Читать книгу: «Wozu lesen? (Steidl Pocket)»

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Charles Dantzig, geboren 1961, publiziert seit den 1990er Jahren Lyrik, Romane und Essays. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt Charles Dantzig den Prix de l’Essai der Académie française und den Grand prix der Elle-Leserinnen. Dantzig ist Lektor im französischen Verlag Grasset und lebt in Paris. Bei Steidl erschienen von ihm außerdem Das Meisterwerk (2016) und New York, noir (2019).

CHARLES DANTZIG

WOZU LESEN?

Aus dem Französischen von Sabine Schwenk

Steidl Pocket

»Suche das Paradies.«

Chaldäischer Orakelspruch

Inhalt

Cover

Titel

Lesen lernen

Lesealter

Der egoistische Leser

Lesen verändert uns nicht

Lesen, um sich selbst zu finden (ohne sich gesucht zu haben)

Der Gott der Lektüre

Lesen, um sich auszudrücken

Ein Tanz im Verborgenen

Lesen belebt neu

Lesen, um die Leichen nicht ruhen zu lassen

Man liest nur aus Liebe

Lesen aus Hass

Darf ich bitten?

Die angenommene Passivität des Lesers?

Die fügsame Leserin

Lesen, um die Buchmitte zu überwinden

Um der Titel willen lesen

Lesen, um nicht mehr Königin von England zu sein

Lesen und Macht

Lücken lesen

Lesen, um zu masturbieren

Lesen, um sich zu widersprechen

Der Form halber lesen

Der Moment, in dem man liest

Der Ort, an dem man liest

Lesen für die Finsternis

Lesen, um zu lernen

Lesen, um sich zu trösten

Ah, lesen für die Gesundheit

Oh, lesen für die Tugend

Lesen aus Lust

Lesen, um sich abzusondern

Erfahren, dass Lesen niemanden bessert

Nach dem Akt

Lesen, um gelesen zu haben

Die Gefahren des Lesens

Lesen, um nicht auszuweichen

Der naive Glaube des Lesers an die Lektüre

Lesen, um Freunde zu finden

Dramen lesen

Lesen unter Eingeweihten

Der Leser ist ein Phrasen-Sack

Lesen heißt, sich tätowieren lassen

Lesen, um Dinge zu entdecken, die der Schriftsteller nicht geschrieben hat

Lesen als Laster

Gegen die Vernunft anlesen

Durch Krusten hindurch lesen

Schlechte Bücher lesen – nichts als Vampire

Geheimnisse und Mysterien

Ein Lese-Poker

Klassiker lesen

Dinge lesen, die nirgends stehen

Lesen, um sich zu verjüngen

Lesend die Zeit vertreiben

Lesen, um nicht zu lesen – Biographien

Ohne Rücksicht auf den Schriftsteller lesen

Falten lesen

Keine Bücher lesen

Im Flugzeug lesen

Am Strand lesen

Von Buchhandlungen und Glühwürmchen

Lesen, um Bücher zu präsentieren

Spielend leicht lesen

Über die Buchseiten hinaus lesen

Lesen, wenn man Schriftsteller ist

Vorlesen

Interviews lesen

Als Freund lesen

Die Leser sind die wahren Erben

Lektüre

Wer liest Meisterwerke?

Lesen, um aus einer Betäubung aufzuwachen

Lesen braucht kein gebundenes Papier

Warum nicht lesen?

Wie lesen?

Bücher

Bildnachweis

Impressum

Lesen lernen

Warum lese ich? Ich lese wohl so, wie ich auch gehe. Übrigens lese ich tatsächlich beim Gehen. Wenn Sie wüssten, wie viele Begegnungen mir dies schon beschert hat! So manche Pariser Parkuhr hat schon gerührt gehört wie ich mich mit »Pardon, Monsieur!« bei ihr entschuldige, nachdem ich sie lesend angerempelt habe. Doch bloß weil man eine Sache so spontan tut wie gehen oder lesen, ist es keineswegs überflüssig, darüber nachzudenken. Spontaneität rechtfertigt nicht alles. Auch Morde werden spontan verübt.

»Spontan« – zuerst wollte ich »natürlich« schreiben. Aber Lesen ist selbstverständlich nicht so natürlich wie Gehen. Nein, es ist eine durch und durch erworbene Fähigkeit. Was manchen schwerfällt. Nicht jeder lernt leicht lesen. Dem nachzugehen, wäre interessant. Sind Vielleser möglicherweise Menschen, die ohne Mühe lesen gelernt haben? Bei mir persönlich war es leicht und klappte fast auf Anhieb. Ein paar Tage lang ließ man mich das Abc üben, und plötzlich ging alles wie von selbst – ich las. Vielleicht lag es daran, dass ich vergleichsweise spät damit anfing, in der ersten Klasse, ich war fünf. Seit einem Jahr lebte ich in einem Zustand der Empörung, denn die meisten meiner Freunde hatten bereits in der Vorschule lesen gelernt. »Und was ist mit mir? Warum bringt man mir nichts bei?«, lag ich meinen entnervten Eltern pausenlos in den Ohren. »Dein Kindergarten sieht das nicht vor. Du musst bis zur Grundschule warten«, war die einzige Antwort, die sie mir geben konnten. Und so zeigte ich weiter auf alles, was mir an Geschriebenem unterkam, Plakate, Schilder, Magazincover, und fragte: »Was steht da?« Ich hatte das Gefühl, dass mir großes Unrecht geschah. Dass man mir bis auf Weiteres den Zugang zum Verständnis der Welt verwehrte.

Im Alter von fünf Jahren sind Kinder sehr intelligent. Und naiv. Über die Schrift, so dachte ich, würde ich begreifen, was sich um mich herum ereignete. Denn auch was sich vor meinen Augen ereignete, blieb mir unverständlich. Was war, wenn nicht der Ursprung von allem, so doch sein Zusammenhang? Wie war das alles miteinander verbunden? Ich vertraute voll und ganz darauf, dass die Schrift es mir verraten würde. Dem gesprochenen Wort dagegen misstraute ich. Vor allem dem Wort meiner Eltern. Bevor ich eingestand, wie geistreich es war, spürte ich seine Macht, der ich mich sogleich widersetzte. Autorität war immer ein Problem für mich. Noch heute gibt es nichts, was mich so sehr in Rage bringt wie das, was man Machtworte nennt. Sie stellen sich dem wunderbaren Räsonnement entgegen – wunderbar deshalb, weil es auf Vertrauen beruht. Machtworte hingegen beruhen auf Verachtung. Meinem Argwohn gegenüber Autoritäten entsprach ein fast magisches Vertrauen in die Schrift. Dem kleinen Banausen, der ich damals war, schien jeder Satz ein Schlüssel zu sein. Hatten Sätze etwa keine frappierende Ähnlichkeit mit Schlüsseln? Schwarz, lang, dazu die Ober- und Unterlängen, die aus dem Zylinder zu ragen schienen wie die Räute – so nennt man den Griff des Schlüssels, glaube ich. Hier liegt nebenbei bemerkt ein Nutzen von Wörtern: Kurz und präzise ersparen sie einem ganze Sätze. Dieses Schlüsselbund jedenfalls, das die Bibliothek meiner Familie für mich darstellte, würde mir die Türen zur Schatzkammer öffnen. Das Geschriebene war in meinen Augen etwas Abstraktes und Selbstloses, das mit seinen Wörtern nichts erreichen wollte.

Ich frage mich, ob ich damals nicht unbewusst das Wesen der Literatur erahnt habe. Eine mögliche Definition lautet, Literatur sei die wohl einzige Textform, die keinen unmittelbaren Zweck erfülle. Literatur steht im Kern meiner Frage: Wozu lesen? – Wozu Literatur lesen?

Man kann historische Abhandlungen lesen, politische Programme, Astronomie-Lehrbücher, Anleitungen zum Bridge- Spielen, doch das alles dient nur dazu, sich Wissen anzueignen. Aber Wissen ist keine große Sache. Jeder weiß etwas. Heerscharen von Dummköpfen und Einfaltspinseln sind vollgestopft mit Wissen. Wichtiger ist, was man als Analogie bezeichnen könnte. Literatur, insbesondere Belletristik, ist eine Form von Analogie. Oder genauer gesagt, eine der Formen des Verstehens mittels Analogie. Oder noch genauer gesagt, eine der Formen des Verstehens mittels Analogie, die nicht nur die Intelligenz, sondern auch die Emotionen bemüht. Analogie, Emotion. Genau darin liegt der Unterschied zur Philosophie, die sich ganz auf die Analyse und den Intellekt stützt.

Natürlich macht eben dieser emotionale Aspekt der Literatur ihren Reiz aus. Und ihre Gefahr. Mit ihren Bildern vermag sie uns zu manipulieren wie Kinder. Aber sie lässt uns Zusammenhänge schneller verstehen, andere Zusammenhänge als Philosophie oder Psychologie. Und dieses Buchwissen … Buchwissen. Ich habe die negative Konnotation dieses Wortes nie ganz begriffen. Es ist dieselbe negative Bedeutung, welche die Gesellschaft allen geistigen Dingen zuschreibt, eine Gesellschaft, die roh geblieben ist unter dem Mäntelchen dessen, was man Zivilisation nennt und was kaum mehr ist als ein paar Tischmanieren. Man nehme das Argumentieren. Ich bezweifle, dass man es wirklich wertschätzt. Fordert ein Kind die Eltern mit seiner Argumentierfreude heraus, schimpfen sie es einen Besserwisser. Und dann die vielseitigen Beschimpfungen aus dem Feld der Literatur. Wer sich gern mit Geschriebenem beschäftigt, ist eine Leseratte oder ein Bücherwurm, wer sich nicht kurzzufassen versteht, erzählt Romane, und wer zur Hysterie neigt, macht Theater. Man stelle sich den Skandal vor, wenn ich es wagte, mit derselben Verachtung »Was für eine Fleischerei!« zu sagen. Die Fleischerinnung würde mir den Prozess machen, es gäbe eine Fernsehdebatte, man würde mich drängen, als reuiger Sünder aufzutreten. Und man hätte ja Recht. Keine Gruppe ist per se hassenswert. Leute, die das Lesen und die Literatur verunglimpfen, sollten sich selbst anklagen und zugeben, wie viel Gutes im »Buchwissen« steckt. Für mich jedenfalls gilt, dass fast alle guten Dinge, die ich gelernt habe, aus Büchern stammen. Und mein Verständnis der Welt oder das bisschen Verständnis, das ich von ihr habe, hat sich erst in dem Moment zu trüben begonnen, als ich dem Buchwissen meine persönliche Erfahrung hinzufügte.

