Читать книгу: «Jan ruft SOS»
Knud Meister und Carlo Andersen
Jan ruft SOS
Zwei Detektivgeschichten
für Buben und Mädchen
Saga
Jan ruft SOS
Aus dem Danish von Karl Hellwig
Originaltitel: Jan sender SOS © 1959 Carlo Andersen, Knud Meister
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711458877
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Erster Teil
Der Schmuck im Hafermehl
Erstes kapitel
Ferienfreuden
«Ich liebe dich wie nichts auf dieser Erden ... Ich liebe dich ... Ich liebe dich ...!»
«Dicker! Hör endlich auf mit dem Gegröle!»
Aber Erling war nicht so leicht zum Schweigen zu bringen. Er saß auf dem Deck der Segeljolle «Rex» und sang aus vollem Halse. In der Rechten hielt er eine Scheibe Brot mit Preßwurst (viel Senf!), und diesem belegten Brot galt seine Liebeserklärung, die Jespers Unwillen erregte.
«Ich liebe dich ... ich liiiiiiebe dich ... Ich ... puh ...!»
Der kleine Jesper, von den Kameraden «Krümel» genannt, hatte seinem dicken Freund einen Eimer voll Wasser mitten ins Gesicht geklatscht und ihn so — freilich auf eine etwas drastische Weise — zum Verstummen gebracht. Carl, der sich durch ungewöhnliche Körperkräfte auszeichnete und seinen Freunden an Alter etwas voraus war, mußte über Erlings Gesicht derart lachen, daß er beinahe die Fockschot, die er gerade festmachen wollte, hätte fahrenlassen. Jan endlich, der vierte im Bunde, der an der Ruderpinne saß, grinste stillvergnügt.
Erling spie das Salzwasser aus, legte sein Wurstbrot aus der Hand, setzte sich langsam aber unaufhaltsam in Bewegung und steuerte geradenwegs auf den Übeltäter zu. «Das sollst du mir büßen, Krümel!» drohte er.
«Gnade, Gnade ... großer Herr!» rief Krümel erschrocken. «Es war nicht bös gemeint! ... Erling, laß nach! ... Sei doch nicht so gemein ...!»
Aber Erling packte mit der einen Hand den Missetäter beim Haarschopf und griff mit der andern nach Jespers Eimer. «Rache ist süß!» sagte er grimmig.
Dabei schwang er den Eimer an der Leine über Bord, zog ihn herauf und ließ das kühle Meerwasser langsam über Kopf und Rücken des Sünders hinunterrinnen.
Jesper brüllte aus voller Kehle, als ginge es ihm ans Leben. Doch es half ihm nichts; Erling hielt ihn mit starker Hand gepackt und ließ erst los, als der Eimer leer war. Jesper schüttelte sich noch eine Weile. Da er aber nur eine Badehose trug, war der Schaden nicht groß. Schnell war der Friede geschlossen, und die beiden Kampfhähne wälzten sich nebeneinander lachend auf dem Deck der Segeljolle, bis Erling plötzlich aufsprang und voller Entsetzen rief: «Mein Wurstbrot!!!»
Das belegte Brot hatte in der heißen Sonne gelegen; die Wurstscheiben krümmten sich und die dick aufgestrichene Butter begann zu zerfließen.
«Siehst du!» fuhr Erling aufgebracht fort, «nun schmilzt schon die Butter! Das ist ganz allein deine Schuld, du elender Wurm!»
«Meine Schuld?» gab Jesper zurück. «Nicht die Spur! Du bist selber schuld! Denn hättest du nicht das blöde Lied von Aarestrup gegrölt ...»
«Aarestrup ...!» Erling machte ein Gesicht, als habe er auf einen wurzelkranken Zahn gebissen.
«Kleiner Krümel!» begann er, traurig den Kopf schüttelnd. «Aus dir wird nie etwas Rechtes! Wie soll das bloß enden? Jedermann wird sagen: ‚Gewiß, er ist ein ganz netter Kerl ... aber begabt? Nicht die Spur! Und gebildet? Nicht die Spur! Man denke sich: er kriegt es fertig, Aarestrup mit Andersen zu verwechseln, bloß weil sie beide mit einem ‚A’ anfangen. Mit dergleichen beklagenswerten Irrtümern schreitet er nun durchs Leben und streut sie um sich, wie man Asche auf die Schlittenbahn streut!»
«Ist das Gedicht nicht von Aarestrup?» fragte Jesper verwundert. «Ist es von Andersen? Ehrenwort?»
«Von H. C. Andersen!» bestätigte Erling. «Merke es dir für den unwahrscheinlichen Fall, daß du eines Tages eingeladen werden solltest, am Rundfunkquiz teilzunehmen.»
«Und die Melodie?» fragte Carl. «Man hört das Lied manchmal im Radio. Freilich tat Erling sein Möglichstes, um es unkenntlich zu machen. Von wem ist die Melodie?»
«Von Grieg!» erwiderte Jesper schnell. «War es diesmal richtig, Dicker?» fügte er etwas kleinlaut hinzu.
«Manchmal findet selbst ein blindes Huhn ein Korn», sagte Erling gutmütig; dabei biß er mit sichtlichem Behagen in sein Wurstbrot, das augenscheinlich immer noch genießbar war.
Die Wellen plätscherten munter gegen die Seiten des Boots. Der Wind frischte spürbar auf. Die Küste der Insel Fünen lag im hellen Sonnenschein.
Carl stand auf und streckte die Glieder. «Bald sind wir in Nyborg», sagte er und holte die Fockschot etwas ein, um dichter an den Wind zu gehen.
«Bald sind wir in Nyborg», wiederholte Jesper. Seine Stimme klang nicht gerade begeistert. «Das bedeutet, daß für mich die Ferien nun bald zu Ende sind ... Schade!»
«Du brauchst doch nur bei uns zu bleiben», meinte Jan. «Wir schicken dich nicht fort. Das weißt du ja.»
«Natürlich weiß ich das, Jan», sagte Jesper. «Aber ich habe nun einmal versprochen, daß ich von Nyborg aus direkt nach Hause fahre. Ein Vetter aus der Provinz erweist unserem geringen Hause die Ehre. Es würde wirklich nicht gut aussehen, wenn es da hieße, ich mache gerade mit meinen Freunden eine Segelfahrt. Der Besuch kommt nämlich eigentlich nur meinetwegen nach Kopenhagen ... oder wenigstens rechnet er bestimmt darauf, daß ich da bin. Da ist nichts zu machen. Sobald wir in Nyborg sind, nehme ich die erste Fähre nach Korsör und dampfe ab.»
«Schade, kleiner Krümel!» sagte Erling mit aufrichtigem Bedauern. «Du wirst mir fehlen.»
«Du mir auch, dickes Dromedar!» erwiderte Jesper.
Erling war aufgestanden und verneigte sich vor seinem kleinen Freunde mit chinesischer Förmlichkeit. Dieser folgte seinem Beispiel.
«Was habt ihr eigentlich in Nyborg vor?» fragte Jesper, als sie wieder saßen.
«Nichts Besonderes», erwiderte Jan. «Wollen bloß die Stadt ein bißchen ansehen. Dann kann die Reise gleich weitergehen. Ich dachte daran, die Südküste von Seeland zu umsegeln, wenn das Wetter günstig bleibt. Schade, daß du nicht mitfahren kannst!»
Jan hielt stetigen Kurs auf die Küste, die man schon erkennen konnte. Eine Eisenbahnfähre, die von Korsör herüberkam, hielt auf die Einfahrt des Nyborger Hafens zu.
«Hoffentlich kommen wir mit der Hafengebühr billig weg», meinte Carl. «Wir müssen sparen.»
«Die Hafengebühr?» lachte Jan. «Wenn es weiter nichts wäre! Viel schlimmer wird es über unser Geld hergehen, wenn Erling den Wagen mit den warmen Würstchen entdeckt.»
