Читать книгу: «Träume»

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Über die Autorin

Danksagung

Prolog

Grenzen

Die Träume beginnen

Kämpfe

Lerne

Begegnungen

Wahrheit

Vertrauen

Verzweiflung

Geben und Nehmen

Beeinflussung

Wut

Entscheidung

Konsequenzen

Erinnerungen

Veränderungen

Erkenntnis

Hoffnung

Freiheit

Auf ewig mein

Unerwartet

Unschuld

Vereinigung

Beginn

Weitere Bücher dieser Autorin

Calin Noell

Träume

Seelenschwingen Band II

Impressum:

1. Auflage 2017

© Calin Noell – alle Rechte vorbehalten.

Epyllion Verlag

Jochen G. Fuchs

Ludwigstraße 23

76709 Kronau

info@epyllion.de

www.epyllion.de

www.calin-noell.com

Coverdesign: Saskia Lackner

www.saskia-illustration.de

Lektorat: Roland Blümel

www.rolandbluemel.de/lektorat

Über die Autorin


»Um Wunder zu erleben, musst Du an sie glauben.«

Nach diesem Motto lebt die 1977 in Hamburg geborene Schriftstellerin Calin Noell, trägt jedoch ihren Teil dazu bei, damit sie auch wahr werden. Sie glaubt nämlich ebenso daran, dass auch immer sehr viel Eigenarbeit dazugehört, weil Wunder selten von ganz allein geschehen.

Seit 2015 veröffentlicht sie erfolgreich im Selfpublishing. Im Jahr 2019 wurden ihre Taschenbücher vom Epyllion Verlag übernommen. Im April 2021 erschien ihr erster SciFi-Roman im Plan9 Verlag.

Auf den folgenden Seiten gibt es weitere Infos, zu ihren Büchern, aber auch zu ihrer Person:

www.calin-noell.com

www.facebook.com/calin.noell.Autorin

www.instagram.com/calinnoell_autorin

Danksagung

Ich danke ganz besonders meinen fleißigen Testlesern, die nie müde werden, mir ihre Erlebnisse mit meinen Geschichten mitzuteilen und mich auch auf den einen oder anderen Fehler hinweisen.

Ganz besonders möchte ich dieses Mal erwähnen:

Nicole Rubach und Rena Schiffer, ihr seid meine Sonne, wenn es um mich herum mal dunkel wird.

Kerstin, weil Du immer ein Ohr für mich hast.

Manu und Gerd – Wie immer ganz vorne mit dabei.

Saskia Lackner – Du schaffst es immer wieder mich zu überraschen und bringst genau das Cover auf´s Papier, das ich in meinem Kopf sehe. Mit diesem hier hast Du meine Vorstellung jedoch mal wieder übertroffen.

Nicole P. und Sandra - Ihr seht Fehler, die ich selbst abfotografiert übersehe ;-)

Danke für eure unendliche Mühe.

Seelenschwingen

Träume

Band 2

von



Prolog

Wir sind nicht länger die, die wir einst waren. Erhaben und stolz, andersartig im Vergleich zu den Menschen. Ehre bedeutete uns alles, Neid und Machtgier hingegen waren uns fremd. Inzwischen aber sind wir vermenschlicht, kaum noch wir selbst.

Je mehr wir uns ihnen anglichen, je menschlicher wir wurden, weil wir zu viel Zeit unter ihresgleichen verbrachten, umso mehr schmolz unsere Einzigartigkeit. So besiegelten wir unseren eigenen Tod durch Sterblichkeit.

Talil jedoch ist endlich entkommen und damit wächst unsere Hoffnung, dass wir errettet werden. Doch obwohl sie nun frei ist, scheint sie weiterhin gefangen zu sein, in sich selbst, in ihrem Leid und ihrer Qual.

Bald schon wird sie den Weg zu uns finden, dennoch ist ungewiss, ob es ihr gelingt, den Pfad aus Hass und Wut zu durchbrechen.

Wir versagten, waren zu schwach, konnten ihr nur ungenügend Schutz gewähren. Ihre Seele ist zersplittert und diese Lebensbahn für immer verloren. Ein Neubeginn aber ist nicht unerreichbar, sollte sie den Willen in sich tragen, zu leben. Wenn nicht, sind wir verdammt.

Ich schütze sie mit meinem Leben, halte sie zwischen den Welten, solange es mir möglich ist, und bete zu den Ahnen, dass sie stark genug ist, uns alle zu erretten. Denn nur wenn sie lebt, überlebt auch die Hoffnung, dass wir nicht für alle Ewigkeit verloren sind.

Wilton


Grenzen

Talil

Ich schlug einen Pfad in den Wald hinein ein, fort von den bohrenden Blicken, die Wölfe um mich herum und wandelte mich, als ich sicher war, dass sie mich nicht mehr sehen konnten. Unendliche Erleichterung durchflutete mich, während große Schmerzen durch meinen Körper fuhren, weil sie die Qualen meiner vielschichtigen Gefühle betäubten. Ich hieß sie willkommen, versuchte nicht länger, den Schrei zu unterdrücken, denn nun war es mir gleichgültig. Langgezogen heulte ich auf, als sich die Wandlung vollzog und meine Gefährten antworteten mir ebenso erschütternd.

Diesmal dauerte es eine scheinbare Ewigkeit, bis die Schmerzwelle langsam verebbte. Abwartend legten sich die Wölfe schließlich zu mir, winselten hin und wieder leise, taten sonst jedoch nichts.

Ich wusste bereits, dass er kommen würde, noch bevor er losging, doch als er nun zögernd vor uns stehen blieb, kehrte meine Wut mit aller Kraft zurück und verdrängte sogar die Erleichterung, die mir der erlösende Schmerz verschafft hatte. Ich stieß ein warnendes Knurren aus.

Hoffnungslos weinte Kiljan stumme Tränen und ließ sich auf die Knie sinken. »Talil, es tut mir so leid. Ich vertraue dir ja, verdammt. Ich wollte nur verhindern, dass Ean etwas Unbedachtes tut und du versehentlich ...« Er bemerkte seinen Fehler selbst, fuhr sich vollkommen überfordert und leise fluchend durch sein wunderschönes Haar. »Geh nicht, ich bitte dich«, flehte er verzweifelt.

Mühsam erhob ich mich, ignorierte das Zittern meiner Beine, wandte mich ab und ging davon.

»Talil!«, schrie er einen Augenblick später, blieb jedoch, wo er war und mein Herz verkrampfte sich. Erst jetzt spürte ich schmerzhaft, wie auch das letzte bisschen Hoffnung verblasste, weil er nicht einmal den Versuch unternahm, mir in Wolfsgestalt zu folgen. Dass er es nicht tat, mich einfach gehen ließ, brannte wie Feuer in meinem Innern und dieser Schmerz erschien mir plötzlich um ein Vielfaches schlimmer als die erlittenen Qualen durch die Wandlung.

Der schwarze Wolf wies mir den Weg. Gemeinsam trotteten wir hinter ihm her, bis ich ihn schließlich zwang, ein höheres Tempo anzuschlagen. Endlich gelang es mir, alles andere auszublenden.

Wir liefen eine Ewigkeit, wie es mir schien und erst nach einer ganzen Weile wurde die Gruppe langsamer. Voller Verzweiflung stieß ich ein Heulen aus, vernahm selbst, wie geschunden es klang. Nach wenigen Schritten hielten die Wölfe inne, als spürten sie, dass es mir unmöglich war, weiterzugehen. Vollkommen erschöpft ließ ich mich nieder und verlor den Kampf gegen mich selbst. Mir blutete das Herz, ich schien unfähig, meine Gefühle noch länger zu unterdrücken, und ergab mich meinem Kummer.


»Kiljan, wir wollen zurück, komm schon. Wir müssen die Verletzten zum Schloss bringen.« Raouls Stimme klang leise, fast zögernd.

»Ich ließ sie einfach gehen«, flüsterte er verzweifelt, erhob sich aber noch immer nicht.

Ben und Arndt, die mit der letzten Gruppe auf dem heiligen Berg eintrafen und inzwischen von den Geschehnissen wussten, musterten ihn betroffen. »Ean ist sich sicher, dass die Verbindung mit ihrem Seelensplitter ihr hilft, über den Schmerz hinwegzukommen«, sagte Arendt ruhig.

Endlich wandte sich Kiljan ihnen zu und erhob sich. »Ich müsste derjenige sein, der für sie da ist. Ich sollte ebenjener sein, dem sie vertraut. Stattdessen aber habe ich sie verraten und ließ sie dann einfach fortgehen, obwohl ich ihr und mir selbst schwor, genau das niemals wieder zu tun.«

Ohne ein weiteres Wort schritt er an ihnen vorbei. Besorgt zog Ben eine Augenbraue in die Höhe. Nachdenklich blickten sie ihm hinterher und beteten zu den Ahnen, dass sie einen Weg finden würden, der sie wieder miteinander vereinte.

Traurig klopfte Ben Arendt auf die Schulter und gemeinsam gingen sie zurück zu dem Sammelplatz der Gefallenen und Verletzten. Kiljan stand inzwischen bei Mael, der auf einer Trage lag und auf ihn einredete. Ganz offensichtlich stritten sie miteinander.

Arendt seufzte und schüttelte frustriert den Kopf. »Was geschieht jetzt mit den Verstorbenen, die wir nicht zu den Unseren zählen, ist dies bereits entschieden?«, fragte er Davie, als er an ihnen vorbeigehen wollte.

»Ja. Die Menschen verbrennen wir weiter unten auf der Lichtung, ohne Zeremonie, dennoch wird es dauern. Wir überwachen das Feuer in Schichten. Der Wald ist zu dicht und niemand möchte einen unkontrollierbaren Brand verursachen. Es sind zwanzig Menschen. Die sechsundzwanzig Dunkelelben übergeben wir ebenfalls den Flammen. Das einzige Zugeständnis, auf das wir uns einigten, ist ein separates Feuer. Die Verräter, die wir gefangen nahmen, bringen wir zum Schloss. Von uns verloren sechs Dunkelelben hier und im Wald ihre Lebensbahn, und wir nehmen sie mit, um sie mit allen Ehren zu bestatten. Die Verwundeten laden wir ein Stück weiter unten auf die Fuhrwerke.« Schweigend nickten sie und machten sich an die Arbeit.

»Kiljan, du kannst ihr nicht folgen. Du hast doch gehört, was Ean und Jul sagten, was sie selbst sagte. Sie wird wiederkommen. Gib ihr die Zeit. Und vergiss nicht, so schwer es dir auch fallen mag, wir verlassen uns jetzt auf dich. Du bist unser Oberhaupt, auch wenn du niemals darum gebeten hast. Wir haben viel zu tun und die Aufgaben werden dich ablenken.« Kiljan schnaubte. »Hab ein bisschen mehr Vertrauen, Kiljan. In dich und in sie. Sie wird nicht vergessen, was du ihr bedeutest und sie wird begreifen, dass du recht hattest, oder zumindest nicht unrecht. Die Zeit wird auch ihr helfen, zur Ruhe zu kommen und zu erkennen, dass du sie nur beschützen wolltest.«

Vorsichtig drückte Kiljan die Schulter von Mael und ging den Hügel hinauf zum Plateau. Tief seufzte er und wünschte, er könnte sich irgendwo verkriechen, doch er wusste, dass er gebraucht wurde.

Mael hatte recht. Während all dieser Zeit hatte er sich ununterbrochen gefragt, ob er überhaupt ein Oberhaupt sein wollte, nun aber stellte sich diese Frage nicht länger.

Eines jedoch schwor er sich schon sehr früh: Sollte es jemals dazu kommen, würde er ein besserer Anführer sein, als sein Vater es war, und jetzt musste er genau das beweisen. Später gab es noch genügend Zeit, sich selbst zu bemitleiden und sich seinem Kummer hinzugeben.


Talil

Es erschien mir, als ließen mich die Wölfe einige Stunden ausruhen. Je länger ich währenddessen über die Geschehnisse nachdachte, umso klarer wurde mir, dass ich sie alle nicht wiedersehen wollte. Sie hatten ihre Entscheidung getroffen, mir ihr Misstrauen deutlich gezeigt, und ich verspürte nicht das Bedürfnis, das noch einmal zu erleben.

Schließlich durchdrang mich die Unruhe der Wölfe und ich erhob mich. Angeführt vom schwarzen Wolf trabten sie los, und ich folgte ihnen tiefer in den Wald hinein. Schon bald vergrößerte sich ihre Anspannung spürbar, und als wir eine vollkommen versteckte Lichtung erreichten, die wirkte, als wäre sie eine Fata Morgana, hielt ich misstrauisch inne. Sie aber liefen um einen Felsen herum und verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich zögerte weiterhin und legte mich nieder, ohne die deutlich sichtbare Grenze zu überschreiten. Ich war nicht sicher, was genau geschehen würde, sollte ich sie überqueren. Ich wusste nur, dass ich das, was auch immer dann begann, nicht wieder aufhalten könnte.

Die Wölfe kehrten nicht zurück. Ich schien eingeschlafen zu sein, denn als ich erwachte, dämmerte es bereits. »Du musst dich entscheiden«, erklang plötzlich eine Stimme in meinem Kopf, und ich schreckte hoch, sackte jedoch mit einem jämmerlich klingenden Laut augenblicklich wieder zusammen. Ein heißer Schmerz schoss von meiner Seite durch meinen gesamten Körper und ich hechelte schwer. Behutsam hob ich den Kopf und begegnete dem Blick eines schwarzen Wolfes, doch es war nicht der, der mir den Weg hierher gewiesen hatte. Es war der Wolf aus meinen Träumen. Geschockt erstarrte ich.

Er wandelte sich, ohne ein einziges Geräusch und ging weiterhin auf mich zu. Gebannt beobachtete ich dieses Schauspiel und fragte mich, ob es auch bei mir jemals so anmutig aussehen würde.

Er war ein wunderschöner Wolf, doch was ich nun erblickte, ließ mir den Atem stocken. Er sah aus wie eine Mischung aus Dunkelelb und einem menschlichen Indianer, besaß gebräuntere Haut, als es bei unserem Volk üblich war und dennoch stammte er unverkennbar von den Dunkelelben ab.

Eine Welle der Enttäuschung schwappte über mich hinweg, als mir plötzlich klar wurde, dass nicht mein Vater mich in meinen Träumen besucht hatte, sondern er.

»Du musst dich wandeln, damit deine Verletzungen heilen können, denn dein wahres Ich ist wesentlich mächtiger.«

Nur zögernd erhob ich mich, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Misstrauisch musterte ich ihn, vollzog jedoch schließlich die Wandlung. Ich stieß einen lauten Schrei aus, nicht in der Lage, ihn zu verhindern und bemerkte zu spät, dass ich während der Qualen, die durch meinen Körper rasten, die Grenze überschritt. Sichtbar zufrieden lächelte er. Ich hätte ihn gerne gefragt, was das alles zu bedeuten hatte, doch ich bekam keinen Ton mehr heraus. Ich spürte, wie meine Beine unter meinem Gewicht nachgaben, noch ehe ich auf dem Boden aufschlug, verengte sich mein Blickfeld und alles um mich herum wurde schwarz.


Die Träume beginnen

Er fing sie auf, gerade noch rechtzeitig, bevor ihr erschlaffter Körper zur Seite kippte, und hob sie auf seine Arme. Ihm blutete das Herz, spürte er doch ihre gequälte Seele so deutlich, als würde ihr Körper sie gar nicht umschließen. Er war sich nach wie vor nicht sicher, ob sie Talil retten konnten. Dennoch mussten sie es versuchen, das waren sie ihrem Volk schuldig und ihr ebenfalls.

Die äußerst kraftvolle Verbindung zu ihrem Seelensplitter sollte es eigentlich ermöglichen, sie zur Ruhe kommen zu lassen, sie zu stärken, ehe die Visionen begannen ...

Er trug sie um den Felsen herum, und während er auf die Baumgruppe zuschritt, erklang das Fiepen der Wölfe immer drängender, was er ein wenig überrascht in sich aufnahm. Es erschien erstaunlich, dass sie bereits eine so enge Bindung zueinander besaßen, doch es würde ihr hoffentlich helfen, sich zu erholen, aber vor allem, die Visionen zu überstehen.

Auf einem Bett aus Moos ließ er sie vorsichtig hinunter. Augenblicklich legten sich die Wölfe um sie herum. Nachdenklich betrachtete er erst sie, dann die Wölfe und schließlich seine verschiedenen Kräuter. Ihre Seele war schwer geschunden, nichtsdestotrotz schien sie stärker, als er vermutet hatte. Dennoch trug sie viel zu viel Wut und zerstörende Erinnerungen in sich, die in den Hintergrund rücken mussten, damit sie ihre Aufgabe erfüllen konnte. Vor ihm lag ein harter Weg, dies jedoch war nichts im Vergleich dazu, was dieser Pfad für sie bedeuten sollte. Ihre Seele bedurfte der Heilung und Vorbereitung, um einen Neubeginn zu ermöglichen, doch vorher war es erforderlich, dass sie erkannte, welchen Wert ihre Lebensbahn besaß, trotz allem. Sie benötigte den Entschluss zu leben um ihrer selbst Willen.

Bedachtsam wählte er verschiedene Kräuter, die er miteinander verflocht und dann am Feuer entzündete. Je stärker sich der durchdringende Geruch verbreitete, desto mehr entspannten sich auch die Wölfe. Talils Atemzüge schienen ruhiger, wirkten mit jedem weiteren Zug nicht mehr ganz so angestrengt, bis sie schließlich vollkommen entkrampft entschlummerte.

Er holte tief Atem, schloss seine Augen und sandte ein Gebet zu den Geistern und Ahnen, auf dass sie alle gemeinsam ihre nun freigesetzte Seele erreichen mochten.

Leise stimmte er das Lied der Alten an, inhalierte den Rauch, der den glimmenden Kräutern emporstieg, wiegte sich langsam vor und zurück, bis er ihn vollständig ausfüllte ...


Talil

Ich erwachte in Wolfsgestalt, fühlte mich irgendwie seltsam und sah mich um. Irritiert stellte ich fest, dass ich nicht wusste, wo genau ich mich befand. Ich grübelte darüber nach, was als Letztes geschehen war, als ich ein Geräusch hörte und mich hastig umwandte. Lautlos schlich ich in die Richtung und verharrte abrupt vollkommen reglos.

»He, Kiljan, hier bist du. Sie warten bereits auf dich. Was ist los?«, fragte Mael leise und hockte sich zu ihm, betrachtete ihn besorgt.

»Ich kann diesen Schwur nicht sprechen. Ich sollte da draußen sein und sie suchen«, antwortete Kiljan hörbar verzweifelt. »Ich gab ihr mein Versprechen, und was ist es nun wert? Gar nichts. Ich habe sie schon wieder im Stich gelassen, und dieses Wissen frisst mich auf. Wie kann ich ein guter Anführer sein, wenn ich ständig mein Wort breche?« Aufgebracht riss er ein paar Grashalme aus der Erde. »Ich wollte es immer anders als Arel machen. Aber weißt du was? Ich bin kein bisschen besser als er.« Sichtbar gereizt sprang er auf und fuhr sich durch die Haare.

