheint. Ist es ein Fuß oder eine Klaue?«

»Nach dem wenigen Fleisch, was darauf sitzt, könnte es schon

eine Klaue sein«, gab der Geist traurig zur Antwort, und fuhr fort:

»Sieh hier!«

Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt

zwei Kinder, elend, abgemagert, häßlich und mitleiderregend. Sie

knieten vor dem Geiste nieder und hielten sich festgeklammert an

dem Saum seines Gewandes.

»O Mensch, sieh hier«, rief der Geist. »Sieh hier, sieh hier!«

Es war ein Knabe und ein Mädchen. Fahlen Gesichtes, elend,

zerlumpt und mit wildem, tückischem Blicke; aber doch auch

ängstlich und gedrückt in ihrer Demut. Wo die Schönheit der

Jugend ihre Züge hätte durchleuchten und mit ihren frischesten

Farben kleiden sol en, hatte s ie eine runzlige, abgelebte Hand,

gleich der des Alters, berührt und versehrt. Wo Engel hätten

thronen können, lauerten Teufel mit grimmigem, drohendem

Blick. Keine Veränderung, keine Entwürdigung der Menschheit

in allen Geheimnissen der Schöpfung hat so schreckliche und

grauenerregende Ungeheuer aufzuweisen.

Entsetzt fuhr Scrooge zurück. Da sie ihm der Geist auf solche

Weise gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne

Weise gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne

Kinder, aber die Worte erstickten ihm von selber, um nicht

teilzuhaben an einer so ungeheuren Lüge.

»Geist, sind das deine Kinder?« Weiter konnte Scrooge nichts

sagen.

»Es sind des Menschen Kinder«, erwiderte der Geist, auf sie

herabschauend.

»Und sie hängen sich an mich, vor mir ihre Väter anklagend.

Dieses Mädchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der

Mangel. Schau sie beide wohl an, und vor al em diesen Knaben;

denn auf seiner Stirn seh' ich geschrieben, was Verhängnis ist,

wenn die Schrift nicht verlöscht wird. Leugnet es«, rief der Geist,

seine Hand nach der Stadt ausstreckend.

»Verleumdet alle, die es Euch sagen! Gebt es zu um Eurer

Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet

das Ende!«

»Haben sie keine Stütze, keinen Zufluchtsort?« rief Scrooge.

»Gibt es keine Gefängnisse?« sagte der Geist, das letztemal die

eigenen Worte von Scrooge gegen ihn gebrauchend. »Gibt es

keine Armenhäuser?«

Die Glocke schlug zwölf.

Scrooge sah sich um nach dem Geiste, aber er war

verschwunden. Als der letzte Schlag verklungen war, erinnerte er

sich an die Vorhersagung des alten Jacob Marley und sah, die

Augen erhebend, ein grauenerregendes, tief verhülltes Gespenst

auf sich zukommen, wie ein Nebel auf dem Boden dahinzurollen

pflegt.

52

Vierte Strophe

Der letzte Geist

Die Erscheinung kam langsam, feierlich, schweigend auf ihn zu.

Als sie herangekommen war, fiel Scrooge auf die Knie nieder,

denn selbst die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien

geheimnisvolles Grauen um sich zu verbreiten.

Die Erscheinung war verhüllt in einem schwarzen, weiten Mantel,

der nichts von ihr sehen ließ, als eine ausgestreckte Hand. Wäre

diese nicht gewesen, es wäre einem schwer angekommen, die

Gestalt von der Nacht zu trennen, die sie umgab!

Als sie neben ihm stand, fühlte er, daß s ie groß und stattlich war

und daß ihn ihre geheimnisvolle Gegenwart mit einem feierlichen

Grauen erfüllte. Er wußte weiter nichts, denn der Geist sprach

und bewegte sich nicht.

»Ich stehe vor dem Geist der zukünftigen Weihnacht?« fragte

Scrooge.

Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand zur Erde

hinab.

»Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, die noch nicht

»Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, die noch nicht

geschehen sind, aber noch geschehen werden?« fuhr Scrooge

fort. »Willst du das, Geist?«

Der obere Teil der Verhüllung bauschte sich auf einen

Augenblick in Falten, als ob der Geist sein Haupt neige; dies war

die einzige Antwort, die Scrooge erhielt.

Obgleich schon so ziemlich an gespenstische Gesellschaft

gewöhnt, bangte Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so

sehr, daß seine Knie wankten und er kaum noch stehen konnte,

als er s ich ihr zu folgen bereit machte. Der Geist stand für einen

Augenblick still, als bemerke er die Furcht seines Begleiters und

als wol e er ihm Zeit lassen, sich zu erholen.

Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein

fremdes, unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem

Gedanken, daß sich hinter diesem schwarzen Schleier

gespenstische Augen fest auf ihn heften könnten, während er,

obgleich er seine Augen aufs äußerste anstrengte, doch nichts

sehen konnte als die gespenstische Hand und eine große,

schwarze Faltenmasse.

»Geist der Zukunft«, rief er, »ich fürchte dich mehr als die

Geister, die ich schon gesehen habe. Aber da ich weiß, daß es

dein Zweck ist, mir Gutes zu tun, und da ich noch zu leben hoffe,

um ein anderer Mensch zu werden, als ich bisher war, bin ich

willens, dich zu begleiten und tue es mit einem dankerfül ten

Herzen. -Willst du nicht zu mir sprechen?«

Herzen. -Willst du nicht zu mir sprechen?«

Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade vor

ihm hin in die Ferne.

»Führe mich«, bat Scrooge. »Führe mich, die Nacht schwindet

schnel , und die Zeit ist für mich kostbar. Führe mich, Geist.«

53

Die Erscheinung bewegte sich ebenso von ihm weg, wie sie auf

ihn zugekommen war. Scrooge folgte dem Schatten ihres

Gewandes, der ihn aufhob und von dannen trug.

Es war kaum, als ob sie in die City träten; eher schien die City

rings um sie her in die Höhe zu wachsen und sie zu umdrängen.

Aber sie waren doch mitten in ihrem Herzen, auf der Börse unter

den Kaufleuten, die geschäftig hin und her eilten, mit dem Geld in

ihren Taschen klimperten, in Gruppen miteinander sprachen,

nach der Uhr sahen und gedankenvoll mit den großen, goldenen

Petschaften an den Uhrketten spielten, wie Scrooge es schon so

oft gesehen hatte.

Der Geist blieb bei einer Gruppe von Kaufleuten stehen, und

Scrooge sah, daß die Hand der Erscheinung darauf hinwies;

daher näherte er sich ihnen, um ihr Gespräch zu belauschen.

»Nein, ich weiß nicht viel davon zu sagen«, sagte ein großer

fetter Mann mit einem ungeheuren Doppelkinn. »Ich weiß nur,

fetter Mann mit einem ungeheuren Doppelkinn. »Ich weiß nur,

daß er tot ist.«

»Wann starb er denn?« fragte ein anderer.

»Vorige Nacht, glaub' ich.«

»Mein Gott, was hat ihm denn gefehlt?« mischte sich ein Dritter

ein, der dabei eine große Prise aus einer sehr großen Dose

nahm. »Ich dachte, der würde nie sterben.«

»Weiß Gott«, sagte der erste und gähnte.

»Was hat er mit seinem Geld angefangen?« fragte ein Herr mit

einem roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze,

der wie der Lappen eines Truthahns wackelte.

»Ich habe nichts davon gehört«, sagte der Mann mit dem fetten

Doppelkinn, und gähnte abermals. »Hat es wahrscheinlich seiner

Firma hinterlassen. Mir hat er's nicht vermacht. Das weiß ich.«

Dieser reizende Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelächter

begrüßt.

»Es wird wohl ein sehr billiges Begräbnis werden«, fuhr der

Dicke mit dem Doppelkinn fort; »denn so wahr ich lebe, ich

kenne niemanden, der mitgehen sol te. Wenn wir nun

zusammenträten und freiwillig mitgingen?«

»Ich tue mit, wenn für einen Lunch gesorgt wird«, bemerkte der

Herr mit dem Truthahnlappen an der Nasenspitze. »Aber ich

muß zu essen haben, wenn ich dabei sein soll.«

Ein neues Gelächter.

»Nun, da bin ich doch wohl der Uneigennützigste von euch«,

meinte der erste Sprecher, »denn ich trage nie schwarze

Handschuhe und esse nie Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich

noch andere finden. Wenn ich mir's recht überlege, war ich am

Ende sein vertrautester Freund; denn wir blieben stehen und

sagten einander, wenn wir uns auf der Straße trafen: ›Guten

Morgen, guten Morgen!‹«

Sprecher und Zuhörer gingen fort und mischten sich unter andere

Gruppen.

Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden

Blick an.

Die Erscheinung schwebte weiter und hinaus auf die Straße.

54

Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen. Und wieder

hörte Scrooge zu, in der Hoffnung, jetzt die Erklärung zu finden.

Denn er kannte auch diese Leute recht gut. Es waren Kaufleute,

sehr reich und von großem Ansehen. Er hatte sich immer

bestrebt, in ihrer Achtung zu bleiben, das heißt in

Geschäftssachen, rein in Geschäftssachen.

»Wie geht's?« sagte der eine.

»Wie geht's Ihnen?« der andere.

»Gut«, erwiderte der erste. »Der alte Knauser ist endlich tot,

wissen Sie es schon?«

»Ich hörte es«, antwortete der zweite. »Es ist kalt heute, nicht

wahr?«

»Wie sich's zu Weihnachten schickt. Sie sind wohl kein

Schlittschuhläufer?«

»Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten

Morgen!«

Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so trennten sie sich.

Scrooge war erst zu staunen geneigt, daß der Geist auf

anscheinend so unbedeutende Gespräche ein Gewicht zu legen

schien; aber sein Gefühl sagte ihm, daß sie eine verborgene

Bedeutung haben müßten, und er zerbrach sich den Kopf,

welcher Art diese sein könnte.

Die Gespräche konnten sich nicht auf den Tod Jacobs, seines

alten Kompagnons, beziehen, denn der gehörte der

Vergangenheit an, und sein Führer war doch der Geist der

Zukunft. Auch konnte er s ich niemanden von den ihn näher

Angehenden vorstellen, auf den er sie hätte beziehen können.

Aber in der Gewißheit, daß für ihn doch eine wichtige Lehre

darin liege, auf wen sie sich auch beziehen möchten, beschloß er,

jedes Wort, das er hörte, und jede Szene, die er sah, treu in

jedes Wort, das er hörte, und jede Szene, die er sah, treu in

seinem Herzen aufzubewahren, und vorzüglich seinen Schatten zu

beobachten, wenn er erschien. Denn er erwartete von dem

Benehmen seines zukünftigen Selbst die noch fehlende

Aufklärung und die Lösung der Rätsel, die ihm jetzt so schwierig

vorkam.

Schon auf der Börse sah er sich nach seinem Selbst um; aber ein

anderer stand in seiner gewohnten Ecke, und obgleich die Uhr

die Stunde zeigte, wo er gewöhnlich dort war, bemerkte er sich

doch auch nicht unter den Scharen, die sich durch den Eingang

hereindrängten. Das überraschte ihn indessen um so 55

weniger, als er schon lange daran gedacht hatte, sein Geschäft

aufzugeben; und nun glaubte und hoffte er, in diesen

Erscheinungen schon die einstige Verwirklichung seines Planes zu

erblicken.