«Sagtest du warme Würstchen?» rief Erling aufgeregt. «Und wir sind noch nicht an Land? Ha! Warme Würstchen! Mit Brot und Senf! Munter, Käpt’n! Mehr Fahrt, wenn ich bitten darf!»
«Immer mit der Ruhe, Dicker!» lachte Jan. «Es sind genug warme Würstchen da!»
«Vergiß nicht, daß wir noch Ferien haben! Da pflegen immer viele Touristen an Bord der Fähre zu sein! Stelle dir vor, die esse alles auf!»
«Du hast Glück, Erling!» beruhigte ihn Carl. «Da kommt eine kleine Bö! Jetzt machen wir gute Fahrt. Soll ich das Ruder übernehmen, Jan?»
«Nicht nötig, Carl! Ich bin zwar kein Berufsseemann wie du. Aber der Nyborger Hafen bietet für einen Sportsegler kaum Schwierigkeiten.»
«So war es auch nicht gemeint, Jan!» entschuldigte sich der starke, aber gutmütige Carl, der sich auf das Steuermannsexamen vorbereitete. «Einem so tüchtigen Sportsegler, wie du es bist, dürfte es kaum passieren, daß er mit einer Boje kollidiert. Die Hauptsache ist: du bohrst das Fährschiff nicht in den Grund!»
Etwas später waren sie an Land und legten im Segelhafen an. Jesper ergriff seinen kleinen Koffer. Dann wanderten die vier Freunde nebeneinander am Kai entlang bis zur Liegestelle der Eisenbahnfähren, die die Inseln Fünen und Seeland miteinander verbinden.
An der Liegestelle waren zahlreiche Autos aufgefahren, die auf die Fähre warteten, und vor dem Wagen mit den warmen Würstchen hatte sich eine ziemlich lange Schlange gebildet. Aber es war keine Not. Ein jeder bekam seine Wurst.
Sie hatten noch nicht ganz aufgegessen — Erling schlug gerade vor, sie sollten zum Nachtisch noch eine Eiswaffel genehmigen — als die Fähre schon anlegte. Kurz darauf fuhren die ersten Autos an Land.
Die Buben betrachteten interessiert die vielen eleganten Wagen, die teilweise, wie man an den Nummernschildern sah, aus England, Deutschland, Frankreich, Holland und Belgien kamen, und spähten nach Typen aus, die sie vielleicht noch nicht kannten.
Das mächtige Fährschiff entlud sich schnell, und es waren nicht mehr viele Autos an Bord, als plötzlich eine Stockung eintrat. Ein gelber viersitziger Sportwagen, mit einer jungen Dame am Steuerrad und einer zweiten als Passagier, fuhr zu schnell von der Fähre herunter, und da der schwarze Chevrolet, der in der Reihe vor dem Sportwagen fuhr, im selben Augenblick bremsen mußte, prallte der Sportwagen auf das Heck des Vordermanns.
Es knirschte und krachte, und beide Wagen wurden ziemlich schwer beschädigt. Die Dame, die in dem Sportwagen neben der Fahrerin saß, hatte sich gerade etwas vorgebeugt. Bei dem Zusammenprall wurde sie gegen die Windschutzscheibe geschleudert und über dem linken Auge — glücklicherweise nur leicht — verletzt.
Jan und seine Freunde gingen hin, um sich die beiden beschädigten Wagen aus der Nähe anzuschauen. So wurden sie in ein Abenteuer verwickelt, das sie in der friedlichen Stadt Nyborg wirklich nicht erwartet hatten.
Zweites kapitel
Jan schöpft Verdacht
Als die Buben vor den beiden Autos standen, sahen sie sofort, daß der Sportwagen bei dem Zusammenstoß am schlimmsten gelitten hatte. Die vorderen Kotflügel waren stark verbeult, die Motorhaube war eingedrückt, und die Scheinwerfer waren zerbrochen.
Der Chevrolet — eine schwarze Limousine — hatte ebenfalls einige böse Schäden abbekommen; der Deckel des Kofferraums hatte sich verbogen, die hintere Stoßstange war abgerissen und die Schlußlichter waren zertrümmert.
Jan und seine Freunde waren nur aus Neugier hingegangen, um sich den Schaden anzusehen, und sie waren nicht die einzigen. Eine größere Zahl von Menschen, die auf dem Kai gestanden hatten, als die Fähre anlegte, hatte sich angesammelt. Sicherlich hatten sie aber nicht erwartet, Zeugen einer unerfreulichen Zankerei zu werden. Ein jüngerer blonder Mann stieg aus dem Chevrolet aus und ging schnell zu dem Sportwagen hinüber, wo die hübsche Fahrerin in hellgrauen weiten Hosen und einer karierten Bluse gerade dabei war, den Schaden zu besichtigen.
«Wie kann man nur so unvernünftig fahren!» rief der junge Mann. «Mein Wagen ist schön zugerichtet!»
Daß auch der Sportwagen Schaden genommen hatte, schien ihn nicht zu interessieren. Er schenkte ihm kaum einen flüchtigen Blick, betrachtete dagegen mit größter Aufmerksamkeit die Schäden, die sein eigener Wagen erlitten hatte.
«Es tut mir schrecklich leid», stammelte die junge Dame. «Ich begreife nicht ...»
«Begreife nicht ... Nein! Ich würde mich auch sehr wundern, wenn es eine vernünftige Erklärung dafür gäbe», fauchte der Mann und wandte sein Interesse wieder seinem Wagen zu.
Die junge Dame stand hilflos da. Es zitterte um ihren Mund, als wären ihr die Tränen nahe.
Ein Mann in einem hellgrauen eleganten Jackettanzug war inzwischen ebenfalls aus dem Chevrolet ausgestiegen, und auch die andere Dame, die im Sportwagen gesessen hatte, gesellte sich zu den übrigen. Sie trug wie ihre Freundin eine weite Hose und eine Bluse. «Typische Touristen!» dachte Jan, und seine Augen glitten über die vier Lederkoffer, die hinten in dem Sportwagen aufgestapelt waren. Es waren offenbar zwei wohlhabende junge Damen, die in die Ferien fuhren. Und nun war es zu diesem Zusammenstoß gekommen, der ihre Ferienfreude etwas zu trüben drohte. Aber schlimm war es doch eigentlich nicht. Die Wagen mußten für eine Weile in die Reparaturwerkstatt. Hinterher würden sie genau so elegant aussehen wie zuvor.
Der Mann, der zuletzt aus dem Chevrolet ausgestiegen war, betrachtete lächelnd die anderen. Er hatte die Hände in die Rocktaschen gesteckt und sich eine Zigarette angezündet. Sein dunkles Haar glänzte in der Sonne.
«Auch die Rücklichter sind hin», sagte der andere Mann wütend. «Also können wir nicht weiterfahren.»
Er blickte den dunkelhaarigen Mann an, als erwarte er von ihm eine Äußerung. Der aber zuckte nur die Schultern und sagte nichts. Die beiden jungen Damen blickten einander ratlos an.
«Das bringt auch nur eine Frau fertig! Da kann man noch soviel reden ...»
Er brach mitten im Satz ab, denn in diesem Augenblick kam ein Polizist herbei und fragte: «Was ist geschehen?»
Der Mann blickte ihn flüchtig an und verzog zum ersten Mal sein Gesicht zu einem Lächeln.
«Ein kleiner unverschuldeter Unfall», murmelte er. «Als wir von Bord fuhren, kollidierten die Wagen. Sie haben ein paar Beulen bekommen. Nichts von Belang ...»
«Wollen Sie das selber in Ordnung bringen, oder ist es etwas Ernstes?» fragte der Polizist, der anscheinend nicht viel Lust hatte, ein Protokoll aufzunehmen?»
«Wir werden allein damit fertig», sagte der Mann.
«Darf ich Ihren Führerschein sehen?»
«Bitte sehr.»
Der Polizist warf einen gleichgültigen Blick auf das Dokument und gab es dem Mann zurück. Dann wandte er sich an die junge Dame, die den Sportwagen gefahren hatte. «Ihren Führerschein, bitte?»