»Kiljan, beruhige dich. Das ist doch Unsinn und das weißt du. Du hast versucht, ihr zu helfen, sie zu schützen, und das wird sie erkennen.«

Kiljan wandte seinen Blick vom Wald ab und sah Mael an. »Und wenn nicht? Sie glaubt, ich hätte sie verraten. Was ist, wenn sie niemals zurückkehrt, was mache ich dann?« Er ging auf den Steg zu. »Diese Ungewissheit bringt mich um. Wenn ich wenigstens sicher sein könnte, dass sie nicht einfach fortbleibt«, flüsterte er leise und voller Qual.

Mael erhob sich ebenfalls und machte einen zögernden Schritt auf ihn zu, verharrte dann jedoch. »Sie gab Jul ihr Wort, sie wird es halten. Ich sage den anderen Bescheid, dass du gleich nachkommst«, rief er und wandte sich um. Zu spät bemerkte ich, dass er nun genau auf mich zukam und mein Herz hämmerte wild in meiner Brust, doch er schien mich gar nicht zu bemerken. Wortlos ging er einfach an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Irritiert blickte ich ihm hinterher und sah dann zu Kiljan zurück. Ich konnte seine Verzweiflung beinahe spüren, dennoch saß meine Wut und Enttäuschung tiefer als mein Mitleid, und ich wandte mich ab. Noch ehe ich mir dessen wirklich bewusst war, lief ich bereits in die entgegengesetzte Richtung, lief davon, lief und lief, als wären die Ahnen persönlich hinter mir her. Erst als meine Lungen brannten, verlangsamte ich meinen Lauf und blieb schließlich stehen. Ich wusste, dass ich davonlief, dass ich vor Kiljan floh, und stieß verärgert ein Knurren aus. Ich wollte ihn nicht sehen, wollte nicht wissen, wie es ihm ging. Erneut knurrte ich, weil ich das Bild von ihm, wie er dort voller Verzweiflung auf dem Steg stand, einfach nicht wieder aus dem Kopf bekam.


Abrupt erwachte ich und blickte in unendlich scheinende Augen. »Wer bist du?«, fragte ich misstrauisch, als der indianisch aussehende Dunkelelb mir wortlos eine Schale mit Essen reichte. Stumm betrachtete er mich, aus seinen stechend blauen Augen, die viel zu grell wirkten, in seinem leicht gebräunten Gesicht und die gar nicht zu ihm zu passen schienen.

»Ich heiße Wilton«, entgegnete er mit einer Stimme, die tief in mir ein angenehmes Kribbeln verursachte.

Noch immer hielt er mir die Schale hin. Ich ergriff sie, spürte meinen Hunger nur zu deutlich. »Was geschieht hier?«, fragte ich kauend, als er keine Anstalten machte, irgendetwas Weiteres zu erklären.

»Was meinst du?«, antwortete er.

»Warum bin ich hier? Und wo genau sind wir eigentlich?«

»Du stellst viele Fragen, mehr noch, als du laut aussprichst, doch ich vermag dir die wenigsten zu beantworten«, entgegnete er kryptisch. »Du bist hier, um zu genesen, deine Verletzungen müssen heilen, bevor du dich für einen Weg entscheidest. Alles andere wird sich fügen.« Skeptisch betrachtete ich ihn. Wirklich geantwortet hatte er mir nicht, doch er sagte nichts weiter, reichte mir einen Wasserschlauch und schwieg beharrlich.


Als ich meine Augen öffnete, fluchte ich. Erneut hatte ich nicht gemerkt, dass ich eingeschlafen war. Wo bin ich, fragte ich mich stumm und schien plötzlich kaum noch in der Lage, zu atmen. Keine fünf Schritte von mir entfernt saß Kiljan auf dem Bett in meinem alten Kinderzimmer, die Füße auf dem Boden, die Ellenbogen auf den Knien abgestützt und das Gesicht in seinen Händen vergraben. Ich lag in Wolfsgestalt in einer Ecke und überlegte fieberhaft, wie ich unbemerkt entkommen könnte, als mit einem Mal die Tür aufging und Mael eintrat.

»Ich wusste, dass ich dich hier finde«, sagte er leise, doch Kiljan zeigte keinerlei Reaktion, als hätte er sein Eintreten gar nicht bemerkt. Behutsam legte Mael ihm eine Hand auf den Arm und Kiljan zuckte zusammen. Ruckartig hob er seinen Kopf, und ich erschrak. Nicht nur, dass er älter erschien, nein, er sah furchtbar aus. Das Gesicht verhärmt, abgemagert und irgendwie leblos.

»Ich bin geflohen. Sie lässt mich nicht in Ruhe.« Sein Blick wirkte gequält.

»Kiljan, du weißt, dass du irgendwann damit abschließen musst. Lass sie los. Es macht dich kaputt.«

Vollkommene Verzweiflung ausstrahlend fuhr Kiljan sich übers Gesicht. »Ich kann nicht«, flüsterte er erstickt. »Es ist einfach nicht möglich.«

Ernst betrachtete Mael ihn. Ich sah, spürte fast sein Unbehagen. »Du weißt, dass ich dein Freund bin, dein bester Freund, deswegen muss ich es jetzt aussprechen: Kiljan, es ist nun drei Jahre her, sie kehrt nicht zurück.« Vorsichtige, nicht weniger verzweifelte Worte, Kiljan jedoch sprang wütend auf.

»Woher willst du das wissen? Du selbst sagtest, dass sie es erkennen wird.« Zornig funkelten sie einander an.

»Ja, das stimmt, das habe ich gesagt, und es tut mir unsagbar leid, das weißt du. Doch du solltest aufhören, einem Wunschtraum hinterherzujagen, der sich nicht erfüllt. Der ganze Clan leidet darunter, und sie überlegen bereits, ob du als Oberhaupt eigentlich noch tragbar bist. Du hast dir geschworen, besser zu sein als Arel. Sieh es ein, du verrennst dich, Kiljan. Mir schmerzt die Seele, ebenso wie dir, dennoch musst du es hinter dir lassen, bevor du dich vollkommen zerstörst. Und Shar hat sich geändert, niemand weiß das besser als du selbst. Sie wäre die perfekte Wahl als Gefährtin, und sie begehrt dich.« Kiljan erstarrte während dieser Worte, ich ebenfalls, dann fuhr er ganz langsam zu Mael herum.

»Mal abgesehen davon, dass ich in keiner Weise das Gleiche für sie empfinde, kannst doch ausgerechnet du mir nicht ernsthaft diesen Vorschlag unterbreiten. Bist du von Sinnen? Sie ist schuld an all dem. Es wäre der größte Verrat, den ich Talil gegenüber begehen könnte.«

Aufgebracht erhob Mael sich. »Kiljan, öffne endlich deine Augen. Siehst du sie hier irgendwo? Sie wird nicht zurückkehren, niemals. Begreifst du das nicht? Und wenn es nicht Shar sein soll, bitte, das kann ich ja sogar verstehen. Doch dann schau dich um. Wenn dir dein Versprechen als Anführer wirklich etwas bedeutet, wird es Zeit, dass du entsprechend handelst. Du lässt uns alle im Stich und wirst alles verlieren, was dir je wichtig war. Verdammt, Kiljan, wach endlich auf!«, schrie er nun und die Tür öffnete sich erneut.

Inzwischen war mir klar, dass sie mich nicht sehen konnten, dennoch hämmerte mein Herz dermaßen in der Brust, dass ich sicher war, dass sie es jeden Moment hören würden.

Jul trat ein und stockte, als er Kiljan und Mael erblickte, trat dann jedoch eilig über die Schwelle und verschloss die Tür. Ich schnappte laut nach Luft, und er wandte sich um, mir direkt zu. Ich erstarrte, unsicher, ob er mich wirklich sah.

»Es tut mir leid, ich hörte Geschrei und dachte, dass sich die Kleinen vielleicht hier hereingeschlichen haben.

Mael, Nevan sucht dich, es gibt irgendein Problem mit Ean und er benötigt deine Hilfe. Es geht ihm wieder schlechter«, sprach er die letzten Worte und sah erneut zu mir in die Ecke. Stirnrunzelnd folgte Mael seinem Blick, nickte dann jedoch und verließ das Zimmer. Jul setzte sich neben Kiljan auf das Bett, wandte seinen Oberkörper aber so, dass er immer wieder zu mir hinsehen, mich beobachten konnte. Inzwischen war ich mir sicher, dass er sich meiner Anwesenheit bewusst war und das tatsächlich drei Jahre vergangen sein mussten, denn auch Jul wirkte wesentlich älter als bei unserer letzten Begegnung.

»Willst du mir jetzt ebenfalls erklären, dass ich sie endlich vergessen muss und mein Herz einer anderen schenken soll?«, fragte Kiljan leise, sah ihn jedoch nicht an.

»Nein«, sagte Jul kraftvoll.

Überrascht wandte Kiljan sich ihm zu. »Nein?«, wiederholte er ungläubig und lachte dann kopfschüttelnd. Sanft verwuschelte er Juls Haare und betrachtete ihn.

»Sie versteht noch nicht, wie sehr auch andere leiden, doch das wird sie, hab Vertrauen. Sie ist längst nicht mehr allein auf der Welt. Sie wird es erkennen und zurückkehren.« Mit hochgezogener Augenbraue sah Kiljan zu Jul, der jedoch seinen Blick nicht mehr von mir fortnahm.

»Auch wenn es ihr vielleicht nicht gefallen mag, ist ihr Leben nun erneut unwiderruflich mit unserem verknüpft und jede ihrer Handlungen wirkt sich auf unser Leben aus. Sie wird nicht dafür verantwortlich sein wollen, dass du wegwirfst, wofür wir alle so bitter bezahlen mussten. Auch Ean wird sie nicht in dem Glauben sterben lassen, dass alles seine Schuld ist. Sie mag zu Recht enttäuscht und wütend sein, aber grausam war sie nie. Auch Rian wartet noch immer, denn sie gab ihm ihr Wort, und er vertraut darauf, dass sie es nicht einfach bricht.«

Nicht ein einziges Mal nahm er seinen Blick von mir und eine eisige Gänsehaut überlief meinen Körper.

»Du musst weiterhin daran glauben, Kiljan, doch du darfst dich von deiner Verzweiflung nicht niederdrücken lassen. Du hast gelobt, uns alle zu beschützen, also tu es, tu deine Pflicht, während du weiterhin daran glaubst.«

Nickend erhob er sich, ein leichtes Lächeln im Gesicht. »Du weißt schon, dass du für deine neun Jahre viel zu erwachsen klingst, ja?«

Erst jetzt schien ihm bewusst, dass Jul ihn die ganze Zeit nicht ansah, folgte seinem Blick und starrte nun ebenfalls zu mir in die Ecke.

»Was siehst du?«, fragte er leise, doch Jul schüttelte den Kopf.

»Gib sie nicht auf, ich tue es auch nicht.«

Er öffnete die Tür und Kiljan verschwand aus meinem Blickfeld.

»Du solltest Ean bei den Heilern besuchen«, flüsterte er plötzlich, sah mich jedoch nicht mehr an. »Vielleicht erkennst du dann, dass nicht nur du allein leidest.« Traurig schüttelte er den Kopf. »Ich weiß, du willst nicht, dass irgendjemand Erwartungen an dich stellt, doch so ist das nun einmal, sobald man jemanden in sein Herz geschlossen hat. Und das haben wir, auch wenn nicht immer alles ohne Meinungsverschiedenheiten lief. So ist das Leben und niemand, nicht einmal du selbst, ist unfehlbar.«

Er ging hinaus, zog leise die Tür hinter sich zu und ließ mich allein und vollkommen verstört zurück. Frustriert und bekümmert schloss ich die Augen, verstand noch immer nicht, was hier eigentlich geschah.


Kämpfe

Als ich das nächste Mal meine Augen öffnete, hielt mir Wilton erneut eine Schale mit dampfendem Eintopf hin. Langsam richtete ich mich auf. Noch immer schmerzte mein Körper, doch ich fühlte mich ein wenig besser. Ich nahm ihm das Essen aus der Hand und aß, vollkommen ausgehungert.

»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte ich zwischen zwei Bissen.

»Zwei Mondgänge«, antwortete Wilton gelassen, ich aber verschluckte mich vor Schreck.

»Zwei Tage? Achtundvierzig Stunden?« Fassungslos betrachtete ich ihn.

»Wenn du in Stunden rechnest, sind es sogar noch einige mehr.« Scheinbar gleichgültig zuckte er mit den Schultern.

Misstrauisch besah ich ihn mir genauer, stellte jedoch nichts Ungewöhnliches fest. Also schnupperte ich an dem Essen. »Ist da irgendetwas drin?«, fragte ich vorsichtig und kam mir im gleichen Moment blöd dabei vor. Er würde es mir wohl kaum verraten, selbst wenn es so wäre. Er lächelte wissend, schüttelte aber schließlich den Kopf.

»Du magst stark sein, doch auch du besitzt Grenzen. Aber durch die vielen Wandlungen und deine erlittenen Verletzungen hast du diese überschritten. Hätten die Wölfe den Blutverlust nicht gestoppt, wärst du niemals hierhergelangt. Ob ich dir noch zu helfen vermag, ist nicht gewiss. Deine Seele ist geschunden und verweilt an diesem heiligen Ort. Erst wenn du eine Entscheidung triffst, werden wir die unsere fällen.«

Trotz seiner Worte wurde ich das Gefühl nicht los, dass er dennoch irgendwie nachhalf. »Warum habe ich diese Träume? Es sind doch Träume, oder nicht? Und was wollt ihr entscheiden?«

»Diese Begegnungen dienen dazu, Dinge zu verstehen, solltest du bereit dafür sein. Wenn du dich darauf einlässt, dann helfen sie dir zu begreifen, zu akzeptieren, zu lernen, und letztendlich eine Entscheidung zu treffen. All dies wird dich stärken, für das, was folgen soll.«

»Was für eine Entscheidung? Und was soll folgen?«, fragte ich irritiert, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr ganz folgen zu können und diesmal wirkte sein Blick abgrundtief traurig.

»Als Erstes musst du dich entscheiden, ob du leben oder sterben willst.«

Ich lachte bitter. »O ja, na klar.«

»Du vermagst keine Entscheidung zu treffen, solange du dich dagegen wehrst, die Dinge zu sehen, wie sie sind. All deine Begegnungen ziehen Konsequenzen nach sich, und die wirst du durchleben, immer wieder, bist du die Geschehnisse akzeptierst. Erst dann ist eine Entscheidung möglich.«

Verstohlen betrachtete ich ihn erneut. Er schien zu spüren, dass ich seine Worte nicht wirklich ernst nahm. Aber was wollte er denn tun? Sobald meine Wunden verheilt waren, würde ich gehen und mich mit Sicherheit nicht von ihm aufhalten lassen. Ich hatte keine Lust, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Natürlich war ich mir im Klaren darüber, dass mein Verhalten nicht immer ganz gerecht war. Kiljan, Jul, Mael und einige andere hatten mich freundlich aufgenommen, waren stets um mich bemüht, doch letztendlich ging es nur um mich selbst. Ich war niemandem mehr Rechenschaft schuldig, und mit ihrer Reaktion nach dem Kampf hatten sie sich diese Suppe selbst eingebrockt. Nun konnten sie sie auch auslöffeln. Außerdem wollte ich mich nicht mit meinem schlechten Gewissen Jul oder Rian gegenüber auseinandersetzen, ebenso wenig wie mit meinen Gefühlen für Kiljan. Ihm schuldete ich nichts, absolut gar nichts.

»Du irrst dich. Und ich hoffe und bete zu den Geistern, dass du es erkennen wirst. Wenn du dich dazu entscheiden solltest, zu leben, könnte sich vieles verändern.« Wilton machte eine wischende Handbewegung in meine Richtung. Ich hörte noch das leise geflüsterte Wort »Schlaf«, dann kam nichts mehr, und ich driftete davon.


Noch bevor ich meine Augen richtig geöffnet hatte, nahm ich als Erstes einen scharfen Geruch wahr und verzog das Gesicht.

»Du bist wirklich gekommen«, hörte ich die leisen, angestrengt wirkenden Worte und sah mich um. Ich befand mich ganz offensichtlich bei unseren Heilern und ging zögernd auf das Bett zu. Überrascht bemerkte ich, dass ich mich diesmal in meiner wahren Gestalt befand. »Du bist es wirklich«, flüsterte Ean leise, und ich tat den letzten Schritt. In mir zog sich alles zusammen, und ich unterdrückte krampfhaft den aufkommenden Schrecken. Vollkommen eingefallen lag er da, die Augen stumpf und tief in den Höhlen schien er nur noch ein Schatten seiner selbst.

Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln, doch in seinem abgemagerten Zustand wirkte es eher wie eine Grimasse. »So lange warte ich nun schon auf dich. Nur deinetwegen bin ich noch hier.« Er hustete und hob seine zitternde Hand.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mir das nicht nahe ging. Es war furchtbar, so grauenvoll, dass ich sogar meine aufgestaute Wut und meine Enttäuschung vergaß.

Ich ergriff den Becher und half ihm beim Aufrichten. Nur mühsam gelang ihm das Trinken von winzigen Schlucken. Vollkommen erschöpft ließ er sich auf die Kissen zurücksinken und lächelte erneut. »Ich weiß, dass ich kein Recht auf Vergebung habe, doch das ist nicht der Grund, weshalb ich auf dich warte.« Hustend ballte er die Hand zur Faust, sah mich flehend, fast hilfesuchend an. Erst als der Anfall vorüberging und er einige Male zitternd Luft holte, entspannte er sich ein wenig. »Es tut mir leid, so unendlich leid«, flüsterte er, während seine Tränen nun ungehindert seine Wangen hinabliefen, dennoch blickte er mich intensiv an.

»Nur deswegen bin ich noch hier, weil du ein Recht auf diese Worte hattest. Es war mir so unglaublich wichtig und doch erscheint es mir nun erbärmlich, weil es einfach nicht genug ist. Du musst mir glauben, Talil. Es tut mir aufrichtig leid«, wiederholte er eindringlich. Ich nickte stockend. Schwerfällig holte er ein weiteres Mal Atem. Nach meinem Nicken aber entspannte er sich plötzlich, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, regte er sich nicht mehr. Die Stille des Todes füllte den Raum.

»Ich fange wirklich an, dich zu hassen«, erklang es unvermittelt hinter mir.

Langsam wandte ich mich um. Ich hatte Jul bereits an der Stimme erkannt, dennoch erschrak ich erneut, als ich ihn ansah.

»Ich sagte dir, dass du zu den Heilern gehen sollst«, fuhr er wütend fort.

Verwirrt erwiderte ich seinen Blick. »Ich bin doch hier«, entgegnete ich.

Jul schnaubte. »Ja, sechs volle Monde später. Ist dir eigentlich klar, wie sehr er gelitten hat, nur um dich noch einmal zu sehen?«

Ich war so irritiert, dass ich nicht mal auf seinen Ton einging. »Sechs Monate?«, fragte ich und sah wieder zu Ean. »Er ist tot«, flüsterte ich erschüttert.

»Nein, er ist endlich erlöst«, antwortete Jul aufgebracht.

»Aber es sind doch nur Träume. Ich habe keinerlei Einfluss darauf, Jul.«

Niedergeschlagen sah er mich an und schüttelte den Kopf. »Natürlich hast du Einfluss darauf, Talil. Es sind deine Träume. Wenn du es gewollt hättest, dann wärst du einfach gekommen. Aber wir sind dir alle vollkommen gleichgültig.« Er trat auf das Bett zu und legte eine Decke über den leblosen Körper.