Meine ganze Kindheit hindurch hieß es: »Nun spiel doch mal im Garten!« Zwar hielt man das Lesen nicht für schädlich, so vulgär ist meine Familie nicht, aber man beklagte die fehlende Abwechslung. Denn ich kannte nur einen einzigen Zeitvertreib: lesen. Um meinen Eltern eine Freude zu machen, spielte ich hin und wieder. Unter den verzückten Blicken meiner Mutter schob ich ein kleines Auto über eine mit Kreide gezeichnete Straße und langweilte mich dabei gehörig. Ich glaube, als Kind verabscheute ich Pflichten, besonders die eine: zu spielen. Beim Lesen hatte ich sehr viel mehr Spaß als beim Spielen oder gar beim Sport. Ich beschäftigte mich mit meinen Spielzeugautos, und wenn das elterliche Bedürfnis nach kindischen Dingen befriedigt war, wandte ich mich wieder meinem größten Glück zu: dem Lesen, das so viel interessanter ist als jede Form der Zerstreuung.

Lesealter

Als Kind predigt Madame du Deffand ihren Klassenkameraden den Atheismus. Man schickt einen Priester zu ihr, niemand Geringeren als den Prediger Massillon. Er eilt voller Unruhe zu ihr, arbeitet er doch an der Grabrede für Ludwig XIV., die er in zehn Jahren halten wird. Raschelnde Soutane. Er schließt sich mit dem Kind ein. Sie unterhalten sich. Wie hart wird die Strafe wohl ausfallen!, murmeln die Schwestern, die fürchten, zu weit gegangen zu sein. Bischof Massillon kommt heraus. Die kleine Schar tritt zu ihm. »Sie ist charmant«, lautet sein Urteil.

Charmant war vor allem die Epoche der Aufklärung jedenfalls für eine Oberschicht von fünftausend Leuten. (In meiner Familie wird man zu dieser Zeit in der Küche Kochtöpfe gescheuert haben.) Man könnte glauben, inzwischen habe der Geist der Mäßigung triumphiert, aber keineswegs, die revolutionären Kräfte der Vergangenheit sind da, frisch wie eh und je, und auch heute wieder werden wir von Religionsstürmen umtost: Einen Tag nach dem Erdbeben in Port-au-Prince 2010 gingen zehntausend Zeugen Jehovas – zehntausend! – unter der Führung eines Geistlichen auf die Straße und schrien: »So stand es geschrieben! Luxus und Unzucht wurden bestraft! So stand es geschrieben!« Die Frömmigkeit ist die Rache der Armen, die Katastrophe der Trost der Unglücklichen. Und die Illusion umgibt das alles mit einem Heiligenschein. So kam es, dass diese Unglücklichen – weit härter getroffen als die Reichen, welche die Mittel hatten, das Land zu verlassen oder ihr Haus wieder aufzubauen, wenn es dem Beben nicht ohnehin standgehalten hatte – unter der Führung von Scharlatanen tatsächlich Genugtuung empfanden. Unser Bedürfnis nach Aberglauben ist unersättlich.

Ich war, wie Madame du Deffand, ein atheistisches Kind. Ohne öffentliches Bekenntnis, still und leise. Der Kommunionunterricht war für mich die Langeweile auf Erden und die Beichte ein Skandal. Erst besorgt und dann verärgert darüber, mir glaubhafte Sünden ausdenken zu müssen, fand ich mich trotzdem damit ab. Das Einzige, was mich wirklich empörte, war, dass ich mich in der Messe derart langweilen musste. Zum Glück hatte mir meine überaus fromme Großmutter mütterlicherseits eine Lederhülle für das Messbuch geschenkt. Darin versteckte ich Stendhals Kartause von Parma und las diese mit einer Passion, die den Kirchendamen zu Herzen ging.

Alles was nicht meinem Alter entsprach, mochte ich damals sehr. Schon seit Jahren stibitzte ich aus der Bibliothek meines Vaters Verlaine und Musset, die ersten beiden Schriftsteller für Erwachsene, die ich las. Schenkte man mir Unterhaltungsliteratur, war ich unzufrieden. Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich mit elf oder zwölf einen Jules Verne geschenkt bekam. Das Bild dieses Skandals ist mir noch gegenwärtig, der Einband des Taschenbuchs mit derselben Illustration wie auf der Hetzel- Ausgabe. Man hielt mich für ein Kind! Ha! Erwachsene, ich hatte euer Komplott durchschaut! Uns durch harmlose Lektüre gefügiger machen! Um mich davor zu schützen, hatte ich meine Höhle des Platon, die Bibliothek meiner Familie. Alle Schätze dieser Welt lagen dort griffbereit. Ich erforschte sie wie ein Archäologe, der zwischen Tausenden von Sarkophagen die Qual der Wahl hat. Ich brauchte sie nur zu öffnen, damit die Mumien zu mir sprachen, sangen. Ich war sehr empfänglich – und bin es noch – für etwas, was ich damals natürlich nicht zu benennen vermochte, etwas, was man als die Melodie des Denkens bezeichnen könnte. Vielleicht ist mit ihr ein weiterer Wesenszug der Literatur benannt.

In der Adoleszenz verdunkelt sich alles und wird undurchdringlich. Noch heute erinnere ich mich an diesen leidvollen, schmerzlichen Prozess, in dem ich mein sicheres Gespür für die Welt verlor. Ich verstand gar nichts mehr. Plötzlich ging es mir wie den Unglücklichen von Haiti: Im Alter von ungefähr sechzehn Jahren hatte ich durch die Lektüre einen Anfall von Katholizismus. Der Mann aus Nazareth von Anthony Burgess, eine Lebensgeschichte Jesu, hatte mich so getroffen, dass ich anfing, an Gott zu glauben. Die literarische Nachahmung anderer ist für uns Schriftsteller ein wichtiger Antrieb, und an diesem Roman hatte mir Zweierlei gefallen: der Rhythmus und eine Kritik. Der Rhythmus war kraftvoll, und der Widerspruch richtete sich gegen einen Gemeinplatz. Burgess schreibt, die Darstellungen, die Jesu als mageren Mann zeigten, seien absurd. Dieser Sohn eines Zimmermanns, der mit Holzstämmen hantiert und zu Fuß Palästina durchstreift habe, sei selbstverständlich ein robuster Kerl gewesen. Weder Burgess noch ich hatten an die barocken Kruzifixe gedacht, bei denen sich ergebene Bildhauer durchaus daran ergötzten, füllige Schenkel und knackige Bizeps zu gestalten. Genau das war meine Schwäche, war es lange Zeit und ist es zweifellos immer noch, diese Lust am Widerspruch. Man kann mir zugutehalten, dass ich mir genauso gern widersprechen lasse. In Meinungsverschiedenheiten habe ich immer ein Vergnügen, ja eine Kunst gesehen. Mir liegt weniger daran, Recht zu behalten, als daran, in Gesellschaft von Menschen zu sein. Man unterhält sich, man diskutiert, man streitet sich, man versucht zu argumentieren, man ist zusammen. Wer mir widerspricht, ist mein Bruder. Man könnte eine Warnung auf Buchrücken drucken: »ACHTUNG! Bücher, die Ihrer Meinung oder Ihrem Geschmack zu sehr entgegekommen, gefährden Ihre Gesundheit.«

In schwachen Momenten kann das Lesen tatsächlich gefährlich sein. Verantwortlich dafür ist nicht das Buch und auch nicht der Leser allein, sondern das unglückliche Zusammentreffen beider. Auf die Liste der Bücher, die man in schwierigen Momenten nicht lesen sollte, gehört:


Buch Situation
Der Knacks, Francis Scott Fitzgerald wenn man sich am Rand einer Depression befindet
Mein Kampf, Adolf Hitler wenn man seit Jahren arbeitslos in einem Land mit hoher Inflationsrate lebt.

und viele mehr. Im Grunde kann wohl alles gefährlich sein, auch das Leben, aber dem gibt man nie die Schuld.

