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Carsten Bloch

Mrs. Livarot hatte etwas von einem Pinguin oder Kreuzfahrt am Ende der Zeit

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Mrs. Livarot hatte etwas von einem Pinguin. Ob es das Watschelhafte ihres Ganges war, ihre hüftlose Statur, ihr schnattriger Sopran, wenn sie Mozart zu intonieren versuchte, oder einfach nur ihre Vorliebe für schwarz-weiße Mode, ließ sich nicht genau sagen. Doch früher oder später ertappte sich jeder an Bord im Angesicht ihrer Körperfülle bei der Frage, wie es wohl den Pinguinen weit unten im Süden gehen mochte.

Wäre ein Pinguin zugegen gewesen, so hätte er vermutlich darauf hingewiesen, dass Mrs. Livarots Lachen eher dem einer Hyäne glich, ihr gepudertes Gesicht eher dem eines Mandrills und ihre Hochsteckfrisuren eher einem Wiedehopf, ihr Auftreten folglich alles andere als pinguinisch war. Denn mit Mrs. Livarot verglichen zu werden, war keinesfalls ein Kompliment. Sie galt als streitsüchtig und taktlos, und die Empfänge, die sie in ihrer Suite gab, zählten zu den langweiligsten im gesamten Oberdeck.

Dass trotz dieser geringschätzigen Beurteilung bezüglich ihres Charakters niemand widersprach, als sie die Schiffbrüchige in der leer gewordenen Kabine neben der ihren einquartieren ließ, lag daran, dass immerhin sie es gewesen war, die das winzige Fischerboot am Horizont entdeckt hatte. Sie war es gewesen, die sich eines Morgens gedankenschwer über die Reling geneigt hatte, eine Packung Butterkekse in der Handtasche, die sie tags zuvor am Kiosk erstanden hatte. Sie war es gewesen, die kurze Blicke nach rechts und links geworfen und sich in unbeobachteten Augenblicken einen Keks in den Mund gestopft hatte. Unbeobachtete Augenblicke deshalb, weil Kapitän Caerphilly erst neulich eine unfreundliche Bemerkung bezüglich ihrer Figur gemacht hatte. Bei jedem anderen hätte es sie nicht weiter gestört, doch der Kapitän, nein, ihm durfte man nicht missfallen. Seine zurückgekämmten weißen Haaren und die dunkelgrauen Schläfen, sein stets zusammengekniffener Mund, der ihr jeden Tag, wenn sie sich beim Frühstücksbüfett über den Weg liefen, sein „Guddenmorgen“ entgegenbrachte, in all dem lag so viel Ausdruck, so viel respekteinflößende Autorität, dass sie gar nicht anders konnte, als ihn zu verehren. Denn auch wenn sie es sich nie eingestanden hätte, Mrs. Livarot brachte Uniformen von jeher eine ehrfürchtige Begeisterung entgegen. Auch ihr inzwischen jenseitiger Gatte hatte die Uniform eines Marines getragen, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte im Supermarkt an ihrer Kasse angestanden. Sie hatte ihn angestarrt und gewusst: Der ist es. Der schnittige Gang, der selbstbewusste Ausdruck in den Augen, die sparsamen Bewegungen. Der oder keiner, das war ihr sofort klar gewesen.

So hatte sie sich geweigert, ihm sein Wechselgeld herauszugeben, wenn er sie nicht zum Tanzen einladen würde. Sie verlor daraufhin ihren Job, da dieses Verhalten in den Augen ihres Vorgesetzten die freundliche Atmosphäre eines frisch geschruppten Supermarkts beeinträchtigte. Doch es hatte auch etwas Gutes, denn Mr. Livarot lud sie aus Mitleid tatsächlich zum Tanzen ein.

Wenn Caerphilly nun in seiner geschmackvollen Kapitänsuniform mit den unauffälligen Mustern in Gold und Dunkelblau, dieser zu Stoff gewordenen Macht, wenn dieser Caerphilly Livarot für zu dick hielt, dann würde sie eben Diät halten. Es war nur so, dass ihr Magen manchmal nach Butterkeksen schrie, und ihrem Magen durfte man nicht widersprechen. Er konnte brüllen und jammern und um sich schlagen, wenn er nicht bekam, was er wollte. Da war es besser, Kekse in sich hineinzuschieben und niemanden sehen zu lassen, dass es mit ihrer Diät nicht so weit her war. Und es war nicht schwierig, ungesehen zu naschen, hatten doch alle Passagiere ihre Liegestühle längst um den Swimmingpool oder den Tennisplatz gruppiert, anstatt auf das Meer hinauszublicken. In der Sonne zu liegen und das Meer zu betrachten, das konnte zwei Wochen lang interessant sein, vielleicht drei oder vier, aber länger nicht. Denn im Grunde gab es nichts, was weniger zusammenpasste als das seichte Hellblau eines sonnenbeschienenen Himmels, dieses Babywäsche-Blau, dieses Geschenkband-Blau, das einen einzulullen versuchte mit seinem kitschigen Grinsen, und das tiefe, dunkle Blau des Meeres, als hätte jemand ein Tintenfass darin ausgegossen, so dunkel, als würde die Tinte noch immer nach Worten suchen, die sie niederzuschreiben hoffte. Es war unpassend und irgendwie langweilig, und deshalb saßen die Passagiere lieber um den Tennisplatz und betrachteten die schwitzenden Körper, die einen gelben Ball verprügelten. Das war das Leben. Nicht eine gelangweilte Welle, die an all die Jahre dachte, die sie noch durch das Meer kriechen müsste, ehe sie jemals einen Strand erreichen würde.

Mrs. Livarot hatte also an ihren Keksen geknabbert und uninteressiert auf das Meer hinausgeblickt, als sie plötzlich einen heiseren, Kekskrümel sprühenden Schrei ausgestoßen hatte, weil der Wind am Horizont nicht mehr nur mit den Wellen, sondern mit einer Nussschale gespielt hatte. Wenig später stellte sich heraus, dass es sich um das gerade noch aus dem Wasser ragende Wrack eines Fischerbootes handelte, aus dem eine halbverdurstete junge Frau geborgen werden konnte.

So war es also nur Mrs. Livarot zu verdanken, dass das arme Mädchen dem Tode entrissen werden konnte und – noch bedeutender – dass die Plaudereien bei Tisch, denen bereits vor Wochen der Gesprächsstoff ausgegangen war, neu belebt, ja sogar gerettet wurden.

An dem Nachmittag nach der wundersamen Rettung, als der Schiffsarzt Schabziger noch die Wunden der Geborgenen pflegte und ihr Infusionen einflößte, bewiesen die Passagiere beim Tee viel Fantasie, was die Herkunft der Unbekannten betraf. Mrs. Chester, eine Frau mit aufgedunsenem Gesicht und billiger Dauerwelle, hielt sie für eine Prinzessin, die vor den Anschlägen ihrer sie hassenden Schwiegermutter geflohen war. Caciocavello, ein einst viel geliebter, doch inzwischen ausrangierter Showmaster, sah in der Fremden ein Bauernmädchen, das davongelaufen war, nachdem ihr Vater es für einen Sack Gold an einen arabischen Pferdehändler hatte verkaufen wollen.

Livarot genoss bei diesen Tischgesprächen die neidischen Blicke, die auf ihr ruhten. Der Kapitän hatte veranlasst, dass kein Passagier die Kabine der Schiffbrüchigen betreten durfte. Lediglich bei Livarot als Mieterin der Kabine hatte er eine Ausnahme gemacht. Die Theorien über die Vergangenheit der jungen Frau bedachte die Amerikanerin nur mit einem abschätzigen Lächeln. Und mit einigen wenig Interesse weckenden Auskünften über ihre Gemäldesammlung und ihren ehemals angetrauten Gatten.

Als erfolgreicher Werbemanager hatte er Mrs. Livarot einst ins Rampenlicht der Öffentlichkeit katapultiert und sie nach der Scheidung mit einem mehr als üppigen Vermögen zurückgelassen. In dieser Situation wäre Livarot in der Lage gewesen, sich ihren Traum von einem ruhigen Landsitz in Florida zu erfüllen, der zuvor die Abende ihres tristen Kassiererinnendaseins jenseits des siebten Glases billigen Gins bevölkert hatte. Eigentlich hätte sie in diesen schon längst vergangenen Tagen auch nur von einer teureren Gin-Marke träumen können, das wäre bodenständiger und ebenso unerreichbar gewesen, doch Bodenständigkeit und Träume passten einfach nicht zusammen. Aber nachdem sie nun einmal am Kelch des dolce vita genippt hatte, wollte sie sich mit banalen Träumereien wie diesen nicht mehr zufriedengeben. Ihre Zeit als Gattin eines Managers des Jahres im Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses, verfolgt von schnarrenden Fotoapparaten und abgebildet in bunten Frauenmagazinen, täglich nach Lieblingsrezepten und Haushaltstipps befragt, diese kurze Zeit hatte sie süchtig werden lassen nach Aufmerksamkeit, nach der Bedeutung, die eine auf sie gerichtete Fernsehkamera ihr gab. Sie wollte niemals wieder in der anonymen Masse der Mittelmäßigkeit untergehen, und sie hatte unschöne Qualen erlitten, als nach dem mehrere Monate nach der Trennung bekannt gewordenen Tod von Mr. Livarot das Interesse an ihr endgültig zerging wie ein Eiswürfel in der Sonne. Die Presse hatte längst andere Frauen entdeckt, die ebenso reich und schillernd waren wie Livarot, dafür aber noch jung und schön.

Livarot hatte versucht, mit rauschenden Festen und mit spektakulären Millionen-Dollar-Projekten die öffentliche Aufmerksamkeit dazu zu bringen, sich mit ihr unter vier Augen zu verabreden. Sie hatte sich sogar vielversprechende, aber mittellose Künstler als Liebhaber gehalten. Es hatte alles nicht geholfen. Schließlich hatte sie es aufgegeben. Sie wusste, dass ihr Reichtum genügte, um zumindest bei einigen Kleingeistern Eindruck zu hinterlassen, und damit hatte sie sich zufriedengegeben. Sie hatte darauf gesetzt, reich auszusehen, reich zu klingen, sich reich zu benehmen, und hatte die Spuren genossen, die sie damit wenigstens in den Köpfen einiger Mitmenschen hinterlassen konnte.

Daher hatte sie an diesem Nachmittag einiges nachzuholen. Noch während das Teegeschirr abgeräumt wurde, fütterte Livarot die Anwesenden ohne jeden Zusammenhang mit den in ihren Hirnwindungen herumlungernden Gedanken, die hinaus ans Tageslicht wollten, selbst wenn sie für ein intellektuelles Kräftemessen noch nicht in Form waren. Und die Zuhörenden wagten nicht, das Weite zu suchen, aus Angst, sie könnten eine entscheidende Äußerung bezüglich des neuen Passagiers verpassen.

Alles in allem war es ein fantastischer Nachmittag.

Für Mrs. Livarot.

Zwei Tage später öffnete die Aufgenommene zum ersten Mal die Augen. Regungslos lag sie in ihrem Bett und betrachtete staunend den Kronleuchter, der direkt über ihr hing. Die zwei Dutzend aus Glas nachgeformten Kerzen und die geschliffenen Kristalle, die wie in einer umgewendeten dreistöckigen Torte darunter baumelten, glitzerten im Licht, das durch das Bullauge fiel.

„Haben alle Zimmer im Himmel so kitschige Kronleuchter?“, fragte sie mit schwacher Stimme. Die Frage galt Livarot, die zufällig zugegen war und gerade die Kabine mit dem von ihr nicht mehr benötigten Ramsch nach ihrem Geschmack einrichtete.

Zunächst war Livarot ein wenig verwirrt über die Frage. Sie blickte die Schiffbrüchige zweifelnd an, doch dann lachte sie, während sie einen handgroßen Glasfisch auf dem Nachttisch deponierte. „Nein, nein, du bist hier nicht im Himmel, du bist hier auf einem Kreuzfahrtschiff. Auf der Jafet.“

„Aha“, erwiderte die Schiffbrüchige. „Aber warum bin ich nicht in den Himmel gekommen?“

Ohne den Kopf zu bewegen, schaute sie sich den Tropf an, dessen Schläuche in ihrem rechten Handrücken endeten. Dann fiel sie erneut in Ohnmacht, doch von nun an war ihr Schlaf ruhig und erholsam, und ihr Atem ging so gleichmäßig wie das Ticken einer Uhr.

