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Carsten Wolff
Weiß, Rot und Dunkel
Die Geschichte einer Unzertrennlichkeit
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Einleitung
Szene 1 (Von der U-Bahn-Stimme und einer neu gewonnenen Freundin)
Szene 2 (Wie aus Janine Klara wird und ...)
Szene 3 (Wie wir Helmuts Schlüssel suchen und auf zwei Bomben stoßen …)
Szene 4 (Wie Paul und ich uns kennenlernen….. und nach Sylt fahren)
Szene 5 (Mein Freund Helmut: Wie aus Drei wieder Zwei wird und…)
Szene 6 (Paul und Klara: Wie aus Klara Janine P wird und …)
Szene 7 (Pauls Erinnerungen)
Szene 8 (Paul stirbt, Klara taucht wieder auf und …)
Szene 9 (Pauls Vermächtnis und sein langer Schatten)
Szene 10 (Klaras Krankheit)
Szene 11 (Wie wir uns wiedersehen ...)
Nachgesang (Über Schuhe und die Liebe ...)
Eine Nachbetrachtung
Impressum neobooks
Widmung
„Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss erst stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen – man erfliegt das Fliegen nicht.
Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen lernte, wehe! Wohinauf – würde seine Raublust fliegen!“
Aus Zarathustra von Friedrich Nietzsche
Für Anjelika, Daria, Conrad-Sebastian und Joachim Resch
Einleitung
Wenn es dunkel wird, fangen die Gedanken an verrückt zu spielen. Wilde Fantasien beschleichen mich, krabbeln wie Raupen langsam in mir hoch und fressen sich durch meine weiche Gehirnmasse, die sich immer wieder krampfartig unter den bohrenden Einwirkungen zusammenzieht und Ereignisse wie Blitze in mein Bewusstsein schleudert. Ich habe Angst! Ich bekomme Panik! Die Kehle schnürt sich zu, sodass ich schlagartig keine Luft mehr bekomme. Der Raum um mich ist zu klein geworden. Ich laufe auf die Straße hinunter, versuche, tief Luft zu holen und ruhig durchzuatmen. Dazu klammere ich mich mit beiden Händen an die Hauswand. Mein Herz rast! Augenblicklich sacke ich zusammen und …
Schweißgebadet erwache ich und ertaste meine Umgebung. Wo bin ich? Ich liege auf der Couch, mein Kopf ist in den Nacken gefallen, die Beine halte ich angewinkelt. Die Hände, die zuvor das Buch gehalten haben, nehmen jetzt eine andere Stellung ein. Während der linke Arm nahezu ausgestreckt auf der Couch ruht, ist der rechte von den Oberschenkeln gerutscht und hängt jetzt ohne Spannung rechts neben der Couch. Das Buch, in dem ich gerade noch gelesen habe, liegt aufgeklappt auf meinem Bauch und gleitet jetzt, als ich es mit der rechten wieder zu greifen versuche, polternd und mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Ich zucke zusammen. Sofort bin ich hellwach. Erst jetzt spüre ich das wilde Schwirren im Kopf. Eigentlich ist es eher mit einem heftigen Treiben von Bienen zu vergleichen, die sich um den Stockeingang bemühen, drängend hinein oder hinaus wollen und dabei die Lautstärke wie ein großes Orchester auslösen und jede meiner Gehirnzellen schmerzvoll vibrieren lässt.
Ich hebe das Buch vom Boden auf, wobei mein Blick auf die letzten Zeilen fällt:
Wenn es dunkel wird, fangen die Gedanken an verrückt zu spielen. Wilde Fantasien beschleichen meinen Kopf, krabbeln wie Raupen langsam in mir hoch und fressen sich …
Szene 1 (Von der U-Bahn-Stimme und einer neu gewonnenen Freundin)
Mein Blick fällt auf die Uhr. Es ist schon spät, bereits über Mitternacht hinaus. Ich will nicht schlafen. Ich kann nicht schlafen. Und so entschließe ich mich zu einem nächtlichen Spaziergang. Ziellos laufe ich in der Innenstadt umher. Die Straßen sind wie leergefegt, so wie ich mich augenblicklich fühle: ziellos und leer!
Von irgendwo dringt leise Musik bis auf die Straße zu mir herüber. Ich blicke in die Richtung und entdecke ein Paar, das sich im Rhythmus zur Musik bewegt. Ich bleibe stehen und beobachte die beiden. Durch einen leichten Vorhang verschleiert nehme ich deren Körperumrisse als Schatten auf der Gardine wahr, wie sich die ganze Schwere ihrer Körper zu einem dunklen Hauch aus Stoff aufgelöst und der Schatten den Takt zur Musik aufgenommen hat und schwerelos zu schweben scheint. Deutlich beobachte ich die Umschlingung der beiden Körper, wie sie beide Figuren eins werden lässt. Allein der Anblick transportiert zu mir den Druck und auch die Wärme, so als befände ich mich gegenwärtig zwischen ihnen. Was für ein angenehmes Gefühl mich augenblicklich durchströmt, sich fest eingeklemmt zwischen den tanzenden, warmen Leibern zu wissen, den Rhythmus und den feuchten, heißen Atem zu inhalieren, inmitten der Herzschläge zu schwingen, das Tuch zwischen ihnen zu sein, das ihre sich begehrenden Körper noch trennt, welches gleichzeitig den Strom der vor Erregung austretenden Schweißperlen aufnimmt und damit die Körper noch näher zueinander bringt, wie miteinander verklebt. Ja, ich bin der Klebstoff ihrer Träume, der Kopf zu Kopf, Busen zu Busen, Arm zu Arm, Becken zu Becken und Bein zu Bein zusammenhält, das Männliche und Weibliche verleimt und für einen bewegenden Augenblick einer Melodie zu einem Akkord der Gefühle verschmelzen lässt.
Ich meine ein junges Paar erkennen zu können, beide von schlanker Statur, wobei sie ungefähr einen Kopf kleiner als er ist. Und während sie sich im Gleichklang wiegen, hält sie ihren Kopf nach oben gerichtet angelehnt an seine Schulter und Hals, währenddessen er seinen Kopf nach unten dicht an ihren anschmiegt. Was für ein schöner Anblick! Welch sexuell stimulierender Geruch von beiden ausströmt, der sich jetzt in meiner Nase und Lunge festsetzt. Ich versuche die nächste Zeit nicht zu atmen, um dieses Odeur der Liebe eine Weile fest in mir zu hüten.
Nach einigen Augenblicken reiße ich mich von dieser schwingenden Silhouette los und entschließe mich spontan, zur Reeperbahn zu fahren. Dort ist es um diese Zeit nie leer, während ich augenblicklich nur von leblosem Gestein umgeben bin, höchstens noch ein zarter Hauch des Paares auf meiner Iris silbern nächtlich ruht, der langsam zu verblassen droht. Dort ist auch niemand allein, denn um diese Zeit erwacht der Kiez aus seinem täglichen Schlaf und die geldgierige Maschinerie der Lust versprühenden Scheinwelt beginnt das Zepter über den Häuptern der fremden und einheimischen Begierden, der Suchenden, der Rastlosen und auch Neugierigen zu schwingen.
Von überall erschallen die Lockrufe aus den Eingängen der Bars:
»Na ihr Süßen! Kommt mal rein. Hier gibt es ALLES zu sehen, schöne Mädels, geile Ärsche, stramme Titten … da steht ihr doch drauf! Die Show beginnt gleich! Eintritt frei!«
Und bereits stolpern die Animierten geradewegs hinein und werden so zu einem Teil des großen Freudenschlundes, des Molochs der Triebe, um erst Stunden später wieder auf die Straße zurückgespuckt zu werden, angetrunken torkelnd, partiell erleichtert, den frühen Morgen und der aufgehenden Sonne aus der Dunkelheit blinzelnd gegenübertretend, trunken von der Musik, der Show, dem Alkohol, noch weitestgehend der Verwirrung der Sinne erlegen, benebelt, glücklich.