In der sechsten Klasse habe ich miterlebt, wie sich meine Mutter von einem besorgten Lehrer abkanzeln ließ, weil ich Baudelaire las. Ich vergötterte das Gedicht »Das frühere Leben«, welches ich auf die Rückseite eines Posters geschrieben und in meinem Zimmer in einen Schrank geklebt hatte und wie ein Geheimnis hütete. Beim Lesen offenbaren sich unzüchtige, wertvolle und fragile Dinge, man muss nicht alles davon preisgeben. Wenn man ein Buch so liest, wie man eben liest, das heißt still über die Seiten gebeugt, dann sind aus diesem Tête-à-Tête all die Schwindler, Rohlinge und Dummköpfe verbannt, die sich so gern entrüsten, sei es aus Eigennutz oder aus echter Überzeugung. Ich jedenfalls berauschte mich an Baudelaires Gedicht, an den ersten Zeilen: »Ich wohnte lang in einem Säulenwald / Den Meeressonnen bunt in Feuer tauchten«, ein Tableau wie eins der Gemälde von Lorrain, in die ich vernarrt war, Gemälde, auf denen triumphierende und schwermütige Prinzessinnen in der Abenddämmerung an Bord bauchiger Schiffen gingen. Dreißig Jahre später weigerte ich mich, an einer Fernsehsendung über Kinder teilzunehmen, in der ich Literatur empfehlen sollte. »Ich habe dazu nur das eine zu sagen: ›Gebt ihnen Bücher, für die sie noch zu jung sind‹«, antwortete ich dem Journalisten, der mich eingeladen hatte. Mir persönlich ist es damit nicht allzu schlecht ergangen. Kinder haben eine sehr ausgeprägte Moral, sie können sehr gut auseinanderhalten, was gut und was böse, was zulässig und was verwerflich ist. Sie sind unempfänglich für das Perverse und interessieren sich nur für das, was sie wollen. Und vielleicht weckt die Literatur ja ihr ästhetisches Empfinden.

Der egoistische Leser

In der Bibliothek meiner Großmama mütterlicherseits standen limitierte Ausgaben in Hülle und Fülle, die sie grands papiers nannte, darunter auch einige handsignierte Werke berühmter Schriftsteller. Das fand ich vornehm, und es steigerte meine ohnehin schon unermessliche Liebe zu dieser Frau. Über Großmutter-Schriftsteller sollte mal jemand ein Buch schreiben. Es gibt Mutter-Schriftsteller wie Albert Cohen. Es gibt Schwester-Schriftsteller wie Flaubert. Es gibt Vater-Schriftsteller wie Stendhal oder Dickens. Es gibt Onkel-Schriftsteller wie Roger Nimier.

Die Göttergestalt unter den Großmutter-Schriftstellern ist wohl Marcel Proust. Selbst wenn er sein Gelächter hinter dem Ziegenlederhandschuh kaum mehr verstecken kann, während er Zoten zum Besten gibt, ist ihm der wohlwollende Blick einer alten, weißhaarigen Dame gewiss, die streng ist und gütig zugleich und für ihr Leben gern liest. Eben diese Großmutter, nämlich die des Erzählers in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, hat mir nahegebracht, wie reizvoll scheinbar ungewöhnliche Vergleiche sein können. Sie ist diejenige, die eine Ähnlichkeit zwischen Mme de Sévigné und Dostojewski zu erkennen glaubt. Meine brachte mir den Umgang mit wertvollen Büchern bei, deren Code und Verhaltenskodex. Wie die verschiedenen Prägungen auf den ersten Buchseiten zu deuten sind und wie man sie vorsichtig aufschlägt. Hingebungsvoll streichelte ich über das Japanpapier, das sich feiner anfühlte als poliertes Elfenbein. Zu den Schändlichkeiten der heutigen Zeit zählt neben den theokratischen Diktaturen und den Genoziden – wobei, nein, die hat es schon immer gegeben, und da die Gewalt ewig ist und außerordentlich tief im Menschen wohnt, finden die zarten, anrührenden Momente des Lebens gerade an der oft so argwöhnisch beäugten Oberfläche statt, die doch immerhin auch der Ort ist, an dem die Blumen gedeihen, und – ja, ja, ich höre ja schon auf, zu diesen Schändlichkeiten zählt also auch die Tatsache, dass heutzutage kein Japanpapier mehr hergestellt wird. Ich hoffe, dieser Verlust wird durch andere Preziosen aufgewogen.

Japanpapier war freilich nicht das, worauf ich mich stürzte, wenn ich allein war. Wer liest, muss nicht bibliophil sein, genauso wenig wie ein Bücherliebhaber lesen muss. Man schaue sich nur den Beliebtheitsgrad diverser Schriftsteller an: Georges Duhamel hat aufgrund seiner limitierten Auflagen gerade bei bibliophilen Antiquariaten noch einen hohen Stellenwert, nach dem Urteil der Leser taugt er hingegen nicht mehr viel. Tony Duvert steht bei den Ersten nicht hoch im Kurs, wird aber von Letzteren hochgeschätzt. Ich selbst wollte damals in erster Linie Gedrucktes, das man unterstreichen und dessen Ränder man mit Anmerkungen versehen konnte. Man hatte mir beigebracht, dies sei die beste Art zu lesen, und so ist es auch. Ein Leser ist kein Konsument, der Büchern den Garaus macht, indem er sie verspeist: Wenn man sagt, jemand verschlinge ein Buch, so halte ich dies für ein gewagtes Bild. Ein guter Leser schreibt, während er liest. Er umrandet, streicht durch, kritzelt Kommentare in alle Zwischenräume, die ihm der Buchdrucker gelassen hat. Jeder, dem ich meine Proust- Bände zeige, kann verstehen, warum ich mir regelmäßig neue Ausgaben kaufe. Nicht aus Fetischismus. Ich habe keine andere Wahl. Die Vorsatzblätter und Seitenränder sind gespickt mit meinen Notizen, die wie Regenwürmer in alle Richtungen kriechen und sich bis in die Bundstege hineinwinden; die Zeilen sind unterstrichen, umkringelt, vollgekritzelt. Nicht einmal die Proust’schen paperoles können quantitativ mit meinen Anmerkungen konkurrieren. Ein guter Leser setzt seine Brandzeichen auf die Bücher und nimmt sie damit wie eine Herde in Besitz.

Vergliche man die Anmerkungen zweier Leser zu ein und demselben Text, würde man erkennen, dass ein Buch keine Skulptur ist, die man sich anschauen kann und die – Katastrophen ausgenommen – ihre ersten Betrachter weit überlebt. Auch wenn ein Buch einen eigenen Sinn, den des Autors hat, nimmt jeder Leser diesen in anderer Weise auf. Dies veranlasste Paul Valéry zu der Bemerkung:

»Meine Verse haben den Sinn, den man ihnen gibt. Der, den ich ihnen gebe, passt nur für mich und kann vor niemandem geltend gemacht werden. Es ist ein Fehler, der dem Wesen der Poesie zuwiderläuft und sogar tödlich für sie wäre, zu behaupten, dass jedes Gedicht einen wahren, einzigen Sinn hat, der mit dem Denken des Autors identisch ist.«

Paul Valéry, Kommentar zu Charmes

Man liest, um die Welt zu verstehen, man liest, um sich selbst zu verstehen. Und wenn man über ein gewisses Maß an Großzügigkeit verfügt, kommt es auch vor, dass man liest, um den Autor zu verstehen. Ich glaube allerdings, dass nur die größten Leser dazu in der Lage sind, und auch sie erst dann, wenn sie die zwei dringendsten Bedürfnisse befriedigt haben: das Verständnis der Welt und der eigenen Person. Lesen bringt Mumien zum Singen, aber deshalb liest man nicht. Man liest nicht für das Buch, man liest für sich selbst. Es gibt nichts Egoistischeres als einen Leser.

Lesen verändert uns nicht

Es ist eine beruhigende und zugleich traurige Erfahrung, bei Werken, die man ein zweites Mal liest, die Randbemerkungen der ersten Lektüre mit den aktuellen Anmerkungen zu vergleichen. Ich habe es getan, anfangs eher beiläufig – denn ich bin weder ein so großer Freund noch ein so erbitterter Feind meiner selbst, dass ich beim erneuten Aufschlagen eines Buches sofort prüfe, was ich früher hineingekritzelt habe –, später dann aus Neugier.

Ich stellte fest, dass ich auch nach Jahren noch annähernd dieselben Passagen unterstreiche. Leider bleiben wir uns selbst immer gleich. Das Lesen verändert uns kaum. Vielleicht veredelt es uns ein bisschen, aber ein Drecksack ist und bleibt ein Drecksack, auch wenn er Racine gelesen hat. Aus einem ungebildeten Drecksack ist dann allenfalls ein aufpolierter Drecksack geworden. Umgekehrt wird ein guter Mensch durch die Lektüre eines bösen Buches nicht zu einem schlechten. Dass Bücher einen schlechten Einfluss haben könnten, ist eine ebenso dumme Mär wie die von ihrem guten Einfluss. Die Vorstellung, Literatur sei moralisch (oder unmoralisch, was aufs Gleiche hinausläuft), ist vielleicht notwendig für deren Überleben in einer Welt, die seit Menschengedenken nur das Nützliche liebt.

Was glücklicherweise auch bleibt, ist die Frische des Talents, die uns immer wieder Jubelrufe entlockt, selbst wenn wir ein Buch noch so oft gelesen haben.

Lesen, um sich selbst zu finden
(ohne sich gesucht zu haben)

Ein Buch ist nicht für die Leser gemacht, es ist nicht einmal für den Autor gemacht, es ist für niemanden gemacht. Es ist dafür gemacht, zu existieren. Ein für die Leser gemachtes Buch betrachtet seine Leserschaft als Publikum. Folglich wurde es in einer bestimmten Absicht geschrieben, um zu gefallen oder zu überzeugen, herablassend ist beides. Zum einen gegenüber dem instrumentalisierten und somit weniger guten Werk, weil der Autor seinen Gegenstand aus den Augen verloren hat; zum anderen gegenüber den Lesern, die es kränkt, wenn sie merken, dass man ihnen ihre Urteilskraft abspricht. Welch unverfrorene Demagogie! Man will uns mit Sentimentalitäten ködern? Wir schmuggeln uns lieber heimlich in den Kopf des Autors hinein und holen uns selbst das, was wir wollen. Wenn wir uns in einem Buch wiedererkennen, umso besser, aber darum lesen wir es nicht. Egoistisch heißt nicht narzisstisch. Die Freude ist dann umso größer, wenn uns etwas plötzlich rührt. Man muss immer ein wenig diebisch sein, sonst ist das Lesen zu tugendhaft.