Regungslos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit

seiner starr ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner

nachdenklichen Stellung aufblickte, glaubte er (nach der Richtung

der Hand zu urteilen), daß sich die unsichtbaren Augen fest auf

ihn hefteten. Bei diesem Gedanken überlief ihn ein kalter

Schauer.

Sie verließen darauf die geschäftige Umgebung und gingen in

einen abgelegenen Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher

gewesen war, dessen Lage und schlechten Ruf er aber kannte.

Die Straßen waren schmutzig und eng, die Läden und Häuser

Die Straßen waren schmutzig und eng, die Läden und Häuser

ärmlich, die Menschen halbnackt, betrunken, barfuß, häßlich.

Gäßchen und Torwege strömten, wie ebenso viele Kloaken,

abscheuerregende Gerüche und Schmutz und Menschen in die

Straßen, und das ganze Viertel schien erfül t von Verbrechen,

Unrat und Elend.

In einem der tiefsten Winkel dieses Zufluchtsorts der Sünde und

des Verbrechens befand sich ein niedriger, dunkler Laden unter

einem Wetterdach, in dem Eisen, Lumpen, Flaschen, Knochen

und Fleischabfälle verkauft wurden.

Auf dem Fußboden lag ein Haufen verrosteter Schlüssel, Nägel,

Ketten, Türangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes Eisen aller

Art. Geheimnisse, die zu enträtseln wenige verlangen würden,

entstanden und verbargen sich in Bergen widerlicher Lumpen,

Massen verdorbenen Fettes und ganzen Beinhäusern von

Knochen. Mitten unter seinen Waren saß neben einem aus alten

Kacheln zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast

siebzigjähriger Schelm, der sich vor der Kälte draußen durch

einen bauschigen Vorhang von allerlei, auf eine Leine gehängten

Lumpen geschützt hatte und seine Pfeife voll Behagen rauchte.

Scrooge und die Erscheinung traten neben diesen Mann, als eine

Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Kaum

war sie eingetreten, als ihr eine zweite Frau, auch mit einem

Bündel, folgte, und dieser dicht auf den Fersen ein Mann in

Bündel, folgte, und dieser dicht auf den Fersen ein Mann in

einem alten, schwarzen, abgetragenen Anzug, der nicht weniger

vor dem Anblick der beiden erschrak, als diese voreinander

erschrocken waren.

Nach einigen Augenblicken wortlosen Staunens, an dem sich der

Alte mit der Pfeife beteiligt hatte, brachen sie al e drei in ein

lautes Gelächter aus.

»Schau an, die Putzfrau ist die erste«, rief die zuerst eingetreten

war. »Schau an, die Waschfrau ist die zweite, und der Sargträger

ist der dritte. He, Joe, das ist ein Glücksfal ! Wir treffen uns hier

alle drei, ohne daß wir uns verabredet haben.«

»Ihr hättet euch an keinem bessern Ort treffen können«, sagte

der alte Joe, die Pfeife aus dem Mund nehmend. »Kommt in den

Salon. Ihr habt schon lange freien Zutritt dort, das wißt Ihr ja,

und die anderen zwei sind auch keine Fremden. Wartet, bis ich

die Ladentür zugemacht habe. Oh, wie sie knarrt! Ich glaube, es

gibt kein so rostiges Stück Eisen in dem ganzen Laden, als die

56

Türangeln; und ich weiß, es gibt keine so alten Knochen hier, wie

meine. Haha, wir passen zu unserm Geschäft. Kommt in den

Salon!«

Der Salon war der Raum hinter dem Lumpenvorhang. Der Alte

kratzte das Feuer mit einem alten Rouleaustab zusammen, schob

den Docht seiner qualmigen Lampe, denn es war Abend, mit

den Docht seiner qualmigen Lampe, denn es war Abend, mit

dem Pfeifenstiel in die Höhe und steckte diese dann wieder in

den Mund.

Während er damit beschäftigt war, warf die zuerst eingetretene

Frau ihr Bündel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender

Frechheit auf einen Stuhl; dann legte sie die Hände auf die Knie

und sah die beiden andern herausfordernd an.

»Nun, was ist dabei, was ist schon dabei, Mrs. Dilber ?jeder hat

das Recht, für sich zu sorgen. Und er tat es immer.«

»Das ist wahr«, sagte die Waschfrau. »Keiner tat es eifriger.«

»Na, warum gafft Ihr da einander an, als hättet Ihr Bange, wer

der Schlauere sei? Wir wol en doch nicht einander die Augen

aushacken, denk' ich.«

»Nein, gewiß nicht«, sagten Mrs. Dilber und der Mann wie aus

einem Munde.

»Wir wol en es nicht hoffen.«

»Na, gut denn«, rief die Frau, »das ist genug! Wem schadet's,

wenn wir so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer

Leiche gewiß nicht.«

»Nein, gewiß nicht«, lachte Mrs. Dilber.

»Wenn er sie noch nach dem Tode behalten wollte, wie ein alter

Geizhals«, fuhr die Frau fort, »warum war er nicht besser zu

seinen Lebzeiten? Wäre er's gewesen, dann hätte er auch

jemanden um s ich gehabt, als er starb, statt daß er

mutterseelenallein seinen letzten Atem fahren lassen mußte.«

»Es ist das wahrste Wort, das je gesprochen wurde«, bestätigte

Mrs. Dilber.

»Es ist ein Gottesgericht.«

»Ich wünschte, es wäre ein bißchen schwerer ausgefallen«,

meinte die Frau,

»und es wär's auch, verlaßt euch drauf, wenn ich hätte mehr

bekommen können.

Mach das Bündel auf, Joe, und sag mir, was es wert ist. Sprich

dreist heraus. Ich fürchte mich nicht, die erste zu sein, noch es

die hier sehen zu lassen. Wir wußten ganz gut, daß wir für uns

sorgten, ehe wir uns hier trafen. Das ist keine Sünde. Mach das

Bündel auf, Joe.«

Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und

der Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine

Beute zuerst. Es war nicht viel los damit: ein oder zwei

Petschafte, ein silberner Bleistift, ein Paar Hemdknöpfe und eine

Brosche von geringem Wert: das war al es. Die Gegenstände

Brosche von geringem Wert: das war al es. Die Gegenstände

wurden von dem alten Joe untersucht und geschätzt, worauf er

die Summe, die er für das einzelne bezahlen wollte, an die Wand

schrieb und zusammenrechnete, als er fand, daß nichts mehr

nachkam.

»Das ist Eure Rechnung«, sagte Joe, »und ich gebe keinen

Sixpence mehr und sol te ich in Stücke gehauen werden. Wer

kommt jetzt?«

Mrs. Dilber war die nächste. Sie hatte Bett- und Handtücher,

einige Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Teelöffel, eine

Zuckerzange und 57

einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde von Joe auf dieselbe

Weise an die Wand geschrieben.

»Damen gebe ich immer zuviel. Es ist meine Schwäche, und ich

richte mich damit zugrunde », sagte der alte Joe. »Hier ist Eure

Rechnung. Wol tet Ihr einen Pfennig mehr dafür haben und es

darauf ankommen lassen, so täte es mir leid, so nobel gewesen

zu sein, und ich zöge Euch eine halbe Krone ab.«

»Und nun mach mein Bündel auf, Joe«, drängte die erste.

Joe kniete nieder, um bequemer das Bündel öffnen zu können,

und nachdem er viele viele Knoten aufgemacht hatte, zog er eine

große schwere Rol e von einem dunklen Stoff heraus.

»Was ist das?« staunte Joe. »Bettgardinen!«

»Ja«, rief das Weib lachend und sich vorbeugend.

»Bettgardinen!«

»Ihr wol t doch nicht sagen, Ihr hättet sie heruntergenommen,

wie er dort lag?«

sagte Joe.

»Ih, freilich«, sagte das Weib. »Warum auch nicht?«

»Ihr seid geboren, Euer Glück zu machen, und Ihr werdet's

auch.«

»Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht leer einstecken,

wenn ich sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um

so eines Mannes willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe«,

antwortete das Weib ruhig. »Laß kein Öl auf die Bettdecken

tropfen.«

»Seine Bettdecke?« fragte Joe.

»Von wem soll sie denn sonst sein?« entgegnete das Weib. »Er

wird auch ohne die nicht frieren, das behaupte ich.«

»Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendem?« fragte der

alte Joe bedenklich, seine Beschäftigung unterbrechend und sie

anblickend.

anblickend.

»Das braucht Ihr nicht zu befürchten«, antwortete die Frau. »Ich

hatte ihn nicht so lieb, daß ich dann bei ihm geblieben wäre um

solcher Lumpen wil en. Ha, Ihr könnt durch das Hemd gucken,

bis Euch Eure Augen weh tun: Ihr findet kein Loch darin und

keine dünne Stelle. Es ist das beste, was er hatte, und sein ist's

auch. Sie hätten's verdorben, wenn ich nicht gewesen wäre.«

»Was meint Ihr mit Verderben?« fragte der alte Joe.

»Nun, ihm das Hemd in das Grab mitgeben, was sonst?«

erwiderte die Frau lachend. »Es war da einer dumm genug, es

ihm anzuziehen, aber ich zog's ihm wieder aus. Wenn Kattun zu

so etwas nicht gut genug ist, weiß ich nicht, zu was er sonst gut

wäre. Er steht einer Leiche ebensogut. Er kann nicht häßlicher

aussehen, als er darin aussah.«

Scrooge hörte das Gespräch mit Grausen an. Wie sie da um

ihren Raub herum in dem kärglichen Lampenlicht des Alten

saßen, betrachtete er sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der

nicht größer hätte sein können, wenn es scheußliche Dämonen

gewesen wären, die um die Leiche selbst feilschten.

»Ha, ha!« lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten

flanellnen Geldbeutel herauslangte und jedem den Preis des

Raubes auf den Fußboden hinzählte. »Das ist das Ende von der

Geschichte, seht Ihr! Er scheuchte jeden von sich, solange er

lebte, um uns zu nützen, da er tot ist! Hahaha!«

lebte, um uns zu nützen, da er tot ist! Hahaha!«

58

»Geist«, sagte Scrooge, vom Fuß bis zum Scheitel zitternd. »Ich

verstehe dich.

Das Los dieses Unglücklichen könnte das meinige sein. Mein

Leben geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gnädiger Himmel, was ist

das?«

Er fuhr entsetzt zurück, denn die Szene hatte sich verändert, und

er stand dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhängten

Bett, in dem unter einer groben Decke etwas Verhülltes lag, das,

obgleich stumm, in einer grauenerregenden Sprache verkündete,

was es war.

Das Zimmer war sehr dunkel, zu dunkel, um etwas sicher

erkennen zu können, obgleich sich Scrooge, einem geheimen

Gefühl folgend, voll Begier umsah, um zu wissen, was für ein

Zimmer es sei. Ein bleiches Licht, das von draußen

hereinströmte, fiel gerade aufs Bett; und auf diesem, geplündert

und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die Leiche dieses

Mannes.