Der aus der Ruhelosigkeit geborenen Idee vereint mit angenehmen Gedanken an die Tanzenden besteige ich die Bahn Richtung Altona / Blankenese. Mein erster Blick schweift durch den fast leeren Waggon über die Sitze hinweg auf die Menschen, die dort auf ihren Plätzen lungern. War gerade meine Laune noch ungetrübt, gefriert das innerliche Hochgefühl augenblicklich wieder. Wohin bin ich nur geraten? Realität oder doch Scheinwelt? Umgeben von tristen, traurigen und irgendwie auch bemitleidenswerten Gestalten, die niedergeschlagen, passiv, teilweise alkoholisiert, ungepflegt dort in den Sitzen dümpeln, stehe ich hier wie deplatziert und verloren inmitten des städtischen Sumpfes des Tragikomischen an eine Haltestange geklammert und fühle mich wie eine Fehlinterpretation meines momentanen Schicksals. Jeder um mich herum verhält sich desinteressiert starrend, teilnahmslos, dumpf, schlafend oder gedankenlos verirrt, irgendwie verloren, erratisch, allein. Niemand von diesen Typen nimmt eine Notiz von mir, so als würde ich nicht existieren. Willkommen im Haus der Alleinstehenden, der Gedankentrödler, der Zeittotschlager, der armen Seelen, der Verloren gegangenen, die als Gruppe hervorragend in ein Theaterstück Brechts funktional eingebunden sein könnten und gerade jetzt von der Schicht kommend nach Hause fahren; nur eben ich passe nicht in die Szene, und bin nur von einem Gedanken beseelt, von keiner dieser Figuren angesprochen, angepumpt oder bedrängt zu werden, was sicherlich ohne Weiteres auch zu erwarten wäre. Eingeschüchtert suchen meine Augen den Nothilfeknopf für Passagiere und bleiben nach dem Auffinden wie bettelnd darauf kleben. Wäre es nur eine Szene aus dem besagten Theaterstück und keine Realität. Erst einmal fühle ich mich besser und stelle erleichtert fest, dass niemand etwas von mir will.
Herausgeholt aus meiner Kontemplation werde ich erst wieder, als sich jetzt eine freundliche Damenstimme aus dem Lautsprecher meldet und die nächste Station ankündigt. Diese Stimme steht in einem krassen Gegensatz zu den Gestalten um mich herum. Keiner würde ich auch nur annähernd eine solche freundliche sanfte Stimme zutrauen, eher nur ein von Rauch und Alkohol geschwängertes Gekrächzte. Doch Theaterstück? Während die Stimme weiter weich aus dem Lautsprecher klingt und auch um mich abzulenken, stelle ich mir die Dame bildhaft vor. Sofort entsteht eine Figur vor meinen Augen. Mitte dreißig, blond, groß gewachsen, nicht ganz schlank, auf kräftigen Beinen mitten im Leben stehend und auf jedem Fall sehr vollbusig!
Liebe Leser! Fragen sie jetzt nicht danach, warum ich mir die Dame so vorstelle, und intonieren sie nicht die Psychologie des Busens in Bezug auf Männerträume (oder auch Albträume!). Weiter: Angezogen im schlichten Stadtstil mit einem Kleid von sehr kräftiger roter Farbe. Ja, das Kleid sollte sehr satt rot leuchten, damit es ihre weiblichen Konturen nachdrücklich unterstützt und auch ihre Stimme viel eindringlicher, nachhaltiger und vor allem viel reizvoller zur Geltung bringt, als es jetzt augenblicklich aus dem schmaltonigen Lautsprecher klingt. Verheiratet? Kinder? Das kann ich ihren Lauten nicht entnehmen, ist eigentlich auch egal. Ach ja, beinahe hätte ich ihre Schuhe vergessen. Es müssen unbedingt … doch weiter komme ich nicht mit meinen Gedanken, denn der Zug bremst plötzlich stark ab und die Haltestelle Reeperbahn ist bereits nach wenigen Sekunden erreicht. Ein wenig enttäuscht bin ich schon über die Bahn, während ich bereits die ersten Schritte auf den Bahnsteig setze. Diese hätte mir noch gern einige Augenblicke gewähren können, weiter über die nette Blonde und vor allem über die fehlenden Schuhe wie etwa über gewagte hochhackige Pumps, flache Ballerina, vielleicht sogar Stiefeletten sinnieren zu lassen? Leider ist keine Zeit mehr für gedankliche Umziehaktionen dieser Art vorhanden, und so bleibt für den Augenblick die Lautsprecherstimme erst einmal unfertig und barfuß, denn jetzt erreiche ich bereits die Stufen zum Ausgang Nobistor und kann von dort die Reeperbahn stadteinwärts zurücklaufen.
Frischer Wind vom Hafen empfängt mich, als ich wieder auf der Straße stehe, und auch der Geruch vom Wasser der Elbe umspült meine Nase. Eine lebendige, typische und kräftige Hamburger Mischung aus Stadt und Elbwassergerüchen, die frische Gedanken und neue Kräfte entfachen lässt. Wie erwartet ist viel Bewegung auf der Straße. Kreuz und quer laufen junge Leute vor meinen Augen herum. Hastig, rastlos getrieben, so als würden sie etwas verpassen, zumeist gut und nach der neuesten Mode gekleidet, soweit ich es beurteilen kann. Vermutlich beruht diese Hast auch auf der Tatsache, dass diese jungen Menschen von der Suche nach einem schnellen Erlebnis getrieben werden, wobei ich gedanklich in mich hineingrinsen muss und mich selbst in ihnen wiedererkenne. Davon, dass ich in diesem Alter genauso unstetig gewesen bin, es damals noch nicht antizipiert habe, dass es auf diese Art und Weise nicht mit der »Liebe« klappen kann. Weibliche Intuition sieht sofort das blinkende Schild mit den großen Lettern auf der Stirn der so genannten Häscher »ich will dich rumkriegen, flachlegen« und schaltet augenblicklich auf gelangweiltes Desinteresse um. Die homozygote XX-Kombination will umhegt und geschmeichelt und nicht im Sprung begattet werden. Gerade jetzt geht solch kleine Gruppe hungriger Wölfe an mir vorbei. Ich spüre, ja, ich rieche die Aura des Verlangens nach der Jagd, die mit dem Wittern der Beute beginnen und mit dem Einkreisen und erbarmungslosem Zuschlagen enden soll. Unverständnis! Denn bei mir schindet diese Windbeutelei keinen Eindruck, sondern ruft eher das Gefühl von Souveränität hervor.
Vereinzelt tauchen zwischen den Gruppen immer wieder die ganz »armen Teufel« auf, die im wahren Sinne des Wortes sich auf dem Boden der Realität befinden und in den Eingängen und Ecken der Straßen lagern. Heruntergekommene, Penner, Bettler, Säufer jeglichen Alters, aus welchen Gründen auch immer Gestrandete und Gescheiterte, die sich von den Vergnügungssuchenden eine Spende erhoffen, zumeist um davon Alkohol zu kaufen, obgleich auf deren aufgestellten Schildern regelmäßig zu lesen steht: Bin hungrig, habe nichts zu essen, bin wohnungslos! Jedenfalls deutet alles auf das Erstgenannte hin, denn neben ihnen stehen bereits etliche geleerte Flaschen alkoholischer Getränke. Aus den offenstehenden Mündern weht der Geruch von billigem Fusel zu mir herüber, während gleichermaßen die frische Hafenluft für diesen Atemzug zurückgedrängt wird.
Am Hans-Albers-Platz kenne ich eine kleine Bar, die um diese Uhrzeit ähnliche Typen wie mich zu ihren Gästen zählt, und vermutlich sind auch heute Nacht wieder jede Menge Schlaflose anzutreffen. Als ich nach dem Griff taste und die Tür aufziehen möchte, verlässt ein Paar die Kneipe und so schlüpfe ich durch den geöffneten Eingang ins Innere. Der Raum ist gut gefüllt, wie ich mit einem Blick feststellen kann und wie ich es auch nicht anders erwartet habe. An der Bar ist keine Lücke zu entdecken, schade eigentlich, und so steuere ich auf den nächsten freien Platz gegenüber dem Tresen zu. Alkohol trinke ich nicht und bin damit eher deplatziert, denn als nennenswerten Umsatzträger kann ich mich als Cola-Light-Trinker nicht gerade auszeichnen, und genau das provoziert, während ich meine Bestellung aufgebe, regelmäßig spitze Bemerkungen.
Mit dem Rücken an den Tresen gelehnt entdecke ich eine Blondine in einem roten Kleid mit einem erstaunlich tiefen Ausschnitt (wobei es für diesen Ort nicht erstaunlich ist). Eigentlich sollte dieses dralle Weib Sorge haben, dass sich ihr Busen jederzeit bei einer schnellen Bewegung verselbstständigen und heraushüpfen könnte (hat sie selbstverständlich nicht!), worauf vermutlich mehrheitlich die männliche Kundschaft spekuliert, wie leicht an den teils versteckten und andererseits offen zutage getragenen ungenierten Blicken samt hängenden Zungen zu erkennen ist, und sicherlich manch Anwesender zu einer Wette sogar darauf nicht abgeneigt wäre.