An diesem Abend war Livarot geladen, am Tisch von Kapitän Caerphilly zu dinieren. Ein Gefühl von Glückseligkeit stieg aus ihrem Herzen auf bis zu ihren Wangen, deren aufgeregte Röte nur mit viel Puder maskiert werden konnte. Sie hatte bereits vier neue Kleider in der Schiffsboutique gekauft, dreimal ihre Frisur und einmal die Haarfarbe geändert, seit sie an Bord war, nur um die Aufmerksamkeit des Kapitäns zu erhaschen. Doch es war vergeblich gewesen. Ihr Wunsch, Vertraulichkeiten mit ihm auszutauschen, wurde vom stets distanzierten Kapitän beiseitegefegt. Doch nun hatte er sich die Mühe gemacht, sie auf ihrem Trimmrad im Fitnessraum aufzusuchen, auf dem sie nachmittags gerne ein paar Stunden träge herumsaß, um sich mit Mrs. Chester über Kuchenrezepte und alte Seifenopern zu unterhalten, und er hatte sie persönlich und mit Nachdruck an seinen Tisch gebeten. Das war eine erhebende Wendung der Umstände. Am Horizont ließ sich das Glimmen besserer Zeiten erahnen, was den sofortigen Kauf eines neuen Kleides notwendig gemacht hatte.

Das Princess-Restaurant beherbergte etwa dreißig runde Tische in verschiedenen Größen, die auf zwei durch eine breite Treppe verbundenen Ebenen verteilt waren. Teppiche und Polster waren in Burgunderrot gehalten, ebenso wie die innenseitig mit Leder beschlagenen Eingangstüren. Zwischen den Tischen erhoben sich kindsgroße Marmorstatuen, die wenig sittsam bekleidete junge Frauen darstellten, umgeben von haufenweise Farnen und anderem Grünzeug. Der Eingangsbereich war von zwei marmornen Springbrunnen mit glubschäugigen, wasserspeienden Fischen umsäumt. Am Ende des Saals gab eine große Fensterfront den Blick auf das Meer frei, zumindest bei Tag; nun war sie nichts weiter als eine schwarze Wand, in der sich die Tische spiegelten. In der Mitte des Saals befand sich eine Tanzfläche mit elfenbeinfarbenem Untergrund, der jedoch farblich zum Konformismus überredet wurde, indem er noch vor Beginn der Mahlzeit von rot getönte Lampen ausgeleuchtet wurde. Auf einem Podest nahe der Tanzfläche warteten zahlreiche Musikinstrumente auf ihre Besitzer.

Das Dinner begannen an diesem Abend mit Wachteln gefüllt mit Morcheln und Trüffeln in einer Tomaten-Koriander-Soße. Die Füllung aus Zwiebeln, Mandeln und mit Mehl angerührten Gewürzen ergab eine vorzügliche Kruste für die Wachteln, die mit frischem Koriander garniert waren. Dazu wurde ein Portwein gereicht.

Die erste Hälfte der Wachteln verging bei einer lustlosen Diskussion über die New Yorker Börse, die der Besonderheit des Abends keinesfalls gerecht wurde. Livarot hockte nervös auf ihrem burgunderroten Polsterstuhl. Dann veranlasste die Neugierde den Kapitän endlich dazu, sich an den Schiffsarzt Schabziger zu wenden und sich nach dem Befinden der Schiffbrüchigen zu erkundigen.

Der Arzt erklärte lapidar, dass ihre Genesung voranschreite und man sie schon bald als neues Mitglied der Gesellschaft begrüßen könne. Aus Angst, das Thema könnte damit beendet sein, mischte sich Livarot ein und erzählte dem Kapitän, dass die junge Frau in ihrer Gegenwart kurz aufgewacht sei und berichtet habe, sie sei mit ihrem Boot von einem Sturm überrascht und abgetrieben worden. Dies sei schon so lange her, dass sie nicht einmal von dieser furchtbar dummen Katastrophe gewusst habe, die nun schon mehreren Wochen zurücklag. All die Zeit habe die junge Frau sich von selbst gefangenen Fischen und Regenwasser ernähren müssen, bis ihr Hunger und Schwäche das Bewusstsein geraubt hätten.

Dies war zugegebenermaßen gelogen. Die Schiffbrüchige hatte nichts von alledem erzählt. Mit Ausnahme der kurzen Frage nach dem Kronleuchter hatte Livarot kein Wort mit ihr wechseln können, doch die Amerikanerin war immerhin bodenständig genug, um den Fantasien von Töchter aufkaufenden Pferdehändlern oder mordenden Schwiegermüttern etwas Handfestes entgegenzusetzen, und so tat die Äußerung ihre Wirkung. Caerphilly nickte interessiert, fragte sogar nach. So erhielt Livarot die Gelegenheit, nochmals in aller Ausführlichkeit zu erzählen, wie sie zur Reling gegangen war, wie sie sich dem Meer zugewandt und wie sie plötzlich etwas gesehen hatte, das wie ein kleines Boot aussah.

Ihre Butterkekse erwähnte sie nicht.

„Das arme Ding“, sagte die ebenfalls am Tisch sitzende Mrs. Chester mitleidsvoll, und alle Gäste der Tafelrunde stimmten ihr zu. Die ganze Zeit von Fischen leben zu müssen, war schon eine traurige Angelegenheit, aber Regenwasser zu trinken, solange es noch Champagner auf dieser Erde gab, das war furchtbar.

„Wovon wird das Mädschen ’ier leben?“, fragte Mme de Saint-Paulin, eine Dame von echtem französischem Adel, und nippte mit abgespreiztem kleinen Finger an ihrem Sherry. „‘ier an Bord wird sie Geld benötigen.“

Saint-Paulin sprach stets mit einem französischen Akzent, auch wenn sie ihn nicht nötig hatte, da sie den größten Teil ihres Lebens in Deutschland zugebracht hatte. Ihre Nase war krumm wie ein Enterhaken, und das brünette, zum Zopf gebundene Haar reichte ihr fast bis zur Hüfte. Letzteres zeugte weniger von einer betonten Weiblichkeit als vielmehr von einer äußerst traumatisierenden Begegnung mit einem Friseur in ihrer Kindheit. Eine Geschichte mit schief geschnittenem Pony, vielen Tränen und einem angebissenen Friseurenfinger, an deren Einzelheiten sie sich längst nicht mehr erinnern konnte.

„Nicht doch“, meinte Livarot großmütig und lächelte den Kapitän an. „Das ist alles kein Problem. Ich werde natürlich für die Unkosten des Mädchens aufkommen. Das mit der Kabine ist ja bereits geregelt.“

Sie schob sich eine halbe Wachtel am Stück in den Mund.

Geld hatte keine Bedeutung für Livarot. Sie hätte noch ein Dutzend weiterer Passagiere durchfüttern können, wenn sie denn gewollt hätte. Doch die Schiffbrüchige, das war etwas anderes, das war ein Geschenk des Himmels. Eine Gelegenheit, die man sich unbedingt zum Gefährten machen musste. Jeder an Bord war neugierig auf dieses Mädchen und wollte in ihre Nähe gelangen, doch dafür würden sie alle erst einmal an ihr, Livarot, vorbeikommen müssen. Und an ihr, Livarot, würde nur vorbeikommen, wer zuvor ihre, Livarots, Gunst erworben hatte.

„Vor allem um Kleidung und solche Dinge werde ich mich natürlich kümmern müssen“, fuhr sie kauend fort. „So, wie sie von dem Boot geholt wurde, kann sie nicht herumlaufen.“

„Ich fürchte, in unseren Boutiquen werden Sie nicht mehr viel finden“, warf Kapitän Caerphilly ein.

„Vielleicht könnte jemand einige meiner Kleider umnähen, damit sie diesem Mädchen passen“, schlug Livarot vor.

„Das ist eine gute Idee“, fand Schabziger, ein großgewachsener Mann von besonnener Art und mit viel Gel im blonden Haar. Seine schmalen Lippen waren etwas vorgewölbt, was ihm das Aussehen eines Fisches gegeben hätte, wäre da nicht die große, spitze Nase gewesen, die gnadenlos wie ein knochiger Finger auf jeden zeigte, dem er das Gesicht zuwandte. „Ich habe gehört, Fontina, eine Kellnerin vom Touristendeck, soll eine hervorragende Schneiderin sein.“

„Ich werde Fontina fragen, was sie da machen kann“, sagte Caerphilly. „Die Schiffbrüchige muss schließlich in der Lage sein, sich ordentlich einzukleiden.“

Das Hauptgericht wurde serviert: panierter und mit Knoblauch und Weißwein scharf angebratener Seeteufel mit Kartoffeln und einem Weißkraut-Salat, vom Essensdekorateur liebevoll mit aufgeschnittenen Zitronen, gemusterten Tomaten und Petersilie garniert. Dazu eine Weißwein-Kerbel-Soße und ein 2012er Rosé ohne besonderen Namen, aber weich, kurz und duftig im Geschmack. Die Anwesenden machten sich über das Essen her, auch wenn die Begeisterung in ihren Gesichtern fehlte, da es sich bei dem Seeteufel lediglich um die Reste des Vortags handelte.

„Wie heißt die Schiffbrüchige eigentlich?“, fragte Mrs. Chester.

„Wir haben Papiere auf dem Boot gefunden“, erwiderte Caerphilly. „Oder auf dem, was davon übrig geblieben ist. Demnach handelt es sich um eine gewisse Ingrid Marie.“

„Ingrid Marie?“, sagte Livarot. „Ein komischer Name.“

„Wirklisch komisch“, stimmte Saint-Paulin zu. „Klingt wie saures Obst.“

„Diese Ingrid Marie tut bestimmt schick aussehen in den Kleidern von Mrs. Livarot“, sinnierte Mrs. Chester. „Wo sie eine so zarte Figur hat. Meine Nichte, wissen Sie, die hat auch eine so zarte Figur, und die sieht wunderschön aus, wenn sie Kleider trägt. Na ja, sie hat nie was zum Essen, das lässt sie dünn bleiben. Nicht wahr, Chad, sie hat doch eine zarte Figur?“

Sie nannte ihren Gatten stets Chad, obwohl sein eigentlicher Vorname Rarebit lautete. Anfangs hatte er sich darüber geärgert, da er sich über die Herkunft des neuen Rufnamens im Unklaren war und dahinter einen ehemaligen Geliebten seiner Frau vermutete. Doch im Laufe der Jahre hatte er sich so an diesen Namen gewöhnt, dass sein Fehlen ihm das Blut in den Adern hätte gerinnen lassen.

„Ja, ja, eine zarte Figur“, sagte Mr. Chester betonungslos.

„Und ihrer Mutter, die meine Schwester ist“, fuhr Mrs. Chester fort, „schenkt sie ständig die schönsten Kleider und den schönsten Schmuck aus Paris. Nicht wahr, Chad?“

„Ja, ja, den schönsten Schmuck“, sagte Mr. Chester und zerlegte seinen Seeteufel auf der Suche nach Gräten in winzige Stücke. Wenn seine Frau nicht stets gedrängt hätte, im Speisesaal inmitten der vielen gut gekleideten Leute zu speisen, hätte er in seiner Kabine zu Abend gegessen. Dort fühlte er sich wohler als in diesem Saal voller vornehm redender Menschen. Ihm lag so etwas nicht. Ihm hätte es mehr gefallen, jetzt mit seinen Kumpels in einer Kneipe in Wells/Summerset bei einem lauwarmen Bier zu sitzen, laut grölend seine Meinung über die britische Regierung oder das letzte Spiel von Cardiff City kundzutun und zwischendurch einmal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Doch wie er die Meldungen des Kapitäns nach dieser furchtbar dummen Katastrophe verstanden hatte, gab es wohl keine Kneipe mehr in Wells/Summerset und auch keine britische Regierung und keine Fußballmannschaft aus Cardiff. Vor allem um die Kneipe und die Fußballmannschaft war es schade.

„Mir schenkt sie auch manchmal was“, erzählte Mrs. Chester. Sie ließ dabei ihre Gabel, mit der sie einen mundgerechten Teil ihrer Mahlzeit erlegt hatte, eine Zeit lang durch die Luft gleiten, ehe sie zwischen ihren Zahnprothesen verschwand. Ihre Bewegungen hatten etwas Fahriges, wie ein zu dünn gekochter Pudding, den man in Form zu gießen versucht. „Dieses Kleid hat sie mir aus Paris geschickt. Es ist hübsch, nicht wahr?“

Stolz betrachtete sie das sie umhängende Baumwollkleid, das sich aus unterschiedlich großen Quadraten mit variierenden Grüntönen zusammensetzte, die ineinander übergingen und nur an den Schultern weiße Flecken frei ließen. Die Ärmel waren halblang, der Rock reichte bis zu den Waden, und um die Hüfte war es so geschnitten, dass es nicht einmal versuchte, die missliche Figur seiner Trägerin zu verstecken. Livarot fand es abscheulich.

„Ich habe gehört, Muna-Juusto hat eine neue Erfindung gemacht?“, wandte sie sich an den Kapitän.