»Es ist wahr, dass dir furchtbare Dinge angetan wurden, das rechtfertigt jedoch nicht alles. Du verletzt so viele mit deinem Verhalten, so viele, die das gar nicht verdienen. Seit deinem Verschwinden aß Ean kaum noch etwas. Immer wieder ging er in den Wald und suchte nach dir. Kiljan begleitete ihn oft. Mehrere Mondgänge blieben sie verschwunden.« Eindringlich betrachtete er mich, und mich überkam ein Gefühl von Unbehagen. Was geschieht hier nur, fragte ich mich besorgt.

»Niemals darfst du vergessen, dass du bei jedem, der deinen Weg kreuzt, Spuren hinterlässt. Hier aber bist du Zuhause, hast wieder einen Platz gefunden. Du willst nicht begreifen, dass es Dunkelelben gibt, denen du eine Menge bedeutest und denen dein Verhalten verdammt wehtut.« Er wurde immer lauter und je lauter er sprach, desto fassungsloser starrte ich ihn an.

»Sind die Dinge, die geschehen sind, etwa meine Schuld? Glaubst du das wirklich, Jul?«

»Nein, natürlich nicht. Doch selbst wenn man wütend und enttäuscht ist, läuft man nicht einfach weg und kommt nie wieder. Und genau das werfe ich dir vor. Du hättest wiederkommen müssen«, schrie er, wandte sich abrupt um und lief plötzlich davon. Dennoch hatte ich seine Tränen bemerkt, obwohl er krampfhaft versuchte, sie vor mir zu verbergen.

Mit einem letzten Blick auf den verhüllten Körper von Ean verschwand die Szene vor mir und erneut hüllte mich willkommene Schwärze ein.

Ächzend richtete ich mich auf und sah mich um. Ich befand mich wieder in einem Wald, doch ich war allein, niemand sonst war hier, kein Feuer brannte und auch Wilton wartete diesmal nicht mit einer Schale Eintopf auf mich.

Zögernd erhob ich mich, spürte die leichten Schmerzen und fasste an meine Seite. Erneut sah ich mich um und versuchte, das Unbehagen abzuschütteln, das mich inzwischen vollkommen in Besitz nahm. Ich bekam weder die Szenen mit Kiljan noch die mit Ean und Jul aus meinem Kopf.

Hat Ean wirklich so lange Zeit gelitten, nur um mir zu sagen, dass ihm das alles unglaublich leidtat?

Diese Frage ließ mich nicht wieder los. Auch Kiljans bleiches Gesicht, seine von Kummer gezeichneten Züge ... Verärgert über mich selbst, schüttelte ich den Kopf. Was interessierte es mich?

Langsam trat ich aus der Baumgruppe heraus und erstarrte. Das darf doch alles nicht wahr sein. Entnervt sah ich mich um, doch ich war mir sicher, dass ich diesen Ort nicht kannte, noch nie gesehen hatte und ging zögernd auf das geöffnete Tor zu. So allmählich wurde mir klar, dass auch dies ein Traum sein musste.

Mein Unbehagen wuchs und der gewaltige Bau vor mir erschien mir riesiger, unheilvoller, je näher ich gelangte. Dieser Anblick erinnerte mich an die Festung eines schaurigen Psychothrillers, den ich während meiner Zeit bei den Menschen im Fernsehen gesehen hatte.

Hohe dicke Mauern zogen sich, soweit das Auge reichte, und der einzige Zugang schien das riesige, doppelflügelige Tor zu sein. Das Mauerwerk schimmerte dunkel, wirkte regelrecht bedrohlich. Während ich durch das Tor schritt, überzog eine Gänsehaut meinen Körper. Kurz hinter der Schwelle verharrte ich und hielt überrascht den Atem an.

Im Innenhof herrschte reges Treiben, viele Dunkelelben liefen aufgeregt hin und her und schienen im Begriff, aufzubrechen. Obwohl ich mir inzwischen sicher war, dass niemand mich sehen konnte, brach mir dennoch der Schweiß aus, und ich bewegte mich noch immer nicht von der Stelle. Erst nachdem zwei Dunkelelben an mir vorübergingen, ohne mich zu beachten, setzte ich mich zögernd in Bewegung.

Was soll ich hier?

Dann entdeckte ich einen Hüter, an den ich mich aus meiner Kindheit zwar irgendwie erinnerte, den ich jedoch nicht einordnen konnte. Auch sein Name fiel mir nicht wieder ein.

Er wandte mir den Rücken zu und redete auf jemanden ein, schien angespannt und meine Neugierde trieb mich voran. Es war ein beklemmendes Gefühl, in sein Blickfeld zu treten und darauf zu warten, dass er mich ansprach. Als er es nicht tat, weil er mich anscheinend tatsächlich nicht wahrnahm, ging ich noch einen Schritt näher. Ich wollte endlich einen Blick auf seinen Gesprächspartner werfen und erstarrte im selben Moment.

Rian.

Mein Innerstes drehte sich und krampfte sich gleich darauf schmerzhaft zusammen. Er sah schrecklich aus.

Was geht hier nur vor sich?

»Rian, ich bitte dich. Kehr wieder mit uns heim. Du hast es lange genug hier ausgehalten und kannst wirklich stolz auf dich sein, doch es reicht jetzt.«

Rian aber schüttelte vehement den Kopf. »Ich sagte nein! Ich habe ihr geschrieben, dass ich erst zurückkehre, wenn sie das Gute sieht, und bleibe so lange, bis sie dazu bereit ist.«

Verärgert presste er die Lippen aufeinander. »Das ist lächerlich Rian. Sie kehrt nicht zurück, auch du wirst dich damit abfinden müssen. Was soll das also? Bohl hat mir berichtet, wie sehr sie dir hier zusetzen. Sie hat uns allen den Rücken gekehrt. Du bist ihr nichts mehr schuldig, also komm schon.«

»Du verstehst das nicht, Reed. Ich bin hierhergekommen, um meine Schuld ihr gegenüber abzutragen. Ihr alle mögt das lächerlich finden, doch ich schulde es ihr. Verstehst du es denn nicht? Sie hat all das erlitten, weil sie mich nicht wollten, weil mein Onkel sie gegen mich austauschte und ich es nie jemandem erzählte. Ich stehe auf ewig in ihrer Schuld, und zwar so lange, bis sie mir vergibt. Niemand sonst könnte es.«

Schockiert hörte ich die Worte, die Rian voller Überzeugung aussprach. Reed hingegen schüttelte resignierend den Kopf. »Rian, tu das nicht. Opfere dich nicht. Du selbst warst ein Kind, vollkommen unschuldig an den Geschehnissen. Glaubst du, sie würde wollen, dass du dich zerstörst? Zwölf volle Monde überstehst du nicht, sieh dich doch an, verdammt!«

Stur verschränkte Rian die Arme vor der Brust, sein Blick funkelte wütend.

Reed seufzte. »Sie öffnen die Tore noch einmal, wenn der Mond erneut voll am Himmel steht, und ich werde wieder hier sein, gemeinsam mit Mael. Solltest du dennoch bleiben wollen, wirst du zwölf volle Monde hier festsitzen, also überlege dir gut, ob sie all das wirklich wert ist.«

Er wandte sich ab, sichtbar verzweifelt und stapfte davon. Rian aber zog die Schultern hoch und lief in die andere Richtung, auf einen Nebentrakt des größten Gebäudes zu. Zögernd ging ich ihm nach, während sich das bedrückende Gefühl, das mich beschlich, immer mehr verstärkte, je länger ich ihm folgte.

Er durchquerte eine Tür und stieß mit einem Kerl zusammen, der mir vom ersten Moment ein derart beklemmendes Gefühl bescherte, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. »Oh, sieh an, wen haben wir denn hier? Seht mal, Riiienaaa ist wieder da. Was ist geschehen, hat Mami dich nicht abgeholt?« Allgemeines Gelächter erklang, doch Rian ignorierte es, ebenso den Dunkelelb. Wortlos ging er auf sein Feldbett zu. Scheinbar ruhig schnallte er sich einen Gurt um und erst auf den zweiten Blick erkannte ich das Schwert, das daran festgebunden war.

Plötzlich wandte er sich um, und ich erstarrte. Rian lächelte und dieses Lächeln jagte mir einen eisigen Schauder den Rücken hinab. »Du kannst mich nennen wie du willst, Jesse, das kümmert mich nicht. Du schuldest mir noch eine Revanche und die fordere ich jetzt ein. Bohl und die anderen sind damit beschäftigt, die An- und Abreisenden zu versorgen, also warum gehen wir nicht rüber auf den alten Trainingsplatz und klären diese Angelegenheit ein für alle Mal?! Und zwar endgültig.« Herausfordernd sah er die Gruppe an.

»Das ist nicht das Übungsschwert«, antwortete Jesse gepresst und diesmal war es Rian, der selbstgefällig grinste.

Der nächste eisige Schauder erfasste mich, während ich langsam den Kopf schüttelte. »Nein, Rian«, bat ich flüsternd, doch niemand von ihnen reagierte, niemand hörte mich.

»Na, immerhin bist du nicht so dumm, wie du aussiehst«, spottete Rian. »Du wolltest es doch ein für alle Mal klären, also wozu sollten wir dann ein stumpfes Schwert benutzen? Komm schon, oder hast du etwa Angst, Jessiiiieeee?«

Bei dieser Aussprache seines Namens zuckte Jesse zusammen und verzog wütend das Gesicht. »Dir werde ich es zeigen. Wir wissen beide, dass du mich niemals besiegen kannst«, rief er erbost und eilte zu seinem Schlafplatz. Sichtbar aufgebracht schnallte er sich ebenfalls seinen Gürtel um.

»Nicht, Jesse, was soll das? Das ist kein Spaß mehr«, warf einer der anderen ein, jedoch ohne Erfolg. Sowohl Rian als auch Jesse waren bereits auf dem Weg durch eine rückwärtige Tür, am Trubel vorbei, zu dem Übungsplatz.

Ich folgte ihnen und mein unbestimmtes Gefühl lag mir inzwischen wie ein Klumpen Eis im Innern, denn ich ahnte, was er vorhatte, ebenso wie er es vor seinem Aufbruch nach Tari bei mir geahnt hatte.

Der Übungsplatz befand sich am anderen Ende des von der gigantischen Mauer eingeschlossenen Geländes und meine Hoffnung zerstob. Niemand würde die beiden aufhalten, das jedenfalls war sicher. Viel zu abgelegen lag dieser Platz, und wenn ich an die Bezeichnung - alter Trainingsplatz - dachte, waren spätestens jetzt jegliche Hoffnungen dahin. Ganz offensichtlich wurde dieser Ort nicht mehr genutzt.

Sie nahmen gegenüber voneinander Aufstellung und Rian grinste, doch auch Jesse zeigte ein herablassendes Lächeln. »Jetzt zeige ich dir, zu was ein wahrer Hüter in der Lage ist«, rief er verächtlich, Rian jedoch grinste nur noch mehr.

»Du warst einige Zeit fort und solltest dir deiner Sache nicht zu sicher sein.« Sie verneigten sich voreinander und schon stürzte Jesse vor.

Das Klirren, das erklang, als die Stahlschwerter aufeinandertrafen, erschien ohrenbetäubend. Erst jetzt fielen mir die Veränderungen an seiner Körperhaltung auf. Nichts hatte er mehr mit dem zarten jungen Dunkelelben gemein. Seine Züge schienen verändert, wesentlich härter als noch bei unserem letzten Aufeinandertreffen. Doch besonders sein Körper war inzwischen von dem Training geformt. Dennoch sah man die Unterschiede deutlich. Zwar besaß er genügend Kraft, um den gewaltigen Hieben von Jesse standzuhalten, ihm fehlte jedoch die richtige Technik.

Immer öfter gelang es Jesse schließlich, kleinere Schläge auszuteilen, während Rian damit beschäftigt war, das Schwert zu halten.

Fassungslos sah ich dem Kampf zu, konnte kaum glauben, was dort geschah und flehte inständig alle Ahnengeister an, dass jemandem auffallen würde, was die beiden hier trieben. Doch niemand kam.

Erneut prallten die Schwerter aufeinander, Jesse ging einen Schritt vor, drängte Rian nach hinten und dieser fiel rückwärts über Jesses gestellte Bein. Hart prallte er mit dem Rücken auf den Boden.

Jesse genoss dieses Schauspiel nur zu offensichtlich und trat lachend drei Schritte zurück. O ja, er hatte noch lange nicht genug.

»Na, Riiienaaa, war das bereits alles? Für diese jämmerliche Vorstellung hast du aber ganz schon große Töne gespukt. Was hast du die letzten Monde getrieben? Ich meine, außer dass du geheult und in deinen Träumen nach dieser Talil geschrien hast.«

Zornig erhob er sich, doch seine Schmerzen waren nicht zu übersehen, und ich lief auf ihn zu.

»Nicht, Rian, tu das nicht, bitte!«, rief ich verzweifelt, doch noch immer hörte er mich nicht, ging einfach an mir vorbei, als wäre ich gar nicht hier.

Bin ich wohl in Wirklichkeit auch gar nicht, dachte ich frustriert und fluchte.

»Verdammt. Was soll das alles?«, rief ich aufgebracht, wollte das nicht mehr mit ansehen müssen, hatte genug.

»Ich werde dir zeigen, was ich in den vergangenen Monden gelernt habe, komm her du Weichling«, rief Rian voller Wut und forderte ihn mit einer Geste auf, näherzutreten. Jesse ließ sich nicht zwei Mal bitten und stürzte erneut auf ihn zu. Diesmal parierte Rian den Schlag jedoch, wich aus und ritzte Jesse mit der Schwertspitze die Seite auf. Fluchend trat dieser zwei Schritte zurück und besah sich die Wunde. Rian hatte nicht voll getroffen, doch in dem Hemd klaffte ein Riss, und eine feine Blutspur zog sich seinen Oberkörper hinab.

Lächelnd wandte Jesse sich wieder Rian zu und nickte. »In Ordnung. Vorbei mit den Spielchen«, und stürzte sich erneut auf ihn. Diesmal fiel es beiden schwerer, einen Treffer zu landen, doch Rian setzte bei Jesses Rückzug nach und verpasste ihm einen Schnitt auf dem Oberschenkel. Das war unübersehbar der Moment, in dem Jesse die Kontrolle über sich verlor, Rian aber wirkte das erste Mal wirklich zufrieden. Ich erkannte es im gleichen Augenblick wie die anderen Zuschauer und schüttelte fassungslos den Kopf.

Nun war ich mir absolut sicher, dass er es hier und jetzt beenden wollte, war mir sicher, dass er selbst dafür sorgen wollte, dass er verlor – und zwar endgültig.

Erneut prallten die Schwerter laut klirrend aufeinander und mein Innerstes zog sich zusammen. »Tu das nicht. Bitte, Rian«, flüsterte ich erstickt, als Jesse einen direkten Angriff vollzog und Rian plötzlich seine Deckung vollkommen öffnete.

»Nein!«, schrie ich auf und stürzte auf ihn zu, sprang, wollte ihn schützen und stand doch nur einen Wimpernschlag später wieder an genau derselben Stelle wie zuvor.

Fassungslos registrierte ich meine Unfähigkeit einzugreifen, musste mit ansehen, wie Rian sich mit voller Absicht in das Schwert fallen ließ. Es folgte ein Schrei, aber der kam weder von Jesse noch von Rian, doch ich wagte nicht, den Blick abzuwenden.

Das Schwert durchbohrte Rian, drang in den Oberkörper ein, und durchdrang ihn vollständig. Die Spitze lugte so gerade eben aus seiner Rückseite heraus, Jesse und die anderen starrten fassungslos zu Rian, der noch immer lächelnd, einfach reglos vor ihm stand.

»Ist es das, was du wolltest? Wie dämlich kann man eigentlich sein?«, schrie Jesse und verzog angewidert sein Gesicht.

»Der 1. Hüter Bohl«, hörte ich die ängstlich geflüsterten Worte hinter mir, doch noch immer war ich nicht in der Lage, den Blick von Rian zu nehmen.

Er trat einen unsicheren Schritt auf Jesse zu und sein Lächeln verbreiterte sich. »Ja, Jesse, genau das wollte ich. Du hast mich erlöst, ich bekam, was ich ersehnte, seit dem Verschwinden von Talil, doch du bekommst nun, was du verdienst. Du wirst unermessliche Qualen durchleben, so wie du sie mir beschertest.«

Er wandte den Blick ab, durch mich hindurch, grinste nun über das ganze Gesicht, und ich sah mich ebenfalls um. Das musste Bohl sein, der außer sich vor Zorn auf den Platz eilte. Hinter sich mehrere Hüter, wie ich vermutete, gefolgt von einem Anwärter, der vorher als Zuschauer mit Jesse hierhergekommen war und Bohl vermutlich über die Vorgänge hier informiert hatte.

Jesse aber erbleichte, zeitgleich drehten sowohl Rian als auch ich uns wieder zu ihm um. »Das alles war dein Plan?«, flüsterte er entsetzt und wich einen Schritt zurück, von Rian fort.

»Durch dich wurde das Leben hier für mich die reinste Qual, doch das wird nichts sein im Vergleich dazu, was dir nun bevorsteht. Du wirst all deine Ehren verlieren und deine Lebensbahn lang büßen. Ich jedoch bin endlich frei.« Er sackte auf die Knie und erst jetzt bemerkte ich die Blutlache, hörte das gurgelnde Geräusch, als er Atem holte. Ein Rinnsal aus Blut lief aus seinem Mundwinkel, dennoch lächelte er weiterhin.

Plötzlich sah er mich direkt an, strahlte, seine Augen funkelten und erst jetzt wusste ich, was ich die ganze Zeit vermisst hatte. Das Funkeln seiner Augen.

Mit einem röchelnden Laut kippte er zur Seite und regte sich nicht mehr.


»Nein«, schrie ich und schreckte hoch, spürte die unruhigen Wölfe, die sich sofort an mich drückten und leise winselten. Verwirrt fuhr ich mir übers Gesicht und hielt plötzlich ein feuchtes Tuch in Händen. Ich blickte auf und sah in Wiltons durchdringende Augen. Starke Wut erfasste mich, doch ich war kaum in der Lage, ein Bein zu heben und begann am ganzen Körper zu zittern.

»Warte noch einen Moment, es wird gleich besser. Das Fieber hat deinen Leib sehr geschwächt.«

Meine Wut blieb, da ich mich aber so zerschlagen fühlte, ließ ich mich matt zurück auf den Rücken sinken. »Es ist von Vorteil, dass du harten Boden gewöhnt zu sein scheinst. Dass du dich überhaupt bewegen kannst, ohne einen Schmerzenslaut auszustoßen, ist erstaunlich«, fuhr er unbekümmert fort.

»Was soll das alles?«, fragte ich, unendlich müde von diesen Erlebnissen, ausgelaugt von diesem Auf und Ab der Geschehnisse, meiner Gefühle.

»Du bist die letzte lebende Seelenwandlerin vom Volk der Dunkelelben, die den Wolf in sich trägt. Doch darüber hinaus ruht in dir die Macht der Splitterseele, unentdeckt und verkümmert. Die Geister unserer Ahnen zeigen dir, was nur für dich allein bestimmt ist. Ich kenne den Inhalt vorher nicht, denn ich bin nur der einstige Mittler zwischen den Welten. Durch die Macht unserer Ahnengeister ist es mir erlaubt, zeitweise in der Welt der Lebenden zu verweilen. Du musst sehen, lernen und verstehen und darfst nicht vergessen. Du siehst Vergangenes und Zukünftiges. Doch es ist der Blick auf das Bevorstehende, denn dies allein ist letztendlich maßgebend. Die Zukunft zeigt dir, wohin der Weg all derer führt, die dir begegnet sind, auf deren Leben du bewusst oder unbewusst Einfluss genommen hast.