Als ich im Flugzeug diese Zeilen schrieb, machte ich eine Pause, um Thomas Bernhard zu lesen: Der Untergeher, 1983. Übersetzung ins Französische 1986. 1986! Ich hätte sie gleich bei Erscheinen lesen können. Stattdessen tat ich es vierundzwanzig Jahre später, vierundzwanzig Jahre. Vierundzwanzig! Wenn ich an all die grandiosen Dinge denke, die ich im Augenblick meines Todes verpasst haben werde! Was ist die Lektüre doch für ein kapriziöses Geschäft, kapriziös und grausam für die Autoren! So viele übersehene Talente wegen mangelnder Lektüre! Gute Leser müsste man einsperren, damit sie lesen! Man würde ihnen ein Gehalt zahlen, und sie täten nichts anderes als lesend Literatur retten! Vierundzwanzig Jahre! Nun gut, genug Dramatik. Als ich mich nun nochmals mit diesem Schriftsteller befasste, den ich seit langem nicht mehr gelesen hatte, war ich verblüfft über die Vielzahl von Sätzen, die in völlig unveränderter Form mein »Selbstporträt, gezeichnet durch Thomas Bernhard« ergeben würden.

»Im Grunde hasse ich die Natur, sagte er immer wieder. (…)

Die Natur ist gegen mich, sagte Glenn (…)«

»Wir können aber aus diesem Geburtsort weggehen, wenn er uns zu erdrücken droht, von dem Wegund Fortgehen, das uns umbringt, wenn wir den Augenblick des Wegund Fortgehens übersehen. Ich habe das Glück gehabt und bin …«

… aber ich bin es ja gar nicht. Es geht hier nicht um mich, um uns. Es hat etwas Selbstgefälliges, wenn wir in Büchern zu sehr nach dem suchen, was uns gleicht. In Bernhards Beton von 1982 findet man auch folgende Passage:

»Wenn ich ein Buch in der Hand hatte, verfolgte sie mich solange, bis ich das Buch weglegte, sie hatte ihren Triumph, wenn ich es ihr voller Wut ins Gesicht schleuderte.«

Und so etwas habe ich – der Gott der Lektüre kann es bezeugen – niemals selbst erlebt. Jeder Mensch ist einzigartig, das lernt man, wenn man lange genug liest und dabei immer wieder nur Fragmente seiner selbst entdeckt. Es ist nicht unser Abbild, das uns von einem Buch einnimmt, sondern das Talent. Nicht den Figuren oder Gedanken möchte man gleichen. Man möchte dem Talent gleichen.

Der Gott der Lektüre

Der Gott der Lektüre? … Aber den gibt es doch gar nicht. Der Mensch hat sich davor gehütet, ihn zu erfinden. Die Leser wussten nur zu gut, wie gefährlich es gewesen wäre, sich auf diese Weise aufzuspielen. Ein Werk, das Esprit und Sensibilität vereint – wie schrecklich!

Da sich die Spezies der Leser im Übrigen durch steten Rückzug aus dem praktischen Leben unsichtbar gemacht hat, ist es durchaus verständlich, dass sie bis heute keines eigenen Beschützers bedarf.

Gott ist auf der Bibliotheksleiter.

Lesen, um sich auszudrücken

Nach Beendigung seiner Lektüre wird der Leser keinesfalls in den unberührten Zustand einer leeren Datei zurückversetzt. Nein, er wurde bereichert um eine Vielzahl von Sätzen. Faszinierenden Sätzen! Sätzen, die davonflattern wie ein Halstuch im Wind und denen er bis ans Ende der Welt folgen würde. Meine Jugend wurde begleitet von einem Heine-Vers. »Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin«. Ja, wirklich, Die Lorelei, ständig und unermüdlich sprach ich diese Worte auf Deutsch vor mich hin, berauscht davon, ein so schönes Gewand für die Traurigkeit gefunden zu haben, die ich empfand und die ich genoss. Mit der Wahl unserer Lektüre kleiden wir unsere Emotionen ein, legen uns Wörter in unsere stummen Münder, verleihen dem Grummeln unserer Gedanken Eloquenz.

Kaum ein Satz hat mich in diesem Alter mehr beeindruckt als der von Prospero in Shakespeares Sturm (IV, 1): »We are such stuff / as dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep« – »Wir sind aus solchem Stoff / wie Träume sind, und unser kleines Leben / ist von einem Schlaf umringt.« Überall schrieb ich ihn nieder, murmelte ihn vor mich hin, versuchte, den Sinn zu ergründen, der mich erleuchtet hatte. Oder dies: »Die Nuance, Feindin der Finesse«, von Balzac. Beim Blättern in einem Taschenbuch war ich darauf gestoßen, als ich im Sommer in einem Buchladen arbeitete. Dummerweise hatte ich das Buch zugeklappt und weggestellt, nur um schon zwei Minuten später und für die nächsten zwanzig Tage vergeblich nach der Textstelle zu suchen. Im Grunde zwanzig Jahre lang, denn ich habe sie bis heute nicht wiedergefunden, zumal ich nach einer Weile vergessen habe, um welches Buch von Balzac es sich eigentlich handelte. Oh, du Phantom, wirst du dich vielleicht an meinem Lebensabend offenbaren und mir aus einem seiner Bücher unverhofft entgegenlächeln? Und so werde ich dann, noch bevor ich den Satz zu Ende gelesen habe, meine letzte Ruhe finden.

Ein Tanz im Verborgenen

Bücher sind mehr als Gegenstände, in denen Dinge stehen, die wir suchen und gedankenlos verschlingen. David Grossman spricht in Die Kraft zur Korrektur (2008) von »Büchern, die ihn gelesen haben«. Da ist schon etwas dran: Als Leser ist man den Büchern ausgeliefert.

Bücher leben von ihren Lesern. Sie müssen von ihnen besprochen werden. So verbreitet sich in Teilen des öffentlichen Bewusstseins eine bestimmte Sichtweise, die eben das ist, was die Literatur beisteuern kann. Ideen sind nicht das, was Literatur ausmacht. Es sind die Beobachtungen aus einer so persönlichen Perspektive, dass von ihnen ein ganz eigener intellektueller Reiz ausgeht, dem begeisterte Leser erliegen.

Solche Leser spazieren durch die Straßen, und man merkt ihnen äußerlich nichts an; könnte man jedoch in sie hineinschauen, so sähe man … bei ihr, ja … bei ihm auch … er, nein, er ist undurchsichtig. Und bei dem da ist auch nichts zu sehen, der ist vollgestopft mit Zahlen. Aber er, ja … Und sie … Könnte man in sie hineinschauen, sähe man einen selbstvergessenen Tanz tausender Büchernarren auf der ganzen Welt.

Lesen belebt neu

Wir lesen aus purem Egoismus, bewirken damit jedoch ungewollt etwas Altruistisches. Denn durch unsere Lektüre hauchen wir einem schlafenden Gedanken neues Leben ein. Was ist ein Buch, wenn nicht Dornröschen, was ist ein Leser, wenn nicht ihr Märchenprinz, selbst wenn er eine Brille trägt, kaum noch Haare auf dem Kopf hat und achtundneunzig Jahre auf dem Buckel? Ein geschlossenes Buch existiert, aber es lebt nicht. Es ist ein Quader, wahrscheinlich mit einer feinen Staubschicht bedeckt und nichts als eine leere Schachtel. Man könnte sagen, jede Lektüre ist eine Wiedererweckung. Mallarmé hat übertrieben, als er behauptete, der Leser sei der Schöpfer eines Gedichts. »Wiederbeleber« hätte genügt. Wir sind erwachsen genug, um den Leser, so wichtig er auch sein mag, nicht mit dem Schöpfer eines Werkes zu verwechseln.

Lesen, um die Leichen nicht ruhen zu lassen

Der Leser ist keineswegs so passiv, wie er glaubt. Dem Anschein nach ein Monolog, ist die Lektüre eine Form der Konversation. Im Übrigen ist das, was man gemeinhin als Konversation bezeichnet, in aller Regel nur ein brillantes Selbstgespräch, dem ein begeistertes oder geduldiges Publikum Gehör schenkt. Beim Lesen wird ein lethargisches Denken wachgerüttelt durch ein scheinbar passives. Dabei wirken zwei Stimulanzien: die Sensibilität und die Erinnerung. Diese entscheiden darüber, welche Passagen uns berühren und wo wir die empfindsame Seite der Literatur finden. Sie und die Lektüre, ihre magere Kusine, haben das Beben gemeinsam. Ein geschriebener und gelesener literarischer Satz unterscheidet sich von denen anderer Textformen durch eben dieses Beben, das wiederum in der Unreinheit der Literatur ihren Ursprung hat.

Ich neige ein wenig dazu, Wörter in ihrem ursprünglichen Sinn zu verwenden, ohne Rücksicht auf die Konnotationen, die ihnen der Sprachgebrauch verliehen hat, und das ist ein Fehler. Der Sprachgebrauch schiebt einen bunten Filter vor die meisten Wörter. Wenn ich nicht darauf hinweise, dass ich Wörter ohne diesen Filter verwende, werden sie aller Welt in Farbe erscheinen und keinem so wie mir. Dabei möchte ich behaupten, dass die Verwendung von Wörtern in der Bedeutung, die ihrer Entstehung am nächsten ist, Sätze erzeugt, die den Leser stutzen lassen und seine Neugier wecken; wenn er ihren Sinn begriffen hat, wird er Geschmack daran finden, mehr zu verstehen als andere. Auf diese Weise ließe sich ein Club der Connaisseure gründen. Manchmal, etwa im Fall von Proust, werden solch elitäre Zirkel zu Massenveranstaltungen.