„Das soll ein neuer Klebstoff sein“, sagte Mrs. Chester. „Er soll schnellklebend, säurefest und hautfreundlich sein. Habe ich gehört.“

„So sind die Japaner“, sagte Livarot. „Stets fleißig und voller Ideen.“

„Ich hoffe nur, das wird nicht wieder ein Reinfall“, meinte Caerphilly. Er brachte den Ideen von Muna-Juusto nicht viel Sympathie entgegen. Muna-Juusto war nach einer Herzattacke von seiner Firma zur Erholung auf dieses Schiff geschickt worden. Nicht unbedingt zu seinem Vergnügen, er war kein Mensch, für den die Erholung ein Vergnügen war. Meist hatte er mit schlechter Laune am Pool gesessen, eingehüllt in dicke Decken, selbst dann, wenn es so heiß war, dass die anderen Passagiere überlegten, ob sie sich nicht vom Kellner ein paar Eiswürfel bringen lassen sollten, während sie im Pool ihre Runden drehten. Erst diese furchtbar dumme Katastrophe hatte aus ihm einen anderen Menschen gemacht. Seitdem glaubte er, den Leuten helfen zu können, indem er sein Wissen über die Chemie nutzte, um alles Mögliche zu erfinden.

„Nicht so ein Reinfall wie beim letzten Mal, als er glaubte, eine feuerfeste Wandverkleidung erfunden zu haben“, fuhr Caerphilly fort. „Bei der Vorführung sind drei Kabinen im Touristendeck abgebrannt.“

„So schlecht sind seine Erfindungen gar nicht“, fand hingegen Mrs. Chester. „Der Farbstoff, der das Meer so schön blau aussehen hat lassen wie auf den Postkarten, das hat mir gut gefallen.“

„Ein ekeliges Blau“, meinte Livarot. Wenn dem Kapitän das Zeug von Muna-Juusto missfiel, dann musste es schlecht sein. Einem Mann wie Caerphilly missfielen Dinge nicht ohne einen ernsthaften Grund.

Eine Fliege, die sich schon vor Wochen auf das Schiff verirrt haben musste, kreiste über dem Tisch und setzte sich ausgerechnet neben den Teller von Romadur, Livarots Neffen. Er war um die zwanzig, mittelgroß und seine in Locken frisierten Haare waren hellblond. Die blauen, tief liegenden Augen wurden von dicken Brillengläsern vergrößert. Sein Nacken war übermäßig kräftig, und unter einem zu engen weißen T-Shirt trat sein Bauch hervor, der von dünnen Beinen getragen wurde.

Romadur fixierte die Fliege neben seinem Teller mit einem Blick, als wollte er sie hypnotisieren. Er legte langsam seine Gabel beiseite, um dann mit einer Schnelligkeit, die man seinem müden Gesicht kaum zugetraut hätte, den Arm nach der Fliege zu strecken und sie mit der Hand einzufangen. Aus der Hosentasche wühlte er eine leere Streichholzschachtel, in die er die gefangene Fliege sperrte und die er dann wieder in der Hosentasche verschwinden ließ. Später würde er sie zu den anderen Fliegen in das Aquarium setzen, das er in seine Kabine hatte stellen lassen.

„Was machst du denn schon wieder?“, tadelte Livarot ihren Neffen.

„Nichts, Tantchen, nichts“, beschwichtigte Romadur. Er nahm beidhändig einen Schluck aus seinem Weinglas und grinste, ohne dabei jemand Spezielles anzuschauen.

Als der Seeteufel abgeräumt wurde, nahm ein nicht unbedeutender Teil des Fisches den Weg zurück in die Küche. Mit ausdruckslosen Gesichtern bahnten sich die Kellner ihren Weg zwischen den Tischen, stapelten nicht mehr benötigte Teller und Besteck auf silberne Rollwagen und versuchten dabei, so unauffällig zu bleiben wie die Schatten, die ihnen folgten.

Zum Abschluss der Mahlzeit wurde Kaffee gereicht. Eine Sechs-Mann-Kapelle begann zu spielen, und einige Paare nutzten einen langsamen Walzer, um die gerade angefutterten Kalorien runterzutanzen.

„Warum gibt es immer nur Fisch zu essen?“, klagte Saint-Paulin, den Kellnern nachblickend, die mit den abgeräumten Tellern in einem Nebenraum verschwanden, der über einen Fahrstuhl mit der Küche verbunden war. „Das kann doch keinen Menschen bei Kräften ‘alten.“

„Was sollen wir machen?“, entschuldigte sich Caerphilly. „Unsere Speisekammern sind leer, vor allem das Fleisch muss rationiert werden. Ich würde auch lieber jeden Tag Steak essen. Doch dies ist erst möglich, wenn unsere Vorräte wieder aufgefüllt sind.“

„Aber so ganz ohne Fleisch“, fand Saint-Paulin. „Das geht doch nischt.“ Geistesabwesend hob sie ihr Hündchen auf ihren Schoß, eine Mischrasse mit hauptsächlich pekinesischem Einschlag und dem unerklärlichen Namen Nicolas Sarkozy, und schob ihm eine Praline in sein Schnäuzchen. Weinbrandpralinen mochte er am liebsten.

„Mme de Saint-Paulin, es gibt mindestens einmal die Woche Fleisch zu essen“, meinte Caerphilly und schüttelte tadelnd den Kopf. „Und etwas vegetarische Kost, das ist gar nicht so schlecht für die Gesundheit. Das wird Ihnen Dr. Schabziger gern bestätigen.“

„Man sollte die Hunde in die Pfanne hauen, die sind jetzt gut gemästet“, sagte Romadur und lachte laut. „Ich habe gehört, Pekinesen sollen gut schmecken. Vielleicht nicht so gut wie Chow-Chow, aber besser als Terrier oder Deutscher Schäferhund.“

„Das ist doch die ’ö’e!“, empörte sich Saint-Paulin. „So etwas muss isch mir nischt bieten lassen!“

„Man muss ihn allerdings rösten“, fuhr Romadur fort. „Das ist besser für das Aroma. Wenn man ihn kocht, verdirbt man ihn. Hat mir ein Chinese erzählt.“

„Du musst nicht alles glauben, was man dir erzählt“, wies Livarot ihren Neffen zurecht.

„Mir gefällt es, dass ein Hund ein wenig Abwechslung an Bord bringt“, meinte Caerphilly, um die Gemüter zu beruhigen. „Ich habe auch mal einen Hund gehabt, hier auf dem Schiff. Und er hat mir sehr viel Freude bereitet.“

„Mein Nicolas Sarkozy ist ein braver ‘und“, sagte Saint-Paulin trotzig. „Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun.“

„Hunde sind etwas Feines“, fand auch Mrs. Chester. „Ein Vetter von mir hatte einen Hund, nicht wahr? So einen kleinen mit zotteligen Haaren. Er hat ihm beigebracht, sich auf Befehl auf dem Boden zu wälzen und anschließend in eine Plastikwanne mit Wasser zu springen. Auf diese Weise hat mein Vetter immer seinen Küchenfußboden gewischt. Nicht wahr, Chad?“

Ein Kellner kam an ihren Tisch und reichte Cognac an die, deren Mägen nach dem Essen anstelle des Kaffees etwas Hochprozentiges verlangten. Livarot bestellte sich einen Gin.

„Manchego hat mir erzählt, auf dem Touristendeck soll jemand nach einer Schlägerei über Bord gegangen und ertrunken sein“, sagte sie, sich halb an den Kapitän wendend, und leerte ihr Ginglas in einem Zug.

„Tatsächlich?“, fragte Mrs. Chester.

„Ich habe gehört, es soll um irgendeine blöde Wette gegangen sein“, meinte Romadur.

„Pöbel, alles Pöbel auf dem Touristendeck“, fand Saint-Paulin. „Dort geschieht ständig so ein ’umbug.“

„Sie sollten nicht einfach jedes Gerücht glauben, das im Umlauf ist“, warf Caerphilly ein. „Es hat in der letzten Zeit keine besonderen Vorkommnisse auf dem Touristendeck gegeben.“

„Bei uns auf dem Oberdeck wissen sich die Leute zu benehmen“, meinte Livarot. „Bei uns wäre so etwas nicht möglich.“

„Auf dem Touristendeck gibt es sicher auch anständige Leute“, sagte Mrs. Chester. „Ich meine, das sind Leute wie wir. Nicht wahr, Chad?“

„Ja, ja“, sagte Mr. Chester.

„Isch würde nischt auf dem Touristendeck wohnen wollen“, meinte Saint-Paulin.

„Das liegt daran, dass Sie jeden Unsinn glauben, den man Ihnen von dort erzählt“, fand Caerphilly.

„Natürlich sind die Leute dort auch anständig“, sagte Schabziger. „Mrs. Chester hat recht, wir sitzen alle in einem Boot.“

Livarot bestellte sich einen weiteren Gin, und die Gespräche begannen, sich in bekannten, seichten Gewässern zu bewegen wie ein Fährschiff, das zum x-ten Male eine Furt fernab jeglicher intellektueller Klippen überquert. Abgesehen davon, dass Livarot immer mal wieder die von ihr gerettete Marie erwähnte, waren in den nächsten zweieinhalb Stunden zu hören: eine Anekdote von Caerphilly, wie er als junger Offizier bei seiner ersten Äquatorüberquerung die Feuertaufe hatte erleben müssen und anschließend nie wieder hatte zur See fahren wollen; ein Schwank aus dem Leben von Saint-Paulins Großvaters, der eines Tages irgendeinem Grafen ein Fass Sherry abschwatzen konnte und bei der anschließenden Zechtour fast darin ertrunken wäre; sowie eine Geschichte von Livarots An- und Abgetrautem, wie er einst ein Konkurrenzunternehmen beim Pokern gewonnen hatte.

Wenn man sich auf der Jafet amüsieren wollte, war es günstig, ein kurzes Gedächtnis zu haben, denn die wenigsten der Anekdoten, die man in dieser Nacht zu hören bekam, waren unverbraucht. Und trotzdem fand das Schiff erst spät seinen Schlaf. Man trank, lachte und erzählte und ging erst zu Bett, als der gelbe Mond schon längst im Meer versunken war.

2

Noch vor Einbruch der morgentlichen Dämmerung kam ein Sturm auf, der zwei Tage andauerte. Er türmte das Meer zu meterhohen Wellen und versteckte den Himmel hinter einem Vorhang dunkler Wolken. Regentropfen fielen dicht wie aufgezogene Perlen und die Windböen zerschmetterten die Tropfen an der Bordwand wie Fliegen an der Windschutzscheibe eines Rennwagens.

Die Jafet warf sich trotz ihrer Größe von einer Seite auf die andere, und viele Passagiere lagen mit grünen Gesichtern und entleerten Mägen in ihren Betten und hofften auf eine ruhigere See. Oder wenigstens auf kürzere Wege zwischen ihren Kissen und ihren Toilettenschüsseln. Der Regen spülte über das Deck, und als der Himmel endlich aufklarte, fehlten erneut drei Passagiere des Touristendecks, die vermutlich der Sturm in die See gefegt hatte.

Es herrschte noch immer eine kabbelige See, als das Schiff schließlich vor einer Insel ankerte. Der Kapitän hatte sicherheitshalber den Katt-Anker auswerfen und ihn mit einer kurzen Kette mit dem eigentlichen Anker verbinden lassen. Ein Teil der Besatzung begab sich an Land, um dort Holz zu sammeln. Denn um den knappen Treibstoff zu sparen, hatte Schiffsingenieur Reblochon die Idee gehabt, die Dieselmotoren so umzubauen, dass die Stromversorgung des Schiffs in einem getrennt arbeitenden System durch das Verfeuern von Holz gewährleistet werden konnte. Zumindest so lange, bis die fast leeren Tanks der Jafet wieder mit frischem Dieseltreibstoff gefüllt wären.

Am Abend dieses Tages, als die Matrosen gerade zur Insel übersetzten, um eine zweite Ladung Holz an Bord zu holen, erwachte die gerettete Marie endgültig. Sie schlug die Augen auf, zog die Bettdecke bis unter die Nase, starrte aus dem Fenster, in dem der Horizont die Welt zerteilte, und schwieg. Schabziger kam und fütterte sie mit Tee, Zwieback und Vitaminpillen. Sie aß und trank schweigend und starrte aus dem Fenster.

Erst zwei Tage später, als wieder ein Blassrosa ihre Wangen überzog und ihre Augen die Ruhe eines Sternenhimmels bargen, begann Marie zu reden.

Sie war die Tochter eines Fischers. Ihre Mutter war gestorben, noch ehe die kleine Marie ihr Gesicht erkennen konnte, und als sie noch ein kleines Kind gewesen war, war ihr Vater vom Meer nicht mehr heimgekehrt. So wuchs sie bei ihrem Großvater auf, einem alten Fischer, dem die salzige Meeresluft die Haut gegerbt und die Haare gebleicht hatte. Zusammen bewohnten sie ein kleines, bescheidenes Haus an der Steilküste, und weil der Großvater schon seit vielen Jahren allein lebte, übernahm Marie die anfallenden Hausarbeiten. Sie wusch die Wäsche, schrubbte den Boden, sie setzte ihrem Großvater das Essen vor, wenn dieser nach sturmgetränkten Nächten heimkehrte, nass und ausgekühlt, wortkarg und müde. Sie lief die zwei Stunden ins nächste Dorf, um die notwendigen Einkäufe zu erledigen.