Jede Begegnung hinterlässt ihre Spuren, ob wir wollen oder nicht und auch wenn du nicht verantwortlich für die Geschehnisse bist, so trägst du dennoch deinen Anteil daran. Du bist in der Lage, sie zu verhindern, sie zu ändern, wenn du denn die Entscheidung dazu triffst.«

Nachdenklich betrachtete ich ihn. In meinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander, und ich bekam meine Gedanken nicht mehr sortiert. Seine Erklärung hallte nur seltsam in mir nach, ohne dass ich in der Lage war, den Sinn zu erfassen.

»Aber warum? Dies wird wohl kaum jeder Dunkelelb erleben, sobald er auf dem falschen Pfad wandelt.«

Er lächelte. »Wandelst du denn auf dem falschen Pfad?«, fragte er herausfordernd.

Wütend funkelte ich ihn an. »Deswegen bin ich doch hier, oder nicht? Weil alle der Meinung sind, ich befände mich auf dem Holzweg. Ich verhalte mich unfair oder was auch immer, aber was ist mit mir? Ja, ich bin geflohen, wenn du so willst, doch ich tat es nicht nur, um mich zu schützen. Ich beschützte auch sie damit. Ich bin innerlich zerbrochen, warum begreift das denn niemand? Und schließlich waren sie es, die mich behandelten, als würde ich jeden Moment durchdrehen und ich weiß nicht, ein Massaker anrichten, was auch immer«, rief ich aufgebracht und fuhr mir durch die Haare.

»Du bist zutiefst verletzt und das in vielen Belangen auch zu Recht. Dennoch musst du begreifen, dass eine Auseinandersetzung in einer Beziehung nun einmal andersartig vonstattengeht. Man streitet sich, aber man versöhnt sich auch wieder. Das ist der Lauf der Dinge, das Leben in einer Familie und in einem Clan, der alle miteinander verbindet. Du jedoch hast die Entscheidung getroffen, allen den Rücken zu kehren, für immer. Und das hat Konsequenzen, weitreichende, wie du selbst bereits erlebtest. Du bist hier, weil du genug gelitten, deinen Frieden verdient hast. Doch den Frieden, den du suchst, wirst du nirgendwo anders finden, als bei deiner Familie und bei deinen Freunden. Wenn du dir etwas anderes einredest, dann belügst du dich selbst und genau das musst du erkennen, bevor du an den Anfang zurückkehrst«, antwortete er, immer aufgebrachter, bis er selbst anfing zu schreien.

»Du kennst mich nicht einmal, weshalb bist du so wütend?«, schrie ich zurück. Seine ganze Art machte mir Angst, nicht, dass ich mich vor ihm fürchtete, doch irgendetwas verbarg er, wirkte so verzweifelt, als würde ich etwas Wichtiges wissen müssen, könnte es aber nicht sehen.

»Was verschweigst du mir?«, fragte ich leise, nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt hören wollte.

»Du wirst die Möglichkeit bekommen, den Zeitenfluss zu verändern, doch du musst dafür bereit sein, mit jeglicher Konsequenz. Nicht alles ist änderbar, Schicksale, die festgeschrieben sind und deren Verlauf du nicht zu korrigieren vermagst. Du musst dich dem stellen und stark sein. Es wird eine Zeit geben, in der du uns verfluchen wirst. Doch der Schlüssel zu deiner Macht sind deine Erinnerungen.« Aufgebracht fuhr er sich durchs Haar. »Dahinten befindet sich ein Fluss, in dem du dich waschen kannst. Dort liegt eine Tasche, in der du alles Nötige findest, was du dazu brauchst. Wenn du fertig bist, kehre hierher zurück, dann essen wir«, entgegnete er nun tonlos und ging davon, ohne mich auch nur ein einziges Mal anzusehen.

Schwerfällig erhob ich mich, griff die Tasche und wandte mich in die Richtung, in die er gezeigt hatte. Schon nach wenigen Minuten hörte ich das leise Plätschern und eine seltsame Ruhe erfasste mich. Mit einem Tuch und Seife in der Hand stieg ich zum Wasser hinunter und entkleidete mich. Ich genoss die vollkommene Stille, die mich auch innerlich ausfüllte. Meine Gedanken kamen endlich zur Ruhe, drehten sich nicht mehr ständig im Kreis und schließlich schien ich in der Lage zu sein, mich auf die Geschehnisse zu konzentrieren. Gleichgültig wie es weitergehen würde, eines wusste ich mit absoluter Gewissheit: Niemals könnte ich Rian diesem Schicksal überlassen. Ich konnte ihn nicht einfach sterben lassen in dem Wissen, dass ich selbst dafür den Ausschlag gab. Alles andere würde sich zeigen.

Nachdem ich mich gewaschen und angezogen hatte, ging ich zurück zu der Baumgruppe, aus der mir bereits ein verführerischer Duft entgegenwehte. Sofort drängte mein Hungergefühl in den Vordergrund, und ich seufzte.

Schwanzwedelnd liefen mir die Wölfe entgegen, ich lächelte bei ihrem Anblick und begrüßte sie ausgiebig. Ich fühlte mich, das erste Mal seit meinem Weggang, einigermaßen gut.

Als ich zwischen den Bäumen hindurchschritt, saß Wilton bereits vor dem Feuer und aß. Mein Hunger überwältigte mich, und ich ergriff hastig die Schale, die er mir hinhielt. »Wie lange habe ich diesmal geschlafen?«, fragte ich und beobachtete ihn verstohlen.

Scheinbar niedergeschlagen fuhr er sich übers Gesicht. »Es tut mir leid, dass ich die Fassung verlor, das hätte ich nicht tun dürfen.« Er wandte mir den Blick zu und betrachtete mich. »Verzeih mir«, sagte er leise und ich nickte. »Etwas weniger als vier Mondgänge. Das Fieber ist hartnäckig, nun jedoch scheint es überstanden zu sein.«

Fassungslos sah ich ihn an. »Vier Tage?«, wiederholte ich vorsichtshalber und er nickte. »Wenn ich zurückgehe, dann werden all diese Dinge niemals geschehen?«, fragte ich, während ich ihm auffordernd meine Schale erneut reichte.

»Nur wenn du die aufrichtige Entscheidung triffst zu leben, für dich selbst, wirst du zurückkehren und den Verlauf beeinflussen. Doch deine Reise hier ist noch nicht zu Ende«, antwortete er kryptisch.

Gedankenverloren blickte ich in die Flammen. Hätte ich die Kraft dazu, mich mit Kiljan und Ean auseinanderzusetzen? Wollte ich das überhaupt?

»Du musst den Entschluss fassen. Du musst den Willen besitzen, es schaffen zu wollen. Und du musst bereit sein, dich zu erinnern. Kiljan ist dein Halt in der Welt der Lebenden. Doch du musst lernen, auf die Geister und Ahnen zu vertrauen, denn sie werden dich führen, wenn du glaubst, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Du darfst die Hoffnung nicht verlieren, denn dein Weg wird schmerzhaft sein. Nicht alles lässt sich aufhalten. Es tut mir wirklich leid.«

Alarmiert sah ich auf. Was war das jetzt wieder für eine undurchsichtige Aussage? »Was genau willst du mir damit sagen?«, fragte ich misstrauisch, doch er sah mich nicht noch einmal an.

Wortlos nahm er meine leere Schale entgegen, und bevor ich reagieren konnte, erfolgte erneut diese Handbewegung, und das geflüsterte Wort: »Schlaf.« Schon sank ich zusammen, ohne dass ich eine Antwort auf meine Frage erhielt, wieder einmal.


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Du musst endlich aufhören, dich zu wehren. Du musst verstehen und lernen, nur so kannst du heilen, erklang plötzlich die eindringliche Stimme von Wilton in ihrem Kopf. Fast schon verzweifelt hörte er sich an.

Talil aber erkannte nicht, dass ihre Träume sie noch immer gefangen hielten. Wilton jedoch beschwor die Geister, um die nächste Stufe der Visionen zu beginnen ...

Als ich diesmal erwachte, lag ich in Wolfsgestalt auf dem Boden und spürte die warmen Körper der Wölfe an meiner Seite. Ich erhob mich und sah mich um. Irritiert reckte ich die Nase in die Luft, nahm jedoch nichts Ungewöhnliches wahr. Die Baumgruppe lag vollkommen einsam und verlassen vor mir. Verschwunden war das Lagerfeuer, nicht einmal Reste waren zu sehen und ich schritt langsam darauf zu. Erneut hob ich die Nase, dennoch gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass hier jemals ein Lagerfeuer gebrannt hatte. Auch Wilton war fort, mit ihm die Taschen und Beutel, die noch zuvor überall verstreut herumgelegen hatten.

Ich drehte mich einmal im Kreis, doch nichts ließ darauf schließen, dass auch nur eine einzige fremde Seele jemals diesen Ort betreten hatte.

»Talil, hörst du mich?«, vernahm ich plötzlich Juls Stimme in meinem Geist. Zögernd, ängstlich sprach er sie und erst jetzt bemerkte ich, wie sehr er mir gefehlt hatte.

»Ja, Jul, ich höre dich. Geht es dir gut?«, fragte ich und spürte sogleich seine Verwunderung. Ich hörte sein Seufzen und zuckte innerlich zusammen. Mir war bewusst, dass es nicht einfach werden würde, doch dass sich mein Wohlbefinden schon nur durch einen einzigen Seufzer quasi in Wohlgefallen auflöste, schockierte mich zutiefst.

»Ich bin ehrlich gesagt total erleichtert«, antwortete er aufgelöst.

»Ich weiß, Jul und es tut mir leid.« Intuitiv wusste ich, dass diesmal nur die wenigen Tage meiner Heilung zwischen uns lagen, und ich grübelte darüber nach, was das alles bedeutete.

»Ist es so weit?«

»Ja, heute Abend erweisen wir Cadan die letzte Ehre. Wirst du kommen?«

Ich spürte seine Angst förmlich. »Ja, ich mache mich gleich auf den Weg. Ich gebe dir Bescheid, sobald ich bei der Hütte angekommen bin, in Ordnung?«

»Ja«, rief er und war nicht mehr in der Lage, seine Freude zu verbergen.

Ich verließ die Baumgruppe und ging um den Felsen herum. Ich musste mich nicht umwenden, um zu sehen, dass er und alles was dahinter lag, verschwanden, ich wusste es einfach. Dennoch konnte ich dem Drang nicht widerstehen und blickte zurück. Ich sah nichts weiter als einen scheinbar undurchdringlichen Wald, kein Felsen ragte in den Himmel empor und ein Schauder durchlief meinen Körper.

Ich folgte dem kleinen Pfad durch den Wald und vertraute einzig und allein auf meine Sinne. Ich spürte, dass meine Kräfte vollständig zurückgekehrt, meine Verletzungen vollkommen verheilt waren, und dachte erneut an die vergangenen Tage zurück, noch immer unentschlossen, was ich davon halten sollte.

Je näher ich meinem Ziel kam, umso mehr kehrte ganz allmählich meine Unruhe zurück und mein Unbehagen wuchs. Ich wollte nicht, dass die Dinge geschahen, die ich in den Träumen gesehen hatte, dennoch änderte das nichts an meinen Empfindungen oder an meiner Einstellung den Geschehnissen gegenüber.

Meine Unsicherheit wuchs mit jedem weiteren Schritt. Schließlich blieb ich stehen, unschlüssig, was ich tun sollte. Ich hatte die Hütte fast erreicht, doch nun stand ich hier und zögerte.

Was will ich? Unentwegt fragte ich mich das und konnte nicht verhindern, dass sich mehrere Bilder aus meinen Erinnerungen in den Vordergrund drängten.

Ich sah Rian, wie er mich herausfordernd zu meinem Versprechen zwang, Jul, wie er unablässig quasselnd an meinem Krankenbett saß, sein Bild aus einer der Visionen, vollkommen verändert, wütend, äußerst enttäuscht. Dann sah ich Mael und Kiljan in meinem Zimmer und schließlich Kiljan, wie er sichtbar zufrieden auf der Terrasse saß und auf den See hinausblickte.

Innerlich stieß ich einen tiefen Seufzer aus. Ich sehnte mich nach ihm, noch immer, trotz allem, das wurde mir plötzlich bewusst und diesmal seufzte ich laut. Unabhängig davon, was ich wollte, war ich dennoch nicht sicher, ob ich auch in der Lage zu all dem wäre.

Einen Schritt nach dem anderen. Erst einmal der Abschied von Cadan., dachte ich und bei diesem Gedanken schnürte es mir augenblicklich das Herz zusammen.

Verärgert über mich selbst, schüttelte ich den Kopf. Er war tot, ich aber lebte und er hätte mit Sicherheit nicht gewollt, dass ich alles einfach so wegwarf. Schuldete ich es nicht wenigstens ihm, dass ich es versuchte?

»Du musst es für dich begehren, Talil. Du musst leben wollen, einzig für dich selbst«, hörte ich plötzlich Wiltons Stimme in meinem Geist, die traurig in mir nachhallte. Seltsamerweise überkam mich das Gefühl, dass es wirklich seine Niedergeschlagenheit war, die ich spürte.

»Bist du schon da?«, erklang Jul aufgeregt in meinem Kopf und verdrängte die Emotionen von Wilton. Ich lächelte und in diesem Moment wurde mir noch etwas anderes bewusst: Ich wollte auf keinen Fall für diese Enttäuschung verantwortlich sein, für das Leid, dass ich in der Vision nicht nur gesehen, sondern vor allem auch bei Jul gespürt hatte. Er war noch so klein, so jung und verdiente Besseres.

»Gleich.« Ich seufzte erneut. Immer ruhig, ermahnte ich mich selbst stumm und wandelte mich.

Als der vertraute Schmerz ausblieb, stand ich gänzlich erstarrt und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Die Wandlung ging so natürlich vonstatten, die Gefühle so berauschend in ihrer Vollkommenheit und doch so angsteinflößend, dass ich nicht in der Lage war, mich zu bewegen. Was würde ich nun tun, wenn ich nicht mehr wusste, wie ich meine Empfindungen in den Griff bekommen sollte? Mit einem Mal überkam mich unsagbare Furcht, Panik durchflutete mich.

Der Schmerz war ein ständiger Begleiter in meinem Leben. Was konnte ich stattdessen tun? Ich hatte mir selbst geschworen, nie wieder ein Messer zu benutzen, nun jedoch schien die beste Alternative einfach verschwunden und mein Innerstes begann, nervös zu flattern. Schlagartig spürte ich die Angst vor den Begegnungen, vor dem, was geschehen könnte, doppelt so stark.

»Fürchte dich nicht«, vernahm ich plötzlich Juls Stimme. Er trat auf mich zu, fasste behutsam meine Hand und ließ sie nicht mehr los. »Ich habe sie alle weggeschickt«, flüsterte er und konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten.

Zögernd kniete ich mich hin und schloss ihn in die Arme, hielt ihn fest. Schließlich erhob ich mich mit ihm. Langsam, beinahe widerwillig schritt ich auf die Hütte zu. »Alles wird gut, Jul. Irgendwie bekommen wir das hin.« Ich spürte sein Nicken, doch er war noch nicht bereit, mich wieder anzusehen. Sanft streichelte ich ihm über den Rücken. An der Türschwelle verharrte ich einen Moment und holte tief Luft, bevor ich sie öffnete und eintrat. Ich wusste sofort, dass Kiljan sich im Haus befand, und war dankbar, dass ich mich an Jul klammern konnte.

»Du sagtest, du hättest alle weggeschickt«, flüsterte ich leise, ohne dass es mir gelang, den Vorwurf aus meiner Stimme zu verbannen.

Ruckartig hob er den Kopf und musterte mich. »Das ist doch nur Kiljan«, antwortete er ebenso leise, als wäre das die logischste Erklärung und ich nur zu dumm, das zu verstehen.

Zögernd kam Kiljan die Treppe hinunter. Als er die letzte Stufe erreicht hatte, blieb ich stehen. Mir stockte der Atem bei seinem Anblick und ganz oberflächlich betrachtet, wusste ich sofort wieder, was ich so sehr an ihm mochte. Seine Ausstrahlung warf mich aus der Bahn und mein Innerstes focht augenblicklich ein Duell mit meinen Nerven.

»Du bist wirklich gekommen«, begann er plötzlich und schaffte es endlich, mich direkt anzusehen. Nur dieser eine Blick genügte, um eine erste Entscheidung zu fällen.

Jul kämpfte sich aus meiner Umarmung frei und grinste. »Ich warte draußen. Ihr habt ja noch ein bisschen Zeit, also, ein bisschen mehr. Ist ja noch ganz hell.«

Ich spürte, dass er immer wieder zwischen Kiljan und mir hin und her sah, während er langsam zu der Tür trat. Ich war nicht in der Lage, meinen Blick von Kiljan abzuwenden und ihm schien es ähnlich zu ergehen.

Als Jul die Tür hinter sich schloss, machte Kiljan einen zögernden Schritt auf mich zu, stockte dann jedoch unsicher. »Es tut mir so unendlich leid, Talil«, brachte er flüsternd hervor. Ich hörte das Zittern in seiner Stimme.

»Ich weiß«, flüsterte ich ebenso leise zurück. »Lass es für heute gut sein. Wir reden ein anderes Mal darüber.«

»Wird es ein anderes Mal geben?« Ich sah, wie er nach seiner Frage aufhörte zu atmen, als könne er die Spannung kaum ertragen. Ich nickte, nicht in der Lage, die Worte laut auszusprechen, zu quälend war sein Anblick, zu schmerzhaft.

Geräuschvoll stieß er den Atem aus. »Du sagst das auch nicht nur einfach so?« Aufmerksam musterte er mich.

»Nein.« Er überbrückte die letzten zwei Schritte und zog mich an sich, seitlich, nicht frontal.

Als sich seine starken Arme fest um mich schlossen und er dann noch sein Kinn auf meinen Scheitel legte, war es um meine Selbstbeherrschung geschehen. Ich weinte, um Cadan, um mich, um mein Leben, um Kiljan und Rian. Schweigend hielt er mich fest. Als ich kraftlos in die Knie zu sinken drohte, hob er mich hoch und setzte sich mit mir auf das Sitzpolster. Mein Kopf ruhte auf seiner Brust und sein rasender Herzschlag, der sich einfach nicht beruhigte, brachte schließlich irgendwann mein Lächeln zurück.

Ich hob meinen Kopf und legte meine Hand auf sein Herz. »Hast du dich jetzt meinetwegen oder deinetwegen hingesetzt?«, fragte ich herausfordernd und hob den Blick von meiner Hand in sein Gesicht. In dem Moment, in dem sich unsere Blicke trafen, hätte alles geschehen können, doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Mael stürzte herein.

»Kiljan, wir können die Fackeln nicht fin...den ...«

Wir sahen ihn beide an, ich noch immer seitlich auf seinem Schoß. Mael erstarrte, kaum dass er zwei Schritte eingetreten war. Sichtbar aufgebracht fuhr er sich durch die Haare, erkannte sehr wohl, wobei er gerade störte, und wiederholte die Geste. Ein vollkommen geknickter Ausdruck legte sich auf seine Züge.

