Читать книгу: «Schwur auf Rache»
Carola Schierz
Schwur auf Rache
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Einige Jahre zuvor …
Verrat
Schwur auf Rache
Aufbruch in ein neues Leben
Das geheime Lager
Die Rächer
Veränderungen
Ein (un)ruhiges Fest
Der trojanische Plan
Luises Entführung
Ein riskanter Plan
Der Prozess
Neubeginn
Impressum neobooks
Prolog
Es waren nur noch wenige Meter bis zum Waldrand. Er konnte sehen, wie die Sonnenstrahlen immer stärker durch das lichter werdende Dickicht drangen. Dann verließ er den Schutz der Bäume und lenkte sein Pferd auf die Spitze des grünen Hügels. Hier hatte man die beste Sicht auf Schloss Kaltenstein. Er saß ab und ließ Parsifal von dem saftigen Gras fressen. Äußerlich ruhig sah er sich um, doch in seinen Eingeweiden brannte der blanke Hass. Die grauen Augen blieben auf dem Schloss ruhen – seinem Schloss!
Es thronte auf einer kleinen Anhöhe über der Stadt. Ein verspielter Bau mit mehreren Türmchen, die sich in das Blau des Himmels erstreckten. Sein Urgroßvater musste ein ausgemachter Romantiker gewesen sein.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sich Heinrich von Kaltenstein nie zum Bau dieses Schlosses entschieden hätte. Aber es war nun einmal so wie es war und er würde alles daran setzen, was in seiner Macht stand, um das Erbe seines Vaters zurückzuerobern. Noch saß Fürst Siegmund ahnungslos auf dem Thron und wusste nichts davon, dass er, Falko von Kaltenstein, hier war, um ihm alles zu nehmen. So wie auch ihm einst alles genommen wurde. Seine Heimat, seine Würde, seine Familie – sein ganzes Leben! Erst wenn Falko dieses Ziel erreicht und Siegmunds Untat gerächt hatte, würde seine verwundete Seele vielleicht zur Ruhe kommen.
Jetzt endlich war es so weit! Seit Jahren hatte er darauf gewartet. Nun würde er der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen ...
Einige Jahre zuvor …
„Beeile dich, Falko, die Kutsche steht schon bereit!“ Liebevoll blickte Katharina von Kaltenstein auf ihren Ältesten.
„Einen Moment noch, Mutter. Ich muss nur noch meine Armee einpacken! Sie werden uns auf der Reise zur Burg beschützen!“ Schnell beförderte der Junge seine kleine Armee in ein Stoffsäckchen. Er liebte die handgeschnitzten Figuren über alles. Keinen Schritt machte er ohne sie aus dem Schloss. Der kleine Trupp war ein Geschenk von Hauptmann Gernot, dem Befehlshaber der Wachmannschaft seines Vaters. Gernot hatte ihn selbst gefertigt und dem Sohn des Fürsten zu dessen achtem Geburtstag geschenkt. Das war nun schon fast zwei Jahre her. Falko verbrachte viel Zeit mit dem väterlichen Freund. Gernot beantwortete dem neugierigen Jungen bereitwillig alle Fragen und brachte ihm spielerisch einfache Kampftricks bei, die ihm bei seiner späteren Ausbildung von Nutzen sein konnten.
Heute wollte die Fürstenfamilie nach Kaltenstein-Burg reisen. Dort wohnte der Vetter des Fürsten, Siegmund, mit seiner Frau Dora und Töchterchen Luise. In zwei Tagen feierte Luise ihren neunten Geburtstag und wenn es um seine Tochter ging, war Siegmund kein Aufwand zu hoch. Da er keine weiteren Kinder hatte, verwöhnte er das Mädchen, wo es nur ging und so plante man auch in diesem Jahr wieder ein großes Fest zu ihren Ehren.
Falkos Vater Friedrich war Herr über Schloss Kaltenstein und Siegmund regierte Kaltenstein-Burg. Sie hatten schon zu Luises Geburt die Abmachung getroffen, dass ihre Kinder später heiraten sollten, um so das alte Fürstentum wieder zu vereinen. Luise und Falko wuchsen in der Selbstverständlichkeit auf, eines Tages vermählt zu werden und zweifelten, dank ihres zarten Alters, keinen Moment an der Entscheidung ihrer Väter.
Einst hatte Heinrich von Kaltenstein, ihr Urgroßvater, allein über das gesamte Land geherrscht. Er lebte mit seiner Frau und den Söhnen Otto und Konrad auf der Burg und brachte es durch weise Herrschaft zu großem Reichtum. Er entschied sich dazu, in einem anderen Teil seines Landes ein Schloss zu errichten, um so der weniger komfortablen Burg zu entfliehen. Mehrere Jahre gingen dahin, bis der Bau endlich abgeschlossen war.
Dann, als Otto und Konrad alt genug waren und Fürst Heinrich sich zur Ruhe setzte, entschied er, seinen Besitz unter ihnen aufzuteilen. Otto, der Erstgeborene, bekam Schloss Kaltenstein und die umliegenden fruchtbaren Ländereien. Konrad wurde Eigentümer von Burg Kaltenstein und dem dazugehörigen Steinbruch. Dieser hatte nicht unwesentlich zum Reichtum der Familie beigetragen, da alle größeren Baustellen im Umland ihre Steine daraus bezogen. Die Einkünfte aus dem Holzhandel und den Märkten teilten sie gerecht. Als Grenze zwischen beiden Herrschaftsbereichen diente ein Fluss, der das Land natürlich in etwa gleichgroße Hälften teilte: Kaltenstein und Kaltenstein-Burg. Alle waren mit dieser Lösung zufrieden und lebten in völliger Eintracht und Harmonie.
Otto gab seinen Besitz später an Sohn Friedrich weiter. Die beiden älteren Töchter verheiratete er standesgemäß. Fürst Konrads Erbe fiel an sein einziges Kind Siegmund.
Jetzt sollte endlich alles wieder zusammengeführt werden - doch Machtgier und Habsucht warfen ihre dunklen Schatten voraus.
Falko saß neben dem Kutscher, wie er es am liebsten tat, und ließ sich die warme Maisonne auf die Nase scheinen. Langsam fand er seine gute Laune wieder. Diese war ihm abhandengekommen, als er erfahren musste, dass Gernot sie diesmal nicht begleiten würde. Der Hauptmann war seit zwei Tagen mit Fieber ans Bett gefesselt und hatte keine Chance, sich auch nur für ein paar Minuten aufrecht im Sattel zu halten. Falko kannte zwar die meisten Soldaten des Begleittrupps, aber es war nicht dasselbe, ohne den älteren Freund.
Bis zur Burg hatten sie etwa fünf Stunden Fahrt vor sich. Ein Teil der Strecke führte entlang der Handelsstraße, vorbei an kleinen Siedlungen und weiten Feldern. Danach ging es durch den Wald und Falko sog den starken Geruch von Harz und Tannennadeln in sich auf. An einer Lichtung machten sie ein Picknick. Die Diener richteten alles nett her und Falko spielte derweil mit seinen beiden kleinen Schwestern Verstecken. Danach ließen sie es sich schmecken und genossen fröhlich das seltene Zusammensein der ganzen Familie.
Zum frühen Nachmittag traf die kleine Gesellschaft auf der Burg ein.
Siegmund von Kaltenstein-Burg und seine Frau Dora begrüßten ihre Gäste aufs Freundlichste. Luise stand etwas abseits und äugte immer wieder vorsichtig zu ihnen herüber. Die Kaltensteiner waren es schon gewöhnt, dass das Mädchen immer eine Zeit brauchte, um sich zu öffnen und winkten ihr nur kurz zu. Falko seinerseits musterte sie aufmerksam. Luise war ein ausgesprochen hübsches Mädchen. Sie hatte langes rotbraunes Haar, eine kleine Stupsnase und einen süßen Schmollmund. Das Auffälligste aber waren ihre ungewöhnlich grünen Augen. Jeder, der sie zum ersten Mal sah, wurde von ihrem Blick gefesselt, fast so, als würde das Kind hypnotische Fähigkeiten besitzen.
Bei einer Tasse Tee und etwas Gebäck plauderte die kleine Gesellschaft über alles, was sich in der Zeit seit ihrem letzten Zusammentreffen ereignet hatte.
„Was machen die Geschäfte?“, erkundigte sich Fürst Siegmund irgendwann interessiert bei seinem Vetter. Er war ein hagerer Mann Ende dreißig, mit dunklem Haar und einem dichten Vollbart. Sein Blick wirkte kühl und durchdringend, auch wenn er immer sehr freundlich schien. Fürst Friedrich dagegen hatte, genau wie sein Ältester, dunkelblondes leicht gelocktes Haar. Oft fiel es ihm störrisch ins Gesicht und ließ ihn noch immer sehr jugendlich wirken.
„Alles zum Besten. Wir hatten im letzten Jahr eine Rekordernte und die Einkünfte aus den Märkten können sich auch sehen lassen, wie du selbst weißt. Wir werden unseren Kindern, sollte uns das Glück weiter so hold sein, ein stattliches Erbe hinterlassen!“
Bei den letzten Worten des Vaters schaute Falko peinlich berührt auf seinen Teller. Dann hob er den Blick und begegnete den grünen Augen. Luise schaute ihn mit einem breiten Grinsen an. Im Gegensatz zu ihm liebte sie es, wenn dieses Thema zur Sprache kam. Dann fühlte sie sich wichtig und das wiederum mochte das verwöhnte Mädchen besonders gern. Falkos Schwestern kicherten albern, was seinem Wohlbefinden nicht gerade dienlich war.
„Das klingt sehr zufriedenstellend, mein Lieber!“, antworte Siegmund und lächelte. „Lass uns in die Bibliothek gehen und detaillierter darüber reden. Die Damen langweilen sich bei geschäftlichen Themen doch nur und ich habe noch einige Fragen an dich!“ Mit einem entschuldigenden Blick zu ihren Frauen, erhoben sich die Männer und verließen den Raum.
„Und schon haben sie uns wieder verlassen“, stöhnte Dora resigniert auf. Sie war eine kleine, eher rundliche Person, mit einem sehr hübschen Gesicht und dem gleichen rotbraunen Haar wie Luise. „Ich bekomme Siegmund in letzter Zeit kaum noch zu sehen. Er hat immerzu irgendeine Besprechung und wenn er dann einmal bei mir ist, hängt er ständig seinen Gedanken nach.“
Katharina, eine große schlanke Frau mit edlen Zügen, strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn und sah sie mitleidig an. „Nun, meine Liebe, wir werden uns wohl damit abfinden müssen, dass unsere Männer mit Leib und Seele ihren Pflichten nachgehen. Aber lass uns das Beste daraus machen. Ich hätte Lust, noch auf einen Spaziergang um die Burg zu gehen. Nach der langen Fahrt wäre ein bisschen Bewegung sehr angenehm und die Kinder könnten noch ein wenig herumtollen.“
Dora fand die Idee gut. Sie mochte Katharina sehr und verbrachte gern Zeit mit ihr. Es war wunderbares Wetter und die Sonne stand noch recht hoch am Himmel.
Siegmund und Dora hatten die alte Burg aufwändig renovieren lassen und sich so ein behagliches Heim geschaffen. Blickpunkt in fast jedem der Räume waren die kunstvoll gestalteten Kamine. Verschiedene Meister der Bildhauerzunft hatten sich hier verewigt. Alle Wände erstrahlten in hellem Weiß, so dass man dadurch über den spärlichen Lichteinfall hinweggetäuscht wurde. Die Einrichtung war zum größten Teil im Jagdstil gehalten und an den Wänden befanden sich zahlreiche Trophäen von Siegmunds erfolgreichen Fährtengängen.
Durch das große Eichenportal verließen sie die Burg. Von der Sonne geblendet kniff Falko die Augen zusammen. Marie und Klara, seine Schwestern, liefen sofort voraus und spielten Fangen. Die beiden Damen waren in allgemeinem Klatsch vertieft und Falko ließ sich etwas zurückfallen, um seine Ruhe zu haben. Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass Luise nicht von seiner Seite wich.
„Willst du nicht ein wenig mit den Mädchen spielen?“, fragte er sie genervt.
Sie ließ sich durch seine abweisende Haltung nicht beirren. „Nein, ich bleibe lieber bei dir!“ Mit der Hand wies sie auf das Stoffsäckchen an seinem Gürtel. „Was hast du da drin? Zeig es mir! - Bitte!“
„Nein, das geht dich nichts an! Das ist Männersache!“ Um seine Worte zu unterstreichen legte er schützend eine Hand über seinen Schatz.