Lieber Leser, und hier wende ich mich einmal ganz gezielt an die männliche Leserschaft: Wer den Kiez nicht kennt, wäre zu einer solchen Wette bereit, wer hingegen Kiezgänger ist, reagiert eher gelassen und unaufgeregt. Wie oft habe ich es schon sehr zum Gefallen der anwesenden Herrn miterlebt, wie diese pralle Weiblichkeit gegen ein Getränk und unter gleichzeitigem starken Aufmunterungsbeifall auf diese Art und Weise gern zur Schau gestellt wurde. Wie spontan die großen prachtvollen Äpfel von ihrer Trägerin herausgeschüttelt wurden, sie wie reifes Obst bei einem lauen Lüftchen zu Fall kamen, nicht aber auf den Boden prallten, sondern mit der Trägerin trotz des großen Gewichtes fast unerwartet verbunden blieben und wie von einem unsichtbaren Gummiband gehalten hin und herpendelten und kaum zur Ruhe kommen wollten, bevor sie anschließend wieder an den eigentlichen Aufbewahrungsort zurückgestopft wurden, bereit für den nächsten Auftritt. Allzu häufig zusätzlich mit ein paar lockeren Sprüchen von der Eigentümerin und Halterin begleitet wie: »Damit du auch mal was Richtiges zu sehen bekommst, Süßer!«
Heute Nacht wäre einmal wieder Zeit für eine solche kleine Showeinlage. Potenzielle Gäste für einen solchen Auftritt sind jedenfalls in genügend großer Anzahl anwesend und auch bereit.
Als sich unsere Blicke treffen, ruft sie mir zu:
»He, Kleiner! Lass uns die Nacht zum Tag machen!«
»Wer?«
»Ja, du!«
»Also ich!«, und ich deute mit dem Finger auf mich.
»Kleiner?« Habe ich da richtig gehört? Bei meiner Größe von 190 cm fühle ich mich keineswegs geschmeichelt. Bereits im nächsten Augenblick schiebt sich dieser mächtige Oberbau gefolgt von ihrem Körper zu mir an den Platz heran und hält mir ihre pralle Weiblichkeit direkt vor Augen. Mindestens Körbchengröße 80D (wobei eigentlich von Korbgröße gesprochen werden sollte) mit sicherlich einem dicken Doppelplus dazu, darauf schätze ich spontan die massigen Dinger ein.
»Ich bin zwar Antialkoholiker, habe um diese Zeit keine Lust auf Milch«, sage ich und versuche vorbei an diesen immensen Brüsten ihr ins Gesicht zu schauen. Düpiert zieht sie ihren Busen zurück, eigentlich wäre eher Euter der treffende Ausdruck für diese Pracht, zumal sie von mir offensichtlich erwartet hätte, eine Schmeicheleinheit über ihre drallen Ausmaße zu hören.
»Du kannst wohl nicht mehr, Kleiner!«, antwortet sie laut hörbar für alle Umstehenden und lacht dabei. Ein wenig frech und unangemessen, wie ich finde. Aber wie drückt es der Volksmund so treffend aus: Wie man in den Wald (hier: Animierbar) hineinruft, so schallt es heraus! Schließlich habe ich die erste Spitze gesetzt. Aus diesem Grund möchte ich auch nicht weiter diskutieren, was ich kann oder auch nicht kann und überhaupt können sollte, dürfte, möchte et cetera, jedenfalls hier und heute nicht. Bin ich doch zum Amüsieren und nicht zum Anbändeln hierhergekommen. Und dennoch geht schon ein gewisses Prickeln aus dieser Situation hervor, weil sie sich offensichtlich auf mich fixiert hat, und genau deshalb fordere ich sie auf, sich zu mir zu setzen, möglicherweise auch, noch weiß ich es nicht so genau, um mir weiteren Hohn und Spott von ihr und anderen Gästen zu ersparen. Schlagfertig ist sie ja und zur Kurzweil willkommen!
»Du heißt bestimmt Janine?«, frage ich sie direkt und gebe damit gleichzeitig auch ihrem Zwilling, der U-Bahn-Stimme, einen Namen.
»Wenn du es möchtest, heiße ich Janine für dich, Kleiner! Und wenn du etwas Kleingeld dabei hast, kannst du Janine zu einem Sekt einladen.«
»So bescheiden?«, denke ich mir, ohne es auszusprechen. Sie aber scheint meine Gedanken (weibliche Intuition!) augenscheinlich erraten zu haben und fügt hinzu:
»Es darf natürlich auch Schampus sein!«
Na bitte, die Verständigung klappt doch ausgezeichnet, auch ohne etwas auszusprechen, und eigentlich könnte das Gespräch gleich auf diese angenehme Art und Weise fortgeführt werden.
»Genehmigt«, nicke ich zustimmend und schon ruft Janine laut durch die Bar: »Einen Schampus für mich und für meinen leichten, kleinen Begleiter Cola-Light auf seine Rechnung!«
»Wer von uns ist eigentlich leicht?«
»Wohl von Beruf Spaßvogel und Fragensteller!«, kommt es prompt zurück.
Bislang habe ich mein Gegenüber nicht sehr interessiert und eher oberflächlich gemustert, aber jetzt, wo sie mir nun einmal vis-à-vis sitzt, fange ich an, sie genauer zu betrachten. Das heißt, den Rest der Dame, der durch ihre mächtige Oberweite gerade nicht verdeckt wird und der ihren Körper horizontal in zwei Teile, in ein Darüber und ein Darunter, unterteilt. Blond gefärbt, circa 1,65 m groß, normal gewichtig (ohne Oberweite), leuchtend rotes und sehr eng geschnittenes, figurbetontes Kleid, eindeutig kurz, sodass auch die Beine für den Betrachter sehr schön zur Geltung kommen, passende rote Pumps mit einer Absatzhöhe von mindestens 12 cm. Mein Herz geht auf. Unter ihrem Kinn tritt ein leichter Fettansatz zum Vorschein, der aber nicht wirklich stark ausgeprägt ist. Immer wenn sie spricht und das Kinn dabei nach unten bewegt, bildet sich diese typische kleine Fettrolle aus.
Bei Fremden, denen ich begegne, schaue ich zuerst auf diese Kinnpartie. Diese Region, mit der von mir so titulierten Unterkinnfettrolle, wenn sie sich wie eine Welle im Wasser beim Sprechen fortpflanzt und mit jeder Mundbewegung aufs Neue in Bewegung setzt und dabei hin und her rollt wie ein Schiff im Seegang, empfinde ich als viel interessanter, als sich im Gegensatz dazu auf die typischen weiblichen Merkmale wie Busen, Po und Beine zu fixieren. Diese mögen sexuell sehr stimulierend wirken, was ich auch nicht absprechen oder herunterspielen will, sind aber eben nicht so außergewöhnlich und wandlungsfähig, wie diese kleine spielende Fettrolle. Ja, ich bekenne mich. Ich bin ein Unterkinnfettrollenfetischist!
Liebe Leser, sollten Sie bislang noch nicht diese Neigung bei sich entdeckt haben, möchte ich hiermit Werbung in eigener Sache für diese meine Schwäche machen. Die sexuellen Merkmale besitzt jeder Mensch in unterschiedlichen Ausprägungen, stärker oder schwächer, runder oder eckiger, kleiner oder größer, dabei häufig auch nicht zum übrigen Körper proportioniert (wie bei Janine!), und wurden bereits in Millionen Romanen, Filmen ausgiebig thematisiert. Aber nicht so die so benannte Unterkinnfettrolle, womit sie einen Hauch von Exklusivität des Trägers aussendet und damit eine spezielle Individualität, das gewisse Etwas der Person unterstreicht. Nur wenn ein Mensch sehr markante Gesichtszüge oder besondere Abnormitäten aufweist wie etwa eine große Nase, einen breiten Mund, wulstige Lippen oder ähnliches, werde ich von meinem Augenschmaus Unterkinnfettrolle abgelenkt. Glücklicherweise kann ich bei Janine keine anderen Auffälligkeiten außer ihrem Busen, der hier bereits genügend gewürdigt worden ist, entdecken. Ihr Gesicht ist rundlich und ohne weitere nennenswerte Besonderheiten. Einzig ihr aufdringlich roter Mund wird später noch schnappartig unheilvoll in den Vordergrund treten. Die meisten, fast möchte ich so weit gehen zu sagen, »alle außer mir«, Menschen nehmen dieses Fettrollenspiel entweder nicht wahr oder würdigen es nicht so, wie ich es tue. Zum Glück, denn damit kann ich diese exklusive Ambition für mich beanspruchen. Bedauerlicherweise ist auf diese Beobachtung und Beschreibung kein Patent möglich, sonst wäre ich bereits stolzer Besitzer dieses Anspruches »Patent auf Klassifizierung der menschlichen Unterfettkinnrolle« und die Urkunde würde eingerahmt einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer eingenommen haben. Auf meine Anfrage beim zuständigen Amt hat man mir dort »sehr technisch« geantwortet: Patente auf derartige Beobachtungen gäbe es nicht, sondern nur auf neue technische Erfindungen! Schluss aus! Aber auch diese Aussage empfinde ich nicht als Niederlage. Nein, ich gehe soweit, in dem ich denke, dass die Öffentlichkeit nicht nur einen Anspruch auf meine Beobachtungen und auch Klassifizierungen der Unterkinnfettrolle besitzt, sondern zugleich diese Betrachtungen und Aufzeichnungen Eingang in die Schulmedizin und Wissenschaft finden sollten. Sämtliche Bestrebungen meinerseits in diese Richtung sind bislang auf Unverständnis und auch Ablehnung gestoßen. Und so habe ich beschlossen, mich zukünftig nicht mehr mit dieser »blockiert wissenschaftlichen« Ignoranz auseinandersetzen, und werde demnächst neue, andere Wege beschreiten, diesen unverzichtbaren ästhetischen Aspekt den Mitmenschen nahe zu bringen.