»Bei allen Geistern, bin ich dämlich«, stieß er hervor, trat unschlüssig von einem Bein auf das andere.

Ich lachte. »Ich freue mich auch unheimlich, dich zu sehen, Mael«, entgegnete ich belustigt und erhob mich. Unsicher ging ich auf ihn zu und er zuckte entschuldigend mit den Schultern. Ich sah Kiljans Blick nicht, aufgrund Maels Miene vermutete ich aber, dass er nicht besonders freundlich ausfiel. Vorsichtig schloss er mich in seine Arme, achtete jedoch ebenfalls darauf, nicht vollkommen frontal zu stehen. Innerlich seufzte ich. Sie gaben sich immer so viel Mühe, waren stets darauf bedacht, Rücksicht zu nehmen, was ich wirklich dankbar annahm, dennoch wog der Brocken auf meinem Herzen plötzlich doppelt so schwer.

Er drückte mich an sich und ließ mich nur zögernd wieder los. »Du siehst viel besser aus, als beim letzten Mal«, sagte er grinsend und drückte kurz meine Schulter.

Ich grinste zurück. »Kaum jemand hat so elend ausgesehen wie du. Allerdings muss ich gestehen, dass du ebenfalls gut aussiehst.«

Sichtbar verlegen senkte er seinen Blick, doch bevor er auf meine Worte eingehen konnte, räusperte sich Kiljan.

»Ach, ja, genau«, stieß Mael hervor. »Ich wollte ja die Fackeln finden. Kiljan, du weißt nicht zufällig ...?!« Er warf einen kurzen Blick zu seinem Freund, wandte sich dann jedoch abrupt wieder um. »Nein, anscheinend nicht. Ich suche mal weiter. Bis später, Talil, es ist schön, dass du wieder Zuhause bist. Er war wirklich unausstehlich«, rief er, sah noch einmal zurück und verließ dann hastig das Haus.

Lachend drehte ich mich um und erstarrte. Kiljan stand so nah bei mir, dass mir der Atem stockte und mein Innerstes sich verkrampfte. Er sah mich an, sein Kopf neigte sich. Zögernd gelangten seine Lippen in mein Blickfeld und ich spürte, dass er mir genügend Zeit zu geben versuchte, um ihm auszuweichen. Doch das Problem war, dass ich gar nicht sicher wusste, was ich selbst eigentlich wirklich wollte. Mein Körper jedoch schon, und zwar sehr genau.

Ich griff in sein Haar und zog ihn zu mir herunter. Als unsere Lippen sich endlich trafen, überrollte mich augenblicklich eine Welle der Leidenschaft. Schockiert wurde mir bewusst, dass es sich dabei einzig und allein um meine eigenen Gefühle handelte. Ich wollte ihn. Unbedingt. Jetzt.

Kiljan ergriff schweratmend meine Handgelenke und löste sich. Sein Blick sprach Bände und doch sah ich sie ganz deutlich, seine abgrundtiefe Angst. »Wir sollten nichts überstürzen, Talil. Ich will dich, wirklich, mehr als alles andere auf dieser Welt, doch ich kann nicht, solange ich nicht sicher weiß, dass du vorhast hierzubleiben. Diese Unsicherheit bringt mich um den Verstand.«

Ich wollte so gerne einfach meinem Impuls nachgeben und mir nehmen, was ich gerade am dringendsten brauchte. Stattdessen trat ich einen Schritt zurück und seufzte. Mir war klar, dass er recht hatte und mein Verhalten unfair wäre, mehr als das. Verwirrt und frustriert fuhr ich mir übers Gesicht und durch die Haare.

»Ach, verdammt!«, stieß er hervor, hob mich plötzlich hoch und trug mich die Stufen hinauf, direkt zu dem Bett. Die ganze Zeit über küsste er mich wild, leidenschaftlich, und ich vergaß ebenfalls all meine guten Vorsätze. Erneut griff ich in sein Haar und zog ihn näher heran.

Inzwischen hatte er mich auf das Bett gelegt und kniete neben mir, versuchte vergeblich, die Knöpfe von meinem Hemd zu öffnen, und fluchte. Ich grinste, bis er mit einem unvermittelten Ruck das Hemd aufriss. Ungestüm schob er die Kleidung beiseite und sog an meinem Nippel, während er mit der Hand die andere Seite streichelte. Überrascht schnappte ich nach Luft, schockiert über seine Heftigkeit und versuchte krampfhaft, die Bilder zu unterdrücken, die sich, ausgelöst durch den Schreck, an die Oberfläche drängten.

Kiljan merkte wohl, dass ich mich verkrampfte, und richtete sich auf. »Warte!«, wisperte ich erstickt, schloss zitternd die Augen und kämpfte noch verbissener gegen die mächtige Bilderflut an. Ich atmete schwer, nun jedoch nicht mehr aufgrund meiner Erregung. Ich spürte sehr genau, wie ich allmählich den Kampf verlor …

»Was soll ich tun?«, flüsterte ich verzweifelt und griff mir mit beiden Händen an den Kopf, weil diese verdammten Bilder einfach nicht wieder weichen wollten.

»Rede mit mir«, bat Kiljan plötzlich leise. »Wehr dich nicht dagegen, sondern erzähle es mir.«

Panisch sah ich ihn an. War er jetzt übergeschnappt? Aufgebracht erhob ich mich, zog meine Kleidung zurecht und atmete tief durch. »Kiljan, du begreifst das nicht. Ich kann mit niemandem über diese Dinge sprechen. Und mit dir schon gar nicht.«

Sein Blick wirkte gekränkt und er musste gar nichts sagen, denn ich sah seine innere Wunde, die meine Worte verursacht hatten. Genervt runzelte ich die Stirn.

»Du verstehst das vollkommen falsch. Gerade mit dir will ich darüber nicht reden. Ich könnte dir nie wieder in die Augen sehen. Nein, das stimmt nicht, verdammt.« Rastlos lief ich auf und ab, wandte mich ihm dann erneut zu. »Du könntest mir nie wieder in die Augen sehen. Dieses Wissen würde dich vergiften. Es würde alles zerstören, was gut ist, zwischen uns.«

Hilflos schaute er mich an. »Nevan meinte, du müsstest erkennen, dass nur das dir helfen kann. Sonst wirst du niemals darüber hinwegkommen.«

Gequält betrachtete ich ihn. Deswegen wollte ich nicht wieder hierher. Wollte all diesen Kummer nicht verursachen. »Ich muss zu Rian«, stieß ich hervor und streifte mir hastig ein Hemd über, bevor ich auf die Treppe zutrat.

»Rian?«, wiederholte Kiljan, hörbar verwirrt.

Zögernd blieb ich stehen. »Ja, ich muss mit ihm sprechen. Wo finde ich ihn?« Sein Ton hatte mich aufhorchen lassen. Eine eisige Gänsehaut lief meinen Rücken hinab, schon während ich mich ganz langsam wieder zu ihm umwandte. Anhand seines Tons, seiner Stimmlage, kannte ich die Antwort auf meine Frage bereits und dennoch stellte ich sie erneut.

»Wo ist Rian?« Mein Körper erbebte und Kiljans Stirnrunzeln vertiefte sich noch eine Spur.

»Er ist in den Bergen von Tari. Reed ist noch einmal unterwegs dorthin. Er begleitet ein paar Nachzügler von uns und wollte versuchen, ihn zur Rückkehr zu überreden.«

Ich wich zwei Schritte zurück. In mir arbeitete es auf Hochtouren und verdrängte die Panik, die sich breitzumachen versuchte. »Seit wann ist er fort? Können wir ihn irgendwie erreichen?«

Kiljan schüttelte irritiert den Kopf. »Er ist vor vier Mondgängen aufgebrochen. Er muss einen Umweg machen, da sie noch bei Gins Vater vorbei müssen. Palo benötigt ein paar Dinge und schafft den Weg zu uns momentan nur sehr selten.«

»Wer kennt den Weg?«, fragte ich unruhig.

»Ich kenne ihn. Talil, was ist denn los? Rede mit mir.«

Ich ließ mich auf den Stufen nieder und vergrub mein Gesicht in den Händen, dann seufzte ich. »Ich kann es dir nicht erklären, ich muss sofort zu Rian. Ich muss in Tari ankommen, noch bevor Reed wieder von dort aufbricht. Also erklärst du mir jetzt den Weg oder nicht? Ich habe keine Zeit, Kiljan. Bitte!«

Zögernd erhob er sich, doch ich sah ihm sein Unbehagen an. »Du wirst den Weg nicht finden, Talil. Du musst jemanden mitnehmen.«

Noch bevor er den Satz ausgesprochen hatte, schüttelte ich bereits den Kopf. Ich wusste, dass die Berge auf unserer Seite des Waldes lagen, und dadurch die Möglichkeiten zu reisen begrenzt waren. Mein geliebtes Motorrad funktionierte hier nicht, also gab es auch keine Autos oder derlei Dinge.

»Als Wolf bin ich schneller als alle anderen. Ich gehe allein.« Wie hätte ich ihm erklären sollen, dass ich Rians Tod gesehen hatte? Ich erhob mich und stieg die Stufen hinab, als es kurz klopfte und Ean eintrat. Zögernd blieb er auf der Schwelle stehen. Ich grinste, denn er war genau derjenige, den ich brauchte.

»Ich will keine Rechtfertigung und keine Entschuldigungen hören. Wenn du mir helfen willst, zeigst du mir jetzt den Weg nach Tari, wie du es schon einmal getan hast. Ich muss, so schnell es geht, dorthin und zwar sofort.«

Er sah von mir zu Kiljan, der noch immer oberhalb der Treppe stand und wieder zu mir zurück. Wortlos fasste er meine Stirn und zeigte mir den Weg. Bilder füllten meinen Kopf, und ich wusste, ich würde die Festung der Hüter nicht verfehlen.

»Ich kehre zurück«, rief ich noch, dann lief ich los, aus der Tür hinaus.

»Talil, wo willst du hin? Was ist mit Cadan?«, hörte ich Juls gequälte Stimme. Abrupt blieb ich stehen und wandte mich langsam zu ihm um.

»Ich muss zu Rian. Er lebt, Cadan jedoch ist längst fort. Er wird es verstehen, und ich verabschiede mich später in aller Ruhe von ihm.« Unglücklich nickte Jul. »Ich komme wieder, ich verspreche es dir.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, lief ich bereits weiter. Ich wandelte mich im Lauf, erneut irritiert, weil der unsägliche Schmerz ausblieb, der meinen Körper zwar immer qualvoll durchströmte, mich damit aber jedes Mal erlöste – und vor mir selbst beschützt hatte.


Begegnungen

Ich hetzte dahin, ohne anzuhalten, bis in die tiefe Nacht hinein. Die Dunkelheit störte mich nicht, im Gegenteil. Doch langsam aber sicher spürte ich das Nachlassen meiner Kräfte. Zwar lief ich inzwischen längst nicht mehr mit voller Geschwindigkeit, dafür war der Weg viel zu weit, dennoch trieb mich das beständige Gefühl, ich würde zu spät kommen, unablässig voran.

Ich erinnerte mich, dass die Hüter immer eine gute Woche fortblieben, wenn sie nach Tari aufbrachen. Den Rückweg bewältigten sie schneller, auf dem Hinweg mussten sie jedoch Rücksicht auf ihre Begleiter nehmen, die längst noch nicht über so viel Ausdauer verfügten. Trotzdem besaß ich keine genaue Vorstellung davon, wann Reed ankommen müsste, wie viele Tage er benötigte und das trieb mich schier in den Wahnsinn.

Ich ruhte so wenig wie möglich, doch bereits in der zweiten Nacht forderte mein Körper sein Recht, und ich schlief wesentlich länger als beabsichtigt. Beim Aufwachen ärgerte ich mich maßlos darüber, dennoch ließ es sich nun nicht mehr ändern. Hier gab es nichts und niemanden, der mich rechtzeitig hätte wecken können.

Ich aß einige Beeren, die ich im Wald fand, und verfluchte mich dafür, so unvorbereitet aufgebrochen zu sein. Das war so gar nicht meine Art, doch auch das musste ich nun so hinnehmen. Also lief ich unermüdlich weiter, bis in den späten Nachmittag hinein. Aufgrund der Bilder, die ich in meinem Kopf trug, wusste ich, dass nur noch wenige Stunden vor mir lagen, und gab meine Zurückhaltung auf. Ich brauchte meine Kräfte nicht länger über Tage einzuteilen, und so beschleunigte ich meinen Lauf.

Wäre die Befürchtung, dass ich zu spät kommen würde, nicht so groß gewesen, hätte ich diesen Weg mit Sicherheit genossen. So jedoch verkrampfte sich mein Herz immer mehr und die Angst fraß sich gierig durch mein Innerstes. Das drängende Gefühl verschlimmerte sich mit jedem Schritt, der mich näher an mein Ziel brachte.

Als ich um die letzte Biegung hetzte, stieß ich beinahe mit Reed zusammen. Ich war so darauf konzentriert, den Bildern in meinem Kopf zu folgen, dass ich die Wahrnehmung meiner Umgebung vollkommen vernachlässigt hatte. Innerlich fluchend sprang ich im letzten Moment mit einem mächtigen Satz über ihn hinweg, denn zum Ausweichen war es bereits zu spät. Dennoch wäre ich mit ihm zusammengeprallt, hätte er sich nicht im selben Augenblick auf den Boden fallen lassen.

Durch die unerwartete Begegnung geriet mein Sprung allerdings ein wenig ins Wanken, und ich landete unsanft auf meinen Pfoten. Ich ignorierte sowohl den Schmerz als auch Reed und hetzte einfach weiter. Angst umklammerte mein Herz. Wenn Reed schon wieder unterwegs war, konnte ich es dann überhaupt noch rechtzeitig schaffen?

Erst kurz vor dem Tor kam ich schlitternd zum Stehen und wandelte mich. Es war verschlossen. »Verdammt!«, fluchte ich lautstark und hämmerte gewaltsam mit der Faust dagegen, dennoch reagierte niemand. Wütend lief ich jeweils ein Stück nach links und rechts, an der Mauer entlang, entdeckte jedoch keinen anderen Eingang.

»Die Tore öffnen sich erst in einem Mond wieder«, erklang hinter mir Reeds tiefe Stimme, doch ich beachtete ihn nicht. Ich besah mir bereits die Mauer, die scheinbar eher einen symbolischen Charakter besaß. Es gab genügend Ritzen und Fugen, um hinaufzuklettern.

Eilig begann ich meinen Aufstieg und schöpfte Hoffnung, dass ich es vielleicht noch rechtzeitig schaffen könnte, als ich plötzlich von hinten gepackt wurde. Arme umschlangen meine Taille und zogen mich hinunter. Diese Berührung weckte in mir sämtliche Instinkte, die mich die letzten Jahre hatten überleben lassen. In einer einzigen geschmeidigen Bewegung ergriff ich mein Messer, zog es aus meiner verdeckten Tasche am Hosenbein, während ich mich in seinem Griff seitlich drehte, und hielt es ihm an die Kehle. In seinem Blick spiegelten sich Erstaunen und Überraschung gleichermaßen und augenblicklich ließ er mich los.

»Verzieh dich!«, zischte ich und schritt rückwärts auf die Mauer zu. Ich wusste, dass ich niemals schnell genug nach oben gelangen würde, also außerhalb seiner Reichweite, sollte er es darauf anlegen, mich festzusetzen, und fluchte innerlich.

Beschwichtigend hob er die Hände. »Du musst Talil sein. Ich will dir nichts tun, doch du wirst warten müssen, bis sie die Tore wieder öffnen. Vorher lassen sie niemanden ein.« Herausfordernd sah er mich an.

»Das habe ich mir bereits gedacht, oder was glaubst du, weshalb ich klettern wollte. Ich muss sofort hinein. Ich muss zu Rian«, stieß ich hervor und steckte zögernd mein Messer weg. Ruckartig wandte ich mich um und kletterte in Windeseile so hoch wie möglich, ohne Gefahr zu laufen, abzustürzen. Hier machten sich das Training und meine Leidenschaft fürs Klettern endlich einmal bezahlt.

»Was glaubst du, was du da tust?«, rief er hinter mir her, eher belustigt als besorgt. Ich reagierte nicht, konzentrierte mich vollkommen auf den Aufstieg, denn je höher ich kam, je schwieriger wurde es.

Ich schätzte die Mauer auf etwa sechs Meter und hatte zwei Drittel bereits erklommen, als ich seitlich, etwas unterhalb meiner eigenen Position, eine Bewegung wahrnahm, und einen Blick nach unten warf.

»Und was glaubst du hier zu tun?«, rief ich genervt, weil Reed mir grinsend folgte. Doch diesmal antwortete er nicht, und so stieg ich weiter hinauf, während ich überlegte, wie der Hüter hieß, der dazugekommen war.

»Wann hast du Bohl das letzte Mal gesehen?«, rief ich in seine Richtung, als mir der Name endlich wieder einfiel, suchte unterdessen immer hektischer mit meiner Hand die nächste Spalte.

»Bohl?«, fragte er irritiert.

»Ja, verdammt, Bohl. Wann?«, entgegnete ich genervt und zog mich ein Stück höher, nachdem ich sicheren Halt gefunden hatte. Zwei Griffe noch, und ich könnte mich an der Kante hochziehen.

»Vor wenigen Minuten. Was ist hier los, Talil?«

Ich hatte die Kante erreicht und registrierte erstaunt, dass Reed fast aufgeschlossen hatte. »Ich muss zu Rian.« Ich zog mich hoch und wusste, dass der Abstieg viel zu lange dauern würde, wandelte mich und sprang.

»Talil, nicht!«, schrie Reed hinter mir her, doch es war bereits zu spät.

Wie erwartet schlug ich hart auf dem Boden auf, meine Beine federten die Gewalt des Aufpralls nicht genügend ab, irgendetwas brach und mir presste es die Luft aus den Lungen. Ich jaulte auf, unfähig, etwas dagegen zu tun, und einige Dunkelelben, die noch immer in dem Hof standen und durch den lauten Ruf von Reed bereits auf uns aufmerksam geworden waren, liefen eilig herbei.

Zitternd erhob ich mich, während sie auf mich zutraten, die Arme ausgebreitet, als wollten sie mich einfangen. Ich konnte einen Hinterlauf nicht mehr belasten und humpelte zögernd in die Mitte des Kreises, der sich gebildet hatte.