Schmollend blickten ihn die smaragdgrünen Augen an.
'Wie eine Hexe!', dachte er bei sich, konnte aber nicht mehr ganz so hart bleiben. „Vielleicht zeige ich es dir ja ein andermal.“
Das schien das Mädchen ein wenig zu versöhnen. „Wie gefällt dir mein Kleid?“, fragte sie ein wenig zu keck für ihr Alter.
Falko zog die Stirn in Falten. Was interessierte ihn ihre Garderobe? Mürrisch zuckte er mit den Schultern. „Ganz nett. Ist mir aber ziemlich egal.“
Luise schien das nicht gehört zu haben, denn sie sprach schnell weiter. „Übermorgen in acht Jahren werde ich siebzehn! Dann werden wir beide heiraten und ich werde bestimmt die schönste Braut auf der ganzen Welt sein.“
„Kann sein“, antwortete er desinteressiert. Es war ihm egal, wie sie irgendwann als Braut aussah. Für ihn war das Ganze nur eine Art Pflichterfüllung, an der man nicht vorbeikam, wenn man erwachsen wurde.
„Dann werden wir für immer und ewig zusammen sein. Freust du dich schon?“, schwärmte sie weiter.
Falko stöhnte auf. Bei dem Gedanken allein, bekam er schon Panik. „Hör zu, ich habe jetzt wirklich keine Lust zum Reden. Außerdem werden wir überhaupt nicht viel zusammen sein, denn ich bin später ein großer Kriegsherr und fast nie zu Hause.“
Nun war Luise doch gekränkt und redete für den Rest des Tages kein Wort mehr mit ihm. Falko war damit zufrieden und beachtete sie nicht weiter.
Nach dem Abendessen las Luises Mutter allen noch ein wenig aus einem Buch vor. Dann wurden die Kinder zu Bett geschickt. Falkos Familie bewohnte drei der Gästezimmer. Eines seine Eltern, eines teilten sich Marie und Klara und zu seiner Freude hatte er das dritte ganz für sich allein. Im Bett packte er sofort seine hölzernen Freunde aus und spielte mit ihnen eine Schlacht nach. Immer wieder musste er den einen oder anderen Krieger zwischen den dicken Daunendecken suchen. Dann verstaute er sie alle wieder in das Säckchen und schob es unter sein Kopfkissen.
Am nächsten Morgen erwachte Falko, als die Magd mit frischem Waschwasser hereinkam und die Vorhänge öffnete.
„Eure Mutter lässt ausrichten, dass sie den jungen Herren zum Frühstück im Speisezimmer erwartet.“ Das Mädchen deutete einen Knicks an und verließ den Raum. Mit hochgereckten Armen ging Falko ans Fenster und streckte sich. Auch heute war das Wetter wunderbar. Sein Blick fiel auf den kleinen Teich im Burggelände und er beschloss, sich nach dem Frühstück heimlich davonzustehlen, um dort ungestört spielen zu können.
Genau das tat er dann auch. Nur seiner Mutter flüsterte er unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinen Plan zu, damit sie sich keine Sorgen machte. Diese verstand ihren Sohn nur zu gut und sah ihm lächelnd nach.
Es wurde ein recht heißer Vormittag und Falko setzte sich zwischen die Büsche ans Ufer. Mit den Füßen im Wasser genoss er die Ruhe und spielte mit seiner Armee. Er war so in sein Spiel vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie sich Luise heranschlich. Das Mädchen hatte ihn zunächst in der Burg gesucht und dann von einem Fenster aus gesehen.
„Hier hast du dich also versteckt! Aber ich habe dich doch gefunden. Ätsch!“ Undamenhaft steckte sie ihm die Zunge heraus. Dann fiel ihr Blick auf die kleinen Figuren. „Waren die in dem Säckchen drin?“ Neugierig trat sie näher.
Da es nun eh keinen Sinn mehr hatte die Truppe zu verstecken, setzte er eine wichtige Miene auf und begann zu erklären: „Das ist meine Armee. Der hier ist der Hauptmann Parsifal. Das andere sind seine treuen Soldaten. Ich bin ihr Oberbefehlshaber!“
Verständnislos blickte Luise auf die Figuren. „Willst du darum später unbedingt in den Krieg ziehen? Ich finde das furchtbar! Meine Mutter sagt, im Krieg sterben Menschen. Ich will nicht, dass du tot bist!“
Falko fand es zwar sehr nett von ihr, dass sie sich um ihn sorgte, aber sein Entschluss stand nun mal fest. Er wollte sich von Gernot zu einem großen Krieger ausbilden lassen und dann mit seinen Männern die königlichen Truppen unterstützen. Dann würde er seine Eltern, mit unzähligen Orden an der schicken Uniform, stolz machen.
„Tja, aber Männer müssen nun mal ihr Land vor Feinden beschützen.“
„Wirst du mich auch beschützen?“ Wieder hatte sie die smaragdgrünen Augen auf ihn gerichtet.
„Mal sehen!“ Plötzlich griff Luise nach seinem Hauptmann. Er wollte nicht, dass sie ihn bekam und hielt Parsifal hoch über den Kopf. Schnell sprang das Mädchen auf und griff erneut danach. Dabei rutschte sie aus und fiel rücklings in den Teich. Erschrocken blickte Falko auf das aufgewühlte Wasser. Kurz tauchte Luises Kopf über der Oberfläche auf und sie schnappte nach Luft. Es war offensichtlich, dass sie nicht schwimmen konnte.
Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang er hinterher und zog das Mädchen an Land. Keuchend und pitschnass lagen sie nebeneinander am Ufer.
„Meine Mutter wird schimpfen, wenn sie mich so sieht!“, flüsterte Luise atemlos.
„Denkst du etwa meine nicht?“, keuchte er zurück. „Wir müssen die nassen Sachen ausziehen und zum Trocknen aufhängen, dann merken sie vielleicht nichts.“ Als sie ihn mutlos ansah, meinte er schulterzuckend: „Zumindest können wir es ja versuchen.“
Beide zogen sich bis aufs Hemd aus. Als sie die Kleider über die Sträucher gelegt hatten, setzten sie sich wieder in die warme Sonne.
„Danke, dass du mich gerettet hast. Du bist ein Held!“ Schüchtern lächelte sie ihn an.
Falko hätte lügen müssen, wenn er nicht zugeben wollte, dass ihm diese Worte schmeichelten. „Schon gut, schließlich ist so was Ehrensache für einen zukünftigen Feldherrn.“ Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.
„Was ist das?“ Luise strich mit dem Zeigefinger über den dunkelroten Fleck an seinem Oberschenkel.“
„Ein Muttermal! Also eigentlich hab ich das von meinem Vater. Er hat genau dasselbe.“
Aufmerksam sah sie hin. „Sieht aus wie ein kleiner Stiefel!“, meinte sie nachdenklich.
„Findest du? Hm, stimmt sogar. Hab mir da noch nie Gedanken drüber gemacht.“
Nun begannen sie ausgelassen zu plaudern. So ganz ohne ihren modischen Glanz, benahm sich Luise wie ein völlig normales Kind und Falko begann ernsthaft, sie zu mögen. Bald spielten sie sogar gemeinsam mit seinen Soldaten. Stolz erzählte ihr der Junge von seinem Freund Gernot und was der ihm schon alles beigebracht hatte. Mit einem Stock demonstrierte er verschiedene Kampfzüge.
Aufgeregt klatschte Luise in die Hände. „Das machst du toll! Sag mal, hast du nicht Lust, mein Ritter zu werden?“
Zunächst fand Falko die Idee albern, aber dann sah er an ihrem Gesicht, dass sie es ganz ernst meinte und war geschmeichelt. „Gut! Was muss ich denn dafür tun?“
Sie hatte rote Bäckchen vor Begeisterung. „Du musst vor mir niederknien und schwören, immer für mich da zu sein. So machen es die Ritter in Mutters Geschichten immer.“
Davon war Falko weniger begeistert, doch er wollte ihr die Freude gönnen. „Aber es bleibt unser Geheimnis! Das ist meine Bedingung.“
Sie willigte ein, auch wenn sie es schade fand, nicht mit ihrem Ritter angeben zu dürfen.
Als die Sachen trocken waren, und beide sich so gut wie möglich hergerichtet hatten, war der große Moment gekommen. Falko kniete vor Luise nieder.
Sie nahm seine Hand und sagte mit gewichtigem Tonfall: „Falko von Kaltenstein, willst du fortan mein Ritter sein, mir dienen, mein Leben mit dem deinen schützen und mir in der Not zur Seite stehen?“ Eigentlich war es nur ein Spiel, aber beide Kinder spürten, dass sie es sehr ernst meinten.
Aufrichtig blickten seine grauen Augen in ihre grünen, als er sagte: „Ich schwöre es!“
Von der Situation beeindruckt verharrten die Kinder noch einen Moment reglos, bevor sich der Junge erhob. Dann war der Zauber vorbei und sie mussten beide lachen. Schnell verfielen sie wieder in ihre ausgelassene Stimmung und kehrten gerade noch rechtzeitig zum Mittag in die Burg zurück.
„Luise, Falko! Wie seht ihr denn aus! Ist euch etwas passiert?“ Aufgeregt kamen beide Mütter auf sie zu. Ihre Kleider waren zwar wieder trocken, aber völlig zerknittert und ramponiert. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Geschichte zu erzählen. Geschockt bedankten sich Luises Eltern für deren Rettung und Falko genoss es erneut, der große Held zu sein.
Am Morgen von Luises neuntem Geburtstag wachte Falko mit einem flauen Gefühl im Magen auf. Er war erst sehr spät eingeschlafen. Lange hatte er über die Ereignisse am Teich nachgedacht und festgestellt, dass ihm die Zeit mit Luise sehr viel Spaß gemacht hatte. Inzwischen sah er in ihr so etwas wie eine gute Freundin. Mit reichlicher Überwindung rang er sich dazu durch, ihr ein besonderes Geburtstagsgeschenk zu machen. Er wollte dem Mädchen einen seiner Soldaten überlassen, damit der sie beschützen konnte, wenn Falko nicht da war, um seine Ritterpflicht zu erfüllen. Vorsichtig zog er das Stoffsäckchen unter seinem Kopfkissen hervor und breitete dessen Inhalt auf der Bettdecke aus. Bedächtig nahm er jeden der kleinen Kämpfer in die Hände. Dann hatte er sich entschieden. Anselm, sein ruhmreicher Schwertkämpfer, würde wohl am besten auf Luise achten. Er stellte den Auserwählten auf den Nachtschrank und beförderte den Rest der Truppe zurück in das Säckchen. Dann stand der Junge auf, um etwas zu suchen, womit man das Geschenk verpacken konnte. Aus Mangel an geeignetem Papier, griff er zu einem sauberen Taschentuch, welches seine Mutter mit Falkos Initialen bestickt hatte. Behutsam wickelte er Anselm darin ein und band das Ganze mit einer der Seidenschleifen zusammen, die ihm normalerweise für seinen Zopf dienten.
Als Falko im Esszimmer eintraf, war schon die ganze Familie um das stolze Geburtstagskind versammelt. Luise trug erwartungsgemäß ein nagelneues Kleid und ließ freudig die zahlreichen Glückwünsche über sich ergehen.
„Na das wird aber Zeit, mein Sohn!“, begrüßte Fürst Friedrich seinen Ältesten. „Komm her und gratuliere unserer lieben Luise zum Geburtstag!“
Peinlich berührt brachte ihr Falko, unter den Blicken der Anwesenden, seine Wünsche entgegen. In der linken Hosentasche spürte er das Geschenk gegen seine Leiste drücken. Auf keinen Fall wollte er es Luise jetzt geben, wo alle dabei zusahen. Darum gratulierte er nur höflich und war froh, als sie sich an den Tisch begaben, um zu frühstücken. Im Anschluss an die Mahlzeit erhob sich Fürst Siegmund würdevoll und bat alle Anwesenden nach draußen. Dort erwartete sie schon ein Stallbursche mit einem schönen braunen Fohlen, das liebevoll mit bunten Bändern geschmückt worden war. Freudig kreischend lief Luise auf das Pferdchen zu und schlang zärtlich ihre Arme um dessen Hals. Auch Falko und seine Schwestern gesellten sich dazu und bewunderten das großzügige Geschenk ausgiebig. Zufrieden über den Erfolg seiner Überraschung, bat Siegmund seine Gäste wieder in die Burg.