Als Marie älter wurde, nahm ihr Großvater sie mit hinaus aufs Meer. Er lehrte sie, wo die Netze und Angeln auszuwerfen waren, wie sie sich von der Flut in den Hafen treiben lassen konnte und wie sie die Gesichter des Himmels zu deuten hatte.

Als ihrem Großvater die Haare ausfielen, und seine Augen schwach wurden, als seine taube Zunge nicht mehr zwischen Brot und Spielen unterscheiden konnte, als er von Visionen geplagt wurde, abwechselnd schrie und wimmerte, wirres Zeug redete und ohne Grund um sich schlug, da fuhr Marie allein zum Fischen hinaus. Sie verkaufte ihren Fang an Großhändler und versorgte anschließend ihren Großvater. Sie wusch ihn, sie fütterte ihn, sie beruhigte ihn, sobald er zu wimmern anfing, und wenn sie am Abend erschöpft in ihr Bett fiel, blieb ihr nicht einmal die Zeit, von einem anderen Leben zu träumen.

Dann, eines Nachts, hatte der Tod beschlossen, die Seele ihres Großvaters einzufordern. Am Morgen lag er mit weit aufgerissenen Augen und eiskalten Wangen im Bett, und seine Glieder waren steif wie Holzbalken. Mit einem Schlag hatte Marie alles verloren, was sie bisher mit dem Leben verbunden hatte. Ihr Großvater, das Haus, die Fischerei, alles machte in diesem Augenblick keinen Sinn mehr.

Sie kehrte an jenem Morgen dem Haus den Rücken und ließ den toten Großvater im Bett zurück, um niemals wiederzukommen. Sie begab sich mit nichts als der Kleidung, die sie nach dem Aufstehen für den Wohnungsputz übergestreift hatte, zum morschen Bootssteg, lehnte sich an einen der Holzpfähle und überlegte, was das Leben von ihr verlangte, ob es überhaupt noch etwas verlangte. Vielleicht würde es sie aufs Festland treiben, das sie nie betreten hatte, das sie nur vom Hörensagen kannte, dort würde sie sich einen Job in einer Fabrik oder in einer verrauchten Spelunke suchen können. Oder sie könnte über das Land ziehen, bis sich jemand fand, dem ihre bescheidenen Talente genügen würden, als Magd, als Wäscherin, als Kindermädchen. Doch hinaus zum Fischen wollte sie niemals wieder. Dafür gab es keinen Grund mehr.

So in sich versunken, vergessen wie ein weggeworfenes Taschentuch, fand sie der Tag, als diese furchtbar dumme Katastrophe in Gestalt von grollenden, schwarzen Wolken über die Insel herfiel. In Marie erwachte angesichts des zürnenden Himmels unerwarteterweise doch ein Lebenswille. Sie hatte zwar mit dem Dasein bereits abgeschlossen, doch so schnell wollte sie sich nicht geschlagen geben, wollte sich nicht von einem nach Tod riechenden Firmament einfach hinwegfegen lassen. Sie rannte davon, als der Sturm losbrach, flüchtete auf ihr Fischerboot und ließ sich von dem aufkommenden Orkan auf die offene See hinausschwemmen.

Eine Woche behielt der Sturm seine verheerende Kraft. Er füllte die Kajüte mit Wasser und blies Marie gegen die Planken, sobald sie sich an Deck wagte. Mehr als einmal glaubte sie, der Moment sei gekommen, der das Boot hinab auf den Meeresgrund ziehen würde. Doch am Ende war der Kahn zäh genug zum Überleben, wenn auch nur mit ruiniertem Motor, zerschmetterten Planken und einer völlig zerstörten Kajüte.

Aus den Seilen und Holzteilen, die der Sturm nicht als Erinnerungsstücke mit sich genommen hatte, baute Marie einen Unterschlupf als Schutz gegen die Sonne bei Tag, als Zuflucht gegen die Kälte bei Nacht. Sie aß die Fische, die zu fangen ihr gelang. Roh, da sie nichts hatte, mit dem sie hätte ein Feuer machen können. Sie trank, was der Himmel in ihre kleinen Sammelgefäße regnen ließ. Viele Tage hielt Marie vergeblich Ausschau nach einem Zipfel Land am Horizont, bis sie schließlich ausgedörrt und geschwächt zusammenbrach und erst wieder in der Kabine der Jafet zu Bewusstsein kam.

Dies war Maries Geschichte. Angesichts dieses erschütternden und höchst erbarmungswürdigen Schicksals kämpften die Passagiere vor Mitleid mit den Tränen, sobald von Marie die Rede war. Livarot versprach, dass sie stets für Marie sorgen würde und diese niemals wieder schwere Arbeiten zu verrichten hätte. Manchego, der Chefsteward, versicherte, sich fortan bevorzugt um ihr Wohlergehen zu kümmern. Und Caciocavello gelobte, dass er trotz seiner angeschlagenen Gesundheit jeden verprügeln würde, der ihr etwas anzuhaben gedachte.

Es dauerte noch fünf Tage, bis Schiffsarzt Schabziger Marie erstmals erlaubte, ihre Kabine zu verlassen, auch wenn die abendlichen Gespräche bei Tisch sie längst an den verschiedensten Örtlichkeiten hatten auftauchen lassen. Caerphilly hatte sich bereit erklärt, Marie bei ihrem ersten Spaziergang an Bord der Jafet herumzuführen. Es war zwar nicht üblich, dass der Kapitän die Passagiere persönlich mit dem Schiff bekannt machte, doch Marie hatte selbst ein Schiff besessen, sie würde der Jafet den nötigen Respekt entgegenbringen, glaubte Caerphilly. Und vielleicht würde er mit ihr ein wenig fachsimpeln können, von Kapitän zu Kapitän, zu so etwas hatte sich für ihn seit Jahren keine Gelegenheit mehr ergeben.

Caerphilly liebte die Jafet. Es hieß immer, des Seemanns Braut ist die See, doch das war absoluter Unsinn. Die See war eine unberechenbare, herrschsüchtige Furie, launisch und mit einem Hang dazu, das Geschirr zu zertrümmern, wenn man sich nicht regelmäßig bei ihr einschleimte. Man ging ihr am besten aus dem Weg. Ein Seemann, der die See als seine Braut ansah, brauchte einen guten Psychologen. Oder zumindest einen guten Scheidungsanwalt. Nein, des Seemanns Braut war sein Schiff, das ihn beherbergte und ihm zu essen gab, das ihn beschützte und wärmte. Nur ein Schiff konnte ein Gefühl von Geborgenheit wecken. Und wenn es sich dazu noch um so ein majestätisches wie die Jafet handelte, dann war es die große Liebe, die ewig währen würde.

Caerphilly hatte zuvor schon auf anderen Schiffen gedient, vor allem auf kleineren Handelsschiffen. Er hatte Sympathie empfunden, Zuneigung, doch im Gegensatz zur Jafet waren es letztendlich alles nur Affären und Liebschaften gewesen. Zur Jafet hatte er eine intensive Beziehung, eine fast erotische sogar. Hätte man ihn gefragt, was eine Frau anziehend machte, so hätte er spontan ein gewienertes Heck und einen ausgeprägten Wulstbug genannt. Glücklicherweise fragte ihn nie jemand danach.

So gesehen hatte diese furchtbar dumme Katastrophe für Caerphilly auch eine gute Seite gehabt. Denn diese Fahrt hätte seine letzte werden sollen. Man hatte ihn in Rente schicken, ihn auf einem Landsitz verwelken lassen wollen, fernab der Jafet. Das Kommando über das Schiff hatte ein anderer bekommen sollen, ein Jüngerer, unerfahren mit der See und ohne Liebe für das Schiff. Zum Glück war es nun anders gekommen. Zum Glück für ihn. Zum Glück für die Jafet.

Caerphilly verließ an diesem Tag vorzeitig die nachmittägliche Teegesellschaft und begab sich ins Oberdeck zur Kabine von Marie, in der das Mädchen bereits zusammen mit Livarot auf ihn wartete. Die Amerikanerin hatte sich freundlicherweise als Begleitung für die noch schwache Marie bei diesem Schiffsgang angeboten. Auch wenn es Livarot eigentlich nur darum ging, im Kielwasser Maries den klugen Erklärungen des Kapitäns lauschen zu können.

Förmlichkeiten von sich gebend betrachtete Caerphilly seinen neuen Passagier im matten Kabinenlicht wie ein Großvater seinen frisch geborenen Enkel. Er hatte Marie zuvor nur ein einziges Mal in ihrer Kabine besucht und sich dabei auf Fachsimpeleien mit dem anwesenden Arzt beschränkt, ohne dem Patienten im Bett besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Von diesem Besuch war ihm nur ein hässlicher, handgroßer Glasfisch auf dem Nachttisch im Gedächtnis geblieben und weniger das bleiche Gesicht in den Kissen. Wenn er die vor ihm stehende Marie nun mit einem vagen Bild aus seiner Erinnerung in Einklang zu bringen versuchte, erschien ihm dieses Gesicht schrecklich neu. Marie wirkte mager, zierlich und zerbrechlich. Sie war einen halben Kopf kleiner als Livarot, genau genommen sogar einen halben Kopf und eine hochtoupierte Haarpracht kleiner, die Caerphilly am Tag zuvor noch nicht bei ihr bemerkt hatte. Das schwarz-weiße Kostüm, das Marie trug und das Livarot ihr tags zuvor in den Schrank gehängt hatte, war ihr noch entschieden zu groß, ihr krauses, schmutzig blondes Haar leuchtete rötlich, wenn man es gegen das Licht betrachtete. Marie hatte blasse, schmale Lippen, die dem Gesicht weniger Kontur gaben als die dunklen Augenbrauen. Der Blick ihrer grünen Augen war unruhig, ihre Stimme rau und leise, wenn sie auf Caerphillys Fragen antwortete. Sie bewegte sich sparsam, im Gegensatz zu Livarot, die sich mit ausladenden Gesten immer wieder in das Gespräch zwischen dem Kapitän und Marie mischte.

Schließlich führte Caerphilly seine beiden Gäste durch den mit Lithografien und dunkelroten Teppichen geschmückten Kabinengang hinaus auf das Deck. Er erzählte währenddessen vom Bau des Luxusliners, von seinen großen Fahrten, von seinem Aufkauf durch einen jüdischen Großreeder, der dem Schiff den biblischen Namen Jafet gegeben hatte, von den berühmten Gästen, die in seinen Kabinen genächtigt hatten.

An Deck führte der Kapitän seine Gäste an einer Putzkolonne vorbei Richtung Brücke. Er sprach dabei von den 210 Metern Länge und 27 Metern Breite des Schiffes, von seinen 55.000 Bruttoregistertonnen und von seiner Höchstgeschwindigkeit von 27 Knoten. Der Himmel war mit kleinen Schäfchenwolken geschmückt. Die in Sichtweite befindliche Küste, an der die Jafet westwärts zog, warf das Grollen der an den Felsen zerschellenden Wellen zu ihnen hinüber.

Marie, die zum ersten Mal seit Langem wieder die Sonne sah, folgte dem Kapitän mit unsicheren Schritten, gestützt auf Livarots Arm, und staunte. Sie hatte zwar ihr halbes Leben auf dem Meer verbracht, aber auf einem so gewaltigen Schiff hatte sie sich noch nie befunden. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie je ein solches Schiff gesehen hatte. Die weißen Wände mit den runden Fenstern zog sich endlos hin. Das Deck überredete das Auge, als Horizont wahrgenommen zu werden. Der Schornstein, der gerade rot übertüncht wurde, ragte bis in den Himmel und blies seinen Rauch der Sonne entgegen. Das Schiff versuchte, seinen Besuchern einzureden, dass es jenseits der Reling kein Meer gab.

Angekommen auf der Brücke, die die Ausmaße eines mittleren Ballsaals hatte, erklärte Caerphilly seinen Gästen die vielen Knöpfe an einem Pult, das sich unterhalb einer nach außen geneigten Fensterfront befand; die Computerbildschirme, auf denen unverständliche Zahlenkolonnen und Grafiken tanzten, die Ziffernblätter mit wackelnden Zeigern; die Drehschalter mit kleinen, leuchtenden Lämpchen. Er erzählte, wie die Dieselgeneratoren in Betrieb gesetzt wurden, die Schmierölpumpen, die Ventilatoren der Fahrmotoren und die Konverteranlagen. Wie die Propellerdrehzahl auf bis zu 128 Umdrehungen pro Minute erhöht werden konnte, auch wenn das Schiff derzeit mit einer geringeren Geschwindigkeit fahren würde, um Treibstoff zu sparen. Das Radargerät, die Funkanlage.