»Nicht! Lasst sie durch«, erklang plötzlich Reeds Stimme von oben. Er war noch immer mit dem Abstieg beschäftigt. »Bohl, lass sie, aber lauf hinterher. Sie muss zu Rian, vertrau mir.«

Ich wartete nicht ab, ob sie auf ihn hören würden, nutzte ihre Ablenkung, denn genau das war meine Chance. Ich lief zwischen ihnen hindurch, ignorierte die Schmerzen, die jede Bewegung an meinem Hinterbein verursachte und hetzte in das Nebengebäude hinein, bis zu der Hintertür. Ich wusste, dass sich inzwischen mehrere Verfolger hinter mir befanden. Unsicher, ob sie mich nicht doch noch immer einfangen wollten, oder einfach nur Reeds Anweisungen befolgten, holte ich so viel Vorsprung wie möglich raus. Ich konnte es nicht darauf ankommen lassen, die Zeit lief mir davon, und als ich die Tür verschlossen vorfand, wandelte ich mich mitten im Lauf. Mein Schrei, als ich plötzlich mit meinem gebrochenen Bein auftrat, klang selbst in meinen Ohren furchtbar, doch ich erreichte die Klinke und drückte sie hinunter. Noch während die Tür aufschwang, wandelte ich mich zurück und kämpfte verbissen gegen die Schmerzen und die nahende Ohnmacht an. Ich registrierte die überraschten Laute nur am Rande, als sie Zeuge meiner Wandlung wurden, während sie in das Gebäude stürmten. Ich ignorierte sie, hetzte unbeirrt weiter, so schnell es mir auf drei Beinen möglich war, zu dem alten Übungsplatz, von dem nun das Krachen der aufeinanderprallenden Schwerter immer deutlicher zu hören war.

Rian lebte, doch der Kampf war bereits in vollem Gang. Ich erkannte die Szene wieder und stürzte panisch auf die beiden zu. Gleich würde Rian seine Deckung öffnen.

Was soll ich tun?

Ich wollte sie nicht ablenken, sodass durch mein Eingreifen dennoch etwas Schlimmes geschah. Noch im Lauf wandelte ich mich, was mir mein Körper spürbar übelnahm und schrie: »Nicht.« Mit letzter Kraft sprang ich, anders als in meiner Vision nicht vor Rian, also zwischen sie, sondern seitlich, direkt auf ihn zu.

Von meinem Schrei abgelenkt, ließ Jesse, sein Schwert augenblicklich sinken. Hart prallte ich gegen Rian, mein Schwung holte uns von den Füßen und der Schmerz in meinem Bein, während wir gemeinsam stürzten, raubte mir unmittelbar die Sinne. Ich glaube, ich schrie noch auf, doch sicher bin ich mir nicht.


»Was ist hier los?«, donnerte Bohl, Rian jedoch hatte nur noch Augen für Talil. Sie lag auf ihm und er wagte nicht, sich zu bewegen. Sie musste sich verletzt haben, so unglaublich qualvoll klang ihr Schrei. Auch wenn sie ihr Bewusstsein verloren hatte, wollte er ihr dennoch keinen weiteren solchen Schmerz zufügen. Sanft strich er über ihr Gesicht, konnte kaum glauben, dass sie hier war, als hätte sie geahnt, was er zu tun beabsichtigte.

Bohl trat auf sie zu und hob sie vorsichtig auf seinen Arm. Auch ihm war ihr Schrei nicht entgangen, ebenso wenig ihre Beinverletzung, die sie sich zuzog, als sie von der Mauer gesprungen war. Er blickte gerade zufällig in ihre Richtung, als sie einfach sprang, als wäre diese Höhe rein gar nichts. Vielleicht ist eine Wölfin widerstandsfähiger in der Landung als der Körperbau eines Dunkelelben, aber das war selbst für einen Wolf viel zu hoch. Dass sie danach überhaupt noch stehen konnte, war schon beachtlich, was dann jedoch folgte, schien unglaublich.

Bisher hatte Reed nichts weiter erklärt, dafür blieb bisher keine Zeit, doch inzwischen war Bohl mehr als gespannt, was das alles zu bedeuten hatte. Als er sie nun auf seine Arme hob, wandelte sie sich plötzlich in eine Wölfin und vor Schreck ließ er sie beinahe fallen, hielt sie gerade noch.

»Kannst du aufstehen?«, fragte er Rian schroff und dieser nickte. »Dann komm, du wirst uns begleiten. Juhani. Mikael. Ihr nehmt Jesse in Gewahrsam. Niemand redet mit ihm, bevor ich nicht selbst mit ihm gesprochen habe.« Mit diesen Worten wandte er sich ab, bedeutete Rian und Reed ihm zu folgen und marschierte über den Platz.

»Bring Ilmari zu mir«, bellte er einem Anwärter den Befehl zu und dieser verschwand eilig.

An einer etwas abseits gelegenen Hütte trat er beiseite, damit Reed ihm öffnete, und ging dann mit Talil auf dem Arm hinein. Rian und Reed folgten ihm und schlossen die Tür.

Verstohlen sah Rian sich um. Bohl galt zwar als gerecht, doch er war stets unfreundlich, schroff in seiner Art, und noch nie durfte er sein Haus betreten. Reed hingegen schien sich bestens auszukennen, setzte eine Kanne Wasser auf und machte es sich dann auf einem Sessel bequem.

Unschlüssig hielt Bohl die Wölfin auf dem Arm und sah von einer Zimmertür zu dem Platz nah am Feuer.

»Leg sie auf den Boden vor den Kamin. Sie mag keine Betten«, erklärte Rian leise.

»Reed, nimm die Decke dort und breite sie hier aus«, wies Bohl ihn an, ließ Rian jedoch nicht aus den Augen. Vorsichtig legte er sie nieder, erhob sich und alle drei betrachteten sie. Rian kniete sich hin und streichelte ihr Fell.

»Sie ist vollkommen schmutzig.« Irritiert runzelte er die Stirn. Er wusste wenig von ihr, dennoch war er sich sicher, dass sie unter normalen Umständen niemals so ... Ja, wie sah sie denn aus? Mitgenommen., schoss es ihm durch den Kopf.

»Also, Rian, was genau ist hier los?«, fragte Bohl unvermittelt.

Rian warf ihm nur einen kurzen Blick zu. Noch immer streichelte er ihr Fell, als würde sie verschwinden, wenn er damit aufhörte. »Ich weiß es nicht. Sie war auf einmal da«, entgegnete er leise und schämte sich plötzlich für sein Vorhaben, für sich selbst. Niemals könnte er das jemandem anvertrauen, außer vielleicht Talil.

Reed und Bohl schnaubten beide, glaubten ihm kein Wort. Da es jedoch in diesem Moment an der Tür klopfte, entging er vorerst ihrem Verhör.

»Komm herein, Ilmari«, rief Bohl und hockte sich zu der Wölfin. Er hatte sie während ihrer Wandlung gesehen, doch noch immer wollte er es kaum glauben, war vollkommen fasziniert. Viel neugieriger aber machten ihn die Gründe der ganzen Geschehnisse.

Ilmari trat ein und stutzte, als er einen Wolf erblickte, ging dann jedoch direkt auf ihn zu und kniete sich ebenfalls hin. »Ah, eine Wandlerin.« Überrascht zog Bohl eine Augenbraue in die Höhe. »Und dann noch eine, mit einer äußerst starken Verbindung zu ihrem Seelensplitter.« Er holte ein kleines Fläschchen aus seiner Tasche, zog den Deckel ab und hielt es ihr unter die Nase. Sie zuckte zusammen und begann, sich zu regen.

»Wir sollten ihr ein wenig Platz lassen«, äußerte Rian zögernd. Sowohl Ilmari als auch Bohl horchten bei seinem Tonfall auf, warfen ihm einen misstrauischen Blick zu.

Reed erhob sich vorsichtig, nun sichtbar wachsam, besann sich dann anscheinend jedoch und legte Bohl beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. »Rian hat recht. Sie hat viel durchgemacht und könnte sich bedroht fühlen, wenn wir so nah bei ihr sitzen, während sie erwacht. Sie wird erst einmal gar nicht wissen, wo sie ist.« Der ruhige, selbstsichere Tonfall von Reed beruhigte ihn. Er nickte.

»Ich muss sie wecken. Sie muss sich wandeln, sonst kann ich ihr Bein nicht richtig versorgen.« Erneut hielt er ihr das Riechfläschchen unter die Wolfsnase, doch mehr als ein Zucken des Kopfes erreichte er damit nicht. Kopfschüttelnd verstaute er es wieder in seiner Tasche.

»Talil, du musst dich wandeln, hörst du mich? Wir sind hier, um dir zu helfen«, flüsterte Rian eindringlich. Augenblicklich durchlief ein Beben ihren Körper, bis ihr ganzer Leib erzitterte, dann wandelte sie sich plötzlich und öffnete die Augen. Sichtbar panisch setzte sie sich auf und sah sich hektisch um. Erst als sie Rian erkannte, wich die Beklemmung spürbar von ihr. Als sie sich jedoch bequemer hinsetzen wollte, erbleichte sie.

»Nicht«, riefen sie fast zeitgleich, doch es folgte zu spät. Talil kämpfte unübersehbar gegen die nächste Ohnmacht an, hielt sich den Kopf und atmete bewusst ein und aus. Schließlich fokussierte sich ihr Blick und plötzlich lächelte sie.

»Ich bin rechtzeitig gekommen«, sagte sie leise und strahlte noch mehr. Rian schluckte sichtbar und nickte. Reed, Bohl und Ilmari hörten und sahen verwirrt zu. »Geht es dir gut?«, erkundigte sie sich hörbar besorgt.

»Ja, im Gegensatz zu dir«, fügte er gequält an, sie jedoch grinste weiterhin.

»Wichtig ist nur, dass du hier bist.« Ernst musterte sie ihn und er nickte erneut, stockend diesmal.

»Was genau geht hier eigentlich vor?«, fragte Bohl leise. Er brannte vor Neugierde und wollte nur zu gerne wissen, was das alles zu bedeuten hatte. Talil aber sah von Rian zu ihm und zuckte lediglich mit den Schultern, woraufhin Rian sich sein Lächeln nur noch mühsam verkneifen konnte.

»Du wirst warten müssen«, schaltete sich nun Ilmari ein, während er sie eingehend betrachtete. Er wandte sich seiner Tasche zu und reichte Reed einen Beutel. »Tu einen Hut davon in erhitztes Wasser. Aber achte darauf, dass es nicht zu heiß ist, und seht zu, dass ihr etwas zu essen auftreibt. Die junge Dunkelelbin sieht aus, als wäre es eine Weile her, dass sie eine anständige Mahlzeit bekommen hätte.« Talil verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. »Ich injiziere dir ein schmerzlinderndes Mittel, danach sehe ich mir dein Bein an«, sagte er ruhig.

Talils Blick fixierte ihn. »Keine Spritzen, und ich schlucke keine Heilmittel. Tu, was du tun musst, doch ich nehme weder das eine noch das andere ein.«

Ilmari betrachtete sie vorwurfsvoll. »Dann verlierst du wieder dein Bewusstsein. Ich vermute einen Bruch, der eine Fixierung benötigt, da kann ich nicht so zimperlich sein. Ich muss dein Bein anfassen und bewegen.«

»Wenn ich meine Besinnung verliere, auch gut, sollte ich Schmerzen erleiden, sei es drum. Du brauchst nicht besonders zart mit mir umzugehen, denn ich halte eine Menge aus. Doch selbst wenn ich bewusstlos werde, gibst du mir weder eine Injektion noch irgendwelches anderes Zeug! Ich verspreche dir, dass du in diesem Fall die nächste Nacht nicht überlebst.« Seine Pupillen weiteten sich überrascht. Sichtbar verärgert kniff er die Lippen aufeinander, nickte jedoch.

Bohl verfolgte das Gespräch interessiert und lachte in sich hinein. Oh, er konnte sich durchaus vorstellen, dass sie keine hohlen Phrasen sprach.

»Vorher solltest du dich waschen, so gut es geht. Mit dem Verband wirst du mindestens einen halben Mond nicht duschen können.« Nachdenklich sah Ilmari sich um.

»Gibt es hier ein Bad?«, fragte sie hörbar genervt.

»Natürlich!«, antwortete Bohl entrüstet über diese Frage.

»Säubere mein Bein, und verbinde es stramm. Dann mache ich den Rest allein«, erklärte sie und ihr Blick bohrte sich in den von Ilmari.

Er lachte höhnisch. »Na klar. Nichts leichter als das.« Als Talil nicht reagierte, sondern ihn nur weiterhin in die Augen schaute, seufzte er. »Ist sie immer so?«, fragte er in die Runde und sowohl Reed als auch Bohl sahen zu Rian. Dieser jedoch zuckte ebenso ratlos die Schultern.

»Ja, ich bin immer so. Und nun mach schon, bevor ich einschlafe.« Grinsend blickte sie zu Rian, der es sofort erwiderte.

»Wir gehen mal einen Moment vor die Tür.« Bohl zog Reed mit sich.

»Aber nicht zu lange. Du musst den Aufguss gleich rausnehmen, sonst verfehlt er seine Wirkung.«

Reed und Bohl gingen vor die Tür und setzten sich ein paar Schritte davon entfernt auf die Bank, die unter einem ausladenden Baum stand. »Ich kann dir nicht viel über sie erzählen«, begann Reed, noch bevor Bohl überhaupt eine Frage gestellt hatte und beide lächelten. Sie kannten einander zu gut und Reed wusste genau, dass Bohl inzwischen vor Neugierde schier platzte.

»Und vieles von dem, was ich weiß, werde ich dir nicht sagen.« Sein Lächeln war verschwunden. »Sie heißt Talil und ist die Tochter von Alasdair. Du erinnerst dich?« Er nickte. »Sie war lange Zeit fort, kehrte jedoch plötzlich zurück. Kurz darauf folgte der Angriff von Arel und seinen Getreuen. Sie war es, die ihn ausschaltete. Du weißt ja, dass ich nicht dabei war.« Wütend darüber schüttelte er den Kopf, sich durchaus bewusst, dass sich daran nichts mehr ändern ließ. Er hätte es nicht verhindern können, auch das wusste er. Dennoch wünschte er sich, er hätte ihnen beigestanden.

»Sie besitzt eine starke Verbindung zu ihrem Seelensplitter«, fügte er hinzu.

»Wolf«, sagte Bohl nachdenklich. »Reed, ich weiß, dass du kein Schwätzer bist, deswegen mag ich dich ja auch so. Natürlich möchte ich nicht, dass du mir Dinge anvertraust, die ich nicht wissen sollte, doch versuche bitte wenigstens, es mir zu erklären.«

Reed fuhr sich durchs Haar. »Sie hat Schlimmes erlebt, während sie fort war und du musst in ihrer Gegenwart stets bewusst handeln.« Irritiert zog Bohl die Stirn kraus. »Schleich dich niemals an sie heran, mach dich immer bemerkbar und fass sie nicht an, solange sie dich nicht dazu auffordert«, fügte er hinzu. »Und vielleicht noch viel wichtiger: Sperr sie nie in einen Raum.«

Er selbst war ihr seit ihrer Rückkehr nicht begegnet, wusste nur das, was Kiljan, Mael, aber vor allem auch Ben und Arendt ihm anvertraut hatten. Sie waren tief beeindruckt von ihr, und die Meinung seiner beiden Freunde zählte für ihn mehr, als jede andere. Doch sie erzählten ihm auch von ihrer Rache an Sgrios, dem Video und den Geschehnissen hinterher. Er konnte kaum glauben, was sie ihm alles berichtet hatten, dennoch wusste er, dass sie niemals etwas übertreiben oder beschönigen würden.

»Aber weshalb bist du mit ihr über die Mauer geklettert?«

Nachdenklich betrachtete Reed ihn. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Sie rannte mich in Wolfsgestalt fast über den Haufen. Erst dachte ich, der Wolf will mich angreifen, doch inzwischen bin ich sicher, dass sie mich überhaupt nicht wahrnahm und nicht mehr ausweichen konnte. Also sprang sie, und ich ließ mich zu Boden fallen. Zum Glück, das wäre sonst sehr schmerzhaft geworden.« Er grinste. »Sie lief einfach weiter, ich hinterher, und erst als sie sich an der Mauer wandelte, wusste ich, wer sie sein musste. Sie kletterte hoch, und ich zog sie herunter ...« Gedankenverloren fuhr er den leichten Schnitt an seinem Hals nach.

»Du hast dich wohl auch nicht an deine eigenen Ratschläge gehalten«, witzelte Bohl.

Reed grinste erneut. »Sie reagierte verdammt schnell. Ich hätte keine Chance gehabt.«

Eine solche Aussage, ausgerechnet von Reed, überraschte Bohl, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. »Sie überwältigte mehr bei dem Angriff von Arel als alle anderen und rettete dazu noch Jul und Leif, obwohl sie selbst vollkommen am Ende war. Dass sie nach der Geschichte mit Shar dennoch alles aufs Spiel setzte, um Rian ... Ich weiß nicht ... An der Mauer überkam mich das Gefühl, es würde um Leben und Tod gehen ... Weshalb auch immer sie glaubte, zu ihm gelangen zu müssen, sie tat es, einzig und allein für Rian, trotz all dem, was geschehen ist. Das werde ich ihr immer hoch anrechnen, ebenso wie Hollies Rettung. Ob sie nun wirklich einen Grund für ihre Handlung besaß oder nicht, spielt für mich kaum eine Rolle, denn ich sah ihren Gesichtsausdruck, als sie das Tor verschlossen vorfand.«

Ilmar trat aus der Tür und ging auf die beiden zu. »Sie steht allen Ernstes unter der Brause. Ist das zu fassen. Ich durfte sie ins Bad begleiten, doch dann warf sie mich einfach raus. Normalerweise hätte sie nicht einmal aufstehen können, ohne wie am Spieß zu schreien.« Er schüttelte den Kopf, nicht sicher, ob er sie bewundern oder bemitleiden sollte.

»Und weder beim Säubern noch während des Verbindens kam ein Laut der Klage über sie. Nur als ich ihre Hose bis zu ihrem Knie aufschnitt, dachte ich, sie geht mir gleich an die Kehle. Das reicht, hat sie mich angezischt, und ich wagte es nicht, sie auch nur noch ein winziges Stück weiter nach oben zu schieben. Ich habe Rian losgeschickt, ein paar Kleidungsstücke zu suchen. Lasst uns reingehen.« Er wandte sich der Tür zu. Reed erhob sich, um ihm zu folgen.

»Was ist mit ihrem Bein?«, fragte Bohl, während er ebenfalls aufstand.

»Der Knochen ist glatt durch. Doch sie hat mich bereits davon in Kenntnis gesetzt, dass ein einfacher Verband vollkommen ausreicht.« Kopfschüttelnd verschwand Ilmari im Haus und die beiden folgten ihm. Nur einen Moment später kam Rian angelaufen, im Arm ein Bündel Kleidung. Entschuldigend zog er die Schultern hoch. »Diese hier müssten einigermaßen passen.« Er ging in das Haus hinein und klopfte an die Badezimmertür. »Talil? Ich habe hier ein paar Sachen. Ich reiche sie dir rein, in Ordnung?«

Sie öffnete einen winzigen Spalt, nahm ihm die Sachen ab und Rian wandte sich wieder um. Unschlüssig stand er dort, sein Blick huschte unruhig hin und her.

»Während wir warten, könntest du uns erzählen, was das alles zu bedeuten hat. Weshalb warst du mit Jesse auf dem alten Übungsplatz und warum, bei allen Geistern, hattet ihr die Schwerter dabei?«, fragte Bohl herausfordernd. Rian wand sich sichtlich, holte mehrere Male hintereinander tief Luft und setzte zum Sprechen an, schwieg jedoch schließlich. Es erschien offensichtlich, dass er nach Worten rang, doch kein einziger Ton verließ seine Lippen.

»Sie hatten etwas miteinander zu klären und das haben sie, ein für alle Mal. Und Rian wird sich nicht noch einmal über die Regeln hier hinwegsetzen«, erklang die gepresste Stimme von Talil. Sie wandten sich zu ihr um und erstarrten. Verärgert presste sie die Lippen aufeinander, sich der Blicke sehr bewusst.