Häufig gehe ich nur aus diesem einen Grund unter die Leute, suche mir einen geeigneten Platz, von dem aus ich die Beobachtungen vornehmen kann, um eben dieses Spiel der Fettwellen genauestens zu betrachten und zu klassifizieren. Die Probanden sind dabei für mich nicht nur völlig nebensächlich, sondern nur das synchrone und asynchrone Wogen und Wabbeln der Fettpolster nimmt mein volles Interesse in Anspruch. Und je aufgeregter die Menschen sprechen, umso hektischer sind auch ihre Polster in Bewegung. Dieses Spiel ist so faszinierend, dass sich meine Hände sogleich ins Zentrum des Geschehens einbringen möchten, ich sie leider im Zaum halten muss, um nicht sofort aufzuspringen und der betreffenden Person unter das Kinn an das rollende Fett zu greifen, solch einen großen Reiz übt diese simple Rollbewegung auf mich als Fetischist aus.
Im Bekanntenkreis spreche ich nicht darüber, vermutlich würde ich für absonderlich erklärt, wobei anzumerken ist, eine Marotte oder wie ich es zu nennen pflege »einen besonderen Handlungsbedarf«, besitzt nahezu jede Person, einschränkend jedenfalls jede aus meinem Bekanntenkreis. Schließlich halte ich meinen Bekannten auch nicht ihre Marotten vor wie beispielsweise ehrfurchtsvoller wöchentlicher Autoputz oder manischer Kaufzwang in den Geschäften der Hamburger Innenstadt. Wie einfältig und wenig konstruktiv sind doch diese Handlungen, sich an lackiertem Blech eingehend zu ergötzen oder Käufe tätigen zu müssen, gegenüber diesen zeitintensiven und immens wichtigen Beobachtungen der sehr speziellen Charakteristiken von menschlichen Unterkinnfettrollen. Beobachtungen des lebendigen Spiels der Haut vice versa Mysophobie (bekannt geworden unter anderem durch Howard Hughes) wie auch Oniomanie. Man stelle sich vor: Wie friedlich die Welt sein könnte, würde es mehr Leute wie mich geben, anstatt mit Äußerlichkeiten oder Besitztümern zu protzen und Missgunst zu provozieren oder zu sähen. Aber genau das bleibt den Ignoranten verborgen.
Als erfolgreichen Ausweg aus dieser Situation erscheint die Einrichtung eines Internetportals zu sein, um eine Plattform für dieses extrem wichtige, leider viel zu wenig beachtete, Merkmal zu erhalten und dort gleichsam zur Diskussion zu stellen. Was könnte dort beispielsweise präsentiert werden? Die verschiedenen Ausprägungen der Fettansammlung beispielhaft in Bild, Wort und auch als Video, ein Forum zur Äußerung über Erfahrungen mit diesen speziellen Rollen, Glücks- oder Unglücksäußerungen (wobei das Letztere eher unwahrscheinlich ist, wenn man eben wie ich die Menschen beobachtet) der stolzen Träger über dieses überproportionale Fettphänomen, weltumspannende Untersuchungen der verschiedenen Menschen, historische Vergleiche aus der Geschichte der Menschheit, spezielle Mode für diese Kinnregion, praktische Tipps im bestmöglichen Umgang mit der Fettrolle, sowie Pflege (Rasur, Cremes, Kosmetika) und zum Schluss vielerlei Tipps für ein spezielles Fitnesstraining dieser sensiblen Gesichtsregion. Unglaubliche Möglichkeiten erscheinen durch diese Veröffentlichungen möglich zu werden, immer verbunden mit einem Aufruf zu Kreativität im Umgang mit der partiellen Fettleibigkeit. Menschheit verständigt euch mittels eurer Unterkinnfettrollen, anstatt euch in unnötigen, strapazierenden und ewig im Kreis drehenden Diskussionen aufzureiben!
Selbstverständlich ist dieses Wissen auch meinem vor Weiblichkeit strotzenden Gegenüber verschlossen, was sie dort für einen Schatz unter ihrem Kinn trägt, und so überlege ich mir, ob ich nicht trotz der fortgeschrittenen Stunde missionarisch tätig werden sollte.
Deshalb erst einmal zurück zu ihrer Frage.
»Nein. Kaufmann und Gelegenheitsschreiber. In schlechten Zeiten muss man flexibel sein. Und du kommst bestimmt nicht aus Hamburg, eher zugereist oder auf Suche?«, spekuliere ich, in freudiger Erwartung ihrer Antwort mitsamt dem Spiel ihrer gepolsterten Kinnpartie.
»Auf Suche! Das würde es wohl am ehesten treffen«, erwidert sie mir und ihre Rolle läuft dabei vor Entzücken mehrfach hin und zurück.
»Ich komme aus Berlin!«
Und um es zu beweisen, verfällt sie vorübergehend in den Dialekt.
»Aber dort ist die Situation schlechter, hat man mir erzählt«, entgegne ich ihr.
»Ich versuche es gerade herauszufinden. Und so schlage ich mich hier in Hamburg durch.«
Habe ich also recht gehabt, denke ich mir und fixiere ihr Gesicht. Für ihr rundes Antlitz ist ihre Nase ein wenig zu schmal. Ihre Augen sind durch einen kräftigen schwarzen Lidstrich und die aufgetragene Farbe betont und künstlich vergrößert. Die Lippen sind mit einem leuchtenden Rot besonders stark hervorgetönt. Dieses blendende Rot ist nicht nur ein Signalgeber für Fantasien, sondern auch ein Magnet für männliche Augen, eine Bastion der Verführung. Tief in die Stirn hinein gekämmt hängt ihr Pony und soll so vermutlich das wahre Alter verdecken helfen. Diese kleinen, gemeinen Kunstgriffe der Damenwelt, nur um vom kalendarischen Alter abzulenken und um ein paar Jahre zu erbetteln! Sie mag etwa dreißig Jahre alt sein, möglicherweise die Dreißig bereits überschritten haben. Hat sie solche Tricks überhaupt nötig?
Für viele Männer ist Janine gewiss sehr reizvoll und attraktiv. Sehr weiblich, sehr ausgeprägte Kurven, die klassische Coca-Cola-Flaschen-Form, und eben diese große Oberweite mit D plus. Was mich an ihrem Aussehen stört, sind die billig gefärbten, blondierten und aufgebauschten Haare. Da kommt die Rückständigkeit der Provinz zum Vorschein, nicht jedoch die Großstadt und schon gar nicht Berlin. Aber ich bin ja hier nicht auf einer Model-Party, sondern inmitten des Amüsierviertels von Hamburg auf dem Hans-Albers-Platz nachts um 2 Uhr, wo die Damenwelt in der Mehrheit sehr leicht umfallend ist. Dennoch bin ich erpicht darauf, den Hals und die Hände zu erkunden, eigentlich mehr als Spiel angedacht und nicht aus irgendeinem weitergehenden Interesse heraus. Und so frage ich unverblümt nach:
»Hast du heute schon etwas gegessen?«
»Etwas ja!«
»Etwas wenig ja«, füge ich an.