Livarot durfte einen grünen Knopf drücken, mit dem die Klimaanlage im Restaurant in Gang gesetzt wurde. Darüber hinaus verstand sie nichts von dem, was der Kapitän über all die Knöpfe und Anzeigen erzählte, aber ihre Bewunderung für ihn wuchs ins Unermessliche.

Caerphilly erklärte, dass man im Maschinenraum, der zu laut und zu dreckig für eine Besichtigung sei, die 90.000 PS starken Motoren sehen könnte sowie einen Vakuum-Verdampfer, mit dem theoretisch 800 Tonnen Frischwasser täglich erzeugt werden könnten. Denn immerhin könnten auf der Jafet mehr als 1.400 Menschen Unterkunft finden, auch wenn zur Zeit lediglich 300 Passagiere und 100 Besatzungsmitglieder den Bauch des Schiffes füllten.

Caerphilly hatte ein wunderbares Gedächtnis für Zahlen. Gesichter vergaß er binnen Minuten und oft genug versäumte er es, seine dritten Zähne einzusetzen, aber eine Zahl vergaß er niemals. Auch wenn seine Zeit an der Schifffahrtsakademie 35 Jahre zurücklag, konnte er sich noch an die Telefonnummern sämtlicher Dozenten von damals erinnern.

Zahlen, das wusste Caerphilly, waren die Grundbausteine der Zivilisation. Einzig die Zahlen. Nicht der menschliche Geist formte die Welt, es waren die Zahlen, die die chaotische Natur zähmten. Sie ordneten, berechneten, schützten vor Unwägbarkeiten. Ließen nicht zu, dass man von nicht messbaren Ahnungen oder Gefühlen überrascht wurde. Das Dasein ließ sich durch eine einfache Aneinanderreihung von Daten und Zahlen beschreiben und immer wieder neu zusammensetzen. Ereignisse wurden an Zahlen festgemacht, nicht an Bildern oder Gefühlen. Das Datum der Abschlussprüfung, der Preis für das Häuschen im Grünen, die Zimmernummer im Krankenhaus, in dem einem die Gallensteine herausgenommen wurden. Stets blieben die Daten und Zahlen in der Erinnerung, während die Bilder schnell verblassten und wie Blätter im Herbst von den Bäumen fielen.

Nach der Brücke führte Caerphilly seine Gäste in die Küche, die sich unterhalb der Restaurants im Mittelschiff befand. Sie bestand aus einem etwa 30 Schritte langen Raum, in dem mehr als zwei Dutzend Kochmützen zwischen Töpfen herumliefen, die groß genug für einen ausgewachsenen Menschen gewesen wären. Das Küchenpersonal füllte Spülmaschinen in der Größe von Doppelbetten, bediente mannshohe Kartoffelschälmaschinen und reparierte die Bänder von meterlangen Fritteusen.

Caerphilly pries zahlreiche Kreationen der Küche an und erklärte einige der Maschinen. Oder tat zumindest so, da er selbst keine Ahnung hatte, wie diese Maschinen funktionierten. Marie schüttelte die Hand von Sbrinz, dem Chefkoch.

Die Besichtigung des Schiffes endete schließlich auf dem Deck an der Lido-Bar neben dem Pool mit einigen Ausführungen zu den Vergnügungen, die das Schiff zu bieten hatte. Zwei Swimmingpools, die sich bei schlechtem Wetter auf Knopfdruck überdachen und in Hallenbäder umfunktionieren ließen. Ein Kino. Ein Fitnesspark. Ein Spielcasino. Eine Bibliothek. Selbst einen Golfplatz oder vielmehr eine vollautomatische Golfanlage: ein fest verankerter Golfball auf einem Stück Kunstrasen mit einer Leinwand, bei der die Schläge anhand der Geschwindigkeit, des Winkels und der Richtung im Vergleich zur Leinwand elektronisch gemessen und ausgewertet wurden. Nach jedem Schlag konnte man dort weiterspielen, wo der Ball auf dem tatsächlichen Golfplatz von wahlweise Spyglass Hill oder dem der Insel Man aufgetroffen wäre.

Die Jafet war ein Schiff, das machte Caerphilly klar, auf dem es unmöglich war, sich zu langweilen. Dieses Schiff wusste sich um seine Gäste zu kümmern.

Schließlich verabschiedete sich der Kapitän mit einem Hinweis auf unabdingbare Verpflichtungen. Er überließ seine beiden Gäste dem Schiff und jeweils einem Gin-Tonic an der Lido-Bar auf Kosten des Schiffs. Nachdem sich der Kapitän zurückgezogen hatte, verlor auch Livarot das Interesse, zusammen mit ihrem Schützling nach weiteren Sympathiepunkten für die Jafet zu suchen. Es drängte sie vielmehr in den zwischenzeitig erwähnten Fitnessraum, um der dort wartenden Mrs. Chester über ihre intensive Begegnung mit dem Kapitän zu berichten. Daher leerte sie ihr Glas in einem Zug und erklärte Marie kurz, wie sie zurück in ihre Kabine finden würde. Dann verschwand sie in einem der Gänge, die ins Innere des Schiffs führten.

Marie, allein zurückgeblieben, konnte sich weder für den Geschmack ihres Longdrinks begeistern, noch wollte sie sich auf den Weg zurück in ihre Kabine begeben. Zu lange hatte der Himmel für sie aus einer weiß getünchten, mit Stuck verzierten Zimmerdecke und die Sonne aus einem überdimensionalen Kronleuchter bestanden. So ließ sie ihr nur zur Hälfte konsumiertes Getränk zurück und spazierte an den Aufbauten der Jafet entlang Richtung Bug. Abseits der von den Passagieren üblicherweise in Anspruch genommenen Örtlichkeiten beugte sie sich über die Reling, um ihre Lungen mit dem Duft des Meeres zu füllen. Sie betrachtete die entfernte felsige Küste mit ihren blassgrünen Flecken auf ockerfarbenem Untergrund, betrachtete das Meer, das seine weiße Gischt wie ein Werfer an den felsigen Schlagmännern vorbeizuwerfen versuchte. Das Wasser war von tiefem Blau, doch wenn man sich anstrengte und senkrecht hinabschaute, war es glasklar und man konnte den bewohnten Untergrund sehen. Die Fische, die nach einem harten Arbeitstag nach Hause kamen, und die Krebse, die Nachtschicht hatten und sich gerade ihre schlaftrunkenen Fühler putzten. Das Schiff zerteilte mühelos die Wellen, die auf seinem Weg lagen.

Die Welt lag in Trümmern, hatte man ihr erzählt. Vielleicht war dieses Schiff mit seinen Bewohnern alles, was geblieben war. Und ein Gott oder ein Zufall hatte sie zu einem Teil der Schiffsbewohner werden lassen. Ihr war ein neues Leben geschenkt worden, nachdem sie in den letzten Wochen durstig und hungrig auf ihrem halb zerstörten Kutter längst mit dem alten Leben abgeschlossen hatte. War ein Wunder geschehen? Hatte ein mitleidiger Gott seine Macht genutzt und das Meer gegen seine Gewohnheiten gezwungen, ein bereits geschenktes Leben zurückzugeben? Ein Gott, der mit den Menschen fühlte, weil vielleicht auch er, als er noch klein war, manchmal ohne Abendessen ins Bett geschickt worden war?

Nein, an so etwas wie übernatürliche Wunder mochte Marie nicht glauben. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass es keine Wunder gab. Alles war die Folge von logischen Zusammenhängen: die Strömungen der Meere, die Züge der Fischschwärme, das Wetter. Auch wenn man manches nicht verstand, folgte alles bestimmten Regeln, den Naturgesetzen. Und wieso sollte ein Gott ein Wunder geschehen lassen und den Naturgesetzen widersprechen? Er selbst hatte diese Naturgesetze geschaffen, damit alle sich daran hielten, und wenn er sich das Recht herausnahm, seine eigenen Gesetze zu übertreten, dann war er kein guter Gott, sondern ein böser Tyrann. Nur Tyrannen brachen die eigenen Gesetze.

Marie glaubte lieber an einen guten Gott, der bodenständig genug war zu wissen, dass selbst Göttlichkeit etwas Vergängliches war. Es war also kein Wunder, sondern ein Zufall gewesen, der ihr das Leben gerettet hatte, ein ganz simpler Zufall. In der Gestalt von Livarot. Ein kleiner Zufall hatte ihr ein Leben geschenkt, während zur gleichen Zeit vielen anderen das Leben genommen worden war. Marie wusste nicht, ob sie über die Lage der Dinge glücklich oder traurig sein sollte. Oder beides zugleich.

„Es ist selten, dass jemand hier an Bord auf das Meer hinausschaut“, unterbrach eine Stimme ihre Gedanken.

Marie wandte sich erschrocken um und sah einen jungen Mann, eher klein und hager, leicht lockiges kastanienfarbenes Haar, große, dunkle Augen, Haut mit einem leichten Gelbstich. Seine Kleidung war abgewetzt und so unpassend zusammengestellt, dass er unmöglich ein Passagier der Jafet sein konnte. Er lächelte sie mit seinem breiten Mund an.

„Die meisten Passagiere stellen ihre Liegestühle so, dass sie auf den Tennisplatz oder den Pool blicken können“, sagte der Mann und stellte sich neben Marie an die Reling. „Sie mögen das Meer nicht.“

„Mrs. Livarot hat auf das Meer geschaut, als sie mich entdeckt hat“, wandte Marie ein.

„Das ist wahr. Sie macht das jedes Mal, wenn sie ungestört Kekse essen will“, erwiderte der Mann. „Sie fühlt sich unbeobachtet, wenn sie sich an die Reling stellt.“

Marie empfand diesen Blickwinkel auf ihre Lebensretterin als ungerecht, doch sie erwiderte nichts. Sie betrachtete die Wellen, die singend ihre Gischt gegen den Rumpf des Schiffes warfen.

„Ich bin auf dem Meer zu Hause. Vermutlich mag ich es deshalb“, sagte sie stattdessen. „Mrs. Livarot und die anderen sind vom Festland. Ansonsten würden sie das Meer sicher auch lieben.“

„Ich liebe das Meer, seit ich es das erste Mal gesehen habe“, sagte der Mann, ohne Marie anzublicken. Zwischen den Wolken tropften die Strahlen der tief stehenden Sonne wie Honig. Der Wind tanzte auf den Kronen der Wellen.

„Sind die von dir?“, fragte Marie unvermittelt und zeigte auf ein paar provisorische Angeln, die mehrere Schritte von ihr entfernt an die Reling gebunden waren und deren Schnüre ins Wasser hingen und neben dem Schiff durch die Wellen gezogen wurden.

Der Mann nickte.

„Was benutzt du als Köder?“

„Stücke von einem Fisch, der so ungeschickt war, sich fangen zu lassen“, erwiderte der Mann.

„Wie viel fängst du auf diese Weise?“

„Nicht viel. Zwei oder drei Fische am Tag. Es reicht für Fischsuppe einmal pro Woche.“

Marie betrachtete belustigt die Angelruten, die scheinbar aus zusammengesteckten Gardinenstangen bestanden, an deren Enden Wollfäden gebunden waren. Sie glaubte, dass der Mann maßlos übertrieb. Wenn er mit diesen Angeln einen Fisch am Tag fing, dann war er gut.

„Du solltest es mit Netzen versuchen, wenn du mehr fangen willst“, sagte sie. Sie selbst hatte zwar keine Netze mehr benutzt, seit sie allein aufs Meer hinausgefahren war, weil die Handhabung für eine einzelne Person zu schwierig war. Sie hatte in dieser Zeit lange Leinen ausgeworfen, an denen in regelmäßigen Abständen Dutzende von Ködern angebracht waren. Auf diese Weise hatte sie zwar weniger gefangen, doch dieser Nachteil wurde durch die höheren Preise ausgeglichen, die in den Markthallen für diese Fische bezahlt wurden. Netze beschädigten die Haut der Fische, und in den Nobelrestaurants in den Städten bevorzugte man Fische mit gesunder Farbe und unbeschadeter Haut, und das ließ man sich etwas kosten. Dennoch waren Netze allemal effektiver als diese Angeln im Heck der Jafet.

„Ich glaube, wir haben keine Netze“, erwiderte der Mann.

„Wenn du dickes Garn an Bord findest, kann ich dir daraus Netze knüpfen, wenn du willst. Ich weiß, wie das geht.“

„Falls ich so etwas finde, komme ich gern darauf zurück. Vielen Dank für das Angebot.“

Eine der in letzter Zeit selten gewordenen Möwen flog vor ihnen her und schwebte in der Luft und dachte sich ihren Teil, was auch immer Möwen denken mochten beim Anblick zweier sinnlos umherstehender Menschen.