Bohl schluckte. Trotz der locker sitzenden Kleidung war sie wunderschön, strahlte eine ungeheure Eleganz aus. Ihre leicht gewellten Haare reichten ihr bis zur Taille und schimmerten ein wenig feucht. Ihr Gesicht leicht gerötet, auch wenn man die Blässe noch deutlich erkannte.

Sie trug eine eher weite, graue Hose, die lässig auf ihren Hüften saß, das rechte Hosenbein schlampig bis zum Verband hochgekrempelt. Dazu ein Hemd, das zwar ebenfalls zu weit saß, aber aufgrund der vielen Wäschen nicht zu lang wirkte.

»Wo willst du die Bandage anlegen?«, fragte sie angespannt und löste so die starrenden Blicke. Reed erhob sich eilig, um sich um den Aufguss zu kümmern. Rian ging auf sie zu und reichte ihr seine Hand.

»Am besten auf dem Sitzpolster. Der Tisch ist zu hoch und der Boden zu niedrig.« Bohl griff nach der Decke, schüttelte sie aus und legte sie über das Polster.

»Ich brauche noch einen Moment, um die Lagen vorzubereiten. Trink in der Zwischenzeit schon einmal den Kräuteraufguss und iss etwas«, forderte Ilmari.

»Was ist das für ein Aufguss?«, fragte sie hörbar misstrauisch, und er wandte sich ihr zu.

»Ausschließlich Kräuter zur Stärkung, keinerlei Rauschmittel.« Herausfordernd sah er sie an, doch als er ihrem Blick begegnete, spürte er ihre ernsthafte Sorge und fuhr freundlicher fort: »Talil, glaube mir. Ich hänge an meiner Lebensbahn. Da ist nichts drin, was du nicht möchtest.«

Sie nickte und entspannte sich ein wenig. Schwer auf Rian gestützt humpelte sie voran und mit jedem Schritt wurde sie sichtbar blasser. An dem Sitzpolster angekommen hielt sie zögernd inne. Bohl trat hinter die Lehne und reichte ihr seinen Arm. Mit undeutbarer Miene sah sie von seiner Hand zu seinem Gesicht, atmete einmal tief durch und griff dann beherzt zu. Überrascht von ihrer Stärke, stützte er sie, während sie sich langsam niederließ. Behutsam drehte sie ihren Oberkörper und verlagerte ihr Gewicht auf ihr gesundes Bein und auf die Hände, die sie hielten. Sie schob sich an die Rückenlehne heran, bis sie aufrecht saß, und ließ augenblicklich los.

Bohl entging der Schweißfilm nicht, der sich auf ihrer Stirn und Oberlippe gebildet hatte. Dennoch war die ganze Zeit nichts von ihren Schmerzen in ihren Zügen zu erkennen gewesen.

»Danke«, stieß sie gepresst hervor und musterte ihn durchdringend.

»Weshalb bist du hergekommen?«, fragte er und fluchte stumm über sich selbst. Er hatte eigentlich einen besseren Moment abwarten wollen, doch nun war ihm die Frage herausgerutscht und er wartete gespannt auf ihre Antwort.

Plötzlich lächelte sie und Bohl warf einen verstohlenen Blick zu Rian, der sichtbar besorgt wirkte. »Ich wollte zu Rian und hatte keine Lust, weitere vier Wochen zu warten.« Scheinbar unbekümmert zuckte sie mit den Schultern, Rian entspannte sich sichtlich und Bohl wusste sofort, dass sie log. Nur weshalb, das konnte er sich nicht erklären. Auch ihre Wortwahl irritierte ihn zusehends.

»Einen Mond meinst du?«

Sie nickte und hob gleichzeitig die Schultern an. Rian reichte ihr ein Brot, das sie ohne zu zögern ergriff und schweigend aß.

»Du solltest dafür sorgen, dass sie nachher noch etwas Warmes zu Essen bekommt«, wies ihn Ilmari zurecht und er nickte nur, überlegte, wie er weiter vorgehen sollte, um die Wahrheit aus den beiden herauszubekommen.

»Ich bleibe nicht«, sagte sie plötzlich und sah mit gerunzelter Stirn auf. Ilmari lachte, doch Reed und Bohl tauschten einen wissenden Blick.

»Talil«, versuchte es nun Reed vorsichtig. »Es war kein Scherz, die Tore öffnen sich erst wieder, wenn der Mond voll am Himmel steht. Solange sitzen wir hier sozusagen fest.«

Sie lachte, und es klang ehrlich belustigt. »Wir sind auch hineingekommen, oder etwa nicht?!«

Reed lachte nun ebenfalls. »Ja, und nun sieh dich an. Auf diesem Weg kommst du jedenfalls vorerst nicht wieder hinaus.«

»Ja, danke, sehr witzig. Man wird es wohl öffnen können«, rief sie angespannt und blickte von einem zum anderen.

»Nein«, antwortete Bohl und betrachtete sie, doch bevor sie etwas erwidern konnte, schritt Ilmari ein.

»Das ist wohl vorerst bedeutungslos. Jetzt kümmere ich mich erst einmal um dein Bein und danach sehen wir weiter.« Sie nickte, dennoch war ihr Unbehagen deutlich sichtbar.

Rian reichte ihr den Aufguss, den sie in einem Zug leerte und sich dann schließlich langsam zurücklehnte. »Fang an«, stieß sie emotionslos hervor.

»Ich muss dein Bein an.«, begann er zögernd, als sie es selbst ein Stück in die Höhe hob, ohne auch nur einen einzigen Muskel in ihrem Gesicht zu verziehen. Ilmari starrte sie fassungslos an.

»Wenn du nicht willst, dass ich auch noch einen Krampf bekomme, solltest du anfangen.«

Das brachte ihn wieder zurück, und er entfernte augenblicklich den nassen Verband. Zügig, dennoch sehr gewissenhaft, wickelte er anschließend die einzelnen Lagen um den Unterschenkel, ohne dass sie eine einzige Regung erkennen ließ.

Nach einer Weile jedoch begann ihr Bein zu zittern, und als Bohl schon dachte, sie würde eher sterben, als eine Schwäche zuzugeben, öffnete sie ihre Augen. »Könnten wir eine kurze Pause machen?«, fragte sie, als wären sie gerade mit irgendwelchen langweiligen Aufgaben beschäftigt.

»Natürlich.« Ilmari nickte, erhob sich und verschwand in der Küche.

»Ich hätte gern noch etwas zu trinken«, sagte sie leise, ein wenig belegt und sah zu Bohl. »Bitte«, fügte sie tonlos hinzu.

»Was möchtest du? Wasser?«

Sie lächelte erneut. »Ich bevorzuge einen Malt, nehme dazu jedoch auch ein Wasser.«

Bohl und Reed grinsten nun ebenfalls. »Rian?«

Überrascht von der Frage zog er eine Braue in die Höhe. »Für mich lieber nicht, danke«, antwortete er und sein Gesicht rötete sich vor Scham.

Talil aber betrachtete ihn ernst. »Du solltest stolz darauf sein, dass du Derartiges nicht trinkst, statt dich dafür zu schämen«, grollte sie leise. Verwundert warfen sie ihr einen verstohlenen Blick zu. Reed drückte ihr einen Becher Wasser in die Hand, den sie in einem Zug leerte. Froh, etwas zu tun zu haben, füllt er ihn neu. Sie schüttelte den Kopf und Bohl reichte ihr den Malt, von dem sie nun ebenfalls einen kräftigen Schluck nahm. Diesmal behielt sie den Becher in ihren Händen, während sie sich wieder zurücklehnte.

»Wir können weitermachen, Doc«, rief sie und schloss die Augen, atmete bewusst ein und aus. Als Ilmari sich auf den Hocker neben sie setzte, hob sie erneut ihr Bein an. Einzig ihre Hände, die den Becher nun ein wenig fester umschlossen, ließen irgendetwas von ihrer Anspannung erkennen. Und natürlich der Schweißfilm, der nicht mehr zu weichen schien.

Reed und Bohl tauschten einen Blick. Sie dachten beide in etwa das Gleiche, nur Rian beeindruckte die Situation nicht. Aber das lag vielleicht auch nur daran, dass er nicht verstand, was sie da eigentlich vollbrachte. Bohl und Reed wussten es jedoch.

Sobald man sein Bein anhebt, spannt man es automatisch an. Selbst wenn es nur geringfügig war, so mussten das, mit einem gebrochenen Knochen, unvorstellbare Schmerzen sein.

»Also, Rian, jetzt erkläre uns doch mal, warum du mit Jesse dort warst«, versuchte Bohl es noch einmal, fordernd diesmal. Eindeutig hilfesuchend warf Rian Talil einen Blick zu, die bei der Frage ihre Augen geöffnet hatte.

»Wir haben trainiert und wollten niemanden stören«, antwortete er, woraufhin Talil lächelnd ihre Augen wieder schloss. Rian entspannte sich sichtlich und sagte nichts mehr. Als Bohl erneut in ihn dringen wollte, schüttelte Reed unbemerkt von den Beiden den Kopf und Bohl hielt inne. Er sah noch einmal zu Talil, die seinen Blick plötzlich fixierte.

»Du solltest dich mit dieser Antwort zufriedengeben, denn eine andere wirst du nicht bekommen. Weder von mir noch von Rian.« Mit einem Mal zuckte ihr Auge, und er warf Ilmari einen schnellen Blick zu, der noch immer mit den Verbandslagen beschäftigt war. Nun allerdings fasste er ihren Fuß und wickelte ihn bis zu den Zehenspitzen ein. Talil schloss die Augen, öffnete sie kurz, führte den Becher mit zitternden Händen an den Mund und trank ihn in einem Zug leer. Mit geschlossenen Augen ließ sie ihren Kopf an die Lehne sinken, während Bohl die Schweißtropfen verfolgte, die ganz langsam von ihrer Stirn die Schläfe hinabliefen.

»Pause«, krächzte sie schließlich und Ilmari nahm augenblicklich die Hände fort.

»Du darfst dich nicht bewegen«, mahnte er leise. »Sonst müssen wir von vorne beginnen.« Inzwischen klang er gequält, doch sie behielt die Augen geschlossen und antwortete nicht. Behutsam legte er feuchte Tücher über ihr Bein, damit nicht schon vorzeitig alles aushärtete.

»In welcher Kampfart bist du am besten?«, fragte Bohl plötzlich und ein kurzes Lächeln huschte über ihre Züge.

»Wir können die Schwerter nehmen oder aber den Degen. Solltest du solch eine direkte Art nicht bevorzugen, akzeptiere ich auch den Langbogen.« Überrascht holte Bohl Luft und ihr Lächeln zeigte sich deutlicher. »Ich bin weder blind noch dämlich. Man kann deine Gedanken quasi in deinem Gesicht ablesen. Du willst wissen, ob ich wirklich so gut bin, wie ich hier tue. Wenn ich dir also ebenbürtig bin, dann lässt du es auf sich beruhen«, forderte sie.

Diesmal lächelte Bohl. »Weshalb nur ebenbürtig?« Seine Stimme klang herausfordernd und sie öffnete ihre Augen, sah ihn direkt an.

»Du bist nicht umsonst der 1. Hüter und mir liegt nichts daran, dich hier vor allen bloßzustellen.«

Er lachte und betrachtete sie schmunzelnd. Sie gefiel ihm, das konnte er wohl kaum abstreiten. Sie fachte seine Neugierde an in einer Weise, wie er es lange nicht mehr verspürt hatte. Oh, es gab viele gute Anwärter hier, die auch Talent besaßen, doch ihnen fehlte ihre Zielstrebigkeit, ihr Biss. »Und wenn du mir nicht ebenbürtig sein solltest?«, fragte er begierig.

»Dann beantworte ich dir drei Fragen«, sagte sie gelassen, als gäbe es keinerlei Zweifel an dem Ausgang eines Gefechts.

»Fünf«, hielt er nun dagegen.

»Drei. Oder wir lassen es und sitzen im schlimmsten Fall die Zeit hier schweigend ab.«

Nachdenklich musterte er sie. »Gleichgültig was für Fragen?«, hakte er nach, und es war das erste Mal, dass er eine echte Regung sah: Verachtung. Dennoch nickte sie.

»Aber du wirst dich ausruhen, solange es Ilmari für angebracht hält, oder unsere Abmachung ist hinfällig.« Sichtlich verärgert kniff sie die Lippen aufeinander und schwieg. »Reed wohnt ebenfalls hier«, fügte er an, um sie zu beruhigen, und schüttelte über sich selbst den Kopf. Er empfand keine leidenschaftlichen Gefühle und hoffte, dass sie das nicht von ihm dachte. Zwar würde eine Spanne in ihrer Lebensbahn folgen, in der zwanzig volle Monde Altersunterschied eben keinen Unterschied mehr machten, doch noch war sie selbst viel zu jung. Trotzdem wollte er sie knacken, ihre harte Schale durchbrechen und freilegen, was darunter so sorgsam verborgen lag.

»Bring es zu Ende«, sagte sie hörbar genervt. Rian hockte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Schüchtern lächelte er und sie entzog sich ihm nicht.

»Es dauert nicht mehr lange. Reed, könntest du hier bitte einmal halten.« Es war eine Aufforderung, dennoch sah er Talil an, bis sie zustimmend nickte und ihr Bein erneut anhob. Diesmal stöhnte sie auf, griff den Becher fester und hielt es schließlich Bohl hin.

»Bitte«, stieß sie hervor, schloss ihre Augen und verharrte absolut reglos, nur ihr Brustkorb hob sich schneller als üblich.

Behutsam nahm er ihr den Becher aus der Hand, die sich sofort zur Faust ballte. Ihre andere jedoch, die Rian noch immer hielt, lag vollkommen entspannt in seiner. Als er sich gerade abwenden wollte, lockerte sie ihre Faust, streckte die Finger aus und legte sie dann scheinbar gelassen auf die Lehne, ihr Atem aber beschleunigte sich.

O ja, das wird ein wahrer Kampf. Er bedauerte nur ihre Verletzung, die einen echten Nachteil darstellte. Doch er würde sich etwas einfallen lassen, um das auszugleichen. Er wollte einen ehrlichen Sieg.

»Ich bin fertig«, sagte Ilmari und Talil sackte sichtbar erleichtert ein wenig in sich zusammen.

»Danke«, antwortete sie hörbar befreit. »Es tut mir leid, dass ich dich bedroht habe.« Wortlos lächelte er, nickte und begann aufzuräumen. »Wie lange muss ich hier liegen?«, fragte sie und hielt den Atem an. Ilmari wandte sich ihr wieder zu und seufzte.

»Eigentlich wäre ein voller Mondlauf angemessen. Da ich aber bereits schon jetzt ahne, dass du das nicht einhältst, sorge ich dafür, dass du wenigstens die Hälfte dieser Zeit dein Bein schonst.«

Sie nahm den Becher von Bohl entgegen und trank erneut einen großen Schluck. »Wir werden sehen«, antwortete sie ausweichend.

Ilmari grinste. »O ja, das werden wir.« Ebenfalls lächelnd hob sie ihren Becher, prostete ihm zu und nahm diesmal einen sichtbar genüsslichen Schluck.

»Reed, komm, wir besorgen für uns alle mal etwas Vernünftiges zu essen. Ilmari, bleibst du und isst mit uns?«, fragte Bohl, doch er schüttelte bereits den Kopf.

»Nein, tut mir leid, so gerne ich auch würde. Wenn ich nicht gleich heimkehre, verflucht Nell mich.«

Reed und Bohl lachten, während Ilmari scheinbar schicksalsergeben lächelte. Er stellte eine Dose mit Pulver auf den Tisch und sah Talil an. »Das ist ein Mittel gegen die Schmerzen. Nicht mehr und nicht weniger. Solltest du es nicht länger aushalten, nimm einen Hut davon in einen Aufguss, aber höchstens zwei innerhalb von einem Mondgang.« Sie zog eine Augenbraue hoch und nickte.

Gemeinsam verließen Bohl, Ilmari und Reed das Haus und schlossen die Tür hinter sich.


Wahrheit

»Warum bist du hier und vor allem, woher wusstest du es?«, brach es aus Rian heraus.

Talil betrachtete ihn. »Dass du dich umbringen lassen wolltest?«, stieß sie aufgebracht hervor.

Reed und Bohl verharrten reglos direkt vor der Tür, als sie diese Worte hörten. Sie hatten sich von Ilmari verabschiedet und einige Anwärter angewiesen, ihnen das Abendessen zu bringen. Sie sahen sich an, unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten, und lauschten dann einvernehmlich vor der Tür ...

»Wie kann man nur so feige sein?«, fragte sie laut.

»Ausgerechnet du nennst mich feige?«, schrie Rian. »Ausgerechnet du? Deinetwegen bin ich hierhergekommen, weil du genau das tun wolltest, was du mir jetzt vorwirfst.« Sein Blick funkelte wütend.

»Ich hatte auch allen Grund dazu, verdammt. Das kannst du wohl kaum miteinander vergleichen. Mich erwartet hier gar nichts mehr«, entgegnete sie.

»Und genau da irrst du dich. Ich dachte, du wärst für immer fort und ich wäre schuld. Du hingegen bist endlich frei und wolltest dennoch einfach alle zurücklassen. Kreuzt bei uns auf nach unzähligen Monden und willst es so beenden. Nennst du das etwa nicht feige? Was ist es dann, Talil, sag es mir?!«

»Du hast doch gar keine Ahnung, wovon du eigentlich redest. Als ich diesen Plan fasste, war ich schon länger als zehn Jahre dort. Denkst du, mich hielt noch irgendetwas auf dieser Welt?«

»Und danach? Was ist mit Kiljan? Was ist mit all den anderen, denen du etwas bedeutest? Du wolltest das einfach wegwerfen. Dein Verschwinden hat auch bei uns seine Spuren hinterlassen, bei uns allen. Plötzlich aber warst du wieder da und mit dir die Hoffnung, dass alles gut werden kann.«

»Gut? Willst du mir etwas über Spuren erzählen, Rian? Du? Ich glaube, niemand besitzt mehr Spuren der Vergangenheit als ich und die werde ich niemals wieder los.« Sie wurde immer lauter, wütender.

»Reed hat mir erzählt, dass du vielen nähergekommen bist, dass sie dich in ihr Herz geschlossen haben und du dich eingefügt hast. Denkst du etwa, dass dein Tod an ihnen spurlos vorübergehen würde?« Talil schnaubte und Rian baute sich wutentbrannt vor ihr auf. »Bloß, weil man diese Spuren nicht als Narben sieht, sind sie deshalb noch lange nicht weniger schlimm, nicht weniger schmerzhaft«, schrie er.

»Ich bin hier, oder nicht? Du bedeutest mir etwas, verdammt, Rian. Ich weiß nicht, was geschehen wird, wie es weitergeht. Ich hatte diesen seltsamen Traum und bin hierhergelaufen, statt von Cadan Abschied zu nehmen. Also hör auf, mich anzuschreien. Dein Verhalten war dämlich und feige, gleichgültig was du sagst. Und auch in deinem Leben gibt es eine Menge Dunkelelben, denen du viel bedeutest. Also hör endlich auf, dir für meine Entführung die Schuld zu geben, denn das ist Blödsinn. Wenn du deine Lebensbahn jetzt einfach beendest, dann waren all meine Qualen umsonst. Und solltest du jemals wieder mit dem Gedanken spielen, so etwas Schwachsinniges noch einmal zu versuchen, werde ich deine persönliche Hölle sein. Hast du das verstanden«, brüllte sie.