Zu wissen, dass man am Anfang nur eine Gruppe von Tausend war, reicht für das Selbstverständnis aus. Was für eine versnobte und naive Idee. Nun ja, sagen wir, sie hat etwas Japanisches: Wir sind die kleine Schar derer, die gewillt sind, eine Sache zu bewahren, die fragil und wertvoll und größer ist als wir selbst.

Wie dem auch sei, das Wort »Unreinheit« habe ich soeben im Sinne von »gemischt« verwendet, so wie auch eine Flüssigkeit unrein sein kann. Die Unreinheit der Literatur rührt nun daher, dass sie dem Denken lachhafte Emotion beimischt. Von daher ihre besondere Form. Ich verallgemeinere: Die Literatur ist etwas Geschriebenes, in das sich Emotionen mischen. Ich glaube nicht an den »Stil« als eine eigene, unverwechselbare Ausdrucksweise jedes guten Schriftstellers. Egos halten sich oft für einmalig. Dabei gehören sie einem Typus an. Die menschliche Person ist heilig, aber die Persönlichkeit gehört einer Gruppe an. Natürlich gibt es Nuancen, was jeden einzigartig und unersetzbar macht (übrigens das stärkste Argument gegen den Mord), aber sie reichen nicht aus, um zu behaupten, man könne an einem einzigen Satz den Schriftsteller erkennen. Man kann den Typ erkennen (den Enthusiasten, den Nörgler, den Rächer …), was natürlich ein Anhaltspunkt ist, aber um die Person zu erkennen, braucht man auch die Gedanken. Uff, ein guter Schriftsteller ist also ein Schriftsteller, der denkt. Das ist auch der Grund, warum besonders gehaltvolle Autoren wie Proust unendlich viele Kommentare nach sich ziehen. Extrem unterschiedliche Leser kommen bei ihm auf ihre Kosten. Jeder Kommentar zieht weitere Kommentare nach sich, und so heiligt sich die kreative Lektüre in der Exegese.

Hier droht ein Buch zur Bibel zu werden. Doch man liest nicht als Gläubiger, und ein Schriftsteller ist kein Gott. Man kann ihn lieben und verletzen, und ich denke, man hat sogar die Pflicht dazu. Ich bin nicht dafür, die Leichen in Frieden ruhen zu lassen. Eine Leiche, die man in Frieden ruhen lässt, ist endgültig tot.

Bombardiert die Friedhöfe!, betteln die Skelette, wenn sie nachts die Gräber verlassen, und strecken flehend ihre Fingerknochen den Flugzeugbäuchen entgegen, die blinkend in andere Gefilde verschwinden.

Man liest nur aus Liebe

Um es vorab zu sagen – wobei ich vermeintlich klärende Einleitungen, die doch nur Zweifel säen, genauso ablehne wie Schlussworte, die nichts abschließen – um es also vorab zu sagen: Wer viel liest, liest aus Liebe. Anfangs ist man in die Figuren verliebt; dann verliebt man sich in den Autor; und am Ende in die Literatur. Sie ist die Prinzessin, nach der wir ewig suchen, wenn wir dem Gefühl von Reinheit und Frische nachspüren, das wir beim Lesen unserer ersten Bücher empfanden und nun nicht mehr empfinden, was uns vielleicht zu Unrecht traurig stimmt. Wir haben unsere Naivität verloren, aber auch unsere Unwissenheit. Bevor wir lasen, schien uns noch das kümmerlichste Talent ein Pavarotti zu sein. Es ist wie bei einem Forschungsreisenden im Dschungel, der beim ersten Tausendfüßler, der ihm über den Weg läuft, in Entzücken gerät; wenn er nach monatelangen Märschen eine Lichtung erreicht, auf der zum Gesang von Leierschwänzen Feen tanzen, ist er auch hierfür keineswegs unempfänglich. Selbst wenn man viel liest, kann die Quantität der Lektüre ihrer Qualität nichts anhaben.

Der Zauber der Literatur wirkt häufig in der Kindheit. Viele streifen ihn nie ab. Das sind die Menschen, die aus Romanen Bestseller machen: Frauen, die wie kleine Mädchen von der Liebe träumen, lassen Schund, der sie darüber hinwegtröstet, dass sie einen Rüpel geheiratet haben, der beim Essen die Ellbogen auf den Tisch legt, die 300.000er-Marke erklimmen, und Männer, die immer noch spleenige Teenager sind, verlassen das von Privatsendern übertragene Fußballspiel nur, um von apokalyptischen Idioten geschriebene Zukunftsromane zu lesen.

Manchmal gesellen sich zu den Rössern der heißen Liebe die Schneepferde des eisigen Wissens, und der weiße Atem, der aus ihren gläsernen Nüstern quillt, nimmt uns unsere Unbefangenheit. (Ah, welch diebisches Vergnügen, schlecht zu schreiben und sich vorzumachen, es sei gut!) Deshalb werden große Leser immer anspruchsvoller: Weil sie gelesen und gelesen und immer weniger empfunden haben, suchen sie in der Rarität die Würze. Sie sind wie Verdurstende, deren Durst selbst mit Tankschiffen voll frischem Wasser nicht zu stillen wäre. Trinken! Trinken!, rufen sie, während sie mit rabiater Geste die edelsten Champagnerflaschen und Liköre von sich weisen.

Lesen aus Hass

Manche Menschen lesen aus Hass. Es sind Schriftsteller, die eifersüchtig auf ihre Kollegen, oder Kritiker, die eifersüchtig auf jeden sind. Bei den Erstgenannten heißt es: »Man liest sich nicht gegenseitig, man überwacht sich.« Wie großzügig. Ich nehme an, diese Leute verachten Malraux, der sich, als er einmal das Manuskript eines jungen Autors las, das dieser an den Verlag Gallimard geschickt und das man an Malraux weitergeleitet hatte, auf die Schenkel klopfte und rief: »So ein Freundchen! So ein Freundchen!«. (So hat es zumindest Emmanuel Berl erzählt.) Dass dieser junge Autor genauso schlecht schrieb wie Pierre Drieu La Rochelle steht auf einem anderen Blatt. Drieu hatte eine Art, die Malraux gefallen konnte, zudem war er ein Kind seiner Zeit, und so etwas wirkt modern, wenn es erscheint. Malraux hat in Die Zeit der Verachtung geschrieben – man könne die Welt in Menschen einteilen, denen die bittere Genugtuung, jemanden zu verachten, Freude bereitet, und Menschen, die nicht einmal daran denken. Die Letzteren leben in Gefahr. Man kann sie auch in Malraux-Hasser oder -Nichthasser einteilen. Der Hass auf Malraux war lange Zeit symptomatisch für einen bestimmten Typus Mensch. Irgendwann war es damit wieder vorbei. Wie bei Camus. Camus nicht zu mögen, konnte 1955 bedeuten, dass man unmenschlich war (Faschist oder Stalinist). Im Jahr 2010, da der politische Streit, in dem Camus Position bezogen hatte, längst vergangen ist, gilt das höchstens noch in den Köpfen derer, die diese Zeit miterlebt haben und daran festhalten, weil sie sich keinen literarischen Grund vorstellen können, der gegen Camus spräche. Obwohl, es gibt auch kluge 85-Jährige.

Welch ein Klüngel, diese Schriftsteller! Ein Fußbad der Missgunst. Ich glaube, ich werde Bühnenautor, die hassen sich weniger, wenn man Paddy Chayefsky glauben darf, dem Autor von The Latent Heterosexual (1968), was ich übrigens noch lesen muss. Antonia Fraser schreibt darüber in Musst du wirklich schon gehen? (Must you go?, 2010), dem Tagebuch ihrer Ehe mit Harold Pinter, sehr interessant, and so chic, etwas zu schick vielleicht. Auf zwei Seiten liefert sie ein Resümee dessen, was rückblickend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Westen die kleine verschworene Gemeinschaft der »Kaviar-Linken« ausmachte: Die englische Gruppe empfängt aufgeregt einen südamerikanischen Revolutionär, der sich inzwischen zu einem lokalen Führer gemausert hat, Daniel Ortega aus Nicaragua. Die Treuherzigkeit dieser Leute ist nicht unsympathisch, denn sie entspringt dem Bedürfnis, richtig zu handeln, wohingegen der systematische Widerstand gegen den Fortschritt manchmal der Verachtung entspringt.

Auf der Suche nach einem Beispiel für eifersüchtige Kritiker – so viele sind es nicht – habe ich tagelang eine Zeitschrift durchforstet, von der ich glaubte, dass ich darin fündig werden würde. Ich wurde fündig, aber nicht glücklich. Es ist so, als hätte man in Mülleimern gewühlt. Ich habe eine Frau entdeckt, eine strenge Richterin über anderer Leute Stil, die selbst wie eine gehässige Gymnasiastin schreibt und sich, bloß weil sie ihre Platitüden in rabiate Worte fasst, für scharfsinnig hält. Sie liebt es, Schriftsteller anzugreifen. Diese Leute, die uns angreifen, haben nicht immer Talent. Deshalb suchen sie Zuflucht im Vulgären. Um die Schwäche ihrer Argumentation wettzumachen, schreibt diese Frau in der Wir-Form. »Wir«, das Feuilleton ihrer Zeitschrift. Auf diese Weise zieht sie Menschen in ihre Machenschaften hinein, denen ihr sektiererisches Auftreten unangenehm ist. So schreibt jemand, der sich, noch feucht hinter den Ohren, schon für eine Prophetin hält. Es gibt also eine Art des Lesens, die kriecht und geifert. Da ich aber nicht die geringste Lust auf Dinge habe, die mir keine Freude bereiten, überlasse ich es den Moralisten, diese weiter zu untersuchen.