„Wohin fahren wir eigentlich?“, fragte Marie nach einiger Zeit.

„Wir folgen der Küste“, erwiderte der Mann. „Wenn wir Glück haben, treffen wir auf einen Hafen, der die Katastrophe überstanden hat, und können dort auftanken. Es scheint, dass wir nicht mehr viel Treibstoff haben.“

Im Westen senkte sich die Sonne über den Horizont und küsste das Meer, ohne ein Wort zu sagen. Die Dämmerung begann, sacht wie ein Schleier vom Himmel zu schweben.

„Ich habe dich schon mal gesehen“, sagte Marie. „Unten in der Küche, glaube ich.“

„Ja, das kann sein“, meinte der Mann. „Ich bin James Grieve, ich arbeite in der Küche als Essensdekorateur.“

„Angenehm. Ich bin Ingrid Marie“, erwiderte Marie und reichte ihrem Gegenüber die Hand.

Grieve schüttelte diese lächelnd.

„Wie bist du Essensdekorateur geworden?“, fragte Marie und betrachtete die Wellen, die sich auf dem Meer herumtrieben. „Hat dein Vater das auch schon gemacht: Essen dekorieren?“

„Nein, früher bin ich einmal Zauberer gewesen. Auf Jahrmärkten“, erwiderte Grieve.

Er wühlte eine Münze aus seiner Hosentasche.

„Schau!“, sagte er und hielt die Münze zwischen Daumen und Zeigefinger vor Maries Gesicht. „Achte genau auf die Münze. Lass sie nicht aus den Augen.“

Er griff mit der anderen Hand die Münze, vollzog mit dieser einige geheimnisvolle Bewegungen und öffnete dann beide Hände. Die Münze war verschwunden.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte Marie erstaunt. Sie tastete Grieves Ärmel ab, betrachtete seine Hände von allen Seiten, doch die Münze kam nicht mehr zum Vorschein.

„So etwas habe ich damals auf Jahrmärkten vorgeführt“, sagte Grieve.

Marie nickte.

„Und wieso dekorierst du heute Essen?“, fragte sie dann.

„War nicht so einträglich, das Zaubern. Als ich eines Tages bei einem Volksfest Kunststückchen vorführte, ankerte gerade die Jafet vor der Insel.“

„Vor welcher Insel?“

„Ferdinandea.“

„Du kommst von Ferdinandea?“

„Zumindest bin ich dort geboren. Du kennst die Insel?“

„Nein, noch nie gehört, den Namen.“

„Ein Offizier der Jafet sah damals die Vorführung“, fuhr Grieve fort. „Und weil am Tag zuvor ihr Essensdekorateur gestorben war, brauchten sie schnell einen neuen, bevor das Schiff aufs Meer zurückkehren würde. Der Offizier fragte mich, ob ich das nicht machen wolle, weil Essen hübsch aussehen zu lassen auch nicht schwerer sein könnte als Zauberkunststückchen vorzuführen. Seitdem bin ich auf der Jafet.“

Eine der Angeln zuckte und wand sich, doch dann wurde sie wieder still.

„Wahrscheinlich hat ein Fisch sich den Köder geholt“, sagte Grieve, „ohne sich für den Haken zu interessieren.“

Er zog die Angel aus dem Wasser, indem er die Schnur um seine Hand wickelte. Tatsächlich hing am Ende nur ein nackter Haken, dessen Aussehen Marie an eine verbogene Gabel erinnerte. Grieve warf die Angel einfach wieder aus, ohne sie mit einem neuen Köder zu bestücken. Der Haken verschwand im Meer, das langsam schwarz wie der Himmel wurde.

3

Marie war an ihrem ersten Abend im Princess der Star des Restaurants. Sie wurde zusammen mit Livarot an den Tisch des Kapitäns geleitet und in einen filzüberzogenen Sessel gesetzt. In der Mitte des Tisches flackerten Kerzen auf einem vierarmigen Halter, die jedoch zur Erhellung der Speisefolge weniger beitrugen als eine große Messinglampe, die an einem meterlangen Kabel über dem Tisch hing. An jedem Platz bildeten übereinandergestellte Teller, silbernes Besteck und zahlreiche Gläser ein für Marie unverständliches Muster. Zwischen den Tischen huschten Kellner mit schwarzen Fliegen und durchgedrückten Rücken hin und her und fuhren Speisen und Getränke auf kleinen Wagen herein.

Zu Beginn des Abends wurden Campari als Aperitif und geröstetes Weißbrot mit Zwiebeln und Tomaten gereicht. Bereits bei der folgenden griechischen Zitronensuppe mit Reis, Huhn und Minzzweigen lobte der mit Marie am Tisch sitzende General Port-du-Salut die Fähigkeiten des Kochs. Er war ein hagerer weißhaariger Mann mit einer Uniform, deren Löcher und Flecken auf ein ähnlich hohes Alter wie das des Generals selbst schließen ließen. Es war nie auszumachen, in welche Richtung er gerade blickte, da er immer wieder sein Glasauge falsch einsetzte.

Tatsächlich hatte sich die Küche für dieses Dinner viel Mühe gegeben. Als Hauptgericht wurde sogar Fleisch gereicht, obwohl das Fleisch streng rationiert war und nur zu besonderen Anlässen serviert wurde. Sbrinz, der Chefkoch, ging in Bezug auf seine Fleischvorräte sogar so weit, dass niemand außer ihm den sorgfältig verschlossenen Kühlraum betreten durfte, in dem die Reserven lagerten. Doch an diesem Abend war dies alles vergessen, und die Küche verwöhnte die von den vielen Stürmen geschundenen Mägen.

„Sie haben sich heute das Schiff angesehen?“, fragte Caciocavello, der einen Platz neben Marie ergattert hatte. Er lächelte sie an. Im Grunde genommen lächelte Caciocavello jeden an. Er hatte so lange als Showmaster gearbeitet und in Kameras gelächelt, dass seine Oberlippenmuskulatur inzwischen verkürzt war und er die Mundwinkel nicht mehr nach unten ziehen konnte. Das dünne, schüttere Haar, mit dem er heute speisen musste, weil der letzte Sturm sein Toupet über Bord geweht hatte, trug er nach hinten gekämmt. In der Mitte seines Gesichts hockten zwei unscheinbare Knopfaugen. Seine Haut war gegerbt vom Salz des Meeres seiner italienischen Heimat. Beim Reden bewegte er regelmäßig den Kopf ruckartig nach vorn, sodass er wie eine dahinschreitende Taube wirkte. „Wie hat es Ihnen gefallen?“

„Es ist großartig“, erwiderte Marie und ließ ihren Blick durch das Restaurant wandern. Immer wieder sah sie in die freundlich grüßenden Gesichter der Gäste an den Nachbartischen.

„Und wie sind Sie mit Ihrer Kabine zufrieden?“

„Toll! Ich habe vergoldete Wasserhähne und Marmorfußboden im Bad. Und all der Komfort!“

„Ja, das kommt vor“, bestätigte Caciocavello und schnipselte an seinem Tafelspitz in Mandelsoße. „Und haben Sie schon eine Runde im Swimmingpool gedreht?“

„Dafür ist sie noch zu schwach“, mischte sich Livarot in das Gespräch ein.

„Ich kann nicht schwimmen“, warf Marie ein.

„Du kannst nicht schwimmen, Kindchen?“, staunte Livarot und starrte Marie überrascht an. „Ich dachte, du hättest dein ganzes Leben auf dem Meer verbracht.“

„Auf dem Meer schon. Aber nicht im Meer.“

Ein freundliches Lachen kreiste um den Tisch. Es warf Blicke nach rechts und links und genoss den Moment, bevor es sich wieder niederließ.

„Dann wird es Zeit, dass Sie schwimmen lernen, Miss Marie“, fand Caerphilly. „Percorino, unser Bademeister, wird Sie dabei jederzeit unterstützen. Wenden Sie sich einfach an ihn.“

„Es ist wichtig, dass du schwimmen kannst“, glaubte Livarot.

Auf dem Podest sammelten sich sechs in Smokings gekleidete Männer und begannen, ihre Instrumente zu stimmen. Zwischen den Tischen schlichen die Kellner umher und füllten leere Gläser mit Wein. An den Tischen wurde dezent erzählt und gelacht.

„’err Kapitän, ’aben Sie zufällig noch Knopfbatterien?“, wandte sich Saint-Paulin an Caerphilly. „Im Einkaufsmarkt gibt es keine mehr, aber isch brauche dringend eine für das ’örgerät von meinem Nicolas Sarkozy.“

„Ich werde schauen, ob wir noch irgendwo Knopfbatterien auftreiben können“, sagte Caerphilly. „Es wäre doch schade, wenn Ihr Hund nicht mehr hören könnte, wenn man ihn ruft.“

„Die Töle hört doch sowieso nie“, meinte Livarot. Sie konnte Saint-Paulin nicht leiden. Als sie sich das erste Mal auf dem Schiff über den Weg gelaufen waren, hatten sie beide an der Lido-Bar gesessen, Livarot vor einem Glas Gin, Saint-Paulin vor einem Sherry. Die Französin hatte Livarot betrachtet und in ihrem Gedächtnis gekramt, woher sie dieses runde Gesicht mit der spitzen Nase kennen mochte.

„Sind Sie nischt die Gattin von diesem Livarot, der immer diese komischen Werbesachen gemacht ’at?“, hatte sie schließlich gefragt.

„Ja, ist eine Weile her“, hatte Livarot überrascht erwidert.

„Widerlische Sachen waren das“, hatte Saint-Paulin gesagt und an ihrem Sherry genippt. Livarot hatte angestrengt überlegt, ob sie irgendetwas über ihre Tresennachbarin wusste, das sie im Gegenzug auch widerlich hätte finden können. Ihr war jedoch nichts eingefallen, was für jemanden wie Livarot höchst bedrückend sein konnte.

„Das Zeug, das Sie trinken, ist auch widerlich“, hatte sie schließlich in Ermangelung anderer Widerlichkeiten gesagt. Es war zugegebenermaßen nicht gerade viel zum An-den-Kopf-Werfen, aber es war besser als gar nichts.

Nach diesem Gespräch war Livarot klar gewesen, dass sie nichts mit Saint-Paulin zu tun haben wollte. Saint-Paulin war für sie die Verkörperung jenes Menschenschlages, der sich niemals hatte hochkämpfen müssen, der niemals hatte Opfer bringen müssen, um dort zu stehen, wo er stand. Leute wie Saint-Paulin mit ihren aristokratischen Genen und ihrer angeborenen Arroganz wussten nichts vom Kampf um die eigene Zukunft und würden dies niemals verstehen können. Man konnte neidisch sein auf diese Leute, oder man konnte sie einfach hassen. Livarot tat Letzteres, das war einfacher. Neidisch zu sein auf andere Leute war verdammt schwer, wenn man so reich war wie Livarot.

Caciocavello versuchte erneut, Marie in ein Gespräch zu verwickeln. Da ihm auf die Schnelle kein anderes Thema einfiel, fragte er sie nochmals nach ihren Eindrücken zum Schiff, bis Livarot ihm kurzerhand das Wort abschnitt. So begnügte sich Caciocavello damit, Marie tief in die Augen zu schauen. Er glaubte noch immer an einen arabischen Pferdehändler irgendwo in ihrer Vergangenheit, der einfach nur verschwiegen wurde. Ob dies nun die ersten Anzeichen von Senilität waren oder ob es nur daran lag, dass Caciocavello in seinem bisherigen Leben noch nie etwas ohne finanzielle Hintergedanken getan hatte und die Geschichte der treu sorgenden Enkeltochter für ihn daher unglaubwürdig klang, ließ sich nicht genau sagen. Caciocavello hätte jedenfalls seine Großeltern eher verkauft als sich für sie aufzuopfern. Vermutlich hat er es sogar getan. Als er noch ein junger Mann gewesen war, waren seine Großeltern eines Tages spurlos verschwunden. Im Mittelpunkt vieler Gerüchte hatte damals ein arabischer Pferdehändler gestanden.

„Isch ‘abe ge’ört, Muna-Juusto ’at eine neue Erfindung gemacht?“, fragte Saint-Paulin unterdessen den Kapitän.

„Ja, er will wohl eine Art Trockenbier herstellen“, erwiderte Caerphilly.

„Hoffentlich wird das nicht wieder so ein Reinfall wie bei seiner letzten Erfindung“, sagte Livarot, „als er gestern seinen neuen Klebstoff vorführen wollte und dabei zwei Rettungsinseln im Meer versenkt hat.“

„Ja, schade um die guten Rettungsinseln“, meinte Saint-Paulin.

„Ich wünschte mir, er würde seine Nachmittage am Swimmingpool oder auf dem Tennisplatz verbringen wie die anderen Passagiere auch“, klagte Caerphilly.

„Ich finde Muna-Juusto recht amüsant“, fand Caciocavello.