»Wirst du bleiben?«, fragte er gepresst und Talil seufzte hörbar.

»Mach es mir doch nicht so schwer. Ich bewältige die Tage nur mit Mühe und Not. Ständig verletze ich irgendwen mit meinem Verhalten und auch das kann ich kaum ertragen. Wenn ich es beende, dann wäre dieser ganze Alptraum wenigstens endlich vorbei, für uns alle.«

Rian hockte sich hin und ergriff erneut ihre Hand. »Verzeih mir, Talil, ich wollte dich nicht anschreien. Doch sie alle hatten recht. Ich bin nicht zum Hüter geboren, dennoch war es die einzige Idee, die mir einfiel, um dich aufzuhalten. Und es hat doch funktioniert, oder nicht? Du hast erlebt, wie viel du ihnen bedeutest, das kannst du doch nicht einfach ignorieren.«

»Das tue ich ja auch gar nicht. Aber du warst nach dem Kampf nicht dabei.« Aufgewühlt fuhr sie sich durch ihre Haare.

»Nein, ich war nicht dabei und weiß nur das, was mir erzählt wurde. Es tut ihnen allen leid und darauf kommt es doch letztendlich an, oder nicht?!«

Erneut seufzte sie laut. »Lass es gut sein für heute. Ich versprach Jul und Kiljan zurückzukehren und das werde ich tun. Alles andere wird sich zeigen. Mehr kann ich momentan nicht versprechen.«

»Danke, dass du mich aufgehalten hast«, sagte er plötzlich ernst, und sie lächelte. Als Reed und Bohl leise die Tür öffneten, sahen sie, wie Talil liebevoll ihre Hand an seine Wange legte.

»Versprich mir nur, dass du keine Dummheiten mehr machst. Und sollte Jesse dich tatsächlich nicht in Ruhe lassen, knöpfe ich ihn mir vor.«

Rian verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und nickte. »Eines jedoch muss dir klar sein. Solltest du deine Lebensbahn beenden, folge ich dir und niemand wird mich dann noch aufhalten.«

Brutal packte Talil Rians Kragen, Bohl räusperte sich hastig. »Wenn hier jemand Jesse maßregelt, dann bin ich das. Wollt ihr uns jetzt aufklären?« Herausfordernd sah er die beiden an.

»Wir sind noch nicht fertig«, zischte Talil sichtbar gegen ihre unbändige Wut kämpfend. Schließlich ließ sie ihn los, atmete ein paar Mal tief durch und lächelte. Nur weil Bohl das Gespräch eben verfolgt hatte, kaufte er es ihr nicht ab. »Willst du etwa einen Rückzieher machen?«, fragte sie provokativ.

Er lachte leise. »Wohl kaum. Der Gedanke daran wird mir die nächsten Mondgänge versüßen.« Es klopfte an der Tür. »Ja«, rief er ungehalten und fünf Anwärter traten ein, mehrere Tabletts in der Hand brachten sie das Essen. »Nein, du bleibst genau so sitzen«, wies er Talil zurecht.

»Jawohl, Vater«, salutierte sie sitzend, wütend funkelte sie ihn an. Die Anwärter stockten kurz in ihrem Tun, luden dann aber die Speisen auf dem Tisch ab.

»Das ist alles, danke. Ihr könnt gehen. Rian, hilf uns mal, wir stellen es rüber auf den anderen Tisch.«

Sie aßen in angespanntem Schweigen, Talil jedoch freute sich insgeheim und genoss es, weil das Essen wirklich unglaublich gut schmeckte.

Am liebsten wäre sie noch in dieser Nacht wieder aufgebrochen, doch erstens machte sie sich Sorgen um Rian und zweitens trieb ihr inzwischen schon die kleinste Bewegung schier die Tränen in die Augen. Sie wusste selbst, dass sie so kaum zehn Schritte weit kommen würde. Eine Mauer zu erklimmen, in ihrem Zustand, erschien vollkommen unmöglich.

Bohl erhob sich und legte Holz in den Kamin, schenkte dann erneut drei Malt ein und gab Rian einen Schlauch Wasser. »Möchtest du hier schlafen oder hinten in dem anderen Zimmer?«, fragte er Talil, während er ihr einen Becher reichte.

Stirnrunzelnd betrachtete sie ihn. »Ich bleibe hier«, antwortete sie zögernd.

Grinsend wandte sich Bohl zu Reed. »Tja, mein Freund, dann hast du ja Glück und kannst die Bettstatt im Gastzimmer nehmen.« Er trank einen Schluck und blickte zu Rian. »Und wir beide gehen jetzt zu Jesse und klären das ein für alle Mal.« Rian zuckte zusammen, erhob sich jedoch. Nur sichtbar widerstrebend folgte er Bohl, als es klopfte. Eine Dunkelelbin steckte ihren Kopf durch die Tür, ohne auf das Herein zu warten, und grinste, als sie dabei fast mit Bohl zusammenstieß.

»Hier«, sagte sie und hielt ihm einen Beutel entgegen. »Ilmari hat mir erzählt, dass du einen Gast beherbergst und sie wohl sehr kurzentschlossen angereist ist. Gib ihr das.« Und schon war sie wieder verschwunden.

»Wer war das?«, erkundigte sich Talil neugierig und betrachtete die Tasche, die Bohl ihr nun hinhielt.

»Das ist Nell, die Gefährtin von Ilmari«, antwortete er achselzuckend. Zögernd nahm sie ihm den Beutel aus der Hand und öffnete ihn.

Sie zog einen Balsam heraus und schnupperte. »Glaubt sie, dass es mir hilft, wenn ich bei unserem Duell wie eine Süßigkeit dufte?« Herausfordernd blickte sie zu Bohl, der sich kopfschüttelnd abwandte und gemeinsam mit Rian das Haus verließ. Eine unangenehme Stille kehrte ein.

»Spuck es schon aus, Reed, was musst du unbedingt loswerden, bevor du daran erstickst?« Scheinbar gelangweilt sah sie ihn an. Er aber erwiderte ihren Blick hart.

»Wollte Rian seine Lebensbahn wirklich durchtrennen lassen?«, fragte er. Doch Talil schwieg. Als er schon dachte, dass sie nichts mehr entgegnen würde, begann sie plötzlich zu sprechen.

»Er wird es nicht wieder tun.«

»Es sei denn, du durchtrennst deine Lebensbahn«, entgegnete er herausfordernd.

Sie seufzte. »Das zumindest sagte er, ja.«

»Und du glaubst ihm nicht?«, fragte er.

»O Reed. Seid ihr eigentlich alle so anstrengend? Ja, ich bin überzeugt davon, dass er jedes Wort vollkommen ernst meint. Dieser verdammte Blödmann würde das wirklich tun und hätte wahrscheinlich sogar noch das Gefühl, es wäre das einzig Richtige.«

»Ich habe ihn nie verstanden. Ich kenne Sgrios und mochte ihn nie besonders, dennoch konnte ich Rians Verhalten seinem Onkel gegenüber nie nachvollziehen, bis jetzt. Und er hat recht, Talil. Du magst seine Spuren nicht sehen können, die all das hinterlassen hat, deswegen sind sie jedoch noch lange nicht weniger schlimm.«

»Bei allen Geistern. Weshalb machen wir nicht einfach alle gemeinsam eine Gruppentherapie?«

»Warum wirst du so boshaft?« Er betrachtete sie und sah ihre Anspannung. »Es ist für dich ziemlich blöd, dass du nicht einfach fortlaufen kannst, habe ich recht? Doch ich werde diesen Umstand ausnutzen, solange es mir möglich ist, damit du endlich begreifst, dass Rian viel Wahres sagte. Denn du musst dich uns öffnen.«

Talil schnaubte und erwiderte seinen Blick durchdringend. »Wenn ihr allen Ernstes daran glaubt, dass ich jemals einem von euch erzähle, was mir widerfahren ist, dann seid ihr wesentlich dümmer, als ich bisher dachte.« Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und sah hinaus in den kleinen Garten. »Auch Kiljan will unbedingt, dass ich mich ihm anvertraue, doch das wird niemals geschehen.«

Er hörte ihre unterdrückte Wut. »Warum nicht, Talil? Es könnte dir helfen. Oder willst du dir einfach nicht helfen lassen, ist es das?«, fragte er aufgebracht.

Talil trank den letzten Schluck und schleuderte dann den Becher mit voller Wucht an die Wand. Mühsam kämpfte sie sich hoch, schwankte, fing sich jedoch und stand bebend vor Wut auf einem Bein. »Du hast überhaupt keine Ahnung, wovon du eigentlich redest. Dass sie alle das Video gesehen haben, ist schon schlimm genug.« Sichtbar beherrscht fuhr sie sich über ihr Gesicht. »Ich könnte euch niemals wieder in die Augen sehen. Ich könnte Kiljan nie wieder in die Augen sehen«, schrie sie.

»Warum stößt du uns alle von dir? Mit deinem Verhalten verletzt du die, die dir nur helfen wollen«, schrie er nun zurück, konnte die Erinnerungen an Kiljans leidenden Ausdruck nicht mehr verdrängen. Talil humpelte zum Fenster, blass wie die Wand.

»Talil, leg dich wieder hin. Ich sehe doch, dass du Schmerzen hast«, fuhr er ruhiger fort.

»Schmerz ist das Einzige, was ich kenne und das Einzige, was mir hilft, diese Welt zu ertragen. Verzeih mir, dass ich nach vierzehn verdammten Jahren der Qualen und Folter keine Rücksicht auf die Gefühle aller nehmen kann. Geh schlafen, Reed, und lass mich in Ruhe!« Sie öffnete die Tür zum Garten und schleppte sich nach draußen.

Wortlos trat Bohl ein und ging in die Küche. Er kehrte die Scherben zusammen und wischte dann einmal mit einem feuchten Lappen die Wand ab.

»Ich verstehe, dass sie mit keinem von euch sprechen will. Ich weiß nichts von ihr oder ihrer Vergangenheit, nur das, was ich nach dem Kampf hier erfahren und zwischen den Zeilen herausgehört habe. Wenn es so ist, wie ich vermute, wird sie mit niemandem reden, dem sie jeden Mondgang begegnen wird. Überleg doch mal selbst, Reed. Sie wurde also entführt, gefangen gehalten und gefoltert, vierzehn volle Monde? Was haben sie getan?«, fragte er leise, doch Reed zuckte mit den Schultern.

»Frag sie selbst«, entgegnete er resigniert, ging in sein Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Unschlüssig blickte Bohl in den Garten, nahm dann einen neuen Becher und schenkte ihr und sich ein. Er trat hinaus und setzte sich zu ihr auf die Bank. »Weißt du, weshalb ich Hüter geworden bin? Ich wurde als junger Dunkelelb in eine Auseinandersetzung verwickelt und verprügelt. Doch plötzlich waren sie zu viert, alle wesentlich größer und älter als ich. Sie richteten mich wirklich übel zu. Ich habe hart trainiert, damit mir so etwas nicht noch einmal geschieht, ich nie wieder wehrlos bin. Und ich schwor mir selbst, dass ich andere davor bewahren werde, dasselbe zu erleben. Und du könntest es ebenso.«

Sie sah ihn nicht an, starrte weiterhin in die Dunkelheit. »Und was würdest du tun, Hüter, wenn zwölf Kerle dir gegenüberstehen?« Sie klang fast schon verächtlich.

»Rennen, so schnell mich meine Füße tragen.« Sie grinste, schwieg jedoch.

»Hast du dich an ihnen gerächt?«, durchbrach sie die Stille und wirkte plötzlich vollkommen niedergeschlagen.

»Nein, ich sah sie nie wieder.«

»Wolltest du es?« Herausfordernd sah sie ihn das erste Mal an.

Er grinste. »O ja und wie. Doch ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich es wirklich getan hätte, wären sie mir einzeln begegnet.« Er zuckte mit den Schultern. »Hast du dich gerächt?«, fragt er und schaffte es nicht, seine Neugier zu verbergen. Zu seiner Überraschung lächelte sie.

»Ich mag es, wie du die Dinge sagst oder fragst.« Sie musterte ihn. »Es gibt nichts von Scham oder Unbehagen in deiner Stimme, nur pure Neugierde. Du bist vollkommen Hüter. Du fragst etwas und willst die Antwort wirklich hören.« Sie sah wieder in die Dunkelheit. »Alle anderen stellen Fragen, fürchten sich jedoch davor, dass sie die Antwort nicht verkraften könnten und haben recht damit. Ich könnte es nicht ertragen, würden sie all das wissen. Ja, ich habe mich an allen zwölf gerächt und empfand ungeheure Befriedigung dabei. Doch geändert hat es gar nichts. Das Hochgefühl hielt immer nur einen Moment an und verebbte viel zu schnell. Und ausgerechnet bei Sgrios war es anders als erhofft. Ich wollte keine Zuschauer, dort ließ es sich jedoch nicht vermeiden.« Sichtbar müde fuhr sie sich über ihr Gesicht. »Ich hätte ihn gerne tagelang irgendwo eingesperrt und mich mit ihm in aller Ruhe beschäftigt.« Sie zuckte mit den Schultern.

»Letztendlich ist es gleichgültig. Sollte er überlebt haben, wird er jeden verdammten einzelnen Tag an mich denken.« Sie grinste kurz, doch es verging viel zu schnell. »All das ändert nichts daran, was geschehen ist und wird es niemals. Ich bekam meine Rache, aber selbst das lässt mich die Dinge nicht vergessen, die sie taten.« Sie lachte bitter.

»Ich sehe sie jeden Tag, die Erinnerungen, auf ewig in meine Haut geschnitten oder gebrannt. Es ist richtig, die schlimmsten Narben vermag niemand zu sehen und dennoch sind sie da. Doch ich glaube, ich habe genug gelitten und wenn ich es nicht länger ertrage, wird mich niemand mehr aufhalten können. Ich habe verstanden, dass es Dunkelelben gibt, denen ich wichtig bin und die sich um mich sorgen. Ich weiß, dass Kiljan mich liebt und manchmal gibt mir dieses Wissen Hoffnung. Doch mindestens ebenso oft verfluche ich sie alle dafür.«

Bohl lachte leise, und sie warf ihm einen überraschten Blick zu, hob fragend eine Augenbraue. »Du magst sie alle mehr, als dir selbst lieb ist«, antwortete er auf ihre stumme Frage.

»Mag sein, dennoch bin ich ebenfalls wütend auf viele von ihnen, und gleichgültig, was sie als Entschuldigung vorbringen, habe ich jedes Recht dazu. Rian glaubt, wenn er mir damit droht, sich selbst umzubringen, sollte ich meine Lebensbahn beenden, dann kann er es verhindern ...«

»Und? Kann er?«

Sie lächelte erneut. »Momentan schon, ja.« Ihr Blick wurde augenblicklich wieder ernst. »Doch das wird nicht ewig helfen. Irgendwann wird es mir egal sein, solange sich nichts ändert.«

»Was muss sich ändern?«, hakte er nach.

Nachdenklich betrachtete sie ihn, zuckte dann mit den Schultern. »Hat Reed dir davon erzählt, was nach dem Kampf geschah?« Er nickte und sie schwieg.

»Talil, du kannst es vielleicht nicht verstehen, doch weißt du, dass du ziemlich angsteinflößend aussiehst, wenn du wütend bist?«, fragte er ernst.

Irritiert starrte sie ihn an. »Ist das nicht bei jedem so?«, entgegnete sie provokativ, Bohl aber schüttelte den Kopf.

»Ich gebe zu, ich war bei dem Kampf nicht dabei und habe hier den Streit nur am Rande mitbekommen. Doch wenn ich dich anschaue, sehe ich eine Kriegerin durch und durch vor mir. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was für ein großartiger Anblick du bist, sobald du außer dir gerätst. Dass du dann aber zusätzlich keinerlei Emotionen zeigst, macht es für alle um dich herum viel schwieriger, das Folgende irgendwie einzuschätzen, und verunsichert sie. Dazu kommt, dass ihr euch noch immer fremd seid. Es wird mit der Zeit besser werden, aber Reed hat recht. Dazu musst du dich in irgendeiner Art und Weise ihnen gegenüber öffnen. Wenn du denn willst, dass es funktioniert.«

»So, genug gebetet für heute«, sagte sie, statt zu antworten, kippte den Malt in einem Zug hinunter und reichte ihm ihren Becher.

Er nahm ihn ihr ab, ergriff jedoch ihren Arm und hielt sie fest. »Du wirst dich von mir hineinbringen lassen.« Stumm fochten sie ein Duell, doch Bohl gab nicht nach und würde es auch nicht tun, das erkannte selbst Talil. Schließlich nickte sie widerstrebend.

Schwer auf seinen Arm gestützt humpelte sie einen Schritt voran, und er spürte, wie ihr Bein unter ihr nachgab. Er hielt sie fest, ließ sie den Schmerz wegatmen und erst als sie sich von ihm lösen wollte, hob er sie hoch, um sie hineinzutragen. Zu seiner Überraschung protestierte sie nicht und ließ es stillschweigend geschehen.

Im Gehen ergriff er den Beutel und brachte sie in sein Bad. »Ich lass dich allein. Solltest du jedoch die Tür abschließen, breche ich sie einen Wimpernschlag später auf.« Sie blieb stumm und er betrachtete sie. »Brauchst du Hilfe?«, fragte er, während er sie vorsichtig hinunterließ.

Unvermittelt griff sie in sein Hemd, lehnte ihre Stirn an seinen Oberkörper, atmete erneut angestrengt. »Ich kann nicht stehen«, stieß sie gepresst hervor.

Hastig setzte er sie auf den Vorsprung und schob ihr behutsam einen Hocker unter ihr Bein. »Warum sagst du nichts?«, rief er aufgebracht.

Ihr Blick funkelte nicht weniger aufgewühlt. »Weil es ganz plötzlich geschah, während ich aufstand. Ich habe nicht damit gerechnet.« Sie schien sich eher über sich selbst zu ärgern, als über ihn.

Irritiert runzelte er die Stirn. »Um Hilfe zu bitten, bringt niemanden um. Es im richtigen Moment nicht zu tun, hingegen manchmal schon«, sagte er tonlos, wandte sich dem Beutel zu und drückte ihr ein eingeseiftes Tuch in die Hand. Wortlos ging er hinaus und Talil seufzte innerlich.

Sie begann sich zu waschen, und er kehrte mit einer Schüssel zurück. Sie grinste, spülte den Lappen aus, doch das Grinsen verschwand nicht mehr aus ihrem Gesicht.

»Könntest du mich einen Augenblick allein lassen, bitte?«, fragte sie, nachdem er ihr alles abgenommen hatte. Er nickte, verschloss die Tür hinter sich und Talil fluchte. Sie litt unglaubliche Schmerzen, jedes Mal, wenn sie ihr Bein bewegte. Doch sie brauchte einen Moment, um sich endlich wieder vollkommen frisch zu fühlen.

Nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, war sie schweißnass und musste sich abstützen. »Du kannst reinkommen«, rief sie bebend, als plötzlich Reed die Tür öffnete, sie hochhob und vorsichtig zum Sitzpolster trug. Als er sie absetzen wollte, hielt sie sich an ihm fest.

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342 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783947805891
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Bookwire
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Вторая книга в серии "Seelenschwingen"
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