Sie holte ihre Tasche, die auf dem Vordersitz des Wagens lag, kramte darin herum und nahm den Führerschein heraus. Der Polizist sah ihn an, nickte und reichte ihn zurück. «Sie wünschen also nicht, daß ich ein Protokoll aufnehme?»
«O nein», stammelte sie, eifrig den Kopf schüttelnd. «Natürlich ersetze ich den Schaden, den ich angerichtet habe ...»
«Wollen Sie nicht, daß die Versicherung ihn ersetzt?» fragte der Polizist etwas verwundert.
«Das ist nicht nötig, Herr Wachtmeister», sagte der Mann, liebenswürdig lächelnd. «Es handelt sich ja eigentlich nur um ein paar Schrammen.»
«Na, ein paar Schrammen ist nicht gerade der richtige Ausdruck. Die Reparatur dürfte sogar ziemlich viel Geld kosten», meinte der Polizist. «Doch wie Sie wollen. Schaffen Sie die Wagen weg, damit die anderen Wagen passieren können.»
«Sofort.»
Der Polizist grüßte und ermahnte die vielen Zuschauer, weiterzugehen.
Sobald er fort war und die Zuschauermenge sich zu zerstreuen begann, sagte Erling: «Wir wollten doch noch eine Eiswaffel essen.»
«Ja, richtig!» rief der kleine Jesper. «Daß wir bloß das Wichtigste nicht vergessen! Komm, Jan!»
«Geht nur schon voraus», sagte Jan. «Ich komme gleich nach.»
Jesper hatte den Eindruck, daß Jans Gedanken woanders waren. Er sagte aber nichts, sondern folgte Carl und Erling, als sie sich nach dem Wagen des Eisverkäufers wandten.
Jan ging langsam um die beiden Autos herum und tat so, als interessiere er sich für die Schäden, die sie erlitten hatten. Die anderen Zuschauer hatten sich fast alle entfernt. Da hörte er den Mann, der den Chevrolet gefahren hatte, die Dame vom Sportwagen anfauchen: «Du mußt auch immer wie eine Verrückte fahren!»
Statt sie selber antworten zu lassen, sagte ihre Begleiterin zornig: «Und du benimmst dich immer wie ein Tolpatsch, Henrik!»
«Misch dich nicht ein! Es ist mein Wagen.»
«Das brauchst du mir nicht immer wieder zu erzählen. Ich habe es wirklich schon oft genug gehört. Der Schaden, den Jens’ Wagen erlitten hat, scheint dir völlig gleichgültig zu sein.»
Jetzt nahm der dunkelhaarige Mann das Wort: «Hört doch auf!» sagte er beruhigend. «Laßt uns nicht mehr davon reden. Nur kein Aufsehen, bitte.»
Er blickte sich um. Eine Sekunde lang begegneten sich seine und Jans Augen. Es war nur eine Sekunde. Dann blickten sie beide woanders hin, und Jan begann leise zu pfeifen, als habe er nichts gesehen und nichts gehört, sich vielmehr bloß die Autos angeschaut.
«Wir müssen sehen, daß die beiden Wagen schnell in eine Werkstatt kommen», sagte der dunkelhaarige Mann. «Wir bleiben derweilen im Sommerhaus.»
Jan folgte seinen Kameraden, die bereits mit dem Eismann verhandelten. Erling streckte ihm ein Eis am Stiel entgegen und sagte: «Na, alter Detektiv? Hast du das Geheimnis der beiden Autos schon aufgeklärt?»
«Weißt du nun, wie es kam, daß sie zusammenstießen?» fragte der kleine Jesper mit frommer Miene.
Erling lachte. «Im letzten Kapitel erklärt Jan das Ganze der staunenden Freundesschar!» sagte er. «‚Also’, spricht der Detektiv und blickt sich im Kreise um. ‚Das Ganze ist in Wirklichkeit furchtbar einfach. Der eine Wagen fuhr zu schnell und der andere bremste plötzlich. Noch bevor der Fahrer des hinteren Autos auf die Bremse treten konnte, rammte sein Wagen mit voller Kraft den Chevrolet, und so entstanden schwere Schäden! Genial, nicht wahr?’»
«Ungemein einfach, lieber Watson!» fuhr Jesper spöttisch fort. «Das Ganze war eine Frage schlechter Reaktionsfähigkeit bei der Fahrerin des Sportwagens. Die junge Dame wurde, wie erinnerlich, im zweiten Kapitel von einem einäugigen Chinesen entführt und war davon immer noch verstört ...»
«Ach, hört endlich auf!» sagte Jan ärgerlich. «Wenn ihr glaubt, ihr seid witzig ...»
«Dann haben wir vollkommen recht», fiel Erling ein.
«Laßt Jan doch in Ruhe», brummte Carl. «Wenn ihr beiden einmal mit euren Albereien angefangen habt, dann findet ihr kein Ende mehr. Laßt euern Witz doch aneinander aus, statt Jan zu ärgern. Das ist viel besser!»
«Gönne den Kleinen ihren Spaß!» sagte Jan friedlich. «Sowohl Erling wie Krümel würden sich sehr wundern, wenn ihnen aufginge, daß die Sache mit den beiden Autos in Wirklichkeit recht merkwürdig ist. Man kann freilich nicht erwarten, daß so einfältige Gemüter das ohne weiteres begreifen. Hätten sie ihre Augen und Ohren gebraucht, dann wären ihnen viele seltsame Dinge aufgefallen. Sie hatten aber nichts anderes im Kopf als Eiswaffeln, und daher entging ihnen allerlei, was des Nachdenkens wohl wert ist.»
Erling stutzte. Nach einer kurzen Pause meinte er: «Du willst doch nicht etwa sagen, daß ...»
Jan nickte: «Doch, das will ich sagen ...»
Erling wollte gerade wieder an seiner Eiswaffel schlecken, vergaß es aber ganz und starrte Jan mit offenem Munde an. «Ach nein!» sagte er flehentlich. «Ach nein ...»
«Steht ein neues Abenteuer bevor?» fragte Carl erwartungsfreudig. «Ist es so, dann frisch ans Werk! Ich stimme deshalb keine Klagelieder an wie der dicke Faulpelz dort! Erzähle uns lieber, was du entdeckt hast!»
«Und ich hatte mich schon gefreut, wie wunderbar ruhig und friedlich wir es haben würden, wenn wir Krümel erst nach Hause geschickt hätten!» sagte Erling betrübt. «Nun ist alles verdorben, und du kannst ebensogut bei uns bleiben, Krümel; denn jetzt hat Jan ein neues Problem entdeckt, das uns die ganze nächste Zeit keine Ruhe mehr lassen wird!»
«Unsinn!» sagte Jan. «Halb so schlimm! Ich habe nur behauptet, daß bei den vier Leuten in den Autos irgend etwas nicht zu stimmen scheint. Die beiden Wagen kommen in die Werkstatt. Zum mindesten müssen die Scheinwerfer des Sportwagens und die Rücklichter samt der Stoßstange des Chevrolets in Ordnung gebracht werden. Vorher können die Leute nicht weiterfahren.»
«Was ist denn daran merkwürdig?»
«Daran natürlich nichts. Aber die Leute kennen einander.»
«Das ist doch auch nicht weiter merkwürdig», meinte Erling.
«Hört mal!» nahm Jesper das Wort. «Wenn ich mich nicht beeile, versäume ich die Fähre. Das darf ich aber leider nicht, weil ich sonst in Korsör keinen Anschluß bekomme. Ich habe keine Lust, drüben ein paar Stunden am Hafen zu stehen und zu warten. Bringt ihr mich zur Fähre?»
«Natürlich!» sagte Erling. «Aber wundere dich nicht, wenn ich beim Abschied zu weinen anfange. Bist du erst weg, dann habe ich niemand mehr, über den ich mich ärgern kann.»