Und jetzt ein bisschen frische Luft.

Darf ich bitten?

Während es noch vor fünfzehn Jahren das Buch der Bücher war, steht seit 2010 fest, dass Die Schöne des Herrn von Albert Cohen ein schlechtes Buch ist. So lautet ein unumstößliches Gesetz. Im Fernsehen reitet ein Drehbuchautor in meinem Beisein eine Attacke gegen den Text. Wofür halten sich Drehbuchautoren eigentlich, du lieber Gott? Ich habe die Frage für mich behalten und versucht, auf seine Kritik einzugehen. (Wenigstens ein Talent hat dieser Mensch: anderen die Schuld für die eigene Unfähigkeit in die Schuhe zu schieben, aber auch das behalte ich für mich.) Wenn es Ihnen nicht gelungen ist, aus Albert Cohens Roman eine Geschichte zu machen, erwidere ich, dann liegt dies wohl daran, dass dieser Roman nicht von seiner Handlung lebt, sondern von den Figuren, von Ariane und Solal, Solal, eine der wundervollsten Nervensägen der französischen Literatur. Und eine der nervigsten Figuren der französischen Literatur erfunden zu haben, das ist doch was! Zudem ist es ein satirischer Roman, in dem zugleich ein Mittelalter-Roman steckt. Weil Solal fürchtet, dass »das Gesellschaftliche«, wie er es nennt, seine Liebe zu Ariane töten wird, sperrt er sie ein: Mittelalter-Roman. All dies geschieht im mondänen Milieu der Madame Deume, einer prätentiösen dummen Gans, und ihres Sohns, eines ausgemachten Nichtsnutzes, der beim Völkerbund Bleistifte anspitzt. Die Schöne des Herrn ist wie ein Hanswurst auf einem Trampolin voller Narren. Es ist sehr viel mehr als eine Geschichte, es ist ein Bild. Ein Bild, das uns Cohen auf geschickte, geistreiche, zauberhafte Weise nahebringt. Man liest ein Buch nicht um der Geschichte willen, man liest ein Buch, um mit seinem Autor ein Tänzchen zu wagen.

Die angenommene Passivität des Lesers

Es gibt Momente, in denen es dem Leser durchaus gelegen kommt, sich in einer passiven Rolle zu sehen. Dann nämlich, wenn er von einem Buch nicht begeistert ist. Nur hat man bloß, weil man nicht begeistert ist, nicht unbedingt recht. Der Leser vergisst häufig, wenn er dem Autor etwas vorwirft, dass er möglicherweise selbst Schuld daran trägt. Er kann unter schlechten Voraussetzungen gelesen haben. Schlecht gelaunt gewesen sein. Nicht wirklich gelesen, sondern nur nach der Bestätigung seiner Vorurteile gesucht haben. Doch all das bedenkt er nie. Schuld trägt immer der Autor. Obwohl es durchaus vorkommt, dass dieser gescheiter ist als sein Leser.

Im Allgemeinen wird vorausgesetzt, Leser seien anständige Menschen, alle Leser seien anständige Menschen. Aber auch Idioten lesen. Sie sind das Publikum für Bücher, die behaupten, die Attentate des 11. September 2001 seien von Amerikanern verübt worden. Hohlköpfe. Oder für Bücher, in denen die Gesellschaft des Spektakels niedergeschrien wird, Bücher von Guy Debord. Fieslinge. Oder für Bücher von Louis-Ferdinand Céline. Zyniker. Und dann gibt es noch die Dummen, eine ideale Leserschaft für aggressive Essays von pedantischen Autoren. Doch kehren wir diesen verabscheuungswürdigen Lesern den Rücken, denn über schlechte Menschen kommt man nicht zu guten Gedanken.

Die fügsame Leserin

Magritte wählte für seine Bilder meist erklärende Titel, wie etwa die Fügsame Leserin, die mit ihrer großen Nase und den dicken Augenbrauen der Callas ähnelt und der beim Lesen in einem Buch ein Aufschrei entfährt. Wie würde man Magrittes Bilder interpretieren, hätten sie keine Titel? Wäre die Ironie überhaupt zu erkennen? Und beweist das nicht die Schwäche der Ironie? Gehen wir davon aus, dass der Titel bei Magritte Teil des Bildes ist, weshalb er ihn manchmal sogar direkt auf die Leinwand malt wie bei Ceci n’est pas une pipe. Heute würde Magritte vielleicht Museumsbesucher malen, mit übergestülpten Kopfhörern, die Augen aufgerissen wie die Leserin. Titel des Tableaus (auf die Leinwand gemalt oder nicht): Die Audioguides. Die Audioguides! Die Leute bestehen auf ihre Gedankenlosigkeit. Dabei sind wir nur, während wir lesen, vor der Pädagogik sicher. Die Lektüre kann in eine bestimmte Richtung gelenkt worden sein [vorher] und zu Interpretationen führen [nachher], aber währenddessen ist man auf sich gestellt. Was manchmal einem Kampf gleichkommt: Der Leser gegen das Buch, das ihn irritiert; der Leser gegen sich selbst und sein eigenes Unverständnis. – Bleibt es ein Duell oder wird es zum Duett?

Lesen, um die Buchmitte zu überwinden

Ich lese Der Mann ohne Eigenschaften von Musil. Es ist ein langes Buch. Zwei Bände mit jeweils tausend Seiten. Es hat etwas von einem Kampf, diese Berge zu besteigen. Ah, du glaubst, du kannst mich bezwingen? Langsam, grimmig und mit viel Geduld erklimmt man die erste Hälfte und denkt schon an den Abstieg, der leichter sein wird. Dabei packt einen ein Hochgefühl, in das sich Empörung mischt. Wie unverfroren, so viele Seiten zu veröffentlichen! Was für eine Zumutung! So etwas verzeiht man nur dem Genie, glücklicherweise habe ich es hier mit einem solchen zu tun. Also los, weiter geht’s! … Nur noch sechzig Seiten! … Neunundfünfzig! …

Um der Titel willen lesen

Ich frage mich, ob ich nicht noch einen Grund fürs Lesen gefunden habe: das Bedürfnis, sich selbst zu widersprechen. Wenn ich einen Autor nicht mag, nehme ich ihn mir ein zweites Mal vor. Komm schon, die Schuld liegt bei dir, vielleicht ist er ja doch sehr gut! Wenn ich herausfinde, dass ich mich tatsächlich getäuscht habe, bin ich begeistert. Ich habe ein Vorurteil abgelegt.

Bei Marguerite Duras hätte ich mich damit zufriedengeben können, dass sie mir auf die Nerven geht. Ich hätte nur die Titel lesen sollen. Sie sind exzellent. Les Yeux bleus cheveux noirs (dt. Blaue Augen schwarzes Haar). Klingt wie eine moderne Fassung des wunderschönen Titels von Thomas Hardy, Blaue Augen, der sich auf Englisch allerdings besser macht: A Pair of Blue Eyes (1873). Oder auch Des journées entières dans les arbres (dt. Ganze Tage in den Bäumen). Die Titel zeigen am deutlichsten den Beckett’schen Einfluss auf ihr Werk. La Pute de la côte normande (dt. etwa: Die Hure von der normannischen Küste). Als Feindin der Wohlanständigkeit spricht sie Dinge gern unverblümt aus. Alle ernstzunehmenden Schriftsteller, diese Flegel, beschreiben Dinge, von denen sich das Establishment für den eigenen Seelenfrieden wünschen würde, sie blieben unausgesprochen. Dix heures et demie du soir en été (dt. Im Sommer abends um halb elf). Könnte auch ein Françoise-Sagan-Titel sein. (Bei dem Vergleich knirschen Duras-Fans mit dem Gebiss.) Hier zeigt sich, dass ein Titel ohne Autorenname seine Bedeutung nicht voll entfalten kann. Gibt es das eigentlich in der Literatur, einen Titel ohne Autor? Mit anderen Worten Titel, deren Autoren anonym geblieben sind? Die gibt es allerdings, und wir hören nie auf nach den Autoren zu suchen. Ganz Frankreich fragte sich jahrzehntelang, wer die Geschichte der O geschrieben hatte, diesen erotischen Roman aus dem Jahr 1954. Als bekannt wurde, dass ihn Dominique Aury verfasst hatte, eine Übersetzerin und Verlagsangestellte, verlor das Buch schlagartig an Strahlkraft. Bis dahin hatten Vermutungen kursiert, der Autor sei dieser oder jener bekannte Schriftsteller. Die Nähe zu Jean Paulhan, ein berühmter Zeitschriftenherausgeber und Verleger, der das Vorwort verfasst hatte, machte den Roman noch reizvoller, weil man zwischen den Zeilen nach Hinweisen auf seine Autorschaft suchte – und diese natürlich auch zu finden glaubte. Wer sucht, der findet, was er will. Zwischen den Zeilen liegt ein wunderbarer, magischer Raum, welcher Lesern, die des Denkens überdrüssig sind, ermöglicht, was sie eigentlich wollen: sich überzeugen lassen.