„Weniger amüsant wäre er mir lieber“, erwiderte Caerphilly. „Er verbraucht für seine Erfindungen mehr konzentrierte Lauge als unser Reinigungspersonal.“

Die Sechs-Mann-Kapelle begann zu musizieren. Vielleicht lag es daran, dass die Kapelle nun schon seit mehr als vier Monaten immer wieder dasselbe schmale Repertoire aus den Instrumenten quetschte und sich dabei langweilte oder an einer falschen Zusammensetzung der Musikinstrumente, doch der vorgetragene Tango war nur schwer als solcher zu erkennen. Ein Kellner nahm dezent die leeren Teller in seine Obhut und reichte das Dessert: mit Cognac und heißen Himbeeren garniertes Vanilleeis. Dazu gab es einen süßen Sherry. Livarot schaufelte sich mit hörbaren Schnappgeräuschen den Nachtisch in den Mund.

„Wenn Sie Ihre Leute zum Holzholen an Land schicken“, sagte sie zu Caerphilly, „könnten wir nicht einmal mitgehen und uns die Landschaft anschauen? Immer nur auf dem Schiff, das ist langweilig.“

Tatsächlich ließ der Kapitän die Jafet der Küste in Richtung Westen folgen. Auch wenn nach dieser furchtbar dummen Katastrophe keinerlei Funkkontakt mehr zu einem Hafen hatte aufgebaut werden können, so hoffte er dennoch, dass sich in der einen oder anderen Siedlung doch noch Menschen finden könnten, die ein ausreichendes Maß an Infrastruktur aufrechterhalten würden. Ausreichend dafür, dass sie über Dieselkraftstoff und Lebensmittel verfügten, die man ihnen abkaufen könnte.

„Ja, das wäre was“, stimmte Lord Stilton zu. Er war ein stets in Anzug und Krawatte gekleideter Mann, der sein graues Haar nach hinten gegelt trug. Sein Gesicht wirkte breit wie ein auseinandergezogener Kuchenteig, und die kleine Nase ließ ihn wie eine Eule aussehen. Er hatte, wie Marie später einmal erfuhr, sein Geld als Chirurg mit Schönheitsoperationen verdient und für eine Nasenkorrektur bei einem exzentrischen Millionär sogar einmal einen Preis der Akademie für abstrakte Kunst gewonnen. „Endlich wieder festen Boden unter den Füßen.“

„Nun, ich weiß nicht“, meinte Caerphilly ein wenig verärgert darüber, dass jemand das Schiff langweilig finden konnte. „Ich fürchte, Dr. Schabziger würde gesundheitliche Bedenken haben, wenn sich die Passagiere zu lange an Land aufhielten. In dieser Situation.“

Trotz der Zweifel des Kapitäns begannen die Gäste am Tisch, sich einen solchen Landgang in intensiven Farben auszumalen. Ihre Schwarmfantasie ließ sie durch die aufgrund dieser furchtbar dummen Katastrophe gespenstisch stillen Straßen einer Stadt schreiten, die Fotoapparate lässig über die Schultern gehängt und die Sonnenhüte tief ins Gesicht gezogen. Zumeist fanden sie die Stadt einfach nur unbewohnt vor, als wären die Bewohner nur mal kurz kollektiv zum Einkaufen gegangen, in anderen Vierteln fanden sich jedoch nachdrücklichere Spuren: niedergebrannte Gebäude, zerbrochene Fensterscheiben, entwurzelte Bäume, übereinandergewürfelte Autos.

„Das mit den übereinandergewürfelten Autos muss nicht unbedingt an dieser fruchtbar dummen Katastrophe liegen“, sagte Livarot. „Ich meine, schauen Sie sich an, wo wir sind. Die Einheimischen in dieser Gegend können nicht richtig Auto fahren. Vermutlich haben sich die Autos vorher auch schon gestapelt.“

„So wie es aussieht“, sagte Stilton, „würde ich tippen, dass Muna-Juusto versucht hat, ein neues Verfahren für die Straßenreinigung zu etablieren.“

Die Passagiere überlegten, welche Sehenswürdigkeiten zu besichtigen wären und ob man von der einen oder anderen Kathedrale einen Ziegelstein als Souvenir würde mitnehmen können. Sie waren sich aber darin einig, dass man sich nicht allzu weit in die Stadt hineinwagen sollte.

„Es wird keinen Bus geben, der uns zurückbringt“, brachte Livarot die Überlegungen auf den Punkt. „Wir müssten laufen.“

„Stellen Sie sisch vor, wir würden einen frischen ’unde’aufen finden“, überlegte Saint-Paulin. „Dann wüsste isch, dass mein Nicolas Sarkozy nischt allein ist.“

„Ein frischer Hundehaufen wäre eine Sensation“, glaubte Caciocavello. „Neben so einer Sehenswürdigkeit würde ich mich fotografieren lassen.“

„Die Chester würde den sicherlich mitnehmen“, vermutete Romadur.

„Glaube ich nicht“, erwiderte Stilton. „Das würde die sich nicht trauen, der gehört ihr schließlich nicht.“

Zum Abschluss der Mahlzeit wurde eine Käseplatte gereicht als Geschenk an die Gaumen. Der Käse hatte als Abschluss des Mahls nicht mehr den Sinn, eine Sättigung herbeizuführen. Sein Daseinszweck war, sich wie eine Decke auf die vergangene Mahlzeit und die Erinnerung an ihren Geschmack zu legen, mit seiner gaumenerfüllenden Eleganz die überanstrengten Geschmacksknospen zu beruhigen. Befreit von jeder profanen Bedeutung war er überflüssig wie ein Kropf, ein Luxusartikel, der sich des Tisches bemächtigte, wenn die Reste der Mahlzeit bereits abgeräumt und keiner weiteren Erwähnung wert waren. Doch er hatte sich unentbehrlich gemacht für all diejenigen, die nicht einfach nur aßen, um das Hungergefühl zu beseitigen. Und so wagte es kein Dinner, das gesellschaftliches Ansehen genoss, auf die Gegenwart des Käses zu verzichten. Der Nachhall des Käses ließ oft vergessen, dass nicht er es war, der die Speisenden gesättigt hatte.

Caciocavello versuchte, Marie zu einem Tänzchen zu überreden, was Livarot ihm jedoch ausredete. Das Gespräch bei Tisch zerfiel in Einzelteile wie ein zerschmetterter Teller. General Port-du-Salut klärte Romadur über die Möglichkeiten auf, die sich einem jungen, gesunden Mann boten, wenn er sich in die Obhut der Armee begab, was Romadur mit der Bemerkung abtat, dass all jene, die sich in die Obhut der Armee begeben hatten, anstatt den Luxus eines Kreuzfahrtschiffes zu genießen, derzeit ziemlich dumm aus der Wäsche schauten. Livarot erzählte dem Kapitän noch einmal, wie sie Maries Boot entdeckt hatte, und Caciocavello scherzte mit Saint-Paulin.

Marie wurde immer wieder in unbedeutende Gespräche verwickelt, wurde nach ihr unbekannten Orten ausgefragt, nach ihrem präferierten Kleidungsstil oder welche Kartoffelsorte sich aus Maries Sicht am besten für eine Kartoffelcremesuppe eignete. Schließlich ließ sie sich, erschöpft vom langen Tag, von Schiffsarzt Schabziger zurück in ihre Kabine bringen. Ohne sich zu entkleiden, fiel sie auf ihr Bett und schlief augenblicklich ein.

In dieser Nacht träumte Marie von barocken Ballsälen, angefüllt mit weiß gepuderten Menschen in den prachtvollsten Garderoben, und sie selbst war eine Prinzessin. Von den Decken hingen kristallene Leuchter und die Wände zierten die Gemälde heroischer Ahnen. Sie tanzte mit dumm lächelnden Edelmännern und strahlenden Prinzen die ganze Nacht hindurch, bis ihre Schuhe voller Löcher und ihre Füße wund waren. Die Edelfrauen warfen neidische Blicke auf sie wegen ihrer Schönheit. Sie träumte, Aschenputtel zu sein und von ihrem Prinzen, der sie auch in den schmutzigen Kleidern einer Dienstmagd erkannte, in ein Schloss gebracht zu werden. Sie ritten zusammen auf einem Schimmel über Felder und Wiesen, und ihre Glasschuhe klapperten in der Satteltasche des Prinzen. Es hörte sich fast an wie das Ächzen von Schiffsplanken in den Wellen eines Ozeans.

Drei Tage nach ihrer Premiere im Princess fragte Marie sich zur Kabine von Grieve durch, dem Essensdekorateur. Sie erinnerte sich, dass sie ihm angeboten hatte, Netze für ihn zu knüpfen, und so begab sie sich ins Mittelschiff der Jafet, wo die Besatzung ihre Unterkünfte hatte. Als sie den ihr beschriebenen Gang erreicht hatte, klopfte sie an eine weiß lackierte, zerkratzte Stahltür. Einige Augenblicke später öffnete ihr ein überraschter Grieve und bat sie herein.

Die Kabine war sehr einfach ausgestattet. Es gab ein in die Wand eingelassenes Etagenbett mitsamt einer metallenen Leiter, zwei Spints und einen Tisch mit zwei Stühlen, das war alles. Die Kabine wurde von einer kalten Neonröhre beleuchtet, da es keine Fenster gab. Den größten Teil der freien Fläche nahm ein überdimensionaler Koffer auf einem mit einem schwarzen Tuch bedeckten Podest ein. Er war aus braunem Leder, die Ecken abgewetzt, einige vergilbte Aufkleber zeugten davon, dass er bereits viele Jahre lang Erinnerungen gesammelt hatte.

Angesichts des riesigen Koffers vergaß Marie den eigentlichen Grund ihres Besuchs. Sie vermutete im Hinblick auf das, was sie bislang über Grieve wusste, einen Zaubertrick, und so bettelte sie, dass der Essensdekorateur ihr diesen zeigen würde.

Grieve war über ihre Neugierde erfreut. Er zierte sich einige Augenblicke und verwies darauf, dass der Trick noch nicht fertig ausgearbeitet sei, doch dann öffnete er den leeren Koffer, den er einem Gast aus dem Touristendeck abgekauft hatte, und füllte ihn mit allerlei Gegenständen, die die Kabine hergab: die zwei Stühle, zwei Nachttischlampen, ein paar Bücher, eine Flasche Rum. Dabei machte er ein großes Gehabe, wedelte mit den Armen und redete großspurig. Schließlich senkte er den Deckel, verschloss den Koffer mit einem kleinen Schlüssel und forderte Marie auf, das Gepäckstück anzuheben.

Obwohl sich nicht viele Gegenstände in dem Koffer befanden, gelang es Marie nicht, den Koffer auch nur eine Handbreit von der Stelle zu bewegen. Sie zog und zerrte an dem Griff, doch es war vergeblich.

„Das geht nicht“, stellte sie schulterzuckend fest und schaute Grieve an, der sie amüsiert beobachtete.

„Das geht bestimmt“, sagte der Essensdekorateur. „Du machst das nur nicht richtig. Versuch es noch mal.“

Marie zerrte weiter erfolglos an dem Koffer. Schließlich gab sie es auf und setzte sich neben Grieve auf das Bett.

„Geht nicht“, sagte sie.

„Geht“, erwiderte Grieve. Er erhob sich, trat an den Koffer, hakte Mittel- und Ringfinger seiner rechten Hand unter den Griff und hob den Koffer ohne große Mühe in die Höhe. Dann stellte er ihn auf seinem ursprünglichen Platz zurück und setzte sich wieder neben Marie auf das Bett.

„Geht“, sagte er.

Marie wandte sich noch einmal dem Koffer zu, doch ihre Versuche, ihn anzuheben, blieben weiterhin erfolglos.

„Da ist ein Trick dabei“, stellte sie fest.

„Nein, ich bin so stark“, erwiderte Gieve.

„Quatsch. Das ist ein Trick.“

„Ich bin Zauberer. Natürlich ist das ein Trick.“

„Erzählst du mir, wie der funktioniert?“

„Zauberer geben ihre Tricks niemals preis. Ein Zaubertrick darf nur von Zauberermund zu Zaubererohr weitergegeben werden.“

„Dann stell dir einfach vor, ich wäre auch ein Zauberer.“

„Bist du aber nicht.“

„Bitte, bitte, bitte mit Honig drauf.“

Grieve lächelte im Angesicht von Maries Begeisterung für seine Zaubereien. So widerstand er nur noch kurz, bevor er seinem Gast schließlich den Trick offenbarte.