Scrooge blickte die Erscheinung an. Ihre regungslose Hand wies

auf das Haupt des Leichnams. Die Decke war so sorglos

zurechtgelegt, daß das geringste Verschieben, die leiseste

Berührung von Scrooges Fingern das Antlitz enthüllt hätte. Er

dachte daran, empfand, wie leicht es geschehen könnte, und

sehnte sich, es zu tun; aber er hatte ebensowenig die Kraft, die

Hülle wegzuziehen, wie den Geist von seiner Seite zu entlassen.

Oh, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf

und umgib ihn mit den Schrecken, über die du verfügst, denn

dies ist dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt

kannst du kein Haar krümmen, von ihm kannst du keinen Zug

widerlich machen. Auch wenn die Hand schwer ist und

herabsinkt, wenn man sie fallen läßt, auch wenn das Herz und

der Puls schweigen; die Hand war offen und barmherzig, das

Herz war offen und warm und gut und der Puls ein menschlicher.

Töte, Schatten, töte! Und sieh, wie seine guten Taten aus der

Todeswunde hervorströmen, um in der Welt ein unsterbliches

Leben auszusäen!

Es war nicht etwa eine Stimme, die diese Worte in Scrooges

Ohren flüsterte, aber doch hörte er sie, während er auf das Bett

starrte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt wieder erweckt

werden könnte, was würde wohl sein erster Gedanke sein? Nur

Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. - Ein schönes Ende

haben sie ihm bereitet!

Er lag in dem düstern leeren Haus, und kein Mann, kein Weib,

kein Kind war da, um zu sagen: »Er war gütig gegen mich in dem

und in jenem, und dieses einen gütigen Wortes gedenkend will

ich seiner warten.« Eine Katze kratzte an der Tür, und die Ratten

ich seiner warten.« Eine Katze kratzte an der Tür, und die Ratten

nagten und raschelten unter dem Kamin. Was sie in dem

Gemach des Todes wol ten und warum sie so unruhig waren,

wagte Scrooge nicht auszudenken.

»Geist«, sagte er, »dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn

verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. Laß

uns gehen.«

Immer noch wies der Geist mit regungslosem Finger auf das

Haupt der Leiche.

»Ich verstehe dich«, antwortete Scrooge, »und ich täte es, wenn

ich könnte.

Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft

nicht dazu.«

Wieder schien ihn der Geist anzublicken.

59

»Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes

Tod etwas fühlt«, bat Scrooge ganz erschüttert, »so zeige mir

ihn, Geist, ich flehe dich an.«

Die Erscheinung breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick

vor ihm aus wie einen Fittich; und wie s ie ihn wieder wegzog,

sah er ein taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren

sah er ein taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren

Kindern befand.

Sie wartete auf jemandes Kommen in ängstlicher Hoffnung, denn

sie ging im Zimmer auf und ab, erschrak bei jedem Geräusch,

sah zum Fenster hinaus, blickte nach der Uhr, versuchte

umsonst, sich zu beschäftigen und konnte kaum die Stimmen der

spielenden Kinder ertragen.

Endlich vernahm s ie das langersehnte Klopfen an der Haustür,

und als sie hinausgehen wol te, kam ihr der Gatte entgegen. Sein

Gesicht war abgehärmt und bekümmert, obgleich er noch jung

war! Es zeigte sich jetzt ein merkwürdiger Ausdruck darin: eine

Art ernster Freude, deren er sich schämte und die er zu

verbergen bestrebt war.

Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer

aufgehoben hatte; und als die Gattin ihn erst nach langem

Schweigen fragte, was er für Nachrichten bringe, schien er um

Antwort verlegen zu sein.

»Sind es gute«, fragte sie, »oder schlechte?«

»Schlechte«, gab er zur Antwort.

»Sind wir ganz zugrunde gerichtet?«

»Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Caroline.«

»Wenn er sich erweichen läßt«, rief sie erstaunt, »dann ist noch

Hoffnung da!

Nichts ist hoffnungslos, wenn ein solches Wunder geschehen ist.«

»Für ihn ist es zu spät, Erbarmen zu zeigen«, sagte der Gatte. »Er

ist tot.«

Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und

geduldiges Wesen; aber sie war doch dankbar dafür in ihrem

Herzen und sprach es mit gefalteten Händen aus. Doch schon im

nächsten Augenblick bat sie Gott, daß er ihr verzeihen möge,

und bereute es; aber das erste Gefühl war die Stimme ihres

Herzens gewesen.

»Was mir die halbbetrunkene Frau gestern abend meldete, als

ich ihn sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wol te, und

was ich nur für einen bloßen Vorwand hielt, um mich

abzuweisen, erweist sich jetzt als die reine Wahrheit.

Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im Sterben.«

»Auf wen wird unsere Schuld übergehen?«

»Ich weiß es nicht. Aber noch vor dieser Zeit werden wir das

Geld haben; und selbst, wenn dies nicht einträfe, wär' es fast

unwahrscheinlich großes Pech, in seinem Erben einen ebenso

unbarmherzigen Gläubiger zu finden. Wir können heut' nacht

leichteren Herzens schlafen, Caroline.«

Ja, sie mochten es verhehlen, wie sie wollten: ihre Herzen waren

leichter. Die Gesichter der Kinder, die s ich still um die Eltern

drängten, um zu hören, was sie so wenig verstanden, erhel ten

sich, und al e wurden glücklicher durch dieses Mannes Tod. Das

einzige von diesem Ereignis hervorgerufene Gefühl, das ihm der

Geist zeigen konnte, war also eins der Freude.

60

»Laß mich ein zärtliches, bei einem Todesfall empfundenes

Gefühl sehen«, bat Scrooge, »oder mir wird dies dunkle Zimmer,

das wir soeben verlassen haben, immer vor Augen bleiben.«

Nun führte ihn der Geist durch mehrere Straßen, die er oft

gegangen war; und indem s ie vorüberschwebten, hoffte Scrooge

sich hier und da zu erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie

traten in Bob Cratchits Haus, dessen Wohnung sie schon früher

besucht hatten, und fanden dort die Mutter mit den Kindern um

das Feuer sitzen.

Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lärmenden kleinen

Cratchits saßen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und

sahen auf Peter, der ein Buch vor sich hatte. Mutter und Töchter

nähten. Aber auch sie waren stil , sehr still.

»Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.«

»Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.«

Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Der Knabe mußte sie

gelesen haben, als er und der Geist über die Schwel e traten.

Warum fuhr der Leser nicht fort?

Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und führte die Hand

gegen die Augen.

»Die Farbe tut mir weh«, sagte sie.

Die Farbe? Ach, der arme Tiny Tim!

»Es geht jetzt wieder besser«, sagte Cratchits Frau.

»Die Farbe tut mir weh bei Licht, und ich möchte nicht, daß

Vater, wenn er heimkommt, meine roten Augen sieht. Es muß

bald Zeit sein.«

»Fast schon vorüber«, erwiderte Peter, das Buch schließend.

»Aber ich glaube, Mutter, er geht jetzt etwas langsamer als

früher.«

Sie waren wieder sehr still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen,

heiteren Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte:

»Ich weiß, daß er mit - ich weiß, daß er mit Tiny Tim auf der

Schulter sehr schnel ging.«

»Ich auch«, rief Peter. »Oft.«

»Ich auch«, rief Peter. »Oft.«

»Ich auch«, stimmten die andern ein.

»Aber er war sehr leicht zu tragen«, fing sie wieder an, den Blick

fest auf ihre Arbeit gerichtet, »und der Vater liebte ihn so, daß es

keine Last für ihn war -

keine Last. Doch horch: da kommt der Vater.«

Sie eilten ihm entgegen und Bob mit dem Schal - der arme Kerl

hatte ihn nötig

- trat herein. Sein Tee stand bereit, und sie drängten sich al e

herbei, und jeder wol te ihn am meisten bedienen. Dann

kletterten die beiden kleinen Cratchits auf seine Knie, und jedes

Kind legte eine kleine Wange an die seine, als wol ten sie sagen:

»Gräm dich nicht, lieber Vater, sei nicht traurig.«

Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen

Familie. Er besah die Arbeit auf dem Tisch und lobte den Fleiß

und den Eifer seiner Frau und Töchter. Sie würden lange vor

Sonntag fertig sein, meinte er.

»Sonntag!« wiederholte die Frau. »Du warst also heute dort,

Robert?«

»Ja, meine Liebe«, antwortete Bob. »Ich wol te, du hättest auch

hingehen können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen,

hingehen können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen,

wie grün es dort ist. Aber 61

du wirst es oft sehen. Ich versprach ihm, sonntags hinzugehen.

Mein liebes, liebes Kind!«meinte Bob. »Mein liebes Kind!«

Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht anders. Hätte er

anders gekonnt, so wären er und sein Kind einander wohl

weniger nahe gewesen.

Er verließ die Stube und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer,

das hel erleuchtet und weihnachtsmäßig aufgeputzt war. Ein Stuhl

stand dicht neben dem Kind und man sah, daß vor kurzem

jemand dagewesen war. Der arme Bob setzte sich nieder, und

als er ein wenig nachgedacht und sich gefaßt hatte, küßte er das

kleine kalte Gesicht. Er war versöhnt mit dem Geschehenen und

ging wieder hinunter ganz heiter.

Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten s ich; die

Mädchen und Mutter arbeiteten fort. Bob erzählte ihnen von

Scrooges Neffen und seiner außerordentlichen Freundlichkeit,

obwohl er ihn kaum ein einziges Mal gesehen habe. Er habe ihn

heute auf der Straße getroffen, und als er bemerkt, daß er ein

wenig niedergeschlagen aussähe, habe er ihn gefragt, was ihn

bekümmere.

»Hierauf«, sagte Bob, »erzählte ich es ihm, denn er ist der

freundlichste junge Herr, den ich kenne. ›Ich bedaure Sie

herzlich, Mr. Cratchit,‹ sagte er, ›und auch Ihre gute Frau.‹ -

herzlich, Mr. Cratchit,‹ sagte er, ›und auch Ihre gute Frau.‹ -

Übrigens, wie er das wissen kann, möchte ich wissen.«

»Was sol er wissen, mein Lieber.«

»Nun, daß du eine gute Frau bist«, antwortete Bob.

»Jedermann weiß das«, meinte Peter.

»Sehr gut bemerkt, mein Junge«, rief Bob. »Ich hoffe, es ist so.

›Herzlich bedaure ich Ihre gute Frau‹, sagte er. ›Wenn ich Ihnen

auf irgendeine Weise behilflich sein kann‹, setzte er hinzu, indem

er mir seine Karte gab, ›hier ist meine Adresse. Kommen Sie nur

zu mir.‹ Nun ist es nicht gerade darum«, sprach Bob, »weil er

etwas für uns tun könnte, sondern mehr wegen seiner herzlichen

Weise, daß ich mich darüber so freute. Es schien wirklich, als

habe er unsern Tiny Tim gekannt und fühle mit uns.«

»Er ist gewiß eine gute Seele«, sagte Mrs. Cratchit.

»Du würdest das noch eher erkennen, meine Liebe«, antwortete

Bob, »wenn du ihn sähest und mit ihm sprächest. Es sol te mich

nicht wundern, wenn er Peter eine bessere Stelle verschaffte.

Denkt an meine Worte.«

»Nun höre nur, Peter«, sagte Mrs. Cratchit.