Bald darauf nahm Jesper Abschied von seinen Kameraden und ging an Bord.
Jan, Carl und Erling blieben am Kai zurück und winkten, als die Fähre sich in Bewegung setzte.
«Schreibt, wenn ihr etwas Spannendes erlebt!» rief Jesper.
Auf dem Weg zur Liegestelle der Fähre hatte Jan erzählt, was er gehört und gesehen hatte. Jesper war also einigermaßen im Bilde.
«Mir scheint», hatte Jan gesagt, «es ist doch etwas merkwürdig, daß die Leute einander gut kennen, aber, sobald andere zugegen sind, so tun, als seien sie einander fremd. Und weshalb fahren sie in zwei Wagen?»
«Vielleicht bringen sie den einen Wagen für Freunde herüber», meinte Erling. «Oder vielleicht gehört dem einen Paar der Chevrolet, dem anderen der Sportwagen, sie können aber nicht miteinander fahren.»
«Wie meinst du das? ... Ach so, ich verstehe. Du meinst, daß einer der beiden Herren seinen Wagen nicht selber fahren kann?»
«Stimmt. Vielleicht hat der eine Mann zum Beispiel seinen Führerschein verloren oder vergessen.»
«Es könnte möglich sein, daß du recht hast. Aber auch dann ist es doch merkwürdig, daß sie vor Fremden tun, als kennten sie einander nicht. Ich hatte den Eindruck, daß der Mann, der den Chevrolet fuhr, mit der Dame verheiratet ist, die am Steuer des Sportwagens saß. Und weshalb wollte er durchaus nicht, daß der Polizist ein Protokoll aufnahm?»
«Das vermeiden viele Fahrer in solchen Fällen, wenn es eben geht. So ein Protokoll bringt eine Menge Scherereien.»
«Gut. Dann beruhigen wir uns also dabei und nehmen an, daß es so ist», schloß Jan seinen Bericht. «Es sieht tatsächlich so aus, als hätte ich am hellichten Tage Gespenster gesehen. Wahrscheinlich ist mit den vieren alles in Ordnung, und du kannst in Ruhe und Frieden deine Ferien genießen, Dicker.»
«Das klingt zu schön, um wahr zu sein», erwiderte Erling.
Dann hatte die Abschiedsstunde geschlagen. Die Fähre mit Jesper an Bord war auf dem Wege nach Korsör. Jan, Erling und Carl aber gingen in die Stadt.
Jan blieb etwas hinter den beiden andern zurück. Immer wieder mußte er an die vier Leute in den beiden Wagen denken. Bei der ersten Autowerkstatt, an der er vorüber kam, spähte er in den Hof. Wie er erwartet hatte, standen dort die beschädigten Autos. Ein Mechaniker stellte gerade den Umfang der Schäden fest, und der Mann, der den Chevrolet gefahren hatte, äußerte seine Wünsche; die anderen waren nicht zu sehen.
«Sorgen Sie vor allem dafür, daß die Wagen so schnell wie möglich repariert werden», hörte Jan den Mann sagen. «Wir haben nur wenig Zeit. Wir müssen weiter ...»
«Aber wir haben jetzt gerade sehr viel zu tun», wandte der Mechaniker ein.
«Ich bezahle den doppelten Preis, wenn Sie unsere Wagen sogleich in Angriff nehmen», sagte der Mann. Der Mechaniker blickte ihn verwundert an. Eine solche Großzügigkeit war er offenbar nicht gewohnt. Er kratzte sich am Nacken.
Jan trat an das Schaufenster der Autowerkstatt heran und tat so, als betrachte er die Hupen, Aschenbecher, Scheinwerfer, Reserveteile und was sonst noch zum Beschauen ausgebreitet war. Er hoffte, der Mann würde eine Bemerkung machen, die ihm einen Anhaltspunkt gab. Er mußte aber lange warten, bis sich sein Wunsch endlich erfüllte.
Drittes kapitel
Jan bekommt zu tun
Am Ende der Straße waren Erling und Carl stehengeblieben und hatten sich nach Jan umgedreht. Sie winkten, er solle sich beeilen. Jan winkte zurück und deutete an, sie möchten Geduld haben, er käme bald.
Seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Mann gerichtet, der mit dem Besitzer der Autowerkstatt wegen der Reparatur der beiden Wagen verhandelte. Er stand so, daß Jan sein Gesicht studieren konnte, ohne selber Gefahr zu laufen, daß er entdeckt würde.
«Tja», sagte der Mechaniker und kratzte sich noch einmal am Nacken. «Doppelte Bezahlung ist natürlich eine schöne Sache ... aber ich habe versprochen, den Buick dort bis morgen fertigzumachen. Und da es sich um einen festen Kunden handelt, so ...
«Das Gerede hat keinen Sinn. Können Sie die Wagen rasch instandsetzen oder nicht?» unterbrach ihn der Mann mit scharfer Stimme.
«Doch, doch! Natürlich», versicherte der Mechaniker etwas erschrocken. «Aber es ist allerlei daran zu machen. Wir müssen die Beulen aus den Kotflügeln herausklopfen, bei dem Sportwagen muß auch der Kühler gelötet werden, denn er ist leck. Dazu neue Scheinwerfer, neue Schlußlichter und die Lackierung der schadhaften Stellen ... die Wagen sollen ja schließlich auch wieder tadellos aussehen.»
«Deshalb biete ich Ihnen ja doppelte Bezahlung», sagte der Mann ungeduldig.
«Wo kann ich Sie erreichen?» fragte der Mechaniker.
«Sie brauchen mich nicht zu erreichen», erwiderte der Mann. «Entscheiden Sie sich jetzt gleich. Es gibt ja noch mehr Werkstätten in Nyborg.» Offensichtlich wollte er sich auf weitere Verhandlungen nicht einlassen.
Da der Mechaniker nicht sofort antwortete, fuhr er fort: «Ich verlange von Ihnen nichts Unmögliches, ich verlange nur, daß Sie die Arbeit beschleunigen, so sehr es geht, und mir versprechen, Ihr Möglichstes zu tun, damit die Wagen rasch wieder fahrbar sind. Das ist alles. Tadellose Instandsetzung ist also nicht nötig. Wir müssen sobald wie möglich weiter.»
«Gut, dann übernehme ich den Auftrag», meinte der Mechaniker. «Den großen Wagen können Sie sehr bald wiederhaben, vielleicht schon übermorgen, spätestens in drei Tagen.»
«Früher nicht?»
«Auf keinen Fall.»
«Gut. Nach Möglichkeit übermorgen, sonst in drei Tagen. Und der Sportwagen?»
«Das dauert länger. Fünf Tage auf alle Fälle, vielleicht sogar sechs. Ich werde versuchen, noch einen Mann einzustellen, aber ich weiß nicht, ob ich jemand bekomme. Wo wollen Sie hin?»
«Zuerst nach Jütland ... und dann ins Ausland. Übermorgen werde ich nach dem großen Wagen sehen. Inzwischen bleiben wir hier am Strand, in einem Sommerhaus, das Freunden von uns gehört. Hier ist ein Vorschuß, damit Sie sehen, daß ich für rasche Arbeit auch rasch zahle!»
Jan sah, wie der Mann eine Brieftasche zog, ein paar Scheine herausnahm und sie dem verblüfften Mechaniker reichte. In diesem Augenblick fiel etwas aus der Brieftasche heraus, und ein Windstoß trug es davon. Der Mann drehte sich schnell um und lief hinterher. Es war etwas Schwarzes, etwas wie ein kleines Stückchen Pelz oder Wollstoff. Der Wind führte das Ding direkt auf Jan zu.
Erling und Carl riefen aus der Ferne: «Jan! — Komm doch endlich!»
Jan bückte sich schnell und packte das schwarze Ding. Im selben Augenblick stand der Mann schon vor ihm und streckte die Hand danach aus: «Danke!» sagte er.
Sein Gesicht war völlig unbewegt, es zeigte auch nicht die Andeutung eines Lächelns.