Falko und Luise blieben noch einen Moment allein. Darauf hatte der Junge nur gewartet. Schüchtern zog er das kleine Bündel aus seiner Hosentasche und überreichte es dem Mädchen wortlos.
„Oh! Du hast ein Geschenk für mich? Wie schön!“ Vor Überraschung und Neugierde bekam sie rote Flecken am Hals. Ungeschickt öffnete Luise das Tuch und machte große Augen, als die Figur zum Vorschein kam.
„Das ist Anselm. Er ist der beste Schwertkämpfer in meiner Armee und wird dich immer beschützen, bis ich es einmal selbst tue. – Ich hoffe du freust dich ein wenig!?“
Luise war beeindruckt. „Du willst ihn mir wirklich schenken? Ich weiß doch, wie viel dir deine Kämpfer bedeuten! Das ist sehr großzügig. Danke! Ich werde ihn immer bei mir tragen.“ Zu seiner Überraschung fiel ihm das Mädchen um den Hals und gab ihm einen schüchternen Kuss auf die Wange. Dann lief sie ohne ein weiteres Wort zurück zur Burg. Falko grinste übers ganze Gesicht, während er ihr nachschaute. So etwa mussten sich die Ritter gefühlt haben, wenn sie das holde Burgfräulein für sich gewonnen hatten.
Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm, wenn man erwachsen wurde und heiraten musste …
Während des Tages blieben die beiden Familien noch unter sich. Sie redeten zusammen, spielten und spazierten mit dem Fohlen über das Burggelände.
Am Nachmittag begann der offizielle Empfang zu Luises Geburtstag. Zahlreiche geladene Gäste trafen ein, um dem Mädchen und damit vor allem ihrem Vater zu huldigen.
Am Abend wurde getanzt. Die Kinder hatten sich in eine Ecke des Saales zurückgezogen und beobachteten das Treiben. Falko fiel auf, dass Fürst Siegmund einen nervösen Eindruck machte. Wann immer es ihm möglich war, begab er sich an eines der Fenster und schaute kurz hinaus.
'Sicher hat er noch eine Überraschung für Luise vorbereitet!', dachte der Junge bei sich und war neugierig, was es wohl sein könnte. Dann schien Siegmund zu erspähen, was er erwartet hatte und verließ eilig den Saal.
Heimlich schlich Falko ihm nach. Doch zu seiner Enttäuschung sah er nur, wie Luises Vater mit einem hochgewachsenen Mann sprach. Dieser hatte langes dunkelbraunes Haar und trug Reitkleidung.
„… Ich verlange, dass alles reibungslos abläuft! Sonst wirst du mir persönlich dafür haften!“, hörte er Luises Vater gerade sagen. „Wenn du deinen Auftrag morgen zu meiner Zufriedenheit erfüllst, wirst du eine angemessene Belohnung erhalten und deine Männer ebenfalls. Keiner darf übrig bleiben! Ich hoffe, wir haben uns verstanden!“
Der Fremde verneigte sich kurz und Siegmund ging zurück in den Saal. Falko beobachtete, wie der Mann sich anschickte seine Handschuhe anzuziehen. Dabei fiel sein Blick auf eine große Narbe auf dessen linkem Handrücken und auf den Stumpf des abgetrennten kleinen Fingers. 'Bestimmt ist er ein Krieger'!, dachte Falko. Doch was sollte das für eine Überraschung sein? Vielleicht gab es ja doch keine.
Eine Stunde später schien der Junge seine Erklärung zu bekommen. Alle Gäste wurden nach draußen gebeten, um sich ein grandioses Feuerwerk anzusehen. Also war der Mann wohl doch kein Krieger und hatte seinen Finger eher beim Zünden eines Feuerwerkskörpers verloren. Aber wieso hatte Luises Vater von 'morgen' geredet? Nun, da hatte er sich wohl verhört. Staunend betrachtete er das Funkeln und Knallen am Nachthimmel. Zu schnell, so fand er, war es vorbei.
Und damit war auch der Abend für die Kinder zu Ende.
„Geht jetzt zu Bett und schlaft schnell, denn morgen nach dem Frühstück fahren wir zurück. Das wird sicher wieder sehr anstrengend!“, mahnte Falkos Mutter.
Als er in den weichen Kissen lag, lauschte er der Musik aus dem Ballsaal und dachte über den vergangenen Tag nach. Er war wirklich schön gewesen! Am allerschönsten fand er natürlich Luises überschwänglichen Dank für sein Geschenk. Er fühlte sich schon wie ein richtiger Mann. Na ja – jedenfalls fast!
Verrat
Am Morgen der Abreise versammelte sich die ganze Familie noch einmal im Esszimmer. Angeregt unterhielten sie sich über das gelungene Fest vom Vortag.
„Du hast dich wieder selbst übertroffen, Siegmund!“, lobte Fürst Friedrich seinen Vetter.
„Für meine geliebte Tochter ist mir kein Opfer zu groß!“, antwortete dieser mit einem auffallenden Glitzern in den Augen. Friedrich registrierte dies wohl, schrieb es aber einzig der übermäßigen Vaterliebe seines Gegenübers zu. Lächelnd lehnte er sich zurück. Als alle ihr Mahl beendet hatten, mahnte er die Seinen zum Aufbruch.
An der Kutsche verabschiedeten die Familien sich voneinander. Dora küsste Katharina auf die Wange und wünschte ihr, mit Tränen in den Augen, eine gute Reise. „Schade, dass ihr uns schon wieder verlasst. Die Tage sind so schnell vergangen!“
„Nun, in ein paar Wochen sehen wir uns doch schon wieder. Ich gehe davon aus, dass ihr uns zu Friedrichs Geburtstag die Ehre eures Besuches macht? Dann werde ich dir unseren neuen Rappen zeigen. Wir wollen ihn zur Zucht verwenden. Unser Stallmeister ist regelrecht verliebt in das Tier. Du wirst begeistert sein, meine Liebe.“ Katharina lag es fern, vor Dora zu protzen und diese wusste das natürlich. Luises Mutter hatte ein Faible für Pferde und versicherte Katharina freudig ihr großes Interesse.
Gleichzeitig richtete Fürst Friedrich das Wort an seinen Vetter. „Wir danken euch herzlich für eure Gastfreundschaft. Wir haben uns alle sehr wohl gefühlt. – Wie immer!“, fügte er aufrichtig lächelnd hinzu.
„Oh, du weißt wie gern wir euch hier haben. Ich wünsche euch eine gute Heimreise.“
Friedrich fand, dass sein Vetter etwas angespannt wirkte. „Bedrückt dich etwas, mein Lieber? Wenn ich etwas tun kann …?“
„Ach! Nichts, wobei du mir behilflich sein könntest. Die Lösung meines Problems ist auch schon in greifbare Nähe gerückt. Also sei unbesorgt!“ Sie umarmten sich zum Abschied und Friedrich stieg zu seiner Frau und den Mädchen in die Kutsche.
Luise und Falko hatten sich ein wenig abseits gehalten. Traurig blickte die Kleine ihren 'Ritter' an. „Ich werde gut auf Anselm achtgeben!“, versprach sie und holte ein gelbes Seidensäckchen zwischen ihren Rockfalten hervor. Genau wie Falko bewahrte sie nun die kleine Figur darin auf und hatte sie an ihrem Bund befestigt.
Er lächelte zufrieden, doch dann wurde er wieder ernst. „Der kann gut auf sich selbst achten! Anselm soll dich beschützen und nicht umgekehrt!“ Sie reichten sich die Hände und Falko begab sich als Letzter seiner Familie in die Kutsche. Da es nach Regen aussah, hatte seine Mutter zur Enttäuschung des Jungen darauf bestanden, dass er bei ihnen saß. Dann rollte das schwere Gefährt vom Hof und die berittene Truppe formierte sich schützend um ihre Herrschaft.
Bald setzte der erwartete Regen ein und trommelte geräuschvoll auf das Kutschendach. Auf die Insassen hatte das eine einschläfernde Wirkung und so fielen die Kinder bald in einen friedlichen Schlummer.
Gerade hatten sie den kleinen Grenzfluss überquert, als das Gespann abrupt zum Stehen kam. Draußen schien etwas Ungeheuerliches vor sich zu gehen, denn es drangen Schreie und Kampflärm ins Kutscheninnere. Besorgt nahmen die Eltern ihre aus dem Schlaf hochgeschreckten Kinder in den Arm. Dann wurden die Türen aufgerissen und die Insassen gewaltsam nach draußen gezerrt. Falko konnte nicht glauben, was er sah. Eine Überzahl maskierter Banditen hatte den kompletten Begleittrupp der Familie überwältigt und ermordet. Ohne auch nur ein Wort an sie zu richten, brachten sie nun zuerst seinen Vater und dann seine Mutter um. Das Blut rann in dicken Strömen aus ihren aufgeschlitzten Kehlen, als Fürst Friedrich und seine Frau zu Boden sanken. Die Mädchen kreischten vor Angst und Falko klammerte instinktiv seine Hände um das Säckchen, in dem seine ruhmreiche Armee schlummerte. Doch kein Wunder geschah. Unfähig, auch nur eine Bewegung zu machen, musste er miterleben, wie zwei der Männer seine Schwestern zum Schweigen brachten, indem sie ihnen ihre Dolche ins Herz rammten. Nun begriff Falko seine Lage und versuchte davonzulaufen.
„Ich kümmere mich selbst um den Jungen“, hörte er einen der Männer sagen. Kurz darauf hatte er ihn eingeholt und am Arm gepackt. Genau wie bei den anderen Angreifern verdeckte ein schwarzes Tuch das Gesicht des Mannes und ließ nur seine Augen frei. Falko sah ihn direkt an.
„Tut mir leid, Junge, ich erfülle nur meinen Befehl!“, sagte der Bandit, als er nach seinem Messer griff. Falko erkannte die Stimme wieder. Er konnte genau die Narbe auf dem Handrücken des Mannes erkennen und sah, dass ihm der kleine Finger fehlte. Dann spürte er den brennenden Schmerz, als das Messer seinen Brustkorb traf. Ungläubig fühlte er seine Sinne schwinden. 'Fürst Siegmund!', schrie es in seinem Kopf – dann wurde alles schwarz.
Dora saß gerade im kleinen Salon bei ihren Stickarbeiten, als ein Diener hereinkam und einen Boten von Schloss Kaltenstein ankündigte. Sie beauftragte ihn, den Mann vorzulassen und sofort ihren Gemahl von dessen Ankunft in Kenntnis zu setzten. Es war inzwischen später Abend geworden und Luise lag schon im Bett. Fürst Siegmund hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, da er noch einige Briefe verfassen wollte.
So zumindest hatte er es seiner Frau erklärt. In Wirklichkeit war er die ganze Zeit nervös im Zimmer auf und ab gelaufen, in Erwartung, etwas über den Ausgang der Operation zu erfahren.
Jetzt folgte er dem Diener in den Salon. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Je nachdem, wie die Dinge verlaufen waren, konnte er heute alles gewinnen oder verlieren. Scheinbar fürsorglich legte er seiner besorgt dreinschauenden Frau den Arm um die Schultern und befahl dem Boten zu sprechen.
„Ich bringe Euch schreckliche Nachrichten, gnädiger Herr. Die Kutsche, in der Fürst Friedrich mit seiner Familie reiste, ist von einer schändlichen Räuberbande überfallen worden. … Niemand hat überlebt!“
Dora musste zunächst verinnerlichen, was sie gerade gehört hatte. Das konnte doch nicht wahr sein. Erst heute Morgen hatten sie noch zusammen gegessen und gelacht.
„Wisst Ihr das sicher?“, fragte sie in der absurden Hoffnung, etwas Gegenteiliges zu hören.
„Leider ja! Eine Gruppe Mönche aus dem Sankt Martins-Kloster war auf der gleichen Straße unterwegs. Sie sahen die Angreifer noch davonreiten, konnten aber nichts Genaueres erkennen. Sie nehmen an, dass es sich um eine Räuberbande gehandelt hat, da alle Waffen und Wertgegenstände gestohlen wurden. Die gesamte Familie sowie die Soldaten wurden brutal niedergemetzelt. Die Banditen waren zahlenmäßig stark überlegen. Da sie sonst nichts mehr tun konnten, luden die Brüder die Ladung von ihren Wagen und legten stattdessen die Toten darauf. Sie befinden sich zurzeit in den Mauern des Klosters. Der dortige Abt, Pater Johannes, war der Beichtvater Eures Vetters und seiner Gemahlin. Er bittet darum, sich um die Leichname der Familie kümmern zu dürfen und sie für das Begräbnis vorzubereiten.“
Fürstin Dora war während seiner Worte auf einen Stuhl gesunken und blickte nun völlig apathisch vor sich hin.