Ein Titel erlangt seine vollständige Bedeutung erst in Verbindung mit dem Namen des Autors. Im Sommer abends um halb elf könnte nicht nur ein bürgerlicher Roman sein, der in Théoule spielt, sondern genauso gut eine englische Kriminalkomödie oder der innere Monolog eines russischen Mystikers kurz vor seinem Selbstmord, kurzum, ein Titel für sich allein will gar nichts heißen. Marguerite Duras, Im Sommer abends um halb elf hingegen, bitteschön, das sagt etwas aus. Bücher werden von Menschen geschrieben, und nur Leute, die in ihrem Leben schon manch eine Schweinerei begangen haben oder schlichtweg an Überheblichkeit leiden, behaupten: »Meine Biographie ist meine Bibliographie.« Nur Dreckskerle verstecken sich hinter dem Ästhetizismus. Das ist auch der Grund, warum wir in einem Schriftsteller, wenn es gut läuft zwischen uns und seinem Buch, einen Freund finden, ja wirklich, einen richtigen Freund. Der Autor hat Fehler. Wie ein Freund. Man mag ihn, und man ärgert sich über ihn. Wie über einen Freund. Habe ich, der Leser, etwa keine Fehler? Würde sich der Autor nicht auch über mich ärgern, wenn wir uns begegneten?

So ein Schriftsteller ist eine praktische Sache, weil man ihm Fehler anhängen kann. Womit ich nicht sagen will, dass Schriftsteller keine Verantwortung tragen, welch eine erbärmliche moralische Haltung, welch eine erbärmliche literarische Haltung wäre das. Wenn wir jede Verantwortung ablehnen, ist unsere Literatur nichts als leeres Geschnatter.

Lesen, um nicht mehr Königin von England zu sein

Auf einem Spaziergang rund um ihr Schloss bleibt Königin Elisabeth II. vor einem Bibliotheksbus stehen. Hocherfreut leiht ihr der Bibliothekar ein Buch, das sie auf gut Glück herausgegriffen hat, den Roman einer Autorin, von der sie in ihrer Jugend gehört hatte. Doch das Werk von Ivy Compton-Burnett, einer mondänen Schriftstellerin der 1930er Jahre, langweilt die Königin. Peu à peu landet sie bei Proust, den sie sich, wenn sie offiziellen Defilees beiwohnen muss, auf den Schoß legt und liest. Ihre Entourage macht sich Sorgen. Ist es Alzheimer? Und überhaupt ist ihr Verhalten nicht politisch korrekt: Lesen schließt aus. Am Bibliotheksbus begegnet die Königin einem ihrer Köche. Weil der sie so gut berät, verleiht sie ihm einen hohen Rang. Doch der eifersüchtige Berater des Premierministers will den früheren Koch loswerden und schickt ihn zum Studium an eine ferne Universität, wo die Königin ihm später wieder begegnet. Als sie den Schachzug durchschaut, wirft sie den Berater des Premierministers raus. Bei einer Feier zu ihrem 80. Geburtstag verkündet sie ihren Ministern, sie werde ein Buch schreiben. Ein Buch … Ah ja, Erinnerungen an die Kindheit, den Krieg … Nein, nein, antwortet die Königin; man habe da schon eher an etwas Literarisches gedacht. Ma’am, die einzigartige Stellung, die Sie bekleiden, erlaubt es Ihnen nicht, und auch Ihr Onkel, der Herzog von Windsor, konnte Eines Königs Geschichte nur schreiben, weil er vorher abgedankt hatte. Antwort der Königin und letzter Satz des Buches: »Was glauben Sie denn, warum Sie alle hier sind?«

Die souveräne Leserin von Alan Bennett (The Uncommon Reader, 2007) präsentiert sich als Fabel über das Lesen und seine subversive Kraft. Doch in Wirklichkeit ist es ein Buch über Literatur. Als der Premierminister der Queen antwortet, sie stehe über der Literatur, erwidert die Queen: »Wer kann denn über der Literatur stehen?« – eine Frage, die natürlich keine Königin der Welt jemals gestellt hat.

Lesen und Macht

Die einzige Frage, die man sich im Hinblick auf einen Chef stellen sollte, lautet: Würde er die Bibliothek von Alexandria anzünden? Erscheint einem dieser Gedanke nicht plausibel, ist er gutmütig, und es besteht kein Grund zur Sorge. Andernfalls haftet ihm wohl etwas Vulgäres an. An Kalif Omar, den Schwiegersohn von Mohammed, erinnern wir uns, weil er mit der Vulgarität eines Fanatikers die endgültige Zerstörung dieser Bibliothek angeordnet hat (642, Eroberung Ägyptens), der wertvollsten Sammlung der Antike, deren Manuskripte für immer verloren sind. Der Zynismus von Tyrannen aus gutem Hause kann genauso zerstörerisch sein wie der Glaube, wenn er von dahergelaufenen Ehrgeizlingen instrumentalisiert wird. Solche plötzlich an die Macht gekommenen Menschen sind häufig konservativ, weshalb sich manchmal ausgerechnet die schlimmsten Diktatoren als Förderer der Lektüre entpuppten. In der Sowjetunion waren Bücher günstig, in den Schulen wurde zaristische Literatur gelehrt – wenn auch nur, um zu beweisen, dass der Realsozialismus über die Feudalherrschaft gesiegt hatte –, und die Manuskripte der Klassiker wurden sorgsam verwahrt. Der aus Büchern geborene Bolschewismus stellte das Buch unter seinen Schutz. Marx hat Puschkin gerettet. Beide Mitglieder der schreibenden Zunft! Ich denke nicht ohne Melancholie an den Sommer 1988 zurück, den letzten fröhlichen Sommer für unsereins, die Elite der Partei, als wir auf der Terrasse unserer Datscha am Ufer des Schwarzen Meeres noch einmal Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft von Josef Stalin lasen (das meiner Meinung nach besser ist als Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR).

Man möge lieber meine Bücher verbrennen als Menschen.

Lücken lesen

Einer der ersten Erwachsenenromane, die ich las, war das Satyricon von Petronius (Leser: zweite Hälfte 20. Jahrhundert; Autor: Mitte 1. Jahrhundert), und ich habe mich sehr gefreut, als ich erfuhr, dass dieser Text als erster abendländischer Roman gilt. Es ist ein munterer Roman. Spitzzüngig. Und fragmentarisch. Man erklärte mir, von antiken Büchern seien nur Abschriften erhalten, die in mittelalterlichen Klöstern angefertigt worden seien. Den Mönchen ist es hoch anzurechnen, dass sie mit ihrer naiven Liebe zu allem Geistigen ein Leben lang Bücher abschrieben, deren Religion ihrem Glauben widersprach, Bücher, die manchmal äußerst gewagte Dinge enthielten. Schlug vielleicht schon die Stunde zum Vespergottesdienst, weshalb der Bruder, der sich um Petronius kümmerte, mit geraffter Soutane, die Abschrift unter dem Arm, zum Refektorium eilte? Sind ihm dann in seiner Hast einige Blätter entglitten, die vom Wind ergriffen und auf einen Haufen Papier getragen wurden, der für die Verpackung von Likörflaschen bereitlag? Oder wurden die alten Papierbogen von Insektenflügeln entführt? Jedenfalls liegt uns das Satyricon nur unvollständig vor. Die Lektüre seiner Lücken hat etwas Faszinierendes. Weniger als das, was geblieben ist, und nur existent aufgrund dessen, was geblieben ist. Was hat diese Lücke einst gefüllt?, fragt man sich jedes Mal und wird noch mehr zum Sherlock Holmes, als man es ohnehin bei jeder Lektüre ist. Angeblich ist das Satyricon erst im Laufe seiner Reise durch die Zeit zum Lückentext geworden. Nun gut. Wenn ich nun aber behaupte, es liege nicht an der Zeit, sondern an Petronius’ Genie? Dass er seine Lücken selbst entworfen hat? Die Herablassung, mit der die Gegenwart der Vergangenheit begegnet, ist manchmal geradezu lachhaft. Schon mal gehört, dass es auch früher intelligente Leute gab? Also habe ich mir gesagt: Schreiben wir einen Lücken-Roman. Gesagt, getan: Nos vies hâtives hat sich zugegebenermaßen nicht gerade blendend verkauft.

Der Leser schafft sich wohl seine eigenen Lücken, indem er Seiten überspringt.

Lesen, um zu masturbieren

In einem frommen Buch, einem Erbstück meiner Familie, habe ich die Hölle gesehen. Eine gewaltige Hölle, erhaben und wimmelnd von unzähligen Gestalten. In der Mitte dieser Radierung saß der Teufel auf einem Thron. Ganz ruhig saß er da. Das machte ihn umso bedrohlicher. Zu seinen Füßen waren die sieben Höhlen, eine für jede Todsünde – symbolisiert durch eine Schildkröte, einen Spiegel etc. –, in denen die Seelen gefoltert wurden. Ich war noch ein Kind, und ich war schockiert. Immer wieder griff ich zu dem Buch. Die Hölle ist verführerisch. Man kann ihr diesen Vorwurf ruhig machen, schließlich gibt es sie ja gar nicht.

Es ist ärgerlich, dass unserem Verstand in jungen Jahren die Angst zur Seite steht.

Im Erwachsenenalter trat an diese Stelle die Sexualität, allerdings nur heimlich. Natürlich wusste ich nicht, dass die Nationalbibliothek ihre erotischen Bücher hinter einer besonderen Signatur verbarg: »Enfer«, zu Deutsch: Hölle. Was im Übrigen gar nicht mehr nötig war: Pornographie war inzwischen legal. In der zehnten Klasse kursierten unter unseren Pulten Taschenbuchausgaben des Marquis de Sade, die schwarzen Einbände vom vielen Lesen nach oben gewölbt wie gekochte Artischocken. Welch eine Leidenschaft für die Literatur! Die wahre Funktion dieses Schriftstellers offenbarte sich mir bald, aber ich fand auch, dass er geheimnisvoll schrieb. Ich täuschte mich in jeder Hinsicht: Er schrieb schlecht, im mittelmäßigen Stil seiner Zeit, und doch war seine Funktion komplexer als die einer Inspiration zum Masturbieren. Er macht den Sex zu einem revolutionären Akt, und das passte gut zu meiner pedantischen Epoche, in der hysterische Professoren erklärten, alles sei politisch. Die Fröhlichkeit des Sex, seine essentielle und selbstvergessene Leichtigkeit wurden auch damals geleugnet. Der Kampf gegen die Heuchelei hat zu meiner Zeit das heuchlerischste aller Mittel gewählt und behauptet, keineswegs um der Lust willen die Türen der Hölle aufzustoßen.