»Wenn du den Schampus ausgetrunken hast, spendiere ich dir noch ein Essen. Aber nicht hier, nur ein paar Schritte weiter.«
Mittlerweile wirkt der Alkohol bereits deutlich. Ihre Bewegungen werden ausladender und auch ihr Mund steht nicht mehr still. Immer wieder fallen Sätze: wie »ungerecht die Welt doch sei, welch schweres Schicksal sie doch habe« und so weiter. Ich höre nur mit halbem Ohr zu, sind mir diese Phrasen doch sehr geläufig. Währenddessen pendeln meine Gedanken hin und her zwischen den Warnungen der Mutter: »Du wirst doch wohl nicht ein unbekanntes Frauenzimmer mit nach Hause nehmen wollen!« und Worten der Heilsarmee, die ihre Vertreter speziell auf die sündige Meile schickt und die dort von Brüderlichkeit, Nächstenliebe und überhaupt von Liebe zwischen den Menschen singt und spricht (und eher nicht von käuflicher Liebe redet).
Kaum sind wir auf der Straße (ich stütze meine betrunkene Bekanntschaft), da laufen wir geradewegs einer der vorgenannten missionarischen Abordnung direkt in die Arme, worauf die Damen und Herren sich unverzüglich veranlasst sehen, ihren Singsang anzustimmen. Und wie das so ist mit Wein, Weib, Gesang und Heilsarmee und vor allem Brüderlichkeit, läuft es wieder nur darauf hinaus, dass ich mein Portemonnaie zücke und der fröstelnden Kapelle ein paar Taler zustecke. Auch meine Partnerin meldet sich lautstark beim Anblick der Truppe in Schwarz zu Wort und fängt beherzt an, diese Leute zu dirigieren und dann auch noch selbst zu tirilieren. Wozu tue ich mir das eigentlich an? Habe ich nicht genügend eigene Probleme, frage ich mich bei dieser Betrachtung und schrägen Klangvielfalt. Schnell ziehe ich meine neue Bekanntschaft an mich heran, bevor sie noch bekehrt bei diesen Leuten bleibt, obgleich es ihr nach ihrem vorherigen Gejammer nicht schaden könnte.
»Es gibt doch gute Menschen«, säuselt sie mir ins Ohr.
»Ich denke, einen davon hast du im Arm!«
»Das kann ich noch nicht beurteilen. Aber wir wollen etwas essen gehen.« »Richtig! Essen und nicht philosophieren oder gar die Welt verbessern wollen. Das machen bereits die Damen und Herren vis-à-vis von uns.«
Noch nicht genug damit! Von Weitem hören wir jetzt ein Gegröle aus rauen Männerkehlen. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit. Hinter einer Häuserecke tauchen sechs Matrosen auf, ausgelassen singend und tanzend mit ihren Mädchen im Arm.
Die 6 grölenden Matrosen (Teil I)
Ob Hamburg, London, Tokyo, Schanghai---i (Refrain)
Das ist uns Sechsen einerlei---i
Wir sind die grölenden Matro---osen
Mit starken Armen, strammen Ho---osen
Von weit schon hört man unser Si---ingen
Die Mädels unruhig, fangen an zu spri---ingen
Nur eines haben sie im Si---in
Die grölenden Matrosen, geschwind dorthi---in
Janette, Mai-Ling, Fru-Fru auch Ca---armen
So herrlich klingen ihre Na---amen
Parfüm, Schmuck, Seide, Porzellan, gebt A---acht!
Teure Geschenke haben wir euch mitgebra---acht
Die Haare blond, schwarz, Kaffeebrau---un
Hauptsache süß, nett anzuschau---un
Der Körper knackig und sehr ju---ung
Der Busen groß, der Po sehr ru---nd
Die feinen Beine rank und schla---ank
Sie fliegen hoch von Stuhl zu Ba---ank
Sind kerzengerade, fast ohne E---ende
Ein Hort der Augen und auch Hä---ände
Den süßen Mädels ist nicht ba---ang
Gehen saufen, huren mit uns tagela---ang
Erst wenn die Heuer ist hinfo---ort
Gehn wir sehr glücklich zurück an Bo---ord
Zum Abschied stehen sie am Pi---ier
Mit Tränen singen sie: Wir warten hi---ier
Bis ihr zurück seid irgendwa---ann
Gute Fahrt Matrosen! Bis später da---ann!
Nur wenige Schritte weiter sind wir bereits im Speiselokal gelandet. Ein kleines, aber sehr nettes Lokal, in denen sich etliche Leute befinden, denen der Hunger um diese Zeit einen Streich spielt, vermutlich als Folge des vorherigen Alkoholgenusses.
»Bestell etwas Kräftiges für mich und auch ein Glas Schampus (an dem sie wohl Gefallen gefunden hat), der macht die Nacht so leicht und auch erträglich. Und lauf mir nicht weg, Kleiner, ich kann die Bestellung nicht bezahlen!«
»Keine Sorge, schließlich möchte ich mein »gutes Werk« noch heute vollenden.«
Hastig und ungalant wirft sie mir einen Handkuss zu und entschwindet schnurstracks auf die Toilette. Während ich noch mit Gedanken ringe, kommt Janine bereits zurückgewankt, lachend und mit ausladenden Gesten. Ist ihr auf der Toilette noch eine geöffnete Schampusflasche über den Weg gelaufen? Genüsslich schaue ich mir ihr ungeschicktes Treiben und ihre Flugbewegungen an, wobei ich noch einmal auf ihre voluminösen Brüste zurückkommen muss, die ihrerseits den Takt der Bewegung aufzunehmen versuchen, sofort aber dem physikalischen Gesetz der Trägheit unterliegen und so nur beschwerlich träge hinterherzuwackeln vermögen. Ist es der Reiz, diese Riesendinger in die Finger zu bekommen, oder fühle ich mich zwingend an kindliche Frühreize erinnert, möglichst schnell der nährenden Flüssigkeit habhaft zu werden und den erfolgreichen Saugreiz ausleben zu können? Offensichtlich überzeugt diese pralle Weiblichkeit nicht nur mich, sondern auch andere Anwesende, die schmachtend ihren Blick zielgerichtet auf diesen runden Erhebungen ruhen lassen. Überhaupt ist mittlerweile bei mir ein gefühlsmäßiger Umschwung eingetreten. Habe ich zuvor eher eine belustigende und distanzierte Rolle als amüsierter Beobachter eingenommen, hat sich nunmehr Begierde bei mir eingestellt, ausgelöst vermutlich durch den hohen Aspartamanteil in der Cola-Light?
Der Reiz ihrer Rundungen lässt mich jetzt mehr als unruhig werden. Was sehe ich eigentlich in ihr? Als Typus spricht sie mich eigentlich nicht an, da ich die schlanke, knabenhafte, eckige Erscheinungsform bevorzuge. Und klick, als würde ein Schalter umgelegt werden, springt mir plötzlich der Gedanke ins Gehirn: Janine ist die fleischlich gewordene U-Bahn-Stimme und damit verbunden ist meine unglaubliche Einbildungskraft. Wer außer mir, ausgenommen ihr Freund oder Mann, sollte sie tatsächlich liiert sein, kann schon von sich behaupten mit der Hamburger U-Bahn-Stimme geschlafen oder es zumindest versucht und damit nahezu exklusiv besessen zu haben. Wirklich! Bei diesen Gedanken scheint sich mein Gesichtsausdruck verändert zu haben, jedenfalls bemerkt es Janine sofort (weibliche Intuition) und empfängt mich mit den Worten, während sie schlingernd auf mich zuschwingt:
»Na Kleiner, du guckst mich so erwartungsvoll und lüstern an!«
Ich fühle mich ertappt. Sogleich steigt Hitze und vermutlich Röte in mir auf und ich beginne, nach Ausreden zu suchen. Da ist es wieder dieses Schild, das nur die Frauen sehen können! Schlagfertig kommt sie mir zuvor:
»Hast du jetzt doch Lust auf Milch bekommen?«
Jetzt fühle ich mich erst recht überrumpelt und ringe nach Worten.
»Janine, du scheinst mir sehr hungrig zu sein!«
Mit diesem Satz versuche ich meine Lockerheit und Souveränität zurückzugewinnen, während das Blut unaufhörlich in der Schläfe pocht und nicht nur dort. Literweise, so fühlt es sich jedenfalls an, scheint es in die Leistenregion zu schießen, was dort zu einer Dauerverhärtung führt, sodass ich mit jedem Pulsschlag ihr ins Gesicht schreien könnte: Ich will dich haben, hier gleich auf dem Tisch! Glücklicherweise löst sich meine Zunge nicht, die Gefahr einer Freud'schen Fehlleistung droht dennoch jederzeit. Rettend kommt in diesem Augenblick der Kellner mit dem bestellten Essen herbeigeeilt, wobei er sich beim Hantieren mit der Speise sehr ungeschickt anstellt, da auch er seine Augen von der üppigen weiblichen Pracht meiner Begleiterin nicht nehmen kann oder will. Auch bei ihm scheinen sich augenblicklich die physikalischen Gravitationskräfte nur auf einen Punkt zu fixieren: Janine‘s Busen!