»Und dann«, rief eines der Mädchen, »wird sich Peter nach einer

Frau umsehen.«

Frau umsehen.«

»Ach, sei still«, antwortete Peter lachend.

»Nun, das kann schon kommen«, sagte Bob, »doch bis dahin hat

er noch eine Menge Zeit. Aber wie und wann wir uns auch

voneinander trennen sollten, so bin ich doch überzeugt, daß

keiner von uns den armen Tiny Tim vergessen wird oder diese

erste Trennung, die wir erfuhren.«

»Niemals, Vater«, riefen alle.

»Und ich weiß«, sagte Bob, »ich weiß, meine Lieben, wenn wir

daran denken, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur

ein kleines Kind war, werden 62

wir uns nicht so leicht zanken und den guten Tiny Tim vergessen,

indem wir's tun.«

»Nein, niemals, Vater«, riefen wieder alle.

»Ich bin sehr glücklich«, sagte Bob, »sehr glücklich.«

Mrs. Cratchit küßte ihn, seine Töchter küßten ihn, die beiden

kleinen Cratchits küßten ihn, und Peter und er drückten sich die

Hand. Seele Tiny Tims, du warst ein Hauch von Gott.

»Geist«, sprach Scrooge, »etwas sagt mir, daß wir uns bald

trennen werden.

Ich weiß es, aber ich weiß nicht wie. Sag mir, wer war es, den

wir auf dem Totenbett sahen?«

Der Geist der zukünftigen Weihnacht führte ihn wie zuvor - doch

zu verschiedener Zeit, wie es ihm vorkam, und überhaupt schien

in den letzten abwechselnden Gesichtern keine Zeitfolge

stattzufinden - an die Zusammenkunftsorte der Geschäftsleute,

aber er sah sich selber nicht. Der Geist hielt sich nirgends auf,

sondern schwebte immer weiter, wie nach dem Ort zu, wo

Scrooge die gewünschte Lösung des Rätsels finden würde, bis

ihn dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.

»Ja, dieser Hof, durch den wir jetzt eilen«, sagte Scrooge, »war

einst mein Geschäft und war es lange Jahre hindurch. Ich

erkenne das Haus. Laß mich sehen, was ich in den kommenden

Tagen sein werde.«

Der Geist stand still; die Hand zeigte anderswohin.

»Das Haus ist dort«, rief Scrooge. »Warum zeigst du

anderswohin?«

Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an.

Scrooge eilte nach dem Fenster seines Kontors und schaute

hinein. Es war noch ein Kontor, aber nicht das seinige. Die

Möbel waren nicht dieselben, und die Gestalt in dem Stuhl war

nicht die seine. Die Erscheinung zeigte nach derselben Richtung

nicht die seine. Die Erscheinung zeigte nach derselben Richtung

wie vorher.

Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie

gingen, begleitete er sie, bis sie eine eiserne Pforte erreichten. Er

stand still, um sich vor dem Eintreten umzusehen.

Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglückliche unter der

Erde, dessen Namen er noch erfahren sol te. Der Ort war seiner

würdig. Rings von hohen Häusern umgeben, überwuchert von

Unkraut, entsprossen dem Tod, nicht dem Leben der

Vegetation, vollgepfropft von zu vielen Leichen, genährt von

übersättigtem Genuß.

Der Geist stand inmitten der Gräber still und deutete auf eins

hinab. Scrooge näherte sich ihm bebend. Die Erscheinung war

noch ganz so wie früher, aber ihm war es immer, als sähe er eine

neue Bedeutung in der düsteren Gestalt.

»Ehe ich mich dem Stein nähere, den du mir zeigst«, sagte

Scrooge,

»beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge,

die sein werden, oder nur deren, die sein können ?«

Immer noch wies der Geist auf das Grab hin, vor dem sie

standen.

63

63

»Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich«, murmelte

Scrooge. »Aber schlägt er einen andern Weg ein, so ändert sich

das Ziel. Sag, ist es so mit dem, was du mir zeigen wirst?«

Der Geist blieb so unbeweglich wie immer.

Scrooge näherte sich schlotternd dem Grabe, und wie er der

Richtung des Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen

Namen.

EBENEZER SCROOGE

»Bin ich es, der auf jenem Bett lag?« rief er, in die Knie sinkend.

Der Finger zeigte von dem Grabe fort auf ihn und wieder zurück.

»Nein, Geist, o nein!«

Der Finger wies unveränderlich dorthin.

»Geist«, rief Scrooge, sich fest an sein Gewand klammernd, »ich

bin nicht mehr der Mensch, der ich ehedem war. Ich will ein

anderer Mensch werden, als ich vor diesen Tagen gewesen bin.

Warum zeigst du mir dies, wenn al e Hoffnung geschwunden

ist?«

Zum ersten Male schien des Geistes Hand zu zittern.

»Guter Geist«, fuhr er fort, »dein eigenes Herz legt bittend für

mich ein Wort ein und bedauert mich. Sag mir, daß ich durch ein

verändertes Leben die Schattenbilder, die du mir gezeigt hast,

ändern kann!«

Die gütige Hand zitterte.

»Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren, ich will

versuchen, es zu feiern. Ich will in der Vergangenheit, in der

versuchen, es zu feiern. Ich will in der Vergangenheit, in der

Gegenwart und in der Zukunft leben. Die Geister von allen dreien

sollen in mir lebendig sein. Ich wil ihren Lehren mein Herz nicht

verschließen. O sage mir, daß ich die Schrift auf diesem Stein

tilgen kann!«

In seiner Angst ergriff Scrooge die gespenstige Hand. Sie

versuchte, sich von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem

Flehen und hielt sie fest. Der Geist, noch stärker, stieß ihn

zurück.

Wie Scrooge die bebenden Hände zu einem letzten Flehen um

Änderung seines Schicksals in die Höhe hielt, sah er die

Erscheinung sich verändern. Sie wurde kleiner und kleiner und

schwand zu einem Bettpfosten zusammen.

64

Fünfte Strophe

Das Ende

Ja, und es war sein eigener Bettpfosten. Es war sein Bett und

sein Zimmer.

Und was das Glücklichste und Beste war: die Zukunft gehörte

ihm, um s ich zu bessern.

»Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der

»Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der

Zukunft leben«, wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett

kletterte. »Die Geister von allen dreien sollen in mir lebendig sein.

Oh, Jacob Marley! Der Himmel sei dafür gepriesen und die

Weihnachtszeit! Ich sage es auf meinen Knien, alter Jacob, auf

meinen Knien.«

Er war von seinen guten Vorsätzen so durchflammt und außer

sich, daß seine bebende Stimme auf seinen Ruf kaum antworten

wol te. Während seines Ringens mit dem Geist hatte er bitterlich

geweint, und sein Ges icht war noch naß von den Tränen.

»Sie sind nicht herabgerissen«, rief Scrooge, eine der

Bettgardinen an die Brust drückend, »sie sind nicht

herabgerissen. Sie sind da, ich bin da, die Schatten der Dinge,

die da kommen, können vertrieben werden. Ja, ich weiß es, ich

weiß es gewiß.«

Während dieser ganzen Zeit beschäftigten sich seine Hände mit

den Kleidungsstücken: er zog sie verkehrt an, zerriß sie, verlegte

sie und machte damit allerhand tolle Sprünge.

»Ich weiß nicht, was ich tue«, rief Scrooge in einem Atem

weinend und lachend und mit seinen Strümpfen einen wahren

Laokoon aus sich machend. -

»Ich bin leicht wie eine Feder, selig wie ein Engel, vergnügt wie

ein Schulknabe, schwindlig wie ein Trunkener. Fröhliche

Weihnachten allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der

Weihnachten allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der

ganzen Welt! Hal o! Hussa! Hurra!«

Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt drin ganz

außer Atem stehen.

»Da ist die Schüssel, in der der Haferschleim war!« rief Scrooge,

indem er um den Kamin herumhüpfte. »Da ist die Tür, durch die

Jacob Marleys Geist hereinkam, da ist die Ecke, wo der Geist

der diesjährigen Weihnacht saß, da ist das Fenster, wo ich die

ruhelosen Geister sah! Es ist alles richtig, es ist alles wahr, es ist

al es geschehen. Hahahaha!«

Für einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war,

mußte man es wirklich ein vortreffliches Lachen nennen, ein

herrliches Lachen. Es war der Vater einer langen, langen Reihe

herrlicher Lachsalven!

»Ich weiß nicht, den Wievielten wir heute haben«, rief Scrooge.

»Ich weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin.

Ich weiß gar nichts. Ich bin wie ein neugeborenes Kind. Es

schadet nichts. Ist mir einerlei. Ich will lieber ein Kind sein.

Hallo! Hussa! Hurra!«

65

Er wurde in seinen Freudenausbrüchen von dem Geläut der

Kirchenglocken unterbrochen, die ihm so fröhlich zu klingen

schienen, wie nie vorher. Bimbam, kling-klang, bim-bam. Nein,

schienen, wie nie vorher. Bimbam, kling-klang, bim-bam. Nein,

es war zu herrlich, zu herrlich!

Er lief zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus.

Kein Nebel: ein klarer, lustig-heller, frischfroher Morgen, eine

Kälte, die dem Blut einen Tanz vorpfiff, goldenes Sonnenlicht,

ein himmlischer Himmel, lieblich-erquickende Luft, fröhliche

Glocken. O wie herrlich, wie herrlich!

»Was ist denn heute für ein Tag?« rief Scrooge einem Knaben in

Sonntagskleidern zu, der unterm Fenster stand.

»Wie?« fragte der Knabe mit der al ergrößten Verwunderung.

»Was ist heut' für ein Tag, mein Junge?« fragte Scrooge.

»Heute?« antwortete der Knabe. »Nun, Christtag.«

»Es ist Christtag«, sagte Scrooge zu sich selber. »Ich habe ihn

also nicht versäumt. Die Geister haben alles in einer Nacht

erledigt. Sie können al es, was sie wol en. Natürlich, natürlich. -

Heda, mein Junge!«

»Was denn!« antwortete der Knabe.

»Kennst du des Geflügelhändlers Laden in der zweitnächsten

Straße an der Ecke?« fragte Scrooge.

»I, warum denn nicht?« antwortete der Junge.

»I, warum denn nicht?« antwortete der Junge.

»Ein gescheiter Junge«, nickte Scrooge. »Ein merkwürdiger

Junge! Weißt du nicht, ob der Preistruthahn, der dort hing,

verkauft ist? Nicht der kleine Preistruthahn, sondern der große.«

»Was, der so groß ist wie ich?« entgegnete der Junge.

»Was für ein lieber Junge!« lächelte Scrooge. »Es ist eine

Freude, mit ihm zu sprechen. Freilich wohl, mein Prachtjunge.«

»Der hängt noch dort«, antwortete der Junge.

»Ist's wahr?« sagte Scrooge. »Na, dann lauf und kaufe ihn.«

»Hat sich was«, spottete der Junge.

»Nein, nein«, sagte Scrooge, »es ist mein Ernst. Geh hin und

kaufe ihn und sag, sie sol en ihn hierher bringen, daß ich ihnen die

Adresse geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem

Träger wieder her, und ich gebe dir einen Shil ing. Kommst du

rascher als in fünf Minuten zurück, bekommst du eine halbe

Krone.«

Der Bengel verschwand wie ein Blitz.