Das Podest unter dem Koffer hatte einen doppelten Boden. Alle Gegenstände wurden so in Wirklichkeit unter dem Koffer platziert, sodass der Koffer selbst nicht schwer war, wenn man ihn anhob. Der Koffer hatte jedoch auf seiner Unterseite ein Metallblech. Wenn man ihn verschloss und den kleinen Schlüssel im Schloss drehte, wurde dadurch ein Stromkreis und damit ein Elektromagnet aktiviert. Auf diese Weise ließ sich der von dem Magneten angezogene Koffer nicht verrücken. Wenn Grieve sich allerdings dem Gepäckstück zuwendete, betätigte er einen versteckten Knopf und schaltete den Elektromagneten so unbemerkt aus, sodass er ohne Mühe den Koffer anheben konnte, ganz gleich, wie schwer die Utensilien waren, die er angeblich darin verstaut hatte.

Marie lauschte mit offenem Mund und großen Augen den Erläuterungen.

„Wieso bist du Zauberer geworden?“, fragte sie schließlich.

„Weil die Bibliothek in meinem Heimatdorf finanziell nicht so gut ausgerüstet war“, erklärte Grieve.

„Was?“

Grieve erhob sich vom Bett und trat an den Spint.

„Magst du einen Tee?“, fragte er.

Als Marie nickte, entnahm er dem Spint eine Thermoskanne und zwei Keramiktassen und goss vorsichtig Tee ein.

„Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, mit einer großen Familie und vielen Ziegen“, erzählte er. „Wir hatten im Dorf eine kleine Bibliothek, in der ich viel Zeit verbrachte, wenn ich nicht gerade Ziegen hüten musste.“

Er setzte sich neben Marie auf das Bett und reichte ihr eine der Tassen.

„Als ich acht Jahre alt war, schaffte sich die Bibliothek ein Lexikon an“, fuhr er fort. „So ein richtig teures, in Leder gebunden und in 24 Bänden. Wobei die Bände in einem Abstand von zwei Monate erschienen. Jeder einzelne wurde von der Bibliothekarin, einer alten, dicken Jungfer aus dem Nachbardorf, nach Eintreffen feierlich in die Regale gestellt.“

Er nahm einen Schluck Tee, bevor er weitererzählte.

„Ich hatte außer Ziegen und Hühnern noch nicht viel von der Welt gesehen, und das Lexikon faszinierte mich. Während die anderen Jungen draußen auf dem Feld mit einem in Baumwolllappen gewickelten Kürbis Fußball spielten, las ich den ersten Band von vorn bis hinten durch. Als ich damit fertig war, wusste ich, dass ich später einmal Astronaut werden würde. Ich übte jeden Tag, möglichst lange die Luft anzuhalten, weil ich davon überzeugt war, dass man das können musste, um im luftleeren Raum zu überleben. Doch dann kam der zweite Band mit den Buchstaben Bf bis Ce heraus. Als ich mit diesem fertig war, wusste ich, dass das Schicksal für mich ein Leben als Biologe vorgesehen hatte. Ich hatte bereits begonnen, in der Gegend Frösche einzusammeln, um sie anschließend fachgerecht zu sezieren. Aber dann kam mir der nächste Band des Lexikons in die Quere.“

Grieve machte eine Pause und betrachtete nachdenklich seine Tasse.

„Danach wollte ich Chemiker werden“, sagte er dann. „Und anschließend, je nach aktuellem Lexikonband, Elektriker, Ethnologe, Fotograf, Geologe, Großwildjäger, Höhlenforscher, Ingenieur, Kaufmann, Leibwächter, Maler, Meteorologe, Ornithologe, Pilot, Rechtsanwalt, Schriftsetzer, Statistiker, Taxifahrer, Tischler, Versicherungsvertreter und Wanderprediger. Nach knapp vier Jahren war der letzte Band mit den Buchstaben X bis Z erschienen, und ich beschloss, Zauberer zu werden.“

„Aber wieso haben dann die finanziellen Probleme der Bibliothek dich zum Zauberer gemacht?“, wollte Marie wissen. „Das war doch ein teures Lexikon.“

„Normalerweise war es bei den Lexikonverlagen Brauch“, erklärte Grieve, „dass am Ende noch ein 25. Band erschien mit all den Änderungen aus den vier Jahren, die seit dem ersten Band vergangen waren. Aber für diesen Folgeband hatte die Bibliothek kein Geld mehr. Deshalb habe ich mich dem nächsten Wanderzirkus angeschlossen, der in unserem Dorf vorbeikam, um dort als Zauberer zu arbeiten.“

Marie nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse.

„Eigentlich hatte ich mehr mit einem ‚Mein Vater war auch schon Zauberer‘ gerechnet“, sagte sie. Dann betrachtete sie die Metallleiter neben sich, die zur oberen Schlafkoje führte.

„Warum hast du zwei Betten in deiner Kabine?“, fragte sie.

„Das Personal hat keine eigenen Kabinen“, sagte Grieve. „Wir teilen uns die Kabinen zu zweit. Da oben schläft Sbrinz, der Chefkoch.“

„Sbrinz? Der ist mir unheimlich. Der hat so einen düsteren Blick.“

„Ach was, der ist in Ordnung“, entgegnete Grieve. „Der sitzt meist irgendwo in einer Ecke an Deck und trinkt Rum, und ich kann hier in Ruhe neue Zaubertricks ausprobieren.“

„Zeigst du mir noch einen?“ Marie klatschte in die Hände wie ein kleines Mädchen.

Grieve lächelte. „Na gut, aber es werden keine Tricks mehr verraten.“ Er griff nach seinen Spielkarten.

An diesem Abend hatte Livarot zu einem Empfang in Maries Kabine geladen, und zum ersten Mal hatten alle von Livarot Angesprochenen auch zugesagt. Für Marie war aus diesem Anlass ein Kleid aus Livarots Schrank umgenäht worden. Ihre Haare wurden zu einem kleinen Haarkranz frisiert, die Hände manikürt und mit dunkelrotem Nagellack geschmückt, und dem Gesicht wurde mit ein wenig Schminke Leben eingehaucht. Wobei Livarot dafür sorgte, dass Marie nicht allzu strahlend aussah an diesem Abend. Ein bisschen bedauernswert sollte sie schon noch wirken, damit alle sahen, was für ein mitleidiges Herz Livarot hatte, wenn sie sich um Marie kümmerte.

Livarot hatte für diesen Abend in der Küche Kaviar bestellt, doch von dort hieß es, Kaviar sei ausgegangen. So gab es, als der Empfang begann, lediglich Kanapees mit Lachs und Schinken als kaltes Buffet. Auf fünf Platten verteilt waren die Appetithappen an der Fensterseite der Kabine gruppiert, die nun doch angesichts der erwarteten Gästemengen etwas beengt wirkte. Man hatte einen Esstisch improvisiert, indem man ein großes Holzbrett mitsamt weißer Tischdecke auf dem Bett stabilisiert hatte. Manchego, der Chefsteward, hatte sich bereit erklärt, die anwesenden Gäste persönlich mit Getränken zu bewirten. Es gab Champagner, Rotwein und Orangensaft.

Marie trug ein dunkelrotes Abendkleid, das einzige farbige, das Livarot in ihrem Schrank gefunden hatte. Es war noch immer zu weit an den Hüften. Passend zum Abendkleid hatte sie Ohrringe angelegt, dicke goldene Klunker, die schmerzhaft an ihren Ohrläppchen zogen. Nur die Schuhe stellten noch ein Problem dar, da Marie und Livarot nicht dieselbe Schuhgröße hatten. In der Boutique fanden sich nur noch ein paar Turnschuhe in Maries Größe, die zu ihrer Abendgarderobe nicht passten. Daher zog Marie es vor, barfuß zu gehen. Alles in allem fand sie sich wahnsinnig schick.

Nach und nach kamen die Gäste. Zunächst die Chesters und Caciocavello, dann Stilton und Mrs. Westberg, eine Dame mittleren Alters mit angegrautem lockigem Haar und Unmengen an Bernsteinketten um den Hals. Viele weitere Passagiere folgten, die alle von Livarot freundlich empfangen wurden. Als es begann, eng zu werden in der Kabine, legte der Chefsteward eine CD mit Klezmermusik ein und ließ die Bläser gegen das lauter werdende Stimmengewirr ankämpfen. Gesprächsfetzen zogen ziellos durch den Raum und suchten nach Ohren, in die sie eindringen konnten.

„Sind das alles hier ihre Freunde?“, fragte Stilton Marie und wies mit einer Handbewegung auf die Anwesenden, die sich über das Buffet hermachten.

„Kann schon sein“, erwiderte sie. „Die meisten Leute hier kenne ich noch nicht.“

Livarot bemerkte den eintretenden Kapitän Caerphilly und begrüßte ihn wort- und gestenreich. Sie schnippte den Chefsteward heran, nahm zwei gefüllte Champagnergläser von seinem Tablett und reichte eines davon dem Kapitän.

„Was tut sich auf der Brücke?“, fragte sie kumpelhaft. „Was planen Sie dort für die Zukunft?“

„Nun, noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir demnächst einen Hafen finden, in dem wir unsere Vorräte auffüllen können“, erwiderte der Kapitän reserviert. Er hasste es, wenn die Passagiere versuchten, mit ihm zu fachsimpeln, doch das ließ sich in seiner Position leider nicht vermeiden.

„Und wenn nicht?“

„Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, nach Amerika überzusetzen. Wir sind derzeit nicht in der Lage, uns ein Bild davon zu machen, wie es auf der anderen Seite des Ozeans aussieht. Vielleicht hat diese furchtbar dumme Katastrophe dort weniger Schaden angerichtet.“

„Noch etwas Wein, Miss Marie?“, fragte Manchego, der zufällig und unerwartet ein leeres Glas in Maries Hand entdeckte.

„Gern“, erwiderte sie. Sie ließ sich das Glas füllen und trank es in einem Zug aus. „Kann ich noch was haben?“

„Haben Sie mich schon einmal im Fernsehen gesehen?“, wandte sich Caciocavello an Marie und ließ sich ebenfalls sein Weinglas füllen.

„Wir hatten keinen Fernseher bei uns zu Hause“, sagte Marie.

„Über Satellit hätten sie mich bestimmt empfangen können“, überlegte Caciocavello.

„Was haben Sie im Fernsehen gemacht?“, fragte Marie.

„Ich hatte eine Nachmittags-Talkshow. Jeden Donnerstag um halb vier.“

Er dachte wehmütig zurück an seine Gespräche mit all den bedeutenden Personen des Gesellschaftslebens. In seinen besten Zeiten hatten die Leute stundenlang Schlange gestanden, um für die Liveübertragung einen Platz im Studio zu ergattern. Und genauso hatten sie sich um seine Autogrammkarten gedrängelt. Er hatte sogar einige Aushilfen gehabt, die nur dafür eingestellt worden waren, um seinen Namen auf die Autogrammkarten zu schreiben. Dass dies zu unterschiedlich aussehenden Unterschriften führte, hatte nie jemanden gestört. Im Gegenteil, er hatte gehört, dass komplette Sammlungen seiner Autogrammkarten mit allen im Umlauf befindlichen Schriftzügen existierten.

„Sie glauben also“, sagte Livarot zu Caerphilly und versuchte, ein möglichst strahlendes Lächeln herüberzuschicken, „dass auf der anderen Seite des Ozeans noch alles in Ordnung ist?“

„Möglich wäre es zumindest“, antwortete der Kapitän.

„Wozu sich Sorgen machen? Gott wird schon alles richten“, fand Mrs. Chester. Sie war zwar nicht besonders gläubig, doch sie besaß eine angeborene Gewissheit, dass es eine allmächtige Kraft geben müsse. Und weil sie regelmäßig ihre Kirchensteuer gezahlt hatte, war sie überzeugt, dass dieser Gott schützend die Hand über sie halten würde. „Nicht wahr, Chad?“

„Ja, ja“, sagte Mr. Chester, der nur unwillig mitgekommen war. Er nuckelte an seiner Pfeife, damit die Glut nicht ausging, obwohl er nicht unbedingt unterscheiden konnte, ob der Tabak noch glühte oder nicht. Das Alter hatte der Zahl seiner Geschmacksnerven zugesetzt, sodass der Pfeifenrauch für ihn nicht anders schmeckte als ein hart gekochtes Ei. Oder eine Brise Seeluft.

„Kennen Sie James Grieve?“, fragte Marie Caerphilly. „Er kann zaubern.“

„Ich weiß“, erwiderte Caerphilly. „Doktor Schabziger hat ihn gesehen, als er auf Ferdinandea auf einem Jahrmarkt zauberte. Er macht seine Sache als Essensdekorateur ganz gut.“

„Ich finde, er macht seine Sache großartig. Ich habe gesehen, wie er eine Münze einfach verschwinden lassen hat.“

„Auf den Jahrmärkten lassen die Zauberer ganze Elefanten verschwinden, wenn ihnen danach ist“, entgegnete Caerphilly.

„Und so etwas geht?“, fragte Marie erstaunt.

„Es ist gar nicht so schwer, Dinge anders aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind.“

„Toll“, sagte Marie und griff sich das letzte Schinkenbrötchen.

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9783752922455
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