Ich habe ihr Fleisch bestellt, zartes Steak, damit sie zu Kräften kommt und auch der Alkohol ein wenig zurückgedrängt wird. Und damit sie gar nicht weiter zum Sprechen und Flirten kommt, schneide ich sofort ein mundgerechtes Stück von diesem Stück ab, aus dem noch der blutige Saft quillt, gleich dem, der immer noch reichlich in meiner Lende vorhanden ist und damit archaische Instinkte nährt, und führe es ihr zum Mund. Rein damit! Sie schnappt danach und schlingt es gierig runter.
»Füttere mich weiter, Kleiner, das gefällt mir!«, ruft sie sehr lustvoll und führt dabei eine weitere Schnappbewegung in meine Richtung aus. Stück für Stück blutiges Fleisch verschwindet zwischen ihren rot geschminkten Lippen und wird sofort verlangend von ihren weißen Zähnen zermalmt, so als wollte sie mich gleichzeitig mit verzehren. Ich spüre förmlich, wie die Fleischstücke aus meiner Lende gerissen in ihrem zupackenden Schlund verschwinden. Stück für Stück von mir, und ich kann mich ihren Zähnen nicht erwehren. Haifischartig gierig lustvoll verschlingt sie mich in kleinen Happen, so als wäre ich ein herrlicher Schmaus, eine Beigabe, ein lustvoller Bissen, ein süßes Dessert. Stopp! Haaaalt! Merkt denn keiner der anderen Gäste, wie ich langsam abnehme und entschwinde? Und will mir niemand seine Hilfe anbieten? Angstvoll drehe ich mich um, doch niemand nimmt Notiz von mir. Bin ich schon nicht mehr da und gänzlich verspeist worden? Meine Hand fährt hastig an mir hinunter. Mit Erleichterung finde ich mich selbst samt der immer noch vorhandenen Verhärtung wieder. Jetzt stürzt sie auch den Schampus in einem Zug runter und bestellt sich sofort ein weiteres Glas des perlenden Saftes trotz meiner Einwände, die aber sofort mit einer ausladenden Handbewegung weggewischt werden und die offensichtlich besagen soll: Das ist meine Nacht und du hast mir nichts zu sagen, Kleiner (außer zu bezahlen). Und während ich sie füttere, benutzt sie die Gelegenheit unter dem Tisch an meinem Bein herumzureiben und dabei nach meinem besten Stück zu fingern, dass ich mich ihrer Übergriffe geradezu erwehren muss. Reichen ihr mein Fleisch und auch mein Saft nicht? Geradezu gierig schmachtend verzehrend lächelt sie mich an.
Das Bild schlägt um. Jetzt sitzt mir nur noch ein riesiger rot umrandeter alles verzehrender Schlund gegenüber, nur darauf lauernd, dass ich einen Fehler begehe, um mich mit einem Mal zu verschlingen. Er fixiert mich, jederzeit bereit zum Sprung, zum finalen Biss. Apathisch schließe ich die Augen, um diesem Eindruck zu verscheuchen. Doch auch dort befindet sich dieser riesige Rachen, lüstern, fordernd. Irgendwann muss er doch verschwinden! Aaaah!
»He Kleiner, was ist mit dir? Geht es dir nicht gut? Trink etwas, damit die Nacht dich umgarnen kann«, säuselt sie unnatürlich sanft lauernd heraus.
Jetzt kommt ihr großer Schlund, öffnet sich und will mich schnappen. Entsetzt springe ich auf und renne zur Toilette. Kaltes Wasser muss her, um die grauenvollen Gedanken und Bilder fortzuspritzen. Träge schaut mir Janine hinterher und sagt etwas, was ich jetzt nicht mehr wahrnehme. Ich sehe nur ihre Lippenbewegungen, höre aber keinen Laut aus ihrem Mund. Minutenlang, so kommt es mir jedenfalls vor, spritze ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. Nur noch klar werden, klare Gedanken bekommen. Da wird die Tür aufgestoßen und der Kellner ruft mir zu:
»Kommen sie! Ihre Freundin liegt auf dem Tisch!«
Wir laufen ins Lokal zurück. Und tatsächlich bemühen sich gerade ein weiterer Kellner und ein Gast um Janine.
»Es geht schon in Ordnung. Ich übernehme jetzt. Bringen sie mir die Rechnung und rufen sie mir ein Taxi«, höre ich mich sagen mit einem gequält aufgesetzten Lächeln (und erschrecke augenblicklich bei meinem Gesagten).
»Kein Problem, ist Tagesgeschäft«, kommt es prompt zurück.
Zu zweit richten wir Janine auf, wobei sie nur trunkene Laute fabriziert, ziehen ihr den herbeigeholten Mantel über und stützen sie, eigentlich schleifen sie vor die Tür. Draußen wartet bereits der Taxifahrer, der nun beim Einladen hilft. Ich entschuldige mich und fasele irgendetwas von Tabletten und so ... Aus dem Augenwinkel sehe ich wie der Fahrer grinst und dann ganz bestimmend zu mir sagt:
»Wenn sie mir das Auto vollkotzt, zahlen sie die Reinigung!«
»Ja, ja, nun fahren sie endlich los.«
Während der Fahrt halte ich Janine fest im Arm, die wie bewusstlos niederliegt. Ihren Kopf fixiere ich zusätzlich, damit er nicht ständig hin und her schlägt. Wenn sie jetzt kotzt, geht es über meine Klamotten und nicht über dein schäbiges Polster, denke ich und gucke den Fahrer dabei beleidigend von hinten an. Zu Hause angekommen bitte ich ihn noch, mir beim Transport von Janine zu helfen und sie mit nach oben zu bringen. Ich bekomme natürlich mit, wie seine Hände ungeschickt mit voller Absicht nach ihrem Busen grapschen, obwohl er nur ihren Körper stützen soll. Frech grinst er mich dabei an. Machtlos, auch weil ich voll und ganz mit ihr beschäftigt bin, übergehe ich seine Dreistigkeit, obgleich ich jetzt riesige Lust hätte, ihm mit der Faust geradezu in seine verdorben grinsende Grimasse zu schlagen. Gemeinsam dirigieren wir sie ins Gästezimmer auf das Bett. Danach entlohne ich den frechen Fahrer großzügig, bedanke mich artig, der mir noch grinsend bei der Verabschiedung »viel Spaß« wünscht, während ich ihm noch (allerdings sehr leise und unhörbar für ihn), meine gute Kinderstube vergessend, ein »Hau endlich ab, du verdammter Hurensohn!« hinterherrufe.
Da liegt sie nun, hilflos wie ein Kleinkind, die U-Bahn-Stimme, im Moment außer Dienst. Ich öffne ihr ein wenig das enge Kleid, damit sie besser und unbeschwerter atmen kann, hole eine Decke und bedecke sie sanft damit. Anschließend setze ich mich auf den Boden neben das Bett und schaue ihr zu, wie sie friedvoll und in tiefen Zügen atmet. Bereits nach wenigen Augenblicken schlafe ich selber ein und wache durch ein Geräusch irgendwann später auf. Janine muss sich stöhnend zur Seite gedreht haben, denn nun kehrt sie mir den Rücken zu und liegt der Wand zugewandt. Draußen ist es mittlerweile hell geworden. Ich stehe mit schmerzvollen Gliedern vom Boden auf und gehe in meinen Schlafsaal. Todmüde und schlaftrunken erledige ich zuvor noch eine Katzenwäsche, bevor ich mich ins Bett lege und auch sofort einschlafe. Irgendwann später werde ich durch ungewohnte Körperwärme aufgeweckt, die zu mir herüber fließt. Ein Arm umklammert mich zusätzlich. Janine, geht es mir durch den Kopf. Vorsichtig wende ich meinen Kopf in ihre Richtung und tatsächlich liegt sie angeschmiegt an mich, tief schlafend und von langen Atemzügen begleitet. Obgleich die Wärme, die von ihr ausgeht, angenehm auf mich ausstrahlt, will bei mir keine richtige Freude mehr aufkommen.