«Bitte, gern geschehen», erwiderte Jan.
Er hatte kaum Zeit zu sehen, was er eigentlich in der Hand hielt, und doch wußte er es. Er fühlte es mit den Fingerspitzen, und ein flüchtiger Blick bestätigte ihm, daß es ein kleiner, schwarzer, künstlicher Schnurrbart war, wie man ihn auf der Bühne oder im Film braucht.
Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Der Mann kehrte zu den Autos zurück, während Jan seinen Freunden nacheilte.
«Warum bist du dort solange stehengeblieben?» fragte Carl. «Was war bloß in dem Schaufenster zu sehen, daß du dich gar nicht davon losreißen konntest?»
«In dem Schaufenster gab es gar nichts zu sehen, aber nebenan allerhand ... Doch erst weg von hier!»
«Wohin?»
«Erst einmal um die nächste Ecke und dann noch ein Stück weiter. Hernach werde ich euch alles erklären ...»
Als sie um die Ecke gebogen waren, begann Jan zu laufen. Die anderen folgten ihm, bis er wieder um eine Ecke bog und sich in den Anlagen, die nun vor ihnen lagen, auf eine Bank setzte.
«Puh! Das hat mich ausgepumpt!» keuchte Erling, als er sich neben Jan auf die Bank sinken ließ. «Dürfen wir nun um eine Erklärung bitten?»
«Gern. Wir mußten nur erst außer Gesichtsweite sein. Hier sind wir wohl einigermaßen sicher.»
«Sicher? Vor wem? Was ist denn bloß mit dir los?» fragte Carl. «Zuerst hattest du soviel Zeit, und nun hast du es plötzlich so eilig.»
«Hört zu!» erwiderte Jan. «Ich sah den Chevrolet und den Sportwagen auf dem Hof der Auto-Werkstätte, und der Mann vom Chevrolet sprach mit dem Besitzer über die Reparatur. Darum blieb ich stehen, in der Hoffnung, ich könnte etwas in Erfahrung bringen. Ich glaube noch immer, daß da etwas nicht stimmt. Zuerst konnte ich selbst nicht sagen, warum mir die Leute verdächtig vorkamen. Jetzt aber bin ich ganz sicher, daß sie kein reines Gewissen haben.»
Jan erzählte, was er von dem Gespräch gehört hatte, und berichtete von dem falschen Schnurrbart, der dem Mann aus seiner Brieftasche gefallen war.
«Ein falscher Schnurrbart?» fragte Erling aufgeregt. «Weißt du, alter Freund, das klingt denn doch etwas gar zu phantastisch!»
«Ja», stimmte Carl zu, «es klingt wie ein schlechter Kriminalroman.»
«Es kann natürlich sein, daß ich mich trotzdem irre. Warum sollte ein Mann nicht einen Schnurrbart in der Brieftasche aufbewahren? Vielleicht ist er Schauspieler ... oder vom Film. Aber ich habe das Gefühl ...»
«Diese Gefühle kenne ich», sagte Erling. «Du wirst ja doch keine Ruhe geben, solange du überzeugt bist, das friedliche Nyborg habe eine Verbrecher-Invasion erlebt. Was hat der Mann denn deiner Meinung nach getan?»
«Das weiß ich natürlich nicht», erwiderte Jan etwas ärgerlich. «Ich habe es mir nur zur Gewohnheit gemacht, meine Augen und Ohren zu gebrauchen, und manchmal gebrauche ich auch meinen Verstand.»
«Das läßt sich nicht leugnen», warf Erling ein. «Und jedesmal bedeutet das für mich Unruhe und Sorgen und bisweilen sogar körperliche Anstrengungen. Mit dir zusammen seine Ferien zu verleben, ist nicht immer bequem. Was hast du nun vor? Heraus mit der Sprache!»
«Vorläufig können wir nicht viel tun, denn wir wissen ja gar nichts von den vier Leuten in den Autos, und wie wir mehr von ihnen erfahren könnten, ahne ich nicht.»
«Aber ich!» sagte Carl plötzlich. «Die Sache ist ja ganz einfach ...»
«Was meinst du?» Jan und Erling blickten ihren Freund verwundert an.
«Ich gehe zu der Auto-Werkstätte und frage, ob man Arbeit für mich hat. Nach dem, was Jan gesagt hat, werden sie wohl über jede Hilfe froh sein. Ich kann zum Beispiel das Blech ausklopfen. Das habe ich schon öfter gemacht.» Er war offensichtlich ganz beglückt bei dem Gedanken, er könne seinen Freunden helfen. Erling und Jan mußten lächeln.
«Glaubst du wirklich, daß der Besitzer dich einstellen wird?» fragte Erling.
«Das werden wir gleich sehen», antwortete Carl. «Wartet hier! Ich werde die Sache sofort in Ordnung bringen.» Damit ging er davon.
Jan und Erling blieben sitzen, um auf Carls Rückkehr zu warten. Plötzlich sagte Jan: «Ich glaube, es wäre ein guter Gedanke, wenn wir uns eine Zeitung besorgten! Wir haben in den letzten Tagen keine zu Gesicht bekommen und wissen gar nicht, was in der Welt geschehen ist. Warte einen Augenblick, ich hole uns schnell ein paar. Da drüben ist ein Kiosk.»
Er lief zu dem Kiosk hinüber und kam bald mit einigen Kopenhagener Zeitungen zurück. Die beiden Freunde begannen sofort, sie eifrig zu studieren.
Plötzlich sagte Jan: «Hör mal, Dicker, was hier steht. Ich lese dir den Artikel vor. ‚Zwei raffinierte Gauner haben gestern zwei Kopenhagener Geschäftsleute durch Diebstähle empfindlich geschädigt. Vieles deutet daraufhin, daß die Diebe der internationalen Verbrecherwelt angehören. In dem einen Fall wurde der Antiquitätenhändler Laust Olesen, Knabostraede, ihr Opfer. Die Verbrecher entwendeten dort antiken Schmuck im Werte von etwa 40 000 Kronen. Im zweiten Fall fiel ihnen der Juwelier A. C. Birch, Oesterbrogade, zum Opfer. Er büßte zwei Perlenketten und andere Schmuckstücke im Werte von gut 50 000 Kronen ein.
‚Der Antiquitätenhändler entdeckte den Diebstahl zuerst und unterrichtete sofort die Polizei. Unter Leitung von Kriminalkommissar Mogens Helmer bearbeitet eine Abteilung des Polizeipräsidiums den Fall. Die Internationale Polizeiorganisation (Interpol) wurde sofort unterrichtet. In halb Europa macht man Jagd auf die Verbrecher, denn man rechnet damit, daß sie Dänemark bereits verlassen haben.
‚Bei Olesen ging die Sache folgendermaßen vor sich. Am Freitag gegen die Mittagszeit betraten zwei gutgekleidete Herren sein Geschäft. Sie stellten sich als Sekretäre bei der Brasilianischen Gesandtschaft in Kopenhagen vor und legten ihre Visitenkarten auf den Ladentisch. Danach hießen sie Enrico Barero und Juan Pascomi. Sie erklärten, sie wollten antiken Schmuck kaufen, und baten um Vorlage einiger Stücke zur Auswahl. Herr Olesen bediente die beiden Kunden selber. Er stellte ein Tablett mit Schmuckstücken auf den Ladentisch, die eingehend betrachtet wurden, bis Barero sich endlich entschloß, vier von ihnen zu kaufen. Es handelte sich um einen kostbaren Ring, ein Armband und zwei Halsketten, alle mit Brillanten und Rubinen. Der Gesamtwert betrug ungefähr 40 000 Kronen. Barero zog eine kleine Pappschachtel aus der Tasche, legte den Schmuck hinein und sagte: Leider habe ich nicht genug Geld bei mir, um den Betrag sofort zu bezahlen. Ich bitte Sie daher, die vier Stücke für mich in dieser Schachtel aufzubewahren. Ich schicke morgen früh einen Boten, der Ihnen das Geld bringt. Hier ist eine Anzahlung von tausend Kronen. Damit legte er einen Tausendkronenschein auf den Ladentisch.