Aber immerhin hat man sie aufgestoßen, und es schadet nicht, Schriftsteller der Vergangenheit neu zu interpretieren und in ihnen einen neuen Nutzen für uns zu finden. Das frischt sie auf. Manch einem arrivierten Schriftsteller hat die posthume Veröffentlichung freizügiger Briefwechsel schon neue Sympathien eingebracht, auch wenn er es sich dadurch mit seiner bürgerlichen Leserschaft verscherzt haben mag. Diese bürgerliche Klientel findet immer einen respektablen Ersatz und hätte ihn ohnehin früher oder später gnadenlos aus ihrem Gedächtnis gestrichen.

Mit einer erotischen Deutung der Gedichte von Emily Dickinson, ausgehend von dem Vers I taste a liquor never brewed, hätte ich einer routiniert heruntergeschnurrten, spiritualistischen Interpretation etwas Neues entgegengesetzt. Ich hätte vielleicht nicht Recht, aber ich würde immerhin dafür sorgen, dass man sich wieder für Dickinson interessiert.

Ähnlich verhält es sich mit Theaterinszenierungen, über die alte Menschen aller Generationen, die sich für diese Kunst interessieren und sich die Eintrittskarten leisten können, immer schimpfen. Inszenierungen dieser Art sind wie eine frische, kräftige Brise für die starren Klassiker, zu denen alle namhaften Theaterstücke nach einigen Jahrzehnten verkommen. Da flattern die Spitzenkleider, da purzeln die Schleierhütchen, und der muffige Geruch verzieht sich! Und selbst wenn am Ende nur eine Wachsfigur mit entblößtem Hintern zurückbleibt, hat man wenigstens etwas anderes getan, als bloß eine Aufführung wiederzukäuen.

Schriftsteller werden umgelenkt wie Flüsse. Das ist das Beste, was ihnen passieren kann. Weil ich der festen Überzeugung bin, dass sich die Nachwelt zusammensetzt aus Zeitgenossen, die es langweilt, immer wieder dasselbe zu hören, und die sich deshalb neuen Büchern zuwenden, werde ich persönlich versuchen, meine Nachwelt mit einigen posthumen Werken zu überraschen. Mit ihnen werde ich meine früheren Leser enttäuschen; die künftigen Leser aber werden vielleicht aus Entdeckerdrang und Freude am Widerspruch sagen: »Er war nicht so, wie ihr immer behauptet habt. Wir sind die einzigen, die ihn verstanden haben.« Das wird ungerecht sein, aber wenn Sie glauben, die Nachwelt sei gerecht, dann rate ich Ihnen, sich sofort das Leben zu nehmen.

Literatur entzieht sich der Moral. Alte Kamelle, schon gehört, langweilig. Aber so einfach ist das nicht. Im Jahr 2007, beim zweiten Wahlgang zur französischen Präsidentschaftswahl, hatten wir zwei Kandidaten, die für Werte einstanden. Bei den Parlamentswahlen 2010 in Ungarn, Holland und dem belgischen Flandern haben die reaktionärsten Parteien gewonnen. Sie haben ein närrisches Programm, eine närrische Kampagne, ein närrisches Benehmen, und selbst wenn sie verlieren, hören sie nicht auf, närrisch zu sein. In der Slowakei, wo die Nationalisten ihre ehrgeizigen Ziele nicht erreicht haben, erklärte ihr enttäuschter Chef: »Die Homosexuellen und die Ungarn werden den Staat beherrschen.« Narren können das Fürchten lehren. In Amerika hat die republikanische Partei eine Narrentruppe aufgestellt, die auf Stimmenfang gehen soll – in der Hefe des Volkes, wie es bei Saint-Simon heißt (in seinem Fall eine kleinbürgerliche Hefe), und zwar mit Hilfe von rassistischen, bigotten und außerordentlich resoluten Erklärungen. Möglicherweise wird es Sarah Palin wie Frankensteins Kreatur gelingen, ihren Schöpfern zu entkommen und sich selbst zur Präsidentschaftswahl aufzustellen. Dann wird uns das Lachen vergehen. Wir Repräsentanten der zivilisierten Welt wissen, dass uns die Narren zu Sterblichen machen. Man muss sie sofort erledigen.

»Erst als seine Macht unüberwindlich geworden war und er unmittelbar auf den Umsturz hinarbeitete, merkten sie zu spät, dass jegliches Unternehmen, mag es im Anfang noch so unbedeutend scheinen, durch Ausdauer zu unwiderstehlicher Macht anwachsen kann, wenn man es unbeachtet lässt.«

Plutarch, Römische Heldenleben. Cäsar

Ein Wind der 1930er Jahre weht um die Welt. Er riecht nicht gut. Wären diese Vorkämpfer für sogenannte Werte imstande, bei einem Buch die masturbatorische Funktion von der literarischen zu unterscheiden? Doch wir sollten uns vor allzu schnellen Vergleichen hüten, sollten Gegenwart und Vergangenheit nicht leichtfertig in einen Topf werfen, denn die wirkliche Gefahr ist immer ein bisschen anders und droht vielleicht von unerwarteter Seite. In unserer Welt, in der sich Rückschritt und Unanständigkeit verquicken und zugleich eine zügellose Lust am Verbot herrscht, schwant mir wie dem Abbé Blanès in Stendhals Kartause von Parma, dass seltsame Stürme heraufziehen.

Die gesellschaftliche Heuchelei in puncto Sexualität ist so groß, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die sich als sexuelle Stimulanzien Bücher kaufen, die dafür gar nicht gemacht sind. Das sexuelle Leben der Catherine M, in dem Catherine Millet versucht hat, aus ihren Erfahrungen im Partnertausch Literatur zu machen, hat sich bestimmt nur deshalb hunderttausendfach verkauft, weil es als Veröffentlichung eines respektablen Verlags gekauft werden konnte, ohne dass sich die triebgesteuerten Irren verschämt in Sex-Shops stehlen mussten. Die Enttäuschungen dürften größer gewesen sein als die Erektionen.

Das Problem gewisser Romanautoren, die anfangen, über Sex zu schreiben, liegt darin, dass sie beim Schreiben von ihren Obsessionen beherrscht werden. Da liebt jemand sehr junge Mädchen, na schön, aber es überkommt ihn in einer solchen Weise, dass er sich nicht bremsen kann. Auf diese Weise verrät er eine seiner Aufgaben – Emotionen eine Form zu geben, anstatt sich die Form von den Emotionen diktieren zu lassen. Sein Buch trägt am Ende nur zur Befriedigung einer bösen Begierde bei. Das weiß der Leser und verachtet dieses Buch, das keine ästhetische, sondern eine rein pragmatische Funktion erfüllt.

Ein befreundeter Schriftsteller fragte sich, warum es ihm eigentlich nie gelungen ist, ein literarisches Buch zu schreiben, das auch pornographische Passagen enthält. Die Pornographie ist ohne jeden Zweifel zweckgebunden, während die Literatur keinen Zweck erfüllt. Aus diesem Grund lassen sich beide nicht miteinander verbinden, man kann mit Pornographie keine Literatur machen. Pornographie hat eine Funktion, Literatur ist ein Zustand. Ein Symptom dieser unmöglichen Verquickung ist die begriffliche Vielfalt: Wie kann es sein, dass Sex die einzige menschliche Tätigkeit und dass die Geschlechtsorgane die einzigen Teile des menschlichen Körpers sind, für die ein so umfangreicher Wortschatz zur Verfügung steht? Es gibt nur ein Wort für »Hals« oder»Ohr«, während ganze Wortfelder bereitstehen, sobald über die Sexualität gesprochen wird. Je nachdem, ob man »Vagina«, »Muschi« oder »Fotze« sagt, wählt man ein medizinisches, ein lockeres oder ein vulgäres Feld. Es scheint fast unmöglich, auf schlichte Weise über Sexualität zu sprechen. Ich frage mich, ob nicht Schamgefühle die Ursache sind.

Wie war er wohl, der Mann, der in der Nationalbibliothek auf die Idee verfallen ist, die Abteilung für erotische Bücher per Signatur als Hölle zu bezeichnen? Ein Humorist oder ein Überzeugungstäter? Ein Buckliger mit Hängebacken, der jeden Abend nach Hause ging, um vor entliehenen Büchern verschämt zu masturbieren, oder ein junger Spaßvogel, der sich bei einer Besprechung über einen prüden Beamten mokieren wollte? Ein schönes Romansujet. Der Wortschatz der Nationen ist der Roman der Welt.

Von der erwachsenen Emily Dickinson ist nur ein einziges Porträt überliefert. Sie hat Glück. Seit hundertfünfzig Jahren wird es unendlich oft abgedruckt. Es verankert ihr Bild in den Köpfen eines überfrachteten Publikums. Auch ein Teil des Ruhms von Rimbaud rührt von seinem Foto her, jung und zerzaust, die blau-weißen Augen eisern auf eine Zukunft gerichtet, die gut daran täte, nicht mehr allzu lange auf sich warten zu lassen, bereit, genau die Institutionen zu zerschlagen, die sein Bildnis vereinnahmen werden, um sein Denken besser totschweigen zu können.

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25 мая 2021
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187 стр. 12 иллюстраций
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9783958299481
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