Siegmund dagegen musste sich bemühen, seinem Gesicht den nötigen Ausdruck von Fassungslosigkeit und Trauer zu geben. „Wir richten unseren tiefen Dank aus und geben seiner Bitte gern statt. Ich selbst werde mich schon morgen nach Schloss Kaltenstein begeben, um dort die Feierlichkeiten für die Beisetzung vorzubereiten.“ Mit diesen Worten entließ er den Boten und verließ direkt nach ihm, mit einer gemurmelten Entschuldigung, den Raum.
Dora saß noch lange regungslos da und schaute mit verschleiertem Blick auf die Tür. Immer wieder sah sie die hübschen Gesichter der Kinder vor sich. Wer war in der Lage, diesen unschuldigen Wesen etwas Derartiges anzutun? Sie wollte in ihrem Kummer nicht allein sein und suchte nach ihrem Mann. Sie vermutete, dass er sie nicht sehen lassen wollte, wie sehr ihn diese Nachricht aus der Fassung brachte. Er war immer darum bemüht, Haltung zu bewahren und keine Schwäche zu zeigen. Doch sie war davon überzeugt, dass sie sich jetzt gegenseitig stützen sollten. Als sie ihn weder in seinem Arbeitszimmer noch in der Bibliothek finden konnte, beschloss die Fürstin, nach draußen zu gehen. Etwas frische Luft würde vielleicht gut tun. Sie setzte sich auf ihre Lieblingsbank und blickte hinauf zu den Sternen. 'Ob sie jetzt irgendwo da oben sind, in Gottes Reich?', fragte sie sich wehmütig und Tränen rannen ihr über die Wangen. Obwohl es eine warme Nacht war, fröstelte Dora plötzlich und zog sich ihr Schultertuch fester um den Körper.
Dann hörte sie Stimmen, die sich zwar flüsternd, aber auch sehr aufgeregt unterhielten: „… alles ohne Probleme verlaufen! Als die Mönche aufgetaucht sind, waren wir schon im Aufbruch.“
„Sehr gut! Ihr habt euch euren Lohn verdient.“
Dora dachte ihr Herz bliebe stehen, als sie die Stimme ihres Mannes erkannte. Sie hielt vor Anspannung den Atem an.
„Hier hast du den vereinbarten Preis!“ Man konnte deutlich vernehmen, wie ein Beutel mit Geldstücken den Besitzer wechselte.
„Jederzeit wieder, gnädiger Herr!“
„Ich werde sicher darauf zurückkommen. In der nächsten Zeit jedoch, möchte ich weder dich noch deine Männer in meiner Nähe sehen! Und sage deinen Leuten, sie sollen den Mund halten! Sonst sorge ich dafür, dass sie oder ihre Familien dafür bestraft werden! Und du weißt, ich habe die Mittel dazu!“
„Keine Sorge, Herr! Meine Männer sind verschwiegen. Bei der guten Bezahlung würden sie sich nicht selbst die Chance auf einen neuen Auftrag verbauen. Abgesehen davon habe ich ihnen nie gesagt, dass Ihr unser Auftraggeber seid.“
„Gut so! Und jetzt verschwinde! Wenn ich etwas will, werde ich dich finden.“
Dann entfernten sich die Schritte in unterschiedliche Richtungen.
Dora blieb, vor Entsetzen starr, auf der Bank zurück. Was geschah hier eigentlich? Hatte sie das gerade wirklich erlebt? Sollte der Mann, den sie seit zehn Jahren liebte und ehrte, der Vater ihres einzigen Kindes, wirklich zu so etwas fähig sein? Und warum das Ganze? Sie hatte immer den Eindruck gehabt, dass er und Friedrich einander mochten und respektierten. Und Falko? Immer schon stand fest, dass er eines Tages Luises Mann werden sollte, um die unsinnige Teilung des Landes wieder rückgängig zu machen. Dann hätten die Kinder über das vereinigte Fürstentum geherrscht. Doch nun …? Wieder durchfuhr sie ein Schock, als ihr der wahrscheinliche Grund für diese Gräueltat bewusst wurde. Wenn Friedrich tot war und keinen Erben hinterließ, wäre Siegmund sein legitimer Nachfolger! Außer sich vor Zorn lief Dora zur Burg und suchte nach ihrem Mann. Sie fand ihn in seinem Arbeitszimmer, mit einem Glas Wein in der Hand.
Erschrocken blickte er auf und setzte sofort eine leidvolle Miene auf. „Ich nahm an, du wärst zu Bett gegangen,darum habe ich mich hierher zurückgezogen.“ Er schüttelte theatralisch den Kopf. „Findest du keine Ruhe, meine Liebe? Ich auch nicht. Es ist einfach zu furchtbar!“
Er erhob sich und kam auf sie zu. Gerade als er sie in die Arme nehmen wollte, stieß sie ihn mit voller Wucht zurück.
Dora hatte noch nie in ihrem Leben so viel Abscheu für einen Menschen empfunden wie in diesem Moment. Einen Menschen, den sie noch vor wenigen Minuten von ganzem Herzen geliebt hatte! Hasserfüllt sah sie ihn an. „Halt deinen Mund und wage es nicht mich anzufassen!“
Ungläubig sah er seine Frau an. „Was soll das heißen? Wie redest du überhaupt mit mir?“
„Ich komme gerade von draußen. Du auch, nicht wahr? Ich habe alles mitangehört! Wie konntest du nur so etwas tun? Er war dein Vetter! … und die Kinder ! ... Wozu das alles? Aus reiner Gier?“
Siegmund hatte nicht damit gerechnet, dass seine Frau je dahinter kommen würde. Und schon gar nicht, dass es so schnell geschah. Sie konnte alles gefährden. Er musste versuchen, ihr die Gründe seines Handelns klarzumachen. „Ich habe es für Luise getan!“
Dora unterbrach ihn barsch: „Unterstehe dich, deine eigene Gier hinter unserer Tochter zu verstecken! Luise hätte durch die Heirat mit Falko sowieso irgendwann über ganz Kaltenstein geherrscht.“
„Du verstehst nicht, Dora! Jetzt wird Luise das ganze Land als Mitgift mitbringen und so eine wesentlich bessere Partie machen als mit Falko.“
Doras Augen wurden zu Schlitzen. „Das glaube ich nicht! Denn ich persönlich werde dich beim König anzeigen. Unsere Tochter soll ihre Zukunft nicht auf deiner Bluttat aufbauen!“
Nun war ihm klar, dass er hier im Guten nichts mehr erreichen konnte. Auch wenn er es nicht besonders gern tat, er musste Dora mit Nachdruck daran hindern, ihrer aller Zukunft zu zerstören.
„Du willst es nicht anders ... Wenn du auch nur ein Wort darüber verlierst, werde ich mich rächen. Nicht an dir, du bedeutest mir zu viel. Du bist doch aber sicher daran interessiert, dass es deiner Schwester und ihrer Familie weiterhin gut geht? Ich kann ihnen das Leben zur Hölle machen … und Schlimmeres. Abgesehen davon, würde Luise auch darunter leiden, denn mit meinem Ruf wäre auch ihre Zukunft zerstört. Kein Mann von Ansehen würde sie dann noch zur Frau nehmen wollen. Also entscheide dich sorgsam!“ Siegmund hoffte, dass seine Worte Dora zur Vernunft bringen würden. Er hatte nicht ernsthaft vor, ihr oder ihrer Familie zu schaden, denn er liebte sie auf seine Art. Doch noch größer war seine Liebe zur Macht. Er hatte ehrgeizige Pläne. Seine Tochter sollte eines Tages hoch über allen stehen, doch dafür brauchte es mehr als die ewige Hälfte der Familienländereien. Sie sollte in den Augen der mächtigsten und reichsten Männer im Lande als gute Partie gelten. Sein Name würde dann in aller Munde sein und ihm alle Türen öffnen. Wenn es sein musste, würde er alles Nötige tun, um seinen Plan umzusetzen.
Dora schüttelte ungläubig den Kopf. „Du widerst mich an! Ich hoffe, Gott wird dich deiner gerechten Strafe zuführen! Ich werde schweigen. Aber ich schwöre, dass ich kein Wort mehr mit dir wechseln werde, ausgenommen Luise befindet sich in der Nähe. Sie soll nicht mehr unter der Situation leiden als notwendig. Und noch etwas: Fass mich nie wieder an!“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum.
Siegmund blickte noch lange auf die Tür, die krachend hinter ihr ins Schloss gefallen war. Gut! Sie würde sich irgendwann schon wieder beruhigen und einsehen, dass er nur Luises Wohl im Sinn hatte. Außerdem würde ihr Protest Friedrichs Familie sowieso nichts mehr nutzen. – Sie waren alle tot!
Fürst Siegmund ahnte nicht, dass er damit einem schweren Irrtum unterlag.
Schwur auf Rache
Pater Johannes saß am Bett des Jungen und sah besorgt auf das blasse Gesicht hinab. Es war ein Wunder, dass Falko den Überfall überlebt hatte. Er konnte noch immer nicht fassen, was ihm die Brüder bei ihrer Rückkehr erzählt hatten ...
Die Mönche hatten den Jungen zunächst zu den anderen Toten auf den Karren gelegt, im Glauben, dass auch er nicht mehr am Leben war, bis Bruder Lukas bemerkte, wie Falko versuchte etwas zu sagen. In der Annahme, die letzten Worte eines sterbenden Kindes zu hören, hielt der Mönch sein Ohr direkt an den Mund des Jungen. Was er dann vernahm, konnte er kaum glauben.
„Fürst Siegmund! ... Er war es ... Er hat die Männer dazu … beauftragt!“ Dann wurde Falko wieder bewusstlos.
Direkt nach ihrer Ankunft im Kloster begab sich der Mönch zum Abt und berichtete ihm von dem schrecklichen Geschehen und den Worten des Jungen. Pater Johannes eilte danach sofort zum Krankenlager des Kindes und verschaffte sich einen Überblick. Falko war nicht ansprechbar und es schien fraglich, ob er überleben würde. Sein Angreifer hatte das kleine Herz nur knapp verfehlt, aber es bestand die vage Hoffnung, dass auch die angrenzenden Organe und großen Blutgefäße verschont geblieben waren, sonst wäre Falko sicher schon gestorben. Doch er hatte sehr viel Blut verloren.
Der Abt wollte noch immer nicht glauben, was Bruder Lukas ihm offenbart hatte. Selbst wenn er den Jungen richtig verstanden hatte, konnten die Worte vom Schock herrühren, den das Kind zweifelsohne erlitten hatte. Doch er wollte auch kein Risiko eingehen. Er versammelte alle Brüder des Ordens in der Kapelle und unterrichtete sie über die schwierige Lage.
„Solange wir nichts Genaues wissen, werden wir verschweigen, dass der Junge überlebt hat. Sollte er wieder zu sich kommen und die Anschuldigung widerrufen, können wir Fürst Siegmund die gute Botschaft immer noch überbringen. Er wird es sicher verstehen. Sollte sich aber herausstellen, dass er die Wahrheit sprach, schwebt Falko von Kaltenstein in höchster Gefahr. Dann darf niemand etwas davon erfahren, dass er lebt. Wir wollen alle gemeinsam ein Gelübde ablegen, dass wir uns an diese Vereinbarung halten werden.“
Und so geschah es dann auch.
Als Falko erwachte, saß Pater Johannes an seinem Lager und hielt ihm die Hand. Mit großen Augen blickte das Kind den Älteren an. Falko kannte den freundlichen Mann, seit er noch ganz klein gewesen war. Er wiederholte vor ihm seine Anklage gegen Fürst Siegmund.
Liebevoll fuhren die Finger des Mönches durch das verschwitzte lockige Haar des Jungen. „Es tut mir leid, mein Sohn! Dir ist großes Unheil widerfahren. Doch der Herr hat dich bei uns gelassen und dafür wollen wir ihm danken!“ Der Abt faltete die Hände zum Gebet und gab Falko ein Zeichen, es ihm gleichzutun.