»Ich will ihn Bob Cratchit schicken«, flüsterte Scrooge, sich die

Hände reibend und fast vor Lachen platzend. »Er soll nicht

wissen, wer ihn schickt. Er ist zweimal so groß wie Tiny Tim.

Einen Witz wie den hat's noch nie gegeben.«

Einen Witz wie den hat's noch nie gegeben.«

Als er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb

so gut es ging und stieg die Treppe hinab, um die Haustür zu

öffnen und den Truthahn zu erwarten. Wie er dastand, fiel sein

Auge auf den Türklopfer.

»Ich werde ihn lieb haben, solange ich lebe«, rief Scrooge, ihn

streichelnd.

»Früher habe ich ihn kaum angesehen. Was er für ein ehrliches

Gesicht hat! Es ist ein wunderbarer Türklopfer! - Da ist der

Truthahn. Hal o! Hussa! Wie geht's?

Fröhliche Weihnachten!«

66

Das war ein Truthahn! Er hätte nicht mehr lang lebendig auf

seinen Füßen stehen können. Sie wären - knix - zerbrochen wie

eine Stange Siegellack.

»Was, das ist ja fast unmöglich, den nach Camden Town zu

tragen!« sagte Scrooge. »Ihr müßt einen Wagen nehmen.«

Das Lachen, mit dem er dies sagte, und das Lachen, mit dem er

den Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen

bezahlte, und das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld

gab, wurde nur von dem Lachen übertroffen, mit dem er sich

gab, wurde nur von dem Lachen übertroffen, mit dem er sich

atemlos in seinen Stuhl niedersetzte und lachte, bis ihm die

Tränen die Backen herunterliefen.

Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte

immer noch sehr, und Rasieren verlangt große Aufmerksamkeit,

auch wenn man nicht gerade währenddessen tanzt. Aber selbst

wenn er sich die Nasenspitze weggeschnitten hätte, würde er ein

Stückchen Pflaster darauf geklebt und sich damit zufrieden

gegeben haben.

Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Straße.

Die Leute strömten gerade aus ihren Häusern, wie er es gesehen

hatte, als er den Geist der diesjährigen Weihnacht begleitete; und

mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen durch die

Straßen gehend, blickte Scrooge jeden mit einem freundlichen

Lächeln an. Er sah so unwiderstehlich freundlich aus, daß drei

oder vier lustige Leute zu ihm sagten: »Guten Morgen, Sir,

fröhliche Weihnachten!«, und Scrooge sagte oft nachher, daß

von al en lieblichen Klängen, die er je gehört, dieser seinem Ohr

am lieblichsten geklungen hätte.

Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf

sich zukommen sah, der am Tage vorher in sein Kontor getreten

war, mit den Worten: »Scrooge und Marley, glaube ich.« Es gab

ihm förmlich einen Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der

alte Herr beim Vorübergehen ansehen würde; aber er wußte,

welchen Weg er zu gehen hatte, und ging ihn.

»Lieber Herr«, rief Scrooge, schnel er laufend und den alten

Herrn an beiden Händen ergreifend. »Wie geht es Ihnen? Ich

hoffe, Sie hatten gestern einen guten Tag? Es war sehr freundlich

von Ihnen. Ich wünsche Ihnen fröhliche Weihnachten, Sir.«

»Mr. Scrooge?«

»Ja«, sagte Scrooge. »So ist mein Name und ich fürchte, er

klingt Ihnen nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, daß ich Sie um

Verzeihung bitte! Und wol en Sie die Güte haben« hier flüsterte

ihm Scrooge etwas ins Ohr.

»Himmel!« rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben

wäre. »Mein lieber Mr. Scrooge, ist das Ihr Ernst?«

»Wenn es Ihnen beliebt«, sagte Scrooge. »Keinen Penny

weniger. Es sind viele Rückstände dabei, ich versichere es Ihnen.

Wol en Sie die Güte haben?«

»Bester Herr«, sagte der andere, ihm die Hand schüttelnd. »Ich

weiß nicht, was ich zu einer solchen Freigebigkeit sagen sol .«

»Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu«, antwortete Scrooge.

»Besuchen Sie mich. - Wol en Sie mich besuchen?«

67

»Herzlich gern«, rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm

Ernst mit dieser Versicherung.

»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Scrooge. »Ich bin Ihnen sehr

verbunden. Ich danke Ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!«

Er ging in die Kirche, ging durch die Straßen, sah die Leute hin

und her laufen, klopfte Kindern die Wange, sprach mit Bettlern,

spähte hinab in die Küchen und lugte hinauf zu den Fenstern der

Häuser: und er fand, daß ihm alles das Vergnügen bereiten

könne. Er hätte es sich nie träumen lassen, daß ihn ein

Spaziergang oder sonst etwas so glücklich machen könnte.

Nachmittags lenkte er seine Schritte nach der Wohnung seines

Neffen.

Er ging wohl ein dutzendmal an der Tür vorüber, ehe er den Mut

hatte anzuklopfen. Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte.

»Ist dein Herr zu Hause, liebes Kind?« sagte Scrooge zu dem

Mädchen. Ein nettes Mädchen, wahrhaftig!

»Ja, Sir.«

»Wo ist er, liebes Kind?« sagte Scrooge.

»Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit Madame. Ich will Sie

hinaufführen, wenn Sie erlauben.«

»Danke, danke. Er kennt mich«, sagte Scrooge, mit der Hand

schon auf der Türklinke. »Ich will gleich eintreten, liebes Kind.«

Er machte die Tür leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie

betrachteten gerade den Speisetisch (der mit großem Aufwand

gedeckt war); denn junge Hausfrauen sind immer sehr bedacht

darauf und sehen gern alles in hübschester Ordnung.

»Fred«, rief Scrooge.

Heiliger Himmel, wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in

Heiliger Himmel, wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in

dem Augenblick vergessen, daß sie mit dem Fußbänkchen in der

Ecke gesessen hatte, sonst hätte er es um keinen Preis getan.

»Potztausend!« rief Fred, »wer kommt da?«

»Ich bin's. Dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst

du mich hereinlassen, Fred?«

Ihn hereinlassen! Es war nur gut, daß er ihm nicht den Arm

abriß. Er war in fünf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte

herzlicher sein, als die Begrüßung 68

seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn nicht minder

herzlich. Auch Topper, als er kam. Auch die runde Schwester,

als sie kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen.

Wundervolle Gesellschaft, wundervolle Spiele, wundervolle

Eintracht, wundervolle Glückseligkeit!

Aber am andern Morgen war Scrooge früh in seinem Kontor.

Oh, er war gar früh da. Zuerst dort zu sein und Bob Cratchit

beim Zuspätkommen zu erwischen! Das war's, worauf sein Sinn

stand. Und es gelang ihm wahrhaftig!

Die Uhr schlug neun. Kein Bob. Ein Viertel nach neun. Kein

Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät.

Scrooge hatte seine Türe weit offen stehen lassen, damit er ihn in

das Verlies eintreten sähe.

Bobs Hut war vom Kopf, ehe er die Tür öffnete, auch der Schal

von seinem Hals. Im Nu saß er auf seinem Stuhl und jagte mit

der Feder über das Papier, als wol te er versuchen, neun Uhr

einzuholen.

»Heda«, rief Scrooge, so gut es ging seine gewohnte Stimme

nachahmend.

»Was sol das heißen, daß Sie so spät kommen?«

»Es tut mir sehr leid, Sir«, sagte Bob. »Ich habe mich verspätet.«

»So?« sagte Scrooge. »Ja. Das kommt mir auch so vor. Hier

herein, wenn's gefällig ist.«

»Es ist nur einmal im Jahr, Sir«, sagte Bob, aus dem Verlies

hereintretend. »Es sol nicht wieder vorkommen. Ich war ein

bißchen lustig gestern, Sir.«

»Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Freundchen«, sagte Scrooge,

»ich kann das nicht länger mit ansehen. Und daher«, fuhr er fort,

von seinem Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die

Brust gebend, daß er wieder in das Verlies zurückstolperte, »und

daher will ich Ihr Salär erhöhen!«

Bob zitterte und trat dem Lineal etwas näher. Er hatte einen

kurzen Gedanken, Scrooge damit eins auf den Kopf zu geben,

ihn festzuhalten und die Leute im Hof um Beistand und um eine

ihn festzuhalten und die Leute im Hof um Beistand und um eine

Zwangsjacke anzurufen.

»Fröhliche Weihnachten, Bob!« sagte Scrooge mit einem Ernst,

der nicht mißverstanden werden konnte, indem er ihm auf die

Achsel klopfte.

»Fröhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr

habe feiern lassen.

Ich will Ihr Salär erhöhen und mich bemühen, Ihrer Familie unter

die Arme zu greifen. Wir wollen heut' nachmittag bei einem

dampfenden Weihnachtspunsch über Ihre Angelegenheiten

sprechen, Bob! Schüren Sie das Feuer an und kaufen Sie eine

andere Kohlenschaufel, ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i

machen, Bob Cratchit!«

Scrooge war besser als sein Wort. Er tat nicht nur alles, was er

versprochen hatte, sondern noch mehr, und für Tiny Tim, der

nicht starb, wurde er ein zweiter Vater. Er wurde ein so guter

Freund und ein so guter Mensch, wie nur die liebe alte City oder

jedes andere liebe alte Städtchen oder Dorf in der lieben alten

Welt je einen Freund und Menschen gesehen hat. Einige Leute

lachten, als sie ihn so verändert sahen; aber er ließ sie lachen und

kümmerte sich wenig darum, denn er war klug genug, zu wissen,

daß nichts Gutes in dieser Welt geschehen kann, worüber nicht

von vornherein einige Leute lachen müssen: und da er wußte,

daß solche Leute doch blind bleiben würden, so dachte er bei

sich, 69

sich, 69

es wäre besser, sie legten ihre Ges ichter durch Lachen in Falten,

als daß sie es auf weniger anziehende Weise täten. Sein eigenes

Herz lachte, und damit war er vollauf zufrieden.

Er hatte keinen ferneren Verkehr mit Geistern, sondern lebte von

jetzt an nach dem Grundsatz gänzlicher Enthaltsamkeit; und

immer sagte man von ihm, er wisse Weihnachten recht zu feiern,

wenn es überhaupt ein Mensch wisse. Möge dies auch in

Wahrheit von uns allen gesagt werden können. Und so schließen

wir mit Tiny Tims Worten: »Gott segne jeden von uns.«

70

Die Zauberglocken

Eine Geistergeschichte von einigen Glocken, die ein altes

Jahr aus-und ein neues einläuteten

71

Das erste Viertel

Es gibt nicht viele Menschen - und da es wünschenswert ist, daß

zwischen einem Erzähler und seinem Leser möglichst von

vornherein ein gegenseitiges Einverständnis bestehe, so bitte ich,

darauf zu achten, daß ich meine Bemerkung nicht auf junge oder

kleine Leute beschränke, sondern sie auf alle ausdehne, mögen

sie nun klein oder groß, jung oder alt, erst in der Entwicklung

oder bereits wieder im Abstieg ihres Lebens sein - ich sage, es

gibt nicht viele Menschen, die gern in einer Kirche schlafen

möchten. Ich meine damit nicht während der Predigt und bei

warmem Wetter, was ein- oder zweimal tatsächlich

vorgekommen ist, sondern in der Nacht und al ein. Ich weiß,

sehr viele Menschen würden am hellichten Tag über eine solche

Zumutung aufs höchste überrascht sein, aber ich habe die Nacht

im Auge, und der Fal muß bei Nacht erörtert werden. Ich will

meine Behauptung in jeder stürmischen Winternacht erfolgreich

beweisen. Es braucht nur einer aus der Menge meiner Gegner

mit mir allein auf einem alten Friedhof vor einer alten Kirchentür

zusammenzutreffen und mir im voraus die Ermächtigung zu

erteilen, ihn, falls es zu seiner Überzeugung notwendig wäre, bis

zum Morgen dort einzuschließen.