Stunden später und gerädert von der Nacht stehe ich auf und lasse das heiße Badewasser in die Wanne einlaufen. Nur noch Reinigen ist mein einziger Wunsch. Den Körper und auch die Gedanken säubern und auch nachdenken über die vergangene Nacht. Das heiße Wasser wird mir gut tun und mir dabei helfen, neue Lebenskräfte zurückzugewinnen. Wie angenehm die Wärme des Wassers in mir aufsteigt und die Kühle der Nacht, die Unausgeschlafenheit und auch die Verspannung meiner Gelenke allmählich aus meinem Körper treibt. Ich liege ausgestreckt in der Wanne, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Leise Musik dringt aus den Deckenlautsprechern zu mir herunter. Während die Gedanken träge wie das Wasser um mich herumplätschern … geht leise und vorsichtig die Tür auf. Janine kommt splitternackt zur Tür herein. Ihr fester Blick fixiert meine Augen. Sie steigt wortlos zu mir in die Wanne, legt sich auf mich und verschließt mit ihren zarten Fingern meinen offenen Mund, nimmt meine Arme einzeln und legt sie um ihren Rücken, bettet ihren Kopf an meinen, schmiegt sich ganz eng an mich heran und flüstert mir dabei zärtlich ins Ohr: »Nächste Station Reeperbahn. Bitte nicht aussteigen und bei mir bleiben.«
Szene 2 (Wie aus Janine Klara wird und ...)
Noch am selben Tag ist aus uns ein Paar geworden, ganz ungewollt, aber irgendwie vorherbestimmt. Und wenn ich jetzt darüber sinniere, ist es nicht nur mir sehr angenehm, sondern meiner Partnerin auch, wie ihrem katzenähnlichen Gemaunze und Gesäusel zu entnehmen ist. Auf der anderen Seite gibt es auch reichlich Aufklärungsbedarf, was ihre Person und ihr Vorhaben angeht. Sind nach Goethe Namen »Schall und Rauch«, bin ich dennoch brennend an ihrem interessiert, trotz aller berauschenden Qualitäten meiner Partnerin. Und so wird aus Janine Klara Palunke. Sie stammt tatsächlich aus Berlin-Charlottenburg, jedenfalls ist es so in ihrem Ausweis vermerkt. Während sie mir bereitwillig dieses Amtspapier zeigt, überdeckt sie beharrlich mit ihrem Daumen ihr Geburtsdatum, was ich mit einem ernsten Gesichtsausdruck begleite. Es kommt darauf an, was in der Verpackung steckt und nicht auf die Verpackung selbst! Beim Frühstück, das eigentlich eher ein Abendessen ist, fängt sie bereitwillig an, ihre Geschichte zu erzählen.
»Liebster!«, womit sie offensichtlich mich meint, gurrt sie wie eine geschlechtsreife, liebestrunkene Taube:
»Als ich vor zwei Tagen aus Berlin nach Hamburg gekommen bin, ist es kein spontaner Entschluss gewesen, sondern abgesprochen. Abgesprochen mit einer ehemaligen Klassenkameradin, die bereits vor einigen Jahren zu ihrem damaligen Freund nach Hamburg nachgezogen ist. Die beiden haben sich dann nach einiger Zeit wieder getrennt, worauf meine Freundin dennoch nicht wieder nach Berlin zurückgekehrt, sondern hier in Hamburg geblieben ist und seitdem in Altona wohnt. Ich habe ihr von meinen Hamburger Plänen erzählt und sie hat spontan zugestimmt, bei ihr eine gewisse Zeit wohnen zu dürfen, wohl auch deshalb, wie sie mir eingestanden hat, ihre Haushaltskasse durch eine Beteiligung meinerseits entlasten zu können. Jedenfalls nur ein paar Tage später habe ich meinen Koffer gepackt, mich in die Bahn gesetzt und bin zu ihr gefahren. Als ich erwartungsfroh gestern vor ihrer Tür gestanden habe, tat sich nichts. Du kannst dir vorstellen, wie verdutzt ich gewesen bin. Zuerst habe ich noch geglaubt, sie schliefe oder wäre nur kurzfristig außer Haus gegangen und so habe ich geklingelt und geklingelt und bin dann vor ihrer Tür sitzen geblieben. Durch den Lärm ist eine ältere Dame, ihre Nachbarin, auf mich aufmerksam geworden. Jedenfalls hat sie bereitwillig die Tür geöffnet und mich hineingelassen. Sogleich hat sie mir erklärt, dass meine Freundin tags zuvor weggefahren sei und für mich, wenn ich denn Klara Palunke sei, einen Brief hinterlassen habe. Du kannst dir vorstellen, wie enttäuscht ich darüber gewesen bin. Ich habe den Brief entgegengenommen, mich auf dem Absatz umgedreht und bin die Treppen hinunter zum Ausgang gegangen.«
»Ja und was steht nun in dem Brief?«, will ich wissen.
»Du hast diesen doch sicherlich geöffnet?«
»Ich kann es nur erraten, genau weiß ich es nicht.«
»Du hast diesen nicht geöffnet? Möchtest du den Inhalt nicht wissen? Vielleicht musste deine Freundin nur dringend weg und ist bereits wieder zurück und erwartet dich!«
»Willst du mich etwa loswerden?«, klagt Klara mich patzig an.
»Nein, nein!«, beeile ich mich mit meiner Antwort.
»So war es nicht von mir gemeint!«
»Sieh es als eine Schicksalsfügung an. So habe ich dich, mein Liebster, kennengelernt oder bist du darüber etwa nicht so glücklich wie ich?«
»Doch, doch!«, bemühe ich auf Klara überzeugend zu wirken, obgleich ich im Augenblick eigentlich nicht so sicher bin. Meine »Eroberung« könnte mir ja eine schöne ausgedachte Geschichte präsentieren wollen, um sich kostenfrei bei mir einzulogieren. Auf der anderen Seite: Warum sollte sie so etwas tun? Und ich versuche meine negativen Gedanken sofort wieder zu zerstreuen. Dennoch bleibe ich ihr gegenüber kritisch eingestellt. Und so höre ich mir erst einmal den weiteren Fortgang ihrer Geschichte an.
»Jedenfalls habe ich dann, ganz allein auf mich gestellt, in dieser fremden Stadt Hamburg gestanden, sprach- und ideenlos, habe meinen kleinen Begleiter den Reisekoffer in ein Gepäckfach am Hauptbahnhof untergebracht«, und wie zum Beweis holt sie einen Schlüssel aus ihrer Tasche hervor und schwenkt diesen vor meinen Augen hin-und her.
»Wenn es dir nichts ausmacht, können wir ihn nachher abholen.«
»Hm ja«, antworte ich ein wenig zäh.
»Das klingt aber nicht sehr freudig und überzeugend von dir!«
»Doch, doch!«, füge ich beherzt an.
Die letzte Nacht ist sehr schön gewesen, das muss ich zugeben. Aber wenn wir erst einmal ihren Koffer abholen und hierher bringen, so meine Bedenken, kommt es einem Einzug gleich. Will ich das eigentlich? Eigentlich bin ich nicht bereit dazu und überzeugt schon gar nicht. Ein bisschen Spaß zu haben, ist meine Intention gewesen, als ich in die Bar gegangen bin, doch jetzt fällt mir spontan keine Ausrede für eine Absage ein. Für ein, zwei Tage kann sie bei mir bleiben, das stellt kein Problem dar, dem stimme ich zu. Was aber ist, wenn sie danach nicht mehr gehen will? Vermutlich werde ich sie dann rauswerfen müssen. Ja, das werde ich wohl tun müssen. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr gefällt mir meine Vorstellung.
»Du kannst erst einmal hierbleiben, kein Problem«, höre ich mich bereits im nächsten Moment reden.
»Danke dir, Liebster!«, gurrt sie wieder wie ein Taubenweibchen.