„Ich werde nicht beten!“, flüsterte der Junge verbittert. Eine Weile blieb es still zwischen ihnen und nur das leise Knistern des Kaminfeuers war zu hören. „Gott hat zugelassen, dass Fürst Siegmund meine ganze Familie umbringt! Wofür sollte ich ihm also danken?“
Pater Johannes lächelte nachsichtig. „Du glaubst also, dass Gott dafür die Verantwortung trägt? Nein, mein Sohn! Gott hat uns einen freien Willen gegeben. Es gibt Menschen, die diese Freiheit nutzen, um gute und große Dinge zu tun. Andere wiederum sind … wie Fürst Siegmund.“ Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Keiner hätte sich so etwas je vorstellen können. Auch wenn er nie so gütig war wie dein Vater, er galt bisher immer als unbescholtener Ehrenmann. Doch glaube mir, er wird die gerechte Strafe für seine Taten erhalten. Spätestens, wenn er eines Tages vor unserem Schöpfer steht.“
Hasserfüllt starrte Falko ins Leere. Sein kleines Gesicht hatte jeglichen kindlichen Ausdruck verloren. „Ich werde dafür sorgen, dass er seine gerechte Strafe noch hier auf Erden erhält. Ich werde lernen zu kämpfen. Und ich werde ihm das Gleiche antun, das er mir angetan hat. Er soll auch alles verlieren!“ Die letzten Worte hatte er unter Tränen herausgeschrien. Der Abt nahm das schluchzende Kind fest in seine Arme.
„Jetzt werde erst einmal wieder gesund. Du bist voller Hass und ich kann das verstehen, aber ich warne dich. Hass ist kein guter Berater. Er frisst dich nur auf. Eines Tages, wenn du ein Mann bist, dann kannst du dein Erbe zurückerobern. Aber nun müssen wir dich erst einmal verstecken. Der Fürst darf auf keinen Fall erfahren, dass du noch lebst. Wenn er fürchtet, seine Pläne könnten durchkreuzt werden, wird er alles daran setzen, dich zu finden, um dich doch noch zu töten.“
„Verstecken? Ich verstehe nicht. Warum kann ich nicht aufs Schloss zurück? Hauptmann Gernot wird sicher auf mich aufpassen.“
„Mein Junge! Du und Gernot allein habt keine Chance. Siegmund hat das alles nur getan, um an das Erbe deines Vaters zu gelangen. Das Schloss gehört jetzt ihm. Es dürfte dir schwer fallen zu beweisen, dass er etwas mit dieser Gräueltat zu tun hat. Er würde sicher den verständnisvollen Onkel spielen und zu deinem Vormund ernannt werden. Was das für dich bedeuten würde, kannst selbst du dir schon vorstellen ... oder, mein Junge?“
Ja, in etwa konnte er das.
„Also lass dir Zeit! Habe Geduld und bedenke genau, was du tun willst. Werde zunächst ein Mann, um ihm ein ebenbürtiger Gegner zu sein. Nur so wirst du Erfolg haben.“
Falko dachte nach. Der Pater hatte sicher recht. Auch wenn es einem Jungen seines Alters vorkam wie die Unendlichkeit, er musste erwachsen werden, um seinen Eid zu erfüllen. Er sah dem Mönch fest in die Augen. „Ich kann warten, wenn es sein muss! Aber ich schwöre, dass ich nicht eher ruhen werde, bis ich das Erbe meines Vaters wiederhabe und Fürst Siegmund seine Strafe bekommen hat.“
Pater Johannes nickte zustimmend. Im Moment war es das Wichtigste, den Jungen von irgendwelchen unüberlegten Racheakten abzubringen, die er sonst in seinem kindlichen Leichtsinn begangen hätte. Mit der Zeit würde er schon wieder zur Vernunft kommen und sich in sein Schicksal fügen. Alles andere wäre ein Spiel mit dem Tod.
„Könntet Ihr Hauptmann Gernot verständigen, dass ich noch am Leben bin? Er ist mein bester Freund – und der meines Vaters.“
„Nun, ich weiß nicht, ob es klug wäre …“
„Wenn ich ihm nicht vertrauen kann, dann keinem! Bitte ruft ihn, Pater!“ Der Junge war erst zehn Jahre alt, aber er besaß in diesem Augenblick die Überzeugungskraft eines erwachsenen Mannes.
„Gut. Ich werde ihn holen lassen. Nun schlafe, mein Sohn. Du wirst deine Kräfte noch brauchen.“
Hauptmann Gernot saß, am Boden zerstört, in seinem Zimmer. Seit ihn vor zwei Tagen die ungeheuerliche Nachricht vom Tod seiner geliebten Herrschaft erreichte, hatte er den Raum kaum verlassen. Der furchtlose Kämpfer wusste nicht, wann er das letzte Mal geweint hatte, doch nun bahnten sich immer wieder neue Tränen ihren Weg. Auch der Wein, den er in großen Mengen trank, um zu vergessen, konnte seinen Kummer nicht lindern.
Fürst Siegmund war schon gestern mit seinen Männern auf dem Schloss angekommen und hatte sofort die Führung übernommen. Zunächst fand niemand etwas daran auszusetzen, denn es gab einiges zur Vorbereitung der Trauerfeier zu organisieren. Doch bald war deutlich geworden, dass er schon jetzt grundlegende Änderungen in den bewährten Strukturen vorzunehmen gedachte. Gernot und seine Männer sollten den Befehlen von Siegmunds Hauptmann unterstellt werden. Dass hatte bei Gernots Leuten zu heftigen Protesten geführt. Er hatte ihnen zunächst befohlen, Ruhe zu bewahren und die weiteren Entwicklungen abzuwarten. Ihn selbst hatte diese Vorgehensweise des künftigen Schlossherren ebenso erzürnt, aber er war ein kühler Stratege und wusste, dass es für seine Männer nur zum Nachteil war, wenn sie sich dagegen auflehnten. Abgesehen davon musste er zunächst einmal seinen Schock überwinden, um wieder klar denken zu können.
Nun war es schon Abend, als es an seiner Tür klopfte. Einer der diensthabenden Wachsoldaten trat ein und salutierte.
„Herr Hauptmann, am Tor ist ein Mönch, der Euch zu sprechen wünscht. Er sagt, es wäre dringend.“
Gernot zog die Stirn in Falten. Dabei konnte es nur um die Beerdigung gehen, aber das ging ihn eigentlich nichts an. Neugierig geworden befahl er der Wache, den Mönch vorzulassen.
Kurze Zeit später trat Bruder Lukas ein. „Unser Abt, Pater Johannes, schickt mich. Ich soll ausrichten, dass er Euch so schnell wie möglich im Kloster erwartet. Er hat eine wichtige Nachricht, die er Euch nur unter vier Augen mitteilen kann. Es ist wichtig, dass niemand erfährt, warum Ihr zum Kloster kommt. Wenn doch jemand fragt, sollt Ihr erklären, dass Ihr den Abt gebeten habt, noch einen letzten Moment allein mit den Toten zu verbringen. Jeder weiß um die Freundschaft zwischen Euch und der Fürstenfamilie. Also wird es keinen verwundern.“
Nun war Gernot völlig verwirrt. Was war so wichtig, dass der Abt zu solchen Heimlichkeiten griff. Er hatte zunächst tatsächlich den Wunsch gehabt, die Verstorbenen zu sehen, dann aber beschlossen, es bleiben zu lassen, da er nicht wusste, ob er es verkraften würde. Natürlich war ihm der Tod schon so oft begegnet, aber Falko war ihm lieb wie ein eigener Sohn. Er selbst hatte keine Kinder. Bis jetzt war ihm noch nicht die Frau begegnet, die ihn an sich binden konnte. Er mochte es, frei zu sein. Er war jetzt dreißig, ein Mann in den besten Jahren und hatte immer noch genug Zeit, um zu heiraten.
„Ich lasse mein Pferd satteln. In einer halben Stunde können wir aufbrechen. Wärmt Euch solange auf und trinkt einen Becher Wein.“
Bruder Lukas nahm dankend an. Er war ein Freund des guten Weines und genoss die Ruhepause sichtlich.
Zwei Stunden später trafen sie im Kloster ein. Bruder Lukas führte den Hauptmann zu Pater Johannes. Die Männer kannten sich gut und begrüßten einander freundlich und respektvoll. Dann bat der Abt seinen Gast, ihm zu folgen. Vor einer niedrigen Tür blieben sie stehen. Eindringlich sah der Gottesmann seinen Besucher an. „Schwört mir, bei der Heiligen Jungfrau, dass Ihr mit niemandem über das sprecht, was Ihr gleich sehen werdet!“
Nach kurzem Überlegen stimmte Gernot zu. Er vertraute dem Pater und wusste, dass der ihm nicht grundlos einen solchen Schwur abverlangte.
Dann betraten sie gemeinsam den kleinen Raum. Wie in einem Kloster üblich, war er nur mit dem Notwendigsten eingerichtet, aber zumindest verfügte er über einen kleinen Kamin, der eine angenehme Wärme ausstrahlte. An einer Wand stand ein einfaches Bett. Als Gernot herantrat, wollte er seinen Augen nicht trauen. Er blickte direkt in das blasse Gesicht seines kleinen Freundes. Falko schlief fest.
Fassungslos ließ er sich auf die Bettkante nieder. „Wie ist das möglich?“, flüsterte er dem Abt zu.
„Das soll Euch der Junge selbst erzählen, wenn er aufwacht.“
Der Hauptmann nahm vorsichtig die kleine Hand des Kindes in die seine. Es war, als wenn er selbst wieder von den Toten auferstanden wäre. Das lähmende Gefühl verließ seinen Körper. Mit einem seligen Lächeln betrachtete er Falkos Gesicht. „Was ist mit den anderen?“, fragte er hoffnungsvoll.
Pater Johannes schüttelte den Kopf. „Nur der Junge hat das Gemetzel überlebt und selbst das kommt einem Wunder gleich.“
Dann öffnete Falko die Augen. Er brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass der Hauptmann wahrhaftig an seinem Bett saß. Langsam verzog sich sein Mund zu einem zaghaften Lächeln.
Gernot beugte sich hinunter und gab dem Jungen einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin so froh, dass du lebst, Soldat.“ So nannte er Falko immer dann, wenn er besondere Tapferkeit gezeigt hatte.
„Immer zu Euren Diensten, Hauptmann“, antwortete die zarte Kinderstimme sofort. Dann sahen sie sich eine Weile schweigend an.
„Willst du mir erzählen, was passiert ist? Aber nur, wenn es dich nicht zu sehr anstrengt!“
Falko erzählte ihm alles. Angefangen von seinen Beobachtungen zu Luises Geburtstag, dem furchtbarem Überfall, bis hin zu seiner Erkenntnis, dass der Mann, der ihn töten wollte, derselbe war, den er mit Siegmund gesehen hatte.
Gernot war außer sich vor Zorn. „Dieses hinterhältige Schwein! Ich werde ihn mir vornehmen und wenn ich damit fertig bin, wird nicht einmal mehr seine Frau imstande sein, seinen Leichnam zu erkennen!“
Pater Johannes hatte mit dieser Reaktion des Hauptmanns gerechnet. Beschwichtigend redete er auf ihn ein. „Mein Freund, beruhigt Euch! Niemandem wäre mit einer solch unüberlegten Tat gedient. Der Junge braucht Euch. Was, wenn Ihr bei diesem Racheakt Euer Leben lasst? Ihr seid die einzige Bezugsperson, die Falko noch hat. Geht mit ihm fort von hier und erzieht ihn im Sinne seiner Eltern. Bringt ihm alles bei, was er wissen muss, um eines Tages sein Erbe zurückzufordern und ein guter Fürst zu werden, so wie sein Vater einer war.“
Der Hauptmann versuchte sich zu beruhigen und dachte nach. Es schien einleuchtend, was der Pater sagte. Falko war in Lebensgefahr, solange er hierblieb. Und die Sicherheit des Jungen hatte oberste Priorität.