Denn der Nachtwind hat die unheimliche Gewohnheit, ein

derartiges Gebäude stöhnend zu umwandeln, mit unsichtbarer

Hand an Fenster und Türen zu rütteln und irgendeine Spalte

Hand an Fenster und Türen zu rütteln und irgendeine Spalte

aufzuspüren, durch die er eintreten kann. Ist er endlich drinnen,

so winselt und heult er, um wieder hinauszukommen, wie

jemand, der nicht gefunden hat, was er sucht, wobei er sich nicht

begnügt, durch die Gänge zu wandern, um die Säulen zu

schlüpfen und die tieftönende Orgel zu probieren, sondern sich

auch zum Dach erhebt und das Gebälk zu erschüttern strebt;

dann wirft er sich verzweifelnd auf die Steine unten und dringt

murrend in die Grüfte.

Endlich kommt er verstohlen wieder herauf, schleicht an den

Wänden hin und scheint in Flüstertönen die Inschriften, die den

Toten geweiht sind, zu lesen. Bei einigen bricht er in schril e Töne

aus, wie Gelächter, während er an ändern ächzt und klagt, als

wäre er voll Trauer. In der Nähe des Altars stimmt er einen sehr

gespenstischen Ton an und singt in seiner wilden Weise von

Unrecht und Missetaten. Er hat eine schreckliche Stimme -

dieser Wind, der um Mitternacht in einer Kirche singt!

Aber hoch oben im Turm! Dort brüllen und pfeifen unheimliche

Stöße! Hoch oben im Turm, wo sie durch manche lustige

Öffnung frei aus- und einziehen, sich um die schwindelnde

Treppe winden, den stöhnenden Wetterhahn umherwirbeln und

sogar das Gemäuer zum Erschüttern bringen! Hoch oben im

Turm, wo sich der Glockenstuhl erhebt, wo die eisernen

Geländer vom Rost zerfressen werden und die Blei- und

Kupferplatten, abgenutzt vom wechselnden Wetter, unter dem

ungewohnten Tritt krachen und seufzen; wo Vögel ihre Nester in

ungewohnten Tritt krachen und seufzen; wo Vögel ihre Nester in

die Ecken des alten Eichengebälks bauen und der Staub alt und

grau wird. Hoch oben im Turm einer alten Kirche, weit über dem

Licht und Brausen der Stadt und weit unter den fliegenden

Wolken, die sie beschatten, ist der 72

wilde, traurige, nächtliche Ort, und hoch oben im Turm einer

alten Kirche hängen die Glocken, von

alten Kirche hängen die Glocken, von

denen ich spreche.

Es sind alte Glocken,

die vor Jahrhunderten von

Bischöfen getauft wurden

- vor so vielen Jahrhunderten,

daß

ihr

Taufregister

schon vor undenklichen Zeiten

verloren ging und

niemand mehr ihre Namen

kennt. Sie hatten ihre

Paten und Patinnen gehabt und

ohne Zweifel auch ihre

silbernen Becher erhalten;

silbernen Becher erhalten;

aber die Zeit mähte die

ersteren hin, und König

Heinrich VIII. hat die

letzteren eingeschmolzen - so

daß sie jetzt ohne Namen

und ohne Patengeschenk im

Kirchturm hingen.

Doch nicht ohne

Stimme und Sprache - weit

gefehlt. Sie hatten klare, laute, luftige, volltönende Stimmen, die

der Wind weit hintrug. Dabei waren sie aber viel zu trotzige

Glocken, um sich von der Willkür des Windes abhängig zu

machen. War er ihnen grillenhaft zuwider, dann kämpften sie

kräftig gegen ihn an und ließen ihre lieblichen Klänge recht

königlich in die lauschenden Ohren dringen. Ins besonders waren

sie darauf erpicht, in stürmischen Nächten irgendeine arme

Mutter, die bei einem kranken Kind wachte, oder eine einsame

Frau, deren Mann zur See fuhr, zu grüßen, und so hatten sie

schon manches Mal einen pustenden Nordwester „ganz in

Krämpfe geschlagen", wie Toby Veck sagte; denn obwohl man

ihn Trotty Veck zu nennen pflegte, hieß er doch Toby und

niemand konnte ihn ohne ausdrückliche Parlamentsakte zu etwas

anderem machen. War er doch zu seiner Zeit ebenso gesetzlich

getauft worden wie die Glocken zu der ihrigen, obwohl nicht mit

ganz soviel Feierlichkeit oder öffentlichem Jubel.

Ich bekenne mich für meinen Teil zu Toby Vecks Auffassung,

denn ich bin überzeugt, daß er hinreichend Gelegenheit hatte,

sich eine richtige Ansicht zu bilden. Was daher Toby Veck sagte,

sage ich auch, und ich stel e mich Toby zur Seite, obwohl er den

lieben langen Tag genau vor der Kirchentür stand - was

wahrhaftig kein Vergnügen war. Er war nämlich ein Dienstmann

und wartete dort darauf, daß ihn jemand brauchte.

Freilich ein windiger, gänsehäutiger, blaunasiger, rotäugiger,

steinzehiger und zähneklappernder Warteplatz zur Winterszeit,

wie Toby Veck wohl wußte. Der Wind kam um die Ecke gerast

- besonders der Ostwind -, als sei er ausdrücklich von den

Grenzen der Erde losgestürmt, um Toby einmal tüchtig

anzuwehen. Ja, oft schien er sogar früher auf ihn zu stoßen, als er

erwartet hatte; denn er raste um die Ecke und fuhr an Toby

vorbei, drehte aber dann plötzlich wieder um, als wol te er

ausrufen: „Ei, da ist er ja!" Im nächsten Augenblick flog dann

seine kleine weiße Schürze wie das Röckchen eines wilden

Jungen über seinen Kopf, und man sah das schwache Stöcklein

vergeblich in seiner Hand ringen und kämpfen, während seine

vergeblich in seiner Hand ringen und kämpfen, während seine

Beine in furchtbare Aufregung gerieten und Toby selbst in

schräger Körperhaltung, das Ges icht bald da bald dorthin

wendend, so umhergetrieben und umhergestoßen, wohl auch von

den Füßen gehoben wurde, 73

daß es fast ein Wunder war, wenn er nicht gleich einer Kolonie

von Fröschen, Schnecken oder anderen tragbaren Geschöpfen

von Fröschen, Schnecken oder anderen tragbaren Geschöpfen

in die Luft entführt und in irgendeinem fernen Erdenwinkel, wo

Dienstmänner unbekannt sind, zum großen Erstaunen der

Eingeborenen niedergeregnet wurde.

Windiges Wetter war übrigens doch eine Art Festtag für Toby,

obwohl es ihn so rauh behandelte. Denn er schien im Wind nicht

so lange auf ein Sixpencestück warten zu müssen wie zu ändern

Zeiten. Der Kampf mit dem ungestümen Element lenkte seine

Aufmerksamkeit ab und frischte ihn auf, wenn er hungrig und

übellaunig wurde. Auch ein harter Frost oder ein Schneegestöber

wurde für ihn zu einem Ereignis und schien ihm in einer oder der

ändern Weise gutzutun, obgleich sich der eigentliche Grund nur

schwer angeben ließe. So waren Wind, Frost, Schnee und

vielleicht ein tüchtiger Hagel für Toby Veck die rotgedruckten

Tage im Kalender. Nasses Wetter war das Schlimmste - die

kalte, unfreundliche, klebrige Feuchtigkeit, die ihn wie ein nasser

Mantel einhüllte -

die einzige Art von Mantel, die Toby sein eigen nennen konnte,

die er aber um seiner Gemächlichkeit willen trotzdem gern

entbehrt hätte. Nasse Tage, wenn der Regen langsam, dicht und

hartnäckig niederfiel- wenn die Kehlen der Straßen, wie seine

eigene, von Nebel erstickt waren - wenn dampfende Schirme hin

und her gingen und wie ebensoviele Kreisel tanzten, sooft sie auf

dem gedrängt vollen Fußweg aneinanderstießen und einen

kleinen Sprühregen fataler Tröpfchen niederspritzen ließen -

wenn die Dachrinnen klatschten und die Regenabflüsse voll und

wenn die Dachrinnen klatschten und die Regenabflüsse voll und

lärmend waren - wenn das Naß von dem vorspringenden

Gestein der Kirche, tropf-tropf-tropf auf Toby niederrieselte und

den Strohwisch, auf dem er stand, im Nu in bloßen Schmutz

verwandelte - das waren für ihn Tage der Heimsuchung. Man

konnte dann unseren Toby ängstlich und mit trostlosem, langem

Gesicht unter seinem Schutzdach in einer Ecke der

Kirchenmauer hervorgucken sehen - einem so schmalen

Schutzdach freilich, daß es zur Sommerszeit nie einen breiteren

Schatten auf das sonnige Pflaster warf als ein dicker

Spazierstock. Bald aber kam er wieder heraus, um sich durch

Bewegung warm zu machen, und trabte ein paar dutzendmal auf

und ab, und da das schon genügte, um ihn

aufzuheitern, so kehrte er

dann wieder in besserer

Laune zu seiner Nische

zurück.

Man nannte ihn Trotty

wegen seines Ganges, der

Eile zumindest andeuten

sol te. Er wäre vielleicht

sol te. Er wäre vielleicht

schnel er vom Reck

gekommen, wenn er

einfach gegangen wäre;

aber würde man ihn seines

Trotts beraubt haben, so

hätte er sich zu Bett gelegt,

um zu sterben. Zwar

beschmutzte er sich

dadurch bei schlechtem

Wetter; sein Trab brachte

ihn in alle möglichen

Schwierigkeiten, und es

wäre unendlich bequemer

für ihn gewesen, zu gehen;

aber gerade das war der Grund dafür, daß er so hartnäk-kig

aber gerade das war der Grund dafür, daß er so hartnäk-kig

daran festhielt. Denn obgleich ein schwaches, schmächtiges,

kleines altes Männlein, war Toby doch 74

ein wahrer Herkules an guter Absicht. Er liebte es, sein Geld

wirklich zu verdienen. Der Gedanke, daß er seinen Lohn wert

sei, bereitete ihm Genuß, und bei seiner Armut konnte er nicht

leicht auf einen Genuß verzichten. Mit einem Auftrag, der ihm

einen Schil ing oder achtzehn Pence eintrug, oder mit einem

kleinen Päckchen in der Hand, steigerte sich sein Mut, an dem es

ihm nie gebrach, nur um so höher. Während er dahintrabte,

pflegte er schnel gehenden Briefträgern vor ihm zuzurufen, sie sol

ten ihm den Weg freigeben, weil er nicht anders glaubte, als daß

er im natürlichen Lauf der Dinge sie unausbleiblich einholen und

niederrennen müsse. Auch lebte er in der festen Überzeugung,

die freilich nicht oft auf die Probe gestellt wurde, daß er alles zu

tragen imstande sei, was ein Mensch zu heben vermöge.