‚Der Antiquitätenhändler wandte ein, es wäre nicht notwendig, den Schmuck in die Pappschachtel zu tun. Er werde die ausgesuchten Stücke beiseitelegen und sie in seinem Geldschrank aufbewahren. Barero erklärte jedoch, da er nicht selber vorbeikommen könne, sei es besser, so vorzugehen wie er wünsche. Er nahm einen Klebestreifen aus der Tasche, verschloß damit die Schachtel, schrieb seinen Namen auf den Streifen und sagte: So! Jetzt bin ich sicher, daß ich den richtigen Schmuck bekomme.
‚Diese Bemerkung und der kränkende Tonfall ärgerten den Antiquitätenhändler begreiflicherweise, und er wollte erst protestieren. Aber dann sagte er sich, vielleicht wären derartige Vorsichtsmaßnahmen in Brasilien üblich. Auch wollte er natürlich gern das Geschäft machen. Darum erwiderte er nur: Sie würden den Schmuck, den Sie ausgewählt haben, auch bekommen, wenn ich ihn ohne die Pappschachtel aufbewahrte.
‚Bevor der Antiquitätenhändler die Schachtel an sich nehmen und in seinen Geldschrank legen konnte, erkundigte sich Juan Pascomi nach dem Preis einer antiken Porzellanvase, die auf einem Bord hinter dem Ladentisch stand. Herr Olesen wandte sich um, nahm die Vase herunter und zeigte sie seinen Kunden. In dem Augenblick, da Olesen ihnen den Rücken wandte, müssen sie die Gelegenheit wahrgenommen haben, ihren Trick zur Ausführung zu bringen: Sie vertauschten die Schachtel mit einer anderen, die ganz genau so aussah. Der Antiquitätenhändler merkte es nicht.
‚Dann sprach man noch eine Weile über die Vase und ihren Preis, den Pascomi zu hoch fand, bis er erklärte, sie sei ihm zu teuer. Zwischendurch bat Barero um eine Quittung über seine tausend Kronen, die er erhielt. Dann verließen die beiden Männer den Laden.
‚Am nächsten Tage erschien der Bote Bareros nicht. Herr Olesen dachte, es sei wohl etwas dazwischengekommen. Die geleistete Anzahlung machte ihn sicher. Als aber auch am folgenden Montag niemand erschien, um den Schmuck zu holen, begann er Verdacht zu schöpfen. Er überlegte. Schließlich entschloß er sich, die Schachtel zu öffnen, die die ganze Zeit unberührt im Geldschrank gelegen hatte. Da zeigte es sich, daß ihr Inhalt aus schmalen Streifen Blei, in Papier eingewickelt, bestand, die natürlich nur die Aufgabe gehabt hatten, der Schachtel das nötige Gewicht zu geben.
‚Herr Olesen rief sofort die Kriminalpolizei an. Am gleichen Abend wurde vom Rundfunk das Signalement der beiden Verbrecher durchgegeben. Da der Schwindel auf diese Weise bekannt wurde, kam auch der zweite Gaunerstreich der beiden Diebe ans Licht.
‚Juwelier A. C. Birch hatte am Freitagnachmittag genau den gleichen Besuch erhalten wie der Antiquitätenhändler.
‚Die beiden Männer hatten wieder ihre Visitenkarten auf den Ladentisch gelegt. Diesmal spielte Juan Pascomi die Rolle des Kunden. Nach längerem Zögern und Überlegen wählte er zwei Perlenketten, ein Brillantarmband und zwei Ringe mit Brillanten und Rubinen im Werte von über 50 000 Kronen aus. Er legte den Schmuck ebenfalls in eine Pappschachtel, die er mit einem Klebestreifen verschloß, gab dafür die gleiche Erklärung ab wie vorher Barero und legte tausend Kronen auf den Ladentisch, für die er eine Quittung erbat. Während Birch die Quittung schrieb, fragte Barero nach dem Preis einer Goldkette, die im Schaufenster lag.
‚Birch reichte Pascomi die Quittung und ging dann zum Schaufenster, um die Kette zu holen. Diesen Augenblick müssen die beiden Verbrecher benutzt haben, um die Schachtel mit den Schmuckstücken an sich zu nehmen und sie durch eine andere zu ersetzen, die ihr genau gleich und ebenfalls mit Klebestreifen verschlossen war. Kurz darauf verließen die beiden Männer den Laden.
‚Als Juwelier Birch im Rundfunk hörte, was bei Olesen vorgefallen war, eilte er sofort in sein Geschäft, um die Schachtel zu öffnen. Auch er machte die Entdeckung, daß sie ein paar schmale Bleistreifen enthielt und verständigte sofort die Polizei.
‚Wie gesagt, nimmt man an, daß die beiden Verbrecher längst die dänische Grenze passiert haben und sich irgendwo im Ausland aufhalten. Das Signalement, das Antiquitätenhändler Olesen gab, stimmt genau mit der Beschreibung des Juweliers überein. Der Mann, der sich Enrico Barero nannte, ist 40 bis 45 Jahre alt, etwa 170 bis 175 cm groß und hat dunkle Haare, die an den Schläfen grau zu werden beginnen. Er ist bartlos. Sein Komplice, der sich Juan Pascomi nannte, ist 35 bis 40 Jahre alt, etwa 165 bis 170 cm groß, hat gewelltes, glänzendes schwarzes Haar und einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Beide sprachen mit einem starken Akzent, beherrschten aber das Dänische überraschend gut. Auf der Brasilianischen Gesandtschaft erklärt man, man kenne die angegebenen Namen nicht; man habe auch nie etwas von zwei eingereisten Brasilianern gehört, auf die das angegebene Signalement passe. Die Polizei ist überzeugt, daß man es mit zwei internationalen Juwelendieben zu tun hat, die zweifellos ihre Beute längst im Ausland abgesetzt haben.’»
Jan blickte von der Zeitung auf und sagte: «Ob sich hinter den klangvollen Namen Enrico Barero und Juan Pascomi nicht vielleicht unsere Freunde von der Fähre verbergen?»
«Aber in der Zeitung heißt es doch, die Schwindler seien Brasilianer gewesen», wandte Erling ein.
«In der Zeitung steht nur, sie hätten sich für Brasilianer ausgegeben — und das ist etwas ganz anderes.»
«Die an der Fähre sprachen aber tadellos dänisch, ohne jeden Akzent.»
«Akzent kann man vortäuschen.»
«Und der eine hatte blonde Haare!»
«Seine Haare kann man färben ... Hallo! Da kommt Carl zurück.»
Carl schien es mächtig eilig zu haben. Fast atemlos langte er bei seinen Freunden an, ließ sich auf die Bank fallen und rieb sich die Hände. «Die Sache ist in Ordnung! Ich habe für mehrere Tage Arbeit bekommen. Der Mechaniker war froh über mein Angebot, und das kann ich ihm nicht verdenken, da ich mich mit einem sehr geringen Stundenlohn zufrieden gegeben habe.» Er lachte. «Der Fuchs hat natürlich nichts davon gesagt, daß er bei rascher Arbeit doppelte Bezahlung bekommen soll. Er bot mir nicht einmal den Tariflohn für Handlanger. Normalerweise hätte ich ihm Bescheid gesagt, aber ich schlug um der Sache willen ein. Das Geld ist ja schließlich in diesem Fall nicht wichtig.»
«Was hast du ihm gesagt?»
«Ich sagte, wie es ist. Daß wir Ferien machen, aber nicht mehr viel Geld haben, und daß es mir daher ganz lieb wäre, wenn ich mir etwas verdienen könnte. Ich sagte, wir hätten die Absicht, in der Nähe der Stadt zu zelten. Da sagte er, am Strande wäre ein sehr schöner Zeltplatz. Wir können ja aber auch im Boot schlafen, wenn ihr findet, daß es bequemer ist.»