„Ihr habt recht, Pater! Wir könnten nach Waldenburg gehen. Dort lebt ein guter Freund von mir mit seiner Familie. Er hat dort eine Schmiede. Ich bin mir sicher, dass sie uns aufnehmen würden. Ich habe einiges gespart in den letzten Jahren und finde sicher auch ein neues Auskommen, wenn das Geld aufgebraucht ist.“ Den Blick auf Falko gerichtet, fragte er: „Was ist mit dir, mein Freund. Wollen wir es zusammen versuchen?“
Das erste Mal seit dem Überfall brachte der Junge so etwas wie ein freudiges Lächeln zustande. „Ich darf bei Euch bleiben, Hauptmann? Ja, das will ich gern!“
Gernot strich ihm liebevoll mit der Hand durch die Locken. „Es wäre ratsam, wenn du mich in Zukunft mit 'Onkel' ansprichst. Wir könnten den Leuten sagen, dass du der Sohn meines verstorbenen Bruders bist. Es tut mir leid, dass du so deine wahre Identität verschweigen musst. Aber ich verspreche dir, wenn die Zeit reif ist, wirst du wieder deinen Namen tragen.“
„Es ist schon gut. Ich bin mir sicher, dass Vater es nicht anders entscheiden würde.“ Jetzt war das kurze glückliche Leuchten aus den Augen des Jungen wieder verschwunden und die tiefe Traurigkeit kehrte zurück. Doch er blieb tapfer. Falko wollte nicht weinen. Er wollte stark sein und hoffte, so schneller erwachsen zu werden, um zu tun, was er sich vorgenommen hatte.
Alles, was er von nun an tat, sollte nur diesem einen Ziel untergeordnet sein: Irgendwann Rache zu üben.
Gernot kehrte zunächst zum Schloss zurück, um keinen Verdacht zu erregen. Heimlich bereitete er seine baldige Abreise vor. Es tat ihm leid, seine Männer im Stich zu lassen, aber er würde versuchen, zu seinen engsten Vertrauten Kontakt zu halten. Natürlich war es im Moment ausgeschlossen, jemanden in die Sache mit Falko einzuweihen. Wenn die Zeit reif war, wollte er herausfinden, wer von ihnen sich bereit erklärte, für seinen rechtmäßigen Herren zu kämpfen. Es dauerte sicher noch eine Weile, bis der Kleine die Reise nach Waldenburg antreten konnte. Solange musste Gernot noch ausharren, bevor er seinen Dienst quittierte. Als Grund dafür würde er angeben, dass er nicht akzeptiere, Siegmunds Hauptmann unterstellt zu sein. Es war ziemlich sicher, dass der neue Fürst nicht versuchen würde ihn aufzuhalten, da Friedrichs Vertrauter ihm bei seinen Plänen bestimmt nur ein Dorn im Auge war.
Vorsorglich rief Gernot drei seiner vertrautesten Männer zusammen und bat sie eindringlich, hier am Schloss zu bleiben. Er gab ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu verstehen, dass er Zweifel an Fürst Siegmunds Rolle bei den vergangenen Ereignissen hatte. Auch, dass er bald weggehen würde, um Näheres herauszufinden. Die Männer vereinbarten einen Code für geheime Treffen, bei denen sie ihm die neuesten Entwicklungen am Schloss mitteilen sollten. Keiner der drei zweifelte auch nur einen Augenblick an der Ernsthaftigkeit der Situation und sie sicherten ihrem Hauptmann Verschwiegenheit und jegliche Unterstützung zu, die sie ihm geben konnten.
Am Tag der Trauerfeier begab sich Gernot schon bei Sonnenaufgang zum Kloster. Er hatte Falko versprochen, bei seinem schweren Gang bei ihm zu sein. Da der Junge unmöglich an den Feierlichkeiten teilnehmen konnte, wollte Gernot gemeinsam mit ihm Abschied von den Toten nehmen, bevor die Eskorte eintraf.
Es war geplant, dass Fürst Siegmund mit seinen Soldaten die Überführung der Leichname überwachen würde. Der Weg des Trauerzuges führte durch einen Teil des Fürstentums, vorbei an den getreuen Untertanen, bis zur Schlosskapelle. Dort sollte der Abschiedsgottesdienst von einem Priester gehalten werden, den Siegmund selbst dafür ausgewählt hatte. Schon wieder eine sinnlose Machtdemonstration des neuen Herrschers. Jeder hätte erwartet, dass Pater Johannes, als Beichtvater und Freund der Familie, die Predigt halten würde ... Danach sollten die Toten in der Familiengruft ihre letzte Ruhe finden. Doch bis dahin blieben noch ein paar Stunden Zeit.
Als Gernot das Zimmer des Jungen betrat, saß der schon angekleidet auf der Bettkante. Man konnte deutlich erkennen, dass ihn neben den seelischen auch körperliche Schmerzen plagten. Eine Hand fest auf seine Wunde gepresst, erhob sich Falko tapfer.
„Guten Morgen, Hauptmann - können wir gehen?“
„Wenn du so weit bist?“ Gernot stützte den Jungen, so gut er konnte und sofern der es zuließ.
Falko schien diesen Gang mit einem Stolz und einer Würde zu bewältigen, die man von einem Zehnjährigen eigentlich nicht erwarten konnte. Als sie den Raum betraten, in dem die vier offenen Särge der Fürstenfamilie aufgebahrt waren, ging ein Ruck durch den Leib des Kindes. Besorgt wollte der väterliche Freund den Jüngeren in die Arme nehmen, doch beließ es bei dem Vorhaben, als Falko abwehrend die Hand ausstreckte. Ohne ein Wort zu sagen, trat der Junge mit versteinertem Gesicht an jeden einzelnen Sarg. Zuletzt blieb er bei seinem Vater stehen. Seine Lippen bebten und die grauen Augen verschleierten sich, als er sein Gelübde wiederholte: „Ich schwöre dir, Vater, dass ich dein Erbe zurückfordern werde und das Verbrechen gesühnt wird!“ Dann brach seine Stimme. Nun ließ er sich doch von Gernot in den Arm nehmen und fand so den nötigen Halt, um nicht zusammenzubrechen. Plötzlich fiel sein Blick auf einen fünften Sarg in einer Ecke des Raumes. Seine Größe ließ darauf schließen, dass es sich um einen Kindersarg handelte.
„Was ist damit?“, fragte Falko ohne die Augen davon zu lösen.
Der Hauptmann ging auf die Knie, um so mit dem Jungen auf Augenhöhe zu gelangen.
„Falko, du weißt, dass dich alle für tot halten müssen. Also ist es notwendig, einen fünften Sarg vorzuzeigen. Deinen!“
Wenn den Jungen dieser Sachverhalt erschreckt haben sollte, zeigte er seine Gefühle nicht. Ganz im Gegenteil! Es schien kurz so etwas wie Genugtuung über sein Gesicht zu flackern.
„Das ist also der erste Schritt – nicht wahr? Wir führen Siegmund an der Nase herum. Er fühlt sich in Sicherheit und ich habe Zeit, zu wachsen und meine Rache vorzubereiten! Gut!“
Der Hauptmann atmete tief durch. Da würde eine Menge Arbeit auf ihn zukommen! Er wollte nicht zulassen, dass dieses wunderbare Kind von Kummer und Hass aufgefressen würde.
„Gernot?“, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Wer liegt denn dann in meinem Sarg?“
„Nun, zuerst wollten wir nur Steine hineinlegen. Doch da wir nicht sicher ausschließen können, ob Fürst Siegmund nicht doch eine Kontrolle durchführen lässt, haben Pater Johannes und ich beschlossen, einen Knaben, aus dem Waisenhaus unten im Tal, darin zu bestatten.“
„Wieso ist er tot?“, fragt Falko rasch.
„Er hatte eine Lungenentzündung! Er war so alt wie du und sah dir sogar sehr ähnlich. Ich bin sicher, deine Eltern werden sich um ihn kümmern, da wo er jetzt ist.“
Falko hatte den Blick ins Leere gerichtet. „Ja - das glaube ich auch!“
In diesem Moment trat Pater Johannes ein. Er strich Falko sanft über den Kopf und sagte an Gernot gerichtet: „Es wird Zeit! Wir müssen die Särge verschließen. Siegmunds Gefolge kann jederzeit eintreffen! Bringt den Jungen wieder zurück und verfahrt weiter wie besprochen.“
Falko warf noch einen letzten Blick auf seine Familie und ließ sich dann bereitwillig von Gernot aus dem Raum führen.
„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte er später den Hauptmann.
„Ich muss dich leider für ein paar Tage allein lassen. Zunächst reite ich zum Schloss zurück! Jedem würde es sofort auffallen, wenn ich nicht bei der Trauerfeier erscheine. Und wir müssen jegliches Aufsehen vermeiden.“
Falko nickte. „Schon gut! Ich verstehe das! Ich warte hier auf Euch!“
„Auf 'dich', Falko! Gewöhne dich schon mal daran!“
Der Junge nickte. „Bis bald, Onkel Gernot!“
Sie umarmten sich noch einmal ganz fest und trennten sich für unbestimmte, aber nicht allzu lange Zeit.
Falko blieb an diesem Tag nicht alleine. Der Abt hatte einen Plan aufgestellt, nach dem die Brüder sich abwechselnd um das Kind kümmerten. Da alle Mönche des Klosters den kleinen Gast in ihr Herz geschlossen hatten, kamen sie der Aufgabe gern nach.
Gernot dagegen hatte das schwerere Los gezogen. Als er zum Schloss zurückkehrte, hatte er gerade noch Zeit, seine Festuniform anzulegen und seinen Leuten noch einmal die Instruktionen für heute zu wiederholen. Dann bezogen sie ihre Positionen vor der Schlosskapelle und erwarteten die Ankunft des Trauerzuges.
Zunächst betraten einige geladene Gäste das Gotteshaus. Auch Fürstin Dora und ihre Tochter Luise näherten sich ihnen in Begleitung eines Dieners. Gernot musterte die Fürstin genau. Zu seiner Überraschung schien Dora ihre Trauer nicht zu spielen. Sie sah elend und schwach aus. Der Diener musste sie stützen. Das sonst so fröhliche Gesicht der Frau, war zu einer starren Maske gefroren. Sollte sie vielleicht gar nichts von der Intrige ihres Mannes wissen? Dann fiel sein Blick auf etwas, das die kleine, tieftraurige Luise mit der linken Hand an ihr Herz drückte. Erst meinte er sich zu irren, doch dann erkannte er eindeutig einen von Falkos Soldaten. Schließlich hatte er ihn einst selbst geschnitzt. Falko musste Luise sehr gern haben, wenn er ihr eine der Figuren überlassen hatte. Als Dora an Gernot vorbeilief, blieb ihr Blick einen Moment an ihm hängen. Sie wusste, wie eng die Beziehung zwischen dem Hauptmann und der Familie gewesen war. Es sah kurz aus, als wolle sie ihn ansprechen. Doch dann senkte sie den Blick wieder und ging wortlos an ihm vorbei. Nachdenklich runzelte Gernot die Stirn und blickte ihr nach. Er musste unbedingt jemanden damit beauftragen, die Fürstin zu beobachten. Vielleicht gab es ja etwas Interessantes in Erfahrung zu bringen ...
In diesem Augenblick bekam er die Meldung, dass der Trauerzug gleich eintreffen würde und er schob die Gedanken zunächst beiseite.
Abends in seinen Räumen fragte er sich immer wieder, wie er diesen Tag überstanden hatte, ohne Siegmund die Kehle durchzuschneiden.
Der Fürst hatte eine herzerweichende Rede zu Ehren der Verstorbenen gehalten, die jeden Zuhörer, der die Wahrheit nicht kannte, zu Tränen rührte. Gernot machte so viel Heuchelei fast wahnsinnig. Also konzentrierte er sich wieder auf Dora und stellte fest, dass es ihr ähnlich zu gehen schien. Oder bildete er sich das nur ein?
Beim anschließenden Trauermahl sprach die Fürstin kein Wort und entschuldigte sich noch vor dem Dessert mit der Bitte, sich nun zurückziehen zu dürfen. Scheinbar besorgt gab ihr Siegmund die Erlaubnis dazu. Doch in seinen Augen war noch etwas anderes zu erkennen – eine Warnung! Ohne ihren Gatten auch nur eines Blickes zu würdigen, verließ Dora den Saal.
Irgendetwas stimmte da nicht zwischen dem Paar, da war Gernot sich sicher. Er hatte die beiden immer als sehr liebe- und respektvoll miteinander erlebt. Man konnte erwarten, dass sie gerade in der jetzigen Situation zusammenhielten. Es sei denn …, es sei denn, die Fürstin wusste Bescheid, war aber keineswegs damit einverstanden, was ihr Mann getan hatte. Dann würde sie eines Tages sicher zu eine guten Waffe im Kampf für Falkos Rechte werden! Doch im Moment waren das alles nur wilde Spekulationen, die ihm nicht weiterhalfen.
Dora hatte sich gerade für die Nacht zurechtgemacht, als ihre Zimmertür aufgerissen wurde.