»Nachdem ich den Koffer untergestellt habe«, fährt sie fort,
»bin ich in der Innenstadt geblieben und habe mir überlegt, was ich unternehmen könnte. Meine erste Vorstellung, nach Berlin zurückzukehren, habe ich sofort verworfen, indem ich zu mir gesagt habe: Ich bin doch hierher gefahren, um mir neue Möglichkeiten zu eröffnen und aufzubauen. Schon aus diesem Grund wäre es nicht sinnvoll, wieder zurückzukehren. Abends bin ich dann in die Bar gegangen. Ich kannte diese Bar von früher her und habe an ein bisschen Feiern gedacht, auch wenn es eigentlich nichts zu feiern gegeben hat, ganz im Gegenteil sogar. Und wenn ich dort nur lang genug bliebe, so meine Vorstellung, bräuchte ich auch kein Zimmer zu zahlen … und dann habe ich dich getroffen und bin offensichtlich bei dir gelandet, dem »Guten Menschen« mit der »Guten Tat«, so hast du jedenfalls noch in der Nacht zu mir gesprochen, daran kann ich mich noch sehr genau erinnern, bevor ich von dem Schampus ausgeknipst worden bin.«
Und schon lacht sie mich mit einem verliebten Lächeln an, streichelt mir mit der Hand über das Haar und flüstert:
»Und nun kannst du deine gute Tat auch gleich noch einmal beweisen«, zieht mich zu sich heran, küsst mich intensiv, fängt an mich zu streicheln und lässt mich ihren weichen Körper spüren. Ihre Gesichtszüge entspannen sich und sie setzt einen wie geistesabwesenden Blick auf, einen Blick der Bereitschaft, des Loslassens, der vollen Konzentration auf ihre Gefühlswelt, der mir ein »ich bin dir völlig ergeben« signalisieren soll und der in mir augenblicklich die Geilheit aufwallen lässt, die zur Unmöglichkeit des Zügelns gerät und nur noch das eine Gefühl in mir auslöst, zuzustoßen, immer wieder zuzustoßen, immer heftiger zuzustoßen, sodass die Körper im Gleichklang zucken, bis das Ejakulat unter lautem Gestöhne in ihren Körper spritzt und damit der Augenblick des Höhepunktes gekommen ist, um gleich darauf in einen Zustand der Entspannung umzukippen. Jetzt haucht sie mir ins Ohr:
»Spürst du mich ganz intensiv, spürst du, wie weich mein Schoß ist?«, wodurch meine Geilheit auf neue vom Becken bis zum Gehirn und umgekehrt blitzartig umherläuft, das Blut erneut in meinen Schwellkörper einschießt und sofort wieder dieses Stoßen, immer heftigeres Stoßen auslöst, sie sich dazu mit ihren Händen in meinem Rücken verkrallt und im Rhythmus der Bewegung kleine Schreie ausstößt:
»Stoß zu, Liebster, stoße weiter zu«, bis erneut der Höhepunkt krampfartig durch die Beine und das Becken zieht und endlich die Entspannung über die Lust siegt, unsere beiden Körper schweißverklebt aneinander haften, untrennbar für den Augenblick miteinander verbunden sind, glückselig, lächelnd, erschöpft.
Nach einem kleinen Spaziergang an der Alster, die von meiner Harvestehuder Wohnung nur einen Katzensprung entfernt liegt, gehen wir Arm in Arm wieder nachhause. Der Magen meldet sich bei uns beiden. Glücklicherweise gibt es nur wenige Schritte von der Haustür entfernt ein kleines anatolisches Lokal, in dem der Wirt heimatliche Speisen zubereitet, geschmacklich der deutschen Zunge angepasst und nicht mit den landesüblichen Gewürzen überfrachtet, die für die folgenden zwei Tage eine zwischenmenschliche Kommunikation zu einer Tortur für den jeweiligen Gesprächspartner machen. Sehr schnell nach der Eröffnung habe ich mich mit dem Inhaber angefreundet und unterhalte seitdem mit ihm ein sehr herzliches Verhältnis. Nicht nur, dass ich ihn regelmäßig in der Woche aufsuche, auch lasse ich mir häufiger Essen von ihm nach Hause bringen, immer dann wenn mich die Faulheit überkommen hat. Mittlerweile behandelt er mich wie ein Familienmitglied, denn kaum habe ich sein Restaurant betreten, ruft er bereits laut meinen Namen aus und auch sein anschließendes Gehabe erweckt den Eindruck, er habe mich vermisst wie einen weit entfernt wohnenden Vetter, der nun unangekündigt und unverhofft zu Besuch gekommen ist. Zu diesem Freudenschrei klatscht er laut in die Hände, holt seine Angestellten hinzu, sodass ich jeden ausgiebig begrüßen muss, was ich auch gerne erledige, hakt mich anschließend unter und führt mich bereits im nächsten Augenblick, voll des Lobes auf mich, zu einem freien Platz, den er, wie er glaubhaft beteuert, selbstverständlich immer für mich freihält. In Windeseile fliegen dann, wie von unsichtbaren Händen getragen, der Begrüßungstrunk und auch Vorspeisen zu meinem Platz. Kaum sitze ich, schlägt seine Stimmung um und es geht das eigentliche Gejammer los. Wie beklagenswert meine Abwesenheit gewesen sei, und dass ich ihn wohl nicht mehr schätze, da wir uns eine solange Zeit nicht mehr gesehen haben, wobei er ein fast weinerliches und überaus wirkungsvolles Gesicht aufsetzt, worauf ich ihn wiederum verbessere, dass es erst zwei Tage her ist, seit ich das letzte Mal köstlich bei ihm gespeist habe, was er wiederum mit: »Sag ich doch, dass du so lange nicht mehr bei mir gewesen bist« kommentiert. Ist auch diese Prozedur erledigt, kann mit der Bestellung und dem Essen begonnen werden.
Auch dieses Mal verhält er sich so, was bei Klara zu einem verdutzten Gesichtsausdruck führt. Erst jetzt wendet der Wirt sich ausgiebig Klara zu und die herrlichsten Komplimente fliegen zu ihr hinüber. Sie sei die schönste Frau unter der Sonne Anatoliens (wo sie nie gewesen ist), er sei nahezu geblendet von ihrer Schönheit, wobei er sich die Hand demonstrativ vor die Augen führt, man müsse sie auf Händen tragen, wobei er sich bei mir mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck vergewissert, ob ich es auch machen würde, und ich solle selbstverständlich die schönsten Gewänder aussuchen und kaufen und, und, und.. Nachdem ich alle seine Bedenken entkräftet habe, ist er erleichtert und drückt Klara und mich noch einmal herzlich zur Begrüßung. Erst jetzt stellt er uns die Tageskarte vor, die, wie er betont, selbstverständlich speziell für uns verändert werden kann und entschwindet dann mit unserer Bestellung.
»Geht es hier immer so zu?«, erkundigt sich Klara ein wenig überrascht.
»Immer! Er ist ein guter Geschäftsmann und besitzt ein unglaubliches Gespür für seine Kunden«, weiß ich zu berichten.
»Gewöhnungsbedürftig ist es schon!«
Schon bald kommen die bestellten Köstlichkeiten zu uns, auf die Klara und auch ich mich stürzen, denn die letzte Nacht und auch der Tag haben sehr viel Kräfte geraubt und uns sehr hungrig werden lassen.
»Anschließend fahren wir noch zum Hauptbahnhof. Wir müssen deinen Koffer abholen.«
»Danke dir, Liebster, dass du daran denkst.«
Nachdem wir ihre Utensilien abgeholt haben und mit dem Lift zur Wohnung fahren, begegnen wir meinem besten Freund und Nachbarn von gegenüber im Flur. Fast hat es den Anschein, als hätte er auf uns gewartet. Paul Hinrichsen ist ein sehr bekannter Designer mit Studio und Werkstatt unweit seiner Wohnung. Dazu ist er noch bekennender Homosexueller, der, obgleich vierzehn Jahre älter als ich, sein Schwulsein durch seine Bewegungen und auch durch die Kleidung so zur Schau stellt, dass es verklemmte Vorstädter sicherlich als Provokation oder auch Aufdringlichkeit interpretieren könnten. Hier in Harvestehude spielt seine sexuelle Vorliebe keine Rolle und wird eigentlich überhaupt nicht wahrgenommen beziehungsweise diskret übergangen. Berührungsängste zwischen uns gibt es nicht, nur gebührenden Respekt voreinander, da offensichtlich jeder, er wie ich, wechselnde Vorlieben hat und auch wir beide uns damit nicht ins Gehege kommen können. Ich zähle nicht seine zumeist sehr jugendlichen Liebhaber, die häufig zu zweit aus seiner Wohnung kommen und von ihm sehr liebevoll und theatralisch verabschiedet werden. Und auch er hält sich mit Kommentaren über meine zu häufiger wechselnden Damenbesuche zurück. Wie gesagt, wir respektieren uns und unsere Vorlieben, außer dass wir uns das eine oder andere Mal zu einem besonders »Guten Fang« waidmännisch beglückwünschen.
Augenblicklich, als ich gerade die Wohnungstür aufschließen will, öffnet sich seine Tür und wir drei stehen uns vis-à-vis und begrüßen uns herzlich. Auf Klara mag es entweder abgesprochen wirken oder als würden wir eine Wohngemeinschaft bilden. Selbstverständlich stelle ich Paul Klara vor. Mit einem Handkuss begrüßt er sie und überfällt sie gleich mit einem Schwall von Komplimenten. Obgleich es mir in diesem Augenblick gar nicht recht ist, zieht er uns in seine Wohnung.
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