«Das ist es zweifellos», meinte Jan. Aber dann überlegte er. «Halt mal, der Mann sagte ja, sie würden während der Reparatur der Wagen in einem Sommerhaus am Strand bleiben. Vielleicht könnten wir dieses Sommerhaus ermitteln.»
«Das sollte nicht schwer sein», fiel Carl ein. «Der Werkstattbesitzer erzählte mir nämlich, der Mann, der die beschädigten Autos eingestellt habe, wohne inzwischen bei Freunden in der Villa Rosenstrauch, einem Sommerhaus am Strand. Ein ziemlich alberner Name, aber so heißt das Haus wirklich,»
«Gut, daß wir das wissen. Wann wirst du mit der Arbeit beginnen?»
«Morgen früh, der Tag ist ja bald zu Ende. Daher meinte mein neuer Chef, es sei heute schon zu spät, um noch anzufangen. Er deutete aber an, möglicherweise seien Überstunden nötig. Macht euch also darauf gefaßt, daß ich einen langen Arbeitstag haben werde.»
«Inzwischen werde ich mit Erling nach der Villa Rosenstrauch Ausschau halten», sagte Jan.
«Ich sehe den kommenden Tagen mit der größten Sorge entgegen», seufzte Erling. «Vermutlich werde ich auch Überstunden machen müssen. Und das ohne Lohn. Aber wie dem auch sein mag, zunächst wollen wir dafür sorgen, daß wir etwas Warmes in den Leib bekommen.»
Sie standen auf und verließen die Anlagen. Als sie in der Nähe des Hafens waren, sahen sie zufällig die beiden Männer in ein Taxi steigen, das in nördlicher Richtung davonfuhr.
Viertes kapitel
Villa Rosenstrauch
Der Tag ging auf die Neige. Die Buben hatten an Bord ihres Segelboots, das an einem Bollwerk im Nyborger Hafen vertäut war, eine äußerst gehaltvolle Mahlzeit verzehrt. Von ihrem Liegeplatz aus konnten sie weit über den Belt blicken, wo die Fährschiffe kamen und gingen. Das Wetter war herrlich.
«Ich denke, du bleibst am besten an Bord, Carl», sagte Jan, «während Erling und ich uns am Strand auf die Suche nach der Villa Rosenstrauch machen. Du mußt ja morgen früh aufstehen und dann wohl schwer schaffen. Auch ist es gut, wenn wir beim Kundschaften nicht zuviele sind.»
«Und schließlich ist es ganz schön, wenn man jemand hat, der auf das Boot aufpaßt», sagte Carl lächelnd. «Ich gebe dir völlig recht. Ich werde also an Bord bleiben und mich tüchtig ausschlafen.»
«Dazu werden Jan und ich kaum kommen», brummte Erling, der seinen Gefühlen wie immer Luft machte, es aber nicht böse meinte. «Wie kommen wir übrigens zum Strand? Das wird eine schöne Lauferei werden. Hätten wir doch nur unsere Räder bei der Hand!»
«Natürlich müssen wir zu Fuß gehen», antwortete Jan lächelnd. «Es kann dir wirklich nicht schaden, Dicker, wenn du dir etwas Bewegung machst. Vielleicht ist es gar nicht sehr weit bis zur Villa Rosenstrauch. Ich kenne die Gegend hier nicht, aber wir werden ja sehen. Wollen wir uns aufmachen?»
«Du machst ein Gesicht, als wüßtest du schon etwas», sagte Erling, seinen Freund mißtrauisch betrachtend. «Heraus damit, großer Häuptling! Was weißt du, und was wissen wir nicht?»
«Ich habe nur Ahnungen», erwiderte Jan lachend. «Wissen kann man das nicht nennen. Also komm!»
Sie verabschiedeten sich von Carl und wandten sich nach Norden. Nach einer Weile sahen sie den Strand vor sich liegen und auch eine Reihe von Sommerhäusern. Sie gingen daran vorbei, doch die Villa Rosenstrauch war nicht darunter. Hinter der ersten Reihe von Strandhäuschen lagen noch viele. Sie gingen kreuz und quer durch die schmalen Straßen, konnten aber kein Haus, das diesen etwas merkwürdigen Namen trug, entdecken. Sie fanden auch keins, dessen Garten so reich an Rosensträuchern gewesen wäre, daß man annehmen konnte, es habe deshalb diesen Namen bekommen. Schließlich gingen sie in einen Laden, kauften eine neue Batterie für Jans Stablampe und fragten den Ladenbesitzer, ob er die Villa Rosenstrauch kenne.
Der Ladenbesitzer antwortete, es wäre wohl das niedrige Holzhaus an dem vierten Weg linker Hand in nördlicher Richtung, meinte dann aber, er wäre seiner Sache nicht ganz gewiß.
Der vierte Weg linker Hand führte durch ein kleines Gehölz von Buchen und Birken. Die Buben gingen langsam, um kein Aufsehen zu erregen. Wenn die Leute, für die sie sich interessierten, tatsächlich im Hause waren, mußten sie vorsichtig sein. Jan hatte ja mit dem einen Mann gesprochen. Wenn dieser ihn wiedererkannte und ein schlechtes Gewissen hatte, konnte er leicht Verdacht schöpfen.
«Es ist wohl besser, du wartest hier», flüsterte Erling schließlich. «Mich hat ja keiner von ihnen gesehen. Ich kann daher unbesorgt an dem Hause vorüberschlendern und ein harmloses Gesicht machen.»
«Okay. Aber sei vorsichtig!» stimmte Jan zu.
Während Erling weiterging, verbarg Jan sich in einem Gebüsch, wo ihn niemand vom Waldweg aus sehen konnte.
Erling mochte etwa zwanzig Meter zurückgelegt haben, als er ein Haus zwischen den Bäumen liegen sah, das genau der Beschreibung des Ladenbesitzers entsprach. Es lag in einem kleinen Garten, der von einer dichten Hecke umgeben war. Die dünne Rauchsäule, die aus dem Schornstein aufstieg, verriet, daß das Haus bewohnt war.
Erling ging mit etwas beschleunigten Schritten an ihm vorüber und verbarg sich dann im Buschwerk. An der Gartenpforte hatte er ein Schild entdeckt, auf dem «Villa Rosenstrauch» stand. Es war also zweifellos das richtige Haus. Da er nirgends in der Nähe ein anderes Haus sehen konnte, fühlte er sich vor einer Überraschung ziemlich sicher. Von seinem Versteck aus suchte er sich einen Eindruck von dem Hause zu verschaffen. Die meisten Fenster lagen nach Osten und Süden. Von den Bewohnern aber war nichts zu sehen und nichts zu hören.
Schließlich entschloß Erling sich, etwas näher heranzuschleichen und sich flach auf den Boden zu legen, der mit Gras bewachsen war.
Plötzlich hörte er, wie eine Tür geöffnet wurde. Helle Frauenstimmen drangen aus dem Hause heraus, und Männerstimmen gesellten sich zu ihnen. Dann ertönten Schritte.
«Wir machen nur einen kleinen Spaziergang», hörte Erling die eine Frauenstimme sagen. «Wollt ihr nicht mit ans Wasser?»
«Jetzt nicht», erwiderte eine Männerstimme. «Geht nur ruhig allein ...»
Erling hob den Kopf so weit, daß er die beiden Frauen sehen konnte, die den Garten verließen. Es waren die Damen aus dem Sportwagen.
Als sie sich auf den Waldweg entfernt hatten, wagte sich Erling noch näher an den Garten heran. Schließlich befand er sich unmittelbar vor der Hecke. Durch deren Lücken konnte er jetzt den größten Teil des Gartens überschauen. Auf einmal sah er zwei Männer aus dem Hause kommen und in den Garten gehen. Der eine von ihnen rauchte eine Zigarre. Obwohl sie eben erst angeraucht war, warf er sie mit einer ärgerlichen Gebärde zu Boden und trat darauf. Sofort zog er eine neue aus der Brusttasche seines Rockes und setzte sie in Brand. Er war offenbar sehr nervös.