Mit wütender Miene trat Siegmund ein. „Willst du mir offiziell den Kampf ansagen oder was hatte dein Auftritt zu bedeuten! Ich warne dich, Dora, wage es nicht, dich öffentlich gegen mich zu stellen, dann lernst du mich kennen.“
Sie sah ihn nur voller Abscheu an und kehrte ihm den Rücken zu. Wütend drehte er sie zu sich herum. „Du bist meine Frau und hast mir zu gehorchen!“ Als sie sich von ihm freimachen wollte, hielt er sie nur noch fester. „Du willst dich mir verweigern? Dazu hast du nicht das Recht!“ Mit diesen Worten schob er sie zum Bett und begann sie zu küssen. Er roch nach Schnaps und Wein. Angewidert ließ Dora sein Drängen über sich ergehen. Wie eine Puppe lag sie unter ihm. Siegmund, der bisher keinen Grund gehabt hatte, sich über ihre gemeinsamen Liebesakte zu beklagen, war so irritiert vom Verhalten seiner Frau, dass seine Männlichkeit versagte. Gedemütigt hielt er inne und zog ihren Kopf an den Haaren nach hinten, so dass Dora einen Schmerzensschrei ausstieß. Er erhob die Hand zum Schlag, ließ sie jedoch wieder sinken. Nachdem er von ihr abgelassen hatte, richtete er seine Sachen und verließ den Raum. Die Fürstin blieb noch eine Weile reglos liegen, bevor sie sich erhob und lautlos weinend ans Fenster trat.
Aufbruch in ein neues Leben
Drei Wochen waren inzwischen vergangen. Gernot hatte um seine Entlassung gebeten und diese, wie erwartet, sofort erhalten. Nun packte er seine gesamte Habe zusammen und bereitete sich auf ein Dasein als einfacher Mann vor. Er hatte noch keine genaue Vorstellung davon, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen wollte, aber er konnte zupacken und irgendwie würde er schon für Falko sorgen. Außerdem war er sich sicher, dass ihm sein Freund Bruno bei der Suche nach einer Arbeit helfen würde. Gernot hatte ein zweites Pferd erworben, auf dem er das Gepäck festschnallte. Falko musste er mit auf seines nehmen. Da der Junge nichts mehr besaß, außer dem Wenigen, das er zum Zeitpunkt des Überfalls am Leibe trug, hatte der Hauptmann auch für ihn das Nötigste besorgt.
Am Abend zuvor war Gernot mit seinen Männern zu einem letzten Umtrunk zusammengetroffen. Sie hatten die Lage ausführlich besprochen und er bekam wiederholt von allen vollste Unterstützung zugesichert.
Jetzt ritt er dem Kloster entgegen und seine Gedanken kreisten um die Zukunft mit Falko.
Der erwartete ihn schon am Eingangstor, gemeinsam mit Pater Johannes.
„Endlich bist du da!“, rief ihm der Junge entgegen. Er trug die Kleidung eines einfachen Bauernjungen und von seinem Gesicht war, dank der großen Mütze, die er trug, kaum etwas zu erkennen.
„Es ging nicht schneller. Ich bin einen Umweg geritten, um jeden Verdacht auszuschließen, dass ich hierher will.“ Mit diesen Worten sprang Gernot vom Pferd und umarmte den Jungen und den Abt herzlich.
„Die Brüder haben noch ein einfaches Mittagsmahl vorbereitet, zu dem wir Euch herzlich einladen wollen. Anschließend möchten wir gemeinsam zum Herren beten, um ihn um seinen Segen für Euch und Falko zu bitten.“
„Wir nehmen dankbar an, Pater!“, erwiderte Gernot lächelnd und sie begaben sich hinein.
Er hatte dem Abt während ihres letzten Treffens seine Beobachtungen von der Trauerfeier mitgeteilt und ihn gebeten, Dora im Auge zu behalten. Glücklicherweise hatte sich die Fürstin schriftlich an Pater Johannes gewandt, mit der Bitte, ihr Beichtvater zu werden, solange sie im Schloss verweilt.
„Aber das klingt ja fast so, als hätten sie nicht vor, auf Dauer hierzubleiben. Seltsam!“ Gernot schüttelte ungläubig den Kopf.
„Nein, Ihr missversteht die Situation. Nur die Fürstin hat vor, zur Burg zurückzukehren. Als Begründung dafür gab sie an, ihren alten Wohnsitz nicht vernachlässigen zu wollen.“
Das war ein weiteres Indiz für ein Zerwürfnis zwischen den Eheleuten. Die Sache wurde wirklich interessant. Natürlich wusste Gernot, dass der Abt an das Beichtgeheimnis gebunden war, aber einen Hinweis zur Gesinnung der Fürstin konnte er ihm sicher irgendwann entlocken.
Sie aßen gemeinsam und hielten die Fürbitte ab. Dann bedankten sich Gernot und Falko für alles und machten sich auf den Weg.
Sie brauchten etwa sechs Stunden bis zum Ziel.
Als sie an Brunos Haus ankamen, wurde es gerade dunkel. Auf dem Grundstück befanden sich das Wohnhaus und die Schmiede, sowie ein kleiner Stall und ein Schuppen. Die Begrüßung war sehr herzlich ausgefallen. Gernot und sein Freund hatten sich lange in den Armen gelegen und auch dem Rest der Familie schienen die Ankömmlinge sehr willkommen zu sein. Sie hatten längst zu Abend gegessen, doch Else, Brunos Frau, ließ es sich nicht nehmen, den Besuchern noch eine warme Mahlzeit zu servieren.
Das Paar hatte drei Kinder. Hans war der Älteste und schon vierzehn Jahre alt. Er war lang und dünn und auf seiner Nase fand man die gleichen Sommersprossen, wie auf der seiner Mutter. Peter, der zweite Sohn, und ebenso wie Falko zehn Jahre alt, hatte braunes Haar und freundliche grüne Augen. Dann war da noch Heide, mit sieben Jahren der jüngste Spross der Familie. Sie war ein niedliches Ding mit blonden Locken und Stupsnase.
Falko verhielt sich zunächst sehr zurückhaltend, doch schnell fand er Zugang zu den aufgeschlossenen freundlichen Kindern und deren liebevollen Eltern. Schon bald waren die drei Jungen in ein Gespräch vertieft und Heide hörte ihnen neugierig zu, bis sie von der Mutter ins Bett geschickt wurde.
Die zierliche Frau war sicher einmal ganz hübsch gewesen, man sah aber deutlich ein paar Spuren in ihrem Gesicht, die das harte Leben darauf hinterlassen hatte. Dennoch machte sie nicht den Eindruck, ihren Frohsinn verloren zu haben. Im Gegenteil! Ausgelassen plauderte sie mit den beiden Männern über die Pläne für die nächste Zukunft.
Irgendwann wurde es für alle Zeit, zu Bett zu gehen.
Da im Haus kein Platz war, schliefen Gernot und Falko im Holzschuppen, wo man ihnen ein einfaches, aber bequemes Lager vorbereitet hatte. In den nächsten Tagen wollten sie sich um eine eigene Bleibe kümmern.
Bruno hatte auch schon eine Idee parat: „Nicht weit von hier lebt der alte Jacob. Er arbeitet für den Grafen als Jäger. Er würde sich gern aufs Altenteil zurückziehen, hat aber niemanden, der sich um ihn kümmert. Das wäre doch sicher etwas für dich, Gernot! Rede mit ihm! Bewirb dich auf seine Stelle. Biete ihm an, dass er bis zu seinem Tode bei euch im Forsthaus leben kann. Ich bin mir sicher, dass er das Angebot gerne annehmen wird. Er ist ein umgänglicher Mann und wird euch sicher nicht stören.“
Gernot war dankbar für den Hinweis und wollte sich gleich am nächsten Morgen auf den Weg machen, um den alten Jacob zu besuchen.
Bruno versprach, mitzugehen und wünschte seinen Gästen eine gute Nacht. Gernot sah ihm lächelnd nach und war dankbar dafür, einen solchen Freund zu haben. Sie kannten sich seit ihrer frühesten Kindheit. Damals war Bruno immer etwas schwächer gewesen als Gernot. Heute war er ein stattlicher Mann und durch seine schwere Arbeit in der Schmiede reichlich mit Muskeln bepackt.
Die Nacht in dem Schuppen hatte für Falko etwas Abenteuerliches an sich. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie hierbleiben können. Gernot dagegen war am Morgen noch entschlossener als zuvor, sich eine ordentliche Bleibe zu besorgen, denn er konnte jeden Knochen im Leibe spüren. Sofort nach dem Frühstück machte er sich mit Bruno und Falko auf den Weg zum Forsthaus.
Der alte Mann begrüßte sie zunächst sehr zögerlich, doch als er Bruno erblickte, wurde er freundlich. Sie wurden sich sehr schnell einig. Gernot versicherte dem Alten, für sein täglich Brot und ein dichtes Dach über dem Kopf zu sorgen. Im Gegenzug bot Jacob ihm seine Hilfe bei der Hausarbeit und der Erziehung des Jungen an – solange er das noch konnte.
Auch die Bewerbung um die Stelle als Jäger verlief glatt. Gernot sollte den Alten zwei Monate begleiten, um das Revier kennenzulernen und es dann allein übernehmen.
Noch am selben Tag zogen sie ein und tranken auf das 'Männerhaus'.
Falko ging gemeinsam mit Brunos Kindern in die Dorfschule. Im Schloss hatten er und seine Schwestern immer Privatlehrer gehabt. Zu seiner Verwunderung musste er feststellen, dass es in einer öffentlichen Schule viel mehr Spaß machte zu lernen. Nur danebenbenehmen durfte man sich nicht. Der Lehrer war zwar recht freundlich, aber wenn einer der Schüler aufmüpfig wurde, gab es auch mal etwas mit dem Rohrstock.
In den ersten beiden Jahren lebten sie friedlich ihr neues Leben und hatten auch viel Freude daran. Gernot ging seiner Arbeit nach und Falko besuchte nach der Schule fast täglich seine neuen Freunde. Besonders zu Peter hatte er eine starke Bindung. Sie spielten fast immer mit Falkos kleiner Armee, die den Überfall unversehrt an seinem Gürtel überstanden hatte. Sie war inzwischen um einige Krieger gewachsen, da Gernot den Jungen auch heute noch gern mit einer neuen Figur überraschte.
Wie vereinbart ritt der Hauptmann an jedem Quartalsanfang zum Kloster, um sich dort mit einem seiner Männer und dem Abt zu treffen. Was er zu hören bekam, überstieg seine schlimmsten Befürchtungen. Fürst Siegmund hatte bald nach seiner Machtübernahme die Steuern und Abgaben erhöht, so dass den Bauern kaum mehr etwas zum Leben blieb. Auch die Rechtsprechung ließ sehr zu wünschen übrig. Es wurde gemunkelt, dass man sich mit genügend Geld in der Tasche fast alles erlauben konnte, da die Richter käuflich waren. Die Soldaten des Fürsten konnten tun und lassen, was sie wollten. Es gab immer mehr Berichte darüber, wie unschuldige Bauernmädchen geschändet und bei Anzeige des Vorfalls am Ende noch als Huren bestraft wurden. Der Fürst selbst war dabei, sich völlig gehen zu lassen. Da seine Frau nur zu Festakten auf dem Schloss weilte, trank er maßlos und ließ seinen Zorn an den Dienstboten aus.
'Gut!' - dachte Gernot. 'Wenigstens scheint er nicht besonders glücklich zu sein mit seiner Beute. Aber das reichte nicht als Strafe für die Untat und das Unrecht, welches dem Volk widerfuhr.
„Was ist mit Fürstin Dora?“, fragte er den Abt unter vier Augen.
Der lächelte ihn entschuldigend an. „Das Beichtgeheimnis, mein Sohn!“
Gernot senkte den Blick. „Ich weiß, Pater, aber es gibt einen anderen Weg. Wenn ihr Euch völlig sicher seid, dass Dora nicht zum Fürsten steht, dann erzählt ihr, dass es Männer gibt, die den Plan haben, Siegmund zum richtigen Zeitpunkt zu stürzen. Nennt keine Namen und erwähnt Falko auch mit keinem Wort! Wenn sie eindeutig auf unserer Seite ist, müssen wir Kontakt zu ihr aufnehmen. Sie wäre eine wertvolle Verbündete!“
Der Abt nickte bekräftigend. „Ja, so könnte es gehen. Und soviel kann ich Euch schon jetzt sagen: Ich denke, dass es zu einem Treffen kommen wird!“
Eines Abends saß Falko schweigend unter einem Baum im Garten des Forsthauses und blickte mit düsterem Gesichtsausdruck vor sich hin.