Toby trabte daher auch, wenn er an einem nassen Tag aus

seinem Winkel hervorkam, um sich zu wärmen. Er trabte, wenn

er mit lecken Schuhen eine krumme Linie schlammiger

Fußstapfen in den Straßenschmutz drückte und, mit gebeugten

Knien und seinem Rohrstock unter dem Arm, in seine frostigen

Hände blies oder sie gegeneinander rieb, da sie gegen die

durchbohrende Kälte nur durch ärmliche und fadenscheinige

grauwollene Fäustlinge geschützt waren, in denen nur die

Daumen eine einzelne, die übrigen Finger aber eine

gemeinschaftliche Herberge hatten. Ebenso trabte er, wenn er in

gemeinschaftliche Herberge hatten. Ebenso trabte er, wenn er in

die Straße hinausging, um bei dem Klang der Glocken nach dem

Turm hinaufzusehen.

Diesen letzten Ausflug machte er mehrmals am Tag, denn die

Glocken gaben ihm Gesellschaft, und wenn er ihre Stimme hörte,

so blickte er gern nach ihrem Wohnplatz hinauf, sich dabei

Gedanken machend, wie sie sich bewegten und was für Hämmer

auf sie schlügen. Vielleicht hatten sie um so mehr Interesse für

ihn, weil zwischen ihnen und ihm selbst manche Übereinstimmung

bestand. Sie hingen da bei jedem Wetter, in Wind und Regen,

und betrachteten nur die Außenseite aller jener Häuser, ohne je

den lodernden Feuern nahe zu kommen, die durch die Fenster

leuchteten oder zu den Schornsteinen herauspusteten; auch

waren sie nicht imstande, an den guten Dingen teilzuhaben, die

ohne Unterlaß durch die Haustüren und Küchengeländer an

umfangreiche Köchinnen abgegeben wurden. Viele Gesichter

kamen an die Fenster und entfernten sich wieder- hübsche

Gesichter bisweilen, jugendliche Gesichter, angenehme

Gesichter, hin und wieder aber auch das Gegenteil. Doch Toby

wußte ebensowenig wie die Glocken ( wie oft er auch, wenn er

müßig in den Straßen stand, Betrachtungen über diese

Kleinigkeiten anstellte), woher sie kamen und wohin sie gingen,

oder ob im ganzen Jahr nur ein einziges freundliches Wort über

ihn gesprochen wurde, wenn sich die Lippen bewegten.

Toby war kein Kasuist — seinem Wissen nach wenigstens nicht

-, und ich will nicht behaupten, daß er derartige Betrachtungen

-, und ich will nicht behaupten, daß er derartige Betrachtungen

einzeln anstellte oder eine förmliche Heerschau über seine

Gedanken hielt, als er begann, eine Zuneigung zu den Glocken zu

fassen und seine erste oberflächliche Bekanntschaft mit ihnen zu

einem dichteren und feineren Gewebe zu verarbeiten.

Und wenn ich diese Empfindung sogar Liebe genannt hätte, so

würde ich das Wort nicht zurücknehmen, obgleich es kaum dem

vielfältigen Inhalt seines 75

Gefühls gerecht geworden wäre. Denn da er bloß ein einfacher

Mann war, so bekleidete er sie mit einem wundersamen und

feierlichen Charakter. Sie waren so geheimnisvoll - oft gehört

und doch nie gesehen -, so hoch oben, so weit weg und von so

tiefem, kräftigem Klang, daß er mit einer Art Ehrfurcht zu ihnen

aufblickte. Ja, wenn er die dunklen, gewölbten Fenster des

Turmes betrachtete, so erwartete er bisweilen halb und halb, es

werde ihm etwas zuwinken, was keine Glocke war und doch in

den Klängen ihm so oft ins Ohr getönt hatte.

Dennoch wies Toby mit Entrüstung ein unbestimmtes Gerücht

zurück, daß die Töne behext seien, weil das soviel hieß, als

ständen sie möglicherweise zu etwas Bösem in Beziehung. Mit

einem Wort, sie tönten sehr oft in seine Ohren, beschäftigten sehr

oft seine Gedanken und standen stets hoch in seiner Achtung;

auch bekam er nicht selten, wenn er lange mit weit offenem

Mund an dem Kirchturm hinaufgeschaut hatte, einen so steifen

Hals, daß er hinterdrein ein paar Extratrabe vollführen mußte, um

dieses unangenehme Übel wieder loszuwerden.

Mit dieser Tätigkeit war er eben, an einem kalten Tag

beschäftigt, als der letzte schläfrige Ton des Zwölfuhrschlages

wie eine ungeheure, melodische, wenn auch sehr träge Biene,

durch den ganzen Turm summte.

„Wie, Zeit zum Mittagessen?" sagte Toby, vor der Kirche auf

und ab trottend.

„Ah!"

Tobys Nase und Augenlider waren sehr rot, er blinzelte gewaltig,

seine Schultern waren seinen Ohren ganz nahe, und aus seinen

Beinen wollte die Steifheit nicht weichen. Er machte deutlich den

Eindruck, daß er nicht bloß kühl, sondern schon tüchtig frostig

war.

„Zeit zum Mittagessen?" wiederholte Toby, wobei er den

Fäustling seiner rechten Hand wie einen Boxhandschuh

gebrauchte und gegen seine Brust schlug.

Danach gab er sich ein paar Minuten lang einem stummen Trab

hin.

„Es gibt nichts -" sagte Toby, aufs neue losbrechend; aber mit

einem Mal machte er in seinem Trott halt und betastete mit einem

Gesicht, in dem sich Interesse mit etwa Unruhe mischte, seine

Nase sorgfältig von unten bis oben. Er war bald damit fertig,

Nase sorgfältig von unten bis oben. Er war bald damit fertig,

denn er war mit Nase nicht al zu reichlich gesegnet und so war

der Weg nur kurz.

„Ich dachte, sie wäre fort", sagte Toby, während er seinen Trab

wieder aufnahm. „Es ist aber alles in Ordnung. Übrigens könnte

ich es ihr nicht einmal übel nehmen, wenn sie sich davonmachen

wol te. Sie hat einen harten Dienst bei diesem schlechten Wetter,

und dabei hat sie herzlich wenig zu erwarten, denn ich nehme nie

eine Prise. Und selbst zu den besten Zeiten wird das gute arme

Organ viel geprüft, denn wenn es wirklich einmal ein liebliches

Düftchen erfaßt, was nicht al zuoft geschieht, so kommt's

gewöhnlich von dem Mittagessen eines ändern, das von dem

Bäcker nach Hause getragen wird."

Diese Betrachtung erinnerte ihn an die andere, die er unbeendigt

gelassen hatte.

76

„Es gibt nichts Regelmäßigeres", fuhr er fort, „als die Wiederkehr

der Mittagessenszeit, und nichts Unregelmäßigeres als das

Kommen des Mittagessens selbst. Da besteht ein großer

Unterschied, und es hat mich viel Zeit gekostet, bis ich es

herausgefunden habe. Möchte doch wissen, ob sich's nicht für

einen Gentleman der Mühe lohnte, diese Bemerkung für die

Zeitungen oder für das Parlament zu kaufen!"

Toby meinte das bloß im Scherz, denn er schüttelte in

gravitätischer Selbstverneinung den Kopf.

„Du lieber Himmel!" sagte er, „die Zeitungen sind voller

Bemerkungen, und ebenso ist's auch mit dem Parlament. Da

habe ich eine Nummer von der letzten Woche"—er zog ein sehr

schmutziges Blatt aus seiner Tasche und hielt es auf Armlänge

vor sich hin — „nichts als Bemerkungen — nichts als

Bemerkungen!

Ich möchte so gern wie irgendjemand sonst Neuigkeiten

erfahren", fügte er langsam hinzu, während er den Bogen noch

ein wenig kleiner zusammenfaltete und ihn wieder in die Tasche

steckte; „aber es geht mir fast wider den Strich, jetzt Zeitung zu

lesen. Ich habe beinahe Angst davor. Was sol noch aus uns

armen Leuten werden! Got gebe, daß das herannahende

Neujahr uns etwas Besseres bringe!"

„Vater! Vater!" rief eine angenehme Stimme in der Nähe. Aber

Toby hörte sie nicht, sondern fuhr fort, vor und zurück zu traben,

während er sich in weiteren Gedanken erging und mit sich selbst

sprach.

„Es ist, als ob mit uns nichts Rechtes werden könne", sagte

Toby. „Als ich jung war, bin ich nicht eifrig in die Schule

geschickt worden, und ich kann nicht dahinterkommen, ob wir

auf der Erde etwas zu schaffen haben oder nicht.

Bisweilen denke ich, wir hätten es, wenn auch nur ein wenig,

dann aber meine ich wieder, wir wären bloß lästig. Mitunter weiß

ich gar nicht mehr, was ich denken soll, so daß ich nicht einmal

mit nur ins Reine kommen kann, ob überhaupt etwas Gutes an

uns ist oder ob wir böse geboren wurden. Es sieht aus, als täten

wir schreckliche Dinge und seien ungeheuer lästig; man beklagte

sich immer über uns und trifft Maßnahmen, um sich vor uns zu

schützen. Irgendwie sind die Zeitungen immer voll von uns. Da

spreche man nun vom Neujahr", fuhr Toby traurig fort. „Ich kann

zu den meisten Zeiten soviel aushalten wie ein anderer - mehr

sogar als die meisten, denn ich bin stark wie ein Löwe, was sich

nicht von allen Leuten sagen läßt; aber gesetzt den Fall, es wäre

wirklich wahr, daß wir kein Recht auf ein Neujahr habengesetzt,

wir" wären wirklich bloß lästig —"

„Vater! Vater!" ließ sich die liebliche Stimme abermals

vernehmen.

Toby hörte es diesmal; er stutzte, blieb stehen, wandte seine

Augen, die er in die Ferne hatte schweifen lassen, als suche er

mitten im Herzen des herannahenden Jahres nach einer

Erleuchtung, wieder seiner Umgebung zu und fand sich seinem

eigenen Kind gegenüber, das ihn anschaute.

Und es hatte ein Paar recht hel er Augen - Augen, in die eine

ganze Welt schauen mochte, ehe sie ihre Tiefe ergründen konnte.

Dunkle Augen, die die hineinblickenden Augen widerspiegelten,

Dunkle Augen, die die hineinblickenden Augen widerspiegelten,

nicht indem sie ihnen abs ichtlich 77

entgegenblitzten, sondern mit einem klaren, ruhigen, ehrlichen,

geduldigen Glanz. Augen, schön, wahr und hoffnungsstrahlend -

mit so junger und frischer, mit so zuversichtlicher und freudiger

Hoffnung, trotz der zwanzig Jahre voller Arbeit und Armut, die

sie gesehen hatten, daß sie Trotty Veck zu sagen schienen: „Ich

glaube, wir haben auf der Erde etwas zu schaffen - ein wenig!"