«Ein verdammtes Pech mit den Wagen», rief er wütend.
«Gewiß», suchte der andere ihn zu beruhigen. «Aber es hat doch keinen Zweck, sich darüber immer wieder aufzuregen. Schließlich läßt es sich nicht mehr ändern. Offen gestanden hat es mir gar nicht gefallen, daß du ein solches Wesen daraus machtest.»
«Was willst du damit sagen?» brauste der erste auf. «Weißt du, Jens, ich wundere mich etwas über dich. Du pflegst doch sonst nicht gerade ein ruhiges Temperament zu haben. Und nun machst du mir Vorwürfe ...»
«Ich mache dir keine Vorwürfe, weil du Vera ausgezankt hast. Sie hat sich tatsächlich idiotisch benommen. Ich mache dir nur deshalb Vorwürfe, weil du durch solche Temperamentausbrüche die Aufmerksamkeit auf uns lenkst. Die Leute brauchten doch nicht zu wissen, daß uns beide Wagen gehören, nicht wahr? Nein, Henrik, du darfst dich nicht so hinreißen lassen. Wenn du dich in Zukunft nicht besser nach mir richtest, dann weiß der Himmel, was alles passieren kann.»
«Nun ja, ich sehe es ein, und ich werde mich zusammennehmen.» Offenbar hatte Henrik vor dem andern Respekt. «Aber wozu mußten wir eigentlich beide Wagen mitnehmen?» fragte er. «Wenn du doch deinen Führerschein verloren hast und deinen Wagen daher nicht selber fahren kannst, dann wäre es doch besser gewesen ...»
«Hast du vergessen», unterbrach ihn Jens, «daß wir so tun wollten, als verlebten wir hier in Nyborg unsere Ferien? Die beiden Frauen sollten hier bleiben, während wir auf ein oder zwei Tage fortfuhren, um die Sachen über die Grenze zu schaffen. Niemand würde etwas dabei gefunden haben, besonders dann nicht, wenn die beiden Frauen in dem anderen Wagen öfters gesehen wurden. Das ist alles. Erinnere dich freundlichst daran, wieviele Menschen uns beide kennen. Je weniger Aufsehen wir erregen, desto besser.»
«Ja, da hast du wieder recht.»
Die Männer waren eine Weile still. Obwohl Erling sein Gehör aufs äußerste anstrengte, damit ihm nichts entginge, hörte er nichts mehr. Aber was er bereits gehört hatte, bestätigte Jans Verdacht. Die beiden Männer wollten etwas über die Grenzen bringen, und sie waren sehr darauf aus, kein Aufsehen zu erregen. Um was es sich handelte, hatten ihre Worte jedoch bisher nicht enthüllt.
«Ja, du hast recht», wiederholte Henrik nach einer Pause. «Meine Nerven gehen mir manchmal durch ... Aber das ist ja schließlich menschlich.»
«Sie dürfen dir aber nicht durchgehen, Henrik. Das ist gefährlich! Jedenfalls kann ich keinen Partner brauchen, der nicht imstande ist, sich zu beherrschen. Außerdem stimmt es gar nicht. Deine Nerven sind in Ordnung. Du bist nur auf Vera ärgerlich, und deshalb hast du sie im Hafen ausgezankt. Vergiß aber nicht, daß die beiden Frauen von unserer Sache nichts wissen dürfen. Sie ahnen nichts, und sie sollen nichts ahnen. Wir sind ganz gewöhnliche Geschäftsleute. Du handelst mit Tabak, und ich handle mit Papier. Wir haben unsere Verbindungen überall im Lande — und auch im Ausland. Das ist ganz natürlich. Unser Hobby geht niemanden etwas an.»
«Natürlich nicht», sagte Henrik, und seine Stimme klang jetzt recht demütig. «Du hast vollkommen recht. Aber was machen wir jetzt mit Schiller?»
«Ja, was machen wir mit Schiller? Das ist kein ganz einfaches Problem. Der Wagen ist ja erst in drei Tagen fertig, und Schiller erwartet uns schon übermorgen. Schließlich kann er aber auch etwas länger warten.«
«Wenn er will ...»
«Ja, wenn er will.»
«Und sonst ...?»
«Offen gestanden: ich habe keine Ahnung. Ihn zu verständigen, daß wir erst später kommen, scheint mir nicht klug zu sein. Was meinst du?»
«Telephonieren können wir natürlich nicht. Aber könnten wir ihm nicht ein Telegramm schicken?»
«Was sollten wir telegraphieren?»
«Nur, daß wir Verspätung haben. Vielleicht auch eine Aufforderung, selber herüberzukommen?»
«Das wagt er nicht. Schiller geht nie ein Risiko ein. Das weißt du doch.»
«Schon richtig. Aber wir könnten es trotzdem versuchen. Wenn du einverstanden bist, schicken wir ihm morgen vormittag ein Telegramm.»
«Gut! Und nun komm, wir gehen wieder ins Haus.»
Gleich darauf schloß sich die Tür hinter den beiden Männern, und Erling atmete auf. Er hatte wahrhaftig nicht umsonst gekundschaftet! Jetzt mußte er möglichst schnell zu Jan und ihm berichten. Dann würden sie Kriegsrat halten.
Er kroch langsam nach seinem ersten Versteck zurück und stand auf. Er brauchte nicht mehr zu befürchten, daß man ihn sehen konnte. Die beiden Frauen waren am Strand und die Männer im Hause.
«Paßt alles recht gut ins Bild», meinte Jan, als er alles gehört hatte. «Die Frage ist nur, was wir jetzt tun?»
«Unsern Verdacht der Polizei melden.»
«Ja, das können wir natürlich; nur haben wir eigentlich gar keine Grundlage für eine Meldung. Die Polizei wird glauben, wir hätten zuviele Kriminalromane gelesen.»
«Nun ja, die Grundlage ist tatsächlich schwach. Vielleicht können wir sie aber verstärken. Es sieht ja so aus, als hätten die Leute vorerst die Absicht, in Nyborg zu bleiben. Dann können wir sie beobachten und warten, ob wir neue Verdachtsmomente finden.»
Jan und Erling kehrten zur «Rex» zurück. Carl hatte sich noch nicht schlafen gelegt. Er wunderte sich. «Ihr kommt schon? Ich hatte euch vorläufig nicht erwartet.»
«Wir haben soviel Material beisammen, daß es für eine Weile reicht», sagte Jan, und er erzählte Carl, was geschehen war.
Carl lauschte interessiert. Dann sagte er: «Möglicherweise hat der Chevrolet ein Geheimfach, wenn die beiden Diebsgut über die Grenze schaffen wollen. Ich werde ihn mir daraufhin gründlich ansehen.»
«Tu das!» sagte Jan. «Entdeckst du so etwas, so wären wir wieder einen Schritt weiter.»
Bald darauf krochen sie in die Kojen. Der Tag war recht anstrengend gewesen. Sie schliefen daher fast sofort ein, als sie die Köpfe auf die Kissen gelegt hatten.
Früh am nächsten Morgen wachten sie auf. Es war ein herrlicher Tag mit strahlendem Sonnenschein. Carl zog einen alten Monteuranzug an. Er hatte ihn im Boot liegen, um ihn immer zur Hand zu haben, wenn er Arbeitszeug brauchte. Gleich nach dem Frühstück machte er sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Jan und Erling räumten auf. Sie ließen sich Zeit und genossen den Sonnenschein, bis Jan erklärte, in einer Viertelstunde würde die Post geöffnet.
An einem Zeitungskiosk kauften sie die Kopenhagener Morgenblätter. In einem Schreibwarengeschäft besorgte sich Jan einige Bogen Kohlepapier. Dann gingen sie zum Postamt, das gerade geöffnet wurde.
Бесплатный фрагмент закончился.