„Was ist los mit dir?“, fragte Gernot, der sich Sorgen zu machen begann.
„Wann ist es so weit? Wann schicken wir endlich diesen Bastard zum Teufel? Wir sind nun schon mehr als drei Jahre hier und nichts geschieht! Wann bringst du mir bei, mit dem scharfen Degen umzugehen? Ich bin langsam zu alt für Stockkämpfe.“
Gernot, der schon mit so etwas gerechnet hatte, setzte sich zu ihm und legte ihm den Arm um die Schultern. „Hab Geduld! Wir müssen mit Bedacht vorgehen. Es nutzt keinem, etwas zu überstürzen. Das würde alles nur gefährden.“
Falko sprang auf. „Ich will aber nicht mehr warten! Gestern habe ich auf dem Markt zwei Bauern aus meiner Heimat belauscht. Sie unterhielten sich über die Zustände. Siegmund muss herrschen wie ein Tyrann!“
„Reiß dich zusammen, Falko! Ich kann deine Ungeduld verstehen, aber du musst noch sehr viel lernen, bis du ihn angreifen kannst. Nicht das Kämpfen allein ist der Schwerpunkt deiner Ausbildung. Du musst auch Strategie und die nötige Ruhe beherrschen. Du trägst Verantwortung für viele tapfere Männer, die für mich, und somit vor allem für dich, im Schloss spionieren.“
Damit schien der Junge nicht zufrieden zu sein. Gernot sah ein, dass er im Moment mit Worten nicht weiterkam. „Gut! Wir werden morgen mit der nächsten Phase deiner Ausbildung beginnen. Bei Sonnenaufgang treffen wir uns vor dem Haus!“ Damit ließ er Falko zurück und ging wieder hinein.
Am nächsten Morgen trafen sie sich pünktlich an der vereinbarten Stelle. Zu Falkos Erstaunen hatte Gernot nicht etwa Dolche, Degen oder wenigstens wie bisher Stöcke dabei, sondern zwei Angelruten.
„Was soll das?“, fragte der Junge seinen Freund misstrauisch.
„Das wird deine erste Lektion in Geduld und Strategie!“, antwortete Gernot unbeeindruckt vom Tonfall seines Schülers.
„Das ist nicht dein Ernst! Willst du dich über mich lustig machen?“, rief Falko erzürnt.
Nun war bei Gernot das Maß voll. „Entweder du tust, was ich dir sage, oder du suchst dir einen neuen Lehrer. Bei der Ungeduld, die du hast, wirst du nie ein guter Anführer, sondern nur eine Gefahr für deine Männer sein!“ Mit diesen Worten ging er an Falko vorbei Richtung See und blickte sich nicht ein einziges Mal um.
Von der ungewohnten Strenge seines 'Onkels' alarmiert, verkniff sich der Junge jeden weiteren Kommentar. Am Ufer angekommen, standen sie zunächst schweigend nebeneinander.
Gernot begann als Erster zu reden. „Jetzt komm zunächst zur Ruhe! Wirf deine Angel aus und sieh zu, was passiert!“
Falko tat das und wartete eine Weile. Bald verlor er die Geduld. „Es passiert überhaupt nichts!“
Gernot griff in seine Tasche und holte einen Köder heraus. „Mach das an deiner Angel fest!“
Das tat Falko. Nach einer Weile zuckte es an der Rute und Falko riss sie reflexartig aus dem Wasser. Der Köder war weg und der Fisch auch. Missgestimmt warf der Junge die Angel ins Gras. „Was soll der Unsinn?“, murrte er.
Ohne auf seine Frage einzugehen, drückte Gernot ihm die Rute wieder in die Hand. „Mach einen neuen Köder dran und halt ruhig! Gib dem Fisch etwas Zeit zum Spielen und um richtig zuzubeißen!“
Gesagt, getan! Diesmal wartete Falko und zog die Angel im richtigen Moment aus dem Wasser. Er hatte ein beachtliches Exemplar heraufbefördert und sprang nun mit vor Stolz geschwollener Brust herum.
Gernot hingegen sah ihn ernst an. „Siehst du? Nur wenn man die Waffe gepaart mit Geduld und Strategie benutzt, kommt man zum Ziel. Siegmund ist so etwas wie dieser Fisch, nur mit den Zähnen eines Hais! Du wirst von allem noch recht viel lernen müssen.“
Nun begriff der Junge, was Gernot die ganze Zeit gemeint hatte. Beschämt senkte er den Blick. „Entschuldige bitte! Du hattest natürlich recht.“
„Willst du mein Schüler sein? Nach meinen Regeln?!“
Falkos graue Augen sahen ihn offen an. „Ja, das will ich!“
„Na dann ist ja alles klar!“, sagte Gernot, während er zusammenpackte. Dann ging er auf den Jungen zu, der schuldbewusst von einem Bein auf das andere trat und nahm ihn väterlich in die Arme.
Von nun an trafen sie sich jeden Tag zu ein paar Übungseinheiten. Falko lernte nach und nach alles über Nahkampf, das Fechten, Verteidigung und was einen guten Kämpfer sonst noch ausmachte. Man konnte fast dabei zusehen, wie aus dem zarten Knaben ein durchtrainierter junger Mann wurde. Auch Peter und gelegentlich sogar Hans nahmen an den Übungsstunden teil oder schauten dabei zu.
Eines Tages stellte Bruno Gernot zur Rede. „Was soll das alles überhaupt? Du setzt den Jungs Flausen ins Ohr. Sie sollten etwas Anständiges lernen und nicht den ganzen Tag Soldat spielen.“
Gernot konnte Brunos Skepsis verstehen. „Erstens machen deine Jungs das nur in ihrer Freizeit und zweitens habe ich meine Gründe, was Falko betrifft. Vertrau mir bitte! Ich kann dir heute noch nichts dazu sagen. Nur so viel: Der Junge hat mit Fürst Siegmund von Kaltenstein noch eine Rechnung offen. Seine Familie hat großes Leid durch diesen Tyrannen erfahren. Und ehe ich den Jungen unvorbereitet in Siegmunds Fänge gehen lasse, will ich alles dafür tun, ihn so gut wie möglich darauf vorzubereiten.“
Bruno nickte verständnisvoll. „Ich habe schon einiges von den Bauern aus Kaltenstein erfahren. Man kann überhaupt nicht verstehen, was in Fürst Siegmund gefahren ist. Er war wohl nie so beliebt wie sein Vetter, aber so etwas hätte doch kein Mensch erwartet!“
„Macht steigt manch einem zu Kopfe. Und manchmal reicht es auch schon, Aussicht auf Macht zu haben!“ Mehr wollte Gernot nicht verraten. Sonst würde er damit nur Falko und Bruno selbst in Gefahr bringen.
Bei einem nächsten Treffen im Kloster, erhielt er endlich einmal gute Nachrichten. Der Abt hatte mit der Fürstin geredet und sie hatte sich zu einem geheimen Treffen bereiterklärt. Im nächsten Monat wollte Gernot mit dem Pater zur ihr reisen. Die Fürstin würde die Burg in Begleitung des Geistliche zu einem Spaziergang verlassen, und sich so mit Gernot treffen können, ohne Argwohn zu erregen.
Er erfuhr, dass Dora noch immer Schwarz trug und nur bei öffentlichen Auftritten an der Seite ihres Mannes zu sehen war. Man munkelte, sie sei nach den tragischen Ereignissen der Schwermut verfallen und darum so sonderbar. Von einem Dienstmädchen hatte Gernots Mann erfahren, dass das Fürstenpaar die Nächte stets getrennt verbrachte. Siegmund tröstete sich mittlerweile mit Mägden und anderen Frauen, die mehr oder weniger freiwillig in sein Bett kamen.
Falko weihte er in all diese Dinge noch nicht ein. Er war zwar weit erwachsener als andere junge Männer seines Alters, aber Gernot wollte zur Sicherheit noch etwas abwarten.
Dann kam der Tag des Treffens mit Dora. Mit gemischten Gefühlen ritt er neben dem Abt her. Gernot hatte sich seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, um zu vermeiden, dass ihn jemand erkannte.
„Ihr macht Euch Gedanken, nicht wahr?“, fragte Pater Johannes freundlich. „Seid unbesorgt! Der Herr ist mit uns. Die Fürstin hat mindestens genauso viele Bedenken wie Ihr und sie geht ein ebenso hohes Risiko ein.“
„Ja, das weiß ich. Und ich bin ihr sehr dankbar dafür.“ Dann ritten sie schweigend weiter. Am Ziel angekommen, wartete Gernot an einer vereinbarten Stelle unterhalb der Burg, während sich der Abt zur Fürstin begab.
Nach etwa einer Stunde hörte er das Knacken dünner Äste in der Nähe. Vorsorglich ging er in Deckung. Erst als er sicher sein konnte, dass die beiden allein waren, trat er heraus. Dora trug ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid und einen Hut mit Schleier vor dem Gesicht. Sie begrüßten sich zunächst sehr zurückhaltend.
„Wer seid Ihr? Eure Stimme kommt mir so bekannt vor!“, fragte sie bald. Entschlossen nahm Gernot den Hut vom Kopf.
„Hauptmann, Ihr? Welch eine Freude, Euch wohlauf zu sehen!“, entfuhr es ihr erleichtert. Nun hob auch sie ihren Schleier. In ihrem Gesicht hatte sich der Kummer abgezeichnet, aber sie war immer noch sehr hübsch. Aufgrund fortwährenden Appetitmangels, hatte sie an Gewicht verloren. Das stand ihr gut, obwohl Gernot ihre weiblichen Rundungen immer sehr ansprechend gefunden hatte.
Beide setzten sich auf einen großen Stein und schwiegen einen Moment lang.
„Wie geht es Euch, Fürstin?“
Sie lächelte traurig. „Wie soll es mir gehen? Seit ich erfuhr, dass mein Mann hinter dem Anschlag steckt, habe ich keine frohe Minute mehr gehabt. Niemals hätte ich so etwas geglaubt, wenn ich es nicht aus seinem eigenen Munde erfahren hätte.“ Nun erzählte sie ihm von dem Abend im Garten und was sie gehört hatte. „Ich stellte ihn zur Rede. Er hat es nicht einmal abgestritten, sondern behauptet, alles nur für Luise getan zu haben. Er ist so verändert. Ihr müsst wissen, dass ich meinen Mann bis zu diesem Tag sehr geliebt habe. Ich erkenne ihn einfach nicht wieder. Er hat damit gedroht, der Familie meiner Schwester etwas anzutun, wenn ich ihn verrate. Also habe ich mich zurückgezogen. Er erzählt jetzt herum, dass der Schock bei mir einen bleibenden seelischen Schaden hinterlassen und mich melancholisch gemacht hätte.“
„Was ist mit Eurer Tochter?“
Ihr traten Tränen in die Augen. „Sie ist bei ihm. Sie hat keine Ahnung von seinen Verbrechen und meint, er sei ein liebevoller Vater und Herrscher. Er hat vor, Luise mit fünfzehn als Hofdame an den Hof des Königs zu schicken. Um sich zu bilden, wie er sagt. Ich glaube jedoch, dass es dabei nur darum geht, einen reichen Bewerber für sie zu finden und noch mehr Macht und Reichtum zu gewinnen.“
„Das ist sicher der Grund. Aber Ihr solltet froh sein, wenn sie dann so weit wie möglich von ihrem Vater entfernt ist.“
Dem konnte Dora nur zustimmen. „Was habt Ihr vor, Hauptmann?“
„Ich habe Männer im Schloss, die für mich die Augen offen halten. Daher wusste ich auch von dem offensichtlichen Zerwürfnis zwischen Euch und Eurem Gatten. Es wird sicher noch einige Zeit ins Land gehen, bis wir wirklich etwas tun können, aber es wird passieren! Darauf könnt Ihr Euch verlassen! Ein Volk, das zu lange unterdrückt wird, ist auch bereit, für seine Freiheit zu kämpfen. Aber wir brauchen noch Zeit.“
Sie fasste nach seiner Hand. „Ich vertraue Euch, Hauptmann. Schon der Gedanke daran, dass ihm irgendwann Einhalt geboten wird, lässt mich das alles besser ertragen. Mein Gott! Wenn ich nur an Fürst Friedrich und die Seinen denke, fühle ich mich so elend.“
Бесплатный фрагмент закончился.