Trotty küßte die Lippen, die zu den Augen gehörten, und

drückte das blühende Gesicht zwischen seine Hände.

„Ei, Herzchen", sagte Trotty, „was gibt's? Ich habe dich heute

nicht erwartet, Meg."

„Auch ich habe nicht aufs Kommen gerechnet, Vater", rief das

Mädchen, indem es lächelnd mit dem Kopf nickte. „Aber da bin

ich - und obendrein nicht allein; nicht allein!"

„Wie, du willst doch nicht sagen", bemerkte Trotty, neugierig

nach einem bedeckten Korb blickend, den sie in der Hand trug,

„daß du -"

„Riecht daran, lieber Vater", versetzte Meg. „Riecht einmal!"

Trotty war eben im Begriff, hastig den Deckel abzuheben, als

das Mädchen scherzend mit der Hand dazwischenfuhr.

„Nein, nein, nein", sagte Meg mit der Freude eines Kindes. „So

„Nein, nein, nein", sagte Meg mit der Freude eines Kindes. „So

geschwind geht's nicht. Ich will nur den Deckekand ein klein

bißchen aufheben", fügte sie hinzu, indem sie ganz sacht den

Worten die Handlung folgen ließ und dabei so leise sprach, als

fürchte sie, etwas im Korb drinnen könnte sie hören. „So. Nun,

was ist es?"

Toby schnüffelte ein klein wenig an dem Rand des Korbes und

rief entzückt:

„Ei, es ist heiß!"

„Es ist brennend heiß", versetzte Meg. „Hahaha! Es ist siedend

heiß".

„Hahaha!" brüllte Toby mit einem Luftsprung. „Es ist siedend

heiß."

„Aber was ist es, Vater?" fragte Meg. „Ihr habt noch nicht

erraten, was es ist, und das müßt Ihr jetzt tun. Ich kann nicht

daran denken, es herauszunehmen, bis Ihr's erraten habt. Nicht

so hastig — wartet eine Minute. Ich will ein bißchen mehr von

dem Deckel zurückschieben. Jetzt ratet!"

Meg war geradezu in Angst, er könnte zu bald das Richtige

erraten, und wich deshalb ein wenig zurück, während sie ihm den

Korb hinhielt. Zugleich zog sie ihre hübschen Schultern in die

Höhe und hielt s ich die Ohren mit der Hand zu, als könnte sie so

das rechte Wort von Tobys Lippen fernhalten. Dabei lachte sie

die ganze Zeit über leise vor sich hin. Toby hatte mittlerweile die

Hände auf die Knie gelegt und seine Nase zu dem Korb

niedergebeugt und sog nun den Duft, , der da herausströmte, tief

ein. Während er das tat, wurde das Grinsen auf seinem welken

Gesicht immer breiter, als atme er Lachgas ein.

„Ah, das riecht prächtig", sagte Toby. „Ist es nicht - es wer- .

den doch keine Bratwürste sein?"

„Nein, nein, nein!" rief Meg entzückt. „Nichts da von

Bratwürsten!"

Nein", fuhr Toby nach einem abermaligen Schnüffeln fort, es ist -

es ist feiner als Bratwürste. Es riecht recht gut und mit jedem

Augenblick besser. Der Geruch ist zu stark für Schweinsfüße -

nicht wahr?"

78

Meg war außer sich vor Freude. Er hätte nicht weiter vom Ziel

abschießen können als mit Schweinsfüßen - die Bratwürste

ausgenommen.

„Leber?" sagte Toby zu sich selber. „Nein. Der Geruch hat eine

Milde, die nicht zu Leber paßt. Eisbein? Nein. Er ist zu stark für

Eisbein. Auch fehlt ihm der Beigeschmack der Hahnenköpfe. Ich

will dir sagen, was drinnen ist -

will dir sagen, was drinnen ist -

Kuttemecke!" „Nein, nein", erwiderte Meg mit einem Ausbruch

des Entzückens.

„Nicht erraten!"

„Ei, an was denke ich auch!" entgegnete Toby, plötzlich eine so

aufrechte Stellung einnehmend, wie ihm möglich war. „Ich werde

zuletzt noch meinen eigenen Namen vergessen. Es ist Gekröse!"

Es war Gekröse, und Meg beteuerte in Freude, er werde gleich

sagen, es sei das beste Gekröse, das je geschmort wurde.

„Und so will ich jetzt gleich den Tisch decken, Vater", fuhr Meg

fort, indem sie sich jubelnd mit dem Korb beschäftigte; „denn ich

habe das Gekröse in einer Schüssel gebracht und die Schüssel in

ein Tuch eingebunden. Wenn ich nun einmal stolz sein und es als

Tischtuch ausbreiten will, so kann mich kein Gesetz hindern, es

Tischtuch zu nennen. Ist's nicht so, Vater?"

„Nicht daß ich wüßte, meine Liebe", sagte Toby. „Aber sie

bringen jeden Augenblick ein neues Gesetz heraus."

„Und nach dem, was ich Euch neulich aus der Zeitung vorlas,

Vater - Ihr wißt, was der Richter sagte -, glaubt man, wir armen

Leute kennten sie alle.

Haha! Welch ein Irrtum! Du meine Güte, sie halten uns für

gewaltig gescheit!"

gewaltig gescheit!"

„Ja, meine Liebe", rief Trotty, „und sie würden eine gewaltige

Freude an einem von uns haben, der sie wirklich alle wüßte. Er

würde fett werden von der Arbeit, die er kriegte, dieser Mann,

und er hätte einen Stein im Brett bei allen vornehmen Leuten in

seiner Nachbarschaft. Gewiß und wahrhaftig!"

„Wer er auch sei, er würde sein Mittagessen mit Appetit

verzehren, wenn es so gut röche wie dieses", sagte Meg heiter.

„Tummelt Euch, Vater, denn da sind außerdem auch noch ein

paar heiße Kartoffeln und eine halbe Kanne Bier frisch vom Faß.

Wo wol t Ihr essen, Vater? Auf dem Pfosten oder auf den

Stufen?

Lieber Himmel, wie gut wir's haben -zwei Plätze, zwischen

denen man wählen kann!"

„Heute auf den Stufen, mein Kind", versetzte Trot y. „Bei

trockenem Wetter auf den Stufen, bei nassem auf dem Pfosten.

Die Stufen sind immer bequemer, weil man dabei sitzen kann;

aber wenn's naß ist, kriegt man Rheumatismus."

„Hier also", sagte Meg, und klatschte bald darauf einladend in

die Hände.

„Hier ist es - al es bereit. Und wie schön es aussieht! Kommt,

Vater, kommt!"

Seit Trotty endeckt hatte, was in dem Körbchen war, stand er

da und blickte sie fortwährend, auch wenn er mit ihr sprach, in

einer merkwürdig zerstreuten Weise an. Es ließ s ich daraus

entnehmen, daß er, mochte sie auch der ausschließliche

Gegenstand seiner Gedanken und Augen sein, sogar das

Gekröse nicht ausgenommen, nicht entfernt an sie dachte, wie sie

in diesem Augenblick war, sondern irgendeinen geträumten

Entwurf ihres künftigen Lebens vor sich hatte. Durch ihre heitere

Aufforderung geweckt, unterdrückte er jetzt ein 79

melancholisches Kopfschütteln, und trabte an ihre Seite. In dem

Augenblick, in dem er sich zum Sitzen niederbeugte, erklangen

die Glocken. „Amen !"sagte Trotty, seinen Hut abnehmend und

zu ihnen raufblickend. „Amen den Glocken, Vater? rief Meg.

„Sie fielen ein wie ein Tischgebet, mein Liebes ", sagte Trotty,

während er Platz nahm. „Ich bin überzeugt, sie würden ein

schönes sprechen, wenn sie könnten. Überhaupt sagen sie mir

manche angenehmen Dinge."

„Die Glocken, Vater?" lachte Meg, während sie die Schüssel

hinstellte und Messer und Gabel dazulegte. „Ei, der Tausend!"

„Sie scheinen's zu tun, mein Herz", versetzte Trotty, während er

hungrig über das Essen herfiel. „Und wo ist da der Unterschied?

Wenn ich sie nur höre, was macht es aus, ob sie sprechen oder

nicht? Gott behüte dich, mein Kind", fügte er hinzu, indem er mit

der Gabel zum Turm deutete und unter dem Einfluß seines Mahls

der Gabel zum Turm deutete und unter dem Einfluß seines Mahls

lebhafter wurde, „wie oft habe ich jene Glocken sagen hören:

,Toby Veck, Toby Veck, sei guten Muts, Toby! Toby Veck,

Toby Veck, sei guten Muts, Toby!' Millionen Mal? Reicht nicht -

noch öfter!" „Ei, ich nie!" rief Meg.

Dennoch hatte sie es schon oft und oft gehört, denn es war

Tobys beständiger Gesprächsgegenstand. „Wenn es recht

schlecht geht", fuhr Trotty fort „ich meine, wenn es recht schlecht

geht — fast am schlechtesten, dann rufen sie:

,Toby Veck, Toby Veck, bald kommt Arbeit, Toby! Toby

Veck, Toby Veck, bald kommt Arbeit, Toby!'" „Und sie kommt

dann auch - wirklich, Vater", versetzte Meg mit einem Anflug

von Trauer in ihrer Stimme. „Immer", erwiderte der arglose

Toby. „Bleibt nie aus." Während dieses Gesprächs machte

Trotty keine Pause in seinen Angriffen auf das gute Essen vor

ihm, sondern schnitt ab und aß, schnitt ab und trank, schnitt ab

und kaute, kam von dem Gekröse zu den heißen Kartoffeln und

von den heißen Kartoffeln wieder zu dem Gekröse zurück - al es

mit einem glücklichen Wohlbehagen. Als er jedoch einmal um die

Straßenecke sah, um sich zu überzeugen, ob man nicht von

irgendeiner Tür oder einem Fenster nach einem Dienstmann

winke, begegneten seine Augen auf dem Rückweg dem

Mädchen, das mit verschlungenen Armen ihm gegenübersaß und

mit glücklichem Lächeln seiner emsigen Tätigkeit zusah.

„Ach, Gott!" rief Trotty, indem er Messer und Gabel fallen ließ.

„Ach, Gott!" rief Trotty, indem er Messer und Gabel fallen ließ.

„Meg, mein Täubchen, warum sagst du mir nicht, was ich für ein

selbstsüchtiger Kerl bin?"

„Vater!"

„Sitze ich da", fuhr Trotty in reuiger Erklärung fort, „und stopfe

mich voll, während du vor mir bist, ohne auch nur einen Bissen

zu nehmen."

„Ach, Vater, ich habe mein Mittagessen schon gehabt",

unterbrach ihn seine Tochter lachend.

„Rede keinen Unsinn", versetzte Trot y. „Zwei Mittagessen an

einem Tag?

Nicht möglich! Du könntest mir ebensogut sagen, daß zwei

Neujahrstage auf einmal kommen, oder daß ich mein ganzes

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9783754179857
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